Rote Segel

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    • --- 6 ---



      Wenn es nach Woods gegangen wäre, dann hätte der folgende Tag noch ein paar Stunden länger angedauert.
      Er war am frühen Morgen aufgestanden und in Richtung Stadt aufgebrochen, um die auf der Nemesis befindliche Beute an einen der Halsabschneider zu verkaufen, die sich in Nassau ehrenhafte Händler nennen. Nach einer scheinbar unendlich andauernden Verhandlung, in der Woods mehr als nur einmal überlegt hatte, sämtliche sich im Raum befindende Männer zu erdolchen, war er endlich mit einem Mann mit feinem Hut und gelben Zähnen ins Geschäft gekommen. Er war sich jedoch nicht sicher, ob er nun wütend darüber sein sollte, wie wenig er für seine hart erarbeitete Beute hatte rausschlagen können, oder ob er froh sein sollte, in dieser Stadt überhaupt etwas dafür zu bekommen.


      Nachdem die Beute vom Schiff geladen war und Woods noch ein paar Worte an die Männer gerichtet hatte, die alles andere als erfreut darüber waren, so schnell wieder abzulegen, war bereits der frühe Abend eingebrochen.
      Als Woods wieder den kleinen Hügel zu seinem Haus emporgestiegen war hatte er sich innerlich bereits darauf vorbereitet, seiner Tochter gestehen zu müssen, dass er doch nicht so lange wie versprochen bei ihnen in Nassau bleiben würde. Doch hätte er niemals eine solche Reaktion von Kathrine erwartet.
      Sie hatte nicht geweint, sie schien nicht einmal besonders überrascht. Das Einzige, was Woods in ihrem Gesicht erkennen konnte, war Enttäuschung, die jedoch von etwas anderem überschattet zu werden schien: Gewohnheit.
      Diese Erkenntnis hatte Woods tief getroffen. Es war für seine Tochter bereits zur Gewohnheit geworden, dass er seine Versprechen brach und sie wieder verließ. Woods hätte sich niemals träumen lassen, dass seine eigene Tochter nicht mehr darüber traurig war, wenn er seine Versprechen nicht einhielt.


      Wie habe ich es nur so weit kommen lassen?, hatte Woods im Stillen gedacht, während er mit Jennifer in ihrem gemeinsamen Bett lag.
      Sie hatten sich in dieser Nacht bereits zwei Mal geliebt, doch blieb der beruhigende Schlaf, der seine Frau bereits sanft umarmt hatte, für Woods aus. Seine Gedanken waren stets zum Gesicht seiner Tochter zurückgekehrt, die ihn enttäuscht ansah, ohne eine Träne der Trauer zu vergießen.


      Der nächste Morgen brachte einen wolkenlosen Himmel und kräftigen Wind. Die Sonne brannte heiß auf die Köpfe der Männer herunter, die über das Deck der Nemesis liefen. Woods blickte vom Achterdeck über sein Schiff und seine Mannschaft, die wie ein Haufen Ameisen auf einem Stück Kuchen umherhuschten. Er sah noch einmal in Richtung Nassau. Jennifer und Kathrine standen beide dort am Strand, der Wind wehte wild durch ihre Haare. Sie winkten ihm zu.
      Woods hob eine Hand, winkte zurück und deutete dann auf die Kette, die er um seinen Hals trug. Er war sich nicht sicher, ob seine Tochter seine Geste verstanden hatte, doch er musste sich nun um andere Dinge kümmern.
      „In die Wanten, Männer, bringt die Segel in den Wind!“, rief er über sein Schiff und wenig später nahm die Nemesis Fahrt auf. Nassau wurde hinter ihnen immer kleiner, bis es schließlich am Horizont verschwand.


      Woods seufzte. Er stütze sich an die Reling und blickte hinab in die Wellen, die gegen das Heck der Nemesis schlugen und ihm kühle Gischt ins Gesicht spritzten. Dann wandte er sich seiner Crew zu.
      „Männer!“, rief er, und die Köpfe der Seeleuten wandten sich zum ihm.
      „Ich weiß, ihr alle hattet euch darauf gefreut, endlich ein paar Tage an Land zu verbringen, ohne euch von eurem verschrobenen Käpt'n anbrüllen zu lassen.“
      Ein zustimmendes Grummeln ging durch die Menge. Fiddick, der mit einer geöffneten Flasche am Mast lehnte, hielt diese Aussage offenbar für das lustigste, was ihm jemals untergekommen war. Sein Lachen schallte laut über das Deck.
      „Halt's Maul, Fiddick!“, rief jemand hinter ihm, und Fiddick verstummte.
      „Jedenfalls“, fuhr Woods fort, „könnt ihr mir glauben, dass ich ebenso unglücklich über diese frühe Abreise bin, wie ihr es seid. Auch ich hatte nicht vorgehabt, so schnell wieder an Bord der Nemesis zu treten. Aber manche Dinge lassen sich nun einmal nicht ändern.“


      Er senkte den Blick. Seine Mannschaft blickte ihn gespannt an.
      „Bill Dawes ist tot. Unsere Schmugglerfreunde in Anotto Bay sind tot. Und mit dem Geld, was uns diese Halunken in Nassau für unsere Beute gegeben haben, kommen wir keinen ganzen Monat aus!“ In Woods' Stimme hatte sich unüberhörbar eine Prise Zorn gemischt. Wieder ging ein zustimmendes Murmeln durch die Mannschaft.
      „Aber ihr wisst ja, was das heißt: Wir segeln weiter! Wir überfallen mehr Schiffe! Und wir scheffeln so viel Beute zusammen, dass wir selbst in Nassau dafür genug Geld bekämen, um für eine Ewigkeit ausgesorgt zu haben!“
      Ein lauter, zustimmender Schrei aus vielen Mündern schallte über das Deck.
      „Das Schicksal mag uns übel mitgespielt haben, es hat auch dem armen Bill Dawes übel mitgespielt, aber noch sind wir am Leben! Und ich will verdammt sein, wenn wir als die besten Seemänner in dieser gottverdammten Gegend nicht in der Lage sind, ein paar ordentliche Ladungen zu erbeuten!“
      Wieder ein zustimmender Schrei, dieses Mal noch lauter.
      „Also los, Männer!“, rief Woods laut aus. „Nehmt fahrt auf, schärft eure Waffen, ladet eure Pistolen! Wir nehmen uns das, was uns zusteht!“
      Der lauteste Schrei bisher erklang, die Männer applaudierten. Auch wenn sie immer noch nicht glücklich damit waren, so schnell wieder von Nassau abgereist zu sein, die Aussicht auf Beute hatte ihre Gemüter wieder gestärkt. Doch bevor sie auseinandergehen und sich zerstreuen konnten erhob Woods erneut die Stimme:


      „Eine Sache noch, Männer!“
      Es breitete sich wieder Stille über dem Deck aus.
      „Auf unserer letzten Fahrt verloren wir Jacob Yelland, unseren ehrwürdigen Quartiermeister. Auch wenn ich gehofft hatte, etwas mehr Zeit bei der Bennenung seines Nachfolgers gehabt zu haben, so denke ich doch, dass meine Entscheidung die richtige gewesen ist.“
      Er verstummte. Gespannt blickten die Männer zu ihm auf, selbst Fiddick hatte seine Flasche beiseite gestellt und stand kerzengerade da.
      „Mr. Simon Dagger wird der neue Quartiermeister!“, rief Woods, und erneut brach Jubel auf dem Deck aus.
      Fiddick spuckte aus, nahm seine Flasche und wankte Richtung Luke. Dabei warf er dem neuen Quartiermeister einen Blick zu, der ihn vermutlich hätte töten können, wären Fiddicks Augen nicht blutunterlaufen und glasig. Dann verschwand er unter Deck.


      Dagger trat an Woods heran.
      „Danke, Käpt'n“, sagte er und deutete eine Verbeugung an.
      „Dank mir erst dann, wenn du dir sicher bist, dass du es als Quartiermeister nicht hassen wirst, auf diesem Schiff zu sein“, entgegnete Woods und lachte.
      „Es wird nicht sonderlich einfach, aber von allen Männern auf diesem Schiff bist du derjenige, dem ich am meisten zutraue. Ganz zu schweigen von deinen Kenntnissen auf hoher See.“
      Dagger nickte, dann wandte er sich um und ging die Treppen des Achterdecks hinunter.
      Woods blickte ihm hinterher, während er an Fiddick dachte, dessen Blick von Woods nicht unbemerkt gewesen war.
      Er wird schon nichts anstellen, dachte Woods. Er mag ein alter Trunkenbold sein, aber er war niemals jemand, der sich gegen die Entscheidung seines Kapitäns stellt. Selbst damals nicht, als wir noch mit Bill zusammen gesegelt sind.
      Er blickte zum strahlend blauen Himmel und dachte daran, was Dagger ihm vor zwei Tagen über die Gefangennahme und den Tod des alten Piraten erzählt hatte.
      Oh Bill, dachte Woods wehmütig. Was ist nur mit dir passiert?
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague
    • Und damit sind die Männer wieder auf See und auf der Suche nach neuer Beute.
      Ich bin ja wirklich neugierig, was nun Bill widerfahren ist und hoffe inständig, dass Woods da nicht auch hineingerät. Ich glaube bloß, das wird nicht passieren. :D
      Dagger ist also der neue Quartiermeister? Na wenn Fiddick da mal keinen Fehler macht. Vertrauen ist zwar gut, aber ich denke Woods sollte sich nicht nur darauf verlassen. Betrunkene sind unberechenbar und dazu kommt, dass Fiddick sowieso nicht gut auf Dagger zu sprechen ist.
      Ich schätze jetzt heißt es abwarten wie es weiter geht. ^^

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • HI ^^

      Jack C. Moon schrieb:

      Er mag ein alter Trunkenbold sein, aber er war niemals jemand, der sich gegen die Entscheidung seines Kapitäns stellt. Selbst damals nicht, als wir noch mit Bill zusammen gesegelt sind.
      Das verheißt nichts Gutes ...

