Gottessplitter

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    • Ich für meinen Teil habe da nichts dagegen, weil ich ja mal Student war. Ich kenne das ja nicht anders. ^^
      Solange ihr das sehr authentisch hinbekommt und fließend in eure Geschichte einarbeitet. sollte da (aus meiner Sicht) nichts entgegensprechen. Ich bin zwar in altägyptischer Mythologie nicht hundertpro fit, weiß aber so einiges darüber. Mich würde es interessieren.

      Aber es ist sicher interessant, was @Rael dazu sagt, die eure Geschichte (bislang) ja auch fleißig verfolgt hat.
      Soviel sie erzählt hat, hängt @Jennagon, die hier ja auch mitgelesen hat, immer etwas hinterher, zumindest bei meiner Geschichte.^^
      Was Kisa denkt, weiß ich nicht.
    • Es geht endlich weiter XD



      Kapitel 6 - Teil 2

      Cara freute sich schon sehr auf die kommende Exkursion. Sie war am Tag der Abreise schon sehr früh am Morgen auf den Beinen und trieb ihre Zimmergenossen regelrecht in den Wahnsinn. Die junge Studentin konnte sich einfach nicht entscheiden, wie sie die restliche Wartezeit bis zum Ankunft des Busses, vertreiben sollte. Mal saß oder lag sie auf dem Bett, stiefelte durch den Raum, schaute ungeduldig aus dem Fenster oder kontrollierte erneut die Listen, die sie zum Packen gemacht hatte. Irgendwann bewarf Susan sie mit einem ihrer Kissen, damit Cara sich endlich mal entspannen konnte.



      Als dann die Uhr neben ihrem Bett die richtige Uhrzeit anzeigte, sprang sie auf, schnappte sich ihre Sachen und stürmte hinaus. Sie hatte einen silbernen Hartschalenkoffer dabei, der so groß war, dass sie eingerollt zusammen mit ihren Klamotten darin Platz finden konnte. Des Weiteren hatte sie drei Taschen dabei, einen Rucksack und einen Jutebeutel mit Lehrbüchern. Schließlich würde sie einige Wochen weg sein. Die Reise würde viel Zeit in Anspruch nehmen und das Programm war sehr eng gestrickt. Ein Monat war für die Exkursion nach Ägypten eingeplant, also fast der ganze November. Man hatte ihnen gesagt, dass der Zeitraum nicht nach hinten ausgedehnt werden konnte.


      Cara vermisste schon jetzt die kleine Chione. In der letzten Zeit war sie sehr anhänglich geworden. bewundernswerter Weisen hatten ihre Mitbewohnerinnen noch nichts von dem kleinen Fellknäul erfahren. Die Studentin hatte es sehr geschickt eingefädelt.


      Zum Glück fing ihre erste Vorlesung am Tag immer erst nach den anderen an, so war sie die Letzte, die das Zimmer verließ. Immer dann lockte sie Chione hervor, kuschelte mit ihr und ließ sie aus dem Fenster nach draußen, wo sie abends wieder auftauchte. Doch dies hieß nicht, dass Cara die Katze tagsüber nicht zu sehen bekam. Sobald sie das Wohngebäude verlassen hatte, war die Kleine da und folgte ihr auf Schritt und Tritt. Betrat die Studentin ein Gebäude, wartete Chione in der Nähe bis sie wieder heraus kam. Selbst wenn andere Studenten bei Cara waren, dackelte die Schwarze ihr hinterher. Die Kommilitonen hatten sogar bereits einen Spitznamen für die junge Frau gefunden. Sie alle nannten sie liebevoll »Die Katzenflüsterin«. Cara gefiel dies nicht gerade, schließlich war ihr Plan, nicht sonderlich aufzufallen. Chione war da nicht gerade eine gute Hilfe. Unauffällig zu bleiben wurde in letzter Zeit etwas schwerer, nicht nur wegen der Katze, sondern auch wegen einer gewissen Studentin.


      Cara konnte immer noch nicht verstehen, warum sich Heather mit ihr abgab und sich so sehr um sie bemühte. Verwunderlich war, dass diese Studentin sich nicht ihres Standes würdig benahm, schließlich gehörte sie zur Elite der Freyer-Akademie. Allerdings hatte sich in der letzten Woche ihre gemeinsame Zeit etwas reduziert, da Heather sich anscheinend mit Bianca ausgesprochen hatte. Cara war darüber keinesfalls traurig, so hatte sie endlich mal wieder etwas Zeit für sich und konnte sich wieder voll und ganz auf die Universität konzentrieren.


      An den zwei Bussen tummelten sich schon einige Studenten. Angestellte der Akademie schoben große Wagen mit Koffern vor sich her und luden diese in die Busse. Einige saßen schon drin und schauten genervt aus dem Fenster. Soweit es Cara gehört hatte, begeisterten sich nicht sehr viele Studenten Lust für diese Exkursion. Dies konnte die junge Studentin kaum verstehen, denn es gab nichts Besseres, als Ausflüge. Sie war froh, dass die Freyer-Akademie das Budget hatte, um eine Reise ins weitentfernte Ägypten zu tätigen und dies mit allen Studenten ihres Fachbereichs. Sie hatten keinen Cent draufzahlen müssen.


      Vor dem einen Bus sah Cara Heather zusammen mit Bianca. Als die Studentin mit dem gold-blondem Haar sie erblickte, strahlte sie und winkte ihr zu. Zaghaft erwiderte Cara diesen Gruß, trat jedoch nicht an sie heran, da sie noch misstrauisch gegenüber Bianca bleib. Ihr Verhalten hatte sich nicht gerade gebessert, seit dem Vorfall in der Mensa. Oft hatte Cara Gespräche der Platinblonden mit angehört, wie sie abfällig über die Stipendiaten redete, im ganz Besonderen über sie.


      Cara gab ihr Gepäck einen der Angestellten und bestieg dann den Bus. Die meisten Studenten hatten sich nach hinten gesetzt, also blieb sie etwas weiter vorne, wo sie ungestört war. Sie platzierte ihren Rucksack neben sich, damit sie keinen Sitznachbarn bekam. Schnell kramte sie ein Buch und ihren Mp3-Player heraus und steckte ihre Nase in das Buch. Cara schaltete einfach ihre Umgebung um sich herum aus und flüchtete in die Welt der Geschichten.


      Die Fahrt zum Flughafen dauerte nicht allzu lange. Der Bus fuhr direkt ans Gate heran, sodass sie nur noch in das Privatflugzeug der Akademie steigen mussten. Auch hier suchte Cara sich einen Platz am Fenster, doch bevor sie sich wieder hinter ihr Buch verstecken konnte, ließ sich Heather in den Sitz neben sie fallen.


      »Wie ich sehe wolltest du dich erneut verkriechen«, sagte sie und Cara bemerkte in ihrer Stimme einen leicht besorgten Unterton. »Kann es sein, dass du mir aus dem Weg gehen willst? Liegt es an Bianca oder doch an mir?«


      Cara wollte eigentlich nichts darauf erwidern, doch Heathers erwartungsvoller Blick trieb sie zur Antwort. »Irgendwie wegen euch beiden.« Eine Pause entstand. Die Stipendiatin hatte gehofft, dass Heather diese Antwort reichte, doch ihre Mimik schien mehr zu erwarten, eine Begründung für ihr Denken. »Ich sehe doch in Biancas abwertenden Blick, dass sie mich nicht mag und dass sie sich als höhergestellt ansieht, was sie ja auch ist. Wieso sollte ich also auf sie zugehen und ihr meine Anwesenheit aufdrängen? Und dich verstehe ich auch noch nicht so richtig. Was sind deine Absichten, warum gibst du dich mit mir ab? Gerade du, die zu einer sehr einflussreichen Familie und an der Akademie zur Elite der Elite gehört. Ich bin nur ich, eine kleine Stipendiatin, die mit viel Fleiß und Anstrengung an die Freyer-Akademie gekommen ist. Weißt du eigentlich was Fleiß ist? Mir wird nicht alles geschenkt. Warum lässt du mich nicht einfach in Frieden mein Leben leben? Warum bemühst du dich immer noch so um mich?« Cara wusste nicht wieso, doch die Worte brachen einfach aus ihr heraus. Als sie merkte, was sie soeben gesagt hatte, senkte sie ihren Blick und schämte sich dafür Heather so angefahren zu haben.


      Heather legte ihren Kopf schief und wirkte eher neugierig, statt wütend oder verletzt. In ihren blau-grauen Augen blitzte etwas auf, dass Cara verwirrte und sie zuckte automatisch zusammen.


      »Gut«, erwiderte die Blonde. »Mir war irgendwie klar, dass du früher oder später so reagieren würdest. Bianca ist eine Sache und ich meine, sie kann manchmal wirklich schrecklich sein, aber sie hat auch eine positive Seite«, Heather räusperte sich und schenkte Cara ein sanftes Lächeln. »Bei ihr muss man eben nur ein bisschen genauer hinsehen. Was mich betrifft ... ich mag dich einfach. Keine Ahnung warum genau, doch es ist halt so. Um ehrlich zu sein ist es mir auch gleich, ob du reich bist oder so arm wie eine Kirchenmaus, denn das mach meiner Meinung nach nicht den Charakter aus. Vielleicht glaubst du mir nicht. Das kann ich nachvollziehen. Du scheinst dich aber auch sonst nicht sonderlich viel mit den anderen Studenten zu unterhalten und ich wollte nur nett sein, weil du auf mich den Anschein erweckst, dass du nicht unbedingt auf andere von allein zugehst.«


      Cara wollte gerade etwas entgegnen, als eine Durchsage ertönte und zum Anschnallen aufforderte. Heather erhob sich und nahm ein paar Reihen vor ihr Platz neben Bianca. Das Flugzeug setzte sich in Bewegung und beim Start wurde sie in den Sitz gedrückt.


      Circa vier Stunden sollte der Flug nach Kairo dauern, in dieser Zeit schlief Cara noch etwas und kam mit ihrem Buch ein Stück weiter. Heather kehrte nicht noch einmal zu ihr zurück, vielleicht war es auch besser so, denn so konnte sie über ihre Verbindung noch einmal nachdenken. Wieso sträubte sie sich so gegen eine Freundschaft mit Heather? Sollte sie nicht froh darüber sein, dass die junge Dame mit ihr befreundet sein wollte, obwohl sie mittellos war? Fragen über Fragen tummelten in ihrem Kopf, doch die passenden Antworten darauf bleiben vorerst aus. Cara beschloss Heather eine Chance zu geben, denn vielleicht ergab sich eine feste Freundschaft zwischen ihnen. Doch wollte sie es jetzt nicht hier im Flieger klären, sondern lieber am Boden. Denn hier konnte jeder ihrem Gespräch lauschen. Schon Caras etwas zu lauten Ausraster hatten Einige mitbekommen und danach wurde viel um sie herum getuschelt. Sie hatte immer wieder Worte gehört wie: Wie konnte sie nur mit einer Studentin unserer Schicht so reden? Dies gehört sich ganz und gar nicht.


      Das Flugzeug setzte zur Landung an und alle räumten ihre Sachen eilig zusammen.


      Auch im Bus saß die Studentin alleine und sie spürte die Blicke der anderen auf sich, besonders Biancas stechenden. Cara sank ganz tief in ihren Sitz, machte sich klein und wartete darauf, dass sie alle sich endlich anderen Dingen widmen würden.


      Kairo, diese riesige Metropole an den Ufern des Nils, beeindruckte Cara noch immer. Vor einigen Jahren hatte sie diese Millionenstadt schon einmal besucht, hatte die Museen, Universitäten und die zahlreichen alten Bauwerke besichtigt.


      Der Bus fuhr nicht in die Innenstadt, sondern in einen Vorort von Kairo. Im Süden der Metropole lag Maadi, welcher zu den teuersten Wohngebieten gehörte. Dort hatte die Freyer-Akademie ein großes Grundstück mit einer Villa, für genau solche Ausflüge. Ein wunderschöner Garten, eine Art Oase, umschloss das Haus. Der Hausverwalter begrüßte die ankommenden Studenten vor der Tür, zusammen mit seinen Angestellten. Der ältere Mann führte sie durch die Villa, während das Gepäck ausgeladen und auf die Zimmer verteilt wurde.


      Die Villa war sehr modern eingerichtet, hatte aber auch altertümliche Akzente. Man zeigte ihnen ihre Zimmer, die ebenfalls modern bestückt waren. Cara bemerkte, dass sie sich ein Zimmer mit völlig Fremden teilte. Dies war aber auch nicht verwunderlich, schließlich kannte sie kaum einen aus ihrem Studiengang.


      Die Führung endete im Esszimmer, wo schon ein prächtiges Mahl angerichtet worden war. Cara erfreute dieser Anblick, denn ihr Magen hatte schon im Bus leicht gegrummelt. Viele Studenten hatten sich bereits an die langen Esstische gesetzt. Mit Freude sah sie, dass neben Heather noch ein Platz frei war. Sie wollte sich noch entschuldigen, für das, was sie im Flugzeug gesagt hatte. Sie ging zu dem Stuhl und legte ihre Hand auf die Lehne, während sie Heather fragend anschaute. Diese nickte zustimmend. Aber dann wurde Cara unsanft zur Seite gestoßen.


      »Sorry, Stipendiatin! Doch zur Rechten sitzt immer die beste Freundin.« Biancas braune Augen funkelte sie bösartig an.


      Oh, dass werden vier lange Wochen werden, dachte die junge Frau.


      Und Cara sollte Recht behalten. In den nächsten Wochen verhinderte Bianca jede Chance ein Gespräch mit Heather zu führen. Egal ob sie Kairo erkundeten, die Museen besichtigten, die Möglichkeit hatten zu Shoppen oder zu den Sehenswürdigkeiten Ägyptens fuhren. Selbst in der Villa bewachte die platinblonde Studentin Heather wie eine Bulldogge.


      Nun dauerte die Exkursion nur noch eine Woche und das Highlight stand kurz bevor. Sie machten sich auf den Weg nach Gizeh, wo die größten Grabmäler der Welt standen. Die drei großen Pyramiden des Cheops, seines Sohnes Chephren und dessen Sohnes Mykerinos. Nicht zu vergessen die Große Sphinx, die den Aufweg zur mittleren Chephren-Pyramide bewachte. Wenn man so vor den Pyramiden stand, verstand man, warum sie zu den Sieben Weltwundern gehörten. Sie waren einfach beeindruckend.


      Sie verbrachten jedoch nicht viel Zeit in Gizeh, denn es sollte noch weitergehen, zu einer Ausgrabungsstelle der Freyer-Akademie. Schon viele Studenten hatten dort antike Funde entdeckt, welche die Akademie im Bereich der Geschichte und Archäologie weltbekannt gemacht hatten.


      Die Stätte lag ein paar Kilometer von Gizeh entfernt und die Fahrt mit dem Bus dorthin gestaltete sich sehr holperig. Cara freute sich unheimlich auf die Ausgrabungen. Dies war ihre Welt. Dies war etwas, was sie kannte und liebte.


      Zelte erstreckten sich vor ihnen, als sie aus dem Bus stiegen. Ein freundlicher Mann um die sechzig Jahre begrüßte sie. »Seit willkommen, liebe Erstsemester! Wie ihr seht, befindet ihr euch im archäologischen Zeltlager eurer Universität. Raphael Freyer ist unser Förderer, ohne ihn wären diese Ausgrabungen nicht möglich. Hinter den Zelten liegt der Ort, an dem Geschichte ruht. Vor zwei Monaten haben wir unter dem ganzen Sand einen Tempel gefunden. Vor kurzem haben wir eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Wir haben herausgefunden, dass dieser Tempel Bastet gewidmet war. Diese Tatsache ist merkwürdig, da ihre Tempel hauptsächlich in Memphis und Bubastis gefunden werden. Dort verehrte sie am Meisten, besonders in Bubastis, die Stadt wurde nach dieser Göttin benannt. Doch hier hätten wir nie mit diesem Fund gerechnet.« Der Archäologe strahlte über beide Ohren, wie ein kleines Kind. Cara kannte dieses Leuchten in den Augen, ihre Eltern hatten es auch, wenn sie einen neuen Fund machten.


      Der Mann führte sie durchs Lager hin zu den Ausgrabungen. Unter einem Pavillon waren lange Tische aufgestellt, auf denen zahlreiche Relikte lagen.


      Man gab den Studenten die Möglichkeit sich im Lager und an der Stätte umzuschauen, mit den Leuten vor Ort zu sprechen und wer es mochte, konnte bei einer Ausgrabung helfen.


      Cara blieb unter dem Pavillon und begutachtete die hundert Jahre alten Gegenständen. Der ältere Mann schien ihre neugierigen Blicke zu bemerken, denn er kam sogleich zu ihr herüber.


      »Es scheint mir, dass dies nicht die erste Ausgrabungsstätte ist, an der du dich befindest.«


      »Woher wissen Sie das?«


      »Ich sehe es in deinen Augen. Viele deiner Kommilitonen legen einen uninteressierten Blick an den Tag und achten eher darauf, dass sie nicht schmutzig werden. Auch haben einige von ihnen mich verächtlich angeschaut, da sie meine Arbeit nicht verstehen und sich für etwas Besseres halten. Doch dich scheint das alles hier wirklich zu interessieren.«


      Cara merkte, wie sie automatisch lächeln musste. »Meine Eltern sind ebenfalls Archäologen. Ich bin viel mit ihnen herumgereist und wuchs in solchen Lagern auf.«


      »Ach, wirklich!«, der Mann sah erstaunt aus. »Du musst wohl sehr erfolgreiche Eltern haben, wenn du auf die Freyer-Akademie gehst.«


      »Nein, ich bin nur an eins der begehrten Stipendien gekommen. Dafür habe ich hart gearbeitet. Meine Eltern sind nicht so bekannt und verdienen auch nicht viel, doch sie lieben die Archäologie. Das bewundere ich so an ihnen, dass sie ihrer Leidenschaft folgen.«


      »Wie heißt du mit Nachnamen? Vielleicht kenne ich sie.«


      »Jackson!«


      Der grauhaarige Mann überlegte kurz, bis er begeistert in die Hände klatschte. »Jackson! Daniela und Stephan! Ich erinnere mich an die beiden. Dein Vater ist sehr bewandert auf dem Gebiet der Sprachen und Schriften. Ich habe einmal mit ihnen zusammen gearbeitet. Demnach bist du Cara. Damals warst du gerade mal fünf Jahre alt. Du erinnerst dich bestimmt nicht an mich. Ich bin Joseph Plamp.«


      Cara schaute Joseph erstaunt an. Sie hatte den Namen schon von ihren Eltern gehört. Sie sahen ihn noch immer als Freund an, auch wenn sie sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben.


      »Was machen deine Eltern momentan, wo befinden sie sich?«


      »Sie haben momentan eine Ausgrabungsstätte in der Nähe von Abu Simbel.«


      »Sie sind auch in Ägypten? Erstaunlich! Wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, werde ich demnächst mal den Nil runterfahren und sie besuchen.«


      Cara war so glücklich, endlich war sie wieder in ihrem Element und konnte mit jemandem reden, der sie verstand.


      »Verzeihung, kann ich kurz stören?« Heather war in den Pavillon getreten, zusammen mit Bianca und ein paar anderen Studenten. Joseph drehte sich sogleich zu ihnen um und forderte Heather auf weiter zu sprechen.


      »Wir wollten fragen, ob es möglich ist, den Tempel zu besichtigen?«


      Joseph Plamp schien die Idee gut zu finden. Er holte aus einem nahestehenden Zelt einige Tachenlampen, denn im Inneren des Tempels war es trotz Scheinwerfer sehr dunkel.


      Durch Leitern kam man durch das Dach in den Tempel, da der eigentliche Eingang noch verschüttet war. Man hatte das Dach aufgebrochen und somit einen neuen Eingang geschaffen. Einer nach dem anderen kletterte die Stufen hinunter.


      Unten angekommen stand man in einer großen Halle, von der viele Gänge abgingen. Hohe Säulen stützten das Dach ab. Ein noch gut erhaltener Tisch aus Stein stand auf einem leichten Plateau, welcher wohl als Altar gedient hatte. Auf dem ersten Blick schien nichts auf die Göttin der Freude und Beschützerin vor bösen Mächten hinzuweisen. Cara wusste, dass diese Göttin oft mit einem Katzenkopf oder als richtige Katze dargestellt wurde, doch war in der Halle auch keine Katzenstatuen oder die Bildnisse zu erkennen.


      »Woher wisst ihr, dass dies ein Tempel der Bastet ist? Hier weist nichts auf sie hin«, fragte Cara neugierig.


      »Wir haben in einer der hinteren Kammern mumifizierte Katzen gefunden, sowie Statuetten der Katzengöttin. Auch in den dortigen Innschriften an der Wand wird sie benannt.«


      Joseph schlug vor, ihnen die Kammer zu zeigen, auch wenn ein paar von den anderen Studenten sich bei dem Gedanken an die mumifizierten Katzen ekelten.


      Der Mann führte sie in einen der Gänge hinein und erklärte dabei viel über den Aufbau des Tempels. Von dem Gang, den sie entlang liefen, gingen noch viele weitere Gänge ab. Diese waren aber zum größten Teil noch nicht gesichert und einsturzgefährdet, erklärte Joseph.


      Irgendwann bemerkte Cara, dass sich Heather nach hinten fallen ließ, ans Ende der Gruppe. Bianca schien dies nicht zu bemerken, denn sie lauschte noch den Worten von Joseph. Endlich sah die Zwanzigjährige ihre Chance. Auch sie ließ sich nach hinten fallen, damit sie mit der Heather reden konnte.


      Diese blieb stehen, den Blick in einen der Gänge gerichtet. Sie schien alles um sich herum ausgeblendet zu haben. Cara ging zu ihr und berührte sie leicht an der Schulter. In diesem Augenblick zuckte Heather zusammen und schreckte aus ihren Gedanken hoch.


      »Was ist los?«, fragte sie mit gedämpfter Stimme.


      »Du bist stehen geblieben. Die Gruppe entfernt sich immer weiter. Wir sollten schnell hinterger!«


      Heather antwortete nicht gleich, sondern schaute erneut verloren zu dem Gang. Der Gang lag stockdunkel da, Caras Handscheinwerfer beleuchtete ihn kaum, als sie diesen in die Schwärze richtete.


      »Cara ...«, Heathers Stimme war noch leiser als zuvor und sie hörte sich an, als ob sie aus weiter Ferne sprach. »Würdest du mich begleiten?«


      »Wohin?«, fragte Cara, doch sie erriet die Antwort anhand Heathers Blick. »Darein? Aber du weißt doch gar nicht wohin der Gang führt und ob er sicher ist.«


      »Ich muss dorthin. Irgendetwas in meinem Inneren ruft nach mir. Es befielt mir den Gang dort zu betreten.« Heather wartete nicht mehr auf eine Antwort von Cara, sondern lief schnurstracks in den dunklen Gang hinein.


      Die junge Frau fühlte sich hin und her gerissen. Sie wollte nicht ins Ungewisse rennen, doch wollte sie auch Heather nicht alleine gehen lassen. Also verließ sie ebenfalls den hellerleuchteten Gang, hinein in die Dunkelheit.


      Die beiden Studentinnen liefen nebeneinander her, den sandigen Boden immer erleuchtend. Cara warf einige Male einen Blick zurück, um zu kontrollieren, ob der erhellte Hauptweg noch da war, denn bis jetzt waren sie nur geradeaus gegangen.


      »Hast du das gehört?«, fragte Heather plötzlich.


      Cara horchte genauer hin. Sie vernahm ein Knacken, Grummeln und Rumoren. Panik stieg in ihr auf und ihr Herz pochte wild. Die Geräusche gefielen ihr ganz und gar nicht.


      »Heather, lauf! Der Gang stürzt ein!«, rief sie und ihre Stimme hallte durch den Gang.


      Die beiden rannten los, weiter geradeaus und den finsteren Gang entlang. Genau zur rechten Zeit, denn hinter ihnen senkte sich Decke herab und stürtzte herunter. Nun versperrten Steine und jede Menge Sand ihren Rückweg.


      Cara keuchte verzweifelt auf. »Wir sind hier gefangen!«

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Simbambi ()

    • Okay, zuerst die negative Kritik:
      Zum einen ganz klar die ellenlangen Absätze, es ist wirklich furchtbar. Bitte pass das an, man kann es kaum richtig lesen so.
      Zum anderen die Länge des Textes. Es ist so zu lang. Man kann mühelos zwei Teile draus machen. Ich habe nur ungefähr den ersten Dritel gelesen und das reicht mir für heute auch.
      Zum dritten ganz klar die massiven Zeitsprünge, die du im Text hast. Du springst von Moment zu Moment. Die letzten Kapitel war Cara freidlich am studieren, dann plötzlich saß sie mit Gepäck auf dem Bett, war im Bus (bis hierhin noch okay), dann im Flieger und in Ägypten springst du von Ereignis zu Ereignis.

      Positiv:
      Dein Schreibstil ist noch immer sehr klar und fehlerfrei. Es ist inhaltlich angenehm zu lesen, auch weil du deinen Stil selbst treu bleibst (bis auf diese nervigen Zeitsprünge).

      Spoiler anzeigen

      Simbambi schrieb:

      bewundernswerter Weisen hatten ihre Mitbewohnerinnen noch nichts von dem kleinen Fellknäul erfahren. Die Studentin hatte es sehr geschickt eingefädelt.
      *bewundernswerterweise (zusammen)

      Simbambi schrieb:

      Zum Glück fing ihre erste Vorlesung am Tag immer erst nach den anderen an,
      Das solltest du umformlieren. Ist viel zu sperrig so.

      Simbambi schrieb:

      An den zwei Bussen tummelten sich schon einige Studenten. Angestellte der Akademie schoben große Wagen mit Koffern vor sich her und luden diese in die Busse.
      Das letzte "Busse" würde ich umformulieren. Kofferraum oder so nehmen.

      Simbambi schrieb:

      Soweit es Cara gehört hatte, begeisterten sich nicht sehr viele Studenten Lust für diese Exkursion.
      Wort Löschen

      Simbambi schrieb:

      Dies konnte die junge Studentin kaum verstehen, denn es gab nichts Besseres, als Ausflüge.
      Letztes Komma streichen.
    • @Schreibfeder

      Danke für deine Kritik, ich werde das nächste Mal berücksichtigen, dass ich die einzelnen Teile noch einmal Teile, wenn sie so lang sind.

      Hast du vielleicht eine Idee, wie man das mit den Zeitsprüngen besser machen könnte. Beim Schreiben habe ich das viele Male geändert, da ich nicht wusste, wie ich das am Besten lösen kann. Und anscheinend ist die jetzige Lösung auch noch nicht die Beste X/

      Mach bitte weiter so, freue mich immer wenn Kritik von dir kommt.

      LG
    • Zm einen würde ich die Übergangsphase besser beschreiben/ausbauen. So wie es jetzt da steht, wird erwähnt, das es ein Projekt gibt und Zack, - im nächsten Teil fahren die schon los. Ohne Übergangszeit, wie die eigentlich normal ist.

      Zum zweiten würde ich entweder das Alltagsleben in Ägypten noch besser beschreiben, oder wenn du das nicht willst, einfach direkt zu den Ausgrabungen hinfahren und den ganzen Rest, wie Sightseeing in Kairo weglassen.
      Das hieße dann, dass du das Gebäude der Akademie in Kairo genauer umschreibst und auch das ALltagsleben dort beschreibst. Jedoch ist das etwas viel und auch etwas schnell, wenn man bedenkt, dass du gerade erst den Alltag in der Akadamie selbst "in den Griff bekommen hast", sprich halbwegs überzeugend und authentisch wiedergegeben hast.

      Auch wäre es für den inhaltlichen Spannungsbogen von Vorteil, wenn du die Spannung langsam ansteigen lässt. Das mit der Katze nd den unheimlichen Trämen war gut, die Spannung stieg. Plötzlich ein Crash und sie sind in Ägypten. Du verstehst, was ich meine?
    • Ja ich verstehe was du meinst.

      Das Problem ist, dass in Ägypten jetzt etwas Wichtiges passiert, was für die Bindung der beiden Hauptpersonen und den Fortlaufe der Geschichte unablässig ist. Besonders was am Ende dieses Teils passiert. Vielleicht müsste man dann diesen Übergang noch in dem Teil davor einbauen.

      Das mit der Beschreibung des Alttageslebens finde ich gut und werde ich auf jeden Fall noch mit einbringen.
    • HI, Leute. Es kommt wieder ein neuer Teil. Diesmal habe ich den einzelnen Teil noch einmal unterteilt, da er wieder etwas länger ist. Der sogenannte 2. Teil vom 1. Teil folgt dann in ein paar Tagen.
      LG



      Kapitel 7 - Teil 1.1



      Eine sandige Staubschicht flog durch den Gang und machte das Atmen schwerfällig. Sie legte sich über den Boden, wie ein Teppich aus Dreck und Dunkelheit. Cara keuchte sehr stark und immer wieder musste sie Husten, hörte wie auch Heather schwer atmete. Sie rieb sich die Augen und blinzelte die kleinen Sandpartikel weg.

