Schreibwettbewerb Dezember/Januar 2015/2016 - Voting & Siegerehrung

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    • Schreibwettbewerb Dezember/Januar 2015/2016 - Voting & Siegerehrung

      Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 13
      1.  
        Auf der Spur des Mörders (4) 31%
      2.  
        Jagdschwadron (1) 8%
      3.  
        Verhängnisvolle Spuren (2) 15%
      4.  
        Die Krieger des Flussbachtals (3) 23%
      5.  
        Der Letzte seiner Art (3) 23%
      Hallo zusammen,

      ich hoffe, ihr seid alle gut ins Jahr 2016 gerutscht und habt Lust darauf, ein paar tolle Kurzgeschichten passend zur Jahreszeit zu lesen. Zwar hat sich der Schnee bis jetzt ziemlich rar gemacht, umso besser dass unser Thema etwas mit dem weißen Nass zu tun hat! ;)

      Und somit geht der Schreibwettbewerb Dezember/Januar 2015/2016 ins entscheidende Uservoting.

      Folgendes Thema wurde von unserer letzten Gewinnerin Polarfuchs vorgegeben:

      Spuren im Schnee

      Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)

      ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!

      Das Voting dauert bis 31. Januar 2016 um 23:59:59 Uhr.

      Viel Spass beim Lesen und Voten! :)

      Euer Fantasy-Geschichten Forum
    • Auf der Spur des Mörders
      von Tom Stark


      Der Morgen graute und das Ende der Fährte war fast erreicht.
      Dort vorn im Schnee lagerte das Monster, das Ungeheuer, der Mörder ihrer Kinder und der Hoffnung des Flachwasser-Clans.
      Akeelas Augen bekamen einen verräterischen Schimmer, als sie an ihre Kinder dachte.
      Verstohlen blickte sie sich um. Sie war die Anführerin, alt und grau zwar, aber immer noch stark und vor allem erfahren. Dennoch durfte sie vor ihrem Clan nicht schwach wirken, gerade jetzt nicht. Da schob sich ihr Gefährte Bru neben sie und verdeckte mit seinem Körper, wie aus Zufall, den Blick der Anderen auf seine Frau. Sie suchte dankbar seinen Blick.
      Bru war kleiner als sie, schwächer. Alle aus dem Clan waren das. Dabei wäre Akeela selbst im Clan ihrer Geburt bestenfalls Mittelmaß gewesen.
      Wenngleich er auf andere Art eine Stärke und Souveräninität ausstrahlte, die ihr fehlte, und er über Jahre hinweg immer der beste Jäger gewesen und es immer noch war, hatte er nie ihre Führungsrolle in Frage gestellt. Und der Clan respektierte Bru, liebte seine Art sogar. Akeela, das war ihr stets bewusst, war wegen ihrer Stärke zwar unangefochten, aber es war Brus bedingungsloses Vertrauen in sie, was den Clan über ihre deutlich gröberen Züge und auch über die bisweilen herausbrechende ungezügelte Wildheit hinwegsehen ließ.
      Sie lehnte ihre muskulöse Schulter an seine sehnige. Ein kurzer Kontakt nur, aber er zeigte an, dass sie beide gemeinsam trauerten und auch gemeinsam Rache nehmen würden.

