Was lest ihr gerade? (Non-Fantasy)

Es gibt 901 Antworten in diesem Thema, welches 274.565 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (6. August 2026 um 00:05) ist von Der Wanderer.

  • Learn to Read Ancient Sumerian von Joshua Bowen und Megan Lewis

    Vor ein paar Jahren hab' ich schon mal versucht mir Sumerisch und Keilschrift beizubringen, damals kam mir eine Krise in die Quere - jetzt also wieder. Dieses Buch als Einstieg.

    Man kann... nicht waehlerisch sein wenn man Einfuehrungen in eine 4000 Jahre alte Sprache sucht. Das meiste Material ist akademisch und/oder recht alt.

    Trotzdem ist man damit wohl besser bedient. Ich hab' noch nie so einen schlecht gemachten Sprachkurs gesehen (und ich hab' schon viele gesehen und durchgearbeitet):(

    Gut gemeinte Vereinfachungen sind halt nicht immer gut gemacht.

    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass Sumerisch eine ergative Sprache ist, die Autoren aber partout alles mit englischer Grammatik erklaeren wollen.

    Also - in einer ergativen Sprache beschreiben Verben - grob gesprochen - ein Geschehen, keine Taetigkeit wie auf Deutsch oder Englisch. Das Verb nimmt dann immer ein direktes Objekt, aber nicht immer ein handelndes Subjekt. Einfache Saetze koennen dann auf Deutsch impersonal, passiv oder intransitive Saetze darstellen. Also

    'es passiert Bauen fuer ein Haus' = ein Haus wird gebaut (passiv)
    'es passiert Sterben fuer einen Mann' = ein Mann stirbt (intransitiv)
    'es passiert Sterben fuer einen Mann durch einen Krieger' = der Krieger toetet einen Mann' (transitiv)
    'es passiert Sterben' = 'es wird gestorben' (impersonal, passiv)

    Wenn man das mal verinnerlicht hat (und das dauert eine halbe Stunde) ergibt die ganze Logik der Sprache inneren Sinn - man weiss sofort wo und warum Pronomen kommen muessen, warum Relativsaetze so funktionieren wie sie es tun, wie das Partizip uebersetzt werden muss,...

    Bowen und Lewis erklaeren aber alles in englischer Grammatik - und da ergibt halt nichts irgend einen Sinn sondern ist ein einziger Wust von Regeln die sich scheinbar willkuerlich aendern je nachdem ob das Verb im englischen hetzt transitiv ist. Schlimmer noch - weil die meisten Leser vermutlich englische Muttersprachler sind, muessen sie die englische Grammatik erklaeren (normalerweise kennen Leute die Grammatik der Muttersprache ja nicht explizit) - nun will aber niemand Englisch in Sumerisch uebersetzen, sondern das Ziel ist einen existierenden sumerischen Text zu lesen - und dazu waere eigentlich die sumerische Grammatik hilfreicher...:S

    Dann sind die Beispiele fuer die englische Grammatik leider aber auch oft falsch gewaehlt - 'to walk is an intransitive verb, you cannot walk 'something' - doch, kann ich, 'I can walk my dog'...

    Beim Durcharbeiten der Lektionen stellt sich dann raus - das Vokabular enthaelt Woerter die nicht in den Uebungstexten vorkommen, die enthalten dafuer Woerter die nicht im Vokabular vorkommen, oft nicht mal in der grossen Vokabelliste am Ende, man kann sie ja online nachschlagen,... man lernt Zeichen die man erst 5 Lektionen spaeter fuer Leseuebungen braucht (und bis dahin wieder vergessen hat, weil - man uebt sie ja nie), dann verwenden die Leseuebungen auch Zeichen die noch gar nicht eingefuehrt waeren (kann man ja raten?)

    Alles in allem ist die Frustschwelle bei den Uebungen so hoch, man weiss nie ob man's nicht kapiert hat, ob man was vergessen hat oder ob das Buch einfach wieder was erwartet was nicht erklaert war - probegelesen hat das Werk anscheinend niemand...

    Angeblich sind die beiden fuehrend darin, die Assyrologie der Oeffentlichkeit nahezubringen.

    Wenn dem Feld also demnaechst alle Forschungsgelder gestrichen werden - ich weiss warum...

    (Ich lerne inzwischen mit Introduction to Sumerian Grammar von Daniel Foxvog als Unterstuetzung - das ist eine akademische Referenzgrammatik, ein bisschen grosskalibrig fuer einen Anfaenger, aber mit einem Hintergrund als Hobbylinguist packt man das...)

