Die Legende vom Winterkönig - Neufassung

  • Die letzten Teile fand ich gewohnt sehr stimmungsvoll geschrieben. Gerade die letzten beiden Teile mit Gembries und Alastair. Wie sich unser lieber Zwerg immer mehr Sorgen um den Jungen macht und die Beschreibungen des niedergewalzten Dorfes aus der doch recht nüchternen Sicht von Gembries. Ich muss sagen, die Sichtwahl finde ich hier sehr passend gewählt. Bei Alastair wäre das sicherlich deutlich "emotionaler" ausgefallen und bei der Art, wie dort vorgegangen wurde, ist das nur gut, dass wir das erstmal nicht aus seiner Sicht erfahren. Zumindest diesen ersten Eindruck. :D


    „Pass auf, dass dir die Pferde nicht auf die Füße treten, Junge!“, mahnte Gembries. „Am Besten bringst du sie in einen Stall und versorgst sie dort, ich suche dir in der Zeit ein ordentliches Bett, in das du gehörst.“

    Jo, in dem Dorf würde ich auch unbedingt schlafen wollen :rofl:
    Aber ist ja nicht so, als hätten sie eine große Wahl. Gembries hat recht. Es bringt keinem etwas, wenn sie krank und todmüde (also Alastair XD) in der Dorneburg ankommen. Zumal sie irgendwie an einem Heer vorbei müssen und das ist im Wachzustand sicherlich leichter :D
    UND sie können sich fast sicher sein, dass sie dort erstmal sicher sind: immerhin ist der Feind vor ihnen. Hauptsache, da gibt es keine Nachzügler :rofl:


    Ich bin mal gespannt, wie es nun weitergeht und wie du das alles auflösen wirst. Es gibt scheinbar einige Möglichkeiten wie sie es schaffen könnten, aber jede der Möglichkeiten schein auf eine andere Art und Weise nicht so recht greifbar. Irgendwie fühlt es sich hier ein wenig nach der obligatorischen Ruhe vor dem Sturm an. Geht es aufs Ende zu? :hmm:


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Wow, deine Geschichte motiviert mich irgendwie voll an meiner weiterzuschreiben:)


    Naja, ich finde Gembries und Alastair ein ziemlich cooles Team, vor allem, weil die Charaktere so unterschiedlich geschrieben sind. Ich frage mich echt wie es weiter geht. Werde auf jeden fall dranbleiben, bitte schnell weiterschreiben:)

  • Das Ende des letzten Teils hat mich gerade ziemlich gegruselt, ich habe einen fetten Klumpen im Magen. Und ich könnte nie im Leben in diesem Dorf schlafen, egal wie müde ich wäre. Aber Gembries ist wohl so pragmatisch, dass er damit keine Probleme hat. Und bei dem Fröschlein erweckt sich bei mir der Eindruck, dass er eh nichts mehr mitbekommt.
    Ich habe noch keine Idee, wie die beiden jemals diese Armee überholen sollen, aber da werde ich mich wohl überraschen lassen müssen. Vielleicht passiert ja auch etwas ganz anderes.
    Es war klasse geschrieben, weiter so! Ich freue mich schon auf den nächsten Teil.

  • Geht es aufs Ende zu?

    Nein, noch lange nicht. :blush:

    Werde auf jeden fall dranbleiben, bitte schnell weiterschreiben:)

    Herzlich Willkommen an Bord :) . Mit dem "schnell" hapert es leider gerade gewaltig - eine alte Frau ist kein D- Zug. :/

    Das Ende des letzten Teils hat mich gerade ziemlich gegruselt, ich habe einen fetten Klumpen im Magen.

    Auch wenn´s fies ist, das freut mich. :D



    Ich arbeite am nächsten Teil, hab ihn aber noch nicht fertig :blush: . Im Gegensatz zu sonst gibt es keinen schnellen Szenenwechsel (es sei denn, mir fällt zwischendurch noch etwas zur Dorneburg ein), es wird also (wahrscheinlich) mit Gembries und Alastair weitergehen. Ich hoffe, das stört nicht...

