Auf der Suche nach der Schatulle von Daris

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    • Auf der Suche nach der Schatulle von Daris

      Staub zerfressende Luft füllte die oft gepeinigten Lungen der Arbeiter. Klingende Schläge ertönten immer dann, wenn die eisernen Spitzhacken ein Stück Geröll aus dem bruchigem Fels lösten. Das Glitzern das von diesem ausging zeugte von dem unendlichem Reichtum, der in dem Berg steckte. Jaris streifte unauffällig zwischen den Arbeitern umher. Er trug die selbe weiße Kleidung wie sie und immer wenn einer der stets finster blickenden Aufseher mit einer langen Peitsche, aufgerollt in der Hand, in seine Richtung blickte, verbarg er sich unauffällig unter den anderen. Sein Ziel lag nur wenige Meter vor ihm hinter einer schweren eisenbeschlagenen Tür. Die Diamanten wurden noch in den Minen aus den Felsbrocken gelöst und gesäubert. Die fertigen, lagerten in dem hinter der Tür liegenden Raum. Mit angehaltenem Arten prüfte Jaris die Klinke. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Sie war nur angelehnt. Nach einem prüfendem Blick über die Schulter drückte er sich durch die aufgeschobene Lücke und schlüpfte in den Raum. Keine Wachen. Etwas überrascht über die hier herrschende Nachlässigkeit, doch wer wäre schon so dreist an einem Ort wie diesem einzubrechen, durchquerte er mit wenigen Schritten das Zimmer und nahm sich schnell ein paar der funkelnden Steine vom einem großem Tisch aus Elbenholz in der Mitte. Dort mussten die Diamanten wohl geprüft werden, bevor sie in die kleinen Säcke gepackt wurden, die zu hunderten an der Felsenwand aufgeschichtet waren. Er hätte sich auch gleich einen dieser Säcke schnappen können, doch dies wäre zu auffällig gewesen. Außerdem hatte er sich angewohnt nie mehr zu nehmen als er brauchte, selbst wenn er andernfalls einem Macht- und Geldgierigen Despoten, der seine Untertanen hemmungslos ausbeutete, hätte schaden können, und die paar Steine, die jetzt sicher in den Taschen seiner Kleidung verstaut waren, reichten sicher bereits für ein paar Monate. Und was hätte einer dieser Säcke auch ausrichten können, angesichts dieser schier unglaublichen Menge von Reichtum, die sich da vor ihm auftürmte. Vermutlich wäre es noch nicht einmal aufgefallen. Genauso vorsichtig wie er ihn betreten hatte, verließ er den Raum und schlich sich zwischen den hart arbeitenden Männern durch das weit verzweigte Minensystem, das aus unzähligen Gängen bestand, deren Wände aus grob behauenem Stein nur von spärlichem Fackelschein beleuchtet wurden. Gleich wäre er draußen und sein bisher ergiebigster Raub gelungen. Auch wenn er es hasste zu stehlen, breitete sich so etwas wie Stolz in seinem Innersten aus. Er konnte bereits die ersten Lichtstrahlen von den Ein- und Ausgängen weit vor ihm hinter einer Biegung verborgen erspähen. Hatte er diesen erstmal erreicht musste er nur noch möglichst routiniert durch die Sperren gehen und so wirken, als habe er ein paar harte Stunden hinter sich. Geld gab es ohnehin nur innerhalb der Minen, bei Ablieferung der gewonnen Mengen, und kein einfacher Arbeiter konnte mit dem Geröll etwas Anfangen, bevor die Edelsteine nicht professionell vom Rest getrennt worden waren. Gleich würde er in die strahlende Sonne treten und ein paar weitere Monate leben können. Seine Schritte beschleunigten sich. "Halt", rief plötzlich eine Stimme hinter ihm und es fühlte sich so an als hätte eine eiserne Faust sein Herz umgriffen. Jaris hätte sich verfluchen mögen, doch er atmete stattdessen tief durch. Bemüht sich seine Unsicherheit nicht ansehen zu lassen drehte er sich um. Jetzt wünschte er sich er hätte sein Schwert und seine Rüstung nicht sicherheitshalber in einem Versteck nahe der Mineneingänge bei seiner restlichen Kleidung und Ausrüstung gelassen. Ein Aufseher kam mit dem obligatorischem finsteren Blick auf ihn zu. "Schon fertig", fragte er mit einem spöttischem Unterton. "Ich habe die letzten zwölf Stunden hier gearbeitet Herr", antwortete Jaris unterwürfig und imitierte eines der für Minenarbeiter charakteristischen Huster. Der Aufseher sah nicht sehr überzeugt aus. "Du hast tief in der Nacht hier angefangen um bis zum Mittag durchzuschufften", wollte er von ihm wissen, "Wen willst du hier verarschen." Seine Stimme war viel bedrohlicher geworden. Jaris hatte die Mine tagelang beobachtet und war zu dem Schluss gekommen, dass hier zu jeder Zeit reger Bertrieb herrschte. Nur wie lange so ein Bergabbauer arbeitete vermochte er nicht mit Sicherheit sagen. "Vielleicht waren es auch 10 oder 11 Stunden Herr", räumte er ein, "Ich wollte den Tag für andere Arbeiten freihalten. Das mache ich immer so und viele anderen auch." Jaris war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber den unsicheren Unterton herausgehört hatte. Nachzugeben gedachte dieser offensichtlich jedenfalls nicht. Außerdem erschienen jetzt zwei weitere Aufseher, die sich hinter ihrem Kollegen aufstellten. "Was ist hier los Regad?", bellte die tiefe Stimme des linken von den beiden, der zwar kleiner aber stämmiger als seine Kameraden war, durch den Tunnel. "Dieser hier behauptet die ganze Nacht bis eben hin durchgearbeitet zu haben und will jetzt gehn", klärte ihn der Mann auf, der offensichtlich Regad hieß. Aus seinem Munde hörte es sich tatsächlich wie ein Verbrechen an. Der zweite Neuankömmling, der im übrigen weitaus größer als die beiden anderen war, dafür aber etwas schlacksig wirkte, runzelte die Stirn. "Was ist schon dabei?", fragte er und etwas wie Hoffnung löste die Umklammerung in Jaris' Herzen etwas. Vielleicht würde der Mann die anderen zur Vernunft bringen. "Ich habe ihn aber nachts noch nie hier gesehen. Genauer gesagt habe ich ihn überhaupt noch nie gesehen", antwortete Regad und brachte damit ein Argument dem Jaris nichts erwidern konnte. Daraufhin kniffen auch die anderen beiden die Augen zusammen in dem bedauernswerterweise vergeblichem Versuch etwas an ihm wieder zu erkennen. "He. Leere deine Taschen", wies ihn der mit der tiefen Stimme an. "Aber Herr. Ich habe nichts", versuchte Jaris es ein letztes Mal, doch nun bildeten sich selbst auf der zuvor so glatten Stirn des Längsten eine misstrauische Falte und Regad entrollte seine Peitsche. Jaris dagegen warf alle Zurückhaltung über Bord, griff blitzschnell unter seinen linken Ärmel, zog das einzige Messer, dass er sich mitzunehmen getraut hatte, heraus und stieß es in die Brust vor ihm. Regads finsterer Blick, den er über die ganze Zeit getreu seiner Arbeit hier aufrechterhalten hatte, wandelte sich in einen überraschten und schließlich in einen entsetzten, als sich der kalte Stahl in sein warmes Fleisch bohrte. Sofort darauf schleuderte Jaris einen kleinen Blitz aus purer Energie, der die Höhlenwände für den Bruchteil einer Sekunde heller erleuchtete als jede Fackeln es vermochte, auf den kleinen Mann und ließ diesen augenblicklich in sich zusammenbrechen. Gerade als der dritte zurückspringen wollte, traf seine flache Handkante dessen Hals, wobei Jaris nach oben schlagen musste, und auch die dritte Wache sank röchelnd zu Boden. Sie alle drei hatten den Tod vermutlich nicht verdient und doch würde, wenn überhaupt, vermutlich nur der Lange wieder aufwachen. Doch es blieb keine Zeit zum Bedauern, zudem ihm gegen drei kaum eine andere Chance geblieben war, die nicht mit seinem wahrscheinlichem Tod geendet hätte, denn ein weiterer Aufseher hatte das Schauspiel wohl aus ein paar Metern Entfernung mit angesehen und rief jetzt so laut er konnte nach Verstärkung. Jaris wandte sich auf dem Absatz um und rannte die abfallende Höhle herauf. Seine Schritte hallten auf dem staubbedeckten Boden kaum nach. Er war bereits so nahe dran. Er hoffte nur die Wachen an den Eingängen wären überrascht. Diese Hoffnung zerstörte sich jedoch augenblicklich, als zwei der ihrigen in palastfarbenen Livreen und Stäben in den Händen, die an beiden Seiten in einer kurzen geschliffenen Klinge endeten, wohl von den lauten Schreien hinter ihm alarmiert, ihm, noch bevor er die Sonne sehen konnte, entgegen gerannt kamen. Im Lauf streckte er die Hand aus, löschte einen mit einem weiteren Blitz aus und erhob das Messer um den anderen zu erledigen. Der hatte wohl mit seinem solch stürmischen Angriff nicht gerechnet und bekam den Stab nicht mehr rechtzeitig hoch. Jaris wollte gerade zustechen als ein scharfer Schmerz an seinem Rücken ihn aufschreien und auf die Knie fallen ließ. Er verfluchte die viel zu langen Peitschen und machte eine Rolle rückwärts um dem Hieb der schlitternd vor ihm zu stehen gekommenden Wache auszuweichen. Nach einer kurzen Drehung seines Oberkörpers schoss er einen dritten Blitz in Richtung des Peitschenschwingers, der gleich darauf getroffen zu Boden sank, und Jaris wollte sich gerade dem letzten zuwenden. Doch in diesem Moment explodierte ein schrecklicher Schmerz an seiner Schläfe. Er spürte sich fallen - nach seiner Rolle auf den Knien hockend hatte er es ja nicht mehr allzu weit - und sah noch kurz den Kampfstab vor seinen Augen aufblitzen. Dann wurde alles Dunkel.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Dichtes Blätterdach rauschte über ihr in einer sanften Brise.
      Helle Lichtpunkte tanzten im grünen Zwielicht des Waldes über den Boden undtäuschten Bewegungen vor wo keine waren.
      Der Weg, auf Thyra in den Wald gekommen, war nun nicht mehr als ein schmaler Wildwechsel, auf den offenbar viele Kaninchen unterwegs waren.
      Geduckt pirschte sie durch das Unterholz. Ihre Füße brachten das am Boden liegende Laub nicht zum Rascheln, ihr Körper wich runter hängenden Ästen aus und ihre Arme, die Pfeil und Bogen trugen, berührten das niedrige Dickt nicht.
      Mit ihren klaren, blauen Augen musterte sie die Umgebung eindringlich.
      Plötzlich huschte ein Schatten zwischen den Bäumen entlang, ihr Kopf ruckte nach oben und sie erkannte Fenrir, einen silbergrauen Wolf.
      Er war beträchtlich lauter unterwegs als sie und sie sah ihn missbilligend an, erkannte dann aber den kleinen, weißen Hasen, den er vor sich her in ihre Richtung trieb.
      Sie lächelte. Auf Fenrir war eben immer Verlass.
      Thyra richtete sich auf und legte den Pfeil auf die Sehne. Die zwei braunen Falkenfedern am Schaft des Pfeils waren auf dem Untergrund des Waldes kaum zuerkennen, die weiße Taubenfeder hingegen leuchtete hell auf.
      Sie spannte die Sehne und richtete die Spitze ihrer Waffe auf den verzweifelt Haken schlagenden Hasen.
      Die Spitze folgte ihrer Beute, dabei drehte Thyra sich um ihre eigene Achse.
      Mit zusammen gekniffenen Auge maß sie die Windstärke, korrigierte die Laufbahnihres Pfeils und ließ ihn dann von der Sehne schnellen.
      Pfeifend sauste der Pfeil durch die Luft und schlug mit einem dumpfen Laut imAuge des Kaninchens ein.
      Es schlitterte aus vollem Lauf zur Seite und blieb dann reglos liegen.
      Fenrir legte das letzte Stück zu ihrer Beute zurück, klaubte es mit seinen Zähnen auf und ließ es ihr vor die Füße fallen.
      „Gut gemacht!“, lobte sie und wuschelte ihrem Begleiteten über den Kopf, was er mit einem mürrischen Knurren quittierte.
      „Ja, ich weiß. Du hast auch Hunger. Mach dich ab. Ich werde weiter in die Stadtziehen die hinter dem Wald hier liegt und sehen, was ich für dieses Fellbekomme. Eine Nacht in einem vernünftigen Bett würde meinen Rücken ziemlichfreuen“, sagte sie, doch den letzten Satz hatte der Wolf wahrscheinlich schon nicht mehr gehört.
      Scheinbar hatte er schon die Fährte für sein eigenes Abendessen aufgenommen.
      Geschickt ließ sie ihren Bogen über ihre Schultern gleiten und zog den Pfeilaus dem Kopf des Tieres in ihrer Hand.
      Mit Blättern vom Boden säuberte sie ihn notdürftig und steckte ihn zurück in den Köcher auf ihrem Rücken.
      Nicht weit entfernt floss ein schmaler Bach durch den Wald, dessen Bett mit kleinen Kieseln bedeckt war. Winzige Fische schossen durch das klare Wasser.
      Sie nahm ein paar Schlucke und spülte das Blut von ihrem Pfeil. Saubere Waffen waren wichtig.
      Anschließend folgte sie dem Bachlauf, der sie aus dem Wald hinaus und bis fast in die Stadt hinein begleiten würde.
      Sie hatte keinen blassen Schimmer wie jene hieß, aber für gewöhnlich erfuhr man das schnell. Dennoch nahm sie sich zum gefühlten tausendsten Mal vor von einem Händler eine Karte zu erstehen.
      Der Bach führte sie auf kürzestem Wege an den Waldrand.
      Vor ihr erstreckten sie weite Wiesen und flaches Land. Blauer Himmel spannte sich malerisch über das Idyll und sie musste ihre Jacke aus Wolfsfell ablegen. Die Kühle des Waldes hatte die Sonne ferngehalten, doch hier war sie den warmen Strahlen schutzlos ausgeliefert und begann zu schwitzen.
      Schon bald vermisste Thyra das kalte Klima in den Bergen. Dort schlug selbst im Sommer der Atem vor dem Mund kleine Wölkchen, während die oberste Schicht des Bodens gerade so weit auftaute, dass man Wurzeln als Vorrat für den Winter sammeln konnte.
      Mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn setzte sie ihren Weg fort. Zum Glück war es nicht weit bis in den schützenden Schatten der Häuser in der Stadt.
      Thyra lief quer über die Wiesen und Weiden auf einen breiten, staubigen Weg zu, der durch Felder, Weiden und Obstplantagen führte, die die Stadt weitläufig umgaben.
