Auf der Spur ...

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    • Müde und abgerissen maschierte die Gruppe durch ein Tor im Palisadenzaun, der die Stadt umgab.
      Sie war größer als ein Dorf, aber so klein, dass sich eine Steinmauer nicht lohte. Dennoch schöpften sie Hoffnung, denn mit ihnen passierten auch viele Händler - unter anderem ein Viehhändler - die Mauer. Sie ließen sich einfach immer tiefer in die Stadt mitreißen, bis sie durch eine Gasse auf den markplatz geschwemmt wurden, der erstaunlich groß für die Kleinstadt war.
      Es wurde allerlei Gemüse und Obst feilgeboten. Bäckern feilschten neben Metzgern. Hier und da gab es sogar Schmuck und Süßigkeiten und dazwischen der Tierhändler. Alles in allem eher kleiner Stände, aber genug, um ihre Vorräte aufzufüllen. Nur hatte Casper für seinen Teil kaum noch Geld. Sein Hemd hatte er mit Mühe und Not mit den Rest des alten geflickt. Sehnsüchtig blickte er zum Tierhändler. Er selbst hatte zwar Franz, aber der alte Gaul war ebenso geschafft wie sie alle und würde, wenn überhaupt, nur noch eine von den Frauen tragen können. Liebevoll täschelte der henker dem Tier die Flanke.
      Gemeinsam mit Gyahara machte er sich auf den Stand zu erkunden, während San bei einem Schmied stehen blieb, Cifer sich Medikus umsah und in Mangel dessen wohl beim Schnaps hängen bleiben würde und Neneve doch ihr Glück als Elfe beim Tierhändler versuchte.
      Die Dämonin stützte Casper, als sie sich durch das lose Gedränge auf dem Platz schoben. Dass sie beide aussahen wie im Wald hausende Banditen, machte ihnen das Durchkommen zusätzlich einfacher, denn die Leute wichen angewidert vor ihnen zurück.
      "Vielleicht stinken wir auch einfach nur", versuchte Gyahara, die seine Gedanken gelesen zu haben schien, aufzumuntern. Der Henker grinste.
      "Ich würde auch was für ein ordentliches Bad geben ..."
      "Nicht mit deinem Bein", sagte die Dämonin bestimmt.
      "Meinem Bein geht es blendend", erwiderte Casper, während er versuchte es nicht zu belasten. "Es hat sich nicht entzündet."
      "Es schließt sich aber auch nicht ..."
      "Malt ihr immer so schwarz?", fragte der Henker und spielte auf ihre Rasse an.
      Gyahara warf ihn einen Blick zu der Bände sprach und Casper zog es vor zu schweigen. Sie kauften Brot, Käse, Schinken und Äpfel ehe sie sich wieder mit den anderen trafen.
      "Und?", fragte San an Neneve gewandt. Er schob sich gerade seine Errungenschaften, die aussahen als seien weniger zum Essen und mehr zum Töteten geeignet, in die Taschen.
      Die Elfe schnaubte. "Er wollte mir Ponys verkaufen. Ponys! Ich bin Königsbotin und kriege nicht mal Pferde verkauft ..."
      "Was machen wir jetzt?", fragte Casper. "Ich glaube nicht, dass ich es zu Fuß schaffen werde ..."
      "Wir stehlen welche", sagte Cifer nüchtern und schraubte seinen Flachmann wieder zu. Alle Köpfte ruckten zu ihm herum. Erst spiegelte sich Unglauben auf allen Gesichtern, aber dann zuckte selbst Neneve die Schultern. "Und zwar seine Besten."
      Dreck auf Toast!
    • Bei dem Gedanken, dem schmierigen Halunken für seine Herablassung ihr gegenüber eins auszuwischen, stahl sich ein schmales Lächeln auf Neneves Lippen.
      "Wir sollten zuerst einmal auskundschaften, wo er seinen Stall hat", schlug sie daher gierig vor, "er wird seine edlen Rösser wohl kaum bei den anderen Viechern in dieser ... Behausung untergebracht haben."
      San nickte und erwiderte: "Wir sollten uns trennen - vielleicht können wir so mehr herausfinden." Neneves Blick wanderte zu den anderen. In Gedanken fügte sie, 'wenn es da noch was zum Aufteilen gibt', hinzu. Caspar schlug sich wacker, aber dass er angeschlagen war, konnte er nicht verbergen. Er sollte lieber nicht alleine bleiben.
      Als er jedoch Anstalten machte, aufzustehen und zusammen mit der Dämonin gen Süden zu marschieren, zog die Elfe scharf Luft ein.