      Aber ein guter Kapitän ist Woods ja, wenn er seine Mannschaft begeistern kann ^^'
      Ist ja auch zwangsläufig nötig ne?
      Hat die Blume einen Knick,
      war der Schmetterling zu dick.




    • Korrektur:
      Spoiler anzeigen

      V:

      "Wenn das was du erzählst >war< wäre, und"
      -wahr

      VI:

      so schnell wieder abzulegen, war bereits der frühe Abend >eingebrochen<.
      -angebrochen

      "Als Woods wieder den kleinen Hügel zu seinem Haus emporgestiegen war> <hatte er"
      -Komma

      "Auch wenn ich gehofft hatte, etwas mehr Zeit bei der Bennenung seines Nachfolgers gehabt zu haben,"
      -Benennung

      "dessen Blick von Woods nicht unbemerkt gewesen war."
      -unbemerkt geblieben war


      So hab mir jetzt auch endlich mal alle Teile angesehen und bin positiv überrascht. Auch wenn ich bis jetzt dachte, dass Piraten nichts für mich sind, hat mir deine Geschichte gut gefallen. Auch wenn du hier und da gewisse Klischees bedienst, schadet das der Erzählung in keinster Weise, sonder verleiht ihr eher was historisch-echtes.
      Du kannst echt gut und neutral Szenen beschreiben, auch wenn ich mir manchmal etwas mehr Variation in der Struktur der Sätze wünsche und vielleicht ein Ticken mehr Details und Atmosphäre.
      Ansonsten liest es sich wirklich wunderbar flüssig und die Story hisst auch schon die Segel und kommt in Fahrt. Freu mich aufjedenfall auf den Horror und ganz besonders auf den nächsten Teil!

      Liebe Grüße

      Leiard
      Momentanes Dauerprojekt: Des Hexers Spiel

      Neuestes Werk: Und Stille kehrte ein (Kurzgeschichte)
    • --- 7 ---


      Die Nemesis segelte sanft über die karibische See, als die Sonne im Westen hinter dem Horizont versank.
      Es war ein äußerst ereignisloser Tag gewesen. Nicht ein Schiff schien die Routen zu befahren, auf denen Woods mit seiner Mannschaft schon einiges an Rum und Gewürzen erbeutet hatte. Als der Abend anbrach war die Motivation der Männer erneut der Enttäuschung gewichen, die sich mit der verfrühten Abfahrt aus Nassau eingestellt hatte. Bald schon hatten sich die meisten unter Deck verkrochen, mit einer Flasche Rum in der Hand und Frustration in ihren Blicken.
      Woods saß in seiner Kajüte an seinem Schreibtisch, der den größten Teil des Raums einnahm. Auf ihm befand sich ein Durcheinander aus Schreibfedern, Papier, alten Büchern und einigen Seekarten, über denen der Kapitän mit auf die Hände gestütztem Kopf brütete. Eine kleine Lampe stand neben ihm und warf tanzende Lichter in den Raum, die über das Holzbett auf der linken und den Schrank auf der rechten Seite huschten.


      Woods lehnte sich in seinem Stuhl zurück, blickte an die Decke und seufzte.
      Viel schlimmer hätte dieser Tag kaum noch werden können. Nicht nur, dass sie nicht eine einzige Prise hatten erbeuten können, der Wind war abends weiter abgeflaut, sodass die Nemesis langsam wie ein Kriegsveteran über das Meer gekrochen war. Wenn sie dieser Flaute nicht entkommen konnten, dann würde ihre Chance auf eine akzeptable Beute nur noch weiter sinken.
      Er wandte sich wieder den Seekarten zu. Für gewöhnlich segelten viele Handelsschiffe von Havanna aus nach Osten, um dann entweder Kurs auf Santiago oder Kingston nehmen zu können. Doch die Nemesis befand sich noch zu weit nördlich, und erst wenn sie Great Inagua hinter sich gelassen hätten würden sie diese Route kreuzen. Der Weg bis dorthin war zwar nicht sehr weit, doch wenn diese Flaute sie weiter fest in ihrem Griff halten würde, dann wäre ihr Vorhaben zum scheitern verurteilt. Ganz zu schweigen von der Antriebslosigkeit, welche einen Seemann erfasste, dessen Schiff sich nicht von der Stelle rührte.


      Es klopfte. Woods blickte auf.
      „Herein!“, rief er. Er war dankbar für ein wenig Ablenkung von ihrer misslichen Lage,
      Die Tür öffnete sich und Fiddick trat ein. In seiner Hand hielt er zwei noch verkorkte Flaschen, doch hatte er offensichtlich mindestens eine bereits getrunken.
      „Ahoi, Käpt'n“, sagte er. „Stör' ich bei irgendetwas?“
      Woods seufzte erneut, dann lächelte er und sagte: „Nein, keineswegs. Setz dich, Fiddick.“
      Er deutete auf einen weiteren Stuhl, der ihm gegenüber stand. Fiddick ließ sich ungelenk darauf fallen und stellte die Flaschen auf Woods' Schreibtisch.
      „Lass mich raten“, begann Woods. „Du willst von mir wissen, warum ich Dagger zum Quartiermeister gemacht habe, richtig?“
      „Nein“, lallte Fiddick. Er blickte mit seinen glasigen Augen in das Gesicht seines Kapitäns, dann blickte er beschämt zu Boden.
      „Na gut, eigentlich wollte ich es wissen“, grummelte er. „Aber als ich dann an der Tür stand, da hab ich mir gedacht, is' doch eigentlich den Ärger nich' wert. Aber dann hatte ich schon geklopft. Also musste ich auch reinkommen.“ Er grinste.


      Woods lachte laut auf.
      „Na schön, Fiddick, und was möchtest du dann, anstatt einer Antwort auf deine Frage?“
      „Nix besonderes“, nuschelte Fiddick, ergriff zwei hölzerne Becher, die Woods bisher als Briefbeschwerer benutzt hatte, öffnete eine Flasche und füllte die Becher mit ihrem Inhalt. Dann stellte er einen auf die Seekarten vor Woods' Gesicht.
      „Nur ein bisschen mit meinem Freund und Käpt'n quatschen, das is' alles“, sagte er, während er seinen eigenen Becher vor sein Gesicht hob.
      Woods blickte ihn argwöhnisch an.
      „Was denn?“, fragte Fiddick. „Hab ich was im Gesicht?“
      „Nein“, antwortete Woods. „Es ist nur so, dass jedes Mal, wenn ich mit dir trinke, der Abend ganz gewaltig ausartet. Hab es bisher nie anders erlebt.“
      „Ach Quatsch!“, rief Fiddick laut aus. „Ein bisschen Rum hat noch keinem geschadet. Ich muss es wissen, ich trink es jeden Tag. Also los, Käpt'n, für den alten Fiddick!“
      Woods blickte auf das klare Getränk in seinem Becher, dann ergriff er ihn und erfüllte seinem alten Freund den Wunsch.


      Der Rum brannte ihm in Mund und Rachen und ließ einen herben Geschmack auf seiner Zunge zurück. Gleichzeitig fühlte Woods jedoch, wie sich seine Muskeln etwas mehr entspannten und er weiter in seinen Stuhl sank. Er hatte wirklich schon sehr lange keinen Rum mehr getrunken.
      „Siehst du, war doch gar nicht so schwer“, gluckste Fiddick, dann schenkte er nach. Dieses Mal musste er seinen Kapitän jedoch nicht darum bitten, erneut zu trinken.
      Woods stellte seinen Becher auf den Tisch und atmete tief aus. Der Alkohol brachte ihm ein warmes Gefühl in seiner Magengegend und blies langsam die Sorgen aus seinem Kopf.
      „Schwerer Tag heute, nicht wahr?“, fragte er Fiddick. Dieser nickte.
      „Es wird nicht einfacher für uns Piraten. Mit jedem Tag ist uns die Navy wieder einen Schritt näher gekommen, und den Strick für unseren Hals haben sie schon fertig gebunden.“ Er blickte traurig in Fiddicks Gesicht.
      „Den armen Bill haben sie ja schon erwischt.“
      „Aye“, antwortete Fiddick. „Und ich hab es gar nich' glauben können. Dass ausgerechnet der alte Dawes von denen erwischt wird, absolut unmöglich.“
      Er nahm einen weiteren Schluck Rum.
      „Aber, verflucht noch eins, dieser Mann war wohl der ehrenhafteste Pirat, der jemals über das Meer gesegelt is'!“, rief er. Woods nickte.
      „Einen besseren Kapitän hatte ich niemals. Wirklich ein Jammer, dass er von uns gegangen ist.“


      Fiddick hob seinen frisch gefüllten Becher über den Kopf.
      „Auf Bill!“, sagte er.
      „Auf Bill!“, antwortete Woods, und beide leerten ihre Becher in einem Zug.
      Bald begannen sie, sich über die Zeiten zu unterhalten, die sie mit Bill Dawes als Kapitän verbracht haben. Die erste von Fiddicks mitgebrachten Flaschen leerte sich beunruhigend schnell, sodass sie schon bald die nächste entkorkten.
      „Und soll ich dir mal was sagen, Fiddick?“, lallte Woods, während er sich und seinem alten Freund wieder einschenkte. Fiddick blickte nur an ihm vorbei und brabbelte leise etwas unverständliches.
      „Seit diesem Vorfall kann ich keinen Tintenfisch mehr essen. Ich krieg's einfach nicht runter!“ Woods lachte laut. Sein Gesicht war vom Alkohol gerötet und fühlte sich angenehm warm an. Fiddick lachte ebenfalls, doch verwandelte sich sein Lachen bald in einen Hustenanfall. Daraufhin lachte Woods noch lauter.
      „Meine Güte!“, prustete er, nachdem er sich etwas beruhigt hatte. „Alles in Ordnung, Fiddick?“
      Dieser nickter und klopfte sich gegen die Brust.
      „Ich zeig' reine Körperbeherrschung, Johnny. Jeder andere hätt' dir wohl auf deinen Tisch gekotzt!“ Dann begannen sie wieder zu lachen.


