Noch mehr Sinistre Stories

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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 1)

      »Er muss irgendwo sein, keine Ahnung, wie er von den Wärmebildsensoren verschwunden ist ..."
      Ella McElroy, meine Operatorin klingt ziemlich ratlos, was mir ein Grinsen entlockt. Ich liebe sie, ja wirklich. Ich liebe sie wirklich mit allem was dazugehört, aber sie ist so schlau, manchmal einfach zu schlau. Da tut es ab und zu einfach gut, zu hören, wie selbst dieses wunderschöne IQ-Monster ratlos ist.
      Umso schöner ist es, wenn man selbst eine gute Ahnung hat, was vorgeht.
      Die R.E.D. Agentur, also der Laden für den Ella und ich seit einiger Zeit arbeiten, hat den prestigeträchtigen Auftrag bekommen, einen Diebstahl im Amerikanischen Naturkundemuseum zu verhindern. Es liegt am Manhattan Square und umfasst ganze vier Blocks, dürfte also mit, wenn nicht sogar das größte Museum dieser Art weltweit sein. Zudem spielen mein Chef, Sir Ryutan Eternium Drago VI - ziemlicher Angebername, ich weiß - und der derzeitige Leiter des Museums, Willibald Arthur Windem, regelmäßig zusammen Golf.
      Und ja, ich weiß, dass die Nachts im Museum-Reihe mit Ben Stiller genau hier spielt. Sollten also irgendwelche lebendig werdenden Dinos auftauchen, werde ich das wohl aus erster Hand erfahren. Bislang war in dieser Beziehung aber wortwörtlich jurassisch tote Hose.


      Das Exponat, ein hochtrabender Ausdruck für Ausstellungsstück, auf das es der oder die Diebe angeblich abgesehen haben, ist ein verzierter Stecken, der irgend einem lange toten Großfürsten oder noch länger toten Kleinkönig gehört haben soll - für solche unwesentlichen Details habe ich ja Ella, wenn ich es ganz genau wissen muss.
      Woher man genau weiß, dass es um dieses und nur dieses Stück geht, hat Sir Drago uns genauso wenig verraten, wie einen Hinweis, wen wir denn in diebischer Mission zu erwarten haben. Normalerweise gebe ich mich mit so wenig Infos ja nicht zufrieden, aber Sir Drago hat so eine Art, bei der sogar ich ab und zu einfach nicke und tue was er, natürlich ausgesucht höflich, wie immer, mich bittet zu tun.
      Wo ich jedoch an meine moralischen Grenzen stoße, ist, wenn er mir nach der Einsatzbesprechung eine vertrauliche Nachricht zukommen lässt, dass ich womöglich gar nicht imstande sein werde den Dieb zu fangen und dass das auch nicht unbedingt erwünscht ist.
      Vorsichtige Nachfragen bei Ella haben mir gezeigt, dass sie davon nichts weiß und es geht mir gegen den Strich sie im Unklaren zu lassen. Allerdings kenne ich Sir Drago inzwischen schon etwas besser und wenn er etwas vertraulich halten will, hat das in aller Regel verdammt gute Gründe. Mir fiel nur kein einziger ein, bis gerade eben.
      Auch wenn ich es oft mit Wesen zu tun habe, die wirklich coole Dinge können, manche würden sie sogar als un- oder übernatürlich bezeichnen, ist die Fähigkeit mal eben so von jetzt auf gleich seine Wärmesignatur vollkommen zu verbergen ein echt starker Trick. Nicht mal in meiner Zeit als Vampir hätte ich gerade eben noch als warmblütiger Zweibeiner erscheinen können und in der nächsten Sekunde meine Körpertemperatur auf Umgebungsniveau anpassen können.
      Selbst paranormale Wesen brauchen Zeit um ihre Körper solche Kunsttücke vollbringen zu lassen. Es gibt da allerdings Ausnahmen, nämlich Nutzer arkanistischer Energie, oder um es mit normalen Worten zu sagen: Zauberer.
      Vielleicht hätte ich mir doch mehr Hintergrundinfos, über den Stab holen sollen? Vielleicht ist das ja ein Zauberstab oder so was, aber nichts desto trotz, bedeutet das nicht, dass ich den Typen mit seiner Beute entwischen lasse. Zauberwirker sind zwar eine harte Nuss, aber es ist ja nicht so, als ob ich gar keine Erfahrung hätte, mit ihnen klarzukommen.
      Ich klebe weiterhin unter der Decke, meine Beine gut zwischen den Deckenstreben eingehakt, meine Armbrust im Anschlag genau in die Richtung des mumifizierten Knilches auf seinem Thron, der seinen Stab locker auf seinen Knien liegen hat und aussieht als wäre er jederzeit bereit danach zu greifen. Natürlich würde er es nicht tun - hoffentlich - weil er eben eine tote und keine untote Mumie ist - noch hoffentlicher!
      Die Armbrust habe ich meinen sonstigen Schusswaffen schweren Kalibers vorgezogen, weil Schüsse im Museum unweigerlich die Polizei auf den Plan rufen würden, etwas, was ausdrücklich von allen Seiten unerwünscht ist, einschließlich der Polizei, auch wenn sie davon nichts weiß.
      »Keine Sorge, Süße. Ich hab den Stab genau im Blick. Ganz egal wie unsichtbar der Bursche ist, der sich anschleicht, sobald der Stab auch nur zuckelt, weiß ich, wohin ich zu schießen habe.« Mein Spezial-Kehlkopfmikro übersetzt das leise Brummen für Ella in gut verständliche Sprache.
      »War ja klar, dass es dir noch besser gefällt, wenn es schwer wird! Außerdem sollst Du mich nicht so nennen, unsere Gespräche werde doch aufgezeichnet!« Beinahe sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie sie sich die Hand vors Gesicht hält und mit ihrer Verlegenheit kämpft.
      Ich verdrehe kurz die Augen. Als ob es noch irgendjemand geben würde, der unseren Missionsfunk zu hören bekommt und der nicht über unsre Beziehung im Bilde wäre ...
      »Hey, ich wittere etwas. Gleich geht's los.«
      Beast, eine Art Fluch, Geist oder auch was völlig anderes, was sich mit mir meinen Körper und inzwischen wohl auch den Geist teilt, knurrt warnend. Er kann unsre gemeinsamen Sinne, gerade die ursprünglichen und wilderen, weit feiner wahrnehmen als ich selbst, und während er mich meist die sozialen Tagesgeschäfte ohne Einmischung führen lässt, ist er bei einem drohenden Kampf immer hellwach an meiner Seite.
      Ich sehe, wie etwas über den sitzenden Typ geworfen oder vielleicht auch einfach vor ihn geschoben wird, als er auch schon samt seinem begehrten Stab wie von einem Schatten verschluckt wird.
      Ohne zu zögern drücke ich ab und schieße beide Bolzen beinahe zugleich ab, nur etwa 50 Zentimeter versetzt, einfach um die Trefferchance zu maximieren.
      Ich höre einen Aufschrei, eher überrascht als schmerzerfüllt und löse erfreut meine Beine und lasse mich die sieben Meter von der Decke herabfallen. Natürlich könnte ich einen halben Salto schlagen und in einer hollywoodreifen Dreipunktlandung aufkommen. Aber auch, wenn das sicher eine hohe Style-Bewertung geben würde, ist so was doch sehr voraussehbar.
      Mein Gegner sieht das wohl genauso, denn noch während ich auf den Hallenboden zurase, löst dieser den tarnenden Schatten um sich auf und macht einen Satz auf genau die Stelle, wo ich aufkommen würde, den verzierten Stab bereits wie einen Speer in meine Richtung stoßend.
      Ich blinzle, einen der ganz wenigen magischen Tricks, die ich inzwischen besser beherrsche als sogar ausgewiesene Magier, und komme unmittelbar hinter der Gestalt auf und das sogar sicher auf meinen Beinen stehend. Magie ist einfach eine tolle Sache.
      Ohne einen Augenblick zu verschwenden trete ich nach den Beinen des Diebs, in der sicheren Erwartung, den Strolch gleich auf dem Boden vor mir und ihn mit einem Griff am Kragen zu haben.
      Doch mein Tritt wird mit einem leicht erhobenen Bein abgefedert und bringt meinen Gegner zwar ins Wanken aber nicht zu Boden.
      Instinktiv werfe ich mich zur Seite und entgehe haarscharf einem Streich mit dem Stab, der mich sonst an der Schläfe getroffen hätte.
      »Scheiße, ist der schnell!«, entfährt es mir widerwillig bewundernd.
      Ich rolle mich über die Schulter ab und während ich hochkomme zücke ich die beiden Tonfas, die neben meinen Krummdolchen in der erweiterten Scheide stecken. Auf Verlangen des FBIs, mit denen ich schon ab und zu aus Versehen aneinandergeraten bin, bin ich dazu übergegangen meine Lieblingswaffen erst zu verwenden, wenn ich ganz sicher bin, dass mein Gegner sie auch verdient.
      »Greifen Sie, wenn möglich, auf weniger letale Bewaffnung zurück, Agent Alabastra«, war Carmichaels Anweisung diesbezüglich gewesen. Auch wenn ich und der Leiter unsrer Operationen uns nicht immer einig sind, komme ich doch in diesem Fall seinem Wunsch nach.
      Mal ehrlich: Ob ich jemand mit einem Gummi ummantelten Stahlrohr den Schädel einschlage oder ihn mit meiner Klinge halbiere, das macht im Ergebnis gar nichts aus. Wenn es unsren guten Willen gegenüber den Behörden demonstriert mit denen wir leider manchmal kooperieren müssen, dann soll es eben so sein.
      Noch bevor ich wieder sicher stehe muss ich einen weiteren Hieb parieren. Woher ich die Gewissheit habe weiß ich nicht, aber ich spüre, dass der harte Treffer, so sehr der auch meine Arme erschüttert, eher verspielt als tödlich gemeint war.
      »Sœnᴂstrᴔl!« (etwa Sowanestreel gesprochen)
      Die Stimme klingt so vertraut wie der Name, auch wenn ich bereit bin zu schwören, ihn zuvor noch nie gehört zu haben. Verdutzt lasse ich meine Deckung sinken und zu meinem Entsetzen bin ich nicht einmal überrascht, dass diese Nachlässigkeit nicht umgehend bestraft, sondern nur mit einen spielerischen Klaps gegen meine Schulter zur Kenntnis genommen wird.
      »Sinistre, ich heiße Sinistre«, erkläre ich während ich das Gesicht des Angreifers studiere, von dem die schützenden Schatten wie Wasser abgleiten.
      »Sinistrel, auch gut. Ist für sterbliche Zungen vermutlich leichter, aber irgendwie vermisse ich den Klang dabei, der Deinen Feinden die Gottesfurcht in ihre Glieder jagt ...«
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

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      Tom Stark schrieb:

      Das Exponat, ein hochtrabenden Ausdruck für Ausstellungsstück,
      hochtrabender

      Tom Stark schrieb:

      Selbst paranormales Wesen brauchen Zeit um ihre Körper solche Kunststücke vollbringen zu lassen.
      Da muss wohl das s weg ^^
      Und da muss es hin ;)

      Tom Stark schrieb:

      »War ja klar, dass es dir noch besser gefällt, wenn es schwer wird! Außerdem sollst Du mich nicht so nennen, unsere Gespräche werde doch aufgezeichnet!«
      Fand die Variante in der Umgangssprache hier etwas unpassend, könntest du aber auch so stehen lassen ^^


      Im Spoiler sind so ein paar Kleinigkeiten aufgelistet, nichts wirklich dramatisches. ^^



      Tom Stark schrieb:

      Natürlich würde er es nicht tun - hoffentlich - weil er eine tote Mumie und keine untote Mumie ist - noch hoffentlicher!

      Tom Stark schrieb:

      Natürlich würde er es nicht tun - hoffentlich - weil er eine tote Mumie und keine untote Mumie ist - noch hoffentlicher!»Greifen Sie, wenn möglich, auf weniger letale Bewaffnung zurück, Agent Alabastra«, war Carmichaels Anweisung diesbezüglich gewesen.
      :rofl: Wirklich sehr genial ^^

      Ich mag deinen Schreibstil, auch wenn mir Ich-Erzähler normalerweise nicht so gut gefallen, aber das liest sich sehr flüssig und vor allem so als ob es wirklich passieren könnten, wenn man von dem Übernatürlichen Faktor absieht.

      Immer weiter so, ich hoffe ja das ist ne Fortsetzungsgeschichte, hast mich jetzt nämlich hungrig auf mehr gemacht. :thumbsup:
      :stick:
      Ja, ich werde in die Hölle kommen.
      Und dann verlässt der Teufel seinen Thron und flüstert,
      sich demütig verbeugend:
      "Willkommen zurück, Meister."
    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 2)

