Vergissmeinnicht

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    • Vergissmeinnicht

      So, nachdem ich mich jetzt ein Weilchen hier im Forum herumgetrieben habe, habe ich beschlossen, meine Nicht-Fantasy-Geschichte hier hochzuladen. Hauptsächlich, weil es hier so viele toller Leute gibt, die echt hilfreiches Feedback geben. Die Arbeit an meiner Fantasy-Story geht natürlich weiter, aber wenn ihr wissen wollt, ob meine Storys was für euch sind, könnt ihr ja mal hier reinlesen.
      Ich freue mich sehr über Verbesserungsvorschläge! Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen wünscht Unor! :)
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      Kapitel 1: EIN FREMDES ZIMMER



      Ich erwachte mitten in der Nacht in einem unbequemen Bett. Die Laken waren zerwühlt und mein nackter Oberkörper klebte am Leintuch. Mein Herz raste, doch konnte ich nicht sagen, warum. Ein Albtraum womöglich?
      Ich setzte mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. In dem Zimmer war es stockfinster und es roch seltsam synthetisch. Möbel gab es kaum. Zwischen meinem Bett und einem zweiten, das unter dem Fenster stand, befand sich ein kleiner Abstelltisch. Am anderen Ende des Raumes, neben der Tür, stand ein großer Schrank. Etwas stimmte nicht. Wo waren meine Kommode und der Schreibtisch mit dem alten Bürostuhl? Wo war meine Spongebob–Uhr aus Kindheitstagen?

      Die Zahnräder meines verschlafenen Verstandes drehten sich nur langsam, doch begriff ich schließlich meine Situation. Panik erfüllte mich und ich sprang aus dem Bett. Meine blanken Füße patschten auf dem Linoleumboden, als ich zum Fenster lief. Jemand hatte die Jalousien heruntergelassen. Ich zog sie hoch, doch in dem fremden Zimmer blieb es finster. Kein fahles blaues Mondlicht, keine flackernde Straßenlaterne kam zum Vorschein. Nur noch mehr Dunkelheit.

      Mein Herz raste noch schneller und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Ich wischte sie mit den Fingern fort, schließlich war ich fünfzehn Jahre alt, kein heulendes Kleinkind und ich durfte nicht die Nerven verlieren.
      Ich durchmaß den Raum und ging zur Tür, nur um festzustellen, dass sie verschlossen war. Um sicherzugehen, rüttelte ich am Griff. Nichts. Ich klopfte. Keine Antwort. Das musste ein schlechter Traum sein.
      Wieder wollten die Tränen kommen, stattdessen klopfte ich heftiger.Wieder Nichts. Dann, plötzlich, ein Ruf, der vom Gang zu kommen schien und durch die Wand gedämpft wurde. Ich konnte nichts verstehen. Wieder klopfte ich. Noch lauter diesmal.
      Ein Kind im Nebenzimmer begann zu weinen, dann: Das Klirren von Schlüssen. Ich war also nicht allein. Jetzt drang Licht durch den schmalen Türspalt. Jemand war dort draußen. Wieder klopfte ich.
      Das Klirren wurde lauter und lauter, dann wieder leiser. Die Person musste an der Tür vorbeigegangen sein. Mit einem Ohr an der Wand, horchte ich. Im Nebenzimmer sprach eine Frau. Ihre Worte verstand ich nicht, doch ihre Stimme klang freundlich und beruhigend. Das Weinen hörte auf und die Frau verließ das Zimmer wieder. Schnell klopfte ich an die Tür.
      „He!“, sagte ich, „Aufmachen!“.
      Ich konnte hören, wie die Frau den Schlüssel ins Schloss steckte und ihn herumdrehte. Unsicher trat ich einen Schritt zurück und die Tür schwang auf. Vor mir stand eine alte Dame. War sie mein Gefängniswärter oder meine Retterin? Sie trug einen weißen Kittel und grüne Hosen. Ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen, da das Licht, welches vom Gang ins Zimmer fiel, mich blendete und ihre Vorderseite in Schatten hüllte.

      „Was is
      t denn los?“, fragte sie nicht unfreundlich.
      „Wo bin ich?“ Ich versuchte möglichst ruhig zu klingen.
      Die Frau seufzte. „Mach dir keine Sorgen. Du musst mit dem Klopfen aufhören, sonst weckst du die anderen, ja?“
      „Welche anderen? Wo sind meine Eltern? Ich will nachhause!“, sagte ich gereizt. Wieder wurde ich panisch.
      Die Frau wollte mir die Hand auf die Schulter legen, doch ich wich zurück.
      „Du kannst noch nicht nachhause. Wir müssen dich noch ein Weilchen bei uns behalten. Geh doch wieder schlafen."
      Etwas an dem Ton der Alten gefiel mir nicht.
      „Puh, ist es warm hier drinnen“, fuhr sie fort. „Komm, wir machen ein Fenster auf." Sie ging an mir vorbei. Die Tür war sperrangelweit offen. Ich dachte nach. Wenn diese Frau mich hier festhielt, warum ließ sie dann die Tür offen? Glaubte sie, ich würde nicht fliehen?
      „Dein Bett ist ja ganz verschwitzt!“, stellte die Frau fest. „Hast du wieder schlecht geträumt?“
      Sie sah zu mir. Ihr Blick war freundlich und sie hielt mir eine Hand hin. „Komm“, sagte sie lächelnd, „wir machen ein Fenster auf“.
      Ich drehte mich um, rannte zur Tür hinaus und lief einen langen Gang hinab. Zu beiden Seiten rauschten in regelmäßigen Abständen nummerierte Türen an mir vorbei.
      „Halt!“, rief die alte Frau besorgt, doch ich stoppte nicht. Sie
      würde mich niemals einholen, ich war schon im Sportprofil meiner Schule immer der Schnellste gewesen. Am Ende des Ganges hatte ich die Wahl zwischen Aufzug und Treppe. Ein Schild zeigte an, dass ich mich im ersten Stock befand. Ich wählte die Stufen nach unten.

