Schreibwettbewerb Oktober/November 2015 - Voting & Siegerehrung

Es gibt 17 Antworten in diesem Thema, welches 4.315 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Gaya.

  • Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 14

    1. Freiheit (2) 14%
    2. Nachtschwärmer (9) 64%
    3. Hendrick (1) 7%
    4. Der stille Fluch (2) 14%

    Hallöchen zusammen,


    es ist wieder soweit und es geht weiter mit dem Schreibwettbewerb! Diesmal kann sich Harry Potter schon mal warm anziehen, denn es dreht sich alles um Magie! Gleich vier Kurzgeschichten sind auf magische Weise in meinem Postfach gelandet und wir dürfen gespannt sein, wer eurer Meinung nach die besten Zaubersprüche drauf hat! ;)


    Und somit geht der Schreibwettbewerb Oktober/November 2015 ins entscheidende Uservoting.


    Folgendes Thema wurde von unserem letzten Gewinner Tom Stark vorgegeben:


    Magierbann, Hexenfluch oder Schamanengesang


    Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)


    ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!


    Das Voting dauert bis 30. November 2015 um 23:59:59 Uhr.


    Viel Spass beim Lesen und Voten! :)


    Euer Fantasy-Geschichten Forum

  • Freiheit
    von Gaya


    „Israfila, du dummes Ding. Komm sofort her!“
    Meine Herrin rief wieder nach mir.
    „Nun mach schon. Komm her! Ich hätte dich schon längst vom Turm werfen sollen. Leider bist du dafür viel zu wertvoll. Und nun runter mit diesem Lumpen. Ich brauche eine deiner Federn.“
    Sie riss mir den Umhang von den Schultern. Ich senkte den Kopf und ließ die Hexe eine meiner weißen Federn ausreißen. Ich spürte nichts. Seit die Hexe mich gefangen und verflucht hatte, waren meine Flügel nur noch lebloser Ballast auf meinem Rücken. Dabei würde ich sie so gerne ausbreiten und einfach davon fliegen. Den Wind im Gesicht spüren. Mir die Haut von der Sonne wärmen lassen. Nichts wünschte ich mir mehr.
    „Träum nicht. Hol mir eine Schuppe von der Nixe.“ Soviel zu meinem Tagtraum. Als ich mich nicht sofort bewegte, trat sie nach mir, bevor sie sich erneut dem großen Kessel über der Feuerstelle zuwandte. Schnell machte ich mich zu dem großen Wasserglas auf, in dem Nessandra, die kleine Ozeannixe, ihr Dasein fristete. Genau wie ich war sie eine Gefangene der Hexe. Gefangen, nur um ausgebeutet zu werden.
    Nessandra sah gelangweilt aus während ich näher trat.
    „Was möchte sie dieses Mal? Haare, Schuppen, oder doch lieber ein bisschen Kiemenschleim?“
    „Schuppen.“
    Ich wartete geduldig bis Nessandra sich ein paar Schuppen von ihrer Schwanzflosse gezupft hatte. Ich bedankte mich und ging zurück zur Hexe.
    „Was dauert da so lange? Es kann doch nicht so schwer sein, einem dämlichen Fisch ein Paar Schuppen abzunehmen.“
    „Verzeiht, Herrin.“
    Die Hexe riss mir die Schuppen aus der Hand, zeterte weiter über unfähiges Personal und warf weitere Zutaten in den Kessel. Als Rauch aus dem Kessel stieg und die Fertigstellung des Trankes signalisierte verbesserte sich die Laune der Hexe schlagartig. Freudig füllte sie den Trank in ein Fläschchen ab und drehte sich damit in der Hand zu mir um.
    „Bald wirst du dich um ein weiteres Stück in meiner Sammlung kümmern dürfen, meine liebe Israfila. Der Prinz, der schöne Jüngling, wird nämlich bald Mein sein.“
    Sie lächelte diabolisch.
    „Aber Herrin, das könnt ihr nicht machen. Er ist ein Sterblicher.“
    Ich war entsetzt.
    „Das weiß ich selber, du dummer Vogel. Deswegen werde ich ihn auch in eine Traumblase einschließen. Er wird dadurch ewig Leben. Und ich werde mich ewig an ihm erfreuen können.“
    Wenn sie den Prinzen wirklich in eine Traumblase sperrte, würde er verrückt werden. Schmerzen leidend und niemals froh werden. Tränen traten mir in die Augen und rollten als kleine silberne Perlen über meine Wange. Die Hexe lachte gackernd auf, kramte einen kleinen Beutel hervor und sammelte all die kleinen Kostbarkeiten zu meinen Füßen ein. Jetzt hatte sie nicht nur eine Feder, sondern auch meine Tränen bekommen. Ich wurde noch trauriger. Schniefend drehte ich mich um und verließ langsam das Zimmer.
    „Vergiss nicht die Feen zu füttern!“ Sie wand sich um und widmete sich weiter ihren Zaubern.