      Vor vielen Wintern war Akeela auf den Flachwasserclan getroffen.
      Sie beanspruchten das Revier der Ebene des flachen Flusses, der zu manchen Jahreszeiten eher die Bezeichnung Bach verdient hätte. Es gehörten ein kleines Wäldchen fast mitten in der Ebene und der Streifen des großen Dunkelwaldes an der nördlichen Flanke, genauso wie die angrenzende Wüste dazu. Doch niemand ging in die Wüste und kehrte wieder, und normalerweise kam auch niemand von dort.
      Akeelas Clan lebte tief im Dunkelwald auf dem Berg, der dort wie ein Kegel herausragte.
      Kämpfe um die Führung des Clans hatten ihre Familie beinahe ausgelöscht. Da war sie geflohen und halb verhungert und fast verdurstet vom Clan ihres Mannes aufgefunden worden.
      Als sie Bru zum ersten Mal gesehen hatte, wie er seine Jagdtruppe umsichtig aber dominant geführt hatte, war ihr Herz sofort entbrannt. Auch der elegante Bru hatte an der großen, kräftigen Akeela sofort Gefallen gefunden.
      Ooran, der alte Führer des Clans hatte schließlich seinen Platz geräumt und war in die Einsamkeit der Wüste zum Sterben gezogen. Da hatte der Clan ohne zu zögern die stolze Kriegerin und den beliebten Bru als neue Führer gewählt. Natürlich konnte es immer nur einen Anführer geben, doch Bru hatte niemals Akeelas Anspruch in Frage gestellt und sie war immer weise genug gewesen auf den klugen Ratschluss ihres Gefährten zu hören.
      Dann waren die trockenen Jahre gefolgt und mit ihnen der Sandclan aus der Wüste. Noch hatte die Ebenen genug Wild um ihren eigenen Clan durchzubringen. Durch den klugen Rat ihres Gefährten hatten sie lieber gehungert, als das Wild zu überjagen. Doch einen weiteren Clan konnte die Flachwasserebene nicht verkraften.
      Der Kampf war ebenso unvermeidlich wie die Verluste, welche der Clan sich nicht leisten konnte. Schließlich hatte Akeelas Kampfeswut und ihre überlegene Stärke den Unterschied gemacht und den Sandclan in den Dunkelwald getrieben. Wenn nicht die Gefahren des Waldes ihnen den Rest gegeben hatten, dann sicher Akeelas Geburtsclan, der mit Fremden, zumal solch offensichtlich schwächlichen, keine Gnade kennen würde.
      Doch mit Sheera, war auch eine der zwei anderen jungen Frauen des Clans umgekommen. Kooma, die verbliebene jüngere Frau, war nicht gebährfähig. Warum wusste niemand und an Versuchen und Verehrern mangelte es nicht. Aber die Götter der Ebene hatten sie wohl unfruchtbar gemacht.
      Auch bei Akeela und Bru dauerte es und beinahe wären sie verzweifelt. Doch dann, in dem einen Jahr, in dem der Fluss endlich zurückgekommen war, war es soweit gewesen.
      Vier prächtige Kinder hatten das Lager des Clans im Wäldchen mit neuem Leben erfüllt.
      Tay und Meele waren nach ihrem Vater geschlagen. Elegant, geschmeidig und schlau. Naanu war das Ebenbild ihrer Mutter und schon von klein auf konnte man sehen, dass sie eine prächtige Kriegerin abgeben und mit ihrer Wildheit alle Feinde übertreffen würde.
      Rand jedoch, war etwas ganz Besonderes. Größer als eine Geschwister, war er dennoch von sanftem Gemüt, auch wenn er sich nicht alles gefallen ließ.
      Der ganze Clan war sich einig gewesen, dass eine goldene Generation heranwuchs, mit Rand als ihrem geborenen Anführer.
      Doch dann war dieser Fremde aus der Wüste gekommen, mit diesem Ding, womit er Beute weiter schlagen konnte, als selbst der flinke Bru in fünf weiten Sprüngen überbrücken konnte.
      Man hatte sich gegenseitig gemustert und beobachtet. Akeela, selbst weit mehr eine Kriegerin als Jägerin, erkannte in den Augen des Fremden Ihresgleichen. Zudem hatte ihr alter Clan, oder vielmehr die Vettern der nördlichen Gebirge, schon oft mit der Art des Fremden gemeinsam Seite an Seite gekämpft. Es war jedoch nie eine gleichwertige Partnerschaft gewesen und Akeelas Familie verachtete die Fremden, da die sich überlegen wähnten, obwohl sie selbst von einem mageren Krieger des Clans ohne Weiteres besiegt werden konnten. Außerdem kämpften die Fremden oft genug für Versprechungen und Träume. Der Dunkelwald-Clan kämpfte lieber für Beute, die man auch sehen konnte.
      Zunächst hielt der Fremde sich vom Flachwasser-Clan fern und nutzte nur den Randbereich des Reviers zur eigenen Jagd. Meist jagte er im Wald und dort hatte er auch sein dauerhaftes Lager aufgeschlagen.
      Immer wieder ging Akeela dort vorbei, meist alleine, manchmal auch als Führerin eines Trupps, in erster Linie um Stärke zu zeigen, aber auch um den Fremden im Auge zu behalten. Wenn er wie die anderen seiner Art war, verdiente er kein Vertrauen, denn ihm wären grundlegende Ehrbegriffe einfach fremd.
      Mit der Rückkehr des Wasser kam endlich auch das Wild zurück und so es gab keinen Grund den neuen Nachbarn zu vertreiben, solange er dort blieb, wo er nun war. Und der unheimliche Geselle schien das genauso zu sehen.
      Bis zu diesem Winter.
      Er war ungewöhnlich kalt und so viel Schnee, wie in diesem Jahr, hatte die Ebene nach Wissen des Clans nie gesehen.
      Doch selbst jetzt war das Wild reichlich und der Clan sparte Kraft, indem er sein Lager kaum verließ. Als es vor wenigen Tagen galt, ein besonders lohnendes Wild zu jagen, war jedoch beinahe der ganze Clan aufgebrochen. Sie hatten dabei reichlich Beute gemacht, genug um den harten Winter ganz sicher zu überstehen.
      Als der Clan in seinem Lager zurück war, hatten sie es zunächst leer vorgefunden. Zuerst hatte man gedacht, dass Kooma, welche Akeelas Kinder so liebte, als seien es ihre eigenen, den kleinen Plagegeistern nachgegeben hätte und mit ihnen zu einer Schneewanderung aufgebrochen wäre. Besonders für die wilde Naanu war die erzwungene Untätigkeit schwer zu ertragen und sie konnte ihrem Kindermädchen das Leben zur Hölle machen, wenn sie nicht wenigstens eine Weile aus der Lagerhaft herauskam.
      Doch dann hatte Bru Koomas Fährte gefunden und schließlich sie selbst. Sie atmete noch, war aber schwer verwundet. Es gab kein Zweifel an ihrer Tapferkeit und wie mutig sie gekämpft hatte, aber auch an ihrer Weisheit, dass sie sich mit letzter Kraft versteckt hatte, um dem Clan mitzuteilen zu können, was geschehen war.
      Akeelas Freundin war gestorben, während sie berichtete, dass der Fremde gekommen war und sich sofort auf die Kinder gestürzt hatte. Kooma hatte versucht ihn abzuwehren, doch war sie ihm nicht gewachsen gewesen. Als es ihr dennoch gelang ihn zu verwunden, hatte dieser sie so schwer getroffen, dass etwas in ihr drin zerrissen war, etwas was auch nie wieder heilen würde.
      Der tapfere Rand hatte sich am längsten gewehrt und war dem Fremden schließlich entkommen. Kooma hatte noch gesehen, wie der Fremde die Leichen der anderen Kinder aufgenommen hatte und sich auf Rands Fährte gesetzt hatte.
      Der schlaue Bursche hatte seine Flucht weg vom Dunkelwald in Richtung Wüste gewählt. So ermöglichte er es dem Clan die Spuren leicht zu verfolgen und der Fremde musste stets ohne Deckung lagern. Aber es war zu ersehen, dass der junge Rand dem erfahrenen Fremden nicht lange entkommen würde.
      Zwei Tage waren Akeela, Bru und die drei stärksten Kämpfer des Clans der Fährte gefolgt. Die Restlichen hatten protestiert, aber der kluge Bru hatte die anderen überzeugt, dass die Beute gesichert und verstaut werden musste.
      Sie lehnte ihren Kopf gegen seinen, eine ihrer vertraulichsten Gesten vor den Augen der Übrigen.
      Zweimal hatte der Fremde in der Nacht entkommen können, doch selbst wenn der Schnee nicht gewesen wäre, hätte er schon über Wasser gehen müssen, um Brus unfehlbarem Jägerinstinkt zu entkommen.
      Ob Rand noch lebte, oder er bei den Leichen ihrer anderen Kinder lag, deren Körper man undeutlich im Schnee neben dem Lager des Fremden erkennen konnte, wusste keiner. Viel Hoffnung hatten sie aber nicht. Ein letztes Mal blickten sie sich in die Augen. Es war möglich, sogar wahrscheinlich, dass einer oder beide heute sterben würden. Doch selbst wenn nicht das Feuer der Rache in Akeela gewütet hätte, hätte das Rudel gar keine Wahl gehabt. Der Fremde hatte angegriffen, ohne Herausforderung und unprovoziert. Kein Jäger tat das mit einem anderen und niemand konnte so eine mordende Bestie, so ein Monster leben lassen und sich jemals wieder sicher fühlen.