      "Caspar - du wirst unter gar keinen Umständen irgendwo hingehen; auch wenn ich dich dafür anketten muss", meckerte sie sogleich. Sie machte sich wirklich Sorgen um ihn, auf keinen Fall wollte sie dafür verantworlich sein, dass er in einer der modrigen Gassen stürzte und sich sein Zustand dadurch noch mehr verschlechterte.
      "Ich bleibe bei ihm - wir suchen uns eine ruhigere Ecke und warten auf Sonnenuntergang." Moment - stimmte ihr Gyahara da gerade zu? Lächelnd nickte Neneve, während sie sich an Cifer und San wandte. Ersterer war sicherlich dank eine große Hilfe mit seiner Verkleidung als Rabe. Stirnrunzelnd überlegte die Elfe jedoch, ob er dafür nicht ebenfalls zu schwach war. Auch die Dämonin und San schienen darüber nachzudenken, denn auch sie musterten den anderen von Kopf bis Fuß.
      "Seht mich nicht so an, mir geht es schon besser", erklärte dieser mit dünner Stimme. Hätte Neneve in diesem Moment nicht bereits die Stirn in Falten liegend gehabt, dann hätte sie dies jetzt auf jeden Fall getan.
      "Siehst ja auch aus wie der frische Maimorgen", erwiderte sie skeptisch und zog als Bestätigung eine Augenbraue nach oben.
      Doch bevor Cifer etwas erwidern konnte, unterbrach San die wenig produktive Diskussion: "Ich habe eine Idee. Cifer, du bleibst hier und beobachtest den Händler. Vielleicht haben wir Glück und er geht im Laufe des Tages einmal in den Stall. Neneve sollte vielleicht unauffällig andere Händler oder Elfen befragen, ob sie seine Stallungen kennen und ich - ja, ich, werde mein Glück in den dunkleren Gassen suchen." Hatte die Elfe es sich nur eingebildet oder hatte er das Wort "unauffällig" besonders betont. Skeptisch sah sie ihn einen Augenblick an, gab sich dann jedoch geschlagen und nickte kurz. Auch Cifer schien mit der Tatsache einigermaßen zufrieden zu sein und ließ den Blick über die Menge schweifen. Vermutlich suchte er bereits eine Stelle nahe des Standes.
      Neneve warf der kleinen Gruppe noch einmal einen Blick zu, ehe sie sich schließlich resigniert umwandte und in die Menge eintauchte. So schwer konnte es doch eigentlich nicht sein, einen verdammten Stall zu finden! Sie hatten schon ganz andere Situationen gemeistert. Sich selbst Mut zusprechend entfernte sie sich immer weiter von dem Stand des Händlers, bis sie sich sicher genug war, dass er unter gar keinen Umständen etwas von ihrer Suche erfahren würde. Dabei stieß sie jedoch mit einem anderen Besucher des Marktes zusammen, woraufhin sie erschrocken herumfuhr. Es war ein schmächtiger Elf mit spitzen Ohren und schrägen Augen. Doch als Neneve sah, was er da in den Händen hielt, hellte sich ihre Miene schlagartig auf. Es war ein Sattel.
      "Entschuldigt, vielleicht könnt Ihr mir ja weiterhelfen. Ich bin die Gehilfin des Kaufmanns Earinugos Atar, er hat mich beauftragt, sein neues Pferd aus den Stallungen von ... eh... dem Tierhändler zu holen. Wisst Ihr zufällig, wo ich sie finden kann?", fragte sie und hoffte inständig, dass er ihr die fade Geschichte abnehmen würde. Earinugos Atar war ihr in diesem Moment spontan eingefallen, aber wie wahrscheinlich war es denn, dass der andere Elf den Schneider aus Bamaria war?
      Doch dieser zuckte nur mit den Schultern und deutete mit einer Geste auf seine Ohren. Dann war er auch schon wieder in der Menge untergetaucht. Gut gemacht Neneve, scholt sich die Elfe daraufhin, natürlich musste sie auf den einzigen tauben Elfen weit und breit stoßen.

      Glem mig
      Og la' vær' at fiks' et smadret glas
      Min hånd ville stadig mærke revnerne

      Se frem, vi ka' hurtigt ende rundt i ring
      Ærligt, var vi kun bundet sammen af drømmene
    • Gyahara blieb also mit Casper allein zurück.
      „Und was machen wir jetzt?“, fragte sie, während sie ihre Hände tief in die Manteltaschen schob und sich auf dem Markplatz umsah. Mit ihren Finger umgriff sie dabei das letzte Geld, das sie bei sich trug. Vielleicht ließe sich damit noch etwas Vernünftiges anfangen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie unglaublichen Hunger. An die letzte richtige Mahlzeit von der sogar sie satt wurde, konnte sie sich gar nicht mehr erinnern.
