Wind der Veränderung

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      Sir Jufington schrieb:

      Das die bis vor Kurzem selbst noch brannte, schien ihm nicht aufzufallen.
      gebrannt hatte


      Oh, zwei neue Charaktere, spannend...
      Der arme Bauer. Aber die Jungs kann ich auch verstehen. Er hätte ihnen ein wenig länger zuhören sollen. Dann wäre er jetzt noch bei "bester Gesundheit". Aber naja, so ist das nun mal. Mal sehen, inwiefern die beiden noch eine Rolle zu spielen haben.
      Ewigkeit

      Stell dir eine Stahlkugel vor, die so gross ist wie die Erde. Und eine Fliege, die sich einmal in einer Million Jahren darauf niederlässt. Wenn die Stahlkugel durch die damit verbundene Reibung aufgelöst ist, dann … ja dann … hat die Ewigkeit noch nicht einmal begonnen!

      – David Lodge, 1993
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      Sir Jufington schrieb:

      Sehnsüchtig spähte Mikolaj in den Schemenhaften Wald.
      klein

      Zwei neue Charaktere? Ich muss sagen, bisher gefallen mir die beiden sehr gut. Und verstehen kann ich sie auch. Auf der anderen Seite auch den Bauer, aber gut, dem geht's ja jetzt sowieso "weniger gut". :whistling:
      Klingt jedenfalls sehr interessant mit den beiden und ich hoffe mal, dass sie noch eine weitere Rolle spielen werden. ^^

      LG, Kyelia

      Außer Betrieb - Geduldsfaden ist gerissen
    • Es ist ja verständlich, dass Hungerleidende auf diebische Gedanken kommen. Aber Mord, und wenn es auch ein Unfall war, wird ihnen hoffentlich Probleme einbringen und diente nicht nur als Mittel, die beiden in der Geschichte vorzustellen. Weil mir sind die Knilche erst einmal gar nicht sympathisch xD

      Aber schön geschrieben, wie alles seit meinem letzten Kommentar. Ich bin auf jeden Fall dabei.
      "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"
    • Der Rest des Kapitels. Ich war schon die ganze Woche fast fertig, habe aber vergessen, dass ich schon so weit geschrieben hatte. :whistling:

      "Du hast ihn umgebracht!", schrie Mikolaj das Offensichtliche hinaus.
      "Mein Finger hat gezittert, es war ein Unfall! Und jetzt komm!" Pjotr hatte sich erstaunlich schnell gefasst. Wie konnte er bloss einen Mord so leicht wegstecken? Bis auf die ersten Jahre im Bordell, wo Mutter arbeitete, hatten sie ihr ganzes Leben auf der Strasse verbracht und mussten sich mit kleinen Gaunereien durchschlagen. Kleine Gaunereien. Nicht im Traum hätten sie je daran gedacht, jemandem den ganzen Besitz zu rauben oder gar einen Mord zu begehen! Doch nun hatten sie es getan und mussten rennen. Mikolaj machte sich nicht einmal die Mühe, etwas von der Beute zu retten, sondern stürzte gleich seinem Bruder hinterher nach draussen. Sie rannten über das Feld, von dem sie kamen und hörten bereits Stimmen aus den umliegenden Häusern. Gleich käme jemand nach dem Rechten sehen. Gleich fände man die Leiche und gleich verfolgte man sie. Sie tauchten in die schwarze Sicherheit des Waldes ab. Zum Glück war Vollmond, so sah man durch das Dach von Blättern und Nadeln immerhin noch düstere Schatten, Umrisse und Strukturen. Gerade genug, um beim Laufen nicht zu stolpern. Sie jagten über den raschelnden Blätterboden, abwärts und aufwärts, duckten sich unter niedrigen Ästen hindurch und sprangen über umgestürzte, schattenhafte Dinger, vermutlich Baumstämme. Manchmal kam er ins Rutschen, wenn die Erde unter den Blättern feucht und matschig war oder stolperte über vorspringende Wurzeln und unerwartete Äste. Oft konnte er sich zappelnd vor dem Sturz retten, ein-zwei Male legte er sich aber tatsächlich bauchvoran in den Dreck und keuchte dabei. Mühsam musste er sich wieder aufrichten und weiterrennen. Am liebsten wäre er doch liegen geblieben.

      Doch leider ging das nicht, den weit hinter ihnen schallten aufgebrachte Stimmen durch den Wald. Mikolaj drehte sich um und konnte zwischen vielen Baumstämmen einige schwache Lichtscheine ausmachen. Hunde bellten. Sie waren ihnen auf der Spur.
      Panisch rannte er weiter. Wo war bloss ihr Lager? Und wo war Pjotr? Letztere Frage klärte sich rasch, als er das hastige Rascheln und Knacken von Füssen auf dem Waldboden einige Meter neben sich hörte und dort einen Schatten in ähnlichem Tempo rennen sah.
      Seine Erschöpfung wurde stärker. Er stiess rasch und gepresst mit offenem Mund Luft in- und aus den Lungen und rannte aus purer Mechanik. Seine Beine wurden taub vor Müdigkeit und wollten ihm bei jedem Auftritt unter dem eigenen Gewicht wegknicken. Er bekam unangenehmes Seitenstechen und seine Wangen glühten. Und ständig kamen die Rufe und das Bellen näher.
      "Sie können nicht mehr weit sein", riefen sie. "Die Hunde drehen fast durch!"
      Noch einmal drehte sich Mikolaj um. Die Lichter waren ihnen auf den Fersen. Er sah eine auf und ab springende Laterne und die Flanke eines Pferds. Darauf sass eine Gestalt mit hohem, federgeschmückten Hut, die sich tief über den Hals des Tiers beugte. Mehr vermochte er nicht zu erkennen, denn es war dunkel und er konnte sich nur einen raschen Blick erlauben. Er rannte, als wären rachsüchtige Dämonen hinter ihm her. Was auch stimmte. Auch wenn er schon längst nicht mehr konnte, trieb ihn die Angst immer weiter an. Bloss nicht langsamer, bloss nicht erwischen lassen. Er wüsste nicht, was er tun sollte, würde er von Pjotr getrennt. Sein ganzes Leben musste er sich noch nie allein durchschlagen.
      "Da ist er! Ich sehe ihn!"
      Verdammt! Gleich haben sie mich! Es brauchte nun schon einiges an Überwindung, noch einen Zacken schneller zu laufen. Die Stimmen waren nun wirklich nah. Doch vor ihm konnte er Schatten ausmachen. Büsche, zwischen deren schmaler Lücken er hindurch passte. Er hob die Arme an und zwängte sich schnellstmöglich zwischen die verworrenen, kratzenden Äste. Der Boden hier war abfallend und als die Blätterdächer über ihm sich lichteten, sah er eine weite Bodensenke, die von Büschen bedeckt war. Vermutlich reife Preiselbeeren, zwischen denen sich ein schmaler, von Wildtieren gebildeten Trampelpfad schlängelte. Dahinter, auf der anderen Seite der Senke, konnte er schwaches Licht ausmachen. Das Lager!
      "Da kommen wir nicht durch! Rundum!", er hörte Pferde wiehern und Hufe missmutig stampfen. "Die Hunde werden ihn schon kriegen!"
      Angesichts des nahen Ziels, vor Erschöpfung und aus Angst vor den Jagdhunden kam Mikolaj ins Straucheln. Noch bevor er den Hang hinunter war, rutschte er mit dem rechten Fuss aus und fiel, der Linke schmerzend angewinkelt auf den Hintern. Vom Ruck und um dem Schmerz zu entgehen, rollte er sich zur Seite, noch während er der Senke entgegen kullerte. Die Äste der Büsche peitschten ihm gegen Gesicht und Hals und bremsten seinen Sturz unangenehm. Schwer atmend richtete er sich auf, wankte und setzte seine Flucht mit zusammengekniffenen Augen fort. Nur noch das nahe Ziel hielt ihn davon ab, sich seiner Erschöpfung zu ergeben. Und die Angst vor dem Bellen, das ihm dicht auf den Fersen war. Es gab nur noch das Licht des Lagerfeuers. Nicht das der Laternen, das um die Senke herum tanzte, nicht das feurige Beissen auf den Wangen. Nur noch das rettende Licht.

