Blauschwarz

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Blauschwarz

      Ich weiß nicht, in wie weit es hier Praxis ist, aber mit dieser Geschichte bin ich bereits beim letzten Wettbewerb angetreten (Danke für deine Stimme @Kisa D: Es freut mich, dass sie jemandem gefallen hat). Aber das ändert nichts daran, dass sie eine vollwertige Kurzgeschichte ist, in die viel Arbeit und Träume geflossen sind, die mitunter auch sehr persönlich angehaucht ist. Ich hoffe ihr versteht, dass ich da gerne ein oder zwei Meinungen zu hören möchte. xD Ich habe ein kleines bisschen die Farbsymbolik ausprobiert, die der Deutschunterricht mal angeschnitten hat :whistling: .
      Beim Wettbewerb sind leider die Kursivbuchstaben verlorengegangen, die ich für die Gedanken der Charaktere verwendet habe. :/ Ich hatte nicht dran gedacht, dass der Text ja aus der PN kopiert wird und der Code für Kursiv damit nicht übernommen wird. Sicher wird das verwirrt und den ersten Eindruck etwas gestört haben. Ein Hinweis dazu wäre für die Wettbewerbsinformationen sicher nicht schlecht, damit das anderen nicht auch passiert. :/
      Jetzt aber genug davon. Denen, die sie noch nicht gelesen haben, wünsche ich noch viel Spaß mit dem Text. :3
      ______________________________________________________________________________________________________________________


