Der Sinn des Lebens

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    • Edwin, Mantis und Richard (566 n. Rh.), Frühling
      Völlig außer Atem erreichten sie die Spitze des Berges. Zuletzt hatten sie über steile Geröllhalden klettern müssen. Die losen Steinplatten rutschten leicht ab und sie hatten sehr gut aufpassen müssen, um nicht plötzlich mit einer den Hang hinunter zu schlittern. Edwin ließ sich auf einen Felsbrocken fallen, kalt und scharf zerrte der Wind an seinen verschwitzen Kleidern. Gilbert setzte sich neben ihn, selbst Jeela, die unermüdlich den Berg erklommen hatte und bestimmt den dreifachen Weg zurückgelegt hatte, legte sich nun zu Edwins Füßen nieder. Schweigend schauten sie in die Landschaft hinaus. Es war einfach unglaublich hier oben zu sitzen und sich in der Weite zerfließen zu lassen. Winzig klein und fern waren die Häuser der Menschen, riesig war die Welt. Einzelne Wolkenbänder trieben über den Himmel, über wie auch unter ihnen. Es war zwar etwas dunstig, aber trotzdem sah man sehr weit. Edwin erkannte die ferne Bergkette im Osten, dahinter musste das Meer liegen. Weiter im Norden konnte er keine Berge sehen, höchstens kleinere Anhöhen und sonst einfach Weite. Wälder, Felder, Wiesen, Straßen, Flüsse und Siedlungen. Ihn fröstelte und er wickelte sich in seinen Mantel ein.
      Im Verlaufe des letzten Jahres hatten sie alle Produktionsstätten der Magischen Artefakte ausfindig gemacht. Doch dabei waren sie in ihrer Suche nach den Kindsentführern nicht weitergekommen. Nur der Uhrenhersteller Gustav hatte Kinder für sich arbeiten lassen, doch hatten sie ihm keine ungesetzlichen Machenschaften nachweisen können. Soweit sie in Erfahrung hatten bringen können, hatte er tatsächlich alle Kinder in der Stadt eingesammelt. Sie mochten vielleicht nicht unbedingt gerne in der Werkstatt arbeiten, aber sie waren alle freiwillig dort. „Ah, hier oben kann ich endlich einmal klar denken“, sagte Gilbert. „Wenn ich zu lange unter Menschen bin, dann habe ich das Gefühl, mich ständig nur im Kreis zu drehen.“
      Edwin nickte. Seit sie ihre Suche nach den Kinderhändlern angefangen hatten, waren sie keinen Schritt weitergekommen.
      „Wenn wir wenigstens diesen Gustav drannehmen könnten“, sagte Gilbert. „Aber er verstößt nun mal gegen keine Gesetze und sein Geschäft scheint gut zu laufen. Laut Talmud werden seine Uhren in Caput immer beliebter.“
      „Aber die Kinder fürchten sich vor ihm“, warf Edwin ein. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie sich geduckt hatten, wenn der Geschäftsmann an ihnen vorbeigegangen war.
      „Es würde mich nicht wundern, wenn er ab und zu vom Stock Gebrauch macht“, brummte Gilbert. „Aber auch das ist nicht zwingen gesetzeswidrig. So wie ich den Mann einschätze, weiß er genau, was er sich erlauben kann und was nicht. Er scheint mir ein Meister der Grauzonen zu sein.“
      Es schmerzte Edwin, dass sie im vergangenen Jahr nicht einmal einem der Kinder hatten helfen können. Was hatten sie erreicht? Nichts.
      „Mach doch nicht ein so grimmiges Gesicht. So kenne ich dich ja gar nicht“, rief Gilbert und wuschelte durch Edwins schwarze Locken. Edwin seufzte. „Und seit wann hast du zu seufzen gelernt?“
      „Den Menschen zu helfen ist nicht so einfach, wie ich gedacht hatte“, gab Edwin zu. „Es gibt einfach zu viele von ihnen, sie stellen unlogische Regeln auf, machen sich gegenseitig das Leben schwer und haben nicht einmal ein Gefühl für sich selbst.“
      Gilbert nickte, nun wieder ernst. „Ein hoffnungsloser Haufen.“
      „Wäre die Natur nicht besser ohne uns dran?“, fragte Edwin und stützte den Kopf in die Hände.
      „Das denke ich oft“, seufzte Gilbert.
      „Warum nur sind wir hier?“
      Gilbert schnaubte. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es gab mal eine Zeit, da dachte ich, es zu wissen. Da dachte ich, wir seien so etwas wie auserwählte Wesen, die die Welt retten sollten. Doch je länger ich lebe, desto mehr glaube ich, dass wir einfach ein Fehler im göttlichen Plan sind. Ein schlimmer, schlimmer Fehler.“
      Edwins Herz füllte sich mit Trauer. „Früher war alles so einfach“, schniefte er. „Wir waren zusammen, wir waren glücklich und die Welt schimmerte jeden Tag voller Freude. Ich habe mit den Waldgeistchen getanzt, auf Papas Schoss gesessen oder mit Richard gespielt. Aber nun sehe ich die Welt ganz anders. Damals habe ich noch nichts von ihr gewusst. Nun weiß ich mehr als ich eigentlich möchte.“
      „Würdest du lieber alles vergessen?“
      Schon wollte Edwin bejahen, doch dann hielt er inne. Würde er sich wirklich für Unwissenheit entscheiden? Könnte er noch zurückkehren in seine heile Welt? „Nein“, sagte er schließlich mit schwerem Herzen. „Es gibt kein Zurück.“
      Gilbert nickte. „Es geht immer nur vorwärts.“
      „Dann suchen wir weiter nach den Menschenhändlern, Richard und meinem Vater!“ Edwin war auf die Füße gesprungen, plötzlich von neuer Energie durchdrungen. Er streckte Gilbert die Hand entgegen. „Hilfst du mir?“
