Was lest ihr gerade? (Non-Fantasy)

Es gibt 576 Antworten in diesem Thema, welches 88.723 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Octopoda.

  • Tristan von Thomas Mann


    Immer wieder auf der Suche nach Lektuere fuer den Deutschunterricht der Tochter zu Hause inzwischen also zu Thomas Mann vorgedrungen. Das netteste was mir zu der Novelle einfaellt ist dass sie kurz ist. Thematisch geht's um den Kontrast zwischen geschaeftstuechtigem Buergertum und voellig vergeistigtem Schriftsteller der... nun ja, sein Bild von der Schoenheit von Frauen z.B. daher nimmt dass er sie nur fluechtig ansieht und sich den Rest denkt, ins Gesicht sieht er ihnen gar nicht. Alles recht ueberzeichnet, soll vermutlich witzig geschrieben sein wie er die anderen Bewohner des Sanatoriums in dem die Geschichte spielt charakterisiert, funktioniert fuer mich alles nicht so recht.


    Vor Jahren hatte ich mal versucht den Zauberberg zu lesen - gleiches Problem, nur viiiel laenger.

    Die Novelle hab ich vor Ewigkeiten mal in einem Sammelband ("Der Tod in Venedig und andere Erzählungen" gelesen). Das Ding war für mich, dass ich einfach nie so richtig wusste, was ich nun davon halten sollte, einfach weil damals wahrscheinlich einfach vieles an mir vorbei ging. :hmm: Einen Roman von Mann wollte ich mir nochmal geben, aber was so diesen bürgerlichen Realismus angeht, gefällt mir Fontane irgendwie besser.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Risiko von Gerd Gigerenzer


    Im Buch geht's um das Entscheiden in einer Welt wo nicht alles bekannt ist, um Wahrscheinlichkeiten und was sie bedeuten und vor allem wie man Risiken gut kommunizieren kann.


    Ohne das Buch zu kennen sind viele Aspekte schon in meinem Blog zur Weltlage aufgetaucht, z.B. empfiehlt Gigerenzer Risiken visuell zu zeigen - auf Icon Sheets - wie ich das schon mal hier gemacht hatte wo man sofort ein visuelles Bild hat was es bedeutet wenn Corona auf einem Flugzeugtraeger zuschlaegt:



    Andere Aspekte wie falsche Positive bei geringer Praevalenz sollten einem Blog-Leser auch bekannt vorkommen.


    Das Buch stellt die ganzen Ideen sehr schoen uns systematisch dar. Ein Aspekt der wichtig ist, den ich aber nie so diskutiert hatte ist dass das Konzept 'Wahrscheinlichkeit' in der Praxis ganz unterschiedliche Dinge bedeutet - es kann naemlich einmal fuer eine 'Neigung' stehen (wie gross ist die Wahrscheinlichkeit dass ein Wuerfel eine sechs zeigt?) - andererseits aber auch fuer die Schaetzung des Unwissens ('wie gross ist die Wahrscheinlichkeit dass es zu Abraham Lincoln's Vereidigung Regen gab?') - jemand mit genauerem Wissen wird die zweite Aussage nicht unbedingt in Wahrscheinlichkeiten kleiden, die erste aber schon.


    Grade Wahrscheinlichkeit als Unwissen verschleiert dann aber durch mathematischen Formalismus dass es sich wirklich um Unwissen handelt - und gaukelt eine Exaktheit in Modellen vor die so nicht existiert.


    Wer gerne an seinem Ruestzeug feilen mag um die Berichterstattung zu Corona, medizinische Studien oder aehnliches besser zu verstehen - lohnt sich unbedingt zu lesen, kann ich sehr empfehlen. Das Buch ist leicht geschrieben, anschaulich und hat viele Fallbeispiele.