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Chaos und Zerstörung wären einfacher zu ertragen gewesen als der Anblick, der sich Gembries im größten der Häuser bot.
    Wie bei Bauernhäusern üblich, gab es nur einen großen Raum im Inneren. Das Dach des Hauses wurde von großen, senkrechten Holzbalken getragen, zwischen denen man nach Bedarf Gatter anbrachte, um die Tiere über Winter im Inneren des Hauses zu halten, oder Vorhänge spannte, falls ein Sichtschutz gewünscht war.
    Querstreben im oberen Teil der tragenden Balken verliehen dem Konstrukt Stabilität und dienten zum Aufhängen der Dinge, die man trocknen wollte.
    Hier waren es Kräuter.
    Ordentlich gebündelt und sortiert hingen sie in erstaunlich großer Menge an den Querstreben und verströmten einen angenehmen, würzigen Duft.
    Gembries vermutete, dass diese Kräuter für den Verkauf an die Dorneburg bestimmt gewesen waren, und offenbar bezahlten die Heiler ganz ordentlich, denn der Einrichtung des Hauses mangelte es an nichts.
    Ein gemauerter Herd gab immer noch Wärme ab, und auf ihm stand ein großer Topf. In seiner Nähe stand auf einem soliden Holztisch eine Vase mit einem schwarz gewordenen Strauß Blumen in der Mitte als einziges Zeichen des Geschehens.
    Der Tisch war für sechs Personen gedeckt, auf jedem Platz mit einer verzierten Schüssel aus gebranntem Ton und einem Holzbrett, dazu Löffel und Messer und Trinkbecher. Ein paar Talglampen brannten immer noch und verliehen der Szene einen einladenden Charakter. Die beiden Bänke an den langen Tischseiten waren gepolstert, die Stühle an den Stirnseiten schwer und die Lehnen mit Schnitzereien verziert.
    Es gab eine Anrichte für das Geschirr, einen großen Schrank, einen Arbeitstisch, auf dem unter einem Tuch ein Teig ruhte, und in einer dunkleren Ecke des Wohnbereiches standen mehrere ordentlich gemachte Betten und Kleidertruhen.
    Nirgends gab es eine Spur von Gegenwehr, nichts war umgeworfen oder von seinem Platz verrückt.
    Aus einem beschaulichen und zufriedenen Leben heraus hatte die ganze Familie kurz vor dem Essen freiwillig das Haus verlassen, um sich an Schattenviecher verfüttern zu lassen, obwohl es hier genug gab, das sich zu verteidigen lohnte.
    Das sprach dafür, dass sich im feindlichen Heer mehr als nur einfache Schattenkrieger befanden und Yuruks verpestete Seele eine nahezu hypnotische Macht auf Menschen ausübte.
    Erneut machte sich Gembries´ Magendrücken unangenehm bemerkbar.
    Die finsteren Gedanken beiseite schiebend warf er einen Blick in den Topf auf dem Herd.
    Wirsingeintopf mit einer ordentlichen Portion Fleisch darin, noch warm und genug, um eine sechsköpfige Familie satt zu bekommen. Vorsichtig kostete er einen Löffel davon und sandte in Gedanken der Seele der verstorbenen Köchin ein Lob und seinen Dank.
    Noch eine kleine Prise schwarzen Pfeffer, und der Eintopf wäre perfekt.
    Das Töten der Dorfbewohner schien das Schattenheer aufgehalten zu haben, denn noch war das Essen nicht zu Mus verkocht. Vielleicht hatten sie auch vorher eine Rast eingelegt.
    Bei dem Tempo, dass Alastair vorgelegt hatte, war ihm unterwegs eine sorgfältige Spurenlese nicht möglich gewesen.
    Gembries lupfte das Tuch über dem Teig und fand dessen Ränder nur leicht eingetrocknet. Länger als zehn Stunden konnte er dort nicht stehen.
    Nachdenklich korrigierte er den Vorsprung des feindlichen Heeres von zwei Tagen auf acht Stunden.
    Konnten sie so viel aufgeholt haben?
    Vor seinem geistigen Auge sah er die trägen Bewegungen der zu Schatten verwandelten Menschen im Lachiell.
    Doch, das war möglich.
    Seufzend begann er, die überflüssigen Gedecke vom Tisch zu räumen. Die schwarzen Blumen warf er in den Ofen und legte gleich noch ein paar Holzscheite nach, bevor er den Teig gut durchknetete und zu einem Brotlaib formte.
    Er würde Alastair nichts von seinen Erkenntnissen sagen.
    Selbst, wenn die Schatten direkt vor ihnen gewesen wären, gehörte der Junge ins Bett und sonst nirgendwo hin.
    Wo blieb er überhaupt?
    In diesem Moment öffnete sich die Türe und Alastair erschien mit einem entrücktem Lächeln und fiebrig glänzenden Augen.
    „Schau doch nur, was ich gefunden habe“, sagte er mit einem Triumph in der Stimme, als hätte er gerade alles Böse dieser Welt besiegt. Gembries erkannte erst nur ein Stoffbündel in den Armen des Jungen.
    Dann sah er die Stirn eines Babys und wurde grau im Gesicht. Diesmal drückte sein Magen nicht nur, es fühlte sich wie ein Schlag darin an. „Es lag im Stall“, erklärte Alastair eifrig und sah gerührt auf das kleine Wesen in seinen Armen. „Und es lebt.“



    In seinem ganzen Leben war Alastair noch nie so müde gewesen, selbst dann nicht, wenn er nach viel zu wenig Schlaf im Heim den ganzen Tag ohne Pause harte Feldarbeit hatte leisten müssen. Es war ihm unendlich peinlich, dass er ausgerechnet jetzt, wo das Überleben der Menschen auf der Dorneburg von ihm abhing, so schwächelte. Aber vielleicht war es auch dieser Druck, gepaart mit der Nähe der Schatten und dem Anblick der schwarzen Landschaft, der ihm zusätzlich zu Schaffen machte und ihn in einen Zustand absoluter Erschöpfung versetzte. Oder es lag an der durchgehenden Anwendung seiner Magie. Oder alles zusammen.
    Jedenfalls hatte ihm das tote Dorf den Rest gegeben.
    Hoffnung, Mut und Zuversicht waren abgesoffen wie ein Stein, den man ins Wasser wirft, und hatten ihn zurück gelassen mit dem Gefühl, er werde nie wieder ans Tageslicht kommen.
    Bis er das Baby auf dem Stroh im Stall fand.
    Es war viel mehr als ein Baby.
    Es war ein Symbol der Hoffnung.
    Das Leben und Wirken der vielen namenlosen Menschen, die hier grausam sterben mussten, hatte etwas zurück gelassen, ein Vermächtnis, etwas, dass trotz der Schatten eine Zukunft hatte, für die es sich zu kämpfen lohnte.
    Als er dann noch vom nassen, kalten Wetter in ein warmes, ordentliches Haus trat, wo es nach Essen roch, hatte er zum ersten Mal das überwältigende Gefühl, dass alles wieder gut werden würde.
    Doch seine Zuversicht fand keinen Widerhall in Gembries´ Miene, der ihn nur völlig entgeistert anstarrte.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Noch eine kleine Prise schwarzen Pfeffer, und der Eintopf wäre perfekt.