      Das Licht im Treppenhaus ging automatisch an, als ich es betrat. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte ich hinunter. Am Fuß der Treppe befand sich ein weiterer Gang, an dessen einen Ende Licht brannte. Ich stürmte darauf zu, war schon fast da, als vor mir eine Tür aufging und ein riesiger Mann heraustrat. Ich versuchte anzuhalten und kehrt zu machen, doch es war zu spät. Mit voller Wucht knallte ich in den Fremden. Dieser schlang sofort seine Arme um mich und hielt mich in eisernem Griff.
      Ich trat und strampelte und begann wieder zu weinen. „HILFE!“, schrie ich. „HILFE!“
      Die Arme des Fremden ließen sich nicht bewegen. Zwei weitere Männer traten auf den Gang. Einer von ihnen trug einen Pullover und eine Cordhose, der andere eine Weste und Jeans. Der mit der Cordhose beugte sich zu mir herunter. Er trug eine runde Brille und hatte einen grauen Bart. Ich hatte mittlerweile aufgehört zu zappeln, da es ja doch nichts brachte.
      „Na sowas“, sagte der Bärtige, „ Da wollte wohl jemand einen kleinen Nachtspaziergang machen, hm?“
      Ich wollte den Mann schlagen, doch der stählerne Griff des Riesen machte das unmöglich. Also sagte ich stattdessen: „Ich rufe die Polizei!“
      Der Mann mit der Weste schüttelte den Kopf und ging zurück in den Raum, aus dem er gekommen war.
      „Du musst dich beruhigen, Arkadius!“, sagte der mit der Cordhose und kniete sich vor mich. Ich blinzelte überrascht, weil er meinen Namen kannte. Nur meine Familie und meine engsten Freunde kannten meinen richtigen Namen.
      „Wer sind Sie?“, fragte ich und rührte mich erneut. „Sagen sie diesem Typen, er soll mich loslassen!“
      Der Mann lächelte müde und sagte: „Nur, wenn du mir versprichst, ganz ruhig zu bleiben“.
      Immer mehr Tränen traten mir in die Augen. „Ich will doch nur nachhause!“, schluchzte ich. Der Mann strich mir über die Wange. Ich wehrte mich nicht.
      „Ich weiß. Du musst schreckliches Heimweh haben. Komm, ich bringe dich in dein Zimmer zurück und morgen werden wir in Ruhe darüber reden!“
      „Ich will nicht reden. Lassen Sie mich doch nachhause!“ Wieder begann Wut in mir aufzusteigen. Der Griff des Riesen hatte sich gelockert und ich nutze die Gelegenheit, um einen meiner Arme zu befreien. Als er das bemerkte, wollte er mich fester packen, doch ich war schneller. Ich fuhr herum und schlug ihm ins Gesicht, so heftig, das er sich auf den Hintern setzte. Ich sprang auf. Der Cordhosen-Mann wollte sich mir in den Weg stellen, da trat ich ihm mit Schwung in den Schritt. Seine Augen weiteten sich und er ging mit dumpfem Stöhnen zu Boden. Ich hüpfte über ihn und wollte lossprinten, da tauchte der Mann in der Weste vor mir auf. Als ich versuchte, ihm in den Bauch zu boxen, griff er mein Handgelenk und zog mich zu sich.
      „Ruhig, es ist doch alles gut!“, sagte er. Ich trat nach ihm.
      „Jonathan, hilf mir mal!“

      Der Riese, den ich geschlagen hatte, kam herüber, eine Spritze in der Hand. Meine Augen weiteten sich. Sie würden mir Gift spritzen. Sie würden mich töten. Ich zappelte und trat heftiger als jemals zuvor.
      Der mit dem Bart griff sich meine Beine. „Stillhalten!“, befahl er. „Wir wollen dich nicht verletzten!“
      Der Riese nahm einen meiner Arme und stach zu. Ich spürte nichts. Ich ruckte und zuckte noch eine ganze Weile, dann begannen meine Gliedmaßen schwer zu werden. Ich wurde schläfrig und hörte die Stimmen der anderen nur noch als fernes Dröhnen. Schließlich schien es, als treibe ich in einem Meer aus Milch. Die Welt wurde glasig und träge. Ich wusste nicht, ob die Männer mich noch festhielten, es war mir egal. Ich lag irgendwo und sah die Frau aus dem Zimmer. Sie sah zusammen mit dem Bärtigen auf mich herab.
      „Bringen Sie ihn in sein Zimmer zurück!“, sagte der Cordhosen-Mann, „Und schließen Sie die Tür ab!“
      100% Konsequent!

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    • Unor schrieb:

      Ich versuchte anzuhalten und Kehrt zu machen, doch es war zu spät.
      klein

      Unor schrieb:

      Ich stürmte darauf zu. Ich war schon fast bei dem Licht, als vor mir eine Tür aufging und ein riesiger Mann heraustrat. Ich versuchte anzuhalten und Kehrt zu machen, doch es war zu spät. Ich knallte mit voller Wucht in den Fremden.
      Immer wieder die gleichen Satzanfänge. Versuche die Sätze etwas umzuformulieren ;)

      Unor schrieb:

      Der griff des Riesen hatte sich gelockert und ich nutze die Gelegenheit um einen meiner Arme zu befreien.
      groß

      Also ich finde, das klingt schon mal nicht schlecht. Bei mir hast du durchaus Spannung aufgebaut und mich würde interessieren, was da vor sich geht. Es klingt fast, als säße der Gute in irgendeiner Anstalt ^^

      Einige Sachen sind mir aber aufgefallen, deshalb ein paar Tips:
      1. Deine Satzanfänge sind häufig gleich. Du beginnst viel mit "Ich habe"..."Ich rannte"... "Ich ich ich "
      Versuche das etwas zu variieren. Damit wirkt dein Text flüssiger und nicht so eintönig. So klingt es stellenweise nur bedingt spannender als ein Schulaufsatz. :)
      2. Deine Sätze sind manchmal sehr kurz und einfach strukturiert. Zwar sind massenhaft Schachtelsätze auch nicht so toll, aber versuche die Sätze etwas zu verbinden. Kurze Sätze haben den Effekt, dass der Text hektisch wird. Das hat zwar an der Stelle ganz gut gepasst, weil er ja flieht, aber es wird auch schnell zu viel. :)

      Mehr habe ich erstmal nicht zu meckern. ^^ Ich werde mal dran bleiben und schauen, wie du das hier weiterführst.

      LG, Kyelia

      Außer Betrieb - Geduldsfaden ist gerissen

      Der, der das Licht stahl
      Síchestja - Das Erbe einer Vergangenheit
    • @Kyelia Wow, hätte nicht gedacht, dass hier so schnell Feedback kommt. Vielen Dank auf jeden Fall! Die Sachen, die du ansprichst dind auch die Punkte mit denen ich selbst unzufrieden war. Ich werde mal überlegen, wie ich das ausbügeln kann. Freut mich, dass es dir trotzdem gefallen hat!
      LG, Unor

      @Phi Danke für die Tipps. Ich habe mal versucht, einige der Sätze länger zu machen und die Ichs nicht immer an die Satzanfänge zu setzen. :)

      @Kitsune Ok, ich muss mich echt nochmal für das viele Feedback bedanken. Ich habe mal auf einer anderen Plattform eine meiner Storys hochgeladen und da in sechs Monaten ein Review bekommen. Und das war nichtmal hilfreich. Da bin ich hier auf jeden Fall in einer sehr viel hilfsbereiteren Community gelandet. Vielen, vielen Dank!
      Hab's jetzt zum dritten Mal überarbeitet und hoffe, es ist den Damen recht so! :D
      100% Konsequent!