      Der Mann, welcher sich aus dem diffusen Schatten herausbildet ist nicht einmal übermäßig groß, vielleicht einen Kopf größer als ich selbst, doch seine schlanke geschmeidige Art lässt ihn unwillkürlich größer und raubtierartiger erscheinen. Sein Gesicht ist markant geschnitten und von einer Symmetrie, wie man sie von Statuen kennt, aber ganz sicher nicht von einem Menschen. Die blauen Augen scheinen von innen heraus zu leuchten und eine Art Halo umgibt sein Gesicht, wodurch es schöner als schön wirkt, ich gebe zu mir fehlt die poetische Ader für die richtigen Worte. Einerseits kann man sich kaum abwenden vor Staunen, andererseits jagt die Makellosigkeit der stoppellosen Wangen einem einen Schauder über den Rücken, als würde man in das geifernde Maul einer tobenden Bestie blicken.
      In seinem dunkelgrauen Battle-Suit wirkt er vermutlich auf jeden unbeteiligten Beobachter wie ein Mann der Security. Ich wette genau diese Tarnung hat auch dafür gesorgt, dass er so leicht an den ganzen Sicherheitsschleusen vorbeigekommen ist.
      »Hey, Sin, SIN! Sag was, mit wem redest Du? Ich höre außer Dir keinen!«
      Ellas leicht panischer Unterton rüttelt mich auf und automatisch bringe ich mit einem Sprung einige Meter Abstand zwischen mich und den Dieb.
      »Oh, eine Partnerin, wie süß. Dir ist natürlich klar, dass sie mich weder sehen noch hören kann, wenn wir es nicht wollen? Irgendwann musst Du mich Deiner kleinen Freundin vorstellen.«
      Sein Tonfall ist womöglich gar nicht so überheblich, wie er mir vorkommt, aber allein schon die Andeutung genügt mir vollkommen um in die Offensive zu gehen.
      »Funkstille ...« hauche ich heiser in mein Mikro und bereite mich auf meine nächsten Schritte vor.
      »Und Du bist ..., ach, es ist eigentlich egal, wer Du bist. Leg den Stab weg und verzieh Dich sonst nehme ich ihn Dir ab und das wird mit Sicherheit eine unschöne Sache.«
      Mit einer hundertfach geübten Bewegung verstaue ich die Tonfas und zücke meine Dolche.
      »Stur wie eh und je. Also schön, lass uns es auf die alte Weise austragen.«
      Normalerweise liebe ich eine Herausforderung und Beast noch viel mehr. Doch der knurrt nur leise in höchster Konzentration und ich spüre wie er mir alles an Kraft zufließen lässt, was er zu bieten hat. Ich weiß genau, dass meine Augen ihr Blau vollends verloren und in bernsteingelb meinem Gegner entgegenblicken. »Du bist gewarnt!«
      Überrascht von meinem konsequenten Angriff auf seine rechte Schulter springt er in einer unmöglichen Pirouette weg, wie man sie eigentlich nur aus diesen übertriebenen Asia-Matrial-Art-Streifen kennt, nur möglich durch Hilfsdrähte, Minitrampoline und raffinierte Kamaraschnitte. Es ist als ignoriert der Fremde die Schwerkraft völlig.
      Er kommt breitbeinig auf und sein Kopf fährt herum. Ebenfalls bernsteinfarbene Augen funkeln mich nun an.
      Ich will gerade Ella bitten, mir ein fetziges Stück, vielleicht etwas Heavy Metal-mäßiges auf die Ohren zu geben, als ich sehe, wie er leicht hin und her wippt und tatsächlich, er singt vor sich hin.
      »Through smoke and fire, shot and shell,
      straight into the very halls of hell,
      But we shall stand and we shall stay
      Over the skies and far away ...«
      Um seine Stimme würde ihn sicher jeder menschliche Sänger beneiden, ich für meinen Teil muss mein ganzes Können ins Feld führen um nur seiner ersten Offensive standzuhalten.
      Zwei kurze, extrem schnelle Stöße nach meinem linken Knie entgehe ich durch eine halbe Drehung und eine Sprungrolle nach vorne. Ich will den Schwung nutzen um ihm eine Schnittwunde am Oberschenkel beizubringen, doch er zieht seinen Stab so schnell zurück, dass meine Schneiden nur am Holz entlang schaben.
      Ich komme wieder auf die Beine, wirble herum und kann gerade noch meine gekreuzten Dolche überm Kopf zur Parade hochbringen. Dieser Schlag hatte nichts Spielerisches mehr und ich muss in die Knie gehen um die Wucht zu ertragen ohne meine Waffen zu verlieren.
      »O'er the hills and o'er the main,
      through Deserts, Oceans, Storm and Rain.
      Our Lord commands and we obey,
      Over the skies and far away.«
      Sein Tritt kommt schnell wie der Biss einer Kobra, aber ich hätte genau dasselbe gemacht, daher rolle ich mich zur Seite und trete meinerseits mit aller Kraft nach seinem Standbein. Es ist als ob ich einen Betonpfeiler trete, aber ich habe auch schon solche so zerstört, also bleibe ich auch hier nicht ohne Wirkung.
      Das Bein meines Gegners knickt leicht ein, doch anstatt ihn damit auf den Boden zu zwingen, entkommt er mir wieder durch diese physikalisch völlig unmögliche Pirouette.
      »When duty calls, we have to go,
      to stand and face the darkest foe.
      Willing or not, I have 'bye to say,
      Over the skies and far away.«
      Ich setze nach, habe nicht vor ihn zur Ruhe kommen zu lassen, doch meine wilden Angriffe finden ihr Ende immer kurz vor seinem Körper am Holz dieses Stabs, das offenbar so stabil wie geschmiedeter Stahl ist und bisher nicht einmal einen Kratzer aufweist.
      Er lässt mich ein halbes Dutzend Hiebe setzen, atmet dabei konzertiert aber nicht merklich schneller, wobei ich merklich außer Puste komme und ordentlich ins Schwitzen gerate. Es gibt nicht viele Momente, wo ich mir die Vorteile des Untotsein zurückwünsche, aber die schier grenzenlose Ausdauer eines Vampirs hat durchaus seine Vorzüge.
      »O'er the hills and o'er the main,
      through Deserts, Oceans, Storm and Rain.
      Our Lord commands and we obey,
      Over the skies and far away.«
      Unwillkürlich passe ich meine Bewegungen der Melodie an, so wie auch er es tut, wenngleich wir unsere Betonungen deutlich unterschiedlich setzen.
      Ich ahne den heran wirbelnden Stab mehr, als dass ich ihn sehe und entgehe einem oder gar beiden gebrochenen Beinen nur durch einen senkrechten Satz in die Höhe.
      Auch mein Gegner springt ab und wieder dreht er sich dabei um seine eigen Achse, als hinge er an unsichtbaren Fäden.
      Normalerweise vermeide ich es ja meine besten Tricks zu oft einzusetzen, aber was sein muss, muss eben sein. Ich blinzle und tauche unmittelbar hinter meinem Feind auf. Ohne zu zögern ramme ich ihm den linken Dolch mit aller Wucht in die Rippen und hämmere den Griff des Rechten auf seinen Hinterkopf.
      Egal wie schnell er bisher war, das hat er nicht kommen sehen, oder er ist in der Luft doch nicht ganz so beweglich.
      Ich spüre wie sein Kopf nach vorne ruckt, allerdings auch, wie meine Hand taub wird, als hätte ich wieder gegen Stahl geschlagen.
      Mein Dolch trifft auf Widerstand, stößt aber letztlich durch. Es gibt wenig mächtigere Nahkampfwaffen als meine beiden alten scharfklingigen Freunde und ich habe mit ihnen sogar schon Stücke aus einem Golem geschnitten, etwas, was gemeinhin aus unmöglich gilt.
      Natürlich erwarte ich, dass mein Gegner nun inne hält, wieder auf den Boden fällt, wenigstens aber irgendwie in Schräglage gerät. Was ich nicht erwartet habe, ist dass er sich unaufhaltsam weiter nach oben schraubt und mich unterm Dach zwischen den Trägern wie ein lästiges Insekt einfach abstreift.
      Und noch etwas hätte ich nie erwartet, etwas was ich in der halben Sekunde gefühlt hatte, als ich auf seinem Rücken hing: Flügel.
      »If I'd ever fall, I'd rise no more,
      As many fellows did before,
      The price of fall I'll never pay,
      Over the skies and far away.«
      Als er wieder landet schaut er nach oben und sieht, wie ich zwischen den Deckenverstrebungen ein wenig versuche Luft zu holen.
      Seine Linke fasst an seine Rippen und er mustert das goldene Blut, was er danach auf seiner Handfläche findet, mit einer eigenartigen Mischung aus Interesse und Bewunderung.
      »Das war ... unerwartet und ... hinterhältig! Wann hast Du gelernt wie ein Gossenschläger zu kämpfen?« Er klingt begeistert, was mich wiederum gar nicht begeistert. Ok, er blutet und ich noch nicht. Normalerweise läuft ein Kampf recht gut für mich, wenn das so ist. Aber das verdammte Blut ist golden und der Schönling sieht immer noch aus, als hält er das für eine Art freundschaftliches Sparring.
      »Ich sehe, Du bist verwirrt. Ich merke zudem, dass etwas mit Dir nicht ganz stimmt. Deine Bewegungen sind nicht eins, als ob zwei Geister versuchen sie zu lenken.«
      Betroffen starre ich nach unten. Nicht wegen der Kritik an meinem Kampfstil, damit kann ich leben - meine schärfsten Kritiker leben nämlich inzwischen nicht mehr, soviel dazu. Aber so nahe dran, wie es in mir aussieht, ist mir noch keiner nach kaum zwei Minuten Bekanntschaft gekommen.
      »Scheiße, wer BIST DU?«, entfährt es mir, auch wenn ich die Antwort zugleich fürchte aber auch schon zu kennen glaube.
      Er lässt den Stab sinken und in seinen Händen schrumpft er auf Taschenlampengröße zusammen. Nachlässig verstaut er ihn am Gürtel und für eine Millisekunde meine ich ein Schwert an seiner Seite zu erkennen, nicht so ein Katana oder eines der modernen übergroßen Kampfmesser, sondern eines dieser mittelalterlichen Langschwerter mit doppelter Parierstange und dem ganze Zeug. Verärgert schüttle ich meinen Kopf. Der Junge bringt ja meine ganze Weltsicht durcheinander.
      »Du weißt es wirklich nicht mehr? Was hat man Dir nur angetan, alter Kamerad!«
      Ziemlich sauer lasse ich mich wieder fallen - und für alle stilbewussten Bewunderer ,diesmal wird es eine astreine Dreipunktlandung.
      »Schau, Sœnᴂstrᴔl, ich brauche den Stab. Ein russischer Oligarch hat einen Pakt mit einer Baba Yaga angeleiert und nur mit dem Stab habe ich die Möglichkeit sie aus dem Verkehr zu ziehen ohne den ganzen Landstrich mit Feuer und Schwefel zu überziehen.«
      »Hä?« Ja, schon gut, mir ist klar, dass ich in gewissen Situationen ein wahres Wunder an literarischer Ausdruckskraft bin.
      »Ich bräuchte sonst etwas von der Zerstörungskraft von etwa 10 Megatonnen. Die dabei unvermeidlichen Kolateralschäden würde ich sehr gerne vermeiden.«
      Das muss ich erst einmal verdauen. Natürlich bleibt da noch die Frage ob er die Wahrheit ... scheiße, nein, ich glaube ihm aufs Wort. So einen Müll denkt sich doch sonst keiner aus, der ... naja, Flügel hat, oder?
      »Though kings and tyrants come and go
      A guardian's life is all I know
      I live to keep and save the day
      Over the skies and far away.«
      Als er seine Strophe leise zu Ende gesungen hat, nicke ich und gebe mit einem demonstrativen Schritt zur Seite den Weg frei.
      »Bring ihn einfach wieder, wenn Du ihn nichtmehr brauchst, ok?« Ich zucke die Schultern.
      Er grinst zur Antwort und die Art, wie der eine Mundwinkel höher zuckt als der andere, kommt mir viel zu vertraut vor.
      »Geht klar. Will schließlich nicht, dass SEIN Schatten auf mich fällt.« Er zwinkert mir zu und seufzt vernehmlich, als er sieht, dass ich keine Ahnung habe, wovon er da redet.
      »Ich komme Euch besuchen, wenn ich damit fertig bin. Wie ich schätze, muss ich Dir ein paar Sachen erklären. Zudem muss ich die Sterbliche kennenlernen, die das Herz meines Kameraden in Bande geschlagen hat.« Beinahe zucke ich zusammen, als er mich freundschaftlich umarmt. Diese Geste wirkt viel zu vertraut und ich muss mich zusammen nehmen, ihm nicht schon aus Prinzip in die verwundete Seite zu klopfen, ganz kameradschaftlich natürlich.
      Er spannt sich an und ich bin nicht überrascht, wie er sich in die Luft erhebt. Und bevor jemand fragt, nein, ich spüre weder einen Luftzug, noch höre ich irgendwelche Flügel schlagen. Tatsächlich bin ich fast soweit zu glauben, die habe ich mir nur eingebildet. Blöd nur, dass ich nicht dazu neige mir Dinge einzubilden, schon gar nicht solche.
      »Ach, ich bin übrigens Mᴔchӕl, falls Du noch nicht selbst darauf gekommen bist.«
      Sein Name dröhnt mir wie ein Gong in den Ohren und mir ist völlig klar, dass ich dabei bestmöglich wegkomme.
      Bevor ich nochmal blinzeln kann ist er wieder von Schatten bedeckt und vor meinen Augen verschwunden.
      So eine Kacke.
      Was schreibe ich nur in meinen Missionsbericht?



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      song inspiriert by
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Tom Stark schrieb:

      Es gibt wenig mächtigere Nahkampfwaffen als beiden meine alten scharfklingigen Freunde
      als meine beiden


      Wieder mal ein sehr schönes Stück von dir. Fand den Anfang von Teil zwei vermutlich sogar am besten bisher. Die Auflösung lässt ein paar mgliche Schlüsse zu, weiß aber noch nicht, wie mir das gefällt.
      - Große Männer werden im Feuer geschmiedet. Das Privileg der Kleineren ist es, das Feuer zu entfachen. -

      - nur ein Irrer steigt in das Raumschiff eines Verrückten -
    • Tom Stark schrieb:

      »Scheiße, wer BIST DU?«, entfährt es mir,
      Genau das ist die Frage, die auch mich beschäftigt. Okay, vielleicht ohne 'Scheiße', aber ich will auch wissen, wer das ist, Tom!!!
      Wie kannst du nach so einer Stelle nur abbrechen? Und so lange nicht weiterschreiben????
      Nu aber :stick:
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 3)

      »Ein Engel? Sie haben Sie ja nicht mehr alle, Agent Alabastra. Ich wusste, der Tage würde kommen, aber dass er ausgerechnet heute kommen …«
      Carmicheal, mein Einsatzleiter bei R.E.D. bricht ab, als Sir Drago den Raum betritt. Wie so oft, füllt seine Präsenz sofort den ganzen Raum und instinktiv spannt sich Beast in meinem Innern an und hält dagegen. Ich selbst habe ja wenig für diesen esoterischen Mist übrig, von Aura, raumeinnehmender Persönlichkeit und all diesem Kram. Wenn jemand sich als Herr des Universum sehen will und so auftreten mag, mir nur recht. Da übersieht man leicht mich, die gerade Schwung holt, um dem Großkotz mit Anlauf in den Arsch zu treten. Aber wenn mein Beast dagegenhält, halte ich ebenfalls dagegen. So ist das nun mal unter Partnern.
      Während Carmicheal unwillkürlich seine Schultern hochzieht und hastig aufspringt, stehe ich nur etwas aufrechter und verschränke herausfordernd die Arme, stelle mich dabei halb schützend vor Ella, die jedoch nur erfreut lächelnd aufsieht. Gegen solche Präsenzspielchen ist meine Partnerin völlig immun, war sie schon immer. Kann sie allerdings auch, kostet es sie doch nur ein Lächeln, um sofort die gesamte Spannung im Raum aufzulösen.
      Dann ist der ganze Spuk auch schon vorüber.
      Eugene Carmichael, selbst ein knochenharter Ex-Geheimdienstler, hat sich dem Chef unterworfen. Zwischen Sir Drago und mir bzw. mir und Beast in Personalunion besteht die freundschaftliche, unausgekämpfte, offene Frage, wer im Raum der Boss sein würde, wollten wir es wirklich darauf anlegen, es herauszufinden. Vermutlich Drago, wie selbst Beast mit einem mürrischen Knurren eingestehen würde. Ich als zweiter Teil unsrer Personalunion hingegen, habe gar kein Problem mit Sir Drago. Er zahlt gut und pünktlich, fördert und beschützt Ella, wo und wenn es drauf ankommt und hat mir noch nie einen Killer hinterher geschickt, wenn wir mal unterschiedlicher Auffassung bei der Erledigung eines Auftrags waren. Tatsächlich ist er damit der beste Arbeitgeber, den ich mir vorstellen kann. Wäre doch eine Schande, es mit ihm wegen irgendeiner Art Macho-Gehabe zu verderben.

      »Sie haben ihn also tatsächlich gesehen und sogar verwundet.« Sir Dragos Tonfall klingt beinahe … eifersüchtig?
      Ich hebe eine Schulter und löse meine Arme aus der Verschränkung. »Wobei ich aber das Gefühl hatte, dass ich die Einzige in diesem Kampf war, die irgendwem Schaden zufügen wollte. Das ist schon ein verdammt unfairer Vorteil. Könnte gut sein, dass der Kerl mich sonst einfach auseinandergenommen hätte und meine Einzelteile beiläufig im ganzen Museum verteilt hätte.«
      Sir Dragos linke Augenbraue wandert nach oben, auch bin etwas überrascht von meinem Geständnis. Wo kam das auf einmal her? Ich knurre innerlich Beast an, der mich offenbar auf diesen Gedanken gebracht hat. Einfach absurd. Notfalls hätte ich immer noch fliehen können. Beast, seit wann bist Du so ein Weichei?

      »Wie dem auch sei. Ich bin ,wie sie, geneigt dem Wesen zu glauben, dass es den Stab zurückbringen wird. Ich werde dem Museumsleiter diese Zusicherung geben und er wird sich in Geduld üben.«
      Wieder keine Frage, einfach eine Feststellung einer Tatsache.
      Ich sehe, wie Carmichael seinen Boss seltsam anschaut. Die beiden arbeiten eng zusammen, ich gehe sogar soweit zu behaupten, sie sind befreundet, so wie der Boss es eben mit seinem leitenden Angestellten sein kann, aber ich wette, nicht einmal der alte Geheimdienstler hat wirklich eine Ahnung, wie weit Dragos Einfluss reicht.
      Mir hingegen ist das völlig egal, einer der Gründe warum Sir Drago und ich uns so blendend verstehen. Ich schnüffle ihm nicht hinterher, er lässt mir meinen Freiraum.

      »Er hat Dich Sowanestreel genannt, Sin. Eine Idee warum?« Ellas Frage ist berechtigt, mir aber auch unangenehm.
      »Keine Ahnung, hörte den Namen zum ersten Mal.« Noch während ich das sage, merke ich, dass es zwar keine Lüge war, aber auch nicht die Wahrheit. Etwas in mir schwingt, pulsiert, erwacht, wenn ich den Namen versuche mit mir in Verbindung zu bringen.
      »Ach, Kacke, mit dem ganzen esoterischen Mist. Er hat gesagt, er besucht mich und Ella mal und erklärt mir dann so Einiges. Warten wir es doch einfach ab?«
      Die restlichen Personen im Raum schauen mich erstaunt an, ok, Sir Drago wirkt eher belustigt.
      »Aber willst Du denn gar nicht wissen, was der Engel gemeint hat?«
      Ella spricht es aus. Engel. Ich habe das Wort gemieden, wie der Teufel das Weihwasser, wie man so treffend sagt.
      »Wenn ich ganz ehrlich bin, nein. Das bringt mit Sicherheit einen Haufen Ärger mit sich, und es läuft gerade alles viel zu gut, als dass ich etwas daran ändern will. Und es ist gar nicht gesagt, dass er überhaupt ein Engel ist.«
      Die blonde Magierin grinst vielsagend, der grauhaarige Carmichael verdreht genervt die Augen und Sir Drago ist schon wieder auf dem Weg zu Tür. »Meine Damen, Eugene. Den Vorfall behalten wir fürs Erste unter Verschluss. Und nun habe ich ein wenig erfreuliches Treffen mit dem hysterischen Leiter eines Museums vor mir.«

      ---

      Als wir zuhause in der Kreuzung sind, wie wir unser kleines Anwesen aus verschiedenen Gründen nennen, löchert mich meine süße Elle immer noch mit Fragen nach Michael. Ihn Mᴔchӕl laut zu nennen oder auch nur so von ihm zu denken, kommt mir ein wenig seltsam vor, fast ein bisschen schmutzig. Als würde man in einem weißen Seidenkleid zum Schlammringkampf gehen, ich weiß, ein wirklich absurder Vergleich, aber Beast schickt mir seit der Begegnung mit dem Vielleicht-Engel einen Haufen neuer Impulse, mit denen ich erst einmal klarkommen muss. Er ist ziemlich aufgekratzt, wie mir scheint.