    Japp. Ich würde auch erstmal das Essen von soeben gestorbenen Menschen essen wollen. Die brauchen es ja jetzt eh nicht mehr :rofl:

    Dann sah er die Stirn eines Babys und wurde grau im Gesicht. Diesmal drückte sein Magen nicht nur, es fühlte sich wie ein Schlag darin an. „Es lag im Stall“, erklärte Alastair eifrig und sah gerührt auf das kleine Wesen in seinen Armen. „Und es lebt.“

    Als er dann noch vom nassen, kalten Wetter in ein warmes, ordentliches Haus trat, wo es nach Essen roch, hatte er zum ersten Mal das überwältigende Gefühl, dass alles wieder gut werden würde.
    Doch seine Zuversicht fand keinen Widerhall in Gembries´ Miene, der ihn nur völlig entgeistert anstarrte.

    Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, dass Gembries Magendrücken nicht einfach nur davon kommt, dass der Gute Hunger hat. Sicherlich auch deshalb, aber irgendwas sagt mir, dass das nicht so gut und toll ist, wie Alastair sich das vorstellt? :hmm:
    Ich habe Bedenken :D


    Ich mag den Teil. Er hinterlässt ein unglaublich bedrückendes Gefühl, wie Gembries so darüber nachdenkt, dass dort scheinbar erst vor wenigen Stunden ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde und er in dem Haus steht, wo eigentlich eine Familie gemütlich beim Abendessen sitzen könnte. Das ist irgendwie eine höllische Vorstellung und ich bin erneut froh, das aus seiner Sicht lesen zu dürfen. :D


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Die Freude in Alastairs Gesicht erlosch. Und als sich die Überraschung auf Gembries´Gesicht in ein tiefes Mitgefühl verwandelte, das nicht dem Baby, sondern ihm zu gelten schien, kam die Müdigkeit mit bleierner Schwere zurück und hatte auch gleich die innere Kälte mit im Gepäck.
    „Was sollen wir mit einem Baby?", fragte Gembries leise.
    Erschauernd presste Alastair das Stoffbündel an sich.
    „Wir können es nicht hier lassen, Gembries“, erklärte der Junge. „Wenn wir es nicht mitnehmen, stirbt es. Es wird verhungern und verdursten.“
    Damit war ja wohl alles gesagt, doch der Ausdruck in Gembries Gesicht änderte sich nicht.
    „Junge, setz dich, iss dich ordentlich satt und mach, das du ins Bett kommst. Wir reden Morgen darüber."
    Dumpf stierte Alastair aus roten Augen erst auf den gedeckten Tisch, dann auf die Betten.
    „Ich glaube, ich bin zu müde, um zu essen“, sagte er schließlich. Ihm war nur noch kalt und schwindelig. „Ich gehe sofort ins Bett.“
    „Aber nicht mit den nassen Klamotten!“
    Alastair antwortete nicht, sondern tapste nur schwerfällig aufs Bett zu, legte das Baby auf das Kopfkissen und wollte sich gerade daneben fallen lassen, als Gembries Pranke ihn an der Schulter erwischte und ihn umdrehte. Apathisch ließ der Junge sich ausziehen und mit einer Decke trocken rubbeln, dann fiel er wie ein Stein neben das Baby, legte den Arm um das Stoffbündel und war eingeschlafen, noch bevor sein Kopf das Kissen berührte.