      „Weißt du, Fiddick ...“, begann Woods eine Weile später, „ich hatte wirklich überlegt, ob ich dich nich' zum Quarte... Quartief... Quartiermeister machen soll, Donnerwetter!“ Er nahm einen weiteren Schluck Rum, obwohl er sich inzwischen mehr als nur angetrunken fühlte.
      „Ich hatte wirklich darüber nachgedacht. Schließlich bist du hier an Bord einer meiner ältesten Freunde und ein verdammt guter Seemann. Aber weißt du ...“
      Er beugte sich vor und versuchte, Fiddick in sein Gesicht zu sehen.
      „Du säufst einfach viel zu viel, Mann! Und nicht nur das, du verhälst dich einfach nur wie ein Idiot, wenn Leute wie Dagger in der Nähe sind. Ich weiß, du bist ein guter Kerl, aber es kann einfach niemand auf meinem Schiff Quartiermeister werden, der nicht einmal seine eigenen Leute mit einem gewissen Respekt behandelt!“
      Er machte eine kurze Pause.
      „Hast du das kapiert, Fiddick?“, fragte er.
      Fiddick hob einen Finger, als wolle er seinen Kapitän nun tadeln, doch dann fiel sein Kopf mit einem lauten Klonk auf die Tischplatte. Ein lautes Schnarchen zeigte Woods, dass Fiddick sich nicht mit ihm in den Tod gesoffen hatte.


      Woods erhob sich und ging um den schmalen Holztisch herum. Dabei musste er sich mit einer Hand an der Tischkante abstützen, da die Nemesis zu schwanken schien, als wäre aus der Flaute ein gewaltiger Sturm geworden.
      Er hakte seinen Arm unter Fiddicks Schulter ein und stemmte ihn hoch. Dieser schlief weiter tief und fest, er hing wie ein nasser Sack an Woods' Arm, während er versuchte, ihn Richtung Tür zu schleifen. Ein paar Schritte vor der Tür glitt Woods' Arm jedoch aus Fiddicks Achsel und der Trunkenbold fiel zu Boden. Er erwachte jedoch immer noch nicht, sondern schnarchte munter weiter.
      Woods öffnete die Tür seiner Kajüte und rief über das Deck:
      „Hey! Männer! Ich brauch hier mal ein paar kräftige Arme!“
      Schnell liefen zwei seiner Männer herbei, die diese Nacht als Wache eingeteilt waren. Sie blickten fragend an Woods vorbei auf den am Boden liegenden Fiddick.
      „Packt euch diesen Saufsack und bringt ihn in seine Koje. Hier hab ich keinen Platz für ihn“, lallte Woods, und seine Männer nickten.
      Als sie den schlafenden Fiddick an ihm vorbei trugen erhaschte Woods einen Blick auf den nackten Bauch des Mannes, der aus dem geöffneten Hemd hervorragte. Dicke Adern zogen sich wie windende Schlangen durch die Haut des Schlafenden.


      Als die beiden Männer mit Fiddick unter Deck verschwunden waren trat Woods wieder in seine Kajüte und schloss die Tür hinter sich. Ohne Hemd oder Hose auszuziehen ließ er sich auf das Bett fallen, was mit einem lauten Knacken protestierte. Doch Woods dachte nicht weiter darüber nach, er war bereits eingeschlafen.
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague
    • Spoiler anzeigen


      Jack C. Moon schrieb:

      Der Weg bis dorthin war zwar nicht sehr weit, doch wenn diese Flaute sie weiter fest in ihrem Griff halten würde, dann wäre ihr Vorhaben zum scheitern verurteilt.
      groß

      Jack C. Moon schrieb:

      Fiddick blickte nur an ihm vorbei und brabbelte leise etwas unverständliches.
      hier bin ich nicht sicher, aber groß?

      Fiddick hat sich scheinbar damit abgefunden, dass er nicht der neue Quartiermeister ist. Na gut, dann gibt es schon mal dahingehend keine Probleme.
      Jetzt bin ich aber mal neugierig, was nun Bill so verängstigt hat, dass er alles verraten hat...

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • Heute gibt es nur einen kurzen Teil, hab hier gleich ne Poolparty am laufen :D
      Morgen gibt es dann wieder mehr ;)



      --- 8 ---

      Weit entfernt von der Nemesis und John Woods, der gemütlich seinen Rausch ausschlief, trieb eine kleine Flotte aus etwa fünfzehn Schiffen über das Meer.
      Auch wenn die vielen Kanonen an jeder Seite der Schiffe zeigten, dass sie sich gut in einer Seeschlacht verteidigen konnten, war diese Flotte eher dazu gedacht, möglichst viele Soldaten in ihren hölzernen Rümpfen zu transportieren. Die Armee, die mit dieser Flotte reiste, war groß genug, um eine kleine Stadt einnehmen zu können. Doch ihre Befehle drehten sich um etwas anderes.
      Der Wind pfiff leise durch die Nacht, blähte die Segel und ließ die Flaggen, die an den Mastspitzen befestigt waren, flattern. Die Flaggen der spanischen Armada.

      An Deck der Galleone, welche die Flotte anzuführen schien, stand ein Mann von etwa dreißig Jahren, dessen prachtvolle Uniform ihn als Vizeadmiral auswiesen. An seinem Gürtel hing der traditionelle Degen, der zwar prunkvoll wirkte, im Kampf gegen ein Entermesser jedoch nur mäßigen Schutz bot. Daher verließ sich der spanische Seemann im Ernstfall lieber auf seine Pistole, die er unter dem Mantel versteckt hielt.
      Doch der Vizeadmiral war nicht der einzige Mann an Deck. Obwohl der Morgen noch nicht graute liefen unzählige Soldaten, denen die Müdigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben stand, über die hölzernen Planken und aus der Luke heraus, die zu den Mannschaftsquartieren führte. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht, das wussten sie alle, und darum mussten alle Vorbereitungen getroffen werden, solange die Schwärze der Nacht ihnen noch einen Vorteil verschaffen würde.

      Der Vizeadmiral betrachtete schweigend das Treiben auf seinem Schiff. Auch er hätte gerne noch ein paar weitere Stunden in seinem gemütlichen Bett verbracht, doch ihr Vorhaben war von zu großer Wichtigkeit, als das man es für ein bisschen Schlaf aufs Spiel setzen könnte.
      Ihm schauderte es immer noch bei den Gedanken daran, wie der Admiral ihm vor einigen Wochen diese Befehle gab. In Anwesenheit des Admirals war er immer schon etwas nervös geworden, dieser vor Erfahrung und Kampfgeist strotzende Mann konnte selbst den König von England erzittern lassen. Doch nie war er selbst so kurz davor gewesen, dass seine Beine das Gewicht seines schlanken Körpers nicht mehr tragen konnten, wie zu diesem Zeitpunkt, als der Admiral ihm unmissverständlich klar machte, welche Bedeutung diese Befehle für die Zukunft der Armada hatten.
      Jetzt war es die Aufgabe des Vizeadmirals, seinen eigenen Männern dies einzubläuen.

      Er wartete noch ein wenig, bis die Soldaten ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatten, die Gewehre geladen und die Klingen geschärft waren. Dann blickte er über seine versammelte Mannschaft und begann, mit lauter Stimme zu reden:
      „Soldaten! Tapfere Männer der Armada!
      Uns wurde am heutigen Tag eine Aufgabe zuteil, deren Wichtigkeit alles andere übertrifft, was in dieser Welt jemals geschehen ist. Ich weiß, es wird nicht leicht werden. Es wird sogar alles andere als leicht werden.
      Doch gibt es kaum Soldaten, denen man so etwas zutrauen würde. Euch jedoch kann man es zutrauen. Denn ihr seid die Elite der Armada, ihr seid die tapfersten Soldaten in diesen Meeren, und ich sage euch, ihr seid diejenigen, die heute einen Sieg für die Gerechtigkeit erringen werden!“
      Gewaltiger Jubel brach auf dem Schiff aus. Die Müdigkeit der Soldaten war verflogen.
      „Heute ist der Tag, an dem wir einen Sieg gegen den Terror, der diese Gewässer beherrscht, erringen. Heute ist der Tag, an dem wir diesen Halunken zeigen, dass sie sich mit den Falschen angelegt haben. Heute ist der Tag, an dem wir ihr pestverseuchtes Nest wieder zurück erobern!“
      Wieder ertönte gewaltiger Jubel. In den Augen einiger Soldaten stand bereits der Blutdurst geschrieben.

