Samain Kelly, p.d. (Bd.2)

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    • Samain Kelly, p.d. (Bd.2)

      Vorwort

      Das was wir sehen ist nicht der ganze Teil der Welt, nicht einmal annähernd.
      Ich denke dabei nicht an den Mikrokosmos, an die Welt der Atome, Elektronen, Bosonen und Quanten. Ebenso wenig rede ich vom Makrokosmos, den möglichen Welten auf fernen Planeten oder dem Universum als unbegreifliches Ganzes.
      Der Teil der Welt, von dem ich rede, liegt oft nur einen Schritt von uns entfernt. Er beginnt unterm Bett, hinterm Haus, unter einer Brücke oder in einem stillen Waldteich. Die Alten gaben diesem Teil der Wirklichkeit den Namen Anderwelt.
      Ich kann jetzt förmlich Ihr Schmunzeln sehen. Märchen, Legenden, Mythen, Geschichten für kleine Kinder. Genau so habe ich auch gedacht. Früher.
      Früher war ich einmal genau wie Sie. Ich dachte, ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben, wüsste was in der Welt vor sich geht und wäre als Kind des Multimedia-Zeitalters weit jenseits solcher Schauergeschichten.
      Das war bis ich durch ein Loch in meiner Welt trat und die Anderwelt kennenlernte.

      Früher war ich Constable bei der königlich walisischen Polizei, hatte einen Schreibtisch, den ich mit drei Kollegen teilte, feste Arbeitszeiten, eine grundsolide Ausbildung und genau umrissene Aufgaben.
      Heute habe ich mein eigenes Büro, an dessen Tür man Sam Kelly, p.d. lesen kann. Das P.D. steht für Personal Druwid, aber wenn man mir den Auftrag gibt, einen vermeintlich untreuen Ehemann zu beschatten, dann mache ich auch das. Das sind die Jobs, welche die laufenden Rechnungen bezahlen.
      Doch eigentlich ist mein Tätigkeitsbereich ein anderer und keineswegs immer klar ersichtlich. Die Arbeitszeiten sind chaotisch und meine Ausbildung suche ich mir selbst mal hier und mal dort zusammen.
      Viele halten mich für eine Art Ghostbuster, doch obwohl es oft darauf hinausläuft, sehe ich mich lieber als Vermittler zweier Weltenteile, die, wenn alle Seiten guten Willens sind, prima nebeneinander existieren können - aber wann war das schon jemals der Fall?
      Wenn Sie mich aber aufsuchen wollen, damit ich Ihnen einen Zaubertrank braue, mit dem Sie das nächste Römerlager kurz und klein schlagen können, dann bin ich gewiss nicht die Druidin, die Sie suchen.
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Mein Büro (gewissermaßen)

      Ich erwachte auf dem kleinen Sofa in meinem Büro, fand mich in die Wolldecke eingehüllt, die sonst für die Tiere meiner Kundschaft dort lag. Sie werden es kaum für möglich halten, wie oft man als einziger öffentlich praktizierender Druide Besuch von Leuten bekommt, die mit ihrem Haustier reden wollen. Oft in bester Absicht, um etwa herauszufinden ob das Tier Schmerzen hat, manchmal allerdings auch mit völlig absurden Vorstellungen. Vor einem Monat ungefähr war eine ältere Dame an mich herangetreten, die ihre Katze fragen wollte, bei wem diese nach dem ihrem Tod bleiben wollte, beim Sohn oder der Schwester.
      Solche Fragen an die Zukunft, zumal so geplant und so weitreichend, kann man einem Tier nicht stellen. Natürlich kann man das schon, aber man darf keine befriedigende Antwort erwarten. Auch wenn Katzen zu den klügeren Wesen gehören, besteht das Leben eines, meist sterilisierten, Stubentigers doch hauptsächlich aus Essen, Schlafen, Spielen und ab und zu einer Streicheileinheit. Auch wenn es so scheint, sitzen sie nicht tagelang herum und lösen schwierige mathematische Gleichungen im Kopf, philosophieren mit sich selbst, ob Lauchkuchen ohne L auch Kuchen ist oder planen gar dasselbe, wie gewisse Cartoon-Mäuse, nämlich die Weltherrschaft an sich zu reißen. In der Regel sind sie zufrieden, wenn der aktuelle Sein-Zustand zufriedenstellend ist. Das mag beinahe wie Zen oder Stoizismus aussehen, aber ich versichere Ihnen, die Katzenphilosophie ist wesentlich einfacher und effizienter gestrickt.
      Anders sieht es bei Katzen aus, die man Freigänger nennt, die also den größten Teil des Tages auf Tour sind und sich nur zur Dosenöffnungszeit oder für das sichere Schläfchen beim Menschen einfinden. So eine Katze hat nämlich Revierfragen, die ständig geklärt sein müssen, will sich wenigstens zweimal im Jahr paaren und hat so nervige Feinde wie Fuchs, Waschbär, Marder, etc., denen sie gekonnt aus dem Weg gehen muss. Aber auch diese Katze wird nicht lange debattieren, wenn sie zwangsumgesiedelt wird. Und machen wir uns nicht vor: Freiwillig geht sie da, wo sie gerade wohnt nicht weg. Würde sie das wollen, wäre sie bereits gegangen...

      Um auf das Thema zurückzukommen: Tierdecke.
      Auch als Druide mag man saubere Betten, die vorzugsweise nicht nach einer bunten Mischung aus müffelnder altersschwacher Katze, läufiger Hündin, kranker Wüstenrennmaus und Hausschwein mit Durchfall riechen.
      Daher war mein Erwachen auf interessante Art zweigeteilt.
      Hier dieses einmalige Dufterlebnis, was mir langsam aber sicher die Tränen in die Augen trieb, auf der anderen Seite die seidensanfte Erinnerung an die letzten Stunden, Tage, Monate ...?
      Ein Blick auf die moderne Digitaluhr über meiner Bürotür, ein Geschenk einer zufriedenen Kundin, und dem Datum unter der Uhrzeit, zeigte mir an, dass in dieser Welt tatsächlich nur zwei Stunden vergangen waren.
      Sie haben es wahrscheinlich schon erraten: Ich hatte einen Trip woanders hin.
      Der Auslöser war eine Gottheit, die in Gestalt eines wirklich rattenscharfen Kriegsgottes in meinem Büro aufgetaucht war um, wie er sagte, Schulden einzutreiben.
      Ares, mir auch unter Todesgöttin Morrigan oder einer Heldenseelen sammelnden Walküre bekannt, hatte mir gerade einmal einen Tag Zeit gelassen um mich von meinem letzten Fall zu erholen.
      Ganz nahe war er an meinen Schreibtisch getreten und ich hatte mir auf die Unterlippe gebissen, um mich nicht gleich zu seinen Füßen, wohlig schnurrend zusammenzurollen.
      Ja, lächeln Sie nur. Aber wenn Sie dann Ihrem ersten Feenwesen begegnen, das Sie um seinen Finger wickeln will, werden Sie an meine Worte denken. Obwohl, vermutlich eher nicht. Wenn man das nicht gewohnt ist, hat man kaum eine Chance zu denken, wenn sie einen erst einmal mit ihrem Feenstaub eingenebelt haben.
      Er, also Ares, hatte den Schreibtisch einfach zur Seite geschoben, die zwei Schritt um einfach darum herum zu gehen, waren ihm wohl zu viel, und mich an der Hüfte gepackt und an sich gezogen.
      Ich weiß, in der Erzählung klingt das kitschig, aber hui, in Live fühlt sich das überhaupt nicht kitschig an. Wirklich nicht.
      »Ich bin hier, um eine Schuld einzutreiben ...«, hauchte er mir nochmals ins Ohr.
      Bevor mir klar wurde, was er vorhatte, hatten wir die Welten gewechselt. Einfach so, als wäre das gar nichts. Wenn ich so etwas per Zauberei mache, ist das eine schweißtreibende Prozedur von einer halben Stunde und nach dem Übergang ist mir oft eine ganze Weile schlecht.
      Aber wenn man mit dem Morrigan-Express reist, bleiben einem solche Unannehmlichkeiten offenbar erspart. Angesichts dessen, was sie ganz offensichtlich zur Tilgung meiner Schulden geplant hatte, wäre eine kotzende Druidin vermutlich auch der Stimmungskiller schlechthin gewesen.

      Wir kamen in einem lichten Wald an, der, wie ich heute weiß, ein kleiner, sehr privater Teil von Morrigans persönlichen Refugium ist.
      Ich verlor Bodenkontakt (physisch, wie auch sonst irgendwie-sisch), als er, also Morrigan in Ares-Gestalt, mich auf seine Arme hob und zwischen den Bäumen hindurch trug. In meiner Welt hätte ich ihm vermutlich noch ein paar Minuten tapfer trotzen können, aber hier im Zentrum seiner Macht, keine Chance. Also tat ich das, was ich als gute Methode gelernt habe, die überall bei Mächtigen (oder Vorgesetzten) funktioniert, egal ob in dieser oder jenseitigen Welten: Ich spielte mit. Es ist wie mit einem reißenden Fluss. Du musst mit der Strömung schwimmen, um eine Chance auf das rettende Ufer zu haben.
      Nicht, dass ich in diesem Moment hätte gerettet werden wollen!
      Normalerweise halte ich es mit der Drei-Date-Regel.
      Zuerst lernt man sich kennen, vielleicht an einem interessanten Ort. Morrigan hatte ich in Form einer geflügelten Walküre kennen gelernt, die mitten in einem Kriegsgebiet in Afghanistan die Seele eines Freundes in die Hallen der Helden mitnehmen wollte. Ich schätze, das zählt eindeutig unter interessantes erstes Date.
      Beim zweiten Date erwarte ich ganz konservativ eingeladen zu werden, ins Kino, zum Essen oder meinetwegen in einen dieser überlauten Tanzschuppen, wo man kein Wort versteht, besonders gut, wenn das Date ohnehin nichts Interessantes zu sagen hat. Ich schätze, ein Besuch in einem privaten göttlichen Märchenwald toppt so ziemlich alles, was meine Dates bisher zu Wege gebracht hatten.
      Beim dritten Date erwarte ich vielleicht Blumen (bitte keine Pralinen!) und eine mehr oder weniger einfallsreiche Einladung zum Frühstück am nächsten Tag.
      Angesichts des King-Sized Bett mit dem wunderschönen gehämmerten bronzenen Bettgestell mitten auf einer Lichtung inmitten eines wahren Blumenmeers, war ich durchaus bereit, Date Zwei und Date Drei zusammenzulegen.
      »Kleine Druidin ...«, flüsterte er mir ins Ohr, und das war für eine Weile das Letzte was wir sagten, außer ein paar Dinge, die ich nicht gedruckt sehen will und die Anrufung einiger anderer Gottheiten, die das zum Glück nicht wörtlich nahmen und auch zu Besuch kamen.
      Nachdem wir uns aneinander gewöhnt hatten, wechselte Ares in die Form der mir bekannten Walküre, und auch wenn diese wunderschöne Flügel hatte, kann ich bestätigen, dass sie sonst nur wenig Engelhaftes an sich hatte. Wären ihr Hörner und ein roter Schwanz mit Dreiecksspitze gewachsen, ich wäre nicht überrascht gewesen.
      Zuletzt hatte ich Morrigan in der Form kennengelernt, in der ich sie eigentlich kannte, oder sagen wir besser, in der man mir sie immer beschrieben hatte. Wobei das auch so nicht ganz stimmt. Ohne ihre unheimliche Kutte und die gruseligen Krähen, hätte meine Mutter sie bestimmt nicht wiedererkannt.