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Unor ()

    • Unor schrieb:

      Dann, plötzlich, ein Ruf Komma der vom Gang zu kommen schien und durch die Wand gedämpft wurde.

      Unor schrieb:

      „HILFE!“ Komma statt Semikolon schrie ich. „HILFE!“

      Unor schrieb:

      Der Griff des Riesen hatte sich gelockert und ich nutze die Gelegenheit Komma um einen meiner Arme zu befreien

      Mir sind auch die vielen, kurzen Sätze aufgefallen und die Ich-Bezogenheit :D Aber alles in allem hast du einen guten Schreibstil, machst erfreulich wenig Fehler bei Rechtschreibung und konntest gut die Spannung aufbauen.
      Ich weiß natürlich nicht, wie es sich noch entwickelt, aber ich gebe dir trotzdem schonmal den Tipp, mehr auf die Gefühle einzugehen. Als erste Szene ist es so voll okay, aber im Laufe der Geschichte wird dann natürlich das Innenleben noch interessanter :) Aber da erstmal abwarten, wie es sich überhaupt entwickelt.


      Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.
    • Spoiler anzeigen

      Unor schrieb:

      Ich rüttelte am Griff, um sicher zu gehen.
      sicherzugehen

      Unor schrieb:

      Vor mit stand eine alte Dame.
      mir

      Unor schrieb:

      „Wo bin ich?“, ich versuchte möglichst ruhig zu klingen.
      Punkt weg; Ich ...

      Unor schrieb:

      Geh doch wieder schlafen“.
      Punkt vor das Gänsefüßchen. ^^

      Unor schrieb:

      „Puh, ist es warm hier drinnen“, fuhr sie fort,
      Punkt.

      Unor schrieb:

      „Komm“, lächelte sie, „Wir machen ein Fenster auf“.
      Abgesehen davon, dass man Worte nicht lächeln kann und der Punkt sich wieder hinter die Füßchen gestohlen hat, ist das hier ein entweder oder Fall.
      Entweder: "Komm", lächelte sie, "wir machen ein Fenster auf."
      Oder: "Komm", lächelte sie. "Wir machen ein Fenster auf."
      Ich wäre für Variante eins, weil sie den Satz fortführt, sprich, beide Teile ergeben zusammengesetzt Sinn. :)

      Unor schrieb:

      „Stillhalten!“, sagte er,
      Punkt. Statt sagte kannst du auch gut und gerne, ohne es zu übertreiben, etwas anderes nehmen. Brüllen zum Beispiel. Das gibt manchmal mehr Kraft als jegliche Beschreibung und manchmal reicht sagte nicht aus. Das ist aber hier an der Stelle Geschmackssache.


      Du schaffst auf jeden Fall einen interessanten Anfang, der etliche Frage aufwirft. Wo befinden wir uns, was macht dein Prota dort, wieso scheint er sich an nichts zu erinnern? Das gefällt mir, demnach bin ich gespannt, was du daraus machst.
      Im Text sind immer noch einige Satzanfänge, die nacheinander mit Ich beginnen, versuche gerade die Stellen noch etwas aufzudröseln. ^^ Der Rest schien mir passend für den Moment.
      Ansonsten schreibst du mit Potential, auch wenn ich Phi recht geben muss, was die Gefühle betrifft. Die kommen mir nämlich etwas zu kurz. Das mag bei der gehetzten Stimmung des Anfangs ganz okay sein, aber gerade der Beginn, als Arkadius aufwacht, bietet viele Möglichkeiten, etwas aufs Innenleben zu horchen. Ihn scheint ja wirkliche Panik zu ergreifen, aber die kommt bei mir leider nicht an. Mein Tipp an der Stelle ist immer: Überlege, wie du dich in der Situation fühlen würdest. Anderer Tipp: Beziehe alle fünf Sinne ein. Hier und da hast du bereits Ansätze drin. :)
    • Kapitel 2: BILDER DER VERGANGENHEIT


      Ich träumte von einem lila und blau gesprenkelten Blumenfeld, das sich scheinbar endlos erstreckte. Nelken und Vergissmeinnicht sprossen zu tausenden aus dem Boden und zitterten im Wind. Es war warm, sehr warm. Schweißtropfen rannen über meine Haut, kitzelten mich am Rücken und wenn der Wind wehte, fröstelte ich, trotz der Hitze.

      Für eine lange Zeit wanderte ich in dem Feld umher, lauschte dem Summen der Bienen und atmete den Duft der Blüten ein. Ich war entspannt, glücklich.
      Nach einer Weile tauchte am Horizont ein Haus auf, so ein Fertighaus, wie man sie in Neubaugebieten findet. Es ragte aus einem Meer von Vergissmeinnicht empor, blau wie der Himmel. Vor dem Haus rannte ein Mädchen umher. Es lachte, sprang herum, riss Blumen heraus und brachte sie einem Jungen, der auf der Terrasse saß und einen Gameboy in Händen hielt.

      Ich schloss für einen Moment die Augen und als ich sie wieder auftat, fand ich mich in einem Gartenstuhl wieder, einen Gameboy in der Hand. Das Mädchen kam zu mir gelaufen. Es strahlte über beide Ohren und trug ein niedliches grünes Kleidchen. Ich nahm den Blumenstrauß, den es mir brachte, freundlich entgegen, legte ihn zu den anderen auf den Boden und wandte mich wieder meinem Spiel zu.
      Wie lange ich dort saß, hätte ich nicht sagen können, doch als ich das nächste Mal von dem Gerät aufblickte, war die Sonne verschwunden und das Mädchen ebenso.

      Ich habe ein Geheimnis, schien eine ferne Stimme zu flüstern.
      Ich sprang aus meinem Stuhl und spähte zum Horizont. Wo zuvor nur Blumen gewesen waren, ragte nun ein ganzer Wald aus der Erde. In der Nacht schienen die Bäume schwarz, sodass das neongrüne Kleid des Mädchens sich von ihnen abhob. Es winkte mir zu, bevor es in der Finsternis zwischen den Stämmen verschwand.
      Sofort eilte ich der Kleinen nach. Ich rief ihr hinterher und die ferne Stimme antwortete: Ich habe ein Geheimnis.