      Der Duft von Kornblumen lag in der Luft und ihr und da meckerte ein Schaf oder eine Ziege.
      Sie traf auf immer mehr Bauern und Händler, deren Wagen voll von Leckereien und Stoffen waren und die ebenfalls in die Stadt wollten.
      Der Strom riss sie mit und spülte sie zusammen mit den anderen durch die offenen Tore der Stadt, vor denen rechts und links zwei Wachen postiert waren, die das Treiben träge beobachteten.
      Vor ihr entdeckte sie einen Händler, dessen Wagen voll mit verschiedenen Fellen war. Thyra beschleunigte ihre Schritte, holte ihn ein und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln.
      Entschlossen hielt sie ihm ihren Hasen vor die Nase und fragte: „Interesse?“
      Dreck auf Toast!

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    • Aufrecht saß Theical auf einem Stuhl, der bei weitem schon bessere Zeiten gesehen hatte. Seine Karten lagen verdeckt vor ihm. Schützend hatte er seine Hand darauf gelegt, damit sie ihm keiner entwenden konnte.
      Aufmerksam betrachtete er die beiden Männer, die ihm gegenüber am Tisch saßen. Mehr lümmelten sie in ihren Stühlen, als wirklich zu sitzen. Theical kam dies nur recht, so wirkte er im Vergleich zu ihnen nicht ganz so klein.
      Kaum merklich tippte einer von seinen Spielpartnern nervös mit dem Zeigefinger gegen seine Karten. Es war nicht mehr als ein Zucken und scheinbar versuchte der Mann es zu unterbinden, denn immer wieder hörte er in seiner Bewegung inne. Theical fiel es dennoch auf. Der Mann hatte keine guten Karten, kein Zweifel. Im Gegensatz zu dem anderen Kerl. Dieser konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, als er seine Karten ein wenig Hin und Her sortierte. Gelb stachen dabei seine verfaulten Zähne hervor. Viele waren es nicht mehr, aber immer noch zu viele, wie Theical fand. Widerlich und unhygienisch.
      Aber es passte in den Laden.
      Stickig war er und es stank nach Schweiß und Alkohol. Überall brüllten Männer und Frauen durcheinander und trotz des schönen Wetters war es brechend voll. Mal abgesehen von den viel zu alten Tischen und Stühlen, war die Bedienung in dem Schuppen fürchterlich schlecht. Der Grund dafür, dass man teilweise Stunden auf sein Essen warten musste. Doch der Wirt war an Geiz nicht zu überbieten und wollte sich von daher keine Bedienungen leisten, weshalb die ganze Arbeit an seiner Frau hängen blieb. Diese hechtete wie immer durch die Tischreihen und versuchte schnellstmöglich allen Bestellungen gerecht zu werden. Unter Bestellungen verstanden die Anwesenden hauptsächlich wildes Durcheinandergeschreie, weshalb die gealterte Frau nicht so recht wusste, wo sie anfangen sollte.
      Trotz des Gedränges und dem geizigen Wirt bot die Taverne, mehr eine einfache Absteige, billige Speisen und Unterkünfte für die Nacht, weshalb sich dann doch viele hierher verirrten. Vor allem für Reisenden war sie eine der ersten Anlaufstellen, wenn sie nach Gerisa kamen. Eigentlich kaum verständlich bei dem Schmutz, der sich in den Ecken türmte, doch wenn man sich mit anderen Reisenden unterhalten, oder sich den Magen vollschlagen wollte, dann hier.
      „Du bist dran, Knilch.“
      Die rauchige Stimme des Alten mit den wenigen Zähnen drang an Theicals Ohr. Sofort wandte er sich von seinen eigenen Karten ab und sah dem Typen in die eisigen Augen. Er wollte ihn scheinbar provozieren, aber da musste er sich mehr einfallen lassen.
      Der andere, kleinere hatte seine Karten beiseitegelegt. War er ausgestiegen?
      Theical sah auf die Tischplatte vor dem Zahnlosen. Ein Full House lag vor ihm. Der Mann schien darauf ziemlich stolz, denn sein hässliches Grinsen wurde noch breiter.
      Theical blieb davon eher unbeeindruckt. Gemütlich hob er seinen eigenen Kartenstapel auf. Er wusste genau, was er hatte. Eine schwarze Reihe bestehend aus einer Drei, einer Vier, einer Fünf, einer Sechs und einem Ass. Eindeutig mehr wert, aber das war auch kein Wunder. Er hatte von Anfang an nicht verlieren können. Wie auch? Er hatte das Kartendeck zuvor nicht umsonst präpariert. Dass die Typen so dämlich waren und es einfach annahmen, war ihre eigene Schuld.
      „Straight Flush“, meinte Theical mit neutraler Stimme und legte die Karten nun mit der bunten Seite nach oben. Wobei bunt bei den abgegriffenen Fetzen deutlich übertrieben war. Langsam zog er dann seine Hand zurück und gab den Blick auf seine Reihe frei.
      Zorn spiegelte sich in dem Gesicht seines Gegenübers wider, als er von den Karten, zu Theical und wieder zurück auf die Karten starrte. Wütend stemmte sich der Mann auf den Tisch und ließ polternd seinen Stuhl nach hinten kippen.
      „Du hast uns reingelegt!“, schnauzte er und das schien auch seinem Kumpanen einzuleuchten, denn dieser erhob sich ebenfalls. Krumm standen beide vor Theical. Obwohl sich in diesem alles vor Schreck zusammenzog, blieb er ruhig sitzen. Nur ein wenig hob er die Hände in die Luft und setzte ein unschuldiges Gesicht auf.
      „Reingelegt? Ich? Euch? Da müsst Ihr Euch täuschen“, verteidigte er sich. In keinster Weise durch die Worte beruhigt, umschritt der Mann mit den gelben Zähnen den Tisch und packte Theical am Kragen seiner dunkelgrünen Tunika. Er zerrte ihn vom Stuhl und hob ihn sich auf Augenhöhe, weshalb sich Theical schon auf die Zehenspitzen stellen musste, um dem Mann überhaupt bis zu den Schultern zu reichen. Letztendlich musste sich dieser noch etwas nach unten lehnen, was jedoch nicht minder bedrohlich wirkte.
      „Du kleiner Wicht! Halt uns nicht zum Narren!“
      Theical schluckte. Nicht nur, weil der Mann ihm doch einen Schauer über den Rücken jagte, sondern auch aufgrund des widerlichen Mundgeruchs, der von ihm ausging, sobald er den Mund öffnete.
      „Ich bitte Euch, gegen Euren scharfen Verstand wäre ich doch nie angekommen. Einen Betrug hättet Ihr sofort bemerkt. Wie Ihr sagtet, ich bin nur ein kleiner Wicht.“ Theical legte Unterwürfigkeit in seine Stimme. Natürlich log er, aber das mussten die Männer nicht wissen.
      Die Hand des Mannes ließ etwas lockerer, hielt den grünen Stoff jedoch immer noch umschlossen. Wütend blickten die kalten Augen in die braunen von Theical und schienen dabei etwas zu suchen. Fündig sollten sie jedoch nicht werden, denn der Kartenspieler wurde von seinem Kumpanen unterbrochen.
      „Lass uns verschwinden“, murmelte er. „Die Leute glotzen schon.“
      Grimmig sah sich der Mann in der Taverne um und tatsächlich waren einige der Gäste auf sie aufmerksam geworden, erhofften sie sich doch eine schöne Schlägerei.
      „Glück gehabt“, grunzte der Größere dann und ließ nun doch von Theical ab. Dieser viel zurück auf seine Füße und klopfte sich seine Kleidung wieder etwas zurecht.
      Beide Männer machten unterdessen auf dem Absatz kehrt.
      „Habt Ihr nicht etwas vergessen?“ Ein wenig hob Theical seine Augenbraue, die man unter den braunen, zotteligen Haaren kaum erkannte. Der schnelle Abgang der beiden kam ihm suspekt vor. Erst machten sie ein großes Schauspiel daraus, dass er betrogen hatte und dann wollten sie auf schnellstem Wege verschwinden, kaum, dass ein paar Leute auf sie aufmerksam geworden waren.
      Der kleinere der Männer drehte sich noch einmal um und feuerte eine Rolle Pergament auf den Tisch neben Theical. Überrascht betrachtete dieser das Stück Papier, während die Männer die Taverne verließen. Das war alles, aber mit Sicherheit nicht das Geld, um das sie gespielt hatten. Theical verschränkte seine Arme vor der Brust. Sie hatten ihn also gelinkt. Das war wohl die Strafe für seinen eigenen Betrug.
      Seufzend nahm er das Schriftstück an sich und entfaltete es. Merkwürdige Symbole und Zeichen waren darauf geschrieben. Zeichen, die Theical noch nie gesehen hatte. Als hätten sie nichts miteinander zu tun, waren sie wild darauf verteilt.
      Das war wohl gründlich in die Hosen gegangen.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Schwerfällig war sein Schritt, auf dem alltäglichen Rundgang in seiner Burg. Unendlich hoch schienen die Wände zu sein, welche aus grauem Granitgestein errichtet wurden. Er zählte die Schritte, von Säule zu Säule, welche wie mächtige Baumstämme gen Himmel ragten. Zwanzig Schrittlängen und keine mehr zählte er. Und das wieder und abermals. Sein Blick war gesenkt, auf den kargen Flur gerichtet. Ein durchgängiges Mosaik. Schwarze Rosenblüten.
      Leise knirschte Staub unter seinen Füßen, welche scharrend und reibend über den Boden glitten. Sehnsüchtig suchten seine Augen das Ende des Korridors und verloren sich in der fernen Düsternis des Gemäuers. Nur wenige Wandteppiche schmückten jene Stellen, welche zu trist waren. Von der Decke bis zum Boden reichten sie und waren in ein Blutrot getaucht. Der Wind säuselte gemächlich um die Burg und verfing sich in den Fensterspalten, welche die einzig existierenden Lichtquellen waren. Das Lichtspiel aus Hell und Dunkel, gepaart mit den vielen Ecken und Kanten der zahlreichen Ornamente, ließ die Umgebung etwas surreal und gespenstisch wirken. Obwohl es ein herrlicher Tag war und die Sonne strahlend hell schien, war der Eindruck in der Burg immer etwas beängstigend.
      Seine Hände geballt am Rücken abstützend, schreitete er voran, ständig auf der Suche nach der Wahrheit und dem Sinn. Der Wahrheit der Welt und dem Sinn des Lebens. Viele Stunden verbrachte Zacharas täglich, um über diese und andere wichtige Dinge nachzudenken. Wie auch in diesem Moment seine Gedanken um eine, für ihn sehr wichtige, Sache kreisten.
      “Was wird Engel jetzt wohl gerade tun? Wie geht es wohl ihrer Tochter Apel?”
      Er blieb stehen, sah sich kurz um und ging dann zum nächstgelegenen Fenster. Leicht stützte er sich mit seiner linken Hand an der rauen Wand ab und schaute vorsichtig hinaus. Auf seinen Burghof blickte er. Die Wachen wirkten wie kleine Insekten von hier oben. Alles sah viel anders aus, wie von dort unten.
      “Engel, warum wolltest du mich nicht? Wenn du jetzt hier oben stehen würdest? Was würdest du denken?”
      Seine Augen flogen über den Burghof, zur Mauer, bis in die Stadt Ymil. Er suchte etwas ganz bestimmtes. Er suchte ein Haus, nicht viel größer als ein Holzschuppen. Er zählte die Straßen und Gassen gedanklich ab. Leicht spürte er den Wind in seinen Haaren. Er spielte ihm ein Trauerlied. Zacharas hasste es immer wieder, diesem Lied zu lauschen. Doch seine Sehnsucht war stärker. Nur diese eine Sache trieb ihn tagtäglich an dieses Fenster.
      Ein Anzeichen von herzerwärmender Freude zeichnete sich auf seinen schmalen Lippen ab. Nun hatte er das Haus gefunden. Klein und kümmerlich wirkte es von hier oben. Kaum beachtenswert, möchte man behaupten. Und äußerst schwer zu finden. Doch für Zacharas, den Lord von Ymilburg, war dieses kleine Holzgebilde ein Palast. Ein Palast, der seinen größten Schatz beherbergte.
      “Engel, bitte schaue nur einmal zu mir rauf”, flehte er innerlich.
      Langsam wanderte seine Hand zu seinem Zauberstab, der nichts mehr als nur ein dürrer Ast war. Sanft ließ er ihn zwischen seine Finger gleiten und zog ihn hervor, aus seiner Seitentasche. Eine einsame Träne bildete sich in seinem Auge, welche seine Sicht trübte. Langsam trat er zwei Schritte vom Fenster weg, hielt den Zauberstab aufrecht vor sich und schaute hinab. Er zeigte offenkundig Gefühle.
      Zärtlich streichelte er mit seinen Fingerkuppen über die Gravur und versank tief in seinen Gedanken.
      “Wenn ich nur noch einmal dein Gesicht sehen könnte. Wenn ich nur noch einmal dein Lächeln sehen könnte. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Egal was ich mache, egal was ich suche, stets bist du mein Schlussgedanke.”

      Laute Schritte hallten entlang und rissen ihn aus seiner Gedankenwelt. Sofort steckte er seinen Zauberstab wieder weg und brach zum weiteren Rundgang auf.
      Es war sein treuer Diener Paulus, welcher hier solch einen Radau anstellte. Mit strammen Schritt und äußerst aufgeregt näherte er sich dem wohl mächtigsten und reichsten aller Männer.
      “Mein Herr”, sagte er bußfertig und kniete tief vor ihm. Streng blickte Aras ihn von oben herab an und machte eine hochdeutende Handgeste.
      “Mein Herr! Ich habe soeben erfahren, dass jemand sechs unserer Aufseher umgebracht hat.”
      Stutzig blickte er ihm entgegen. “Ein einziger?”
      Energisch nickte Paulus und kroch ihm erneut zu Füßen. “Ja, Herr, nur ein einziger.”
      Er grübelte. “Nur ein Mann konnte es mit sechs meiner Männer aufnehmen? Wer mag er wohl sein? Und wo trieb er sich überhaupt rum? Er könnte mir gefährlich werden.”
      “Das muss ich mit meinen eigenen Augen sehen! Führt mich sofort zum Ort des Geschehens!”