      In einer Pause, ja wir machten davon viele, redeten auch viel oder lagen nur zufrieden zusammen, wir sind ja keine Karnickel, fragte ich sie, ob sie auch auf Thor machen könnte. Hey, Chris Hemsworth als Thor, sagen Sie jetzt nur nicht, Sie hätten das nicht auch probiert!
      »Thor steht über mir, und wir würden es nicht schätzen, wenn er sich von uns verunglimpft fühlen würde. Andererseits hat der alte Ase (Ase= nordisches Göttergeschlecht /Anm. d. Autors) genau diese Art vom Humor, dass er darüber herzhaft lachen könnte, bevor oder nachdem er uns die Schädel einschlägt, natürlich«, war Mos belustigte Erklärung.
      Gut, dann also nicht. Ein Versuch war es jedenfalls wert.
      Dann konnte ich mich daran erinnern, wie sie ihre Hand auf meinen Bauch legte und ich schon erwartungsvoll gedacht hatte, sie würde sie wieder auf Wanderschaft zu schicken. Doch Mo sah mir geradewegs in die Augen. (Ich rate Ihnen übrigens dringend davon ab, sie jemals Mo zu nennen, es sei denn Sie stehen auf einen grausamen Tod mit anschließender tausendjähriger Folter. Die einzige mir bekannte Ausnahme von dieser Bestrafung ist eine gewisse »kleine Druidin«)
      »Lass uns das nicht als Begleichung unseres Handels ansehen. Deine Schuld bleibt bestehen, meine Schuld bleibt bestehen. Und wir haben, was wir haben.«
      Ich spürte, wie ernst es ihr war, allein schon deshalb, weil sie mich von allen ihren Feen- und Elfenkräften abschirmte und mir so die Gelegenheit gab, auch mit dem Kopf zu entscheiden. Womöglich hatte ich hier die beste Chance aus unserem Handel herauszukommen. Wie sie angedeutet hatte, würde sie uns als Quitt ansehen und ich hätte dabei auf wundersame Weise nichts verloren. Ich konnte förmlich meine Mutter im Hinterkopf mir zurufen hören. »Sei einmal im Leben klug, Kleines, und tu das Richtige!« Ein Liebesdienst ist in Feenkreisen durchaus keine ungewöhnliche Währung und man verbringt nicht 20 Jahre in den Anderwelten, ohne das Korsett menschlicher Tabus im Umgang damit über Bord zu werfen.
      Hätte ich also widersprochen, wäre der Sex einfach nur Sex gewesen, wobei »nur« in diesem Fall »einfach nur göttlich« bedeutet hätte.
      Vielleicht würde ich irgendwann einmal im Leben so klug sein, dass meine Mutter stolz auf mich wäre, aber nicht dieses mal.
      »Einverstanden, unsere Schulden bleiben bestehen und wir haben, was wir haben.«
      Ihr Mund näherte sich meinem Gesicht und ich schloss die Augen. Überrascht fühlte ich mich auf die Stirn geküsst und ... dann bin aufgewacht, geweckt von dieser tierisch aromatisierten Decke.

      Noch etwas steif, das kleine Sofa ist nicht wirklich zum Liegen geeignet, ging ich zum Schreibtisch und schnappte mir meinen Notizblock. Ich blätterte zu meiner To-Do-Liste und trug ein: Decke tiefen-reinigen lassen - Dringend !!!
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      Tom Stark
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    • In meinem Büro

      Kaum saß ich wieder hinter meinem Schreibtisch, die Beine hochgelegt und die Straße entspannt im Blick, als ich die Treppe hörte. Dem Knarzen nach konnte das nur Mrs. Tinney sein. Sie stützte sich mit der Rechten immer schwer aufs Geländer, was diesen entsetzten Ton abgab, als hielte es die Luft an. Dafür knarrte die Stufe dabei etwas erleichterter. Sie ging schnell, entweder hatte sie wenig Zeit, oder sie hatte es eilig mir eine Neuigkeit mitzuteilen.
      Ja, denke Sie mal, wir sind Frauen und wir tratschen gerne. Auch Druidinnen lieben Klatsch!
      Bevor sie anklopfen konnte, hatte ich meine Füße heruntergenommen und »Kommen Sie nur hierein, Mrs. Tinney.« gerufen.
      Gwendolin »Nennen Sie mich bitte Gwen« Tinney war eine Frau späteren mittleren Alters, die in jungen Jahren einfach umwerfend ausgesehen haben musste. Selbst jetzt, da sie langsam verblühte, konnte man immer noch den bezaubernden Duft ihrer einstigen Schönheit einatmen, wenn man die Augen schloss und ein bisschen seine Vorstellungskraft spielen ließ. Ihre Stimme hatte mit den Jahren ein rauchiges Timbre bekommen, für das eine Hollywood-Diva vermutlich ihre Seele verkauft hätte.
      Ich stellte sie mir gerne vor, in den ruhigen Zeiten , wenn ihr Boss, der Anwalt Antonov Jurin, der sein Büro direkt einen Stock unter meinem hatte, nicht da war. Wie sie auf einem privaten Handy gewisse Anrufe entgegennahm und hinein hauchte: »Sei ein großer Junge, steh jetzt für mich auf, geh ins Bad. Jetzt zieh Deine Hose aus, auch den Slipp. Jetzt, seife Dir Deine Haare dort mit Rasierschaum ein.« Ich stellte mir vor, wie sie betont lustvoll stöhnte, während sie nebenbei die Abrechnung für den letzten Fall ihres Bosses machte. »Und nun nimm Deinen Nassrasierer, machst Du das für mich, großer Junge?«
      Tapfer verbiss ich mir solche Gedanken, als sie hereintrat.
      Sie war etwas größer als ich und von schlankem, aufrechten Wuchs. Meine Großmutter hätte vielleicht gesagt, dass man ihr den guten Stall ansah, aus dem sie kam. Ihre blond getönten Haare passten gut zu der hippen aber nicht zu hippen Frisur. Ihr dezent geschminktes Gesicht mit den sanften braunen Reh-Augen, verschafften ihr auch heute noch regelmäßig Dates mit deutlich jüngeren Männern, in der Regel kurzlebige Affären, aber ich wusste aus einigen Gesprächen in ausgedehnten Kaffee-Pausen, dass sie die Hoffnung auf die große Liebe noch immer nicht aufgegeben hatte.
      Ihr Kostüm war wie immer konservativ, brachte aber ihre endlos langen Beine und die sagenhaften schlanken Fesseln gut zur Geltung.
      Wir verstanden uns gut, so gut sogar, dass sie meine Kehrwoche übernahm, und ich ihr dafür die Post mitbrachte, die regelmäßig im Postfach für die Kanzlei anfiel. Da ich direkt neben dem Foto-Laden wohnte, das in unsrem Viertel auch die Poststelle beherbergte, war das kein Umstand.
      Das Einzige, was unsre Beziehung trübte, wenn man das überhaupt so nennen wollte, war die Tatsache, dass sie nicht an Magie glaubte und Druiden für esoterische Spinner hielt. Das hat sie mir so natürlich nie ins Gesicht gesagt und ich habe ihr dieselbe Freundlichkeit erwiesen und darauf verzichtet sie mit der gewalttätigen und repressiven Geschichte ihrer geliebten katholischen Kirche und den jüngsten Skandalen von Pädophilie ihrer Priester in Irland zu konfrontieren.

      Ich hatte erwartet, sie wäre zu einem Plausch gekommen, vielleicht war in meiner Abwesenheit auch ein Kunde dagewesen. Gwen nahm oft Nachrichten für mich entgegen und ich vergaß nie, mich in Form von Blumen, einem Geschenk zu ihren Geburtstag und einer Kleinigkeit zu Weihnachten zu bedanken. Vor einem halben Jahr hatte ich ihr einen großen Gefallen tun wollen und einen kleinen Liebeszauber gewirkt, um den neuen Constable, der in unsren Revier versetzt worden war, ihr ein wenig gewogener zu stimmen, als ich erfahren hatte, dass sie ihn anschmachtete.
      Was ich nicht bedacht hatte, war, dass der Constable einen guten Grund für seine Versetzung gehabt haben könnte. Er hatte zuvor in London gewohnt und durch einen Anschlag seine Frau verloren und suchte Vergessen weitab der Metropole und ganz sicher keine neue Frau.
      Die Affäre war kurz und heiß gewesen, hatte sehr tränenreich geendet und ich hatte eine Lektion fürs Leben erhalten: Treib niemals Zauberspielchen mit den Gefühlen Deiner Mitmenschen. Das ging schon schief, wenn es Feen machten, und die hatten viel mehr Erfahrung damit. Auch wenn ich wirklich nur Gutes für Beide im Sinn gehabt hatte, waren beide tief verletzt worden. Der Constable hatte sich wieder versetzen lassen. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte ich das Ganze nicht beschleunigt ...

      Sie warf mir einen irritierten Blick zu, der auf unheimliche Art sinnlich war. Also diese Art von Beziehung hatten Gwen und ich ganz sicher nicht! Mein Blick zurück war mindestens so irritiert und kein bisschen sinnlich. Für einen Moment schien sie ratlos, aber dann zeichnete sich wieder der Schrecken auf ihren Zügen ab, der mich schon alarmiert hatte aufstehen lassen, als sie durch die Tür getreten war.
      »Sam, Sam. Sie müssen schnell mitkommen! Anton geht es schlecht. Schnell!«
      Ohne auf mich zu warten drehte sie sich um und stöckelte wieder die Treppe hinunter.
      Natürlich war ich direkt hinter ihr.
      Unterwegs überholte ich sie sogar, weichsohlige Lederstiefeletten und körperlich ein paar Jahrzehnte mehr (bzw. weniger) an Fitness zahlten sich dann doch aus.
      Als ich sie beim Überholen berührte, fühlte ich sie am ganzen Körper erschauern, nahm mir aber nicht die Zeit darüber nachzudenken. Gwens Tonfall hatte keinen Zweifel an der Dringlichkeit ihres Anliegens gelassen.
      Antonov und ich hatten zwar seit einem völlig missratenen Date ein gespanntes Verhältnis, aber es herrschte doch eine Art professionelle Freundschaft. Immerhin schusterte er mir ab und zu Aufträge zu und ich revangierte mich, wenn völlig verzweifelte Klienten eher Rechtsbeistand brauchten, als den Beistand, den ich ihnen geben konnte.
      Die Tür zur Kanzlei stand halb offen, aber schon im Vorzimmer traf mich die Erkenntnis wie ein Hammer in die Magengrube.
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      Tom Stark
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    • In der Kanzlei Jurin


      Ich musste michbeherrschen, um nicht würgend in die Knie zu gehen. Ich hatte erst einmal das Pech diesen Gestank wahrnehmen zu müssen, aber man vergisst ihn niemals.
      Er trifft einen wieein Überfallskommando, nicht durch eine leicht Vorankündigung, wie man es sonstbei Gerüchen gewohnt ist. Normale, spirituell und magisch halbblinde Wesen, wie die meisten Menschen, nehmen nur den olfaktorischen (durch die Nase aufgenommenen) Gestank wahr, und der ist wirklich noch der Harmloseste. Als ob jemand ein StückFleisch in der Tasche hätte, das vorher zwei Tage in der Sonne gelegen hätte. Nichtschön, aber durch ein gutes Deo oder starkes Parfüm halbwegs zu unterdrücken. Aberdieser Gestank breitet sich auf so vielen Ebenen aus, wie ich es gar nichtbeschreiben kann.
      Er setzt sich nicht nur in Nase und Mund fest, so dass man instinktiv würgen muss und kaum zuanderen Aktionen fähig ist, er klebt sich an deine Aura, wie heiße Teerklumpen,er versucht deine Seele zu befallen wie Schimmelpilzsporen und nistet sich indeinen Gedanken ein, wie eine dunkle fixe Idee, die aus der Tiefe unserer schlimmsten Ängsten geboren wird.
      Für jene, die es noch nicht erraten haben: Ich rede von Dämonen.
      Was immer Dämonisches hier war, der Dämon selbst war entweder nie hier gewesen, oder längst weg. Auf Dämonen wirken wir Druiden nämlich wie Katzen auf Hunde. Sie müssen uns zwanghaft jagen, sobald wir in ihrem Sichtkreis aufkreuzen. Es ist eine einfache Prinzipfrage: Das erhaltende Prinzip gegen das zerstörende Prinzip.
      Gwen lief beinahe inmich hinein, wich mir aber gerade noch aus. Wieder streiften wir uns und auchdiesmal versteifte sie sich kurz, aber weit weniger heftig als die letztenMale.
      Ich trat zur Tür von Antonovs Büro und hörte dahinter seine Stimme, eine Art Mischung aus Heullauten,Klapperschlangenrasseln und Schmatzen ausstoßen.
      »Bleiben Sie zurück,Gwen. Sobald ich drin bin, schließen Sie die Tür hinter mir ab. Und erst wenn Siemich deutlich rufen hören, schießen Sie wieder auf.«
      Natürlich erwarteteich Widerspruch. Wann wurden jemals gute Ratschläge fraglos hingenommen?
      Doch sie nickte stumm und sah mich mit großen Augen an, als sähe sie mich zum ersten Mal.
      Noch einmal tief Luft holend,trat ich ein. Erleichtert hörte ich, wie hinter mir der Schlüssel zweimal im Schlossgedreht wurde.
      Antonov saß ingehockter Stellung auf seinem Schreibtisch, die Hände wie ein Affe auf denKnöcheln aufgestützt. Seine Haut hatte eine grüne Färbung angenommen undSpeichel rann ihm zu beiden Seiten aus den Mundwinkeln. Er wackelte wild mitdem Kopf und gab diese Geräusche von sich, die sich für mich irgendwie nacheiner Sprache anhörte, allerdings eine, die mir den Magen umdrehen wollte.
      »Anton ...«, sprachich ihn leise an. »Anton, verstehst Du mich?«
      Ich hielt mich nahebei der Tür, möglichst weit weg von ihm, was sich als gute Idee erwies.
      Er schien mich nichtgleich zu erkennen, aber als er mich schließlich doch mit blutunterlaufenen Augenansah, fletschte er seine Zähne und sprang mich an.
      Mit einem schnellenSchritt zur Seite und einer halben Drehung, ließ ich ihn gegen die Tür prallenund packte seinen linken Arm. Mit schier übermenschlicher Kraft wäre es ihmbeinahe gelungen sich loszureißen, aber ich hatte bei meiner Ausbildung auf derPolizei-Akademie gelernt sogar mit Hooligans fertig zu werden, die 30 kg schwerersind als ich. Also hebelte ich seinen Arm hinter seinem Rücken so eisern nachoben, dass er gar keine Wahl hatte als mit dem Kopf gegen die Wand zu donnern.
      Wieder stieß er einenSchwall dieser unverständlichen Worte aus, doch sein Widerstand ließ merklichnach. Ein rascher Blick auf seine Aura zeigte mir, dass die Teerflecken sich aufzulösenbegannen und in dem selben Maße, wie sie verschwanden kam der alte Antonovwieder zum Vorschein, nur wesentlich lädierter als das letzte Mal, als ich ihngetroffen hatte.
      Endlich war er wiederganz bei sich und betrachtete mich betreten vom Stuhl aus, in den ich ihnbugsiert hatte.
      »Sahm ...«, aus irgendeinem Grund gelang es dem gebürtigen Weißrussen einfach nicht meinen Namenkorrekt auszusprechen. »Was zur Hölle war das? Es war, als wäre etwas in michhineingekrochen und hätte sich Stück für Stück meiner bemächtigt!«
      »Tja, ich würdeschätzen, Du bist das Opfer einer dämonischen Attacke geworden. Mit wem hast DuDich da bloß angelegt?«
      Er schüttelte denKopf. »Es hat damit angefangen, als ich dieses Paket geöffnet habe. Es lag einschwarzer Halsreif darin, Torque nennt man ihn, glaube ich?«
      Er wollte nach demPaket greifen, was unter den Schreibtisch gefallen war, aber zum Glück war ichschneller und schob ihn zur Seite.
      »Einmal hat Dir wohlnicht gereicht, hm? Bleib brav da sitzen und lass mal die große Druidin ihrenHokuspokus machen.«
      Es hatte wenig Sinnihm die Feinheiten des Druidentums vermitteln zu wollen. Immerhin kam er ausder Gegend, wo sie mit der Baba Yaga ein echtes Prachtexemplar einer verrücktenGottheit hatten, deren Erscheinen natürlich hartnäckig totgeschwiegen wurde.

