Auf der Spur ...

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    • Auf der Spur ...

      Casper saß in der Taverne.
      Er hatte sich nach getaner Arbeit im Bach gebadet und da es zu spät für Gartenarbeit gewesen war, hatte er sich in die schmutzige Spelunke aufgemacht.
      Der fette Wirt hinter der Theke war der einzige, der ihn in dieser Stadt ohne mit der Wimper zu zucken bediente. Ihm war es egal von wem das Geld kam oder wie es verdient worden war, Hauptsache es gab nicht nach, wenn er darauf biss.
      Über seinen Humpen gebeugt saß Casper da und spürte, dass er schon längst genug hatte, aber Bilder von Blut und der Gestank von Tod ließen ihn das Glas erneut an die Lippen setzen.
      Plötzlich ließ sich eine Gestalt ihm gegenüber nieder.
      Sein Tisch war der einzige, an dem noch Platz war, dennoch musterte Casper die Fremde neugierig.
      Sie trug einen Mantel, der sie vollständig verhüllte, dennoch erkannte er, dass sie muskulös zu sein schien und obwohl sie mit gebeugtem Rücken saß eine beachtliche Größe haben musste. Sie kam ihm vage bekannt vor.
      Als die Frau ebenfalls nach einem Bier orderte und dabei die Hand hob, erkannte er, dass ihre Hand von blass-grauer Haut überzogen und mit kleinen Ansätzen von Krallen besetzt war.
      Casper hob eine Augenbraue. Hatte er schon so viel getrunken?
      Dann fiel ihm ein, woher er sie kannte. Er hatte sie heute schon flüchtig beim Henkersmahl kennen gelernt. Ein Fest, das einmal im Jahr stattfand, damit Henker, Schinder und Totengräber nicht vereinsamten. Wobei Fest hier Trauerfeier meinte. Nicht mal Henker mochten Henker.
      Casper hob den Blick und sein Glas. Die Frau zögerte und musterte ihn misstrauisch, hob dann aber zögernd ihren Krug und stieß mit ihm an. Sie schien sich ebenfalls an ihn zu erinnern.
      „Tod und Verderben!“, brüllte Casper lallend und registrierte amüsiert, wie die anderen Gäste noch weiter von ihnen abrückten.
      Dreck auf Toast!
    • Gyahara trat in das schummrige Licht der alten Spelunke. Sofort überkam sie der beißende Geruch von Qualm, Schweiß und Alkohol. Entfernt konnte sie auch den Duft nach frischem Essen riechen, was sich mit den anderen Sachen, aber zu einem üblen Gestank vermischte. Es hätte nicht geschadet, irgendwo ein Fenster zu öffnen.
      Ein wenig unsicher sah sich Gyahara im Raum um, in dem sich ein kleiner Teil er Bevölkerung der Stadt den Tag aus dem Köpfen soff. Es war voll und der Lärm übertönte ihre Gedanken. Jeder versuchte den anderen zu übertönen, damit sein Gegenüber noch etwas verstand, was dafür sorgte, dass es immer lauter wurde. Was sicher auch am Alkoholeinfluss lag.
      Ihre dunkeln Augen überflogen die überfüllten Tischen, an denen die Leute schon standen, oder jeden Winkel der Tischplatten besetzten. Den Grund für das übertriebene Gedränge fand sie schließlich im hinteren Teil der Taverne. Dort saß ein riesiger, stämmiger Mann mutterseelenallein am Tisch und stierte etwas abwesend in die Reihen der Menschen.
      Zielstrebig hielt Gyahara auf den Mann zu, zog sich die Kapuze noch etwas ins Gesicht und ließ sich dann auf einem der Stühle fallen. Nicht, weil sie Mitleid mit ihm verspürte, aber es war der einzig freie Platz – zum Stehen hatte sie bei Weitem keine Lust. Stand sie in ihrer Tätigkeit schließlich den ganzen Tag und hob Gräber aus.
      Den Blick des Fremden auf sich spürend hob sie den Arm und orderte einen Humpen beim Wirt. Sie musste etwas mit der Hand wedeln, eher der Mann sie bemerkte, aber dann nickte er und machte sich an die Arbeit. Mittlerweile kannte der Wirt sie, kam sie öfters hierher. Es war eine der wenigen Tavernen, in der sie willkommen war. Nicht jeder wollte einen Totengräber bei sich haben, der an schlechten Tagen die ganze Kundschaft verjagte.
      Der Wirt kam und stellte ihr den Humpen auf den Tisch. Emotionslos lunzte sie unter ihrer schwarzen Kapuze hervor und bedankte sich mit einigen Kupferstücken. Solang der Wirt Geld sah, konnte sie hier sitzen und trinken wie jeder andere auch.
      Kaum war der Mann verschwunden, hob der Fremde ihr gegenüber plötzlich seinen eigenen Krug und brüllte ein beschwipstes „Tod und Verderben!“. Gyahara starrte ihn an. Erst war sie sich nicht sicher, ob er ihr eben gedroht hatte, dann erkannte sie aber sein Gesicht. Er war einer der Henker, die bei dem „Fest“ dabei waren. Wobei man das Henkersmahl wohl kaum als solches bezeichnen konnte. Einsame Menschen waren nicht sehr gesprächig. Jedenfalls hatte das Henkersmahl seinen Namen zurecht. Ein totes Schweigen und gegenseitiges Begaffen wie bei einer öffentlichen Hinrichtung. Was ihr Meister bei diesen Treffen gewollt hatte, war ihr immer unklar gewesen, aber aus irgendeinem Grund, führte sie die Tradition fort.
      Sie zuckte die Schultern und griff ebenfalls nach dem Humpen. Scheinbar hatte der Mann schon viel zu viel getrunken. Er würde sich also kaum an sie erinnern und was war schon dagegen einzuwenden, einmal nicht allein zu trinken? Es sagte ja niemand, dass sie reden musste und wenn es ihr zu viel wurde, würde sie einfach verschwinden. Auf nimmer wiedersehen. Vielleicht konnte sie dem Mann auch ein oder zwei Getränke aus dem Ärmel schütteln. Kostenlos schmeckte alle viel besser.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Müde rieb sich Neneve die Augen, blinzelte noch einige Augenblicke wie ein neugeborener Welpe, der noch blind und taub war, und sah sich um. Für einen Moment hatte sie vergessen, wo sie sich befand, und hatte sich in ihrer eigenen, kleinen Unterkunft geträumt.
      Bei jedem Auftrag fragte sie sich, ob und wann sie ihr Zuhause wieder sehen würde. Obwohl sie ansonsten keine romantisch angehauchte Elfe war – was sie zumindest immer stolz von sich behauptete – liebte sie es sehr. Dort hing immer noch sein Geruch, klebte an den Teppichen und Vorhängen und schien sie in eine warme, heimelige Decke einzuwickeln.
      Neneve war eine Elfe und wie eine solche liebte sie die Natur. Von den tosenden Wasserfällen über zerklüftete Felsen bis hin zu ausgedehnten Wiesen und Wäldern, aber diese Umgebung behagte ihr nicht. Sie war so fremd von ihrer Welt, so hektisch und laut. Sie wusste, dass ihre Nervosität von ihren drei treuen Begleitern nur allzu gut gespürt wurde und diese davon ebenfalls angespannt waren, doch sie konnte nicht anders.
      Sie verstand die menschliche Welt, ihre Denk- und Lebensweise nicht und schien auch nicht gewillt zu sein, diese verstehen zu wollen. In ihren Augen benahmen sie sich einfach sonderbar: Blind für die Schönheit der Natur pflasterten sie die letzten Reste von Gras zu, schabten das Moos aus den Fugen und trampelten mit ihren platten Füßen jedes aufkeimende Stückchen Glück nieder. Nein, am liebsten hätte sie mit solchen Wesen überhaupt nichts zu tun gehabt. Doch ihre Königin verlangte es von ihr. Es war sehr selten, dass sie ihr solche Aufgaben übertrug, wusste sie doch von Neneves fehlender Kooperation und aufkeimendem Jähzorn.
      Wahrlich, sie war keine Königsbotin für Botengänge, die sie mit anderen Wesen in Kontakt treten ließ. Und auch wenn dies bei vielen anderen Anwerbern bereits für eine Ausmusterung gereicht hätte, wusste die königliche Zumina nur allzu gut, was sie an ihr hatte. Taktgefühl hatte man ihr nie gelehrt, dafür konnte sie mit ihren Waffen umgehen wie keine zweite Elfe. Sie war skrupellos und bereit, ihre eigenen Interessen ihrem Volk unterzuordnen. Doch auch die Königin wusste, dass Neneve unberechenbar war. Dies war wohl einer der Gründe gewesen, weshalb sie Neneve auf eine solch beschwerliche Reise in ferne Regionen des Landes geschickt hatte. Dies war sich auch Neneve nur allzu gut im Klaren.