    Verwundert sah Eiliazar, wie Lysander die Türen des großen Ratssaales schloss, obwohl noch längst nicht alle Heiler versammelt waren. Gut zwei Drittel fehlten, schätze er mit Blick auf die licht gefüllten Plätze.
    „Es wird eine kleine Versammlung bleiben, nachdem heute alle jungen Kollegen zum Dienst in der Stadtwache eingezogen wurden“, reagierte Theolas mit leichter Schärfe auf den Blick des Hüters. „Du wusstest nicht davon?“
    „Wir haben Vaine angesichts des bevorstehenden Angriffs bemächtigt, jeden in die Wache einzuziehen, der fähig ist, eine Waffe zu halten“, antwortete Eliazar mit fester Stimme und ärgerte sich im Stillen darüber, dass sie dabei nicht an die Heiler gedacht hatten, während seine Augen weiter suchend über die Menge glitten.
    Wo blieb Zadhac?
    „Wie du dir sicher denken kannst, hat sich die Versorgung der Kranken dadurch dramatisch verschlechtert. Ich bitte dich, die Besprechung kurz zu halten, auf mich wartet eine Geburt. Die Frau liegt schon in den Presswehen“, ertönte eine angespannte weibliche Stimme aus den hinteren Rängen.
    „Der Einzug der Kollegen in die Wache wird bis zum heutigen Abend einige Menschenleben kosten“, sagte ein anderer Heiler. „Die Situation war angesichts der totalen Überbelegung schon vorher dramatisch, jetzt ist sie unhaltbar. Vor allem fragen wir uns, was das bringen soll. So lange der Feind noch nicht vor den Toren steht, sind die Heiler an den Betten sinnvoller eingesetzt als bei der Wache. Beihu hat sie alle das Kämpfen gelehrt, und was sie jetzt noch nicht können, wird dieser Schatten ihnen auch nicht mehr in der Kürze der Zeit beibringen. Wo ist der Leiter der Wache überhaupt? Sollte nicht auch er an dieser Besprechung teilnehmen?“
    „Er ist beschäftigt“, antwortete Eliazar mit mehr Ruhe, als er verspürte. „Es geht nicht darum, den Leuten das Kämpfen beizubringen, sondern es geht darum, eine möglichst wirkungsvolle Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Wir sind dem feindlichen Heer zahlenmäßig dramatisch unterlegen und können nur hoffen, dies durch den Vorteil einer befestigten Burg und strategisches Geschick ausgleichen zu können. Wenn uns das nicht gelingt, ist der Gesundheitszustand unserer Schutzbefohlenen eh nicht mehr von Belang.“
    Es war die Beiläufigkeit des letzten Satzes und Eliazars Ruhe, die seine Botschaft unmissverständlich ankommen ließ.
    Es wurde totenstill.
    „Ich habe euch zu dieser Versammlung einberufen, weil sich ein neues Problem aufgetan hat, das mir dringlich erscheint, auch in gerade in Hinblick auf unsere Verteidigung.“
    Der Hüter machte eine kleine Pause in der Hoffnung, dass Zadhac endlich auftauchen würde, aber der kam immer noch nicht. Auch seine Frau und sein Sohn waren nicht anwesend. Eliazar beschlich ein ungutes Gefühl.
    „Das feindliche Heer ist offenbar Nahe genug, um auf einfache Menschen einen Einfluss zu nehmen“ setzte er seine Ansprache fort. „Nisha berichtete von sechs Frauen in der Waschküche, die sich in Schatten zu verwandeln beginnen. Man erkennt die Opfer an grauer Gesichtsfarbe, dunklen Augenrändern und einem sehr phlegmatischen, verlangsamten Verhalten. Da wir nicht wissen, wie sich diese Verwandlung weiter entwickeln wird, halte ich es für geboten, diese Menschen in einem ausbruchssicheren Raum zu separieren. Dabei dachte ich an die große Bibliothek im Keller. Wir magisch Begabten sind hoffentlich für diese Verwandlung weniger anfällig, so dass die Versorgung der Befallenen und ihre Bewachung durch uns gewährleistet werden sollte. Es ist wichtig, alle Befallenen dorthin zu bringen, das heißt, wir müssen alle in dieser Burg anwesenden Menschen auf Symptome der Verwandlung überprüfen.“
    In diesem Moment wurde eine der Türen schwungvoll aufgerissen und Zadhac wieselte herein, dicht gefolgt von Madina, die ein leichtes Lächeln auf den Lippen trug.
    „Entschuldigt bitte unsere Verspätung“, sagte der kleine Heiler munter, „was gibt es denn so Dringendes?“
    Er fing sich einen tadelnden Blick des Hüters ein, doch es war Theolas, der die Worte Eliazars knapp und präzise wiederholte.
    Zadhac nahm sie nickend zur Kenntnis.
    „Der weise Elin hat in den alten Schriften diese Verwandlung zu Schatten beschrieben“, sagte er, „Rolle zweitausenddreihunderteinundfünfzig. Er beschrieb darin auch, dass Menschen, die regelmäßig und häufig in Kontakt mit magisch Begabten stehen sowie natürlich die Begabten selbst, weniger anfällig für eine spontane Verwandlung sind. Von daher würde ich einen Befall weniger im Krankentrakt erwarten, sondern eher in den Werk – und Arbeitsstätten der Burg, also Küche, Waschküche, Papiermacher, Händler, Stallburschen ...“ Zadhac beendete den Satz mit einem Wedeln seiner Hand.
    „Da fangen wir an. Madina wird das organisieren, ich denke es reicht, wenn ihr meiner Frau eure Helfer zur Verfügung stellt. War´s das?“ Fragend sah er zu Eliazar auf.
    Dieser nickte verblüfft. Was war mit seinem Freund geschehen?
    „Gut. Aber bevor ihr alle wieder an eure Arbeit geht, möchte ich noch stolz den Grund meiner Verspätung verkünden.“
    Zadhac richtete sich mit einem Funkeln in den Augen auf.
    „Ich hatte soeben die Ehre, meinen Sohn Zandhor mit unserer Heilerin Rebecca zu vermählen.“
    „Na, endlich mal eine erfreuliche Nachricht. Mögen die beiden ein langes und glückliches Leben miteinander führen!“, rief einer der Heiler. „Glückwunsch!“ „Na klar, der Sohn vom Chef bekommt die schönste Frau!“ „Ein schönes Paar.“ Murmelnd verließen die Heiler den Saal und eilten zurück zu ihren Kranken.
    „Lysander, du kommst mit mir und hilfst mir bei der Einteilung der Helfer, die gleich kommen werden“, sagte Madina. „Wir machen das von meinem Zimmer aus.“
    „Is´gut“, seufzte Lysander und warf dem Hüter einen leidenden Blick zu. Es hätte ihn viel mehr interessiert, was das Gespräch mit Nisha ergeben hatte, doch Eliazar hielt ihn nicht zurück.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Alastair antwortete nicht, sondern tapste nur schwerfällig aufs Bett zu, legte das Baby auf das Kopfkissen und wollte sich gerade daneben fallen lassen, als Gembries Pranke ihn an der Schulter erwischte und ihn umdrehte. Apathisch ließ der Junge sich ausziehen und mit einer Decke trocken rubbeln, dann fiel er wie ein Stein neben das Baby, legte den Arm um das Stoffbündel und war eingeschlafen, noch bevor sein Kopf das Kissen berührte.

    och ich finde die beiden so niedlich wie sie miteinander umgehen und zueinander passen. Einfach weil sie Charakterlich so unterschiedlich sind. Ich glaube das habe ich sogar schon gesagt, oder? Naja egal.


    Darüber hinaus finde ich Lysanders Sprachstil ziemlich cool. Der kommt irgendwie immer so unerwartet, wenn du verstehst was ich meine. So modern aber doch auf die Geschichte und das Zeitalter indem sich deine Geschichte spielt angepasst.