      Gilbert schlug grinsend ein. Edwin zog ihn auf die Füße und wäre beinahe selbst wieder hingefallen. Sein Freund wog mehr, als er gedacht hatte. Lachend fuhr Gilbert sich durch das dichte Haar. „Dir kann keiner auf lange Sicht widerstehen“, sagte er, ein Blitzen in den Augen.
      Edwin wusste nicht genau, was er meinte, aber solange Gilbert lachte, war auch er glücklich. „Auf geht’s, Jeela, Gilbert, Fait!“
      Wie selten, dass hier oben jemand ist – und auch noch so viel Lärm macht, sagte jemand und Edwin drehte sich um, doch er konnte den Sprecher nirgends sehen. Außer ihnen war niemand auf dem kleinen Plateau. Nur Gräser, ein paar Insekten und die Vögel, die durch die Lüfte schnitten. „Wer spricht da?“, fragte Edwin hinaus in den Wind.
      Er vernahm ein säuselndes Lachen. Mantis spricht. Wessen Stimme stört Mantis‘ Ruhe in den einsamen Gipfeln der Berge?
      Woher hörte er diese Stimme? Wurde sie vom Wind hergetragen? Oder hörte er sie nur in seinem Innern? Er konnte nicht einmal sagen, ob es sich um die Stimme einer Frau oder eines Mannes handelte. „Mein Name ist Edwin.“
      „Edwin, was ist los? Zu wem sprichst du?“, fragte Gilbert beunruhigt, doch Edwin legte einen Finger an die Lippen. Er wollte hören, was die Stimme als nächstes sagte.
      Ein Edwin, ein Kind der Menschen. Was suchst du hier oben, in Mantis‘ Reich?
      „Ich möchte die Menschen retten, aber ich weiß nicht wie. Kennst du eine Antwort?“
      Die Stimme lachte. Kein Mensch kann je gerettet werden, sprach die Stimme.
      „Aber was kann ich dann tun?“
      Jeder Mensch kann nur sich selber retten. Was du tun kannst, ist dich selbst zu retten, so rettest du die Welt. Wieder erklang das raue, volltönende Lachen.
      „Aber ich möchte ihnen helfen!“
      Siehe, dein Bruder, sprach die Stimme und wie ein Sturmwind riss sie ihn fort, trug ihn über die Welt hinweg. Und die Welt löste sich auf in einem schwarzen Strudel aus Schmerz. In einem riesigen Chaos aus Schreien und Pein fand er sich wieder, noch schlimmer als in seinen Albträumen. Alles war dunkel, er war vollkommen orientierungslos. Lass mich einfach sterben!, schrie eine schmerzerfüllte Stimme.
      Richard!, rief Edwin. Es ist Richard! Er spürte die Kälte, die Angst, das Zittern und die Hilflosigkeit seines Bruders. Was auch immer ihn befallen hatte, es drohte ihn von innen auseinander zu reißen. Was kann ich tun?, rief Edwin. Er fühlte wie er selbst in den Strudel gesogen wurde, der Richard zu verschlingen drohte.
      Sieh hin, Edwin. Es gibt nichts zu fürchten, erklang die Stimme von Mantis.
      Edwin merkte, dass er sich zusammengezogen hatte, wie ein Igel, der sich vor den Tatzen eines Raubtieres fürchtet. Zusammengerollt und seine Stacheln gegen alles außerhalb gerichtet. Er entspannte sich allmählich, wie damals, als er Jeela gefunden hatte. Mein Körper ist noch immer oben auf dem Berg, bei Gilbert, erinnerte er sich. Mir kann nichts passieren. Er öffnete sich dem Schmerz, den seinen Bruder zu erdrücken drohte. Hier ist es so dunkel. Wenn ich ihm doch nur die Sonne zeigen könnte. Nun spürte er gleichzeitig den Wind auf seiner Haut, die wärmende Sonne in seinem Gesicht und Richard, der auf kaltem, hartem Boden lag, zitterte und schwitzte. Ich bin hier, ich bin bei dir, Richard, rief er und sandte einen Strahl Sonnenlicht zu seinem Bruder. Das Licht hüllte Richard ein. Die Schmerzen lösten sich auf, gemeinsam wurden sie aus dem gepeinigten Menschenkörper hinausgehoben. Nun sah Edwin klar, was um sie herum geschah. Sie befanden sich in einem spärlich eingerichteten Raum mit mehreren Liegen, einem Arbeitstisch und seltsamen, metallenen Gerätschaften. Richards Körper lag auf dem Boden, in Decken gewickelt und ein Mädchen, die kastanienbraunen Haare hochgesteckt, beugte sich über ihn. Richard sah schlimm aus. Seine Haut war aschfahl, die Haare klebten an seiner Stirn, die Augen waren weit aufgerissen und starrten nach oben an die Decke. Wie Onkel Johan, dachte Edwin erschrocken. Doch das war nur der Körper. Er und Richard befanden sich oberhalb, mitten in einem See aus Licht. Edwin spürte Richards Erleichterung. Bin ich tot?, flüsterte seine Stimme. Wie schön, dachte Edwin. Richard. Er hätte ihn am liebsten ganz fest an sich gedrückt, doch in diesem Moment wurden sie wieder zurück in den Körper gesogen.
      Wie eine gewaltige Welle schlug der Schmerz erneut über ihnen zusammen und spülte sie mit sich. Doch diesmal fühlte sich Edwin nicht wie ein Ertrinkender. Ich bin größer als das Meer, dachte er und sein Bewusstsein breitete sich aus. Er fühlte sich wie ein unendlich großes Gefäß, in dem aller Schmerz Platz hatte. Er breitete sich weiter aus, fasste das Mädchen mit ein, fasste den gesamten Raum mit ein, ohne sich von Richard abzuwenden. Dann begann er zu singen.