      Doch sie war eine Königsbotin, hatte sich dazu bereit erklärt, ihrer Königin bedingungslos zu folgen und ihre Anweisungen nicht zu hinterfragen.
      Allerdings schwankte auch sie bereits seit einiger Zeit zwischen ihrer Loyalität und ihrem Gewissen hin und her. Die Gedanken der Königin erschlossen sich für sie nicht und dies machte sie nervös, noch nervöser und misstrauischer als sie ohnehin schon war. Dazu kam noch eine solche Reise – nein, Neneve war zurzeit wahrlich nicht gut auf ihre Königin zu sprechen.

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      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Nyneve ()

    • Es war bereits spät und die Dunkelheit hatte Einzug über den tristen Gassen der Stadt gehalten, in der er sich befand. Jariam, oder so. Auf jeden Fall kein Ort an dem man Nachts sorglos auf die Straße gehen konnte und das war alles, was er wollte. Er kam an einer alten Spelunke vorbei, in der das Licht brannte. Laute Stimmen drangen auf die Straße hinaus. Einen Moment lang hätte Sedar sie gerne betreten. Er hatte tagelang mit niemandem mehr geredet und die Menschen da drin waren sicherlich nicht wählerisch bei ihrer Gesellschaft, doch brauchte man in einer Taverne Geld und Geld hatte er nicht. Plötzlich wurde die Tür neben ihm aufgestoßen und ein etwas betagter und stark angetrunkener Mann torkelte auf die Straße.
      "Das da drin ist nichts für dich, Jungchen", lallte er nach einem kurzem musterndem Blick, der besonders lange auf dem Schwert an seiner Seite hängenblieb. Er hatte es mit einem Tuch verdeckt, doch es war immer noch recht ersichtlich, was sich dort an seiner Seite befand. Einen Moment lang verspürte Sedar Wut aufgrund dieser Anrede, doch er unterdrückte sie sofort.
      "Verzeihung", murmelte er nur, schob sich an dem Mann vorbei und setzte seinen Weg ins Stadtinnere fort. Der Rucksack schmerzte mittlerweile auf seinen Schultern, doch noch konnte er ihn nicht absetzen. Nach einer Weile kam er in einen der edleren Bezirke der Stadt. Die Häuser hatten hier zwei oder sogar drei Stockwerke, standen alle etwas weiter voneinander entfernt, hin und wieder schritt eine Patrouille an ihm vorbei und folgerichtig kreuzten weniger mutmaßliche Verbrecher seinen Weg. Nun. Bis auf die Wachen. Aber was hieß da mutmaßlich. Ein paar musterten ihn misstrauisch, doch er wechselte nur die Straßenseite und senkte den Blick. Niemand hielt ihn auf. Nach einer Weile hatte er ein vielversprechendes Ziel gefunden. Ein dreistöckiges Wohnhaus mit eigenem Garten, der von einer Mauer umgeben war. Mit einem kurzem Blick über die Schulter und an der Häuserfront entlang vergewisserte er sich, dass ihn niemand beobachtete, und verstaute dann schnell seinen Rucksack und das Schwert im Gebüsch neben der Gartenmauer. Hierher würden sich nur wenig Diebe verirren und keiner der hier lebte würde die Büsche durchsuchen. Die Gartenmauer selbst war nur zwei Meter hoch, so dass Sedar mit einem Sprung die Kante zu packen kriegte. Schnell zog er sich hoch, rollte über die obere Seite und ließ sich auf der anderen Seite wieder fallen. Er landete auf allen Vieren und federte mit den Gelenken ab, um sich keine Verletzungen zuzuziehen. Einen Moment lang verharrte er so und beobachtete die Umgebung. Kurz gestutztes Gras wuchs auf dem Boden, der sich zum Haus hin sanft zu einem leichtem Hügel anhob. Einige wenige Bäume ragten in den grauen Himmel auf. Die Läden der Fenster waren dicht verschlossen, aber auch zwischen ihren Ritzen drang kein Lichtschimmer hervor. Er hatte sich das richtige Ziel ausgesucht. Ohne viel Zeit zu verlieren richtete er sich lautlos auf und huschte dann von Deckung zu Deckung bis er direkt unter der vor ihm aufragenden Häuserwand stand. Ein schneller Griff in den Beutel an seinem Gürtel förderte vier Bänder hervor, die er sich um die Hände und Füße zog. Auf der Innenseite waren sie mit kleinen scharfen Spitzen versehen. Prüfend drückte er seine Hand gegen die Wand. Schon mit wenig Kraft bohrten sich die Spitzen tief in den Stein. So ausgerüstet krabbelte er die Hauswand hoch bis er das oberste Fenster direkt unter dem Dach erwischt hatte. Eine Hand nahm er vom Stein um einen kleinen Dolch aus seinem Beutel zu fördern mit dem er problemlos die Läden aufbrechen konnte. Sie quietschten ein wenig beim Aufschwingen, was ihn zusammenzucken ließ, aber keine lauten Rufe oder Alarmschreie erklangen von der Straße. Also kletterte er durch das Fenster und stand daraufhin in einer großen Kammer. Das Mondlicht, das durch das Fenster hinter ihm schien, zeigte ihm ein großes Bett mit zerwühlten Laken, in dem sich aber niemand befand, einen Schrank an der Wand und einen hohen Spiegel in einer Ecke stehend. In letzterem sah Sedar sein Spiegelbild. Mit windverwehtem Haar, dem Dolch in der Hand und den Stachelbändern um Hände und Füße. Schnell zog er sich die Bänder an den Füßen ab, bevor sie noch allzu große Löcher im Boden hinterließen. Er wollte schließlich keine Visitenkarte hinterlassen. Mit einem letztem Blick auf das leere Bett, der Besitzer war offenbar noch nicht lange weg und kam vermutlich gleich wieder, ging er zum Schrank und öffnete ihn vorsichtig. Er brauchte zum Glück nicht lange suchen, bis ihm ein kleines Etui in die Hände fiel. Nachdem er es geöffnet hatte, zog sich ein Lächeln durch sein Gesicht. Ihm blitzte Gold entgegen. Er wollte sich gerade umdrehen und wieder aus dem Fenster verschwinden, als ihm ein merkwürdiger Geruch in die Nase fiel. Er atmete noch einmal tief ein, da er wissen wollte um was es sich handelte, und riss entsetzt die Augen auf. Gas. Sofort hielt er die Luft an und wollte zum Fenster rennen, doch er hatte bereits zuviel eingeatmet. Sedar fiel auf ein Knie und seine Sicht verschwamm. Innerlich verfluchte er seine Dummheit. Was hatte er auch die Falle übersehen können. Dann fiel er um und war in einen tiefen traumlosen Schlaf gefallen, bevor seine Schulter den harten Steinboden berührte. Einen Schlaf von dem er nicht wusste, ob er je wieder aus ihm Erwachen würde. Oder wollte...
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Casper erwachte mit einem furchtbaren Kater.
      Stöhnend wälzte er sich in seinem Bett herum und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonnenstrahlen der schon recht hoch am Himmel stehenden Sonne stachen ihm fürchterlich in den Augen. Missmutig verzog er das Gesicht und bedeckte seine geschunden Augen mit der Hand. Just in diesem Augenblick schlug die Turmglocke zwölf.
      Abermals stöhnend drehte er sich sein Bett und presste sich sein Kissen auf die Ohren.
      Bei Gott! Er würde nie wieder so viel trinken! Aber die Gesellschaft der Totengräberin war es wert gewesen. Gyahara, fiel es ihm wieder ein. Ein recht sanfter Name für eine Dämonin. Sie hatte faszinierende Augen gehabt.
      Mit steigen den Alkohols und je leerer die Taverne gewesen war, desto mutiger war sie geworden. Irgendwann hatte sie die Kapuze abgezogen und mit ihm alte Henkerslieder über den Tod gesungen. Er lächelte bei der Erinnerung. Das war sein bester Abend seit langem gewesen.
      Gedankenverloren schwang er die Beine über die Bettkante. Sofort bereute er es. Stechender Schmerz durchfuhr seinen Kopf und Übelkeit stieg seine Kehle hinauf.
      Unerwartet klopfte es an seiner Tür.
      "Was?", brummelte der Henker schwach.
      "In zehn Minuten auf dem Marktplatz, wir haben eine Hinrichtung!", drang die Stimme eines Mannes durch die Tür. Wie immer nicht sehr respektvoll.