      So blau, so schwarz, so leer schien es ihr, dass sie zu schweben glaubte. Sie konnte nicht denken, was es nun war, das so leer schien, doch ihr Gefühl wusste es. Und dieses Gefühl trug sie, so erdrückend es auch war.
      „Wahnsinn…“, murmelte sie und setzte sich nach einiger Zeit lethargischen Halbschlafes in ihrem Bett wieder auf.
      War es Wahnsinn? Seit sie alle gegangen waren boten selbst das vertraute Zimmer und die lieblichen Erinnerungen an Früher keinen Halt mehr und diese Schwebe war ihr unbegreiflich. Sie war eine bleierne Feder, doch noch nicht fähig zu fallen. Was war dieser Widerspruch, wenn nicht wahnsinnig? Vielleicht grausam.
      Mit einem Seufzen setzt sie sich auf die Bettkante und erhob sich langsam. Das Mondlicht fiel kalt durch das Dachfenster über ihrem Bett und schnitt in die bläuliche Düsternis des Hauses hinein. Aufmerksam betrachtete sie die Möbel und die gerahmten Lichtabbildungen, die an den Wänden hingen. Mit ihnen konnten die Elfen mittels Magie ein Geistesbild festhalten. Sie erinnerten sie an die längst vergangene Zeit, denn immer wieder erschienen dort die alten Gesichter im Lichte einer Erinnerung. Dunkel war es hier also mit Sicherheit nicht. Und doch lag ein schaler Geschmack in all der Süße.
      Während sie die Treppe hinabschritt, kam es ihr wieder in den Sinn. Wie sie gern an die eine Liebe in ihrem noch jungen Leben zurückgedacht hatte. Die sie mal gelebt hatte. Der sie mal vertraut hatte. Und von der sie verletzt worden war. Sie wusste noch, dass es geschmerzt hatte, aber der Wärme, die in dem hoffnungslosen Schwärmen lag, hatte sie nicht widerstehen können.
      Doch das lag nun weit weg, war längst verblasst und tat schon lang nicht mehr weh. Dieser Gedanke beruhigte sie, während sie die Lichtbilder betrachtete, die die Treppe entlang die Wand zierten und die im Halbdunkel dieser klaren Nacht einen weißkalten Schimmer hatten.
      Sie erreichte das Erdgeschoss und der weite Flur führte sie wieder in die Leere zurück. Schuld daran war wohl die verspielte Architektur der Elfen, die hier besonders ausgeprägt war und wegen der sie sich fehl am Platz fühlte. Es war nicht einfach gewesen, als sie und die anderen her gekommen waren. Allein als Menschen unter Elfen… Doch nun fehlte selbst von ihnen jede Spur. Die Elfen verschwanden, von einem Tag auf den anderen. Ihre Freunde ebenso, bis auf einen. Er zog damals los, die Menschen und die Elfen zu suchen, die noch übrig waren. Vor über fünf Jahren. Wahrscheinlich tot.
      Es kamen keine Händler mehr. Keine Fahrzeuge. Und sie hatte keine Flugmaschine mehr am Himmel gesehen. Nichts. Nicht einmal das Silber eines Kondensstreifens am Himmel. Sie hatte lange Zeit Ausschau gehalten.
      Ich erinnere mich noch gut an diese Tage, stelle sie fest, als sie nur in ihrem Nachthemd auf die Straße trat. Und in diesem Moment kam das blauschwarze Gefühl zurück und ließ sie schweben. Und sie wusste es: Es war die Welt, die Leer war. Eine Leere, die auch sie immer mehr ausgehöhlt hatte.
      Vor ihrer Haustür stehend, wandte sie sich nach links und betrachtete den vagen Umriss der Elfenstadt. Sie lag noch so da wie am ersten Tag, nachdem die Elfen diese Welt verlassen hatten. Keine Risse in den Straßen und Gebäuden, keine Grashalme in den Fugen. Als wäre es gerade erst einen Augenblick lang her gewesen. Rundherum lag der Waldesozean, wie die Elfen den uralten Wald genannt hatten. Er bedeckte einmal den halben Kontinent und in seinem Herzen lagen die wenigen Städte der Elfen. Es war den Menschen geschuldet, dass einige dieser Städte nun seinen Rand markierten.
      Ein Schmerz ergriff sie bei jedem Anblick der Ruinen und so wählte sie den rechten Weg, in die Fluten des Waldesozeans. Bis sie sie umfingen, hielt sie den Blick gesenkt. Und auch als sie längst eingetaucht war, hob sie den Blick erst, als die Stadt hinter ihr kaum noch in Sichtweite war. Und Stille. Die Tiere waren nicht verschwunden, dennoch schwiegen sie, als wären fünf Jahre Trauer erst der Anfang aller Buße. Doch warum büßten immer die Unschuldigen? Warum hatte man sie zurückgelassen?
      Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, ein Rascheln von hinter sich gehört zu haben, doch als die herumfuhr strich ihr nur der Wind ihre dunkelblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Gleichzeitig trug er ein weiteres Stückchen in ihr ab und ein hohles Gefühl der Kälte drohte sich in ihr breit zu machen. Sie machte sofort kehrt und rannte davon, aber es jagte sie, so sehr sie es auch abzuschütteln versuchte.
      Sie wusste nicht wohin sie lief und weder nahm sie die Welt um sich herum wahr, noch spürte sie die Schritte, die sie tat. Machte sie sie überhaupt, wo sie doch schwebte? Und das so leicht und teilnahmslos durch die Schatten der Bäume, bis sie auf eine Wiese lief und vor einem Abhang Halt machte. Und wieder zu Boden glitt. Das Gras an den nackten Füßen kitzelnd, blinzelte sie in die Tiefe. Was sich dort viele Fuß unter ihr erstreckte, war wahrhaftig ein Ozean. Er spannte sich weit über den Horizont, von links nach rechts, ohne den Waldrand in Sicht. Vereinzelt waren die Umrisse einer anderen Stadt zu erahnen, die man leicht auch mit einer Ansammlung älterer, größerer Bäume verwechseln konnte. In der leichten Brise der Nacht wogten die Baumkronen gleichmäßig, wie die Wellen einer sanften See.
      Sie hatte diesen Anblick oft gesehen und doch war sie jedes Mal erneut überwältigt von diesem Ausmaß, dass sie auf eine winzige Größe zusammenzuschrumpfen drohte. Mit tränenden Augen fiel sie auf die Knie, den Oberkörper halb über den Abhang ragend. Sie war allein, ganz allein in diesem Ozean. Und ihr Herz fror.