      »Was sollen wir jetzt nur machen?«, fragte Cara zwischen zwei erneuten Hustern.

      »Da unser Rückweg versperrt ist, würde ich vorschlagen, wir gehen diesen Gang weiter.« Auch Heathers Stimme hörte sich leicht krächzend an.

      Cara konnte die andere Studentin kaum erkennen, denn sie hatten nun noch weniger Licht als vorher. Als die Decke eingestürzt war und sie los rannten, hatte Cara den Handscheinwerfer verloren. Nun spendete nur noch der von Heather etwas Helligkeit.

      Da ihnen keine andere Möglichkeit blieb, gingen sie den Gang weiter entlang. Es war kalt, besonders weil sie nur leicht bekleidet waren und an der Oberfläche hatte die erbarmungslose Sonne über ihren Köpfen gebrütet. Wer hätte auch damit rechnen können, dass sie in einem Tempel verschüttet werden würden. Schon jetzt spürte Cara eine Gänsehaut auf sich. Ihre Finger waren eisig und sie zitterte leicht.

      Plötzlich hielt Heather vor ihr an und sie wäre fast gegen ihre Rücken geknallt.

      »Was ist los?«, fragte sie schnell.

      Heather zögerte und Cara bemerkte, wie sie den Lichtkegel hin und her schwenkte.

      »Hier ist eine Abzweigung«, stöhnte sie. »Welchen Gang wollen wir nun gehen?«

      Caras Laune sank rapide. Warum ließ sie sich nur immer in so was hinein ziehen. »Entscheide du! Schließlich war es auch deine Idee, sich von der Gruppe zu trennen.«

      »Wie oft willst du das noch wiederholen? Du hättest ja nicht mitkommen brauchen. Dann wäre nur ich in diese Situation geraten.«

      »Erinnere mich das nächste Mal daran, bevor du mich wieder in irgendeine gefährliche Situation ziehst.«

      Heather lachte gehässig auf. »Ich werde versuchen daran zu denken. Es ist ja auch erst das erste Mal, dass wir in eine solche Situation kommen.«

      »Und was ist mit der Sache in der Akademie, als du mich in das verbotene Institut geschleppt hast? Also sag nicht, dies wäre ...« Cara verstummte. Irgendetwas hörte sie aus einen der Gänge. Sie lauschte genauer. Und da war erneut dieses bekannte Geräusch, es kam aus dem Gang zu ihrer Rechten.

      »Hast du das gehört?«, fragte sie die Blonde.

      »Was denn?«, Heather schaute sie skeptisch an.

      Beide blieben still und lauschten. Und da war es wieder, dieses hohe, sanfte und leises Miauen. Sofort wies Cara auf das Geräusch hin, doch Heather schien nichts gehört zu haben. Sie schaute Cara nur verwirrt an. Auch ging sie einfach nicht mehr darauf ein, vermutlich hielt Heather sie jetzt für ganz verrückt.

      Als diese wieder los lief und in den linken Gang bog, hielt Cara sie am Arm zurück. Erneut schaute die blonde Frau sie verständnislos an und Cara deutete sogleich in die andere Richtung. »Lass uns lieber dort langgehen.«

      »Hattest du nicht gerade noch gesagt, ich solle entscheiden, wo wir langgehen?«, sagte Heather und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

      Cara nickte verlegen, doch sie hatte das Gefühl, dass der rechte Weg der Richtige war. Diese Erkenntnis war ihr plötzlich bewusst geworden und zog sie instinktiv in die Richtung, aus der das Miauen gekommen war. Sie versuchte dies der anderen Studentin zu erklären, doch mit jedem Wort schaute diese nur noch perplexer. Der Blick ähnelte sehr dem, den Heather aufgesetzt hatte, als sie ihr von ihren Träumen erzählte. In jeder anderen Situation hätte Cara schon klein bei gegeben, hätte sich verkrochen und gehofft, alle würden es vergessen. Aber in diesem Moment wollte ... nein ... musste sie ihren Willen durchsetzten. Satt einfach versuchen zu wollen, Heather zu überzeugen, schleppte sie die junge Dame einfach hinter sich her. Im ersten Moment stolperte diese leicht, fing sich aber schnell und befreite sich auch ihrem Griff. Sie sagte nicht, sondern lief still neben ihr her.

      Nach einiger Zeit, Cara hatte das Gefühl, es seinen Tage vergangen, wurde der Gang immer breiter. Sie hofften sehr, dass dies ein gutes Zeichen war, dass bald ein Ausgang kam, denn der letzte Handscheinwerfer fing immer wieder an zu flackern. Ein böses Zeichen, welches bedeutete, die Batterie würde bald ihren Geist aufgeben.

      Der Gang öffnete sich und sie fanden sich in einem großen Raum wieder. Auch hier ruhte in der Mitte ein steinerner Altar, worauf noch einige gut erhaltene Gefäße und Vasen standen. Sofort erwachte in Cara ihre archäologische Neugier. Sie achtete nicht mehr auf ihre Begleitung, sondern lief zu dem Tisch und begutachtete die Dinge darauf. Aus ihrer Tasche fischte sie ihre Ausrüstung und fing an mit einem Pinsel über eine der Vasen zu streichen. Unter dem ganzen staubigen Sand kamen Bilder und verblasste Hieroglyphen zum Vorschein. Caras Herz machte einen Sprung als sie zwei kleine Statuetten aus Stein gearbeitet fand.

      Auch Heather schaute wissbegierig über Caras Schulter und schien sich zu fragen, welche Bedeutung diese Figuren hatten.

      »Das sind Uschebtis, was soviel heißt wie ›Antworter‹. Eigentlich werden sie als Grabbeigabe einem Verstorbenen beigereicht. Sie sollen diesem als Stellvertreter in der Totenwelt dienen, wenn der Tote zur Arbeit aufgerufen wird. Doch selten, wie hier, findet man Uschebtis auch in Tempeln. Sie sollen die Arbeit an heiligen Orten dokumentieren oder wurden als Opfergabe beigebracht, um aus einer Notlage zu entfliehen. Ich bin erstaunt in welch gutem Zustand das hier alles ist.« Cara konnte einfach nicht aufhören zu schwärmen. Es war das erste Mal, dass sie auf einen noch unberührten Ort traf, wo noch kein anderer Archäologe gewesen war. Die Begeisterung sprudelte buchstäblich aus ihr heraus.

      Heather nahm die beiden Uschebtis und verstaute sie in ihrer Tasche. Cara schaute sie verdutzt und vorwurfsvoll an, doch bevor sie eine Beschwerde hervor bringen konnte, erklärte die Blonde schon ihre Tat. »Lass uns die einfach mitnehmen! Keiner weiß, dass die Figuren je hier waren. Eine bekommst du, eine nehme ich. Seh‘ es als ein Souvenir für unser Abenteuer.«

      »Das können wir nicht machen. Die Uschebtis und alles andere in diesem Raum gehören in ein Museum oder zumindest in die Privatsammlung der Freyer-Akademie.«

      »Cara! Du musst echt mal ein bisschen lockerer werden. Diese Statuen sollen doch aus Notlagen helfen, nicht wahr?«, sie wartete Caras Antwort gar nicht erst ab. »So wie ich das sehe, befinden wir uns momentan in einer solchen Notlage und ein wenig Hilfe könnte uns nicht schaden. Brich auch mal ein paar Regeln, ansonsten macht das Leben doch keinen Spaß.« Freundschaftlich tätschelte Heather Caras Schulter.

      »Seit ich dich kenne breche ich andauernd irgendwelche Regeln. Sowas erwartet man nicht gerade von einer Studentin aus gutem Hause.«

      »Autsch ... Danke«, lachte Heather.

      Die Tochter von Archäologen wand sich wieder dem Altar zu, während sich die andere Studentin weiter im Raum umschaute. Cara fand noch einige Tonscherben und eine Halskette, die einen Stein in einer goldenen Fassung besaß.

      Auf einmal rief Heather sie zu sich. »Schau dir mal das hier an, Cara!«

      Sie eilte zu ihr hinüber und fand sich vor einer Wand wieder. Diese war übersät mit zahlreichen Hieroglyphen und anderen Bildnissen. Heather stand ziemlich mittig und betrachtete ein Symbol, welches Cara noch nie gesehen hat. Es war irgendwie Rund, doch der Rand war geschwungen. Im Zentrum befand sich die gleiche Form wie Außen, nur lag diese etwas versetzt zum äußeren Rand. Beide Kreise waren in zwölf Teile gegliedert. In den Äußeren Teilen waren zwölf, runde Kristallformen gezeigt. Um das Symbol herum, stand ein Text, welcher nur noch schwerlich zu lesen war. Teilweise durchzogen Risse die Wand oder die Hieroglyphen waren verblasst.



      »Kannst du lesen, was da steht?«, fragte Heather.


      »Vielleicht ein wenig. Mein Vater hat mich diese alte Schrift etwas gelehrt, doch beherrsche ich sie noch nicht perfekt. Außerdem erkennt man einige Symbole nicht mehr, aber ich kann es mal versuchen.« Cara zückte erneut ihren Pinsel und entfernte etwas von dem Sand, der einige Zeichen verdeckte. Sie fing links neben dem Symbol an. Die Hieroglyphen waren schlecht zu erkennen und auch ihr Wissen über die Bedeutung der Zeichen war eingerostet. Doch ein paar erkannte sie sofort. Sie zeigte diese Heather und erklärte sie sogleich. »Siehst du diese Hieroglyphe? Das ist ein versiegeltes Salbgefäß zusammen mit zwei Laib Brot. Das steht für die Katzengöttin Bastet. Es ist logisch, dass sie hier genannt wird, es ist schließlich ihr Tempel.« Sie machte auf der anderen Seite weiter. »Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob ich damit richtig liege, doch diese Zusammensetzung könnte Wächter heißen. Ein Wachtelküken, ein Unterarm, dann könnte ein Tierbauch oder ein Korb von oben gesehen kommen, dann ist da wieder ein Brotlaib und schließlich ein Mund. Zusammen ergibt sich Wächter

      Heather staunte und lobte Cara für ihr Wissen. Nun ging die blonde Studentin wieder zu dem Altar, während Cara die Wand noch weiter inspizierte. Doch leider fand sie keine weiteren Informationen mehr über das Symbol. Wäre ihr Vater nur hier, der hätte sicherlich mehr übersetzen können. Wieso hatte sie nicht öfters mit ihm Hieroglyphen lesen geübt?
    • Kapitel 7 - Teil 1.2

      Wieder ertönte ein leises Miauen durch den Raum. Cara schaute sich erschrocken um. Und da war sie endlich, eine schwarze Katze, welche Chione sehr ähnlich sah. Sie lungerte in den Schatten eines Ganges und schaute die Studentin mit ihren goldenen Augen an. Wie in Trance machte sie einige Schritt auf die Katze zu. Am Altar wurde Cara von Heather gestoppt, welche sie am Handgelenk festhielt. Cara wehrte sich gegen den Griff, sie wollte weitergehen, der Katze hinterher.

      »Folge mir! Cara, komm‘ mit mir! Ich bringe euch hier heraus«, ertönte es in ihrem Kopf. Diese Stimme war sanft und leicht, wie eine Feder. Doch zugleich war sie auch stark, beherrschend und schien den ganzen Raum auszufüllen.

      Cara beteuerte Heather, sie gehen zu lassen. Sie musste weiter und Heather musste ihr folgen. Ohne zu zögern rannte sie der Katze in den Gang nach. Heather folgte ihr, letztlich hatte diese auch keine andere Wahl.

      Der Gang war lang und in völlige Dunkelheit getaucht, denn der Handscheinwerfer hatte kurz nach Betreten des Ganges den Geist aufgegeben. Doch Cara konnte merkwürdiger Weise trotzdem noch etwas erkennen. Es war, als ob sie durch die Augen einer Katze sehen konnte. Ebenfalls spürte sie noch die Anwesenheit der Katze vor ihr. Was sie nur etwas beunruhigte war, dass Heather weder eine Katze gesehen, noch gehört hatte. Bildete sie sich die Katze nur ein? Sie war sich doch sicher, dass die schwarze Katze in ihrer Nähe war. Was ging hier nur vor?

      Plötzlich sah sie etwas vor sich und ihr entrann ein erleichterter Freudenschrei. Vor ihnen erstreckte sich ein großer Lichtkegel, der den Boden erhellte. Endlich hatten sie einen Ausgang gefunden. Beide Mädchen setzten zu einem Spurt an, sie wollten nur noch aus dieser Dunkelheit raus.

      Frische, saubere Luft drang in ihre Lunge ein und Cara war froh, noch am Leben zu sein. Zwar erstreckte sich vor ihnen die Sandwüste, doch das Lager konnte nicht sehr weit entfernt sein. Sie versuchte einzuschätzen, wo sie sich gerade befanden. Der Himmel färbte sich schon rot. Sonnenuntergang. Sie waren also mehrere Stunden im Tempel gewesen, denn sie waren gegen Nachmittag an der Ausgrabungsstelle angekommen und hatten recht schnell den Tempel betreten.

      Cara warf einen Blick zurück. Das Loch aus dem sie gekommen waren war kaum zu sehen. Es war eine kleine Öffnung, die zwischen Sanddünen verdeckt wurde. Von weiter weg würde man den Tunnel nicht erkennen können. Sie schaute hinein in die Dunkelheit, der sie entflohen waren. Sie fühlte sich erleichtert, doch auch etwas traurig. Nun war ihr kleines Abenteuer zu Ende und nun würde sie wieder die unsichtbare Stipendiatin sein. Insgeheim wünschte sie sich zurück in den Tempel. Dort hatte sie endlich mal wieder die Dinge gemacht, die sie mit ihre Eltern gemacht hat. Wo sie sich frei gefühlt hat. Sie hatte sich wie zu Hause gefühlt, dort in der antiken Stätte, so als ob sie dort hin gehörte. Wehmütig sah die Studentin, wie die Katze im Schatten verschwand.

      Laute Geräusche drangen zu ihnen, sodass Heather und sie vermuteten, dass diese von der Ausgrabungsstätte kamen. Sie beschlossen, auf die Geräusche zu zugehen. Nun war ihnen auch nicht mehr kalt, die Strahlen der untergehenden Sonne wärmten sie. Der Sand, durch den sie stapften, war so weich, dass ihre Füße immer wieder in der Erde versanken. Sie zogen regelrecht die Knie an den Bauch, um durch die Wüste zu kommen.

      Als sie endlich das Lager erreichten, kamen zahlreiche Studenten und Erwachsene auf sie zu gerannt. Mit voran Bianca und Joseph Plamp, sowie die Aufsichtspersonen.

      »Ist mit euch alles in Ordnung?«, fragte Dr. Plamp. »Was ist passiert?«

      »Wir hatten den Anschluss an die Gruppe verloren und haben uns dann verlaufen. Wir wurden in einem Gang verschüttet«, erklärte Heather.

      Cara war froh, dass sie eine Erklärung parat hatte, ihr wäre überhaupt nichts eingefallen. Besonders bei Biancas feindseligem Blick, fehlten ihr die Worte. Sie wusste sofort, was die Blondine damit sagen wollte: Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst dich von Heather fern halten? Und nun lässt du dich mit ihr verschütten. Das wird noch ein Nachspiel haben.

      Man brachte die beiden Studentinnen zu einem Sanitätszelt, wo man sie einmal gründlich untersuchte. Zum Glück fehlte ihnen nichts. Cara saß auf einer unbequemen Pritsche. Sofort dachte sie an das Lager ihrer Eltern. Bevor sie an die Freyer-Akademie gekommen war, hatte sie sich immer über die harten Liegen beschwert. Doch nun, nachdem sie einige Zeit im Wohnheim ein weiches Bett genießen konnte, fehlte ihr die vergangene Zeit doch etwas.

      In den verbleibenden Tagen der Exkursion blieben Heather und Cara nur in der Villa. Den folgenden Ausflüge durften sie nicht mehr beiwohnen, denn ihr Unfall warf einige erklärbare Fragen auf. Der Dozent hatte ihren kleinen eigenmächtigen Ausflug nicht gerade lustig gefunden und ihnen Hausarrest erteilt. Doch er meinte auch, dass zurück an der Akademie weitere Konsequenzen auf sie warten würden. Cara war sich sicher, dass Heather keine so große Strafe erwarten würde, doch was war mit ihr? Schließlich war sie nur eine einfache Stipendiatin. Als sie mit ihrer Mitgefangenen alleine im Wohnzimmer der Villa saß, teilte sie ihre Befürchtung Heather mit. Diese versucht sie zu beruhigen, aber das konnte im Augenblick niemand. Cara war dafür viel zu aufgewühlt.

      Die anderen Studenten kamen lachend und mit Tüten im Gepäck zurück. Anscheinend hatten einige von ihnen erneut eine Shoppingtour unternommen. Auch Bianca trug Einkaufstaschen von angesagten Labels bei sich. Als sie die beiden Studentinnen entdeckte, kam sie sogleich angestarkst und setzte sich zwischen Heather und Cara auf das weiße Designersofa. Sie schlug die Beine übereinander und wand Cara den Rücken zu.

      »Süße, schau mal ich hab neue Schuhe.« Sie hielt ihre Füße hoch, sodass man ihre Highheels von allen Seiten bewundern konnte. Knallig rot, mit silbernen Schallen und Klimbim. Cara fand die Schuhe sehr aufdringlich und überheblich.

      Da sie hier anscheinend nicht mehr erwünscht war, strich die junge Frau durch ihr braunes Haar und ging dann ins obere Stockwerk. Die anderen Studenten standen in den Fluren, machten Krach, liefen herum und feierten ausgelassen. Es war der letzte Abend hier in Ägypten, den musste man auskosten.

      Cara fand ihr Zimmer verlassen vor, was sie erleichterte. Ihre zwei Zimmergenossinnen für den Monat verhielten sich nicht so, wie ihre aus der Akademie. Die hier hatten Eltern, die sich die Akademie leisten konnten. Sie waren nicht begeistert gewesen, mit ihr auf ein Zimmer zu kommen. Cara hatte immer gehört, wie sie über sie tuschelten. Sie kramte ihren Koffer unter dem Bett hervor und fing an ihre Sachen zu packen. Ihre Kleidung holte sie aus der Kommode neben ihrem Bett und ihre Bücher aus dem Regal. Sie hatte einige eingepackt und in den vier Wochen die meisten durchgelesen, legte alles nun ordentlich zurück in den Hartschalenkoffer. Während ihre Zimmergenossinnen sich auf ihre Koffer setzten mussten, um diese zu schließen, ging Caras mit Leichtigkeit zu.

      Sie schmiss sich auf ihr Bett und schaute an die weiße Decke. Hier in der Villa war fast alles weiß. Weiße Möbel, weiße Wände, weiße Teppiche und weiße Vorhänge. Es wirkte alles sehr steril. Morgen würde sie zum Glück wieder in dem Bett in der Akademie liegen. Irgendwie war sie etwas Betrübt. Sie hatte die Zeit hier in Ägypten sehr genossen, besonders bei der Ausgrabungsstelle hatte sie sich wieder lebendig gefühlt. Dieses Gefühl wollte sie wieder erleben.

      Mit diesem Gedanken schlief sie ein.
    • Kapitel 7 - Teil 2.1
      Mit hochrotem Kopf stauchte die Sekretärin von Raphael Freyer Heather und Cara zusammen. Sie zog geradezu hungrig ihre Kreise in dem viel zu kleinen Vorzimmer, wo ihr Schreibtisch unpassend am Fenster stand. Ihre Augenbraue zuckte wild und ihre Worte flossen nur so aus ihrem schmalen Mund. Heather blickte sie schuldig an und merkte, dass Cara der Verzweiflung nahe war.

      Hinter der massiven Eichentür verbarg sich Dr. Freyer in seinem Büro, musste anscheinend noch einige Unterlagen durcharbeiten, bevor er Zeit für die zwei Studentinnen hatte. Heather wusste, dass sie beide hier nicht glimpflich davonkommen würden. Dafür hatte ihr kleiner Abstecher einfach zu schwerwiegende Folgen gehabt. Immerhin wurden sie verschüttet und wer weiß, was noch alles hätte passieren können.

      »Wirklich! Was habt ihr euch dabei nur gedacht?«, plapperte die Sekretärin munter weiter. »Ich meine Neugier sollte seine Grenzen haben. Und Miss McCarthy, von Ihnen habe ich mir mehr erhofft. Ihre Familie gab Ihnen doch sicherlich bessere Manieren mit.«

      Heather senkte ihr Haupt. Wenn ihre Eltern von dieser Misere erführen, konnte alles Mögliche geschehen. Eventuell würden sie ihre Tochter sogar von der Akademie nehmen, nur weil ihnen die Gefahren zu groß erschienen. Was natürlich Quatsch war, wie Heather betonte, denn das Gelände der Freyer Akademie bot nun recht wenig Möglichkeiten, sich lebendig zu begraben. Im Gegenteil. Die Sicherheitsmaßnahmen, vor allem in der Nähe des Institutes, überschritten jedes Hochsicherheitsgefängnis.

      »Möchte die Dame denn nichts zu ihrer Verteidigung anbringen?«, hakte die Sekretärin nach.

      »Ich stehe doch nicht vor Gericht«, erwiderte Heather und bereute es sogleich. Über die letzten Wochen vergaß sie manchmal, mit wem sie sprach und wie sie sich zu verhalten hatte. »Verzeihen Sie bitte. Die vergangenen Tage haben mich sehr mitgenommen. Natürlich war diese Entscheidung meinerseits nicht richtig und ich werde die Konsequenzen entgegennehmen, wie auch immer sie ausfallen sollten«, ihr Blick streifte Cara, die sich kleiner machte. »Außerdem ... Da dieser eigenständige Ausflug allein meine Idee gewesen war, sollte Miss Jackson keine Strafe zuteil werden.«

      »Bitte was?«, zischte die Frau und Caras Gesichtsausdruck sagte in etwa dasselbe aus. »Sie können doch nicht ... Ich meine, wenn Sie ...«

      Heather legte den Kopf schief und wartete darauf, dass sich die betagte Frau wieder fing. Sie ring noch mit den Worten und stotterte weiter vor sich hin, bis sie endlich ihre innere Ruhe wieder fand.

      »Ist das denn tatsächlich die Wahrheit?«

      »Wieso sollte ich Sie belügen?«, konterte Heather und stieß Cara in die Seite, weil diese einschreiten wollte. »Miss Jackson begleitete mich lediglich, da sie sich um meine Sicherheit sorgte. Wenn überhaupt, sollte man sie für ihren selbstlosen Einsatz loben.«

      »Ah ... ja wenn das so ist, dann muss sich Mr. Freyer darüber eine Meinung bilden.«

      Nachdem dieses Thema angesprochen wurde, beruhigte sich auch Heather ein wenig. Zumindest musste Cara nun nicht wegen ihr leiden. Als Stipendiatin dürfte sie sich solche Patzer nicht leisten und Heather würde sich selbst nicht verzeihen können, sollte Cara durch sie diese Akademie verlassen müssen.

      Die schwere Tür öffnete sich mit einem Klick und eine große Gestalt trat ins Zimmer. Seine braunen Augen musterten Heather durch eine Brille, deren Gläser die Sonne reflektierten. Sofort fühlte sie sich unwohl, eher eingeschüchtert. Sie war es zwar generell gewohnt, mächtigen Persönlichkeiten zu begegnen, aber dieser Freyer machte ihr Angst. Nicht zu vergleich war da sein arroganter Sohn, der allerdings - so viel musste sie ihm zugestehen - nicht halb so abgehoben wirkte wie sein Vater.

      »Miss McCarthy, Miss Jackson. Kommen Sie bitte in mein Büro«, forderte er sie streng auf.

      Heather stand als Erste in der Tür und gab dem Leiter der Akademie die Hand zum Gruß. Cara folgte unsicher. Das Zimmer wirkte monströs. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet, das eine kaum sichtbar verzierte Bordüre besaß und zwischen den Mustern blitzten goldene Linien auf. Auf einer Seite prangten zwei Regale, die bis unter die Decke reichten. In ihnen standen zahlreiche, alte Bücher und ganze Buchreihen. Vor den beiden großen Fenstern befand sich sein Schreibtisch, auf dem sich Papierstapel türmten und ein verchromter Laptop stand.

      »Wie ich den Aufzeichnungen Ihrer Dozenten entnehmen konnte, leisteten Sie sich einen unangemeldeten Ausflug während der Exkursion nach Ägypten«, sprach Mr. Freyer und hielt ein Klemmbrett vor sich. »Sie beide wissen vermutlich, dass ein solches Verhalten an dieser Akademie nicht einfach hingenommen werden kann.«

      »Mr. Freyer«, begann Heather unterwürfig. »Unser Verhalten war gewiss nicht angemessen und falsch, das wollen wir nicht abstreiten, doch es war ein Unfall.«

      »Miss McCarthy, ich bin der Auffassung, dass Miss Jackson sehr wohl für sich selbst reden kann. Oder hat es dir die Sprache verschlagen, Mädchen?«

      Ganz im Gegenteil, stellte Heather fest und betrachtete ihre Freundin, die mit zitternden Knien vor dem Leiter stand. Sie konnte ihn nicht einmal direkt ansehen, kein Wunder, da ihre Zukunft nun in seinen Händen lag. Oder eben in Heathers.

      »Ich möchte mich bei Ihnen für mein Fehlverhalten in Ägypten entschuldigen«, erwiderte Cara leise. »Es war ein dummes Missgeschick und ich werde dafür einstehen. Das bin ich der Akademie schuldig.«

      »Sie wissen, was das für Sie bedeutet, nicht wahr? Als Stipendiatin sind Sie hier nur zugelassen, da Ihre Leistungen dementsprechend waren«, kündigte Mr. Freyer streng an. »Ein Verweis und die Auflösung des Stipendiats erscheinen mir daher angebracht.«

      »Warten Sie«, mischte sich Heather ein. »Diese ganze Sache war nur mein Verschulden. Wäre ich nicht in den Gang gelaufen, wäre Cara doch gar nicht erst in diese Situation gekommen. Ich bitte Sie inständig, alle Konsequenzen und Strafen auf mich zu schieben.«

      Entsetzt schaute Cara die andere Studentin an. Der Leiter überschlug seine Beine und ließ seinen intensiven Blick zwischen Heather und Cara schweifen. Heathers Hände wurden nass vom Schweiß, obwohl sie wusste, dass sie dar Richtige tat. Er überlegte eine Weile, kratzte sich am Kinn und blätterte durch seine Unterlagen. Dann hob er den Kopf und sah Cara an.

      »Miss Jackson.«

      »Ja«, keuchte sie.

      »Sie dürfen erstmal gehen. Dennoch werden Sie eine Nachricht von uns erhalten.«

      Stolpernd verließ Cara das Büro. Die Tür schloss sich lautlos und Heather bemerkte überrascht, dass Mr. Freyer seine geradezu beängstigende Aura zügelte. Er atmete aus und betrachtete sie wieder, doch lange nicht so eindringlich.

      »Sie sind eine wertvolle Studentin«, sagte er monoton. »Die Folgen ihres Fehltrittes werden nicht allzu schwer ausfallen, da Sie diese einsehen. Ein Protokoll über die gesamte Exkursion sollte genügen. Bitte mit Hintergrundinformationen und einem konkreten Aufbau. Keine Schludereien.«

      Heather nickte bestätigend und fühlte, wie sich ihr Herz allmählich verlangsamte. Doch die Freude und Erleichterung stellten sich erst richtig ein, nachdem sie das Gebäude verlassen hatte. Eine frische Brise erfasste ihre Haare. Sie atmete mehrmals tief ein und aus. Einen Bericht zu schreiben, war wirklich eine geringer Strafe, wenn man bedachte, dass Cara ihr Studium beinahe verloren hätte.

      Dennoch fühlte sie sich mies. Diese Exkursion nach Ägypten hatte sie geschafft und dazu kam noch, dass sie nicht nur die Uschebtis aus dem Tempel mitgenommen hatte. Nein, sie hatte sich auch noch erlaubt einen kleinen, unscheinbaren Stein einzustecken, der eine merkwürdige Wirkung auf sie zu haben schien. Oder sie hatte bereits Caras seltsame Wahnvorstellungen übernommen, so sicher war sie sich nicht.

      Jedenfalls hielt sie jetzt den runden Stein in ihren Händen. Ein Bernstein, wie sie feststellte, welcher in einer goldenen Fassung steckte. An den Seiten erkannte man kleine Kratzer und Schrammen. Der Träger musste diesen Anhänger wirklich oft bei sich gehabt haben. Mit der Fingerspitze fuhr sie die glatt geschliffene Oberfläche ab und ein seltsames Kribbeln durchzog ihren Körper. Als würden tausend Nadeln auf sie einstechen. Erschrocken ließ sie den Anhänger fallen. Rasch bückte sie sich danach.