      "Hat diese verdammte Stadt keinen eigenen Henker?", motzte Casper. Eigentlich war er um Freundlichkeit bemüht, aber nicht wenn der fieseste Kater dieser Welt seinen Schädel sprengen wollte.
      "Der ist verhindert."
      "Und die anderen?"
      Die Tür wurde unwirsch aufgerissen.
      "Ich weiß nicht, was du dir einbildest zu sein, aber du hast auf dem Marktplatz zu erscheinen. Du bist der einzig verfügbare Henker, also zieh dir deine beschissenen Klamotten und beweg deinen verachtenswerten Arsch auf die Tribüne!"
      Angesichts der Lautstärke, die der ungeladene Besucher an den Tag legte, kniff Casper die Augen zusammen.
      Was ein Lackaffe ...
      Nachdem die Tür wieder ins Schloss gefallen war, machte sich Casper daran im Schneckentempo seine Sachen zu schnüren, um sich nach der Hinrichtung auf den Heimweg zurück nach Anklam zu machen.
      Dreck auf Toast!
    • Zentimeter um Zentimeter schob sich Gyahara aus dem Bett. Sie war erst am frühen Morgen zurückgekehrt und dann nur noch mit samt ihrer Kleidung in die Matratze gefallen. Wobei sie die scheinbare Steinplatte auf der sie jede Nacht verbrachte, nur ungern als Matratze bezeichnen wollte.
      Das laute Hämmern ihrer Kopfschmerzen ließ sie in der Bewegung verharren. Sie hätte sich am Abend nicht derart gegen lassen sollen. In der Gegenwart eines völlig Fremden. Mal davon abgesehen, dass sie wie aus dem Nähkästchenüber ihren Tag geplaudert hatte, als würde sie diesen Typen schon ewig kennen. Er hatte nicht minder weniger geredet, aber es ging ums Prinzip. Ihr Leben ging einfach niemanden etwas an. Das Schlimmste war jedoch, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was sie ihm alles erzählt hatte. Da waren nur noch verschwommene Erinnerungen, die sie zu keinem klaren Bild zusammenfügen konnte. Ob sie das wollte, war einmal dahin gestellt. Vielleicht war es besser so und mit etwas Glück, würde sie ihn nie wieder sehen. Glück… Freudlos lachte sie auf. Sie war ein Dämon. Glück gehörte da nicht zur Grundausstattung. Wahrscheinlich würde sie ihn dennoch irgendwo wiedersehen und durfte sich dann Beleidigungen und Beschimpfungen anhören. So war es immer. Am Abend war er schließlich zu betrunken gewesen, um wohl überhaupt zu realisieren, was sie war. Jedenfalls hatte er nichts gesagt.
      Sie gähnte laut, als sie von der Bettkante stemmte und mit nackten Füßen über den Holzboden ihres kleinen Hauses auf die Schüssel zu schlurfte, in der das Wasser für ihre tägliche Wäsche vor sich hin plätscherte. Vielleicht half es, sich den Kater aus dem Gesicht zu waschen. Sicher sah die Welt dann schon besser aus, oder gleich grau und öde.
      Sie spritzte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und ließ dann ihr Genick knacken.
      Ein Blick aus dem Fenster auf den einsamen Friedhof der Stadt, verriet ihr, dass es bereits Mittag sein musste. Die Sonne stand hoch und blendete ihre müden Augen.
      Das Klopfen an ihrer Tür riss sie aus ihrer Trunkenheit.
      Benommen wandte sie sich um und watschelte zur Tür. Es war selten, dass bei ihr jemand klopfte. Eigentlich kam es nie vor, nur, wenn jemand einen Toten vorbei brachte, dann war sie gut genug. Ein Totengräber war eben nicht sehr beliebt und es gab nur wenige, bis niemanden, der überhaupt mit ihr Zeit verbringen wollte. Nicht, dass sie sonderlich viel Wert auf soziale Interaktionen legte.
      Eine rundliche, grimmig drein blickende Frau stand vor ihr, als Gyahara die Tür einen Spalt breit öffnete. Allerdings schien sie für einen Moment ihren Mut zu verlieren, als sich die Dämonin vor ihr aufbaute und sie um gute zwei Köpfe überragte.
      „Eine Hinrichtung. Auf dem Markt! Jetzt!“, gab die Alte von sich, als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte.
      Gyahara betrachtete die Frau von oben, dann griff sie sich an die Nasenwurzel und massierte sie eine Weile. „Ist gut, ich komme.“ Als sie den Blick hob, hatte die Frau bereits kehrt gemacht und suchte ihre Sicherheit in den verwinkelten Gassen der Stadt.
      Gyahara verdrehte nur die Augen. Den Tag direkt mit dem Opfer einer Hinrichtung zu beginnen war nicht gerade das, was ihr vorgeschwebt hatte. Abgeschlagene Köpfe und das ganze Blut. Und bei dem Henker, der derzeit in Jariam seine Arbeit verrichtete, gab es davon reichlich. Der Typ konnte entweder nicht zielen, oder er machte das mit Absicht. Jedenfalls musste er beinahe bei jeder Hinrichtung mehrmals zuschlagen, bis sein Opfer nicht mehr atmete, oder den Kopf verloren hatte.
      Sie schnappte nach ihrem Umhang und verließ dann ihr Haus. Sie musste noch einen Sack aus der Gerätekammer holen, sonst würde sie sich noch die ganzen Sachen einschmutzen. Manchmal kam sie sich vor wie ein Hund, der angerannt kam, sobald man nach ihm pfiff. Aber sie verdiente nun mal ihr Geld damit.

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    • Nur langsam richtete sich Neneve mürrisch auf und ließ ihren Blick über die größtenteils noch schlafenden Mitreisenden wandernd. Die Namen kannte sie nur von wenigen, teilweise schien es ihr fast so, dass sie einige noch nie gesehen hatte. Diese Menschen sahen nun einmal sehr ähnlich aus. Gleiche Gesten, gleiche Mimen und vor allem den gleichen Humor. Neneve seufzte, als sie an die vergangenen Nächte dachte.
      Selbst unter gleichen Wesen war es für eine weibliche Elfe schwer, sich durchzusetzen, aber diese Menschen hatten keinen Respekt vor ihr – vor allem nicht nach ein paar Flaschen einer übelriechenden, beißenden Flüssigkeit. Neneve schüttelte sich bei dem Gedanken daran. Nein, die Menschen waren es wirklich nicht wert, die Gesellschaft und den Schutz einer Elfe zu genießen.
      Doch alles Jammern und Nörgeln half nichts, sie hatte diesen Auftrag bekommen und sollte ihn wie jeden anderen auch pflichtbewusst ausführen. Bevor sie sich endgültig erhob, warf sie noch einmal einen verächtlichen Blick zu den anderen Wesen, dick eingepackt in wollene Decken, hinüber.
      Fedri, der Sprecher der menschlichen Soldaten, war bereits wach. Er hatte ihr seinen Rang genauestens erklärt, aber sie hatte sich dafür nicht interessiert und nur mit halbem Ohr zugehört. In Neneves Augen gab es nur zwei Gründe für seine Ausführungen: Entweder wollte er damit imponieren und sie beeindrucken oder – davon war sich Neneve sicher – einfach nur angeben.
      Kann ich Euch behilflich sein?“ Es war mehr eine rhetorische Frage, natürlich wäre Neneve nie in den Sinn gekommen, ihm tatsächlich zu helfen. Ein Mann mit einem Rang wie seinem, sollte dies doch wohl alleine schaffen.
      Fedri schien eindeutig aus seinem Konzept gebracht worden zu sein, denn er zuckte wie ein verängstigtes Reh zusammen und sah sie erschrocken an. Doch dann entspannte sich sein Gesicht.
      Vielen Dank, aber ich benötige Eure Hilfe nicht. Macht Euch doch lieber ein bisschen hübsch für den heutigen Tag. Es wird ein aufregender werden, das versichere ich Euch“. Vermutlich war es nicht als Beleidigung gemeint, sondern eher ein weiterer Versuch, sie zu umwerben, doch damit war er bei Neneve eindeutig an der falschen Adresse.
      Sie wurde rot vor Zorn und erwiderte pampig: „Ich würde mich lieber um mein eigenes Antlitz bemühen, das hätte eine Grundrenovierung dringend nötig. Und bei der Gelegenheit solltet Ihr vielleicht auch noch an ein paar anderen Stellen arbeiten!“ Sie funkelte ihn noch einige Augenblicke wütend an, dann stapfte sie davon. In Gedanken dachte sie bereits über eine möglichst schmerzhafte Art des Todes für ihn nach.