  • Gerade das Hörbuch zu Katz und Maus von Günter Grass zu Ende angehört. 2020 habe ich die Novelle gelesen und fand sie sehr schwerfällig. Angehört ist es aber plötzlich ganz anders. Plötzlich, von Grass gelesen, wird das Ding lebendig und ist eine tolle, lebendige Erzählung! Warum ging nicht mit normalem Schriftbild? Ich habe da ein paar Gedanken:


    - Grass' Prosa, so gerne ich sie mag, ist etwas unnötig verwinkelt. Komplexere Aufzählungen über eine halbe Seite, die man mit Semikolons (Semikola?) machen muss ... Ein Walter Moers hätte Punkte gesetzt. Und dann sind da Einschübe, die gerne mal über mehrere Zeilen gehen. Wenn Grass das vorliest, weiß er, wie er das betonen muss, damit das wirkt. Ein Leser, der das zum ersten Mal sieht, weiß das nicht. Und dann sind da noch diese Aufzählungen ohne Kommata, die Grass später nur gemacht hat, wenn er drei Worte aufgezählt hat, was erstaunlich gut funktioniert. Hier macht er es oft bei zwei Worten, und das irritiert.


    - Adjektive und Adverbien, die den Lesefluss behindern. Es sind an manchen Stellen einfach zu viele, meiner Ansicht nach. Grass will genau und sehr spezifisch sein, schafft das auch, aber opfert dafür einen Teil des Leseflusses.


    - Manche Passagen hätten wahrscheinlich nur halb so lang sein brauchen. Ich denke da besonders an die Vorträge der Ritterkreuzträger. Etwas gekürzt wäre das, was Grass da rüberbringen wollte, meiner Ansicht nach auch deutlich geworden.


    Ich denke, wenn diese drei Punkte bearbeitet würden, wäre Katz und Maus heute noch mehr gelesen und Schüler, die das als Schullektüre bekommen, wären auch dankbar. Wobei ich sowieso fraglich finde, ob ein Anarcho wie Grass überhaupt gelehrt werden kann. Den sollte man sich schon aus eigenen Willen erschließen, sonst ist das einfach ätzend. :hmm:

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Mario und der Zauberer von Thomas Mann


    Auch eine Lektuere fuer den Deutschunterricht der aeltesten Tochter - und die erste Geschichte von Mann die mir tatsaechlich gefaellt (meine Tochter fand sie 'creepy' - was irgendwie der Punkt dran ist...)


    Eigentlich passiert nicht viel - der Erzaehler schaut mit der Familie die Show eines Hypnotiseurs an der mehr und mehr das Publikum in seinem Bann schlaegt - bis die Sache am Ende entgleitet.


    Ein immer wiederkehrendes Thema ist 'wollen, aber doch nicht tun'. Der Erzaehler will aus Italien abreisen, der Urlaub macht keinen rechten Spass - tut es aber nicht. Die Familie will die Show zur Pause verlassen, es ist spaet, die Kinder sind schon eingeschlafen und sollten im Bett sein, so recht gefallen tut die Veranstaltung auch nicht - sie wollen gehen, bleiben aber doch irgendwie. Ein Zuschauer will sich der Hypnose widersetzen, faengt aber doch an zu tanzen.


    Die meisten Autoren sind schon gut damit beschaeftigt, das Handeln ihrer Protagonisten plausibel aussehen zu koennen. Ein Plottwist wie 'Rogar will kein Blutvergiessen und keinen Kampf, greift aber doch die Wachen an obwohl er nicht weiss wieso' wuerde ein bisschen eigenartig rueberkommen.


    Mann schaft das, die Geschichte so zu entwickeln dass man irgendwie das Gefuehl dafuer bekommt wieso - der Leser wird in die schmierige Atmosphaere der Show reingezogen und... will dann auch irgendwie wissen wie's weitergeht, obwohl (oder weil) es eben so 'creepy' ist.


    Ich fand die Novelle gut geschrieben, die Atmosphaere ist toll eingefangen und die Beobachtungen der menschlichen Natur sind tiefschuerfend und intelligent. Die Geschichte wird vielfach als eine Parabel auf den Faschismus gelesen- diese Deutung fand ich eher unterkomplex und forciert - statt dessen geht's meines Erachtens um etwas raetselhaftes in der menschlichen Natur.

  • Die "Silber" Reihe, von Kirsten Gier. Das ist die Autorin von der Rubinrot Reihe, die auch verfilmt wurde.

    Die Filme fand ich ok bis meh, aber die Silber Reihe finde ich extrem ansprechend und super geschrieben.

    Werd irgendwann danach auch die Rubin Reihe lesen und einfach hoffen, dass auch in dem Fall das Buch besser ist als der Film :D

    Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
    Josh: Meine Prophetin!