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
      ___________________
      Helios III (Arbeitstitel)
    • Schritte waren es, die Jaris aus der Leere rissen. Sie drangen durch das Dröhnen, das immer noch in seinem Schädel herrschte und schlugen auf sein Bewusstsein auf, wo sie deutliche Spuren hinterließen. Er riss die Augen auf und setzte sich ruckartig. Vor ihm lag ein dunkler Gang, doch eiserne Stäbe verbargen einen Teil des Bildes. Sofort schlug sein Herz hörbar lauter und Panik machte sich in ihm breit. Angestrengt atmete er tief durch. Er musste ruhig bleiben. Die Schritte wurden lauter und am Ende des Ganges wurde eine Tür aufgestoßen. Drei Gestalten traten hindurch und schritten über den glatten Stein. Sie befanden sich wohl nicht mehr innerhalb der Mine. Eher in einer Burg oder einem Schloss. Der vordere der drei war großgewachsen und hatte sich in eine schwarze Kutte gehüllt. Obgleich seiner schlichten Kleidung, verriet sein selbstbewusster Gang und das spöttische Lächeln um seine Lippen - Jaris war sich jedoch beinahe sicher kurz nach dem öffnen der Tür so etwas wie Überraschung in seinem Gesicht aufblitzen gesehen zu haben -, dass er der Anführer war. Der zweite Mann eilte unterwürfig hinter dem ersten her um mit dessen langen Schritten mitzuhalten. Er vertrat eindeutig einen geringeren Rang. Der letzte Mann war eine gewöhnliche Wache. Rüstung aus Kettenhemd und Platten, Schwert und Speer tragend. Allerdings sagte es schon einiges über die beiden anderen aus, dass sie von ihr begleitet wurden. Dennoch. Nur eine Wache. Jaris faltete seine rechte Hand zu einer Faust und lockerte sie dann. Er würde sie überwältigen, sobald er die Zelle aufgeschlossen hatte, und die anderen einfach stehen lassen. Der in der Kutte könnte ihn vielleicht einholen, aber er sah aus wie ein Mann von Geld und Macht und die rannten für bekanntlich nicht. Sie ließen rennen. "Was", dachte Jaris, "seine Chancen nicht unbedingt verbesserte." Welche Gefahren wohl hinter der Tür lauerten? Wohl kaum einfach nur die Freiheit. Trotzdem musste er es versuchen. Die Wache steckte den Schlüssel, ihn immerzu misstrauisch beäugend. in das Schlüsselloch und ein Klacken ertönte. Augenblicklich entsprang Jaris Hand ein Energieblitz, der auf den Waffenträger zuschoss und dann urplötzlich in der Luft verglühte. Der Mann in der Kutte hatte die Hand noch erhoben, das Lächeln war mittlerweile zu einem Grinsen geworden. "Nicht schlecht", sprach er und unsichtbare Fesseln schlangen sich um Jaris Hände und Füße, hoben ihn in die Luft und drückten ihn an die kalte Kerkerwand, "Ein wenig schwach zwar, aber da schlummert sicherlich noch mehr in dir." Jaris wehrte sich gegen die Fesseln, wollte wenigstens etwas erwidern, doch auch seine Kiefer wurden von dieser fremden Macht zusammen gedrückt. Nach kurzer Zeit gab er resigniert auf. Er hatte sich nicht um einen Millimeter bewegt. "Nun. Ich bin mir ziemlich sicher, du willst nicht an den Galgen", vermutete der Mann in der Kutte mit einem nachdenklichem Blick, "Ich hätte dir vielleicht ein lukratives Angebot zu machen." Plötzlich war die Barriere um seinen Mund verschwunden, doch die Fesseln, die ihn über dem Boden hielten, blieben. "Worin bestände dieses Angebot", wollte er wissen. "Ein wenig Spannung muss doch bleiben. Aber ich gebe die das Hundertfache, dessen was du mir fast gestohlen hättest", behauptete der Mann, "Außerdem könnte ich dir vielleicht noch das Eine oder Andere beibringen was die Magie betrifft." Jaris stockte der Atem. Das hundertfache? So viel Geld hatte er nicht einmal in den Träumen seiner Träume gesehen. Er würde Jahrelang davon leben können und das nicht mal schlecht. Dennoch hatte der Mann nichts über die Art der Arbeit gesagt. Ihm war nicht entgangen, dass sich kleine Schweißperlen auf der Stirn des Magiers gebildet hatten. Der Mann musste wohl über große Macht verfügen, aber solch ein Zauber war auf so lange Zeit garantiert auch für ihn anstrengend, wenn Jaris an die winzigen Barrieren dachte, die er nur für Sekunden aufrecht zu erhalten vermochte. Vielleicht konnte er fliehen, wenn die Kraft dieses Mannes nachgelassen hätte. Andererseits war er bis dahin wehrlos und nichts zwang den Kuttenträger dazu ihn bis Ablauf dieser Zeit unversehrt zu lassen. "Was ist jetzt", fragte dieser und wie um seine Gedanken zu bestätigend hob die Wache nach einem Wink des Magiers mit einem Grinsen voller Genugtuung - er hatte wohl nicht vergessen, dass Jaris zuvor noch versucht hatte ihn zu töten - seinen Speer und hielt ihn an seine ungeschützte Kehle. Versagten die Fesseln so versagten sie ihm auch sein Leben. Angestrengt war er darauf bedacht mir dem Hals das Eisen nicht zu berühren. "Was wollt ihr von mir", fragte er erneut mit fester Stimme. So einfach würde er nicht kleinbei geben.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Der Händler betrachtete das ihm entgegen gehaltene Wild skeptisch.
      „Woher hast du das?“, fragte er.
      Thyra deutete auf Pfeil und Bogen über ihrem Rücken.
      „Selbst gejagt“, antwortete sie. „Hinten im Wald.“
      Der Händler nickte und strich sich mit seiner Hand nachdenklich über das Kinn. Insgesamt war seine Entscheidung eher ungepflegt, verfilzter Bart und Haare, seine Kleider sahen eher schmutzig aus.
      Warum legt er nicht mehr wert auf seine Kleidung?, fragte sie sich gedanklich und betrachtete unauffällig den prallen Geldbeutel, der verlockend an seinem Gürtel baumelte.
      „Hm“, unterbracht der Händler ihre Gedanken. „Zwei Kupfermünzen.“
      Fassungslos schaute sie ihn an, ihre Gesichtszüge entgleisten ihr völlig.
      „Ähm, der ist frisch gefangen. Und nicht nur das. Ich habe ihn im Auge getroffen, das heißt sein Fell ist unbeschädigt, außerdem ist es ein weißer Hase, die sind selten.“
      Der Händler seufzte. Ihm war anzusehen, dass er geglaubt hatte die junge Frau über den Tisch ziehen zu können.
      „Ein Silberstück“, sagte er.
      „Dafür würde ich den Hasen höchstens Häuten und ihnen nur das Fell überlassen“, antwortete Thyra schnippisch.
      „Treib es nicht zu weit“, versuchte der Händler ihr zu drohen, aber Thyra lachte nur.
      „Ihr seid nicht der einzige Händler hier in der Stadt.“
      Sie wollte sich schon umdrehen und gehen, als er sie an der Schulter zurück hielt.
      „Ein Silberstück und dreißig Kupfermünzen“, machte er ein neues Angebot.
      Mürrisch drehte sie sich um und musterte den Mann vor ihr eindringlich. Eigentlich war ein Silberstück schon mehr gewesen als sie erwartet hatte dafür zu bekommen, also schlug sie nach leichtem Zögern in die dargebotene Hand des Händlers ein.
      Dieser fischte die besagten Münzen aus seiner Tasche und das Tier wechselte den Besitzer.
      Während der Händler sich wieder in allgemeine Gedränge mischte, biss Thyra auf die Münzen. Die Silbermünze war weich wie Butter.
      Erbost fuhr sie auf und hielt nach dem Händler Ausschau, konnte ihn aber nirgends mehr entdeckten.
      „Bastard!“, brüllte sie wutentbrannt und war sich sicher, dass der Gauner ihren Ruf noch gehört hatte. Er konnte noch nicht weit sein.
      Wütend vor sich hin fluchend ließ sie die wertlose Münze achtlos auf das Pflaster fallen und steckte die Kupfermünzen ein.
      Immerhin etwas.
      Die Dämmerung legte sich über die Stadt, die Sonne warf ihre letzten Strahlen über die Stadtmauern und verschwand dann langsam.
      „Verdammt, verdammt, verdammt!“, schimpfte sie abermals stocksauer. Sie konnte nicht mal mehr erneut jagen gehen, wenn es schon dunkel wurde. Nach Einbruch der Dunkelheit würde man sie als Fremde nicht mehr in die Stadt einlassen.
      „Du siehst aus als könntest du ein Dach über dem Kopf gebrauchen.“ Die fremde, aber weibliche Stimme ließ Thyra herumfahren. Zornig funkelte sie die Sprecherin an.
      „Ich meins ehrlich. Ich sag dir zum Beispiel von vorne herein, dass du für das Geld, dass du eben bekommen hast, nur eine Kaschemme finden wirst“, versuchte sie Thyra für sich zu gewinnen.
      „Das weiß ich selbst!“, fauchte diese aber nur, versuchte dann aber einen versöhnlicheren Tonfall anzuschlagen. Schließlich kannte sie sich in der Stadt nicht aus. „Kannst du mir den Weg beschreiben?“


      Wenig später stand Thyra vor der schiefen Tür eines Gasthauses, wenn man es denn so nennen wollte. Der Name am quietschenden Schild über ihr war bis ins Unleserliche verblasst. Lärm und blasser Lichtschein drangen durch die Ritzen zwischen Tür und Wand zu ihr nach draußen.
      Thyra seufzte tief und verfluchte in Gedanken noch einmal den Händler, dann stieß sie entschlossen die Tür auf – und erstarrte auf der Türschwelle.
      Drinnen ging es drunter und drüber. Männer grölten besoffen herum und die Frauen standen ihnen in nichts nach. Die Möbel waren als und sahen schon klebrig aus.
      Es wurde Karten gespielt oder gewürfelt und zwischen all dem heillosen Durcheinander versuchte eine einzelne, zu schnell gealterte Bedienung den Bestellungen gerecht zu werden.
      Dreck häufte sich in den Ecken und die Gläser überzog ein schmieriger Film.
      Angeekelt wollte sie schon wieder kehrt machen, als ein Mann, ein sehr kleiner Mann, in einer grünen Tunika vorbei eilte.
      Seine dunklen Haare wirkten auch nicht gerade unglaublich sauber, aber gegen die des Händlers immerhin annehmbar. In der Hand hielt er ein Pergament, sein Gesicht zierte ein Ausdruck der Enttäuschung mit einer leichten Spur Zorn.
      Er rauschte die engen Gassen hinunter. Offenbar hatte er es eilig nach Hause zu kommen.
      Gerade als sie sich wieder der Tür zu wenden wollte rempelten sie drei Männer zur Seite.
      „He!“, rief sie entrüstet.
      „Halt’s Maul“, nuschelte der eine nur und ging weiter.
      „Halt es selbst! Hinterher!“, fuhr einer der anderen seinen Kumpan an. Gemeinsam verschwanden die drei Männer in die Richtung, in die zu vor auch der kleine Mann verschwunden war.
      Da ist doch was faul, dachte Thyra.
      Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie lieber hinterher schleichen und nachsehen sollte. Vielleicht konnte sie den Fremden, der zuerst an ihr vorbei geeilt war, warnen. Abenteuer lag in der Luft. Unwillkürlich lächelte sie.
      Geduckt schlich sie den Männern im Schatten der Häuser hinterher. Das Bett und ein warmes Essen waren vergessen.
      Dreck auf Toast!
    • Theical schob die Rolle Pergament unter den Stoff seiner Tunika und lief mit strammen Schritten durch die Gassen Gerisas. Die Taverne hatte er mittlerweile hinter sich gelassen. Doch die zwielichtigen Gestalten, die ihm seither folgten war er noch nicht losgeworden. Natürlich hatte er die Männer bemerkt, die ihm nun wie lästige Kletten am Rücken klebten. Immer wieder schlug er deshalb Haken durch enge Häuserschluchten, aber sie ließen sich nicht abschütteln. Scheinbar kannten sie sich in der Stadt aus, oder hatten jemanden mit guten Augen bei sich, der ihn in der Dunkelheit nicht verlor. Prüfend ging Theicals Blick zum Himmel. Nachtschwarz bedeckte er die Stadt und nur der bleiche Mond vermochte die Dunkelheit zu brechen.
      Für einen Wimpernschlag verdeckte ein schwarzer Punkt die helle Scheibe.
      „Stehen geblieben!“, brüllte eine tiefe Stimme hinter Theical. Sofort lunzte der Angesprochene über seine Schulter. Die Männer waren bedächtig näher gekommen. Gern wäre er nun in den Sprint übergegangen, aber leider war er noch nie ein schneller Läufer gewesen, weshalb die Aktion wohl nach hinten losgegangen wäre. Unberührt tat er also, wie ihm gesagt wurde. Er blieb stehen und drehte sich zu den Männern um.
      „Wollt ihr etwas Bestimmtes?“, fragte er unschuldig. Noch bestand die Chance, dass die Gestalten nicht hinter ihm her waren, sondern ihn nur verwechselten, es sich um ein Missverständnis handelte.
      Seine Verfolger kamen vor ihm zum Stehen. Einer von ihnen umrundete Theical jedoch und bezog hinter ihm Stellung. Der größte und kräftigste der Typen baute sich derweil vor ihm auf. Was total unnötig war, da Theical sowieso schon kleiner war, als dieser und er, um ihm überhaupt ins Gesicht sehen zu können, seinen Kopf weit in den Nacken legen musste. Schlitzförmige Augen, eine knollige Nase und eine dicke Narbe am Kinn verunstalteten das Gesicht des Mannes noch zusätzlich zu dem finsteren Grinsen, dass seine Lippen umspielte.
      „Ich denke, du weißt genau, was wir wollen, habe ich nicht recht?“ Ein wenig beugte er sich zu Theical herunter.
      Von was redet der da, überlegte dieser nur. Er hatte nichts, was man ihm abnehmen konnte, oder gar etwas, dass wertvoll genug wäre, um es ihm abzunehmen. Wobei. Da war dieses merkwürdige Schriftstück. Aber warum deshalb der Aufwand? Eventuell war es doch mehr wert, als er zu Beginn gedacht hatte. Wenn dem so wäre, dann wäre er ziemlich dumm, es den Männern auszuhändigen. Viel besser war es, es selbst zu Geld zu machen.
      „Ich habe wirklich nichts“, meinte Theical mit diesem Hintergedanken und streckte seine Arme unschuldig in die Höhe. Die wenigen Sekunden, die die drei Männer damit verbrachten, seine leeren Hände zu studieren, suchte Theical nach einem Fluchtweg. Mal abgesehen davon, dass außer ihnen plötzlich keine Menschenseele mehr in der engen Gasse anzutreffen war, schien die Situation generell auch sehr ausweglos. So war es völlig unmöglich, dass er an den beiden Kerlen vorbei kam. Blieb der Weg an dem vorüber, der hinter ihm stand. Doch dieser zog im selbigen Moment ein dünnes Schwert aus seinem Gürtel und richtete es auf seinen Rücken. Damit war Theicals Bewegungsfreiraum auf gerade einmal zwei Schritte beschränkt.
      „Der Kerl versucht uns zu linken! Los durchsucht ihn!“, wies der Kerl mit der Narbe seine Mitstreiter an. Fluchtartig wollte Theical einen Schritt zurück setzen, als die Fremden auf ihn zukamen, doch schnell erinnerte er sich an den Schwertkämpfer hinter sich und verharrte. Ergebend hielt er weiterhin seine Arme in die Luft gestreckt.