      Über alle Schranken sind wir verbunden
      In dem einen Raum.
      Nicht einmal der Tod kann uns noch trennen
      Keine Illusionen, keine Türen, keine Wände
      Über alle Schranken, vereint im Geheimen.

      Edwin spürte, dass Richard sich entspannte. Ein kleines Licht entflammte sich in seiner Brust.

      So natürlich wie der Atem, bist du Licht
      Nichts bleibt lange, nichts zerbricht

      Richards Stimme fiel mit ein, zuerst leise und unsicher, kaum mehr als ein sanftes Wispern, doch dann immer zuversichtlicher.

      In der Weite des Raumes bist du befreit
      Niemals, niemand, nichts kann uns noch halten.

      Eine unsichtbare Kraft griff nach Edwin. Er wollte noch länger bei Richard bleiben, doch die Kraft, die ihn gepackt hatte, riss ihn fort und brachte ihn zurück zu seinem eigenen Körper. Einen Moment lang fühlte er sich, als steckte er in zu engen Kleidern, er gewöhnte sich nur allmählich wieder an seine menschliche Hülle. Wie seltsam, mein Körper fühlt sich so anders an. So leicht und sanft. Er schlug die Augen auf, blinzelte ins wärmende Licht der Sonne. Ein Schatten schob sich über ihn und er blickte in das besorgte Gesicht von Gilbert. „Edwin!“, stieß dieser erleichtert aus. „Was war das?“
      Edwin richtete sich auf, was ihm nicht leichtfiel, denn er fühlte sich noch nicht wieder vollständig zu Hause in seinem eigenen Körper. „Ich war bei Richard“, brachte er heraus, er hatte erst seine Zunge wiederfinden müssen. Nun erst wurde ihm allmählich klar, was er erlebt hatte. „Ich war bei Richard, Gilbert!“, rief er und Freude erfüllte ihn. „Ich glaube, ich konnte ihm helfen!“ Aber Mantis hat gesagt, ich könne niemandem helfen. Mantis, warum hast du das gesagt?
      Doch die Stimme antwortete nicht.
      „Du bist plötzlich umgekippt, auch Jeela hat sich Sorgen gemacht.“
      Edwin blickte zu der Hündin, die neben ihm saß und nun, da er ihr Beachtung schenkte, ihn mit ihrer feuchten Nase anstupste. Er lachte und schlang seine Arme um ihren Hals. Auf einmal fühlte er sich erschöpft. Aus seinem Lachen wurde ein Schluchzen, sein ganzer Körper schüttelte sich, zwischen Erleichterung und dem Schmerz, den er von Richard mit sich genommen hatte. Gilbert legte einen Arm um ihn und so beschützt weinte er, bis alle Tränen seinen Kummer und sein Glück fortgewaschen hatten und er erschöpft, aber in tiefer Zufriedenheit, zurückblieb.
      Gemeinsam saßen sie eine Weile auf dem Berggrat, genossen die wärmenden Strahlen der Sonne. Fait kreiste über ihnen, eine schwarze Silhouette vor dem blauen Himmel. „Richard hat sich verändert“, begann Edwin zu erzählen. „Er hatte starke Schmerzen. Aber ich glaube, es geht ihm nun besser.“ Gilbert hörte zu, sagte nichts. „Du weißt doch, dass ich meinen Körper manchmal dalasse und weggehe.“ Gilbert nickte. „Es war so ähnlich. Aber ich bin nicht absichtlich weggegangen. Es war nicht wie sonst. Ich habe mich nicht in der Welt aufgelöst, ich bin eher davongeschwemmt worden. Und dann bin ich in Richards Körper wieder gelandet. Ich weiß nicht wie, aber da war eine Stimme. Sie hat sich Mantis genannt. Doch nun ist sie weg.“