  • Die "Silber" Reihe, von Kirsten Gier. Das ist die Autorin von der Rubinrot Reihe, die auch verfilmt wurde.

    Die Filme fand ich ok bis meh, aber die Silber Reihe finde ich extrem ansprechend und super geschrieben.

    Werd irgendwann danach auch die Rubin Reihe lesen und einfach hoffen, dass auch in dem Fall das Buch besser ist als der Film :D

    Interessant, dass du "Silber" als Non-Fantasy einstufst, denn diese Art zu träumen ist mir persönlich noch nie gelungen, und auch mit anderen Leuten bewusst gemeinsam zu träumen wie in einem Videogame, wäre für mich eher.... fantastisch :D

    Ich stimme dir aber absolut zu, die Silber-Bücher sind der Hit und ich habe sie selbst als nun doch schon Erwachsene jüngst in den Ferien mal wieder verschlungen. Die Rubinrot-Reihe kann ich dir sehr ans Herz legen, wenn du es ein bisschen klischeehafter willst, die Filme solltest du dir schnell wieder aus dem Gedächtnis ätzen. :)

  • Qualityland von Marc-Uwe Kling


    Tja, ich glaube ich mache jetzt mal einen richtigen Verriss...


    Worum geht's? In einer Welt die unsere Facebook, Amazon und WhatNot Sucht ein bisschen weiter treibt, bekommt ein Typ automatisch ein Produkt zurueckgeschickt von dem der Algorithmus glaubt er will es - will er aber nicht, und er kaempft darum, es an die Firma zurueckzugeben.


    Jo - das ist im Wesentlichen alles. Der Rest ist aus realen Publikationen ueber das Internet entnommen - Algorithmen die von rassistischen Entscheidungen lernen werden rassistisch - jo, passiert genau so in QualityLand. Filter-bubbles zeigen jedem was er sehen will? Jo, passiert genau so in QualityLand. Die Webcam von Computern etc. kann ein Hacker benutzen um heimlich Bilder zu machen? Jo, passiert genau so in QualityLand. Und so weiter.


    Auf dem Cover wird das Buch als Satire angepriesen - wieso denn das? Das sind alles reale Probleme im Netz. Als witzig - was ist daran witzig? Als originell - nichts davon hat Kling sich ausgedacht, wer sich fuer den Problemkreis Internet/Filterblasen/KI/Algorithmen interessiert kann mehr oder weniger sagen was fuer Quellen Kling benutzt hat ohne sie gross zu veraendern - und einfach eine duenne Geschichte drum gestrickt.


    Nee - 1992 hat Neal Stephenson mit 'Snow Crash' eine Prognose in den Raum geworfen wo bestimmte Fehl-Entwicklungen hinfuehren koennten - das ist gewagt, witzig, mit viel eigenen Ideen versehen, und man kann jetzt vergleichen wie was davon eingetreten ist. Dagegen ist Kling's Werk wirklich mau.


    (Und ja - das Kaenguruh kommt auch wieder vor... als digitaler Avatar...)

  • Quality Land hab ich auch mal gelesen. Bin mir gerade nicht mehr ganz sicher, wie mein Gefühl damals war :hmm: Aber jetzt, so rückblickend, stimme ich dir da zu, Thorsten . Vielleicht ist die Leistung von Kling, dass er diese Themen einem breiteren Publikum in nett zu lesender Art präsentiert? Wobei ich das jetzt auch nicht verteidigen will... für mich sind gute Bücher ja eher die, die ich gerne nochmal ein zweites Mal (oder häufiger) lesen möchte. Den Wunsch verspüre ich da jetzt nicht unbedingt. Ist eher ein so "Zur Kenntnis genommen".


    Bzgl. "Snow Crash": Würdest du das jetzt noch empfehlen? Also ist es noch aktuell. Bei - ich lehne mich mal bis zu den Zehenspitzen aus dem Fenster - im weitesten Sinn Dystopien, Utopien, Sci-Fi mit Vorhersagecharakter für unsere Gesellschaft und ähnliche Themen gibt's ja immer welche, die halt in der Zeit, in der sie geschrieben wurden, aktuell sind und nach 10 Jahren von der Realität überholt werden. Und andere, die auch Jahre später noch etwas darstellen, was (leider) immer wieder aktuell wird.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Bzgl. "Snow Crash": Würdest du das jetzt noch empfehlen? Also ist es noch aktuell.