      „Ich bitte euch, man kann doch über alles reden“, versuchte es Theical noch einmal, dabei selbst verwundert, wie fest seine Stimme klang. Doch die Männer machten nicht den Anschein, als wollten sie über irgendetwas reden.
      Ehe jedoch einer von ihnen etwas machen konnte, durchbrach ein Schrei von Schmerz und Wahnsinn die Nacht. Der Mann vor Theical fiel plötzlich in sich zusammen. Sich vor Schmerzen windend blieb er vor seinen Füßen liegen. Ein langer Pfeil, gezeichnet mit einer weißen Feder, steckte in seiner Schulter.
      Auch der Mann hinter Theical schrie laut auf, als ein Pfeil gleicher Bauart seine Hand durchbohrte und ihn an ein hölzernes Fass heftete. Das Schwert verlor er dabei aus den Fingern und klirrend kam es auf dem gepflasterten Boden auf. Wimmernd versuchte er seine Hand von dem Pfeil zu befreien, aber ohne Erfolg. Der letzte sah sich hektisch um und obwohl der scheinbare Anführer lauthals schrie, er solle etwas unternehmen, flüchtete der Mann aus der Gasse in die Dunkelheit.
      Verwirrt senkte Theical derweil seine Arme, die beiden Typen konnten ihm schließlich nicht mehr gefährlich werden. Suchend glitten seine Augen durch die Nacht, blieben aber bei dem Dach des Hauses, das gegenüber der Gasse lag, hängen. Eine dunkle Silhouette bewegte sich dort – schob etwas auf dem Rücken zurecht. Elegant sprang die eindeutig weibliche Gestalt dann über den Dachvorsprung auf den steinigen Boden und kam langsam auf Theical zugelaufen. Keck lächelte die Frau ihn an.
      Es war schwer einzuschätzen, wie alt sie war, vielleicht achtzehn oder neunzehn. Einzig die hoch gewachsene, drahtige Statur ließ anderes glauben.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Nur noch schwer konnte Zacharas diesen Zauber aufrechterhalten. Die Kraft schwand allmählich aus seinen Gedanken und die Zeit rann dahin. Wer gab zuerst nach? Der Herr, welcher eindeutig im Vorteil war, oder doch etwa der fremde, welcher vermutlich schon nach Rache dürstete?
      “Ich fasse mich kurz und bündig. Ich biete Euch eine Stelle als mein persönlicher Leibwächter an.”
      Verwunderung zeichnete sich auf dem Gesicht des Gefangenen ab.
      “Aber mein Herr”, sagte Paulus und kroch zu Füßen.
      “Mein Lord”, entgegnete ihm sein treuer Wächter Conrat, “das ist doch viel zu riskant!”
      Nur kurz wurde er von dieser Aussage abgelenkt und wandte sich sofort wieder dem Gefangenen zu. Mit dem Speer starr an die Kehle gedrückt, starrte er grimmig drein und signalisierte ihn über böswilligen Augenkontakt, dass Zögern dem Wächter unbekannt war. Nur eine falsche Bewegung, sofern dies möglich gewesen wäre, oder ein zwielichtiger Blick des gefesselten und der Speer würde tief in sein Fleisch vordringen. Schweigen brach aus, welches die Situation nicht sonderlich entspannter machte. Erneut kam die Frage auf, wer nun verlieren würde. Wobei Verlust oder eine Niederlage für Aras nicht in den Sinn kam.
      Leicht zitterte seine Hand und der klebrige Schweiß ließ ihn in seiner Konzentration stören. Krampfhaft versuchte er, den Zauber weiter zu wirken, ohne sich etwas anmerken zu lassen, wieviel Kraft es ihm doch jetzt bereits kostete.
      “Sprecht geschwind, wollt Ihr mein Angebot annehmen?”, fragte er ihn erneut und trat etwas näher an die Gitterstäbe heran. Nur leicht stützte er sich mit seinen Knien ab und presste seine freie Hand, in seiner Seitentasche gut verborgen, fest zusammen. Dies kanalisierte mental seinen Schmerz und ließ ihn den drohenden Kollaps etwas weiter hinauszögern.
      Der Gefangene, in schier ungünstiger Lage, blickte ängstlich auf den Speergriff herab. Leicht ritzte die scharfe Spitze seine Haut an und ließ ihn wahrlich schreckliches vorausahnen.
      “Ich bin mächtiger als Ihr, aber auch mich verlassen irgendwann mal die Kräfte! Ihr wisst, dass ich die Wache nicht zurückrufen werde! Aber Ihr wisst auch, dass ich Euch nicht töten will! Zumindest vorerst nicht. Wenn Ihr schlau genug seid, wovon ich ausgehe, werdet Ihr Euch nun schnell entscheiden. Ein ehrenvolles und reiches Leben, oder ein qualvoller und armseliger Tod?”
      Doch er war immer noch sehr misstrauisch, dem ganzen gegenüber. “Warum wollt Ihr mich als Euren persönlichen Leibwächter? Was versprecht Ihr Euch davon?”
      Paulus kroch tief zu des Lords Füßen und küsste seine gut gepflegten Ledersandalen. “Mein Herr, er ist zu gefährlich.”
      “Schweig, Paulus!”, grummelte Aras ihm entgegen. “Ich bin hier der Herr, ich entscheide! Wollt Ihr das in Frage stellen?”
      Sanft streichelte er mit den knorrigen Fingern die Knöchel des Zauberkundigen und blickte ängstlich hinauf. Sein unterwürfiger Blick kam dem eines Hundes gleich und ebenso kniete er auch. “Nein, mein Herr, Ihr seid der wahre Künstler hier! Ich bin es nicht würdig, Eure Entscheidungen anzuzweifeln!”
      Aras fühlte sich wieder mal bestätigt in seinem Tun und Handeln. Das gab ihm wieder etwas Kraft, nun noch länger den kräftezehrenden Magiespruch aufrechtzuerhalten. Doch alle hier merkten, dass es sich dem womöglich bitteren Ende näherte. Aras wollte es sich selbst beweisen, dass er es wahrlich würdig ist, der Lord von Ymilburg zu sein. Zu schwach waren seine anderen Opfer, als dass er jemals ernsthaft seine Zauber üben konnte. Niemand vor diesem Mann hier war auch nur ansatzweise in der Lage, den erdrückenden Mächten des Herrn so heftig standzuhalten.
      “Warum Ihr mein Leibwächter werden sollt, fragt Ihr mich? Ihr habt sechs meiner Männer getötet und seid kaum entkräftet. Ist das nicht Grund genug für solch einen wie Euch? Ich kenne solche Leute wie Ihr es seid. Landstreicher, Diebe, Mörder! Ich habe Menschen hinrichten lassen, die weitaus weniger schändlich aktiv waren. Euer Tod wird nur einer unter vielen sein und schon bald wird niemand mehr nach Euch fragen. Doch glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass Ihr zu mehr fähig seid! Wenn Ihr nur annehmt.”
      Aras konnte es an seinen Augen und den Runzelfalten auf der Stirn sehen, dass er haderte und grübelte. Eine kurze Handgeste und die Wache verließ vorsichtig im Rückwärtsgehen die Kerkerzelle, stets den Speer und Blick auf ihn gerichtet. Aras rief ihn zurück, weil er entkräftet war und just in diesem Moment den Zauber entweichen ließ. Heftig war der Aufprall auf den Steinboden und ein leises Röcheln entwich dem Mörder, dem Dieb.
      Paulus verkroch sich hinter der tiefschwarzen Kutte und nuschelte sich was zurecht. Ein Rasseln und Klacken und die Tür war verriegelt.
      Erwartungsvoll blickte Zacharas ihn an und präsentierte seine offenen Hände, als Zeichen der Fairness und des Respekts.
      “Ihr könntet erneut versuchen, mich und meine Mannen zu töten. Aber bedenkt die Konsequenzen. Was wäre, wenn ich nun wirklich durch eure Hand sterben würde? Wie wollt Ihr hier herauskommen? Wie wollt Ihr fliehen? Andererseits könnte es aber auch sein, dass ich Euch nun nur täuschen will und wieder die gleiche Prozedur abhalten werde wie eben. Und das immer wieder und abermals. Ich habe Zeit, mich hetzt keiner. Aber Euer Lebensfaden neigt sich dem Ende. Die Nadel verpasst die Masche und der Faden geht verloren... Also, wie ist nun Eure Entscheidung?”
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
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      Helios III (Arbeitstitel)
    • Jaris blickte den Magier an. Er hatte die Wahrheit gesagt, das war die beste Chance ihn zu töten. Doch dieser Mann hatte Macht. Genug um sich einen Leibwächter zu halten, vielleicht auch genug um der geheimnisumwitterte Herzog von Ymilburg zu sein. Diese Vermutung brachte ihm in Jaris Augen nicht gerade mehr Sympathie ein, eher im Gegenteil, aber sie zwangen ihn auch umzudenken. Entweder eine Zeit lang diesem Mann, der in seinen Augen vielmehr ein Verbrecher war als Jaris selbst, dienen - immer mit der Gefahr den nächsten Tag nicht zu erleben -, oder den Weg der nur allzu unwahrscheinlichen Freiheit wählen, das ebenfalls immer die Gefahr bot den nächsten Tag nicht zu erleben. Normalerweise wäre ihm diese Entscheidung nicht schwer gefallen. Besser die geringere Chance auf ein Leben in Freiheit als diesem Scheusal zu dienen, doch er musste immer daran denken wie leicht es dem Magier gefallen war ihn zu überwältigen und ihn in eine ausweglose Lage zu bringen. Wer sagte, dass er sich nicht etwas Energie aufgespart hatte. Außerdem würde Jaris vermutlich während dieser Zet keinen Hunger mehr leiden müssen oder sich Gedanken machen, wo er die nächste Nacht schlafen könnte, und wenn sich der Magier an sein Wort hielt, was das Geld anging, würde er beides nie wieder müssen. Zudem hatte der Magier ihm versprochen ihn zu unterrichten. Wie viel mehr er wohl ausrichten könnte, wenn er seine Talente besser kontrollieren könnte. Vielleicht nie so viel wie sein Peiniger, aber doch sehr viel. "Für wie lange", fragte Jaris wiedersträubend. Der Gedanke anzunehmen war ihm aller Logik zum Trotz zuwider. "Erstmal ein Jahr oder bis ich euch entlasse. Dann bekommt ihr euren Lohn ausgezahlt und dürft frei eures Weges
      gehen oder mir im ersteren Falle weiterhin dienen", versprach sein Gegenüber und versetzte seinem Diener, der sich winselnd hinter ihm zusammen kroch, einen Tritt, der diesen ein Paar Meter zurückweichen lies. Hoffentlich würde Jaris nie zu so etwas erbärmlichen werden. "In Ordnung", verkündete er mit resignierter Stimme, als habe er gerade sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Was er vielleicht auch hatte. "Wunderbar", erwiderte der Magier ein freudiges Strahlen quer durch das Gesicht gezogen und wandte sich dann an die Wache, "Holt ihn dort heraus. Was soll mein neuer Leibwächter in einer Zelle. Verschafft ihm eine Unterkunft hier im Palast und holt seine Sachen aus der Stadt, falls er dort noch welche hat. Und beeilt euch. Sonst seid ihr es bald, der diese Zelle schmückt." Mit diesen Worten schien die Sache für ihn erledigt zu sein und er wollte sich zum Gehen abwenden. "Wie heißt ihr eigentlich", fragte Jaris und hielt den Magier damit zurück. Die Wache holte derweil einen großen Schlüsselbund hervor, an dem wohl gut hundert dieser kleinen glänzenden Gegenstände hingen und schob auf Anhieb den Richtigen ins Schlüsselloch. Er musste ihn wohl öfter benutzen. "Zacharas van Júmen", antwortete er beiläufig, "Und ihr seid?" Die Wache half Jaris auf die Beine, doch ihm fiel auf, dass das Lächeln dieser eher gezwungen wirkte und der Griff etwas härter war als notwendig, Gewiss wäre der Soldat nicht so freundlich vorgegangen, wenn sein Herr nicht noch im Zimmer gestanden hätte. "Jaris", erwiderte Jaris schlicht. Mit einem Nicken verließ der Magier den Raum. Seine Vermutung hatte sich also bestätigt, dachte Jaris und ließ sich von der Wache, aus deren Gesicht jedes Anzeichen eines Lächelns gewichen war, aus der Zelle stoßen. Leider!
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Thyra musterte die vor ihm stehende Gestalt, genauso wie sein gegenüber es mit ihr tat.
      Sie wusste, dass er sich wahrscheinlich fragte wie alt sie tatsächlich war, sah sie doch viel Jünger aus, als sie war.
      Ihr erster Eindruck von der Größe des Mannes hatte sie nicht getäuscht. Selbst sie als Frau überragte ihn um eine gute Handbreit.
      Seine Augen waren sehr schmal und dunkel, ansonsten gab es kaum etwas Auffälliges an seinem Gesicht.
      Die Kleider waren heruntergekommen und alt, die Haare zu einem verfilzten Zopf gebunden. Schon erstaunlich, dass er selbst in der Dunkelheit so unordentlich und ungepflegt aussah.
      Dennoch streckt sie ihm ihre Hand entgegen.
      „Thyra“, stellte sie sich vor. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“
      Der kleine Mann musterte sie misstrauisch, entschied dann aber wohl, dass von ihr keine weitere Gefahr ausging, denn er ergriff zögerlich ihre Hand.
      „Theical“, sagte er nur knapp.
      Thyra lächelte. „Hallo Theical. Da bin ich wohl gerade rechtzeitig gekommen. Die Männer hier haben mich vor der Taverne über den Haufen gerannt und sind dir schurstracks hinterher. Ich dachte mir schon das etwas faul ist.“
      „Aha“, machte ihr Gegenüber nur und Thyra begriff, dass ihm wohl nicht gerade nach einem kurzen Gespräch zu Mute war.
      Ein Stöhnen des Mannes, den sie an ein Fass genagelt hatte, rief ihr auch wieder in Erinnerung, dass sie besser verschwinden sollte.
      Wer weiß schon, wann der Dritte im Bunde zurück kehrt?, dachte sie.
      „Na dann“, sagte Tyhra deswegen. „Lust auf eine Suppe oder so?“
      „Interessiert es dich nicht, warum sie mich verfolgt haben?“, fragte Theical und wieder trat Misstrauen in seinen Blick.
      Sie zuckte mit den Schultern. „Irgendein Pergament, das habe ich mitbekommen. Aber was geht es mich an? Ich will verflucht nochmal endlich wieder etwas vernünftiges Essen und ein beschissenes, warmes Bett für die Nacht.“
      Überrascht über ihre Ausdrucksweise sah er sie an.
      „Entschuldige. Ich habe seit Tagen draußen im Wald geschlafen und bin von einem Händler um eben jene Sachen gebracht worden, die ich eben aufgezählt habe.“ Sie seufzte.
