Der verlorene Hut

  • Ich habe es gestern schon gelesen, aber nicht geantwortet, weil ich so etwas ähnliches wie "War's das jetzt?" geschrieben hätte. Und damit hätte ich diese Frage zum dritten Mal gestellt :D
    Da @melli aber auch den Eindruck hat, nun sei Schluss, gehe ich mal davon aus xD


    Oo das nenne ich mal Finale. Genauso verrückt wie die ganze Geschichte, aber absolut stilecht. Ich habe mir ja etwas nicht ganz so mystisches erhofft, aber ich bin sowieso kein Fan von "nicht greifbaren Ereignissen." Trotzdem gut gemacht, wie du es dem Leser überlässt, ob das Vieh jetzt echt ist oder Kayne einfach nur von Gewissensbissen geplagt wird.
    Würdiger Abschluss einer würdigen Geschichte. No regrets.

    "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"

  • Waaas?! Das war ja mal heftig. Kayne könnte einem fast schon leid tun. Aber eben auch nur fast. XD Irgendwie hat er es ja auch nicht anders verdient.
    Und was lese ich? Das ist noch nicht das Ende? Klang für mich eigentlich ziemlich beendet. Dann bin ich mal gespannt, was nun noch kommt. ^^


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Kayne starb auf ewig, ohne je zu sterben.
    Er starb die Nacht hindurch, starb im Morgengrauen und den Tag über, starb für Wochen, Monate und Jahre und war dennoch nicht tot, obschon er in seinem gläsernen Sarg mitten auf dem Marktplatz der Stadt aufgebahrt zu Beisetzung lag, doch es gab keinen, der ihn hätte beerdigen wollen.
    Seine Gedanken drehten sich im Kreise, immer schneller und schneller, bald nicht mehr zu unterscheiden von denen eines wilden Tieres, weitaus wahnsinniger als die eines Wahnsinnigen. Sie drehten sich um Luft, Atem, Wasser, Wein, Nahrung, nur die kleinste Bewegung, das überwältigende Gefühl des Tötens, längst nicht mehr um Glück oder den Sinn des Lebens, sie stumpften ab, wurden verwaschener, bis Kayne selbst nicht mehr wusste, an was er dachte, bis nur noch Bilder durch seinen Kopf zuckten, mit denen er nichts anzufangen wusste. Die Schmerzen, das Sterben und das Messer in der Brust wurden sehr bald ein Teil seiner selbst, verwuchsen mit ihm, waren untrennbar miteinander verbunden.
    Die Stunden und Tage zogen immer schneller an ihm vorbei, ihm jedes Zeitgefühl raubend, bis er nicht einmal mehr zwischen Hell und Dunkel unterscheiden konnte und seine brennenden Augen ins Nichts starrten, durch alles hindurch und nirgends hin zugleich.
    Viele Menschen kamen, ihn zu bestaunen, sie umstanden den gläsernen Sarg und ergötzten und erheiterten sich am Todeskampf eines anderen, der in einem Moment eingefangen war, sogen Kaynes Körper mit ihren Blicken in sich auf, und kein einziger hatte das Bestreben, ihm helfen, ihn erlösen zu wollen. Kayne hatte es, anfangs, als er noch wirklich zu denken vermocht hatte, nicht anders erwartet.
    Das Schlechte, die Freude am Leid anderer lag in der Natur des Menschen, und wahrlich nicht zuletzt auch in seiner, wie konnte er ihnen da einen Vorwurf machen oder auch nur im Geringsten verwundert sein?
    Ebensowenig betrachteten die Menschen ihn Sterbenden mit Verwunderung, sondern vielmehr als angenehmen Teil ihres Alltags, der sie das eigene Glück deutlich spüren ließ, sie über ihn erhob und sich anfühlte, als wäre Kayne in seinem gläsernen Sarg schon immer ein Teil des Marktplatzes mit seinem blutbesudelten Kopfsteinpflaster gewesen.