    Tage später war es so weit. Die Hexe hatte es mit Zaubern geschafft, dass der gute Prinz zum Turm kam, um sich mit der „schönen Maid“ den Gesang ihres seltenen Singvogels anzuhören. Dass die Maid gar nicht schön, sondern nur die alte hässliche Hexe war und der Singvogel kein Vogel sonder ein armer gefangener Engel wusste der gute Prinz nicht. Die Zauber der Hexe umnebelten seinen Verstand. Die Hexe zwang mich in eines der bunten Kleider, welches den Schein eines schönen Vogels noch verstärken sollte und bereitete alles für unseren Gast vor. Traurig schaute ich zu Nessandras Wasserglas hinüber. Ruhig lag sie auf dem Grund des Glases und schien ebenso traurig zu sein. Einige Jahrzehnte lebten wir nun schon in Gefangenschaft bei der Hexe und hatten jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Und bald würde der Prinz sich uns anschließen. Der arme Prinz. Dieses Schicksal hatte er wirklich nicht verdient.
    „Komm, mein Schöner. Hier entlang.“, säuselte die Hexe. Sie kam mit dem Prinzen, der ganz glasige Augen hatte, in den Raum.
    „Welch wunderschöne Räumlichkeiten ihr habt, meine Schöne.“, sprach er lächelnd und küsste die schrumpelige Hand der Hexe.
    „Oh, ihr habt nicht nur einen seltenen Singvogel, sondern auch einen dieser wunderschönen exotischen Fische.“, rief er erstaunt aus und bestaunte Nessandra in ihrem Glas. Sie hob darauf den Kopf und schaute ihn mit ihren klaren ozeanblauen Augen an.
    „Ja, mein Liebster. Ich habe viele seltene Tiere. Ihr werdet schon sehen.“, sagte die Hexe hinter ihm mit einen listigen Lächeln auf den Lippen.
    „Nun setzt euch und hört euch mit mir den Gesang meines geliebten Vögelchens an. Israfila, sing!“, befahl die Hexe sofort. Ich richtete mich auf, wodurch helles Sonnenlicht auf das farbenfrohe Kleid fiel und ich erstrahlte.
    „Das ist gar kein Vogel. Das ist doch...“, sagte der Prinz verwirrt und runzelte die Stirn.
    „Doch, mein Schöner. Ein Vogel.“, unterbrach die Hexe ihn hastig und ließ ihre Finger über seine Wange streichen. Kleine Funken leuchteten auf, wo sie ihn berührte. Die kraus gezogene Stirn des Prinzen glättete sich und er nickte ihr zu.
    „Natürlich ist das ein Vogel. Wie dumm von mir. Verzeih, meine Liebste.“, murmelte er und schaute die Hexe verliebt an.
    Diese wedelte mit ihrer Hand in meine Richtung und murmelte. „Sing oder du landest im Kochtopf.“
    Ich tat wie befohlen und sang. Sang jedes Lied welches ich im Laufe meines langen Lebens gelernt hatte. Ich sang bis mir die Stimme zu versagen drohte und sah, wie die Hexe den armen Prinzen immer tiefer in ihren Bann zog.
    Die Sonne senkte sich am Himmel und ich hörte auf zu singen und ließ traurig den Kopf hängen. Es hatte doch alles keinen Sinn. Der Prinz würde bald so umnebelt sein, dass es für die Hexe ein Leichtes sein würde ihn in die Traumblase zu sperren. Es war schrecklich. Keinem Sterblichen durfte so etwas widerfahren. Wir Engel sollten sie doch schützen und nicht zuschauen, wie sie zu ewiger Verdammnis verflucht wurden.
    „Warum hast du aufgehört zu singen?“, polterte die Hexe.
    Ich zuckte erschrocken zusammen und schaute zu ihr hinüber. Ich musste etwas tun. Ich durfte nicht zulassen, dass der Prinz so enden würde. Ich reckte den Kopf in die Höhe, straffte die Schultern und fasste einen Entschluss.