    Der Teil ist vom Plot her relativ ruhig gehalten. Find ich gut. Oder ist das etwa nur die Ruhe vor einem weiteren Sturm? Bestimmt... naja ich lasse mich mal überraschen. Lob geht raus :thumbsup: . Kritikpunkte sind von meiner Seite keine:)


    Grüße Archer

  • Seit sie den Auftrag, dem Hüter Tee zu bringen, an ein junges Ding namens Lisa abgegeben hatte, irrte Nisha ziellos durch die Burg und kämpfte mit widersprüchlichen Empfindungen.
    Sie hatte sich zwar lange und oft genug über Vaines ständige Anwesenheit in ihrem Inneren beschwert, aber dass er sich nun vollkommen zurück zog und noch nicht einmal zur Verfügung stand, wenn sie ihn rief, machte sie auch sauer.
    Ihr Protest war wenigstens nachvollziehbar und differenziert begründet gewesen.
    Sein Verhalten war eine trotzige, kindische Retourkutsche.
    Zwei Treppen und drei Gänge weiter schob sie ein „hoffentlich“ hinterher.
    Seufzend starrte sie in den Regen hinaus und dachte an die Tage zurück, als sie noch mit dem Hüter unterwegs waren. An die vielen Momente, wo Vaine ihr den Arm um die Schulter gelegt, sie sanft berührt oder sich Nachts wärmend an sie geschmiegt hatte.
    Oder an sein Lächeln, wenn er merkte, dass sie sich innerlich über etwas freute, eine schöne Landschaft, den Geruch des Waldes.
    Er hatte ihr den Nacken massiert, wenn sie vom vielen Sitzen im Wagen verspannt war, hatte ihr Arbeiten abgenommen, die Gembries ihr aufs Auge gedrückt hatte und gekämpft, wenn sie in Gefahr waren.
    All diese Gesten, die großen und die kleinen, existierten nicht in seiner Welt.
    Dass er den Wunsch verspürte, sie so zu behandeln und Gefallen daran fand, dass er sich freute, wenn es ihr gut ging, war … war sein Buschwindröschen.
    Gewesen.
    Kaum in der Dorneburg angekommen, hatte sich ihr Verhältnis abgekühlt. Sie war nicht für ihn da, als er bei der Wache zu arbeiten anfing und wegen seiner Herkunft überall auf Ablehnung stieß. Jedenfalls nicht immer freiwillig, sondern oft nur, weil es alle von ihr erwarteten und sie für ihn verantwortlich machten.
    Als er mehr Nähe suchte, um mit all dem zurecht zu kommen, hatte sie sich überfordert gezeigt und ihm diese verwehrt.
    Wenn sie genervt war von der Plackerei in der Waschküche, der Enge der Burg, den vielen Menschen, hatte er es zu spüren bekommen.
    Und sie hatte ihn vor aller Augen mit zwei Essen im Speisesaal stehen lassen und die Gesellschaft von fremden Menschen vorgezogen, mit denen sie nichts verband.
    Sie war wie der Absatz, der auf das kleine Pflänzchen nieder fuhr und seine Knollen zertrat, so dass es nie wieder blühen konnte.
    Und wenn er jetzt einfach Schluss gemacht hatte?
    Nisha spürte bei dem Gedanken lähmende Übelkeit in sich aufsteigen.
    Sie hatte ihm bei ihrem Streit ja noch nicht mal die Möglichkeit gegeben, das auszusprechen. Sondern war einfach Türe knallend abgerauscht.
    Vielleicht war genau das der Moment gewesen, in dem Vaine beschlossen hatte, dass sein Experiment gescheitert war und sie es nicht Wert, weitere Mühen zu verschwenden.
    Yuruk würde ihn sicher mit einem hämischen Lachen sofort wieder aufnehmen, der hasste Frauen sowieso, seit seine Schwester ihn erschlagen hatte.
    Nisha fand sich plötzlich vor dem Übungsplatz der Wache wieder.
    Sie war so in Gedanken vertieft gewesen, dass ihr gar nicht aufgefallen war, dass sie die Burg verlassen hatte.
    Nass war sie auch.
    Der Übungsplatz war leer.
    Fröstelnd schlang sie ihre Arme um die Mitte und machte sich auf den Weg zu Vaines Zimmer, wo sie auf ihn warten wollte. Sie musste lange warten.
    Es war schon fast dunkel, als sich die Türe öffnete und Vaine wie immer lautlos eintrat.
    Nishas Puls begann zu rasen, ihre Hände zitterten.
    Vaine verzog keine Miene bei ihrem Anblick. Aufrecht und stolz sah er sie an und verströmte dabei eine Autorität, die sie befangen machte und alle zurecht gelegten Worte vergessen ließ. Sie musste sogar kurz den Blick abwenden, um ihre Stimme wiederzufinden.
    „Es tut mir leid“, flüsterte sie nur.
    Seine Miene änderte sich nicht.
    Er kam auf sie zu, seine Hände umfassten ihr Gesicht und zwangen sie, zu ihm aufzuschauen.
    Intensiv und doch kühl erwiderte er ihren Blick.
    „Du versuchst immer wieder, mir Grenzen aufzuzeigen, Nisha“, sagte er. „Aber das funktioniert nicht. Ich bin nicht irgend ein Mann, ich bin ein Schatten. Ich akzeptiere keine Grenzen. Ich will alles. Ganz oder gar nicht, das ist die einzige Wahl, die du hast. Ja oder nein. Entscheide dich. Jetzt!“
    Er war ganz bei sich selbst.
    Mit einem Anflug von Panik begriff Nisha, was er da von ihr verlangte. Sie sollte sich völlig in seine Hand begeben, sich ganz aufgeben, um bei ihm sein zu können?
    „Ja oder nein? Jetzt!“, setzte er nach.
    Nisha wurde von einem Schwindel erfasst. Ihr Leben würde ohne ihn leer sein, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass je jemand diese Leere wieder würde füllen können.