      »Süße, lass uns doch bitte das Thema wechseln.«
      »Warum denn?« Oh Mann, wenn Ella mal an etwas dran ist, verwandelt sich das liebe Mädchen auf einmal in einen Bluthund auf einer Fährte.
      »Weil ich auf Deine ganzen Fragen genauso wenig eine Antwort habe, wie Du, mein Schatz. Ehrlich, ich weiß nicht woher wir uns angeblich kennen und nein, ich kann mir nicht vorstellen, mal Seite an Seite mit ihm gekämpft zu haben. Das hört sich ja nach einer Armee an. Sag selbst, bin ich der Typ für einen guten Soldaten, der brav in Reih und Glied marschiert?«
      Nun muss sogar Ella lachen. »Nein, echt nicht. Du bist eher so John Wayne Einzelgängertyp.«
      Ich grinse zurück. »Ich hatte eher an Indiana Johnes gedacht, mit einem rattenscharfen blonden Sidekick, diese Art hochgebildete, superschlaue Schöne, die ständig gerettet werden muss.«
      Ihre Augen funkeln, während sie Richtung Badezimmer verschwindet.

      »Vielleicht muss ich gleich gerettet werden, in zwei Minuten oder so …«, höre ich es nach einer Weile aus dem Bad, etwas gedämpft durch das Geräusch einer angestellten Dusche.
      Was soll ich sagen?
      Ich schaffe es sogar in deutlich unter zwei Minuten.
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      Tom Stark
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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 4)

      Als ich erwache, fühle ich den harten Boden unter mir.
      Harter Boden?!

      Mein Blick fällt noch im Halbschlaf nach links, wo ich Ella erwarte, wie mir ihr niedliches, schlafendes Gesicht mit dem Ausdruck allen Friedens im Universum entgegenblickt.
      Was mich schneller wach bekommt als eine kalte Dusche, ist der dunkelbärtige Kerl, der mir aus dem Liegen zublinzelt. Seine Augen kommen mir vertraut vor, aber sein Gesicht, nie im Leben habe ich das gesehen.
      »Antilles. Schon wieder wach? Ich kenne niemand, der einen so leichten Schlaf hat wie Du. Was hat Dich diesmal geweckt?«
      Ich runzle kurz die Stirn. Antilles? Wie Wedge Antilles? Man hat mir schon schlimmere Namen gegeben, na schön. Aber wo ist Ella abgeblieben? Nicht, dass ich mir viel daraus machen würde, neben einem durchaus athletischen Burschen mit verfilztem Vollbart aufzuwachen, oder falsch gesagt, es macht mir nichts aus – komischerweise. Aber NICHT neben Ella aufzuwachen, dass müsste mich einfach in Panik versetzen, tut es aber nicht – noch komischerer Weise.
      Stattdessen lausche ich und höre ein Geräusch, was ich als herab kullernde kleine Steine identifiziere.
      »Da steigt jemand den Pass herab, mein König. Er ist ein geübter Kletterer und er ist nicht alleine.«

      Moment! Mein König? Und ich habe das gesagt? Ich!

      Der Mann neben mir grinst und nickt mir zu. »Hol ihn Dir, mein Bruder. Ich wecke unauffällig die Männer.«
      Ohne mich sehr zu erheben, nur auf allen Vieren, husche ich zwischen den Schlafenden hindurch. Es sind allesamt Männer, die meisten in schwere braune Umhänge gewickelt, ihre Köpfe auf gewaltigen Rundschilden. Ich sehe wie viele ein kurzes seltsam gebogenes Schwert in ihrem Arm halten, manch einer hat seine Hand locker in der Nähe eines Stoßspeers.
      Aichme, wird der Speer genannt, kommt es mir in den Sinn. Xiphos heißt das Schwert, Thorax und Knemides sind Brustpanzer und Arm wie Beinschienen. Aspis ist der große runde Bronzeschild, meinen habe ich gerade zurückgelassen, weil er zum Anschleichen einfach viel zu hinderlich ist. Überhaupt bin ich der Einzige im ganzen Trupp, der zwei Xiphoi mit sich führt und oft auf Aspis und Aichme verzichtet. Eine Eigenart, die mir den Rufnahmen Dolofonos eingebracht hat, was in etwa Kämpft als Schatten allein bedeutet.
      Ich husche gerade an einem Mann vorbei, der im Sitzen zusammengesunken ist, den Speer im Arm, den Mantel um seine kauernde Gestallt gewickelt, um sie gegen den eisigen Seewind zu schützen. Seine Hand zuckt vor und ergreift meinen Unterarm. Esklepiades, die Wache. Natürlich hat er nicht geschlafen. Er hat nur so getan. Warum sollte eine Wache auch in der Kälte herumlaufen, wenn sie ebenso gut im Sitzen den schmalen Zugang zu unsrem Tal im Auge behalten kann?
      »Antilles, Bruder. Wohin gehst du?«
      Er sagt es leise und für einen Beobachter ist es eher ein Murmeln im Schlaf.
      Ich deute stumm zum Felshang und deute an, mir jemand zu greifen.
      »Ares führe Deine Hand!«
      Mit dem traditionellen Kriegergruß lässt er mich los und ich husche weiter.
      Ich bin stolz, dass sie mich als einer der Ihren ansehen. Ursprünglich war ich ein Gefangener, ein Kriegsgefangener, als Sklave dazu ausersehen, den jungen Kriegern als Übungsgegner zu dienen. Aber ich bin gut, verdammt gut. Der Kriegergeist, der in meiner Seele wohnt, verleiht mir Kräfte weit über das hinaus, was ein normaler Mensch je leisten kann. Das haben sie gesehen und mich zu einem der Ihren gemacht. Dennoch bin ich nicht ganz wie sie. Der König hat es bemerkt und mich hingenommen, wie ich bin. Dafür gehört ihm meine Ergebenheit, dafür gebe ich mein Leben für ihn!

      Mein Leben? Heilige Kacke, was geht hier ab?

      Schon bin ich am Steilhang. Von fern sieht er unbezwingbar aus, und von nahem noch furchteinflößender. Auf der einen Seite der Hang, auf der anderen Seite der Abhang der direkt im Meer endet. Ein enger Pass, leicht zu verteidigen in eine Richtung, selbst mit so wenigen, wie wir sind, gegen so viele, wie der Feind mitgebracht hat.
      Doch ich kenne den Ziegenpfad. Ich bin der Kundschafter, es ist meine Aufgabe so etwas zu wissen.
      Also steige ich ihn empor, langsam, trittsicher, jedes Geräusch vermeidend.
      Ich komme bei einer Wegbiegung an, nicht mehr weit bis zur Lücke, die über die Steilwand auf die andere Seite führt. Dort, wo sie stehen: Zigtausende, Hunderttausende womöglich. Sie warten ab, warten auf den Morgen, um unsre Stellung erneut zu stürmen. Um sich erneut blutige Köpfe zu holen, denke ich sinister grinsend, falls wir ihnen überhaupt die Köpfe lassen, meine Brüder, ich und mein König.
      Da höre ich die Stimmen.
      »Dort entlang, wenn ihr leise seid, werden sie euch nicht kommen hören. Schon gar nicht im Schlachtgetümmel.«
      Ich erstarre. Diese Stimme, ich erkenne sie. Sie gehört Ephialtes aus Trachis. Er ist der Sohn des Eurydemus, dem Clanoberhaupt der Malier. Diese Narren wollten nicht standhalten, nicht für das kämpfen, was ihnen gehörte. Sie wollten sich lieber einigen mit dem Feind. Einigen! Als ob man sich mit Monstern einigen könnte.
      Ephialtes hatte mehrfach seine Stimme erhoben, lauter als sein Vater, bis Kretios, einer meiner Brüder ihn geschlagen hatte. Memme, wie er eine ist, zog er ab, unter den Drohungen, sich zu rächen und wilden Verwünschungen. So ein Maulheld!
      »Wehe, wenn Du uns betrügst, Malier!« Die Stimme hat einen schweren Akzent, sehr weit östlich, würde ich meinen.
      »Nein, bei den Parzen, ich sage die Wahrheit. Mir liegt so viel wie Eurem König daran, diese elenden Spartaner zu bestrafen.«

      Spartaner! Mich trifft der Schlag. Nun weiß ich auch, wo ich bin. Ich bin am Tor der Feuerquellen, den Thermophylen. Der Engpass, an dem die Griechen die Perser aufgehalten haben, bis sie verraten wurden. Mich zuckt es in allen Gliedern. Ich will vorstürmen, den elenden Verräter aufschlitzen und den verdammten Perser gleich mit. Doch dann ruft mich der Geist in meinem Inneren zur Einsicht.
      Ich muss den König warnen, ich muss meine Brüder warnen. Noch eine knappe Stunde bis der Sonnenwagen des Helios über den Himmel zieht.
      So schnell ich kann, ziehe ich mich zurück. Ich fliege beinahe den Hang hinab, springe oft ins Ungewisse, aber eines ist gewiss. Erreiche ich meine Brüder nicht rechtzeitig, ist alles verloren.
      Nicht nur meine 300 Brüder, auch die 1000 Tegeaten und Mantineer, 120 Männer aus Orchomenos, 1000 tapfere Arkadier, und noch einmal 2000 aus Korinth, Phleius, Mykene, Böotien und Thespiai. Sogar die 400 Thebaner, eigentlich ein feiges Pack, wären verloren, obwohl ich es denen zutraue, mit fliegenden Fahnen zum Feind überzulaufen. Theben eben, lange ist es her, dass Du die Hauptstadt der Welt warst und vergangen sind Deine tapferen Zeiten.
      Endlich erreiche ich das Lager. Wie durch ein Wunder, ermöglicht durch den unsterblichen Kriegergeist in meiner Seele, komme ich unbeschadet an.
      »Mein König. Wir werden verraten.« Ich muss tief Atem holen. »Die Malier führen die Perser um die Themophylen herum. Bei Morgengrauen werden wir eingekesselt.«

      König Leniodas überlegt lange, umringt von seinen Offizieren und Vertrauten. Ich bin geehrt, dazu zu gehören. Schließlich nickt er, als habe er Zwiesprache mit den Göttern genommen und nun eine Antwort erhalten. Sie gefällt ihm offensichtlich nicht, aber man wird nicht König von Sparta, indem man sich dem Notwendigen verweigert.
      »Korinthos«, ruft er seinen Herold herbei.
      »Gehe zu den Verbündeten, sage ihnen, sie sollen abziehen. Sofort. Sie sollen nichts mitnehmen, was ihre Flucht behindert. Wenn Helios seinen höchsten Stand hat, wird es hier keinen einzigen kämpfenden Griechen mehr geben. Das ist mein Befehl als Heerführer.«
      Der Herold zuckt zusammen, läuft aber dann los. Er ist es gewohnt, harte Befehle zu überbringen.
      »Und wir, mein König?« ,wage ich zu fragen, denn ich kenne meinen König viel zu gut. Viel zu ähnlich sind wir uns.
      »Ein Spartiate kehrt mit oder auf seinem Schild zurück, Bruder.« Er lächelt, spricht nur aus, was wir alle fühlen. Sieg oder Tod, keine Kapitulation, keine Gefangenschaft!
      »Wir werden standhalten. Wir werden den Rückzug der anderen decken und wir wollen hoffen, dass die Philosophen und Knabenbumser genug Zeit hatten, ihre Armee aufzustellen.«
      Damit meint er natürlich die Athener. Wir halten wenig von ihrer verweichlichten Lebensart, aber sie haben schon einige brillante Generäle hervorgebracht, die sogar ihren undisziplinierten Soldaten erstaunliche Erfolge bescherten.
      Der König berät sich mit seinem Heermeister und gemeinsam bestimmen sie die neue Taktik. Wir werden uns aufteilen, die Feinde weiterhin von Pass-Seite abwehren, aber 50 von uns werden im Steilhang Stellung beziehen. Die Perser werden einen hohen Blutzoll bezahlen müssen, doch dazu waren sie auch schon die letzten beiden Tage bereit.
      Alle Verbündeten sind bereits am Abziehen, einige sichtlich froh, den Befehl dazu bekommen zu haben. Die tapferen Arkadier murren zwar, aber es sind Bauern und Handwerker, bestenfalls dürftig ausgerüstet. Nur die Thesbier weigern sich. Was auch immer man von ihrem seltsamen Sonnen und Mondkult halten will, es sind tapfere, zähe Hunde und selbst ein Spartiate muss sich nicht schämen, an ihrer Seite zu kämpfen.

      »Antilles, Bruder.«, wendet sich Leonidas nun mich. »Viele Jahre warst Du nun mein Vertrauter. Dir gab ich meine Kinder zur Aufsicht, Dir überlies ich es wohlgemut, mir den Rücken zu decken. Ich hab einen letzten Befehl für Dich.«
      Stolz stehe ich bereit. Er will mich sicher voranschicken, ich soll mich unerkannt durch die Reihen der Perser bewegen und ein bestimmte Ziel ausschalten, womöglich sogar König Xerxes persönlich? Ein Selbstmordkommando, perfekt für jemanden, wie mich.
      »Du musst den Verräter jagen und hinrichten. Erzähle allen, was er getan hat, was wir hier getan haben. Lass nicht zu, dass man glaubt, man hätte uns ohne Hinterlist bezwungen. Räche uns und zeige ganz Griechenland, wie Spartaner mit Verrätern umgehen.«
      »Aber mein König …«, ich bin sprachlos. »Mein Platz ist an Deiner Seite?«
      Er lächelt und küsst mich. »Hätte ich einen leiblichen Bruder, er könnte mir nicht näher sein als Du es bist. Nun geh, und erfülle meinen Befehl. Lass unsere letzten Worte nicht von Ungehorsam vergiftet sein.«

      Mit Tränen in den Augen wende ich mich ab. Einige klopfen mir mitfühlend auf die Schultern, wieder andere rufen mir aufmunternd zu »Dolofonos, räche uns!«


      Jahre später, ich habe meinen Auftrag erfüllt und den Namen Ephialtes zu einem Schimpfwort und gleichbedeutend mit dem Fluch des Verräters gemacht, kehre ich zu den Thermophylen zurück.
      In ein flaches Stück des Steilhangs hämmere ich in tagelanger Arbeit mit großen Lettern jene Worte, die der Dichter Simonides von Keos viel trefflicher ersinnen konnte, als es mir je möglich wäre:
      „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dort, du hast
      uns hier liegen gesehen, ganz wie die Pflicht es gebietet.“

      ---

      Ich erwache keuchend. Mein Herz rast. Ich will nach meinem Schwert greifen, doch da schlüpft eine schlanke, zarte Hand in meine und drückt meine Finger sanft. Ellas verschlafene Stimme beruhigt mich sofort: »Schon wieder ein Alptraum, Liebste? Ich dachte, die Zeiten hätten wir endlich hinter uns …«
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      Tom Stark
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    • 8|

      Spoiler anzeigen

      Woah. DAS ist genau die richtige Unterhaltung nach einem langen Arbeitstag, der eigentlich ein Feiertag ist. Ein großer Pott Kaffee dazu und die Kuscheldecke ...
      Warum kann das kein Buch sein! Dann könnte ich jetzt umblättern und einfach weiterlesen! ||
      Ja, zu meckern hab ich - wie immer - nix. Auf Michael bin ich sehr gespannt. Wir treffen ihn doch nochmal, oder?
      Und dieser Rückblick, der uns mitten in die Schlacht bei den Thermopylen wirft, hat mich erstmal ganz schön verwirrt. Zumal Sin ja selbst auch erhebliche Orientierungsprobleme hat. Und seltsamerweise plötzlich ein "Er" ist ...
      Spannend. Auf jeden Fall. Weiter, weiter.

      Spoiler anzeigen

      Tom Stark schrieb:

      dass ich die Einzige in diesem Kampf war, der irgendwem Schaden zufügen wollte.
      "..., die irgendwem Schaden ..."

      Tom Stark schrieb:

      wenn ich den Namen versuche mir mir mir in Verbindung zu bringen.