  • Eines Tages verschwand der Sarg mit dem Morgengrauen, ließ Kayne alleine auf dem Marktplatz liegen. Seine Lungen füllten sich röchelnd mit Luft, sogen sich bis zum Bersten voll und mussten sich erst entfalten wie die eines Neugeborenen, der seine ersten Atemzüge tut und lernt, was es heißt zu atmen, genau wie Kayne dies nun aufs Neue lernen musste.
    Kaynes Leib zitterte, und der Hunger fraß ihn auf, beinahe brachte er ihn gar dazu, sich selbst aufzufressen. Wild und gierig zuckte sein Blick umher, unstet die Umgebung erkundend und doch nichts begreifend, Geifer troff ihm aus dem offenstehenden Maul. Auf allen Vieren hetzte das Tier los, das einstmals Kayne geheißen hatte, begab sich des eigenen Lebens willen auf die Jagd.
    Die wenigen Menschen stoben schreiend auseinander, sobald er sich ihnen knurrend und brüllend näherte, und die Tauben, die auf dem Marktplatz einherstolzierten wie Könige und sich von fallengelassenen Brotkrumen ernährten, währenddessen sie den umherstreunenden Katzen als Nahrung dienten, erhoben sich plump in die Lüfte und entgingen jede einzelne seinen ins Leere schnappenden Klauen, was ihn zu immer lauterem und schrillerem Geschrei der Enttäuschung trieb.
    Dann fand er eine Taube, die sich nicht zur Wehr setzen oder fliehen konnte. Er vertrieb die Katze mit dem zerfetzten Fell, die den Vogel erlegt hatte, mit einem ehrfurchtgebietenden Brüllen, dann zerriss er mit seinen Zähnen in blinder Raserei den toten Vogel, dessen Eingeweide und Blut die Pflastersteine besudelten, und schlang ihn beinahe am Stück hinunter, samt Gefieder, Füßen, Schnabel und Knochen. In seinem grenzenlosen Hunger schmeckte ihm alles so gut wie die teuersten Speisen, von denen das Tier noch nie gehört hatte.
    Kayne wusste nicht mehr, wer er war, alles, woran er sich noch erinnern konnte, war, dass er fressen und atmen musste, wenn er nicht sterben wollte, und er wusste instinktiv, dass das Messer in seiner Brust für die Schmerzen in seinem Leib verantwortlich war. Kayne wollte töten, andere Lebewesen sterben sehen und sein Gesicht in ihrem warmen Fleisch und Blut und ihren Eingeweiden vergraben, sich an ihnen für sein eigenes Sterben rächen, denn er wusste, dass sie ihm all diese Qualen angetan hatten. Seine spitzen gelben Krallen kratzten über den Messergriff; der Gegenstand ließ ferne Erinnerungen im Irrgarten seines Kopfes anklingen, ohne dass diese je den Weg hinaus in die Klarheit fanden.
    Er schloss die Hand fest um den Griff und zog und zerrte in alle Richtungen, doch alles, was er erreichte, waren noch stärkere Schmerzen. Das Messer war ein Teil von ihm, mit ihm verwachsen, war er, das begriff das Tier nun und ging stattdessen mit Klauen und Zähnen auf seine Opfer los.
    Es befand sich mitten im Sprung, majestätisch und furchterregend wie ein Löwe, mit wehender schwarzer Mähne, als ihm ein blendender Schein das Augenlicht raubte und es hart zu Boden warf. Winselnd wälzte es sich auf dem Pflasterstein umher, stieß schrille Schreie vor Schmerz und Panik aus und presste sich die Pfoten ins Gesicht, um seine empfindlichen Augen zu schützen.
    „Kayne!“, donnerte eine Stimme, die klang wie zwei aufeinander mahlende Felsbrocken und die irgendetwas in ihm anklingen ließ, eine verloren geglaubte Erinnerung aus fernster Vergangenheit dicht an den Rand seines wirren Bewusstseins zurückzerrte und gleichzeitig versuchte, Ordnung in jenes hineinzutragen, an einen Ort, wo es keine Ordnung geben konnte, obwohl es sie einst gegeben hatte.
    Kayne heulte laut und schlug um sich, bis seine Pranken vom harten Pflaster blutig waren; er wollte sich nicht erinnern, wollte nichts von der Stimme, die ihn so blendete, wissen. Er wollte fressen, nur fressen …