      Wozu noch? Wozu weitermachen? Für wen? Es ist sinnlos. Ich… bin sinnlos.
      Der Klang ihrer Gedanken vergiftete ihren Verstand, machte sie rasend, ließ sie atemlos nach Luft schnappen. Und während ihr der Schmerz heiß und nass die Augen herunter lief, wurde es ihr bewusst.
      Ich schwebe nicht mehr…
      Und da lächelte der Abgrund freundlich.
      Zögerlich erhob sie sich wieder, die Augen weit offen, auf ihn gerichtet. Sie konnte erkennen, wie er langsam seine Arme ausbreitete. Einladend. Und wie ihre Ehrfurcht vor der Tiefe immer weiter schwand, während sie mit den Füßen an der Kante stand. In ihrem Rücken spürte sie die Brise und sie wünschte sich, dass ihr Flügel wuchsen. Die Augen schließend, ließ sie sich nach vorn fallen, vom sanften Wind tragen. Und als da keine Flügel waren, entfuhr ihr nur ein Seufzer. Und der Wind in ihrem Haar.
      -
      Blinzelnd öffnete sie die Augen, sah noch einer Träne nach, die in die Tiefe fiel und die im kalten Mondschein glitzerte. Sie atmete ruhig und tief und dennoch sah sie ungläubig an sich herunter. Zwei Arme schlangen sich eng um ihren Bauch. Plötzlich bemerkte sie auch, wie sich ein Gesicht warm und feucht an ihre Schulter drückte.
      „… Bist du das etwa...?“, flüsterte sie hauchend.
      Eine Bewegung an ihrer Schulter. Ein Nicken.
      Schweigen.
      Es zog sie zurück, ohne Widerstand ließ sie es zu. Zusammen fielen sie in das weiche Gras, nebeneinander. Die Tränen versiegt, drehte sie ihren zerzausten Kopf zu ihm und betrachtete sein verquollenes Gesicht, das die eigenen Tränen wohl noch immer nicht bemerkt hatte. Es starrte sie mit geröteten Augen blinzelnd an, als seien die Pupillen nur ein Punkte und der Blick aus Nadeln. Langsam und etwas rasselnd holte er Luft.
      „Ich bin zurück… allein.“
      Sie nickte vorsichtig.
      „Dann sind sie also…“
      „Ja… allesamt. In den Dörfern, den Städten… niemand ist mehr hier.“
      Enttäuscht, doch gleichzeitig erleichtert über die Gewissheit, sah sie zum Himmel auf, auf dem sich deutlich die Sterne abzeichneten. In der Ferne ließ sich bereits der Tag erahnen.
      „Ich bin noch eine Weile gewandert, um ganz sicher zu sein… Die Große Steppe ist völlig verdorrt, fast schon eine Wüste. Und die letzten Zeitungen in den Städten berichten, dass der ganze Osten verstrahlt sein soll…“, flüsterte er langsam und zittrig bemüht, sich zu beherrschen.
      Sie wusste, dass er ihr Gesicht durch die Tränen nur schwer erkannte und dass er darauf Frustration erwartete. Zu ihrer eigenen Überraschung aber wog die Verblüffung über seine Rückkehr schwerer, so dass ihr Gesicht von einer irritierten, subtilen Freude erfüllt war. Und letztendlich konnten sie diese Worte nach fünf Jahren der Stille nicht mehr erschüttern.
      „Es tut mir Leid… Ich hätte dir so gern mehr als das mitgebracht…“
      „Nein, ist schon gut“, sagte sie kopfschüttelnd. „Das ist schon mehr als ich erwartet hatte…“
      Vorsichtig drehte sie ihren Kopf wieder zu ihm auf die Seite und sah, wie er sich mit der Hand die Tränen vom Gesicht wischte.
      „Natürlich bin ich zurückgekommen. Ich hasse mich dafür, dich so lange warten gelassen zu haben, aber ich wollte nichts unversucht lassen… und ging bis an die Küste.“
      Seine Züge wirkten mit einem Mal ganz ruhig und bitter.
      „Ich hatte schon fast befürchtet, du wärst nicht mehr… Ein Glück, dass ich mich geirrt habe.“
      Ein müdes, schiefes Lächeln deutete sich auf seinem Gesicht an.
      „Wenn auch nur zum Teil. Du wolltest dich also wirklich…“
      Beschämt und auch etwas schuldbewusst wandte sie den Blick von ihm ab und sah dem Horizont hinter dem Abgrund entgegen. Die ersten Sterne verblassten im Licht und der Himmel färbte sich langsam kupfern.
      „Ich dachte, du seist tot… oder gegangen. So wie alle gegangen sind“, murmelte sie. „So konnte ich einfach nicht mehr…“
      Langsam schüttelte er den Kopf.
      „Es gab keinen Tag, an dem es mich nicht hier her zurück gezogen hat. Vielleicht erinnerst du dich… An dieser Stelle haben wir uns damals verabschiedet.“
      Aufmerksam setzte sie sich etwas auf und blickte sie sich auf der Wiese um, in die verschwommene Erinnerung vertieft. Es stimmte, hier war es gewesen. In den düsteren Gedanken der Stille war diese Erinnerung irgendwann untergegangen. War sie vielleicht deswegen hier her gegangen, ohne darüber nachzudenken?
      „Ich mag fort gewesen sein, aber mein Geist ist immer hier geblieben. Und als ich dann endlich hier ankam, hat mich der Blick auf den Ozean so gefesselt… da hatte ich die Zeit völlig vergessen. Und dann warst da plötzlich du.“
      Er schaute sie noch immer an, hatte seine Fassung aber wieder zurückerkämpft. Nach einemkurzen Augenblick bemerkte sie seinen Blick und wandte sich ihm wieder zu. Da lag noch immer eine gewisse Taubheit auf ihr, dem Staub der Jahre geschuldet, aus der sie noch nicht völlig erwacht war. Ohne einen einzigen Gedanken zu denken, nahm sie ihn sanft in den Arm.
      Und sagte nichts. In ihrem Rücken erhob sich langsam die gelbe Tageshelle, die Hand in Hand mit der Morgenröte ging. Die Leere war langsam aus ihr gewichen, für den Moment zumindest.
      Du bist wie einer von ihnen, stimmt es? Sie kommen immer zurück, auch wenn man sie am Tage nicht sehen kann. Du warst weg, aber wärst du ein Stern gewesen, du hättest über mich gewacht.