      „Du meinst, bis unsere Reise auf nicht ganz legal erworbenen Pferden weitergeht?“ Casper grinste und holte seinerseits Geld aus der Tasche. „Wie wäre es, wenn wir etwas Trinken gehen? Ich habe eine Taverne nicht weit von hier gesehen.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
      Die Dämonin zog das wenige Geld aus dem Mantel und überflog den Wert.
      „Du lädst mich also ein?“ Im Laufe ihrer Reise war ihr sowieso schon weniges Gut nur noch mehr geschrumpft. Bisweilen hatte sie eigentlich gar nichts mehr. Für ein Getränk vielleicht noch gerade genug, aber nicht, wenn die Preise in diesem Ort explodierten. Dann würde man sie vermutlich lachend von jagen.
      Das Lächeln bröckelte aus Caspers Gesicht.
      „Einladen?“ Unsicher glitt sein Blick auf die Münzen in seiner Hand. Bei ihm saß es finanziell offensichtlich nicht besser aus.
      „Vielleicht, wenn wir zusammenlegen“, schlug Gyahara vor.
      „Und dann? Teilen wir uns einen Humpen?“ Casper lachte, quälte sich aber gleichzeitig auf die Beine. „Ich bin dabei.“
      „Vielleicht sollten wir das Geld doch lieber für Medikamente ausgeben.“ Die Dämon beobachtete den Hünen eine Weile, griff ihm dann aber wieder helfend unter die Arme.
      „Alkohol ist die beste Medizin“, brachte Casper hervor. „Außerdem ist es lang her, dass ich welchen zu sehen bekommen habe.“
      Gyahara blieb stumm, stützte den ehemaligen Henker aber beim Gehen und ließ sich von ihm die Richtung zur Taverne zeigen.
      „Was hast du eigentlich vor, wenn sich unsere Gruppe wieder trennt? Zurück in deinen alten Beruf?“, brach Casper das Schweigen schon nach einigen Schritten, wohl auch, um sich abzulenken.
      Gyahara warf dem Mann einen Blick zu, den dieser wohl durch die Kapuze eh nicht sehen konnte.
      „Ich weiß nicht. Vielleicht reise ich auch allein weiter. Ich bin damals von meinem Stamm weg, um die Welt zu sehen. Gesehen habe ich aber noch gar nichts.“ Kurz überlegt die Dämonin, ob sie weitersprechen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. „Und du?", bohrte sie nach.
      „Ich habe mich nie wohlgefühlt als Henker.“ Mehr sagte der große Kerl nicht zu diesem Thema und Gyahara war sich auch nicht sicher, ob sie weiterbohren sollte.
      Schweigend setzten sie den Weg zur Taverne fort. Wie sich herausstellte, war der Alkohol doch billiger als gedacht. Zwar schmeckte man das auch zu deutlich, aber es durchwirbelte den Kopf und das war der Sinn des Ganzen. Sogar für eine kleine Mahlzeit hätte das Geld gereicht, aber nachdem die Dämonin das Essen gesehen hatte, was man in diesem Schuppen zubereitete, war ihr jeglicher Hunger vergangen.
      Schon nach dem zweiten Humpen merkte Gyahara, wie sehr das Gebräu wirklich einschlug. Egal, was in diesem Zeug steckte, normales Met war es ganz sicher nicht.
      „Sie hieß Kaisa“, begann Casper nach einiger Zeit und durchbrach die Stille. Seine Stimme klang beschwipst und melancholisch. Gyahara verlor kein Wort, während der ehemalige Henker begann, von Kaisa zu erzählen, einer jungen Frau, die der Hexerei beschuldigt wurde und für deren Tod er verantwortlich war. Casper sprach es zwar nicht direkt an, redete um den heißen Brei, doch Gyahara konnte spüren, dass er sehr viel für diese Frau übrig gehabt haben musste. Sie spürte seine Schuld.
      Die Totengräberin lauschte der ganzen Geschichte, unterbrach ihren Freund aber nicht einmal. Stattdessen klopfte sie ihm nur aufmunternd auf die Schultern und bestellte noch zwei weitere Krüge.
      „Du bist kein schlechter Kerl“, war schließlich alles, was sie herausbrachte. Egal, was sie gesagt hätte, es wären wohl nicht die richtigen Worte gewesen. Sie war noch nie gut darin gewesen, die richtigen Worte zu finden. Nicht umsonst war sie Totengräberin.
      Den restlichen Tag saßen sie dort, vertranken ihr Geld und warteten darauf, dass ihre Freunde zurückkehrten. In der Hoffnung, diese würden sie in der Taverne überhaupt finden.