  • Ich führe mir aktuell Stephen Kings "Es" zur Gemüte. Bin bei 400 Seiten und finde es recht gut. Kenne die Filme und merke halt wieder, dass man auf gewisse Dinge verzichtet oder sie umgedichtet hat, was mir immer ein wenig sauer aufstößt, weswegen ich eher ungern verschiedene Medien von einer Geschichte konsumiere.

    Ich schreibe düstere, queere Fantasy- und Webnovels
    mit Fokus auf Figuren, innere Konflikte
    und langfristige Entwicklungen.

    Serielle Geschichten · Welten & Charaktere

  • 12 Bände, 1-3 sind auf Deutsch, am 26.02.26 soll Band 4 folgen
    Eine Art Jack Reacher, Mary Sue-Held (bzw Gary Stu ^^), aber im Action-Stil geschrieben und daher kurzweilig und leichte Kost. Mir als Autor fallen natürlich die vielen Copy-Paste-Action-Versatzstücke auf, aber bei den vielen Kampfszenen, braucht man schon den gewissen Ehrgeiz um jede einzelne einzigartig zu machen.

    Verlag: Runner House Books, London
    Im Deutschen 380 Seiten, im Englischen etwa 320 Seiten
    Kindle Unlimited oder 16 Euro als Taschenbuch

    -------------------
    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Vonne Endlichkait von Günter Grass.

    Ein Gedichtband und das letzte Buch, an dem er gearbeitet hat. Da setzt er sich natürlich mit seinem Ende auseinander, was ein guter, ruhiger Abschluss für mein Grass-Projekt ist. Ein netter Nebeneffekt ist auch, dass ich nach so vielen reimlosen, ungebundenen Gedichten die strengeren Formen definitiv mehr zu schätzen weiß. Grass nehme ich ab, dass es wirklich Gedichte sind, aber das liegt an der dichten Schreibe, den vielen sprachlichen Mitteln.

    Ob die Gedichte jetzt besonders gut waren oder nicht, das sei mal dahingestellt, das weiß ich gar nicht zu beurteilen. Darauf kam es bei dem Buch auch nicht an. Teilweise hat es mich sehr berührt.

    Aber kann ich es empfehlen? Teilweise muss man die Person Grass ein bisschen kennen, um mit den Gedichten etwas anfangen zu können. Da ist er sich treu geblieben, ob man das nun gut findet oder nicht.

    Häupter auf meine Asche!

  • Ausgelesen:

    Louis Pergaud: Der Krieg der Knöpfe

    1912 hat der Mann einen Klassiker der Jugendliteratur verfasst, basierend auf seinen eigenen Erfahrungen als 12 - jähriger Junge. Der Stil ist schlicht, die Sprache direkt und die Wortwahl für zartbesaitete Gemüter heutzutage vielleicht zu grob. Ich hab' die oben angeführte Ausgabe von 1964 gelesen, da das Buch aber vielfach neu aufgelegt wurde, dürfte es mittlerweile andere (entschärftere) Übersetzungen geben. Von denen ich natürlich abrate.

    Da streiten die Jungen zweier benachbarter Dörfer im ländlichen Frankreich seit Ewigkeiten gegeneinander, ohne daß es eigentlich einen Grund zu geben scheint. Mit schönster Regelmäßigkeit trifft man sich in einem kleine Waldstück dazwischen, bombardiert und beschießt sich mit Steinen oder liefert sich in den heißeren Kämpfen eine handfeste Prügelei. Die "Armee" von Longeverne unter ihren General Lebrac gegen die Jungen aus Valrene. Größtmögliche Demütigung für die besiegten Gegner besteht im Abtrennen und Entfernen sämtlicher Gegenstände, die dem Betreffenden die Kleider am Leib zusammenhalten: Knöpfe, Hosenträger, Schnürsenkel etc. , so daß der Besiegte mit nahezu blankem Hintern nach Hause zurückkehrt und sich auf die Abreibung seitens seiner Eltern freuen darf...

    Aus der Entfernung von über 100 Jahren eine tolle Zeitreise dahingehend, wie die Kinder damals dachten und handelten. Da hat sich, glaube ich, nicht soviel verändert. Klare Regeln hat man mit Zwölf.

    Schön wär's, wenn man sich später noch dran erinnern würde.