      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 5)

      Es ist knapp nach 22 Uhr, als ich meinen Dodge Mauler in die 161ste lenke. Der Mauler ist ein aufgemotzter RAM 1500 PickUp dessen Front so verstärkt wurde, dass man damit vermutlich sogar in einen Panzer eine gewaltige Delle hineinfahren könnte.
      Den schweren Kühlergrill, oder vielmehr dessen blutigen Zustand, will ich im Moment aber lieber keinem Cop erklären müssen und schon gar nicht die beiden Monster auf der Ladefläche. Eines davon ist tot, hoffentlich, das andere wohlverschnürt und noch bewusstlos. Man trifft nicht oft Utlukkus in New York, eigentlich nicht einmal außerhalb Afrikas an, weswegen es mich nicht wundert, dass man R.E.D. eingeschaltet hat, um die seltsamen, albinoartigen, aufrecht gehenden Hyänen einzufangen.
      Die Männchen sind eigentlich nicht wirklich gefährlich, ziehen sich sofort zurück, wenn sich etwas nicht als Beute sondern als wehrhaft herausstellt. Na schön, für den durchschnittlichen New Yorker SIND sie gefährlich, wobei ich mehr New Yorker persönlich kenne, die denen Angst einjagen als umgekehrt. Liegt aber wohl an meinem Umgang.
      Die Weibchen sind eine ganz andere Liga. Fast zwei Köpfe größer, weitaus kräftiger und definitiv Alphas. Die reagieren auf alles und jeden ziemlich zickig, der nicht sofort kuscht oder nach einem leckeren Happen aussieht. Und da sie fast immer hungrig sind …
      Während ich also durch die Bronx kurve und versuche den abendlichen Streifen des NYPD auszuweichen, werde ich angerufen: Ella, wer sonst?
      Vielleicht zum ersten Mal in unsrer gemeinsamen Zeit bin ich versucht, ihren Anruf wegzudrücken. Sie geht mir inzwischen gewaltig auf den Keks mit ihrer Besessenheit von dem angeblichen Engel und welche Art Verhältnis er angeblich zu mir hat. Den ganzen Tag hat sie nachgeforscht und wird nicht müde, mir stündlich ein Update ihrer Erkenntnisse durchzugeben.
      Habe ich schon erwähnt, dass in meiner süßen Elle zu wenigstens 10% Bluthund-Gene stecken müssen?
      Tief seufzend nehme ich den Anruf an, natürlich. Es ist schließlich Ella!
      »Schatz, bevor Du wieder loslegst, kann das nicht bis später warten? Ich habe hier den Truck voll mit …«
      »Sin …, Sin!« Ihr drängender Tonfall lässt mich innehalten.
      »Das hier ist eine Konferenzschaltung. Carmichael und Deputy Chief Geradi sind zugeschaltet.«
      Ich verdrehe die Augen. Was habe ich nun schon wieder angestellt, angeblich! Kann denn eine hart arbeitende Ex-Vampirin nicht einen Tag in Ruhe ihrem Job nachgehen, ohne dass man ihr so lächerliche Dinge wie übertriebene Härte, mangelnde Diskretion und all die Kacke vorhält?
      »Hört mal, Leute. Diese Utlukkus sind nicht so einfach einzufangen, wie ich es aussehen lasse, ok? Dass dabei ein bisschen Sauerei entsteht, das ist doch echt nicht zu …«
      »Agent Alabastra, hören Sie bitte zu!« Es ist Carmichael mit seinem Autoritätston. Normalerweise kann meine Reaktion darauf nur reinste, unverfälschte Ignoranz sein, aber ich werde neugierig.
      Eine tiefe, gar nicht einmal unsympathische Stimme schält sich nun ein: »Agent Alabastra. Das NYPD beruft sich auf den Vertrag zur Zusammenarbeit in paranormalen Situationen, der Sie verpflichtet auf unsre Anfrage sofort zu reagieren.«
      Ich grinse. Das ist der hochgestochene Ausdruck dafür, dass irgendwo Monsterscheiße am Dampfen ist und das FBI genauso dankend abgelehnt hat, die Sache zu übernehmen, wie Homeland. Daraus schließe ich, dass kein hochrangiges Mitglied der New Yorker Gesellschaft beteiligt ist, vor dem man sich profilieren müsste. Also weg damit zum privaten Dienstleister.
      »Von dem Vertrag höre ich jetzt zum ersten Mal.« Ich lasse den Chief etwas zappeln. Warum? Einfach, weil ich es kann.
      »Doch, das hast Du. Schon dreimal. Ich habe es dir zweimal erklärt und Mr. Carmichael hat uns ebenfalls informiert.«
      Erneut verdrehe ich die Augen. Wie lange arbeiten wir eigentlich schon zusammen. Sieben Jahre? Acht? Wann lernen sie es endlich, dass ich mir solche Dinge nicht merke. Für mich sind Dinge erst dann bindend, wenn ich mein Wort gebe und/oder ein Handschlag ausgetauscht wurde. Nennt mich ruhig OldSchool, aber ein Vertrag der mehr als zwei Seiten hat, kann nicht im Ernst vernünftig sein. Wer liest denn schon mehr als zwei Seiten von dem Kauderwelsch?
      »Ja, na schön. Sagt mir jetzt jemand worum es geht, oder kann ich noch kurz bei Starbucks halten bis ihr zur Sache kommt?«
      Erfreut höre ich Carmichaels Schnappatmung, bemerke Ellas unterdrücktes Kichern, aber auch das ernste Räuspern des stellvertretenden Polizeichefs.
      »Miss Alabastra. Die Sache ist ernst. Es gibt eine Geiselnahme im Yankee-Stadion.«
      »In unsrem Yankee-Stadium? Ich meine, Yankee, wie Baseball-Yankees?«
      »Exakt. Man sagte mir, sie wären ohnehin gerade in der Nähe.«
      Tatsächlich taucht genau in diesem Moment das gewaltige Gebäude vor mir auf und ich fahre rechts ran, was mir das empörte Hupen diverser Fahrer hinter mir einbringt. Ich gebe zu, ich halte Blinker immer noch für eine übertrieben vorsichtige Einrichtung.
      »Und Sie wollen, dass ich die Geiselnahme für Sie beende? Dürfte kein Problem sein. Aber hat das NYPD nicht genau dafür ihre berühmten S.W.A.T.s?«
      »Die Sache ist die, Agent Alabastra, in die Geiselnahme ist ein Werwolf verwickelt.«
      Unwillkürlich schaue ich aus dem Fenster. Über dem Park neben dem Stadion hängt groß und hell der Vollmond und scheint mich hämisch anzugrinsen. Ich zeige ihm den Mittelfinger und wende mich wieder dem Deputy-Chief zu.
      »Sie wissen, dass wir gerade Vollmond haben? Die Pelzschnauzen drehen heute Nacht ziemlich ab. Mond anheulen, ausgiebige Paarung, Laternenmasten bepinkeln, Rangkämpfe, das ganze Programm. Ich weiß nicht, woher sie Ihre Infos haben, aber heute Nacht hält kein Werwolf Geiseln, er frisst höchstens zweibeinige Beute, aber ganz sicher hat er nicht den Nerv, um so etwas Stressiges wie eine Geiselnahme durchzuführen.«
      »Sie verstehen nicht, Agent Alabastra. Nicht ein Werwolf hat Geiseln genommen. Man hat vielmehr einen Werwolf als Geisel genommen.«
      Für einen Moment bin ich sprachlos. Wer könnte so bescheuert sein, ausgerechnet bei Vollmond so etwas Absurdes zu tun? Dann springt mich die Antwort geradezu an: Normalos! Leute, die keine Ahnung haben, dass sie mitnichten die Spitze der Nahrungskette bilden, nicht einmal ansatzweise.
      Ich seufze laut. »Und warum lassen wir der Natur nicht einfach ihren Lauf? Es ist ja wohl nicht so, dass die Gangster nur die kleinste Chance gegen ihr … äh… Opfer haben?«
      »Der Werwolf ist Jack Steinbrenner. Der Sohn von Hank Steinbrenner.« Der Deputy-Chief dämpft bei der Nennung des Namens sogar seine Stimme.
      »Oh …, Scheiße!«, entfährt es mir.

      Für die Nicht-NewYorker unter uns: Den Steinbrennern gehören die Yankees. Und da ich nun weiß, dass Jack ein Werwolf ist, liegt der Schluss nahe, dass der ganze Clan …
      Heilige Kacke!
      »Alles klar, ich bin dran!«
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      Tom Stark
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    • Jo, @Tom Stark,

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      ich glaub ich wiederhole mich inzwischen, wenn ich immer nur schreibe: Super, genial, weiter so.
      Trotzdem hab ich nix anderes zu bieten. Nichts zu meckern, und auf Fehler hab ich gar nicht geachtet, so sehr hat mich dein Text gefangengenommen.
      Mann, ich gäbe was dafür, Sin mal in natura zu erleben. Irgendwie habe ich da immer Selene von "Underworld" vor meinem geistigen Auge. Hast du ihre Klamotten schon mal irgendwo beschrieben? :hmm: Ich hoffe doch, sie trägt schwarz? Was anderes würde wahrscheinlich gar nicht zu ihr passen. :P
      Also dann - wie immer: Schreib weiter!
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 6)

      Das Yankee-Stadium wird auch The House That George Built genannt. Gemeint ist natürlich Georg Steinbrenner, der Großvater des Werwolfs, den ich vorhabe zu retten. Vielleicht habe ich auch vor, einige Normal-Gangster vor ihm zu retten, da berät sich das hohe Gericht noch.
      Ich lasse den Dodge stehen und hoffe inständig, dass kein Idiot auf die blöde Idee kommt, unter die Plane der Ladefläche zu schauen, oder gar lange Finger machen zu wollen. Deputy Chief Geradi hat mir zwar zugesagt, eine Streife herzuschicken, die mein Fahrzeug bewachen soll, aus sicherer Entfernung versteht sich, aber wann ist schon mal ein Cop genau dann da, wenn man ihn braucht?

      Obwohl ich ein wenig groggy bin vom Kampf mit den Utlukkus, bringe ich Beast auf Trab, dass er mir Geschwindigkeit verleiht und ich die Straße hochsprinte, dass selbst Usain Bolt mit seiner Spitzengeschwindigkeit von 44 km/h wie ein Rentner mit Gelenkprotesen auf einem Abendspaziergang wirkt.
      Schon kommt Gate Four in Sicht, die berühmte Frontansicht über der in gewaltigen goldenen Buchstaben steht: Yankee Stadium.
      Für einen Moment will ich tatsächlich dort hineinstürmen, aber das Stadion ist niemals leer. Niemals. Dort hat es immer eine Wachmannschaft, Touristen, Handwerker und Sportler. Das Stadion wird immerhin auch als Fußballplatz für den New York FC genutzt und auch als Footballfeld für die Colleges.
      Obwohl ich immer geneigt bin, die Anweisung gehen Sie mit höchster Diskretion vor einfach als nett gemeinten aber absurden Vorschlag zu nehmen, sollte ich nicht so, wie ich gerade bin, geradewegs durch die Haupthalle marschieren.
      Meine Arbeitskleidung aus schwarzem Leder, grauem Kevlar, sowie die bissige, kleine H&K-MP7 und der massive Colt Bearbuster am Beinholster, könnten für ein wenig Aufregung sorgen. Besonders das noch frische Blut, sowie diverse Risse in meinen Armschützern könnten zusätzlich den einen oder anderen Wachmann auf den Plan rufen. Meine beiden Dolche habe ich, ebenso wie die beiden Tonfas, im Dodge zurückgelassen.
      Ein ungutes Gefühl beschleicht mich, als ich daran denke, aber ich schüttle es ab. Keine Zeit um der Unke beim Quaken zuzuhören.
      Ich weiche nach rechts aus und komme zu einer Brücke, und sehe gerade wie eine U-Bahn, Linie B, wenn ich nicht irre, gerade in die stadioneigene Subwaystation einfährt.
      Kurz umgeschaut, ich will ja diskret sein, dann flanke ich über das Geländer und fahre die letzten Meter im Stil eines klassischen Subway-Surfers mit. Trotz der Uhrzeit steigen gut zwei Dutzend Passagiere aus und fast so viele wieder zu.
      »Sin, sag mir nicht, dass Du gerade auf die U-Bahn gesprungen bist. Denk doch daran, hier hat überall Leute und überall Kameras!«
      Leise seufze ich, was Ella natürlich trotzdem mitbekommt, über meine allzeit pflichtbewusste Partnerin im Ohr. »Gut, ich sag’s nicht. Aber gesehen hat mich ohnehin keiner.«
      »Und woher willst Du das wissen?«, kommt ein bisschen schnippisch die Frage. Ich schmunzele, weil ich mir schon überlege, wie ich meine aufmüpfige Liebste heute Abend noch dafür bezahlen lasse.
      »Ganz einfach. Noch steht keiner da und filmt mich mit seinem Smartphone.«
      Dem Argument kann sie nichts entgegensetzen und so habe ich meine Ruhe bis ich die Treppen zum Erdgeschoss der Anlage hochgeflitzt bin. Nun wird es allerdings wirklich ärgerlich. Immer noch jede Menge los hier, und selbst wenn ich auf Superhighspeed gehe, werde ich über kurz oder lang entdeckt. Eine Frau im High-Tech-Ninja-Outfit fällt unter Sportfans, Arbeitern und Funktionären einfach auf, wie nun ja, ein High-Tech-Ninja unter Sportfans, Arbeitern und so weiter eben.

      »Was ist los? Ich sehe, Du bewegst Dich nicht.«
      Sie nun wieder.
      »Hänge hier etwas fest. Wenn ich in dem Aufzug die Haupthalle runter renne …«
      »Dann laufen Dir haufenweise geile Typen mit heraus hängender Zunge nach?«, rät Ella frech.
      Ich lache leise. »Wenn Du das machst vielleicht, vor mir laufen die Leute eher weg, zumindest wenn sie wissen, was gut für sie ist. Irgend eine Idee?«
      Sie brummt leise vor sich hin, wie sie es manchmal macht, wenn sie scharf nachdenkt. Sie vergisst dabei, dass ich das hören kann, aber ich halte meine Klappe. Ganz zweifellos hat sie den hübscheren und schlaueren Kopf von uns beiden und es macht mir nichts aus, dem bei der Arbeit zuzuhören.
      »Blöd, dass es so spät ist.«
      »Warum?«
      »Naja, nicht weit, gerade um die Ecke ist ein Fan-Shop. Du müsstest Dir da nur ein Jersey und einen Fan-Schal besorgen, darin könntest Du einem Menge verstecken.«
      Schon beim Wort Fan-Shop bin ich los. Ella ist so eine kluge Frau, aber sie wird es nie lernen, dass ein geschlossenes Geschäft nun wirklich kein Grund für mich ist, dort nicht … einzukaufen.
      »Was war das?«
      »Nichts.«
      »Sin!«
      »Ehrlich, es war nichts.«
      »Wenn Du das so ausdrücklich betonst, war da was!«
      Ich verdrehe die Augen, während ich die Tür, die quasi beinahe aufstand, wieder hinter mir zuschiebe und dem Alarmsystem den Rest gebe, indem ich es kurzschließe. Auf altmodische Weise.
      »Rede mit mir. Was hast Du getan?«
      Während ich mir ein viel zu großes Hemd von Babe Ruth aus einem Regal nehme, hey, wenn schon, denn schon, lenke ich ein. Hat ja keinen Sinn, sie bekommt es ohnehin raus.
      »Na schön, ich bin gegen die Tür des Shops gestolpert und dabei ist sie aufgegangen, fast von alleine. Ist auch so gut wie nichts dabei kaputt gegangen.«
      Ich höre ihr Seufzen, auch wenn sie den Ton abschält, bis hierher.
      »Ok, wir setzen das auf die Kollateralschadensliste. Darum kümmern wir uns später.«
      Brave Ella, so mag ich sie gleich noch einmal so gerne.

      Mit Fanwollmütze, Schal und einem XXXL-Jersey, das ich locker als Minikleid tragen kann, bin ich nun nicht gerade unauffällig, aber in dem Sinne auffällig, dass ich als gerade noch akzeptable Baseball-Verrückte durchgehe. Immer wenn mir jemand zu nahe kommt, murmle ich wahllos Spielernamen der Yankees und erfinde irgendeine Statistik dazu.
      Ich mag ja lieber Football, tatsächlich glaube ich, ich wäre ein erstklassiger NFL-Fullback, wenn man mich zulassen würde, aber Moses, ein Mitbewohner unsrer exotischen WG, betet die Daten von jedem einzelnen Major-League-Spieler im Schlaf runter und etwas bleibt ja immer hängen, sogar bei mir.
      Jedenfalls funktioniert die Methode ganz gut und ich bleibe unter dem Radar.

      »Jack und seine Gäste werden in der Eignerloge festgehalten, bitte halten sie den Schaden auf einem Minimum.« Ich muss im Nachhinein immer noch grinsen, wenn ich an den eindringlichen Tonfall Geradis denke. Ganz sicher bin ich zwar nicht, aber ich fürchte die Angelegenheit ist zu heiß, dass jemand anderes sie anrühren wollte, also hat man den armen Deputy-Chief darauf angesetzt. Setzt er sie in den Sand, ist er der Sündenbock, falls nicht, steht das NYPD gut da. Da behaupte mal noch jemand, ich verstünde Politik nicht!