      Als alle in Stellung waren, erhob sich Akeela zur vollen Größe. Ihr lautes Heulen gab das Zeichen zum Angriff und ließ die Glieder dieses verfluchten Zweibeiners vor Schreck steif werden. Das war schon immer die Wirkung des Kriegsgeheuls ihrer Art auf seine gewesen. Vielleicht würde das sogar verhindern, dass er seine mächtige Waffe rechtzeitig bereitmachen konnte.
      Die anderen antworteten und die Ebene antwortete ebenfalls aus ihrer endlosen Weite.
      Das Wolfsrudel des Flachwassers, angeführt von der Worgin aus dem Dunkelwald, griff an.
    • Jagdschwadron
      von Schreibfeder

      Es war eine eisig kalte Nacht. Der Atem des alten Michael Brock, stieg in Dampfwolken in den frostigen Nachthimmel. Ein frischer Wund strich durch den spärlichen Bewuchs und ließ ihn frösteln. Doch ans aufgeben dachte er ebenso wenig, wie die anderen acht Männer und Frauen des kaiserlichen Jagdschwadron. Er schulterte sein Sturmgewehr und marschierte stramm weiter durch die eisige Einöde. Sie folgten beharrlich den Spuren eines Werwolfes, die sich klar im Schnee abzeichneten. Die Fährte war deutlich als solche zu erkennen, da sie größer als eine Wolfsfährte war und sich an der Ferse tief in den Schnee drückte. Nicht so wie bei Wölfen, die ihre Pfoten stets abrundeten beim auftreten. Diese Bestien hatten Kraft und zeigten das auch deutlich.
      Der alte Michael war ein Jäger. Sein dunkler Bart war schon graumeliert und seine Augen nicht mehr die Besten, aber seine Gestalt war noch immer kräftig und er hatte schon sein halbes Leben diesen Scheusalen nachgestellt. Darum hatte ihn auch der Trupp Soldaten, unter Kommando des Leutnants Rick Veitmeier angeheuert, und er war in ihrer Einheit eingetreten. Es war Jagdsaison und sie waren kurz davor, den letzten Unterschlupf der Bestien auszurotten, den es in der östlichen Nordmark gab.
      Die schwarzhaarige Martina, die etliche Schritte neben ihm ging, machte einen kurzen Wink und die Soldaten gingen sofort in Deckung. Die Geräusche von gezückten und angelegten Waffen, übertönte nur kurz das Geheul des Windes, bis eine geradezu beängstigende Stille eintrat.
      Die Soldaten spähten mit allen Sinnen in die Dunkelheit, jedoch ohne Unruhe oder gar Panik, wie es bei Zivilsten allzu häufig der Fall war. Werwölfe waren Raubtiere, reine Mordbestien. Die wurden geradezu wild, wenn sie den Geruch von Angst in die Nase bekamen.
      Der Leutnant eilte zu Michael hin und ließ sich neben ihm in den Schnee fallen. Rick trug dieselbe helle, blaugraue Uniform, wie alle anderen Soldaten des Trosses inklusive Michael. Allerdings mummte sich jeder von ihnen in verschiedenen bunten Schals, Handschuhen, oder gar gefütterte Unterwäsche ein. Es war kalt, die kaiserliche Armee war arm und die Soldaten ohnehin nicht an geschniegeltes Auftreten interessiert. Sie waren Jäger und das sah man auf den ersten Blick.
      Rick drückte seinen gelben Schal weg und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: „Ist es sicher? Was meinst du?“
      Michael schob seinen Nerzkragen beiseite, ließ zuerst seinen Blick über den Tross Soldaten schweifen und sah sich dann die Büsche und verkrüppelten Bäume an. Sie waren mit ihren hellen Uniformen im Schnee nur schwer auszumachen und hatten eine gute Position.
      „Martina hat sich sicher nicht geirrt, Rick“, kam er zu einem Entschluss. „Siehst du die Anhöhe? Wenn ich sie wäre, würde ich dort einen Hinterhalt legen.“
      Er konnte sehen, dass Ricks Gedanken in eine ähnliche Richtung gingen wie seine. Martina hatte wahrscheinlich Hexen-Gene in sich, was ein echter Segen wäre, aber sie weigerte sich beharrlich, sich darauf testen zu lassen. Jedoch wusste es jeder in der Truppe und vor allen Rick. Er war ein Veteran aus dem Krieg der verbrannten Steppe und ein verflucht guter Stratege noch dazu.
      „Vorschläge?“, fragte er nach kurzen überlegen.
      „Hat Rob noch den alten Granatwerfer dabei, den wir damals im verbrannten Dorf gefunden haben?“, fragte Michael.
      „Mal gucken“, meinte Rick und ließ den Schnee aufstäuben, als er sich zu Rob und Marc umdrehte, die einige Meter hinter ihnen in der Kälte lagen. „Sieht gut aus“, raunte er ihm zu und krabbelte weg.
      Michael ließ sich tiefer in den Schnee sinken und zog den Nerz wieder vor das Gesicht. Hinter ihm konnte er die gedämpfte Stimme von Rick hören: „Tobias, rüber zu Martina! Marc, du gehst zu Saskia! Rob, mach den Granatwerfer fertig!“
      Michael nickte zufrieden, ohne den Blick vom Waldrand wegschweifen zu lassen. Rick schickte also den schüchternen Tobias zu der herben Martina und damit auch das MG ihres Trupps, während er den zielsicheren Aufreißer Marc zu der blonden Schönheit Saskia schickte. Er fing einen Blick von Martina auf, die ihm unter der Fellkapuze zunickte. Das Team hatte sich auf einen Schlachtplan geeinigt, ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren.