    Nessandra schien meine Wandlung bemerkt zu haben, denn sie schwamm aufgeregt an der Oberfläche in die Nähe des Prinzen. Mit einer flinken Handbewegung öffnete ich den Feenkäfig neben mir, worauf die kleinen kichernden Wesen, hinaus strömten und sich sogleich auf die Hexe stürzten. Nessandra nutzte die Ablenkung, griff sich den Prinzen und zog ihn unter Wasser in Sicherheit, denn sie ahnte, was ich vorhatte. Ihre Lippen legten sich auf seine und versorgten ihn mit Luft.
    Ich atmete tief durch und erhob meine klare Stimme zu einem Lied, welches ich bis zu diesem Zeitpunkt niemals zu singen gewagt hatte. Es war das Lied des Todes, welches ein Engel niemals leichtfertig singen durfte. Bei den ersten Tönen stoben die Feen so schnell sie konnten auf den Flur hinaus. Jeder der das Lied hörte musste sterben und das wussten sie genau. Die Hexe dagegen bekam nichts mit. Die Feen hatten ganze Arbeit geleistete und ihren Kleider so sehr verknotet, dass sie sich wütend und tobend daraus zu befreien versuchte. Sie schäumte vor Wut. Als sie realisierte, was ich tat, sprang sie wütend auf und trampelte auf mich zu. Doch kurz bevor sie mich erreichte gaben ihre Beine nach und sie sackte in sich zusammen. Röchelnd und mit aufgerissenen Augen sah sie zu mir hinauf, während das Leben aus ihrem Körper wich.
    Ich hörte auf zu singen, ließ den Kopf sinken und bat um Vergebung dafür, dass ich gerade ein Leben genommen hatte. Da hörte ich es plätschern und poltern. Ich blickte auf und sah den Prinz durchnässt und hustend auf dem Boden liegen.
    Nessandra lehnte am Rand ihres Wasserglases und verzog angewidert das Gesicht.
    „Wenn du das nächste Mal auf so eine Idee kommst, dann sag mir bitte früher Bescheid. Dann kann ich dem Prinzen noch ein Pfefferminz unter jubeln. Sein Mundgeruch ist echt schlimm und er schmeckt nach Zwiebeln. Und da heißt es immer wir Nixen hätten schlimmen Mundgeruch. Wer das gesagt hat, der hat diesen Prinzen hier noch nicht geküsst. Bäh.“, beschwerte sie sich und gab übertriebene Würgelaute von sich.
    Der Prinz rappelte sich währenddessen vom Boden auf, schaute kurz auf die tote Hexe vor mir und stolperte dann ohne ein einziges Wort hinaus.
    „Ein Dankeschön, ist doch wohl nicht zu viel verlangt!“, rief Nessandra ihm noch hinterher, während er erkannte, dass der Ausgang mit dem Tod der Hexe verschwunden war. In seiner konfusen Panik sprang er mit einem riesigen Satz durchs Fenster.
    „...Soviel dazu. Ich rette so schnell keinen Prinzen mehr.“
    Ich nickte zustimmend und schaute erneut zur Tür. Die Feen kehrten zurück, bedankten sich mit einem Kuss auf meine Wange und flogen fröhlich hinaus. Ich schaute ihnen nach bis das bunte Leuchten ihrer kleinen Körper vollständig hinter den Bäumen verschwunden war.
    „Wie es scheint bleiben wir als Einzige übrig.“, murmelte Nessandra hinter mir und plätscherte mit ihrer Schwanzflosse im Wasser. Ich drehte mich zu ihr um und schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. Wie gerne hätte ich meiner Freundin die Freiheit geschenkt.
    „Was meinst du, wie lange werden wir der Hexe beim Verfall zuschauen dürfen, bevor wir ihr folgen?“, fragte sie und zog Kreise in ihrem Wasserglas.
    Ich schwieg und eine Zeit lang sagte keine von uns etwas.