      Als ich zu der Treppe komme, die in den VIP-Bereich führt, sehe ich die erste Wache. Er sieht tatsächlich so aus, wie man sich einen Kleingangster vorstellt. Gegeltes und schwarz gefärbte kurze Haare, Goldkettchen, 80-Dollar-Anzug mit Lackschuhen, vielleicht Mitte Zwanzig, wenn‘s hochkommt. Könnte sein, dass er unter dem Jacket eine Waffe trägt, aber der junge Kerl ist definitiv kein Kämpfer. Kämpfer haben immer Spuren am Körper, besonders an den Händen und im Gesicht. Wir reden dabei natürlich von Normalos.
      Ich schaue mich noch einmal sorgfältig um. Vielleicht hat man den Knaben ja als Lockvogel so sichtbar hierher gestellt, einfach um zu sehen, ob sich jemand an ihm stört. Aber ich entdecke sonst niemand der in Frage kommt. Stutzig macht mich allerdings auch, dass ich erst hier auf den ersten Posten treffe. Reichlich spät, für mein Empfinden.
      »Ella, ich sehe Wache Nummer Eins. Sie ist am Fuß der Treppe zur VIP-Lounge postiert.«
      »Komisch, ich hätte weit früher schon einen Posten erwartet.«
      Das ist mein Mädchen! Ich unterdrücke einen stolzen Kommentar, wer weiß, wer gerade noch mit hört. Das seltsame Gefühl von vorhin ist jedenfalls wieder da und ich bin nicht blöd genug, meinen Instinkt zweimal zu ignorieren.
      »Genau. Moment, ich überprüfe mal etwas.«

      Ich schlendere an den jungen Kerl heran, der irgendwie steif neben dem Eingang zur Treppe steht.
      »Yo, Misser, hamse mal Feuer?« , frage ich in meinem breitesten Gossenakzent und lalle dabei noch etwas abwesend.
      Der Typ schaut direkt durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht da.
      »Keine Reaktion, Ella. Als wäre ich nicht da.«
      Ich wedle mit der Hand vor den Augen des Mannes, kein Blinzeln, kein Zucken, er schaut weiterhin stur in die Masse der vorbeigehenden Leute, als ob er sie nach jemand absucht.
      »Sehr komisch. Sie Pupillen bewegen sich, als sucht er nach etwas. Sonst scheint zwar Licht im Oberstübchen, aber zuhause ist keiner.«
      »Ja, wirklich seltsam.«, stimmt mir die kleine Stimme in meinem Ohr zu. »Hm, Sin. Du hast doch diesen Hypnosetrick drauf?«
      Ich räuspere mich, denn es ist schon etwas mehr als ein billiger Trick. »Du meinst der Junge ist hypnotisiert? Einen Versuch ist es wert.«
      Als ich mich direkt vor ihm aufbaue und seinen Blick versuche mit meinem zu fesseln, entschlüpft er mir immer wieder. Zu sehr ist der Junge beschäftigt die Leute zu begutachten. Erst als ich vor seinen Augen schnipse, habe ich die Zehntelsekunde seiner Aufmerksamkeit, die ich brauche.
      Ein Zittern geht durch den Burschen und ein paar Sekunden wehrt er sich, aber ich merke gleich, dass es nicht er selbst ist, den ich da bekämpfe, sondern denjenigen, der ihn zuvor in seinen Bann geschlagen hat. Endlich beruhigt er sich und ich spüre, wie sich sein Geist entspannt und aufnahmebereit wird. Wirklich Gedankenlesen kann ich zwar nicht - zum Glück, wer weiß, was für kranken Scheiß ich dann ständig zu lesen bekäme – aber ich weiß, wann ich mein Opfer in meiner Gewalt habe.
      »Also schön. Sag mir erst einmal wer Du bist und was Deine Aufgabe hier ist.«
      Mit schleppender Stimme, mehr lallend als ich vorhin und ich habe es fast übertrieben, antwortet er: »Frey, Julian Frey. Mein Auftrag ist es, nach einer schwarzhaarigen, bleichen Frau in schwarzer Ledermontur zu suchen.«
      »Da bin ich ja froh, dass mein Haar unter der Mütze steckt und Du meine Hose übersehen hast, wie?«
      Natürlich bekomme ich darauf keine Antwort. So funktioniert die Sache nicht.
      »Gut, Du Ausbund an Späherfertigkeiten, sag mir, was machst Du sonst, wenn Du nicht gerade nach schwarzhaarigen Frauen Ausschau hältst?« Während ich das sage, suggeriere ich ihm das starke Bedürfnis, mir seinen Beruf zu verraten.
      »Schauspieler. Ich bin Schauspieler!«, verrät er mir begeistert.
      Ich hingegen schaue entgeistert.
      »Ella, ich mach Dir ein Bild von dem Knaben, finde mal etwas über ihn heraus.«
      Das Smartphone schickt Ella sein Konterfei und ich durchsuche ihn während ich warte.
      Keine Brieftasche, kein Taschentuch, kein Parkticket, gar nichts! Und wenn ich so an den Klamotten schnüffle, würde ich auf Mottenpulver wetten. Hat er sich das Outfit geliehen? Als ich die Waffe in dem viel zu engen Schulterhalfter untersuche, kann ich nur den Kopf schütteln.
      »Süße, das glaubst Du mir nie! Der hat eine Schreckschusspistole dabei. Damit kann er höchstens einen Hörnerv killen

      »Ähm, doch, ich glaube Dir. Der Junge heißt wirklich Julian Frey und ist Schauspieler. Er ist ein professioneller Flashmob-Akteur.«
      »Er ist … ein was?!«
      »Äh, ja, ein Flashmob.«, sie seufzt hinreißend, wie so oft wenn sie etwas versucht zu erklären, von dem sie schon gleich weiß, dass ich dafür wenig bis kein Verständnis aufbringe. »Das sind Leute, die sich anheuern lassen, um auf der Straße Events mit vielen Anderen zusammen zu machen, meistens um andere Leute zu überraschen.«
      »…?«
      »Ja, wirklich, so etwas gibt es. Sagen wir einfach, es sind … Straßenkünstler?«
      Ah, endlich etwas, was ich verstehe. »Du meinst Gaukler, Possenreißer, Leierkastenmänner und Pantomimen, so etwas?«
      »Ja, nein, nicht wirklich. Egal. Jedenfalls hat Mr. Frey höchstwahrscheinlich keine Ahnung, in was er da hineingeraten ist.«
      Ich nicke. »Da haben der Knabe und ich ja die erste Gemeinsamkeit. Sag‘ mal, wer hört noch alles mit?«
      Ihr Zögern registriere ich stirnrunzelnd: »Seitdem wir über Frey Bescheid wissen, nur noch Du und ich. Deputy-Chief Geradi hat gerade Besuch von Sir Drago bekommen. Sie sitzen beide jetzt mit Carmichael im Konferenzraum. Ich kann sie durch die Glaswand beobachten. Oh nein, Geradi beginnt zu weinen!«
      Ich schnaube genervt und auch Beast signalisiert mir, dass er gerne etwas Frust abbauen will, vorzugsweise an etwas oder jemand, der ein paar gebrochene Knochen verdient.
      »Ella, egal was da abgeht, ich schicke den Jungen in die Subway-Station und dort soll ihn jemand abholen. Jemand hat da etwas mit seinem Geist gemacht und zwar nicht mit dem Skalpell sondern mit Hammer und Meißel. Den sollte sich ein Psychofachmensch mal anschauen.«
      »Ja, in Ordnung. Und Du?«
      Ich lache tonlos. »Was werde ich wohl schon machen? Ich gehe jetzt da hoch!«
      Ella seufzt wieder und ich kann vor meinem Auge sehen, wie sie ihre Stirn genervt runzelt. »Klar, was frag‘ ich auch so dumm …«


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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 7)

      Nachdem Julian brav auf meine Suggestion angesprochen hat und Richtung U-Bahn-Station unterwegs ist, entsichere ich die MP7 und steige die Treppe hoch. Ich nehme mir Zeit dabei und lasse Beast meine Sinne auf ganzer Breite so sehr verstärken, dass ich sogar die einzelnen Lacke am Geruch unterscheiden kann, die an der Treppe und am Geländer verwendet wurden.
      Von oben höre ich eine Stimme, leise und eindringlich
      »Schweig still, Du armseliger Wolfling. Hier geht es nicht um Dich. Und wie ich meinen Bruder einschätze, wird er jeden Moment eintreffen. Er kann einem verlorenen Kampf ebenso wenig widerstehen, wie eine Motte dem Licht.« Es passiert nicht oft, vielleicht ist es auch das erste Mal seit vielen hundert Jahren: Mir läuft es eiskalt den Rücken hinauf. Diese Kälte setzt sich fest und raubt mir beinahe den Atem. Selbst Beast zuckt zusammen, als hätte man ihn heftig getroffen. Doch er verbeißt sich jeden Laut und schüttelt die Lähmung von uns ab, wenngleich die Kälte bleibt.

      »Du hast ja keine Ahnung, Magier, mit wem Du Dich anlegst. Mein Clan wird Dich finden wo immer Du Dich versteckst. Mein Rudel wird Dich hetzen und am En …« Die Stimme klingt tief aber angestrengt, als bräuchte der Sprecher alle Kraft die Worte überhaupt hervorzubringen.
      »Du langweilst mich. Schlaf, Wolfling und sei Dir gewahr, dass ich Dir kein Leid zufügte.«

      Ah, das war also Jack. Und ihm droht keine unmittelbare Gefahr. Sofort bin ich zuversichtlicher.

      » Sowanestreel, Bruder! Du lässt nach. Früher hast Du jeden beschleichen können und er hat es erst bemerkt, sobald er Dein Schwert an seiner Kehle spürte. Komm bitte heraus. Wir wollen dieses alberne Versteckspiel lassen …«
      Der Klang seiner Stimme ist schmeichelnd und schneidend zugleich. Aber es ist nicht das erste Mal, dass ich auf Gegner treffe, die einen dazu bringen können, sich voller Freude von ihnen auffressen zu lassen. Doch ich merke, lange kann ich dem Zwang der Stimme nicht mehr widerstehen. Es ist zum großen Teil Beast, der uns bei klarem Verstand hält, eigentlich der Job, den mein eigenes Selbst sonst zu unsrer Partnerschaft beiträgt.
      Meine aufkommende Wut über meine eigene Schwäche treibt den Zwang noch etwas weiter zurück.
      Gut, Wut ist also der Schlüssel? Gar kein Problem, fange ich doch gerade erst an, so richtig sauer zu werden.
      Da der Typ scheinbar aus Michaels Ecke kommt, niemand sonst nennt mich schließlich so, muss ich offenbar meine besten Karten gleich zu Beginn ausspielen. Wenn es mir gelingt ihn zu überraschen, ihm den Schneid abzukaufen …?
      Ich blinzle.
      Am Kopf der Treppe tauche ich einen Wimpernschlag lang auf. Mit Beasts Hilfe genügt mir der halbe Augenblick um die Lage einzusehen.
      In der VIP-Loge stehen einigermaßen verteilt sieben Leute herum, alle mit dem starren Blick, wie Julian vorher. Die setze ich alle sofort auf die Ungefährlich-Liste.
      Ein Werwolf, an dem noch die Fetzen eines Viertausenddollaranzugs hängen, liegt selig schlummernd vorne am großen Panoramafenster mit einem gigantischen Ausblick aufs Spielfeld.
      Bleibt noch die letzte Person im Raum. Sie steht, alles beherrschend, in der Mitte und trägt eine Kapuzenrobe Imperator Palpatine-Style. Die Aura an zerfließenden Schatten um sich herum, hätte George Lucas sicher Freudentränen abgerungen, wenn ihnen im Film so ein Specialeffekt gelungen wäre. Ich schließe messerscharf: Das ist der Feind!
      Er wendet sich auch schon mir zu, als ich erneut blinzle.
      Noch während ich hinter ihm auftauche, drücke ich den ohnehin sensiblen Abzug meiner MP7 voll durch. Vollautomatik, keine Feuerstöße!
      Ich entleere das ganze Magazin in den Rücken des Robenträgers und sehe mit Entsetzen, wie alle Kugeln in die gegenüberliegende Wand einschlagen und die teure Vertäfelung zu Sperrmüll verarbeiten. Wie durch ein Wunder erwische ich keinen der Herumstehenden.

      Langsam dreht sich der Kaputzenheini um und ich lasse die MP7 fallen.
      »Sowanestreel, Du hast also nicht alles verlernt. Sind wir jetzt fertig mit den Albernheiten?«
      Unter der Kapuze sehe ich nichts, nur dieselben wirbelnden Schatten.
      »Nö, Moment noch.«, erwidere ich, zücke meinen Bearbuster-Colt und schicke sechs überaus explosive Ladungen aus seinem Lauf. Wie zu erwarten, durchdringen sie die Gestalt auch diesmal einfach und fetzen dabei das halbe New York Yankee Symbol in Stücke, welches mit blauen und weißen Steinchen als Mosaik in der Decke eingelassen ist.
      Ich seufze und stecke den Colt wieder weg. »Sorry, musste es einfach versuchen. Eine Frage des Prinzips.« Wenn ich jetzt nur meine Dolche bei mir hätte!
      Sofern wirbelnde Schatten verwirrt dreinschauen können, dann tun sie es gerade.
      »Aber Du weißt Doch, dass Du mit diesen Waffen nichts ausrichten kannst?«
      Wenigstens habe ich den Kerl aus der Fassung gebracht. Mit einem schwachsinnigen Manöver offenbar, aber immerhin. Frau nimmt, was sie bekommen kann.
      »Ok, was genau soll der ganze Scheiße hier?« Meine Wut kocht fast über und meine Augen leuchten vermutlich gerade so hell wie Halogenleuchten.

      Die Gestalt weicht sogar ein paar Schritte zurück.
      »Warum bist Du so wütend, Bruder? Sieh doch, wie viel Mühe ich mir gemacht habe, Dich zu mir zu holen. Zuerst diese Mischlinge aus Afrika, die ich herholte, weil man mir sagte, sie würden dann auf jeden Fall Dich holen, sie zu erledigen. Und dann meine Verwirrung, dass Du nicht beide getötet hast. Was soll das? Seit wann erledigst Du Deine Aufgaben nur halb?«
      Ich kann ein geschmeicheltes Grinsen nicht ganz unterdrücken. Der ganze Aufwand, nur um mich anzulocken. Mich?
      »Und wie ich dann diesen armseligen Anführer der Stadtwachen aufgesucht habe, damit er Dich zu mir schickt. Stell Dir vor, er hat sich sogar zuerst geweigert!«
      Eins und eins gibt im Moment sogar zwei für mich und ich nicke dem Deputy-Chief im Geiste anerkennend zu. Die meisten anderen Menschen, die ich kenne, hätten sich bei dem Typen vor mir in die Hose gemacht. Kacke, mir selbst geht gerade mächtig die Düse, was ich aber weiterhin heldenhaft ignoriere.
      »Erst als ich ihm erklärt habe, was ich mit seinem Weib und seinen Erben machen kann, wenn er mir nicht zu Willen ist …«
      Der Rest geht im Rauschen meines Zorns unter. Den Cop bedrohen, ok, das gehört mit zu seiner Job-Beschreibung – sollte es wenigstens. Aber seine Kinder!
      »Immer mit der Ruhe, Sowanestreel. Ich habe ihnen nichts getan. Ich habe überhaupt gar niemand etwas getan. Es war in jedem Fall immer Deine Hand, die Leid zugefügt hat. Was hast Du mit dem kleinen Schauspieler gemacht, den ich Dir in den Weg gestellt habe. Zieren seine Überreste nun den Boden der Treppe?«
      Ich merke schon, Kapuze hört sich gerne reden. Aber wer immer auch dieser Sowanestreel sein soll, nach allem, was ich so von ihm höre, war das kein Krieger, wie ich es mir zumindest einbilde zu sein, sondern ein Schlächter. Ich kann den Typ schon jetzt nicht leiden. Wobei ich mir wiederum nur schwer vorstellen kann, dass jemand wie Michael, sich mit einem seelenlosen Killer gemein machen würde.