      Plötzlich stieg ein lang gezogenes und klagendes Heulen in die Luft, was von überallher zu kommen schien. Die Gewehre der Soldaten klapperten, zuckten umher und suchten unruhig nach Zielen. Scheinbar hatten die Werwölfe ihre Vorbereitungen bemerkt und rüsteten zum Gegenschlag. Ein erneutes Heulen ertönte und plötzlich brachen gewaltige Bestien aus dem Schnee hervor und sprangen mit weit ausufernden Sätzen auf sie zu. Nun bekam selbst Michael es mit der Angst zu tun.
      „Feueeeer!“, brüllte Rick und Michael unterdrückte alle Emotionen und Gedanken. Er legte sein Gewehr an und drückte ab. Ein langer Feuerstoß riss den ersten Werwolf im vollen Lauf von den Füßen. Die anderen schossen ebenso zielsicher und die erste Welle Werwölfe stürzte zu Boden, ohne auch nur in ihre Nähe gekommen zu sein. Schnee stob auf und erschwerte die Sicht. Michael stockte kurz, als er kein klares Ziel mehr hatte. Tobias am MG hatte damit weniger Probleme und hielt einfach auf den aufstäubenden Schnee drauf. Seine Kugeln ließen den Schnee aufspritzen, rissen Werwölfe um, und zersplittern Äste und Zweige.
      Wenige Sekunden später war es vorbei. Ein geradezu drückende Stille breitete sich auf den Schlachtfeld auf. Die einzigen Laute, die man hörte, waren das Klappern der Waffen und Ausrüstung, als die Soldaten sich unruhig umblickten. Das war viel zu leicht gewesen.
      Saskia und Marc warfen einen verwirrten Blick zu Michael, der ihnen bedeutete nachzuladen. Er hatte doppelt so viele Werwölfe gezählt, als sie überhaupt erschossen hatten. Das konnte nur eine ganz miese Falle sein.
      Marc hockte sich hin und warf das halbleere Magazin aus. In derselben Sekunde sprang ihn einer der Werwölfe an. Schneller als irgendwer gucken konnte, blitzten Krallen auf, Blut spritze und besudelte den blütenweißen Schnee, als Marcs Kehle mit brutaler Wucht aus dessen Hals gerissen wurde.
      Saskia rollte sich herum und entleerte ihre MP in die Flanke des Werwolfes. Der kippte mit einem Wimmern zur Seite, doch plötzlich war ein weiterer Werwolf bei ihr. Mit einer blitzschnellen Bewegung warf Saskia sich aus dem Weg, doch die Krallen des Werwolfes folgten ihrer Bewegung und schlitzten ihr die Schulter auf. Mit einem abgehakten Schrei stürzte auch sie zu Boden. Einen Moment später, wurde der Werwolf von Ricks Kugeln umgerissen.
      „Schießt auf die toten Werwölfe!“, schrie er und einen Moment später fräste sich ein vernichtender Kugelhagel durch den Schnee und in die Körper der Bestien. Dessen diabolischer Plan hatte nur einen kleinen Fehler, doch den nutzten die Soldaten gnadenlos aus. Diese Taktik funktionierte nur bei normalen Jagdtrupps, nicht bei einen schwer bewaffnetem kaiserlichen Jagdschwadron, und schon gar nicht, wenn diese ein MG dabei hatten.
      Was auch die Werwölfe schnell erkannten. Sie versuchten sich aufzuteilen, doch die schweren Kugeln von Tobias, nieteten die Werwölfe schneller um, als diese aufspringen konnten. Selbst als sie fliehen wollten, schossen ihnen die Soldaten erbarmungslos in den Rücken. Niemand von den Bestien sollte dieses Schlachtfeld lebend verlassen, das waren sie Marc einfach schuldig.
      Kaum das der letzte Werwolf endgültig zu Boden sank, eilten die Soldaten zu der verwundeten Saskia. Sepp, ihr Sanitäter, holte seinen Rucksack und begann mit flinken Fingern die Wunde zu verbinden. Zum Glück hatte die Kälte den Blutverlust gehemmt, aber es sah dennoch böse aus.
      Michael besah sich fachkundig die üblen Kratzer an ihrer Schulter. Es war bekannt, dass Werwölfe mit ihren Sekreten Menschen zu ihresgleichen machen konnten, jedoch kam es stets auf den Grad der Vergiftung an. Und diese Wunden waren nicht tief genug und es fehlten die charakteristischen grüngelben Verfärbungen an den Wundrändern.
      „Sie wird es schaffen“, sagte plötzlich Martina mit klarer Stimme. Alle blickten sie erstaunt an. Diese wenigen Kommentare waren das einzige Anzeichen dafür, dass sie eventuell ein Hexenerbe mit sich herumschleppte.
      „Wird Zeit, dass wir umkehren, oder?“, fragte Rob in die unbequeme Stille hinein und warf einen trübsinnigen Blick auf den toten Marc.
      Rick stimmte ihm zu: „Der Angriff ist für heute abgebrochen. Oder was meinst du, Michael?“
      Der alte Mann strich sich über den graumelierten Bart und stampfte schließlich zu einen der gefallenden Werwölfe. Mit einem wuchtigen Tritt, drehte er ihn auf den Rücken und besah sich dessen Körper genauer.
      „Das ist ein Weibchen“, sagte Michael schließlich, während er immer noch seinen Bart streichelte. „Die sind selten und gehen nur im äußersten Notfall auf die Jagd und dann auch nur alle gemeinsam. Das heißt, die Brut ist ausgelöscht. Unser Auftrag ist erfüllt.“
      „Sehr gut“, seufzte Rick, schulterte sein Sturmgewehr und zog sich seinen geben Schal wieder vor das Gesicht. „Haben wir noch die Trage dabei? Und einen Sack für Marc? Ich will ihn auf keinen Fall hier lassen.“
      „Haben wir alles da.“ Michael nickte ruhig und schulterte ebenfalls sein Gewehr. „Ab nach Hause.“
    • Verhängnisvolle Spuren
      von Primus