      »Die Dame«, hörte sie eine männliche Stimme hinter sich. »Was ein Zufall, dich hier anzutreffen.«

      Heather verdrehte die Augen und richtete sich eilig auf, wollte weglaufen, aber Milan hielt sie geschickt auf. Sein Grinsen hätte er sich auf sparen können, keifte sie in Gedanken. Einen weiteren Fehler würde sie sich nicht leisten, immerhin war er der Sohn des Akademieleiters.

      »Milan«, zischte sie fast. »Du studierst doch an einer anderen Universität in einer anderen Stadt. Warum bist du schon wieder hier?«

      »Das ist aber keine freundliche Begrüßung«, er schaute sie traurig an. »Wir haben uns eine Weile nicht sehen können und ich habe dich vermisst.«

      »Ach«, sie drehte sich um und versuchte an ihm vorbeizukommen. »Lass mich endlich durch, ich habe heute noch andere Dinge zu tun, als mich mit dir zu unterhalten.«

      Verrucht wie er war, legte er seinen Arm um ihre Taille und zog sie näher zu sich. Sie zuckte merklich zusammen und wehrte sich, zappelte wild herum. Ein Lachen entfloh seiner Kehle. Seine Hand wanderte ihren Rücken hinauf, verfing sich in ihrem Nacken und den Haaren.

      »Würdest du mich jetzt loslassen?«, fauchte sie. »Wie oft noch? Wir. Sind. Kein. Paar.«

      »Dann kannst du es mir auch nicht verbieten, dich einzuladen und mein Glück herauszufordern«, deutete er entspannt an. »Ich lade dich auf ein Abendessen außerhalb der Akademie ein.«

      »Nein«, tönte es von Heather stumpf.

      »Normalerweise werden meine Einladungen nie so prompt abgewiesen.«

      »Vielleicht bin ich ja nicht normal«, sie wand sich in seinen Armen und kam schließlich frei. »Und ich wiederhole mich nur sehr ungern, aber nein danke.«

      Milan legte den Kopf in den Nacken, sodass seine schokoladenbraunen Haare allesamt nach hinten fielen und sein Gesicht preisgaben. Sein Kinn erschien weder zu markant, noch zu kindlich. Auch die gerade so erkennbaren Muskeln schimmerten durch den für diese Jahreszeit viel zu dünne Stoff, den er trug. Heather fiel ihr Starren selbst auf und sie ermahnte sich, keine falschen Gedanken zu hegen. Er war ein Trottel. Ein arroganter Trottel, dessen Vater sie soeben bestraft hatte. Genau, sie musste ohnehin ihren Bericht schreiben und hatte keine Zeit für ihn.

      »Du kannst auch gerne eine Freundin mitbringen«, schlug er vor. »Jade wird mich sicherlich begleiten, wenn ich ihn frage. Sieh es nicht als Date, sondern als eine Möglichkeit, neue Freundschaften zu knüpfen. Ich werde schon nicht gleich über dich herfallen.«

      Sie guckte ihn mürrisch und zweifelnd zugleich an. Was sollte das? Sie war sich recht sicher, dass er nur mit ihr spielte. Solange sie die Unnahbare gab, wirkte sie interessant auf ihn. Eine lohnenswerte Eroberung, mit der er vermutlich prahlen konnte oder sein Ego anhob. Was bildete er sich überhaupt ein? Als würde sie sich Hals über Kopf in ihn verlieben, nur weil er ihr schöne Augen machte? Sie war nicht wie die anderen Mädchen, die ihm hinterher gafften. Warum auch?

      Trotzdem kam ihr ein Gedanke, der ein Einlenken rechtfertigen könnte. Immer wieder hatte sie beobachtet, wie Cara diesen Jade musterte. Mochte sie ihn wohlmöglich? Zumindest schien sie ihm nicht abgeneigt und als Wiedergutmachung bot sich diese Gelegenheit zu gut an. Da konnte Heather auch einige Stunden mit diesem Vollidioten verbringen.

      »Wer kann schon zu einem gratis Essen nein sagen«, köderte er sie weiter.

      »Du gibst nicht auf, oder?«, auf ihre Äußerung legte er den Kopf schief und schmollte. »Schön. Wenn du Jade mitnimmst, komme ich.«

      Er brach natürlich nicht in Freudenschreie aus, aber das Grinsen auf seinen Lippen wurde breiter. Zügig notierte er Ort und Zeit auf einem Zettel und steckte diesen Heather zu. Sie zerknüllte ihn und stopfte das Bällchen in ihre Jackentasche, wobei sie wieder den Bernstein berührte. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie und darauf folgte eine seltsame Wärme.
    • Kapitel 7 - Teil 2.2
      »Heather, alles in Ordnung?«, hallte Milans Stimme aus der Ferne. »Hey!«


      Als sie wieder zu Bewusstsein kam, fand sie sich in Milans Armen wider. Er trug sie mit schierer Leichtigkeit über das Campusgelände in Richtung Wohnheime. Peinlich berührt, versteckte sie ihr Gesicht an seiner Schulter und erntete schnell ein Schnauben.

      »Ist Dornröschen wieder erwacht?«, erkundigte er sich witzelnd, allerdings schwang auch ein wenig Sorge in seiner Stimme. »Was war denn nur los?«

      »Keine Ahnung«, gestand sie und er blieb verdutzt stehen.

      »So ehrlich? Jetzt machst du mir wirklich Angst«, seine Augen begutachteten sie, doch da sie aufrecht und selbstständig stehen konnte, legte sich seine Unruhe. »Geht es wieder?«

      »Ja«, erwiderte sie kurz angebunden. »Wir sehen uns heute Abend.«

      Ohne Umwege stürmte sie regelrecht in das Wohnheim und auf ihr Zimmer. Die Tür donnerte sie hinter sich zu, schälte sich aus der Jacke und warf diese auf ihr Bett. Ihr Herz raste noch immer. Dieser verdammte Stein, schimpfte sie innerlich. Wieso schmerzte sie die Berührung? Es war ein Brennen, als würde man in glühende Kohlen greifen, aber das ergab keinen Sinn.

      Ihre Hand mit einem Tuch schützend griff sie nach dem Stein. Dieses Mal schmerzte sie die Berührung nicht. Sachte legte sie diesen auf ihren Schreibtisch. Die Sonne ließ den Bernstein erstrahlen, Heather sah nun deutlich die einzelnen Musterungen. Was für eine Geschichte konnten sie ihr wohl erzählen? Plötzlich kam ihr eine Idee und sie verfluchte sich, dass sie darauf nicht eher gekommen war. Caras Familie kannte sich mit Ausgrabungen und den vergessenen Schätzen des Alten Ägyptens aus. Wahrscheinlich würde sie einige hilfreiche Informationen besitzen. Ein Problem blieb jedoch. Cara wusste nicht, dass Heather noch mehr aus dem Tempel entwendet hatte. Naja, es gehörte theoretisch niemandem, der noch lebte und dieser Anhänger hatte quasi nach ihr geschrien.

      Sie beeilte sich und nahm gleich zwei Stufen auf einmal. Vor der Tür des Stipendiatenzimmers hielt sie kurz inne. Stimmen drangen zu ihr auf den Flur. Mehrere Stimmen. Sie klopfte verhalten und eine junge Frau öffnete ihr bereitwillig, obwohl sie gestresst wirkte. Ihre Augen weiteten sich als sie Heather erblickte.

      »W-Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie förmlich.

      »Ah«, gab Heather von sich. »Keine Sorge, du kannst mich ruhig duzen. Ich bin Heather McCarthy. Cara Jackson wohnt hier, nicht wahr? Könnte ich sie bitte sprechen?«

      »Äh ... ja. Einen Moment, ich hole sie.«

      Das Mädchen duckte sich und zog ihren Kopf zurück ins Zimmer. Kurz darauf erschien Cara, die braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Sie sah müde aus, genauso fühlte sich auch Heather, doch heute lag noch ein bisschen mehr vor ihnen. Aufregung baute sich in Heathers Körper auf und sie spürte, wie sie hibbeliger wurde.

      »Heather, was hat Mr. Freyer zu dir gesagt?«, hakte die Stipendiatin besorgt nach und zog ihre Augenbrauen in die Höhe.

      »Ach«, winkte Heather ab. »Ich muss einen Bericht über die Exkursion schreiben, sonst erst mal nichts. Eine wesentlich geringere Strafe, als sie dir gegeben hätten. Also alles super.«

      »Trotzdem fühle ich mich schlecht, weil ich nun so davon komme.«

      »Aber es war ja meine Schuld. Wäre ich nicht so blindlinks in den Gang gestürmt, hätte uns der Tempel auch nicht verschüttet. Mach dir keinen Kopf, falls doch, kannst du mir ja beim Schreiben helfen.«

      Sie schenkte Cara ein Lächeln und zerrte diese dann aus ihrem Zimmer. Gemeinsam setzten sie sich in einem der Aufenthaltsräume nahe der Bibliothek. Cara schien verunsichert, doch Heather kam gleich zur Sache und fischte den Stein, der noch immer in dem Tuch lag, aus ihrer Tasche.

      »Was ist das?«, hörte sie Cara rasch.

      »Das ist eine sehr gute Frage«, Heather zeigte ihr den Anhänger genauer. »Ich habe ihn im Tempel gefunden.«

      »Was?!«

      »Ja ich weiß, langsam entwickle ich kleptomanische Verhaltenszüge, aber glaub mir, das war das erste Mal, dass ich etwas gestohlen habe. Wobei das Wort nicht so gut passt. Keiner wird die Gegenstände vermissen.«

      »Aber du kannst doch nicht-.«

      »Jaha«, Heather nahm den Bernstein wieder an sich und betrachtete ihn. »Versprochen, ich werde es nie wieder machen. Doch dieser Stein hier hat mich regelrecht zu sich geführt.«

      »Wie meist du das?«

      Cara verlagerte ihr Gewicht von einer auf die andere Seite. Ihr Blick wanderte vom Stein immer wieder zu Heather. Offensichtlich wollte sie ihr nicht wirklich glauben, aber Heather musste sie in vielerlei Hinsicht überzeugen. Eines nach dem anderen, sagte sie sich selbst.

      »Kannst du mir etwas zu dem Anhänger erzählen? Deine Eltern sind doch Archäologen und kennen sich mit solchen Schätzen aus. Hast du so was schon mal gesehen?«, redete Heather beinahe ohne Punkt und Komma. »Irgendetwas ist daran komisch ... Du hörtest auch eine Stimme im Tempel, die nach dir gerufen und uns schließlich rausgeführt hat. Eventuell verlieren wir beide den Verstand, aber zwei Personen, die zur selben Zeit verrückt werden, klingt unwahrscheinlich.«

      Die Braunhaarige schaute sich den Stein nun gründlich an, studierte jede Unebenheit und die goldene Fassung. Dabei machte sie die interessantesten Gesichtsausdrücke, die Heather je gesehen hatte. Sie musste sich ein Lachen verkneifen, denn Cara bemerkte ihre Wandlungen gar nicht.

      »Schmuckstücke dieser Art sind nichts Besonderes«, begann sie. »Aber so eine guterhaltene und filigrane Ausarbeitung habe ich noch nie zuvor gesehen.«

      »Und?«

      »Keine Ahnung woher der kommen könnte, oder was er zu bedeuten hat. Warum interessiert es dich überhaupt so sehr?«

      »Naja«, Heather fuhr sich durch die langen, blonden Haare und seufzte. »Jede Berührung verursacht ein Brennen auf meiner Haut, nein eigentlich in meinen gesamten Körper. Dennoch kann ich ihn nicht weggeben.«

      »Ein Brennen?«, wiederholte Cara und legte ihren Finger auf den Stein. »Hm ... Ich spüre gar nichts.«

      »Tatsächlich?«, Heather tat es ihr gleich und schnellte zurück. »Fühlst du seine Wärme nicht?«

      »Nein, er ist eher kalt.«

      Heather schüttelte den Kopf. Wieso konnte nur sie diese verzehrende Hitze spüren? Egal wie oft sie ihn anfasste, jedes Mal dieser Schmerz. Das ergab doch keinen Sinn.

      »Ich könnte meine Eltern mal anrufen und fragen, ob sie uns Informationen geben könnten«, entgegnete Cara, die Heather bei ihren immer wieder scheiternden Versuche zusah. »Sie würden uns bestimmt helfen, vor allem, weil ich mehr über die Wandzeichen wissen möchte.«

      »Das hört sich nach einem guten Plan an«, bestätigte Heather. »Ich packe den Stein erstmal sicher in ein Kästchen. Ich versteh es zwar nicht, aber irgendetwas muss das Ganze ja bedeuten«, sie schwiegen eine Weile. »Da ist übrigens noch etwas.«

      Neugierig funkelten Caras Augen Heather an, die nun unsicherer wurde. Wie konnte sie Cara am Besten auf ein »Date« vorbereiten, sodass sie auch zusagte? Eigentlich tat sie das nur, damit Cara Jade ein bisschen näher kommen konnte.

      »Dieser Jade«, fing sie schüchterner an, als sie es wollte.

      »Jade Lafayette?«, hauchte Cara überrascht.

      »Genau. Du magst ihn, oder?«, bei diesen Worten wich Cara die Farbe aus dem Gesicht. »Zumindest beobachtest du ihn hin und wieder in den Vorlesungen.«

      »Ich ... Aber mögen ist zu viel. Ich meine klar, er fasziniert mich ... nicht faszinieren, aber eine abgestufte Form davon«, sie lief rot an und vergrub ihr Gesicht tiefer in ihrem Pullover. »Warum fragst du das so plötzlich?«

      »Milan und er wollen uns treffen. Ein Abendessen, sonst nichts.«

      »Nichts?«, empörte sich Cara. »Das ist ja ein ... Date.«

      »Nein, nein. Ich habe mich klar ausgedrückt, dass wir sie nur als Freunde kennenlernen wollen. Ich habe nicht allzu viel Lust, eine Beziehung mit Milan zu starten.«

      »Wieso das denn nicht?«, Heather starrte Cara verständnislos an. »Er scheint dich zu mögen.«

      »Ja und die tausend anderen Mädels am Campus ebenso. Ich kenne diese Art von Kerl. Ihr Hochmut steht ihnen im Weg. Glauben sie einmal, dass sie jede rumkriegen, bleiben sie nicht lange bei einer.«

      Cara verstummte, doch Heather überredete sie, an dem Treffen teilzunehmen. Als Freunde, wie sie immer wieder betonte.

      Der Abend brach über die Akademie herein und Heather kämmte ihr Haar vor dem edlen Standspiegel. Sie drehte sich um die eigene Achse und prüfte, ob auch alles da saß, wo es sollte. Ihre rosa Bluse war schlicht und die hellblaue Jeans unterstrich diese Einfachheit. Ihre Haare band sie zu einem Dutt zusammen, was sie sonst nie tat, aber irgendwie war ihr heute danach.

      Am Eingangstor der Akademie trafen sich die beiden jungen Frauen. Dick eingepackt, organisierte ihnen Heather ein Taxi, das sie in die Stadt brachte. Bei Nacht begegnete man den vielen Lichtern anders. Hochhäuser erhoben sich aus dem ewigen Grau und vereinzelt blitzten die Fenster in weißem oder gelblichem Licht. Dort lebten überall Menschen, die nun am Tisch saßen und über ihren Tag sprachen. Ganz so, wie Heather es von Zuhause gewohnt war. Sie mochte ihr mehr oder minder eigenständiges Leben, doch ab und zu vermisste sie ihre Eltern schon. Gut, dass schon sehr bald Semesterferien waren.

      Am Restaurant stoppte das Taxi. Hohe Laternen warfen einen angenehmen Schein auf die Straße und den Gehweg. Das Lokal war recht leer, was Heather einerseits erleichterte, andererseits bedeutete dies auch, dass sie sich ausgiebig mit den Jungs unterhalten mussten. Sie stöhnte leise auf und reichte dem Kellner ihren Mantel. Cara folgte ihr stumm. Sofort entdeckte Heather Milan und Jade, die bereits hier waren. Wenigstens konnte man sich auf ihre Pünktlichkeit verlassen.

      »Guten Abend die Damen«, begrüßte sie Milan und rückte erst Cara, dann Heather den Stuhl zurecht. Jade rührte sich nicht. »Habt ihr gut hierher gefunden?«

      Heather hasste diesen gezwungenen Smalltalk und hatte ehrlich ein wenig mehr Kreativität von Milan erwartet. Vielleicht war es so besser, gestand sie sich. Er sollte sich keine Mühe geben, denn für sie war so oder so klar, worauf das hier hinauslaufen würde. Und das war keine Beziehung.

      »Gut, danke der Nachfrage«, erwiderte Cara vorsichtig.

      »Ihr seid ja recht früh«, sagte Heather.

      »Natürlich. Wie es sich für einen Gentleman gehört«, entgegnete Milan und rief einen Kellner zu sich. »Wir nehmen das Tagesgericht.«

      Während des Essens wurden nur wenige Worte gewechselt. Selbst Heather und Milan verhielten sich ruhig, da er sich offenbar in größeren Mengen zurückhalten konnte. Auch eine Unterhaltung mit Cara erschwerte sich zusehends. Sie wäre vermutlich lieber untergetaucht, konnte gerade den Blickkontakt mit ihrer Freundin halten.

      »Würdet ihr uns für einen Augenblick entschuldigen«, fragte Heather beiläufig. »Wir können uns vor dem Restaurant treffen, wegen dem Geld-.«

      »Keine Sorge«, unterbrach sie Milan. »Das geht auf uns. Ein Gratisessen, das hatte ich dir schließlich versprochen.«

      Einige Blicke wurden ausgetauscht, dann zwinkerte Milan ihr zu. Die beiden Jungs machten sich auf den Weg nach draußen, Cara und Heather verschwanden auf der Toilette. Zu zweit, versteht sich, wie es sich für Frauen gehörte.

      »Du hast ja kaum was gesagt«, stöhnte Heather. »Ich dachte, ihr zwei könntet euch ein bisschen besser kennenlernen, sobald ihr nicht in einem Vorlesungsraum sitzt.«

      »Ich konnte nicht«, gestand Cara. »Er macht mir irgendwie Angst und bisher habe ich nie viel mit anderen geredet.«

      Heather tätschelte ihrer Freundin die Schulter. Cara sah traurig aus und schien es zu bereuen, sich nicht zu einem Gespräch durchgerungen zu haben. Jedoch wollte und konnte Heather sie nicht dazu zwingen.

    • Kapitel 8 - Teil 1.1
      Der Vorlesungsraum fühlte sich durch die ewig dröhnenden Heizkörper schwül an und war viel zu voll. Heather wunderte sich, woher die vielen Studenten kamen. Das ganze Semester über war es doch nicht so voll gewesen.

      Zu ihrer Rechten kritzelte Bianca irgendwelche kleinen Zeichnungen in ihre Notizen. Heather warf einen Blick über die Schulte und entdeckte Cara einige Plätze weiter hinten. Heute Morgen erschien sie kurz vor knapp, warum wusste sie auch nicht. Doch sie sah ziemlich fertig aus. Hatte das etwas mit dem gestrigen Abend zu tun? Die beiden jungen Frauen hatten sich nicht sonderlich lange bei Milan und Jade aufgehalten. Heather fragte sich immer noch, was Milan damit überhaupt bezwecken wollte, wenn er sich nicht einmal mit ihnen unterhalten hatte. Und von Jade brauchte sie gar nicht erst anfangen. Aus ihm ein Wort zu bekommen, grenzte an die Unmöglichkeit.

      „Im Alten Ägypten gab es bereits viele medizinische und sogar chirurgische Praktiken, dennoch glaubten die Menschen damals an den Schutz und die Kraft der Amulette«, führte der Dozent, dessen Namen Heather einfach nicht behalten konnte, seine Vorlesung fort. „Die Beschwörungen von Magiern waren ebenso anerkannt. In der Medizin besaßen sie, den Mumifizierungen nach zu urteilen, Fähigkeiten, die es erlaubten, Brüche zu richten und Amputationen vorzunehmen. Alles in allem wirklich bemerkenswert, was die Menschen zu dieser Zeit schon für Kenntnisse besaßen«, sein Blick huschte über die Uhr, die oben neben der Tür hing. „Zum Schluss muss ich noch eine Ankündigung machen. Da das Semester sich seinem Ende zuneigt, steht der alljährliche Winterball an. Ich bitte Sie alle, daran teilzunehmen und das in ihrer besten Kleidung. Außer den Studenten und Dozenten werden zudem noch einige Wissenschaftler sowie angesehene Historiker der Eröffnungsrede beiwohnen. Sie können also einige Kontakte knüpfen, daher ist ihr gehobenes Benehmen gefragt. Das wäre alles. Wir sehen uns in zwei Tagen.«

      Der Raum leerte sich schnell, wie ein Fluss strömten die Leute an ihr vorbei. Ein Ball, überlegte Heather. Für sie war das nichts Besonderes mehr, ihre Familie besuchte solche Veranstaltungen oft und jedes Mal musste sie sich mit der gehobenen Schicht unterhalten. Über Wirtschaft, Politik und irgendwelche Innovationen in der Forschung. Eigentlich interessierte sie sich für Letztere, doch mit eingesessenen Fachleuten zu diskutieren, die ohnehin nur auf ihrer Meinung beharren, erschien ihr sinnlos.

      »Ein Ball!«, schwärmte Bianca auf dem Weg zur Mensa. »Ich kann es gar nicht erwarten. Hast du schon ein Kleid? Sollen wir zusammen shoppen gehen?«

      »Um ehrlich zu sein, habe ich bereits ein Kleid«, entgegnete Heather. »Meine Mutter hat es mir vor zwei Tagen zukommen lassen, weil sie von dem Ball wusste.«

      »Wow«, staunte Bianca mit glitzernden Augen. »Deine Muttern ist echt gut informiert. Na ja, dann werde ich mich allein in die Läden stürzen. Am besten ziehe ich gleich los, sonst schnappen mir die anderen noch die guten Teile weg.«

      Bevor Heather etwas erwidern konnte, verfiel Bianca auch schon in einen Sprint in Richtung Eingangstor. Verdutzt schaute Heather ihr nach, entschied sich dann aber mit knurrendem Magen, etwas zu essen. Das Mensaessen gestaltete sich besser, als sie je erwartet hätte. Hier konnte man ohne Probleme leben und sich sattessen.

      Auf den Grünflächen war es zum Winter hin leer. Ein eisiger Wind fegte über die Wege und Heather zitterte stark. Sie zog ihren Schal enger und beeilte sich, ins nächste Gebäude zu kommen. Trippeln versuchte sie sich aufzuwärmen und streifte ihre Jacke ab. Auf ihrem kleinen Hocker lag der Karton, in dem ihr Kleid ruhte. Sie hatte noch keinen Blick riskiert, doch da sie es nun tragen musste, blieb ihr keine andere Wahl. Der Deckel fiel geräuschlos zu Boden und sie begutachtete den bauschigen Stoff, der wallend von beiden Seiten des Kleides hinabfiel. Ihre Mutter hatte mal wieder übertrieben, so viel stand fest. Seufzend ließ sie das Kleid verschwinden und schrieb auf ihrem Handy ein paar knappe Zeilen an Cara. Die Antwort kam rasch. Ein nein. Heather murrte und rief sie an.

      »Ja?«, ertönte Caras sanfte Stimme am anderen Ende. »Heather?«

      »Wer wohl sonst«, sie lachte. »Wieso willst du nicht mit auf den Ball?«

      Stille. Am anderen Ende hörte man weitere Stimmen, wahrscheinlich Caras Mitbewohnerinnen, die laut miteinander sprachen. Dann holte Cara Luft und antwortete.

      »Erstens, weil ich die einzige Stipendiatin wäre, die sich dorthin traut und zweitens, traue ich mich nicht dorthin, da ich weder ein passendes Kleid, noch Lust auf so eine Veranstaltung habe. Ich wäre da fehl am Platz.«

      »Ach Quatsch«, widersprach Heather. »Keiner wird erkennen, dass du eine Stipendiatin bist, wenn du ein schönes Kleid hast.«

      »Aber das habe ich nicht.«

      »Du kannst eines von mir haben. Komm rüber, dann probierst du einfach ein paar an.«

      »Ich möchte nicht dahin. Was soll ich da schon?«

      »Kontakte knüpfen, dich mit anderen vergnügen und eventuell läufst du auch Jade über den Weg«, zählte Heather mit einem Lächeln auf den Lippen auf. »Komm schon. Allein will ich da nicht hin und Bianca wird sich sowieso von mir abkappen, sobald sie einen Kerl gefunden hat.«

      »Bin ich etwa nur zweite Wahl?«, hakte Cara mit bebender Stimme nach.

      »Echt jetzt? Was glaubst du denn wohl? Würde ich so auf dich einreden, weil ich Schiss habe, allein da zu stehen? Ich will mit dir dahin. Glaub mir, es wird dir gut tun.«

      »Fein«, willigte Cara leise ein. »Doch ich bin weg, falls es mir nicht gefällt.«

      »Abgemacht. Bis gleich.«

      Es dauerte nicht lange, da klopfte es auch schon an Heathers Tür. Erst einmal ganz leise, dann ein wenig fester. Heather reif Cara herein, die daraufhin eher schleichend eintrat und sich mit weit aufgerissenen Augen das prächtige Zimmer anschaute. Diejenigen, die aus gutem Hause stammten, erhielten auch an der Akademie den gewohnten Luxus, das wusste auch Heather. Allerdings fiel ihr diese Tatsache meist gar nicht weiter auf.

      Ohne ein Wort an Cara zu verlieren, kletterte Heather in ihren Schrank und fischte einen Haufen Klamotten heraus. Die teuren Kleider hing sie an allen möglichen Stühlen und Regale auf, sodass man diese in ihrer ganzen Größe begutachten konnte. Die weniger wertvollen, eine Hand voll Kleider, die sie sich für den Sommer gekauft hatte, breitete sie ordentlich auf ihrem Bett aus.

      Cara guckte sich jedes Stück genau an, wanderte eine ganze Zeit hin und her. Sie schien sich nicht entscheiden zu wollen. Heather sammelte ein rotes und ein schwarzes Kleid ein und drückte diese Cara in die Hand.

      »Probiert die mal an. Vom Anschauen kannst du dir gar kein Bild vom Gesamteindruck machen«, erklärte sie. »Ab ins Bad.«

      Die Stipendiatin gehorchte und schloss sich für einige Minuten in Heathers Badezimmer ein, um sich umzuziehen. Dann benötigte sie doch Hilfe beim Reißverschluss am Rücken, der sich allein kaum schließen ließ. Zuerst trug sie das Rote, aber Heather war skeptisch. denn diese knallige Farbe betonte Caras Charakter wenig. Sie scheuchte diese zurück ins Bad.

      »Bist du fertig?«, fragte Heather.

      »Ja«, erwiderte Cara und kam hervor. »Wie sehe ich aus?«

      »Toll!«, platze es aus Heather heraus. »Wirklich. Schwarz ist jetzt zwar keine Neuheit, aber das Kleid steht dir richtig gut. Vielleicht ...«, sie zerrte ein bisschen an dem Saum. »So, jetzt sitzt es besser.«

      Der schwarze Stoff saß eng an Caras Körper, betonte ihre Vorzüge und schmeichelte ihrer Haut. Der Schnitt ähnelte einer Meerjungfrau und machte es so etwas verspielter, doch die silbernen Absätze, die sich um den Oberkörper schlangen, gaben dem Ganzen auch einen erwachsenen Touch. Heather war zufrieden. Dieses Kleid hatte die vergangenen Jahre in ihrem Kleiderschrank einsam herumgebaumelt, doch nun bekam es eine wichtige Aufgabe.

      Cara betrachtete ihr Spiegelbild und wirkte ebenfalls verblüfft, während Heather ein weiteres Mal in den Tiefen ihres Schrankes abtauchte. Mit schwarzen Pumps, die je eine dezente Silberschleife zierte, kehrte sie freudestrahlend zurück. Ein wenig wackelig auf den Beinen übte Cara das Laufen noch einmal von neuem.

      »Und auf denen soll ich den gesamten Abend laufen?«, jammerte sie und klammerte sich an dem Gestell des Himmelbettes fest.

      »Nicht nur Laufen«, entgegnete Heather belustigt. »Auch noch Tanzen.«

      »Sicher nicht!«, lachte Cara und ließ sich in das Bett sinken. »Vielen Dank, dass du mir das ausleihst. Wo du mich so ausgiebig anstarren durftest, möchte ich auch mal dein Kleid sehen.«

      Heather legte den Kopf in den Nacken, stimmte ihrer Freundin aber zu. Sachte öffnete sie zum zweiten Mal an diesem Tag den Karton und entblößte das pompöse Ballkleid. Ohne Umschweife zog sie ihre Klamotten vor Cara aus und schlüpfte in das Kleid.

