Wortklaubereien [Kurzgeschichten]

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    • Wortklaubereien [Kurzgeschichten]

      Da ich eigentlich fast nur Kurzgeschichten schreibe (wobei ich hoffe, durch das Forum vielleicht mal was größeres zu schaffen), lohnt es sich nicht, für jede Geschichte ein eigenes Thema aufzumachen - deswegen hier gebündelt.



      Wenn ich du wäre

      Ich lehne mich entspannt zurück und verschränke die Arme vor meiner Brust. Während du in einem gemütlichen Bett liegst und unter deinen vielen Decken wahrscheinlich schon schwitzt, muss ich mich mit einem harten Stuhl zufrieden geben. Aber das ist okay, schließlich bin ich nicht zimperlich.

      "Weißt du, was ich echt nervig finde? Das Gefühl, sich nur mit mir selbst zu unterhalten, weil du dir zu fein zum Antworten bist."

      Natürlich antwortest du nicht. Selbst wenn du könntest, würdest du es nicht tun, weil du es lustig finden würdest.

      Du hast immer Sachen gemacht, bei denen ich so getan habe, als würde ich sie ermüdend und langweilig finden. Dabei war ich neidisch darauf, dass nicht ich diese Sachen gemacht habe, dass nicht ich auf die Idee gekommen bin. Aber es ist sowieso nicht gerecht, uns zu vergleichen - immerhin hast du so vieles einfacher als ich. Ich frage mich oft, wieso du es nicht noch mehr genutzt hast.

      Wenn ich du wäre, würde ich jetzt nicht in diesem Bett liegen. Ich wäre in Afrika, um auf Elefanten zu reiten. Ich würde mir das höchste Gebäude der Welt aussuchen und einen Bungee Sprung machen. Ich wäre überall, nur nicht hier.

      Aber ich bin nicht du. Ich bin ich, und die meiste Zeit hat mich das sehr gestört. Aber jetzt ist es einfach, mit meinem eigenen Leben zufrieden zu sein. Jetzt, wo du stirbst.

      Wenn ich du wäre, hätte ich meine letzten Wochen anders verbracht. Ich wäre in irgendein Flugzeug gestiegen und hätte mich davon überraschen lassen, wo ich ankomme. Ich hätte den schlimmsten Vollrausch meines Lebens, den schlimmsten Kater am Morgen danach. Ich würde mir alles kaufen, was ich schon immer haben wollte, und dafür würde ich nach Paris fahren. Ich würde morgens ein frisches Crossaint essen und danach vom Eifelturm runterspucken. Das wollte ich schon immer mal machen.

      Aber ich bin nicht du. Und bald werde ich dich nicht einmal mehr haben, um versuchen zu können, so zu sein wie du von Geburt an warst.

      Du hast deine Zeit nicht genutzt. Was du alles hättest erleben können. Dann wäre es auch nicht mehr ganz so schlimm gewesen, dass du so jung stirbst. Aber du hast nicht auf mich gehört. Immer, wenn ich dir gesagt habe, was ich an deiner Stelle alles machen würde, war deine Antwort: "Aber du bist nicht ich. Du bist du und ich bin ich. Und das ist gut so".

      Also hast du dir in deinem kurzen Leben nie den Wunsch erfüllen können, Europa zu verlassen. Du wirst dich nie im Dschungel verirren, wie du es dir so gerne ausgemalt hast. Du wirst keine Elefanten reiten, keinen Bungee Sprung machen und nie ohne Ziel in ein Flugzeug steigen. Du wirst niemals vom Eifelturm spucken.

      Ich musste dir versprechen, mir nie Vorwürfe zu machen, weil ich der Grund bin, dass du deine kleinen und großen Wünsche nicht erfüllt hast. Nichtmal jetzt, kurz vorm Sterben. Ich werde es versuchen. Und ich weiß, dass ich daran scheitern werde. Denn ich bin nicht du. Ich bin nur ich.


      Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.

      Dieser Beitrag wurde bereits 12 mal editiert, zuletzt von Phi ()

    • Selbst mit der denkbar unpassenden Musik, die grade im Hintergrund läuft, hast du problemlos eine enorm Dichte, klare, bedrückende Atmosphäre aufgebaut o.o ich bin beeindruckt!

      zu bemängeln folgendes Detail:
      "Weißt du, was ich echt nervend finde?
      -> nervig

      Aber ansonsten ... ernsthaft, die Fragen haben sich immer höher gehäuft. Wer stirbt? Und warum?! Wie wo was? Ich weiss nicht mal, welches Geschlecht die beiden Personen haben, aber das macht nichts. Es braucht nicht mehr. Dies sind Gedanken eines Freundes, der etwas nicht versteht.

      Und es ist wunderbar :) Beehr uns bald wieder!

      "You know what the big problem is in telling fantasy and reality apart? They're both ridiculous."

      - Twelve
    • Ich kan Klim nur zustimmen!
      Sehr stimmungsvoll geschrieben, und mir gefällt die Tatsache, dass du es am Ende nicht "auflöst", sondern die Fragen offen lässt.
      Bin schon auf deine anderen Geschichten gespannt...
      Ewigkeit

      Stell dir eine Stahlkugel vor, die so gross ist wie die Erde. Und eine Fliege, die sich einmal in einer Million Jahren darauf niederlässt. Wenn die Stahlkugel durch die damit verbundene Reibung aufgelöst ist, dann … ja dann … hat die Ewigkeit noch nicht einmal begonnen!

      – David Lodge, 1993
    • Mir gefällt seine kleine Geschichte ebenfalls sehr gut. Die Stimmung ist sehr schön und auch der Lesefluss. Alles wirkt so erdrückend und zum Schluss will man wissen, wer da spricht und mit wem - wer stirbt. Aber ich finde es sehr schön, dass du das zum Ende hin nicht auflöst. So kann sich jeder seinen eigenen Teil denken.
      Ich freue mich schon, noch mehr solcher kleinen Wunderwerke zu lesen. ^^

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Danke für die lieben Kommentare. Das mit dem "nervig - nervend" habe ich gleich ausgebessert - da geht manchmal wohl doch der Dialekt mit mir durch ;)
      Die folgende Geschichte ist zwar nicht wie die oben etwas neues, sondern ist schon ein paar Jahre alt, aber ihr kennt sie ja noch nicht :D

      Regen

      Sie sitzt am Fenster und wartet auf das Gewitter. Es wurde für diesen Tag angekündigt, sie hat sich schon die ganze Woche darauf gefreut. Sie liebt Gewitter, es beruhigt sie und regt sie zum Nachdenken an. Dahinten, nicht mehr weit entfernt, kann man am Himmel die ersten dunklen Wolken erkennen. Leichter Wind lässt die Blätter der Bäume schaukeln und sie öffnet das Fenster, um die kühle Luft an ihren Wangen zu spüren. Sie kann den kommenden Regen schon fast schmecken, sie spürt ihn beinahe auf ihrer trockenen Haut. Da hört sie schon das Donnergrollen, dumpf und leise, aber sie weiß, dass das Gewitter in ihre Richtung zieht und bald direkt über ihrem Kopf hängen wird. Sie schaut in den Himmel und freut sich.

      Er flucht leise vor sich hin, ausgerechnet jetzt muss es regnen. Das ist mal wieder typisch sein Glück, wo er doch mitten im Park ist und keinen Schirm dabei hat. Eigentlich wollte er sich gemütlich unter einen Baum setzen und sein neues Buch lesen, aber jetzt regnet es. Wurde das nicht sogar im Wetterbericht angesagt? Sogar ein richtiges Gewitter mit Donner, Blitz und allem drum und dran? Seufzend beschleunigt er seine Schritte und spürt schlecht gelaunt einzelne Tropfen auf seinen nackten Armen. Er hat wegen den warmen Temperaturen absichtlich keine Jacke mitgenommen, aber jetzt ist es plötzlich kühl geworden, ein leichter Wind lässt ihm eine Gänsehaut über die Arme laufen. Er hofft wenigstens ein bisschen trocken zu Hause anzukommen, er hasst den Regen.