      "Fyn, komm schon, weiter, weiter!"
      Tiff bleibt stehen und versucht, mit einem Schulterblick, die Lage seines Freundes auszumachen, doch der schwere Pelzüberwurf verwehrt ihm die Sicht.
      Als er sich umdreht, sieht er nur schemenhaft, wie Fyn mit Hilfe seines Wanderstockes, durch den weichen Schnee näher kommt.
      Mit jedem Schritt sinkt er knietief hinein.
      "Der Schneesturm tobt zu stark," ruft Fyn, doch sein Kamerad scheint nicht zu reagieren.
      Als er ihn endlich erreicht hat, sieht er wie Tiff auf etwas starrt. Er verfolgt den Blick und erkennt etwas, dass wie flache Spuren eines Kindes auszusehen scheint.
      Fyn rammt seinen leblosen Weggefährten in den Boden, beugt sich runter und legt die Hände auf seine Oberschenkel, um sich etwas zu erholen.
      Nach kurzer Zeit sagt er: "Ich wusste gar nicht, dass der Berg bewohnt ist."
      Die Antwort von Tiff kam stark verzögert: "Ist er nicht. Wir müssen den Fußabdrücken folgen, wahrscheinlich ist ein Kind in Gefahr!"
      Fyn schüttelt den Kopf, doch bevor er etwas sagen kann, ist sein Freund schon fast wieder aus der Sichtweite verschwunden.
      Er zieht seinen Stock aus dem Schnee und versucht anmutig darüber zu wandern, jedoch sinkt er nur noch tiefer hinein.
      Es dauerte nicht lang, bis sie eine Felsspalte entdecken, in welche die Spuren führen.
      Ein verzweifelter Schrei übertönt den Sturm. Tiff reagiert unmittelbar und zwängt sich, während er ruft, hinein: "Wir hören dich! Hilfe ist unterwegs!"
      Wie in Ekstase rennt er los, in Richtung der wiederkehrenden Schreie.
      Fyn kommen einige Zweifel, als er bemerkt, dass die Höhle beleuchtet ist.
      "Bleib stehen, Tiff! Hier stimmt etwas nicht!" Vorsichtig betritt er den inneren Komplex. Alleine kann er ihn schließlich nicht lassen.
      Er atmet tief ein. Es ist still geworden. Er muss das Kind gefunden haben, denkt sich Fyn.
      Tiff scheint in der Nähe zu sein.
      "Du hast so wunderschöne grüne Augen," hört er ihn deutlich sagen.
      Erleichtert betritt Fyn den Raum und sieht eine Frau, die deutlich kleiner als er selbst ist.
      Sie geht mit einem Lächeln auf ihn zu und bedankt sich mit einer Umarmung. "Ich bin froh, dass ihr gekommen seid," flüstert sie. Als sie die Umarmung löst, weiten sich seine Pupillen, denn ihre Augen sind braun. Hundert Gedanken strömen zeitgleich durch seinen Kopf.
      Fyn schaut zu Tiff, welcher den Eindruck macht, als würde er aufmerksam zuhören. Doch dort war niemand, dem er hätte zuhören können.
      Fyn schließt seine Augen und schüttelt den Kopf. Als er sie wieder öffnet, übermannt ihn unglaubliche Glückseligkeit. Er befindet sich in seinem Haus. Er schaut sich um. Die Frau der er in der Höhle geholfen hat, liegt neben ihm. Ein lautes Hämmern reisst ihn aus seinen Gedanken.
      Es ist Tiff, der bevor die Tür ganz geöffnet ist, anfängt zu reden: "Was für ein Tag gestern, was? Einmal zu tief in den Humpen geschaut, schon haben wir die beiden hübschesten Frauen des Dorfes an unserer Seite!"
      Er lacht lauthals los. "Das hätte ich echt nicht von dir erwartet," fügt er mit einem ernsten Tonfall hinzu und klopft ihm wieder lachend auf die Schulter.
      Nun verblassten auch die letzten Zweifel. Verschiedenste Bilder von Saufgelagen schießen durch Fyns Kopf.
      "Was für ein Teufelszeug! Hat mir die Nacht ganz schön zur Hölle gemacht," schmunzelt er.
      Tiff schaut über seine Schulter. "Wie die Hölle sieht mir die Lady in deinem Bett nun wirklich nicht aus," bemerkt er scherzhaft. Fyn lässt es sich nicht nehmen und kontert: "Du weisst ja, was man über Frauen mit grünen Augen sagt!" Mit dem Satz wechselt seine Glückseligkeit, als wäre ein Hebel betätigt worden, zurück zum Zweifel.
      Als Tiff sagt: "Ich habe gar nicht bemerkt, dass du sie bereits gesehen hast," stärkt sich Fyns Gefühl.
      "Ich habe sie nicht gesehen, du hast es mir gesagt."
      Die Antwort, in Verbindung mit dem Ausdruck in seinem Gesicht und in seiner Stimme lässt Tiff einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen.
      Fyn verlässt das Haus und schließt die Tür leise hinter sich, bevor er zu Tiff spricht: "Ich habe diese Frau, außer in meinem Traum von letzter Nacht, noch nie gesehen. Hast du irgendwelche Erinnerungen an deine?"
      Tiff versucht die Situation zu entschärfen indem er seinen Arm um Fyns Schulter legt und in einem stark sarkastischen Tonfall sagt: "Vielleicht... sind sie ja auf Durchreise!" Wieder lacht er. "Du denkst einfach zuviel," fügt er noch hinzu.
      Fyn nickt bloß, geht wieder in sein Haus und schlägt dem gutgelaunten Tiff die Türe vor der Nase zu.
      Viele Jahre vergehen, sie haben sich seitdem nicht wieder gesehen.
      Tiffs Leben verging in der Zeit wie im Flug, alles was er versuchte gelang ihm, er gründete eine Familie, mit der Frau, die er in der Taverne traf. Sie gab ihm ein unglaublich gutes Gefühl und bestärkte ihn bis zu diesem Zeitpunkt. Nun neigt sich sein Leben dem Ende zu. Er ist bereit zu gehen. Tiff schließt seine Augen, als er sie ein letztes mal öffnet, sieht er Stalaktiten auf ihn zeigen.
    • Die Krieger des Flussbachtals
      von Rael