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Der Markt schien auf den ersten Blick zwar groß aber nicht unübersichtlich, wie Cifer schon bald, nachdem er sich bei einem Kräuterstand niedergelassen hatte merkte, in menschlicher Gestalt wohlgemerkt. So ungern er es sich auch eingestand, aber er lief schon lange nur noch auf geborgten Energieresourcen und das bisschen Kraft, dass ihm geblieben war, wollte er sich einteilen. Das Gewirr auf dem Platz, sowie die stechende Nachmittagssonne ließen seinen Kopf schwirren und veranlassten ihn dazu, sich seine Kapuze in die Stirn zu ziehen. Er sehnte sich beinahe nach einer ruhigen Ecke in irgendeiner Taverne. Der Kräuterhändler musterte ihn mehr als misstrauisch, schien dann aber wohl zu entscheiden, dass dieser kränkliche Mensch keine Bedrohung für seine Wahre darstellte und wandte sich wieder mit beinahe unverständlichem Dialekt dem Gespräch mit einem Kunden zu.“ … oft mägsche woll a wengerl meah nemman, des werd mia do in da sun ah lei schlecht, woasche?“ Auf der anderen Seite des Platzes verschwand San gerade in einer kleineren Gasse, kurz darauf folgte eine vermummten Gestalt, vermutlich hatte die Dämonin doch entschieden, dass Caspar auf sich selbst aufpassen konnte. Cifer wandte seinen Blick wieder auf den Stand des Pferdehändlers. Eine ganze Weile passierte gar nichts. Der Elf verhandelte mit einigen edel gekleideten Landsmännern, eine Gruppe Schausteller zog vorbei, der Händler wimmelte einen verärgerten Bauern ab, die Sonne ging langsam unter und Cifer fing sich noch einige misstrauische Blicke vom Besitzer des Kräuterstandes ein, während der Schatten in irgendeiner Ecke in seinem Kopf immer wieder die gleiche Melodie summte. Irgendwann, der Gestaltwandler hatte gerade entschieden, sich doch noch ein ruhiges Plätzchen zu suchen und seine letzten Münzen für einen Krug Bier auszugeben, packte der Händler schließlich doch zusammen und machte sich auf den Weg. Cifer folgte ihm mit etwas Abstand, bis der Mann in einem edel verzierten Haus in einer Seitenstraße verschwand. „Wenigstens weißt du jetzt wo er wohnt.“ Sein Schatten hatte die Gestalt eines Pumas angenommen und musterte ihn mit glühenden Augen, wie Beute. „Deine Arbeit ist getan, entspann dich, erstick an deinem Bier oder so.“ Cifer zog die Augenbrauen hoch, der Schatten war zu fröhlich, er wusste etwas. „Ihr kommt sowieso nie rechtzeitig an… übrigens, deine Nase blutet. Vielleicht solltest du zu einem Arzt gehen.“ Der Puma schnippte spöttisch mit dem Schwanz. Cifer wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und beachtete vorsorglich nicht die dunklen Flecken auf dem Stoff, dann wandte er sich um und machte sich eilig aber nicht zu hastig, diese Genugtuung würde er dem Wesen nicht verschaffen, auf die Suche nach seinen Gefährten.

      Er fand sie in einer Taverne nahe dem Marktplatz, zumindest Caspar und Gyahara. Sie mussten wohl schon eine ganze Weile dort sitzen. Ersterer lehnte mehr auf dem Tisch, als dass er aufrecht saß und auch seine Begleiterin hing mehr in ihrem Stuhl. Allerdings wirkte die Totengräberin dabei noch ein wenig lässig. Cifer ließ sich auf einen Stuhl neben dem Henker gleiten und spähte nebenbei in den halbleeren Krug der vor ihm stand. „Und, gibt es Neuigkeiten?“ fragte die Dämonin hoffnungsvoll. „Ich hab mir den ganzen Abend die Beine in den Bauch gestanden, aber wenigstens weiß ich, wo der Händler wohnt. Wenn ihr also noch etwas anderes als Pferde von ihm klauen wollt…“ „Nicht so laut.“ Sie blickte sich misstrauisch um. Elfen waren im Grunde ruhigere Trinker, aber die meisten Besucher der Taverne schienen in ihre eigenen Gespräche vertieft zu sein. “Hast du dich geprügelt?“ fragte der Henker und blickte den Gestaltwandler mit trüben Augen an. Der wischte sich nur nochmal mit dem Ärmel übers Gesicht und winkte ab. “Halb so wild“ Sein „Alles in Ordnung“ Lächeln gelang ihm nicht. „Wie steht es mit San?“ wandte er sich stattdessen an Gyahara. Die zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung, du warst der Erste der hier aufgetaucht ist.“ „Warte…du warst nicht bei ihm?“ Also das war es, was den Schatten so amüsiert hatte. Cifer nahm unbewusst ein paar Schlucke aus dem Krug des Henkers, dem Mann fiel es scheinbar nicht auf. “Nein, ich war den ganzen Tag bei Caspar, wie ich gesagt habe. Warum?“ „Nun, irgendwer der gerne sein Gesicht verhüllt ist vorhin bei ihm gewesen.“
      my name is Cow,
      and wen its nite,
      or wen the moon
      is shiyning brite,
      and all the men
      haf gon to bed -
      i stay up late.
      i lik the bred.