      Wenner als »aufgeklärter Mann« nicht an sie glaubte, wäre er »viel zu aufgeklärt«um mir ernsthaft zuzuhören. Aber um sich von dämonischen Flüchen befreien zulassen, dazu reichte sein Glaube offenbar gerade noch aus. Menschen sind da oftmit einem erstaunlich praktisch selektiven Glaubensgerüst ausgestattet.
      Ich brauchte nichteinmal die Aura zu sehen um zu erkennen, dass der Halsreif sehr alt war,vermutlich ein Original aus der Eisenzeit, aber nageln Sie mich nicht fest. Archäologieist nicht gerade mein Fachgebiet. Der dämonische Gestank stieg geradezu infeinen Schwaden von dem Ring nach oben und versuchte sich im Raum zu verteilen.Dennoch wagte ich einen genauen Blick und sah, dass die dämonische Aura gezieltLebewesen wie Anton und mich ansteuerte, aber da ich den Weg blockierte, siesich zuerst auf mich stürzen wollte.
      Reflexartig wollte ichzurückweichen, als mir klarwurde, dass die Schwaden verschwanden, sobald sie inmeine Aura eintauchten. Auch wenn ich gerne für mich beansprucht hätte, durchmeinen untadeligen Lebenswandel eine solche heilige Wirkung auszustrahlen, warich Realist genug um zu wissen, dass es an etwas anderem liegen musste.
      Daher warf ich einengenaueren Blick auf mich, zuerst einmal meine Hände und Arme und dabei ging mirein ganzer Kronleuchter auf.
      Ich war am ganzenKörper mit Feenstaub bedeckt, jener pheromonartigen Substanz, den viele Feen-Wesender Anderwelten, wie auch gewisse Gottheiten abgeben, ganz besonders wenn siees darauf anlegen Autorität oder Charisma zu versprühen. Natürlich musste ichnicht lange rätseln, woher ich das hatte und nun war mir auch die seltsame Reaktionvon Gwen klar. Zuerst musste sie sich ja wie vom sexuellen Blitz getroffengefühlt haben und als ich ihr mit fester Stimme Anweisungen erteilt hatte,hatte sie gar keine Chance als zu gehorchen. Womöglich hätte ich jetzt in eine Barfür Stink-Reiche gehen müssen um mir einen Milliardär zu angeln, oder von Hauszu Haus gehen um mich für die nächste Bürgermeisterwahl aufstellen zu lassen,ach was, ich hätte geradewegs in eine Bank gehen können und den Direktorfreundlich um zwei Millionen Pfund bitten können.
      Stattdessen näherteich meine Hand dem verfluchten Torque und sah zu, wie der Feenstaub den Dämonenfluchvernichtete und dabei sich selbst verbrauchte. Darum werde ich wohl nie reichwerden, aber darum werde ich wohl auch nie ohne Absicht den aufrechten Pfadverlassen, wobei ich den mitunter schon ziemlich gebeugt gehe. Wer will schonwie ein Heiliger leben, außer ein Heiliger, natürlich.
      Schließlich konnte ichden Halsreif aufnehmen und hatte so gut wie keinen Feenstaub mehr an mir.
      Vielleicht war dasauch besser so. Es wäre bestimmt auf Dauer extrem lästig geworden, mich allersexueller Avancen zu erwehren und gleichzeitig die Schar von Speichelleckerabzuhängen, die mich zu ihrer neuen Königin krönen wollte.
      »Gwen, Sie könnenaufmachen.«
      Antonov sah mich mitdiesem Blick an, den ich oft zu sehen bekomme, nachdem ich die Leute ausähnlichen Schwierigkeiten geholt habe. Jetzt, da die Gefahr gebannt war und dasGehirn dem Instinkt mitteilte, dass es jetzt wieder bereit war zu übernehmen,begannen die Erinnerungen an die Geschehnisse zu verblassen. In wenigen Stundenwürde Antonov glauben, lediglich einer Art Stinkbombe zum Opfer gefallen zusein und Gwen würde Stein und Bein schwören, dass sie aus lauter Paniküberreagiert hatte, als sie zu mir hochgestürmt war. Und bereits morgen würdeich mir wieder dieses nachsichtige Lächeln gefallen lassen, wenn sie mir einenKunden hochschickten, der einen ... uhhh ... Druiden suchte. Aber vielleichtauch nicht. Bisweilen blieb auch etwas hängen, nur zählte ich nicht zu festdarauf.
      »Das Paket nehme ichmit. Da steht nämlich mein Name drauf, der Paketdienst hat es nur einfach beiEuch abgegeben. War wohl zu viel verlangt es die Treppe zu mir hoch zu tragen ...«
      Tatsächlich stand meinName auf dem Paket, doch ich konnte es Anton und Gwen nicht verdenken, dass sienicht sofort darauf gekommen waren. Die Leute, von denen ich wusste, dass siemich unter »Samain Callaigh« kannten, konnte ich an zwei Fingern abzählen: Mumund Dad.
      Anwalt, wie auchSekretärin, waren noch durcheinander genug um mich nicht aufzuhalten und ichverschwand so schnell es ging. Dieser Angriff hatte eindeutig mir gegolten,aber durch den Feenstaub wäre ich ebenso eindeutig geschützt gewesen.
      Ich glaube ja an Zufälle,aber nicht, wenn Götter und Dämonen im Spiel sind.
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      Tom Stark
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    • Wieder in meinem Büro

      Nachdenklich stieg ich die vierzehn Stufen wieder nach oben und schloss die Bürotür hinter mir ab. Heute hatte ich wirklich keine Lust mehr auf Kundschaft.
      Zuerst nahm ich mir das Paket vor, irgendwo musste es ja aufgegeben worden sein. Paketdienste hatten so etwas immer genau zu dokumentieren, allein schon wegen der Versicherung.
      Aha, da hatten wir es: Dublin.
      Dublin?!
      Wen zum Geier hatte ich in Dublin oder überhaupt in Irland so verärgert, dass er mir einen Dämonen auf den Hals hetzen würde?
      Überhaupt stand ich auf dem Standpunkt, dass wenn ich jemand so sauer gemacht hätte, dass er mir sogar einen Dämon nachschickt, ich vermutlich extrem mangelnde Feinfühligkeit an den Tag gelegt haben musste.
      Nein, im Ernst, natürlich hatte ich im Leben nicht damit gerechnet, jemals wieder mit Dämonen zu tun haben. Ohne den Feenstaub hätte ich so tief in meine Trickkiste greifen müssen um den Fluch zu bannen, dass meine Finger vermutlich den Boden durchstoßen hätten. Ich war nicht zu stolz, um freimütig zu bekennen, dass das nicht meine Liga war.
      Was mich zu meiner zweiten großen Frage brachte, ob Morrigan die Feenstaub-Sache absichtlich eingefädelt hatte. Soweit es die Legenden erzählten, konnte sie den Tod eines Helden voraussehen um rechtzeitig anwesend zu sein. Klingt logisch, angesichts der irrsinnig vielen Kriege, die wir gerade auf unsrer kleinen Erde führen. Wie sollte sie sonst den Überblick behalten?
      Nur war ich weder eine Kriegerin noch eine Heldin und war bereit einiges zu investieren, dass das auch so blieb. Helden tendieren dazu, schmerzhafte Tode zu sterben und Krieger literweise Blut zu verlieren. Beide Alternativen sind für mich wenig verlockend. Wer drauf steht ... meinetwegen, aber bitte nicht in meiner Nähe.
      Gut, das konnte ich gerade nicht klären, vielleicht wenn ich Mo das nächste Mal traf.

      Aber es gab da eine Adresse, an die ich mich wenden konnte, wegen dieser Dämonensache. Bei dieser Gelegenheit konnte ich vielleicht auch gleich noch klären, wer alles noch meinen Geburtsnamen kennen könnte.
      Ich kramte aus der untersten Schublade ganz hinten das Büchlein mit den Daten meiner Verwandtschaft heraus. Es war kein Zufall, warum es so schwer zugänglich war, denn ich hatte schon vor einer ganzen Weile aufgehört, ein beliebter Teil der Familie zu sein.
      Dad hätte es ja verstanden, aber Mum hatte immer einen für mich unakzeptablen Standpunkt vertreten: »Ich bin die Erzdruidin und Du als meine Tochter machst, was ich sage.«
      Wenn sie das gewollt hätte, hätte sie mich nicht auf die guten Schulen mit höherem Bildungsgrad schicken dürfen, denn ich hatte am Ende an das Druidentum ungefähr genauso fest geglaubt, wie an den Weihnachtsmann. Als ich dann bei der Polizei-Akademie angenommen worden war, hatte sie angefangen meine halbjährlichen Anrufe zu ignorieren. Da sie die große Matriarchin des Callaigh-Clans ist, war ich automatisch für alle anderen eine Persona non grata. Natürlich gab es ein paar Couins und Cousinen, die ebenfalls im zwanzigsten Jahrhundert angekommen waren, aber die hatten ihre eigenen Leben.
      Selbst nachdem ich für zwei Jahre unserer Zeitzählung (etwa 20 Jahre in der Anderwelt) verschwunden war, hatte sie es nicht für nötig empfunden ein Mal nachzufragen, wie es mir ging.
      Daher hatte ich es bisher auch nicht für nötig empfunden ihr mitzuteilen, dass ich mittlerweile mein Erbe akzeptiert hatte und in einem uralten, weißen (und auch weisen) Weidenherrn einen extrem geduldigen Lehrmeister gefunden hatte. Trotzdem hätte ich es nett gefunden, wenn sie mich wenigstens ein bisschen in der Druiden-Gemeinschaft willkommen geheißen hätte.
      Natürlich hätte ich auch in meinen Taurus steigen und zum Snowdon (höchster Berg in Wales /Anm. d. Autors) hochfahren können.

      Aber man hat ja schließlich seinen Stolz, egal wie dumm er ist.