  • Marc-Uwe Kling, Die Känguru-Rebellion. Gut acht Jahre nach dem letzten Band mit Känguru-Geschichten kehrt Kling jetzt mit sehr tagesaktuellen, satirischen Kurzgeschichten zurück. Man könnte sich denken, da jetzt die Luft raus sein müsste, aber nein, gar nicht. Die Rebellion ist strukturell ähnlich dem Känguru-Manifest (Band 2) aufgebaut: Es gibt einige rote Fäden, beispielsweise soll das Känguru eine Kunstausstellung abhalten und bastelt dafür Exponate, Marc-Uwe soll eine Rede an einer Schule halten (beides hatte den Ursprung im Suff) und das Känguru und Marc-Uwe haben eine Wette am Laufen, wer mehr Leute für die Rebellion ("gegen die Zustände") rekrutieren kann. Diese Rebellion ist eher klein gedacht und es geht natürlich um denn Alltag und all die Momente, in denen man eben doch einen Unterschied machen kann. Besonders schön fand ich neben allem, was man typischerweise von diesen Geschichten erwarten kann, wie Marc-Uwe ein Mitglied der CDU für die Rebellion gewinnt, das er auf der Straße angequatscht hat (die Wette). Die beiden treffen sich seitdem immer mal auf eine Biobrause in der Eckkneipe und quatschen über den Todesstern und sowas. Man merkt, es geht ums Brückenbauen, und das ist eigentlich eine ganz schöne, hoffnungsvolle Sache. :)

    Häupter auf meine Asche!

  • Ausgelesen:

    Spoiler anzeigen

    Auf Sten Nadolny wurde ich durch "Die Entdeckung der Langsamkeit" aufmerksam, daß ich im Bücherregal meiner Ferienwohnung vor drei Jahren fand und verschlungen habe. Ein grandioses Buch, also war's für mich klar, mir weitere Bücher des Autors anzutun.

    Aber wie das manchmal so ist: Weder "Netzkarte" noch hier "Selim..." haben eine ähnlich Wirkung gehabt. Bei "Selim" mußte ich mich fast schon zwingen bis zum Ende zu lesen. Nicht, weil es schlecht wäre. Vielmehr ist es eine Zeitreise durch drei Jahrzehnte Geschichte der BRD und allein deswegen schon lesenswert. Auch haben Nadolnys wie nebenher eingestreute Wahrheiten über das Leben nicht gefehlt, die mich schon in "Die Entdeckung der Langsamkeit" so fasziniert haben nicht gefehlt:

    "Ein großer, weitverbreiteter Irrtum: daß wir uns unsere Freunde selbst aussuchen. Einige vielleicht, aber nicht die besten - dazu wären wir nie fähig."

    Da steckt soviel Wahrheit drin, daß man unwillkürlich beim ersten Mal lesen dran hängen bleibt - aber noch ein zweites Mal lesen muß, um es zu verstehen. Und dafür liebe ich diesen Schriftsteller.

    Aber wo "Die Entdeckung..." ein durchgehend flüssig aufgebauter Roman war ist "Selim..." immer wieder durchbrochen von Tagebucheinträgen des Hauptprotagonisten, voll mit Querverweisen auf andere in der Handlung vorkommende Charaktere. Und bis man mal weiß, in welchem Verhältnis Alexander und Selim letztlich stehen/gestanden haben, dauert es und dauert es und dauert es.:(

    In der Gesamtwirkung für mich ein wertvolles Buch. Aber nicht die Art Literatur, mit der ich ich wohlfühle.

  • Das siebte Kreuz von Anna Seghers.

    Ich habe jetzt etwa 20% gelesen. Das ist eine alte Schullektüre, die ich nie beendet habe - für den Vortrag gab es trotzdem eine 1 -, jetzt hole ich mal nach.

    Erstaunlicherweise das Buch fast ein Thriller! Klar, die Sprache ist heute eher altbacken und die fluide, allwissende Erzählweise wahrscheinlich auch. Aber es ist ein multiperspektivisch Roman über eine Flucht aus einem Konzentrationslager. Der Protagonist Georg kann niemandem wirklich trauen. Es gibt gebrochene Herzen, verratene Freundschaften, ein bisschen christliche Symbolik - das ist ziemlich spannend erzählt.

    Ich glaube, damals hat mich der Zwang der Schullektüre aus dem Buch rausgehauen, das und das enge Schriftbild auf der Seite, brr ... Das Hörbuch hat letzteres natürlich nicht, das hilft also. :) Dieses Mal wird das was.

