Gottessplitter

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    • Kapitel 10 - Teil 1

      Heatherrichtete ihren Blick noch immer zum Eingang des Instituts. Wann kamen sieendlich heraus? Die Lichter sprangen an und ihr Atem stockte vor Nervosität.Doch Milan kam allein. Wie aus dem Nichts stand er in der Tür. Durch das Lichtder Eingangshalle in seinem Rücken warf er einen langen Schatten hinunter bisauf den Weg. Heather wippte leicht auf ihren Fersen, beobachtete ihn ausgiebigaus sicherer Entfernung. Auf einmal kamen zwei Männer in weißen Kitteln zu ihm,trugen jemanden auf einer Trage mit sich.
      Cara.
      Tränen stiegen Heather in die Augen und sie wischte sich diedünnen Rinnsale rasch weg. Sie musste sich bemühen, nicht sofort zu ihr zurennen. Ihre Freundin regte sich nicht. Also hatten sie ihr etwas Schlimmesangetan, schrie sie in Gedanken.
      Milan tauchte an der Hausecke auf, kehrte an ihre Seitezurück. Er deutete ihr jedoch mit einer Handbewegung an, auf Abstand zu bleibenund auf ihn zu warten.
      »Was ist denn los? Geht es ihr gut?«, fragte sie atemlos.
      »Den Umständen entsprechend, ja«, er klang besorgt und sprachviel zu schnell. »Das ist jetzt aber unwichtig. Bleib noch zwanzig Minuten hierdraußen. Die Männer bringen Cara auf dein Zimmer, damit ihre Mitbewohnerinnennichts von alle dem mitbekommen. Welche Zimmernummer hast du?«, siebeantwortete ihm die Frage und ohne Luft zu holen, redete er weiter. »Nachdemsie Cara ins Zimmer gebracht haben, fahren die Kerle nach Hause, also kannst duberuhigt zu uns kommen. Halte dich von den Kameras fern.«
      Bevor er sie in der Dunkelheit allein zurückließ, zog er nochseine Jacke aus und legte sie Heather über die Schultern.
      »Nicht, dass du nach all deinen Mühen noch erfrierst.«
      »Milan warte«, er wandte sich zu ihr. »Danke ... Nein. Ichkann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin. Wenn du nicht-.«
      Er riss sie an sich und versigelte ihre Lippen mit einemKuss. Als er sich von ihr löste und zu den Männern eilte, die Cara bei sichhatten, fuhr sich Heather einmal mit dem Finger über ihren Mund. Verdutztschaute sie ihm nach, wie er mit den anderen in dem Schein der Laternenunterging. Nach einer gefühlten Ewigkeit, durfte sie ihnen hinterher.
      Die Flure lagen so unheimlich still da, dass Heather glaubte,jeden ihrer Schritte würde man kilometerweit hören. Dennoch gelange sieunbehelligt zu ihrer Zimmertür. Langsam umfasste sie diese und schob sichhinein. In ihrem Bett lag Cara, die Augen fest verschlossen und nur die linkeHand lugte unter der Decke hervor. Milan lief unruhig im Zimmer auf und ab,bemerkte Heather zuerst gar nicht, was sie wiederum begrüßte.
      Heather trat an ihr Bett heran und erschrak. Cara sah blassaus und unter ihren Augen bildeten sich dunkle Schatten. Sie atmete zwarregelmäßig, aber dafür sehr schwach. Was hatten sie ihrer Freundin nur angetan?Bedacht ließ sie sich auf der Bettkante nieder.
      »Milan«, sagte sie mit bebender Stimme. »Das Institut. Wasist das für eine Einrichtung und welchen Forschungen gehen sie nach, wenn ...wenn Menschen so zugerichtet werden.«
      Er schwieg, zog den Vorhang zur Seite und schaute aus demFenster. Heather nahm Caras Hand in ihre. Sie fühlte sich kalt an und sofortbegann sie, sachte über diese zu streichen. Dennoch musste sie immer wieder zuMilan schauen. Dass er nichts sagte, kam ihr mehr als nur ungewöhnlich vor. Erverschwieg etwas, soviel war sicher, nur was und warum?