    „KAYNE!“ Diesmal war die Stimme noch lauter, herrischer, gebietender, und er konnte sich ihr nicht länger verwehren. Widerstrebend hob er den Kopf, fletschte die Zähne und blickte ins Zentrum des Lichts, sah das weiße Wesen mit dem unnatürlich glatten Körper wütend an, das kalt zurückstarrte und sich nicht rührte.
    Kayne, schoss es ihm durch den Kopf, denn er hatte das Wort schon einmal gehört, nicht nur einmal, sondern sehr oft. Es war dicht mit ihm verbunden, ein wichtiger Bestandteil seines Lebens gewesen, bevor … nun, bevor etwas Einschneidendes geschehen sein musste, etwas Schreckliches, Tödliches, an das ihm nun jede Erinnerung fehlte.
    Kayne war … er selbst! Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern. Er hatte einen Namen, und das strahlende Wesen hatte ihn gerufen, hatte seinen Namen gerufen, hatte Kayne gerufen, zur Besinnung gerufen …
    Kaynes Verstand wurde klarer, so scharf wie das Messer, das in seiner Brust steckte. Wie Hagel prasselten Erinnerungen auf ihn ein, Bilder, die er gesehen hatte, vergangene Laute und Gerüche, die er in sich aufgesaugt hatte, er erinnerte sich daran, wie die samtweiche nackte Haut einer Frau sich unter seinen Händen anfühlte, ebenso wie er sich an das Gefühl erinnerte, das ihn durchströmte, wenn er ihr die Klinge in die Brust stieß.
    Er hatte ein Leben geführt, führte ein Leben, in dem es um mehr ging als um Fressen und Überleben und das ihn doch nie zu erfüllen vermocht hatte, ein Leben, in dem er ständig auf der Suche nach etwas war, etwas, das er nicht näher beschreiben konnte, das ihn erfüllte und dem er durch das Leid anderer am nächsten gekommen war, obgleich er das Gefühl nie zur Gänze erfahren hatte. Trotzdem besaß Kayne ein Gewissen, und es stand nun vor ihm und sah ihn mit einem Blick an, den er nie würde deuten können.
    Dieses Gewissen öffnete nun den Mund, da Kayne ruhig dastand und zum Zuhören bereit war, anstatt wie das Tier, das er für lange Zeit gewesen war, um sich zu schlagen und zu schreien, mit einem Verstand, der nichts Sinnvolles aufnehmen konnte, sondern nur vergaß und hasste.
    „Du bist nun lange genug gestorben, Kayne“, sagte sein Gewissen und sah ihm dabei tief in die Augen. „Nun ist es an der Zeit, dass du das Leben kennenlernst und genießen darfst, nun, da du es zu schätzen weißt. Das Glück liegt nicht im Tod noch im Leid anderer, Kayne, so viel lass dir als Rat auf deine Suche mitgegeben sein, die eines Tages von Erfolg gekrönt sein möge. Der Tod ist Teil des Lebens, doch sollte er nicht überhandnehmen und das Leben zur Seite drängen, und doch wird dich das Messer auf ewig an ihn erinnern, bis er dich eines Tages tatsächlich zu sich nimmt. Lebe wohl Kayne, der du mir nie entkommen wirst.“
    Das Wesen verschwand von einem Augenblick auf den anderen, und Kayne, mit noch blutverschmiertem Mund und Körper inmitten des sich in der allmorgendlichen Geschäftigkeit langsam füllenden Marktplatzes stehend, brauchte wieder eine Weile, bis seine Augen sich an das Licht der aufgehenden Sonne gewöhnt hatten und er im Stande war, sich zu rühren.
    Das Gestirn überzog die Stadt mit Gold und den Himmel tauchte es in tiefes Rot, die Wolken sich rosafarben abhebend, und verbreitete in Kaynes Innerem ein nie gekanntes Gefühl der Zufriedenheit, der Glückseligkeit. Er schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und lächelte, obschon es ein blutverschmiertes Lächeln war.
    Erst, als der schönste Sonnenaufgang, den er in seinem ganzen Leben wahrgenommen hatte, vorüber war, begab er sich auf den Heimweg, auf den Weg zu einem Haus, das er seit Jahren nicht betreten hatte, in der Hoffnung, dass die Zeit es nicht mit sich ins Vergessen gerissen hatte.