      »Wow«, seufzte Cara und legte ihren Kopf auf die Hände. »Das sieht atemberaubend aus.«

      Die Blonde drehte sich, wobei die einzelnen Teile des Kleides in Wellenbewegungen herumflogen. An der Brust saß es perfekt und wies ein dunkles Pink auf. Je weiter es nach unten ging, verfärbte sich das Pink in ein Rosa und schließlich endete es in einem reinen Weiß. Ihre Mutter kannte ihren Geschmack, obgleich sie sich vermutlich selbst nie so ein auffälliges Stück ausgesucht hätte. Jetzt war es ebenso und sie würde es auch tragen. Ihrer Mutter zuliebe und es sah nun auch nicht schlecht aus, das musste sie zugeben.

      »Kann ich dich was fragen«, murmelte Cara und bekam prompt ein Nicken von Heather. »Es geht um Jade ... Du weißt ja, dass ich gerne mit ihm reden würde. Wie stelle ich das am besten an, wenn ich doch so schüchtern bin?«

      »Du solltest dich nicht verstellen. Ja, die älteste Weisheit der Welt, aber er soll dich mögen, weil du du selbst bist«, sie setzte sich mit aufs Bett. »Wahrscheinlich bin ich nicht die richtige Ansprechpartnerin, was solche Tipps angeht. Wie wäre es, wenn du ihn zum Tanz aufforderst?«

      »Ich soll ihn auffordern?«, Cara klang fast vorwurfsvoll. »Nie im Leben. Das schaffe ich nicht. Ich bin ja froh, wenn ich ein paar gescheite Worte hervorbringe.«

      »Okay, jetzt wo ich deine Verlegenheit herausgefordert habe, wird das Sprechen kein Problem mehr darstellen«, sie grinste breit. »Denk einfach daran, dass eine banale Frage zum Studium oder ob er noch Geschwister hat, wesentlich einfacher ist, als ihn um einen Tanz zu bitten.«

      Cara stöhnte auf, fiel zurück in die weichen Kissen und musste dennoch lachen. Die jungen Frauen unterhielten sich bis zum Abend und Heather versprach ihr, in den kommenden Tagen ein paar Tanzschritte zu üben, obgleich sie selbst keine allzu erfahrene Tänzerin war. Nachdem Cara sie unzählige Male bedankte, ging sie zurück auf ihr Zimmer und Heather öffnete für einen Augenblick die Fenster. Sie genoss die kühle Winterluft, denn diese Jahreszeit war ihr die Liebste. Der fallende Schnee, der alles unter sich begrub und Ruhe einkehren ließ. Der feine Frost, der die Äste der Bäume in Kunstwerke verwandelte. All das hatte sie schon als kleines Kind verzaubert.
    • Kapitel 8 - Teil 1.2
      Auf dem Campus herrschte das pure Chaos. Jedenfalls empfand Heather es so. Überall huschten Menschen hin und her, vor und zurück. Sie schleppten Getränke, Stühle ja sogar Tische an ihr vorbei in den großen Festsaal der Akademie. Noch wenige Stunden, dann würde es losgehen.

      Cara erwartete sie bereits an ihrer Zimmertür. Die beiden machten sich zusammen fertig, halfen einander in die Kleider und korrigierten die Frisuren, falls diese sich lösten. Als sie endlich vorzeigbar waren, strahlten sie über das ganze Gesicht. Selbst Cara konnte sich kaum zurückhalten, hatte sie sich doch die letzten Tage hartnäckig auf den Ball und den Tanz vorbereitet.

      Gemeinsam schritten sie durch die Eingangshalle, die an den Festsaal angrenzte. Viele Leute tummelten sich in aufwendigen Anzügen und schönen Kleidern in dem Foyer, das recht klein erschien. An einem Anmeldung musste sich jeder namentlich einschreiben, das war hier so brauch und gehörte zu den Gepflogenheiten der oberen Schicht. Auch Cara und Heather mussten sich dieser unterziehen.

      Im Saal, dessen Wände und Boden ausschließlich aus weißem Material bestand, lichtete sich die Masse. Einige Leute standen an Stehtischen und aßen eine Kleinigkeit oder tranken Wein. Hinter ihnen prangten die Gemälde berühmter Künstler, allesamt in goldenen Rahmen. Heather schaute sich um und entdeckte zu ihrem Missmut sogleich Milan Freyer, der in ein Gespräch mit seinem Vater und zwei anderen, anscheinend hochrangigen Männern vertieft war. Also wandte sie sich eilig von ihnen ab und suchte zwischen den Grüppchen, die sich bildeten, Schutz. Dabei verlor sie allerdings Cara, die jetzt auf sich allein gestellt war.

      Da ihr die Luft in dem Saal zu dünn erschien, verzog sich Heather auf einen der vielen Balkone, die sogar von kleinen, unscheinbaren Heizstrahlern beheizt wurden. Sie steckte sich ausgiebig und nahm auf einer Bank Platz, genoss den Ausblick auf die Grünflächen der Akademie und den Sternenhimmel über sich. Plötzlich berührte sie etwas Warmes am Arm und sie zuckte heftig zusammen.

      »Entschuldige bitte«, entgegnete Milan, der ihren Arm festhielt. »Ich hatte mich nur gewundert, wo du dich vor mir versteckst«, sie sagte nichts, sah ihn einfach nur verschreckt an. »Sonst benimmst du dich auch nicht so schüchtern. Nicht, dass ich diese weiche Seite an dir nicht mögen würde, aber ich hatte mich bereits auf ein kleines Wortgefecht gefreut. Tja, dann komme ich eben ohne viel Aufwand zu meinem Tanz.«

      »Warte«, stammelte Heather als er sie hochzog. Durch den Ruck und die hohen Schuhe verlor sie das Gleichgewicht und fiel ihm in die Arme.

      »Heute sind wir aber ziemlich stürmisch, was?«

      Sie schüttelte seine Hände von sich und stolperte zurück, musste an dem Geländer Halt suchen. Wütend funkelte sie ihn an. Ihr Herz raste, das war zu viel für einen Moment, der ihr schon jetzt länger vorkam, als er tatsächlich war.

      »Was willst du nun schon wieder von mir?«, beschwerte sie sich. »Du kannst doch mit jeder anderen tanzen, wenn du unbedingt Bewegung brauchst.«

      Er schwieg, eine Reaktion, die Heather nicht einschätzen konnte. Verwirrt machte sie sich kleiner. Eine Strähne aus ihrem Dutt hatte sich gelöst und seine Hand haschte danach, wodurch er ihr viel zu nah kam. Ängstlich schlug sie seine Hand von sich, doch er gab nicht auf.

      »Was ist, wenn ich mit keiner anderen Zeit verbringen möchte?«

      »Ich glaube, das ist etwas, was du den anderen auch erzählst, damit sie sich besonders fühlen«, konterte sie. »Bitte. Ich habe keine Lust, mich auf eine Spielchen einzulassen.«

      Sie floh aus dieser Situation, aber im Saal war es mittlerweile beinahe doppelt so voll und sie kam kaum von der Stelle. Zwischen den Körpern Fremder eingeklemmt, konnte sie weder vorwärts noch zurück. Eine unbekannte Panik machte sich in ihr breit und sie wollte nur noch weg. Verzweifelt versuchte sie sich von den Menschen zu befreien, doch es gelang ihr einfach nicht. Eine Hand ergriff ihre und sie schaute auf.

      »Komm«, befahl Milan und zerrte sie hinter sich her. Erst zurück an der frischen Luft beruhigte sie sich. »Alles klar.«

      »Ja, danke«, sie erwiderte seinen neugierigen Blick. »Das war ... komisch.«

      Er lachte laut auf und drückte ihre Hand leicht. Die Erkenntnis, dass sie Händchen hielten, veranlasste Heather dazu, sich wieder zu wehren.

      »Hey, für meine heldenhafte Rettung der holden Maid sollte ich auch entsprechend entlohnt werden«, sie blickte ihn fragend an. »Ein Tanz, mehr verlange ich gar nicht.«

      Ihr Nicken war unscheinbar, allerdings verstand Milan es sofort und schob sie zurück in den Saal. Auf der Tanzfläche begeisterten sich die Gäste für das gerade endende Lied. Wie passend, dass es genau jetzt zu Ende war, murrte Heather innerlich. Milan nahm ihre Hand in seine und platzierte seine andere an ihren unteren Rücken. Wehe ihm, er lässt sie hinabrutschen, drohte sie ihm in Gedanken und er schien es in ihren Augen lesen zu können.

      »Keine Angst«, flüsterte er ihn ins Ohr. »Hier vor all den Menschen werde ich dich schon nicht unsittlich berühren. Dafür haben wir auch später noch Zeit.«

      Sie stampfte ihm unverzüglich und mit aller Kraft auf den rechten Fuß. Mit einem schmerzverzogenen Gesicht tanzte er weiter und ließ sich nichts weiter anmerken. Für einen solchen Idioten führte er sehr gut, bemerkte Heather anerkennend. Ihre bisherigen Tänze fühlten sich immer plump und eher unbeholfen an. Doch mit Milan war es anders. Elegant schwebten sie regelrecht über den Boden, die Blicke der übrigen Leute hafteten an ihnen, was Heather Magenschmerzen verursachte. Das Lied endete und damit auch der Tanz.

      Der letzte Ton verklang und Heather wollte endlich gehen, beziehungsweise würde sie erst einmal Cara suchen. Jedoch machte Milan keine Anstalten, sie an sich vorbei zu lassen. Sie war gezwungen, vor ihm stehen zu bleiben. Er hob sogar den Arm, um ihr den einzigen Fluchtweg zu verwehren. Ihre blau-grauen Irden reflektierten das Licht, während er sich zu ihr herunter beugte.

      »Milan«, zischte sie leise.

      Sein warmer Atem streifte ihr Gesicht, ihre Wange und ihren Hals. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme und die freien Beine. Seine Mundwinkel zuckten und ein Lächeln zierte seine Lippen. Den Blick auf ihr verfestigt, kam er ihr näher. Viel zu nah. Sie schloss die Augen und wand den Kopf von ihm.

      »Ich möchte einen Kuss«, raunte er.

      »Wa-.«

      Mit seinen Lippen verschloss er ihren Mund und schnitt sie mitten im Wort ab. In ihr tobten die Emotionen, kochten auf und ließen ihr Innerstes in einen Krampfzustand verfallen. Sie spürte, wie er einen Arm um ihre Hüfte legte und drückte sich von ihm.

      Auf zitternden Beinen preschte sie hinaus. Weg von ihm. Im Augenwinkel nahm sie Caras Silhouette wahr, aber dafür hatte sie keine Nerven mehr. Dieser Kuss kam zu plötzlich. Aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung. Das stimmte nicht ganz, korrigierte sie sich, denn er hatte es angekündigt. Nur ihre Einwilligung wollte er nicht abwarten. In ihrem Kopf drehte sich alles. Was sollte sie nur tun? Dieser Trottel brachte sie um den Verstand und das in keiner guten Weise.
    • Kapitel 8 - Teil 2.1
      Heather war einfach in der Menschenmenge verschwunden und hatte sie stehen gelassen. Verzweifelt stand sie in dem pompös hergerichteten Ballsaal und wollte einfach nur die Flucht ergreifen. Immer wieder schaute Cara sich um, in der Hoffnung ihre Freundin doch noch wieder zu finden. Aber von ihr war keine Spur. Sie hatte kurz nach ihrem Verschwinden einen Blick auf den reichen, gut aussehenden Milan Freyer erhaschen können, welcher auch in der Masse verschwand.


      Die Stipendiatin wand sich gerade zum Gehen, als sie Blicke auf sich spürte. Mit Schwung drehte sie sich um und erblickte Jade, der sie anstarrte. Sie spürte, wie sie rot anlief und schaute verlegen zu Boden.

      Eine hohe, hochnäsige Stimme drang durch den Saal, sie übertönte alle Gespräche. »Jade, mein Schatz, da bist du ja!« Bianca sah in ihrem hautengen, knallig rotem Kleid sehr sexy aus. Es schmeichelte ihrem Körper, besonders ihrer beachtlichen Oberweite. Der sehr tiefe Ausschnitt trug nur dazu bei, dass sich alle jungen Männer im Raum nach ihr umsahen. Sie schlang ihre langen Arme um seinen Hals und drückte sich fest an Jade.

      Caras Herz schmerzte bei dem Wort »Schatz«. Warum hatte Heather ihr nicht erzählt, dass der Junge, an dem sie gefallen fand, etwas mit der platinblonden Schönheit hatte. Von einem auf den anderen Moment war ihre Hoffnung zunichte gemacht worden. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie den jungen Mann mit den karamellblonden Haaren mochte. Bisher hatte sie diese Gefühle immer geleugnet, gesagt, dass sie ihn zwar interessant fand, doch mehr auch nicht. Wie konnte es nur sein, dass sie sich in ihn verliebt hatte, obwohl sie kaum ein Wort mit ihm gewechselt hatte? Am Anfang hatte sie sogar Angst vor ihm gehabt. Hätte sie doch nur die Initiative bei dem Abendessen ergriffen, um ihn besser kennen zu lernen. Aber auch da wäre er schon mit Bianca zusammen gewesen.

      Eine kleine Träne lief ihre Wange hinunter, geschwind wischte sie diese mit dem Handrücken weg. Cara verließ den Festsaal, bevor es noch peinlicher für sie werden würde. Draußen war es eisig kalt, doch die frische Luft tat ihr in diesem Moment ganz gut. Gedankenverloren begutachtete sie ihre Fußabdrücke, die sie im Schnee hinterließ. Sie wollte noch nicht zurück ins Wohnheim, der Abend hatte gerade erst angefangen. Wenn sie nun schon ins Zimmer zurückginge, würden ihre Mitbewohnerinnen wissen, dass sie aufgegeben hatte. Soviel Stolz hatte sie noch.

      »Miau!«

      Cara schreckte zusammen, als etwas an ihre Beine streifte. Sie schaute hinunter und sah, dass zwei kleine goldene Augen sie beobachteten. »Du findest mich immer, wenn ich traurig bin, nicht wahr, Chione?«

      Ein zustimmendes Miauen erklang von der schwarzen Katze. Die Studentin wunderte sich, wie sie sich wohl aus dem Zimmer geschlichen hatte und hoffte, dass sie es unbemerkt geschafft hatte. Bis jetzt war Chione ihren Zimmergenossen immer noch unbekannt. Während Caras Ägyptenaufenthalt war die kleine draußen auf dem Gelände gewesen, so wie sie es auch wahrscheinlich vor ihrer Begegnung gewohnt war. Doch sobald die junge Frau aus dem Bus gestiegen war, war die Katze wieder um ihre Beine gewuselt. Zärtlich hob sie das Fellknäuel in ihre Arme. Die Körperwärme der Kleinen ließ die Gänsehaut auf ihren Armen verschwinden. Zusammen mit ihr ging Cara zum Bibliotheksgebäude, wo unter dem Vordach des Einganges Bänke standen. Dort setzte sie sich hin und legte Chione auf ihren Schoß. Während es zu schneien anfing und der Campus wie eine Winterwunderwelt wirkte, kraulte sie den Kopf der Katze. Wäre doch nur alles einfacher. Mit dem Katzen war alles viel einfacher, zu ihnen eine Beziehung aufzubauen, war leichter als zu anderen Menschen.

      Cara begann zu zittern, lange würde sie es in dieser Kälte nicht mehr aushalten. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich in ihr Zimmer zurück zu ziehen. Auf den Ball wollte sie auf keinen Fall mehr, sie wollte nicht zusehen, wie verliebt Bianca an Jade hing.

      Plötzlich legte sich eine Jacke über ihre Schultern und sie schreckte hoch. Chione sprang von ihren Beinen und beschwerte sich lautstark. Mit erstaunten und verwirrten Blick schaute Cara in die hellgrünen Augen, die leicht braun gesprenkelt waren. Wieso war er hier? Noch vor einigen Augenblicken stand er im Ballsaal. Ihr Herz machte einen Sprung, bei dem Gedanken daran, dass er ihr hinterher gegangen war.

      »J... Jade, was machst du hier?« Cara brachte kaum ein Wort heraus, sie war zu sehr aufgeregt.

      Ohne ihr eine Antwort zu geben, hockte der Student sich hin und streckte seine Hand nach der Katze aus. Chione kam zögerlich auf ihn zu und schnüffelte an seinen Fingern. Als sie es zuließ, streichelte er ihren Kopf, was ihr zu gefallen schien. Bei diesem Anblick erwärmte sich Caras Herz.

      »Magst du Katzen?«, fragte sie schließlich.

      »Ich finde, es sind sehr elegante Tiere. Als Kind wollte ich immer eine Katze haben, doch meine Eltern haben es mir nicht erlaubt.«

      »Ich hatte auch nie ein Haustier. Dieses Fellknäuel hier ist mir zugelaufen. Hab sie auf einem Baum gefunden, seitdem verfolgt sie mich.« Cara lachte leicht. Endlich unterhielt sie sich mit Jade und dann auch über ein Thema, was ihr gefiel.

      Jade richtete sich wieder auf und schaute die Stipendiatin an. »Ein Lächeln steht dir besser als dein sonst so ernstes Gesicht.«

      Cara stutzte. Ein Kompliment von ihm hatte sie nicht erwartet. Er war sonst immer so zurückhaltend. Sie merkte, wie ihre Wangen erneut brannten. Sie wand ihren Blick von dem gut aussehende Mann ab und schaute ihre Schuhe an.

      »Wie wäre es, wenn wir zurück zum Ball gehen. Es wird doch etwas kalt«, schlug er vor. Wie ein perfekter Gentleman hielt er Cara seinen Arm hin. Sie hielt kurz inne, doch dann ergriff sie seinen Arm. Er führte sie zurück zum Hauptgebäude, Chione tapste erst noch hinter ihnen her, bis sie schließlich im Gebüsch verschwand.

      »Danke, dass du mir dein Jackett gegeben hast. Das war sehr nett.« Cara wollte ihn anschauen, doch irgendwie traute sie sich nicht. Jetzt wo sie so bei ihm eingehakt war, dachte sie wieder, wie Bianca noch vor einigen Minuten an ihm hing. Ruckartig blieb sie stehen und Jade schaute sie fragend an. »Wieso?«

      »Wieso, was?«, fragte er.

      »Wieso bist du mir hinterher gelaufen? Du bist doch mit Bianca zusammen.«

      Der Student brach in Gelächter aus, was sie nur noch mehr verwirrte und verunsicherte. Sein Lachen hallte in der Eingangshalle des Hauptgebäudes wieder. Cara befürchtete schon, dass die anderen Gäste gleich aus dem Festsaal kommen würden, um zu sehen, was passiert sei. Jade fing sich schnell wieder und schaute sie dann ernst an. »Bianca denkt zwar, dass wir zusammen sind, doch ich sehe das anders. Nur weil unsere Eltern wollen, dass wir uns verloben, heißt das nicht, dass ich ihrem Wunsch Folge leisten werde.«

      Erstaunt schaute sie ihn an. Sie wunderte sich, dass er jetzt so offen zu ihr war und dies wollte sie weiter beibehalten. Je mehr sie von ihm erfuhr, desto mehr Hoffnung hatte sie. »Eure Eltern wollen, dass ihr heiratet?«

      »Ihre und meine Familie gehören zum französischem Adel. Dass die Eltern den Partner aussuchen, ist Tradition, aber eine, die ins Mittelalter gehört, wie ich finde.«

      Cara war erleichtert. Bianca war nicht mit ihm zusammen und Jade wollte es auch gar nicht sein. Den Gedanken an den Wunsch seiner Eltern schob sie zur Seite, denn sie war einfach froh, dass die platinblonde Frau nicht immer alles bekam, was sie wollte.

      Sie erreichten den Festsaal. Sehr höflich und mit einer kleinen Verbeugung forderte Jade Cara zum Tanzen auf. Sie kicherte leise, innerhalb kurzer Zeit hatte sich Jades Verhalten ihr gegenüber vollkommen verändert. Doch noch immer fragte sie sich, warum es erst an diesem Abend passiert war. Sie reichte ihm ihre Hand und er führte sie Richtung Tanzfläche. Doch bevor sie dort ankamen, sah Cara, wie Heather an ihr vorbei lief. Sie sah sehr aufgewühlt aus und die Stipendiatin machte sich sofort Sorgen um ihre Freundin.

      »Verzeih mir, Jade! Ich muss hinter Heather her. Sie sah etwas verstörrt aus. Ich will lieber mal nach ihr sehen. Doch den Tanz holen wir ein anderes Mal nach.«

      Der junge Mann nickte enttäuscht, aber schien sie auch zu verstehen. Widerwillig ließ er sie gehen. Auch Cara fand es sehr bedauernswert, dass es nicht zu dem Tanz gekommen war, doch sie hatte das Gefühl, dass Heather sie nun brauchte.
    • Kapitel 8 - Teil 2.2
      Schnell eilte sie ihr hinterher. Auf dem Campusgelände war die Studentin schon nicht mehr zu sehen. Cara hoffte, dass sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Sie ging zum Wohnkomplex und machte sich auf zu Heathers Zimmer. Die Treppe eilte sie hoch, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Den Flur rannte sie schon fast entlang, wobei sie den Saum ihres Kleides hoch halten musste, damit sie nicht darauf trat. Vor Heathers Zimmertür angekommen zögerte sie, bevor sie zaghaft an die Tür klopfte. War es die richtige Entscheidung gewesen, der blonden Schönheit zu folgen? Es bestand schließlich die Möglichkeit, dass sie allein sein wollte.


      Cara musste nicht lange warten, bis das gedämpfte »Herein« von Heather zu ihr drang. Leise öffnete sie die Tür und fand die andere Studentin auf ihrem Bett liegend vor. Sie trug noch ihr wunderschönes Kleid, nur ihre hohen Schuhe hatte sie in die Ecke gepfeffert.

      »Alles in Ordnung bei dir? Du bist so schnell vom Ball geflohen.«

      Heather atmete tief durch und setzte sich auf. Cara ließ sich neben ihr nieder und schaute sie erwartungsvoll an. Doch bevor die Studentin antwortete, schluckte sie noch einige Male und atmete hörbar ein und aus. »Es ist Milan ...« Eine Pause, die Cara nur noch mehr verwirrte. Was war nur geschehen? »Er ... er hat mich geküsst.«

      »Aber das ist doch toll. Warum siehst du dann so verzweifelt aus? Er ist doch eine super Partie. Jede Studentin ist in ihn verknallt und er sucht sich dich raus. Das beweist schon, dass du was Besonderes bist.« Cara wusste auch nicht woher diese Worte so plötzlich kamen. Sonst war sie in Liebesangelegenheiten nie die passende Ansprechpartnerin.

      »Das ist es ja«, sagte Heather, während sie ihr Gesicht in den Händen vergrub. »Ich bin so verwirrt. Ich bin nicht mehr Herrin über meine Gefühle. Eigentlich geht mir der Freyer Sohn auf die Nerven und das in den meisten Fällen. Doch dann ist er wieder so charmant und ... ach, ich weiß auch nicht. Vorhin, als ich mit ihm getanzt habe, hat mein Herz wie wild geschlagen. Und wie er mich dann geküsst hat ...«

      Cara musste augenblicklich lächeln. »Ganz klar, du bist in Milan verliebt!«

      »Was! Nein, ich kann nicht in ihn verliebt sein. Er ist ein totaler Playboy. An jedem Finger ein Mädchen.«

      »Warum sträubst du dich so gegen ihn. Er scheint dich wirklich sehr zu mögen, so wie er dich bei dem Date angeschaut hat. Und er hat mit dir getanzt und dich geküsst, obwohl sein Fanclub ihn umzingelt hat.«

      »Ich weiß auch nicht. Zum Glück sind jetzt erstmal Ferien und ich fahre in mein Elternhaus. Da kann ich mir in Ruhe über meine Gefühle ins Reine kommen.« Heahter ließ sich nach hinten aufs Bett fallen.

      Den restlichen Abend lagen sie auf dem großen Bett und sprachen über allerlei Dinge. Cara fühlte sich so glücklich, da dies sich als ihr erstes, richtiges Mädchengespräch entpuppte. In der Vergangenheit hatte sie viel zu lange gebraucht, um jemandem zu vertrauen. Und wenn sie endlich mit jemanden Freundschaft geschlossen hatte, war sie schon wieder umgezogen. Mit Heather fühlte sie sich so wohl. Die beiden Studentinnen schliefen irgendwann einfach ein, ohne sich ihren Kleidern entledigt zu haben.

      Am nächsten Tag hatte Cara ihr Zimmer für sich ganz alleine. Anna, Ingrid und Susan waren schon in den frühen Morgenstunden abgereist. So konnte sich Chione wenigstens frei im Zimmer bewegen. Sie sprang von Bett zu Bett und tobte durch den Raum. Die Studentin hatte sich irgendwann einen Schnürsenkel genommen und spielte mit der kleinen Katz und Maus, bis ihr Handy klingelte. Sie wusste sofort, wer anrief, denn diese harmonische Melodie erklang nur, wenn ihre Mutter am anderen Ende wartete.

      »Hi, Mum«, sagte sie sogleich, als sie den grünen Hörer betätigte. »Wie sieht der Plan für die Feiertage aus? Wo soll ich hin reisen?« Caras Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit ihren Eltern brach aus ihr heraus. Sie erzählte ihrer Mutter alles, was sie mit ihnen machen wollte, wie viel sie zu erzählen hatte und wie schön es sein würde, sich endlich wieder zu sehen.

      »Schätzchen, bitte hör‘ mir einen Moment zu!«, unterbrach Daniela ihre Tochter.

      Cara stutzte, die Stimme ihrer Mutter hörte sich nicht gerade fröhlich an.

      »Weißt du, Cara, dein Vater und ich haben momentan sehr viel zu tun. Wir haben gerade an einer neuen Grabungsstätte angefangen und du weißt, wie anstrengend und wichtig die erste Zeit mit dem neuen Team ist. Es wäre also besser, wenn du über die Ferien in der Akademie bleibst.«

      »Oh«, mehr brachte sie nicht heraus. Vor Enttäuschung sank sie betrübt auf ihrem Bett zusammen.

      »Es tut mir wirklich leid. Und ich weiß, dass du jetzt traurig bist. Wir werden unsere gemeinsame Zeit bestimmt nachholen.«

      Viel hatte die junge Studentin nicht mehr zu erwidern, also beendete sie das Gespräch mit ihrer Mutter. Kaum hatte sie aufgelegt, kullerten auch schon die Tränen ihre Wange herunter. Alle, die sie hier an der Akademie kannte, fuhren über die Feiertage nach Hause zu ihren Familien, nur sie würde alleine in diesem riesigen Gebäude festsitzen. Sie hätte ihre Eltern nur zu gerne gesehen, ihnen von Heather und Jade erzählt.

      Plötzlich klopfte es an der Tür und Cara wischte schnell ihre Tränen weg. Sie bedeutete Chione, sich zu verstecken. Erst als der lange, schwarze Schwanz unter dem Bett verschwunden war, ging sie zur Tür und öffnete sie. Vor ihr stand Heather, die sie freundlich anstrahlte.

      »Ich wollte etwas essen gehen und fragen, ob du vielleicht mitkommen möchtest?«

      »Ähm ...«, fing Cara an.

      »Was ist los? Du siehst aus, als ob du geweint hast?«

      Cara räusperte sich. Ihr Hals fühlte sich zugeschnürt an. »Vor dir kann man wohl nichts verbergen.«

      Die blonde Studentin verneinte dies und schaute sie weiter erwartungsvoll an. Sie wünschte sich wohl eine Erklärung.

      Die Stipendiatin gab nach. »Ich hab gerade mit meiner Mutter telefoniert. Wie es aussieht, habe ich über die Ferien die gesamte Akademie für mich alleine.« Sie versuchte zu lachen, wusste jedoch, dass es sich künstlich anhörte. In ihrer momentanen Stimmung wollte sie nur noch weinen.