      Ich gleite geräuschlos vorbei und beobachte. Etwas anderes mache ich nie, nur beobachten. Die Menschen, Tiere, Pflanzen, alles. Wenn ich genug gesehen und meine Schlüsse daraus gezogen habe, versuche ich mein Wissen an die Erde weiterzugeben. Ich entleere meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse in Form von Regen und hoffe, dass irgendjemand froh über mein Geschenk ist. Manche freuen sich über die Wassertropfen, die ich hinabschicke, aber noch hat niemand das aufgenommen, was ich ihnen mitgebe. Ich werde nie aufgeben, dazu ist mein Wissen zu wertvoll, mit jedem Regen nieselt es mit hinab und irgendwann wird derjenige, für den es bestimmt ist, es auffangen und mir dankbar sein. Und das, obwohl ich auch nur aus meinen Beobachtungen, die unbenutzt wieder zu mir zurückkehren, bestehe.

      Sie lehnt sich weiter heraus und streckt ihre Finger in die kühle Luft, um mehr vom Regen spüren zu können. Jeden Tag, jede Stunde wartet sie am Fenster in der Hoffnung, diese geheimnisvollen Wassertropfen wieder sehen zu können. Sie spürt deutlich, dass in den durchsichtigen Perlen mehr zu finden ist als nur die natürliche Nässe. Jeder einzelne Tropfen ist kostbar, einzigartig und will etwas bestimmtes sagen. Sie weiß es einfach, schon seit sie ganz klein war wusste sie es. Und ganz tief in ihrem Herzen weiß sie auch, dass sie das Geheimnis bald lüften wird. Sie muss nur weiter warten, beobachten und glauben. Und dann, eines Tages, wird sie es spüren, die Bedeutung des Regens. Sie muss nur warten und den Wolken vertrauen.

      Er wartet genervt, dass die Ampel endlich auf grün umschaltet. Nass ist er nun zwar so oder so, aber das ist in diesem Moment egal. Hauptsache raus aus diesem schrecklichen Regen, der außer zum Pflanzen bewässern zu nichts gut ist. Warum hat er auch nicht einmal auf den Wetterbericht gehört, wie sonst auch immer. Das hat er jetzt davon, er steht durchnässt in einem furchtbaren Sommergewitter. Blitze, Donner, Grollen. Wie er das hasst. An solchen Tagen würde er am liebsten das Haus nicht verlassen. Mit jedem Tropfen wird seine Laune schlechter, bis er schließlich vollkommen entnervt bei rot losläuft. Dass genau in dem Moment ein heller, blauer Blitz den Himmel erleuchtet, in dem das Auto ihn erfasst, das bemerkt er schon nicht mehr.

      Ich bemerke eine Veränderung. Jemand nimmt sich mir an, in diesem Augenblick. Es ist ein Mädchen, fast noch ein Kind. Aber sie will verstehen und versteht. Sie beobachtet und zieht Schlüsse. Sie ist wie ich. Aber sie ist ein kleiner Mensch, der noch viel lernen muss. Und ich bin ab sofort ihr Lehrer, ich muss weiter meine Arbeit tun, für sie, für dieses Mädchen. Es gibt vieles, was sie verstehen muss und auch wird, ich muss es nur richtig machen. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken, alles wird so kommen, wie es kommen soll, daran kann ich nichts ändern. Zuerst muss sie verstehen, was das Leben ist, für mich, für sie, für ihn. Alles andere kommt danach, jetzt ist nur das wichtig.