      Mit zitternden Beinen, keuchend, verschwitzt und mit verschwommener Sicht stolperte er zum Lager, das hinter dichtem Blattwerk verborgen gewesen war. Und prompt sprangen vier Gestalten auf. Vier Gestalten, die an ihrem Feuer gesessen hatten! Doch es war nicht ihr Feuer, bemerkte er. Denn ausgerechnet in diesem Wald lagerte noch eine andere Gruppe und ausgerechnet diesem falschen Feuerschein waren sie gefolgt. Nicht nur Mikolaj, sondern auch Pjotr stolperte nun von der anderen Seite her auf die Lichtung und die Gestalten schienen nicht amüsiert. Alle waren sie aufgesprungen. Eine Frau hielt ein Kriegsmesser, ein Mann eine Muskete, die er aber nicht auf sie richtete. Und dann kamen auch die Hunde. Wild bellend sprangen sie aus der Dunkelheit und bremsten ab, als wären sie ebenso verwirrt. Sie bellten, knurrten und rannten von einem Fleck zum anderen, als möchten sie allesamt in Schach halten. Die Reiter erschienen. Es waren drei. Die Laternen, die sie trugen, vermischten sich mit dem Schein des Feuers und erhellten die Szene. Sie trugen lange Mäntel, die sie wohl hastig angezogen hatten. Einer von ihnen trug neben diesem und der hohen Stiefel nur ein Nachthemd. Bewaffnet waren sie mit Bögen oder langen Keulen. und sie kreisten beunruhigt um das Lagerfeuer. Bis auf das Knurren der Hunde, das Stampfen der Pferde und das heftige Keuchen der beiden Jungen herrschte drohende Stille. Alle, die nicht gerannt waren, starrten sich voller Misstrauen an. Niemand sagte ein Wort, sondern versuchte bloss, die Motive des anderen zu erkennen. Lange dauerte das gegenseitige Einschätzen und die grimmigen Blickduelle, bis schliesslich einer der Reiter, der mit dem spitzen Hut, der Mikolaj schon vorhin aufgefallen war, das Wort ergriff: "Eine ganze Bande seit ihr also, ihr dreckigen Mörder. Wir hatten bloss einen oder zwei erwartet. Die Jungen wollten wir schnappen. Die kleinen Ungeheuer, die ihr losgeschickt habt, um für euch die Drecksarbeit zu erledigen."
      Die Frau mit dem Kriegsmesser, eine eigentlich hübsche junge Frau mit locker zusammengebundenen, nussbraunem Haar aber etwas Narbengeflecht auf Wange, Stirn und Hals, schien erschrocken. Sie sagte etwas, das Mikolaj nicht verstand. War das überhaupt Landessprache? Die andere Frau, eine kleine mit dunklen, kurzgeschorenem Haar und stolzem, vorgerecktem Kinn, ergriff das Wort: "Wir wissen nicht, was diese beiden gemacht haben und es interessiert uns auch nicht. Wir haben nichts mit denen zu tun."
      "Ihr lasst eure Kameraden also im Stich? Was bin ich auch überrascht, von solchen Leuten kann man nichts anderes erwarten als Lug und Verrat."
      "Habt Ihr nicht zugehört? Wir kennen die Knaben nicht."
      "Tut ihr nicht? Und warum, darf ich fragen, habt ihr dann eure Waffen gezückt, wenn ihr nicht etwas verbrochen habt?"
      Der Mann mit der Muskete sagte etwas unverständliches. Er schien sich zu rechtfertigen. Mikolaj war diese Sprache nicht fremd, es schien ihm, als wäre sie dem Vodraskischen Ähnlich. Und doch schien es ihm mehr vom Kadranen zu haben, die Sprache, die man in Ardonien benutzte. Vielleicht ein Dialekt der Grenzbewohner? Er war nicht gut in sowas. Also stand er bloss mit weichen Knien da und achtete darauf, das ihn keiner der Hunde anfiel und kein Reiter, die weiter das Lager umkreisten, packte.
      "Meine Herren", sagte einer der Lagernden, der ein ungewöhnlich breites Rapier hielt. "Mir scheint, wir befinden uns hier in einem Patt." Der Mann sprach mit schwerem Akzent. Er machte einen abgekämpften aber noch immer gestählten Eindruck. Sehnige Gliedmassen, kurzer Bart, struppiges, Braunes Haar, eine lange Nase mit markantem Rücken und ein zerfurchtes Gesicht. Niemand, der sich jedem dahergelaufenem Tölpel beugen würde.
      "Tun wir nicht, ganz einfach. Gebt uns die Jungen. Das sind Mörder, falls ihr es noch nicht begriffen habt", fauchte der Reiter wütend.
      "Es war ein Unfall!", rief Pjotr. "Ich hatte die Pistole geladen, ohne das mein Bruder überhaupt davon wusste und als der Hausherr uns dabei erwischte, wie wir Brot stahlen, hatte ich sie aus Angst auf ihn gerichtet. Meine Hand hat gezittert, es war ein Unfall!"
      Der Mann hörte Pjotrs Ausbruch mit gerunzelter Stirn zu. Dann nickte er bedächtig und richtete seinen strengen Blick wieder auf die Reiter. Diese schienen nur noch zorniger.
      "Allein die Tatsache, dass ihr eine Pistole mit euch führtet, zeigt von eurer widerwärtigen Absicht! Ich sage, wir knüpfen sie gleich hier an dieser Eiche auf!"
      "Nicht so schnell, wollt ihr ihnen denn keinen Prozess geben?"
      "Wozu bloss? Sie haben ja bereits gestanden."
      "Durch ihre Hand ist jemand gestorben, ja. Aber sie behaupten, es war keine Absicht. Ich kann nicht zulassen, das jemand hier aufgeknöpft wird, ohne Schuld zu tragen." Der Mann sah die Reiter der Reihe nach herausfordernd an. Einen Moment lang war es still. Kein Gaukler hätte die Spannung durchbrechen können. Dann schliesslich zügelte der Hutträger sein Pferd.
      "Ivan war ein guter Mann. Seit dem Tod seiner Frau ein Säufer, aber durchaus rechtschaffen. Gerade noch hat er mir Würste vorbeigebracht, weil er mir einmal das Pferd ausgeliehen hat. Wenige Minuten später hörte ich den Schuss und nun ist er tot. Seine Mörder haben das gleiche Schicksal verdient und ihr hindert uns daran, es ihnen zu verschaffen. Das werdet ihr noch bereuen! Man wird nach den Jungen suchen, mit mehr als drei Mann!"
      Damit trieb der Dorfbewohner sein Pferd an und trabte davon. Die anderen beiden folgten ihm nicht ohne ihnen vorher noch einen hasserfüllten Blick zuzuwerfen.
      Sobald der Laternenschein der Reiter und das Knurren der Hunde vollends im Wald verschwunden war, g
      aben Mikolajs weiche Knie nach und der liess sich zu Boden sinken.
    • @Kyelia Danke. Ich hatte etwas Zweifel, was diesen Teil anging. So coole Vorstellungen und so viel, das ich noch reinbringen wollte. Dann hab ich gemerkt, dass einfach ziemlich viel auf einmal passiert. Also hab ich mir vor allem Mikolajs Gedankengänge gespart, damit kein völliges Durcheinander entsteht.
      Eine Zeit lang habe ich mir auch überlegt, die Storylines längere Zeit getrennt zu halten. Hätte die Hauptstory aber wohl ziemlich langweilig gemacht und wenn ich bedenke, wie viel noch passieren soll...ist besser, wenn es voran geht.
    • Gute Hetzjagd, muss man schon sagen xD

      Interessant, dass die Bürger mitten in der Nacht gleich mal drei Mann und Kläffer mobilisieren konnten. Wie auch immer, jetzt haben sich alle wichtigen Charaktere getroffen und ich warte gespannt ab, was da noch draus wird. Mein üblicher Kritikpunkt wäre jetzt nämlich, dass zu viele auf einem Haufen sind, aber ich warte erst einmal, was überhaupt kommt.
      "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"
    • Schöner Teil. Ich hab zwar eine Weile gebraucht, um zu begreifen, wer die Leute vom anderen Lager sind, aber das liegt an mir (ich bin heute seit halb fünf auf und ziemlich müde ^^ )
      Beim lesen der Hetzjagd ist mir eine Frage in den Sinn gekommen: Warum wollten die beiden Jungs unbedingt zu ihrem Lager? Klar, es passt gut, dass sie "falsch abbiegen" und dann auf die anderen treffen, aber was bringt es für die Jungs? Haben sie irgendwie Waffen in ihrem Lager, die ihnen geholfen hätten oder so?
      Einfach mal meine Gedanken...

      Und noch etwas:
      MEHR!!!! MEHR!!! MEHR!!! 8o
      Ewigkeit

      Stell dir eine Stahlkugel vor, die so gross ist wie die Erde. Und eine Fliege, die sich einmal in einer Million Jahren darauf niederlässt. Wenn die Stahlkugel durch die damit verbundene Reibung aufgelöst ist, dann … ja dann … hat die Ewigkeit noch nicht einmal begonnen!

      – David Lodge, 1993
    • @Wysenfelder Ja, vorerst sind's recht viele in einer Gruppe, aber das wird sich irgendwann schon noch ändern. Ich habe mir noch überlegt, ob ich einen weiteren Charakter einbauen möchte, der nur hin und wieder auftaucht und die meiste Zeit über eine Storyline abseits der Hauptgeschichte hat, aber das könnte auch so reingeklatscht wirken.

      @Lyn NEIN! NEIN! NEIN! Ich meine...noch nicht.
      Ich hatte gedacht, sie wollen ins Lager, um ihr Gepäck zu holen, aber jetzt wo du's sagst...Das meiste tragen sie ja bei sich. Nur Schlafsäcke und vielleicht Ersatzkleider und Kochutensilien sind noch dort. Vielleicht war das Adrenalin, das das Denken schwierig machte. Ich werd mir noch etwas überlegen oder hoffen, dass die meisten Leser nicht so spitzfindig sind. :rolleyes:
    • So, irgendwie dauern die Kapitel immer länger zum Schreiben...hier ist jedenfalls der erste Teil von...