      »Sag doch nicht sowas«, sagte Heather tröstend. »Wenn du nicht zu deiner Familie fährst, kommst du einfach mit zu mir. Ich lasse nicht zu, dass du die Weihnachtsfeiertage alleine verbringst.«

      Nun lächelte Cara und dieses Mal musste sie sich nicht dazu zwingen. Sie war ihrer Freundin so dankbar, dass sie nicht alleine bleiben musste.
    • Kapitel 9 - Teil 1.1
      Cara machte großeAugen und das nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Schon als ein Fahrer Heatherund sie vom Flughafen abgeholt und ihnen die Tür eines schwarzen Sedansgeöffnet hatte, weiteten sich ihre Augen. Der Wagen war innen mit Ledersitzenausgestattet und hatte diesen typischen Neuwagengeruch. Heather schien dieseBehandlung für ganz normal zu halten, aber für sie war es schon Luxus. Doch nunstanden sie vor dem großen Haus der Familie McCarthy. Die Fassade war in einemhellen Creme gehalten, die Rahmen und Säulen in Weiß. Das braune Dach liefnicht spitz zusammen, sondern wurde nach oben hin flach. Links neben demGebäude waren mehrere Garagen, wohin nun auch der Fahrer mit dem Auto fuhr.Rund um das Haus war ein Garten angelegt, weit und breit waren keine Nachbarnzu sehen. Noch dazu sah das Haus märchenhaft aus, so wie es in dieserverschneiten Winterlandschaft dalag. Cara hatte sich das Haus, aus dem ihre Freundinkam, etwas anders vorgestellt. Eher so, wie historisches Herrenhaus.
      »Machden Mund wieder zu, es ist doch nur ein Haus«, sagte Heather lachend.
      Siegingen gemeinsam die paar Stufen zur Eingangstür hinauf, die auch schon promptvon einer Frau mit dunklen Haaren geöffnet wurde. In der marmornenEingangshalle konnte Cara erneut nur staunen. Vor ihnen erstreckten sich zweiTreppen, die bogenförmig ins obere Stockwerk führten. Zwischen den Treppen warein Gang, der nach hinten in ein Zimmer führte. Die Stipendiatin sah einenlangen, dunkelbraunen Tisch, an dem zwölf weiße Stühle standen. Sie vermutete,dass dort das Esszimmer war.
      Heathernahm Caras Hand und zog sie zu einer der Treppen. »Komm! Ich zeige dir dasGästezimmer.«
      Imoberen Stockwerk ging es ebenfalls elegant weiter. Besonders das Gästezimmerbeeindruckte die junge Frau. Der Raum sah sehr königlich aus. Das schwarzeKingsize-Bett stand vor einer Wand mit goldenem Anstrich. Das Bett sah nochbequemer aus, als das in der Freyer-Akademie. Cara lief an dem großenSpiegelschrank vorbei, der eine komplette Wand füllte. Dem gegenüber stand einweißer Schminktisch, mit schwarzen und goldenen Ornamenten. Sie setzte sich aufden schwarzen Samthocker davor und bestaunte den großen Spiegel. Cara war soüberwältigt von dem Zimmer. Sie fragte sich, wenn dies das Gästezimmer war, wiewürden die anderen Zimmer erst aussehen.
      »Ichlass dich mal alleine. Dann kannst du auspacken und dich noch etwas umschauen.Ich packe auch mal aus und such dann meine Eltern.« Mit diesen Worten verließHeather den Raum.
      Kurzdanach kam schon der Fahrer mit dem Gepäck hinein. Die Studentin bedankte sich,doch der Mann blieb schweigsam. Mit Schwung ließ sie sich auf das Bett fallen.Es war ein merkwürdiges Gefühl, in so einem Zimmer alleine zu sein. So langsamstieg die Sorge in ihr hoch, was Heathers Eltern wohl von ihr denken würden.Sie war schließlich nur ein einfaches Mädchen. Vielleicht hatten sie einenähnlichen Charakter wie ihre Tochter, das würde die Situation erheblich vereinfachen.
      Caraverließ das Gästezimmer und machte sich auf die Suche nach Heather. Jedochwusste sie nicht annähernd, wo sie hin musste. Zum Glück lief eine Bedienstetedurch den Flur, sodass sie die Frau nach dem Weg fragen konnte. Sie wies derStudentin die Richtung und verschwand dann die Treppe hinunter. Als Cara an derTür klopfte, rief Heather sie schnell hinein. Auch das Zimmer ihrer Freundinwar beeindruckend. Es war sehr groß und hell. Alles war in einem Cremeton bis Weißgehalten. Der Raum sah wie für eine Prinzessin gemacht aus, besonders derKronleuchter aus Kristall.
      DieStipendiatin bemerkte, dass ihre Freundin etwas genervt wirkte und fragtesogleich, was los sei.
      »Esist ja mal wieder typisch, dass meine Eltern keine Zeit für mich haben. Sie wusstengenau, dass ich heute komme, doch begrüßt hat mich noch keiner. Meine Mutterist mit irgendwelchen Leuten Tee trinken und mein Vater sitzt in seinem Büround möchte von niemanden gestört werden. Noch nicht einmal von seiner Tochter,die er seit einigen Monaten nicht mehr gesehen hat.«
      Carawusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Stumm schaute sie zu, wie Heatherdurchs Zimmer tigerte und immer wieder Kleidung aus ihrem Koffer wild in denSchrank pfefferte. Die Stimmung war nicht gerade die, die sie sich erhoffthatte. Doch sie hoffte, dass sich die Laune ihrer Freundin noch etwas beruhigenwürde. Fürs Erste hielt sie es für weise, sie alleine zu lassen.
      Carazog sich ins Gästezimmer zurück. Sie warf sich in die weichen Kissen auf demriesigen Bett und starrte an die prunkvoll verzierte Decke. Eigentlich fühltesie sich erschöpft, während des Flugs hatte sie kein Auge zu bekommen, aberauch jetzt hatte sie zu viel im Kopf, um zu schlafen. Zum Einen tat ihr Heatherleid. Sie fühlte sich ähnlich, als sie mit ihrer Mutter telefonierthatte. Verraten und enttäuscht. Dann machte sie sich Gedanken über Jade. Seitdem Abend des Balles hatte sie ihn nicht wieder getroffen. Würde er überhauptnoch etwas mit ihr zu tun haben wollen, nachdem sie so überstürzt den Saalverlassen hatte? Sie hoffte sehr, dass er ihre Beweggründe verstanden hatte,denn schließlich hatte Heather sie wirklich gebraucht. Er ging ihr einfachnicht mehr aus dem Kopf. Nur die Erinnerung an seine hell grünen Augen ließ ihrHerz höher schlagen. Auf dem Ball hatte er eine andere Seite von sich gezeigt,eine die ihr viel besser gefiel als die sonst so kühle. Doch welche war diewahre Seite von Jade Lafayette?
      Esklopfte plötzlich an der Tür und herein trat die dunkelhaarige Frau, die Carabereits bei ihrer Ankunft hier getroffen hatte.
      »DasAbendessen ist fertig«, sagte sie höflich.
      DieStundentin stand vom Bett auf und lief der Frau hinterher. Sie gingen dieTreppe hinunter und in den hinteren Teil des Hauses. In dem holzvertäfeltenRaum stand ein langer Tisch mit weißen Stühlen. An den Tischenden saßen bereitsein Mann und eine Frau, sowie Heather, die in der Mitte Platz genommen hatte.Als diese Cara bemerkte, stand sie auf und kam zu ihr herüber.
      »Ah,da bist du ja! Darf ich vorstellen? Das sind meine Mutter Elisabeth undmein Vater Bernhard. Und das ist meine Freundin und Kommilitonin CaraJackson, von der ich euch erzählt habe.«
      DerMann im Nadelstreifenanzug kam zu Cara und reichte ihr die Hand. »Wir sinderfreut, dass Sie das morgige Weihnachtsfest mit uns feiern.«
      Heathersah ihren Eltern wirklich sehr ähnlich. Bernhard hatte dunkelblonde Haare, diean den Schläfen schon leicht ergrauten. Seine Augen waren vom gleichenGrau-Blau wie die seiner Tochter. Die gold-blonden Haare hatte Heather vonihrer Mutter, welche Elisabeth elegant zu einem Dutt hochgesteckt trug.
      Sienahmen am Tisch Platz und Cara setzte sich Heather gegenüber. Sobald die Stühlean den Tisch gerückt waren, kam die dunkelhaarige Frau und trug das Abendessenauf. Das Kobesteak war schön angerichtet worden, mit einer kleinen Salatbeilageund Kartoffel in einer dunklen Soße geträngt. Die rosenförmige Käuterbutterschmolz auf dem Fleisch zart dahin.
      Währenddes Essens unterhielten sie sich. Heather erzählte von der Akademie und ihrenFreunden, sowie von der Reise nach Ägypten. Bei diesem Thema wurde die Stimmungkühler. Cara vermutete, dass Heathers Eltern von dem dortigen Vorfall gehörthatten und darüber nicht gerade erfreut waren. Die Studentin versuchte dasThema zu überspielen, um es als eine Nichtigkeit abzutun, doch ihre Elternschienen noch nicht befriedigt.
      »Carakennt sich in Ägypten gut aus, sie war schon oft mit ihren Eltern dort«, sagteHeather plötzlich um von ihr abzulenken.
      Sogleichwand sich Bernhard McCarthy Cara zu, was sie etwas verunsicherte. »Ist das so?Was machen ihre Eltern denn beruflich?«
      Diejunge Stipendiatin schluckte schnell das Stück Fleisch hinunter und räuspertesich. Gleich merkte sie, wie sie errötete. In dieser Umgebung war derBeruf ihrer Eltern nicht gerade das Tollste auf der Welt. Früher an denSchulen kamen ihre Mitschüler mit Erstaunen entgegen, schließlich hattedas Leben ihrer Eltern was Abenteuerliches an sich. »Meine Eltern sindArchäologen. Mein Vater beschäftigt sich mit der Sprache und den Schriften. Undmeine Mutter hat sich auf die Kunst und Kultur spezialisiert.«
      »Sehrbemerkenswert«, sagte er desinteressiert.
      Dierestliche Zeit vernahm man nur noch das Klirren des Bestecks auf den Tellern.Keiner sagte ein weiteres Wort.
      Nachdem Essen führte Heather Cara noch etwas im Haus herum. Das Wohnzimmer war edeleingerichtet, mit vielen Kunstwerken an den Wänden. Die Stipendiatin schätzte,dass diese ein Vermögen kosteten. Im Büro des Hausherren fand sie hunderte vonBüchern wieder. Ein alter Eichenholzschreibtisch stand in der Mitte des Raumes,dahinter ein großer Ledersessel.
      DieFührung ging weiter in einen Raum, der ähnlich eingerichtet war wie HeathersZimmer. Die hellen Möbel tränkten den Raum in Licht, wobei die großenFenster die Wirkung ebenfalls nicht verfehlten. Ein wunderschöner, weißerFlügel entpuppte sich als Blickfänger in diesem Zimmer. Alles wardarauf ausgerichtet.
      »Spielstdu?«, fragte Cara ihre Freundin.
      »Frühereinmal. Doch irgendwann bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich keinTalent habe und hab es aufgegeben.«
      Carapackte Heather und schob sie zum Klavierhocker.
      »Bitte,spiel etwas. Für mich«, flehte sie.
      Heatherverzog das Gesicht. Wiederwillig klappte sie den Deckel auf und legte ihreFinger elegant und sanft auf die Tasten. Eine wunderschöne, harmonische Melodieerklang. Cara erkannte sie sofort, es war Comptined'un Autre été von Yann Tiersen. Die junge Dame hatte sieangeflunkert. Es stimmte nicht, dass sie kein Talent besaß. Nicht ein einziges Malverspielte sie sich und das richtige Tempo hielt sie kontinuierlich. Caraschloss ihre Augen und hörte nur auf den Klang des Liedes. In ihrem Innerenbreitete sich Frieden aus und ihre Sorgen waren für den Augenblick vergessen.
      DerFlügel verstummte und Heather stellte sich ans Fenster.
      »Daswar wunderschön.«
      »Findestdu?« Heather zögerte.
      Carabemerkte, dass ihre Freundin irgendwas bedrückte. Sie ging zu ihr hinüber undschaute sie durchdringend an. »Warum hast du wirklich mit dem Klavierspielenaufgehört?«
      »Weiles etwas war, was meine Eltern von mir wollten. Als Kind hat es mir noch vielSpaß gemacht, doch je zufriedener meine Eltern wurden, desto mehr verlor ichdie Freude daran. Ich habe Angst davor, dass es so auch mit Milan so sein wird.Meine Eltern werden ihn perfekt finden. Was ist, wenn ich ihn immer wenigermag, während sie ihn immer mehr mögen?«
      Carasprach ihrer Freundin gut zu. »Wenn du ihn wirklich magst, dann wird das nichtpassieren. Und wenn doch, dann waren deine Gefühle für ihn nicht echt.«
      »Ichhoffe, dass du richtig liegst.«
      Ander Tür des Gästezimmers vergewisserte sich Cara, dass es ihrer Freundin auchwirklich gut ging. Als sie laut gähnte schickte Heather sie ins Bett.
      Nachdemsie sich umgezogen und im Bad verschwunden war, warf Cara sich auf das Bett undließ sich in die Kissen sinken. Der Tag war sehr lang gewesen und sie hatteviele neue Eindrücke von Heather erhalten. Sie erfuhr, dass das Leben alsTochter aus gutem Hause nicht nur glückliche Stunden beinhaltete. Ganz von Selberfielen ihre Auge
      n zu.
    • Kapitel 9 - Teil 1.2
      Cara war umgeben von Nebel. Doch dieses Mal war sie alleine, weit und breit war die Frau in der antiken Kleidung nicht zu sehen. Es war das erste Mal, dass sie komplett alleine herumwanderte. Und noch etwas war anders. Sie stand nicht wie sonst auf festem Boden, sondern sie stand im seichten Wasser. Sie senkte ihren Blick und Verwirrung stieg in ihr auf, als sie ihre Spiegelung betrachtete. Die weiß, grüne Tunika im ägyptischen Stil hatte früher die Frau getragen, doch nun hatte sie es an. Auf ihrem Kopf trug sie goldenen Schmuck, einer Königin würdig. Sie lief weiter durch das Wasser und auf einmal streifte sie durch Schilf, welcher um sie herum im Wasser wuchs. Wo war sie nur? In einem Fluss oder einem See? Wieder schaute Cara sich um. Dieses Mal konnte sie nicht allzu weit entfernt eine Ansammlung von Papyrusstauden erkennen, die sich leicht im Wind bewegten. Die junge Frau staunte, denn endlich befand sie sich in ihrem Traum an einem Ort, wo außer Nebel noch andere Sachen waren.
      Plötzlich ertönte ein Knacken und der Papyrus bewegte sich kräftig. Dann hörte man, dass sich dort irgendwas im Wasser bewegte. Cara wich zurück und als sie einen männlichen Schatten sah, geriet sie in Panik.

      Schwer atmend schreckte die Stipendiatin aus dem Schlaf hoch. Ein leichtes Klopfen kam von der Tür. Schnell richtete sie sich auf und rief die klopfende Person herein.
      »Verzeiht Miss,doch ich habe einen Schrei gehört! Ist mit Ihnen alles in Ordnung?«, fragte die braunhaarige Bedienstete des Hauses.
      »Ich hab geschrien?« Cara merkte wie sie zitterte und auch ihre Stimme konnte dies nicht verbergen. »Es tut mir leid, ich habe schlecht geschlafen. Wie spät haben wir es?«
      »Es ist neun Uhr! Das Frühstück ist in einer Stunde fertig.«
      Die Frau verließ den Raum und Cara stand auf. Sie ging zum Fenster und betrachtete die zauberhafte Winterlandschaft. Eine dicke Schneeschicht hatte sich über den Garten gelegt und an der Glasscheibe hatten sich kleine Eissterne gebildet. Es war der Tag von Weihnachten. Im letzten Jahr hatte sie keine weiße Weihnachten gehabt, denn in Ägypten blieb es über das ganze Jahr Sommer. Dennoch hatten ihre Eltern einen kleine Weihnachtsbaum gekauft, den sie damals im Zelt aufgestellt hatten. Ein kurzes Stechen in der Brust machte ihr schmerzlich bewusst, dass sie das erste Mal ohne ihre Eltern Weihnachten feierte.
      Sie zog sich um und verließ das Gästezimmer. Auf dem Flur begegnete sie Heather,die sie freundlich und gut gelaunt begrüßte. Ihre Melancholie von gestern Abend war zur Gänze verschwunden. Gemeinsam gingen sie ins Esszimmer, wo der Tisch schon zu einer beeindruckenden Frühstückstafel hergerichtet war. Sie nahmen genauso wie am Abend zuvor Platz. Einige Minuten später stießen auch Heathers Eltern dazu.
      Nachdem sie das Frühstück beendet hatten und der Tisch abgedeckt wurde, zogen sie sich alle ins Wohnzimmer zurück, wo ein sehr großer und reichlich geschmückter Tannenbaum stand. Sie setzten sich auf die schwarzen Wildleder Sofas und unterhielten sich über alles Mögliche, doch bei den meisten Themen konnte Cara nicht mitsprechen. Sie wand sich ab und ihr Blick sank in die Tiefen des Feuers, welches im Kamin flackerte. Erst als sie aus dem Augenwinkel bemerkte, dass sich Bernhard erhob, schaute sie auf. Er ging hinüber zu seiner Tochter und überreichte ihr ein kleines Geschenk.Vorsichtig öffnete sie es und zum Vorschein kam eine goldene Kette, in dessen ein weißer, fast schon perlmutterfarbener Stein, gefasst in einem goldenen Rahmen, befand. Cara atmete leicht erschrocken auf, sodass Elisabeth und Bernhard sie verwirrt anschauten. Nur ihre Freundin schien das Gleiche zudenken wie sie und gab ihr mit Blicken zu verstehen, dass sie nichts sagen soll.
      »Wie schön«, sagte Heather zu ihren Eltern. »Wo habt ihr diesen Anhänger her? Ersieht schon sehr alt aus.«
      »Diese Kette ist ein Familienerbstück. Seit Jahrhunderten wird sie von Generation zu Generation weitergegeben. Nun soll sie dir gehören, bis dein zukünftiges, erstgeborenes Kind alt genug ist, um sie zu erhalten«,erklärte Heathers Vater.
      Die Studentin drückte die Kette an die Brust und bedankte sich bei ihrer Familie.Dann bat sie Cara, damit sie ihr beim Umlegen des Anhängers half. Danach verließen die beiden Studentinnen das Wohnzimmer und zogen sich nach oben in Heathers Zimmer zurück. Sie setzten sich aufs Bett und Heather kramte die Kette mit dem Bernstein hervor.
      »Sie sind bis auf den Stein identisch«, bemerkte Cara.
      »Was hat das nur zu bedeuten?« Heather stand auf und betrachtete den Stein um ihren Hals im Spiegel. »Findest du es nicht auch merkwürdig, dass wir in Ägypten in einem Tempel, der unter der Wüste vergraben ist, eine Halskette finden und ich wenig später von meinen Eltern eine sehr ähnliche bekomme?«
      »Ja,sehr merkwürdig. Aber vielleicht auch nur ein kurioser Zufall.«
      Heather schien etwas zu bemerken, was sie leicht verwirrte. »Cara! Gerade als ich die Bernsteinkette hervor geholt habe, habe ich mich nicht an ihr verbrannt, so wie zuvor immer. Noch gestern konnte ich sie nicht berühren.«
      Cara vermutete, dass dies an der neuen Halskette lag. Auch wenn das leicht verrückt klang und auch ihre Freundin hatte diesen Gedanke. Heather lief Richtung Tür. »Ich geh' mal eben zu meinen Eltern und frag, ob sie mir noch ein paar Sachen über die Kette erzählen können.« Damit verschwand sie.
      Cara hingegen ging zurück ins Gästezimmer, um auf ihr Handy zu schauen. Doch leider waren noch keine Nachrichten gekommen, noch nicht einmal von ihren Eltern. Also beschloss sie ebenfalls nach Unten zu gehen. Da sie Heather weder im Wohnzimmer, noch im Esszimmer fand, wollte sie es zunächst im Büro versuchen.Sie lief den Flur entlang und blieb vor der Tür stehen. Kurz lauschte sie, um sich zu vergewissern, dass Heather im Raum war. Sie wollte gerade klopfen, als die Stimme von Bernhard laut durch die Tür donnerte.
      »Es ist einfach unangebracht!«, brüllte er.
      »Aber sie ist meine Freundin, wenn nicht sogar meine beste Freundin!« Heathers Stimme war nicht so laut, aber genauso energisch. »Ihr könnt nicht von mir verlangen,dass ich sie von heute auf morgen ignoriere.«
      »Sie kommt aus ärmlicheren Verhältnissen. Ihre Eltern sind Archäologen!«, sagte Elisabeth.
      »Genau«,stimmte Bernhard zu. »Was sollen wir nur unseren Gästen heute Abend sagen. Das Mädchen kennt sich in unserer Gesellschaft nicht aus. Sie würde nur ein schlechtes Licht auf uns werfen.«
      »Dann werden Cara und ich der Feier fern bleiben. Wir können uns oben einen schönen Abend machen.«
      Heathers Mutter wurde lauter und man hörte, wie sie durch den Raum lief. »Kommt überhaupt nicht in Frage! Einige Freunde bringen ihre Söhne mit. Du musst dabei sein! Sie kann meinetwegen alleine oben bleiben.«
      Der Studentin platzte der Kragen. »Ich werde sie nicht wegschicken. Ob ihr wollt oder nicht, ich verweigere eure Bitte!«
      Cara hatte genug zugehört. Sie eilte nach oben und ins Gästezimmer hinein. Ihr Gepäck holte sie aus dem Schrank heraus und dann warf sie ihre Kleider in die Taschen. Es klärte sich gerade eindeutig, dass sie hier nicht länger Willkommen war. Jedenfalls was Heathers Eltern anging.
      Plötzlich öffnete sich die Tür und Heather kam hinein und warf sich in den Sessel.
      »Meine Eltern sind ziemlich anstrengend. Bin ich froh, dass du eine solch ruhige Natur hast. Bianca ist genauso schlimm wie die Beiden.« Die blonde Frau bemerkte die Taschen auf dem Bett. »Was ist denn hier los?«
      »Ich packe!«
      »Wieso?«,fragte sie, während sie zu Cara ans Bett kam und die Taschen irritiert begutachtete.
      »Ich...« Cara wusste nicht, wie sie ihre jetzige Situation erklären sollte. Betrübt schaute sie zu Boden. »Ich habe eben das Gespräch zwischen dir und deinen Eltern mitangehört. Ich habe beschlossen zur Akademie zurück zu kehren. Wärst du so freundlich eurem Fahrer zu fragen, ob er mich zum Flughafen fährt?«
      Heather schnaubte laut auf. »Cara! Das ist doch lächerlich. Du musst nicht gehen.Du kannst meine Eltern einfach ignorieren.«
      Mit einigen schnellen Handbewegungen verschloss die Stipendiatin ihr Gepäck und schulterte sich die Taschen. »Ich weiß! Doch ich will mich niemanden aufdrängen, der mich nicht in seiner Nähe haben will. Es ist besser, wenn ich gehe. Für deine Familie und auch für dich. Vielleicht tut mir die Ruhe und das Alleinsein ganz gut. Außerdem kommst du in paar Tagen ja auch zur Akademie zurück.«
      Ein widerwilliges, zustimmendes Schnauben brachte Heather hervor. Sie schien nicht zufrieden mit ihrer Entscheidung. »Dann lass mich wenigstens dein Flugticket bezahlen.«
      Doch dies lehnte Cara ab. Sie verließ das Zimmer und ihre Freundin folgte ihr. Der Fahrer brauchte nicht lange, bis er das Auto vorgefahren hatte. Die beiden Frauen verabschiedeten sich voneinander und Heather schaute dem Auto noch lange hinterher.
      Auf dem Flughafenparkplatz angekommen, bedankte Cara sich höflich beim Fahrer, der ihr noch geholfen hatte, ihr Gepäck auf einen Wagen zu legen. Am Ticketschalter nannte sie ihren Zielort und bat um das günstigste Ticket, inder Hoffnung es möge nicht allzu teuer sein. Sie legte ihren Ausweis vor. Als die Frau hinter dem Schalter den Namen betrachtete, zögerte sie, bevor sie die Studentin ansprach.
      »Miss Jackson, für sie wurde bereits ein Ticket für die erste Klasse hinterlegt.«
      Verwundert schaute Cara die Frau an. Sie musste gar nicht fragen, wer das Flugticket hinterlegt hatte, denn es kam nur Heather in Frage. Da sie nicht noch weiterdiskutieren wollte, nahm sie das Ticket und ging zum Boarding. Der Flug dauerte nicht lange, doch sie war froh, als sie in der Akademie ankam.

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    • Kapitel 9 - Teil 1.3
      Sie lief über den Campus, hin zum Wohnheim. Noch bevor sie das Gebäude betreten konnte, wurde sie von einem bekannten Geräusch zurück gehalten. Mit den kleinen Pfoten kam die süße Chione durch den Schnee getapst. Sie musste schon kleine Sprünge machen, da die weiße Decke sehr hoch war.

      »Na, meine Kleine. Begrüßt du mich? Du bist immer da, wenn ich komme.« Cara bückte sich und hob die Katze auf ihren Arm. Sie streichelte ihr sanft über den Rücken, sodass Chione gleich anfing zu schnurren.

      Mit der Katze auf dem Arm betrat sie das Wohnheim. Sie bezweifelte, dass sie jemand sehen könnte, schließlich waren die meisten bei ihren Familien. Langsam lief sie die große Treppe empor, während sie Chione weiterhin am Kopf kraulte. Sie kamen zum Zimmer der Stipendiaten. Als Cara von drinnen Geräusche hörte, ließ sie das schwarze Fellknäuel zu Boden und sagte ihr, sie solle sich verstecken. Das Kätzchen rannte den Flur entlang und verschwand hinter der nächsten Ecke, erst dann trat Cara in ihr Zimmer ein.

      Im Raum lief Susan hin und her und warf ihre Sachen aus dem Koffer in die Schränke und Schubladen. Doch es war kein normales, sanftes Werfen, sondern es lag leichte Wut darin. Ihr langes schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und peitschte bei jeder Bewegung umher.

      »Was machst du denn hier? Wolltest du nicht über die Feiertage bei deiner Familie sein?«, fragte Cara.

      »Eigentlich schon, doch ich hatte mit meinem Vater einen Streit. Da waren für mich die harmonischen Weihnachtsfeiertage gelaufen. Also bin ich hierhin zurückgekehrt. Was ist mit dir?«

      Cara setzte sich auf ihr Bett. »Meine Eltern konnten von den Ausgrabungen nicht weg. Damit ich nicht alleine bin, hat Heather mich zu sich eingeladen. Doch anscheinend mögen ihre Eltern mich nicht besonders. Ich wollte mich nicht weiter aufzwängen.«

      »Das ist ja nicht so schön.« Susan überlegte einen Moment. »Vielleicht können wir beide heute Abend zusammen feiern. Wir teilen ja das gleiche Schicksal.«

      Beide Mädchen lachten laut. Es war echt Glück gewesen, dass Susan auch schon früher zurückgekommen war, so war sie heute wenigstens nicht ganz alleine. Sie fand die Idee ihrer Mitbewohnerin gut und zusammen planten sie den Abend. Wenn eines der Restaurants noch einen freien Tisch besaß, wollten sie in der Stadt fahren und dort essen.

      In diesem Moment fing es an zu schneien und Cara ging zum Fenster um sich den Campus in dieser Winterlandschaft anzugucken. Ein Blick hinunter ließ ihr Herz höher schlagen. Dort unten auf dem Weg des Wohnheims stand Jade, um dessen Beine die kleine Chione schlich.

      »Ich komm gleich wieder!« Cara stürmte aus dem Zimmer. Im Laufen zog sie sich ihren Wintermantel an. Warum war er nur hier? Und das an Weihnachten! Es war wie Schicksal, wie Magie. Noch im Flug hatte sie davon geträumt, mit ihm das Weihnachtsfest zu verbringen. Mit Schwung stieß sie die Eingangstür auf und eilte nach draußen.
      Der kalte Wind wehte ihr ins Gesicht und die feinen Schneeflocken setzten sich in ihr Haar. Jade war noch immer da. Er hatte sich hingehockt und streichelte die kleine Katze.

      »Jade!«, stieß die Studentin hervor, noch vollkommen außer Atem.

      Er sah auf und sofort lächelte er sie an. Mit langen Schritten kam er zu ihr hinüber. Cara verlor sich erneut in seine bemerkenswerten, grünen Augen. Diese gingen ihr seit dem Ball nicht mehr aus dem Kopf. Jade ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

      »Wie schön dich hier zu sehen. Keine Pläne für die Feiertage?«, sagte er.

      »Meine Familie ist verhindert.« Cara wollte nicht noch einmal ihr Dilemma mit den McCarthys erklären. Aus diesem Grund wollte sie es mit dieser Aussage auf sich beruhen lassen. »Was ist mit dir?«

      »Mein Flug wurde gekänzelt. Ein schwerer Schneesturm in Frankreich!«

      Eigentlich müsste Cara ihn bemitleiden, doch sie war einfach zu froh, dass er hier bei ihr war. »Das ist aber Schade. Man hat an Weihnachten doch gerne seine Familie um sich.« Sie wollte Jade nicht ansehen, denn sie hatte Angst, dass er ein trauriges Gesicht machen würde, da er nun hier festsaß. Also schaute sie zu Chione, die sich an ihre Beine schmiegte.

      »Ich finde es nicht schlimm. Deine Gesellschaft ist mir um einiges lieber, als jetzt zuhause zu sein.«

      Cara schaute erstaunt hoch. Sein Gesicht strahlte Wärme aus, er hatte definitiv nicht gelogen.