    In einigen Aspekten sicher nicht, in anderen schon.


    Grade wie sich die Gesellschaft so in kommerzielle Enklaven segmentiert hatte ich beim ersten Lesen nicht verstanden - erst als ich in USA in einer Gated Community gewohnt habe, ist mir aufgegangen worum es da geht - das und das Metaverse sind mit einiger Sicherheit auch heute noch aktuell, die Dystopie des Zerfalls von Staatsgewalt in der Form vielleicht eher nicht.


    Ausserdem fand ich die Geschichte dahinter ziemlich spannend...

  • Ich hab mir das Buch "Wie Hitler das Skateboard erfand" gekauft. Ich kann mir nicht helfen - es gefällt mir! Man lernt schön, um zig Ecken zu denken.

  • Weil ich vergessen hatte, mir was für die Pause von zu Hause zum Lesen mitzunehmen, habe ich aus Verzweiflung "Fußballbekloppt", die Autobiographie von Reiner Callmund angefangen, die im Ruheraum auf der Arbeit im Bücherregal rumstand.

    Nun geht mir Fußball bereits seit meinen Kindertagen komplett am Arsch vorbei...und R.Callmund kannte ich auch nur als superfetten Funktionär aus diversen Memes online ("...nur noch ein winzisch Oblat'!"), eigentlich ist das nichts, was ich unter "vielleicht mal interessant" buche.


    Trotzdem lese ich in jeder Pause ein Kapitel, einfach deshalb, weil der Typ einen tollen Stil hat, mit dem er seine Geschichte erzählt. Was davon wahr ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt...

  • Um für meine Völker und Protagonisten meiner Fantasywelten immer einen plausiblen, teilweise auch realistischen Hintergrund erschaffen zu können, bediene ich mich nicht nur meiner Phantasie, sondern lese auch gerne Bücher über vergangene oder heute noch existierende Völker und Stammesverbünde die etwas ausgefallen sind.

    Einfach um Anregungen zu erhalten und auch um meinen Horizont zu erweitern, Ich bin leider nicht so gut in Völkerkunde.

    Letzte Woche war ich mit dem Buch < Das vergessene Volk > von Michael Holzach durch, der ein Jahr lang bei den Hutterer in Kanada lebte und drüber Tagebuch führte. Seit Sonntag ist meine Leselektüre < Vergesst die Namen nicht > von Betty Sue Cummungs, in welchem Leben und Tod der Miccosukee-Indianer im zweiten Seminolenkrieg in Florida beschrieben wird.

  • Neulich beendet: Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné.

    Das ist jetzt nicht wirklich realistische Literatur, aber die Phantastik-Elemente könnten auch nur die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin sein ... also passt es wahrscheinlich hier besser. :)


    Das ist ein 240-seitiger Roman mit no bullshit-Attitüde. Er handelt von der namenlosen Protagonistin, die in einer Reihenhaussiedlung in Belgien lebt und versucht sich und ihren Bruder vor dem Einfluss ihres gewalttätigen Vaters zu schützen.

    Eines Tages explodiert dem Eismann die Schlagsahne in der Hand und zertrümmert ihm den Schädel. Von da an verändert sich ihr Bruder, was damit beginnt, dass er seinen Hamster mit einer Reißzwecke foltert. Und dann gerät die Protagonistin noch zunehmend ins Fadenkreuz ihres Vaters, je weiblicher ihr Körper wird ...


    Ein Roman mit starker Dringlichkeit, der mich immer wieder zu sich gezogen hat. Damit kann man wirklich nichts falsch machen, außer man hat etwas gegen Brutalität ^^


    Edit: Achja. Sie büffelt wie besessen Physik, um in der Zeit zurück zu reisen und das Unglück des Eismanns ungeschehen zu machen. Solche kindlichen Perspektiven liebe ich einfach.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Habe mittlerweile das Hörbuch zu Naokos Lächeln (Untertitel: Nur eine Liebesgeschichte) von Haruki Murakami begonnen.