      Kapitel 4

      "Und was gedenken Sie jetzt, mit ihnen zu machen? Weil Ihr sie in Schutz genommen habt, werden wir bald schon Ärger bekommen." Die Sucherin hatte die Arme verschränkt, stand breitbeinig da und sah auf Imorym hinab, der vornübergebeugt auf einem Baumstamm am Feuer sass und grübelnd seine Nase zwischen die Zeigefinger klemmte.
      "Werden wir nicht. Die Bauern hatten Angst. Sie wagen sich nicht noch einmal, sich uns in den Weg zu stellen. Nicht ohne Verstärkung. Und die findet man im Militär, wo sie jetzt, wo auch hier im Norden der Krieg tobt, keiner bieten wird."
      "Was ist mit anderen Bauern? Ein wütender Mob?"
      "Nicht auszuschliessen. Du kennst dich hier aus, sag mir: Ist den Leuten hier Gerechtigkeit wichtig genug, um eigenes Blutvergiessen dafür in Kauf zu nehmen?"
      "Die Leute hier sind treue Anhänger des Zarim. Gerechtigkeit ist ihnen ebenso wichtig wie auch seine anderen vier Lehren. Liebe, Ruhe, Ehre und Freiheit. Sie werden einiges in Kauf nehmen, um Rache üben zu können."
      Imorym fluchte und rieb sich erst die Nase, dann die unterlaufenen Augen.
      "Die Knaben wollen bei uns bleiben. Wir könnten sie bis Urzagov begleiten, aber damit bringen wir uns noch mehr in Gefahr. Ich bezweifle, das der Schutz Borheims hier viel bringen wird."
      "Wir könnten es beim nächsten Treffen versuchen. Etwas mehr Diplomatie wäre durchaus nicht fehl am Platz", die Sucherin warf Imorym einen bösen Blick zu. "Dennoch bin ich dagegen, die Bengel mitzunehmen. Warum sollten wir zwei kriminelle Mäuler mehr stopfen?"


      Ulrich stocherte im neu aufkeimenden Feuer und hörte beiläufig der Diskussion zu. Er war durchaus gespannt auf das Ergebnis - und was sich daraus noch erschliessen konnte. Allerdings war er auch verdammt müde. Die Nacht war schon weit fortgeschritten. Tamera schien bereits zu dösen, der kleinere der beiden Jungen auch. Der Grössere indes sah im zu. Erst liess er ihn machen, platzierte einen dicken Ast neu, blies in die Glut hinein und sah zu, wie die Flammen loderten. Dann erwiderte er die Blicke des Jungen: "Was guckst du so blöd?"
      Er blickte jetzt nur noch dümmlicher.
      "Kyes...mo draskje?", versuchte Ulrich die Frage jetzt auf Vodraskisch, wohl wissend, dass es schrecklich klang.
      "Kyez. Nicht Kyes", korrigierte ihn der Junge zögernd.
      "Kyez mo draskje?"
      Der Junge zuckte mit den Schultern. Er betrachtete ihn. Er sah älter aus als sein Bruder, dennoch konnten sie Zwillinge sein. Beide hatten eine ungebändigte braune Haarmähne, dicke Augenbrauen und ungewöhnlich tiefblaue Augen, die fast silbern gesprenkelt schienen. Dieser hier hatte ernstere, reifere Gesichtszüge und schien entschlossener zu sein als sein Bruder. Er sass mit angewinkelten Beinen auf dem Boden und hielt eine Mütze mit Pelzrand in den Händen. Tragen tat er einen verbrauchten grauen Mantel, darunter ein kastanienbrauner Wollpullover und abgetragene Hosen mit weissen Knien.
      "Wie ist dein Name? Cdesye...to Cdesye?"
      "Pjotr Slaski", sagte der Bursche. Dann deutete er auf den anderen. "Mikolaj Slaski."
      "Du musst durstig sein, Pjotr", sagte er mehr zu sich selbst, stand auf und schnappte sich seinen Wasserschlauch. "Wasser", erklärte er. "Wasser."
      Der Junge nahm sich den Schlauch rasch und trank gierig. Nach einer gefühlten Ewigkeit, als sich Ulrich schon fragte, wie viel in so einem Schlauch überhaupt drin sein konnte, setzte er den Schlauch ab.
      "Vassa", wiederholte er und wischte sich den Mund ab.


      "Wir haben uns entschieden", sagte Imorym, der neben Ulrich trat. "Wenn die beiden es nicht wagen, allein zu reisen, können sie mit uns kommen. In Rovyek, der Provinzhauptstadt, müssen sie allein weiter, bis sie niemand mehr sucht."
      "Du hast heute also deine ehrenhafte Ader wiedergefunden?"
      "Ganz im Gegenteil, sich gegen das Gesetz zu stellen ist nicht ehrenhaft. Jedoch sind diese Jungs ein wenig wie wir. Harte Schicksalsschläge und schlechte Entscheidungen mögen sie an diesen Punkt geführt haben. Sie haben einen Mord begangen, um zu überleben. Wären sie älter, hätten sie vielleicht geschickter gehandelt. Aber noch ist es für sie nicht zu spät, sie können sich noch bessern. Vielleicht nimmt sie ein Lehrmeister in Rovyek oder Krusk auf. Bis dahin werden wir sie beschützen. Es sind wohl Mörder, aber mit ihren zwölf, dreizehn Jahren noch zu jung für den Strick."
      "Zu jung, Tatsache. Ich bin einverstanden."
      Und wieder einmal beweist er, dass er zu weich für einen Banditen ist. Ein geschlagener Ritter, der zu einem richtigen Kriminellen wird? So etwas funktioniert nicht. Er wird immer wieder damit enden, den Opfern bloss eine Beule zu verpassen und den halben Geldbeutel zu klauen, dachte Ulrich, während Imorym sich vor Pjotr kniete und ihm alles erklärte. Wann haben wir zuletzt einen richtigen Raubzug gemacht? Immer scheint er nach einem anderen Weg zu suchen, nach einem ehrlichen, gefahrlosen, aber kurzfristig nicht lohnenswerten Weg. Wenn wir nicht rasch zu Geld kommen, werde ich mir wohl oder übel eine andere Einnahmequelle suchen müssen, so sehr ich den Guten auch mag. Vielleicht als Schmuggler über den Serno oder als Hehler in Klippburg.


      "Ich wusste gar nicht, das Ihr mal mehr Leute wart."
      Ulrich drehte sich verwirrt zu der Sucherin um, die hinter ihm am Feuer sass.
      "Wie bitte?"
      Die Frau nickte in Imoryms Richtung: "Er erzählt es gerade dem Jungen."
      "Ach so", Ulrich setzte sich nun auch ans Feuer. "Das war vor meiner Zeit beim Trupp. Soweit ich weiss, wurde er von drei Männern unter dem Namen Die Kupfereber gegründet. Zwei Veteranen aus der Trauerbergkampagne, die Borheim gegen Ardonien verlor. Einer davon war ein Zwerg, der zweite ein planloser Säufer und der dritte ein alter Freund von Tameras Vater. Nach dessen Ableben durch das Blutkeuchen nahm er sie unter seinen Schutz und bald schon, nach "einer Reihe unglücklicher Ereignisse", wie Imorym es nennen würde, fand sie sich unter den...Geschäftspartnern wieder."
      "Banditen. Nehmt das Wort ruhig in den Mund, ich weiss Bescheid."
      "Na dann, Banditen. Jedenfalls hatten sie ihr Lager in einer verlassenen Kupfermine am Fuss der Trauernden Berge. Von dort aus planten sie Überfälle auf Postkutschen und wohlhabende Reisende, die durch die Passstrassen kamen. Bis sich eines der Opfer als Waffenschmied herausstellte und den Säufer tötete. Als man nach Ersatz suchte, schlug Tamera Imorym von Rabenkamm vor. Sie kannte ihn bereits vom Schusterladen des Vaters, den sie für kurze Zeit übernahm. Ein überaus verbitterter Kunde, der in der Trauerbergkampagne erst die Burg seiner Familie und dann seine Frau und Tochter verlor. Er schien ein perfekter Kandidat für die schiefe Bahn. Beinahe. Ohne Familie, Wohnsitz und Perspektive, allerdings mit einer gewissen Ehre, die er erst überkommen musste.
      Anfangs, als er erfuhr, mit wem er es hier zu tun hatte, protestierte er natürlich. Mit der Zeit, denke ich, wuchs er aber in die Rolle hinein. Als Tameras Bekannter dann bei einer Kneipenrazzia erschossen wurde, übernahm Imorym das Kommando. Nur ein halbes Jahr später starb auch der Zwerg und die Gruppe brauchte wieder Ersatz. Mich. Ich lernte die beiden in einer Kneipe an der Grenze kennen und wurde nach einem gemütlichen Plausch eingeladen, mit ihnen zu ziehen.
      Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bereits seit Jahren durchzuschlagen versucht. Meine Geliebte zuhause in Klippburg konnte ich nur selten sehen. Mich einer Bande anzuschliessen versprach mehr Erfolg und damit mehr Geld. Also willigte ich ein, auch wenn ich wegen meiner Nationalität nicht reinpasse."
      "Warum sollte Herkunft ein Problem sein?", fragte die Sucherin vorgebeugt und sah ihn wie immer leicht von unten her an.
      "Imorym hat sein ganzes Leben damit verbracht, gegen mein Volk zu kämpfen. Verdammt, natürlich ist meine Herkunft ein Problem. Er hasst Ardonier, verachtet sie wie nichts sonst. Wir stehen für all das, was ihn zu diesem Punkt geführt hat. Verlust der Familie, Zerstörung des Heims, Wandel der Zeit. Und nichts, was ich tue, kann an diesen Vorurteilen etwas ändern, das sehe ich, wann immer ich mit ihm spreche. Für ihn werde ich immer, vielleicht auch unbewusst, der Feind sein."
      Genervt fuhr sich Ulrich durch das gestutzte blonde Haar. Keine Sekunde zu früh beendete Imorym seine Erklärung an den Jungen und stand auf. "Es ist alles besprochen. Die beiden werden uns bis Rovyek begleiten", er ging zu seiner Tasche und packte Decke und Schlafmatte aus. "Wir sollten eine Wache aufstellen, vielleicht sammeln die Dorfbewohner über Nacht, wenn wir schlafen neuen Mut. Mag jemand das freiwillig übernehmen?"
      "Ich mache das", meldete sich Ulrich.
      "Danke. Weck mich, wenn du nicht mehr kannst." Mit diesen Worten breitete er die Matte aus, legte sich hin, rutschte etwas herum und blieb schliesslich still liegen. Die Sucherin und Pjotr legten sich ebenfalls schlafen und schliesslich blieb nur noch Ulrich am knisternden Lagerfeuer im stillen Wald sitzen.
    • Ich freue mich, dass es wieder ein wenig weiter geht.
      Der Teil gefällt mir sehr gut. Man erfährt etwas mehr über die Vergangenheit der Charakter, wie sie zusammengekommen sind und auch warum. Das lässt die Charaktere auf mich noch lebendiger und glaubwürdiger wirken.
      Es freut mich auch, dass sie die beiden Jungen mit sich nehmen. Ich habe nichts auszusetzen. :thumbsup:

      LG, Kyelia

      Außer Betrieb - Geduldsfaden ist gerissen
    • So, nach einer kleinen Schreibblockade oder Pause (ich weiss es selbst nicht), geht es mit dem Rest des Kapitels weiter. Unsere Bande steht kurz vor dem Ziel, was könnte bloss in einer generischen Abenteuergeschichte schiefgehen? :whistling:

      Nachdem er eine Weile in die Flammen gestarrt hatte, wandte Ulrich sich von schwächelnden Feuer ab und beobachtete stattdessen den schwarzen Wald. Nur langsam gewöhnten seine Augen sich an die Finsternis und er begann die Umrisse der Bäume und Preiselbeersträucher zu erkennen. Die Nacht war klar und kühl. Sein Rücken wurde schön gewärmt, während er an Armen, Wangen und Füssen trotz guter Stiefel fror. Er beugte sich vor, verschränkte die Arme über den Knien und wippte mit den Füssen, während er seinen Blick durch die Schatten wandern liess. Ihm war, als wisse der ganze Wald um ihre Präsenz. Als warte er still und feindselig darauf, dass sie seinen Schutz verliessen. Alles war ruhig und genau das störte Ulrich. Kein welkes Blatt fiel, keine Mäuse raschelten, keine Rehe huschten in der Ferne vorbei. Alles versteckte sich, die Natur wartete.

      Er war sich ziemlich sicher, dass die Dorfbewohner nach Hause geritten waren, sich beraten und dabei erst recht auf Rache geschworen hatten. Wenn sie ihren Frauen und Kindern erzählten, was geschehen war, würden diese sie loben, den Rückzug angetreten zu haben. Es sei weise, nicht gegen schwer Gerüstete anzutreten wollen. Sie haben Feuerwaffen und Klingen, sie hätten keine Chance gehabt. Genau solche Worte gossen Öl ins Feuer. Kein Mann konnte so etwas auf sich sitzen lassen. Indirekt und ermunternd einen Feigling genannt zu werden, das ging nicht. Nicht von Geliebten und dem eigenen Spross. Bis zum Morgengrauen könnten sich die Bastarde bereits zur Verfolgung entschlossen haben.
      Etwas knackste. Feinde? Nein, wohl eher ein kleines Tier. Na endlich. Die lange Stille hatte begonnen, Ulrich einzulullen. Jetzt wusste er wieder, dass der Wald lebte und auf sein Einschlafen wartete. Müde rieb er sich die Augen. Als er wieder in der Wald starrte, suchte er noch einmal misstrauisch nach Hinweisen. War dieser Schatten schon vorhin da? Vermutlich, er sah nicht aus wie eine Person. Oder doch? Angespannt beobachtete er die schlanken Umrisse, die da zwischen zwei Baumstämmen standen. Nachdem er eine geschlagene Minute gestarrt hatte, musste er schmunzeln. Es war ein abgeknickter Baumstamm, der ihm bisher nicht aufgefallen war. Was auch sonst? Ulrich versuchte, sich in Sicherheit zu wiegen und doch warf er im Verlauf der Zeit immer wieder Blicke auf den Baumstumpf oder andere verdächtige Objekte. Ihm wahr, als könnte jeden Moment zorniges Gebell ertönen, der Schein von Laternen durch den Wald leuchten oder gar eine Gestalt aus dem Schutz der Büsche auftauchen. Stunden verstrichen und er dachte nicht einmal an Schlaf, sondern starrte stattdessen angestrengt in den Wald. Er dachte nicht einmal viel nach. Erst als er bemerkte, wie der Himmel in ein dunkles Lila überging und die spärlichen Wolken farbige Streifen erhielten, stand er auf, streckte sich ausgiebig und ging zum schlafenden Imorym, um ihn zu wecken. Wenigstens ein-zwei Stunden Schlaf sollte er noch haben.

      Am Morgen, beziehungsweise kurze Zeit später, erwachte Ulrich durch lautes Scheppern. Die anderen waren bereits aufgestanden und bereiteten ein einfaches Frühstück vor. Einfach musste es auch sein, denn lange reichten die Vorräte nicht mehr. Besonders wenn zwei Personen mehr davon zehrten. Zum Glück sollten sie heute ihr Ziel erreichen. Müde, mit noch schwammigen Gedanken im Kopf, stand er auf und ging sich in den Büschen erleichtern. Danach setzte er sich zu den anderen und ass ein Stück Brot und etwas Wurst. Dabei versuchte er, sich mit Händen und Füssen mit den beiden Jungen zu verständigen und ihnen ein paar Wörter in seiner Sprache beizubringen. Sie lernten schnell, verblüffend schnell sogar. Nach dem Frühstück waren sie bereits in der Lage, auf die Frage, wie es ihnen gehe, zu antworten. Und nachdem sie ihre Sachen gepackt, auf die Pferde gestiegen und losgeritten waren, konnten sie sogar selbst fragen, was die Gruppe in Rovyek wolle, während sie neben seinem Rappen hergingen.
      "Fragt Imorym", wehrte Ulrich ab. "Der kann es euch besser erklären."

      Der Tag verlief ruhig. Sie zogen aus den Sümpfen und Wäldern der karg besiedelten, ländlichen Gebiete hinein in die zahlreichen Felder und Obstplantagen der Zivilisation. Kein Dorf war weit aus dem Blickfeld des anderen entfernt und kein Weg verlor sich irgendwo im Morast. Auch wenn sie die grossen Strassen mieden, begegneten sie immer wieder Reisenden, Bauern, die ihre Ernte auf Karren beladen nach Hause brachten und Soldaten. Glücklicherweise schien sie niemand zu erkennen.
      Am Nachmittag aber, begann das Pferd der Sucherin zu lahmen. Ein Hufeisen hatte sich gelockert und schien ihm beim Gehen unbequem zu drücken. Da sie weder Nägel noch passendes Werkzeug bei sich hatten, musste sie zu einem Hufschmied im nahen Dorf. Die Gruppe wartete indes in einem Moor, um keine Aufmerksamkeit zu wecken.

      Nachdem sie mit einem munter trabenden Pferd zurückkehrte, zogen sie weiter. Für den Rest der Strecke setzte Ulrich die Jungs auf den Rappen und führte ihn nebenher marschierend. Kurz vor Sonnenuntergang sahen sie dann die dunklen Umrisse eines dünnen Wachturms auf einer Hügelkuppe. Dort angekommen eröffnete sich vor ihnen Rovyek. Die Stadt war nicht zu vergleichen mit Klippburg, Ulrichs Heimat, Iven, die kulturelle Hauptstadt von Palus, oder Krusk, wo der König Vodrasks lebte, aber dennoch war es eine stolze Siedlung. Hoch erhoben sich ihre acht Türme über die roten Ziegeldächer, die aussahen, als hätte man sie wie Laub zu einem Hügel geharkt. Und mächtig bildete sie das Zentrum der Landschaft, wo alle Strassen von den benachbarten Dörfern bei ihr zusammenflossen und von den engen Häuserschluchten verschluckt wurden. Die Stadt brauchte keine Mauer, so dicht waren die Häuser aneinandergereiht. Sie begannen plötzlich, ragten aus purem Feld lückenlos empor und doch fügten sie sich in die Form der Landschaft ein.
      "Man könnte meinen, dieses Land ist gross und leer genug. Warum bauen die ihre Städte so eng?", fragte sich Ulrich laut.
      "Rovyek ist schon sehr alt. Älter als Metropolen wie Dripol oder Klippburg", meinte die Sucherin belehrend. "Es wurde gegründet, noch bevor die Vodrasken dieses Land besiedelt haben. Als Fluchtburg auf dem Hügel, wo der örtliche Stammeskönig seine Leute vor Angriffen der Zarchjem-Zivilisation in Sicherheit bringen konnte. Viele haben ihre Hütten dann so nah wie möglich an das Versteck gebaut, um die eigene Haut schnell retten zu können."
      "Zarchjem ist doch schon vor hunderten von Jahren verschwunden? Warum ist die Stadt noch immer so eng?"
      Als Antwort zuckte die Sucherin bloss mit den Schultern. "Politik. Bewahrung des wenigen brauchbaren Lands", fügte sie nach einem Moment hinzu.

      Vorsichtig und unbehelligt ritt die Gruppe durch eines der schmalen Stadttore und machte auf einem kleinen Platz nicht weit davon halt. Imorym stieg ab, ging zu den Knaben und sagte ihnen etwas in ihrer Sprache. Ulrich wusste nicht was, aber es klang wie ein Befehl. Die Beiden kletterten geschickt vom Pferd und verkrümelten sich in einer Gasse. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen hier auf uns warten und sich nicht von den Wachen blicken lassen, während wir unseren Auftrag erledigen", beantwortete Imorym seinen fragenden Blick. Ulrich blickte zum Hügel hoch, wo hinter einem der acht ikonischen Türme der Stadt die Provinzverwaltung stand. Hoffentlich lässt der Zlakta einen ordentlichen Betrag springen. Ich will nicht für den Monatslohn eines einfachen Kuriers durch all die verfluchten Wälder und Sümpfe gestolpert sein.
    • Spoiler anzeigen

      Sir Jufington schrieb:

      Am Nachmittag aber, begann das Pferd der Sucherin zu lahmen. Ein Hufeisen hatte sich gelockert und schien ihm beim Gehen unbequem zu drücken. Da sie weder Nägel noch passendes Werkzeug bei sich hatten, musste sie zu einem Hufschmied im nahen Dorf.
      Wer ist mit sie gemeint? Die Sucherin? Wenn ja, geht sie dann alleine? Oder meinst du das Pferd? Ich würde es am besten in "musste sie es zu einem Hufschmied..."


