Was lest ihr gerade? (Non-Fantasy)

  • Ich habe noch einige Bücher am Laufen, aber Hörbücher passen ja doch irgendwie immer.

    Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki von Haruki Murakami ist jetzt also dran. Eigentlich sollte mein nächste Murakami eines seiner meistgeschätzten Bücher werden, aber die Hochschul-Bib hatte eben dieses, und ich habe das Taschenbuch dann auch neulich im offenen Bücherschrank gesehen ... naja. ^^


    Es ist der direkte Nachfolger zu "1Q84", von dem ich so massiv enttäuscht war. Das war damals ja ein 1600-Seiter. Die Pilgerjahre sind aber nur etwas mehr als 300 Seiten lang. Das könnte mich vielleicht etwas mit Murakami versöhnen.


    Worum geht es? Tsukuru Tazaki ist in seinen 30ern, als er Sara kennenlernt. Er fühlt sich das erste Mal tatsächlich zu einer Frau hingezogen, doch sie erkennt, dass in ihm eine Wunde klafft, die ihn nicht bei der Sache sein lässt. Denn als Tsukuru gerade einmal 20 war, wandten sich deine besten Freunde von ihm ab, verboten ihm jeden weiteren Kontakt und nannten dafür keinen Grund. Sara möchte ihre Beziehung zu Tsukuru fortsetzen, unter der Bedingung, dass er sich seiner Vergangenheit stellt und an sich arbeitet.


    So, das ist ein ganz einfacher, schmaler Bildungs-/Entwicklungsroman. Genau die Abwechslung, die ich zum verwinkelten Puzzle, dass die Locked Tomb-Reihe darstellt, gerade brauche. :rofl: Ich merke ich die als typisch geltenden Murakami-ismen (der Jazz, die Träume, der merkwürdige Sex), bisher gab es aber noch keinen Ausfall von der Sorte der unsterblichen Zeile aus 1Q84: "Es war so traurig, dass ihre zwei Freundinnen aus der Welt geschieden waren und mit ihnen ihre wunderschönen Brüste." Sowas gab es (bisher) noch nicht. Bisher ist das Buch einfach gut und interessant und muss nur noch seine Versprechungen, die es gemacht hat, einlösen. Da sollte eigentlich nicht viel schief gehen. :)

    Ja, vielleicht habe ich bei Murakami einfach mit dem falschen Roman angefangen.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Oh, ich muss es ja noch abschließen! Bin mittlerweile durch, durch das Buch.

    Es halt seine Versprechen ein und hat mich zufrieden zurückgelassen. :) Das hat mich mit Murakami versöhnt.

    Jemand meinte aber zu mir, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki seien eher mittelmäßig, verglichen mit den Meisterwerken, beispielsweise Die Chroniken des Aufziehvogels.

    Na, dann weiß ich ja, wo ich das nächste mal mit Murakami ansetze. :)

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing


    Vorbereitung fuer den Deutschunterricht der aeltesten Tochter - kann man ihr das von der Sprache her zumuten? Jep, kann man, es ist eher einfacher zu lesen als die 'Raeuber' und macht von der Handlung gut Tempo und Druck, die Grundidee wird sehr stringent verfolgt, wenig Schnoerkel und Symbolismus.


    Fuer heute vielleicht ein bisschen lasch, damals aber definitiv eher auf der provokanten Seite. Ohne den historischen Kontext wuerde ich es wahrscheinlich nicht schaetzen, aber damit ist es eigentlich sehr witzig, man kann viele kleine und grosse Spitzen gegen die Fuerstenhoefe der damaligen Zeit entdecken.

  • Ich habe vor kurzem die Biografie über meinen hochgeschätzten Herrn Frédéric Chopin von Eva Gesine Baur beendet. Bei Biografien bin ich immer vorsichtig, vor allem, wenn sie so extrem dick sind wie dieses Exemplar; reichern doch die Autoren gern die eher dünne Faktenlage mit ausschweifenden Eigenkreationen an, und dann kommen oft Affären, Intrigen, Charakterzüge und Dialoge vor, die in Wahrheit so nie passiert sind/sein könnten. Nicht so bei Baur; im ganzen Buch findet sich kein einziger ausgedachter Dialog. Tatsächlich formuliert die Autorin alles, was sie nicht weiß, in Fragen: "Ist er verunsichert, weil Liszt beim Publikum so herausragend ankommt? Betrachtet er ihn als Konkurrenz?" und so ähnlich. Chopins Innenleben wird nie blumig nach außen gekehrt - das ist für Realisten ohnehin ein unmögliches Unterfangen -, sondern immer nur mit konkreten Dokumenten, Briefen, Tagebucheinträgen und Aussagen von Augenzeugen gearbeitet, alles andere sind vorsichtig formulierte Fragen, Vorschläge, Andeutungen im Schatten. Somit bleibt Chopin für den Leser ein Rätsel, man kommt ihm nicht sehr viel näher, sondern macht sich lediglich Vorstellungen über ihn. Und das ist auch gut so.

  • Heyho Stadtnymphe


    Da muß ich mich jetzt mal ganz herzlich bei Dir bedanken!

    Ich hab' vor Ewigkeiten mal auf einem Flohmarkt die Gesamteinspielung der Werke Chopins von Adam Harasiewicz gekauft (14 Lp's), die einmal durchgehört und dann weggestellt.

    Jetzt laufen die hier gerade in Dauerrotation...lieben Dank für's dran erinnern! :nummer1: :nummer1: :nummer1: :nummer1:

  • Ich hab mir heute ein bisschen leichte Lektüre (tatsächlich nur wenige Gramm schwer) gegönnt: Das Impfbuch für alle. Vom RKI. Kann man sich kostenlos bestellen oder herunterladen, um im Gespräch mit Freunden, Skeptikern, Besserwissern, Überzeugten, Leugnern, Impfbefürwortern - sprich, einfach allen - genau das zu bringen, was heutzutage scheinbar vielen Leuten fehlt: eine solide Faktenlage. Und diese sind in diesem Büchlein, das optisch tatsächlich wie ein Impfausweis aussieht (nur innen etwas voller ist), sehr übersichtlich und logisch aufbereitet, gewürzt mit kleinen unterhaltsamen Kommentarspalten von Dr. von Hirschhausen (der sich selbst für diese Position legitimiert, dass er früher Kinder geimpft hat, sagt er). Es geht nicht nur um Covid, es geht um alle möglichen Impfstoffe, um die Geschichte des Impfens - vaccinate kommt von "vacca"(lat.), also "Kuh", weil die erste Pockenimpfung, moralisch und ethisch nicht vertretbar, durch Kuhpocken ermöglicht wurde - ebenso wie die Geschichte der Impfgegner. Klar, das RKI befürwortet Impfen und empfiehlt es ausdrücklich, doch trotzdem möchte dieses Büchlein, so der Klappentext, informieren und dem geneigten Leser ermöglichen, seine eigene Entscheidung zu fällen. Aber nicht aus einem unfundierten Bauchgefühl heraus, sondern basierend auf Fakten. Davon gibts auch viele mundgerecht präsentiert. Nicht zuletzt wird eine Impfpflicht diskutiert und Querverweise zu Dumas' Drei Musketieren werden gezogen.

    Ich kann's nur empfehlen, denn Wissen über Fakten hat heutzutage noch keinem geschadet - und was man damit anfängt, ist dann abhängig vom gesunden Menschenverstand. Und auch nur 78 Seiten. Ideales Weihnachtsgeschenk für alle, die noch unschlüssig sind.