      »Milan«, wiederholte sie energischer. »Selbst du musst direingestehen, dass die Geheimniskrämerei nichts mehr bringt. Sieh dir Cara an,das kann nichts mit normalen Untersuchungen zu tun haben. Ich will Antworten. Jetzt.«
      Endlich suchte er ihren Blick, doch sie erschaudertedarunter. Er kam auf sie zu und rückte einen der samtüberzogenen Stühle zumBett heran, damit er noch etwas Platz zwischen ihnen hatte. Heather beobachteteihn skeptisch und wartet voller Erwartung darauf, dass er ihr einen Hinweisgab.
      »Cara war schwer verletzt«, nuschelte er kaum verständlich.»Sie wurde mit einer tiefen Stichwunde eingeliefert.«
      »Woher?!«, er schüttelte den Kopf, um ihr anzudeuten, dass erdarüber wirklich keine Informationen besaß. »Und warum ins Institut? Wäre einKrankenhaus nicht die bessere Lösung gewesen?«
      »Im Institut besitzen sie alle nötigen Utensilien, um solcheWunden zu versorgen. Wahrscheinlich sind die dortigen Doktoren sogarprofessioneller als in einer normalen Klinik«, er senkte den Kopf und legtesein Gesicht in seine Hand. »Sie war da gut aufgehoben. Wie gesagt, meineKrankheit kurieren sie schon seit Jahren.«
      »Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber was für eineKrankheit ist das und was hat sie mit Cara zu tun?«
      »Heather«, er richtete sich auf und stürmte beinahe auf siezu. »Ich ... Diese Forschungen sind nicht für die Öffentlichkeit. Mein Vaterarbeitet mit speziell für dieses Fachgebiet ausgesuchten Professoren zusammen,die sich verpflichteten, kein Wort über ihre Arbeit zu verlieren.«
      »Dann erklär mir bitte, was es mit deinen Untersuchungen aufsich hat.«
      Heather war sich darüber im Klaren, dass Milan allerleiGründe hätte aufzählen können, um ihr nichts zu verraten. Jedoch musste sieirgendetwas erfahren, sonst würde sie noch heute Nacht vollkommen durchdrehen.Seine wortkargen Ausweichversuche duften sie nicht länger ablenken.
      Er fasste sich ins Gesicht, wischte seine Haare aus der Stirnund seine blauen Augen suchten einen Punkt im Raum, den er statt Heatherbetrachten konnte. Offenbar wollte er sie nicht angucken, aber bedeutete dasdann nicht, dass er sie anlog? Im Moment hatte sie keine Beweise, ja noch nichteinmal eine grobe Ahnung davon, was in diesem Glaskasten vor sich ging. Nur erkonnte ihr Aufschluss geben, falls er sich dazu überwinden würde.
      »Kannst du etwas mit Hypnotherapien anfangen?«, erkundigte ersich. Heather schüttelte den Kopf. »In Caras Fall, soweit ich mir daszusammenreimen kann, werden sie sie unter Hypnose gesetzt haben.«
      »Hypnose? Aber wieso? Sie war doch schwer verletzt.«
      »Diese Therapieform gehört zu den gängigen Verfahren, umbestimmte Probleme anzugehen, die tief in unserem Inneren verborgen liegen.Wenn ich mich kurz fassen müsste, beschränken sich meine Behandlungen ebenfallsauf diese Methode.«
      »Ist das sicher? Ihr Körper ist kalt und schwach. Ich kannmir nicht vorstellen, dass diese Therapie ihr tatsächlich helfen kann.«
      »Die ersten Anwendungen sind immer die schwierigsten. JederMensch reagiert individuell auf bestimmte Stimuli, die den Geist anregen. Daman das vorher nicht einstellen kann, dauert es einige Versuche, bis es sofunktioniert und man die gewünschten Resultate erzielt«, seine Stimme wurdeimmer leiser und brach zwischenzeitlich ganz ab. Ein unbeschreiblicher Schmerzschien darin zu liegen und Heather vergaß zu atmen. »Eine andere Art, wie siean ihre Ergebnisse kommen, könnte man in gewisser Weise als drastisch sehen,aber bei Cara haben sie höchstens die Hypnotherapie angewandt. Mach dir nichtallzu viele Gedanken und vergiss bitte nicht, dass du mir versprochen hast,dich ab jetzt vom Institut fernzuhalten.«
      »Ja, solange sie sich von meiner Freundin fernhalten«,entschied sie streng und steckte somit gleich die Grenzen für ihreSelbstbeherrschung ab.