      Sir Jufington schrieb:

      Dort angekommen eröffnete sich vor ihnen Rovyek.
      Kann sein, dass ich gerade einen Knoten im Oberstübchen habe, aber wäre da nicht "öffnete" passender?


      So, endlich schaffe ich es auch mal wieder, in meinen Abos aufzuholen...

      Diese beiden Teile gefallen mir gut, vor allem, weil man auch mehr über die Gruppe erfährt und wie sie zusammengekommen sind. Auch das mit der Anspielung auf die Feindseligkeiten zwischen Ulrichs und Imoryms Völkern hast du sehr gut eingefädelt.
      Das Einzige, was mir nicht so gefällt, ist die Sache mit dem Pferd der Sucherin. Diesen "Abstecher" braucht die Geschichte nicht. Wenn die Sucherin dabei noch etwas erfährt oder sonst irgendwas passiert, dann ist es ok, aber wenn du einfach schreibst "Am Nachmittag aber, begann das Pferd der Sucherin zu lahmen." und drei Zeilen weiter unten "Nachdem sie mit einem munter trabenden Pferd zurückkehrte, zogen sie weiter." ist das ein wenig merkwürdig. Über diese Stelle würde ich nochmal drüberschauen, aber sonst sehr gut ;)
      Ewigkeit

      Stell dir eine Stahlkugel vor, die so gross ist wie die Erde. Und eine Fliege, die sich einmal in einer Million Jahren darauf niederlässt. Wenn die Stahlkugel durch die damit verbundene Reibung aufgelöst ist, dann … ja dann … hat die Ewigkeit noch nicht einmal begonnen!

      – David Lodge, 1993
    • Kapitel 5

      "Meint Ihr nicht, es wäre besser, Euch bei der Übergabe noch beim Zlakta zu melden? Nicht, dass Ihr ohne Belohnung heimkehren müsst."
      "Um meine Belohnung kümmert sich ein anderer, ich habe meinen Teil des Auftrags erfüllt und die Gruppe sicher hierher geführt. Der Rest hat mich nicht zu interessieren, vielleicht ist meine Anwesenheit nicht einmal erwünscht."
      "Nun gut", Imorym nickte der Sucherin zu. "Dann ist das also der Abschied."
      Wortlos reichte die seltsame Frau ihm die Hand, die er lächelnd ergriff.
      "Sie haben uns sehr geholfen. Vielen Dank für Ihre Führung und weisen Ratschläge. Ohne Sie hätte ich meine Leute mehrfach in den tiefen Morast geführt."
      "Das bezweifle ich, mir schien, Ihr hättet den Weg auch ohne mich ganz gut gefunden."
      Die Frau ging zu Ihrem Pferd und stieg auf. Mit der einen Hand in die Hüfte gestützt und der anderen gedankenverloren auf den Schwertknauf gelegt, trat Imorym an sie heran. "Ich nehme nicht an, dass wir selbst jetzt Ihren Namen erfahren dürfen?"
      "Nein, verzeiht. Er ist viel zu lang und fremd für Ihre Zungen, das macht jede Erklärung sinnlos."
      "Vieleicht seit Ihr auch wie eine dieser alten Sagengestalten, die Wanderer in verschiedensten Gestalten durch die Wildnis führen. Eine Fee, vielleicht?", scherzte er und hoffte, seinen Ärger verborgen zu halten.
      "Vielleicht. Vielleicht bin ich aber auch nur eine professionelle Reiseführerin mit langem Namen. Wenn Ihr den Heimweg nicht findet, melden Sie sich beim Handelskontor. Vielleicht bin ich noch dort, vielleicht auch wieder weg."
      Die Sucherin hob die Hand allen zum Grusse und ritt den Hügel durch die schmale, schattige Strasse hinunter.
      "Was für eine seltsame Frau", meinte Tamera, die mit verschränkten Armen an die Wand der Provinzverwaltung gelehnt stand. Sie schien schlecht gelaunt und Imorym glaubte, Schweiss auf ihrer Haut glänzen zu sehen. Es war eine gute Idee, sie nicht aus den Augen zu lassen, dachte er.

      Als sie schliesslich gemeinsam das Innere des Verwaltungsgebäudes betraten, fanden Sie sich in einer kleinen, steinernen Halle wieder. Staubiges Licht fiel auf einen breiten Schreibtisch in der Ecke, hinter dem ein Verwalter aufstand und sie begrüsste.
      "Wir würden gerne mit dem Zlakta sprechen. Eine wichtige Nachricht aus Borheim", Imorym zeigte ihm den Umschlag mit dem Siegel des Herzogtums Grauburg.
      "Ihr könnt die Nachricht mir übergeben", der Verwalter streckte seine dünne Hand aus. "Ich werde mich darum kümmern."
      "Habe ich nicht gesagt, die Nachricht sei wichtig? Sie ist für die Ohren des Zlakta bestimmt."
      Die Hand zog sich zurück. Zögernd schweifte der Blick des Verwalters über die Gruppe. Imorym, der ihn in voller Rüstung fordernd ansah, Tamera, die genervt ihren Arm kratzte und Ulrich, der einem Gemälde an der Wand mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Gespräch.
      "Normalerweise werden Nachrichten von einem Boten der Armee oder der staatlichen Post überbracht. Nicht von drei...Zivilisten."
      Imorym trat einen Schritt an den Mann heran. "Vielleicht ist diese Nachricht so wichtig, dass selbst die Armee sie nicht ausreichend schützen kann, dass drei speziell ausgebildete Zivilisten sie überbringen müssen. Wollen Sie der Verantwortliche sein, wenn diese Nachricht unter einem Stapel Briefe auf Ihrem Schreibtisch verloren geht? Wenn der Zlakta erst Tage später aus zweiter Hand von einem drohenden Unheil erfährt?"
      Stille. Der Verwalter blickte betreten auf seinen Schreibtisch, als ob er dort nach weiteren wichtigen Umschlägen suchte. "Folgen Sie mir", brummte er schliesslich und wuselte um seinen Arbeitsplatz herum und durch den hohen Gang. Bei einer dunklen Holztür hielt er an, klopfte und öffnete sie. Die Gruppe trat ein und fand sich in einem grossen Arbeitszimmer wieder. Durch die hohen Fenster fiel weitaus mehr Licht, als in der Eingangshalle und beleuchtete die Kommoden und Vitrinen an beiden Seiten des Raums, in denen Pokale, Erinnerungen und Kunstgegenstände um die Wette glänzten. In der Mitte des Zimmers, hinter einem langen, roten Teppich, stand ein Schreibtisch aus Mahagoni. Dahinter bewegte sich der Rücken eines Mannes, der auf einem altehrwürdigen Stuhl sass. Der Mann war grösstenteils hinter seinem Arbeitsplatz verborgen, als ob er sich zu verstecken versuche und redete munter vor sich hin. Erst als ein Hund hinter dem Schreibtisch erschien, merkte Imorym, dass der Mann mit dem breiten Rücken nicht mit selbst sprach. Dürr wie ein Weizenhalm und auch so gefärbt, mit grossen Kulleraugen und einer langen, hechelnden Zunge sprang das Tier vor ihm umher und beschnüffelte dann seine Hände und Beine, während sich der Mann auf dem Stuhl aufrichtete: "Vlad, ich habe doch gesagt, ich will heute nicht mehr gestört werden! Wer sind die Leute?"
      "Boten, Herr. Sie bringen Nachrichten aus Borheim."
      "Meinetwegen. Worum geht's?"
      Imorym trat vor und legte dem Adligen den versiegelten Brief auf das Pult. "Überzeugen Sie sich selbst. Die Nachricht ist zu vertraulich, als das ihre Überbringer sie lesen dürften."
      "So ein Quatsch", rief der Zlakta aus und griff mit seiner reich geschmückten Hand, die aussah wie ein ungebackenes Brötchen, nach dem Umschlag. "Wenn jemand den ganzen Weg von Borheim hierher kommt, wird er doch wohl den Inhalt der Nachricht erfahren dürfen. Was, wenn der Umschlag verloren gegangen wäre? Zurückgehen und einen neuen verlangen? Kein Wunder, kommt Borheim nicht voran, bei dieser dümmlichen Bürokratie!"
      Imorym verkniff sich eine Antwort und beobachtete stattdessen, wie der Zlakta nach einer winzigen Lesebrille griff und das Papier durcharbeitete. Mutige Worte für den Statthalter einer der ärmsten Provinzen Vodrasks. Borheim sammelte mit dem Handel an der Frostsee an einem Tag mehr Geld als Urzagov in einem Jahr.
      Die Stirn des Dicken runzelte sich, während er las. Der immense rote Walrossschnurrbart erzitterte und mit der anderen Brötchenhand fuhr er sich über die glänzende Glatze. "Das sind üble Neuigkeiten", schloss er schliesslich, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und blickte in die Runde. "Und ihr wisst wirklich nicht, worum es geht?"
      "Doch, ein Wenig. Wir wissen, das Ardonien einen Expeditionskorps zu den Ruinen von Terjut geschickt hat, eine alte Stadt der Zarchjem. Wisst Ihr, was das zu bedeuten hat?"
      Der Statthalter strich sich nachdenklich über den Schnurrbart. "Das wird eine Weile dauern. Wollt ihr etwas zu trinken? Wasser, Wein Schnaps?"