      Sie bemerkt eine Veränderung. Dieser eine besondere Tropfen, als er ihre Haut berührte, er hat ihr etwas übermittelt. Sie schließt die Augen und hört in sich hinein, sie bewegt sich nicht, sie atmet nicht, sie hört nur. Sie hört die wundervollen Stimmen des Regens, des Wassers, der Wolken, der Natur. Sie erzählen ihr ihre Erlebnisse, Gedanken, Wahrnehmungen. Sie zeigen ihr das, was sie seit etlichen Jahren gesehen und gehört haben. Sie versteht nicht alles, aber sie weiß, dass jede Einzelheit von Bedeutung ist und grade etwas besonderes mit ihr passiert. Plötzlich hört alles auf, sie hört und fühlt es nicht mehr. Sie öffnet die Augen und sieht, dass dieser bestimmte Regentropfen an ihrem Arm hinunterläuft und schließlich zu Boden fällt. Sie fühlt Traurigkeit.

      Er liegt im strömenden Regen auf der Straße und bewegt sich nicht mehr. Menschen haben sich um ihn herum versammelt, der Autofahrer steht unter Schock und wird vom Notarzt versorgt. Aber für den Mann kommt jede Hilfe zu spät, er ist tot. Seine Seele gleitet aus seinem Körper hinaus, sie schwebt gegen die Regentropfen hoch zu den Wolken. Er hasst den Regen, aber das ist für ihn nun nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur, sich zu den Wolken setzen zu können und dort zu beobachten. Er will mit der Wolke verschmelzen, mit dieser Wolke, die so viel weiß und so beruhigend aussieht. Die Wolke lässt ihn gewähren, auch wenn er den Regen hasst. Denn sie weiß, dass das nun keine Bedeutung mehr hat.

      Ich schwebe weiter, ich kann nicht zu lange an einem Ort bleiben. Das Mädchen muss warten, bis ich wiederkomme, wie sie schon ihr ganzes Leben auf mich gewartet hat. Und ich werde weiter beobachten, für sie, für dieses Mädchen. Wenn ich dann wiederkomme, wird sie mich erwarten und sich freuen. Dann kann ich ihr mehr beibringen, um schließlich wieder für einige Zeit zu verschwinden. Solange, bis sie weiß, was Leben ist und bedeutet. Denn außer mir wissen das leider nur die Seelen der Toten. Deswegen schicke ich die Seelen, die zu mir kommen, in Form von Wasserperlen auf die Erde. Wenn das Mädchen alles begreift, dann ist meine Arbeit vollendet und ich werde nicht wieder kommen. Dann nimmt das Mädchen meinen Platz ein.

      Im Grunde sind wir alle nur Regentropfen, die willkürlich und ungesteuert auf der Welt verteilt sind. Wenn man genau hinsehen würde, könnte man eine Wasserperle in jedem Menschen erkennen. Leider haben die Menschen verlernt zu beobachten. So werden die Wolken wohl immer die einzigen sein, die wissen, was Leben wirklich bedeutet. Und wenn wir die Gelegenheit haben, sie zu fragen, dann ist es nicht mehr wichtig. Dann ist unser Leben vorbei, ohne dass wir jemals wirklich gewusst haben, was es ist. Es scheint, als sei dieses Wissen nur für die Wolken bestimmt, die geräuschlos und sanft über unsere Köpfe hinweggleiten und beobachten. Hört man genau hin, hört man sie rufen. Sie rufen nach dem Mädchen, das alles versteht. Aber sie finden es nicht.


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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Phi ()

    • Hallo,

      Feedback zu der 1. Geschichte: Wow. Hat mich echt gepackt. Finde die Geschichte sehr gut. Das ist eine von denen, die einen erstmal nicht loslassen. Hast du echt gut gemacht. Entweder du bist sehr sicher im Schreiben, oder ich war so vom Inhalt angetan, dass ich einfach keine Fehler gefunden habe. Abgesehen ...