      Plötzlich schrie Cara auf und sprang beinahe aus dem Bett.Ihre Augen waren weit aufgerissen und Schweißperlen glitzerten auf ihrer Stirn.Heather versuchte sie festzuhalten, doch Cara wurde immer lauter und kratzteihre Freundin. Erst als Milan dazu kam, beruhigte sich die junge Frau undatmete tief durch.
      »Cara, es ist alles in Ordnung«, beruhigte Heather sie undstreichelte in kreisenden Bewegungen über ihren Rücken. »Es war nur einschlechter Traum.«
      »Ja, für dich vielleicht«, blaffte Milan und schritt zur Tür.
      »Ich habe dich gesehen«, flüsterte Cara benommen.
      Milan warf einen Blick über die Schulter und musterte Caraeindringlich, als wolle er ihr still andeuten, nichts weiter zu erzählen. SeineAugen funkelten in der dämmrigen Beleuchtung der Nachttischlampe und Heatherballte die Hände zu Fäusten. Schützend stellte sie sich vor ihre Freundin, diesich ausruhen sollte, anstatt Milans geradezu strafenden Blicke ertragen zumüssen.
      »Ich gehe jetzt besser«, wandte er ein und öffnete die Tür.Heather erwiderte nichts und Cara sank langsam zurück in die Kissen. »Wirsollten morgen noch einmal reden. Heather?«
      »Ja«, entgegnete sie kurz angebunden und legte eine Hand aufCaras Wange, die viel zu heiß war. »Schreib mir einfach eine SMS.«
      Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, füllte Heather inihrem Bad ein Glas mit Wasser und reichte es Cara. Sie leerte es schnell undzitterte am ganzen Leibe. Anscheinend war sie orientierungslos und ihre Augenflogen ziellos durch den Raum. Jedes Mal, wenn sie Heather erkannte, bildetesich Erleichterung auf ihrem Gesicht ab und sie kam für ein paar Sekunden zurRuhe. Allerdings würde es nicht für den verdienten Schlaf reichen.
      »Hey«, Heather lehnte sich zu ihr herunter. »Willst du mirsagen, was passiert ist?«, sie schüttelte eifrig den Kopf. »Schon gut, schongut. Jetzt bist du erst einmal in Sicherheit und vertrau mir, ich werdeniemanden hier reinlassen, solange du es nicht willst.«
      Obgleich Cara noch immer unsicher, wenn nicht sogarverängstigt war, fielen ihr die Augen vor Erschöpfung letztendlich zu. Heatherbemerkte, dass sie öfter aufschreckte und wach neben ihr lag, doch ihre Näheschien ihr etwas Halt zu geben. Sie war jetzt nicht länger in den Fängen dieserominösen Forscher, sondern bei ihrer Freundin.
      Am nächsten Morgen rannte Heather in die Mensa und decktesich mit Obstsalat und Müsli ein. Sie kassierte zwar einige fragende Blicke,aber das ignorierte sie gekonnt und verzog sich wieder auf ihr Zimmer. Cara saßstumm in ihrem Bett und starrte an die Vorhänge der Fenster, die von deraufgehenden Sonne leicht durchdrungen wurden. Auch als Heather zu ihrherantrat, regte sie sich nicht.
      »Cara, ich habe dir Frühstück gebracht«, sie zeigte ihr dieSchüssel mit Obst und Müsli, aber Cara reagierte nicht wirklich. »Ich lasse eshier neben dir stehen. Wenn du magst, dann iss ein wenig.«
      Danach zog sie sich in das Badezimmer zurück. Ein bisschenFreiraum sollte Cara nicht stören, sondern für sie eher erholsam sein. Wiekonnte Heather sie nur vorsichtig darauf ansprechen? Es jemandem zu erzählen,würde sicherlich eine große Last von ihr nehmen und so wie sie gerade aussah,schleppte sie etwas Großes mit sich herum. Eine Weile lief sie nochunentschlossen im Bad umher. Ihr Knöchel meldete sich wieder und der Schmerzbrachte sie auf eine Idee.