      Bereits kurz darauf hatten alle vier ein Glas Rot- oder Weisswein in den Händen. Zwei der dürren Hunde hatte sich auf eine Decke in der Ecke zurückgezogen und einer lag hechelnd neben dem Zlakta, der an seinen Schreibtisch gelehnt stand. Dieser liess sich mit seiner Erklärung Zeit, obwohl ihn alle - sogar Tamera - gespannt ansahen und hin und wieder an ihren Gläsern nippten.
      "Um die Motivationsgründe der Ardonier zu verstehen, müsst ihr erst einmal die Zarchjem verstehen. Kennt ihr die Geschichte der Stadt Rovyek?", begann er schliesslich.
      "Hier stand einmal eine Fluchtburg", meldete sich Ulrich, der vor einem Bücherregal stand und mit dem einen Fuss repetitiv dagegen tappte. "Hier auf dem Hügel, wo jetzt die Verwaltung ist. Die Stadt wurde quasi rundherum errichtet."
      "Richtig. Damals, als der Norden noch ein Flickenteppich barbarischer Königreiche war, hatte kein König die Hoffnung, gegen das mächtige Reich der Zarchjem zu bestehen. Sie kamen aus den unfruchtbaren Hochebenen und trostlosen Gebirgskämme der heutigen Trauerberge. Kein Ort, an dem eine Zivilisation ohne die Güter Anderer überleben konnte. Also nutzten die Zarchjem ihre geistige Überlegenheit, um ihre Nahrung gewaltsam von den Königreichen zu stehlen. Ihre Streitmacht war schnell und überraschend, innert einer Viertelstunde konnten sie ein Städtchen leerräumen. Vieh, Korn, Fisch, Männer, Frauen, Kinder. Was sie nicht essen, verkaufen oder verwerten konnten, behielten sie als Sklaven. Die Fluchtburg in Rovyek war der einzige Weg, diesem Schicksal zu entkommen. Denn Erdwälle und Höhlen konnte man verteidigen. Felder und Bauernhöfe nicht. Doch wie waren die Zarchjem in der Lage, mehrere Königreiche auf der Suche nach Nahrung zu durchqueren? Am Morgen ihre Heimat zu verlassen und am Abend mit Tonnenweise Essen zurückzukehren? In meiner Jugend habe ich mich viel mit Historik und Archäologie befasst. Dabei erfährt man so einiges Undurchsichtiges. Märchen, Hirngespinste, vielleicht sogar blanke Lügen oder aber vergessene Wahrheiten und unglaubliche Fakten. Eine dieser Geschichten waren Wandtafeln aus Ruinen Zarchjems und Stickereien aus örtlichen Hügelgräbern. Sie sind alt, sehr alt. Und verwittert obendrein. Aber mit etwas Fantasie errät der Fachkundige, dass darauf die Flotte der Zarchjem abgebildet ist. Doch diese Flotte schwimmt nicht auf den Wassern des Serno, nein. Sie gleitet durch die Lüfte." Der Statthalter sah sie der Reihe nach erwartungsvoll an und nahm einen grossen Schluck Roten.
      "Durch die Lüfte? Ihr sprecht von fliegenden Schiffen?"
      "So kann man es nennen, ja. Wahre Festungen voller kleiner Kriegerfiguren, die Städte unter sich mit Ballisten beschiessen und Plattformen an Flaschenzügen hinunterlassen, um Marodierende Soldaten am Boden abzusetzen."
      "Aber wie sollte ein Schiff fliegen können? Das ist Blödsinn!", rief Tamera aus.
      "Die meisten meiner Historikerfreunde halten es für Schwachsinn, aber ich behaupte fest, dass die Zarchjem zauber weben konnten, um ihre Schiffe in die Lüfte zu heben", meinte der Zlakta. "Wie sonst sollten sie zu solchen Wundern in der Lage gewesen sein? Wie sonst sollten sie Städte unvergleichlicher Pracht an Orten ohne Leben erbaut haben? Und warum sonst sollten die Götter ohne Gesicht und Namen sie mit Stein und Feuer bestraft haben, wenn nicht um zu verhindern, das jemals wieder ein Zauberer die Welt beschreitet?"
    • So, damit habe ich hier auch wieder aufgeholt. Die letzten beiden Teile waren wieder sehr gut.
      Es freut mich, dass die Gruppe nun an ihrem vorläufigen Ziel angekommen ist. Ich bin mir ja ziemlich sicher, dass sie von dort aus sicher weitergeschickt werden. ^^ Die Erzählung des Adligen ist bisher auch interessant, ich bin ja gespannt, was dort noch kommt. Man erfährt nun mehr über die Hintergründe. Gefällt mir gut. ^^

      LG, Kyelia

      Außer Betrieb - Geduldsfaden ist gerissen
    • Noch der Rest vom Kapitel. Es geht voran. :D

      Der Dicke nahm einen weitern Schluck Roten, die anderen schwiegen. Zauberer...es gab einige, die sich so nennten. Wahrsager und Quacksalber in den Gassen von Krusk, einsame Nomaden in der Wüste Akrahs und verrückte Schamanen in den Wäldern Kalandrias. Doch niemals hatte Imorym von echten Zauberern gehört. Unter den hunderten von Märchen von Greifen, Feen, Drachen und Zwergen kannte er keines über Zauberer. Und schon gar nicht über solche, die ganze Schiffe fliegen lassen konnten.
      Nachdenklich trank er vom Wein. Er schmeckte gut, sehr lieblich. Bestimmt der Teure aus den südlichen Provinzen.
      "Wie ich sehe, mögt ihr mir nicht so recht glauben", urteilte der Zlakta schliesslich.
      "Ihr habt Recht, ich zweifle noch."
      "Nun, ich gebe zu, es ist eine sehr umstrittene Theorie, doch sie hat meine Unterstützung. Die von Herzog Thomes von Grauburg ebenso. Und schienbar auch die der Ardonier, sonst hätten sie keinen Expeditionskorps in diese bitterkalte Hölle geschickt, an der euch Borheimern so viel liegt. Herzog Thomes glaubt, die Ardonier suchen Hinweise nach der Magie der Zarchjem und ich muss ihm zustimmen."
      Die Tür zum Büro öffnete sich erneut und der Verwalter trat ein, gefolgt von vier der Stadtwachen. Sie trugen hohe Helme mit Fellrand und einem einzigen Dorn. Dazu hohe Stiefel, bauschige Hosen und lange Gewänder im Blau Rovyeks. Der Dicke der Gewänder nach zu urteilen, vermutete Imorym darunter Kettenhemde. Zwischen den Wachen befanden sich zwei kleine Gestalten mit bekannten Gesichtern. Speckige Mäntel, abgetragene Schuhe, pelzige Mützen und blaue, sowohl ängstlich, wie auch wütend blickende Augen.
      "Mein Herr, wir haben diese Jungen in der Unterstadt gefunden. Es sind gesuchte Mörder aus dem Umland. Haben einen Bauern erschossen und sind danach geflohen."
      "Und was habe ich damit zu tun? Bei Zarims Gehstock, schafft sie mir aus den Augen! Ihr kennt doch wohl das Gesetzbuch, schafft sie in den Kerker und bestraft sie angemessen!", wetterte der Zlakta und wedelte mit seinem Wurstfinger den Wachen entgegen.
      "Das ist aber nicht alles, Herr. Aus vertraulichen Quellen wissen wir, dass diese Knaben mit den Boten aus Borheim gereist sind. Sie haben sie unter ihren Schutz genommen und tragen damit einen Teil der Schuld."
      Der Zlakta liess seinen Zeigefinger sinken. Er drehte sich langsam zu Imorym um und musterte ihn.
      "Ist das wahr, Ritter?"
      Imorym warf einen Blick zu Tamera und einen zu den Knaben. Ich weiss nicht, woher die Wache ihre Informationen hat, aber vielleicht könnte ich uns aus dem Schlamassel rausreden. Allerdings will ich die Knaben nicht derart feige verraten, dachte er.
      "Ja. Es ist wahr. Wir trafen sie im Wald, als sie von rachsüchtigen Bauern verfolgt wurden. Sie behaupteten, die Knaben hätten jemanden ermordet, diese wiederum hielten daran fest, dass es ein Unfall gewesen sei. Ich konnte sie die Jungs nicht einfach ohne Prozess aufknüpfen lassen. Ohne Gewissheit, das Richtige getan zu haben und ohne erst ihre Version der Geschichte anzuhören. Mir schien die Erklärung der Jungs sehr realistisch. Sie haben einen grossen Fehler begangen, das stimmt. Und ich hoffe sehr, sie hätten anders gehandelt, wenn sie nicht aus purer Nervosität abgedrückt hätten. Aber der Tod schien mir eine unangebrachte Strafe für junge Leute, für die es noch nicht zu spät ist, sie auf den rechten Pfad zurückzuleiten." Auf dass sie nicht die gleichen Fehler machen, wie ich.
      Der Zlakta stellte sein Glas ab, lehnte sich wieder an den Schreibtisch und benutzte einen Arm als Stütze für den anderen, mit dem er nachdenklich seinen immensen Schnurrbart kratzte.
      "Indem ihr verhindert habt, das zwei Mördern ihren Rächern zu Opfer fallen, habt ihr euch alle des Mordes mitschuldig gemacht. Das ist kein Verbrechen, dass man auf die leichte Schulter nehmen kann. Eigentlich sollte ich die Knaben hinrichten lassen und euch drei ein Jahr lang in den Kerker werfen oder euch zu je fünfzig Peitschenhieben verurteilen. Allerdings habt ihr mir eine sehr wertvolle Nachricht gebracht. Ich werde sie sofort an den König und die Generäle übermitteln und sie zu überzeugen versuchen, die Bedrohung ernst zu nehmen. Wer die vergessenen Geheimnisse zuerst aus Terjut bergen und entschlüsseln kann, könnte grosse Macht erhalten."
      Fluchend löste der Statthalter sich von seinem Sitz, griff nach seinem Glas und trank den Wein in einem Zug aus.
      "Ahh. Was überlege ich da so lange? Ich hätte schon längst Feierabend, wenn mich nicht ständig jemand unterbräche! Hier ein böses Omen, da eine Verurteilung...Ich will meine Ruhe, damit ich die Hunde füttern kann. Sie werden schon ganz ungeduldig", er zeigte auf Imorym. "Du und deine Gefährten werdet zum Militärdienst in der Miliz einberufen. Man kann nie genug Kanonenfutter haben. Ihr werdet in Dripol stationiert. Dort bei den Brücken findet seit drei Jahren das grosse Armdrücken zwischen den Mächten statt. Wenn wir nicht immer wieder neue Truppen schicken, die sich den ardonischen Musketen entgegenstellen, wird unser Arm zu Boden gerungen. Ihr werdet zusammen mit den anderen Rekruten in der Stadt des Friedens kämpfen. Wenn ihr drei Monate überlebt, seid ihr frei zu gehen. Und nun bringt diese Leute in den Kerker, Wachen. Aber bitte in die sauberen Zellen. Und Vlad, du stellst mir morgen einen Versorgungzug zusammen. In drei Tagen soll er aufbrechen. Treib solange genug Milizsoldaten, Vorräte, Pferde und Wagen zusammen."
      Imorym war, als ob ihm das Blut in seinem Herz eingefroren war. Fünfzehn Jahre waren seit seinem letzten Krieg, der Trauerbergkampagne vergangen. Damals hatte er alles verloren. Sein Heim, seine Familie, seinen Mut. Bei dem Gedanken, wieder auf einem Schlachtfeld zu stehen, knickten ihm fast die Beine weg. Der Gedanke, wieder nichts als Pulverdampf zu atmen, über die entstellten Leichen von Feinden und Kameraden zu klettern und täglich die Sterbenden im Lazarett zu hören. Nie hätte er gedacht, all das noch einmal erleben zu müssen.