      Phi schrieb:

      Du hast immer Sachen gemacht, von denen ich so getan habe, als würde ich sie ermüdend und langweilig finden.
      Der Satz passt irgendwie nicht. "Sachen, von denen" das passt nicht zusammen, oder?

      Juchu, doch noch etwas gefunden. :D

      Liebe Grüße
      Jan
      Manchmal flüstert der Wind eine Legende,
      bevor die Geschichte sie zu schreiben vermag.

      Hört das Flüstern:

      Der Orden der Geweihten


    • Danke für dein Feedback! Ich muss dich aber leider enttäuschen, "Sachen, von denen" ist richtig - ich hab extra nochmal im Wörterbuch nachgeguckt, weil ich jetzt verunsichert war :D

      EDIT @Geweihter Aaaaaah jetzt verstehe ich, was du meinst! Und du hast völlig Recht. Danke für den Hinweis und die Erklärung :)


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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Phi ()

    • Also für mich klingt das trotzdem falsch. Wenn du geschrieben hättest. "Sachen, von denen ich gedacht habe ..." okay,
      ich glaube meine Aussage war falsch, es ging mir eig nicht um diesen Teil sondern mit dem "von denen ich so getan habe". Es kann ja richtig sein, aber es klingt trotzdem iwie falsch. Ich hätte gesagt: "Sachen, bei denen ich so getan habe". Ich kann es nur mit Grammatikregeln erklären :D
      Vom Prinzip ist es auch nicht so wild. Ich bin nach Hamburg gezogen und verstehe hier auch einige Begriffe nacht, auch einige Formulierungen. Vllt habe ich es nur noch nie gehört/gelesen und es stimmt eigentlich.

      Liebe Grüße
      Jan
      Manchmal flüstert der Wind eine Legende,
      bevor die Geschichte sie zu schreiben vermag.

      Hört das Flüstern:

      Der Orden der Geweihten


    • Jeih noch eine Kurzgeschichtenschreiberin!!! <3
      Ich freu nich hihi.
      Hab deine erste Geschichte gelesen und die zweite (erstmal!) Nur überflogen, aber vom Stil von der Idee ähneln beide sich soweit ich das sehen kann und sind einfach so ganz anders als meine :thumbsup:
      Deswegen war es besonders schön deine zu lesen!
      Du schreibst wirklich gut und erzeugst Bilder im Kopf, selbst oben in der ersten Geschichte obwohl du nicht mit Beschreibungen um dich wirfst.
      Ich bin gespannt was du noch so auf Lager hast und ob alle eher schwermütig sind ^^
      Dreck auf Toast!
    • Wow. Ich hab jetzt deine zweite Geschichte gelesen und finde sie sogar noch besser als die erste.
      Es war zwar ein wenig ungewohnt, dass die Geschichte im Perfekt geschrieben ist, aber das macht sie eigentlich noch besser.
      Auch dass du in drei verschieden Personen schreibst, gibt der dem Ganzen einen ganz eigenen Charakter.
      Ich hab nichts daran auszusetzen! :thumbsup: :thumbsup:

      Lg Lyn
      Ewigkeit

      Stell dir eine Stahlkugel vor, die so gross ist wie die Erde. Und eine Fliege, die sich einmal in einer Million Jahren darauf niederlässt. Wenn die Stahlkugel durch die damit verbundene Reibung aufgelöst ist, dann … ja dann … hat die Ewigkeit noch nicht einmal begonnen!

      – David Lodge, 1993
    • @Miri Ich glaube, meine Kurzgeschichten ähneln sich von der Grundstimmung her alle irgendwie :D

      Freut mich, dass euch die Geschichten gefallen!