      Ich erreichte den Waldrand und rief noch einmal. Keine Antwort. Tiefer und tiefer drang ich in den Wald vor, dessen Boden ebenfalls mit Vergissmeinnicht bedeckt war. Ich rannte und rief, rannte und rief und schließlich fand ich das Mädchen auf einer Lichtung.
      An einen großen Baum, dessen dicker Stamm grotesk verdreht war, lehnten nebeneinander zwei Paletten und bildeten so einen höhlenartigen Unterstand. Als Tür diente eine ranzige Decke. Das Mädchen saß davor, weinend und umgeben von Nelken. Die Vergissmeinnicht, die den Rest des Bodens bedeckten, waren verwelkt.
      Ich stürmte zu dem Kind, wollte es in meine Arme schließen, als plötzlich der Boden unter mir wegzugleiten schien und ich stolperte. In einem Sturm von lila Blütenblättern rollte ich mich ab, landete in einem Dornenbusch…

      … und wachte auf.

      Zu meiner Enttäuschung stellte ich fest, dass ich mich noch immer in dem fremden Zimmer befand. Wie lange ich geschlafen hatte, wusste ich nicht, doch war es mittlerweile hell geworden. Grelles Sonnenlicht fiel durch das Fenster, dessen Jalousien ich in der Nacht hochgezogen hatte. Ich setzte mich blinzelnd auf und rieb meinen steifen Nacken, während ich versuchte, mich an meinen Traum zu erinnern. Das war jedoch unmöglich, denn die Bilder der letzten Nacht rauschten durch meinen Verstand und überdeckten alles andere.
      Mein Blick schweifte durchs Zimmer. Erst jetzt im Licht der Sonne erkannte ich, dass die Wände weiß gestrichen waren, mit einem hellgrünen Streifen, der sich etwa auf Augenhöhe waagrecht über alle vier erstreckte. In dem grünen Bereich der Wand hatte jemand Bilder aufgehängt. Ich schlug die Decke zur Seite und hüpfte aus dem Bett. Jemand hatte mir ein weißes T-Shirt und eine Jogginghose angezogen. War ich in der Nacht nackt gewesen? Nein, ich hatte Boxershorts getragen oder nicht? Ich erinnerte mich nicht richtig.

      Nachdem ich überprüft hatte, dass die Tür noch immer verschlossen war, sah ich mir die Bilder in dem grünen Streifen an. Auf dem neben der Tür erkannte ich meinen Labrador Flocke, wie er sich nach einem Tauchgang im See schüttelte. Wo hatten die dieses Bild her?
      Das nächste Bild zeigte meine Oma und meinen Opa, die mit glänzenden roten Gesichtern in die Kamera grinsten. Oma hielt ein Weinglas in der Hand und im Schnurrbart meines Opas hing Bierschaum. Das war an Sylvester gewesen. In mir machte sich wieder diese Verunsicherung breit. Ich ging an einem Bild meines Vaters vorbei, der seine vom Öl geschwärzten Hände lachend in die Kamera hielt - im Hintergrund unser alter Mercedes, an dem er manchmal rumschraubte. Das Foto hatte ich selbst gemacht.
      Daneben hing eine Kinderzeichnung. Mit groben Strichen hatte man einen Jungen und ein kleines Mädchen skizziert. In der linken oberen Ecke leuchtete eine dreieckige Sonne. Der Körper des Mädchens war mit grün gemalt. Der Junge hielt einen Strauß purpurner Blumen in der Hand.
      Dieses Bild hatte meine Schwester für mich gemalt. Plötzlich erschien mir mein Traum vor meinem inneren Auge. Das grüne Kleid. Das war meine Schwester gewesen. Und das Haus, das war das Haus meiner Eltern. Wie hatte ich das nicht sofort bemerken können?
      Ein schwerer Stein fiel mir vom Herzen, als mir klar wurde, wo ich mich befand. Ich war im Krankenhaus! Natürlich.

      Die Erinnerung an den Abend, an dem ich auf meine Schwester aufgepasst hatte, kehrte zurück. Sie war zu unserem Geheimversteck im Wald gelaufen und hatte sich verletzt und als ich sie holen wollte, war ich gestürzt. Wir waren im Krankenhaus, beide. Deshalb hatte ich ein zweites Bett in meinem Zimmer. Aber wo war meine Schwester? Und warum war die Tür verschlossen? Hatte ich womöglich schon einmal versucht zu fliehen, konnte mich aber nicht erinnern? Hatte ich eine Gehirnerschütterung oder so etwas?
      Ich suchte meinen Körper nach Verletzungen ab und da fielen mir zum ersten Mal die Narben auf. Hellrosa, fast weiß zogen sie sich als dünne Linien quer über die leicht hervorstehenden Venen an der Innenseite meiner Handgelenke. Ich musste sie mir im Wald zugezogen haben, als ich durch die Dornenbüsche gerannt war.
      Ein Krankenhaus, natürlich. Ich musste lachen vor Erleichterung und schämte mich auch ein bisschen für mein nächtliches Ausrasten. Gemütlich ging ich zum Fenster, um etwas durchzulüften. Ich musste jedoch feststellen, dass man einen Schlüssel brauchte, um das Fenster zu öffnen, daher setzte ich mich zurück auf das Bett und beschloss, zu warten, bis die alte Frau oder irgendjemand anderes kam.

      Es dauerte nicht lange, da klopfte es vorsichtig. Ein Schlüssel knackte im Schloss und die Tür schwang auf. Es war nicht die Alte der vergangenen Nacht, sondern eine junge Frau, vielleicht zwanzig. Sie trug eine Bluse und Dreiviertelhosen, in ihrer Hand hielt sie einen Strauß Blumen. Besuch konnte es nicht sein, denn ich kannte die Dame nicht. Wozu also der Strauß?
      „Guten Morgen!“, sagte sie und lächelte ein makelloses Lächeln.
      „Morgen!“, antwortete ich etwas verwirrt. Die Frau kam herüber und legte den Strauß auf das Abstelltischchen. Dort stand bereits eine Vase, in der sich schon Blumen befanden. Rosen, Tulpen, Nelken. Sie waren jedoch verdorrt und die Frau ersetzte sie mit ihrem Strauß aus Lavendel und Vergissmeinnicht.
      „Die sind von Doktor Rexroth“, sagte sie. Der Name kam mir bekannt vor.
      „Ist das mein behandelnder Arzt?“, fragte ich.
      Die Frau schien einen kurzen Moment nachzudenken, dann sagte sie: „Ja.“
      Sie nahm die verwelkten Blumen und ging zur Tür.
      „Wo ist meine Schwester?“, fragte ich. Die Frau hielt inne und drehte sich zu mir um. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie und machte sich auf den Weg.
      „Ich kann mich wieder erinnern“, sagte ich, ehe sie die Tür hinter sich schloss. „Sie müssen mich nicht mehr einschließen.“
      Die Frau zögerte kurz, als überlege sie, was sie antworten sollte, dann schloss sie die Tür. Das klackende Geräusch verriet, dass sie abschloss. Ich seufzte. Anscheinend hatte ich es beim Personal verschissen.