  • :hmm: Ich muss ehrlich sagen, auch wenn es gut geschrieben ist, würde mir die Geschichte ohne diesen Teil deutlich besser gefallen. Zuvor war Kaynes Strafe, für immer zu sterben - jetzt wirkt das "verwässert", weil es aufgehoben ist.
    Außerdem stört mich, dass er ein Tier ist, trotzdem eine Hand hat, mit der er nach dem Messer greifen kann und zu seinem Haus geht - was will er da als Tier?

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Ich war zu Beginn auch etwas verwirrt, wegen dem Tier und wegen den Menschen. :hmm:
    Also, er liegt da in einem gläsernen Sarg und jeder sieht es, macht aber nichts. So weit so gut und das finde ich auch super geschrieben. Gibt dem ganzen einen hintergründigen Sinn. :thumbup:
    Verwirrt hat mich dann aber, dass er da rausspringt, als Tier und die Leute auseinanderspringen. Dann kommt sein Gewissen, beruhigt ihn, er ist wieder ein Mensch und dann füllt sich der Marktplatz als wäre nichts gewesen und keiner wundert sich? War das alles nur in seinem Kopf? :pillepalle:
    Also irgendwie ist das gerade völlig an mir vorbei gezogen. :sack:
    Das Gewissen hat ihm quasi eine Lektion in Sachen Leben erteilt, das habe ich verstanden und finde ich von der Idee und auch vom Geschrieben sehr gut umgesetzt. Nur bin ich gerade tierisch verwirrt. :D


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Wäre die Geschichte so weitergegangen, mit seiner unerklärlichen Verwandlung, wäre ich sofort abgesprungen^^ Das war gar nichts für mich, viel zu abgespaced. Das mit dem unwirklichen Sarg, der einfach so jahrelang dasteht, hat mir auch nicht so gefallen, aber die ganze Geschichte war irgendwie leicht übernatürlich angehaucht, weswgen ich irgendwie noch gar nicht so recht darüber nachgedacht hatte.


    Was mellis Gedanken angeht, ob die Geschichte ohne den Teil besser wäre: Auch dieser Teil hat eigentlich einen würdigen Abschluss, aber die erste Hälfte will so gar nicht passen. Daher wahrscheinlich auch der bittere Beigeschmack^^

    "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"