      Nachdem ich ihre Nummer gefunden hatte, wählte ich die Vorwahl der Grafschaft Gwynedd und vertippte mich dabei zweimal. Endlich bekam ich ein Freizeichen.
      Mit klopfenden Herzen hörte ich, wie jemand abnahm. Du meine Güte, hatten die etwa immer noch das alte Gabeltelefon mit der geringelten Telefonschnur?!
      »Callaigh?«
      Beinahe hätte ich wieder aufgelegt. Ihre Stimme klang immer noch genauso so vorwurfsvoll wie zuletzt. Doch das war einfach ihr normaler Tonfall, stets leicht tadelnd und enttäuscht von der Menschheit im Allgemeinen und mir im Besonderen.
      »Mum, hier ist Sam ...«, ich wartete, rechnete schon damit, dass sie kommentarlos auflegte, aber nichts geschah. »Ich habe hier einen schwarzen Torque, an den ein Dämonenfluch gebunden war. Irgendwer hat mir den aus Dublin zugeschickt ...?« Ich lauschte in die Stille, die von einem entsetzten Ruf abgelöst wurde.
      »Sammi!? Rühr Dich nicht vom Fleck! Fass nichts an! Ich bin sofort bei Dir!«
      Fassungslos starrte ich auf meinen Telefonhörer und es dauerte eine Weile bis ich das schnelle Tüt-Tüt-Tüt erkannte, was mir anzeigte, das die Verbindung unterbrochen war.
      Sammi? So hatte sie mich zuletzt als Kind genannt. Sonst hatte sie stets auf das vollständige Samain bestanden, das ich ihrer Ansicht nach voller Stolz tragen sollte. Sie hatte es gehasst, wenn mich die anderen Sam riefen und je mehr es sie auf die Palme gebracht hatte um so mehr hatte es mir gefallen.
      Dann musste ich schmunzeln. Nicht vom Fleck rühren, natürlich. Selbst mit einem Formel 1 Wagen bräuchte sie mindestens drei Stunden bis zu mir und ich wusste, meine Mum hatte immer noch keinen Führerschein. Sie war stets der Ansicht gewesen, dass Automobile nur eine vorübergehende Mode-Erscheinung waren.

      Ich hätte es besser wissen müssen, als eine Druidin zu unterschätzen, die noch mit den letzten Römern und danach mit den Sachsen um Wales gekämpft hatte.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse

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    • Gerade hatte ich mich erhoben, mir eine Tasse Kaffee Au! zu viel Milch gemacht, als ein heftiger Windstoß mein Fenster aufbrach, eine Windhose hereinkam und meinen Papierkram im ganzen Zimmer verteilte.
      Mit offenen Mund und auf halbem Weg erstarrter Tasse sah ich, wie sich der Miniwirbelsturm auflöste. Er ließ eine streng gekleidete Frau erscheinen, deren Haare fast so feuerrot waren, wie meine, aber die, im Gegensatz zu meinem modernen Schnitt, in drei schweren Zöpfen (zwei an der Seite und ein wirklich dicker hinten), wie in Superkleber getränkt, reglos an ihren Kopf herunter hingen.
      Ihre Kleidung war ausnahmslos aus natürlichen Materialien hergestellt und wäre nicht ihre strenge Aura gewesen, hätte man sie für eine dieser Kräuterfrauen von einem Mittelaltermarkt halten können. Das wäre aber ganz sicher niemandem je passiert. Mum konnte ohne Weiteres inmitten gekrönter Häupter umher gehen und diese mit einem genervten Stirnrunzeln dazu bringen, auf die Knie zu fallen.
      »Sammi, geht es dir gut?« Sie umarmte mich fest, ein Verhalten, was mir mehr als alles andere verriet, welche Sorge sie gerade hatte. Alte Druiden haben es nicht gerne, wenn andere körperlich in ihre Aura eindringen. Ich hielt tapfer meine Tränen der Rührung zurück. Immerhin herrschte zwischen uns kalter Kriegszustand und wir wären keine Druiden, wenn wir zu leicht verzeihen würden.
      Sie schob mich von sich und musterte mich mit diesem durchdringenden Blick, den ich inzwischen als wahren Blick kannte. Sie können mir glauben, dass ich früher darunter regelrecht zusammengeschrumpft war, besonders wenn sie Grund hatte mich eines Streichs zu verdächtigen, was natürlich immer völlig unfair und total ungerechtfertigt war.
      »Deine Aura ist nicht befleckt, Du hast mich doch nicht etwa ...«
      Dann riss sie die Augen auf. Ich sah wie auf einem Pantomimen-Gesicht die ganze Platte ihrer Gefühle nacheinander ablaufen.
      Zuerst war dort unglaubliche Erleichterung, dann Misstrauen, dann Verwunderung und zuletzt Erkennen. Oh, nein, das Letzte war dieser altvertraute Mix aus Vorwurf, Enttäuschung und Zorn.
      Obwohl ich mir diesmal wirklich, wirklich keiner Schuld bewusst war, verschränkte ich meine Arme, lehnte mich etwas zurück, legte meine Stirn in Falten und trotzte ihrem Blick.
      Es war als wären alle Jahrzehnte schlagartig ausgelöscht und ich wieder sechzehn.
      »Du hast noch Feenstaub an Dir!«
      Nagut, aber deswegen der Aufstand?
      »Ja, ein bisschen. Und?«
      »Hast Du Dich darin gewälzt, oder was habt Ihr getrieben?«
      Ich war sprachlos. Konnte sie Gedanken lesen, und selbst wenn, ich hatte gerade nicht einmal ansatzweise an Mo gedacht.
      »Wie oft habe ich Dir gepredigt, Dich nicht auf so etwas mit IHNEN einzulassen. Sie sind anders als wir und messen den Dingen völlig andere Bedeutungen bei.«
      »Äh ... immer langsam, Mum. Woher weißt Du ...?«
      Sie schnaubte. »Du hast nicht einmal den Anstand ein schlechtes Gewissen zu haben!«
      Man mag es kaum glauben, aber diese Worte hatte noch dieselbe Wirkung auf mich, wie eh und je. Bisher war mein Gewissen rein gewesen, aber jetzt wo sie das erwähnte ...?
      »MUM, lass den Scheiß!«
      Ja, auch mächtige Druiden haben das drauf. Mum hielt sich vermutlich so oft in den Anderwelten auf, dass sie mittlerweile einen unerschöpflichen Vorrat an Feenstaub in ihrem Körper absorbiert hatte.
      Nun war es an ihr mich sprachlos zu mustern. Ich erkannte ungläubigen Respekt in ihren Augen.
      »Du hast Dich ... gemacht, meine Tochter!«
      Du lieber Himmel, ich war wieder ihre Tochter! Juhu? War der Non Grata Status jetzt aufgehoben?
      »Äh, ja, habe ein paar interessante Jahre hinter mir und hatte einen ziemlich coolen Meister-Yoda-Baum als Lehrer .«
      »Du redest wirr, Kind.« Wieder dieser strenge Tonfall.
      Ich blies genervt meine vollen Backen leer und erklärte in dem betont lockeren Tonfall, den sie gar nicht leiden kann, wenn man ihn sich ihr gegenüber herausnimmt: »Gwraidd gwyn, hat mir ein paar Druidentricks gezeigt!« Ich gab absichtlich mit seinem Túatha-Namen an. Ich selbst hatte ihn schlicht Weißwurzel genannt, wie auch alle, die in seinem Umfeld lebten. Der uralte Baumherr hatte eine Wahnsinngeduld mit allen diesen »jungen Lebenwesen«, die aus seiner Sicht gerade erst geboren waren. Für ihn waren wir alle Kinder und werden es wohl immer bleiben, egal wie alt manche von uns werden können.
      »Ein Kind des Brenin Ellyllon (Elfenkönig) hat Dich gelehrt ...«
      Mum setzte sich auf das Sofa, geradewegs auf die Tierdecke. Wenn Sie den Geruch wahrnahm, so zeigte sie es jedenfalls nicht. Ich nehme an, meine Mitteilung war womöglich ein wenig überraschend.
      »Ok, erstens: Wow, Du bist aber schnell hier gewesen! Und Zweitens hast Du mir immer noch nicht gesagt, woher du von Mo...rrigan und mir weißt!«
      Sie lächelte abwesend, eine Premiere für mich, und antwortete ebenso abgelenkt.
      »Du bist von meinem Fleisch. Die Hälfte von Dir ist wie ich, und natürlich kann ich von überall dorthin reisen, wo ich bin oder Teile von mir sich befinden.«
      Klingt das für Sie genau so seltsam, wie für mich? Gut.
      Ich nahm vor, mir das für einen späteren Zeitpunkt zu merken. Dies Art zu reisen dürfte für meine schmale Geldbörse sehr entlastend sein. Hoffentlich musste ich dazu nicht wirklich Teile von mir woanders zurück lassen. Neben diversen ekligen Ideen kamen mir da nur noch ein paar völlig unakzeptable Möglichkeiten in den Sinn.
      »Und das andere ...?«, bohrte ich nach, solange der Informationsfluss noch lief.
      »Du trägst Morrigans Zeichen. Wie hast Du Dich nur bereit erklären können Ihr Zeichen zu tragen?!«
      »Wovon redest Du Mum? Von dem bisschen Feenstaub?«
      Sie hob den Blick und ich sah, dass sie sauer war, sogar ziemlich sauer. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein. Ich hatte Mum schon ein paarmal richtig in Rage gebracht, aber so sauer wie jetzt, hatte ich sie noch nie erlebt. Vermutlich hätte ich gerade mit einem Fingerschnipsen Funken schlagen können, so gewaltig war die Spannung im Raum angestiegen, und ich meine das wörtlich. Meine Mutter ist eine Gewittermeisterin. Wir können alle glücklich sein, dass sie so selten ihre Fassung verliert; aber nun stand sie kurz davor.
      »Du willst mir sagen, Du weißt nichts von IHREM Zeichen auf Deinem Bauch?«
      Vorwurfvoll stach ihr Finger nach vorne und zeigte geradewegs auf meinen Bauchnabel.
      Entsetzt riss ich mir das Shirt hoch und starrte minutenlang fassungslos auf das Hautbild auf meinem Bauch.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse

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    • Hi Tom :)
      Hättest ruhig sagen kännen, dass du einen 2. Teil aufgemacht hast XD
      ich wundere mich als warum es nicht weiter geht XD
      So hier die ersten drei Teil :)
      (Ich hab noch was zu erldeigen, Rest folgt nachher :) )


      Spoiler anzeigen

      Tom Stark schrieb:

      Solche Fragen an die Zukunft, zumal so geplant und so weitreichend (Komma) kann man einem Tier nicht stellen.

      Tom Stark schrieb:

      In der Regel sind sie zufrieden (Komma) wenn der aktuelle Sein-Zustand (Ist-Zustand) zufriedenstellend ist.

      Tom Stark schrieb:

      Hey, Chris Hemsworth als Thor,
      :love: :heart: :love: :heart:

      Tom Stark schrieb:

      bevor oder nachdem er uns die Schädel einschlägt, natürlich. (Punkt weg)«, war Mos belustigte Erklärung.
      Bei Fragen an Alo wenden XD

      Tom Stark schrieb:

      von allen ihren Feen und Elfenkräften abschirmte
      Feen- und Elfenkräften

      Tom Stark schrieb:

      »Einverstanden, unsere Schulden bleiben bestehen und wir haben, was wir haben.«
      ohmann ... XD

      Tom Stark schrieb:

      Ich stellte mir vor, wie (sie) betont lustvoll stöhnte,

      Tom Stark schrieb:

      Sie war etwas größer als ich und von schlanken aufrechten Wuchs.
      schlankem, aufrechtem

      Tom Stark schrieb:

      wie eine dunkle fixe Idee, die aus der Tiefe unsererschlimmsten Ängstw (Ängste) geboren wird.

      Tom Stark schrieb:

      Ich trat zur Tür von AnatolsBüro
      Antonovs Büro


      Kommi folgt noch :)
      Menschen, die von sich behaupten, sie seien "positiv bekloppt", sind meistens einfach nur negativ grenzdebil.
      Patrick Salmen

      Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber nicht jeder ist Schmied.
      Till Reiners
    • so der Rest :)

      Tom Stark schrieb:

      Doc das war einfach ihr normaler Tonfall,
      Doch

      Tom Stark schrieb:

      Das wäre aber ganz sicher niemand je passiert
      niemandem

      Hui da geht's ja zur Sache und dem Entsetzen von Sam und der Mutter nach zu urteilen, hängt Sam jetzt noch tiefer drin, als vorher schon... wäre sie mal so klug gewesen und hätte nein gesagt ... X/
      Anyway, es bleibt spannend und Sam's Mutter ist echt seltsam ...
      Irgendwas wollte ich noch sagen ...
      Vielleicht fällt es mir noch mal ein XD
      Menschen, die von sich behaupten, sie seien "positiv bekloppt", sind meistens einfach nur negativ grenzdebil.
      Patrick Salmen

      Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber nicht jeder ist Schmied.
      Till Reiners
    • @Miri erst einmal vielen Dank mal wieder für Deine Mühe

      Beim Überfliegen meiner Texte ist mir aufgefallen, dass viele Wörter zusammen geschrieben sind, die ich bestimmt nicht so geschrieben habe. Ich vergesse ja vielleicht ein oder zweimal in der Hektik ein Leerzechen, aber so gehäuft wie das auftritt, liegt das an etwas Anderem. Wenn ich später Zeit habe, gehe ich nochmal über die Texte und ziehe auseinander, was nicht zusammengehört ...
      Komische Sache.