      Während sie sich wieder auf den Ast eines Baumes setzte und Lovia erlaubte, es sich auf ihrer Schulter bequem zu machen, beobachtete sie Fedri weiter. Etwas an seiner Art bereitete ihr Kopfzerbrechen, doch sie wusste nicht genau, was es war.
      Auch Aiana spürte ihr Unbehagen und kuschelte sich noch enger an sie. Und während Neneve also auf dem Baum saß und ihre Beine baumeln ließ, konnte sie genau sehen, was als nächstes Geschah:
      Fedri griff urplötzlich nach eine der Schalmeien griff und einmal kurz und laut hineinblies. Neneve schreckte bei dem Lärm auf und griff intuitiv nach ihrem Schwert, das sie auch während des Schlafens nur wenige Zentimeter neben sich gelegt hatte.
      Da tauchten merkwürdige, fremde Gestalten in dunkelbraunen Umhängen aus den angrenzenden Schatten der Bäume auf und näherten sich zielstrebig der Lichtung.
      Neneve entfuhren mehrere kaum unterdrückte Flüche und ließ ihr Schwert zurück in die Scheide gleiten. Dafür griff sie jedoch nach ihrem Bogen und einem Pfeil. Sie war keine allzu gute Schützin, aber aus wenigen Metern Entfernung traf auch sie.
      Sie spannte die Sehne, wartete einen Augenblick um ihr Ziel zu fixieren, atmete noch einmal auf und schoss. Als sie sah, dass einer der Umhänge stöhnend zu Boden ging, atmete sie erleichtert auf. Getroffen!
      Doch nun war ihre Deckung zu Nichte gemacht worden, sodass sie sich elegant vom Ast auf den Boden gleiten ließ und ihr Schwert griff. Sie wusste, dass sie keine große Chance gegen alle Angreifer auf einmal hatte, doch hoffte auf die anderen Soldaten und Wachen des Fürsten. Es konnte doch nicht sein, dass sie den Lärm nicht mit angehört hatten.
      Neneve machte einen Satz nach vorne, riss ihr Schwert vor und drehte sich einmal um die eigene Achse. Sie suchte sich einen bestimmten Angreifer und schlug mit Schwung auf ihn ein.
      Als er zu Boden ging, rutschte die Kapuze aus seinem Gesicht und Neneve erschrak. Es war einer der Soldaten des Fürsten, den Namen wusste sie nicht mehr, aber das Gesicht hatte sich aus einem unerklärlichen Grund in ihr Gehirn gebrannt.

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      Se frem, vi ka' hurtigt ende rundt i ring
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    • Sedar zuckte zusammen und blinzelte, als das kalte Wasser sein Gesicht traf und ihn aus seiner Bewusstlosigkeit riss. Licht stach in seine Augen und seine Ohren schmerzten vor Lärm. Als er sich endlich an die Helligkeit gewöhnt hatte und die Tränen losgeworden war, sah er sich Angesicht zu Angesicht mit einer tobenden Masse die ihm lauthals Schmähungen zu riefen. Abschaum und Dreck waren noch die harmlosesteren Ausdrücke, die ihm entgegenschallten. Er selbst befand sich in kniender Position. Sein Oberkörper war vorgebeugt und um seinen Hals und seine Arme spürte er raues Holz. Ein Pranger, wie ihm aufging, was sofort Panik in ihm auslöste.
      "Ruhig", dachte er sich, "Durchatmen." Die Panik legte sich etwas. Grobe Hände packten seine Arme. Das Holz verschwand und er wurde über die Bühne gezehrt. Sedar spürte seinen Herzschlag. Wenn sich die Axt senkte, wenn er ihr Pfeifen hörte, würde er sich befreien.
      Er wurde auf einen Block gedrückt, sein Gesicht auf das Holz gepresst.
      Damit würde niemals rechnen.
      Schwere Tritte erschütterten die Holzplattform. In seinen Augenwinkel sah er einen Mann ganz in Schwarz der auf ihn zukam. Selbst über seinem Kopf trug er eine schwarze Maske mit schlitzen für die Augen und den Mund. Sedar wartete darauf, dass er die schwere Axt an seiner Seite hob, hinter ihn trat und Sedars Chance kam, doch Nichtsdergleichen geschah. Stattdessen betrachtete der Mann ihn ohne einen Rückschluss auf seine Gedanken zu geben, während die Menge forderte, er solle seine Pflicht tun.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Casper betrachtete den Jungen vor sich. Er schien vielleicht irgendwo in den Anfängen der Zwanziger zu sein. Der Kerl wirkte ziemlich abgerissen, was sollte er verbrochen haben außer sich etwas zu Essen besorgen?
      Er wandte sich an einen der Wachmänner und versuchte dabei seine hämmernden Kopfschmerzen zu ignorieren.
      „Was hat er gemacht?“, wollte er wissen.
      Der Wachmann betrachtete ihn angewidert. Der Blick machte Casper mal wieder aufs Neue klar, wie sehr er seinen Job hasste. Innerlich seufzte er, wartete aber auf eine Antwort.
      „Diebstahl“, antwortete der Mann knapp und drehte sich von ihm weg, als hätte allein dieses „Gespräch“ ihn schon in seiner Ehre beschmutzt.
      Casper warf dem Jungen, der so vor ihm lag, einen Blick zu. Seine Hände waren mit einem Strick auf dem Rücken gefesselt.
      Wegen Diebstahl der Tod? Das ist doch lächerlich!
      Das Toben der Menge wurde immer lauter und ungeduldiger. Das Gebrüll veranlasste ihn einen Blick in die Menge zu werfen. Und da sah er sie!
      Dunkelblonde Haare mit Rotstich, die ihr bis über die Schultern fielen. Ihre zarte Haut mit dem rosigen Farbton und strahlend blaue Augen, die den Eisbergen im Norden glichen.
      Kaisa! Aufgewühlt starrte er die Frau an. Sie fing seinen Blick ein und lächelte. Casper machte einen taumelnden Schritt auf der Tribüne, konnte sich aber eben noch beherrschen. Wollte er Kaisa zeigen woraus sein Lebenswerk bestand? Sie wusste es doch aber eh schon…
      Seine Augen zuckten unruhig hin und her und blieben dann wieder an diesem wundervollen Gesicht hängen, dann meinte er sie mit dem Kopf schütteln zu sehen. Er blickte zurück zu dem Jungen auf dem Bock, dann zu Kaisa. Sie war verschwunden, nur ihr flüchtiger Geruch nach Vanille schien sich in seiner Nase verfangen zu haben.
      „Was ist los?!“, fuhr einer der Wachleute ihn an und schubste ihn. „Mach eine Arbeit!“
      Das reichte, um den vagen Entschluss in seinem Kopf Gestalt annehmen zu lassen.
      Mit einem wütenden Schrei fuhr er herum und rammte der Wache den Stiel seiner Axt unters Kinn. Krachend schlugen seine Kiefer zusammen, dann fiel er nach hinten.
      Die zweite Wache kam auf ihn zu gerannt, dieser rammte er den Stiel in den Bauch. Würgend brach auch der zweite Mann in die Knie.
      Casper packte den Jungen an seinen gefesselten Armen, zerrte ihn auf die Beine und das Podest hinab.
      „Haltet sie!“, brüllten die sich aufrappelnden Soldaten, aber die Menschen waren wegen einem Spektakel kommen und sie taten einen Teufel dieses zu unterbrechen.
      Dennoch würde es schwer genug werden irgendwie aus der Stadt heraus zu kommen.
      Dreck auf Toast!
    • Gyahara stand etwas abseits und beobachtete das Spektakel mit zusammengekniffenen Augen. Es war ein Fluch, dass sie bei Tag nur alles verschwommen wahrnehmen konnte, aber sie erkannte dennoch das, was sie erkennen musste.
      So war zu ihrer Überraschung der Henker nach einem wütenden Schrei mit dem Jüngling vom Podest gesprungen und hatte sich in die ebenfalls verwunderte Menschenmenge geflüchtet. Deren Erstaunen hielt nur wenige Sekunden, ehe sie wieder wild umher brüllten. Einige lachten über die verblüfften Soldaten, die sauer hinter den beiden her rannten, andere waren empört über das Eingreifen des Henkers.
      Aufmerksam verfolgte Gyahara den großen Mann mit der schwarzen Maske wie er verzweifelt einen Weg durch die Schaulustigen suchte. Manche versuchten ihn aufzuhalten, hatten gegen den Koloss eines Kerls jedoch keine Chance.