      Er schwieg.
      „Naja dann“, sagte sie als von ihm nichts weiter kam und machte dann kehrt. Sie musste schleunigst eine Unterkunft für die Nacht finden. Auch die schlechtesten Tavernen hatten nicht ewig offen.
      „Warte“, rief ihr Theical hinterher. Verwundert drehte sie sich um. „Ja?“
      „Wie viel hast du denn?“, fragte er.
      Sie lachte bitter. „Dreißig Kupfermünzen.“
      „Oh. Dafür wirst du wohl nur in der Taverne unterkommen, in der du mich gesehen hast“, erwiderte er.
      „Danke, sehr tröstlich“, lachte sie schelmisch. „Aber wir sollten besser verschwinden ehe der andere zurück kehrt.“
      Sie wollte sich eben wieder abwenden, aber Theical trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und veranlasste sie doch noch stehen zu bleiben. Langsam unruhig werdend ließ sie den Blick durch die dunklen Gassen schweifen. Die Männer, die am Boden lagen, waren immer noch nicht zu viel mehr in der Lage als zu stöhnen, was auf ziemliche Weicheier schließen ließ, wie Thyra fand.
      Sie selbst hatte sich auch schon aus Versehen ihr Messer bis zum Heft ins Bein gerammt und war trotzdem nach Hause gelaufen. Sie verdrehte die Augen.
      Ungeduldig wandte sie sich an den kleinen Mann. „Was ist denn noch?“
      „Nun, mit einem warmen Bett kann ich nicht dienen, aber mit einer heißen Suppe und einem Stall.“
      Thyra traute ihren Ohren nicht und malte sich schon aus, was Theical mit dem Angebot bezwecken wollte, doch in seinem Blick lag eine naive Aufrichtigkeit, der sie einfach nur glauben konnte. Und Abgesehen davon war ein Stall mit warmen Stroh immer noch besser als eine Taverne in der sich nur Streuner und Halunken rum trieben.
      „Das … äh wäre sehr nett“, stammelte sie.
      Augenblicklich hellte sich Theicals Gesicht auf. „Schön, dass ich mich revanchieren kann. Folge mir.“
      Als er sich umdrehte und in der nächsten Gasse verschwinden wollte, kam ein recht großer Vogel durch die Nacht geflattert und ließ sich auf Theicals schmaler Schulter nieder. Thyra war überrascht, dass das Tier dort überhaupt genug Platz fand.
      "Da bist du ja, Sari. Wo hast du denn nun schon wieder gesteckt?", fragte Theical halb vorwurfsvoll, halb amüsiert den Vogel.

      Dreck auf Toast!

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    • Theical lief voraus, durch die dunklen und verwinkelten Gassen. Warum genau er der Frau angeboten hatte, im Stall zu schlafen, war ihm schleierhaft. Normalerweise war er niemand, der leichtfertig jemanden zu sich einlud und diese Person dann auch noch bei sich schlafen ließ. Nicht, dass er unfreundlich war, aber in seiner Position galt es das zu verteidigen, was er hatte. Auch, wenn das nicht viel war.
      Theical tastete nach dem Pergament unter seiner Tunika. Es war noch da. Und augenscheinlich zeigte diese Thyra auch kein Interesse daran, es ihm abnehmen zu wollen. Was noch nicht hieß, dass sie ihn nicht an der Nase herumführen wollte. Allerdings gab ihm die junge Frau nicht den Grund, wirklich daran zu glauben. Ihre Absichten wirkten ehrlich.
      „Sag mal, was ist das für ein Vogel?“, unterbrach Thyra nach einiger Zeit die Stille. Mit dem Finger tippte sie dem grauen Tier auf Theicals Schulter etwas in die weichen Federn. „So etwas wie ihn habe ich noch nie gesehen.“
      Theical sagte eine Weile nichts, sondern beobachtete einfach nur Sari. Der Vogel krallte sich leicht in seinen Klamotten fest und wippte etwas hin und her. Durchdringend starrten seine bernsteinfarbenen Augen die Jägerin dabei an, folgten scheinbar prüfend jeder ihrer Bewegungen. Allerdings wehrte er sich nicht gegen Thyras Berührungen, was Theical doch ein wenig verwunderte. Es war nicht normal, dass er sich von Fremden anfassen ließ. Ein Zeichen dafür, dass Theical der Frau vertrauen konnte?
      „Ich weiß es selbst nicht“, log er. Natürlich wusste er, welcher Art Sari angehörte. Der Gattung der Donnervögel. Allerdings waren diese mit ihren langen Flügeln und den golden abgesetzten Federspitzen äußerst selten und damit auch unglaublich wertvoll. Besser war es also, der Frau nicht zu sehr zu vertrauen und es ihr erst recht nicht auf die Nase zu binden.
      „Ich verstehe“, meinte Thyra. Sanft fuhr sie mit dem Zeigefinger über das Gefieder.
      „Er ist wunderschön“, bemerkte sie dann. Als hätte Sari sie verstanden plusterte er sich auf und hüpfte elegant von Theicals Schulter, nur um sich dann wieder in den Himmel zu erheben und in der Nacht zu verschwinden.
      „Ich schätze, ich habe ihn verärgert“, lachte Thyra und sah in die Schwärze empor.
      Theical lief unbeirrt weiter und bog dann um die nächste Ecke. Er kannte den Vogel immerhin schon länger und wusste, dass er zurück kommen würde. Durch so etwas ließ sich der Donnervogel nicht beleidigen, da gab es ganz andere Sachen und was das anging war es besser sich in Sicherheit zu bringen, denn davon fliegen würde Sari in einer solchen Situation sicher nicht.
      Es dauerte eine Weile bis Thyra ihm nacheilte, aber mit wenigen, langen Schritten hatte sie ihn auch schon wieder eingeholt.
      „Wir sind da.“
      Theical deutete auf ein kleines, verfallenes Haus am Ende einer engen Gasse. Sachte glimmte etwas Licht durch das geschlossene Fenster und deutete daraufhin, dass die Bewohner des kleinen Häuschens noch wach waren. Bei eben diesen handelte es sich um Theicals Großeltern, den Schmied Habger und die ehemalige Lehrerin Jamir.
      Anstatt Thyra jedoch direkt in das Haus zu führen, lotste Theical die Frau daran vorbei auf einen winzigen Anbau zu und öffnete die quietschende Tür. Beide betraten sie den Raum und aus den Augenwinkeln sah Theical, wie die junge Frau sich skeptisch umsah. Der Stall war kaum groß genug für zwei Kühe und ein Schwein. Allerdings mussten die beiden Kühe schon vor einiger Zeit verkauft werden, weshalb nur noch das Schwein in der hintersten Ecke grunzte. In der anderen befand sich ein kleiner Haufen mit frischem Stroh und etwas Heu, der gerade genug Platz für einen Schlafgast bot.
      „Ist nichts Besonderes, aber wahrscheinlich immer noch besser, als die Taverne“, meinte Theical. Thyra lächelte wieder und ließ ihren Bogen dann neben dem Strohhaufen fallen.
      „Immerhin stinkt es hier nicht so.“
      Theical schwieg. So recht wusste er nicht, was er darauf erwidern sollte. Es kam ihm immer noch falsch vor, der Frau eine Übernachtung im Stall angeboten zu haben. Zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr, weil er glaubte, dass sie ihm oder seinen Großeltern gefährlich werden konnte, sondern weil der Stall nicht gerade der gemütlichste Ort war. Allerdings sah es im Haus auch nicht anders aus und Theical wollte nur ungern, dass sich Thyra bei seiner kränklichen Großmutter ansteckte. Davon abgesehen war in dem kleinen Haus noch weniger Platz für einen weiteren Menschen, als im Stall.
      „Dann hole ich dir mal deine versprochene Suppe.“ Mit diesen Worten verschwand er aus dem Stall und betrat durch eine Hintertür das kleine Haus.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Gut gedeckt war der Tisch, mit Speis und Trank. Wildfleisch, Huhn und Fisch. Käse, Schinken und Brot. Ob mit Zwiebel, pur oder Bärlauch. Alles war vorhanden und reichlich. Wein, Bier und Wasser, falls erwünscht. Grünkohlsuppe, Spargelsalat und vieles weitere. Trauben und Äpfel durften auch nicht fehlen, um den Gaumen zu verführen. Zwei Meter breit und gute zehn in der Länge maß der Tisch, auf dem dieses Festbankett angerichtet war. Einen Festmahl gleich war es. Wie viele Bürger und Bettler hätten wohl davon satt werden können? Hundert, zweihundert?
      Doch es befanden sich nur zwei, prunkvoll verzierte, Stühle an diesem. An jedem Ende einer. Jaris und Zacharas speisten dort. Oder zumindest Zacharas. Der Neuankömmling, der unfreiwillige Besuch, zögerte. Ihm war es zu wider, sich dieser Prunkorgie anzuschließen. Dekadent und selbstverliebt präsentierte Aras sich, mit diesem Essen. Völlerei schien aber nicht des Lords Schwäche zu sein. Eher die Gier nach Befriedigung. Den Aras war wählerisch und verschwenderisch.
      Paulus, seinen getreuen Diener, missbrauchte er als Abstelltisch für seine Knochen und Essensreste. Links neben ihm kniend, hielt dieser ein Holzbrett, immer in günstiger Reichweite. Und zugleich wurde ein Knochen niedergelegt und von Paulus beäugelt.
      “Nun erzählt mir doch mal etwas mehr über Euch. Wo kommt ihr zum Beispiel ursprünglich her?”, sagte Aras und schaute erwartungsvoll über den langen Eichentisch, bis hinüber zu Jaris, der nur zögerlich nach dem Essen griff. Die beiden Wachen hinter Jaris rückten näher an ihn heran.
      “Antwortet endlich dem Herrn!”, brüllten die beiden Wachen, welche die einzigen hier waren.
      Aras hob die Hand. “Aber nicht doch, meine getreuen Wachen. Wir sind doch gesittet. Lasst ihm etwas Zeit.”
      Jaris saß störrisch und aufrichtig da, Löffel und Messer wie Waffen haltend. “Felodun ist mein Herkunftsort. Aber ich bezweifle, dass Ihr den kennt!” Abfällig blickte er zu Aras rüber und zog sogleich wieder die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich. Sie lechzten geradezu nach Einsatz ihrer Piken. Zu lange bewachten sie leere Räume, ohne jeglichen Grund und Aufwand.
      Zacharas lachte sehr beherzt, als er dies vernahm. “Wohl wahr, Jaris. Ich kenne Felodun tatsächlich nicht. Aber bestimmt kantet Ihr Ymilburg auch bis vor Kurzem nicht, oder?”
      “Ich kannte es gut genug, um zu wissen, wo sich Eure geheimen Mineneingänge befinden”, grummelte Jaris ihm entgegen. Sein Blick schweifte zu den Wachen hin. “Aber Eure Dienerschaft habe ich dann wohl noch nicht gut genug gekannt.”
      “Schweigt!”, brüllten sie erneut und haderten mit ihrer Disziplin.
      Erneut hob Aras seine Hand. “Beruhigt euch! Ich habe alles unter Kontrolle. Glaubt ihr wirklich, Jaris wird mich töten wollen?”
      “Aber Herr”, sprach Paulus zu ihm, der immer noch neben ihm hockte und das Holzbrett auf AraśKniehöhe hielt.
      “Was ist, Paulus?”, erwiderte Aras mit rollenden Augen.
      “Ihr seid unbewaffnet, mein Herr! Ihr tragt keinerlei Schutz an Eurem kostbaren Körper.”
      Jaris grinste nur frech und biss beherzt in seine Hühnerkeule. Aus den Augenwinkeln beäugelte Aras ihm und flüsterte Paulus zu. “Seht ihn Euch an, mein Paulus. Selbst er findet Eure Bedenken zum Lachen. Wie wäre es denn, wenn Ihr ihm nun als Schoßhündchen dienen würdet, anstatt mir?”
      Tief verneigte sein treuster Diener sich, das Brett dabei stets auf gleicher Höher belassend. “Mein Herr, Ihr seid zu weise. Ich bin es nicht würdig, Euer Diener zu sein.”
      Aras sprang sofort auf, stieß ihn dabei um und rief: “Ihr seid es ja auch nicht länger wert, mein Paulus! Ihr seid jetzt sein Diener! Denn Jaris ist mein treuerster Diener!”
      Erwartungsvoll schaute Aras zu Jaris rüber. “Oder was meint Ihr dazu, Jaris?”
      Perplex blickte er drein und ließ auf halber Höhe zu seinem Mund die Keule fallen. Paulus schaute keinen Deut weniger verwundert, schließlich ging es ja auch um ihn. Aras trat vom Tisch weg und offenbarte Jaris seinen wehrlosen Körper. Mit gespreizten Händen ging er einige Schritte in den leeren Raum. Jaris schien sehr verunsichert zu sein und saß unruhig auf seinem Stuhl.
      Der mächtige Lord zeigte auf seine Wachen und sprach: “Bitte lasst und drei allein!”
      “Aber mein Lord...
      “Was habe ich gesagt? Widersprecht mit nicht ständig!”
      “Ja mein Lord. Wir gehen schon.” Doch sie gingen nur sehr zögerlich und schauten sich ständig nach ihrem Herrn um. Er machte eine scheuchende Handgeste und wies sie energisch an, zu gehen. Jaris traute seinen Augen nicht und war nun völlig verwirrt. Ein euphorisches, spöttisches Lachen trat aus seinem Mund empor. “Ist das jetzt Euer Ernst? Was wollt Ihr mir damit beweisen?”
      Die Tür war geschlossen und sie waren unter sich. “Ich will Euch damit beweisen, dass ich tatsächlich unbewaffnet bin. Ihr könntet mich sofort töten und meine Wachen könnten mir nicht rechtzeitig zu Hilfe eilen.”
      Es wurde zu Gelächter, was aus Jariś Mund entglitt. “Ihr seid echt krank, wisst Ihr das?”
      “Ich bin nicht krank. Ich finde es nur ungerecht, wenn ich eindeutig im Vorteil bin. Ist denn ein Gefecht nicht erst dann richtig spannend, wenn beide Spieler gleiche Chancen haben?”
      Jaris schreckte auf und stieß sofort den Stuhl hinweg. “Wollt Ihr tatsächlich mit mir kämpfen? Hier und jetzt? Unterschätzt mich nicht, ich bin flink!”
      Aras runzelte die Stirn. “Ich verstehe nicht so recht. Ihr tötet sechs meiner Männer und bei mir, einzelnen Mann, zögert Ihr? Soll ich die Wachen wieder reinbestellen? Ist es Euch dann gerechter?”
      Paulus kroch seinem Herrn hinterher, welcher langsam und gemütlich durch den großen Essensaal wanderte. “Mein Herr, bitte! Provoziert es nicht unnötig. Ihr seid unbewaffnet.”
      “Schweig, Paulus! Ich führe gerade ein Gefecht mit Jaris!” Sein Blick schwenkte wieder zu ihm rüber. “Ist doch so, oder nicht?”