      Tiefer drin als zuvor? ^^ Du hast ja gar keine Ahnung!
      Natürlich bin ich persönlich froh, dass sie nicht nein gesagt hat, worüber hätte ich den sonst schreiben sollen? Aber ich verstehe auch Deinen Punkt und Sam würde Dir vermutlich zustimmen.

      Es wäre aber noch seltsamer, wenn eine über 1600 Jährchen alte Druidin nicht seltsam wäre, stimmt's?
      -------------------
      Tom Stark
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    • ohja klar kein Problem ^^
      Ich lese das Zeug hier ja gern ^^

      Was die Leerzeichen angeht, bist du nicht der einzige. Schau mal in die Schmiede, da ist nen Thread zu dem Thema und auch wegen den Spoilern :)
      Ansonsten rate ich dir denn BBCode (links oben das kleine Quadrat) zu aktivieren bevor du deine Texte einfügst. Klappt bei mir und Kyelia zumindest ganz gut :D

      Und ohje ... das klingt Unheil verheißend und jetzt freue ich mich noch mehr auf den nächsten Teil ^^

      Und LOL ... 1.600 Jahre ... wie alt ist Sam eigentlich genau?
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    • Ich habe die Handlung etwas in die Vergangenheit versetzt, sonst könnte Sam ja nicht ihre ganzen Abenteuer aus der Retrospektive erzählen. Vielleicht spielen die Stories gerade um 2010 herum.
      Sie war damals, als es sie in die Anderwelten verschlagen hat kurz nach ihrer Polizei-Akademie, also schätzungsweise um die 24 Jahre alt.
      In der Erden-Welt sind dann zwei Jahre vergangen,während sie "weg" war und seitdem sie "zurück" ist, noch einmal etwas über 2 Jahre.
      Also dürfte sie laut Geburtsurkunde offiziell etwa 28 Jahre alt sein.
      Da sie aber in den Anderwelten geschätzte 20 Jahre verbracht hat, dürfte ihr persönliches Chronometer knapp 50 Lebensjahre anzeigen.

      Sehr gute Frage. Hatte mir noch gar keine großen Gedanken darüber gemacht.
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      Tom Stark
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    • Mum vs. Mo

      Das Tatoo war gestochen scharf und man konnte deutlich drei Krähen in einem keltischen Knoten erkennen. Es war nicht größer als meine Handfläche und unverkennbar das Zeichen der Morrigan. Auch wenn ich nicht Mums Erfahrung hatte, schien sich die Magie des Zeichens, und es hatte davon eine ordentliche Portion intus, harmonisch in meine Aura einzufügen. Das passte so gar nicht zu meiner Vorstellung eines Sklavenmals oder eines Besitzerzeichen. Aber nun verstand ich Mums Vorwurf, ich hätte mir das freiwillig machen lassen. Trotzdem fühlte ich mich weder gebannt noch gefesselt, oder gar an Morrigans Willen und Befehle gebunden.

      »Nein, bis gerade eben hatte ich davon keinen Schimmer.« Mum war mit meiner Antwort nicht glücklich, das war ihr anzusehen, aber ihr Zorn schien nun nicht mehr mir zu gelten.
      »Wie konnte sie es wagen. Wie konnte sie es WAGEN!«
      Bei mir setzt für einen Moment das Herz aus. Verdammt, war Mum sauer! Ich wollte jetzt wirklich nicht in Morrigans Haut stecken. Doch sofort änderte ich besorgt meine Ansicht. Mo war immerhin eine Gottheit und auch wenn sie mit mir bislang überaus nett umgegangen war, war Freundlichkeit eigentlich keines der Attribute, die man gemeinhin mit ihr in Verbindung brachte. Sie galt im Gegenteil als launisch, hinterhältig und vorsätzlich fies. Ok, sie sollte auch gerecht sein, in ihrem Zorn, aber ich würde generell nicht darauf wetten, dass jemand ausgerechnet im Zorn seine gerechte Ader entdeckt, wenn es ihm sonst Spaß macht andere zu piesacken.

      Wie aus dem Nichts, wie auch sonst, stand sie auf einmal da in ihrer grusligen Kutte, aus deren Kapuze nur zwei goldgelb leuchtende Augen starrten. Sie hatte jedoch auf ihre mindestens so grusligen Krähen und ihren Speer, Stab oder die Sense verzichtet, die sonst zu ihrem Accessoires zählten. Dafür war ich aus vielerlei Gründen dankbar. Zum Einen wären mit Krähen und Sense mein Büro zu klein für zwei so große Egos geworden, was es vermutlich ohnehin war. Zum Anderen hoffte ich, dass das Fehlen einer Waffe Mum signalisierte, dass Mo zum Reden gekommen war.
      Ich hoffte es jedenfalls ganz fest, dass sie nur dazu gekommen war.
      »Du solltest nicht Dein Kind schelten, alte Wetterhexe, denn Sie wählt ihre Freunde mit Bedacht!«
      Beinahe hätte ich mich verschluckt und nur unter Aufbietung aller Kräfte und unter Verlust einiger Tränen, war es mir möglich, nicht laut los zu prusten. Alte Wetterhexe? Hatte sie das gerade wirklich gesagt?
      Morrigans Stimme hatte düster geklungen, aber obwohl wir uns noch nicht so lange kannten, erahnte ich, dass sie nicht wirklich wütend sondern in Streitlaune war. Sie hatte mir anvertraut, dass sie sich gerne stritt, besonders wenn das Gegenüber wie ein Löwe seinen Standpunkt verteidigte. Das hatte mir bei unserer ersten Begegnung auch ihre Sympathie eingebracht. Schlug sich der Andere tapfer, verteilte sie sogar manchmal eine Belohnung, die eine weite Spanne vom Weiterleben ihres Streitgegners bis hin zu einer echten Gefälligkeit haben konnte.
      Sie haben sich nicht verlesen. Jemandem das Leben zu schenken ist für Mo keine große Sache, es ihm zu nehmen allerdings auch nicht. Vergessen Sie niemals, dass sie eine Göttin ist, auch wenn es mir manchmal irgendwie entfällt - dumme Druidin!
      »Nicht schelten? Zuerst ignoriert sie meine Warnungen, dann kehrt sie sich von ihrem Weg ab und das Nächste, was ich höre, ist dass irgendjemand ihr einen Dämonenfluch geschickt hat.«
      Die Neuigkeit mit dem Fluch nahm Morrigan mir ein wenig zu gefasst auf. Ha! Ich hatte es geahnt, sie hatte etwas gewusst!
      »Natürlich bin ich aufgebracht! Und jetzt erfahre ich auch noch, dass Du sie gezeichnet hast, gegen ihren Willen!«
      »Moment, jetzt aber mal langsam mit Deinen Vorwürfen, Druidin. Ich habe gar ihr nichts gegen ihren Willen angetan!«
      Mum stemmte die Arme in die Seiten: »Behauptest Du jetzt auch noch, meine Tochter würde lügen?«
      Man kann sich gar nicht vorstellen, wie stolz ich in diesem Augenblick war. Meine Mum stellte sich vor mich gegen eine Kriegsgöttin mit einem wenig gnädigem Ruf.
      Morrigan runzelte ihre Stirn und zu der Spannung in der Luft, gesellte sich Todeskälte. Mum hatte sich wohl einer Grenze gefährlich genähert, hoffentlich noch nicht überschritten.
      »Mäßige Deinen Ton, Wettermeisterin!«
      Um Morrigans Gestalt zogen sich die Schatten zusammen und ich hörte das Krächzen dieser grusligen Krähen.
      Doch die Erzdruidin wäre keine Erzdruidin gewesen, hätte sie das zum Rückzug bewegt.
      »Fang keinen Kampf an, den Du nicht gewinnen kannst, Des Síd!«
      Angriffslustig wie zwei Straßenkatzen standen sie sich gegenüber und es hätte mich gewundert, wenn ihre Nackenhaare sich genauso gesträubt hätten.
      Tödlich leise, Mo hatte wohl inzwischen den Spaß an der Streiterei verloren, fauchte sie zurück: »Sobald ich einschreite, sind die Kämpfe beendet. Überschätze nicht Deine Rolle, Druidin!«
      Diese zog ihre Augenbrauen zusammen, bis sie einen einzigen Strich darstellten. »Und Du brichst bestehende Verträge, Gesetze, die auch Du nicht einfach ignorieren kannst, wie es Dir passt.«
      »Ich war dabei, als diese Gesetze vereinbart wurden, ich brauche ganz gewiss keine Belehrung von einer Sterblichen!«
      »Glaube ja nicht, dass Du damit durchkommst. Und Dein Plan über meine Tochter an mich heranzukommen, wird Dir auch noch leidtun!«
      Mit einem Mal kam in mir dieser Zorn hoch, unter dessen Einfluss man früher keltischen Kriegern nachgesagt hatte, dass sie darunter nahezu unbesiegbar waren. Bei den Wikingern nannte man das Berserkerwut, keine Ahnung wie man das bei den Walisern nennt. Ich war vielleicht nicht gerade kulturell keltisch auf der Höhe, aber wenn die Hälfte deiner Gene von einer waschechten Keltin stammen, genügt das offenbar:
      »Was zum Teufel, glaubt Ihr, was das hier werden soll? Ihr kommt hier in MEIN Büro, ohne Anmeldung wie ein Überfallskommando. Und dann fangt Ihr an Euch über MICH zu streiten, als wäre ich gar nicht anwesend?«
      Mum wollte mich zurechtweisen, aber ich hob anklagend den Finger.
      »Und Du. Jahrelang hast Du mich ignoriert und jetzt erwartest Du dass ICH zu DIR komme? Es war wohl für die große Druidin zu viel verlangt, sich selbst einmal nach mir zu erkundigen?«
      Morrigan versuchte leise einzuwenden: »Kleine Druidin, ganz so war das ni ...«
      »Jetzt rede ich mit meiner Mutter! Was mischt Du Dich denn da ein? Überhaupt, was sollte diese miese Aktion? Alle Register der Verführungskunst zu ziehen?! Mit mir kann man es ja machen, wie? Und mir dann dieses Zeichen verpassen, als wäre ich irgend ein Rindvieh und wir auf der Ponderosa! Wer glaubt Ihr beiden eigentlich, wer Ihr seid?!«
      Mos Blick, den ich eigentlich unter allen Umständen meiden müsste, wenn ich mich mit ihr anlegte, war amüsiert und ein wenig verwirrt. Ich nehme an, mit Bonanza konnte sie nichts anfangen.
      »Also wenn Ihr zwei Euch jetzt an die Gurgel gehen wollt, nur zu. Aber nicht meinetwegen und lasst mir gefälligst mein Büro stehen. Die Miete ist immerhin schon für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt!«

      Ich warf beiden noch einmal einen wütenden Blick zu, registrierte den entgeisterten Blick meiner Mutter und das Zucken von Morrigan, die wohl gerade einen Lachanfall unterdrückte oder vor Wut kochte, das war mir in diesem Augenblick auch einerlei.
      »Ahhhh!« Mit einem frustrierten Hände-in-die-Luft-werfen stürmte hinaus und warf die Tür hinter mir zu.
      An die Treppe erinnere ich mich gar nicht mehr. Irgendwie war ich über die Straße gekommen, ohne einen der hupenden Autofahrer anzuschnauzen und im Stadtpark gelandet.
      Vor meiner Lieblingsbank, mit dem perfekten Ausblick auf den Zentralpark-See, der eher den Namen Dorf-Teich verdient hätte, kam ich wieder zu Sinnen.
      Hatte ich gerade wirklich die höchste Druidin der westlichen Hemisphäre und was noch schlimmer war, meine Mutter, vor einer Kriegs/Todes-Göttin heruntergeputzt?
      Und war es wirklich ich gewesen, der eben jene Gottheit im Beisein einer konkurrierenden Druidin zur Schnecke gemacht hatte?
      Eigentlich hätte ich spätestens jetzt in die Hosen machen, oder wenigstens angemessen erschrocken sein müssen.
      Stattdessen lachte und lachte und lachte ich.
      Es kamen Leute vorbei und warfen mir irritierte Blicke zu, was mich jedes Mal auf Neue in einen Lachkrampf verfallen ließ.
      Irgendwann, völlig erschöpft, mit vor Tränen durchnässtem T-Shirt, war ich auf die Bank gesunken. Immer wieder schüttelten mich Nachwehen meines Anfalls und ich musste wirklich wie eine Irre gewirkt haben, so wie man mich leise kichernd dort sitzen sehen konnte.
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      Tom Stark
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    • Also erstmal: Cooles Profilbild ^^