      100% Konsequent!

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    • Unor schrieb:

      Vergissmeinnichte
      Ich bin mir nicht sicher, aber Vergissmeinnichte klingt komisch. Ich glaube, die Mehrzahl von Vergissmeinnicht, ist einfach Vergissmeinnicht.

      Unor schrieb:

      In der Nach schienen die Bäume schwarz, sodass das neongrüne Kleid des Mädchens sich von ihnen abhob.
      Nacht

      Unor schrieb:

      Grelles Sonnenlicht viel durch das Fenster, dessen Jalousien ich in der Nacht hochgezogen hatte.
      fiel

      Unor schrieb:

      Wie hatte ich das nicht sofort bemerken können.
      Fragezeichen statt Punkt

      Unor schrieb:

      Sie trug ein Bluse und Dreiviertelhosen, in ihrer Hand hielt sie einen Strauß Blumen.
      eine

      Den Traum fand ich durchaus glaubhaft geschildert und ich muss sagen, dass er mir gefallen hat. ^^
      Vielleicht hätte man die Verwirrung noch etwas deutlicher machen können, die er nach dem Traum hat, aber ansonsten fand ich den Teil recht gut.
      Man fragt sich natürlich, was mit dem Mädchen ist und warum die Blumen verdorrt sind. Die Reaktion der Frau kam mir auch etwas seltsam vor. Vor allem wundern mich die Bilder, die im Zimmer hängen. Scheint kein normales Krankenhaus zu sein. Wenn es überhaupt eines ist. :hmm:

      LG, Kyelia

      Außer Betrieb - Geduldsfaden ist gerissen

      Der, der das Licht stahl
      Síchestja - Das Erbe einer Vergangenheit
    • @Kyelia Ja, also was die Mehrzahl von Vergissmeinnicht angeht, habe ich etwas Recherche betrieben und viele verschiedene Ergebnisse bekommen. Für Word sind Vergissmeinnichte, Vergissmeinnichts und Vergissmeinnichten mögliche Schreibweisen. Laut Duden ist der erste Plural Vergissmeinnicht und der zweite Vergissmeinnichts. Ich wollte aufs Feedback warten, um zu sehen, ob andere "Vergissmeinnichte" auch komisch finden. Ich ändere es nochmal zu Vergissmeinnichts (oder einfach Vergissmeinnicht).
      Dass du es noch interessant findest, freut mich. Ich habe befürchtet, dass ich die Spannung kaputt mache, indem ich auf fast alle Fragen, die ich in Kapitel 1 aufgeworfen habe, eine Antwort liefere. Aber glücklicherweise hast du die kleinen Hinweise entdeckt, die den Leser weiter bei der Stange halten sollen.
      Vielen Lieben Dank, du bist wirklich eine Riesenhilfe!
      LG, Unor :)
      100% Konsequent!
    • Spoiler anzeigen

      Unor schrieb:

      Ich stürmte zu dem Kind, wollte sie in meine Arme schließen, als plötzlich der Boden unter mir wegzugleiten schien und ich stolperte.
      es
      Hier bezieht es sich auf das Kind. :)

      Unor schrieb:

      Auf dem neben der Tür, erkannte ich meinen Labrador Flocke, wie er sich nach einem Tauchgang im See schüttelte.
      Komma weg.

      Unor schrieb:

      Ich suchte meinen Körper nach Verletzungen ab und da vielen mir zum ersten Mal die Narben auf.
      fielen

      Unor schrieb:

      Ich musste lachen, vor Erleichterung und schämte mich auch ein bisschen für mein nächtliches Ausrasten.
      Entweder das Komma ganz streichen. Andere Variante wäre, wenn du die Erleichterung betonen möchtest: Ich musste lachen, vor Erleichterung, und schämte [...]


      Na, das klingt doch schon besser. Ich habe an dem Teil auch nicht wirklich etwas auszusetzen. Der Traum war gut, man fragt sich, was da jetzt vor sich geht, weiß aber ziemlich schnell, dass es eben ein Traum ist. Seine Schwester also. Wo die wohl steckt?
      Einzig nach dem Aufwachen hätte ich vllt. auch noch etwas mehr Verwirrung gut gefunden, aber so wie es derzeit ist, ist es auch okay. Er scheint sich weit weniger unwohl zu fühlen. Er wähnt sich ja im Krankenhaus. Wobei, wenn Patienten eingeschlossen werden, denke ich eher an eine speziellere Klinik als an ein normales Krankenhaus. oô Und diese Bilder sind auch suspekt.

      Unor schrieb:

      Ich habe befürchtet, dass ich die Spannung kaputt mache, indem ich auf fast alle Fragen, die ich in Kapitel 1 aufgeworfen habe, eine Antwort liefere.
      So etwas ist nicht weiter schlimm, du lieferst noch genug Punkte, die es weiterhin rätselhaft machen. ^^
    • @Kyelia @Kitsune ich kann einfach nicht aufhören, mich für euer klasse Feedback zu bedanken :D Ich würde euch bei euren Storys ja den selben Gefallen tun, aber ich fürchte ich bin nicht kompetent genug. Da stünde dann einfach nur "Tolles Kapitel. Hoffentlich kommt bald mehr..." und so ein unhilfreicher Mist eben! :D
      Motiviert mich auf jeden Fall richtig dolle zum weiterschreiben!
      LG, Unor :)
      100% Konsequent!
    • Spoiler anzeigen

      Unor schrieb:

      Schweißtropfen rannen über meine Haut, kitzelten mich am Rücken und wenn der Wind wehte, fröstelte ich kein Komma trotz der Hitze.

      Unor schrieb:

      Sofort sprang ich von der Terrasse und eilte der Kleinen nach.
      Hier habe ich mich gefragt, wie man von einer Terrasse springen kann, die sind ja eigentlich ebenerdig.