  • Kaynes Garten, hinter dem verfallenen und vom Staub vieler Jahre und Spinnweben überzogenen Haus, glich in seinem von allerlei Pflanzen, Büschen, Bäumen, Gras überwucherten Zustand mehr einem Urwald denn einem kultivierten Stückchen Erde. Das Gebüsch wucherte viel weiter in die ehemalige Grasfläche hinein, als er sich erinnern konnte und der Himbeerstrauch war ihm weit über den Kopf gewachsen, während die Bäume ihre einstige Höhe beinahe verdoppelt hatten.
    Einzig die Grabhügel lagen noch da wie in seiner Erinnerung, sich sanft von der restlichen Grasfläche abhebend. Nachdenklich starrte Kayne sie an, wissend, dass er etwas zu tun hatte, nicht wissend, was es war. Konnte er all die Morde rückgängig machen, die Hügel verschwinden lassen?
    Er schüttelte den Kopf; ein törichter Gedanke. Doch wenn diese Welt tatsächlich nur für ihn, aus ihm bestand, so sollte er etwas tun können. Über Leben und Tod hatte er schon früher entschieden, in eine Richtung, die gutzuheißen unmöglich war. Doch warum sollte er nicht andersherum entscheiden können?
    Kayne hielt nach dem alten Spaten Ausschau, der halb zugewuchert unter dem Himbeerstrauch verborgen lag und den er unter großem Kraftaufwand befreien und hervorziehen, bevor er zur irrsinnigen Tat schreiten konnte. Das Werkzeug, das so viele Menschen unter die Erde gebracht hatte, war verrostet und der Griff wackelig und morsch, doch ein anderes hatte Kayne außer seinen Händen nicht, und so musste es gehen.
    Er begann, das erste Grab ein weiteres Mal auszuheben, trug den Hügel ab und schaufelte so lange Erde beiseite, bis er mit der Schaufel auf gelbliche, poröse Knochen stieß. Von da an ging er vorsichtiger und sorgfältiger um, damit er die Überreste seiner Opfer nicht beschädigte, und legte diese nun zur Gänze frei. Der Totenschädel blickte ihm aus leeren großen Augenhöhlen anklagend entgegen, Kayne musste sich abwenden.
    Mehrere Stunden arbeitete er ohne Pause, obwohl Anstrengung und die heiß auf seinen Rücken brennende Sonne ihm den Schweiß aus allen Poren trieben, trank kein einziges Mal etwas zur Erholung oder aß eine der Himbeeren, die den Strauch reif und saftig bis zum Bersten füllten und ihn locken wollten.
    Kayne öffnete jedes einzelne Grab, bis er vierzehn Skelette in ihren Betten aus Erdreich liegen sah und den kaputten Spaten zu Boden gleiten ließ. Diese Arbeit war getan, doch was nun nötig war, wusste er nicht. Unsicher ging Kayne zwischen den einzelnen Löchern hin und her, zwang sich, jedes Skelett noch einmal anzusehn und sich an die Geschichte zu erinnern, die ihn mit ihm verband. Alle hatte er ermordet bis auf den jungen Mann, der im Gegenteil ihn umzubringen versucht hatte und doch selbst gestorben war.
    Kayne wünschte sich sehnlichst, nur ein magisches Wort sagen zu müssen, damit all diese Menschen ihren Körper und Geist und ihr Leben zurückerhielten oder nur daran denken zu müssen, doch Letzteres zeigte keine Wirkung. „Bitte, steht auf!“, flüsterte er, während wachsende Frustration und Verzweiflung ihm die Kehle zuschnürten. Nichts regte sich. Falls er wirklich gehofft hätte, dass einmal mehr sein Gewissen erscheinen und alles für ihn zum Guten wenden würde, so hatte er sich getäuscht; die Sonne blieb das hellste Licht in seiner Umgebung und die Donnerstimme war nirgends zu hören.
    Erschöpft ließ er sich mitten in seinem Garten ins Gras sinken und bettete das Gesicht in den Händen, nicht ansatzweise wissend, was nun geschehen, wie es weitergehen sollte, sein Leben, die Skelette, seine Suche …
    Ein Klappern aus allen Richtungen ließ ihn den Kopf hochreißen und einen Moment später panisch emporspringen. In die Toten war Bewegung gekommen. Ohne von irgendwelchen Sehnen und Muskeln zusammengehalten und von Haut umspannt zu werden, setzten die Knochen sich in Bewegung, stemmten sich aus ihren Gräbern und bildeten einen Kreis um Kayne, sahen ihn alle gemeinsam aus ihren unergründlichen schwarzen Augenhöhlen an.
    Eiskalte Schauer überzogen Kaynes Leib.
    Mit abwehrend erhobenen Händen, von deren Nutzlosigkeit er selbst nur zu überzeugt war, drehte sich Kayne um die eigene Achse, als bilde er sich ein, dadurch die Toten davon abzuhalten, über ihn herzufallen und ihn in Stücke zu reißen. Tatsächlich geschah nichts dergleichen, und irgendwann hielt er inne und sah ein einzelnes der Skelette an.
    Es trat einen Schritt vor, auf Kayne zu. Innerlich frohlockte er schon, glaubte, der Prozess der Wiedererweckung käme nun zu seinem Abschluss, doch anstatt sich zu verändern, reichte der Tote ihm eine rote Rose, deren Stacheln ihm heiß in die Hand stachen, als er sie entgegennahm. Doch Kayne ließ die Blume nicht fallen, sondern hielt sie fest umschlossen, nickte dem Skelett in trauriger Dankbarkeit zu und sah mit an, wie es in sein Grab zurückstieg und dort wieder zu dem Haufen lebloser Knochen wurde, das es über Jahre hinweg gewesen war und der Natur folgend auch sein sollte.
    Der nächste Tote trat vor, und am Ende der seltsamen Zeremonie, deren Sinn sich Kayne nicht gänzlich erschließen wollte und die doch eine befreiende Wirkung auf ihn gehabt hatte, hielt er in seiner höllisch schmerzenden, blutüberströmten Hand vierzehn rote Rosen und konnte auf dreizehn Gräber hinabsehen, die er wieder mit Erde zu füllen hatte.