      Allerdings verriet sein zielloses Umhergerenne, dass die Flucht nicht wirklich durchplant gewesen war. Was Gyahara noch neugieriger machte, wie der Henker auf die Idee kam, dem Kerl zu helfen. Es gehörte viel Mut dazu, sich der Justiz zu widersetzen und dann gerade als Henker jemanden zu befreien. Die Dämonin kam nicht umher einen Funken Bewunderung zu verspüren.
      Als sie wieder aufsah, kam der Henker in ihre Richtung gerannt. Jemand brüllte, sie solle die Flüchtenden aufhalten, aber daran dachte sie nicht einmal. Sie hatte ihre eigene Arbeit und das war die Aufgabe der Soldaten. Gyaharas Arbeit übernahm auch kein anderer, oder machte es ihr leichter.
      Sie hob also die Hände und trat beiseite, als der Henker mit dem Jungen unter dem Arm an ihr vorbeistürmte. Ein geflüstertes „Danke“ drang dabei an ihre Ohren. Mit aufgerissenen Augen, drehte sie sich ihm nach. Diese Stimme, das war der Mann von ihrem Kneipenbesuch.
      Entschlossen wandte sie sich wieder um und trat dem ersten herannahenden Soldaten in den Bauch. Keuchend und mit einem vor Schmerz verzerrten Gesicht ging er zu Boden. Dem zweiten riss sie dank ihrer Krallen eine lange Wunde in den Unterarm, als er sie mit dem Schwert angriff.
      Alles ging so schnell, dass sie erst realisierte, was sie eben getan hatte, als sich beide Männer vor ihr krümmten. Aber sie verspürte keine Reue. Ein schlechtes Gewissen hätte sie nur gehabt, hätte sie nicht dem ersten Menschen geholfen, der sich je bei ihr bedankt hatte.
      „Verräter“, brüllte jemand aus dem Publikum.
      „So ein Mist", stieß Gyahara hervor, als sie sah, dass sich ihr noch weitere Soldaten näherten. Unwissend, was sie nun tun sollte und mit der Situation völlig überfordert, wandte sie sich um und rannte den anderen beiden nach.

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    • Neneve benötigte eine Sekunde, bis sie sich von dem Schock erholt hatte. Wobei, Schock war eigentlich nicht das richtige Wort dafür. Wirklich schockiert war sie über den Verrat der Soldaten nicht, für sie gehörte diese Eigenschaft zu den Menschen dazu wie Bäume zum Wald. Aber dennoch wunderte sie sich über die Nachlässigkeit des Fürsten, wenn er auf diese Weise auch in der neuen Stadt nahe der Grenze des Feenreichs regieren würde, sah sie schwere Zeiten auf sich zu kommen.
      Diesen Moment geistiger Verwirrung nutzte ein anderer Soldat um ihr eine schmerzende Wunde am linken Unterarm zuzufügen. Aber noch bevor die warme, rote Flüssigkeit sich ihren Weg hinab bahnen konnte, teilte er bereits das Schicksal seines toten Gefolgsmanns. Der Schmerz, der mit einiger Verspätung ihren Arm durchfuhr, brachte sie nun endgültig zurück in die Realität.
      Sie musste den Fürst schützen, dies war ihre Aufgabe, und Neneve hatte noch nie einen Auftrag nicht beendet.
      So bahnte sie sich einen Weg durch den Nebel des Kampfes, während ihr nun die Leibwächter des Fürsten zu Hilfe eilten. Bei ihnen schien er wohl ein besseres Händchen gehabt zu haben.
      Als sie beinahe das Zelt erreicht hatte, schrie einer der Leibwächter auf – ein Messer steckte tief in seiner linken Schulter. Er lebte noch, doch wie lange war eine andere Frage. Sein Angreifer hätte ihm beinahe sein Schwert in die Brust gerammt, als Neneve blitzartig nach ihrem schlichten Dolch griff und ihn so bei seinem Vorhaben hinderte.
      „Hättest du wohl gerne“, zischte sie noch, obwohl er sie nicht mehr hören konnte. Dann betrat sie das aufgeschlagene Zelt des Fürsten.
      Fürst Keios? Fürst Keios? Seid Ihr hier? Geht es Euch gut?“, murmelte sie in das Innere des Zelts hinein, als sie den Stoff des Eingangs beiseite wischte.
      Da vernahm sie eine flüsternde Stimme und konnte den Fürsten ausmachen, der neben seinem Bett kniete, die Hände seltsam gefaltet und die Augen geschlossen.
      Bei den Geistern der Natur, geht es Euch gut?!“, stieß Neneve entsetzt aus. Erst nahm sie an, der Fürst wäre verletzt und erholte sich nun, doch sie konnte kein Blut erkennen.
      Ruckartig drehte sich der Kopf des Fürsten zu ihr um und er atmete erleichtert auf: „Ach Ihr seid das“. Dies klang wenig freundlich, am liebsten hätte Neneve ihm sogleich die Meinung gesagt, doch sie biss sich auf die Lippe.
      Fürst Keios, was macht ihr hier im Dunkeln?“, wollte sie dann doch wissen und ließ ihren Blick im Zelt umher wandern.
      Beten. Meine Leibwächter werden das Unheil nicht abwenden können, das Schicksal hat bestimmt, dass es so zu Ende gehen soll.“ Neneve zog skeptisch eine Augenbraue nach oben und überdachte ihre Antwort gut.
      Nicht, solange ich an der Seite Eurer Leibwächter stehe. Ich wollte nur sehen, ob Ihr verletzt seid.“ Um seinem weiteren Geschwafel aus dem Weg zu gehen, verließ sie das Zelt mit gezücktem Schwert wieder. Dabei murmelte sie leise vor sich hin: „Diese Menschen, die haben irgendwo ihr Gehirn verloren. Mögen die Naturgeister ihnen beistehen und sie auf den rechten Weg führen“.

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    • Sedar verstand die Welt nicht mehr. Das hieß: Er verstand sie noch weniger als ohnehin schon. In einem Moment hatte der Mann ihm das Schwert sprichwörtlich an die Kehle gesetzt und jetzt zerrte er ihn durch die Gassen auf der Flucht vor den Soldaten, die sie verfolgten weil der Henker ihm das Leben gerettet hatte. Sedar verdrängte die Fragen, auch wenn er genügend von ihnen hatte. Das war weder der Richtige Ort, noch der Richtige Zeitpunkt. Er machte sich los damit die beiden sich nicht gegenseitig behinderten und rannte los. Der Henker war ein Riese von Mann, der für seine Größe jedoch erstaunlich schnell war. Das Klingen der gepanzerten Stiefel auf den Steinstraßen, war jedoch auch eine gute Motivation für beide. Sedar tastete sich im Rennen ab und atmete erleichtert auf, als er seinen Beutel an seinem Gürtel erfühlte. Die Soldaten hatten ihn wohl erst nach seinem Ableben durchsuchen wollen. Er gewann an Geschwindigkeit, übernahm die Führung und winkte den Riesen in eine parallel Straße. Zum Glück war der Marktplatz in der Mitte der Stadt, so dass sie durch das Viertel der Reichen und Mächtigen mussten, zum Glück erkannte er eine Stelle wieder und zum Glück lagen die Straße wie ausgestorben da. Vermutlich war wirklich jeder auf der Hinrichtung gewesen. Sedar hatte schon genug Tote gesehen, um zu wissen, dass das kein schöner Anblick war. Wieso waren andere so begeistert davon. Der Henker sah ihn etwas erstaunt an, als er ein paar mal die Straße wechselte, um von ihrer Spur abzulenken und dann an einem Busch Halt machte, um ein Schwert und einen Rucksack hervorzuziehen. Der Stoff war mittlerweile etwas feucht, aber immerhin waren beide Dinge noch da.
      "Nur ein Dieb, was?", fragte der Henker, der neben ihm stehen geblieben war. Die Maske hatte er mittlerweile vom Kopf genommen und Sedar konnte sehen, dass er braunes Haar und einen buschigen Bart hatte. Seine Stirn war in Falten gelegt und sein Blick lag auf dem Schwert. Schuldbewusstsein erfasste Sedar. Der Mann hatte ihn in dem Glauben gerettet, er wäre ein einfacher Dieb und kein gesuchter Mörder.
      "Ein Erbstück", behauptete er schnell, was den Henker beruhigte. Und nun lügte er ihn auch noch an.
      "Ich danke euch vielmals, ich dachte schon es wäre aus. Wärt ihr nicht gewesen, läge ich nun Kopflos unter Erde", versuchte er es etwas freundlicher, wobei dieses eine Mal jedes Wort ehrlich gemeint war.