      Unor schrieb:

      An einen großen Baum, dessen Stamm grotesk verdreht war, lehnten zwei Paletten und bildeten so einen Unterstand.
      Auch hier hatte ich Probleme mit dem Vorstellen - wie können zwei an einen Baum gelehnte Paletten einen Unterstand bilden? Da fehlt doch noch ein Dach, oder?

      Unor schrieb:

      Erst jetzt kein Komma im Licht der Sonne kein Komma erkannte ich, dass die Wände weiß gestrichen waren kein Komma mit einem hellgrünen Streifen, der sich kein Komma etwa auf Augenhöhe kein Komma waagrecht über alle vier erstreckte.


      Ich finde, du kannst trotzdem immer noch mehr auf Gefühle eingehen. Ich glaube, dir könnte es helfen, ein bisschen über Show - Don't Tell zu lesen.

      Unor schrieb:

      Unendliche Erleichterung überfiel mich
      Das hier z.B. ist nur erzählt, aber nicht gezeigt.

      In dem Moment fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich lachte kurz und leise auf, war fast schon amüsiert über meine eigene Dummheit. Ich befand mich im Krankenhaus, natürlich! Erleichtert stellte ich fest, dass ich mich wieder an alles erinnern konnte: [...]


      Nur mal als kleines Beispiel. Natürlich sollte man nicht jede Gefühlsregung so in die Länge ziehen, aber ab und zu zwischendrin verleiht das dem Charakter einfach mehr Tiefe.

      Ansonsten finde ich auch nicht, dass du wirklich viel aufdeckst. Man merkt ja, dass die Erklärung trotzdem noch nicht zu 100% passt und irgendwas nicht stimmen kann.. ich bin sehr neugierig, ob das wirklich ein Krankenhaus ist und wenn ja, was mit seiner Schwester passiert ist. Ich freu mich auf mehr!


      Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.
    • @Phi Danke für den Tipp. An den Gefühlen werde ich wohl noch etwas arbeiten müssen (mir als männlicher Mannes-Mann fällt das wahrscheinlich einfach etwas schwerer :D)
      Freut mich, dass dir die Story gefällt. Ich werde mich bemühen, schnell weiterzumachen, damit die Spannung nicht allzu unerträglich wird.

      LG, Unor

      PS: Ich habe die Beschreibung des Unterstands ergänzt. Ich hoffe es wird jetzt klar. Ich habe es mir so vorgestellt, dass die Paletten an dem Stamm lehnen und so eine Art Höhle bilden, d.h. Die Beiden Paletten sind die eine Wand und der Baumstamm die andere. Hinten ist offen und vorne hängt die Decke als Tür.
      100% Konsequent!
    • Also soweit kann ich mich nur meinen Vorrednern anschließen. Die geschichte baut bisher eine super Spannung auf und man fragt sich, ob das wirklich ein Krankenhaus ist, oder was genau. Ich hatte gleich ein seltsames Magengrummeln, als ich das mit der Schwester las.

      Für mich wirkte es weniger wie "Vergessen wegen Kopfaua" als:

      Spoiler anzeigen
      Hat sich versucht umzubringen, weil er iwas über den Verbleib seiner Schwester weiß/mit zu tun hat?! (Narben an den Hangelenken-Innenseite. Wenn man duch ein Gebüsch rennt, verletzt man sich die Armaußenseiten, weil man diese instinktiv schützend vor sich hält, Innenseiten sind unwahrscheinlich. Zumindest wenn diese Stelle ausschließlich verletzt ist. Also ich hab noch nie mit meiner Arminnenseite einen Ast mit Dornen weggedrückt - mit der Außenseite schon ;) Ist aber reine Spekulation. Hinzu kommt, die flüsternde Stimme könnte sein Unterbewusstsein sein, die ihm zumunkeln will, dass "Er" ein Geheimnis hat. Schockbedingtes Verdrängen?!


      Ich gehe auch davon aus, dass keine normale Klinik ist. Er muss immerhin schon eine Weile da sein, wenn Bilder irgendwo hängen. Und dann das Abschließen ^^
      Ich finde auch, dass du die Hektik super rübergebracht hast, als er davongelaufen ist, zumindest hat er es versucht.
      Das Einzige, was ich etwas komisch fand:

      Er ist fünfzehn? Du beschreibst in seinen Gedanken, dass er alles sehr gut wahrnimmt. Sein Zimmer und alles drum herum. Selbst die Kleidung der Ärztin/Nachtschwester? Er schaut sich sogar die Türen mit den Nummern an, und kommt in keinem Moment auf den Trichter, dass das ein Krankenhaus ist? Oo Der Spannung hätte es keinen Abbruch getan, wenn er irgendwann geschnallt hätte wo er ist. Die Frage ist ja immer noch: "Wie kam er da hin? Und was ist das für eine Art Krankenhaus?"
      Ich hätte die Panik vielleicht mehr darauf verlegt: "Was ist passiert?" "Wie komme ich hierher?" "Und warum werde ich eingeschlossen?"
      So kam es für mich eher rüber, als hätte er erst am nächsten Tag geschnallt, dass das ein Krankenhaus ist, so sprich: :patsch: Ich bin im Krankenhaus. Das Zimmer, die Schwester, der Flur und die Leute waren nicht Hinweis genug, erst die Streifen an der Wand habens verraten.

      Alles in allem aber ein gelungener Anfang. :super: Und man fragt sich wirklich, was die Schwester mit ihrer knappen Antwort versucht zu sagen, oder vielleicht nicht zu sagen. :hmm:

      Liebe Grüße

      Jennagon
    • Kapitel 3: DR. REXROTH


      Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, aus dem Fenster zu sehen. Es bot einen guten Blick auf den Hinterhof des Krankenhauses, der zu zwei Seiten von dem Gebäude selbst und zu zwei Seiten von einer kleinen Mauer begrenzt wurde. Darauf hatte man mit bunten Farben eine Reihe von Leuten gemalt, die sich an den Händen hielten. Wie der grüne Streifen an meinen Wänden, zog sie sich die gesamte Mauer entlang.
      In dem Hof gab es einen Sandkasten, in dem einige Kinder saßen und mit Förmchen und Schaufeln am Werkeln waren, während andere kreischend um ein Klettergerüst herumliefen. Ich schätzte sie alle im Alter zwischen sieben und zehn. Ob man mich in der Kinderstation untergebracht hatte? Schließlich war ich schon fünfzehn.
      Das ferne Klingen von Kirchenglocken riss mich aus meinen Gedanken. Ich zählte die Schläge ab und kam auf elf. Es musste also noch Morgen sein.