    „Magst du mir ein Lied singen?“
    „Gerne. Welches Lied willst du denn hören?“
    „Das Lied der Hoffnung. Ich habe es so lange nicht mehr gehört.“
    „Ich weiß nicht.“
    „Oh bitte, sieh es als letzten Wunsch. Ihr Engel erfüllt Sterbenden doch ihre letzten Wünsche, wenn sie euch darum bitten.“
    „Schon. Aber du stirbst nicht. Jedenfalls nicht in den nächsten Stunden.“
    „Aber ist es so schlimm, wenn du mir meinen Wunsch jetzt schon erfüllst?“
    „In Ordnung. Ich erfülle dir deinen letzten Wunsch und singe dir das Lied der Hoffnung.“


    Ich räusperte mich und begann leise das Lied zu singen. Nessandra stieg kurz darauf mit ihrer wunderschönen Nixenstimme ein, wodurch wir ein schönes und seltenes Duett sangen. Frieden kehrte in mein Herz. Meine Haut begann zu prickeln. Erschrocken schaute ich auf und sah, dass das ganze Zimmer voller leuchtendem Nebelschwaden war. Ein Zauber! Wir hatten einen Zauber hervorgerufen und dieser heilte meine nutzlosen Flügel. Das erste Mal seit Jahrzehnten spürte ich sie wieder. Tränen der Freude rannen mir über die Wangen und fielen zu Boden .
    Als der Nebel sich lichtete, konnte ich es noch immer nicht glauben.
    „Nessandra, wo würdest du gerne hin, wenn du könntest?“
    „Für den Ozean bin ich zu schwach. Deswegen würde ich viel lieber zu dieser großen Insel, von der die Hexe immer gesprochen hatte.“
    „Du meinst die Insel auf der dieser Zauberer lebt, den sie so hasste?“
    „Ja, die meine ich. Wenn ich hier weg könnte, würde ich gern dort hin. In einen See oder Fluss. Das wäre schön.“
    „Ich glaube diesen Wunsch kann ich dir erfüllen.“, sagte ich freudestrahlend und breitete die Flügel aus. Nessandra schaute mich ungläubig an und begann vor Freude mit Wasser um sich zu spritzen. „Komm lass uns von hier verschwinden.“ Ich hob sie auf, trat ans Fenster, stieß mich ab und wir flogen der aufgehenden Sonne entgegen.

  • Hendrick
    von Phi


    Hendrick blinzelte verschlafen in die helle Sonne, die genau im richtigen Winkel stand, um ihn zu blenden. Er hatte nicht sehr gut geschlafen und hatte keine große Lust auf den heutigen Tag. Oder irgendeinen anderen.
    Er schüttelte sich, um die letzte Müdigkeit los zu werden und schaute sich um. Zu seiner grenzenlosen Überraschung, sah er genau dasselbe wie gestern und vorgestern und vorvorgestern…
    Hendrick hatte nämlich ein – er weigerte sich standhaft, es ein Problem zu nennen – Problemchen. Er war ein Baum.
    Sicher, wenn man aus einem kleinen Samenkorn zu einem stattlichen Baum heranwächst und stolz über die jüngeren Bäume herausragt, mag das alles toll sein.
    Hendrick allerdings war einst ein junger Mann gewesen, der die falsche Frau beleidigt hatte. Es stellte sich zu seinem Unmut heraus, dass die >>fette Wachtel<< eine waschechte Hexe gewesen war. Der einzige Gedanke, der ihn täglich aufmunterte, war der, dass die fette Wachtel mittlerweile gestorben sein müsste. Hendrick stand nämlich seit gut 50 Jahren an diesem Ort, der zu seinem großen Bedauern der Schulhof einer Zauberschule war.
    Er hatte schon früher keine Kinder leiden können und erst recht keine, die mit ungeübten Fingern und einem gefährlichen Zauberstab in der Luft direkt vor seiner Nase rumfuchtelten. Zum Ausgleich machte er sich oft einen Spaß daraus, jemanden mit seinen Wurzeln ein Bein zu stellen oder mit einem dünnen, langen Ast gegen den Hintern zu schnalzen. Sehr viel mehr Freude hatte er schließlich nicht mehr in seinem Leben.
    Hendrick schaute nochmal zum Himmel hoch und stellte verbittert fest, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die ersten Schüler kamen. Zum Glück hatte er bereits während seinem Menschenleben gelernt, die Zeit am Stand der Sonne abzulesen, so konnte er sich innerlich gegen die Ausgeburt der Höllen, manchmal auch Kinder genannt, wappnen.
    Als die Schulglocke ertönte, kam es Hendrick vor, als müsste er sich auf seine Hinrichtung vorbereiten. Man konnte nie wissen, was ein fehlgeleiteter Zauber alles anstellen konnte, wenn ein gut ausgeführter ihn in einen Baum verwandelt hatte.
    Die ersten zwei Stunden gingen ohne Zwischenfälle vorbei. Er konnte sich wie immer köstlich über den Trottel der Klasse amüsieren, den er liebevoll Motoriknull genannt hatte. Kein Zauber traf das Ziel und selbst wenn, hätte er bestimmt nicht den gewünschten Effekt gehabt. Hendrick lachte in sich hinein, was für Außenstehende wahrscheinlich nur wie ein Windhauch in den Ästen aussah.
    Wie immer verlor der Baum nach der Mittagspause das Interesse am Unterricht. Alle waren satt gegessen und träge, kaum einer scherzte noch oder vollbrachte Kunststücke mit dem Zauberstab. Hendrick richtete seine Augen auf einen Vogel, der über seiner Krone flog und beneidete ihn dafür, dass er sich bewegen konnte, dass er fliegen konnte, dass er leben konnte.
    Er war so in seine wehmütigen Gedanken vertieft, dass er nur am Rande mitbekam, wie die Professorin wütend aufschrie. Wie in Zeitlupe wandte Hendrick seinen Blick in Richtung der Aufregung und sah einen blau-grünen Zauberstrahl auf sich zukommen. Obwohl alles viel zu schnell ging, hatte er trotzdem noch genug Zeit, um ein verächtliches >>Natürlich die Motoriknull<< zu denken.
    Er sah sein Leben an sich vorbeiziehen, sowohl als Mensch als auch seine letzten Jahre als Baum. Ein kleiner Teil seines Gehirns versuchte sich gleichzeitig zu erinnern, welchen Zauber die Schüler heute lernen sollten. Es fiel ihm nicht ein.
    Auf einmal schien alles in doppelter Geschwindigkeit abzulaufen, obwohl es ihm bis vor einer Sekunde noch quälend langsam vorkam.
    Hendrick hielt den Atem an.
    Dann traf ihn der Strahl.