    Bisher scheint es mit das beste Buch von Murakami zu sein, das ich lese. :hmm: Schwierig zu sagen, woran ich das festmache. Murakami soll ja irgendwie immer wieder das gleiche Schreiben: städtische Langeweile, verschwindende Menschen, ausgetrocknete Brunnen, merkwürdige geradezu klinisch beschriebene Sexszenen ... Und hier finde ich das einfach irgendwie ansprechender als in 1Q84 (hat mich sehr enttäuscht) oder Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (fand ich solide, hielt, was es versprach, soll angeblich aber eher so Mittelfeld in Murakamis Schaffen sein).


    Naja, gefällt mir bisher jedenfalls. Der Protagonist beginnt eine Beziehung mit einer zurückhaltenden Freundin namens Naoko, die vor Jahren mit einem Schulfreund zusammen war, der aber Selbstmord beging. Doch nach dem ersten Sex verschwindet sie und lässt erstmal nichts von sich hören. Etwas später küsst er eine lebensfrohe Studentin aus einem früheren Semester namens Midori, aber beide stellen fest, das ihnen doch immer noch andere wichtig sind. Bald kommt ein Brief von Naoko an: Sie befindet sich in einem Sanatorium ...


    Ich bleibe dran :)

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Gerade ausgelesen:

    Hatte ich vor vier Stunden aus dem offenen Bücherschrank um die Ecke gefischt und mich gegen halb Sechs damit auf den Balkon gesetzt.

    Was ich an Autobiographien liebe, vor allem, wenn sie in einer Zeit vor meiner entstanden sind, ist der jeweilige zeitgenössische Sprachgebrauch, gewisse Formulierungen, um etwas zu beschreiben.

    Da kriegt man rasch einen guten Eindruck davon, wie die Denke damals war.

    Im Falle Paul Henckels bekam ich, was ich erwartet hatte:

    Den direkten Blick auf die Anfänge sowohl des deutschen Tonfilms als auch der Gründungszeit des Düsseldorfer Schauspielhauses (1905), geleitet von Louise Dumont und Gustav Lindemann, beschrieben von einem, der dabei war.

    Formuliert der sich dann auch noch bodenständig-herzhaft in Kombination mit einer Sprachgewandheit der Meisterklasse, rauscht man durch die 220 Seiten nur so durch und ärgert sich fast, daß es so wenige waren.

    Hier zwei Leseproben:


    "Ich fuhr damals häufig vom Rhein nach Berlin. Einmal zusammen mit Hans Müller-Schlösser, dem Autor der Komödie "Schneider Wibbel". - Wir sind Schulkameraden seit Sexta. Damals war ich ein sehr kleines Kerlchen gewesen, und "Hännes" hatte mich um Haupteslänge überragt. In Quinta wurde das anders; Hännes vergaß das Wachsen und hat sich nie mehr daran erinnert, ich aber tat jedes Jahr einen gewaltigen Schuß.

    Hännes legte dafür seine Breitseiten aus und betrieb das Wachsen ins Horizontale. Zum Kugelrunden war schließlich der Weg nicht mehr weit. Mir kann das nicht passieren. -

    (Kapitel 9: Die defekte Leselampe)


    "Hat man heute übrigens noch eine Vorstellung davon, welche Kaufkraft um die Jahrhundertwende ein Goldfuchs, ein goldenes Zwanzigmarkstück, hatte?

    Und wenn man sich daran erinnert und gar aufzählt, was man für solch ein legendäres Goldstück bekam, dann läuft man Gefahr, als Aufschneider zu gelten, wenn nicht gar als Schwindler.

    Als ich glücklich, nach mißglücktem Erstversuch, das "Einjährige" mit der Versetzung von Unter- nach Obersekunda geschafft hatte, bekam ich von den Eltern als Belohnung solch ein goldenes Zwanzigmarkstück. Ich war ein Krösus.

    Ich lud meine vierzehn Conpennäler zu einem Einjährigen-Kommers ins "Füchs'chen" auf der Ratingerstraße in Düsseldorfs Altstadt ein, ließ ein tüchtiges Fäßlein "Obergäriges" auffahren und große Platten mit Blut- und Leberwurstbrötchen sowie "Röggelcher mit Kies" und "halven Hahn", das ist ein halbes Roggenbrötchen mit Mainzerkäse.

    Damit - ich muß es schon so nennen - soffen wir fünfzehn Mann uns toll und voll und fraßen uns dumm und dämlich!