      „Also frage ich euch, Männer! Seid ihr bereit, diese Piraten gnadenlos ihrem Schicksal zuzuführen, dass sie sich verdient haben?“
      Ein zustimmendes Brüllen wie eines Seeungeheuers schallte über das Deck.
      „Dann los, Männer, macht euch bereit!“, rief der Vizeadmiral. Sein Kopf war hochrot geworden, während er sich in Rage geredet hatte.
      „Brennt Nassau nieder!“
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague
    • Es ist schön mal einen Teil aus einer anderen Perspektive zu lesen.
      Es war ja beinahe schon klar, dass da irgendwas auf Nassau zukommt. Dass es aber die Spanische Armada ist, habe ich nicht erwartet. :hmm:
      Na hoffentlich kommen Kathrins und Jennifer da irgendwie leben heraus. Obwohl ich da mindestens für einen von beiden schwarz sehe.

      LG, Kyelia

      P.s. Viel Spaß auf deiner Poolparty ^^


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • --- 9 ---

      Als John Woods erwachte schien es, als hätte ihm jemand eine spanische Schatzgaleone gegen den Kopf geworfen.
      Er öffnete vorsichtig die Augen. Auch wenn der Morgen bereits angebrochen sein musste fiel nur ein wenig Licht durch das kleine Fenster seiner Kajüte, wofür Woods in Anbetracht seiner Kopfschmerzen durchaus dankbar war. Sein erster Versuch sich aufzurichten scheiterte an einer plötzlich einsetzenden Übelkeit, sodass er sich vorsichtig wieder in sein Kissen fallen ließ. Er schloss seine Augen, atmete tief ein und aus und versuchte, nicht dem Drang zu verfallen, sich auf seinen Fußboden zu übergeben. Als das unangenehme Gefühl in seiner Magengegend langsam abgeflaut war öffnete er wieder die Augen und unternahm einen zweiten Versuch, sein Bett vorsichtig zu verlassen. Dieses Mal schaffte er es, auch wenn ihm seine Kopfschmerzen dabei fast um den Verstand brachten.

      Woods stützte sich mit seinen zitternden Händen am Rand seines Bettes ab und erhob sich vorsichtig. Er war dankbar, dass die Nemesis der Flaute offensichtlich noch nicht entkommen war, denn die Planken unter seinen Füßen bewegten sich sehr sanft und langsam im Takt der schlagenden Wellen. Er ging zum Fenster und warf einen Blick hinaus, in der Hoffnung, etwas anderes als die endlose Leere des Meeres am Horizont erblicken zu können.
      Es war für Woods nicht möglich, bis zum Horizont zu blicken. Selbst die sanften Wellen, die gegen die Bordwand der Nemesis schlugen, waren nicht zu erkennen.
      Das Schiff trieb durch den dichtesten Nebel, den Woods in all seinen Jahren auf See jemals gesehen hatte.

      Verzweiflung breitete sich in ihm aus. Nicht nur, dass die Nemesis sich kaum von der Stelle bewegte, dieser Nebel würde verhindern, dass sie ihren Kurs halten und in Richtung der Handelsstraßen segeln konnten. Selbst wenn jetzt gerade ein Schiff mit den größten Schätzen der westlichen Welt am Horizont segeln würde, sie könnten es nicht verfolgen. Weil sie es nicht einmal sehen konnten!
      Woods schlug mit der Faust gegen die Wand seiner Kajüte, bereute diese Entscheidung jedoch sofort. Auch wenn der Schmerz in seiner Hand nicht besonders groß war, er verstärkte seine Kopfschmerzen um ein vielfaches, sodass plötzlich die Übelkeit wieder die Oberhand gewann. Er konnte gerade noch rechtzeitig das Fenster öffnen, bevor er sich in das von Nebel umspielte Meer übergab.
      Woods sackte, nachdem er alles, was sein Magen bereit war herzugeben, aus seinem Körper gepresst hatte, kraftlos an der Wand neben dem Fenster zusammen. Auch wenn ihm vorerst nicht mehr übel war, schien sein Kopf vor Schmerzen nun fast explodieren zu wollen. Er schloss wieder die Augen und schwor sich, nie wieder mit Fiddick zu zechen.
      Wenigstens geht es ihm bestimmt noch schlechter als mir, dachte Woods.

      „Fiddick!“
      Woods horchte auf. Das war Daggers Stimme gewesen, ganz sicher. Und er hatte sehr wütend geklungen.
      Das war alles andere als ein gutes Zeichen.
      Woods erhob sich vorsichtig, ignorierte das schmerzhafte Hämmern in seinem Schädel und schritt durch seine Kajüte zur hölzernen Tür, die er vorsichtig öffnete.
      An Deck war fast die Hälfte seiner Mannschaft versammelt. Sie hatten einen Kreis gebildet, in dem sich Fiddick und Dagger wütend gegenüberstanden. Daggers Augen waren vor Zorn weit aufgerissen, während Fiddick ihn mit lallender Stimme anschrie, sodass bei jedem Wort Speichel aus seinem Mund flog.
      „Ich sag dir was, Dagger!“, rief Fiddick. „Ich sag dir, du kannst verdammt noch mal froh darüber sein, dass wir dich hier auf diesem Schiff überhaupt dulden. Die Nemesis ist die wohl stolzeste Galleone, die es jemals geben wird, und wir lassen zu, dass ein dummer Affe wie du hier an Bord ist und sie beschmutzt! Also sei einfach froh darüber, dass ich dich noch nich' über Bord geschmissen hab', dreckiger Wilder!“

      „Fiddick!“, schrie Woods, der inzwischen ebenfalls in den Kreis getreten war und nun zwischen den beiden zeternden Kontrahenten stand.
      „Was zum Henker geht hier vor?“, zischte er wütend.
      „Befehlsverweigerung, Käpt'n“, antwortete Dagger. „Als dieser Trunkenbold wieder einmal nur mit 'ner Flasche Rum im Arm auf dem Deck vor sich hin döste, da bin ich zu ihm gegangen und hab ihm gesagt, er soll gefälligst aufstehen und sich an die Arbeit machen, wie jeder andere auch. Da hat er gesagt, ich könne ihm keine Befehle geben, woraufhin ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass ich sein Quartiermeister bin. Seitdem sind wir hier.“
      „Ein Scheißdreck werd' ich tun!“, rief Fiddick mit am Gaumen klebender Zunge. „Du kannst mir gar nichts sagen!“
      Woods schritt wütend auf Fiddick zu.
      „Dieser Mann dort ist dein gottverdammter Quartiermeister, Fiddick!“, schrie er ihn an. „Wenn du der Meinung bist, du könntest dich über den Befehl deines Quartiermeisters stellen, dann bist du vielleicht auch der Meinung, du könntest dich über den Befehl des Kapitäns stellen, der diesen Quartiermeister ausgesucht hat. Und dann, mein Freund, wirst du merken, dass ich auf Meuterer gar nicht gut zu sprechen bin!“

      Etwas leiser fügte er hinzu: „Ich hatte gehofft, du könntest deinen verfluchten Stolz einmal vergessen und einfach tun, was man dir sagt. Ganz wie bei Bill.“
      Woods blickte in die von Zorn verzerrte Fratze seines alten Freundes.
      „Aber offensichtlich bist du betrunken nicht in der Lage, überhaupt eine Art von klarem Gedanken zu fassen. Und darum ...“ Er entriss Fiddick die Flasche, die dieser immer noch mit seiner linken Hand umklammert hielt.
      „Darum ist dies der wichtigste Befehl, den du jemals von mir erhalten wirst. Hör am besten gut zu, Fiddick, und bemüh dich, ihn zu verstehen.
      Von nun an wirst du keinen Rum mehr trinken. Nicht einen einzigen kleinen Tropfen. Wenn ich dich erwische, wie du doch wieder rückfällig wirst, dann vergesse ich all die Zeiten, die wir als gute Freunde verbracht haben.“
      Fiddick blickte nun verstört in Woods Gesicht.
      „Wenn ich dich noch ein einziges Mal mit einer Flasche erwische, dann werfe ich dich persönlich über Bord.“

      Fiddick blickte ihn verständnislos und verzweifelt an. Sein Gesicht verwandelte sich in die Miene eines Kindes, das jeden Moment damit anfangen würde, sich jammert auf dem Boden zu wälzen.
      Dann blickte Fiddick an Woods vorbei zu Dagger, und die Zornesröte stieg ihm wieder ins Gesicht, bevor er laut schrie:
      „Das ist alles deine Schuld!“
      Bevor Woods oder jemand anderes reagieren konnte hatte Fiddick in den schäbigen Mantel gegriffen, den er trug, und hielt plötzlich eine Pistole in der Hand. Er richtete den etwas verzogenen Lauf auf Dagger.
      „Von dir lass' ich mir niemals irgendetwas befehlen, du gottverdammter scheiß N...“
      Woods riss Fiddicks Arm, an dessen Ende die Pistole in seiner von Adern zerfurchten Hand lag, in die Höhe. Mit seiner anderen Hand schlug er die von Fiddick entrissene Flasche auf dessen Kopf.
      Fiddick verdrehte die Augen und ließ die Pistole fallen, die auf die hölzernen Planken der Nemesis fiel. Dann klappte er vor der versammelten Mannschaft zusammen.

      Woods atmete tief ein und aus und versuchte die Kopfschmerzen, welche nach diesem kurzem Kampf wieder eingesetzt hatten, zu verdrängen.
      Er blickte zu Dagger.
      "Alles in Ordnung?", fragte er. Dagger nickte.
      Woods keuchte ein paar Mal, dann sagte er:
      „Nehmt diesen Trunkenbold und sperrt ihn ein. Egal was er sagt oder wie laut er schreit, er kriegt keinen Tropfen Alkohol. Und sagt mir Bescheid, wenn er aufwacht, denn dann wird er ...“
      Weiter kam er nicht. In diesem Moment hallte ein Geräusch über die Nemesis, die durch den dichten Nebel fuhr. Dieses Geräusch und alles, was darauf noch folgte, änderte alles für John Woods und die Besatzung seiner Galeone.