      Vergessene Braut

      Alleine steht sie vor dem Altar. Alle anderen haben schon aufgegeben, sind gegangen. Niemand war bereit, bis in die Nacht zu warten. Nur sie. Auf ihrer Hochzeit ohne Bräutigam.
      Zweifel hat sie nicht. Er wird noch kommen. Er ist Stunden zu spät, aber er wird noch kommen. Sie weiß es, er liebt sie. Und sie liebt ihn. Über alles. Niemals würde er ihr das antun.
      Dass es keine Gäste mehr gibt, stört sie nicht. Auch dass der Pfarrer weg musste, ist in ihren Augen kein Problem.
      Man braucht nur einander.
      Sie wartet.
      Es wird kalt, aber es ist ihr egal.
      Er lässt sie nicht alleine. Er wird kommen. Sie ist sich sicher.
      Sie wartet.
      So sehr sie sich auch bemüht die Kälte und die Schmerzen in den Beinen vom langen Stehen zu ignorieren, müde wird sie trotzdem. Es ist spät in der Nacht.

      Stunden später wacht sie auf. Sie ist auf dem Boden eingeschlafen.
      Ein Kuss hat sie geweckt.
      Sie öffnet ihre Augen nicht.
      „Ich will“, flüstert er.
      Sie lächelt.


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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Phi ()

    • Das ist ja echt mal ne Kurzgeschichte!
      Aber sehr schön wie es dir in den paar Zeilen gelingt die Einsamkeit aber auch das eiserne Vertrauen der Braut darzustellen! :thumbsup:
      Und nein, diese hier fällt aus dem Rahmen ;)
      Sie ist voll Zuversicht und Hoffnung und obwohl es kalt und dunkel ist hatte ich immer nur Licht und Wärme als Gefühl.
      Bis zum Ende war ich fest überzeugt dass du dieses Licht ausknipsen wirst, hast du aber nicht und großes Danke dafür!

      LG Miri
      Dreck auf Toast!
    • Wenn ich du wäre ist ein wundervoller Text, harmonisch im Stil ausgearbeitet. Sprachlich etwas klagend und doch tiefsinnig angehaucht. Es wirkt als spräche ihn jemand zu einem anderen. Ziemlich dramatisch ^^ :)
      Ein Text der einen für Sekunden die Augen öffnet, um den Weg wieder klar zu sehen.
      Man kann laufen so weit man will, man sieht überall nur seinen eigenen Horizont.
      #M.E.
    • @Miri Bitte dafür, dass ich das Licht angelassen habe... ^^

      Danke auch für die anderen Kommentare, das freut mich :)

      Künstlertod


      Nachdenklich blickt er auf seine Hände. Was kommt als nächstes?
      Er zieht eine Augenbraue hoch. Dann die andere. Lässt beide wieder fallen.
      Blau!
      Er nimmt den Stift und malt eine schöne geschwungene Linie. Perfekt! Zufrieden nickt er.
      Er leckt sich über die Lippen. Drückt die Zunge in die linke Wange. Dann in die andere.
      Gelb?
      Er schnalzt mit der Zunge.
      Eine weitere blaue Linie findet Platz in dem Kunstwerk.
      Seine Stirn legt sich in Falten. Er wackelt mit den Ohren.
      Er macht die Augen zu und greift blind nach dem roten Stift. Warum nicht?
      Das Gemalte wird immer vollkommener.
      Kopf auf die linke Schulter. Dann auf die rechte. Er lehnt sich zurück.
      Ein schwarzer Kreis wird hinzugefügt. Erfreut beendet er sein Bild mit einem letzten, vollkommenen Strich.
      Er betrachtet es. Nickt anerkennend. Das ist eindeutig eines seiner besten Bilder.
      Lächelnd dreht er sich um und springt von dem Dach.


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    • Spoiler anzeigen
      Ich bin doch gerne gemein :D Freut mich, dass es euch gefällt... solche Ideen bekomme ich einfach während dem Schreiben, geplant ist das vorher nicht.