      "Gibt es keinen anderen Weg, mein Herr?"
      Die Worte brauchten so lange, sich seinen Hals hoch zu zwängen, dass es ein Wunder war, dass noch kein anderer das Wort ergriffen hatte.
      "Nein", sagte der Zlakta knapp und machte eine verscheuchende Geste. "Und jetzt verschwindet, ich habe anderes zu tun."
      Eine der Wachen legte die Hand auf Imoryms Schulter. Nicht grob, wie bei einem Gefangenen üblich. Eher wie bei einem unfreiwilligen Gast. Widerstandslos liess er sich zusammen mit den Anderen aus dem Raum führen. Während er entrückt auf seine gehenden Füsse starrte, standen seine Gedanken still. Festgefroren an Körper und Gliedmassen, die halb aus frischem, rot verfärbten Schnee ragten. Er sah den Helm von Gerhard, einem Ritter, mit dem er lange diente. Aus dem linken Sehschlitz rann ein Faden aus Blut in den Schnee. Dann sah er das Gesicht von Honser, dem Koch des Regiments. Auf der Flucht gestorben, mit aufgeschlitztem Rücken auf dem Weiss liegend. Karl. Im Gedrängel den Hang hinunter gestossen und auf den Felsen zerschellt. Ornell, auf dem Marsch tot umgekippt. Merenym. Im Schlaf erfroren. Immer weitere Gesichter erschienen vor seinem inneren Auge, doch je mehr es wurden, desto verschwommener seine Erinnerung. Die Gesichter begannen zu tanzen, Szene um Szene wirbelten sie um Imorym herum, Erinnerung um Erinnerung, bis er schliesslich seine Füsse straucheln fühlte. Seine Schläfe schlug gegen Stein, die Hand krallte sich in eine Ritze zwischen den Blöcken, doch die Beine wollten nicht mehr gehorchen und die Handfläche schleifte der Wand entlang, dem Boden entgegen, bis schliesslich von kräftige Hände seinen Fall verhinderten. Eine weibliche Stimme rief seinen Namen. Er wurde an der Wand gelehnt auf die Füsse gezogen und blickte in das Gesicht einer Wache.
      "Geht es wieder?"
      "Was?"
      "Ich frage, ob alles in Ordnung ist, Gefangener. Kannst du gehen?"
      "Ja. Ich glaube schon..."
      "Gut, jetzt komm."
      Während der Mann ihn zum Vorwärtsgehen drängte, musste Imorym sich umsehen, um zurück in die Gegenwart zu gelangen. Die Erinnerung an das, was vor einigen Minuten geschehen war, schien nun viel weiter weg als das, was vor Fünfzehn Jahren in den Trauerbergen geschah. Die vier Wachen hatten je einen oder zwei Gefangene vor sich. Die beiden Knaben schienen ängstlich und wütend. Tamera sah ihn besorgt an. Ulrich dagegen schien vor allem die generelle Situation Sorgen zu bereiten. Fieberhaft wanderten seine Pupillen umher, auf der Suche nach einem Ausweg. Wie konnte Imorym nur so egoistisch gewesen sein, nur an sein Schicksal zu denken? Auch seine Gefährten mussten nun die Schrecken des Krieges erleben. Und das ohne Rüstung, die bei glücklichen Umständen eine Kugel abhalten konnte.


      Der Weg aus dem Verwaltungsgebäude über die Strasse dauerte nur kurz. Gleich gegenüber war die Wachstube mit dem Kerker. Dort ging es eine Wendeltreppe hinunter in einen Raum , von dem aus mehrere Gänge mit Zellen führte. Das Schwache Sonnenlicht durch die engen Fenster reichte gerade so aus, um den Tisch voller leerer Bierhumpen und Spielkarten zu beleuchten. In aller Ruhe kniete sich eine der Wachen vor den Kamin und begann, mit Feuerstein und Schlageisen das vorbereitete Holz und Zeitungspapier zu entzünden. Keiner der Gesetzeshüter verhielt sich, als hätten sie es mit gefährlichen Verbrechern zu tun, während sie ihnen alle Ausrüstung bis auf die Kleidung abnahmen. Scheinbar gilt in diesem Land noch immer der Glaube, dass jeder Mann mit Rüstung und seine Begleitung vertrauenswürdig waren.
      Als Imorym schliesslich - Rapier und Rüstung beraubt - seine Zelle betrat, fühlte er sich schwächer und schutzloser als je zuvor.
      "Warum bist du vorhin umgekippt?"
      Imorym wandte sich zu Tamera, die eine Zelle mit ihm teilte und hinter ihm eingetreten war. Statt zu antworten, schloss er sie bloss fest in seine Arme. Sie schien überrascht, erwiderte die Umarmung aber zögernd. Imorym wusste nicht, warum er das tat. Seit dem Tod seiner Frau und seiner kleinen Tochter hatte er niemanden umarmt, doch jetzt war ihm, als würde er ohne diese Geste der Zuneigung erfrieren, allein in den kalten Bergen, sein alter Familiensitz von den Ardoniern geraubt, das Stadthaus niedergebrannt, zusammen mit der Familie, als letzter eines Regiments, das hoch im Gebirge, im tiefen Winter eine Passstrasse verteidigte. Allein in den kalten Bergen.
      "Tut gut, was?", durchbrach Tamera schliesslich die Stille. Er fühlte, wie das Eis zu schmelzen begann und der Frühling ihn erreichte. "Willst du mir jetzt sagen, was los war?"
      "Nichts", murmelte er und löste seinen Griff. "Ich habe mir nur vorgenommen, nächsten Winter einen dickeren Mantel zu tragen."
    • Es hat zwar lange gedauert, hier ist es aber doch noch: Die erste Hälfte von Kapitel 6. Gründe für die Verzögerung gibt es einige. Krankheit, Schule, P&P, das meine Fantasie besetzte und vor allem, und das kann ich nicht leugnen: Mangelnde Motivation zum Schreiben. Das Projekt ist aber noch lange nicht aufgegeben. Bis auf einige träge Phasen habe ich nämlich keinen triftigen Grund, etwas neues anzufangen. Vor allem, da die Geschichte erst richtig losgeht.

      Ich hoffe, es lesen noch einige mit und setze mich dann auch bald an den Rest des Kapitels.