  • Der stille Fluch
    von Kyelia


    Leise murmelte Siera vor sich hin und wiederholte die fremdsprachigen Worte wieder und wieder. Aus ihrem Gemurmel wurde ein Lied – klangvoll und schön. Doch vermochte es niemand zu hören. Niemand, außer der Person, der es galt. Nur sie würde es hören und darauf reagieren. Sie würde ihr gehorchen.
    Die Worte verließen ihren Mund über ihre feinen, geschwungenen Lippen. Ihre Stimme wurde gewaltiger. Die kleinen Fläschchen in den Regalen begannen zu klimpern, schlugen aneinander, fielen und zerbrachen auf dem Boden. Bunte Mixturen verteilten sich. Doch das war ihr egal. Für sie zählte nur das Lied. Das Lied ihrer Rache.


    Eine Melodie umschwirrte Emmas Geist, zog ihn in ihren Bann. Es war eine schöne Musik – fröhlich und lebensfroh. Es blieb ihr keine andere Wahl, als sich ihr hinzugeben. Ihr Kopf wippte im Rhythmus, ihre Füße trommelten ihn auf dem Boden mit. Bevor sie es merkte, bewegte sich ihr ganzer Körper zum Lied. Sie tanzte, tanzte über den glatten Parkettboden ihrer Wohnung. Dabei wirbelte sie mit den Armen, drehte sich und summte die Melodie. Es war ein überwältigendes Gefühl, beinahe als würde sie auf weichen Wolken schweben. Nicht einen Gedanken verschwendete sie daran, woher das Lied kam. Dafür war ihr Verstand zu benebelt.


    Siera steigerte ihren Gesang und ihre Stimme schien sich mehrstimmig zu überschlagen. Sie wurde lauter, ließ die Wände wackeln und die Erde beben. Niemand würde es mitbekommen. Niemand würde merken, dass das Hochhaus schwankte. Dass es sich im Wind bewegte, als sei es aus Gummi. Geblendet durch das Lied, das keiner bewusst wahrnahm, außer diese eine Person.
    Sie ließ ihre Gefühle heraus. Wut, Hass, Ärger, Trauer, Verzweiflung, Verbitterung. Nur ihre negativen Gefühle flossen in ihr Lied, durchströmten es und ließen es immer mächtiger anschwellen. Doch es schien, als hätten ihre Gefühle keinen Einfluss auf die Melodie. Es klang fröhlich. Ebenso wie der Text.