      Eilig durchwühlte sie den kleinen Spiegelschrank, in dem siezu Beginn des Semesters einige Schmerztabletten verstaut hatte und nahm selbsteine, um ihren Knöchel zu vergessen. Dann kehrte sie in ihr Schlafzimmerzurück. Unverändert saß Cara im Bett, schaute ins Nichts. Das Essen hatte sieebenfalls noch nicht einmal angerührt, also bot Heather ihr ein Glas Wasser undeine der Schmerztabletten an.
      »Heather«, nuschelte sie leise.
      »Ja?«
      »Wie bin ich hierhergekommen?«
      »Milan hat dich ... aus dem Institut geholt. Kannst du dichan irgendwas erinnern?«
      »Nur an Bruchstücke«, sie verschränkte die Arme vor derBrust. »Ich erinnere mich an die weißen Deckenleuchten und eine sehreinprägsame Stimme. Außerdem habe ich wieder geträumt.«
      »Du meintest gestern, dass du Milan gesehen hättest, nachdemdu aufgewacht bist.«
      »Ich bin mir nicht sicher«, Tränen rannen ihr über dieWangen. »Das alles war so komisch, so unheimlich«, ihre Hand wanderte herunterzu ihrem Bauch. »Oh nein. Diese Wunde, ich ...«
      »Scht«, machte Heather und nahm ihre Freundin in den Arm. »Dukannst dir Zeit nehmen. Ich muss nicht alles sofort erfahren. Sie haben dichhypnotisiert, um dich zu untersuchen. Zumindest waren das Milans Erklärungen.Er selbst wird schon seit Jahren dort behandelt.«
      »Und wieso musste ich dahin?«
      »Wegen deiner Verletzung, denke ich. Doch da muss noch mehrsein«, Cara erbebte und kauerte sich an Heathers Brust. »Ich glaube, das warfürs Erste genug. Wir gehen diesen Dingen Schritt für Schritt auf den Grund.Zusammen.«
      Auch der folgende Tag brachte nur langsam etwas Ruhe in diejunge Frau. Heather hakte nicht weiter nach, da Caras Gedächtnis von ihrerAngst blockiert wurde. Stattdessen würde sie sich an Milan wenden, deroffensichtlich Informationen zurückhielt, obgleich er ihr recht viel über dieMethoden des Instituts verraten hatte. Allerdings unterbrach Cara ihren Plan,da sie auf einmal vor ihrem Spiegel stand und den Bernstein in den Händenhielt.
      »Was machst du da?«, fragte die blonde Studentin sogleich.
      »Weiß du noch, dass ich meinen Eltern von diesem Schmuckerzählen wollte? Nach Weihnachten habe ich ihnen eine Mail geschickt, weil siebei den Ausgrabungen ziemlich beschäftigt waren und ich sie nicht unnötigaufhalten wollte. Ich fragte sie, ob sie irgendwelche Schriften oder einenAnhaltspunkt über diese Steine besitzen und scheinbar haben sie erst neulicheinen Fund gemacht.«
      »Was meinst du damit?«, Heather schaute sie genau an. VielSchlaf hatte Cara nicht gefunden, denn ihre Augenringe lagen tief in ihremGesicht.
      »Sie haben geantwortet.«
      Cara deutete auf ihr Handy, doch Heather klappte ihren Laptopauf und ließ Cara ihr Postfach öffnen. Ihre Eltern entschuldigten sich in denersten Zeilen, dass sie sich so spät meldeten und fragten, ob es ihr gut ginge.Im zweiten Abschnitt berichteten sie davon, in einem Tempel Bastets Inschriftengebogen zu haben, die von ähnlichen Edelsteinen erzählten.