      Dann weiter: Fehler habe ich keine gefunden, was aber daran liegen mag, dass es ein besonders gutes Kapitel war ^^
      Sehr amüsant, ich musste auch grinsen und jetzt verstehe ich den Witz mit der "Puder-Rosa-Ranch" in Schuh des Manitu auch mal XD

      Sam gefällt mir und ich hoffe, dass das mit dem Sklavenmal(?) auch noch in die Reihe kommt ... klingt jetzt nicht soooo verlockend ...
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      Patrick Salmen

      Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber nicht jeder ist Schmied.
      Till Reiners
    • Im Park

      Irgendwann hatte ich mich wieder soweit im Griff, dass mir die mögliche Tragweite meines Wutausbruchs klar geworden ist. Ich hatte Mo gerne, ganz egal, was die Legenden über sie aussagten und ich hatte auch Mutter gerne, ganz egal was ich über sie sagte, und die Legenden über sie, die ich kannte, wurden ihr ohnehin nicht gerecht.
      Überhaupt habe ich den Verdacht, dass die meisten Legenden Propaganda sind, die man bewusst in Umlauf gebracht hat. Ich denke, sie sind einfach nur Klatsch und Tratsch oder sogar bewusste Werbekampagnen, die man nur deswegen halbwegs ernst nimmt, weil Redewendungen wie »vor langer Zeit« oder »man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand« darin vorkommen.
      Wenn ich hingehe und behaupte: »Man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand, dass vor einer halben Stunde der Premierminister nackt über den Piccadilly Circus gerannt ist und dabei sind 1000 Krähen in den Himmel aufgestiegen«, dann glaubt mir das kein Mensch.
      Wenn ich dasselbe über Morrigan und ein antikes Schlachtfeld erzähle, hält man es zumindest für möglich. Gut, das Traurige daran ist, dass es womöglich sogar der Wahrheit entspricht. Wir Kelten gingen früher pudelnackt in die Schlacht - kein Witz - und warum hätte ausgerechnet eine der keltischen Gottheiten schlechthin, bekleidet da auftauchen sollen? Die Sache mit den Klamotten hat sich erst seit den Römern und dann den Christen eingebürgert. Angesichts der doch eher mild-feuchten Temperaturen in Wales und den immer zahlreicher werdenden von Mac Donalds geformten Körpern, bin ich über diesen kulturellen Beitrag der Römer nicht unglücklich.

      Während ich mir ausmalte, was Mum oder Morrigan mir als Strafe für meine Aufmüpfigkeit aufbrummen würden, sah ich im Teich eine Undine, die zwischen den Enten und den beiden Schwänen mit Wasser-Bläschen spielte und ganz eindeutig einen besonders prächtigen Enterich neckte. Nach eine Weile wurde es dem Entenherrn zu dumm und er flüchtete sich an Land, von wo aus er die verspielte Nymphe ausschimpfte.
      Die Wasserfee kicherte, sah mich und winkte mir zu, bevor sie sich wieder in die Tiefen ihres kleinen Reichs zurückzog.
      »Ein Feentor ausgerechnet im Stadtteich von Swansea, quasi direkt vor meiner Haustür, wer hätte das gedacht?«
      »Was hast Du geglaubt, wie Deine Mutter so schnell hierher kommen konnte?«
      Beinahe wäre ich vor Schreck aufgesprungen. Schwer atmend hielt ich mir die klopfende Brust.
      Neben mir auf der Banklehne saß eine jener Krähen, von dieser großen, leicht gerupft aussehenden Art, mit den grusligen roten Augen, die für mich unverwechselbar zu Morrigan gehörten.
      »Bah ... hast Du mich erschreckt! Krächze das nächste Mal wenigstens zur Vorwarnung. Hat Morrigan Dich geschickt um nachzusehen, wo sie mich findet, sobald sie beschlossen hat, wie sie mir den Hintern versohlen will?«
      Die Krähe legte ihren Kopf schief und betrachtete mich neugierig. »Den Hintern versohlen? Eine wirklich nette Idee. Darauf kommen wir bei Gelegenheit noch einmal zurück. Aber nein, ich schicke doch keinen Diener, wenn ich mir ernsthaft Sorgen um Dich mache.«
      »Oh? Du bist es also selbst?« Mein Herz sank mir in die Hose.
      »Hast Du Dich wieder beruhigt?«, ihre Frage klang sowohl amüsiert als auch mitfühlend.
      »Ja, denke schon. Keine Ahnung warum ich so ausgeflippt bin. Das passiert mir sonst nie.«
      Die Krähe lachte krächzend. »Außer, Du legst Dich mit dem Elfenkönig vor seinem ganzen Hofstaat an, natürlich.«
      Ich wurde so rot wie eine Tomate. Das war bis heute der peinlichste Fauxpas meines ganzen Lebens. Interessanter Weise hat mir der König es mir nie übel genommen, obwohl, und das können Sie aber glauben, Elfen sonst nachtragender sind als Elefanten. Im Gegenteil konnte er seinen Gegnern bei Hofe stets die aufbrausende Druidin vorhalten, die sicher wieder eine peinliche Szene machen würde, wenn er nicht ihren vernünftigen Forderungen nachkäme. Ja, der König vom Cluain Mel und ich, wir hatten schon eine spezielle Beziehung. Offiziell bekämpften wir uns bis aufs Messer, aber hinten herum spielten wir uns gegenseitig die Bälle zu. Tja, so wird eben Politik gemacht.
      Verlegen räusperte ich mich.
      »Mum ist sicher auf 180? Vermutlich hat sie mich jetzt endgültig für alle Zeiten aus der Familie verbannt.«
      »Das denkst Du wirklich, hm?«
      »Würde zu ihr passen.«
      »Nein, würde es nicht.«
      Wir schwiegen eine Weile gemeinsam, eine meiner unbestrittenen Stärken. Solange ich meine Klappe halte, kann man unheimlich gut mit mir auskommen.
      »An was erinnerst Du Dich als Erstes, als Du ein Kind warst, meine ich.«
      Ich musterte die Krähe verwundert. Sehr persönliche Frage aus dem Nichts? Andererseits hatte Mo bislang darauf verzichtet mich wegen meines Ausbruchs fertig zu machen, daher war es nur recht und billig, wenn ich auch solche seltsamen Fragen beantwortete.
      »Ich erinnere mich ganz nebelhaft, wie sie mit mir in einem See geschwommen ist. Sie hatte Kleider an und ich auch. Deswegen denke ich immer, dass ich da etwas durcheinander bringe.«
      Die Krähe hüpfte ein wenig von mir weg und wieder zu mir zurück. Ihre Federn sträubten sich etwas als sie antwortete: » Elaine, die Herrin des Sees, hat damals dein Leben bewahrt, wollte Dich aber behalten. Deine Mutter hat Dich aus ihrem Reich zurückgeholt. Du hättest sie sehen müssen. Eine Tigerin, die um ihr Junges kämpfte. Die Herrin vom See ist heute noch kleinlaut, wenn sie auf Deine Mutter trifft. Ich weiß nicht genau, was Deine Mum mit ihr angestellt hat, aber ich würde schätzen, sie hat ihr so richtig den Arsch aufgerissen, wie man heute so schön sagt.«
      Wunder über Wunder, und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
      »Das hat sie nie auch nur mit einer Silbe erwähnt.«
      »Ich nehme an, sie wollte Dir eine unbeschwerte Kindheit schenken. Und gib es zu, die hattet Du doch auch?«
      Seufzend zuckte ich die Schultern. »Ja, schon. Es hat erst Stress gegeben, als sie mich zu diesem Druidenkram drängen wollte.«
      Die Krähe lachte mich wieder auf diese schaurige Art aus. Spielerrisch schlug ich nach ihr und sie hüpfte ohne Mühe aus meiner Reichweite.
      »Sie dachte wohl, es wäre nun an der Zeit. Immerhin hast Du angefangen, Dich immer mehr ihrer Fürsorge zu entziehen. Du solltest lernen Dich selbst zu beschützen.«
      »Zu schützen, wovor denn?«, ich schüttelte den Kopf. »Und warum erzählst Du es mir und nicht sie?«
      »Weil, kleine Druidin, wir zwei uns unterhalten können, ohne die instinktive Konkurrenz, in die Du mit Deiner Mum trittst.«
      »Ich mache was?«
      Wieder diese lachende Krächzen. »Die Jungfrau, die der Frau den Rang streitig macht.«
      »Hä? Redest du von den Hexen bei Macbeth. Du weißt schon, dass wir keine Hexen sind und der alte Dichter teilweise nicht ganz dicht war, als er seine Stücke geschrieben hat?«
      »Oh, er hat die Natur der Dinge manchmal ziemlich treffend geschildert. Es ist ganz normal, dass die Jungen in Wettkampf mit den Alten treten.«
      Und wieder einmal blieb mir nur die Schultern zu zucken. Was sollte ich schon darauf sagen?
      »Diese Dämonen-Attacke ist nur der Anfang. Es wird Zeit, dass Dich darum kümmerst. Die Zeit des Versteckens ist vorbei.«
      »Verstecken? Ich hab mich nie versteckt.«
      »Was denkst Du, warum deine Mutter alle offiziellen Verbindungen zu Dir gekappt hat, als Du den Weg des Druiden verlassen hast?«
      Ich bekam großen Augen, angesichts der Vermutungen, die mir im Kopf herumschwirrten.
      »Solange Du den mystischen Pfad verlassen hattest, warst Du für die andere Seite keine Gefahr. Und in den Anderwelten warst Du vor ihrem Zugriff sicher.«
      »Schei ...«, entfuhr es mir.
      Sie ließ mir Zeit das zu verdauen. Ich schuldete Mum wohl eine dicke, fette, supergroße Entschuldigung mit Obstkorb und Blumenkranz dazu.
      »Erinnerst Du Dich daran, wie schnell Du ein Büro gefunden hattest, als Du wieder in Deiner Welt warst?«
      »Stimmt, das war ein ... Glücksfall , ok hab´s schon kapiert. Das war arangiert um mich in der Nähe des Portals zu halten, stimmts? Als schnelle Fluchtmöglichkeit sozusagen. Deswegen fühle ich mich in der Nähe des Teichs auch so gut aufgehoben.«
      »Ich wusste, dass Du von alleine darauf kommst. Schon in Kandahār habe ich erkannt, dass Du verdammt clever bist, eigentlich viel zu clever, als dass man Dich unbeobachtet herumlaufen lassen kann.«
      Nun war es an mir zu lachen. »Genau das hat Dad immer zu mir gesagt, als ich noch klein war.«
      Die Krähe sträubte wieder ihr Gefieder. »Ich habe ja immer gesagt, dass man den Mariner hoffnungslos unterschätzt. Viele halten Deinen Vater für einen langsamen alten Kauz, der zwar sein Schiff zu jedem Gewässer navigieren kann, aber ansonsten eher eine Randfigur der Geschichte ist.«
      Das wurde ja immer besser und besser. Ich liebte meinen Dad und ja, er war nicht der große Redner und in Diskussionen mit Mum gab er so schnell nach, wie ein Schilfhalm im Sturmwind. Aber die Dinge, die er mir übers Segeln, die Gezeiten, die Bewohner der Meere und die Vögel, die er besonders liebt, beigebracht hatte, waren nie langweilig gewesen, auch wenn es vielleicht so klingt. Und ich wusste, dass er einen scharfen Verstand hatte und einen beißenden Humor, der meinem nicht unähnlich ist. Nur, dass er, im Gegensatz zu mir, seine Klappe halten kann. Die Kunst des geselligen Schweigens habe ich von ihm, auch wenn ich darin oft genug ziemlich versage.
      Aber Dad, der legendäre Mariner?
      Mir wurde schwindlig, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen.
      »Oh, das ist wohl alles etwas viel auf einmal.« Ich fühlte mich mitfühlend in den Arm genommen und neben mir saß Mo in einem dunklen Kapuzen-Shirt, hautengen schwarzen Jeans und nackten Füßen. Ihr Gesicht war in der Tiefe der Kapuze verborgen, an die ich gerade meinen Kopf lehnte.
      »Hey ...« ich hatte nicht den Willen, mich wirklich los zu machen, aber ich tat wenigstens als Alibi so, als würde ich mich gerade nicht wohl und behütet fühlen.
      »Hm«, brummelte Mo als Antwort. Ich weiß, dass die meisten ihre Stimme als düster und unheilsschwanger empfinden. Bei mir muss da der Selbsterhaltungs-Radar kaputt sein, denn ich kann das nicht nachempfinden.
      »Wir müssen noch über das Zeichen auf meinem Bauch reden. Das war nicht fair.«
      Ich hörte ihr dunkles Lachen, was für mich immer ein bisschen wie ein Regen klingt, der aufs Wasser prasselt.
      »Im Ernst jetzt. Mum hatte doch recht. Du wolltest über mich an sie rankommen? Mum irrt sie nie.«
      Erstaunlich, wie leicht mir dieses Eingeständnis gerade fiel. Normalerweise hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als das zuzugeben.
      »Ja, zuerst war das mein Plan. Ich wollte meine Schuld mit einer rauschenden Liebesnacht tilgen und Dich zugleich so an mich binden. Dann hätte ich gefordert, dass Du darauf hinarbeitetest, eine Allianz zwischen Deiner Mutter und mir zu ermöglichen.«
      Aha! Keine Ahnung, wie sie sich das vorgestellt hatte, aber ich war mir ziemlich sicher, dass sie da aufs falsche Pferd bzw. auf die falsche Druidin gesetzt hätte. Bei so etwas hätte ich nie mitgemacht.
      »Aber dann wurde mir klar, dass Du bei solchen Intrigen nie mitmachen würdest!«
      Ich blinzelte überrascht.
      Sie lächelte, was ich aber nur an der Reflexion ihrer strahlend weißen Zähne sehen konnte.
      »Ok«, gab ich zu. »Also ich muss schon sagen, der Sex und auch alles drum herum, das war der Hammer!«
      »Das nehme ich einfach als Kompliment.«
      »Gut, und jetzt müsstest Du so etwas sagen wie: Du warst auch toll, spitzenmäßig, erstklassig und ich habe mich total in Dich verknallt.«
      »Müsste ich das? Sind so mittlerweile die Gepflogenheiten?«, sie klang amüsiert.
      »Hey, das ist aber eine miese Tour, mich um ein Kompliment betteln zu lassen! Da wirst Du ja beinahe Deinem Ruf gerecht.«
      Ich löste mich von ihr. Wer will schon nur ein Spielball der Mächtigen sein?
      »Dumme kleine Druidin. Warum meinst Du, habe ich meine Strategie geändert, warum habe ich dafür gesorgt, dass wir weiterhin gegenseitig in der Schuld des Anderen stehen? Weil ich darauf stehe, mich mit Euch sturen Druiden anzulegen?«
      »Ahh, ich raffe langsam gar nichts mehr. Warum dann dieses Zeichen auf meinem Bauch. Was sollte diese linke Tour, wenn Du mich magst? Und außerdem hast Du Mum belogen - keine gute Idee.« Ich warf hilflos die Hände in die Luft.
      Sie schob ihre Kapuze ein wenig nach hinten, sodass wenigstens etwas Licht auf die rechte Seite ihres Gesichts fiel.
      »Ich habe nicht gelogen. Ich habe gesagt, dass ich Dir nichts zuleide getan habe. Vielmehr habe ich nur von meiner Seite ein Band gewoben, was Du von Deiner Seite aus in gleichen Maße geknüpft hast.«
      Mit Göttern zu reden ist manchmal wirklich wie der Versuch Hilfe bei einer Telekom-Hotline zu bekommen. Frustrierend!
      Dann sah ich ihr Gesicht und auch wenn ich es nie erdacht hatte, nie entworfen oder irgendwo aufgemalt, erkannte ich ohne jeden Zweifel das Zeichen, das sich auf ihrer linken Gesichtshälfte von der Wange bis zur Stirn hochzog:
      Eine verschlungene dornige Ranke mit einer einzelnen Blüte.