    Emmas Unterbewusstsein nahm den Mann verschwommen wahr, der auf sie zukam. Sie tänzelte ihm entgegen, streckte die Hand aus, zog ihn in eine Drehung. Er ließ es über sich ergehen, nahm jede Bewegung mit, die sie ausführte. Gemeinsam schwebten sie durch den Raum. Sie lachte, freute sich, ließ das Lied ihren Geist weiter durchströmen, während er nicht wusste, zu welcher Musik sie tanzten.
    Die Melodie wurde rhythmischer und ihre Bewegungen schneller. Über ihren Verstand legte sich eine dicke, neblige Schicht. Nichts bekam sie mehr mit. Nur noch das Lied war in ihrem Geist.


    Nun wurde ihr Gesang aggressiver. Siera schloss die Augen. In der Schwärze tanzte das Paar vor ihren Augen. Wie betäubt führte die Frau ihren Mann durch die Wohnung. Ihre Füße schwebten über das Parkett und die flüssigen Bewegungen geleiteten den Mann von einer Drehung in die nächste. Sie spürte die wohlige Atmosphäre, die von dem Paar ausging. Das Bild machte sie krank. Schmerzhaft zuckte ihr Herz. Sie war es, die ihn verdient hatte, nicht die Frau. Sie musste es beenden.
    Ihre Stimme überschlug sich, leitete die Frau. Noch schneller und noch häufiger drehte sich das Paar, bis die Frau nach einem Gegenstand auf dem Tisch griff.


    Emma schwebte noch immer durch den Raum, als Stimmen an sie heranrollten. Unsinnig klangen sie und von weit her – erkennen konnte sie diese nicht. Der melodische Singsang dominierte ihren Geist – beherrschte ihn. Wohlig schloss er ihre Gedanken ein und beeinflusste ihren Verstand. Sie tanzte noch immer, führte ihre Füße leicht über den Boden, als würde sie ihn nicht berühren. Noch eine Drehung, ein Ausfallschritt, ein Knicks. Erst dann hockte sie sich zu dem Mann, der auf dem Boden lag. Bewegungslos lag er da, tanzte nicht mehr.
    Sein Körper war in eine Decke aus saftigen Rot geschlungen. Mitten in der Bewegung hatte er von ihr abgelassen und war in sich zusammengesunken.


    Er stürmte das Zimmer. Im Rücken hatte er seine Männer. Die Nachbarn hatten ihn gerufen, da sie den Krach aus der Wohnung mit dem jungen Ehepaar nicht mehr aushielten.
    Er erblickte die Frau, die sich durch den Raum drehte. Ihre langen Haare schwangen sachte in den Bewegungen mit. Wie verzaubert schien sie, als würde sie nichts mitbekommen. Fröhlich summte sie eine Melodie. Musik hörte er jedoch keine.
    Er trat auf sie zu, redete auf sie ein, doch eine Reaktion erhielt er nicht. Sie hockte sich auf den Boden. Zögerlich streckte er seinen Arm aus und berührte sie an der Schulter. Erst da bemerkte er auch den Mann. Reglos lag er auf dem Parkett. Er wich erschrocken zurück.


    Sie fuhr zusammen. Sanft wurde sie aus ihrer Trance gerissen. Die Melodie verschwand aus ihrem Verstand, gab ihren Geist frei. Plötzlich herrschte Leere in ihr. Sie war allein.
    Benommen sah sie auf den Mann vor sich. Bewegungslos lag er in einer purpurnen Pfütze. Dick rann die Flüssigkeit durch die Ritzen des Holzbodens.
    Ihre Augen wurden glasig. Tränen traten heraus, überschwemmten ihr Gesicht. Lautlos liefen sie über ihre Wangen. Sie versuchte, sich zu erinnern. Da war das Lied. Das Lied, das sie zum Tanzen gezwungen hatte. Doch was geschehen war, wusste sie nicht. Verschwommen glitt ihr Blick zu ihrer Hand. Ein Messer ruhte in ihnen und rot tropfte die Flüssigkeit von der Klinge, verschmolz mit dem Parkett.