      GNU Terry Pratchett
    • Sedar verschwand in dem Netzwerk der dunklen Gassen und schmalen Wege. Er hatte nicht wirklich gehofft, dass er in diesem Gewirr auf den Stall des zweifellos reichen Händlers treffen würde, doch hier gelangte er unbehelligt an sein eigenes Ziel. Die Dächer der Stadt. Soviel mehr konnte man überblicken, während kaum einer der Bürger oder Wachen auf die Idee kamen nach oben zu schauen. Leichtfüßig sprang er an der steinernen Wand eines der Häuser hoch, stieß sich kraftvoll von dieser ab und bekam eine Fuge in der Wand des gegenüberliegenden Hauses zu fassen, die ihm am Boden ins Auge gefallen war. Es war mühsam in dem glatten Stein Stellen zu finden, an denen seine Hände und Füße Halt fanden, doch schließlich zog er sich an den Dachziegeln hoch und schwang seine Beine über den Rand. Es war immer noch hell, obwohl die Sonne sich bereits dem Horizont näherte und der Lärm drang unvermindert zu ihm hoch, doch war er nicht länger ein Teil des hektischen Treibens auf den Straßen. Sorgsam hielt er sich geduckt, während er die Dächer entlang huschte, falls doch jemand den Blick zu ihm erhob, doch niemand schrie auf oder zeigt aufgeregt in seine Richtung. Den erhofften Blick erhaschte er jedoch nicht, obwohl er viel rascher vorankam, als wenn er sich zwischen den Leuten hindurch schieben müsste. Zwar fand er einige Ställe, doch die waren alle zu klein, um dem Händler auf dem Marktplatz zu gehören. Zwar war es nicht das erste Mal, dass er etwas zu stehlen versuchte, doch auch er hätte sich nicht wohl dabei gefühlt, dies von jemanden zu tun, der es sich nicht leisten konnte. Anders bei dem hochnäsigem Tierhändler. Dem würde es wohl kaum das Heim oder das Essen kosten. Höchstens ein wenig seiner Arroganz und das bereitete Sedar nicht gerade ein schlechtes Gewissen.
      Nur ein schwacher Luftzug warnte ihn und er ließ sich noch gerade rechtzeitig zu Boden fallen. Sein Körper reagierte automatisch und er rollte sich geschmeidig ab und kam an einem tieferem Punkt des Daches hockend auf die Beine. Vor ihm stand ein Mann, ganz in schwarz und mit einem Tuch über Gesicht und Nase. Er hielt einen kurzen Knüppel in der Hand und starrte ihn mit ungetrübter Ruhe an. Sedar verlor keine Zeit und warf mit einer fließenden Bewegung ein Messer. Der Mann drehte sich im letzten Moment beiseite und ließ die Klinge an sich vorbeischießen. Dann stellte er sich ohne erkennbare Aufregung wieder sohin wie zuvor und starrte ihn weiterhin an, als sei nichts gewesen. Mit leichtem Bedauern sah Sedar dem davonfliegendem Messer nach und versuchte sich die Stelle einzuprägen, an der es in die Ziegel eines anderen Daches einschlug. Es gehörte zu denen, die er gerade erst beim Schmied erstanden hatte, und auch wenn er nicht knauserig war, so war er doch zu knapp bei Kasse, um einfach ein weiteres zu kaufen.
      "Du wolltest mich nur betäuben", sagte er zu dem Mann vor ihm und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Knüppel. "Wollt ihr mich wieder für ein Verbrechen verantwortlich machen, dass ihr begangen habt." Angesichts der Kleidung, der Lautlosigkeit und der Geschicktheit, mit dem er dem Messer ausgewichen war, gehörte der Mann mit beinaher Gewissheit der Enklave an und die Tatsache, dass ein weiterer Assassine hier war, fernab der Elfenstadt und aller anderen lohnenden Ziele, ließ bei ihm alle Alarmglocken aufläuten. Ein Zufall war nahezu ausgeschlossen. Sie waren hinter ihm oder der ganzen Gruppe her.