      "Lass dieses euch und ihr. Ich bin kein verdammter Fürst", entgegnete der Henker nun. Er schien nicht ganz zu wissen, wie er auf den Dank reagieren sollte. Vermutlich wusste er selbst nicht wieso er so gehandelt hatte. Dann fasste er sich jedoch.
      "Mein Name ist Casper", sagte er mit einem freundlichem Lächeln, das Sedar nicht in gerade erwartet hätte.
      "Ich heiße San", antwortete er reflexartig. Vielleicht hätte er ihm auch seinen richtigen Namen verraten, doch die Wochen, die er nun schon auf der Flucht war, hatten ihn sich an den falschen gewöhnen lassen. Vermutlich war es auch besser so, da er nicht wusste, ob Casper vielleicht nicht doch einmal von ihm gehört hatte.
      "Wir sollten die Stadt verlassen", stellte Casper fest, als ein in einen schwarzen Umhang gehüllter Mann um die Ecken bog. Sedars Hand lag schon an seinem Schwertgriff, als er den erneuten misstrauischen Blick von Casper wahrnahm und die Hand wieder hinunter nahm. Stattdessen tastete er unauffällig in seinem Beutel nach der Kette, die er in der geschlossenen Faust auf der vom Henker abgewandten Seite hielt. Man konnte nicht vorsichtig genug sein.
      "Wieso bist du uns gefolgt?", fragte der Henker den Mann im schwarzen Umhang. Er schien ihn offensichtlich zu kennen.
      "Die Wachen haben es dank eines kleinen Missgeschicks wohl auch auf mich abgesehen. Ich komme mit", stellte der Mann mit viel heller Stimme fest, als Sedar erwartet hatte. Offenbar war er einem Irrtum erlegen und hatte eine Frau vor sich. Gut, dass er keinen Ton gesagt hatte, der ihn blamiert hätte. Sie war etwas größer als er und wirkte unter dem Umhang muskulöser als die meisten Frauen, was auch seine Täuschung erklärte. Der Henker nichte nur.
      "Wir sollten jetzt wirklich los", wiederholte Casper mit einem sorgenvollen Blick auf die Straßenecke. Aus der Ferne ertönte das Geräusch von Rufen und rennenden Stadtwachen.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Innerlich freute sich Casper, dass Gyahara mit ihnen kam.
      Er mochte sie. Eine trinkfeste Frau war nicht häufig zu finden.
      Allerdings fürchtete er sich ein wenig vor Sans Reaktion, sollte er sie jemals ohne Umhang zu Gesicht bekommen.
      Ein wenig seltsam war dieser San schon.
      Erbstück? Er hatte seine Hand ziemlich gewohnheitsmäßig auf den Griff gelegt.
      Wütend wischte Casper den Gedanken beiseite. Er hatte das Richtige getan. Zweifel waren nicht angebracht, sie mussten irgendwie hier weg.
      Immer wieder linsten sie um die Hausecken, ehe sie eine neue Straße betraten. Sie huschten von Hauseingang zu Hauseingang immer in Richtung des Westtores der Stadt, jenes welches am nächsten lag. Außerdem wartete dort Franz. Er hatte als Pferd eines Henkers nur in einem Stall außerhalb der Stadt Platz gefunden.
      Gerade als sie Hauptstraße betraten, nur wenige Schritte vom Tor entfernt, hallte ein „Haltet sie!“ durch die von Sonne und Adrenalin aufgeheizte Luft.
      „Mist!“
      Dreck auf Toast!
    • "Was habe ich nur getan?", rief Gyahara aus, als sie sah, wie die Wachen vor ihnen ebenfalls auf sie zukamen und die Gasse und somit den Weg in die Freiheit blockierten. Sie hatte schon lange nicht mehr solchen Mist gebaut. Was gingen sie schon Probleme Fremder an? Gerade bereute sie ihre voreilige Entscheidung.
      Und während sie weiter auf das Ende der Gasse zurannten, fasste sie sich panisch mit den Händen in die Haare.
      "Gibt es noch einen anderen Weg aus der Stadt?", fragte der Junge, ohne den Blick von den Soldaten zu nehmen.
      "Nicht, ohne zurück zu gehen und wenn wir zurück gehen, müssen wir an den Soldaten vorbei", meinte Gyahara. "Wie müssen auch hier entlang, Frank wartet in einem Stall am Ende der Gasse auf mich", widersprach Casper. Der Henker sah panisch von den Wachen hinter sich zu denen vor sich.
      Gyahara musterte ihn fragend. Sie hatte keine Ahnung, was ein Frank sein sollte, aber offenbar bedeutete es dem Mann etwas.
      Sie hatten den Rand der Stadt erreicht, und grimmig standen die Soldaten vor ihnen.
      "Ergebt euch!", forderten sie.
      Die ungleiche Truppe stoppte vor den Soldaten. Zumindest hatte Gyahara die Absicht anzuhalten. Allerdings stolperte sie dabei ungeschickt über ihren Mantel und fiel einem der Soldaten direkt in die Arme und riss ihn mit sich zu Boden.

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    • Neneve ließ ihr Schwert kraftlos fallen. Es erklang ein unangenehmes Geräusch von Metall, als es aufschlug. Gerade war der Kampf mit den hinterhältigen Menschen entschieden worden: Der letzte Angreifer war röchelnd zu Boden gegangen.
      Schwer atmend sah sich Neneve um. Ihr Arm war blutverkrustet und unter ihrer Wange glühte es auch verdächtig. Außer ihr konnte sie nur noch drei weitere Soldaten ausmachen, die unter den Toten noch Überlebende und Verletzte suchten. Ihr Blick wurde schwer, als sie den Soldaten erkannte, dem sie das Leben gerettet hatte. Er hatte es nicht überlebt, die Wunde an der Schulter war zu tief gewesen, er hatte zu viel Blut verloren.
      Jeder andere wäre wohl bei dem Anblick der blutverschmierten Lichtung in Tränen ausgebrochen, hätte einen Würgereiz verspürt oder wenigstens ein betroffenes Mime aufgelegt. Doch Neneve berührt dies alles wenig, sie konnte Menschen ohnehin nicht sonderlich leiden. Aber die Erinnerung daran, dass ein Schutzloser nicht von ihr gerettet wurde, schmerzte sie und kränkte ihren Stolz und ihr Ehrgefühl. Sie wusste nicht einmal seinen Namen, doch er tat ihr leid. Sein Gesicht wurde von einem schmerzverzerrten Ausdruck verunstaltet und eine große Lache Blut hatte sich um ihn herum gebildet.
      Ihr könnt aus Eurem Zelt kommen, Fürst Keios, Eure Feinde sind besiegt worden.“ Neneve verschwieg die Verluste, die sie erlitten hatten. Es zählte der Sieg und Fürst Keios‘ Überleben, alles andere war egal. Sie warf noch einmal einen Blick auf den toten Soldaten, ehe sie sich abwendete und auf das Auftreten des Fürsts wartete. Vermutlich würden sie weiterziehen, vielleicht war ihr Ziel auch eine größere Stadt, sie benötigten dringend Söldner, die die Stellen der Toten übernahmen. Im Moment waren sie ein leichtes Ziel.
      Nur zögerlich verließ der Fürst sein Zelt und sah sich um. Sogleich wurde er kreidebleich und musste sich abwenden.
      Wie viele?“, wollte er wissen. Neneve blieb stumm, sie war sich nicht im Klaren darüber, wie viele Soldaten der Fürst gehabt hatte.
      Da sie schwieg, fragte er: „Wie viele sind wir noch?
      Neneve zögerte einen Moment, dann erwiderte sie: „Es sind noch vier Wächter zu Eurem Schutz da“. Der Fürst sah recht hilflos vom Bogen zu ihr auf. Die Frage nach dem Grund dafür, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
      Sie vermutete, dass er deutlich jünger und unerfahrener war, als sie zuerst angenommen hatte. Vielleicht war dies sogar die ersten Toten, die er in seinem Leben je sah.
      Deswegen griff sie ihm helfend zur Seite: „Fürst Keios, ich fürchte, wir müssen eine größere Stadt passieren, dort gibt es genug Arbeitslose, die eine Stelle als Söldner sehr begrüßen würden. Wir müssen nun an Eure Sicherheit denken, an sonst nichts.
      Der Fürst nickte nur gedankenverloren und zog sich blass und fiebrig in sein Zelt zurück.