      Es war ein Wort. Ein einzelnes Wort, das mit der Stimme des getöteten Piratenkapitäns Bill Dawes über die See an John Woods' Ohr schallte. Ein Wort, dass ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
      Komm.

      Woods blickte sich um. Auf der Nemesis war es auf einmal völlig still geworden. Selbst die Wellen schienen nun lautlos gegen das Schiff zu schlagen.
      Doch dann hörte er wieder etwas. Ein Geräusch, als hätte jemand in weiter Ferne etwas sehr Großes in die Tiefen der See geworfen, sodass die Wellen wie ein gieriger Schlund sich darum winden und es in das dunkle Nass geleiten konnten.
      Und dann sah er es.
      Vor seinen Augen erschien aus dem Nebel, der wie ein Leichentuch über ihnen schwebte, ein Schiff. Seine Planken waren vermodert, Wasser floss durch die dicken Rillen im Holz und der Bug schien vollständig von Muscheln übersäht zu sein. Völlig lautlos glitt das Schiff an ihnen vorbei, seine vom Meer verfärbten Planken schienen allein durch ihre Blicke noch weiter zu verfaulen.
      Es segelte immer näher an die Nemesis heran, bis die beiden Schiffe Seite an Seite still im Ozean trieben. Noch immer war kein einziges Geräusch zu hören.
      Woods blickte nach oben. Keine Flagge war am durchlöcherten, aber immer noch funktionsfähigen Mast zu erkennen. Nur die Segel schienen durch den Nebel, als seien sie von einer Lampe angestrahlt.
      Segel, so rot wie Blut.
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague
    • Also hat Fiddick doch noch ein Problem mit Dagger. Wäre auch zu schön gewesen, wenn das einfach so aufgehört hätte.
      Und Woods Entscheidung ist zwar verständlich, aber ich denke, sie ist nicht sehr erfolgsversprechend, aber zum Glück (Pech) haben sie jetzt auch andere Probleme.
      Die Beschreibung klingt schon mal ganz nach einem Geisterschiff. Also buchstäblich ein Schiff voller Geister.
      :hmm: Moment...gespenstiger Nebel und ein Geisterschiff, was bei Flaute segelt und blutrote Segel hat? Irgendwie erinnert mich das an die Legenden vom Fliegenden Holländer.
      Ich bin mal gespannt, wie es jetzt weiter geht. ^^

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -


    • --- 10 ---



      Jeder Mann an Bord der Nemesis, der sich todesmutig in jeden Kampf gestürzt hätte, jeden Tag sein Leben ohne zu zögern auf See riskiert und für John Woods in den Tod gegangen wäre, war vor Angst wie erstarrt, als das Schiff mit den roten Segeln im dichten Nebel neben ihnen trieb.
      Niemand regte sich. Selbst die Männer, die den bewusstlosen Fiddick zwischen sich trugen, rührten sich kein Stück von der Stelle. Eine eisige Welle aus Furcht hatte sich auf dem gesamten Deck ausgebreitet, und niemand wagte es, diese zerbrechliche Sicherheit durch einen Laut zu gefährden.
      Schließlich war es Dagger, der die Stille brach, als er leise flüsterte:
      „Was in aller Welt ist das?“
      Woods hatte keine Antwort darauf. Es war ein Schiff, natürlich, doch hatte er noch nie etwas in dieser Art in seiner ganzen Zeit auf See jemals gesehen. Er hatte schon mehrere Male geglaubt, sein Leben würde sich dem Ende neigen, als er damals die Royal Navy verlassen hatte und Pirat geworden war. Die Gefahr, der er und seine Familie damals ausgesetzt gewesen waren, war sein ständiger Begleiter gewesen, und jeder neue Morgen war damals nur ein weiterer Vorbote seines Untergangs gewesen.
      Doch dieses Schiff weckte in ihm nicht das Gefühl, dass sein Leben nun ein Ende gefunden hatte. Dieses Schiff versprach, dass es etwas viel schlimmeres auf dieser Welt gab als nur den Tod.


      Woods schüttelte sich einmal, wie um aus der Trance zu erwachen, die jeden an Deck erfasst hatte, und rief:
      „Hallo?“
      Seine Stimme hallte über die Nemesis und durch den weißen Nebel. Keine Antwort. Das Schiff war ihnen nun so nahe, dass sie ohne den Nebel bereits das Deck erkannt hätten, doch schien es nicht so, als würde es sie rammen. Es trieb einfach nur weiter still neben ihnen her, die roten Segel wie brennende Mahnmale über ihnen.
      Dann kam ihm wieder Bill Dawes' Stimme in den Sinn, die wenige Momente zuvor noch an sein Ohr gelangt war, als unsichtbarer Vorbote dieses seltsamen Schiffes.
      Komm.
      Woods fasste einen Entschluss.


      „Was auch immer das sein mag“, begann er, „wir werden nicht schlauer daraus, wenn wir es uns nur von hier aus ansehen. Ich denke nicht, dass, wer auch immer dort an Bord ist, uns angreifen wollte, das hätten sie bereits getan.“
      Er blickte in die Gesichter seiner Mannschaft. Sie ahnten bereits, was er als nächstes sagen würde, und ihnen graute es davor.
      „Wir gehen an Bord.“
      Leise Proteste machten an Deck der Nemesis die Runde. Ein Seemann sprach, immer noch mit gesenkter Stimme:
      „Käpt'n, was auch immer das ist, es verheißt nichts Gutes. Dieses Schiff kommt geradewegs aus der Hölle!“
      Einige nickten.
      „Red jetzt keinen Blödsinn!“, entgegnete Woods. „Das ist einfach nur ein Schiff. Und so wie es aussieht, hat es einiges hinter sich. Das gilt denke ich auch für die Besatzung.“
      Er blickte den Seemann an.
      „Wenn du mir nicht folgen willst, dann geh und sperr endlich Fiddick ein. Für alle anderen gilt ...“ Jetzt wandte er sich wieder an den Rest der Crew.
      „Ich brauche mindestens zehn Männer, die noch genug Männlichkeit zwischen den Beinen haben, dass sie sich nicht von Geistergeschichten davon abhalten lassen, sich das mal anzusehen. Also los, holt mir eine Planke her, dann werden wir schon herausfinden, was auf diesem Schiff vor sich geht!“


      Es dauert ein paar Minuten, aber bald hatte sich eine kleine Gruppe von zehn Männern gefunden, die bereit waren, Woods auf das andere Schiff zu begleiten. Simon Dagger war einer von ihnen, was Woods in keinster Weise überraschte.
      Sie brachten eine Holzplanke herbei, die sie als behelfsmäßige Brücke zwischen den kleinen Lücken ihrer eigenen Reling und des fremden Schiffs benutzen konnten. Vorsichtig schritten die Männer hinüber, jeder mit wachsamen Blicken und einer Klinge in der Hand. Woods schritt ihnen voran und versuchte, durch den Nebel hindurch etwas zu erkennen, doch schien dieser inzwischen noch dichter geworden zu sein, sodass er nur etwa zwei Meter vor sich das Deck und die Reling erkennen konnte.
      Er wartete, bis sich die Gruppe vollständig auf dem fremden Schiff befand, dann rief er erneut in die weißen Schwaden hinein:
      „Hallo? Ist hier jemand?“
      Der Nebel, der vorher wie ein undurchdringlicher Vorhang über ihnen geschwebt hatte, lichtete sich plötzlich auf dem Deck, sodass es schien, als hätte er einen Ring um das Schiff gebildet, was neben der Nemesis erschienen war. Nun konnte Woods das gesamte Deck überblicken, er erkannte die Masten und die schwarzen Planken, die von Salz verkrustet waren. Und er erkannte, was sich noch auf diesem Schiff befand.


      Als sie es sahen, begannen zwei der Männer, sich zu bekreuzigen, einer machte auf dem Absatz kehrt und wollte über die Planke zurück zur Nemesis, doch Woods hielt ihn fest.
      „Beruhig dich, Mann!“, zischte er, dann blickte er wieder über das Deck.
      Vor ihnen, am Mast angelehnt oder auf den Planken liegend, waren tote Männer.
      Ihre Haut war grünlich und verfault, einige Leichen waren aufgebläht und stanken nach fauliger Verwesung. Das Gesicht einer Leiche, die wie Fiddick nach einer Flasche Rum am Mast lehnte, war zur Hälfte abgerissen. Seine Zunge hing wie ein verdorbener Fisch aus dem klaffenden Loch, was früher einmal sein Mund gewesen war. Sein eines Auge, das ihm noch verblieben war, blickte starr und glasig aus seiner Höhle heraus in das endlose Nichts des Nebels, das sie umgab.
      Woods erkannte, dass die Toten scheinbar aus verschiedenen Bereichen der Welt kamen. Er sah die Uniform eines Kapitäns der Royal Navy, die zerfetzt und blutgetränkt den Oberkörper einer aufgedunsenen Leiche bedeckte, wie auch Kleidung der Armada, einfache Hemden und sogar eine Kluft, die ihn sehr an die traditionelle Kleidung der Eingeborenen aus Afrika erinnerte. Dennoch, nichts an Bord ließ erkennen, was wohl geschehen sein mochte, dass dieses Schiff voller Toten einsam über das Meer segelte.