      »Zum Fest ist die Familie LeBelle zu Besuch. Eine weitere Verkupplungsaktion meiner Eltern. Sie verstehen einfach nicht, dass ich Bianca nicht ausstehen kann«, erklärte er.

      Ihr Herz klopfte so wild, dass man meinen konnte, es würde ihr jeden Moment aus der Brust springen. Seine Worte machten sie sehr glücklich.

      Plötzlich nahm Jade Caras Hand und zog sie näher an sich. »Ich hoffe, jetzt wo wir beide hier sind, gehst du heute Abend mit mir aus!«

      Kaum brachte die junge Frau ein Wort heraus, zeigte er ihr eine andere Seite von sich. Eine energische und befehlshaberische Seite. Er wusste was er wollte und ihr schien es so, als ob er es auch immer bekommen würde.

      »Ich muss mit meiner Zimmergenossin Susan sprechen. Eigentlich hatten wir den Abend schon verplant, aber da wusste ich noch nicht, dass du hier bist.«

      »Dann tue das! Ich komme um neunzehn Uhr und hole dich ab.«

      Cara rannte wieder ins Wohnheim und in ihr Zimmer. Sie atmete schwer und ihr Herz wollte ihr nicht wieder unter Kontrolle kommen.

      Susan stand am Fenster und schaute sie durchdringend und mit verschränkten Armen an. »Ich vermute, dass Jade dich heute in Beschlag nehmen will.«

      »Woher ...?«

      »Ich habe euch beiden doch gerade gesehen, so wie er dich gepackt hat. Und wenn man Weihnachten schon nicht mit der Familie verbringen kann, dann doch wenigstens mit der Person, die man liebt!«

      Ein Wenig hatte sich die Stipendiatin wieder beruhigt, doch ihr Herz schlug immer noch wild. Sie ging zu ihrer Mitbewohner rüber und schaute sie entschuldigend an. »Susan, ich ...«

      »Schon in Ordnung«, unterbrach sie sie. »Ich hätte dich auch für meinen Schwarm sitzen gelassen.« Sie lächelte und kicherte leicht. Anscheinend bemerkte sie Caras besorgten Blick. »Schau nicht so. Ich habe damit wirklich kein Problem. Geh ruhig mit ihm aus. Aber eins musst du mir versprechen. Danach möchte ich alle Details.«

      »Die bekommst du!«

      Für Cara verging der restliche Tag viel zu langsam. Immer wieder schaute sie auf die Uhr, doch die Zeiger bewegten sich so gut wie gar nicht. Eine ganze Weile verbrachte sie Zeit damit, dass passende Outfit zu suchen. Sie durchwühlte ihre gesamten Klamotten, entschied sich dann für ein einfaches, jedoch leicht elegantes, rotes Kleid, welches an der Taille eine große Schleife hatte. Susan war so nett und lieh ihr passende, schwarze Stiefel. Bei dieser Eiseskälte war es nur logisch eine Strumpfhose anzuziehen. Susan half ihr die Haare schön herzurichten. Die langen braunen Strähnen wurden mit dem Glätteisen gelockt und einige vordere Strähnen wurden nach hinten hochgesteckt.

      Um Punkt neunzehn Uhr klopfte es an der Zimmertür. Voller Vorfreude schnappte Cara sich ihren Mantel und öffnete die Tür.

      »Du siehst wunderschön aus.« Jade lächelte sie liebevoll an. »Können wir?«

      Die Stipendiatin nickte. Sie winkte Susan zu und schloss dann die Tür hinter sich. Der junge Mann hielt ihr wie beim Ball seinen Arm hin. Mit Freude ergriff sie ihn und gemeinsam verließen sie das Wohnheim.

      Am Tor der Akademie wartete bereits eine Limousine auf sie, die sie in die Stadt fuhr. Die Fahrt dauerte nicht lange und das Auto fuhr direkt vor das Restaurant vor. Cara staunte nicht schlecht, als sie begriff, wo sie waren. Das Oiseau D'or war eines der teuersten Restaurants in der Umgebung der Akademie. Und in Anbetracht der Elite, die die Freyer-Akademie besuchte, war es immer ausgebucht. Einen Tisch zu bekommen, gestaltete sich immer schwierig. Nicht, dass es Cara je versucht hätte, denn schließlich konnte sie sich hier noch nicht einmal ein Glas Wasser leisten. Ein Mann, in einen blauen Anzug gekleidet, öffnete ihnen die Tür zum Oiseau D'or. Drinnen sah es genauso aus, wie auch die Außenfassade wirkte. Elegant und luxuriös. Ein Ober führte sie zu einem der Tische, die am Fenster standen. Er war bereits eingedeckt und vor lauter Gläsern und Bestecken gab es kaum noch Platz für andere Dinge auf der weinroten Tischdecke. Der Ober schob den Stuhl zurück, damit Cara sich setzten konnte und rückte ihn auch wieder zurück. Eine solche Behandlung war die junge Studentin einfach nicht gewöhnt.

      Der Laden war gut gefüllt und Cara konnte immer wieder beobachten, wie elegant gekleidete Leute hereinkamen und wieder weggeschickt wurden, weil kein freier Tisch mehr vorhanden war.

      »Wie hast du es geschafft, noch so kurzfristig einen Tisch hier zu bekommen? Hier muss doch bestimmt alles ausgebucht gewesen sein«, fragte sie Jade und lehnte sich dabei etwas über den Tisch.

      Jade sah von der Weinkarte auf und schaute sie verschmitzt an. »Ich bekomme hier immer einen Tisch. Der Chefkoch wurde von der Familie Lafayette gefördert. In unserer Villa in Frankreich hat er uns schon einige Male bekocht. Ohne meine Eltern würde es das Oiseau D'or nicht geben.«

      Da war sie wieder. Die Macht einer reichen Familie und Jades stammte auch noch vom Adel ab. Dieser Gedanke stieß sie immer wieder in Verunsicherung.

      Der Ober kam und Jade bestellte für sie Rotwein. Auch das Essen bestellte er, denn er wollte Cara überraschen. Die Studentin war nicht gerade eine begeisterte Rotweinkennerin, doch dieser Wein schmeckte vorzüglich. Sie trank ihn immer in sehr kleinen Schlucken, sie nippte fast nur am Glas. Die Speisen waren ebenfalls grandios, doch genau konnte sie die Gerichte nicht definieren. Zu einem Gang gehörte jedenfalls Fleisch, doch um was für Fleisch es sich handelte, wusste sie nicht. Als Dessert gab es eine leckere Creme überzogen mit Blattgold. Sie ließ auch nichts auf dem Teller, denn sie wollte Jade nicht beleidigen. Schließlich hatte er sie eingeladen.

      Die beiden unterhielten sich während des Essens angeregt. Jade erzählte von seiner Familie und seinem Zuhause. Er berichtete von den Hobbies, die er seit seiner Kindheit betreibt und welche er aufgegeben hatte. Cara hingegen sprach von den Reisen und Orten, die sie bereits mit ihren Eltern bereist hatte. Für sie war dieses Date perfekt. Endlich lernte sie ihn besser kennen und die Atmosphäre war nicht so angespannt wie bei dem Doppeldate mit Milan und Heather.

      Irgendwann stand Jade plötzlich auf und trat hinter Cara. Sie war irritiert, denn sie verstand nicht, was er vorhatte. Plötzlich huschte etwas an ihren Augen vorbei. Es legte sich kalt und sanft auf ihr Dekolleté. Jade zog ihr Haar vorsichtig unter der Kette hervor und breitete es dann auf ihrem Rücken aus. Bei dieser Gelegenheit strich er mit seinen Fingern über ihren Rücken und wanderte immer weiter ihre Wirbelsäule hinunter. Cara erschauderte und wieder raste ihr Herz. Mit ihren Fingerspitzen berührte sie den Anhänger.

      »Was ist das?«, fragte sie schließlich.

      Der junge Mann setzte sich wieder ihr gegenüber. »Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich.«

      »Aber ... aber wann hast du das besorgt? Du wusstest doch gar nicht, dass wir uns heute sehen.«

      Mit Erstaunen und leichter Freude beobachtete sie, wie er leicht verlegen wurde. »Ich habe sie schon vor ein paar Wochen gekauft. Wären wir uns heute nicht begegnet, hätte ich sie dir später bei Gelegenheit gegeben.«

      Cara schaute ihre Spiegelung im Fenster an, sodass sie die Kette betrachten konnte. Der weißgoldene Anhänger war tropfenförmig, in dessen Mitte saß ein Blautopas in der gleichen Form. Auf der einen Seite waren vier kleine Diamanten eingesetzt, die von Ranken umrandet wurden.

      »Sie ist wunderschön, ich danke dir«, sagte sie liebevoll.

      Der Ober kam und brachte die Mäntel. Jade nahm sie ihm ab und half dann Cara in ihren. Er bat sie schon mal raus zum Auto zu gehen. Er würde gleich nachkommen, nachdem er die Rechnung beglichen hatte. Sie widersprach nicht.

      Der Wagen stand schon vor dem Eingang und der Fahrer hielt ihr die Tür auf. Sie setzte sich in die weichen Ledersitze und wartete ungeduldig, doch er schien sich beeilt zu haben und stieg kurzerhand zu ihr ein. Cara rutschte näher an ihr Date heran und schmiegte sich an seine Schulter. Seine Hand ergriff ihre. Er hielt sie die ganze Zeit, nicht einmal zum Aussteigen ließ er sie los.

      Gemütlich schlenderten sie zurück zum Wohnheim. Jade hatte beschlossen Cara noch bis zu ihrem Zimmer zu begleiten. Immer wieder berührte sie die Kette und lächelte dabei in sich hinein. Dieser Abend konnte nicht mehr besser werden.

      Als sie das Stipendiatszimmer erreichten, fiel ihr etwas ein. »Jetzt hab ich gar kein Geschenk für dich!«

      Ohne Vorwarnung beugte es sich plötzlich zu ihr hinunter und küsste sie. Der Kuss war zärtlich, aber auch bestimmend. Sie hatte das Gefühl, dass er mit jedem Moment, den der Kuss länger anhielt, immer gieriger wurde. Doch von einem auf den anderen Moment zog er sich zurück. Er blieb noch vorgebeugt und flüsterte ihr ins Ohr. "Das ist mein Geschenk von dir!"

      Er ging den Flur zurück in Richtung Männerwohnheim. Erst schaute sie ihm hinterher, aber nach einigen Sekunden verschwand sie in ihr Zimmer. Fröhlich schritt sie zu ihrem Bett und warf sich darauf. Susan war noch wach, sie hatte auf ihre Rückkehr gewartet. Cara erzählte vom Abend und als sie ihr die Halskette zeigte, fing ihre Mitbewohnerin an entzückt zu quietschen.

      Ein langes Gähnen entrang ihr. Sie ging ins Bad, um sich für die Nacht fertig zu machen. Als sie fertig war, eilte Susan an ihr vorbei und wollte sich ebenfalls umziehen. Cara sank erschöpft und zufrieden in die Kissen. Ihr letzter Gedanke galt Jade.
    • Hi Leute!
      In diesem Kapitelabschnitt befindet sich ein kurzer Teil, der Erwachseneninhalt beinhaltet. Ich habe gesucht, ob es in den Forenregeln oder oder sonst wo irgendetwas dazu steht, konnte Jedoch nichts finden. Da ich nicht weiß wie es sich mit solchem Inhalt hier verhält habe ich die besagten Stellen in einen Spoiler gepackt. Die Szene ist glaub ich auch so verständlich, man kann sich denken was passiert. Also ist es euch überlassen, ob ihr den Spoiler liest oder nicht.
      Rückmeldungen wären gerne gesehen, da die Geschichte eigentlich schon viel weiter ist. Haben bis jetzt bereits 13 Kapitel. Feedback, ob gut oder schlecht, immer her damit :stick:
      Viel Spaß beim lesen.

      Kapitel 9 - Teil 1.4
      Um sie herum war es kalt und von allen Seiten wurde sie nach unten gedrückt. Sie konnte nicht atmen, denn sobald sie ihren Mund öffnete drang Wasser in ihre Lunge. Sie versuchte zu schwimmen, doch irgendwas hatte sich um ihre Knöchel geschlungen. Sie ertrank.

      Starke Hände packten sie an den Oberarmen. Sie wurde nach oben gezogen und durchbrach die Oberfläche. Keuchend rang sie nach Atem. Ihr Blick war zuerst noch verschwommen, aber als sich ihre Sicht lichtete, schaute sie in strahlend grüne Augen, mit braunen Sprenkeln.

      »Du!«, hauchte sie erschöpft.

      »Was hast du dir nur dabei gedacht, Liebste? Du weißt, der Nil kann tückisch sein.« Es war dieselbe Stimme. Der einzige kleine Unterschied machte der Tonfall aus. Bei ihm drang zu dem liebevollen Klang auch Härte mit durch.

      Er hielt sie noch immer fest, sie lag leicht in seinen Armen. Schnell suchte sie sich einen festeren Stand und befreite sich von ihm. Sie schaute sich den Jade vor ihr an. Er trug eine Leinentunika und um seine Hüften war ein goldener Gürtel gelegt. Auf seinen Schultern und um seinen Hals prangte ein prachtvolles Pektoral aus Gold, das mit Lapislazuli sowie mit anderen Steinen verziert worden war.

      Der antike Jade hielt ihr die Hand hin, doch sie zögerte diese zu ergreifen.

      Erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich genau an der Stelle befand, wie in dem Traum aus der letzten Nacht. Doch nun hatte sich der Nebel so gut wie gelichtet und am Horizont ging die Sonne auf. Sie stand, wie der antike Jade es schon erwähnt hatte, im Nil. Auf der anderen Flussseite ragten Häuser aus der Landschaft hervor und einige kleine Fischerboote trieben dahin.

      Menschen näherten sich diesseits des Nils. Eine kleine Frau in einer einfachen Tunika trat nahe ans Ufer heran.

      »Meine göttlichen Hoheiten. Bitte, kommt aus dem Fluss heraus! Ihr seid schon ganz durchnässt.« Die ägyptische Frau machte eine tiefe Verbeugung.

      Cara stutzte. Göttliche Hoheit? So hatte sie sie angesprochen. Aber sie musste der Frau zustimmen, denn sie sollten wirklich schleunigst aus dem Wasser. Einen Schritt nach dem anderen machend watete Cara aus dem Nil, zurück ans sichere Ufer. Die Frau rief sofort einige der anderen Ägypter zu sich, die allerlei Utensilien bei sich trugen. Die Frau nahm ein paar der Tücher und bot sie dann mit einer Verbeugung Cara da. Sie nahm sich eines, trocknete sich damit ab und legte sich ein anderes über die Schulter.

      »Danke!«, sagte Cara höflich.

      Irgendetwas hatte sie falsch gemacht. Plötzlich starrten sie die Menschen um sie herum schockiert an. Neben sie trat der antike Jade. Cara bemerkte, dass manche der Umstehenden einige Schritte vor ihm zurückwichen.

      »Meine Liebste, wieso bedankst du dich bei diesen niederen Menschen?«

      Erneut hielt er seine Hand hin und dieses Mal ergriff sie sie. Er führte sie vom Nil weg, hin zu einem prunkvollen Streitwagen, vor den zwei schwarze Pferde gespannt waren. Er half ihr auf den Wagen und stellte sich dann neben sie und nahm die Zügel in die Hand. Bevor er losfahren konnte, wurde er von der Frau aufgehalten.

      »Mein göttlicher Herr, die Herrin sollte nicht mit Euch fahren. Ihre Kleidung ist ganz nass, dies könnte für die Gesundheit der Herrin nicht gut sein.« Sie redete unterwürfig und während des Sprechens hatte sie sich auf den Boden geworfen.

      »Schweig, Sterbliche!«, stieß er zornig hervor. »Von dir nehme ich keine Befehle an.«

      Der antike Jade ließ die Zügel peitschen. Die Pferde galoppierten los und folgten der Straße hin zu einem Palast. Vor einer großen Treppe blieb er stehen. Er stieg ab und hob danach Cara vom Wagen. Ein Diener kam und führte die Pferde weg. Die beiden liefen Seite an Seite die Treppe empor. Die dahinter erscheinende, große Halle wirkte geradezu majestätisch. Der mosaikartige Boden passte perfekt zu diesem Ambiente.

      Schritte näherten sich dem antiken Jade und ihr. Cara erschrak, als sie sah, wer zu ihnen kam. Es war ebenfalls ein Mann in königlicher, ägyptischer Gewandung. Doch sein Gesicht kam ihr sehr bekannt vor. Es handelte sich um die antike Version von Milan. Cara war verwirrt. Warum begegnete sie den Beiden im Traum? Was hatte dies nur zu bedeuten und würde sie die antike Heather auch noch zu Gesicht bekommen? Der erste Gedanke, den Cara fasste war, dass dies nur ein Streich ihres Geistes sein musste. Sie hatte mit diesen Leuten in letzter Zeit ein wenig Zeit verbracht. Ihr Geist rief diese bekannten Gesichter in ihrem Traum hervor. Doch warum fühlte es sich so real an? Die Berührung des antiken Jades war so ähnlich gewesen, wie die des Echten und fühlte sich genauso real an.

      »Hier steckst du, Seth!«, rief der antike Milan. »Ich habe dich schon überall gesucht. Du musst mir helfen! Isis hat mal wieder eine ihrer Launen. Oh, guten Morgen, Bastet! Es ist ungewöhnlich, dass du dich so früh aus deinem Gemach erhebst.«

      Hatte er mich gerade Bastet genannt? Was war hier nur los? Noch größere Verwirrung breitete sich in ihrem Inneren aus. Und den antiken Jade hatte er Seth genannt.

      »Horus! Weißt du eigentlich, dass Isis täglich diese Launen hat und das, seitdem Osiris Herr des Jenseits ist. Also störe mich nicht immer, wenn sie mit irgendwelchen Vasen um sich schmeißt«, grummelte der antike Jade.

      Auf einmal erklang eine kleinlaute, weibliche Stimme in der Runde. Die ägyptische Frau, Cara vermutete, dass sie als Dienerin arbeitete, war an sie heran getreten. »Verzeiht, meine göttlichen Herrlichkeiten. Herrin, es wird Zeit, dass ihr aus Euren nassen Gewandungen kommt. Wir haben Euer Geschmeide bereits zurechtgelegt.«

      Ohne zu zetern begleitete Cara die Frau und ließ Seth und Horus alleine. Sie konnte eh nichts dazu beitragen, dass Isis sich besser fühlte. Die Frau und sie liefen an einem großen Teich entlang, der sich im Innenhof des Palastes befand. Dahinter führte eine große Flügeltür, auf der eine Katze prangte, in ein herrschaftliches Gemach. Im Inneren hatten sich schon viele Frauen in Bedienstetenkleidung versammelt. Sobald Cara eintrat, verneigten sie sich vor ihr. Danach halfen sie dabei, ihr die durchnässte Tunika auszuziehen. Es war ein komisches Gefühl, vor so vielen Fremden nackt dazustehen. Schließlich kannte man im Alten Ägypten so etwas wie Unterwäsche nicht. Zum Glück blieb sie nicht lange unbedeckt. Cara bekam ein langes weißes Kleid angezogen, mit goldenen Nähten und farbigen Bänder. Ein langes, transparentes Tuch fiel wie ein Umhang über ihren Rücken. Als Cara fertig angezogen war, legten die Dienerinnen ihr Armreifen, Ringe, Ketten und ein Pektoral an. Zum Schluss bekam sie noch Kopfschmuck aufgesetzt.

      »Ihr seid fertig, Herrin! Können wir sonst noch etwas für euch tun?«

      »Nein!« Cara verkniff sich ein Danke, denn sie wusste, man würde sie nur wieder schockiert anschauen. Wenn es stimmte, dass sie in diesem Traum die Katzengöttin Bastet war, so musste sie sich auch wie eine Göttin verhalten.

      Sie trat aus dem Gemach, zurück in den Innenhof. Im Teich betrachtete sie sich. Die Frau, die ihr dort entgegen starrte, war kaum wiederzuerkennen.

      »Ah, Liebste, da bist du ja. Du siehst umwerfend aus.«

      Seth trat zu ihr, schlang seine kräftigen Arme um ihre Taille und zog sie näher an sich heran. Wild begann er sie zu küssen. Mit seiner Zuge schob er ihren Mund auseinander und drang in diesen ein. Er war herrisch und leicht gewaltsam. Ihr Körper schmerzte, dort wo er sie festhielt. Sie war gefangen in seiner Umarmung und konnte sich nicht befreien. Er kontrollierte sie. Sie versuchte ihn von sich zu stoßen, doch sie war zu schwach.

      Nein, dies war nicht Jade. Der Jade, den sie kannte, würde nicht so brutal mit ihr umgehen. Das konnte er nicht sein, nicht nach dem heutigen Abend. Er war so zuvorkommend gewesen und sein Kuss zärtlich. Und doch hatte sie bei seinem Kuss noch etwas anderes gespürt, außer Zärtlichkeit. Sie hatte ein dunkles Verlangen erkannt. Gier.

      Seth löste sich von ihr. »Bastet, warum gebärst du dich so seltsam? Du bist ganz verändert.«

      »Das kommt dir nur so vor. Es ist nichts. Ich ziehe mich für den Moment zurück.«

      Mit großen Schritten verließ sie den Innenhof, lief planlos im Palast herum. Sie war schon drauf und dran, den Weg zurück zu nehmen, als sie bemerkte, dass sie sich verlaufen hatte. Aber sie wollte Seth nicht noch ein weiteres Mal in die Arme laufen.

      Plötzlich stieß sie mit Horus zusammen.

      »Bastet? Du siehst aufgewühlt aus«, bemerkte er mit Sorge.

      Cara wollte ihn nicht belügen und ihm ausweichen. In der Hoffnung, dass Horus von Seth Wesen wusste, musste er sie einfach anhören und verstehen. »Es ist Seth. Er ... verängstigt mich. Sein Gemüt wandelt sich von einem Moment auf den anderen. Ich weiß noch nicht einmal, wer von ihnen der Wahre ist.«

      Ein Schnauben ertönte von dem Mann vor ihr. »Ich verstehe deine Angst. In letzter Zeit neigt er zu immer mehr – wie sag ich es am besten – Wutausbrüchen. Es fing wie bei Isis an, an dem Tag, als Osiris Herr über das Jenseits wurde.«

      Behutsam berührte er ihren Arm, doch als er Caras betrübten Augen sah, schloss er sie in seine Arme. Dies tröstete die Göttin ein wenig.

      Horus verabschiedete sich, er wollte sich um die arme Isis kümmern. So also kehrte Cara zurück in ihre Gemächer. Sie erschrak, als sie Seth bemerkte, der an einem der Fenster stand.

      »Was hast du in meinen Gemächern zu suchen?«, fragte sie energisch. Sie wollte ihm zeigen, dass er sich nicht alles erlauben konnte.

      »Ich hab euch gesehen! Dich! Und Horus!« Seth schaute sie nicht an, sein Blick war ins Leere gerichtet. Seine Stimme war ruhig, doch die Wut brodelte schon in ihm. »Ihr standet Arm in Arm, eng umschlungen, im Gang. Jeder konnte euch sehen.«

      Blitzartig drehte er sich zu ihr um. Caras Körper erstarrte, sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Seth kam immer näher, sein Gang, seine Augen, seine Aura, alles an ihm wirkte bedrohlich. Nun stand er genau vor ihr. Das Beben in ihrem Körper war unerträglich, so sehr zitterte sie. Der Gott packte sie und warf sie auf das große Bett hinter sich. Sie lag auf dem Rücken und Seth hatte sich über sie aufgebäumt. Seine Hände fuhren ihren ganzen Körper entlang und immer wieder küsste er sie wild und herrisch, beinahe brutal.

      »Horus soll es nicht noch einmal wagen, dir nahe zu kommen. Du gehörst mit!«

      Seine Lippen fuhren ihr Brustbein entlang. Die kalten Küsse ließen Cara erschaudern. Was sollte sie nur tun? Noch nie war sie in einer solchen Situation gewesen. Sie wollte kämpfen. Es war nicht richtig, was Seth hier tat.

      »Ich. Bin. Nicht. Dein. Eigentum!«, zischte sie ihn an und trat ihn beiseite.

      Doch sie hatte vergessen, wie stark dieser Mann war. Er ließ sich nicht von ihr beeindrucken. Sein Griff wurde fester.

      »Und wie du mir gehörst. Mir entkommst du nicht. Auch wenn du bis ans Ende der Welt fliehen würdest, ich würde dich finden.«

      Cara zappelte unter ihm, sie wollte seinen Klauen entkommen. Sie kratzte ihn, doch auch davon wich er nicht zurück. Es schien ihn eher zu belustigen und ihn weiter anzustacheln.

      »Ach, Bastet! Meine liebste Bastet!« Sein Lachen war bedrohlich und versetzte Cara nur noch mehr in Panik. »Warts ab! Ich werde dich kleine Wildkatze schon zähmen.«

      Seth verlagerte sein Gewicht, sodass ihr Oberkörper freigegeben wurde. Nun sah sie die Gelegenheit zur Flucht. Aber sie war nicht schnell genug. Der Mann bemerkte, was sie vorhatte und drückte sie zurück aufs Bett. Was er dann tat, ließ ihren ganzen Körper erstarren. Mit der einen Hand umklammerte er ihre Kehle. Er drückte nicht zu, sie bekam immer noch genügend Luft, so hatte er sie fest im Griff. Mit der anderen Hand schob er den Saum ihres Kleides höher, bis über ihre Knie. Danach drückte er mit seinen Beinen ihre Oberschenkel auseinander. Cara konnte nicht glauben, was er vorhatte. Große, sehr große Angst brachte sie zum Beben. Beim Versuch zu schreien, bedeckte Seth ihren Mund mit Küssen. Sie schaute zur Decke, wollte ihn nicht ansehen, schon gar nicht, da er so aussah wie ihr geliebter Jade. Die Tränen unterdrückend wollte sie es über sich ergehen lassen. Er sollte ihre Scham und Schande nicht sehen, besonders nicht ihre Angst und Verzweiflung. Wieso wachte sie nicht einfach auf? Es handelte sich hierbei doch um einen Traum.

      »Es wird Zeit für eine kleine Lektion«, stöhnte er voller Lust und Verlangen.

      Spoiler anzeigen

      Im nächsten Moment drang er tief in ihr ein. Ein kurzes Wimmern entglitt ihr und sie biss sich auf die Unterlippe, um vor Schmerz nicht los zuschreien. Doch das Wimmern konnte sie nicht unterdrücken. Ihr Leid schien ihm sehr zu gefallen und ihn nur mehr zu erregen. Er zog sich heraus, nur um kurz danach wieder in sie hinein zu stoßen. Seine Erektion schwoll mit jedem Wimmern von ihr weiter an, so schien es der verzweifelten Frau. Seth Rhythmus wurde schneller und härter. Er machte immer weiter, bis er sich in ihr ergoss. Aber selbst danach hörte er nicht auf, er machte immer weiter und betrachtete dabei Caras schmerzerfülltes Gesicht.



      »Soll ich aufhören?« Hämisch schaute er auf sie hinab.

      Die junge Frau gab keine Antwort. Ihm würde sie keine Genugtuung geben.

      Seth ließ sich durch ihr Schweigen nicht irritieren. Er fuhr fort, hielt aber inne als er sich nach vorne beugte. Wieder einmal küsste er Cara und wanderte dann mit seinen Lippen zu ihrem Ohr.

      »Narben sind für die Ewigkeit. Und diese soll dir zeigen, dass du mein bist!«, flüsterte er ihr zu.

      Sie verstand nicht, was er damit meinte. Vielleicht die seelische Wunde, die er ihr gerade zugefügt hatte. Dort würde mit Sicherheit für immer eine Narbe bleiben.

      Spoiler anzeigen
      Plötzlich stieß er erneut mit seiner Erektion tief in sie ein.
      Gleichzeitig stach etwas in ihren Unterleib. Nun ließ Cara den Schrei los, auf den ihr Peiniger schon so lange gewartet hatte. Vorsichtig schaute sie an ihrem Körper hinunter. In ihrem Bauch, nahe dem Nabel, steckte ein Messer fast bis zum Schaft in ihrem Fleisch. Der Gott umklammerte noch immer die Klinge. Er zog sich endgültig aus ihr heraus und entfernte dann den Dolch aus ihrem Körper.


      Er betrachtete sie, strich ihr mit seinen langen Fingern über das Gesicht. »Wie ich sagte: du gehörst mir, Bastet. Auf ewig!«

      Seth verließ den Raum und ließ Cara schwer verletzt zurück. Ihr zerknittertes, strahlend weißes Gewand färbte sich golden. Blut. Goldenes Blut. Das Blut einer Göttin.