    Sie quetschte ein „Ja“ heraus und fühlte sich dabei einer Ohnmacht nahe.
    Vaine nickte.
    „Gut. Dann hätten wir das geklärt.“
    Er, küsste sie kurz, aber fordernd und ließ dann ihr Gesicht los.
    „Du solltest dich schlafen legen, ich werde noch lange beschäftigt sein“ sagte er schließlich sanft, dann war sie wieder alleine. Am ganzen Körper bebend legte sie sich in sein Bett und zog die Decken fest um sich.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Alastair schoss aus dem Tiefschlaf hoch und sah mit geweiteten Augen hektisch um sich.
    „Guten Morgen!“, brummte Gembries vom Tisch her, an dem er ein frisches, lecker duftendes Brot aufschnitt. Draußen schien es noch dunkel zu sein.
    „Wenn du mich fragst, legst du dich am Besten gleich wieder hin und schläfst weiter“, schlug Gembries nach einem Blick in Alastairs Gesicht vor. Der Junge überlegte kurz, der Gedanke war sehr verlockend. Doch das Laken unter seinen Händen war nass, die Decke war nass, und ein Luftzug fuhr ihm unangenehm über den feuchten, nackten Oberkörper und machte ihn frösteln.
    „Nein, ich bin pitschnass geschwitzt“, murmelte er. „So kann ich eh nicht weiterschlafen.“
    „Geschwitzt?!“
    Irritiert vernahm Alastair den leichten Spott in Gembries Stimme. Erst dann fiel es ihm wieder ein. Das Baby! Erschrocken warf er die Decken ganz zurück. Das Baby lag immer noch in seinem Stoffbündel. Seine Augen waren offen und blickten ins Leere, aber ein Lidschlag zeigte, dass es noch lebte.
    „Dich hatte ich ganz vergessen“, entschuldigte sich der Junge errötend und wollte das Bündel hoch nehmen.
    Es war nass. Und erst jetzt nahm er den Geruch wahr und sah die gelb - braunen Kränze am Rande der Feuchtigkeit, in der er geschlafen hatte. Er erstarrte.
    „Oh!“Tapfer unterdrückte er seinen Ekel. „ Armes kleines Würmchen. Ich habe ganz vergessen, dich gestern frisch zu wickeln. Das wird nicht wieder vorkommen.“
    Er hörte Gembries schnauben und erhaschte noch dessen mitleidigen Blick, bevor dieser wieder aufs Brot starrte und das Schneidemesser hob.
    „Das Baby kann nichts dafür!“
    Das Messer verharrte in der Luft. Als Gembries erneut aufsah, zeigte sein Blick eine Mischung aus Mitleid und Entschlossenheit, die bei Alastair ein warnendes Kribbeln im Inneren auslöste.
    „Alastair, wir werden das Baby nicht…“
    „Es gibt Dinge, die einfach nicht zur Diskussion stehen“, fuhr dieser ihm empört ins Wort. „Dieses Baby zum Beispiel. Ich werde mich darum kümmern, du wirst dadurch in keinster Weise belastet. Aber wir nehmen es mit!“ Allein, dass Gembries etwas anderes für möglich hielt, entsetzte ihn. „Wie kannst du überhaupt nur daran denken, es seinem Schicksal zu überlassen?“, setzte er anklagend hinterher.
    Er sah die Wut in Gembries aufflammen.
    „Werde endlich erwachsen, Junge!“, zischte der Kesselflicker. „Ich habe mich im ganzen Dorf umgesehen. Nicht ein Stuhl ist umgefallen, als die Schatten kamen. Was bedeutet, dass sich niemand dagegen gewehrt hat, verfüttert zu werden oder seine Liebsten auf der Speisekarte von Schattenviechern vorzufinden. Niemand! Und das wiederum bedeutet, dass die Menschen hier alle unter einem starken Schatteneinfluss standen. Glaubt du in deiner grenzenlosen Naivität wirklich, dieser Einfluss hätte vor dem Baby Halt gemacht?“
    Gembries sah den Jungen zusammenzucken.
    „Was du da hätscheln und pflegen willst ist ein Schatten, Alastair! Denk doch mal nach! Das Baby hat stundenlang alleine im Stall gelegen. Ein normales Baby schreit, wenn es allein gelassen wird. Es schreit, weil es Hunger oder Durst hat, weil seine Windeln voll sind, irgend einen Grund zu Schreien wird es schon finden. Ein Baby in diesem Alter strampelt, es bewegt sich normalerweise. Und liegt nicht so regungslos und still in seinen Tüchern wie dieses Kind. Deinen Edelmut in allen Ehren, aber was dich da angepisst hat, ist ein Miniaturschatten, und ich bin nicht Willens, uns deswegen in eine Gefahr zu bringen, die unser Vorhaben gefährden kann. Weißt du, ob der kleine Schatten nicht Auge und Ohr für seine Herren ist? Kannst du ausschließen, dass dieses Kind seine Stimme in genau dem Moment wiederfindet, in dem wir uns unbemerkt an einem Heer vorbei schleichen müssen? Nein, kannst du nicht!“
    Jedes einzelne Wort verstärkte das kalte Grauen, das Alastair überkam.
    „Egal, ob Schatten oder nicht, es ist in erster Linie ein Baby! Und ich werde es mitnehmen und zu den Heilern bringen, dann können die sich um alles Weitere kümmern. Ich kann kein Baby einfach sterben lassen. Ausgeschlossen! Und überhaupt werde ich es jetzt erst einmal versorgen, das arme Würmchen.“
    Das nasse Stoffbündel fest an sich gedrückt, sprang Alastair aus dem Bett und funkelte Gembries herausfordernd an. Doch dann fiel ihm ein, dass er nichts anhatte und diese Tatsache seiner Autorität nicht förderlich war.