    Häupter auf meine Asche!

  • Ich lese gerade eine Biographie über Philip K.Dick, die aber eher so etwas wie einen Tatsachenroman darstellt, vergleichbar Truman Capotes "Kaltblütig". Auch mit erzählerischen Elementen.

    Der Mann hatte wohl das abgefahrendste Leben, das man sich vorstellen kann. Die meisten Fantasy-und Science-Fiction-Geschichten können da nicht mithalten.

    Der Titel des Buches lautet: "Ich lebe und ihr seid tot".

    Schon mal sehr vielversprechend. Autor ist Emmanuel Carrere.

  • Spoiler anzeigen

    Einen kleinen Großstadtroman aus Hamburg legt der Autor hier hin. Teilweise lustig, teils erheiternd, manchmal eher depressiv. Andreas Sonntag heißt der Protagonist, der in einem heruntergekommenen Haus mit einem ziemlich kaputten Mitbewohner namens Bruno wohnt, der ausser Vögeln wenige Hobbies hat.

    Andreas selbst ist Kunststudent, ohne zu studieren, besäuft sich bei jeder sich ergebenden Gelegenheit und steigt mit jeder Frau ins Bett, die er rumkriegen kann nach einer halben Nacht in irgend einer Kneipe. Eigentlich will er nichts anderes, als ein normales Leben führen, aber wie das gehen soll, kann er auch nicht so richtig erkennen. Und die Frau, die er über alles liebt, stellt sich im Augenblick des gemeinsamen Beisammenseins augerechnet als die raus, die keinen Bock auf Liebe hat.

    Tja, sowas nenne ich eine Kiezstudie der besseren Art. Hat mir gefallen.

  • Ausgelesen revisited.

    Apostolos Doxiadis - Onkel Petros und die Goldbach'sche Vermutung (1992)

    Das Buch habe ich kurz nach Erscheinen aufgrund des Titels gekauft, ohne zu wissen, was mich da erwarten würde. Habe es nach der ersten Zeile verschlungen und war begeistert. Dann habe ich es verliehen, was man mit guten Büchern nie machen sollte: Liber kauft man es nochmal und verschenkt es dann...

    Denn wieder bekommen habe ich's natürlich nicht, dafür in den letzten Jahren immer wieder gesucht. In offenen Bücherschränken, Secondhand Läden etc. . Dann hab' ich's mir für 12€ bei Amazon bestellt.

    Aber was ist nun der besondere Reiz daran?

    Apostolos Doxiadis, der angewandte Mathematik studiert hat nimmt einen mit auf eine Tour de Force durch das Reich der Zahlentheorie. Also in eine Thematik, mit der der Normalmensch (am besten noch so einer wie ich mit einer immerwährenden "5" in profaner Schulmathematik^^) eigentlich gar nichts anfangen kann. Das macht er aber auf eine Art und Weise, daß niemand Angst haben muß, wenn er mit Namen wie Riemann, Gödel, Hilbert, Euler, Gauß, Euklid oder eben dem Namensgeber Christian Goldbach und seiner bis heute weder bewiesenen noch widerlegten Vermutung konfrontiert wird, daß

    "Jede gerade Zahl, die größer als 2 ist, die Summe zweier Primzahlen ist."

    Und genau die Lösung dieser Aussage verlangt der fast 80jährige Onkel Petros, der beschaulich auf dem Land lebt und sich ausschließlich mit seinem Gemüsegarten und dem Schachspiel zu beschäftigen scheint von seinem 15jährigen Neffen, der in die Fußstapfen seines Onkel treten und Mathematik studieren möchte, aber keine Ahnung davon hat, welche Aufgabe ihm sein Onkel hier stellt und warum.

    Erst Jahre später findet er heraus, welches Spiel sein Onkel da mit ihm getrieben hat. Und macht sich auf die Suche nach dem "Warum".

    Das ganze wird auf knappen 200 Seiten so dicht und spannend und doch für Nichtmathematiker wie mich so einfach erzählt, - es ist einfach ein Genuß.