      „Verflucht, damit habe ich nicht gerechnet“, murmelte Dagger leise.
      Woods wandte sich zu ihm um.
      „Ich auch nicht, Dagger, ich auch nicht“, pflichtete er ihm bei.
      „Ich würde vorschlagen, wir suchen das Schiff ab. Eventuell finden wir noch einen Überlebenden oder irgendetwas wertvolles, was dieses Schiff mal transportiert haben könnte.“
      Er blickte erneut zu der Leiche mit dem halben Gesicht.
      „Auch wenn ich die Chancen für beides nur sehr gering einschätze.“
      Dagger nickte.
      „Sollen wir uns aufteilen, Käpt'n?“, fragte einer der Männer, die sich bekreuzigt hatten.
      „Bei allem Respekt, ich würde mich nur sehr ungern länger als nötig hier aufhalten. Auch wenn hier bereits alle tot sind.“
      „Aye, gute Idee“, stimmte Woods zu. „Fasst besser keine der Leichen an. Auch wenn sie nicht so aussehen, als wären sie unter friedlichen Umständen gestorben, will ich nicht, dass wir irgendeine Krankheit mit auf die Nemesis schleppen.“


      Er blickte in die kleine Runde seiner versammelten Männer.
      „Dagger, nimm dir diese fünf und untersuch das Deck und die Kapitänskajüte. Ihr anderen kommt mit mir unter Deck. Mal sehen, was sich sonst noch so in diesem Schiff befindet außer Leichen und Feuchtigkeit.“
      Er schritt über das Deck und öffnete die Luke. Sie gab ein lautes Quietschen von sich, als er sie anhob, und ein modriger Geruch strömte ihm in die Nase. Wahrscheinlich würden sie dort unten noch mehr Tote finden.
      Er verzog das Gesicht, dann blickte er noch einmal hoch.
      „Sollte es Probleme geben, dann macht euch bemerkbar. Und falls es keinen anderen Weg gibt, dann kehrt zurück zur Nemesis. Mir ist dieser Ort auch unheimlich, und falls hier noch etwas leben sollte, dann will ich nicht, dass einer von uns ihm in die Finger gerät.“
      „Aye, Käpt'n!“, antwortete Dagger, dann liefen er und seine Hälfte der Gruppe zur Treppe, die auf das Achterdeck führte.
      Woods wartete, bis seine Männer bei ihm waren, dann ging er vorsichtig die Stufen hinunter, die vor ihm in die Dunkelheit führten.
      Als die Luke sich hinter ihnen schloss blickte das tote Auge des Mannes mit nur einem halben Gesicht ihnen hinterher.
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Jack C. Moon ()

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      Jack C. Moon schrieb:

      „Wir sehen gehen an Bord.“

      Jack C. Moon schrieb:

      „Käpt'n, was auch immer das ist, es verheißt nichts gutes.
      groß

      Da fragt man sich wirklich, was auf dem Schiff passiert ist, wenn dem einen Typen sogar das halbe Gesicht fehlt und da Männer aus so vielen Nationen liegen. Das klingt für mich eher, als wären die nach und nach dazu gekommen und nicht von Anfang an so gereist.
      Und ernsthaft? Das Auge folgt denen? Boar, wie unheimlich. Was da wohl jetzt kommt? :popcorn:

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • Da ich heute wieder den ganzen Tag in der Uni bin, hier schon mal der nächste Teil:



      --- 11 ---


      Als Woods mit seinen Männern die Treppe hinunter in das Innere des Schiffes voller Toten hinabstieg, fiel hinter ihnen plötzlich die Luke zu.
      Der Seemann, der dem vermeintlichen Ausgang am nächsten stand, rüttelte mehrfach daran, doch ließ sie sich nicht öffnen.
      „Sie klemmt, Käpt'n. Ich krieg sie einfach nicht auf!“, rief er, mit leichter Panik in seiner Stimme.
      „Lass gut sein“, antwortete Woods und bemühte sich, Ruhe zu bewahren, obwohl die Dunkelheit im Inneren des Schiffs sich langsam in seine Seele zu schleichen drohte.
      „Dagger wird sie wieder öffnen, wenn wir hier fertig sind. Ich glaube, dort unten habe ich eine Lampe gesehen.“
      Sie stiegen vorsichtig die letzten Stufen hinab und tasteten sich blind durch die Dunkelheit. Dann fanden Woods' Finger das, wonach er gesucht hatte. Ein vermodertes Holzfass stand dicht am Fuß der Treppe, darauf stand die lichtspendende kleine Lampe. Er fingerte ein wenig im Dunkeln daran herum, dann schaffte er es, sie zu entzünden. Die kleine Flamme, die nun den Raum erleuchtete, tanzte wild um ihren Docht herum und warf ihr Licht auf die mit Rissen durchzogenen Planken, die vor ihnen lagen. Ihre Schatten huschten wie Gespenster an ihnen vorbei.


      Woods hob die Lampe und blickte sich um. Um sie herum sah er nichts weiter als ein paar weitere Fässer und einige vermoderte Seile, die schon beim bloßen Ansehen zu zerfallen drohten. Weiter vor ihnen befand sich eine aus den Angeln gehobene Tür, die an den Rahmen gelehnt die Sicht auf den Raum dahinter verbarg. Woods ging darauf zu.
      „Käpt'n, vielleicht sollten wir besser umkehren“, meldete sich ein weiterer seiner Begleiter zu Wort.
      „Selbst wenn wir hier etwas finden sollten, es ist wahrscheinlich so vermodert wie der gesamte Rest des Schiffes.“
      „Kommt schon“, knurrte Woods. „Helft mir lieber, diese Tür zur Seite zu stellen.“
      Mithilfe eines Kameraden schaffte er es, das vermoderte Holz anzuheben und ein Stück nach rechts zu tragen, sodass der Weg in den nächsten Raum nun frei war. Die Lampe hielt er weiterhin in seiner Hand.
      „Mir gefällt das wirklich nicht, Käpt'n“, sagte der Mann erneut.
      „Jetzt reicht es mir aber!“ Woods wandte sich um.
      „Wenn ich noch ein einziges Mal von jemandem höre, wie ungemütlich es hier unten für ihn ist, dann schwöre ich, kann dieser jemand gerne hier bleiben, wenn wir zur Nemesis zurückkehren!“ In seiner Stimme schwang mehr Wut mit, als er eigentlich beabsichtigt hatte. Seine Männer blickten betreten zu Boden, dann nickten sie.


      Sie traten in den nächsten Raum.
      Vor ihnen lag das, was wohl einmal die Mannschaftsquartiere gewesen sein mochten. Zerissene Hängematten waren zwischen Balken aufgespannt, die teilweise bereits eingestürzt waren. Mehrere zerstörte Betten bildeten einen kleinen Flur, der weiter in den Raum führte. Der Gestank, der ihnen entgegenkam, raubte Woods den Atem, und seine Quelle war nicht zu übersehen:
      Die Betten waren nicht leer. In ihnen lagen weitere Leichen, jede einzelne verfault und von Würmern zerfressen. Einige schienen von den Maden lange verschont geblieben zu sein, anderen fehlten ganze Fleischstücke an Armen und Oberkörper, die Leiche eines Mannes schien sogar fast vollständig von Haut und Muskeln befreit zu sein.
      Wären sie nicht schon so lange tot gewesen, hätte man den Eindruck gewinnen können, sie würden nur schlafen. Über vielen Körpern lag eine dünne Decke, zerissen und von Motten durchlöchert, ein Toter lag sogar so zusammengekrümmt in seinem Bett, als hätte er gefroren. Woods fragte sich, was diese armen Leute wohl so dahingerafft haben könnte, dass sie alle sogar im Schlaf starben.


      Er blickte weiter in den Raum hinein. Bis auf ein paar Fässer und geöffnete Truhen, in denen weitere zerfressene Laken lagen, gab es nichts zu sehen. Doch ganz hinten schien eine weitere Luke noch tiefer in das Schiff zu führen. Woods kannte die Bauart solcher Schiffe, für gewöhnlich führte eine solche Luke entweder in einen weiteren Laderaum oder zu den Zellen, in die man Störenfriede wie Fiddick einsperrte.
      Er ging an den mit toten Männern beladenen Betten vorbei ans andere Ende des Raums.
      „Käpt'n!“, rief plötzlich einer der Männer. Woods blickte ihn über die Schulter an.
      „Ich glaube, ich hab da was gehört, Käpt'n!“ Die Stimme des Seemanns zitterte vor Angst.
      „Wahrscheinlich nur eine Ratte“, antwortete Woods, und wandte sich wieder der Luke zu.
      Auch wenn er selbst daran zweifelte, dass sie hier unten noch etwas von Wert finden würden, wollte er nicht gehen, bevor er nicht wenigstens überall nachgesehen hatte.