      "Du verdienst einen einfachen Tod nicht", antwortete sein Gegenüber, steckte nun aber den Knüppel weg und zog ein langes gebogenes Schwert. Sedar zog seinerseits sein Schwert und hielt die Klinge vor sich. Die Sonne spiegelte sich nicht auf dem matten Schwarz, doch war sie von einer anmutigen Eleganz - schmal und schmucklos wie sie war. Ohne weitere Worte näherten sie sich, wobei Sedar versuchte die abschüssigen Ziegeln hinaufzugelangen, um aus seiner unterlegenen tieferen Position fort zu kommen, doch sein Gegner versperrte ihm immer wieder den Weg. Schließlich griff er an, so plötzlich und ohne eine Andeutung, dass Sedar kaum seine eigene Klinge hochbekam. Dann jedoch parierte er den Schlag und das helle Klingen des Metalls, das auf Metall stieß, durchfuhr die aufgehitzte Luft und brachte den übrigen Lärm unter ihnen beinahe abrupt zum erliegen. Die Möglichkeit, dass sie unbemerkt geblieben waren, war zu gering, um sie in Betracht zu ziehen. Dermaßen entfacht, begann der Tanz der Klingen nun und wurde immer hitziger. Sedar musste den schnellen Stößen oftmals ausweichen anstatt sie zu parieren. Hier zeigte sich das ganze Können eines Mannes, der sein Leben und nicht nur seine Jugend in der Enklave verbracht hatte. Er selbst war nie schlecht im Vergleich mit seinen Altersgenossen gewesen, vielleicht sogar einer der besten, doch mit seinem Gegenüber konnte er nicht mithalten. Die Schläge kamen unvermittelt und ohne jedes verräterisches Zucken. Der Blick seines Gegners ruhte starr auf ihm, während er seine Klingenbewegungen vorahnte und ihn nicht selten mit Finten überraschte, denen er nur knapp entging. Doch Sedar war nicht nur gelehrt worden gegen schlechtere Kämpfer oder ebenbürtige zu bestehen. Er unterließ die meisten Versuche selbst anzugreifen und konzentrierte sich darauf sich zu verteidigen. Nur selten und in unregelmäßigen Abständen nutzte er eine Gelegenheit zum Angriff, wenn sein Gegner nicht damit rechnen konnte. Immerhin brachte er seinen Gegenüber einige Male zu einer Parade im letztem Moment oder einen Sprung zur Seite, doch durch seine Abwehr brach er nie und sofort danach musste er selbst sich wieder aufs Verteidigen beschränken. Von unten drangen nun Rufe und die hastigen Schritte der Stadtwache herauf. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr diesen aussichtslosen Kampf zu gewinnen. Bei einem Schlag von links nach einer geschickten Finte duckte er sich und das Schwert fuhr über ihn hinweg. Doch sein Gegner ließ sie sogleich wieder von rechts auf ihn zuschnellen, während er noch im Aufrichten begriffen war. Verzweifelt spannte er sich an, sprang ab und drehte sich in einer Art Seitwärtssalto um die tödliche Klinge herum. Als er wieder mit den Füßen aufkam, nutzte er die kurzzeitige Blöße seines Gegners, um nach vorne zu springen und sein eigenes Schwert blitzartig hervorstechen zu lassen. Natürlich wich der Assassine vor ihm rechtzeitig nach links aus, doch immerhin befand er sich nun auf gleicher Höhe mit ihm. Als Sedars Füße jedoch wieder den Boden berührten, gab eine der Ziegeln unter seinem Gewicht nach und löste sich. Er verlor kurz das Gleichgewicht und taumelte. Diesen Moment nutzte sein Gegner und stach zu. Er konnte sich noch im Torkeln zur Seite drehen, damit sich der Stahl nur in seine linke Schulter fraß, anstatt in seine Brust, doch die Schmerzen brachten ihn zu einem kurzem Aufschrei. Betäubt hörte er wie der Ziegel, der ihm dies eingebracht hatte, unten auf den Steinen zersprang.
      Nur mit einem Sprung zurück ins Ungewisse, bewahrte er sich von einer weiteren - diesmal wohl tödlichen - Verletzung. Sein Gegenüber sprang in stillem Triumph auf den Dachfirst und balancierte auf der schmalen Kante. Dies bot ihm zwar keinen sicheren Halt, doch er hatte seine erhöhte Position gegenüber Sedar zurück. Dieser stürzte sich wie blind nach vorne und umklammerte den Körper seines Rivalen, während dieser noch sein Gewicht austarierte. Dies war ebenso dumm wie lebensmüde und doch war es wahnwitziger Weise seine letzte Chance lebendig aus der ganzen Sache hervorzugehen. Gemeinsam kippten sie über den Dachfirst und rollten über das abschüssige Dach. Dann war plötzlich nichts mehr als Luft unter ihnen und in Sedars Magen machte sich das Ziehen eines Falls bemerkbar. Und plötzlich war da nur noch eine gewaltige Kraft, die ihm augenblicklich alle Luft aus den Lungen trieb und Schwärze breitete sich über ihm aus und verdrängte das Gewirr von Farben, dass sein Sichtfeld einnahm.