    Im Hinterzimmer des "Füchs'chen" stiegen markige Lieder zur Decke und sanken nach und nach die meisten Zechbrüder mit den Köpfen auf die Tische, oder auch unter diese. Ich, nach Berappung der Zeche, scharte - mit dem Rest meiner Zechinen (!) - die noch Vernehmungsfähigen um mich, lud sie in ein nächtliches einspänniges "Droschkong" und mit Jubel und Johlen weckten wir das eben erwachende Düsseldorf völlig aus dem Schlafe.

    Ich ließ meine Beine rechts aus dem Droschkenfenster baumeln, links baumelte ein anderer mit seinen, und so peilten wir die jeweiligen elterlichen Behausungen an, uns unseres prächtigen Affen freuend und noch gar nicht an den sicher eingehandelten Kater denkend.

    Soviel Freude kann sich unsere Jugend heute für zwanzig D-Mark nicht mehr schaffen."

    (Kapitel 11: So ändern sich die Zeiten)

  • The WAR of ART (So durchbrechen Sie innere Blockaden und gewinnen kreative Energie)


    Das Buch ist inhaltlich ganz spannend. Aber in der Aufmachung ein einziges Ärgernis.

    Es gibt überfette Kapitelüberschriften, dann einen Drei- bis Fünfzeiler. Punkt. Neue Seite.

    Ernsthaft. Und das nicht nur einmal. Wenn die einfach mit ein bis zwei Leerzeilen zwischen den Kapiteln gearbeitet hätten, wäre das Ding in den Seiten dünner als sein eigner Pappeinband (Übertreibung macht deutlich.) Ich bin... nicht amüsiert.


    Mal sehen, was der Inhalt noch hergibt.

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
    -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Sooo, beendet. Ja, diesen Murakami mochte ich bisher am meisten.

    Unser Protagonist lernt einige Frauen und Freunde in Beziehungen kennen und erkennt Parallelen zwischen sich, Naoko und dem toten Kindheitsfreund wieder, der sich das Leben nahm. Naoko kommt ins Sanatorium, weil sie Stimmen hört und es ist nicht klar, ob sie jemals wieder gesund wird. Trotzdem liebt Toru (der Protagonist) sie und versucht, für sie da zu sein. Aber seine eigenen Bedürfnisse darf er auch nicht vergessen, und seine Freunde sind nicht unbedingt glücklich in ihren Beziehungen, da gibt es einiges für Toru, um darüber nachzudenken, was er eigentlich will.


    Ein ruhiger, etwas skurriler, etwas merkwürdiger Roman, wo lauter Leute abseits von jeder Hast, obwohl sie auch ernste Probleme haben, über Sex reden. Ja, es eine etwas merkwürdige, warme, kuschelige Decke. Man sollte nicht so viel Charaktertiefe oder so erwarten.

    Der Protagonist ist ein normaler, durchschnittlicher Durchnittsnormalo, in nichts besonders gut, mit keiner besonderen Meinung oder Qulitäten, den die Frauen aber toll finden. Ganz typisch Murakami eben. :D

    Äh, also, irgendwie habe ich damit jetzt auch das Wichtigste gesagt. :hmm: Kann man definitiv machen, hält, was es verspricht und ist angenehm zu lesen.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Meritie (Seeweg) - die Geschichte der Navigation


    Ich recherchiere grade fuer eine Piratengeschichte wie man so ein Segelschiff eigentlich faehrt - und da ist Navigation schon ein interessanter Aspekt. Das Buch ist recht ausfuehrlich und geht auf verschiedene Ansaetze ein - wie sich die Navigation nach Erfahrung wie sie noch in Polyneisen existiert nach und nach in eine Wissenschaft verwandelt hat bei der man sich am Himmel und an Uhren orientiert, wie Seekarten immer besser werden,...


    Zwischendrin immer wieder spannende Erkenntnisse im Detail - wenn man mit einem Sextanten die Hoehe von Sternen ausmessen will, hat man wenig Zeit - es muss dunkel genug sein dass man die Sterne sieht, aber hell genug dass man den Horizont noch gut erkennen kann. Die Wikinger mussten den Sommer ueber sowieso nur mit Sonne navigieren - um Sterne zu sehen wird's nicht dunkel genug. Man kann - wenn man sehr genau Winkel messen kann - aus dem Winkelabstand zwischen Mond und einem Stern in der Naehe im Prinzip den Laengengrad rausmessen.