    Und ja, natürlich. Um etwas Zahlentheorie kommt auch dieser Roman natürlich nicht herum. Ich zitiere mal:

    "Die Verteilung der Primzahlen (d.h. die Anzahl der Primzahlen, die kleiner als eine gegebene natürliche Zahl n sind) und die Konstruktion des Nachfolgers, also die Suche nach einer Formel, mit der man zu einer gegebenen Primzahl Pn die nächstgrößere Primzahl Pn+1 bestimmen kann. Oft (Es gibt sogar die Vermutung: unendlich oft) gibt es Primzahlzwillinge, also Paare wie 5 und 7, 11 und 13, 41 und 43 oder 9857 und 9859 - die Differenz dieser Primzahlen ist jeweils 2."

    Definitiv nicht mein Ding. Ich kapiere davon nix. War früher schon so und wird sich auch nicht ändern. Aber mörderinteressant und lesenswert trotzdem.:thumbup::thumbup::thumbup:

    P.S.: Hier noch ein kleines Video, was recht gut erklärt, was ich meine. Ich verstehe nach wie vor nicht da geringste dieser Vorlesung, sehe sie mir aber immer wieder gerne an...vielleicht schnackelt's ja mal in meinem Hirnkasten.:D:D:D

    Unendlichkeit

    Externer Inhalt www.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne Ihre Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.

  • Katzen und der Sinn des Lebens von John Gray

    Ein Streifzug durch philosophische Fragen - immer mit der Frage im Kopf 'was wuerde eigentlich eine Katze dazu denken?' Es geht um Fragen wie das Streben nach Glueck und einem guten Leben, Liebe, Ethik und Altruismus und auch die Rolle von Philosophie selbst.

    Gray ist Vertreter der These, dass rationale Systeme und Denkschulen komplett ungenuegend sind um tatsaechlich ein gutes Leben zu fuehren. Obwohl ich seine These im Prinzip teile, bin ich dann doch etwas schockiert wie schnell er die Stoiker und Epikureer, Marc Aurel oder Descartes einfach als 'offensichtlich falsch' zur Seite fegt.

    Naja - die Katze jedenfalls haelt wohl vieles von dem, was Menschen gemeinhin so machen, fuer sehr kurios. Statt einfach in der Sonne zu liegen und jetzt zufrieden zu sein, werden immer Plaene gemacht die dazu fuehren dass man irgendwann anders zufrieden sein soll - was dann in der Regel Probleme hat. Statt einfach ihrer Natur nach zu leben erfinden Menschen fuer sie komplett unnatuerliches Verhalten (keine Katze wuerde auf die Idee kommen, Artgenossen in ein Konzentrationslager zu sperren) - um was genau zu erreichen?

    Gray's These ist da, dass Denken oft hinderlich ist und das Leben eher ungluecklich machen kann - die Katze ist da pragmatischer und besser dran.

    Jeder, der (wie ich) die Katze schon lange fuer die ueberlegene Lebensform haelt, kann hier eine verwandte Seele lesen.

  • Ausgelesen:

    Die rote Zora

    Kurt Held (eigentlich Kurt Kläber) veröffentlichte diesen Jugendroman 1941. Geschrieben hat er ihn ein Jahr zuvor, darin die Eindrücke verarbeitend, die er durch Begegnungen mit echten Jugendlichen auf einer Jugoslawienreise gewonnen hatte.

    Von daher ist es nicht nur ein Buch für Jugendliche, sondern ein Zeitzeugnis um die Lebensumstände von Kindern in der damaligen Zeit, ähnlich wie in Louis Pergauds "Krieg der Knöpfe" von 1912.

    Die Geschichte:

    Die Mutter des jungen Branko stirbt. Und niemand in Senj, der kleinen Stadt an der kroatischen Küste, fühlt sich für ihn verantwortlich. Bis er auf dem Markt aus Hunger einen übersehenen Fisch aufhebt, deshalb des Diebstahls angeklagt und von der Bande der roten Zora aufgenommen wird. Pavle, Duro, Nicola und Zora sind ebenfalls elternlos, hausen in einer verlassenen Burg und halten sich mit kleineren Gaunereien am Leben. Nebenher liegen sie in einer Fehde mit den "Gymnasiasten", den Söhnen der gutbürgerlichen Einwohner. Als im Verlauf dieses Streites ein ganzer Fischteich abgelassen wird, zieht sich die Schlinge um die Bande zu. Bis auf einmal der alte Fischer Gorian auf der Bildfläche erscheint...

    Ein Jugendroman? Nicht nur. Ein sehr politischer Roman ebenfalls. Und noch dazu einer, aus dem sich jedes Lebensalter etwas wegnehmen und lernen kann.

    :thumbup::thumbup::thumbup:

  • Ausgelesen.