      »Hier steht, dass es Wächtersteine seien«, las Cara vor. »UndBastet steht mit den Wächtern in Verbindung, aber den Rest der Inschriftkonnten sie noch nicht entziffern. Auf jeden Fall gibt es Familien, die dieseEdelsteine von Generation zu Generation weitergeben sollen, um ihre Aufgabe alsWächter der Tore zu erfüllen.«
      Caras Stimme rutschte am Ende des Satzes eine Oktave höher,sodass ihre Aussage eher einer Frage nahekam. Heather legte den Kopf schief undstudierte die Worte. Dabei beobachtete sie immer wieder ihre Freundin. DerEntdeckergeist blühte in ihr auf und sie nahm rasch einen festeren Stand an.
      Die Ablenkung schien Cara momentan gut zu tun und ihrVerhalten wirkte so, als müsse sie auf andere Gedanken kommen, um nicht wiederin ihre betrübte Starre zu verfallen. Also schob Heather ihre Bedenken, ihreFreundin zu sehr zu beanspruchen, bei Seite und überflog zum gefühlthundertsten Mal die E-Mail.
      »Also die Wächter passen auf irgendein Tor auf?«, zitierteHeather skeptisch. »Ihre Familienstammbäume entstammten wo?«
      »Im Alten Ägypten. Nein, vermutlich sind ihre Wurzeln weitausälter, vor allem die der Hauptfamilien.«
      »Deine Eltern schreiben, dass sie einen der Stränge bis indie heutige Zeit nachverfolgen konnten«, stellte Heather erstaunt fest. »Alsogibt es diese Wächter tatsächlich?«, sie fischte ihre Kette unter ihremPullover hervor und stupste den weißen Stein an. »Und sie alle sollen dieseSteine bei sich tragen? Was für Kräfte sollen sie denn bitteschön beinhalten?«
      »Das kann dir wohl nur diese Familie erklären«, erwiderteCara nachdenklich. »Ich bin nur überrascht, dass meine Eltern so viel in nureinem Tempel herausfinden konnten. Selbst wenn Bastet mit den Wächtern inKontakt stand, so viele Informationen in einer Wandtafel allein?«
      »Ist das Ungewöhnlich?«
      »Nicht unbedingt, aber es bereitet mir Kopfschmerzen.«
      »Hm ... Diese Wächterfamilie könnte uns bestimmt mehr zudiesen seltsamen Steinchen sagen. Okay, ich werde mich mal mit denen inVerbindung setzten, vielleicht würden sie uns sogar weiterhelfen.«
      »Wäre es nicht logisch, wenn du selbst zu den Wächterngehörst? Immerhin war einer der Wächtersteine seit Generationen im Besitzdeiner Familie.«
      »Ach Unsinn«, blockte sie ab. »Meine Eltern wussten ja nichtsdarüber, sonst hätten sie mir davon erzählt.«
      Während Cara ihren Eltern antwortete und sich für dieAuskunft bedankte, steckte Heather den Bernstein in ihre Hosentasche und warfsich ihre Winterjacke über.
      »Außerdem«, setzte Heather vorsichtig an. »Außerdem hat derBernstein mich quasi gerufen, als wir in der Ausgrabungsstätte in Ägyptenwaren. Denkst du nicht, dass meine Eltern mich davor gewarnt hätten, wenn siedas Wissen über diese Steine gehabt hätten? Sie müssten sich schließlich in derNähe des Perlmutts ähnlich gefühlt haben.«
      »Das Stimmt«, entgegnete Cara abwesend und ließ ihre Fingerweiter auf die Tasten tippen. »Dann ist diese Familie Cordes unsere einzigeMöglichkeit, Klarheit in die ganze Angelegenheit zu bringen und eventuellwissen sie auch etwas über die Träume.«
      »Du meinst deine Träume? Hat es immer noch nicht aufgehört?«
      »Nein«, Cara lehnte sich in dem Stuhl zurück. »Es wird eher schlimmer,habe ich das Gefühl.«
      »Siehst du immer noch diese ägyptische Frau?«, betroffennickte Cara und spielte mit ihren Fingern. Heather berührte ihre Schulter. »Machdir keinen Kopf. Darüber finden wir bestimmt auch was heraus. Dann ist esbeschlossen. Ich rufe bei den Cordes an und frage sie aus.«
      »Das wird nicht funktionieren«, stoppte Cara sie nüchtern. »Beiden Nachforschungen meiner Eltern sind sie lediglich auf eine alte Adressegestoßen und das auch nur zufällig durch einen entfernten Verwandten, derbereits vor Jahren verstorben ist. Diese Familie besitzt keinenFestnetzanschluss, hat nicht einmal einen Wohnort beantragt.«
      »Egal, dann muss ich da eben hinfahren.«
      »Wohin? Ich habe doch gesagt, dass sie keinen Wohnort-.«
      »Ja, aber eine alte Adresse haben wir. Das ist schon mal einAnfang«, Heather nahm ihr Handy in die Hand und Fotografierte die E-Mail ab. »Irgendwomüssen wir schließlich beginnen. Du kannst in meinem Zimmer bleiben, wenn dumagst und ich werde mir mal eine Mitfahrgelegenheit organisieren.«
      Cara öffnete den Mund zum Protest, doch sie schien zu merken,dass Heather nicht mehr aufzuhalten war. Diese Wächtersteine und dieFamiliengeschichten, die sich dahinter verbargen, betrafen die blonde Studentindirekt. Falls sie Glück hatte, würde sie auch ein paar Anhaltspunkte zu dieserTraumgestalt finden, doch sie musste sich darauf konzentrieren, eine Sache nachder andern abzuarbeiten.