      Wo auch immer du warst, wir haben beide den gleichen Himmel gesehen.
      Von der Umarmung noch mehr verunsichert legte er langsam auch seine Arme um ihren Körper. Die Augenlider fielen ihm müde zu.
      „Es ist schön, zurück zu sein…“
      [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

      Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
      Himmelsjäger [Neufassung]

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

    • Oh ....
      Mir fehlen fast die Worte. Auch wenn ich nicht alle Zusammenhänge verstehe, die Vergangenheit der Geschichte in einem dichten Nebel liegt, muss ich dir, Kalkwiese, ein Kompliment aussprechen.

      Deine Sprache hat sich wie eine traurige Melodie über meine Gedanken gelegt und mich eingehüllt. Die schönen Bilder, die du mit wenigen Worten geschaffen hast, treffen heute wohl genau meine Seele.

      Danke.
      Fantasy ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.
      Albert Einstein
    • Das ist sehr berührend geschrieben. Eine Geschichte, die man nicht lesen sollte, wenn man selbst in einem dicken Tief steckt, obwohl sich am Ende alles zum Guten fügt. Zumindest für die beiden.
      Mir gefällt, dass sie namenlos bleiben und auch der Handlungsort nicht genannt wird. Namen sind mir hier nicht wichtig, denn vordergründig regieren hier Gefühle.
      Die Traurigkeit, die du beschreibst, greift förmlich auf den Leser (= mich) über und lässt ihn (mich) ebenfalls diese schlimme Leere fühlen, und er kann ihren Todeswunsch verstehen.
      Hintergrundszenario deutest du nur an, aber auch das hat hier nicht wirklich einen hohen Stellenwert. Ich vermisste es zumindest nicht.

      Alles in allem sehr schön mit sehr treffenden Beschreibungen, einem sehr bildhaften Stil.
      Gefällt mir!! :thumbsup:

      VG Tariq
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • Uff...
      Ich glaube, ein jeder kennt das Gefühl von Einsamkeit, welches zu düsterer Stunde Körper und Geist in seine Fänge zieht und einen in die Dunkelheit reißt, aber ich hätte nie gedacht, dass man eine so grausige Emotion so schön darstellen kann. Ich bin fasziniert darüber, wie all diese schönen Beschreibungen der Umgebung so mit dieser Trauer und dem Leid harmonieren.
      Trotz der wenigen Informationen zu dem " Wieso, weshalb, warum" kam es mir so vor, als hätte ich diese Situation mit erlebt.
      Mir fehlen glatt die Worte, um zu beschreiben, welche Gefühle du in mir geregt hast.

      Liebe Grüße

      Laelia
    • Ich weiß gar nicht, was ich zu so positivem Feedback sagen soll, außer dass mir dabei das Herz aufgeht, wenn meine Worte jemanden so berühren konnten. D: Dann hat diese Geschichte genau das geschafft, was ich damals wollte.
      Ich hoffe, die Klausurenphase ist bald vorbei, damit ich mal wieder zum Schreiben komme. xD
      Kurzgeschichten sind bei mir immer nur entstanden, wenn mir die Geschichte richtig unter den Nägeln gebrannt hat. :hmm: An sich würde ich aber auch gerne mal wieder eine machen.
      [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

      Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
      Himmelsjäger [Neufassung]

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von kalkwiese ()