      Ein markerschütternder Schrei durchriss die Dunkelheit, und Woods fuhr herum. Der Mann, der das Schlusslicht seiner kleinen Gruppe gebildet hatte, blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sein Schrei schien ihm noch in seiner Kehle zu stecken.
      „Was ist los?“, fragte ein anderer Seemann und trat näher an ihn heran. Da sah Woods plötzlich im fahlen Licht der kleinen Lampe das Blut, das in einem kleinen Rinnsal aus dem offenen Mund seines Kameraden floss.
      „Warte!“, rief Woods noch, um den hilfsbereiten Seemann zurückzuhalten, doch es war zu spät. Vor seinen Augen fiel das Schlusslicht seiner Gruppe zu Boden und gab den Blick auf das frei, was ihm seinen Schrei entlockt hatte.
      Zwischen den Betten, nur vom Licht der kleinen Lampe in Woods Händen beschienen, stand ein Mann, dessen Haut von Verwesung grün verfärbt war. Seine Augen, die, als er im Bett gelegen hatte, noch fest verschlossen gewesen waren, blickten nun starr in die Gesichter der Männer, die vor Angst wie gelähmt vor ihm standen. Seine verfilzten Haare, vom Meerwasser mit Salz verkrustet, hingen ihm wie tote Schlangen in sein verfaultes Gesicht.
      Der lebende Tote hob seine Hand, in der er einen schlanken Dolch hielt, und stach blitzschnell auf den Seemann ein, der ihm am nächsten war. Dieser starb, bevor er auch nur reagieren konnte, und brach ebenfalls zusammen, das Gesicht in blanker Panik verzerrt.
      Ein weiterer von Woods' Männern wurde plötzlich von einer weiteren toten Hand gepackt, deren Besitzer sich nun langsam aus seinem Bett erhob. Überall im Raum hörte Woods das Knarzen von Holzbalken und das Stöhnen der Männer, die aus ihrem ewigen Schlaf erweckt worden waren. Sie blickten mit ihren wilden Augen umher, vom Licht der kleinen Lampe geblendet, und griffen mit verwesten Fingern nach den Lebenden, die im Reich der Toten wandelten.


      Woods drehte sich um und rannte los. Er wusste nicht, ob seine Männer ihm folgten, doch hörte er hinter sich weitere Schreie und das Geräusch von Fleisch, das mit spitzen Fingern vom Körper gerissen wurde.
      Der Weg nach draußen war versperrt. Selbst wenn die Luke sich öffnen ließ, diese Bestien blockierten den gesamten Flur, der zwischen ihren Lagerstätten hindurchführte. Der einzige Weg war, durch die Luke weiter in das Schiff zu gehen.
      Woods rannte wie vom Teufel besessen auf die Luke zu. Mit jedem Schritt, so schien es ihm, entfernte sich diese jedoch noch weiter von ihm, während hinter ihm die toten Männer immer näher kamen. Er rannte, legte noch einen Zahn zu, dann erreichte er endlich die Luke. Er versuchte, sie mit einer Hand zu öffnen, doch sie klemmte ebenfalls. Er ließ die Lampe fallen, griff mit beiden Händen nach dem eisernen Ring, der an der Oberfläche angebracht war, und zog, so fest er konnte. Endlich, mit einem lauten Knarzen, öffnete sich der Weg.
      Woods sprang hinein und zog die Luke fest hinter sich zu. Es gab keine Möglichkeit, sie von hier aus zu verriegeln, also hastete er die Treppen hinunter und blickte durch die Dunkelheit, um irgendwo ein Versteck zu finden.


      Vor ihm lag ein schier endloser Korridor in völliger Schwärze. Er tastete sich so schnell er konnte an der Wand entlang, weg von der Treppe, weg von der Luke. Holzsplitter bohrten sich in seine Finger, die verzweifelt versuchten, etwas anderes zu finden als nackte Wände, während seine Augen langsam begannen, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Sein Puls raste, kalter Angstschweiß rann ihm in die Augen und brannte wie siedendes Öl, doch er blieb nicht stehen. Er musste ein Versteck finden.
      Sein Atem ging rasend schnell, seine Seite schmerzte. Plötzlich glitten seine Finger vom Holz ab und berührten kaltes Eisen.
      Woods verlangsamte seine Schritte. Durch die Dunkelheit erkannte er, dass er vor sich etwas wie einen Käfig haben musste. Ja, das waren tatsächlich Zellen!
      Er ging ein paar Schritte weiter, dann fand er eine geöffnete Tür, die den Eingang zum provisorischen Gefängnis bot, und schlüpfte hindurch. Leise schloss er sie hinter sich, dann sank an an der gegenüberliegenden Wand zu Boden und horchte in die Schwärze hinein.
      Die Schreie und Schritte seiner Verfolger waren verstummt.
      Er versuchte, seine Atmung zu beruhigen, doch seine wieder aufkeimende Panik machte es ihm nicht gerade leichter. Wie lange war er überhaupt gerannt? Es kam ihm wie mehrere Minuten vor, doch das war unmöglich. So groß war dieses Schiff nicht.
      Er schloss die Augen und flüsterte in die Dunkelheit:
      „Was ist hier nur los? Was geschieht hier mit mir?“


      „Lange nicht gesehen, Johnny“, antwortete Bill Dawes.
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague
    • Jack C. Moon schrieb:

      Vorsichtig schritten die Männer hinüber, jeder mit wachsamen Blicken und einer Klinge in der Hand. Woods schritt ihnen voran
      Wiederholung ^^

      Hi Jack ^^
      ohmann, jetzt geht's aber rund mit dem Horror ...
      Anfangs fand ich das Schiff gar nicht so grusellig, aber jetzt ... *läuft kalter Schauer über den Rücken*
      Die Ereignisse überschlagen sich. Jennifer und die Kleine sind genauso in Gefahr wie Woods.
      Ich hoffe, dass alle 3 lebend heraus kommen und Bill in John immer noch seinen alten Freund sieht.
      (Ich weiß, wahrscheinlich wird dem nicht so sein X/ )
      Anyway, ich freu mich auf mehr ^^
      Hat die Blume einen Knick,
      war der Schmetterling zu dick.




    • Ein sehr schöner, wenn auch ekliger Teil. Ich kann mir wirklich einen besseren Tod vorstellen, als von bereits Toten ermordet zu werden. Ich frage mich wirklich, was auf dem Schiff los ist. Weil so viel ist weiß ist Dawes ja am Anfang am Galgen gestorben, wie also kam er dann auf das Schiff? :hmm:
      Endlich kommt wieder Spannung in den Verlauf und der lang ersehnte Horror.

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • So.. etwas spät, aber hier kommt der nächste Teil.


      --- 12 ---


      Als John Woods mit seiner Gruppe durch die Luke in das Innere des geisterhaften Schiffes hinabstieg, sah sich Simon Dagger auf dem Achterdeck um.
      Der Nebel um das Schiff herum begann direkt hinter der Reling, die an vielen Stellen vermodert und auseinander gebrochen war. Das Steuerrad, was zwar an einigen Stellen verfault und schwarz angelaufen war, schien noch intakt und funktionsfähig zu sein. Doch gab es nirgendwo eine Spur von jemandem, der dort am Steuer gestanden hatte. Nur Tote.
      Sie hatten auf dem Achterdeck sechs weitere Leichen entdeckt, die allesamt so aussahen, als seien sie an Ort und Stelle ertrunken. Ihre Körper waren aufgequollen, die Haut grün verfärbt, einem Mann war sogar ein Krebs aus einer leeren Augenhöhle gekrochen. Als Dagger das gesehen hatte, wäre er am liebsten umgedreht und zur Nemesis zurückgekehrt, so sehr hatte ihn dieser Anblick verstört. Doch er hatte seine Befehle, er war Quartiermeister, da musste er seinem Kapitän gehorchen.
      Dagger blickte sich um. Außer den toten Männern und einigen modernden Holzstücken war auf dem Achterdeck nichts zu sehen. Er wandte sich an seine Gruppe, von der zwei Männer an der Tür zur Kapitänskajüte rüttelten.


      „Wie sieht's aus bei euch?“, rief er hinunter.
      „Wissen wir noch nicht!“, antwortete einer der Männer, dem langsam dicke Schweißperlen auf die blasse Stirn traten.
      „Die verdammte Tür klemmt ganz schön.“
      „Brecht sie zur Not auf!“, entgegnete Dagger. „Ich glaube nicht, dass sich jemand auf diesem Schiff noch darüber beschweren würde!“
      Die Männer lachten, doch konnte dieses Lachen nicht die Furcht verbergen, die jeden einzelnen hier an Bord fest im Griff hielt. Dagger beobachtete, wie die Augen seiner Kameraden immer wieder hin und her huschten, über die blutroten Segel zu den verrottenden Leichen, die als ihre stillen Beobachter ihrerseits zu ihnen hinübersahen.
      Einer der Männer warf sich gegen die immer noch verschlossene Tür. Er prallte daran ab, als wäre er gegen eine Mauer aus Stein gesprungen, und fiel polternd auf die Planken unter ihm.
      „Verdammt!“, fluchte er, während er sich mühsam aufrappelte.
      „Ich weiß wirklich nicht, ob das, was da drinnen ist, wirklich den Aufwand lohnt.“
      „Versucht es weiter“, sagte Dagger. „Wir haben eh nichts besseres hier zu tun, bevor der Käpt'n nicht zurück ist.“
      Er schritt die Treppe hinab, vorsichtig darauf bedacht, seinen Fuß nicht auf eine Stufe zu setzen, die sein Gewicht nicht halten könnte. Dabei blickte er erneut über das Deck des Schiffes, um nichts zu übersehen, was eventuell doch noch von Wert sein könnte.