  • und der Himbeerstrauch war ihm weit über den Kopf gewachsen,

    An dieser Stelle muss ich einfach klugscheißen: Es gibt gar keine Himbeersträucher. Himbeeren wachsen an Ruten, die sich unterirdisch durch Wurzelausläufer vermehren. Diese Ruten werden auch nach Jahren nicht höher als vllt 1,50 m. Wenn sie verwildern, nimmt nur die von Himbeeren bewachsene Fläche zu, aber nicht ihre Höhe. Wenn ich jetzt lese: war ihm weit über den Kopf gewachsen, schrumpft Kayne in meiner Vorstellung zu einem Zwerg. :D


    Ich weiß, dass ich deinen Text mit Faszination verschlungen habe. Das Surrealistische hatte mich gefangen genommen. Dieser Effekt ist bei den letzten beiden Posts nicht mehr da. Die wirken auf mich immer noch wie 133. Fortsetzung einer Geschichte, die mit Band 3 eigentlich schon erzählt war. Auch die neuen Dinge wie "Vergebung" reißen das nicht mehr raus. Dieses langgezogene Ende macht in meinen Augen die Geschichte kaputt (aber vllt ist das ja nur meine Meinung).

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Ich habe schon verstanden, dass er sich nicht direkt verwandelt hat^^ Wegen mir musst du das nicht umschreiben. Der Rest meines Kommentares gilt noch. Mein Hauptproblem war weniger die Verwandlung, die man sich auch mit Verrücktwerden erklären könnte, eher der seltsam herumstehende Sarg, der meine Logikrahmen gesprengt hat, weil er einfach plötzlich da war und es scheinbar nicht einmal die Bullen interessiert :D


    Es stimmt schon, man hatte einfach damals den Eindruck, dass die Geschichte ein offenes Ende mit dem Sarg hat. Aber jetzt will ich trotzdem wissen, was das eigentliche Ende sein soll und danach können wir dir ja sagen, was besser gefällt. Denn grundsätzlich stimme ich melli zu, eigentlich müsste es für den Leser nicht mehr weitergehen. Aber vielleicht hast du ja noch eine Überraschung parat^^

    "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"