      »Wir haben, was wir haben!«, diese feierlichen Worte erfüllten mit einem Mal meinen Geist.
      Darum hatten sie sich so richtig, darum hatten sie sich so wichtig angefühlt.
      Es war mein Zeichen. Mo trug mein Zeichen!

      Sch ..., die MORRIGAN trug MEIN Zeichen ...
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

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    • Der Penny fällt

      »Was hat das zu bedeuten?« Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
      »Das würde mich auch interessieren!«
      Wie ein ertapptes Kind fuhr ich hoch. »Mum?«
      »Hast Du sonst noch jemand erwartet?«
      Ich warf einen verunsicherten Blick zu Morrigan, die in aller Seelenruhe ihre Kapuze wieder tief ins Gesicht zog.
      »Äh, also, nein.«
      »Gut. Ich wäre sehr froh, wenn diese kritische Affäre nicht noch größere Kreise ziehen würde.«
      Sowohl Mo als auch ich runzelten die Stirn als wir uns ansahen. Nein, "kritisch" wäre keinesfalls der erste Begriff, der uns eingefallen wäre. Seltsam, unangenehm, vielleicht auch abenteuerlich.
      »Mum, du dramatisierst wieder.«
      Sie stemmte ihre Hände in die Hüfte und einmal mehr knisterte die Luft vor Spannung. Ich konnte sogar den Wind auffrischen hören, der mit Sicherheit dicke Regenwolken über meinem Haupt akkumulieren würde.
      »Diese Situation kann man gar nicht noch mehr dramatisieren, Samain Brannwen Callaigh!«
      Ich zuckte zusammen. Mein voller Name! Eigentlich die Zeit sich nach einem Blitzableiter umzusehen.
      Und schon donnerte es unheilverheißend.
      Doch ich bekam Hilfe von unerwarteter Seite.
      Die Morrigan, nein Mo, legte schützend ihren Arm um mich.
      »Mäßige Deinen Zorn, große Druidin. Du siehst doch, dass meine Druidin nicht einmal ahnt warum Du ihr so zürnst!«
      Ein Blitz zerriss den Himmel, der so unnatürlich schnell dunkelgrau geworden war, dass man es gar nicht glauben mochte.
      Natürlich schlug er hunderte Meter weit in einen unschuldigen Stein ohne jemand zu verletzen. Mutter war immer noch eine Druidin und auch wenn das Land gerade ihren Zorn mitfühlte, würde sie niemandem schaden, der es nicht verdiente.
      »Sie ist NICHT DEINE DRUIDIN!«, fauchte Mum erbost.
      Mo lehnte kurz ihre Stirn an meine und erhob sich dann in einer einzigen fließenden Bewegung, dunkel und gefährlich wie der Todesschatten, der sie sein konnte, wenn sie wollte.
      Nur wenige Zentimeter trennten die Gesichter der beiden mächtigen Frauen. Erstaunlicherweise wirkte Mum, obwohl ein ganzes Stück kleiner, kein bisschen eingeschüchtert.
      »Doch, das ist sie. Sie trägt eine Tätowierung, die das beweist. Ich rate Dir, Dich damit abzufinden. Ich mag Dich, mochte Dich schon immer. Du scheust keinen guten Streit und wenn man einmal alles beiseitelässt, stehen wir am Ende auf derselben Seite. Aber meine kleine Druidin mag ich noch mehr. Wenn Du sie also noch einmal mit diesen albernen Wetterspielchen einschüchterst, dann rechne damit, dass ich das Kräftegleichgewicht mit meinen eigenen Spielchen ausgleiche, und ich wette, die wirst Du nicht albern finden!«
      Sprachlos starrten wir Druiden gemeinsam auf die Stelle, wo die Morrigan eben noch gestanden hatte, mit ihrem letzten Wort aber einfach verschwunden war.

      »In Punkto starken Auftritt und Abgang, macht ihr so schnell keiner was vor«, witzelte ich, um das Eis zu brechen.
      Sogar Mums Mundwinkel zuckten kurz. »Nein, wirklich nicht.«
      So wie die Wolken gekommen waren, verzogen sie sich wieder und die Sonne erwärmte erneut den Platz auf der Parkbank. Ein paar Vögel zwitscherten verwirrt über uns in den Ästen der großen Bäume, hatten sie sich doch gerade erst in Erwartung eines gewaltigen Donnerwetters unter den Schutz der großen Blätter geflüchtet.
      »Ok, Mum. Was ist los? Klar, ich weiß auch, dass ich vielleicht Mist gebaut habe, aber hey, es fühlte sich richtig an. Nicht wie diese Sachen wo man weiß, dass man sie besser sein lässt.«
      Ihr ungläubiger Blick brachte mich dazu zurückzurudern. »Na gut, na gut. Ein winziges BISCHEN war mir schon klar, dass es nicht ganz überlegt war. Aber ich fühle mich gar nicht versklavt. Kein unnachgiebiger Impuls Mo zu verteidigen oder mich für sie ins Schwert zu stürzen.«
      Ja, ich kannte diese Feenmahle aus einiger Erfahrung. Wer so eines trägt hat zuallererst die Interessen seines "Herrn" im Sinn. Er weiß auch intuitiv was der "Herr" will und was nicht. Und darüber war ich mir gerade gewiss: Ich hatte null Ahnung, was Mo von mir jetzt erwartete.
      »Ach, Sami. Es ist wohl alles meine Schuld.«
      Hoppla, ganz neue Töne?!
      Ich saß erst einmal nur da, ließ zu, dass Mum meine beiden Hände ergriff und sie mit ihren zudeckte.
      »Es ist schon kompliziert, wenn sich ein Feenfürst und ein Sterblicher nahekommen. Aber das ist dann eine Sache nur zwischen dem Túatha Dé Danann und dem sterblichen Liebhaber.«
      Da fiel bei mir der Penny. »Dad ...!«
      Sie lächelte sanft, wie ich es selten erlebt habe und für einen Moment konnte man die junge Druidin durchschimmern sehen, deren feurige Augen wohl sogar einen alten Seefahrergott, wie meinen Dad, bezaubert hatten.
      »Du weißt es? Hat er es Dir etwa gesagt?« Sie klang enttäuscht. Ich vermutete, sie und Dad hatten eine Absprache dahingehend.
      »Nein, nicht Dad«, wehrte ich daher ab. »Mo hat es erwähnt. Ich weiß es noch keine fünf Minuten, obwohl ...«
      »Obwohl?«
      »Eigentlich habe ich es schon immer gewusst. Irgendwie.«
      Sie nickte verstehend.
      »Ich bin also nicht die Erste in unsrer Familie, die sich mit ... äh ... verbotenen Früchten abgibt?«
      Schief grinsend schaute ich ihr in die Augen.
      »Ach Kind. Dein Vater und ich haben uns recht früh dazu verpflichtet nur Nachkommen zu zeugen, die auf ihr unsterbliches Erbe verzichten würden«
      »Hä?« Ich fiel gerade aus allen Wolken.
      »Halbblute können ihr Erbe einfordern und die alten Götter wachen eifersüchtig über dieses Privileg.«
      »Wie jetzt? Willst Du damit andeuten, dass ich eine Art Percy Jackson bin, halb Mensch halb ... Meeresgott?«
      Mum runzelte ihre Stirn und schüttelte fragend den Kopf.
      »Ach komm schon. Percy Jackson, Diebe im Olymp? Kinofilm? Musst Du doch kennen!«
      Sie verzog missbilligend den Mund. »Du solltest die Sache ernst nehmen, Samain! Das ist kein Spiel und auch keiner dieser ... Filme!«
      Ich ersparte mir einen Kommentar über Leute, die unterhaltsame Filme einfach abwerten, nur weil sie bewegte Bilder für eine vorübergehende Laune der Zivilisation halten.
      »Also echt. Ich habe nicht vor irgend ein Recht oder sowas einzufordern. So wie das Leben gerade ist, ist es mir aufregend genug. Die Túatha Dé Danann dürfen ihre Privilegien gerne behalten. Ich würde ohnehin nie eine brauchbare Gottheit abgeben, naja, vielleicht die Schutz-Göttin für Giovannis Pizza, aber ich glaube das ist eine winzige Nische, die ohnehin unbesetzt ist.«
      »Sami! Die Sache ist ernst! Indem du aus Tír zurückgekehrt bist, hast du bereits dein Recht eingefordert, nämlich unbehindert die Weltengrenzen zu überschreiten.«
      Nun war es an mir die Stirn zu runzeln.
      »In Cluan Mel, was warst du dort?«, fragte sie mich.
      »Hm, Polizist, was sonst?« Ich grinste schief.
      »Aha, und was genau? Kleiner Wächter?«
      »Zuerst ja, aber am Ende war ich der Sheriff.«
      »Nur dem König unterstellt, richtig?«
      »Genau«, erwiderte ich stolz.
      »Schatz.« Sie blickte mich ernst an, liebevoll und etwas stolz, aber auch wie ein Kind, was bisweilen ziemlich begriffsstutzig ist. »Hat irgendjemand, nur ein Einziger, in der Zeit, eine auch nur vergleichbare Karriere gemacht?«
      Ich dachte nach. Seltsam, dass mir das nie in den Sinn gekommen war.
      »Nein, niemand. Nur ich. Die anderen blieben mehr oder weniger was sie waren. Aber ich glaube das liegt daran, dass sie ihren Platz einfach gefunden hatten.«
      Das Lächeln meiner Mutter wurde eine Spur stolzer und unwillkürlich hob ich ein wenig das Kinn, auch wenn ich nicht genau wusste, was ich nun Kluges gesagt hatte.
      »Schau mal. Die hatten ihren Platz gefunden, Du suchst Deinen noch. Und das ohnehin schon hohe Amt des Sheriffs war offensichtlich noch nicht das Ende Deiner Laufbahn.«
      Verblüfft schüttelte ich den Kopf.
      »Aber Weißwurzel und der König haben nie ...?«
      Sie nickte. »Natürlich haben sie das erkannt und beschlossen Dich zu fördern.«
      »Damit sind sie aber ein ziemliches Risiko eingegangen, wenn ich Dich richtig verstehe.«
      »Das sind beides sehr, sehr alte Feen. Wenn die beiden glauben, dass Du das Risiko wert bist, dann hat Du bereits starke Verbündete. Aber vergiss nicht das Prinzip des Ausgleichs, was ich Dich gelehrt habe.«
      »Wo es große Vorteile gibt, gibt es auch schwerwiegende Nachteile.« Ich erinnerte mich nur zu gut an diese Glückskeksweisheiten - zumindest empfand ich sie als Kind so.
      »Das heißt, du wirst auch mächtige Gegner haben, die Deinen Aufstieg keineswegs gutheißen werden.«
      »Oh, Scheiße, Mum, da fällt mir ja noch was ein!«
      »Ja?«
      »Mo ..., also ich glaube, eine viel stärkere Freundin könnte ich unter den Feen-Hügeln kaum haben.«
      »Allerdings. Wenn ich bislang die Hoffnung hatte, dass ich Dich vielleicht an der Aufmerksamkeit der wirklich Mächtigen vorbeischmuggeln kann, ist sie nun dahin.«
      Wir atmeten beide tief durch. Zum ersten Mal erkannte ich, wie weit Mums Pläne und Sorgen reichten und zum ersten Mal sah sie, wie ihre Mühen von mir gewürdigt wurden. Für einen kurzen Augenblick schien es so, als wären nur wir zwei es: Zwei Druidinnen gegen den Rest der Welt.
      Doch dann grinste ich. Zum Rest gehörten auch Dad, ein Elfenkönig, ein Uralter Waldgott, zahllose Brownies, die Morrigan und für die großen normalweltlichen Notfälle ein ganzes SEAL-Team und der Spezialist des MI5 für solche Dinge. Percy Jackson, mein cineastischer Bruder im Geiste war mit weitaus weniger Freunden ausgekommen.
      »Und die Dämonen?«, sprach ich das Thema an, was wir bislang erfolgreich umschifft hatten.
      »Eine ganz andere Baustelle. Etwas, um das Du Dich bald kümmern musst.«
      »Ich? Warum nicht Du?«
      »Weil sie es auf Dich abgesehen haben, am mich wagen sie sich nicht heran. Tauche ich irgendwo auf, sind sie schon verschwunden.«
      »Und warum sind die hinter mir her?«
      Sie erzählte es mir.