      Auf dem Weg zur Tür wählte sie bereits die Nummer einesTaxiunternehmens, da hielt Cara sie am Arm fest und schaute sie schüchtern an.
      »Ich krieg das schon hin«, beteuerte Heather. »Komm erst malauf die Beine und kurier dich aus, damit sich deine Wunde nicht wieder öffnet.Ich rufe dich an, sobald ich Neuigkeiten habe.«
      Die Hand der Stipendiatin löste sich von ihrem Arm undHeather schloss die Tür hinter sich. Ein flaues Gefühl machte sich in ihremMagen breit. Würde Cara allein zurechtkommen? Sie wollte soeben wieder insZimmer, da meldete sich am anderen Ende der Leitung eine männliche Stimme. DasTaxi war schnell bestellt, da der Service des Unternehmens die Freyer Akademiekannte und ihr Wagen würde in wenigen Minuten vorfahren.
      Heather schluckte trocken. Ihrer Freundin ging es schlecht,das war nicht zu übersehen, allerdings wollte sie ihr bisher nichts darüberverraten. Also war es in Ordnung, wenn sie sie für ein paar Stunden alleinließ, oder?
      Auf dem Gelände des Campus herrschte Totenstille. Kein Wunderbei der Kälte und dem erneuten Schneeregen, der die Landschaft in eine glitschigeFläche verwandelte. Heather prüfte bedacht die Pflastersteine, um nichtauszurutschen und setzte erst danach einen Fuß vor den anderen.
      Das mächtige Tor lag noch in der Ferne und sie hoffte sehr,dass der Wagen bis vor den Eingang des Empfangssaales fahren würde. Fröstelndschlag sie die Arme um ihren Körper und trippelte auf der Stelle, um sich warmzu halten.
      »Wo wollen wir denn hin?«, erkundigte sich Milanvorwurfsvoll. Er kam aus dem Haupteingang und stellte sich zu Heather unter dieÜberdachung. »Willst du jetzt verschwinden?«
      »Nein«, wehte sie ab. »Ich mache lediglich einen Ausflug.«
      »Ja, das ist wahrscheinlich auch besser.«
      »Bitte was?«, sie drehte sich rasch zu ihm um. »Wieso?Möchtest du mich etwa loswerden, jetzt wo ich von dem Institut weiß?«
      »Ach Quatsch«, er versuchte ihre Hand zu greifen, doch sie war schneller und entzog sich ihm. »Immerhin weißt du noch nicht genug, um dem Institut schaden zu können, selbst wenn du es wolltest. Da mache ich mir keine Sorgen.«

      Im Tor leuchteten die Scheinwerfer des Autos, das sie abholen sollte. Eilig warf sie sich die Kapuze über den Kopf und stürmte dem schwarzen Wagen entgegen. Der Fahrer stoppte vor ihr und öffnete die Tür, sodass sie halbwegs trocken in die Sitze plumpste. Dann gab sie ihm die Adresse und beobachtete, wie Milan zurück in die Eingangshalle schlich.