      Eine laute Stimme weckte Cara. Susan stand neben ihr, sie trug sogar noch ihren Schlafanzug. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie verstand kein Wort. In ihrem Kopf hörte sie ein Dröhnen und Pfeifen. Ihr war schwindelig und kleine schwarze Punkte behinderten ihr Sichtfeld. Die Studentin bat sich selber, sich zu konzentrieren.

      »Cara! Was ist los? Du hast plötzlich laut geschrien!« Endlich hörte sie die zarte Stimme ihrer Mitbewohnerin.

      Cara war froh sie zu sehen, das bedeutete, sie hatte wirklich nur geträumt. »Hab ich dich erschreckt? Es war nur ein Albtraum.«

      Sie versuchte sich aufzusetzen, doch ein stechender Schmerz im Unterleib hinderte sie daran. Ängstlich schlug sie die Decke zurück. In diesem Moment schrie Susan auf. Das Bett war von Blut getränkt. »Diese Wunde, wie in meinem Traum!«

      Die schwarzhaarige Studentin stürmte los um Hilfe zu holen. Cara wusste nicht wie lange sie fort war. Der Blutverlust machte sie schläfrig. Mit aller Kraft versuchte sie wach zu bleiben. Eine Ohnmacht kam nicht in Frage.

      Die Zimmertür schlug auf und Susan kam mit zwei Männern im Schlepptau herein. Sie brachte die beiden zur Verwundeten.

      »Sie sagte, sie hätte einen Alptraum gehabt und hätte dort ebenfalls eine solche Wunde erlitten«, berichtete sie den Männern. »D... das ist aber doch nicht möglich, oder?«

      Eine Männerstimme meldete sich zu Wort: »Doktor Delmor, es wird Zeit für ihre Hypnotherapie. Das Mädchen muss das hier alles vergessen. Wir können keine Zeugen gebrauchen!«

      »Jawohl, Doktor Orton!«

      Cara hörte die Zimmertür auf und zu gehen. Susan war mit einem der Männer hinausgegangen. Der andere beugte sich über sie. Sie konnte genau in seine grauen Augen sehen.

      »Miss Jackson, ich werde sie nun betäuben. Keine Angst! Wir kümmern uns um sie.«

      Den kurzen Stich einer Nadel im Oberarm nahm sie noch war, doch was danach kam, verschwamm immer mehr, bis sie in die Bewusstlosigkeit verschwand.
    • Habe mir alles bisherige an einem Abend durchgelesen und warte sehnsüchtig auf die Fortsetzung!!! Mich hast du gefesselt :) Werde nun nichts kritisieren, da ich mir das sowieso nicht gemerkt hab und es mir viel wichtiger war weiter zu lesen ;) Tolle Geschichte, würde am liebsten alles noch heute zu Ende lesen!
    • Kapitel 9 - Teil 2
      Heather ließ die Beine seitlich über die Sofalehne baumeln, eine Sitzhaltung, die ihre Mutter gar nicht leiden konnte. Gerade deshalb machte sie es, denn nachdem ihre Eltern so abweisend zu Cara gewesen waren, verstand Heather einmal mehr, dass sich die höher gestellte Gesellschaft nicht mit dem Fußvolk – wie sie es ironisch betitelte – abgeben wollte. Nun war Cara fort und somit auch die Hoffnung auf ein paar schöne Tage. Sogar der Wetterbericht, den sie sich anschaute, deutete keinen Schneefall in der nächsten Zeit an, dabei genoss sie die weiße Landschaft so sehr und wünschte sich viele dicke Flocken.

      Während ihre Eltern Cara und sie die letzten Tage gemieden hatten, schienen sie nach deren Abreise ein großes Interesse an Heathers Leben an der Akademie zu haben. Schon als ihr Vater das Wohnzimmer betrat, entfleuchte ihr ein Seufzer.

      »Mein Kind«, fing er an und setzte sich auf den Sessel schräg gegenüber. »Du hast deiner Mutter und mir kaum etwas von deinem Studium erzählt. Wie ist es dir ergangen? Hast du ein paar nette Leute kennengelernt?«, er pausierte, fiel ihm doch bestimmt gerade ein, dass sich seine Tochter mit Cara angefreundet hatte. »Berichte mir von dem Ball, für den deine Mutter das Kleid geschickt hatte.«

      Dieses Thema war für Heather tabu. Das wusste Cara, sonst eigentlich keiner, aber dennoch wurde sie wütend auf ihren Vater, der sich bisher recht wenig für sie interessiert hatte. Sie richtete sich auf, stemmte die Hände in die Seite und blickte von oben auf ihn herab. Augenblicklich duckte er sich, erschrak vor seiner eigenen Reaktion und räusperte sich.

      »Ich weiß, dass du nicht so glücklich mit den Umständen bist, doch du solltest verstehen, dass wir nur das Beste für dich wollen.«

      »Und das schließt ein, dass ihr meine Freunde aussucht?«, konterte sie eisern.

      »Hör doch«, er stand auf und wollte eine Hand auf ihre Schulter legen, doch sie blockte ab. »Bianca war dir eine gute Freundin. Ist dir eine gute Freundin, nicht wahr?«, Heather nickte, aber nur, damit ihr Vater nicht weiter nachhackte. »Wen gibt es noch?«

      »Ist das wirklich wichtig?«

      »Ich sorge mich um dich. Die Kontakte innerhalb unserer Schicht sind äußerst wichtig und das sollte dir klar sein. Wenn du dieser Verpflichtung nicht selbstständig nachkommst, muss ich leider nachhelfen.«

      Heather schnaubte und stampfte an ihrem Vater vorbei und vom Esszimmer in die Eingangshalle. Sie war sich sicher, was ihr Vater damit meinte. Dass er sie an Leute aus ihrer Schicht vermitteln möchte und zwar an gutgebildete, stinkreiche Männer. Das musste von Anfang an sein Plan gewesen sein. Er empfahl ihr die Freyer-Akademie vor einigen Jahren und da Heather noch unsicher war, in welcher Branche sie später beruflich Fuß fassen sollte, stimmte sie letztlich seiner Empfehlung zu.

      Wer hätte denn ahnen können, dass es ihm nur um die Heiratsvermittlung seiner Tochter ging? Die im Übrigen keine Lust auf eine Hochzeit, geschweige denn einen Freund verspürte, nach dem Ballabend, der ihr Herz immer noch beim bloßen Gedanken zum Rasen brachte. Milan Freyer stellte generell ein Problem für sie dar, das sich in ihrem Kopf manifestierte, wie ein Geist, den keiner sehen wollte und der doch existierte.

      Eilig schüttelte sie die Erinnerung ab und holte ihren Koffer unter dem Bett hervor. Nachdem Cara und sie herausgefunden hatten, dass der Bernstein Heathers Berührung anscheinend akzeptierte, hatte sie diesen in ihren Koffer gelegt. Gut in ein Tuch gehüllt, da sie dem Schmuckstück noch immer nicht vollständig traute. Die brennenden Schmerzen, die es ihr bescherte, würde sie so schnell nicht vergessen. Ihre Hand hob das Bündel an und mit zittrigen Fingern befreite sie den goldbraunen Kristall. Sie seufzte, platzierte das Tuch, das ihre Hand von dem Stein abschirmte, auf ihrer Kommode und legte den weißen Edelstein, den sie zu Weihnachten bekommen hatte, daneben. Beide glitzerten in einem merkwürdigen Licht und sie konnte sich nicht zurückhalten, musste die glatten Oberflächen anfassen, um zu überprüfen, ob der Bernstein ihr wieder Schmerzen zufügte. Ein kurzes Stechen durchfuhr ihren gesamten Körper, intensiver als zuvor. Dann trat an dessen Stelle eine angenehme Wärme.

      Beruhigt hielt sie beide Schmuckstücke in der Hand, ohne dass ihr einer wehtat. Also beeinflussten sich diese Steine tatsächlich, genau wie Cara vermutet hatte. Aber wie kam das zustande? Vor wenigen Tagen durfte sie den goldenen Kristall nicht einmal kurz berühren, schon verkohlte er ihr die Haut und jetzt? Jetzt wirkte es so, als lägen diese Tage weit in der Vergangenheit. Der Perlmutt musste eine positive Ausstrahlung besitzen, anders konnte sie sich das nicht erklären, obwohl auch das irgendwie merkwürdig klang. Sie lachte auf und legte sich die Kette mit dem hellen Edelstein wieder an. Caras Angebot, ihre Eltern über diese seltsamen Schmuckstücke und deren Kräfte - wenn man es denn das Verbrennen von Heathers Haut denn so bezeichnen wollte - auszufragen, würde sie in nächster Zeit nur zu gerne annehmen. Die Geschehnisse häuften sich schließlich und gestalteten sich immer skurriler, sodass sie hin und wieder an ihrem Verstand zweifelte. Doch sich das alles einzubilden, wäre auch keine befriedigende Antwort. Auch Caras Alpträume und ihre sichtbare Angst, machten die Situation der jungen Frauen nicht besser.

      Eine Stimme aus dem Wohnzimmer drang zu ihr durch und weckte sie auf. Die Uhr verriet ihr, dass sie drei Stunden lang geschlafen hatte und sie räkelte sich für einen Moment in ihrem Bett, drückte ihre Nase tief in die weichen Kissen. Das Waschpulver, welches die Dienstmädchen verwendeten, roch wesentlich besser als das in der Akademie.

      »Miss, Ihr Vater erwartet sie ihm Speisesaal«, sagte ein Bediensteter und schloss die Tür gleich wieder.

      Grummelnd richtete sich Heather auf und sah in den Spiegel. Die Haare standen an allen Seiten wild ab, weshalb sie inne hielt und überlegte, sich einen Zopf zu machen. Allerdings verwarf sie diesen Gedanken, als sie erneut die Stimme ihres Vaters vernahm, der um Einiges ungehaltener klang. Sie hangelte sich rasch am Treppengeländer herunter und landete elegant vor der letzten Stufe auf dem Boden. Im Empfangssaal war niemand, also schlenderte sie teilnahmslos ins Esszimmer, wo ihr beinahe die Augen aus dem Kopf fielen.

      »Ah, da bist du ja Schatz«, ihr Vater deutete auf einen der Stühle. »Wir haben Besuch.«

      »Milan?!«, entsetzt rührte sie sich nicht von der Stelle. »Was zum …«, schnell schloss sie ihren Mund, ansonsten wäre ihr noch ein falsches Wort herausgerutscht und das auch noch vor ihren Eltern. »Schön dich wiederzusehen.«

      Angestrengt verzog sie ihr Gesicht zu einem Lächeln, das selbst aus zehn Metern Entfernung unecht aussah. Doch die Überraschung ihm hier zu begegnen, schockierte sie einfach zu sehr. Was wollte er hier, bei ihr zu Hause? Und warum musste er sich ihren Eltern vorstellen? Zu allem Überfluss schien ihr Vater vor Freude kaum noch zu halten und bombardierte den jungen Mann mit zahlreichen Fragen.

      »Es ist unheimlich schön, dass Sie sich mit meiner Tochter so gut verstehen«, erklärte ihr Vater begeistert. »Ich befürchtete ja schon, dass sie sich nur mit dieser Stipendiatin abgebe und sonst keine Kontakte pflegen würde.«

      »Aber nicht doch. Ihre Tochter vertritt ihren Standpunkt immer außergewöhnlich ehrlich. Es gibt nicht viele Frauen, die versuchen, sich mit mir zu messen.«

      Heathers Vater lachte laut auf und tätschelte ihre Schulter bestätigend. Sie hingegen wünschte sich nichts mehr, als von hier zu verschwinden. Diese Situation toppte noch einmal alles, was sie bisher betreffend Milan hatte durchstehen müssen.

      »Das beruhigt mich ungemein. Sie war schon immer ein bisschen aufmüpfig, vor allem als sie noch klein war, doch so lieben wir sie nun mal.«

      »Vater, das reicht!«, erwiderte sie ruhig und rückte ihren Stuhl vom Tisch. »Milan, würdest du mich nach draußen begleiten?«

      Anhand ihres Untertons musste er verstehen, dass sie wenig amüsiert über sein plötzliches Auftauchen war. Sie atmete dankbar aus, da er sich von ihr bis auf die Veranda hinterherzerren ließ und keinen Mucks von sich gab.

      Immer noch wütend funkelte sie ihn an, stellte sich auf die Zehnspitzen, um ihm direkt in die Augen schauen zu können. Sein Grinsen verschwand natürlich nicht. Er war sich seiner Sache offenbar sehr sicher und überlegte sich nicht einmal die richtigen Worte, die Heather eventuell besänftigen könnten.

      »Verzeih, Prinzesschen, aber ich konnte deine Abwesenheit nicht länger ertragen«, säuselte er.

      »Ach ist das so?«, sie wandte sich mit einer Drehung von ihm ab und lief auf den Rasen, der sich durch die langsam schmelzenden Schneeschichten bahnte. »Wie hast du überhaupt meine Adresse herausgefunden? Gegeben habe ich sie dir jedenfalls nicht, daran könnte ich mich erinnern. Was bist du? Mein persönlicher Stalker?«

      »Wenn dir das gefallen würde?«, er zwinkerte ihr zu, als sie einen Blick über die Schulter und somit zu ihm warf. »An der Akademie gibt es ein Studentenverzeichnis und da ich der Sohn des Leiters bin, kann ich jederzeit an die Unterlagen herankommen. Technisch gesehen bin ich also dein Stalker.«

      Heather stöhnte auf und trat in einen Schneehügel, der daraufhin in seine Einzelteile zersprang. Was bildete er sich eigentlich ein? Am liebsten würde sie ihm eine klatschen. Ihre Selbstbeherrschung strapazierte er durch sein schnöseliges Verhalten absichtlich und für gewöhnlich konnte sie sich besser zusammenreißen. Sie hatte schon öfter mit solchen selbstverliebten Typen sprechen müssen und es geschafft, sie irgendwie abzuwimmeln. Wieso gelang ihr das bei Milan nur nicht?

      Er wollte sich ihr nähern, doch sie wehrte ihn eilig ab, hob die Hände und kniff die Augen zusammen. Ihre Angst und die Begriffsstutzigkeit, die er bei ihr auslöste, vermischten sich noch mit diesem seltsamen Gefühl in ihrer Brust. Ja, sie mochte ihn mehr oder weniger. Er war einer der Wenigen, die sie aus der Reserve locken konnten und das schätzte sie irgendwie an ihm. Allerdings bedeutete das noch lange nicht, dass sie ihn liebte.

      »Du willst mir weißmachen, dass du den ganzen Weg hierhergekommen bist, nur um mich zu sehen? Es gibt keinen anderen, wichtigen Grund?«

      »Es schmerzt sehr, dass du so denkst«, er schmollte, meinte es aber sicherlich nicht ernst. Glaubte er tatsächlich, dass er sie durch dieses Geschwätz rumkriegen würde? »Kann ich mich nicht grundlos nach dir verzehren? So ist die Liebe nun mal.«

      »Sag bloß. Ich für meinen Teil bezweifle ja, dass du Liebe empfinden könntest. Das heißt, für eine andere Person als dich selbst.«

      Auf einmal stand er hinter ihr und schlang einen Arm um ihre Taille. Ihr Puls verstummte erst und rauschte dann laut in ihren Ohren. Verwundert musste sie feststellen, dass er für seinen doch recht normalen Körperbau extrem stark war und sie sogar mit nur einem Arm fixieren konnte. Egal wie sehr sie sich wehrte und in seiner Umarmung zappelte, sie kam nicht frei.

      »Wenn du nicht aufhörst, mich zu treten, dann muss ich dich wieder küssen.«

      Augenblicklich hielt Heather still und regte sich keinen Millimeter weiter. Ihre Hände klammerten sich an Milans Oberarm, der gegen ihren Bauch drückte. Sie spürte, wie er sein Gesicht in ihren Haaren vergrub und ein Schauer breitete sich über ihrem Rücken aus.

      »Eigentlich schade, dass ich dich mit einem Kuss so verängstigen kann«, nuschelte er an ihren Kopf. »Es wäre interessanter gewesen, hättest du weiter um dich geschlagen.«

      »Jetzt lass mich endlich los!«, jammerte sie.

      Sachte löste Milan seinen Griff, damit die junge Frau nicht durch ihr Gedränge gegen seine Brust nach vorne fiel. Zwei Meter von ihm entfernt blieb sie sicher stehen und verschränkte ihre Arme, blickte nicht in seine Richtung. Ihr Herz raste und ihre Wangen mussten feuerrot sein. Was, wenn jemand sie gesehen hatte? Oh nein, ihr Vater machte bestimmt schon Freudensprünge im Wohnzimmer und plante ihre Zukunft.

      Doch im Haus war es ruhig. Sie neigte sich vor, um in das hohe Fenster zum Speisesaal zu gucken und auch dort spannte sie niemand aus. Erleichtert sackte sie ein Stückchen in sich zusammen und hörte noch, wie Milan zurück ins Haus ging. Sie lief ihm überrascht nach. Dass er ohne ein Wort oder eine blöde Bemerkung verschwand, war überhaupt nicht seine Art. Schnurstraks schritt er zu ihren Eltern und sie befürchtete das Schlimmste.

      »Mr. und Mrs. McCarthy«, begann er erhaben und Heather beobachtete ihn mit Abstand, wartete im Türrahmen, als könne dieser sie beschützen. »Mein Aufenthalt hier war sehr angenehm, aber ich muss wieder zurück, mein Vater erwartet mich zum Abend bei sich.«

      »Milan Freyer, es war auch sehr schön, Sie bei uns willkommen heißen zu dürfen. Eventuell kommen Sie ein anderes Mal vorbei. Zu einem Essen oder einer feierlichen Gelegenheit«, erwiderte Heathers Mutter freundlich. »Heather, verabschiede bitte unseren Besuch.«

      Heather zuckte zusammen und konnte das alles noch nicht so richtig verarbeiten. Sie huschte zur Tür, gefolgt von einer der Bediensteten, welche sie überholte und die Haustür aufriss. Milan stapfte wortlos an ihnen vorbei und auf die Einfahrt, wo bereits ein schwarzer Wagen für ihn bereit stand. Auch als das Auto am Horizont verblasste, starrte Heather ihm verdutzt nach und konnte nicht fassen, dass er sie ignoriert hatte. Und die einzige Frage, die in ihrem Kopf herumflog, bestand darin, ob sie das gut oder schlecht finden sollte.

      »Wieso hast du uns verschwiegen, dass du den Sohn von Raphael Freyer kennengelernt hast?«, hakte ihr Vater nach und schob sie zurück ins Haus. »Das ist großartig!«

      »So toll ist das auch nicht«, entgegnete sich nüchtern.

      »Sei nicht so bescheiden! Du kannst dich glücklich schätzen, dass er dich besucht und das auch noch, obwohl Ferien sind. Vielleicht könntet ihr ja …«

      »Vater!«, unterbrach sie ihn mit bebender Stimme.

      »Schatz, ich denke, für heute reicht die Aufregung erst einmal«, wand ihre Mutter ein und ließ Heather an ihr vorbei und die Treppe hochlaufen. »Ruh dich aus. In ein paar Tagen musst du schon wieder zurück.«

      Die Silvesternacht kündigte das Ende der Semesterferien an und somit auf den Beginn der Prüfungen. Heather hatte bisher nicht viel für die Vorlesungen getan, oder etwas nachgeholt, da sie sich von den normalsten Dingen so stark ablenken ließ. Ein Streit mit Bianca, dann Cara und ihre Träume. Die Höhepunkte machten aber immer noch die Verschüttung in dem Tempel in Ägypten und der Kuss mit Milan aus. Was würde sie nicht alles für ein sorgenfreies Leben geben, doch anscheinend blieb so etwas nur eine Wunschvorstellung.

      Im Haus war es laut und die vielen Menschen, die ihre Eltern eingeladen hatten, wuselten in beinahe jedem Zimmer herum. Einige bekannte Gesichter tauchten hier und da auf, allerdings gab sich Heather ungern mit diesen Leuten ab. Die männliche Fraktion in ihren Kreisen war zumeist der Annahme, dass eine junge Dame wie sie keine Ahnung von der Welt da draußen besaß und all ihre Kraft für ihr Aussehen verschwendete. Wie gerne hätte sie sich mit ihnen unterhalten, diskutiert und an dem regen Austausch teilgenommen, aber diese Abweisung, die sie über die Jahre erfahren hatte, schreckte sie zu sehr ab. Deshalb gesellte sie sich letztlich zu einer Gruppe Mädchen in ihrem Alter, die mit teurem Champagner am Fenster standen und über jemanden lästerten.

      »Heather!«, hörte sie Bianca, die sie aufgeregt zu sich winkte. »Wir haben von deiner Mutter erfahren, dass Milan Freyer vor ein paar Tagen hier war.«

      Der Punkt war erreicht. Heather wollte im Erdboden versinken und nie wieder an die Oberfläche kommen. Wenn Bianca das mit Milan wusste, würde auch bald die ganze Welt Bescheid wissen und Heather konnte ihre redefreudige Freundin nicht aufhalten. Also redeten die Damen zuvor über sie selbst. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus und sie fühlte sich hintergangen.

      »Was guckst du denn so niedergeschlagen?«, erkundigte sich Bianca und schottete Heather von den anderen ab. »Ist etwas passiert?«

      Heather schüttelte langsam den Kopf. Mit Bianca wollte sie nicht über Milan sprechen. Wer konnte schon genau sagen, ob sie es auch für sich behielt? Da war ihr Cara eine weitaus bessere Zuhörerin, denn sie würde ihre Geheimnisse mit Sicherheit nicht weitererzählen und interessierte sich auch nicht für den Klatsch, den man daraus machen könnte.

      »Erde an Heather«, quengelte ihre Freundin nun. »Du bist in letzter Zeit wirklich komisch, gehst kaum noch mit mir shoppen und die Mädels sagen, dass du dich gar nicht bei ihnen meldest.«

      »Sorry. Irgendwie weiß ich momentan nicht, wo mir der Kopf steht.«

      »Es ist also doch wegen einem Typen, stimmt’s? Milan? Läuft da was zwischen euch? Ich meine, wenn er dich schon besucht, dann muss da doch was zwischen euch laufen.«

      »Nein«, erwiderte Heather beiläufig und nahm sich ein Glas Champagner. »Ich bin mir nicht sicher, was genau er von mir will, aber eine Beziehung ist es bestimmt nicht.«

      Heather bereute diese Halblüge sofort, denn damit stellte sie Milan als jemanden dar, der er nicht war. Vielleicht spielte er nur mit ihr, aber es bestand auch die Möglichkeit, dass er ehrlich zu ihr war. Ihr wurde schlecht und sie entschuldigte sich rasch, um auf ihr Zimmer zu verschwinden. Dort warf sie sich aufs Bett und schluchzte in ihre Kissen. Sie wollte den Sinn hinter Milans Aktionen erkennen, aber sie konnte ihn nicht finden. Seine Abweisung, nachdem er sie umarmte, brachte sie zusätzlich durcheinander. Am liebsten hätte sie jetzt Cara angerufen und mit ihr über ihre Probleme geredet, aber sie feierte vermutlich gerade selbst mit Freunden. Sie zu stören, fand Heather unpassend und frech.

      Am nächsten Morgen brachten die Bediensteten ihre Koffer ins Auto und sie verabschiedete sich von ihren Eltern, die sie auf ihr gestriges Verschwinden nicht weiter ansprachen. Die Autofahrt verlief problemlos, nur ihr Flug verspätete sich, was allerdings nicht schlimm war, da der Chauffeur ohnehin auf sie warten würde.

      Die Akademie lag wie erwartet unverändert vor ihr. Der Wagen brauste durch das Tor und fuhr eine leichte Kurve um die kreisrunde Grünfläche der Anlage, die nicht mehr ganz in Weiß getaucht war. Der Fahrer bot ihr an, das Gepäck ins Wohnheim zu tragen und Heather willigte ein, da sie von dem Flug recht erschöpft war. Nachdem sie ihm ihre Zimmernummer gegeben und den Weg dorthin beschrieben hatte, schlenderte sie zur Bibliothek. Innerlich hoffte sie darauf, Cara dort anzutreffen, aber leider musste sie sich mit der gähnenden Leere, die in den großen Räumlichkeiten herrschte, zufriedengeben. Am 2. Januar begannen die Vorlesungen offiziell, doch sie hatte erst wenige Studenten auf dem Campus gesehen. Wahrscheinlich verlängerten sie ihre freien Tage noch um eine Woche. Das war ein Vorzug, den die Stipendiaten leider nicht genossen und auch Heather nahm sie von heute an vor, ein bisschen mehr zu lernen.

      Da fiel ihr ein, dass sie ja noch Elias Nummer hatte und er bot sich sonst auch gerne zu Gesprächen oder zum Lernen an. Dazu kam noch, dass er die Prüfungen des ersten Semesters bestanden hatte und damit einen hervorragenden Nachhilfelehrer abgeben würde. Mit neuer Energie wählte sie seine Nummer und lauschte geduldig dem Wartesignal. Jedoch brach dieses rasch ab und auch nach mehreren Versuchen, erreichte sie ihn nicht.

      Niedergeschlagen lehnte sie sich in der Lounge im unteren Teil der Bibliothek zurück und genoss noch einige Minuten die Stille. Die Suche nach einem Buch, das ihr Aufschlüsse bezüglich der Edelsteine brachte, hatte sie aufgegeben. Egal welche Regale sie durchkämmte, sie wurde nie fündig. Dafür stachen ihr auffällig häufig Titel über die Göttergeschichte und -entstehung im Alten Ägypten ins Auge. Gelangweilt blätterte sie ein wenig in einem dieser herum und vertrieb sich so die Zeit bis zum Abendessen.

      Auch in der Mensa traf sie nur vereinzelt auf menschliche Gesellschaft. Keine Spur von Elias oder seiner Schwester Julie. Obgleich sie wie der Rest der fehlenden Studenten noch zu Hause sein konnten, wurde Heather das Gefühl nicht los, dass etwas anders war. Sie aß nicht viel, stocherte in dem Auflauf herum und zog sich schließlich auf ihr Zimmer zurück. Die Koffer standen ordentlich an ihrem Bett, doch heute würde sie nicht mehr zum Auspacken kommen. Nach einer ausgiebigen Dusche kuschelte sie sich unter ihre Decke und strich diese über ihren Beinen glatt, um Platz für den Bernstein und den Perlmutt zu schaffen. Sogar in der Dunkelheit schienen sie zu leuchten und strahlten eine vertraute Wärme aus. Es bereitete ihr Freude, die Oberfläche mit der Fingerkuppe abzufahren und die feinen Muster zu einem fantasievollen Gesamtbild zusammenzufügen. Manchmal, wenn sie die Linien ganz sorgfältig betrachtete, schienen sie ihr eine Geschichte erzählen zu wollen. Eine Geschichte aus vergangener Zeit, als die Pharaonen noch über die Wüste regierten und die Götter verehrten. Schmunzelnd schloss Heather die Augen und freute sich seit langem wieder auf die morgige Vorlesung.

      Eine Unruhe ergriff Heather und ihr fiel das Atmen schwerer. Wieso fehlte Cara noch immer? Sie würde nie die Vorlesungen schwänzen, aber sie hatte ihre Freundin den gesamten Tag noch nicht ein einziges Mal gesehen. Ihre unzähligen Anrufe würde sie auch nicht ignorieren. Jeder Versuch endete nur darin, dass der Signalton erklang, aber Cara nicht abhob. Ungehalten lief Heather die Gänge der Vorlesungsräume ab und stieß plötzlich mit jemandem zusammen.

      »Entschuldigung«, keuchte sie atemlos und hob den Blick. Eine etwa zwei Jahre ältere Frau rieb sich den Arm. »Oh nein, hast du dich verletzt?«

      »Nein, alles okay«, beruhigte sie Heather. »Bist du eine der Erstsemester?«

      »Ja, das bin ich. Verzeihung noch mal.«

      »Kein Problem. Was machst du denn hier? Deine Räume sind doch im ersten Stock.«

      »Ah ... Ich suche eine Freundin«, Heather schaute sich in der Gruppe aus Zweitsemestern um, die sie gerade umringte. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass es so viele Leute waren, die sie nun musterten. »Darf ich fragen, ob Elias mit euch im selben Kurs ist?«

      Die Zweitsemester tauschten ein paar Blicke aus und flüsterten miteinander, doch den konkreten Wortlaut konnte Heather nicht heraushören. Dann wandte sich die junge Frau wieder an sie.