    Wie so oft ist beeindruckend was fuer Messungen man in der Antike und im Mittelalter eigentlich machen konnte. Ich weiss ja wie's im Prinzip geht z.B. den Erdradius zu bestimmen - aber selbst mit Teleskop zu meiner Verfuegung koennte ich nicht die noetige Genauigkeit fuer ein gutes Ergebnis aufbringen.


    Lustig sind auch Seekarten im Lauf der Zeit - dass man um 1500 z.B. suedlich von Island noch die Insel Heather-Bleather vermutete (die ziemlich gross war...) ist recht amuesant zu sehen - ob es da den einen oder anderen enttaeuschten Kapitaen gegeben hat?

  • Kuinka lukea Raamattua kirjallisuutena (Wie man die Bibel als Literatur liest) von Leland Ryken


    Der Autor geht von der Praemisse aus dass man zwar den historischen Kontext und die Entwicklung der Bibel - genau wie die theologische Botschaft - schon ganz gut kennt und in Kommentaren nachlesen kann - dass es sich aber eben auch um Texte handelt die sich an einen Leser richten und ihn ansprechen sollen - und dass man sich dieses 'wie ist der Text gemacht, warum spricht er Leser an, was versucht er' durchaus auch mit Gewinn analysieren kann.


    Im Buch geht's zur Sache wie oft in meinem Blog zum Schreiben - da werden Fragen behandelt wie 'welche Mittel hat ein Autor, einen Protagonisten zu charakterisieren (direkt durch Beschreibung, indirekt durch das was er sagt, durch die Gedanken von anderen Protagonisten, durch seine Taten,...) - und welche Vor- und Nachteile die Mittel jeweils haben. Unterfuettert ist das dann mit Textbeispielen.


    Bei dem Kapitel ueber Lyrik wird's spezieller, weil es da einige Dinge gibt die spezifisch fuer hebraaeische Dichtung sind (Parallelismus zum Beispiel) - aber auch da geht's um Fragen wie wann funktioniert eine Metapher, wann ist sie besser als ein Vergleich, was braucht der Leser um eine Metapher zu verstehen,...


    Ich hatte das Buch mit einem 'koennte man mal reinschauen' aus der Bibliothek geholt, aber es hat mich sehr angenehm ueberrascht - kein Geschwurbel, einen guten Zugang zu Textanalyse - kann man auch als Fantasy-Autor mit Gewinn lesen.

  • Ausgelesen:

    Da bin ich letzten Montag eher zufällig drüber gestolpert, als ich was ganz anderes in der Buchhandlung suchte. Fand den Preis mit € 18 zwar etwas happig, andererseits hat mich einfach mal interessiert, was es so Neues gibt an Ansichten und Meinungen zu meiner Lieblingsmusik.

    Da konnte ich jetzt zwar nicht viel finden, was ich nicht vorher schon darüber wußte, aber es hat eine Menge Spaß gemacht, den Ausführungen von Doc Nico Rose zu folgen, den mancher vielleicht von FB als Leiter des "Ministeriums für Schwermetall" kennt.

    Mir war der Mann bisher völlig unbekannt, gleichwohl von der ersten Zeile an überaus sympathisch in der Art und Weise, mit der er versucht hat, Antworten darauf zu finden, ob Metal hören schlauer macht oder nicht, ob es eine frühe Prägung durch die "harte" Musik gibt, durch die man zeitlebens treuer Hörer bleibt. Ob Metal vielleicht sowas wie ein Religionsersatz sein kann oder vielleicht gar selbst eine ist und wie es um die Psyche der Rübenschüttler bestellt ist.


    Nun ist der Autor zum einen Psychologe, zum anderen seit seiner Jugend bekennender Headbanger und verfügt dazu über einen Schreibstil, der das Beste aus beiden Welten nach der Devise: "Soviel Wissenschaft wie nötig - soviel Leidenschaft wie möglich!" miteinander verbindet.

    Aufgelockert wird das Ganze durch diverse hochinformative Interviews (u.a. Sabina Classen(Holy Moses), Marcus Bischoff(Heaven Shall Burn), Thomas Gurath(Debauchery) u.v.m.).

    Alles in allem sehr unterhaltsam - selbstverständlich auch für Nichtmetaller. :)