      Als er zurück in die Wache Welt kam, schossen die Eindrücke sofort auf ihn ein. Bilder einer weiteren schlichten trostlosen Gasse, Gerüche des nicht allzu fernen Markts und das Geschrei wie die trampelnden Stiefelschritte, die sich ihm näherten. Er zwang sich dazu sich etwas aufzurichten und sich umzusehen. Zum Glück war er auf dem Körper des anderen gelandet, was ihm wohl das Leben gerettet hatte. Dieser Körper war dafür nun zerschmettert. Der Brustkorb von Sedars Aufprall eingedrückt, das Genick gebrochen und Blut sammelte sich bereits in einer Lache um den Hinterkopf. Schnell entfernte Sedar das Tuch, dass immer noch das Gesicht seines Feindes verdeckte, doch vor ihm lag keiner seiner Ausbilder. Trotzdem war er sich sicher, was die Herkunft des Mannes anbelangte. Immerhin hatte er nur ein kleines Teil der Mitglieder der Enklave kennengelernt, auch wenn ihm dieser Teil voll und ganz genügt hätte. Er bedauerte fast, dass sein Widersacher nicht überlebt hatte, um ihm ein paar Fragen zu beantworten, doch die Erleichterung, den Kampf überhaupt überlebt zu haben, überwog. Außerdem näherten sich die Schritte der Stadtwachen. Er konnte nicht lange ohnmächtig gewesen sein, wenn sie immer noch nicht hier war, wo sie doch nur hinter die Häuser in die Gasse gelangen mussten, doch noch mehr Zeit konnte er sich nicht erlauben. Vorsichtig stand er auf, stellte jedoch erleichtert fest, dass er sich offenbar keine Knochen gebrochen hatte. Nur die Wunde in seiner Schulter pochte beharrlich und sein linker Arm hing nutzlos herab, ohne dass er ihn bewegen konnte, während der Blutfleck sich auf seinem Hemd langsam ausbreitete. Doch die Aufregung des Augenblicks verdrängte die Schmerzen und auch sicher die der unzähligen Prellungen, die er sich zweifellos zugezogen hatte. Trotzdem musste er humpeln, da er schnell merkte, dass sein rechtes Bein der Belastung seines Gewichts kaum standzuhalten vermochte. Als er um die nächste Ecke bog, hörte er hinter sich schon die Rufe der Wachen, die zumindest den toten Assassinen entdeckt hatten. Er bog bei jeder Kreuzung in eine andere Richtung ab und hoffte die Soldaten so abzuhängen. Nach einiger Zeit schleppte er sich nur noch voran, doch immerhin hörte er keine Rufe mehr oder schnelle Schritte. Jedoch meldeten sich jetzt, da die unmittelbare Gefahr vorüber war, die Schmerzen in seiner Schulter und auch die überall in seinem restlichem Körper. Er stoppte kurz, um den Blutfluss an der offenen Wunde zumindest behelfsmäßig zu stoppen, da er ansonsten bestimmt schneller tot war, als dass er auf einen anderen Menschen traf. Dann zwang er sich weiter. Inzwischen war er sich nicht mehr so sicher, dass wirklich keiner seiner Knochen gebrochen war, insbesondere sein rechtes Bein gab immer wieder völlig unter ihm nach, auch wenn er es bereits so wenig wie möglich belastete, und sein rechtes Handgelenk schmerzte beinahe so stark wie seine Schulter. Nach einer Zeit schob er sich nur noch an die Wand gestützt voran, während sich seine Sicht wieder verklärte.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Gyahara wechselte einen Blick mit Casper und Cifer. Die Dämonin ereilte eine dunkle Vorahnung. Seit sie damals auf dem Schiff von diesen gruseligen Gestalten angegriffen wurde, schienen diese ihre Gruppe förmlich zu verfolgen. Was war nur der Auftrag dieser Assassinen? Und was geschah mit einem, der sich gegen sie stellte? Aus den letzten Tagen der Erfahrung; nichts Gutes.
      "Ich geh ihn suchen", meinte sie entschlossen. "Vielleicht ist auch Neneve bei ihm und ich mache mir zu viele Gedanken, aber ich habe kein gutes Gefühl dabei." Sie erhob sich von ihrem Platz neben Casper. Erst jetzt merkte sie, dass der Alkohol bereits seine Wirkung zeigte. Was auch immer der Wirt in seinen Schund tat, es hatte ordentlich Kraft. "Ihr beiden bleibt hier." Erst musterte den verletzten Henker und dann den kranken Gestaltwandler.