      “Was wollt Ihr? Ich warne Euch, kommt nicht näher!”
      “Was ist denn los, Jaris? Bin ich Euch zu aggressiv, irrational, mächtig wirkend? Ich habe doch nur vor, mit Euch ein Gefecht zu führen.”
      Sie beide kamen sich langsam immer näher und Jaris ballte seine Hände. Er war bereit für den Kampf. “Bleibt zurück. Ich warne Euch ein letztes Mal. Ich will hier kein Blut vergießen.”
      “Aber warum denn nicht, Jaris? Was hindert Euch daran, mich anzugreifen? Soll ich etwa noch meine Sandalen ausziehen?” Und Aras zog sie aus. Paulus sammelte sie sofort ein und rieb sie fest an seinem Gesicht.
      “Bleibt zurück.”
      “Mache ich Euch angst? Ich will mich doch nur mit Euch duellieren.”
      Paulus wirkte sehr angespannt und hektisch. Wie ein Hund kroch er auf allen Vieren hinter ihm her und rieb sich an einer Kutte. Sogar leichte Bellgeräusche waren zu hören. Ein treuer Gefährte, in allen Lebenslagen. Aras widerte das an. “Paulus, verlasse den Raum, sofort!”
      “Mein Herr?”
      Doch der Magier zeigte stur zur Tür. Paulus gehorchte auf́s Wort, wenn auch erst auf́s zweite. Stolpernd und kriechend verließ er den Raum und nun waren sie beide komplett unter sich.
      “Nun ist es doch aber wirklich gerecht, oder nicht?”, wurde Jaris gefragt. Doch er sagte nichts und tat nichts, außer drohend zu blicken. Die Ironie dabei schien zu sein, dass der wohl mächtigste Mann sich sicher war, dass sein Kontrahent sich nicht wehren würde. Obwohl es ein leichtes für Jaris gewesen wäre, den finsteren Lord zu töten. Bis in die Ecke wurde Jaris gedrängt. Er wehrte sich nicht. Zu irrational und sinnfrei fand er Zacharaś Aktion. Und dann geschah es, was unmöglich schien. Zacharas hatte ihn überwältigt, ohne Waffen und ohne Magie. Er lachte. Ihm war es mal wieder gelungen, seinen Gegner zu überwältigen, bevor dieser seinen Plan durchschaute.
      “Ihr habt verloren, mein lieber Jaris. Just in diesem Moment habt Ihr das Gefecht verloren.”
      Da schaute der angeblich besiegte sehr verwundert drein. Er schien es nicht zu begreifen, was sein Gegenüber damit zu meinen schien. Er sagte nichts, seine Augen sagten genug.
      Aras blickte ihm tief in die Augen. “Dies war die erste Lektion, mein Freund. Lasst Euch nicht verwirren! Der Feind hat viele Methoden, um Euch schwach zu machen. Wenn Ihr es wünscht, kann ich Euch unterrichten. Die Stärke eines Gegners liegt nicht immer in der Waffentechnik und Muskelkraft. Merkt Euch das, wenn Ihr mein Leibwächter sein wollt. Wie dem auch sei, ich habe einen Auftrag für Euch, mein getreuer Jaris. Ihr müsst ihn nicht erfüllen, aber annehmen. Ich zwinge Euch nicht und ich werde Euch auch nicht bestrafen, falls Ihr es nicht tut. Klar soweit?”
      Erwartungsvoll war Aras´Blick. Jaris war äußerst eingeschüchtert, was aber nur an der Verwirrung lag. Zögerlich nickte er leicht.
      “Gut! Ich zeige Euch ein Haus.”
      Beide gingen zum Fenster. Aras zeigte ihm Engels bescheidenes kleines Anwesen, welches Jaris kaum wahrnahm.
      “Gegenüber von dem Haus steht eine hölzerne Sitzbank. Ich will, dass Ihr das Haus einen ganzen Tag lang beobachtet, von dieser Bank aus. Es ist mir egal, ob Euch jemand sieht und ob Euch jemand anspricht. Ihr antwortet nicht, Ihr redet nicht, Ihr schaut nicht weg. Ihr beobachtet einfach dieses Haus und die Leute, die dort drinnen wohnen. Morgen, mein Guter, erstattet Ihr mir dann ausführlichen Bericht.”
      Jaris verstand nicht so recht. “Wer lebt dort? Ist dort ein Feind ansässig, oder ein Widersacher?”
      Aras schüttelte den Kopf. “Sagen wir mal, es ist mir einfach wichtig, was dort vor sich geht.”
      Jaris schien verstanden zu haben und beide setzten sich wieder, auf Anweisung des Lords. “Und übrigens”, sagte Zacharas beiläufig, “Paulus bleibt mein Schoßhund.”
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
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      Helios III (Arbeitstitel)
    • Nachdenklich saß Jaris auf der Sitzbank und starte auf die unveränderte Holztür vor ihm. Sie gehörte zu einem kleinem Haus, einer Hütte vielmehr, nicht so klein wie die in der er aufgewachsen war, aber mit Sicherheit kein luxuriöses Heim. Zweimal war diese Tür bereits aufgestoßen worden. Einmal von einer zierlichen Frau um die dreißig, die eine Schüssel voller Küchenabfälle heraus trug, offensichtlich hatte es an diesem Tag unter anderem Kartoffeln gegeben, und einmal von derselben Frau mit der nun leeren Schüssel. Etwas anderes hatte sich nicht ereignet und er wusste noch immer nicht wieso er hier sitzen sollte. Er wusste ja nicht einmal wieso er es überhaupt tat, da es ihm doch freigestellt war. Vermutlich war es einfach die Neugierde, was Zacharas so interessant an dieser Hütte finden könnte, und da er ehrlich gesagt auch nichts besseres zu tun gehabt hatte. Möglicherweise war es wieder eine dieser Lektionen, die er erhalten sollte. Bei aller Abscheu und Verachtung, die ihn in Hinsicht dieses Mannes beherrschten, so empfand er doch auch Respekt. Ohne Zweifel war er ein großes Magier und hatte ein hohes Maß an Charisma. Er hatte schließlich genau gewusst, dass Jaris ihn nicht töten würde, auch wenn Jaris selbst nicht sagen konnte wieso er dies nicht getan hatte, zumal es ihm gehörig in den Fingern gejuckt hatte. Andererseits war es auch möglich, dass Zacharas einfach nur verrückt war, was die Sache auch nicht wirklich besser machte. Schlussendlich würde er sicherlich von dem Mann lernen können und hatte er überhaupt eine Wahl? Es blieb ihm nur das Spiel mitzuspielen und es so gut er konnte zu seinem Vorteil zu nutzen, bis er sich davon machen konnte oder es beendet war und er das Geld einstrich. Falls der Magier sein Wort hielt. Gedankenverloren streichelte er über den Griff seines Schwertes, das er ebenso wie seine Rüstung nun wieder trug. Nicht dass er den unterdrückten Menschen dieser Stadt nicht helfen wollte, aber höchstwahrscheinlich würde auch der Tod Zacharas´ an ihrem Schicksal wenig ändern. Ein neues Scheusal wie das vorige würde einfach den Thron besteigen. Seine einzige Hoffnung wäre es den Mann selbst zu ändern, doch dies stellte sich in seinen Überlegungen als sicher scheiternd, ja schlier unmöglich, heraus. Mit einem Seufzer stand Jaris auf und wandte seine Schritte zurück Richtung Schloss. Der Tag war fast vorüber und es würde gewiss nichts mehr Interessantes in diesem Haus passieren. Die Menschen um ihn herum, die mit dem wenigem Geld, dass ihnen blieb, geschäftig ihre letzten Besorgungen tätigten, kümmerten sich nicht um ihn. Sie betrachteten ihn als einen der ihren. Ein Jammer, dass er es nicht war. Wenigstens die Bestickung seines Mantels mit dem Herrscherwappen hatte er verhindern können, aber dies war nur ein schwacher Trost. Sein Blick glitt über die dutzenden Köpfe und die nur wenig höher gelegenen windschiefen Giebeln der Hütten hinweg und fand seinen Weg zum Schloss. Es erschien ihm noch trostloser als seine jetzige Umgebung. Ein kalter Wind war aufgekommen und die Sonne warf bereits ihr letztes rötliches Licht dieses Tages. Er könnte jetzt einfach umkehren, zu den Toren Laufen. Doch bestimmt würden die Wachen ihn nicht passieren lassen. Zacharas mochte verrückt sein, aber kein Idiot. Trotz seiner Rüstung fröstelte es ihn etwas und er zog den Mantel enger um sich. Solange er nicht zu einem Schosshündchen werden würde wie dieser Diener, würde er es überleben. Und darauf kam es letztlich doch an. Oder?
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Thyra blinzelte mit den Augen. Schlaf verklebte ihre Wimpern und es fiel ihr schwer eine klare Sicht zu gewinnen.
      Warmes Stroh umhüllte sie und das Heu erfüllte ihre Nase mit angenehmen Gerüchen.
      Das Quietschen der Stalltüre und das daraufhin ertönende Quieken des Schweines hatte sie geweckt.
      Verschlafen gelang es ihr endlich die Augen aufzuschlagen und sah sich Theic gegenüber, der den Weg von der Türe zu ihr schon zurückgelegt hatte.
      Er trug immer noch – oder schon wieder? – seine grüne Tunika und seine Hose, die zerrissen und an mehreren Stellen geflickt war.
      Die Haare schien er sich nicht mal gekämmt zu haben, sondern schien sie nur erneut im Nacken zusammen gebunden zu haben.
      Er lächelte und reichte ihr eine Holzschale und selbst geschnitzten Löffel.
      Ein dampfender Brei füllte den Topf. Er roch entfernt nach Zimt.
      „Danke“, lächelte sie und schlang den Brei hinunter. Er war sehr gut und Thyra war verwundert wie eine Erscheinung wie Theical so etwas fertig bringen konnte.
      „Ich werde es meiner Oma ausrichten“, lächelte er zurück und Thyra musste schmunzeln.
      Als sie fertig war reichte sie ihm die Schale zurück.
      „So dann werde ich mal wieder“, sagte sie. „Ich danke dir für Essen und Unterkunft.“
      Sie kramte in ihrem Beutel und reichte ihm die Kupfermünzen.
      Es war dem kleinen Mann anzusehen, dass er mit sich rang.
      „Nimm sie nur. Ich kann jagen und bekomme für die Felle gewiss neues Geld. Diesmal werde ich mich auch nicht über den Tisch ziehen lassen“, bestärkte sie ihn.
      Zögernd streckte Theical die Hand aus und sie ließ die Münzen in seine Hand kullern. Schnell, so als glaube er Thyra könnte ihre Meinung wieder ändern, steckte er sie in die Hosentasche.
      „Wohin wirst du gehen?“, fragte er sie.
      „Das weiß ich nie so genau. Vielleicht verweile ich noch etwas und kundschafte eure besseren Tavernen aus oder ziehe weiter Richtung Süden“, erklärte sie, während sie Iorweth und ihren Köcher aus ihrem Lager fischte und von Stroh befreite.
      „Du hast noch etwas Stroh in den Haaren“, sagte Theical und grinste.
      Sofort begann Thyra besagtes aus ihren Haaren zu zupfen. Ein wenig Wasser könnte auch nicht schaden. Sie konnte sich ja beinahe selber riechen. Angeekelt verzog die Nase.
      „Sag mal, Thaical“, setzte sie an.
      „Nenn mich Theic“, unterbrach er sie.
      Erfreut schenkte sie ihm ein weiteres Lächeln. „Thyr“, antwortete sie.
      Er nickte.
      „Jedenfalls“, versuchte sie es erneut. „Weißt du, wo ich mich hier in der Stadt waschen kann? Und vielleicht sogar etwas Seifenkraut finde?“
      Theic lachte. „Wir teilen uns einen Brunnen mit unseren Nachbarn. Ich führe dich hin. Mit Seifenkraut kann ich leider nicht dienen.“
      „Macht nichts. Hauptsache ich kann mich etwas frisch machen“, antwortete Thyra.
      „Na dann los“, sagte Theic und ging vor. Thyra hörte ihn belustigt „Mädchen“ raunen, als er vor ihr durch die Tür ging.
      Seifenkraut könnte zumindest ihm auch nicht schaden, dachte sie und ohrfeigte sich innerlich für diesen Gedanken. Es ging sie schließlich nichts an wie anderen Menschen durch die Gegend liefen und er war sehr freundlich zu ihr gewesen.
      Kaum war Theic aus der Tür getreten flatterte Sari schon wieder herbei, kreiste einmal über ihnen und ließ sich erneut auf der Schulter Theicals nieder.
      Dreck auf Toast!
    • Theical führte Thyra um den Stall und durch eine schmale Gasse, bis in einem kleinen Hof, der auch von anderen Häusern umringt wurde. In der Mitte war ein kleines Plätzchen mit groben Steinen gepflastert. Eine Wasserpumpe stand darauf und unter dem Hahn ein einfacher Holzeimer.
      „Bedien dich“, meinte Theical. „Wenn dich jemand anspricht, sag einfach, dass du unser Gast bist, meine Großmutter weiß Bescheid.“
      Thyra nickte und lief dann begeistert auf die Pumpe zu. Sie drehte sich jedoch wieder um und lächelte zufrieden, vermutlich weil sie das klare Wasser im Eimer sah.
      „Danke nochmal.“
      Theical hatte sich bereits zum Gehen gewandt. Leicht musste er lachen, als sich die Frau zum gefühlten hundertsten Mal bei ihm bedankte.
      „Kein Problem, aber ich muss jetzt wirklich los. Einen Botengang erledigen.“
      Damit ließ Theical Thyra hinter sich und lief die Gasse zurück bis zu seinem Haus. Er betrat es durch die Hintertür.
      Das kleine Häuschen bestand lediglich aus einem Stockwerk und nur eine schmale Leiter führte unter das Dach – wo er selbst schlief.
      Seine Großmutter und sein Großvater schliefen auf zwei alten Matratzen in einem altertümlichen Bett.
      Die Küche bestand aus einem Kochplatz mit Feuerstelle über dem ein Gestell baumelte. Der Kessel, den man daran befestigen konnte, stand neben der Feuerstelle. Einige verbeulte Töpfe und Pfannen hingen an der Wand dahinter. Auch ein Eimer mit frischem Wasser hatte seinen Platz gefunden.
      An der Wand gegenüber stand ein massiver Holztisch mit vier Stühlen. Jamir, seine Großmutter, war gerade dabei die hölzernen Teller einzusammeln und in einen Eimer zu räumen. Langsam und mit unsicheren Schritten durchschritt sie dann das Haus bis zu dem Kochplatz. Auf dessen Rand stellte sie den Eimer kurz ab und machte eine Pause. Als sie Theical bemerkte, lächelte sie ihn sachte an. Dieser ließ sich von dem freundlichen Gesicht jedoch nicht täuschen. Seine Großmutter sollte eigentlich das Bett hüten und nicht im Haus herumlaufen. Schlimm genug, dass sie für ihren Gast unbedingt kochen wollten, dabei hatte sie die junge Frau nicht einmal gesehen.