    Spoiler anzeigen

    Den Untertitel "Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen" finde ich etwas überzogen, auch wenn der Autor deutlich macht (und das halte ich für den wichtigsten Punkt des Buches) daß die Entscheidung darüber, was als freie Meinungsäußerung und was als strafbar zu bewerten ist immer noch vielfach eine Auslegungsfrage des betreffenden Gerichtes zu sein scheint. Und daß mancher sowohl Geld als auch Nerven braucht, um ein offensichtlich falsches Urteil anzufechten. Ebenfalls anhand der Beispiele sehr deutlich wahrnehmbar ist die zunehmende Dünnhäutigkeit öffentlicher Personen, sich Kritik zu stellen (die, zugegeben, leider auch sehr häufig mit verbalen Entgleisungen "gewürzt" wird, so daß der durchaus begreifliche Kern des Angriffs durch die mitlaufende Beleidigung selbstverwässernd und daher nicht gerade konstruktiv rüberkommt.

    Als neue Erkenntnis für mich nehme ich daraus mit, daß § 166 StGb auch heute noch gilt. Was in der mittlerweile permanent kochenden Debatte um Religion auch heute noch dazu führt, daß fundamentalistische Religionsgruppen gleich welcher Couleur sich fälschlich darin bestätigt sehen, niemand habe das Recht, sich kritisch zu den von ihnen vertretenen Positionen zu äußern, sondern vielmehr sie hätten dadurch das Recht, zur Not auch gewaltsam ihre Ansprüche durchzusetzen.

    Da das in der Praxis mittlerweile immer öfter dazu führt, daß berechtigte Kritik aus Furcht vor Repressalien gar nicht mehr geäußert wird, sollte man besser möglichst bald über eine Abschaffung dieses "Blasphemieparagraphen" nachdenken.

    Nicht weil Religion nicht etwas grundsätzlich schützenswertes wäre - aber wenn sich Leute darauf berufen, die nie gelernt haben kritikfähig zu sein, läuft da für mich grundlegend was falsch.

  • Project Hail Mary von Andy Weir

    Es ist selten auf einen SciFi Schriftsteller zu stossen der sich Gedanken ueber die Frage macht, ob Aliens und Menschen in der gleichen Geschwindigkeit denken wuerden (und noch seltener, dass er dann auch noch auf eine plausible Antwort kommt). In diesem Werk passiert es.

    Die Sonne wird von einem interstellaren Parasiten befallen der seinen Energiebedarf durch Sonnenlicht deckt und damit das Licht, das auf die Erde faellt, reduziert - in weniger als 20 Jahren wird die Erde auskuehlen. Andere Sterne in der Umgebung zeigen die gleiche Verdunklung - nur Tau Ceti, 12 Lichtjahren entfernt, nicht. In aller Eile wird also eine interstellare Expedition vorbereitet, die dem Geheimnis auf den Grund gehen soll.

    Ryland Grace wacht desorientiert nach einem langen Koma auf - seine Erinnerung ist durcheinander, er ist desorientiert, langsam begreift er, dass er an Bord eines Raumschiffs ist und beginnt sich an die Vorgeschichte zu erinnern. Zwei seiner Crewkameraden haben den Flug nicht ueberstanden, er ist alleine - aber bevor er noch voellig wieder auf der Hoehe ist, muss er mit einem anderen Problem fertig werden - er ist nicht alleine, ein anderes Raumschiff ist neben seinem - offenbar ist die Erde nicht der einzige Planet, der auf Tau Ceti nach einer Loesung sucht, und Grace muss alleine einen Erstkontakt mit einer fremden Spezies durchfuehren.

    ***

    Liest sich gut, trotz einer guten Dosis Sci - Weir hat seine Literatur zu Xenobiologie gelesen und hat auch generell Ahnung was er schreibt - logische Fehler kommen vor, sind aber selten und ohne tiefere Kenntnisse und Nachrechnen eigentlich nicht zu merken - definitiv Topliga was die Recherche angeht.

    Fuer Fans von SciFi absolut zu empfehlen.

  • Alchemistien salaisuudet (Die Geheimnisse der Alchemisten)

    Ich weiss nicht, ob jemand schon mal (fuer eine Geschichte etwa) eine Recherche zu mittelalterlicher Alchemie hinter sich hat. Meine Erfahrung ist - es ist praktisch unmoeglich, an iirgend eine Info zu kommen die halbwegs belastbar ist und hilft, irgendwas einzuordnen.