      »Und nun stehen wir hier, Bruder, wieder vereint. Hast Du dazu gar nichts zu sagen?«
      Ich räuspere mich, schüttle eine neue Panik-Attacke ab, die mich hinterrücks anschleichen will.
      »Doch, hätte in der Tat ein paar Fragen und Bemerkungen, wenn Du erlaubst.«
      Die Kapuze hebt auffordernd einen Ärmel.
      Einmal tief Luft holen.
      »Also schön, die wichtigste Bemerkung zuerst. Du hast das Muahahahaha vergessen.«
      Fassungsloses Schweigen antwortet mir.
      »Also, wenn Du schon auf Oberbösewicht machst und mir Deine Pläne enthüllst, dann bitte mit dem angemessen wahnsinnigen Gelächter am Ende. Außerdem hast Du vergessen mir zu sagen, dass ich zu spät komme und ich Dich nicht aufhalten kann, das nur fürs Protokoll.«
      Bevor der Schattenmann sich erholen kann, fahre ich schnell fort.
      »Gut, Zu Frage Eins bis Viele. Wer zum Geier bist Du denn? Und wo wir dabei sind, wer zum Geier glaubst Du, wer ich bin? Du sagst, Du hättest Dich informiert, aber wenn Du das getan hättest, müsstest Du wissen, dass ein einfaches Schlampe, ich habe ein Problem mit dir, wir treffen uns im Yankee-Stadium um Mitternacht und da tragen wir es aus, das hätte vollkommen gereicht und ich wäre auf der Matte gestanden! Wer hat Dir ins Hirn geschissen, dass du glaubst, man muss mich umständlich herlocken? Zu einem Kampf. Mich!«
      Ich schaube wütend, und mir wird gerade erst klar, wie angepisst ich von der ganzen Sache wirklich bin. Es kommt mir vor, als müsste ich bei einem Spiel mitmachen, dessen Regeln ich nicht kenne, dessen Teilnehmer ich nicht kenne, und ich noch nicht mal sicher bin, in welcher Mannschaft ich mitspielen soll. »Anruf oder SMS hätten genügt, wegen mir auch ein Bat-Signal. Da völlig Unbeteiligte mit reinzuziehen, mal echt Mann, ganz mieser Stil!«
      Ganz sicher bin mir nicht, aber ich wette, so hat dem Kerl noch nie jemand die Meinung gesagt. Hätte vielleicht mal eher jemand tun sollen. Wer weiß, ob sich da nicht Einiges anders entwickelt hätte.

      »Du sagt, Du weißt nicht WER ICH BIN? Willst Du mich für dumm verkaufen?«
      Ich werde von seiner Wut förmlich durch den Raum geschleudert, eine freundlich stabilisierende Wand fängt mich schließlich auf.
      »Ich bin Sᴔmӕl!«
      Blut schießt mir bei der Nennung des Namens aus Nase und Ohren, selbst in meinem Mund bildet es sich, aber ich schlucke es mühsam hinunter.
      Beast in mir krümmt sich zusammen, als hätte man ihm einen Titanentritt verpasst, nur um sogleich wieder aufzuspringend herausfordernd zu brüllen und den Kampf anzunehmen. Beast und ich, echte Wesensverwandte nicht nur in einer Hinsicht.
      »Ich bin Samael …«, spotte ich, vielleicht nicht so überzeugend, wie sonst. »Und das soll mir jetzt alles erklären, wie? Also wenn Du mich fragst, bist Du nur ein mächtig Irrer, zwar auch mächtig, aber trotzdem ein Irrer!«
      Eine Welle aus eiskalten Schatten trifft mich, bevor ich reagieren kann und presst mich so fest gegen die Wand, dass mein Rücken und der Putz schon anfangen eine Einheit zu werden. Heutzutage kann einfach niemand mehr echten Wortwitz würdigen!
      Meine Sicht wird trübe und auch Beast schaut bedauernd in meine Richtung.
      »Schwester im Geiste, Diesen Kampf können wir nicht gewinnen, nicht in diesem Gefäß. Aber fürchte Dich nicht, diesmal werde ich Dich nicht verlassen
      Beast redet? Und das erfahre ich erst jetzt? Verschwunden ist mit einem Male die Kälte, der Schmerz wird abgeschaltet, wie so oft, wenn er mich mehr behindert als meinem Überleben nützt. Wie durch die Augen eines Dritten sehe ich, wie mein Brustkorb eingedrückt wird, höre meine Knochen bersten, sehe wie das Leben aus meinen Körper rinnt. Es ist aber klar, wem meine letzter Gedanken gelten, wem mein letztes Wort. Es ist nur ein Name, doch der Name, der mir alles bedeutet:

      »Mᴔchӕl!«
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      Tom Stark
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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 8)

      »Mᴔchӕl!«
      Ganz gewiss nicht mein letzter Gedanke, ganz offensichtlich folgen noch weitere. Ich will aber wirklich nicht sagen, dass ich das bedaure.
      Es ist Samael, der den Namen ruft, eher brüllt. Frustration schwingt dort ebenso mit, wie Hass und … Liebe?

      Der Druck auf meinen Körper verschwindet und meine Sicht klärt sich auf. Ich liege mehr, als dass ich sitze, zusammengefallen, wie ein Haufen Wäsche an der Wand und starre auf einen Rücken. Breite Schultern, malerisch fallendes, langes leicht gelocktes Haar, mehr muss ich gar nicht wahrnehmen um zu wissen, dass Michael sich schützend vor mich gestellt hat.
      Ah, deswegen heißt es auch richtigerweise, sich vor jemand stellen und nicht hinter jemandem stehen, wenn man ihn schützen will. Wer’s einmal erlebt hat, kann es nie wieder verwechseln.

      » Sᴔmӕl, was tust Du hier?«
      Nach was sieht es denn aus, Du Intelligenzbolzen, er bringt mich gerade um, schießt es mir durch den Kopf. Natürlich sage ich das nicht, selbst ich weiß zu schweigen, wenn die Jungs aus der Major-League das Wort haben, und ich gerade mal im Gespräch stehe, irgendwann einmal in die Junior-League zu dürfen.
      Dennoch fühle ich, wie ein Anflug von Humor meine Gedanken streichelt.
      »Bitte sei einmal im Leben still, Bruder. Lass nur ein einziges Mal mich einen Kampf für Dich austragen, gewähre mir diese Gnade.«
      Mir ist ohne jeden Zweifel klar, wer da zu mir spricht und dass diese Worte nur für mich allein bestimmt und zu hören sind.
      Ohnehin nicht fähig auch nur irgendetwas zu sagen, drehe ich schwach die Rechte und stecke zitternd den Daumen aus. Wenn Michael es unbedingt so will, bin ich heute in ausgesprochen gnädiger Stimmung.

      »Ich hole Sowanestreel zurück an meine Seite. Hast Du wirklich geglaubt, Dein Treffen mit ihm wäre verborgen geblieben, nachdem ihr zudem Eure Namen so laut gebrüllt habt, dass das Gewölbe davon widerhallte?«
      Was für ein elender Schwätzer!
      Michael bleibt ruhig, doch wieder spüre ich den Anflug von Humor, als ob er meine Einschätzung in gewissem Maße teilt.
      »Er war nie an Deiner Seite, Bruder, und das weißt Du genau.«
      Der Schatten wabert erregt, inzwischen bilde ich mir ein, die Emotionen dort ablesen zu können, aber möglicherweise interpretiere ich etwas zu viel hinein. Aber hey, wer erzählt die Geschichte denn?
      »Er kam zu uns, nachdem er glaubte, Ihr hättet den Vertrag gebrochen.«
      Michael ist verärgert, ich spüre es deutlich durch unsre Verbindung.
      »Du hast ihn getäuscht, ihn durch List und Tücke dazu gebracht. Wie Du ihn auch heute durch Hinterlist dazu bringen wolltest seinen Eid zu brechen!«

      Einen Eid? Die Sache wird ja immer kruder!

      »Ihm wurde gestattet zu gehen, seine Waffen niederzulegen. Er hatte nie etwas in unsrem Krieg zu suchen. Du kennst Ihn so gut wie ich. Er lehnt einen Kampf ohne Aussicht auf Sieg ab.«

      Der Schatten hebt theatralisch den Ärmel der Robe an und deutet an Michael vorbei zu mir.
      »Aussichtslose Kämpfe? Bruder, hast Du nicht auch seine Taten in der Welt der Sterblichen verfolgt? Wie er in Sishin, dem Geist steckte, als die Bibliothek von Alexandria niederbrannte, wie er in Saras Seele wohnte, als Masada fiel, wie er mit dem Schattenkrieger Antilles bei den Thermophylen kämpfte? Unser Bruder scheint aussichtslose Kämpfe geradezu zu suchen!«

      Michael lacht, aber es schwingt Mitleid und Trauer in seinem Lachen. »Wie immer, hast Du nichts verstanden, und unsren Bruder hast Du noch viel weniger begriffen. Er kämpfte für das gesammelte Wissen einer Welt und ermöglichte es so wenigstens einen Bruchteil davon zu retten. Sein Opfer in Masada lehrte sogar stolzen die Römer das Staunen und sein Mut gegen die Perser inspirierte ganz Griechenland aufzustehen, lehrte sie, dass Xerxes Armeen nicht so unbesiegbar waren, wie es bislang schien.«

      Der Schatten schnaubt abfällig. »Das Reden kriegsmüder und feiger alter Männer. Sie reden sich alles im Nachhinein schön. Verloren ist verloren, was gibt es daran zu deuteln?«
      Michael zuckt eine Schulter und ich meine für einen Moment mich zu erinnern. Habe ich etwa irgendwie von ihm diesen Ausdruck der Resignation, den ich oft auch an mir bemerke?
      »So wisse dies, mein Bruder. Sowanestreel hat noch nie einen Kampf verloren. Mag sein, dass er nicht gewonnen hat, mag auch sein, er hat ihn abgebrochen, und am Ende zeigte sich bisweilen, dass der Kampf, den er geführt hat, nicht der war, den seine Gegner zu sehen glaubten.«

      »Wortglauberei. Aber hast Du Dich deswegen mit ihm getroffen? Um diesen unbesiegbaren Krieger wieder zu rekrutieren. Wolltest Du, dass Sein Schatten wieder an Deiner Seite streitet?«

      Sein Gegenüber schüttelt müde den Kopf. »Unser Aufeinandertreffen war purer Zufall. Zudem ist das hier«, er gibt Samael den Blick auf mich frei, »nicht Sowanestreel. Es ist eine Frau, die seine Erinnerungen in sich trägt, seinen Widerhall, vielleicht die Reste dessen, was einst Sein Schatten war.«
      Die Robe lässt die Arme sinken und schwebt etwas näher. Michael macht keinerlei Anstalten ihn aufzuhalten.
      »Bruder, bitte, spiel' mit, nur dieses eine Mal!« Seine eindringliche Bitte schwingt in meinem ganzen Geist nach und ich nicke innerlich so zustimmend, wie ich nur kann. Was jetzt kommt ist entscheidend für diesen seltsamen Affentanz, den wir hier aufführen, das ist mir nur allzu klar.

      » Sowanestreel, Bruder, antworte mir.« Es ist beinahe zärtlich, wie der Schatten zu mir spricht. Wenn ich nicht von Natur aus so eine misstrauische Bitch wäre, würde ich vielleicht für einen Moment darauf hereinfallen.
      »Ich …, ich weiß nicht, wer das sein soll.« Ich huste Blut von der Anstrengung.
      Genervt hebt der Schatten einen Arm und ich spüre, wie mich eisige Kälte durchdringt, doch wo sie mich zuvor fast vernichtet hat, setzt sie mich nun wieder zusammen. Ein gutes Gefühl ist es trotzdem nicht und ich fühle mich irgendwie besudelt.
      »Ich bin nicht der, für den Du mich hältst, echt nicht. Bis Michael mich so angesprochen hat, habe ich den Namen in meinem ganzen Leben noch nie gehört, ich hätte ja nicht einmal gedacht, dass so jemand heißen könnte.« Die Erklärung geht mir nun leicht von den Lippen.
      Der Schatten fährt herum zu Michael, der ruhig dasteht. Dann schaut er wieder zu mir. Ich fühle, wie seine Gedanken wie Bluthunde in meinem Gedächtnis nach der Spur einer Lüge herumschnüffeln, aber ich lüge ohnehin selten. Hatte ich selten nötig.
      Mit einem enttäuschten Heulen zieht der Schatten seine Fühler aus mir ab.
      »Nichts. Es ist, wie Du sagst. Da sind nur Echos. Was ist mit unsrem Bruder geschehen, wer hat ihm das angetan?« So wie der Schatten es flüstert, tun mir die Schuldigen jetzt schon leid. So ein Vollarsch er auch sonst zu sein scheint, seinen Bruder hat er geliebt, auf seine ganz eigene, verdrehte Art und Weise natürlich.

      »Dann sind wir hier fertig?« Michaels Frage kommt geradewegs aus meinem Herzen.
      »Ja, ich habe genug Zeit mit dieser nutzlosen Scharade vergeudet!«
      Er wirbelt herum und ich würde ihm glatt einen Emmy für seine aufgesetzte Theatralik verleihen, aber der Schattenknabe wüsste den vermutlich gar nicht zu schätzen.
      »Meine Geistsklaven werden sich an nichts mehr erinnern. Sorgst Du dafür, dass auch diese Frau und dieser Wolfling alles vergessen? Ihre Geister sind stark und ich weiß wie zimperlich Du bist, wenn man ihnen die Erinnerungen gewaltsam entreißt. Ich vertraue darauf, dass Deine … sanfte Methode genauso gut ihren Zweck erfüllt.«
      »Die Jägerin und der Wolfling werden sich nicht mehr an das, was hier geschehen ist erinnern, Du hast mein Wort.«
      Der Schatten scheint zufrieden und löst sich einfach auf.
      Von jetzt auf gleich scheint die Luft besser zu werden, die permanent unterschwellige Todesangst klingt ab und ich fühle, wie mir von Michael wohltuende Wärme zufließt und ich mich mit jedem Atemzug besser fühle.
      Er geht zu Jack, der inzwischen wieder seine menschliche Gestalt angenommen hat und legt seine Hand auf dessen Kopf. »Pure Effekthascherei!«, kommt es mir in den Sinn. Ich weiß nicht woher ich es weiß, aber Michael müsste nicht einmal im selben Raum sein, um seinen Hokuspokus machen zu können.
      Wieder einmal streift mich das Gefühl des Amüsiertseins.
      »Ich habe Dich wahrlich vermisst, Bruder. Nicht Sein Schatten, versteh mich recht. Natürlich fehlt uns manchmal das Gefühl, dass er uns allen im Nacken sitzt und darauf achtet, dass wir die Grenze nicht überschreiten. Aber meinen Bruder, den vermisse ich wahrlich.«
      Zweimal wahrlich in einem Satz, wenn das mal nichts zu bedeuten hat?
      Ich grinse bedauernd. »Du, Michael, ich habe nicht gelogen. Ich bin nicht Dein Bruder, den Du in mir siehst.«
      Er lächelt wissend: »Nicht mehr völlig, oder inzwischen nicht mehr. Über der Vergangenheit liegt ein Schleier, als ob der Tod eine Spalte in den Zeitfluss gerissen hätte, die ich nicht überwinden kann.«
      Ich zucke die Schulter. Etwas anderes als eine kryptische Antwort hätte mich jetzt auch enttäuscht, ganz ehrlich.
      »Aber vielleicht willst Du einstweilen meine kleine Schwester sein, vielleicht die Tochter meines Bruders, die er sich immer gewünscht hätte?«
      Was soll man nun bitte auf so ein Angebot antworten? Oh, toll, bekomme ich dann auch von Onkel Samael Geburtstagsbesuche, nein, danke? Oder: Juhu, mich hat ein Vermutlich-Engel adoptiert, bekomme ich jetzt Freikarten für den Himmel?
      Ich brumme etwas, was alles bedeuten kann, nur um mich ja nicht festzulegen.
      Immerhin hat Michael gerade meinen bleichen Arsch gerettet. Immerhin scheint er wirklich daran interessiert, ein Freund zu sein, auch wenn ich mir sicher bin, dass das mehr Verantwortung als Bonus für mich bedeutet. Immerhin fühle ich mich gerade, als wäre ich fünfzig Meter groß und könnte ein Hochhaus im Vorbeigehen umrempeln.

      »Oh, ich habe wohl etwas übertrieben!«, reißt mich Michaels Stimme aus meinem Höhenflug heraus. »Ich hoffe Du kommst mit dem zusätzlichen Maß an Kraft zurecht, was ich versehentlich in Dich hineinfließen lies. Vermutlich hatte ich immer noch meinen Bruder im Hinterkopf und was er brauchte, wenn ich ihn mal wieder zusammenflicken musste, wenn er von einer seiner … Ausflüge … zurückkam.«
      Ich sehe ihn an. Von wegen versehentlich. Dieser Michael mag zwar eine ehrenhafte Haut sein, aber ich erkenne es doch, wenn es jemand faustdick hinter den Ohren hat. Irgendwie weiß ich es zwar ziemlich sicher, dass ich nie der Bruder war, den er in mir sehen will, aber es ist verdammt gut zu wissen, dass falls auch nur ein kleiner Teil von mir dem entsprach, was er denkt, es einen Michael gab, der ihm den Rücken gedeckt hat.
      »Sei es, wie es sei. Was nun, radierst Du mir nun auch die Erinnerung aus?«
      »Natürlich, mein Wort bindet mich. Ich weiß genau, das gerade Du das verstehst.«

      Verdammt, und ob ich das weiß. Selbst zu meinen schlimmsten Zeiten war auf mein Wort absoluten Verlass. Egal, ob Werwolf, Vampir, Mensch, Engel. Nimmt man die ganzen Fähigkeiten und Spielzeuge weg, die einem die Rasse und Art so mitgeben, was hat man denn dann noch, wenn nicht sein Wort? Die Welt will es einem manchmal vorgaukeln, dass wer lügt, betrügt und sein Fähnchen stets nach dem Wind dreht, am Ende am besten dasteht. Aber das ist ein Irrtum, weil es eine Charaktersache ist. Wer es nicht gewohnt ist, zu seinem Wort zu stehen, der steht auch andere Dinge nicht durch, weil er es eben gewohnt ist, sich den einfachen Weg zu suchen.
      »Na schön, wie wird es sein. Einfach ein schwarzes Loch in der Erinnerung?«
      Er lächelt beruhigend. »Nein, ich werde Dir eine ähnliche alternative Erinnerung geben, wie dem Wolfling.«
      Ich seufze:»Ok, dann mach mal, aber eine schöne Erinnerung, wenn’s geht!«, fordere ich ganz in Anlehnung an Agent K aus MIB.
      Nun lacht er tatsächlich. Ich habe ganz vergessen, dass er immer noch gedanklich mit mir verbunden ist. Seltsamerweise fühle ich mich dadurch weder nackt noch gestalkt.
      »Zuvor aber noch eine Frage.«
      »Ja, klar. Immer raus damit.«
      »Wem würdest Du Deine echten Erinnerungen denn zukommen lassen, hättest Du die Möglichkeit dazu?«
      Er grinst breit. Ich grinse breit. Faustdick, sage ich nur, faustdick!