      „Ich mach das schon, leg du dich hin“, meinte er dann. Noch während er redete nahm er der alten Frau den Holzeimer aus der Hand.
      „Ich kann dich doch nicht alles machen lassen.“ Ein Husten unterbrach sie. „Du hast auch selbst schon genug zu tun.“ Wieder hustete Jamir, diesmal jedoch stoßweise. Sofort wirkte sie noch kränklicher und älter, als sie wirklich war. Schon seit Jahren hatte die Frau mit ihrer Krankheit zu kämpfen und es wurde nur immer schlimmer, anstatt besser. Theical hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, dass seine Großmutter je wieder gesund werden würde. Ihr hohes Alter tat seinen Teil dazu.
      „Ich mach das doch gern, und jetzt geh ins Bett. Wenn ich den einen Botengang erledigt habe, komme ich zurück und kümmere mich um dich.“
      Theical stellte den Eimer neben der Hintertür ab, damit er ihn bei seinem Wiederkommen direkt nehmen und den Inhalt waschen konnte.
      „Bis gleich“, sagte er noch, dann verschwand er durch die Tür und rannte die Straße Richtung Marktplatz entlang. Sein Großvater hatte ihm gesagt, dass er bei ihm in der Schmiede vorbeikommen sollte, etwas abholen und ausliefern. Es sollte also schnell erledigt sein. Mit etwas Glück konnte er auf dem Marktplatz auch ein paar Kräuter kaufen, die seiner Großmutter helfen würden. Etwas Geld hatte er mittlerweile ja zusammen gespart. Wobei die wenigen Münzen von Thyra ihm wohl nicht viel nützen würden. Theical fühlte sich noch immer schlecht, dass er der Frau ihr letztes Geld abgenommen hatte. Aber sie wollte es ja nicht anders.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Es klopfte an der schmalen Eichenholztür, zu des Lords Arbeitszimmer. Zacharas saß an seinem Schreibtisch und blickte gespannt zu dieser hinüber. “Wer ist da?”
      Ein leises Schnaufen war zu hören, gefolgt von einer ängstlichen Stimme. “Mein Herr, Ihr habt Besuch.”
      Es war sein getreuer Diener Paulus, der dort sprach.
      “Ja, ich komme sofort.” Langsam erhob er sich von seinem unbequemen und viel zu engen Stuhl, schnappte sich den rostigen Schlüssel auf dem Schreibtisch und trottete zur Tür hin. Langsam steckte er ihn ins Schloss und lauschte nochmals an der Tür. Er vernahm zwei Stimmen, beide ihm bekannt.
      “Mein Herr, seid Ihr noch da?”, fragte Paulus zögerlich. Doch Aras antwortete nicht drauf, sondern schnaufte nur entnervt.
      “Ich glaube, ich unterweise ihn doch nochmal”, dachte er sich und drehte nun den Schlüssel um. Kaum war die Tür geöffnet und leicht aufgezogen, stolperte auch schon Paulus hinein. In gebückter Haltung stapfte er entengleich über die Schwelle, Jaris mit im Gepäck. Aras war positiv überrascht. Nicht über Paulus, sondern über Jaris. Sofort reichte er ihm die Hand zum Dank, für das unerwartete Erscheinen. Paulus dagegen bekam einen sanften Tritt in seinen Hintern. Er watschelte wieder hinaus und verharrte draußen vor der Tür. Jaris wirkte sehr verwundert über diese offene und beherzt wirkende Begrüßung und griff nur zögerlich nach Araś Hand.
      Er schloss die Tür wieder ab und führte seinen neuen Leibwächter ein wenig durch sein Privatzimmer. “Seht, dort sind meine Bücher und Pergamente! Alphabetisch geordnet und stets von Staub befreit.”
      Er führte ihn zu seinen drei Regalschränken, zwei Meter hoch und jeweils fünft Meter lang. Jeder Schrank umfasste knapp fünfhundert Einzelexemplare. Jaris schien geteilter Freude zu sein. Er wirkte etwas desinteressiert, oder unbeeindruckt. Aras ließ das natürlich nicht auf sich sitzen und führte ihn sofort weiter, zu seinem Schreibertisch, auf welchem auch noch mal sechs meterhohe Stapel lose Pergamente und Papiere befanden. Alle fein geordnet und aufgestoßen. “Nach Alter und Seltenheit sind diese geordnet!”
      Jaris schüttelte leicht den Kopf und sprach: “Ist Euer bestes Stück etwa so klein, dass Ihr es mit sowas ausgleichen müsst?”
      Aras schreckte auf und schaute ihn erbost an. “Was soll das heißen? Was wollt Ihr mir hier unterstellen? Wollt Ihr Euch wirklich auf solch ein primitives Niveau begeben?”
      Es kam keine Antwort zurück. Nur ein leises Schnaufen ertönte.
      “Wie auch immer”, sprach Zacharas unbeeindruckt und zeigte zu seinem Stuhl. “Setzt Euch doch, mein lieber Jaris.”
      “Nein danke, ich stehe lieber!”
      “Wie auch immer”, ertönte erneut aus des Lords Mund und dieser griff nach zwei kleinen Beutelchen, die er Jaris überreichte. “Hier, das ist für Euch!”
      Jaris stutzte etwas und wirkte umso mehr verwundert, als er die nicht gerade leichten Beutelchen in seinen Händen hielt. “Wofür ist das?”
      Aras schmunzelte. “Na, Euer Lohn! Oder wollt Ihr keinen?”
      “Ja, doch! Aber...”
      “Keine Widerworte! Ihr seid doch nicht Paulus, der alles zweimal hinterfragt, oder?”
      Da schwieg Jaris erneut und blickte nur nachdenklich auf die Beutel.
      Erwartungsvoll starrte Aras ihn an und rieb sich ungeduldig die Hände. “Und wart Ihr dort? Habt Ihr gelauscht und geschaut?”
      “Ja, mein Herr”, grummelte Jaris.
      “Und was habt Ihr gesehen? Erzählt schon.”
      Aras schien schon, ohne was erfahren zu haben, mehr erfreut als Jaris, der noch gar nichts gesagt hatte.
      “Ich habe eine Frau gesehen!”
      “Und wie sah sie aus? Blonde Haare, schneeweiße Haut, rosa Lippen? Nun sagt schon?”
      Jaris war etwas verwundert, weil Zacharas sie so gut beschrieben hatte. Aber er dachte sich nichts weiter dabei. Vermutlich waren die meisten Frauen so. “Ja, so sah sie ungefähr aus. Ziemlich dürr und mager im Gesicht. Kaum Brust und nur bäuerlich gekleidet. Also sehr trist und grau.”
      Aras rieb sich leicht die Nase. “Ja, das ist Engel wie ich sie in Erinnerung habe.”
      “Und was hat sie gemacht? Waren da noch andere?”, fragte Aras weiter.
      “Was eine Bauersfrau eben so tut”, entgegnete Jaris ihm. “Dreckwasser wegschütten, etwas fegen und viel aus dem Fenster starren. Besonders in meine Richtung.”
      “Und mehr nicht?”, fragte Aras ihn leicht enttäuscht. Jaris verneinte dies. Der Lord grübelte und grummelte, sich dabei ständig über die Lippen streichend. Leise waren die Momente nun und Aras zog einsam seine Runden um die Regale. Jaris folgte ihm nur kurz, stellte sich aber dann leicht irritiert in die Ecke und befühlte lieber den rauen Stoff der Beutel, die ihn immer mehr reizten. Was dort wohn drinnen war und wieviel davon?
      Vier Runden war Aras gegangen, bevor er wieder vor seinem Schreibtisch stehen blieb und seine Augen auf die Papierstapel richtete. Er versank wieder in Gedanken und ließ seinen Blick über den Tisch kreisen.
      Schon wieder klopfte es an der Tür. Erneut war es Paulus. “Was ist?”, rief Aras genervt zu ihm.
      “Mein Herr, einer eurer...Reisenden ist zurückgekehrt.”
      Mit gesenktem Kopf, voller Wut und Missmut, stapfte er zur Tür hin, riss sie auf und keifte Paulus gedanklich an.
      “Mein Herr, ich würde nicht stören, wenn es wirklich nicht dringend wäre.”
      “Ist ja gut, Paulus! Nun sagt schon, worum es geht.”
      Er zeigte zu dem verletzten, dürren Mann hinüber, welcher sich kaum auf den Beinen halten konnte. Paulus sagte: “Er behauptet zu wissen, wo sich das letzte der sechs Pergamente von Daris befindet.”
      Da wurde Aras hellhörig! Ganz erstaunt blickte er drein und hielt im gleichen Atemzug Pauluś Mund zu. “Wartet einen Moment! Ich bin gleich wieder da.”
      Er machte kehrt, ging zu Jaris und sagte: “Ich habe etwas äußerst dringendes zu erledigen. Ihr könnt Euch so lange hier ein wenig umsehen.”
      Und sofort war er wieder verschwunden, den Zimmerschlüssel auf dem Schreibtisch zurücklassend. Er zog die Tür ran und ging mit seinen beiden Untertanen mit.
      “Nun erzählt mir, wo es sich befindet.”
      “In Gerisa, mein Herr!”
      “Und wieso ist es dann nicht seinem Besitz?”
      “Ein kleiner Mann hat es in Gewahrsam. Er wird von einer Jägerin beschützt.”
      “Eine Jägerin sagt ihr?”
      Beide nickten energisch. “Ja, sie hat mir in die Hand geschossen.”
      “Und was bringt mir das jetzt?”, fragte Aras entnervt und schaute ihn erwartungsvoll an. Aber außer verdutztem Glotzen kam nicht viel dabei herum.
      “Wie auch immer! Sucht Euch einen Dieb in Ymil und beschafft mir dieses Pergament! Geht jetzt, ich schicke Euch noch zwei Wachen nach, sobald Ihr meine Burg verlassen habt.”
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
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      Helios III (Arbeitstitel)
    • Kaum das er allein war setzte sich Jaris in den hoheitlichen Sessel und legte seine Beine auf den Arbeitstisch davor, ein paar Blätter unter seinen Stiefeln begrabend, auf dass es seiner Majestät den Atem nähme, sollte er ihn so sehen. Zacharas tat so, als hätte er sich all das hier erarbeitet, doch in Wirklichkeit, hatte er es sich einfach genommen, wie alles was er besaß inklusive Jaris´ Freiheit. Doch der klimpernde Beutel in seiner Hand vertrieb die düsteren Gedanken alsbald und er staunte nicht schlecht, als ihm Gold, Silber und sogar das Schimmern vereinzelter Diamanten entgegen glänzte. Er hielt ein kleines Vermögen in den Händen. Diese Frau musste Zacharas wohl wichtiger sein, als Jaris geglaubt hatte. Offensichtlich besaß selbst der Herzog von Ymilburg so etwas wie Gefühle. Es schien so als gäbe es einen Grund, weshalb er so war, wie er nunmal war. Bisher hatte Jaris nicht viel darüber nachgedacht, doch jeder Mensch musste wohl eine Vorgeschichte haben. Nicht, dass dies dessen Taten entschuldigte. Nach ein paar Minuten wurde Jaris etwas langweilig und er stand auf um zwischen den Regalen entlang zu streichen. Wirklich interessierten ihn die Texte auf den Pergamenten nicht, zumal viele davon in Texten verfasst worden waren die er nicht verstand, doch wenigstens tat er so etwas, anstatt nur da zu sitzen und zu warten. Er zog hier und da eine Schriftrolle hervor und überflog sie, falls er die oftmals verschlungene kraklige Schrift überhaupt entziffern konnte. Größtenteils ging es um Philosophie, und Natrurwissenschaften, über die Bedeutung der Welt und die Eigenschaften irgendwelcher hypothetischer Teilchens, aus denen alles angeblich bestand. Sicherlich alles hochtrabende und bedeutsame Gedanken, jedoch nichts, dass man durch überfliegen einer zweier Rollen Papyrus verstehen konnte. Während er so umherstöberte viel sein Blick auf den Arbeitstisch, der ihm vorher als Fußablage gedient hatte. Dort zuoberst duzender Pergamente lag eines, dessen Überschrift das Wort Daris enthielt. Er trat näher heran und hob das zugegebenermaßen leicht zerknitterte Schriftstück vor seine Augen. Den Rest des Textes konnte er nicht lesen, er war wie so viele andere auch in einer unbekannten Sprache verfasst. Doch Zacharas Diener hatte etwas von den Pergamenten von Daris gesagt. Es hatte in Jaris Ohren bedeutend geklungen. So studierte er den Text weiter ohne ihn zu verstehen bis ihm ein weiteres Wort auffiel. "Irishmir". Seine Mutter hatte ihm einmal gesagt er wäre dort geboren worden, auch wenn er sich wenig unter dem Wort vorstellen konnte. Er wusste nur, dass es ein Wald war, gesehen hatte er ihn nie. Aber was machte dieser Name in diesem durchweg mysteriösen Pergament. Er wollte gerade weiterlesen, als plötzlich Schritte vor der Tür erklungen. Schnell glättete er das Papyrus und legte es zu den anderer, bevor er einen Schritt zurück trat und die Arme hinter seinem Rücken verschränkte. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich ertappt. Die Tür wurde aufgestoßen und Zacharas schritt in den Raum. Seinem Blick war die Enttäuschung anzumerken, dass Jaris nicht, wie er wohl angenommen hatte, mit den Texten beschäftigt war, sondern nur still dastand. Sofort legte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht wieder, als wäre er verdrängt oder einfach vergessen worden, und ein Lächeln bemächtigte sich Zacharas Lippen. "Jaris. Mein guter Freund", sagte er mit vergnügter Stimme, "Ich habe eine Aufgabe für dich." Jaris unterließ es ihm zu sagen, dass er keineswegs ein "Freund" war. "Was", fragte er stattdessen und seine Stimme machte keinen Hehl aus seiner mangelnden Begeisterung.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Nachdem sich Theic von Thyra verabschiedet hatte widmete sie sich dem kühlen Nass im Eimer unter der Pumpe.
      Vorsichtig trank sie erst einige Schlucke, dann begann sie sich Nacken und Gesicht zu waschen.
      Was hätte sie darum gegeben ganz in dem Wasser unter zu tauchen, stattdessen brachte sie es wenigstens fertig ihre Haare zu waschen und zu einem neuen Zopf zu flechten, aus dem sich sogleich einige ihrer widerspenstigen Haare lösten.
      Zu guter Letzt schüttete sie das schmutzige Wasser an den Rand des Hofes und füllte den Eimer mit der quietschenden Pumpe voll.
      Sie wollte schließlich alles ordentlich hinterlassen und Theic keinen Ärger machen, weil er einer Fremden erlaubt hatte den Brunnen zu nutzen.