      Gerade wandte ich meinen Blick wieder den Kindern zu, in der Hoffnung meine Schwester Julia unter ihnen zu entdecken, da hörte ich das vertraute Klacken des Türschlosses. Ich drehte mich herum und mir stockte kurz der Atem, als ich den bärtigen Mann mit der Cordhose ins Zimmer treten sah.
      Er gähnte und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand. Unter den linken Arm hatte er einen Notizblock geklemmt und hinter seinem rechten Ohr steckte ein Kugelschreiber.
      „Guten Morgen“, sagte er und kam herüber. Instinktiv wich ich zurück. Ich hatte die vergangene Nacht nicht vergessen und er vermutlich genauso wenig.

      Der Mann ging zu einem Stuhl, der in der Ecke stand und mir bisher gar nicht aufgefallen war. Einen Moment lang zögerte ich, dann sagte ich schließlich: „Morgen.“
      Der Bärtige setzte sich und musterte mich einen Moment. „Wie geht es dir?“, fragt er und stellte seine Tasse neben sich auf den Boden.
      „Sie sind der Mann, der mich festgehalten hat“, sagte ich, als wüsste er es nicht.
      „Du bist der Junge, der mich getreten hat“, antwortete er und nahm den Notizblock in die Hand. Ich wollte etwas sagen, schwieg dann aber doch.
      „Also, wie geht es dir?“ Jetzt nahm er seinen Kuli hinterm Ohr hervor und fuhr die Mine mit einem Klicken aus.
      „Es tut mir leid, dass ich heute Nacht so einen Trubel gemacht habe. Ich hatte vergessen, dass ich im Krankenhaus bin.“

      Der Mann seufzte und kritzelte etwas in seinen Block.
      „Ist das schon öfter vorgekommen?“, fragte ich aufgrund seiner Reaktion.
      „Wie fühlst du dich?“, fragte er schon wieder.
      „Gut“, antwortete ich, da er wohl nicht aufhören würde zu fragen. „Was ist denn mit meinem Kopf? Hab ich mich schwer verletzt? Ich spüre gar nichts.“
      „Kannst du dich an mich erinnern?“, erwiderte der Mann.
      „Ja.“ Ich war etwas perplex. „Ich habe doch gesagt, ich kenne Sie von gestern Nacht.“
      „Erinnerst du dich an meinen Namen?“
      Ich dachte kurz nach. Er hatte seinen Namen nicht erwähnt. Woher sollte ich ihn kennen? Hatte ich immer noch Gedächtnislücken?
      „Sie haben mir Ihren Namen nie gesagt“, antwortete ich schließlich, in der Hoffnung, dass es stimmte.
      „Ich bin Maximilian Rexroth.“
      „Von Ihnen sind die Blumen?“
      „Ja.“
      „Wieso?“

      Er warf einen kurzen Blick auf seinen Block, dann stand er auf, nahm seine Tasse und ging Richtung Tür.
      „Wo wollen Sie hin? Wollen Sie mich nicht untersuchen?“
      „Das hab ich doch gerade“, sagte er lächelnd.
      Ich blinzelte verwirrt. „Ich meine richtig untersuchen. Ich habe doch eine Gehirnerschütterung, oder?“
      „Nein, hast du nicht.“
      Verwirrung überschattete meine Freude über diese Nachricht. Wieso hatte ich dann Gedächtnislücken?
      „Also geht es meinem Kopf gut?“
      „Nun, weißt du…“, der Arzt suchte nach Worten. Schließlich sagte er: „Ich muss jetzt gehen. Wir reden morgen weiter.“ Er ging zur Tür hinaus und war gerade dabei, sie zu schließen, da sagte ich: „Lassen Sie bitte offen. Ich erinnere mich wieder! Ich lauf schon nicht weg!“

      Dr. Rexroth zögerte einen Moment. Dann kam er wieder herein und legte mir eine Hand auf die Schulter.
      „Du musst mir versprechen, dass du dich benimmst. Dann lass ich die Tür auf.“ Hinter den Gläsern seiner Rundbrille, starrten die braunen Augen des Doktors in die meinen.
      „Versprochen“, sagte ich. Dr. Rexroth, ging nach draußen und schloss die Tür. Diesmal blieb das Klacken des Schlüssels allerdings aus.
      100% Konsequent!

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Unor ()

    • Unor schrieb:

      Gerade wand ich meinen Blick wieder den Kindern zu, in der Hoffnung meine Schwester Julia unter ihnen zu entdecken, da hörte ich wieder das vertraute Klacken des Türschlosses.
      wandte?

      Es ist und bleibt seltsam. Offenbar hat unser Freund ein Problem mit dem Gedächtnis. Ein Trauma vielleicht? :hmm:
      Ich bleibe dabei: das ist keine normale Klinik. Allein die Reaktion des Arztes. Wobei ich dessen Geheimnistuerei auch nicht ganz verstehe. Warum sagt er nichts? Selbst, wenn er es schon hunderte Male erzählt hat, kann er es doch auch wieder sagen. Dass er ihm partout gar keine Antworten gibt, gefällt mir nicht ganz. Aber mal schauen, vielleicht hat das ja einen Grund. ^^

      LG, Kyelia

      Außer Betrieb - Geduldsfaden ist gerissen

      Der, der das Licht stahl
      Síchestja - Das Erbe einer Vergangenheit
    • Unor schrieb:

      Dr. Rexroth zögerte einen Moment. Dann kam er wieder herein, kniete sich vor mir auf den Boden und legte mir eine Hand auf die Schulter.
      1.Punkt: Ich hab den Text gelesen und dann nochmal überflogen, um das zu verstehen ^^
      Ich hatte den Jungen die ganze Zeit am Fenster stehend im Kopf und konnte nicht verstehen, wieso der Arzt sich nun zu ihm hinunterkniet. Kann sein, dass ich die Stelle, wo sich der Junge setzt, überlesen habe, aber so wirkte das seltsam auf mich XD

      2. Punkt: Warum setzt sich der Arzt für drei Sätze? Er kommt rein, fragt nach dem Wohlergehen und geht wieder, verschiebt alles Weitere auf den nächsten Tag XD Das hätte er auch stehend machen und lediglich die Tasse abstelle können. Ich dachte da, da käme mehr :D

      3.Punkt: Was mir im Nachhinein aufgefallen ist, ich könnte mich täuschen, aber man schließt in Krankenhäusern, abgesehen von der speziellen psychiatsichen Abteilung mit den bekannten Gummizellen, keine normalen Zimmer ab. Darf man auch gar nicht. Feuergefahr, Verletzungsgefahr, Selbstmordgefahr. Ich glaube zu meinen, dass Patienten, die auffällig sind, lediglich am Bett fixiert werden. :hmm: Ich mein, dass ist jetzt ein Einwand auf hohem Niveau und auch fraglich inwiefern sich das noch ändern/umsetzen ließe. Vielleicht ist das ein Punkt, den man sich beim Überarbeiten lediglich im Hinterkopf behält. Mich stört es jetzt nicht umbedingt, dass die das da anders machen. Ist mir nur so aufgefallen.