      Neneve stellte sich eine der Landkarten der Ältesten vor, die ihr die Königin vor der Abreise gezeigt hatte. Vermutlich lag nicht weit von ihrem derzeitigen Standpunkt entfernt eine Stadt namens Jariam. Sie war nun ihre größte Hoffnung. Dort musste es Gesindel geben, das sich nur allzu gerne als Söldner beschäftigte – es musste sie einfach dort geben. Und es war wohl das beste, so bald wie möglich weiterzuziehen. Womöglich gab es in den Wäldern noch weitere Feinde des Fürsten. Einem weiteren Ansturm war auch sie nicht gewachsen.

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    • Die Frau, wer auch immer sie war, machte einen überraschenden Satz auf einen der Soldaten zu - Sedar hätte nie mit einem so plötzlichen Angriff von ihr gerechnet - und brachte den verdutzten Wachmann zu fall, bevor dieser sein Schwert überhaupt heben konnte. Die anderen wichen zurück und wollten dann auf sie losgehen, doch Casper stürzte sich ins Gefecht und teilte wütend Schläge mit dem Schaft seiner Axt aus. Sedar sah sich kurz um. Von seinen Helfer und den Soldaten sah keiner in seine Richtung. Also griff er den ihm am nächsten stehenden an, legte ihm die Hand über den Mund, riss ihm mit dem Fuß die Beine weg und beförderte ihn so schmerzhaft auf das Pflaster, auf dem er bewusstlos liegen blieb. Ein anderer wandte sich um und erhob sein Schwert. Doch Sedar wich seinem Schlag mit einem Sprung aus, packte die Schwerthand, zog ihn an sich heran, sprang hoch, schlang ein Bein um seinen Hals und riss ihn zu Boden. So fixiert verpasste er ihm einen schwachen Schlag auf die Schläfe, der ihm nicht einmal Kopfschmerzen bereiten würde, wenn er aufwachte. Als er sich wieder aufrichtete sah er wie Casper einen der Wachmänner mit einem wuchtigem Schlag aufs Pflaster schickte und die Frau vermutlich mit einem Dolch in ihrer Hand bei einem Hieb eine blutige Wunde auf dem Arm des letzten stehenden Wachmanns verursachte - der 5. lag bereits sich krümmend zunieder. Der Mann wich mit einen mädchenhaften Schrei zurück, als habe er den Teufel persönlich gesehen, und rannte in die Gassen davon. Vielleicht konnte er es nicht ertragen von einer Frau besiegt zu werden, auch wenn dieses Verhalten seine Männlichkeit nun wirklich nicht gerade steigerte. Der Henker und die Frau schienen ihrerseits nichts von Sedars Kampf mitbekommen haben, weshalb er beide schnell in Richtung Freiheit schob, wobei letztere eher relativ zu sehen war.
      "Die lassen uns vermutlich nicht einfach laufen", vermutete Casper, als sie auf einem Hügel ein paar Kilometer von der Stadt entfernt halt gemachten hatten. Er war von Franz gestiegen, welcher - wie sich herausgestellt hatte - ein Pferd war.
      "Wir brauchen eine Möglichkeit uns irgendwie unter andere zu mischen, wo wir uns besser verstecken können", stimmte die Frau zu. Beide schienen nicht daran zu denken Sedar zu verlassen, was ihn etwas verwirrte, ihm jedoch auch nicht gerade unrecht war. So viel Zeit wie mit ihnen hatte er schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit niemandem mehr verbracht. Andererseits. Wohin sollten sie auch gehen. Ihr Leben, wie sie es vor dem heutigem Tag geführt hatten, war Vergangenheit.
      "Und ich bin schuld", dachte Sedar, "Schon wieder." Er ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Wenn er schon für ihre Probleme verantwortlich war, wollte er wenigstens versuchen ihnen zu helfen sich vor den Wachen zu verstecken.
      "Wie wär es damit", schlug er vor und zeigte auf eine Ansammlung von Punkten zwei Hügel weiter, die sich auf dem zweitem Blick als eine Gruppe von Personen, die um ein paar Zelte verteilt war, herausstellte.
      "Was", fragte die Frau, die Schwierigkeiten zu haben schien etwas zu erkennen.
      "Eine Karawane", stellte Casper fest.
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      Aldous Huxley
    • Neneve hatte ihren recht kurzen Ritt auf Vargas genossen. Das edle, anmutige Tier war nicht nur für Fremde eine Augenweide, sondern auch ein sehr bequemes Reittier. Er hatte sie auf einer Welle über die Felder getragen, während der Rest ihrer kleinen Truppe sich mühsam und schwitzend an seinen Pferde klammern musste.
      Nein, diese Pferde strahlten keine Autorität, keine Anmut aus. Neneve konnte nicht verstehen, dass die menschlichen Männer überhaupt keinen Sinn für Ästhetik zu haben schienen. Schließlich, so lehrten die Elfen ihre Kinder, war der erste Eindruck der wichtigste.
      Während sie nun auf einem Hügel Rast machten und die Menschen ihr Lager aufschlugen, strich sie durch Vargas‘ samtenes Fell und ließ ihr Blick abschätzig über die Menschensiedlung wandern. Nein, die Menschen besaßen wirklich keinen Geschmack. Nirgends konnte sie zwischen den Ansiedlungen von Häusern einen Flecken grün entdecken – vor allem in der Stadtmitte nicht. Hier wollten die Menschen nur mit ihren protzigen, bunten Fensterscheiben und mehrstöckigen Schlafplätzen angeben. Lächerlich und armselig.
      Aiana ließ sich mit einem Plumpsen neben Vargas ins Gras fallen und begann sich zu putzen. Dieser kleine Wolf legte sehr viel Wert auf sein Aussehen, was Neneve sehr imponierte. Überhaupt waren alle ihre Begleiter sehr ordentlich und gepflegt – was sie nicht von ihren restlichen Mitreisenden behaupten konnte. Der unangenehme Schweiß dieser Menschen drang an ihre feine Nase und ließ diese kräuseln.
      Denen täte ein Bad in einem frischen, klaren Bach sicherlich gut“, dachte Neneve und sah zu den hart Arbeitenden. Der Fürst, der nervös durch die Mähne seines rabenschwarzen Pferds strich, wirkte noch genauso blass und krank wie bei dem Aufbruch der Karawane. Neneve konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wieso er ihrer Königin so wichtig war.
      Dann zuckte sie mit den Schultern, diese politischen Machenschaften hatten sie nicht zu interessieren – und ehrlich gesagt taten sie dies auch nicht. Sie hatte seit mehr als 100 Sommern die aufstrebenden, neuen Mächte kommen sehen – und auch ihren Untergang. Es war immer der gleiche Ablauf: Ein junger, aufmüpfiger Sprössling einer angesehenen Familie bekam plötzlich einen unstillbaren Tatendrang und wollte die Welt erkunden. Neneve schmunzelte kurz, als sie an ihre eigene, aufregende Vergangenheit dachte. Das waren noch Zeiten – doch sie schweifte ab. Nachdem also dieser Jüngling einige ebenfalls todesmutige Narren um sich geschart und ein neues Gebiet erobert hatte, folgten bald Missernten und Hungersnöte. Er war noch viel zu jung, um selbst ein Reich zu führen, besaß meist kein politisches Geschick und hatte sein Land in wenigen Jahren zu Grunde gewirtschaftet. Entweder ging sein Land dann mit ihm zu Grunde, oder aber seine Berater lehnten sich gegen ihn auf und verjagten ihn um nach ihrem Ermessen das Land zu führen. Der gescheiterte, herangewachsene Mann kehrte nun mit einigen Erfahrung mehr nach Hause zurück, wurde erfolgreich mit einer vielversprechenden Erbin verheiratet und führte das Reich seines Vaters weiter – fragte sich nur wie lange.
      Morgen früh werdet Ihr sogleich auf den Marktplatz von Jariam gehen und Söldner anheuern“, befahl der Fürst in Neneves Richtung. Ihr gefiel sein Befehlston nicht – was erlaubte sich ein solcher Knabe gegenüber einer elfischen Königsbotin?
      Wie bitte?“, fuhr sie ihn dementsprechend an, „wie erlaubt Ihr Euch denn mit mir zu sprechen?! Ich bin Eure einzige Chance, am Leben zu bleiben. Da erwarte ich doch ein wenig mehr Respekt!“ Ihre Zurechtweisung schien Wirkung zu haben, denn der Sprössling kuschte zurück und wurde rot.
      So…so habe ich das doch nicht gemeint, war doch nur ein Vorschlag. Also“, er räusperte sich, „würdet Ihr so freundlich sein und dies für mich tun? Ich … ich traue mich so schnell nicht wieder unter Menschen, und wer weiß, welche Narren ich dieses Mal anstellen werde…“ Das wirkte, Neneve wurde ein wenig bleich bei der Erinnerung an Fedri. Deshalb nickte sie gnädig und stieg von Vargas – nicht ohne erneut durch sein Fell zu fahren.