      Natürlich gibt es da nur eine Person, nur einen Namen.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse

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    • Boah, du postest bist echt schnell, @Tom Stark

      Spoiler anzeigen

      Entweder hast du den Kopf nach der abgeschlossenen OBW-Reihe sol voller Ideen, dass die unbedingt sofort auf's Papier bzw. in eine Datei müssen, oder du hattest dieses Werk hier schon vorher fertig.
      Ich persönlich tippe aber auf ersteres, denn den OBW finde ich in dem robenumhüllten wabernden Schatten wieder (man müsste schon mit Blindheit geschlagen sein, um da keine Parallelen zu erkennen). Da winkt mehr als ein Zaunspfahl. :rofl:

      Jaaaaa, ansonsten wieder ein Feuerwerk an Gags, ätzenden kleinen Gemeinheiten und triefendem Sarkasmus. Sin in Hochform und in Kombination mit Beast ja sowieso.
      Michael ist mir immer noch ein Rätsel. Dem Namen nach ist er Samael gleichgestellt, hat aber eine andere Funktion bzw. Aufgabe. So ziemlich das Gegenteil, wenn ich die jüdisch-christliche Mythologie richtig im Hirn habe. Trotzdem nennen sie sich "Bruder". Nicht ganz klar ist mir, wie Sœnᴂstrᴔl hier reinpasst (es lebe copy + paste! :P ). Was ja offensichtlich ein "Er" ist, denn auch dieser wird mit Bruder angesprochen.
      ich hab bisher noch keinen Schimmer, wo du uns hinführen wirst. Aber ich will es wissen. Also fix, weiterschreiben ... äh ... posten. Was auch immer. Also her mit dem nächsten Teil. ^^
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • Tariq schrieb:

      Entweder hast du den Kopf nach der abgeschlossenen OBW-Reihe sol voller Ideen, dass die unbedingt sofort auf's Papier bzw. in eine Datei müssen, oder du hattest dieses Werk hier schon vorher fertig.
      Sowohl als auch. Die Fortsetzung hat schon so lange in mir geschlummert, aber natürlich wird sie durch aktuelle "Erkenntnisse" aufgewertet ^^

      Dass du nach all den Hinweisen nichts ahnst?
      Naja, gut so, Sin hat schließlich auch keinen Plan, warum sollte der Leser da mehr wissen ...
      -------------------
      Tom Stark
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      delectare et prodesse
    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 9)

      »Ella!«

      Ich fahre hoch und sehe mich alarmiert um.
      Neben meinem Bett, ich liege im R.E.D.-eigenen Krankenrevier, sitzt sie und drückt mir beruhigend die Hand.
      »Alles gut, Sin. Ich bin da. Du bist in Sicherheit.«
      Ich lege meine Stirn in Falten. »Oh, Kacke, habe ich vielleicht einen Mist geträumt! Von irren Engeln und einem völlig schwachsinnigen …«
      Ella will gerade mir gerade ins Wort fallen, als unsre Ärztin hereinkommt und ich unterbreche mich selbst.
      Dr. Elisabeth ist vielleicht die begabteste Biologin unsrer Zeit. Mit ihren Doktortiteln, könnte die Fünfzigjährige ihr Büro tapezieren, dennoch hätte sie es heutzutage schwer irgendwo anders Arbeit zu finden, da ihr Äußeres seit einem unbeabsichtigten Ausflug in eine der Höllendimensionen viel mehr einem fügellosen Gargoyle, als einem Menschen ähnelt. Auch ihre Stimme klingt eher zum Gruseln, als beruhigend, aber das legt sich, sobald man sie näher kennenlernt. Die Dinge, die sie mit einem anstellen will, meistens um einem zu helfen, das sind die Sachen, vor denen ich mich grusle.
      »Sehr schön, Miss Sin, Sie sind wach.«
      Ich grunze zustimmend, etwas so Offensichtliches kommentiere ich höchstens mit einem bösen Spruch. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann, verärgere nie deinen Arzt, schon gar nicht, wenn er dir lässig das Gesicht abbeißen könnte.
      »Das war wieder einmal eine Heldentat ganz nach Ihrem Stil. Mr. Steinbrenner Senior hört gar nicht mehr auf, Lobeshymnen über sie bei Sir Drago zu singen. Wie sie seinen Enkel und dessen Freunde vor den irren New York Mets-Fans gerettet haben, sagenhaft. Wer hätte auch gedacht, dass Vampire ausgerechnet Mets-Fans sein könnten?«
      Ich runzle die Stirn, doch dann erinnere ich mich. Ja, tatsächlich. Vier Vampire hatten Jack Steinbrenner gekidnappt, um seinen Vater dazu zu zwingen, dieses Jahr freiwillig auf die World Series Teilnahme zu verzichten. An sich ein völlig absurder Plan! Wer sich den ausgedacht hat, mag sich vielleicht für einen Fan halten, aber keine Ahnung vom Spielmodus im Baseball haben. Aber mir muss man nicht sagen, dass manche Vampire über die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte ziemlich wunderlich werden. Mich hat damals meine Arbeit so in Anspruch genommen, dass ich keine Zeit hatte mir – du heilige Kacke, was für ein Glück – ein Hobby zu suchen. Vielleicht wäre ich auch so obsessiv geendet.
      Jedenfalls endete die Geiselnahme schnell und relativ unblutig. Vampire bluten ja fast nicht, wenn man sie schnell und gekonnt vernichtet. Ja, wenn ich so darüber nachdenke, der Abend gestern hätte weitaus schlimmer laufen können.
      »Dem Bodyguard tut es auf jeden Fall furchtbar leid, dass er Sie getasert hat und Mr. Jack ist es noch viel peinlicher. Dort, diesen Geschenkkorb haben die Steinbrenner geschickt!«
      Ich folge Dr. Elisabeths Blick. Tatsächlich steht auf dem Tisch neben dem Fenster ein Korb mit Sachen darin, wo jede Einzelne übertrieben teuer ist, wenigstens für einen einfachen Geschmack wie meinen. Kaviar, Champagner, Trüffelschokolade, das ganze Programm.
      Ella tauscht einen amüsierten Blick mit mir und wir zucken beide gleichzeitig die Schultern. Man kann es ja mal probieren, in einer ruhigen Stunde. Wo das Zeug nun schon mal da ist?
      »Und wie sieht es aus, Doc, kann ich gehen? Ich fühle mich jedenfalls blendend. Egal, was Sie mir gegeben haben, davon nehme ich gerne noch mehr!«
      »Oh, danke Sie nicht mir, Miss Sin. Ich habe Ihnen gar nichts gegeben. Aber ihre Blutwerte sind … extraorbitant.«
      Ich runzle die Stirn. »Sie meinen exorbitant?«
      Sie lacht, was für einen Fremden eher wie ein wütendes Zähnefletschen aussehen muss. »Der Begriff scheint mir untertrieben. Waren Ihre Biowerte schon zuvor unglaublich, sind sie nun geradezu unfassbar. Es ist, als ob der Schock des Tasers in Ihnen eine erneute Metamorphose ausgelöst hat.«
      Zuerst will ich widersprechen, aber dann sehe ich Ellas Blick und ihr kaum merklichen Kopfschütteln. Ich verstehe den Hinweis und brumme deshalb einfach neutral.
      »Dann hauen wir hier mal ab, wenn ich Ihr Ok habe, Doc.«
      »Ja, sicher. Gehen Sie nur. Schauen sie noch bei Sir Drago und Mr. Carmichael herein. Ich glaube, heute fallen Ostern und Weihnachten auf einen Tag.«
      »Wie meinen Sie das?«
      »Nunja, ich hörte wie Carmichael persönlich zu Steinbrenner sagte, dass man Sie für ihre gute Arbeit offiziell belobigen würde. «
      Die Ärztin und ich grinsten uns an, und beide Arten zu grinsen waren irgendwie verbissen. Ihre mehr, meine nur unwesentlich weniger.
      Eugene Carmichaels und meine ganze Beziehung ruht auf einem soliden Fundament der gegenseitigen professionellen Antipathie. Nicht auszudenken, was für gesundheitliche Folgen es nach sich ziehen würde, müsste er mich öffentlich loben, bzw. müsste ich mich ausgerechnet vom ihm belobigen lassen. Gute Taten bleiben eben niemals ungestraft, denke ich so bei mir.
      Ich stehe auf und nehme das Hemd entgegen, was Ella mir hinstreckt. Meine Arbeitskleidung hat man mir wohl vom Körper schneiden müssen. Auch wenn ich mich nur verschwommen an den Kampf erinnere, muss mein Battlesuit ja nur noch aus Fetzen bestanden haben. Als ich an mir herabschaue, sehe ich jedoch keinen Kratzer. »Gut gemacht, Beast«, lobe ich ihn leise.
      »Gern geschehen, würde ich ja sagen, aber das Lob gebührt nicht mir
      Ich erstarre. Ich blinzle einmal und dann noch einmal.
      Er redet. Das hat er noch nie. Jedenfalls nicht so deutlich mit Worten.
      Ella mustert mich besorgt. »Alles ok, Liebste?«
      »Ja…aa.«, antworte ich gedehnt. »Ich weiß es nicht genau.«
      Mit völlig unnötiger Eile reicht sie mir eine Jeans. Zum Glück hat Ella mehrere Sätze Ersatzkleidung im HQ hinterlegt. Ich fand das bisher völlig übertrieben, aber meine Süße hat am Ende ja fast immer recht mit ihren Vorkehrungen.
      Ob das nervt? Man gewöhnt sich daran.

      »Wir sollten uns beeilen und Sir Drago nicht warten lassen.«
      Ich zucke eine Schulter und beeile mich. Kurz hebe ich fragend eine Augenbraue, warum sie denn so aufs Tempo drückt, aber wenn sie so ein Geheimnis daraus macht, wird es schon wichtig sein.
      Kaum sind wir aus dem Zimmer, ich will gerade auf die Aufzüge zur Konferenzebene zusteuern, als sie mich am Arm packt und ins Treppenhaus zieht.
      »Hey, zu Drago geht es aber da lang …«, weise ich sie lahm hin.
      »Wir gehen nicht zu Drago. Wir gehen erst einmal nach Hause. Ich muss Dir zuerst eine Geschichte erzählen, die Du mir nicht glauben wirst. Zudem wartet zuhause ein Stab auf uns, den sich ein gewisser jemand, dessen Namen ich vorerst nicht aussprechen will, ausgeliehen und wie versprochen, zurückgebracht hat.«
      »…«
      Wie so oft ist meine Eloquenz, wenn man mich so überfährt, geradezu Emmy-verdächtig.
      Und wie komme ich jetzt ausgerechnet auf Emmy?!
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      Tom Stark
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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 10)

      Auf der Heimfahrt ist Ella auffällig zugeknöpft.
      Da ich am Steuer sitze, meinen Dodge Mauler hat man erfreulicherweise abgeholt und sich um die ungewöhnliche Ladung gekümmert, verzichte ich darauf Zwiesprache mit Beast zu halten. Weitere Schocks will ich erst wieder einstecken müssen, wenn ich irgendwo sitze, was nicht Gefahr läuft, gegen die nächste Wand zu krachen, wenn ich beschließe für ein paar Sekunden eine geistige Auszeit zu brauchen.
      Ich weiß, viele New Yorker Taxifahrer scheinen permanent so zu fahren – nahezu unfallfrei im Großen und Ganzen - ,aber selbst denen würde ich den Hals umdrehen, wenn sie das riskieren, während Ella mit im Fahrzeug sitzt.

      Als wir schließlich an der Kreuzung ankommen, unsre beschauliche Villa, die so genannt ist, weil sie auf der Überschneidung der fünf größten magischen Kraftlinien der ganzen Ostküste liegt, stelle ich den Mauler auf seinem Parkplatz unsrer hauseigenen Tiefgarage ab. Zufrieden registriere ich, dass ihn sogar jemand gewaschen hat. Das nenne ich mal Service.

      Ich öffne schon den Mund, aber Ella ist schon ausgestiegen und stürmt geradezu die Treppe zum Wohngeschoss hinauf.
      Das wird ja immer besser.
      Ich stürme hinterher, und hole sie beinahe noch ein. Gerade sehe ich, wie sie einen mir durchaus bekannten Stab in der Linken und einen Zettel in der Rechten hält. Dieses Stück Pergament, ja es ist tatsächlich Pergament oder sogar Papyrus, wer kennt sich da schon so genau aus, will Ella schnell in ihrer Hosentasche verschwinden lassen.
      »So nicht, meine Süße. Wenn jemand sinistre Geheimnisse von uns beiden hat, dann ja wohl ich.«
      Ergeben seufzend überlässt sie mir den Wisch und ich lese, was da in gestochen scharfer Schrift mit Tinte aus einem schillernden Silberton geschrieben steht:
      »Sei mir gegrüßt, Ella McElroy, Herz und Licht meines Bruders in seiner Dunkelheit.«, lese ich vor.
      Ich hebe eine Augenbraue und blicke zu Ella, die wenigstens den Anstand hat, zu erröten.
      »Ich fühlte Deinen formenden Willen an seinem zersplitterten Geist sofort, als ich Dich besuchte.«
      Ein halb vorwurfsvoller Blick trifft Ella, aber die gibt sich betont unschuldig, also lese ich weiter.
      »Dies ist der Stab von Echnaton, der erste Sterbliche, den mein Bruder einst besuchte. Ich war der Einzige, der davon wusste und bis heute habe ich dieses Wissen, meinem Wort gemäß, mit niemandem geteilt. Doch die Notwendigkeit und die gute Absicht jenem zu helfen, dem ich mein Wort gab, entbindet mich, so hoffe ich wenigstens teilweise meines Versprechens.«
      »Hä?« Ich halte Ella den Zettel hin, doch sie zuckt nur die Schulter. »Alles habe ich auch nicht verstanden, aber ließ ihn zu Ende.«
      Also fahre ich fort: »Der Stab ist das, was Du einen Zauberstab nennst, doch eigentlich ist er nicht mehr als ein Kraftspeicher, Er kann aufgeladen werden durch seinen Träger und bei Bedarf für eine einzige Wandlung genutzt werden, entweder Zerstörung einer Seele oder die Rettung derselben. Ich darf anmerken, dass sowohl ich, als auch der Erschaffer, die zweite Variante favorisieren.«
      Ich grunze: »Soso. Das behaupten sie am Anfang alle.«
      »Fürderhin …«, echt jetzt, der Typ hat das tatsächlich geschrieben, »erlaubte ich mir, den Stab ein wenig mit meiner Kraft zu laden. Nicht zu viel, denn sonst bemerkten es genau jene, die es auch verhindern, dass ich selbst für die weitere Genesung meines Bruders Sorge tragen kann. Ich fühle, dass meine Liebe zu ihm und Deine Liebe zu ihm von ähnlicher Art und Gewaltigkeit sind. Daher vertraue ich Dir den Stab an. - M«

      Völlig verwirrt schüttle ich den Kopf. M ist Michael, auf den Trichter bin ich schon gekommen, ich bin zwar manchmal langsam, aber nicht total verblödet.
      »Gewaltigkeit? Der hat sie doch nicht mehr alle. Und er schreibt, er hat Dich besucht? Wann, wo, warum?«

      Ella hat inzwischen ihren magischen Tee gemacht, nein nicht herbeigezaubert und er ist auch nicht wirklich magisch, aber sie bekommt ihn einfach perfekt so hin, wie ich und Beast ihn mögen. Zudem hat er eine entspannende Wirkung auf mich. Vielleicht war ich ja in einem früheren Leben Engländer?