    Irgendwie bewegt sich jede Einordnung zwischen den Polen 'Vorform der Chemie die aus naheliegenden Gruenden kein Gold produzieren konnte; und 'spiritueller Praxis die die ganzen Laborarbeiten nur als Metaphern sieht'.

    Auch nur ein geordnetes Symbolsystem in dem klar wird, was 'Schwefel', 'prima materia', 'Elixier', 'rubedo' oder 'lapis' denn nun eigentlich bedeuten oder in welcher Beziehung sie zueinander stehen? Schwierig...

    Das war jetzt das erste Buch, das diese ganze Thematik mal fuer mich sinnvoll eingeordnet hat - wer hat eigentluch was gemacht, was gibt's wirklich als Quelle, was wird nur immer wieder erwaehnt, wie sieht ein alchemistischer Text eigentlich aus,was haben die Aegypter wirklich damit zu tun, wie kam die hellenistische Philosophie rein - alles sehr klar und uebersichtlich dargestellt.

    Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, da jemals einen Einblick zu bekommen - aber - echt gutes Buch.

  • Das Narrenschiff von Christoph Hein

    Ein Roman, der die Geschichte der DDR in verschiedenen Familienschicksalen beleuchten soll. Thematisch ist das durchaus interessant, mit der unpolitischen Yvonne Goretzka die erst ueber ihren politisch aktiven Mann in die Partei findet, dann aber Gefallen an den Machtspielchen da findet, Professor Benaja Kuckuck, der nach dem Exil in Grossbritannien kein Bein mehr in Deutschland auf den Boden bekommt, weil der fuer den Westen als Mitglied der kommunistischen Partei zu links ist, fuer Ostdeutschland aber als Exilant in Grossbritannien verdaechtig (warum nicht Russland?) und der dann auf einen Bullshit-Job bei der Filmaufsicht geschoben wird,...

    Nur: Muss man eigentlich schreiben koennen, wenn man Schriftsteller ist?

    Ich finde den Text handwerklich grottig. Die Erzaehlperspektive irrlichtert hin und her, mal wird innerer Monolog als er dachte 'ich muss etwas tun' erzaehlt, mal in indirekter Form er dachte er muesse etwas tun, generell wirkt es als wuerde der Autor der Maxime 'tell, don't under any circumstances show' folgen, der Aufbau ist wirr, Gedanken springen mal vor oder zurueck in der Zeit, etwa vor Yvonne's Hochzeit erfahren wir schon, dass ihr Ehemann drei Jahre spaeter keinen Sex mehr mit ihr haben wird, bevor es zurueck zur Hochzeit geht und sie heiraten darf - aergerlich ist das, wo selbst minimale Spannung noch unterminiert wird, etwa wo Yvonne entdeckt dass ihr Mann - gluehender Kommunist - vorher bei den Nazis aktiv war. Der Leser weiss das schon vorher, weil das mit der Kurzbiographie dieses Mannes kommt als er das Buch betritt - warum? Ich weiss es nicht.

    Ab und an hat man den Eindruck, Hein ist foermlich berauscht von seinen eigenen Ideen - etwas nennt die kleine Tochter von Yvonne aus der vorigen Ehe den neuen Ehemann 'unlustig' (weil er einen so ernsten Eindruck macht) - diese Wortpraegung findet Hein so toll, dass es noch 5x im Text kommt - jedesmal mit der Erklaerung dass die Tochter das so gesagt hatte Verdammt ich weiss es, Christoph - DAS HAST DU VORHER GESCHRIEBEN! bin ich irgendwann versucht zu bruellen. Als Kuckuck mal in der Schweiz nach einer Stelle vorfuehlt, fuehrt uns Hein vor dass er Schweizerdeutsch kann (komischerweise reden in Berlin und Sachsen alle Hochdeutsch, aber was soll's...) - nur kann der Leser das halt nicht unbedingt, so dass der Gespraechspartner zwar Schweizerdeutsch redet aber nach jedem Halbsatz erklaert was er eigentlich meint - was das Gespraech dann voellig bescheuert wirken laesst.

    Ich kann kein kuenstlerisches Konzept hinter dieser Textstruktur erkennen, es liest sich einfach schlecht und hoelzern - hatte der Mann nicht mal einen Lektor?

    Schade, nachdem das Thema eigentlich echt was hermacht.