      Veldrin spürte die Kälte des Winters nicht, als er langsam durch den Schnee schritt. Auch die große Wunde an seinem Arm, nahm er nicht war. Er hatte Glück gehabt, denn es war kein tödlicher Schlag gewesen. In ein paar Jahren, würde ihn nur eine große Narbe an diesen Tag erinnern. Zumindest, wenn es ihm vergönnt war, diesen Krieg zu überleben. Auch, wenn er nicht wirklich daran glaubte, so hoffte er dennoch, dass er nach Hause würde zurückkehren können. Es war nur dieser eine Gedanke, der ihn und die meisten hier am Leben hielt.
      Der Kampf gegen die Grünhäute dauerte bereits mehrere Jahre an. Er erinnerte sich noch an jenen Tag, an dem die Garde des Königs auf ihrem Hof erschienen war, um seinen Vater zu holen. Der König hatte damals verfügt, dass jeder Mann, der ein Schwert zu halten im Stande war, die königliche Armee im Krieg unterstützen sollte.
      Veldrin war damals gerade einmal zehn Jahre alt gewesen, doch er hatte sehr genau verstanden, was passiert war.
      Sein Vater war nur ein einfacher Bauer gewesen. Sie hatten einen Hof außerhalb der Stadt. Er war nicht sonderlich groß, doch er reichte um die Familie zu ernähren. Wenn sie eine gute Ernte hatten, dann konnten sie sogar einen Teil verkaufen, um sich neues Vieh, oder wärmere Kleidung für den Winter zu kaufen. Das war alles, was ihr Leben erfüllt hatte, und sie waren glücklich gewesen. Doch einem Befehl des Königs widersetzte man sich nicht.
      Veldrin hatte in der Tür gestanden, neben ihm seine beiden Schwestern und seine Mutter. Er hatte nicht geweint, obwohl er gewusst hatte, dass er seinen Vater nicht wiedersehen würde. Niemand kehrte aus dem Krieg zurück, das war bekannt.
      Sieben Jahre waren seit diesem Tag vergangen und Veldrin diente jetzt, wie einst sein Vater, in der Armee des Königs. Seit einem Monat bewachten sie eine Brücke nördlich des Flussbachtals. Im Grunde sollte er dankbar sein, denn der eigentliche Krieg tobte noch weiter nördlich, dennoch war es hier nicht minder gefährlich. Die Grünhäute griffen unablässig an, um diesen Außenposten einzunehmen. Es war die einzige Brücke im Umkreis von dreißig Meilen, und eine wichtige Nachschubroute für Waffen, Nahrung und Männer, die von diesem Ort weiter gen Norden gebracht wurden.
      Heute hatten sie neue Männer bekommen. Obwohl er selbst erst seit ein paar Monaten hier war, zählte er schon zu den Erfahrenen Kriegern. Krieger – So nannten sie sich. Doch es waren Bauern, Metzger, Weber und Steinmetze, die für ihren König in die Schlacht zogen und das Land verteidigten. Die wenigsten von ihnen hatten vor dieser Zeit schon einmal eine Waffe in der Hand gehalten. Und doch nannten sie sich Krieger. Es sei gut für die Moral, hatte Veldrin jemanden sagen hören, und es mache das Töten leichter, wenn man akzeptiere, dass man nur aus diesem Grund hier sei. Wenn du akzeptierst hast, was du jetzt bist, kannst du auch das tun, wozu du hier bist, waren die Worte des Generals gewesen, der ihn an seinem ersten Tag als Krieger begrüßt hatte.
      Eigentlich belogen sie sich nur selbst, indem sie sich als Kämpfer ausgaben. Doch das kümmerte hier niemanden. Veldrin wusste, es ging nur darum, dass sie ihr neues Schicksal schneller akzeptierten. Ein Krieger scheute weder Kampf noch Tod, und genau das war es, was die Obrigkeit von ihnen verlangte.
      Doch sie konnten sich nennen, wie sie wollten. Es änderte nichts an der Tatsache, dass kaum einer ein Schwert führen konnte. Im Kampf entschied das Glück wer überlebte.
      Veldrin ließ den Blick über das Schlachtfeld schweifen und ging langsam weiter. Dieser Angriff hatte nicht sehr lange gedauert. Es war nur ein kleiner Spähtrupp der Orks gewesen, aber er hatte sie überrascht. Er blickte herab zu dem Krieger, der dort im Schnee lag. Ein schwarzer Pfeil ragte aus seiner Brust empor. Er hatte neben ihm gestanden, als der Pfeil sein Opfer traf. Es hätte auch ihn erwischen können. Pures Glück hatte entschieden, dass er hier stand, und dieser Mann dort lag.
      Veldrin versuchte sich an seinen Namen zu erinnern, doch er wollte ihm einfach nicht einfallen. Die meisten lebten nicht lange genug, als das es Sinn ergeben würde, sich irgendeinen Namen einzuprägen, geschweige denn Freundschaften zu knüpfen.
      Doch dieser Mann war für den König gestorben. Das mindeste, was man für ihn tun konnte, wäre sich seiner zu erinnern. Wäre das nicht auch eines Kriegers würdig?
      Veldrin schüttelte den Kopf. Sie verlangten das eine, doch ignorierten das andere. Und die Gewissheit, dass es ihm auch so ergehen würde, stieg ihn ihm.
      Würde man irgendwann Geschichten über die Krieger des Flussbachtals erzählen? Geschichten über Männer, die zu Kriegern wurden. Geschichten über Männer, die ihre Mütter und Frauen zurück gelassen hatten, um in diesem Krieg zu sterben? Wer sollte sie erzählen, wenn niemand überlebte? Wer sollte ihrer Gedenken, wenn es nicht einmal ihm gelang, sich an den Namen dieses Mannes zu erinnern?
      Nein. Niemand wird sich erinnern. Er war nur einer von vielen, nichts besonderes.
      Veldrin beobachtete den Schnee, der sich gierig am Blut des Gefallenen nährte. Wenn die Frauen mit dem Karren kamen um die Leichen vom Schlachtfeld zu tragen, würden diese Spuren im Schnee alles sein, was von diesem Mann zurück blieb. Man würde ihn vergessen. Nur der Schnee kannte die Geschichte und würde sie stumm mit sich tragen. Wenigstens bis zum Frühjahr, denn dann würde er verschwinden, und mit ihm die Spuren im Schnee.
    • Der Letzte seiner Art
      von Jel-En