      »Ok, Schatz. Zuerst einmal das Wesentliche. An was Du Dich von letzter Nacht erinnert, ist nie passiert.« Sie mustert mich ein wenig besorgt.
      Aber zum einen ist das hier Ella, die vor mir sitzt, und zum anderen ist bei mir nach ihrer Eröffnung ohnehin der Penny gefallen. Michael zieht hier eine Art Verschwörungsnummer ab, das geht aus den Zeilen klar hervor. Und dann kann ich mich ums Verrecken nicht an den Song erinnern, zu dem ich heute Nacht getanzt haben soll. Vier Vampire, ganz für mich alleine und ich erledige die ohne Musik? Nie im Leben!
      »Ich verstehe.« Ihr Gesicht ist einfach zu süß, wenn ich sie mal wieder auf dem falschen Fuß erwische. »Irgendein Gedanken-Blitz-Veränderungs-Dings, wie? Jetzt schau nicht so überrascht, hast Du etwa das Einhorn vergessen, was so etwas Ähnliche mit mir schon gemacht hat?«
      Ich tippe zuerst mir und dann ihr gegen die Stirn. »Und ich wette jede Summe, dass in Deinem hübschen Kopf nun etwas drin ist, was eigentlich in meinen sturen Schädel gehört, richtig?«
      Da fällt mir Ella um den Hals und ich drücke sie begeistert an mich. Sogar Beast schnurrt. Er steht mindestens so auf Ella, wie ich, zum Glück kein Grund für mich, eifersüchtig zu werden.
      »Ich bin ja so erleichtert! Ich hatte echt Angst Du bist mir jetzt böse, weil ich daraus so ein Geheimnis gemacht habe.«
      »Hey«, ich zwicke sie in den Hintern und sie quietscht empört auf. »Ich weiß niemand, bei dem meine Erinnerungen besser aufgehoben sind, als bei Dir, Süße.«
      »Ja, das hat Michael auch gesagt.«
      Ich brumme, noch nicht sicher, ob ich gnädig oder unwillig auf dessen Einmischung reagieren soll. »Ganz dumm scheint er nicht zu sein, der Schönling. Also, was hat er Dir erzählt?«

      Sie schiebt mich sanft von sich weg und ich gebe dem nach einem kurzen Augenblick des Bedauerns nach.
      »Erzählt hat er mir gar nichts, also nicht wirklich. Er hat immer von seinem Bruder gesprochen, aber ich weiß, dass er irgendwie Dich gemeint hat, aber nicht nur Dich. Gibt das einen Sinn?«
      »Sicher. Ich nehme an, er meint Beast. Wir rätseln doch schon ewig herum, wo er herkommt, seitdem klar ist, dass er nicht dasselbe ist wie die Bestie, die in mir lauerte, als ich noch …, du weißt schon, zum bleichen Beiservolk gehörte.«
      Sie lächelt nicht einmal über meinen kleinen Scherz und nickt völlig konzentriert.
      »Michael sagte auch, ich habe seinen Bruder einstmals vor dem Verblassen gerettet. Eine Ahnung, was er gemeint haben könnte?«
      Nun bin ich es, die zögert. Es gibt da etwas, was ich Ella schon eine ganze Weile sagen will, sagen muss. Aber das wird schlichtweg der Hammer und ich bin mir überhaupt nicht sicher, was das bewirkt, ob es ihr nicht sogar gewaltig schadet, und das leider mehr als nur in einer Hinsicht.
      Ich sehe, wie sie mein Minenspiel genau beobachtet. Ihr könnt mir glauben, ich habe das perfekte Pokerface, wenn ich etwas für mich behalten will, nur leider wirkt das so gut wie nie bei Ella.
      »Süße, ich will nicht lügen. Ja, ich glaube ich weiß in etwa, worauf er anspielt. Und ich würde ihn treten, wenn er jetzt hier wäre, weil er es angesprochen hat! Glaubst Du mir, wenn ich sage, das ist hier wahrscheinlich überhaupt nicht von Bedeutung?«
      Ihr Blick wird sanft.
      »Der Grund, warum Du damals ausgerechnet zu mir gekommen bist? Es hat etwas damit zu tun, wovor Du mich beschützt, nicht wahr? Es ist etwas so Großes und Schlimmes, dass Du davor eine unglaubliche Angst hast. Etwas so Gefährliches, dass Du sogar denkst, dass es selbst mit Sams und Moses Hilfe nicht aufgehalten werden kann.«
      Zuletzt sind es keine Fragen, es sind Feststellungen. Manchmal hasse ich Ihren unglaublichen Verstand.
      »Es ist gut. Du sagst es mir, sobald Du die Zeit dafür gekommen siehst. Ich habe Dir mein ganzes Leben vertraut, warum auch immer. Schon vom ersten Augenblick war mir instinktiv klar, dass Du der Dunkle Ritter im Schatten bist, der mich beschützt und wenn es nötig ist, sogar … vor mir selbst?«
      Ich zucke zusammen. Verdammt. Viel zu clever für mich!
      Sie lächelt und winkt ab. »Natürlich glaube ich Dir. Zudem haben wir noch etwas vor.«
      Zum einen erleichtert, zum anderen gespannt, schaue ich, wie sie den Stab der Mumie anhebt und auf mich zeigt.
      »Keine Angst, Michael hat gesagt, es tut nicht weh.«
      Ich schnaube. »Na, wenn ER das so gesagt hat …«
      Ella spricht eine Formel in einer Sprache, die ich nicht kennen kann, nicht kennen sollte. Doch ich verstehe den altägyptischen Zauber sehr gut: »Was verwundet, heile, was zersplittert, werde zusammengefügt, was in Teilen, sei nun ein Ganzes!«

      Beast in mir bäumt sich auf.
      »Nein! Michael, er versteht es nicht. Das ist nicht der Weg!«
      Ich spüre, wie er kämpft, fühle, dass es ein Kampf ist, den er nicht um seinetwillen führt, nicht einmal um meinetwillen. Er kämpft für viele und ohne zu zögern leihe ich ihm meine ganze Kraft.

      Von wegen, es tut nicht weh, mein Bewusstsein entgleitet mir und i
      ch versinke in tiefer Schwärze.
      Das Letzte, was ich noch höre, ist der entsetzte Schrei meiner Liebsten.
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      Tom Stark
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    • Sowanestreel - Sinistre XI (Teil 11)

      »Sin. SIN. Bitte sag etwas. Irgendwas!«
      Ich starre geradeaus, sage nichts, antworte nichts. Es gibt nichts zu sagen.
      »Schatz, Du musst endlich aufhören damit! Es sind schon zwei Monate. Sogar Sam hat gesagt, dass Beast nicht wirklich weg ist, er schläft nur tief, in einem regenerativen Koma.«
      Warum fühle ich mich dann so leer, so unvollständig?
      »Körperlich geht es Dir sogar blendend. Dr. Elisabeth kann gar nicht aufhören über deine Metamorphose zu schwärmen!«
      Als ob ich von der Raupe zu einem Schmetterling werde! Dabei habe ich mich äußerlich fast gar nicht verändert. Etwas mehr Farbe im Gesicht vielleicht, aber das kann auch Wunschdenken sein. Ich fühle, wie meine Grundstärke und Grundschnelligkeit zugenommen haben, aber bisher war immer Beast der Motor, wenn ich mehr brauchte, als der menschliche Körper hergeben wollte. Aber er ist nun weg. Sie sagen er schläft nur, aber warum spüre ich dann diese Leere?
      Ella, die gute Ella. Sie greift mir unter die Arme, zieht mich zurück ins Haus. Ich sitze schon seit Stunden hier draußen. Es regnet. Es ist mir gleich.

      »Weißt Du schon das Neuste? Der Polizeichef persönlich wird dir eine Medaille verleihen, für Deine Verdienste um die Stadt und ihre Bürger. Natürlich stecken die Steinbrenner dahinter. Ich habe mit Hank gesprochen, ja stell Dir vor, er hat mich nun wirklich mehr als eindringlich aufgefordert, ihn beim Vornamen zu nennen. Ich glaube, wenn ich nicht mit Dir zusammenwäre, würde er mich mit seinem Sohn verkuppeln. Als ob ich und Jack irgendetwas gemeinsam hätten …«

      Sie plappert und plappert. Es ist wie ein Wasserfall, oder der Regen. Es ist da, die Worte sind da, aber sie bedeuten mir nichts. Schon seit der zweiten Woche ist sie so. Zu Beginn war sie still, stumm. Das war mir lieber, aber mir fehlt die Energie, es ihr zu sagen. Überhaupt nur den Kopf zu heben, ist so unendlich schwer.
      Nun setzt sie mich an den Tisch. Sie hat gekocht. Es schmeckt nicht übel, ich sollte ihr das wirklich sagen. Das würde sie freuen. Aber es bedeutet nichts.

      Wie viel Zeit ist vergangen?
      Sir Drago ist zu Besuch. Ich fühle, wie seine Aura versucht mich aufzurütteln. Er provoziert mich, nimmt mein Territorium ein. Es ist mir einerlei, soll er meinetwegen, wenn es ihn glücklich macht.
      Dann hört es auf. Er redet mit Ella.
      »Es braucht Zeit, Miss McElroy.«, sagt er.
      »Es ist nicht ihre Schuld, Miss McElroy.«, versichert er ihr.
      »Sie haben in bestem Glauben gehandelt. Wenn sich jemand Vorwürfe machen sollte, ist es Michael. Jemand wie er sollte es besser wissen!«
      Drago hat Recht. Es ist nicht Ellas Schuld. Falls es überhaupt einen Schuldigen gibt, dann bin ich es selbst und natürlich Michael … mein Bruder?
      Nein, das klingt falsch. Ohne Beast ist die brüderliche Verbundenheit verschwunden. Michael ist ein Fremder. Einer mit guten Absichten, vielleicht. Aber ein Fremder. Nicht einfach fremd, im Sinne, dass wir ihn nicht gut kennen. Er ist ein Fremder in dieser Welt. Er mag sie beobachten, vielleicht auf gewisse Weise beschützen, aber er ist nicht wirklich ein Teil davon. Nicht wie ich es bin, nicht wie Beast es war, es ist, es beschlossen hat, zu sein.

      Es ist Abend. Ist es gestern, heute oder schon morgen? Die Tage gehen vorbei. Meine Transformation ist fast abgeschlossen. Ich kann es fühlen. Was immer Michaels Kräfte in mir ausgelöst haben, es hat beinahe das Endstadium erreicht.
      Ich sollte mich wirklich darum kümmern. Aber Ella kümmert sich um mich. Das sollte mir Trost geben. Ich bin nicht alleine. Warum fühle ich mich dann nur so allein?

      Es ist wieder Tag.
      Oh, ich sitze in der Sonne, eingepackt in eine Decke. Es ist frischer Schnee gefallen. Das ist etwas Besonderes, oder nicht?
      Sam und Moses sind da. Sam untersucht mich. Schon wieder. Selbst der nie alternde Magier wirkt ratlos.
      Moses schaut mit mir Football. Ich weiß, er mag den Sport nicht besonders. Er mag lieber Baseball und Basketball. Er findet, dass Sport nichts mit Nahkampf zu tun haben sollte. Kampf sollte gar nicht Teil des Sports sein. Früher hat mich das zum Widerspruch angestachelt. Sport ist Kampf, nur mit mehr Regeln und mit spielerischen Mitteln. Aber nun ist es mir einerlei.

      »Sin. Süße, Schatz.« Es ist Ella. Ihr tränenüberströmtes Gesicht taucht aus dem Nebel vor mir auf.
      »Ich ertrage das nicht mehr, hörst Du?«
      »Ich liebe Dich, und es zerstört mich zu wissen, dass ich Schuld bin an Deinem Zustand.«
      Mein Blick wird klarer. Ich konzentriere mich. Es fällt mir schwer, aber ich bringe die Energie auf. Es ist immerhin Ella.
      Sie sieht schlimm aus. Fettiges, dünnes Haar, was an ihren Kopf klebt. Ihre Augen haben tiefe schwarze Ringe. Ihre sonst makellose Haut hat Flecken.
      Ihre Augen! Das strahlende Blau ist matt und glanzlos. Selbst die Tränen bringen nicht das übliche Glitzern zurück, können es nicht einmal andeuten.
      »Vergib mir. Bitte, bitte vergib mir!« Sie murmelt es, schluchzt es vielmehr.
      Ich sehe, wie sie zusammensackt.

      Etwas in mir ruft aus der Tiefe.
      »Steh auf, kämpfe. Eine Amazone geht manchmal zu Boden, aber sie steht wieder auf!«
      Ich kenne die Frauenstimme. Es ist Atalantes, es ist meine Stimme.

      »Erhebe Dich. Ein Pharao zeigt keine Schwäche. Er ist von göttlichem Geblüt. Er kauert nicht matt im Dunkeln, während seine Pflicht brachliegt!«
      Ich kenne die Stimme. Es ist Echnaton. Das bin ich!

      »In Gottes Namen, auf die Beine, Ritter! Was du spürst sind nur die Versuchungen des Fleisches, vom Teufel gesandt Dich zu prüfen!«
      Ich kenne diese Stimme, die mich mit heißerem Tonfall auf die Beine treibt, verhindert, dass ich im Wüstensand dieses fremden, gottlosen Landes zugrunde gehe. Es ist Wolfhard von Boullion, ein Krieger des Tempels. Das bin ich.

      »Ein Spartiate kehrt nur auf oder mit seinem Schild zurück. Also nimm deinen Schild auf oder stirb gefälligst, aber bleib nicht liegen, wie ein feiger Perser!«
      Ja, Antilles, das ist sein Ruf. Ich bin es, der ruft!

      »Es ist Ella, Du Närrin, Sie zerbricht. Und es ist Deine Schuld!«
      Diese Stimme macht mir Angst. Sie ist unnachgiebig und furchtbar wütend. Sie ist wütend auf mich.
      Das ist Sinistre, den Namen gab sie sich selbst. Ein Wortspiel, der hochgestreckte Mittelfinger, der in die Finsternis zeigt, bereit allem in den Arsch zu treten, was sich dort herauswagt.
      Das bin ich.
      Das BIN ich!
      DAS BIN ICH!

      Ich ergreife Ellas Hände. Die sonst so zarten Finger sind knochig geworden. Du lieber Himmel, isst sie denn gar nichts mehr?
      Ich ziehe sie auf meinen Schoß, nehme ihren mageren Körper in die Arme, lege meine Stirn gegen ihre. »Süße. Es gibt gar nichts zu vergeben. Jedenfalls nicht von meiner Seite. Aber verzeih‘ Du mir, dass ich so lange weg war.«
      Schluchzend umarmt sie mich nun auch. Sie klammert sich vielmehr an mich, als habe sie Angst zu fallen. Ich halte sie fest, nehme sie auf meine Arme. War sie schon immer so leicht, oder liegt es an mir?
      »Sin. Endlich. Endlich …«
      »Na, na.«, brumme ich. Es gibt nur ein gewisses Maß an Rührseligkeit, das ich ertrage, aber da muss ich jetzt wohl durch. Es ist schließlich meine Schuld. Also ignoriere ich Ellas Tränen, die mir unter dem schlabbrigen T-Shirt die Brust hinabrinnen.
      Stirnrunzelnd betrachte ich mich selbst, extrem lockeres T-Shirt, Trainingshose, Hausschuhe … Hausschuhe!? Entsetzt schleudere ich die pelzgefütterten Dinger von mir und trage Ella in die Küche.
      Du liebe Güte, wann hat hier zum letzten Mal jemand aufgeräumt? Und sauber gemacht!
      Meine arme Küche ist zu einer Müllhalde verkommen.
      Ich setze Ella energisch auf einen der Stühle am Tresen.
      »So, meine Liebste. Jetzt ist es aber gut. Wisch Dir die Tränen weg, dann gehst Du ins Bad und machst Dich zurecht. Ich dachte immer ich lebe mit einer Magierin und nicht mit einer Hexe zusammen. Solange bringe ich hier Ordnung ins Chaos und danach wird gegessen.«
      Ich zwicke Ella in den Hintern während sie davonschlurfen will. Sie quiekt empört und schaut über die Schulter zurück. Zum ersten Mal lächelt sie ein wenig.
      Obwohl es draußen gerade dämmert, geht in unsrer Küche die Sonne auf.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse
    • Die letzten beiden Teile sind ziemlich anspruchsvolle Kost. So richtig habe ich es nicht verstanden, was mit Beast passiert ist und was mit Beast eigentlich passieren sollte (oder mit Sin :hmm: ?)
      Ist der Stab derselbe, der aus dem Museum entwendet wurde?
      Wen meint Michael, wenn er von "denen" spricht, die ihn hindern ...
      Hier zum Beispiel weiß ich nicht, wer das ruft. Sin oder Beast? Und wieso "Michael"? Der ist doch gar nicht dabei, oder?

      Tom Stark schrieb:

      »Nein! Michael, er versteht es nicht. Das ist nicht der Weg!«
      Für wen kämpfte Beast? Wer sind die "viele"?
      Woher kennt Sir Draco denn Michael?

      Was ist diese Metamorphose und was bewirkt sie bei Sin?
      So viele Fragen. Ich hoffe, dass du sie mir bald beantworten kannst. Ich bin nicht gut im Aushalten von Spannung. ^^
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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