  • Mythos Rommel von Maurice Ph. Remy

    Eine Biographie über Erwin Rommel, der als "Wüstenfuchs" im Dritten Reich bekannt gemacht wurde. Das Buch lag bei uns im Haus auf dem "Zu verschenken"-Tisch und da hab ich mir das einfach mal ausgeliehen ^^ Ich hab's mir für die Recherche mitgenommen, weil ich mal am Charakter eines Feldherren/General weiterarbeiten will. Nach ca. der Hälfte merke ich aber, dass Rommel hier nicht das liefert, was ich suche.

    Das Buch ist im Tempo sehr schnell und fokussiert, wie der Titel schon sagt, auf den Mythos, der um Rommel gemacht wurde (und dessen Dekonstruktion). Neben der NS-Propaganda, die aus Rommel einen Volkshelden und "Nazi-General" gemacht hat, waren da hauptsächlich die Briten dran beteiligt, die druch das Aufblähen Rommels zu einer Sagengestalt davon ablenken konnten, dass ihre Generale sich überraschen und taktisch ausmanövrieren ließen. Das alles bricht allerdings schnell zusammen, als es für Rommels Truppen keinen Nachschub mehr gibt und die NS-Führung, allen voran Hitler, die Kompensation dafür in den "magischen Fähigkeiten" Rommels sieht. Die Erzählung nimmt hier vor allem Rommels Beziehung zu Hitler in den Fokus, die innerhalb von 24 Stunden vom "blinden Glauben an den Führer" (aber nicht unbedingt in die NS-Ideologie) zu maßloser Enttäuschung und Befehlsverweigerung zerbricht. Letzteres zieht sich eigentlich auch durch Rommels Leben, der stets eigenverantwortlich und oft gegen explizite Befehle Möglichkeiten in den Schlachtsiutationen auszunutzen wusste, um Erfolge zu erzielen, die niemand für möglich gehalten hätte.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Odyssee von Homer

    Mal noch unter dem Eindruck des Films meine alte Reclam-Ausgabe aus dem Schrank geholt (das Griechisch ist eher archaisch und gar nicht so leicht zu lesen,die zweisprachige Studienausgabe will ich mir spaeter nochmal ansehen...).

    Liest sich immer noch so schoen, wie ich das in Erinnerung hatte...

    Man muss mit den ganzen formelhaften Wendungen ('welch ein Wort, mein Kind, entfloh dem Zaun deiner Zaehne?') klarkommen und sich an zeilenlange Exkurse gewoehnen - formal erscheint uns diese Art zu schreiben eher fremd - aber inhaltlich ist das alles sehr nahe und ergreifend.

    Gut beobachtet - Telemachos macht einen emotionalen Appell, die Freier ziehen sich auf formale Argumente des Gewohnhetsrechts zurueck, er weiss nicht was er damit anfangen soll.

    Aktuell - Kalypso rastet aus als sie Odysseus hergeben soll und wirft Hermes vor, dass Zeus die Goetter jederzeit mit sterblichen Frauen rummachen laesst, Goettinnen die sterbliche Maenner vernaschen aber aussen vor bleiben sollen.

    Amuesant - Athene laesst Telemachos wissen, dass er jetzt mal selber denken soll, statt immer darauf zu warten dass ihm jemand sagt was er zu tun hat, das ist nicht die Aufgabe der Goetter

    Beruehrend - Nausicaa findet den nackten Odysseus am Strand, ihre Zofen laufen kreischend davon, sie fasst sich trotzdem ein Herz und spricht den Fremden an.

    Ethisch fordernd - die Phaiaken bringen Odysseus endlich nach Hause, aber fuer diesen Akt der Gastfreundschaft werden sie von Poseidon bestraft

    Man sieht einen ganz anderen Odysseus als bei Nolan, mit viel mehr Schlagfertigkeit und Witz, und eine Athene die staendig beschaeftigt ist, ihm und Telemachos ein wenig unter die Arme zu greifen.

    Dazu ist das ganze garniert mit Tonnen an Hintergrundgeschichten - wir erfahren zwei Seiten vom Leben von Eumaios dem Schweinehirten der als Kriegsbeute nach Ithaka gekommen ist, die Schatten aus dem Hades erzaehlen ihre Geschichte,... Geschichten verschachtelt in anderen Geschichten.

    Naja, wenn man so schreiben kann, dass Leute das nach ueber 2000 Jahren noch lesen, dann hat man's vermutlich als Autor in den Olymp geschafft - zu Recht in diesem Fall.