    „Wo hast du denn meine Sachen hingelegt?“
    Mit einer Kopfbewegung wies Gembries auf einen Stuhl, der in die Nähe des Herdes gerückt worden war.
    „Wenn sie noch nicht trocken sind, solltest du in den Truhen nach neuer Kleidung gucken. Du hast im Schlaf viel gehustet, das hörte sich nicht gut an.“
    Stirnrunzelnd betrachtete Alastair das Bündel in seinen Armen. Bevor er sich etwas anzog, sollte er sich besser waschen, jetzt, wo er wusste, worin er geschlafen hatte. Und erst, wenn er fertig war, konnte er das Kind versorgen.
    „Und wo kann ich mich waschen?“
    Seufzend legte Gembries das Messer weg.
    „Such dir eine Schüssel, ich hol eben Wasser vom Brunnen.“
    Alastair überprüfte seine Sachen und war erleichtert, dass sie schon trocken waren. Er hätte ungern in den Kleidertruhen von Toten herumgewühlt. Nachdem er sich versorgt hatte, wusch er auch das Baby sorgfältig und wickelte es neu in Tücher.
    „Es ist ein Junge“, stellte er dabei fest.
    „Es ist ein Schatten“, tönte es stur hinter ihm. Tatsächlich war der kleine Junge immer noch ganz still und starrte nur ins Leere.
    „Ach, woher willst du das wissen? Er hat bestimmt einen Schock erlitten bei allem, was hier passiert ist oder ist vielleicht einfach nur krank“, regte sich Alastair auf. „Guck dir doch die kleinen Händchen an und diese winzigen Finger!“
    Es blieb still.
    „Ich werde ihn füttern. Er hat schon zwei Zähnchen, da kann er vielleicht schon etwas anderes vertragen als Milch.“
    Alastair holte eine frische Schüssel, gab Wasser hinein und vermischte es mit Arjun, bis es eine leicht breiige Konsistenz aufwies. Doch egal, wie er sich mühte, das Baby damit zu füttern, es zeigte kein Interesse daran, schluckte nicht und beförderte den Brei mit der Zunge wieder nach draußen.
    „Er mag es nicht.“ Alastair war die Enttäuschung anzumerken.
    „Jetzt wird er mir fast sympathisch!“, sagte Gembries. „Aber auch nur fast. Warte eben, ich glaube, ich hätte etwas zu essen für den kleinen Mann!“
    Gembries verließ das Haus und kehrte kurze Zeit später mit einer bluttriefenden Leber zurück, die er dicht neben dem Baby in die Luft hielt. „Wo hast du das her?“, stieß Alastair entsetzt aus.
    „Von einem toten Kalb auf der Weide. Und schau mal ...“ Der Blick des Babys fokussierte sofort das rohe Fleisch, seine kleinen Händchen griffen gezielt zu, rissen die Leber zum Mund, und gierig begann es, mit seinen zwei Zähnchen darauf herumzukauen.
    „Ein Schatten!“, kommentierte Gembries. „Es hat eine süße Hülle, aber es ist eindeutig ein Schatten und wenn der Kleine könnte, würde er dich töten und fressen. Dieses Wesen da nehme ich nicht mit. Nirgendwo hin.“
    Alastair hielt wie betäubt den warmen, kleinen Körper fest, starrte auf das blutverschmierte Gesichtchen, dass immer noch mit hässlicher Gier an der rohen Leber kaute und begriff langsam, dass er verloren hatte. Gembries würde ihn zwingen, dieses Baby zurückzulassen. Tränen schossen ihm in die Augen.
    „Ich will aber nicht, dass es hier ganz alleine verhungern und verdursten muss“, wimmerte er.
    „Den langsamen Tod können wir ihm ersparen.“
    Langsam hob Alastair das Gesicht und sah Gembries aus geweiteten, nassen Augen an.
    „Wirklich, Gembries? Bist du ein Mann, der ein Baby töten kann? Einfach so? Ein wehrloses Baby? Du? Das hätte ich nicht von dir erwartet.“ Einen Moment lang lastete Stille auf ihnen.
    „Alastair, in diesem Falle ist ein Akt der Gnade. Und er wird mir schwerfallen und mich noch lange verfolgen. Aber das ändert nichts, oder? Mach die Pferde fertig, Junge“, streckte Gembries seine Hände nach dem Kind aus.
    Alastair fühlte sich wie ein Mörder, als er zuließ, dass Gembries ihm das Baby aus den Armen nahm, aber aufstehen mochte er nicht. „Später“, flüsterte er heiser und nahm seine Augen nicht von dem Stoffbündel. Gembries nahm dem kleinen Wurm die Leber ab und warf sie achtlos auf den Tisch, dann hielt er das Baby auf dem Arm und funkelte Alastair an.
    „Jetzt, Fröschlein! Ich werde dem Kleinen nicht weh tun.“
    Das Baby reagierte, als ob es wüsste, was Gembries mit ihm vorhatte. Es zog winzigen Augenbrauen zusammen, starrte den Kesselflicker böse an und mit einem hässlichen Zischgeräusch fuhr sein Ärmchen unter Gembries Bart. Überrascht sah der auf es herunter. Für einen kleinen Moment entspannten sich die Gesichtszüge des Kindes. Seine Augen drückten Erstaunen aus, der kleine Mund verzog sich zu einem Lächeln, dann wurde es grau und hart.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • „Ja oder nein? Jetzt!“, setzte er nach.
    Nisha wurde von einem Schwindel erfasst. Ihr Leben würde ohne ihn leer sein, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass je jemand diese Leere wieder würde füllen können.
    Sie quetschte ein „Ja“ heraus und fühlte sich dabei einer Ohnmacht nahe.