  • „Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Tag“, vernahm Kayne die schwache Stimme eines Greises hinter seinem Rücken und drehte sich langsam um; er wusste, wen er gleich vor Augen haben würde.
    Der Mann, dessen Haar nicht mehr grau, sondern schlohweiß war und dessen Augen hinter so tiefen Falten verborgen lagen, dass sie kaum noch hervorblitzten, trug dieselbe grobe braune Kleidung wie bei ihrer ersten Begegnung nach Kaynes Sprung von der alten Eisenbahnbrücke. Er schwankte, obwohl nicht das leiseste Lüftchen wehte, und klammerte sich krampfhaft an seinen nicht sonderlich kunstvoll geschnitzten Gehstock. Der Alte war dem Tode nahe.
    „Ich … guten Tag“, stammelte Kayne völlig aufgelöst und mit erstickter Stimme, da er nicht wusste, was er mit der Situation anfangen sollte.
    Der Greis lächelte ihn väterlich an, wie er es auch am eigenen Kaminfeuer getan hatte. Welten schienen zwischen damals und heute zu liegen, und doch hatte sich der Mann zumindest innerlich nicht gewandelt, war durch und durch gut geblieben, wie Kayne ihn kennengelernt hatte. Eine Träne der Freude überschwemmte ihm den Augenwinkel, und er wischte sie verstohlen weg, verschmierte dabei Blut und Erde in seinem Gesicht.
    „Ich bringe Ihnen Ihren Hut vorbei“, sagte der Alte lächelnd. „Ein Obdachloser hat ihn mir in der Stadt übergeben, und ich dachte, Sie sollten ihn zurückerhalten, nun, da sie in der Lage dazu sind.“
    Eine Barriere bildete sich in Kaynes Kehle, und er brachte nicht einmal ein Wort des Dankes hervor, als der Mann sich mit seinem Gehstock elendig Schritt um Schritt vorankämpfte und sich so sehr strecken musste, dass seine alten Knochen lautstark knackten, als er Kayne den schwarzen Hut mit der breiten Krempe auf den Kopf setzte.
    „Verlieren Sie ihn nicht noch einmal, ich fürchte, ich werde nicht mehr in der Lage sein, ihn zurückzubringen“, sagte der Mann noch mit warnend erhobenem Zeigefinger, bevor er, noch immer verschmitzt lächelnd, um die Ecke humpelte und dabei leise stöhnte.

  • Wtf? Kayne steht also mit einem Strauß Rosen inmitten offener Gräber, der Alte kommt vorbei und gibt ihm den Hut? oO Ich weiß gerade nicht, was ich dazu sagen soll, außer, dass es irgendwie ziemlich traurig ist und deprimierend, weil der Opa gar nicht weiß, was Kayne für ein Fisch ist. Oder vielleicht doch?

    "Sehe ich aus wie einer, der Geld für einen Blumentopf ausgibt, in den schon die Pharaonen gepisst haben?"

  • :hmm: dieses Ende muss ich erst noch ein wenig sacken lassen.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Der Thread ist dann wohl zu Ende - vielen Dank euch allen fürs Kommentieren und Kritisieren und Mitverfolgen :thumbup:
    Was ich mit der Geschichte anstellen werde (bzw ob überhaupt noch irgendwas damit passiert), weiß ich noch nicht, aber falls ja, werde ich dann wohl eine Streichung des Endes in Betracht ziehen.


    :hi1:

  • Bin zwar erst am Anfang der Geschichte, was ich allerdings in den wenigen Zeilen erfahren habe hat mich bereits begeistert. Du drückst dich gut aus, verstehst es eine Atmosphäre mit Worten zu kreieren. Längere, verschachtelte Sätze empfinde ich keines falls als "zäh" oder unangenehm zu lesen, im Gegenteil, richtig ein- und umgesetzt fördern sie den Lesefluss und so ist es auch in deiner Geschichte.

  • Danke für's Ausbuddeln, Der Thaumaturg .


    Ich möchte bitte einen Smilie mit heruntergeklappter Kinnlade beantragen.


    Diese Geschichte ist ziemlich dark und entspricht damit sehr wenig bis gar nicht meinem Beuteschema. Trotzdem habe ich sie, quasi "in einem Rutsch", durchgelesen.


    Ich finde sie sehr fesselnd geschrieben, auch die Verschwommenheit zwischen Wahn und Realität ist beängstigend gut geschrieben.

    Was mich (ein kleines bißchen nur) stört, ist dieses quasi Happy-End. Das nimmt der Darknes ziemlich viel Intensität. Und ist irgendwie nicht wirklich nachvollziehbar in seiner Plötzlichkeit. Trotzdem: Auch das Heipopei im letzten Stück ist gut geschrieben... :thumbup:

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?