      Sie kehrte auf gleichem Wege zurück auf dem sie mit Theic gekommen war. Das Gewirr der Gassen war unübersichtlich und obwohl sie einen guten Orientierungssinn besaß, hatte sie Angst sich in den kleinen Sträßchen und Hinterhöfen der Stadt zu verlaufen.
      Als sie erneut an Theics Stall vorbei kam, konnte sie eine alte Frau ausmachen, die sich mit einem Eimer Küchenabfällen quälte. Sie ging gebeugt und musste ihre Schritte immer wieder unterbrechen, weil sie von schwerem Husten geschüttelt wurde.
      Thyra beschleunigte ihre Schritte und eilte zu der Frau. Stützend legte sie eine Hand auf die Schulter der alten Dame und nahm ihr den Eimer aus der Hand.
      „Ich mach das schon“, sagte sie freundlich.
      Die alte Greisin lächelte erfreut und fügte erklärend an: „Das soll das Schwein zum Frühstück bekommen.“
      Thyra nickte. „Kein Problem. Setzt Euch.“
      Sie führte die Dame zu einer kleinen, schiefen Bank, die an der Hauswand zu Theics Haus stand.
      „Darf ich den Namen meiner Helferin wissen?“, fragte die Frau und Thyra konnte sehen, dass sie schon einige ihrer Zähne verloren hatte.
      „Thyra“, antwortete die Jüngere der beiden freundlich.
      „Oh, dann seid Ihr das Mädchen, das Theic im Stall übernachten ließ?“ Fragend hob die Greisin eine Augenbraue.
      Thyra erwiderte ihren Blick erstaunt, aber dann fiel bei ihr der Groschen.
      „Ihr müsst Theics Großmutter sein! Euer Brei heute Morgen zum Frühstück war köstlich! Sagt, wo habt Ihr den Zimt her?“
      So entsprang ein Gespräch zwischen den beiden Frauen und obwohl Thyra beabsichtigt hatte weiter zu ziehen, bot sie der alten Dame ihre Hilfe an. Sie schien sehr krank zu sein und konnte eine helfende Hand sicherlich gut gebrauchen.
      Außerdem spürte Thyra, dass die Dame ihre Gesellschaft genoss. Sie selbst konnte kaum noch vor die Tür gehen, lag die ganze Zeit im Bett. Sie fragte Thyra regelrecht Löcher in den Bauch und sie erzählte bereitwillig von ihren Abenteuern, die sie seit ihrem Weggang aus dem heimatlichen Gebirge erlebt hatte.
      Doch als sie von ihren Eltern erzählen sollte packte sie das Heimweh. Was würde sie für eine Umarmung ihrer Mutter geben, die sie seit drei Jahren nicht gesehen hatte? Was für einen rauen und kalten Windzug in der sommerlichen Hitze, die sich in der Stadt hier staute?
      Als die Frau, sie hatte sich schließlich als Jamir vorgestellt, es merkte, wechselte sie gekonnt das Thema und erzählte nun von sich, ihrem Mann und Theic, der bei ihnen lebte und ihnen half wo immer er konnte.
      Sie konnte Thyra auch erklären, was Sari für ein Vogel war. Er schien besonders selten und wertvoll zu sein. Er gehörte zur Gattung der Donnervögel, die ganz spezielle Verteidigungsfähigkeiten besaßen.
      Darüber jedoch wollte sich Jamir nicht genauer äußern.
      „Es ist viel spannender es in der Praxis zu erfahren“, hatte sie gesagt und gezwinkert.
      Thyra hoffte, dass Sari seine – oder ihre? – Fähigkeiten nicht an ihr ausprobierte.
      So vergingen die Stunden wie im Flug.
      Sich kochte Jamir einen Tee und setzte sie an den Küchentisch, während sie den Abwasch machte, die Küche ausfegte, Kartoffeln schälte und ganz einfach die Unterhaltung genoss.
      So sehr sie Fenrir liebte, aber die ungezwungene Nähe eines Menschen war nach Tagen der einsamen Wanderungen nur mit dem Wolf als Begleitung, unbezahlbar.
      Dreck auf Toast!
    • Theical rannte durch die Straßen Gerisas. Sein Auftrag hatte doch länger gedauert, als er angenommen hatte. So ließ sein Großvater ihn einmal die Stadt queren, um einem Händler einen Sack Kupferstücke zu geben, die er ihm noch schuldete. Und schließlich wollte eben dieser ebenfalls, dass er für ihn noch irgendein krummes Ding abwickelte. Theical war darüber absolut nicht begeistert gewesen – hatte er schlichtweg keine Zeit für so etwas. Allerdings war dem Händler dieser Auftrag einiges wert gewesen, weshalb Theical doch zugestimmt hatte. Jedoch wollte er gar nicht wissen, was genau in der Schachtel war, die sich jauchzend über die Bewegung beschwert hatte und die er in einer dubiosen Gasse in einem Laden mit ausgeblichenen Buchstaben abgeliefert hatte. Das Einzige, dass ihn interessierte waren die sechs Silberstücke, die ihm der Händler in die Hand gedrückt hatte. Drei davor, drei nach der Arbeit. Es war mehr, als er in einer Woche mit seiner Arbeit als Botenjunge verdiente. Aus diesem Grund war ihm auch der eindeutig illegale Aspekt daran egal gewesen.
      Einen großen Teil des Silbers hatte er auf dem Marktplatz jedoch sofort wieder ausgegeben. Für frische Kräuter und eine neue Decke für Jamir. Sogar ein bereits totes Huhn hatte er sich davon geleistet.
      Außer Atem kam Theical bei dem kleinen Haus an und öffnete die quietschende Tür. Das widerliche Geräusch erinnerte es ihn daran die Scharniere endlich nach zu ziehen. Sein Großvater fand neben seiner Arbeit in der Schmiede für solche Kleinigkeiten schließlich keine Zeit.
      „Großmutter ich bin zurück“, grüßte Theical in den Raum, hielt aber inne, als er nicht nur Jamir erkannte. Neben der alten Frau saß auch Thyra am Tisch und lächelte verschmitzt.
      Zwei dampfende Tassen Tee standen zwischen ihnen und scheinbar hatten sich die Frauen angeregt miteinander unterhalten.
      „Willkommen zurück Theic“, meinte Jamir. Freudig lächelte die alte Frau. Sie wollte sich erheben, aber ein kräftiger Husten unterbrach dieses Vorhaben. Theical drückte sie an der Schulter sanft wieder in den Stuhl und legte seinen Einkauf auf dem Tisch ab. Geduldig strich er Jamir über den Rücken. Auch Thyra nahm eine der zitternden Hände der Alten an sich. Gefühlvoll fuhr sie darüber, bis sich der Husten wieder beruhigt hatte.
      „Geht's wieder?“, fragte Theical voller Sorge. Der Anfall war schlimmer, als alle zuvor. Ohne Frage ging es langsam auf das Ende zu.
      Jamir zwang sich ein Lächeln ab und tat die Sache als weniger schlimm ab, als sie wirklich war.
      „Ich habe dir doch gesagt, dass du dich hinlegen sollst.“ Vorwurfsvoll sah Theical seine Großmutter an. Auch Thyra blieb von dem Blick nicht verschont. Er wollte sie eigentlich nicht dafür verantwortlich machen, dass seine Großmutter am Tisch saß, anstatt im Bett zu liegen, schließlich schien die junge Frau dafür gesorgt zu haben, dass Jamir nicht umher lief und sämtliche Hausarbeiten erledigte, aber gelingen wollte es Theical nicht.
      „Woher hast du das Geld für all das?“, fragte Jamir kritisch, anstatt auf die Aufforderung ihres Enkels einzugehen. Ein Husten unterbrach ihre Neugier.
      „Verdient“, meinte Theical knapp. Er nahm alles wieder vom Tisch, nur die Decke ließ er liegen und wandte sich dann der Kochstelle zu. Dort legte er die Kräuter ab und das Huhn hängte er verkehrt herum auf. Jamir verzog das Gesicht, wie sie es immer tat, wenn sie ihm nicht glaubte, aber sagen tat sie nichts.
      Thyra stand derweil auf und inspizierte die verschiedenen Kräuter und auch das Huhn.
      „Das ist gute Ware, hat sicher einiges gekostet.“
      Unauffällig stieß Theical ihr mit dem Ellenbogen in die Rippen. Ein warnender Blick streifte die Frau. Er wollte nicht, dass sich seine Großmutter Sorgen machte, oder von seinen Geschäften wusste. Je weniger sie und sein Großvater mitbekamen, desto besser.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • “Ich werde Euch auf eine kleine Reise schicken”, sagte Zacharas und ging wieder durch die Regalreihen. Er kramte ein paar Bücher hervor und blätterte willkürlich darin herum.
      “Eine Reise?”, fragte Jaris leicht verwundert und ging ihm langsamen Schrittes hinterher.
      “Ja richtig, eine Reise”, erwiderte Zacharas und schlenderte weiter. “Eigentlich müsstet Ihr diese Reise nicht antreten.”
      “Und wieso nicht?”, fragte Jaris sofort. Er schien etwas verwirrt zu sein. Aber wer war das bitteschön nicht, wenn Aras etwas äußerte?
      “Ich meine damit, dass Ihr für den eigentlichen Sinn dieser Reise nicht benötigt werdet.”
      “Und warum soll ich dann auf Reisen gehen, wenn dies nicht von Nöten ist?”
      Aras blieb stehen und wandte sich nun direkt Jaris zu: “Es geht mir eher um die Umstände, welche herrschen könnten.”
      “Inwiefern?”, fragte Jaris und schaute ihn erwartungsvoll an.
      “Einer meiner Kundschafter ist auf dem Weg nach Gerisa, um mir etwas zu besorgen. Er wird von einem Dieb begleitet.”
      Jaris schreckte auf und machte große Augen. “Ein Dieb? Soll ich ihn etwa verfolgen und zur Strecke bringen?”
      Sofort hob Aras die Hände und winkte ab. “Um Gottes Willen, nein! Bloß nicht. Ihr sollt nur darauf achten, dass der Dieb kein Falschspielt macht.”
      Jaris stutzte. “Ist das denn nicht Gang und Gäbe, dass ein Dieb Falschspiel treibt? Ich verstehe nicht ganz, was Ihr mir damit sagen wollt. Um ehrlich zu sein, verstehe ich so einiges nicht, was Ihr mir entgegenbringt.”
      Leicht mürrisch wurde Aras dabei und musste sich erstmal räuspern. “Das ist jetzt aber schon etwas hart von Euch, mein Jaris. Ich habe mir solche Mühe gegeben, Euch das Leben angenehmer zu gestallten und Euch etwas beizubringen. Und Ihr stellt all das in Frage?”
      “Wieso Leben angenehmer gestallten?”, entgegnete er ihm ganz ungläubig. “Bis jetzt habe ich von Euch nur Protz, Gier und Hinterlist gesehen. Ehre und Mitgefühl war nie anwesend in Eurer Nähe.”
      Leicht erzürnt richtete Aras seine Hand auf ihn. “Wann habe ich Euch ein Leid angetan? Wann habe ich jemanden bestohlen oder hintergangen? Sagt es mir, Jaris. Wer von uns beiden hat sechs meiner Männer auf dem Gewissen? Wer von uns beiden wollte bewusst stehlen?”
      Jaris schwieg. Ihm fiel anscheinend keine passende Antwort ein. Aras kam dies sehr gelegen und er berieselte Jaris mit weiteren Fragen. “Warum seid Ihr meiner Bitte nachgegangen, wenn es Euch doch zuwider war? Warum habt Ihr Euch nicht gewehrt, als wir uns duellierten? Was wäre geschehen, wenn ich Euch nun wirklich körperlich angegriffen hätte? Oder was wäre passiert, wenn Ihr mich getötet hättet?”
      Jaris begriff mal wieder gar nichts und stand nur fragend da.
      “Was ist so schlimm daran, auch mal einer schwachsinnigen Bitte nachzugehen? Erklärt mir das, Jaris.” Erwartungsvoll war Araś Blick und musternd ebenso. Schwerfällig und krepelig hielt er seine Bücher auf dem Arm und stampfte seelenruhig um Jairs herum, Richtung Schreibtisch.
      Jaris räusperte sich und erwiderte, wenn auch sehr zögerlich und bedacht. “Ich habe sechs Eurer Männer getötet und auch ich wollte Euch bestehlen. Aber ersteres war Notwehr und zweites Bedürfnis. Und Ihr habt mir in sofern ein Leid angetan, dass Ihr mich meiner Freiheit und Identität beraubt habt! Und ich habe Euren Auftrag angenommen, weil ich nichts besseres zu tun hatte als Euch zu helfen. Aber dienen wie Paulus werde ich Euch niemals.”
      Aras lachte beherzt. “Das habe ich auch nicht vor, dass Ihr das tun sollt. Paulus reicht mir vollkommen aus als Schoßhund. Ich verlange nur, dass Ihr mein Leibwächter seid und mich stets vertretet und behütet. Und wenn ich Euch eine Anweisung gebe, egal wie hirnlos sie auch klingen mag, befolgt Ihr sie und hinterfragt nicht alles ständig und dreimal!” Wutentbrannt haute er auf den Tisch und setzte sich anschließend ganz langsam auf seinen viel zu engen Stuhl.
      “Ist es denn so schwer, einfach mal meine Befehle zu befolgen, Jaris?”, fragte er ihn, jetzt wieder ganz ruhig und gelassen. Zacharas war wieder die Ruhe selbst und setzte sich auf die Tischkante. Er dachte über seinen gerade erlebten Wutausbruch nach. “War dies wirklich gerade nötig? Ich hätte mich einfach beherrschen sollen und seine hohlen Fragen ignorieren sollen. Ich bin aber so kurz vorm Ziel und will es endlich geschafft haben.”
      “Seid Ihr jetzt bereit, meine Befehle zu befolgen Jaris?”
      Er schnaufte tief. “Ich war niemals nicht dazu bereit, mein Lord”, grummelte er und nahm erneut Haltung ein. Wobei diese auch nur gezwungen erschien.
      “Ihr begleitet meinen Kundschafter auf seiner Reise und habt ein Auge auf den Dieb. Wenn er nicht aufmuckt, wird auch nicht schlimmes weiter passieren. Aber der Dieb muss am Leben bleiben. Zumindest so lange, wie es mein Kundschafter Euch befielt.”
      Jaris nickte. “Ich habe verstanden, mein Herr!”
      “Dann geht jetzt endlich. Sie warten bereits unten an der Stadtmauer.”
      Jaris machte kehrt und verschwand augenblicklich. Aras wartete noch eine Weile und ging dann ebenfalls raus auf den Flur. Die nächstgelegene Wache suchte er auf und unterwies sie. “Ich habe einen Auftrag für Euch. Begleitet meinen Kundschafter und habt ein Auge auf Jaris. Wenn er auch nur irgendwie aufmuckt oder versucht, etwas zu hinterfragen, lasst Ihr ihn meinen Zorn spüren! Und nun geht!”
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
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      Helios III (Arbeitstitel)

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