    Schräg ... :hmm:

    „Was du da hätscheln und pflegen willst ist ein Schatten, Alastair! Denk doch mal nach! Das Baby hat stundenlang alleine im Stall gelegen. Ein normales Baby schreit, wenn es allein gelassen wird. Es schreit, weil es Hunger oder Durst hat, weil seine Windeln voll sind, irgend einen Grund zu Schreien wird es schon finden. Ein Baby in diesem Alter strampelt, es bewegt sich normalerweise. Und liegt nicht so regungslos und still in seinen Tüchern wie dieses Kind. Deinen Edelmut in allen Ehren, aber was dich da angepisst hat, ist ein Miniaturschatten, und ich bin nicht Willens, uns deswegen in eine Gefahr zu bringen, die unser Vorhaben gefährden kann. Weißt du, ob der kleine Schatten nicht Auge und Ohr für seine Herren ist? Kannst du ausschließen, dass dieses Kind seine Stimme in genau dem Moment wiederfindet, in dem wir uns unbemerkt an einem Heer vorbei schleichen müssen? Nein, kannst du nicht!“

    Dann hat mich mein Gefühl also nicht getäuscht und das Baby ist tatsächlich nicht mehr menschlich. Bzw. Gembries hatte Recht und sein Magendrücken war gerechtfertigt. Es hätte mich auch schwer gewundert, wenn alles und jeder in dem Dorf dem Einfluss der Schatten verfallen ist und nur das Baby nicht. Das konnte halt nur schlecht aufstehen und sich ebenfalls zum Fraß vorwerfen. :hmm: Ich bedauere es dennoch.
    An der Stelle noch ein "Lob" (wenn man es so bezeichnen kann), dass du hier generell auch auf den Tod von Kindern/Babys eingehst. Sowas wird ja häufig doch ignoriert, weil makaber und eher ein Tabuthema. Dadurch wirkt das hier alles aber sehr authentisch und geht einem nochmal ein ganzes Stück näher. ;(

    „Geschwitzt?!“
    Irritiert vernahm Alastair den leichten Spott in Gembries Stimme. Erst dann fiel es ihm wieder ein. Das Baby! Erschrocken warf er die Decken ganz zurück. Das Baby lag immer noch in seinem Stoffbündel. Seine Augen waren offen und blickten ins Leere, aber ein Lidschlag zeigte, dass es noch lebte.
    „Dich hatte ich ganz vergessen“, entschuldigte sich der Junge errötend und wollte das Bündel hoch nehmen.
    Es war nass. Und erst jetzt nahm er den Geruch wahr und sah die gelb - braunen Kränze am Rande der Feuchtigkeit, in der er geschlafen hatte. Er erstarrte.
    „Oh!“

    Ich gebe zu, ich bin mir nicht sicher, ob ich laut lachen, oder mich angeekelt wegdrehen soll :rofl: Igitt :D


    Schöne Teile. Spannend und interessant wie immer und ich bin jetzt mal gespannt, wie das mit der Donneburg ausgeht und ob die beiden Bummelaffen hier das Heer noch überholen können. :hmm:


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • *Leisereinschleich* :blush:

    Nach erneuter langer Schreibblockade (und die, obwohl ich doch eigentlich wusste, was als Nächstes kommen und wie alles weitergehen und enden soll) muss ich jetzt einfach mal Butter bei die Fische tun.
    Und schlicht und ergreifend zugeben, dass ich bei allem Unterhaltungswert und trotz der bereits umfangreichen Schreiberei die Geschichte erneut verkackt habe.:patsch:

    Bitter, aber es ist so. Meinen aufrichtigen Dank allen Kritikern, die diesen Denkprozess ausgelöst haben!:loveyou:

    Nach über 300 Seiten begrüsst man diese Erkenntnis natürlich erstmal nicht, zumal es schon vor meiner Anmeldung in diesem Forum bereits mehrere vergebliche Versuche gegeben hat, die Geschichte zu Papier zu bringen.;(

    Aber immerhin war dies jetzt die erste Version, in der ich Gembries und Alastair zu "starken Charakteren" verhelfen konnte, also insofern schon ein gewaltiger Fortschritt.

    Doch Nisha, Vaine und die Schatten schwächeln daneben, haben keinen strukturellen Aufbau, keinen wirklich nachvollziehbaren Hintergrund und bestehen zu einem großen Teil aus Klischees und mehr oder weniger unterhaltsamen Gefasel, und das nervt mich inzwischen selbst und bremst mich völlig aus.:/ Die habe ich einfach so "hingeschlabbert", obwohl sie "wichtige Rollen" spielen.

    Da die drei aber von Anfang an mit dabei sind, heißt das auch, von Anfang an alles umzuschreiben.8|

    Was natürlich keine reine Freude ist, denn manche Szenen, die ich selbst gelungen fand, werden dann keinen Platz mehr haben.

    Wie dem auch sei, diese Version war ganz nett, aber ich hoffe, ich kann das noch besser ...


    Jetzt verschwinde ich erstmal wieder in eine hoffentlich "kreative Phase". Zu den nötigen Änderungen hab ich zwar schon ein paar brauchbare Ideen, muss aber gucken, wie ich die umgesetzt bekomme und welche Tonart die Geschichte dann haben wird (vllt etwas ernsthafter?) Auch die Feinabstimmung innerhalb der Truppe muss neu justiert werden. Aber irgendwann ... *seufz

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • melli

    Huhu! Es ist schön zu sehen, dass du noch an den Winterkönig denkst und weitermachen willst. Ich habe selbst mit einem Rework bei mir begonnen. Zwar war ich selbst nie so weit fortgeschritten wie du hier, aber leicht war die Entscheidung auch nicht unbedingt. Also Respekt dafür. :thumbup: Jede doofe alte Version ist nötig, um die bessere Version zu schreiben. Blein dran!

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


    Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
    Himmelsjäger [Neufassung]