      Hier habe ich versucht, ein Lied in eine Geschichte zu packen: ASP - Schneefall in der Hölle


      Schneefall

      Es schneit.
      Ich habe es nicht bemerkt, aber auf einmal sind die dunklen Wolken da und obwohl die Nacht schon undurchdringlich ist, kann ich sie am Himmel erkennen.
      Ich blinzle in die Schwärze. Mit Mühe und nur, weil ich weiß, dass es da ist, erkenne ich mein Haus. Es ist trotz seiner zwei Stockwerke sehr klein. Außerdem hat es nur ein Strohdach. Ich liebe es.
      Meine Augen schließen sich, weil ich weiß, dass ich nicht mehr erkennen könnte, selbst wenn es heller Tag wäre - hier gibt es nichts außer mich und mein Haus.
      Ich kenne den Sinn meines Lebens. In mir drin zieht mich etwas in eine Richtung, der ich folgen muss. Ich weiß nicht, was mich am Ende erwartet - deswegen gebe ich dem Ziehen nicht nach.
      Ich bin alleine auf der Welt.

      Die Erinnerung ist von einem Schleier verhüllt, der mich hindert, alle Details zu sehen. Ich weiß nur noch, dass du auf einmal vor mir standest. Du hast nichts gesagt, kein einziges Wort. Du standest da und sahst mich an. Du hast ein Schweigen zwischen uns gebracht, das uns von allen Seiten umschloss, als würden wir schon immer zusammen gehören. Ich dachte nicht, dass so etwas jemals passieren könnte - dass es mir passieren könnte.
      Ich weiß nichts von dir, weil wir unsere Vergangenheit damals in der Dunkelheit zurückgelassen haben. Und trotzdem kenne ich jedes deiner Geheimnisse, so wie du jeden Teil meiner Seele zeichnen kannst, obwohl ich sie sonst so verzweifelt behütet habe.

      Wir sind zu zweit alleine, weil es außer uns niemanden gibt. Ich habe es nie geplant, meine vertraute Einsamkeit gegen etwas einzutauschen, für das ich nicht bereit bin. Du hast mir keine Wahl gelassen. Ich hätte mich auch nicht anders entschieden.
      Durch dich kann ich dem Ziehen meines Inneren nachgeben. Du nimmst meine Hand und gehst mit mir mit, auch wenn deine Reise dich woanders hingeführt hätte. Vielleicht gehst du auch in eine andere Richtung mit meinem Ziel vor Augen. Deine Augen, in denen ich meine Seele widergespiegelt erkennen kann.
      Wir gehen den Weg entlang, der uns vom Schicksal gemalt wurde. Du nimmst meine Hand.
      Es schneit.


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    • ASP!!! :love: *notiert sich: Phi 5 Punkte plus* :P

      Wieder sehr schön geschrieben! Sehr viel Atmosphäre :)
      Am Anfang in ersten Absatz bin ich zwischen Behaglichkeit und Unbehagen hin und her gerissen gewesen :D
      Auch der 2 Absatz in dem du eine Vollkommenheit beschreibst, die gerne jeder erleben würde, ist dir unglaublich gut gelungen ^^

      Phi schrieb:

      Meine Augen schließen sich
      Durch diesen Satz im ersten Absatz ist das Bild vor meinem inneren Auge in schwarz getaucht. Da stehen 2 Personen im schwarzen Nichts und betrachten sich. Das passt ganz gut, dass sie ja von Schweigen eingehüllt werden :)
      Allerdings löst sich dieses schwarz für den dritten Absatz nicht auf. Dort ist die rede von einem Weg, einem Ziel, aber ich konnte nichts "sehen". Weißt du was ich meine? Die Schwärze und die beiden waren immer noch da, aber sie starrten sich nur weiter an ...

      Dennoch ein sehr schöner Teil deiner Wortklaubereien :D
      Man weiß auf jeden Fall was gemeint sein soll und was du vermitteln willst :thumbsup:
      Dreck auf Toast!