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    • Casper hatte Franz aus dem Stall mitnehmen können, in dem er ihn untergebracht hatte. Eigentlich war es nicht mehr als ein verlassene Scheune mit genügend Heu gewesen, sodass Franz sich ein paar Tage selbst versorgen konnte.
      Als sie zu dritt in die Scheune gestürmt waren, hatte Franz sich fürchterlich erschreckt und gebockt und so kostbare Minuten verschwendet, aber er würde einen Teufel tun seinen einzigen Freund im Stich zu lassen.
      Nun standen sie auf einer kleinen Anhöhe und betrachteten die Ansammlung von Zelten und Wagen. Er Zuckte mit den Schultern, packte Franz an den Zügeln und stapfte los. San hatte Recht. Wenn sie in der Karawane mitreisen konnten, würden sie auf schnellstem Wege von Jariam wegkommen.
      Kurz bevor sie die Karawane erreichten stellte sich ihnen eine Frau in den Weg. Sie wurde begleitet von einem weißen Hirsch und einem kleinen Tier, dass er noch nie gesehen hatte.
      Ihr Gesichtsausdruck forderte Respekt, ihre Haltung verlangte Gehorsam.
      "Was wollt ihr?", wurden sie wenig warm begrüßt.
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    • Eingeschüchtert standen sie drei im Lager und keiner schien zu wissen, was sie nun sagen sollten, um die wütende Frau vor sich zu besänftigen. Ihre Hand wanderte zu dem Schwert an ihrer Seite und machte Gyahara nur noch nervöser. Die ganze Aufregung der letzten Stunden war noch immer nicht abgeklungen und der Anblick der braunhaarigen Elfe machte es nicht besser. Ihr musternder Blick ließ sie instinktiv nach ihrer Kapuze greifen und sie sich weiter ins Gesicht ziehen. Die Elfe würde sie über alle Berge jagen, wenn sie als Dämonin erkannt wurde. Und zum Rennen hatte sie wirklich keine Lust. Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Wieder mal wurde ihr Weg ausschließlich von Unglück begleitet, aber wen wunderte das schon. Sie nicht.
      "Ja, was wollten wir eigentlich?" Casper fuhr sich durch die Haare und blickte zu dem Jungen und dann zu Gyahara, als wollte er von ihnen Hilfe haben. Doch die Dämonin zuckte nur die Schultern. Sie hatte keine Ahnung, wie man mit Fremden redete, oder gar nach Zuflucht fragte.
      "Wir sind Söldner", meinte der Jüngling und zog damit die überraschten Blicke von Gyahara und Casper auf sich. Sie waren bitte was?
      "Söldner?", fragten sie und die Elfe synchron. Der Junge nickte nur und straffte die Schultern. Augenblicklich wirkte er viel selbstbewusster, nicht mehr wie jemand, der eben noch beinahe hingerichtet worden wäre.
      Die Elfe sah kritisch zwischen ihnen hin und her. Sie schien misstrauisch zu sein und Gyahara konnte es ihr nicht einmal verübeln. Hätte sie drei Gestalten vor sich, von der einer aussah wie ein Riese, der andere wie ein unschuldiger Junge und sie selbst von einem Mantel völlig verhüllt, dann würde sie diesen Leuten auch nicht über den Weg trauen. Sie waren vieles, aber sicherlich keine Söldner und das schien die Elfe auch zu bemerken.

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    • "Ja Söldner", behauptete Sedar mit etwas festerer Stimme. Casper und die Frau, deren Name er noch immer nicht kannte, mochten sich vielleicht wundern, wo sein neues Selbstvertrauen herkam, doch andernfalls würden sie gegenüber der Elfe nie als Söldner durchgehen.
      "Genau. Söldner", bekräftigte Casper nach kurzem Zögern. "Sieht man das, denn nicht."
      "Söldner", bestätigte schließlich die Frau nickend, "Sieht man das denn nicht." Da ihr Gesicht ohnehin von einer schwarzen Kapuze verborgen war, konnte man ihren Gesichtsausdruck durchaus als selbstbewusst werten. Die Elfe schien nicht ganz überzeugt. Sie war kleiner als er, hatte langes braunes Haar, das ihr in Locken auf die Schultern fiel und trug normale bunte Kleidung. Sie schien nicht älter als als 18 zu sein, doch sie runzelte weiterhin die Stirn und behielte die Hand auf dem Schwertgriff. Sedar verkniff sich den Reflex nach seinem zu greifen.
      Doch schließlich glättete sich die Stirn der Elfe.
      "Nun gut", sagte sie, "Schlimmer als die letzten könnt ihr kaum sein." Sie wandte sich wortlos ab und ging. Offenbar erwartete sie, dass sie ihr folgten, was sie, nicht ohne einen kurzen Blick zu wechseln, auch taten.
      "Ich bringe euch nur zum Fürsten", warnte sie sie. "Mit etwas Glück erspart ihr mir morgen einen langen anstrengenden Vormittag." Einen Fürsten. Sedar verzog bei diesem Wort missbilligend das Gesicht. Die Elfe sah das, doch sie kommentierte es mit keinem Wort. Ganz begeistert von diesem Mann schien sie auch nicht zu sein.
      "Mein Name ist Casper", stellte sich der Henker schließlich vor, "Und meine Freunde sind Gyahara und San." Freunde. Auch wenn man dies nur so sagte lief Sedar ein kalter Schauer über den Rücken. Er hatte erst eine Person Freund nennen können und dies endete nicht wirklich glücklich. Außerdem belog man seine Freunde nicht.
      "Neneve", antwortete die Elfe nur.
      Als sie die Zelte erreicht hatten trat ihnen ein großgewachsener Mann entgegen. Er war nicht älter als Sedar und eher schlacksig als muskulös, aber sein Blick kündete von adeliger Arroganz. Kein Zweifel. Das war der, nach dem sie gesucht hatten.
      "Wer ist das", verlangte er näselnd zu wissen. Der Tonfall brachte ihm einen bösen Blick von Neneve ein, der ihn etwas zusammenschrumpfen ließ.
      "Söldner, die uns begleiten wollen", antwortete die Elfe knapp. Augenblicklich hellte sich das Gesicht des Adligen auf.
      "Söldner", rief er aus wie ein Kind, das Geburtstag hatte, "Taugen sie was."
      "Nein", stellte Neneve fest, bevor sie selbst antworten konnten, "Aber umso mehr wir sind, desto unwahrscheinlich wird es, dass wir angegriffen werden. Außerdem sieht wenigstens der Große aus, als könne er mit der Axt umgehen, die er mit sich schleppt. Oder sie zumindest heben."
      "Gut, was verlangt ihr", fragte der Fürst nun an sie gewandt. Die drei wechselten fragende Blicke. Woher sollten Sedar wissen wie viel ein Söldner verlangte. Er hatte schließlich noch nie einen angeheuert. Oder einen getroffen.
      "Zwei Kronen mehr als die anderen", verlangte Casper prompt, was die Freude im Gesicht des Fürsten augenblicklich vertrieb.
      "Oder wir gehen unseres Weges und lassen euch mit euren Problemen allein. In der Stadt findet ihr keinen anderen Söldner. Dazu ist die Gegend hier viel zu friedlich. Glaubt mir. Ich saß lange genug da fest. Alle anderen haben sich bereits vom Acker gemacht, weil sie keinen Auftrag bekommen haben." Was zum Teufel tat Casper da. Vermasselte er ihnen gerade die beste Chance unbescholten hier wegzukommen, nur wegen ein paar Münzen.
      "Eine Krone mehr", bot der Adlige nach einiger Zeit schließlich zögernd an. Casper erwiderte einige Sekunden lang den Blick seines Gegenüberstehenden. Sedar hielt die Luft an.
      "Einverstanden", gab der Henker sich schließlich zu Frieden, "Aber wir kriegen unser eigenes Zelt." Aus irgendeinem Problem, schien dies gar kein Problem, als seien mehrere Zelte plötzlich frei geworden, und endlich schlugen der Fürst und der Henker ein.
      "Was sollte das", fragte Sedar Casper, während sie beide das Zelt, das sie für sich und Gyahara bekommen hatten, aufstellten. Sie würden erst morgen weiterziehen, was ihm missviel, doch er musste sich wohl damit zufrieden geben.
      "Kein Söldner, der was auf sich hält, würde sich mit weniger zufrieden geben, als er bekommen kann", feixte der Henker. "Hat doch funktioniert oder?"
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

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