      Kapitel 6

      Golden schien das Licht durch die Schichten des Stoffs über ihrem Kopf und schleichend wuchsen die Schatten über die Strasse. Es war bereits kurz vor Sonnenuntergang, als die Sucherin die Enge Gasse hinunterritt. Zwischen den hohen, gelb und rot bestrichenen Fassaden hingen duzende von Wäscheleinen, die einem Reitenden einen Vorhang aus Stoffen ins Gesicht legten. Deswegen musste sie sich tief über den Hals ihres Rappen beugen, oder der feuchten Wäsche ausweichen, um nicht nass zu werden. Während also die Hosen, Hemden, Blusen und Röcke das Abendlicht einmal sanft dämpften und einmal durch ihre Abwesenheit blendend scheinen liessen, dachte sie nach. Es war ein Glücksfall gewesen, dass der Herzog von Grauburg sie die Gruppe führen liess. Normalerweise kooperierten Adlige nicht mit Ihresgleichen, da sie fürchteten, ihre Bruderschaft könnte ihnen zum Verhängnis werden. Doch vermutlich wollte auch Thomes gerne wissen, was es mit den seltsamen Gefährten des Ritters auf sich hatte. Immerhin war er ja ein alter Freund von ihm, wodurch der Herzog sehr um seinen schlechten Umgang besorgt war. Und er sollte recht behalten: Auf ihrer Reise hatte sie einiges über die dunkle Vergangenheit der Gruppe erfahren. Vor allem der Schwätzer Ulrich verriet ihr viel.
      Raubzüge, Erpressung, Diebstahl. Die Kupfereber hatten eine lange Liste an Sünden. Doch waren sie keine bösen Menschen. Vor allem Imorym schien seine Taten zu bereuen. Sie mussten bestraft werden, doch nur, um alte Schuld den Gesichtslosen gegenüber zu begleichen und um sie von einem rechtschaffenen Neuanfang zu überzeugen. Es war eine gute Idee von Ihr gewesen, die Gruppe inklusive der jungen Mörder in die Hände der Justiz zu spielen. Somit übernahm der örtliche Richter oder der Hauptmann die schwierige Entscheidung einer angemessenen Strafe für sie.


      Der Boden fiel ab. Die Vorhänge aus Wäsche wichen einer steilen Kurve, die in abendlichem Schatten gebadet war. Die Häuser hier standen wie überall in Rovyek eng und hoch und liessen keinen Blick auf das Umland frei. Um diese Zeit war in den Nebenstrassen nicht viel los. Die meisten Leute nahmen gerade ihr Abendmahl. Nur vereinzelt sah sie noch Arbeiter heimkehren oder alte Leute auf Bänken sitzen und schläfrig den Boden vor ihnen betrachten. Die Stadt und ihre Bewohner hatten sich kaum verändert. Die Sucherin kannte Rovyek gut. Aus der Zeit, wo hier einst ein Mädchen lebte, das es heute nicht mehr gab. Ein Mädchen, das den wahren Glauben gefunden hatte und sein leben nun der Suche nach Sündern widmete. Auch die Eltern des Mädchens lebten hier, doch hielten sie es wohl schon längst für tot.
      Sie erreichte einen kleinen Platz, der sich einer überbauten Felswand entlang schmiegte. Auf der anderen Seite des Pflasters stand ein Haus, das sich bis auf das blecherne Schild nicht von den anderen Abhob. Es war das Gasthaus, das sie suchte.
      Ihr Pferd wurde im Tausch gegen zehn Voszy von einem Stallburschen in Empfang genommen, bevor sie unbesorgt eintreten konnte. Stickige, rauchgeschwängerte Luft schlug ihr entgegen, als sie die Warme Gaststube betrat. Der Geruch von Tabak, Bohnen, Speck, Zwiebeln und Brot stieg ihr in die Nase. Es war kein schönes Gasthaus, bestimmt aber auch nicht das schäbigste der Stadt. Ein kurzer Blick auf die Gäste bestätigte, dass hier vor allem Reisende einkehrten. Sie sah einige Männer, die wie Bauern gekleidet waren. Vermutlich brachten Sie ihre Ernte aus dem Umland zum Markt. Einer war offensichtlich ein Händler und an einem Tisch sass eine Gruppe Gerüsteter beim Kartenspiel. Vermutlich Söldner.
      Zielstrebig bahnte sich die Sucherin einen Weg zwischen den Stühlen und Tischen hindurch zum Tresen. Der Wirt, ein Mann mittleren Alters, der in jeder Hinsicht dem Durchschnitt entsprach und sich höchstens durch den blonden Backenbart von der Masse abhob, widmete ihr nach kurzer Zeit seine Aufmerksamkeit: "Was darf's sein?"
      "Ist hier vor Kurzem ein altes Ehepaar eingekehrt? Ich bin ihre Tochter. Leider konnte ich nicht mit ihnen reisen, da ich meinem Mann bei der Kohlernte helfen musste. Dürfte ich sie sehen?"
      Der Wirt nickte bedächtig. "Wollt Ihr über Nacht bleiben?"
      "Nein, ich muss schon bald wieder los. Das Feld leert sich ja nicht von selbst."
      "Gut, dann wäre das Zimmer drei, wenn ich mich nicht irre. Die Treppe hoch, dann links."
      Die Sucherin bedankte sich freundlich und ging nach oben zu den Zimmern. Nach einer knarrenden Treppe fand sie sich in einem schattigen Gang wieder, wo sie an eine dunkle, von langem Gebrauch glatt geschliffene Holztür klopfte und wartete. Es verging ein Moment, bis sich die Tür schliesslich prüfend einen Spalt öffnete. Vorsichtig ertönte eine Stimme: "Ja, was wollen Sie?"
      "Vater, erkennst du mich denn nicht? Ich bin es."
      Der alte Mann, dem die kratzende Stimme gehörte, zeigte sich und Licht flutete von dem helleren Zimmer in den Gang.
      "Ach, meine kleine Tochter. Komm herein und lass dich sehen!", rief er freudig aus. Er liess sie passieren und verschloss die Tür rasch hinter sich. Die Sucherin warf einen Blick durch das Zimmer. Es war eine schlichte Bleibe. Günstig und diskret. Der Wirt hier fragte nicht nach Namen, solange er seine Bezahlung erhielt. Bare Münze galt hier, nicht Verträge und Unterschriften. Das einzelne, rautenförmig verglaste Fenster duplizierte sich als goldener Abdruck im Raum. Das Licht zog sich von den Bodendielen, dem roten Teppich, über das einzelne Doppelbett, bis hin zur Weberin, die mit gefalteten Händen, wie zum Gebet darauf sass. Die alte Frau sah sie eingehend an. Ernst, eigentlich. Dennoch strahlte sie mit ihrem silbernen Haarknoten, der knolligen Nase und dem rundlichen Gesicht eine gewisse Sympathie und Unschuld aus. Obschon die Frau in ihrer Jugend bereits einhundert Sünder ihrer gerechten Strafe zugeführt hatte.
      "Wir haben deinen Brief erhalten, Suchende. Hast du deinen Auftrag erfüllen können?"
      Es war der Falke, der sprach. Der Lebensgefährte der Weberin. So harmlos sie aussah, so einschüchternd wirkte er. Jetzt, in hohem Alter war er etwas aus der Form geraten. Die einst breiten Schultern waren geschrumpft, der muskulöse Bauch zog sich wie ein Erdrutsch nach unten und das Kinn, breit wie der Sockel eines Amboss, legte sich in Falten. Dennoch bot er noch immer einen Anblick, den manche fürchteten.
      "Ich hatte den Brief bereits geschrieben, bevor ich meinen Auftrag erfüllen konnte. Am morgen sabotierte ich die Hufeisen meines Pferdes, damit ich später einen Grund hatte, ins nächste Dorf zum Schmied zu reiten und dort das Schreiben für den Kommandanten der Stadtwache auf das Postamt zu bringen. Ein Mädchen, das hier einst lebte, kannte den Kommandanten. Er ist ein zuverlässiger, kompetenter Mann. Die Gruppe ist direkt in die Provinzverwaltung gegangen, dort wird sie bestimmt aufgegriffen worden sein."
      "Und die Gruppe, Kind? Hat sie sich als schuldig herausgestellt?"
      "Sie waren tatsächlich einst unter dem Namen Kupfereber bekannt. Und ja, der letzte Ritter und seine Gefährten haben bereits einiges angestellt. Doch bereuen sie ihre Taten und möchten gerne ein rechtschaffenes Leben beginnen. Die Justiz wird für eine gerechten Strafe vergangener Sünden sorgen."

      "Und da ist noch etwas", fuhr sie fort, als die anderen schwiegen. "Unterwegs sind wir zwei jungen Mördern begegnet, die auf der Flucht waren. Sie halten an der Behauptung fest, es sei ein Unfall gewesen. Ich habe der Stadtwache eine genaue Beschreibung der Brüder und ihren etwaigen Aufenthaltsort zukommen lassen."
      "Sehr gut", meinte der Falke und setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke. "Bitte überzeuge dich später diskret davon, ob die Sünder tatsächlich bestraft wurden. Es darf nicht sein, dass eine talentierte und fromme himmlische Rächerin wie du, so viel Zeit mit einem Auftrag verbringt und danach nicht sicher ist, ob die Bestrafung wirklich eintraf. Du hast aber diskret gearbeitet. Haben sie dich nach einem Namen gefragt?"
      "Ja, aber sie haben es akzeptiert, dass ich keinen genannt habe."
      "Du wirst bald einen brauchen, Kind", sagte die Weberin. Sie sass da wie eine Statue, noch immer gerade und mit gefalteten Händen. "Dein nächster Auftrag ist von solcher Bedeutung, dass du Namen brauchst. Identitäten, hinter denen du dich verstecken kannst.
      Die Sucherin kniff unwillkürlich die Augen zusammen. Ein Name? Es muss wahrlich ein aussergewöhnlicher Auftrag sein, wenn eine himmlische Rächerin einen Namen erhalten muss. Mit der Last einer Identität entfernt man sich von den Göttern ohne Gesicht und Namen. Was mag wichtig genug sein, um das in Kauf nehmen zu können?
      "Du wirst nach Ardonien reisen müssen. Ins Herz des Landes, nach Klippburg. Dein Ziel liegt im Palast hoch über der Stadt. Der Sünder, über den du richten wirst, ist der grösste von allen. Der Mann, der eine Million Menschenleben verschluckt hat, der den Sernos mit Blut flutete und der sich ein Weltreich auf dem Rücken der Unterworfenen errichtet hat. Du, Kind, wirst den Erzherzog töten müssen."