      Immer wieder knarzten die Planken, über die er ging, als würden sie dagegen protestieren, dass er auf ihrem Schiff wandelte. Die roten Segel, die hoch über ihren Köpfen an den mit Salz verkrusteten Masten hingen, schienen immer noch gespannt zu sein, obwohl das Schiff sich weder bewegte noch ein Windstoß wehte. Der Tote, dessen halbes Gesicht grausam abgerissen worden war, saß zusammengesunken unten am Mast. Dagger trat näher an ihn heran und hockte sich vor ihm hin. Er musterte die Leiche des armen Mannes, der dort in seinem ewigen Schlaf verweilte.
      Der Tote trug einfache Kleidung, ein zerissenes Hemd, was durch das Wetter bereits ausgeblichen war, früher aber blau gewesen sein könnte, und eine kurze Leinenhose. Um die Hüfte trug er ein dünnes Seil, was ihm wohl als provisorischer Gürtel gedient hatte.
      Durch die dicken Löcher seines Hemdes erkannte Dagger, dass dem Toten einige Stücke Fleisch wohl vor seinem Tod herausgerissen worden waren. An einigen Stellen konnte er sogar einzelne Rippen erkennen, um die sich schwarz verfärbte Sehnen wie hungrige Grabwürmer wanden.
      Dagger blickte in das Gesicht des toten Mannes. Sein Auge, das in der intakten Gesichtshälfte einsam in seiner Höhle lag, blickte glasig und leer an ihm vorbei ins nichts. Die andere Gesichtshälfte glich der Darstellung eines Dämons, vor denen sich die Menschen in Daggers weit entfernten Heimat so sehr gefürchtet hatten.
      Das Fleisch war ihm auf der rechten Seite völlig vom Gesicht abgetrennt worden. Der Knochen darunter war an vielen Stellen zerschmettert oder ebenfalls vom Kopf getrennt, sodass man durch kleine Lücken eine schwarze Masse erkennen konnte, die wohl einst das Gehirn gewesen war. Der Unterkiefer des Mannes war vollständig abgerissen, die halbwegs intakte Haut seiner linken Gesichtshälfte hing in Fetzen herab, zwischen denen die dunkel verfärbte Zunge baumelte.
      Dagger lief ein Schauer über den Rücken. Er war sich sicher, dass dieser Mann nicht von einer Krankheit in den Tod getrieben worden war, doch konnte er nicht sagen, wie er denn tatsächlich sein Ende gefunden hatte. Die schreckliche Entstellung mochte seine Todesursache gewesen sein, doch mit was für einer Waffe war man zu so einer Gräueltat in der Lage? Er konnte sich nichts dergleichen vorstellen.
      Plötzlich zuckte das Auge des toten Mannes und blickte starr in sein Gesicht.


      Dagger schrie laut auf und sprang zurück. Er stolperte über ein fauliges Holzstück und fiel rückwärts auf die Planken. Die Männer wandten sich um.
      „Was ist los?“, fragte einer von ihnen.
      „D-d-da, da war ...“, stammelte Dagger und blickte wieder zu der Leiche. Das Auge lag wieder still und glasig in seiner Höhle und blickte in die Ferne.
      Er atmete tief aus. Der Schreck steckte ihm immer noch in allen Gliedern.
      „Was war da, Dagger?“, fragte der Mann erneut.
      „Nichts“, antwortete Dagger. „Hab ich mir wohl eingebildet. Dieser Ort macht mich fertig.“
      „Da bist du nicht der einzige“, knurrte ein weiterer Mann, bevor er sich wieder an der Tür zur Kapitänskajüte zu schaffen machte.
      „Meiner Meinung nach sollten wir möglichst schnell wieder von hier verschwinden. Wenn ich doch nur endlich diese Tür ...“
      Da hörten sie es, zwar gedämpft, aber unmöglich zu überhören.
      Es kam ein Schrei aus dem Inneren des Schiffes. Von dort, wo ihr Kapitän war.


      Ein Mann rannte zu der Luke und rüttelte daran.
      „Sie geht nicht auf, verflucht noch mal!“ Er klopfte wie wild gegen das Holz.
      „Hey! Könnt ihr mich dort unten hören? Was zum Teufel ist da los?“
      Er versuchte noch einmal, den Weg nach unten zu öffnen, doch ohne Erfolg.
      Dagger trat zu ihm, sie versuchten es gemeinsam, doch die Luke ließ sich nicht anheben. Ihre Kameraden waren dort unten eingeschlossen.
      „Verdammt, was ist hier nur los?“, murmelte Dagger, dann rief er seinen Männern zu:
      „Schnell! Bringt mir irgendetwas her, womit wir die Luke aufhebeln oder zerbrechen können. Holt zur Not etwas von der Nemesis, aber beeilt euch!“
      Niemand rührte sich. Dagger rüttelte immer noch an der Luke, sodass er es nicht sofort bemerkte. Als er jedoch keine Bewegung von seinen Männern vernahm, hob er den Kopf.
      „Was ist denn? Na los, beeilt euch, wir haben keine Zeit für ...“, begann er, doch verstummte direkt. Er sah nun, warum seine Männer sich keinen Zentimeter rührten.
      Die Toten an Deck hatten sich erhoben. Und sie kamen auf die Gruppe zu.


      Dagger war der Erste, der wieder die Kontrolle über seinen Körper erlangte. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, sog er die neblige Luft des Geisterschiffs in seine Lungen und schrie so laut er konnte:
      „Lauft! Zurück zur Nemesis, beeilt euch!“
      Seine Männer folgten seinem Befehl, doch sie kamen nicht weit. Derjenige, der schon fast an der rettenden Planke zur Nemesis stand, wurde von einem lebenden Toten am Hals gepackt, der ihn mühelos hoch in die Luft hob. Dann warf er ihn auf die Planke, welche ihre Brücke von diesem verfluchten Schiff gewesen war, die mit einem lauten Knacken zerbrach. Der Seemann fiel hinab in den Nebel, der selbst die Sicht auf das unter ihnen liegende Meer verdeckte.
      Ein weiterer seiner Kameraden wurde von zwei Leichen umgeworfen, die mit gezückten Messern auf ihn einstachen. Dagger sah, wie die Füße des Mannes, die aus dem Knäuel aus faulenden Leibern hervorragten, bei jedem Stich wild zuckten.
      Die restlichen drei Seemänner hielten sich mit dem Rücken zur Tür, die sie so verzweifelt versucht hatten aufzubrechen, jeder mit einer Klinge in der Hand.


      Dagger wollte es ihnen gerade gleich tun und ebenfalls sein Schwert ziehen, da hörte er hinter sich eine röchelnde Stimme:
      „W..waaaaaggaaaa“
      Er drehte sich um.
      Einige Meter vor ihm stand der Mann mit nur einem halben Gesicht. Seine tote Zunge zuckte, als er weiter versuchte, Daggers Namen ohne einen vollständigen Mund zu sagen. Das Geräusch, was er dabei erzeugte, klang wie das Stöhnen eines sterbenden Tieres.
      Der Tote kam einen Schritt auf ihn zu, wiederholte dabei immer wieder sein grausiges Mantra.
      „W..waaaaggaaa. Waaaaggaaaa. Waaagger. Daaaager. Dagger“
      Der dunkelhäutige Quartiermeister war wie erstarrt. Die Stimme des toten Mannes war immer deutlicher geworden. Seine Zunge, der immer noch ein Unterkiefer fehlte, um einen vernünftigen Laut zu bilden, zuckte nicht mehr wie eine verendende Schlange, sondern bewegte sich mit spitzen Bewegungen, als wäre der Mund, in dem sie lag, noch völlig intakt.
      Doch das war nicht das Einzige, was geschah. Die Haut, welche sich über das linke Gesicht des toten Mannes spannte, begann, sich zu verändern. Lange Haare sprossen über den toten Schädel, während unregelmäßige Bartstoppeln sich zu einem ungepflegten Vollbart vereinten. Doch die rechte Hälfte seines Gesichtes blieb weiterhin ein zerfetztes Zeichen der Zerstörung, und auch wenn seine Worte nun klar zu verstehen waren, fehlte der grausigen Fratze immer noch ihr Unterkiefer.
      Der Tote begann erneut zu sprechen, und Daggers Verzweiflung stieg ins Unermessliche. Er kannte diese Stimme, und er kannte auch dieses Gesicht. Es hatte ihm schon so manche Probleme bereitet.


      „Wie sieht's aus, du kleine Missgeburt, wollen wir ein wenig Spaß haben?“, drang die Stimme aus dem zerfetzen Mund des toten Mannes.
      Vor Dagger stand nun ein Mann mit einer dämonischen Karikatur des Gesichts von George Fiddick.
      "Es geht nicht nur darum ewig zu leben, Jackie. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können."


      - Captain Teague
    • Jetzt wird es so langsam wirklich unheimlich. (Vor allem, wenn man allein in seinem dunklen Zimmer hockt, und von draußen nur das Quacken von Fröschen zu hören ist.)
      Die Beschreibung von der Stimmung und auch von dem Leichnam war super. Und dass der Kerl dann aussieht wie Fiddick (nur etwas mitgenommener) finde ich ziemlich interessant. Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Fiddick. :hmm:
      Ich bin gespannt. ^^

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • 9:

      Jack C. Moon schrieb:

      Obwohl der Morgen noch nicht graute liefen unzählige Soldaten, denen die
      graute, liefen

      10:

      Jack C. Moon schrieb:

      unangenehme Gefühl in seiner Magengegend langsam abgeflaut war öffnete er wieder die Augen
      war, öffnete

      Jack C. Moon schrieb:

      er Lage, überhaupt eine Art von klarem Gedanken zu fassen


      besser: überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen


      Die anderen Teile hole ich bald nach.
      Beim 10. Teil muss ich @Kyelia zustimmen, hat was vom guten alten Holländer. Hat mich aber auch an eine Szene aus Fluch der Karibik erinnert, wobei ich die Filme nur einzeln und durcheinander gesehen habe.
      Freue mich auf die Gruselstimmung, die da kommen wird.

      LG

      Leiard
      Momentanes Dauerprojekt: Des Hexers Spiel

      Neuestes Werk: Und Stille kehrte ein (Kurzgeschichte)