      Es war ein Tag, an dem der Wind durch die Straßen peitschte, den Schnee an die Türen und Fenster warf, daran rüttelte und schüttelte, ein Tag, an dem nicht einmal mehr die schneeverhangenen Wolken zu sehen waren. Am dunklen Abend hörte man laute Stimmen. Dann Geschepper. Die Klinke einer Hintertür wurde runter gedrückt und augenblicklich warf sich der Wind mit aller Kraft dagegen. Mit einem hohen Quietschen schwang die Tür auf und krachte schwungvoll gegen ein Regal, dessen Inhalt lautstark auf den Boden fiel. In der Tür stand er nun. Ein Mann, groß, mit einem Umhang aus Fell, der Bart bis zur Brust, die nahezu leuchtenden, eisblauen Augen gegen die Kälte zusammen gekniffen und er besaß eine rote, wettergegerbte Haut. Eine Stimme, übertönt vom Heulen des Windes, schrie ihm hinterher. Doch er ignorierte sie.
      „Nein, das kann nicht sein“, sagte er sich immer wieder. Er stapfte los. „Nein, das kann einfach nicht sein. Es darf nicht sein!“ Eine Windböe fegte den Schnee auf, warf ihn in vielen feinen Eiskristallen in der Luft umher, traf dann auf Häuser, Laternen und schließlich auch auf ihn. Er stemmte sich gegen die Kraft des Windes, zog seine Kapuze tiefer über den Kopf, hielt sie fest. Der Schnee stach wie viele kleine Nadelstiche im Gesicht und auf der nackten Haut, ließ eine vereinzelte Träne auf seiner Wange gefrieren und färbte seinen Bart weiß. Dicke Eisklumpen bildeten sich an den Haaren.
      Unbeirrt des Wetters lief er weiter über die vereiste Straße. Nahm nicht wahr, wie die Nachbarn aus ihren Fenstern schauten, ihn ansahen, ihn mit ihren Blicken verfolgten. Sie sahen die letzte Laterne am Ende der Straße, der Lichtkegel als kleiner Kreis, die große Gestalt, die in der Dunkelheit dahinter verschwand. Und weg war er.
      Eingetaucht in der dunklen Wildnis, voller Verzweiflung und ohne jede Orientierung. Er kam kaum voran, der Schnee war zu hoch, ging ihm bis zu den Oberschenkeln und jeder einzelne Schritt war tonnenschwer. Mit bloßer Hand schob er den Schnee beiseite, befreite seine Beine und setzte schwerfällig den neuen Schritt. Keiner der Bewohner hatte sich jemals in der Nacht hinaus getraut. Hinaus in die Wildnis, weg von dem schützenden Licht der Laternen. Er war der Erste seit Jahren.
      Beide Hände halb abgefroren, erreichte er sie schließlich. Die Spur. Hier waren sie entlang geprescht, mit ihren langen, dünnen Beinen, den breiten Füßen, dem struppigem Fell. Und den eisblauen Augen. Zu jeder Nacht kamen sie heraus, mieden das Licht, blieben immer im Dunkeln und liefen oftmals den selben Weg, immer zwischen den gleichen Bäumen entlang, immer über die gleichen Steine.
      „Und sie gehen in einer Nacht niemals ihren eigenen Weg zurück.“ In den Spuren dürfte er sicher sein. Das dachte er zumindest.
      Die Spuren waren so frisch, dass der Wind noch keine Zeit hatte sie mit neuem Schnee zu füllen. Hier war es angenehmer zu laufen. Er folgte ihnen. Nur die Helligkeit des Schnees war zu sehen, die schemenhaften Umrisse der Bäume vor dem Weiß. Der Himmel war schwarz. Ebenso wie die Schatten, die zwischen den Bäumen lauerten. Er hatte sie nicht gesehen, da tauchte plötzlich einer von ihnen vor ihm auf. Es stand im frischen Tiefschnee, neben ihrer Spur, in die sie niemals ein zweites Mal ihre Füße setzten. Das Maul halb auf, die eisblauen Augen auf ihn gerichtet, wartend. Ein zweiter von ihnen kam mit langsamen Schritten zwischen zwei Bäumen hervor. Es machte einen wendigen Sprung über seine eigene Spur und sank wie in Zeitlupe auf der anderen Seite in den weichen Schnee ein.
      Das erste Mal, dass er sie sah. In Echt, nicht von irgendwelchen Zeichnungen aus alten Büchern. Die Angst stieg in ihm auf, Panik schlich sich in seine Glieder, nahm ihn ein, besetzte seine Sinne. Bewegungslos stand er da, starrte auf sie, konnte nicht klar denken. Die Kälte war aus seinen Gliedern gewichen, machte der Panik Platz, der heißen Panik, die ihn einzunehmen schien. Weitere von ihnen traten in sein Blickfeld. Das ganze Rudel. Und dann dieser eine Moment.
      Auf seiner Hand entflammte er eine kleine Flamme. Sie besaß das gleiche helle Blau ihrer eisigen Augen und spiegelte sich darin wieder. Es war Licht. Und Licht mieden sie. Trotzdem kamen sie auf ihn zu. Dann rannte er los. Er blieb in ihrer Spur, löste sich nicht von den Vertiefungen im Boden, setzte einen Fuß vor den anderen, schaute nicht zurück, wollte ihre Augen nicht sehen, die Augen, die eisblauen Augen mit ihrem stechenden Blick. Der Geruch ihres Fells, ihr Atem, der in seinem Nacken klebte, das Geräusch von ihren Pfoten im Tiefschnee, das Brechen der frischen Schneedecke, wieder die Augen, die ihn zu durchbohren schienen.
      Ihre Spur änderte sich, an dieser Stelle mussten sie ihn gewittert haben, mussten ihn gehört haben, ihn gerochen, sind auseinandergestoben, jeder einzeln für sich, sind umgedreht, um ihn zu holen. Sie waren direkt bei ihm, hatten ihn umkreist, hielten ihn mit ihren Blicken fest, kamen näher, einer von vorn, einer von hinten, er versuchte sich zu wehren, ein Ast, fasste ihn, schlug um sich, sie waren trotzdem da, tänzelten durch den Schnee, sprangen umher, immer dichter an ihn heran. Es gab keinen Ausweg mehr für ihn.
      Ein Schrei war in der Nacht zu hören. Ein tiefer, aber schriller Schrei, der einem durch den Körper fährt, in die Knochen hinein und die Haare zu Berge stehen lässt. Ein Schrei, der die eisige Stille nach sich zieht, der lautlos im Kopf widerhallt und wie ein Messer alle schönen Gedanken zerschneidet.