    Siera schloss das große Buch vor sich. Zufrieden sah sie sich in ihrer kleinen Wohnung um. Es war unordentlich, aber das störte sie nicht. Auch das Haus hatte aufgehört zu schwankten, alles lag still. Sie lächelte. Ihre Rache war vollendet. Wenn sie ihn nicht haben konnte, dann niemand. Es war richtig so. Niemand würde sie jemals verdächtigen. Schließlich hatte keiner etwas mitbekommen. Sie war in Sicherheit. Diese Frau nicht. Sie würde man für das Verbrechen verantwortlich machen. Doch nicht Siera. Keiner konnte sie damit ihm in eine Verbindung bringen. Sie könnte ihr Leben weiter leben und sie würde es mit ihm zusammen verbringen. Jeden Tag würde sie ihn besuchen, ihm Blumen bringen, mit ihm reden. Auch, wenn er ihr nicht antwortete.


    Sie beteuerte ihre Unschuld. Immer wieder klärte sie, dass sie sich an nichts erinnern könne, dass sie nur dieses eine Lied in ihrem Kopf gehört hatte. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Es war einfach dagewesen, als wollte es sie beeinflussen. Doch niemand wollte Emma glauben. Sie sagten, sie sei unzurechnungsfähig - irre. Die Polizei, das Gericht, jeder sagte es. Dabei wusste sie, dass es nicht so war. Sie war nicht wahnsinnig. Niemals hätte sie ihrem Mann etwas angetan. Sie liebte ihn über alles. Und sie glaubte daran, dass es ihm nie anders ergangen war. Glücklich waren sie gewesen – immer. Doch es half ihr nichts mehr. Sie saß hier, allein, in einem Raum, betreut von Psychologen. Verflucht von einer Hexe.

  • Hallo Leute, wie schon in der Shoutbox erwähnt, hab ich leider etwas mit dem Datum vertauscht und den Thread gestern zu früh gestartet. Ist mir in meiner Laufbahn als Wettbewerbsveranstalter noch nie passiert, aber ich bin halt auch nur ein Mensch (glaub ich zumindest). ;)


    @Kisa und @Gaya Ihr müsst leider eure Stimme nochmals abgeben, da noch eine zusätzliche Kurzgeschichte dazu gekommen ist.


    Ich entschuldige mich für den Fehler und hoffe, die Sache trotz allem irgendwie gerettet zu haben.


    Viel Spass beim Lesen und Voten!

  • Hallo zusammen!


    Der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb Oktober/November 2015 ist gestern abgelaufen!


    14 Leute haben abgestimmt und auch dieses Mal können wir stolz einen Gewinner/eine Gewinnerin präsentieren!


    Hier die Auflösung:


    ...Gewonnen hat mit 9 von insgesamt 14 Stimmen...


    *trommelwirbel* :mamba2:



    Herzlichen Glückwunsch zum 2. Titel! Du kannst nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben und wurdest in die Rangliste eingetragen. Ausserdem bekommst du für zwei Monate 5 goldene Sterne und einen eigenen Benutzertitel.


    Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleißig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unser aktuelle Gewinner hoffentlich schon bald vorgeben wird. 8)


    Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.


    Das war der Schreibwettbewerb Oktober/November 2015. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)


    Euer Fantasy-Geschichten-Forum

    • Offizieller Beitrag

    Herzlichen Glückwunsch Polarfuchs. Ein wirklich sehr verdienter Sieg :thumbsup:



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Herzlichen Glückwunsch, Polarfuchs! Ich hoffe, du suchst ein schönes neues Thema aus :)


    Ich persönlich habe ja für @Kyelia gestimmt, weil ich die Idee hinter der Geschichte spannend und ein bisschen gruslig fand und sie mich sehr mitgerissen hat. Du bist also mein Sieger des Herzens! :D


    Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.

  • Auch von mir ganz herzlichen Glückwunsch, @Polarfuchs :thumbsup:
    Aber auch ein Lob an die anderen Geschichten-Schreiber


    :super:

    Ewigkeit

    Stell dir eine Stahlkugel vor, die so gross ist wie die Erde. Und eine Fliege, die sich einmal in einer Million Jahren darauf niederlässt. Wenn die Stahlkugel durch die damit verbundene Reibung aufgelöst ist, dann … ja dann … hat die Ewigkeit noch nicht einmal begonnen!


    – David Lodge, 1993