      »Elias studiert mit uns, aber wir haben ihn schon vor den Semesterferien nur selten gesehen. Anscheinend hatte er was Wichtiges zu erledigen, das seine Familie betrifft, oder so. Du kennst ihn, nicht wahr? Ich habe euch schon ein paar Mal zusammen auf dem Campus gesehen.«

      »Ja, er hat meiner Freundin und mir an unserem ersten Tag die Akademie gezeigt. Seitdem sind wir ... befreundet. Ich hatte versucht, ihn anzurufen, aber er hat wohl kein Netz«, Heather überlegte kurz. »Wisst ihr zufällig, wo Julie ist?«

      »Ne, leider nicht. Sie ist schon vor Elias nach Hause gefahren, jedenfalls hat er uns das so gesagt. Keine Ahnung, wir hatten bis jetzt auch keinen Kontakt mehr zu ihnen. Komisch, da Elias sonst immer so gesprächig ist.«

      Heather verlagerte ihr Gewicht von der einen auf die andere Seite. Wieso wusste keiner, wo Elias sich aufhielt? Und seine Schwester schien ebenfalls nicht auffindbar zu sein. Sie erinnerte sich, dass er sie gesucht hatte, aber sie wäre doch nie im Leben darauf gekommen, dass Julie noch immer verschwunden war. Ein schlechtes Gewissen stellte sich bei ihr ein. In ihrem Kopf formte sich eine schleierhafte Idee, eine Ahnung. Ihr Herz setzte einen Schlag aus und sie wischte diese Fantasie vorerst weg.

      »Was Elias betrifft«, sagte die Frau. »Er kommt uns des Öfteren mal abhanden. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen und bei seiner Schwester wird es genauso sein. Bisher sind sie immer wieder zurückgekommen« Ein Dozent betrat den Gang und öffnete der Gruppe die Tür. »Wir müssen dann. Man sieht sich!«

      Heather hob zum Abschied die Hand. Der Ehrgeiz hatte sie trotz der dürftigen Informationen gepackt. Wenn sie Elias und Julie schon nicht finden oder kontaktieren konnte, musste ihr das doch zumindest bei Cara gelingen. Sie rannte geradezu in den Wohnkomplex der Stipendiaten und klopfte grob gegen die Zimmertür. Schritte waren dahinter zu vernehmen und sie betete, dass Cara ihr gleich im Türrahmen entgegenblickte.

      Als die Tür aufsprang, war die Enttäuschung wieder groß. Heather erkannte das etwas bleiche Gesicht im Spalt, welches noch nicht so recht wusste, ob es heraustreten sollte. Und es gehörte definitiv nicht zu ihrer Freundin.

      »Oh!«, machte die Mitbewohnerin von Cara und spähte durch den Türschlitz. »Du bist doch …«

      »Ist Cara da?«, unterbrach Heather sie forsch.

      »Ähm nein. Ich habe sie noch nicht gesehen.«

      Heather schnappte sich ihr Handy und wählte nochmals Caras Nummer. Während das verheißungsvolle Piepen an ihrem Ohr widerhallte, ertönte eine leise Melodie im Zimmer. Die Mitbewohnerin ließ Heather vorbei und eintreten. Unter dem Kissen fand sie tatsächlich Caras Handy, auf dessen Bildschirm alle verpassten Anrufe aufleuchteten.

      »Danke für die Hilfe!«

      Die junge Frau drehte sich nicht um und lief den Flur entlang nach draußen. Von dem Wohnhaus aus konnte man bereits die verglaste Außenfassade des Instituts sehen. Die Fenster reflektierten den klaren Himmel, sodass man nicht ins Innere blicken konnte, wobei das Glas sicherlich sowieso verspiegelt war. Ihre Atmung beschleunigte sich ein weiteres Mal grundlos an diesem Tage und ihr Herzschlag passte sich dieser an. Die Forschungseinrichtung, oder als was dieser Freyer das Gebäude auch immer gegenüber der Öffentlichkeit tarnte, besaß einen dunklen Schatten, der sich über die gesamte Akademie zu legen schien. Eine Finsternis, die in ihren Gedanken auch hinter Cara her sein könnte.

      Heather schreckte zusammen. Der weiße Stein an ihrer Kette flackerte heiß auf. Vorsichtig hielt sie ihn in der Luft vor ihrem Gesicht. Ein Schwindel überkam sie und sie stolperte zu einer Bank, um sich zu setzen. Die Hitze des Bernsteins war sie schon gewohnt beziehungsweise hätte sie es nicht überrascht, wenn sie sich an diesem ein weiteres Mal verbrannte, doch der Perlmutt hatte sie bisher verschont.

      Das Institut im Rücken begutachtete sie ihren weißen Edelstein. Was geschah nur mit ihr? Sie fuhr sich mit der Hand über die brennende Stirn und durch die Haare. Und wo steckte Cara nur? An wen sollte sie sich hier wenden? Das konnte doch keine Person als normales Verhalten bezeichnen.

      Heather nahm die Kette ab und haderte mit sich. Diese Steine brachten ihr kein Glück, es wäre besser, sie loszuwerden. Aber ein Familienerbstück achtlos zu entsorgen, nur weil sie so ein Gefühl hatte, würden ihre Eltern nicht gutheißen. Sie biss die Zähne zusammen und testete, ob sie sich wieder an ihm verbrannte. Nichts. Womit hingen diese Empfindungen zusammen?

      Ein Mauzen erschreckte sie so sehr, dass sie fast von der Bank gefallen wäre. Ihre Hand krallte sich in der Rückenlehnte fest und so schwang sie kurzzeitig nahe über dem Boden. Hektisch drehte sie sich zu allen Seiten, um dem Ursprung nachzugehen. Wieder ein Miauen, das auf sie zukommen musste, denn es wurde lauter.

      »Kätzchen«, lockte Heather mit sanfter Stimme und lugte unter die Bank. Ein kleiner, schwarzer Fellball mit goldenen Augen erwiderte ihren Blick. »Hey, was machst du denn hier?«

      Bedacht rutschte die Studentin von der Bank und kniete sich auf den kalten Boden. Der Schnee war längst geschmolzen und seine Überreste bildeten wie von allein matschig, graue Haufen. Die Nässe drang durch ihre Jeans, aber ungeachtet dessen streckte sie ihre Hand nach der Katze aus. Das Tierchen wich erst zurück, dann schnupperte sie neugierig an Heathers Hand, dass ihre Schnurrhaare zitterten.

      »Wie kommst du hierher?«

      Mit einem Mauzen schien sie ihr zu antworten.

      »Tut mir Leid Kleine, aber ich verstehe dich nicht. Dein Besitzer macht sich bestimmt Sorgen, wo du abgeblieben bist. Irgendwie bin ich die letzten Stunden nur damit beschäftigt, jemanden zu suchen. Tja, vielleicht kann ich wenigstens dich zurückbringen.«

      Als sie nach dem Kätzchen haschte, sprang dieses zur Seite und in einen Busch. Heather versuchte sie weiter zu locken, doch das Tier kroch immer weiter in die Hecke hinein. Bis zum Abend gab Heather nicht auf. Ihre Hände waren von den knorrigen Ästen aufgeschürft und an ihren Knien prangten dunkelblaue Flecken, doch sie wollte die Kleine nach Hause bringen. Fröstelnd richtete sie sich auf und klopfte etwas von dem Dreck sowie das modrige Laub von ihrer Kleidung. Es wurde dunkel und ihre Geduld neigte sich dem Ende zu.

      »Okay, ich zähle bis drei und dann kommst du da raus«, kündigte sie an, da ihr über all die Zeit aufgefallen ist, dass der Fellball keine Angst vor ihr hatte. »Eins. Zwei. Drei! Fein«, sie zerrte an ihren Ärmeln, um ihre Haut zu schützen und langte in die Hecke hinein. »Komm schon her, Kleine. Es ist kalt und du hast sicher Hunger.«

      Mit einem Satz glitt die schwarze Katze aus den Büschen und nahm auf dem Weg Platz. Ihre Irden leuchteten im Schein der Laternen und ihr Schwanz zuckte aufgeregt. Heather kannte sich recht gut mit Katzen aus, da auf dem Gestüt ihrer Großeltern immer einige herumstreunten und sie als Kind verbotenerweise mit ihnen gespielt hatte. Also hockte sie sich hin und hielt ihre Hand kurz über den Boden. Miauend hüpfte die Kleine auf sie zu und kuschelte sich gegen ihren Handrücken.

      »Na, was meinst du?«

      Ihre Augen blitzen auf und sie sprang nach vorn, wandte sich dann wieder Heather zu, als wolle sie dieser mitteilen ihr zu folgen. Doch Heather zögerte. Irgendwann war eben Schluss und einer Katze in der Dunkelheit hinterher zu laufen, machte nicht den Eindruck, als sei sie noch bei Sinnen. Zugegeben, ihre beschmutze Hose und die zerkratzen Hände wirkten ebenfalls wenig vernünftig. Was hatte sie schon zu verlieren? Sie konnte es auch nicht übers Herz bringen, die Katze einsam durch die Gegend streifen zu sehen und war sich sicher, dass ihr Besitzer sich sorgte.

      Mit einem fröhlich klingenden Mauzen preschte die Samtpfote voraus, vergewisserte sich alle paar Meter, ob Heather ihr Tempo mithalten konnte. Sie schien schlau zu sein, stellte Heather fest. Erschreckend schlau und umsichtig. So etwas war sie von Katzen nicht unbedingt gewohnt. Nach einer Weile empfand die junge Frau diesen Lauf sehr entspannend. Es war lange her, dass sie so frei joggen konnte und den harschen Luftzug in ihren Haaren spürte.

      »Was?!«

      Die Katze stoppte direkt vor dem Institut und ihre Schwanz peitschte wild auf den Boden. Heather wurde langsamer und schloss auf. »Wir sollten nicht hier sein.«

      Diese Worte wurden durch ihren Herzschlag bestätigt, der urplötzlich so stark geworden war, dass sie befürchtete, es würde sie gleich umbringen. Als die Katze nur noch wenige Meter von den Schiebetüren herumlungerte, lief Heather zu ihr und nahm sie schnell auf den Arm.

      »Du kannst hier nicht reingehen«, erklärte sie dem Tier, das darauf das Gebäude anfauchte. »Wieso ... Warte einen Moment.«

      Die Erkenntnis traf Heather wie ein Pfeil. Cara hatte ihr nach der Ägypten-Exkursion erzählt, dass sie eine junge Katze bei sich im Zimmer versteckte. Das musste also Caras Haustier sein. Welches sie zufällig zum Institut führt, nachdem Cara nicht aufzufinden war? Das hörte sich sogar in gedanklicher Form unmöglich an, aber Heather sah es als Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass das Institut irgendetwas vor dem Rest der Welt verbarg und nun hatten sie auch noch ihre Freundin.

      »Hör mir jetzt zu und unternehme ja nichts Dummes«, befahl sie der Katze und fasste im selben Moment kaum, was sie da überhaupt von sich gab. Sie hatte ihren Verstand verloren. Eindeutig. Und führte ein Gespräch mit einer Katze. Doch ihre Freundin würde sie nicht so leicht hergeben. »Bleib hier in den Büschen und komm mir auf keinen Fall nach! Ich hole Cara da raus. Ganz bestimmt.«

      Heather schluckte ihre Angst herunter und setzte einen Fuß vor den anderen. Die Glastüren öffneten sich beinahe lautlos, obwohl es bereits nach neunzehn Uhr war und die anderen Einrichtungen meist um diese Zeit schlossen. Soweit sie die Gespräche einiger Kommilitonen mitgehört hatte, arbeiteten die Forscher wohl öfter bis in die Nacht hinein und manchmal auch am Wochenende. Kein Grund zur Panik, beruhigte sie sich.

      Die Eingangshalle lag in völliger Finsternis vor ihr. Langsam trat sie ein und die Deckenleuchten, die offensichtlich auf Bewegung reagierten, flackerten summend auf. Die junge Frau konnte sich gerade davon abhalten, unter einem der Anmeldetische Schutz zu suchen und nutze die Helligkeit, um die Unterlagen zu überfliegen. Wieder entdeckte sie nur Register der Doktoren und Professoren. Dieser zwielichtige Delmor schien den Aufzeichnungen zu Folge noch anwesend zu sein und ein gewisser Theodor Orton. Heather rieb sich über die Arme, die von einer Gänsehaut überzogen waren. Die Konsole des Fahrstuhls, welcher der einzige Weg in die oberen Etagen des Institutes war, konnte sie weder überlisten, noch anders manipulieren. Sie brauchte eine dieser Checkkarten, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Zumal sie nachts um halb acht auch keinen der Doktoren beklauen könnte.

      Diese Sackgasse frustrierte sie. Sie war nicht mal in der Lage, ihre Freundin zu befreien. Es sei denn, sie verwarf ihren Gedanken, dass sie eine der Checkkarte benötigte. Was, wenn sie die Konsole zerstörte? Es wäre nicht die sauberste Lösung, aber falls Cara in Gefahr schwebte, musste Heather zu drastischen Mitteln greifen. Dabei schien es ihr gleich, welche Konsequenzen auf sie warteten und stellten sich ihre Vermutungen als falsch heraus, gestand sie sich liebend gerne ein, dass sie verrückt war.

      Gerade als sie an dem kleinen Metallkästchen mit den Kartenschlitz herumzerrte, um dieses abzureißen, vernahm sie das schweifende Geräusch der Glastüren hinter sich. Angsterfüllt fuhr sie zusammen, knickte mit dem linken Fuß um und landete längs auf dem makellos weißen Boden. Ihr Rettungs- und anschließender Fluchtversuch waren somit missglückt.

      »Bist du denn vollkommen ...«, diese Stimme konnte sie rasch zuordnen und atmete erleichtert, wenn auch schmerzerfüllt aus. Milan kam zu ihr gelaufen und schaute skeptisch auf sie herab. »Also ich habe bei dir ja mit so ziemlich allem gerechnet, aber das hier …« Er deutete mit dem Kinn auf die Konsole am Fahrstuhl, die Heathers Zerstörungswut unbeschadet überstanden hatte. »Das übertrifft meine Erwartungen noch einmal um Längen.«

      Seine dunkelbraunen Haare hingen ihm tief in die Stirn und klebten an der Haut. War er etwa gerannt? Heather rappelte sich beschämt auf und riskierte einen Blick zu den Überwachungskameras im Raum.

      »Ja, daran hättest du denken sollen«, bemerkte Milan, der ihrem Blick gefolgt war. »Was willst du überhaupt hier?«

      Der ruppige Unterton in seiner Stimme erzeugte bei Heather nur das Bedürfnis, in neue Streitereien mit ihm zu verfallen. Allerdings zügelte sie sich und stand vorsichtig auf. Seine strahlend blauen Augen betrachteten sie dabei abschätzend. Als sie ihren linken Fuß belastete, schrie sie heiser auf und spürte gleich danach Milans warme Hand an ihrem Arm.

      »Hast du dich verletzt?«

      »Nein, nein. Alles in Ordnung«, wehrte sie ihn ab, denn die Berührung jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

      Milan ließ sie los und hockte sich hinunter zu ihren Füßen. Ohne Vorwarnung packte er ihren Knöchel und drückte diesen einmal fest zusammen, sodass sie laut aufschreien musste. Wimmernd sackte sie in sich zusammen und streichelte über ihren eigenen Fuß, um den Schmerz zu vertreiben.

      »Aha, alles in Ordnung, ich verstehe«, zitierte er. »Sei's drum. Wir müssen von hier weg, sonst sind uns gleich die Wachleute auf den Fersen.«

      »Ich dachte, die gehören auch zu deinen Fans«, erwiderte sie trotzig und rieb immer noch über ihren Knöchel. »Weshalb bist du ausgerechnet zur selben Zeit hier wie ich?«

      Er fasste sich an den Hinterkopf und stellte sich selbstbewusst unter eine der Überwachungskameras, deren Lämpchen rot blinkte. Obwohl er nichts sagte oder tat, fühlte Heather sich augenblicklich unbeobachtet. Sie zog sich an dem Tisch hoch und probierte langsam ihr Gewicht auf beide Füße zu verteilen. Ein wenig spürte sie den Schmerz noch, aber für eine Weile würde sie es aushalten. Eigentlich blieb ihr auch keine andere Wahl.

      »Aus persönlichen Gründen«, sagte Milan gedankenverloren.

      »Wie bitte?«

      »Der Grund, warum ich hier bin.«

      Eine unangenehme Stille legte sich zwischen die Beiden. Heather starrte seinen Rücken an, der sich hin und wieder anspannte. Etwas stimmte nicht. Für ihn war es ungewöhnlich, ihren Blick zu meiden und sich so zurückhaltend zu benehmen. Seine abweisende Haltung nicht zu vergessen, wobei er diese nicht lange aufrechterhalten konnte. Jedoch würde sie ihn nicht weiter darauf ansprechen. Weder auf sein Verhalten ihr gegenüber, noch auf sein Auftauchen hier. Wäre er nicht gekommen, hätte sie die Konsole vermutlich schon abmontiert. Die Sorge um Cara feuerte ihren Tatendrang erneut an und sie begab sich zum Fahrstuhl, achtete nicht auf Milan.

      Ihre Finger strichen über das grünliche Display, während sie ihren linken Fuß entlasten musste. Wie konnte sie in die oberen Etagen gelangen? Wo würden sie Cara festhalten? Darüber hatte sie die kleine Katze natürlich nicht informieren können, dachte sie und rief sich in Erinnerung, dass sie diesen Ausflug – wie so viele davor – anderen besser verschweigen sollte.

      »So, genug gespielt«, maulte Milan und seine Hände schoben sich unter Heathers Arme. »Du solltest nicht hier sein. Deine Leidenschaft, Regeln zu brechen und Verboten nachzulaufen, ist beachtlich, aber für heute hattest du deinen Spaß.«

      »Nicht!«, er schmiss sie leichtfertig über seine Schulter, die sich ihr in den Bauch bohrte und schlenderte zur Tür. Dabei ließ er es sich auch nicht nehmen, seine eine Hand immer weiter zu ihrem Po wandern zu lassen. »Hey!«, fauchte sie und hätte ihm beinahe ihren Ellbogen gegen den Kopf gerammt, nachdem er sie genkiffen hat. »Ich bin nicht hier, weil ich den Nervenkitzel jage. Cara, sie ist ...«

      »Was ist mit ihr?«

      Zu ihrer Verblüffung blieb er stehen, machte allerdings keine Anstalten, sie abzusetzen. Ihm schien es zu gefallen, dass sie wie ein hilfloses Reh, das der Jäger soeben erledigt hatte, über seiner Schulter hing und sich momentan nicht wehren konnte.

      »Sie ist verschwunden«, erwiderte Heather kleinlaut.

      »Und wieso suchst du ausgerechnet hier nach ihr?«

      »Das hat verschiedene Gründe, die jetzt viel Zeit beanspruchen würden, wenn ich sie dir alle nenne.« Sie wollte auf gar keinen Fall damit anfangen, ihm zu erzählen, dass eine Katze sie hierher geführt hatte. »Ich weiß einfach, dass sie hier sein muss.«

      Milan zitterte ein wenig, wäre Heather ihm nicht so nahe, würde sie es nicht einmal bemerken. Außerdem wirkte er abwesend und konzentrierte sich mehr auf die Umgebung, als auf Heather, die er mit sich herumschleppte. Sie drückte sich von seinem Rücken ab und kippte nach vorn, als er weiterlief. Die Tür öffnete sich und die eiskalte Winternacht ummantelte Heather. Sie krümmte sich zusammen. Ihr Atem stieg als kleine Wolke in den dunkelblauen Himmel hinauf.

      Die Kameras über ihren Köpfen scannten das Campusgelände einige Meter vor ihnen ab. Deshalb trug Milan sie an dem mehrere Meter hohen Gebäude entlang, bis sie an eine weitere Tür gelangten. Diese bestand aus Metall und obgleich auch hier wieder die Überwachungskameras alles im Blick behielten, fühlte sie sich sicherer. Unbeobachtet.

      Milan stöhnte auf und setzte Heather sachte auf die Stufe vor der Metalltür. Sogar jetzt überragte er sie noch und konnte auf sie herabschauen, als sei er der bei Weitem Größte in seinem Gebiet. Da fiel ihr auf, dass sie nicht einmal wusste, was er studierte.

      »Ich muss da rein«, zeterte Heather in einer verzweifelten Stimmlage.

      »Es ist zu gefährlich für dich.«

      »Gefährlich?«, sie lachte auf. »Was könnte mir schon passieren? Schlimmstenfalls verweisen sie mich der Akademie, aber um ehrlich zu sein, ist mir das Recht, solange ich meine Freundin vor diesen Forschungsheinis bewahren kann.«

      Mürrisch ging er auf sie zu und streckte seine Hände nach ihr aus, als wolle er sie an den Schultern packen und schütteln. Allerdings zögerte er und drehte ihr wieder seinen Rücken zu. Würde er das jetzt immer machen, wenn er nicht wusste, was er ihr entgegenbringen sollte? Oder war es Heathers Zurückhaltung ihm gegenüber, die sie seit dem Kuss an den Tag legte und die ihn nun verunsicherte? Ihre Reaktionen konnte sie nicht kontrollieren und ihr Herz klopfte bei der bloßen Erinnerung an diesen Abend viel stärker. Sich zu verstellen, nachdem er ihr diese Verwirrung bereitete, kam nicht in Frage.

      »Du willst nicht hören, oder?«, er starrte an der gläsernen Fassade hinauf, um ihren Blickkontakt zu meiden, was ihm sichtlich schwer fiel. Er sah wütend aus. Seine Stimme war fest, aber nicht erschreckend. »Du bist in Gefahr, wenn du hier herumlungerst. Denen da oben sind deine Gründe vollkommen egal und sie werden diesen Regelverstoß nicht durchgehen lassen.«

      »Sie verheimlichen also etwas«, stellte sie eisern fest. »Und wieso kommst du dann hierher? Weißt du, was sie von Cara wollen?«

      »Ich habe nie gesagt, dass Cara hier ist.«

      »Du hast es aber auch nicht abgestritten.«

      Plötzlich trafen sich ihre Blicke und Heather wich instinktiv zurück. Nicht, weil sie Angst vor ihm hatte, sondern da in seinen Augen eine tiefe Trauer lag. Trauer? Nein, da war noch weitaus mehr und während sie in ihrem Wortschatz nach einer besseren Bezeichnung stöberte, ging er kopfschüttelnd in die Hocke.

      Schrittweise kam sie zu ihm herunter und ertappte sich dabei, wie sie eine Haarsträhne aus seinem Gesicht strich. Ein entsetzter Blick schlug ihr entgegen und sie fiel rücklings auf ihr Hinterteil. Milans blaue Augen spiegelten die leuchtenden Sterne wider. Sie verlor sich für eine Sekunde in ihnen und bereute ihr Verhalten sogleich.

      »Milan, ich …«

      Er presste seine Hand auf ihren Mund und drängte sie an die Metalltür. Erst stieß sie sich von ihm, doch je mehr sie ihn wegdrückte, desto enger schlang er seine Arme um sie und sie gab nach. Schritte kamen auf sie zu. Schwere Stiefel flanierten durch die aufgeweichte Erde und donnerten auf den gepflasterten Weg vor dem Institut. Heathers Herz überschlug sich und sie konnte auch Milans Herzschlag spüren, der ähnlich stark war.

      »Ich glaube, sie sind weg«, flüsterte er ihr nach einiger Zeit zu und lugte um die Ecke. »Ein Gutes hatte ihr Auftauchen ja«, er guckte sie eindringlich an. »So kommen wir uns näher.«

      Heather schaffte etwas Platz zwischen ihnen. Enttäuscht atmete Milan aus und schubste sie von sich. Nicht allzu grob, aber sie wäre die Stufe heruntergestürzt, da ihr Fußknöchel nachgab, hätte Milan nicht nach ihrer Hand gegriffen. Eigentlich wollte sie ihn anschreien, doch ihre Stimme brach ab, als sie wieder in sein besorgtes Gesicht blickte.

      »Ich kann dich nicht ewig im Ungewissen lassen, dafür bist du zu neugierig. Wenn ich dir helfe, Cara zu finden, versprich mir, dass du dich von dem Institut fernhältst.«

      »Einverstanden. Aber dann erkläre mir auch, was es mit diesem Glaskasten auf sich hat und wieso sie Cara haben.«

      Milan stellte die vergeblichen Versuche, Heather ohne Informationen von hier wegzuschaffen, ein und drückte sie runter auf die Stufe. Dann nahm er ihre Hände in seine. Ihre Wärme überraschte ihn offenbar, da er kurz zusammenzuckte.

      »Abgemacht. Doch für diese Extrainfo möchte ich auch eine Belohnung«, sie protestierte nicht, also sprach er leise weiter. »Reicht es dir, wenn ich dir verrate, dass ich krank bin und zu den Untersuchungen immer wieder hierher kommen muss?«

      Die junge Frau merkte, dass seine Hände unruhig über ihre Haut strichen. Er sah so betrübt aus, dass sie nur zustimmend nicken konnte. Immerhin gab er etwas über sich Preis, was vermutlich keine schönen Gedanken und Emotionen in ihm hervorrief. Sie musste sich damit abfinden, dass sie nicht alles erfahren würde und sich mit dem, was Milan bereit war zu erzählen, genügen. Trotzdem rief sie sich alle ihr bekannten Krankheiten, die eine solch aufwendige und scheinbar regelmäßige Behandlung erforderten, ins Gedächtnis. Ihr kam keine in den Sinn, aber es musste sich wohl um etwas Schlimmes handeln, wenn er schon darauf bestand, ihr nur einen Bruchteil zu verraten.

      »Bedeutet das dann auch, dass Cara krank ist? Wieso sollte man sie sonst ins Institut bringen?«

      »Nein«, er drückte ihre Hand sanft. »Aber etwas muss vorgefallen sein«, er ließ seine Augen zur Glaswand schweifen. »Ich werde mal nachschauen, ob ich sie finden kann. Du musst allerdings hier auf mich warten«, er legte seine Hand auf Heathers Wange, wodurch sie zurückwich. Ernst schaute er sie an. »Du wartest hier, verstanden?«

      »Aber ich …«

      »Ah, ah, ah«, er zog ihr Gesicht näher an seines, auch wenn sie sich gegen ihn stemmte. »Entweder wir machen das hier auf meine Weise, oder gar nicht. Dir ist klar, dass ich der Einzige bin, der ins Institut rein und auch wieder rauskommt. Also, wartest du brav auf mich?«

      »In Ordnung«, willigte sie ein. Milan gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Handrücken und lächelte sie erleichtert an. Dann stand er auf und lief geradewegs zum Eingang. »Aber sei vorsichtig!«

      Sie war sich nicht sicher, ob er ihre letzten Worte gehört hatte, doch ihr fiel eine schwere Last vom Herzen. Nur noch ein paar Minuten. Nur noch ein kleines Bisschen musste sie sich gedulden, dann würde endlich Klarheit herrschen. So oder so, hatte sie Milan eine Belohnung für seine Hilfe versprochen, wie diese auch immer aussehen mochte. Hastig vertrieb sie diese Gedankenspiele aus ihrem Kopf. Cara war im Moment wichtiger. Weitaus wichtiger. Sie fürchtete sich bestimmt, wusste nicht, wo sie war. Oder vielleicht doch? Zumindest suchte sie keine komische Krankheit heim, soweit Milan sie nicht belogen hatte. Doch wieso hielt man ihre Freundin fest? Hoffentlich bekam sie bald einige Antworten, mit denen sich weiterarbeiten ließe.

      Nervös ging Heather an der Seite des Gebäudes auf und ab, ignorierte den schmerzenden Knöchel. Sie konnte jetzt nicht stillstehen. Eine Viertelstunde verstrich, danach eine Halbe. Immer wieder hob sie den Blick, aber die verspiegelten Fenster ließen ihn nicht durch. Würde Milan es schaffen? Gab es in den Etagen Wachleute? Was sagten die Doktoren wohl dazu, wenn Milan eine ihrer Patientinnen mitnahm? Eine unheimliche Idee schlug sich vor ihrem Geiste nieder. Was, wenn sie nun auch Milan ergriffen hatten?

      Ein leises Schnurren ertönte und etwas Weiches kitzelte ihren freien Knöchel. Die kleine schwarze Katze war wieder da und strich um Heathers Beine herum. Dankbar für die Abwechslung bückte sie sich. Das dunkle Fell besaß bei Mondesschein einen bläulichen Schimmer und fühlte sich unsagbar geschmeidig zwischen ihren Fingern an.

      »Wir müssen wohl oder übel beide hier warten«, stöhnte sie. »Wenigstens leisten wir uns gegenseitig Gesellschaft, bis mein Möchtegern-Held unsere Freundin aus diesem dämlichen Institut befreit hat.«

      Die Kleine mauzte auf, als wolle sie Heathers Bemerkung gegenüber Milan verneinen und zauberte ihr damit ein Lächeln auf die Lippen. Sie nahm das Kätzchen hoch und drückte es an ihre Brust. Lange konnte es nicht mehr dauern, sprach sie sich gut zu. Jeden Augenblick konnte er mit Cara durch diese Tür spazieren. Bald wäre ihre Freundin in Sicherheit und was auch immer diese Doktoren oder Professoren des Instituts mit ihr veranstaltet hatten, sie würde ihr helfen, das zu verarbeiten.