      Der nächste Tag war ruhig. Der Himmel von blassem Blau, die Sonne am Horizont warf ihre friedlichen Strahlen auf das kleine, weiße Dorf. Schnee fiel von den Dächern und von Zweigen, die dem Gewicht nicht standhalten konnten. Kaum ein Lüftchen drehte sich, der Wind schien seinen Atem anzuhalten.
      Sie waren mit mehreren Personen. Die Frau an der Spitze. Sobald die ersten Sonnenstrahlen die dunkle Nacht vertrieben, waren sie aufgebrochen, gut gerüstet, mit Essen bei sich und um sie herum eine glatte Fläche glitzernden Neuschnees. Der Wind hatte so stark gewütet, so viel Schnee aufgewühlt und mit sich gebracht, dass alle möglichen Spuren zugestopft waren und mit einer dicken Schicht Weiß überzuckert. Man konnte nicht sehen, wo er lang gegangen war, aber doch musste er hier draußen irgendwo sein. Sie riefen nach ihm, aber keine Antwort kam. Er hörte sie, wollte aber nicht antworten. Die Lippen blau vor Kälte, die Hände ohne Gefühl, halb vergraben vom Schnee. Trotzdem fanden sie ihn. Er war nicht weit gekommen, der Sturm war zu stark, der Schnee zu hoch und sein Körper zu schwach gewesen.
      „Sie laufen in der Spur der anderen, aber niemals in ihrer eigenen. Und jetzt versteh ich auch warum.“ Das war das erste, was er sagte. Er schaute sie nicht an, schaute in den Schnee, mit den Gedanken ganz wo anders und mit einer gespenstischen Ruhe in der Stimme. „Ich habe sie gesehen. Und sie haben mich gesehen ... Sie haben mich verfolgt ... mich umkreist, und ...“ Erst jetzt schaute er hoch zu ihnen. Er sah sie an, sah aber durch sie hindurch, in eine Ferne weit weg. Weit weit weg. „Ich bin hier rausgegangen, um mich selbst zu finden.“
      „Das hat uns deine Frau schon gesagt“, unterbrach ihn einer der Männer.
      Ruckartig stand er auf, warf den Schnee von seinen Kleidern und schrie mit voller Wut und Kraft in die Stille des Morgens: „Ich bin einer von ihnen!“ Er sank im frischen Tiefschnee zusammen, schluchzte und flüsterte: „Ich bin tatsächlich einer von ihnen.“ Seine Stimme versagte, die Tränen verließen seine Augen. Er schaute zu Boden.
      Die Frau, die so bitter nach ihm gesucht hatte, stürzte sich auf ihn, umarmte ihm und fing an zu weinen, sie wollte ihn festhalten, nicht mehr loslassen, und nicht wahrhaben was er da von sich gab. Es bedurfte keine weiteren Worte mehr, um irgendetwas klarzustellen. Sie verstanden sich auch ohne. Die anderen drehten ihnen den Rücken zu und wollten gehen.
      „Helft ihm doch! Ihr müsst ihm helfen!“, rief die Frau ihnen verzweifelt hinterher. „Wir müssen ihm helfen! Ihr könnt ihn doch jetzt nicht einfach im Stich lassen!“
      Aber das konnten sie. Und taten es auch. Sie ließen ihn mit seiner Frau allein im Schnee zurück.
      „Lass mich einfach hier liegen und geh. Geh zurück ins Dorf, sonst kommen sie dich noch holen.“
      „Nein, das kann ich nicht, wir gehören zusammen, du musst mitkommen, sie können dich nicht einfach ausschließen, du bist keiner von ihnen, du bist immer noch einer von uns!“
      „Ihr Gift zeigt bei mir keine tötliche Wirkung. Du weißt ganz genau, was das bedeutet. Ich merke schon, wie es mich von innen verändert. Und auch meine Gedanken werden andere. Mittlerweile verstehe ich sie und fange auch schon an wie sie zu denken. Und sie waren die ganzen Jahre über immer nur hier, weil sie nach mir gesucht haben. Sie haben wohl gespürt, dass es noch einen wie mich geben muss und jetzt haben sie auch mich geholt. Und so gehöre ich nicht zu euch. Ich werde ihnen wohl folgen müssen. Trotzdem liebe ich dich noch immer.“
      Und damit war auch der letzte Gefährte der Wesen gefunden und die Suche nach ihm beendet. Aber er schloss sich ihnen niemals an. Er war dennoch anders, folgte nicht seinem Rudel, folgte nur sich selbst. Und was er hinterließ war jeden Morgen nichts weiter als eine Spur. Niemand hat ihn je wieder gesehen, nur seine Spuren, nur seine einzigartigen Spuren im Schnee, die sich niemals deckten, niemals überlappten, sich nur mit einem einzigen Sprung kreuzten.
    • Hallo zusammen!

      Der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb Dezember/Januar 2015/2016 ist abgelaufen!

      13 Leute haben abgestimmt und auch dieses Mal können wir stolz einen Gewinner/eine Gewinnerin präsentieren, auch wenn es sehr knapp wurde!

      Hier die Auflösung:

      ...Gewonnen hat mit 4 von insgesamt 13 Stimmen...

      *trommelwirbel* :mamba2:



      Herzlichen Glückwunsch zum erneuten Sieg! Du kannst nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben und wurdest in die Rangliste eingetragen. Ausserdem bekommst du für zwei Monate 5 goldene Sterne und einen eigenen Benutzertitel.

      Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleißig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unser aktuelle Gewinner hoffentlich schon bald vorgeben wird. 8)

      Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.

      Das war der Schreibwettbewerb Dezember/Januar 2015/2016. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)

      Euer Fantasy-Geschichten-Forum
    • Ich war der letzte der abgestimmt hat. Und zwar für Tom Starks Geschichte. Ich habe den Unterschied gemacht. Ich. ICH. ICH ICH ICH!

      PS: So fühlt sich also Egozentrismus an 8o

      PSS: Herzlichen Glückwunsch an Tom Stark. Da hast du ja schon wieder gewonnen. Deine Geschichte mit den wilden Tieren gefiel mir am besten. BIn auf dein nächtstes Thema gespannt.
      Auch ein Dankeschön an restlichen Teilnehmer! Nicht verzagen, wenn es dieses Mal nicht geklappt hat. Geschichten werden ja immer subjektiv wahrgenommen.
      "Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben."
      - George Bernard Shaw -

    • @Tom Stark Meinen Glückwunsch. "Auf der Spur des Mörders" hätte meine zweite Stimme bekommen, wenn ich eine gehabt hätte. Ich fand die Beschreibung der Menschen als grausame Bestien sehr gelungen. Habe mich dann aber doch für "Der letzte seiner Art" entschieden, weil mich das Mystische an dieser Geschichte mehr begeistern konnte.
      Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.