      "Aber ... ", setzte Casper an, doch Gyahara fuhr ihm über den Mund.
      "Ihr beiden braucht die Ruhe, bei dem, was wir noch vorhaben." Ein letzter boshafter Blick zu dem ehemaligen Henker, den er durch die Kapuze wohl sowieso nicht sehen konnte, dann ließ sie sich von Cifer genau erklären, wo er San und den vermummten gesehen hatte. In der Hoffnung, dass sie es finden würde, verließ sie die Taverne.
      Draußen war es mittlerweile dunkel geworden und ein eisiger Wind zog durch die schlechten Straßen. Die Dämonin zog den Mantel enger.
      Es waren nun viel weniger Leute unterwegs, weshalb sie sich einen besseren Überblick über die Gegend machen konnte. Allerdings war es so auch schwieriger, Cifers Beschreibung zu folgen.
      "Gyahara", hörte sie es hinter sich leise rufen.
      Die Angesprochene drehte sich um und erblickte Neneve auf sie zukommen. Offenbar hatte die Elfe schon nach ihnen gesucht, denn ihr Blick wirkte genervter als sonst.
      "Wo habt ihr gesteckt, ich suche euch schon ewig!", blaffte sie auch sofort los.
      "Hast du gedacht, Casper und ich sitzen den ganzen Nachmittag dort, wo ihr uns abgesetzt habt?", gab die Dämonin zurück, während sie die Augen verdrehte. "Aber du kommst genau richtig", schlug sie auf ein anderes Thema um, um die Sache nicht noch mehr durchzukauen. "Cifer meinte, dass er San mit einer vermummten Gestalt gesehen hat, kurz nachdem wir uns getrennt haben. Mein Instinkt sagt mir, dass da irgendwas nicht stimmen kann."
      Die Elfe verzog das Gesicht, schien nachzudenken, ob sie San wirklich vertrauen konnten, oder ob er wirklich in Gefahr war, dann nickte sie aber.
      "Ich komme mit. Diese Typen gehen mir langsam auf die Nerven."

      Gemeinsam suchte die beiden Frauen den ganzen Abend die Stadt ab, da sie aber nicht wussten, in welche Richtung San gegangen war, nachdem Cifer ihn das letzte Mal gesehen hatte, war es schwer. Sie wussten ja nicht einmal, ob er überhaupt noch in der Stadt war. Er konnte genauso gut verschleppt worden sein.
      Der plötzliche Geruch von Blut ließ Gyahara jedoch das Schlimmste befürchten. Wenige Schritte weiter konnte sie auch ein röchelndes Atmen vernehmen, ganz so als hätte jemand Schmerzen.
      Sie machte die Elfe darauf aufmerksam. Diese zog ihr Schwert und zusammen schlichen sie nun weiter. Keine Menschenseele kam ihnen entgegen, aber als sie um eine Ecke bogen, konnte die Dämonin in der Dunkelheit die Silhouette eines Körpers ausmachen, der auf dem Boden an einer Wand gelehnt lag. Als die beiden Frauen näher traten, erkannte sie in dem Schatten San.
      "Ach du Scheiße!", entfuhr es Neneve. Ein guter Ausdruck, um das viele Blut zu beschreiben, dass sich um den Mann herum verteilte.
      Gyahara überbrückte den Abstand zu ihrem Kumpanen und führte ihre Hand sofort zu seinem Hals, um den Puls zu ertasten.
      "Er lebt, aber er braucht dringend einen Arzt", meinte sie erleichtert.
      "Zum Glück sind wir eh auf dem Weg zu einem Heiler", versuchte die Elfe die Situation etwas aufzulockern, als sich Gyahara den Mann über die Schulter warf, während sie Sans Gepäck nachtrug. Zum Glück für die Dämonin wog San nicht so viel, da hatte sie schon um einiges schwerere Leute durch die Gegend gewuchtet.
      "Ich will mal hoffen, dass er es noch zu einem Arzt in diesem Dorf schafft." Aus irgendeinem Grund hockten sie häufiger bei irgendwelchen Ärzten als sie wirklich umherreisten. "Bis zu diesem Heiler zu dem wir eigentlich wollen, dauert es noch viel zu lang."
      Geld hatten sie auch keines mehr, um den Arzt zu bezahlen, aber das sollte im Moment ihre geringste Sorge sein.
      Aus der Erinnerung heraus, suchten die beiden Frauen den Weg zurück, den sie gekommen waren.

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