      Nachdem wir noch eine Weile schweigend dagesessen waren und die Nacht schließlich hereinbrach, erhoben wir uns.
      Ich konnte nicht sagen, dass Mums und mein Verhältnis nun so war, wie ich fand, dass sich es zwischen liebender Mutter und Tochter gehörte, aber es war ein Anfang. Außerdem waren wir beide Druiden. Wir sind schon von Berufs wegen streitbar, eigensinnig und sehr von unserer Position überzeugt. Das machte die Sache nicht unbedingt einfacher, aber auf alle Fälle interessant.
      »Mum?«
      »Sami?«
      »Tu mir einen Gefallen. Vertrag Dich mit Mo. Ich will nicht dauernd zwischen meiner einzigen Mutter und meiner persönlichen Göttin stehen.«
      »Ich werde es versuchen. Aber Sami, sie ist nicht Deine persönliche Göttin!«
      »Doch das ist sie. Sie trägt ein Tatoo, was das beweist.«
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

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    • Ähm ja ich muss es, wenn auch etwas später, mit Miri halten: wieso schleichen sich deine Geschichten immer so unbemerkt an einem vorbei? :D
      Das was da kommt hört sich ja nach gewaltigen Dimensionen an. Und Sam scheint auch nicht gerade das leichteste Erbe zu tragen. Aber bisher gefällt mir auch Band 2 ganz gut. Und ich bin überzeugt, dass das auch so bleiben wird ^^
      - Große Männer werden im Feuer geschmiedet. Das Privileg der Kleineren ist es, das Feuer zu entfachen. -

      - nur ein Irrer steigt in das Raumschiff eines Verrückten -
    • Jap :)
      Ich brauchte eine Weile um wieder reinzukommen und ganz habe ich die Zusammenhänge auch nicht mehr auf dem Schirm, aber ich bin froh, dass es hier endlich mal wieder weiter geht! :thumbsup:
      Und klingt als wäre Samian nicht wirklich schlecht aufgestellt :D
      Und ich hätte zu gern die Reaktion von Sams Mutter gesehen, als Sam das mit dem Tattoo erzählt :D
      Menschen, die von sich behaupten, sie seien "positiv bekloppt", sind meistens einfach nur negativ grenzdebil.
      Patrick Salmen

      Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber nicht jeder ist Schmied.
      Till Reiners
    • Im Büro, der irische Klient


      Auf dem Weg zurück zum Büro trennte sich Mum von mir.
      »Gib auf Dich Acht, Kind, jetzt mehr als je zuvor.«
      Sie hauchte mir einen Kuss auf die Wange und bog zu einem gewaltigen Walnussbaum ab, der wie der König der Bäume inmitten des Parks residierte. Ich sah sie zwischen den kniehoch aus dem Erdreich ragenden Wurzeln in die Hocke gehen und eine der größten Wurzeln berühren.
      Sie sprach einige Sätze in ziemlich altem Keltisch, wie ich vermeinte herauszuhören und wurde schnell durchsichtig. Ich ging schnell weiter, weil ich das schon kannte und mir immer schlecht wird bei dem Gedanken, dass jemand aus Fleisch und Blut die riesigen Low-Ways aus Baum und Pilz-Wurzeln benutzt um in wenigen Augenblicken von einem Ende des Landes zu einem anderen zu kommen.
      Nicht, dass ich selbst so etwas kann.
      Nicht, dass es mich danach drängt so etwas überhaupt zu können.

      Im Treppenhaus begegnete mir Gwen, die mir immer noch irritierte Blicke zuwarf und mich musterte, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ob ich nicht doch ein Promi wäre, den man nur ohne sein Bühnenoutfit fast nicht mehr erkennt.
      Daher lächelte ich sie freundlich an. »Na, ist der Gestank der Stinkbombe schon aus den Räumen heraus?«
      »Eine Stinkbombe?« Ihr Tonfall war zweifelnd, aber auch hoffnungsvoll, was ich erhofft hatte. Immerhin hatte ich ihrem stabilen, um nicht zu sagen festgemauerten Weltbild, eine Steilvorlage geliefert diese ganze Angelegenheit rational zu erklären. Nach einigen Sekunden, in denen sich ihr Gehirn nach ihrem eigenen kulturellen Kompass neu einnordete, erwiderte sie mein Lächeln, diesmal deutlich erleichtert.
      »Ja, kaum mehr etwas zu riechen. Armer Anton, der hat die volle Ladung abbekommen und sich für den Rest des Tages frei genommen.«
      »Kann ich verstehen. Diese Dumme-Jungen-Streiche sind auch das Allerletzte. Einfach sich einen Namen und eine Adresse ausdenken und eine Stinkbombe verschicken. Nur schade, dass die das Paket sonstwo aufgegeben haben können und man sie nie erwischen wird!«
      Die Sekretärin nickte entschieden mit heiligem Zorn in den Augen.
      »Nur gut, dass sie als Ex-Polizistin wissen, wie man in solchen Situationen reagiert.«
      Ich lächelte müde ob dieses zweifelhaften Kompliments. Jedenfalls hatte ich kein Ex-Polizisten-Handbuch für Stinkomben-Notfälle bekommen.
      »Oh, übrigends. Während sie weg waren, ist ein Mann gekommen, der Ihre Dienste in Anspruch nehmen will. Ich glaube es wieder "so" ein Fall.«
      »Und? Hat er etwas dagelassen, eine Karte oder Telefonnummer?«
      Immer noch etwas neben der Spur schaute mich Gwen erstaunt an, als ob ihr gerade erste ein Gedanke gekommen war.
      »Oh? Ich habe ihn hochgeschickt. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie fortgegangen waren. Er muss immer noch oben sein.«
      »Danke, Gwen ...«, und schon war ich die halbe Treppe oben. Ein Fremder unbeaufsichtigt in meinen Büro - auch das noch!
      Als ich meine Tür öffnete, saß ein Mann auf dem kleinen Sofa, die Tierdecke sorgfältig auf einer Lehne zusammengelegt. Er erhob sich als ich eintrat.
      »Miss Kelly? Ich hoffe, Sie sind nicht böse, dass ich hier gewartet habe. Nach den Äußerungen der etwas verwirrten netten Dame von unten, musste ich davon ausgehen, dass sie nur einmal schnell um die Ecke etwas einkaufen wären.«
      Er streckte mir die Hand hin und ich ergriff sie. Ein guter, fester Händedruck, ohne allzu viel Nachdruck. Ein selbstsicherer Mann, aber kein autoritärer Typ, schloss ich daraus.
      »Mein Name ist Terrence Bennet. Ich bin extra von Ballinastoe hiergereist, um Sie um Hilfe zu bitten.«
      Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und setzte jene Miene auf, die ich immer gegenüber neuen Klienten und/oder Verdächtigen aufsetze: Freundlich-neugierig mit einer Spur Skepsis im Blick.
      »Tut mir leid, das kenne ich nicht. Aber ihrem Aktzent nach, kommen sie ohnehin nicht aus Wales. Irland vielleicht?«
      Er lächelte erfreut. »Yay, und Ballinastoe liegt im Nationalpark südlich von Baile Átha Cliath.«
      Ich sah, wie er versuchte sein Interesse auf meine Reaktion zu verbergen.
      Aha, er klopfte auf den Busch. Na schön, sein gutes Recht.
      »Baile Átha Cliath ist der gälische Name für Dublin. Heute eigentlich ungebräuchlich zumindest in modernen Dokumenten. Den Nationalpark kenne ich durchaus von einem Urlaub, hatte aber nie beruflich dort zu tun. Von einem Dorf namens Ballinastoe habe ich damals, soweit ich noch weiß, nichts mitbekommen.«
      Er schien positiv überrascht, aber nicht so überrascht. Er war also nicht nur wegen der winzigen Web-Seite hergekommen, in den ich auf einer einzigen Seite in wenigen harmlosen Sätzen meine Dienste anbot.
      »Das ist der Name der Gegend, Miss Kelly. Das kleine Städtchen dazu heißt Maugin. Von dort komme ich. Man hat mir gesagt, Sie hätten die Fähigkeit mit Geistern oder Spukgestallten zu reden.«
      Er rieb sich seine Hände und man musste kein Profiler sein, um zu sehen, dass es ihn Überwindung kostete darüber zu sprechen.
      Ich nickte langsam, natürlich ein wenig misstrauisch. Ich wollte nach Dublin und Zack, da kam ein Auftrag dort in der Nähe zur Tür herein spaziert? Na klar doch!
      »Ja, das kann ich. Soll ich denn einen Geist für Sie loswerden?«
      Er blickte erschrocken auf. »Nein, beim heiligen Patrick! Ich denke, das ist mein Vater und ich glaube, dass er uns helfen will!«
      Nun runzelte ich noch mehr die Stirn. »Na schön, ich soll also als Übersetzer mitkommen?«
      Er zögerte.
      »Nun heraus damit, Mr. Bennet. Sie haben einen weiten Weg hinter sich und hatten wahrlich genug Zeit ihre Bedenken abzuwägen.«
      Zugegeben, nicht gerade zartfühlend, aber manchmal brauchen die Leute einfach einen gröberen Schubs um über ihren Schatten zu springen.
      »Sie haben ja recht! Nein, nicht nur zum Übersetzen. Ich hatte gedacht, gehofft, Sie würden uns mit den seltsamen Frauen helfen, die seit ein paar Jahren in unsrer Gegend immer wieder auftauchen und wo dann immer wieder unheimliche Dinge passieren.«
      »Unheimliche Frauen?« Ich dachte an Mo und musste innerlich schmunzeln. Jede Wette, waren meine und seine Definition von "unheimlicher Frau" um einige Größenordnungen verschieden. Doch sein Tonfall klang authentisch und verzweifelt genug, dass er mich am Haken hatte.
      »Sie erwähnten, dass diese Frauen seit Jahren immer wieder kämen? Warum suchen Sie also erst jetzt Hilfe?«
      Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen.
      »Das hätten wir wohl sollen, aber wir hatten Angst. Doch jetzt, jetzt hat meine Etney sich ihnen angeschlossen.«
      »Und Etney ist ...?«
      »Meine Tochter, sie ist gerade 16 geworden.«
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

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