      Aber ansonsten ist die Spannung weiterhin vorhanden und man fragt sich immer mehr, was aus der Schwester geworden ist und inwieweit er an einer Art Amnesie leidet, denn der Psychiater machte nicht den Eindruck, als hätte er den jungen Mann zum ersten mal besucht ^^
      Weiter so :stick:
    • @Jennagon
      Zum zweiten Punkt: Ich hatte das Gefühl, dass der Arzt nur deswegen gleich wieder gegangen ist, weil sich der Junge (kennen wir eigentlich den Namen?) nicht richtig erinnern kann. Hätte er sich erinnern können, wäre er ja vielleicht länger geblieben.
      Zum dritten Punkt: Wir haben ja noch keine Ahnung, wo er ist. Krankenhaus, psychatrische Anstalt, Kinderheim mit Krankenabteilung, ein Ort für illegale Experminte, ... noch ist ja alles denkbar, auch das Abschließen von Türen ^^

      Ich habe auch immer mehr den Verdacht, dass irgendwas schlimmes mit der Schwester passiert ist und er deswegen durchgeknallt ist. Genauso kann ich mir aber auch vorstellen, dass er an einem Ort ist, an dem ihm nicht wirklich geholfen werden soll, sondern andere schreckliche Dinge passieren... Spannend.
      Ich bin auch gespannt, ob es eine Erklärung dafür gibt, wieso der Arzt die Tür einfach offen lässt - wenn es z.B. wirklich eine psychatrische Anstalt wäre, würde das kein Arzt, der noch ganz dicht ist, einfach machen. Also müssen wir uns doch irgendwo anders befinden oder es andere Hintergründe geben... oder wir sind doch nur in einem normalen Krankenhaus.


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    • Phi schrieb:

      Zum zweiten Punkt: Ich hatte das Gefühl, dass der Arzt nur deswegen gleich wieder gegangen ist, weil sich der Junge (kennen wir eigentlich den Namen?) nicht richtig erinnern kann. Hätte er sich erinnern können, wäre er ja vielleicht länger geblieben.
      Zum dritten Punkt: Wir haben ja noch keine Ahnung, wo er ist. Krankenhaus, psychatrische Anstalt, Kinderheim mit Krankenabteilung, ein Ort für illegale Experminte, ... noch ist ja alles denkbar, auch das Abschließen von Türen
      Ein Ort mit illegalen Experimenten, klar, dann wäre es möglich. Es ist ja auch kein Fehler an sich, hab ja auch betont, dass mich das nicht stört, da ich ja noch nicht weiß, wo die Geschichte hingeht. Ich wollte nur anmerken, dass das in einem "normalen" Krankenhaus nicht gemacht wird. In einer psychiatrischen Klinik werden Zimmer abgeschlossen, aber eben nur in den dafür vorgesehenen Zimmern. Keine Fenster (vergitterte Fenster, keine Gegenstände). So, wie der Junge ausgetickt ist, hätte er auch den Stuhl nehmen können, um damit das Fenster einzuschlagen. Auch sein Beistelltisch wäre möglich gewesen. Am nächsten Morgen zum Beispiel, wenn er von der Spritze wach geworden ist. Sowas können die Ärzte ja immerhin nicht ausschließen. Zumindest wäre das meine Reaktion auf Gefangenschaft in einem unbekannten Zimmer gewesen. Wenn ich eine weitere Flucht versucht hätte. Leserlich hatten die Ärzte und Schwestern immerhin keine Garantie dafür, dass er sich am nächsten Morgen zusammenreißen würde. Daher hätte ich ihn eben fixieren lassen. ^^° Ich fand nur, da fehlte iwas. Und gerade in dem Fall, dass dort illegale Experimente gemacht werden, wären die nicht zimperlich :hmm:

      Ich bin manchmal etwas kleinlich, aber wenn ich keine groben Fehler finde, dann steigt natürlich das Niveau der Sache und ich hinterfrage mehr. Ich sag ja auch net, dass das jetzt total falsch ist, ich kann nur aus dem Stand heraus agieren, der mir bisher bekannt ist, und lasse mich drin auch gerne belehren und rekorrigieren.

      Der zweite Punkt sah btw. einfach nur amüsant aus.
    • Phi schrieb:

      Zum dritten Punkt: Wir haben ja noch keine Ahnung, wo er ist. Krankenhaus, psychatrische Anstalt, Kinderheim mit Krankenabteilung, ein Ort für illegale Experminte, ... noch ist ja alles denkbar, auch das Abschließen von Türen
      Ich denke, das Problem, was Jennagon da anspricht, bezieht sich mehr auf den zukünftigen Text.
      In normalen Krankenhäusern werden nicht einfach Türen abgeschlossen, weil Fluchtgefahr besteht. Da kann ja sonst was passieren.
      In psychiatrischen Kliniken werden Patienten mit Flucht-und Verletzungsgefahr auch eher mehr überwacht und in Zimmern untergebracht, wo beispielsweise alles am Boden befestigt ist, damit sie nichts benutzen können, um Scheiben einzuschlagen. (So kenne ich das) Anstatt nur die Türen zu verschließen. Die können dahinter ja dann auch sonst was machen, mit freizugänglichen Möbeln. ^^
      Wenn nun zukünftig rauskommt, dass unser Freund wirklich in einem normalen Krankenhaus/einer psychiatrischen Klinik ist, dann sind diese Punkte fehlerhaft... zumindest, was die Logik angeht.
      (Ist aber wirklich hohes Niveau und kein grober Fehler ;) )

      Allerdings hast du recht, wenn du meinst, dass wir noch nicht wissen, wo er ist. Es kann genauso gut keines der beiden Sachen sein. ^^ Ich lasse mich da weiterhin überraschen.
      Bevor ich nichts Näheres weiß, wollte ich dazu auch nichts sagen, aber das Jenna es angesprochen hat, soll ja sicher nur dazu dienen, damit sich Unor nicht verzettelt. ^^

      LG, Kyelia

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