      „Würde ich dich nicht kennen und hätte ich nicht selbst schon allerhand Merkwürdiges erlebt, dann müsste ich dich wohl für verrückt halten“, seufzte Gilbert. „Zu dieser Mantis hast du also gesprochen? Hat sie dich zu Richard gebracht?“
      „Ich glaube schon. Aber ich bin nicht sicher, ob es eine Sie oder ein Er war. Oder vielleicht nichts von beidem? Anhand der Stimme konnte ich es nicht erkennen.“ Er machte eine kurze Pause und fügte dann schwermütig an: „Sie hat gesagt, ich könne die Menschen nicht retten.“
      Gilbert schwieg. Zwischen seinen Fingern drehte er einen Stein hin und her und schaute über das Land hinweg.
      „Aber weshalb hat sie mich dann zu Richard geführt? Ich bin mir sicher, dass ich ihm helfen konnte“, fuhr Edwin fort. Er hörte die Andeutung von Verzweiflung in seiner Stimme. Auch ich habe mich verändert, dachte er mit einer Spur von Bitterkeit. Ist dies die Bedeutung vom Erwachsenwerden?
      „Keine Ahnung, was das für eine Stimme war. Aber seit wann lässt du dir von irgendjemandem sagen, was du tun kannst und was nicht? Vor wenigen Augenblicken warst du noch voller Energie und wolltest die ganze Welt retten. Es mag in manchen Momenten zwar unmöglich erscheinen…“ Er hielt inne und drehte sich Edwin zu. Sein Blick fing Edwin ein. Wie verletzlich er wirkt, dachte Edwin. Es schien seinem Freund schwer zu fallen, die Worte auszusprechen, die ihm auf der Zunge lagen. „Mich hast du auf jeden Fall verändert“, gestand Gilbert schließlich mit belegter Stimme. „Zum Guten.“
      Edwins Herz ächzte, eine Mischung aus Schmerz und Freude. Wie kann man gleichzeitig Schmerz und Freude fühlen? Er merkte, wie sich seine Augen erneut mit Tränen füllten. „Danke, Gilbert!“, rief er, rutschte zu ihm und schlang seine Arme um den Hals des großen, bärtigen Mannes. „Ich bin so froh, dass du da bist!“
      Gilbert legte zögerlich seine Arme um Edwin und leise hörte Edwin seine Stimme: „Und ich erst. Unendlich dankbar.“
      Edwin ließ Gilbert wieder los und wischte sich die Tränen aus den Augen. Goldenes Sonnenlicht schien durch Gilberts struppiges Haar. Mit seinem lächelnden Gesicht sah er viel jünger aus. Edwin stutzte. Woher kenne ich das Gesicht?, fragte er sich. Es hatte schon ähnliche Situationen gegeben, seit sie sich begegnet waren. Wenn Gilbert lachte, oder auch wenn er im Schlaf völlig entspannt war, dann überkam Edwin das Gefühl, in zu kennen. Schon sehr lange, lange Zeit. Intuitiv streckte er die Hand nach Gilberts Gesicht aus und berührte seine Stirn. „Ich kenne dich“, flüsterte er. Er wusste es, er war sich absolut sicher, doch er kam nicht an die Erinnerung heran. Sie schien zum Greifen nahe, doch sobald er sie zu fassen versuchte, entzog sie sich ihm wieder, als löse sie sich in Dunst auf.
      „Natürlich kennst du mich“, sagte Gilbert scherzend und schob Edwins Hand beiseite. Er musterte ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Neugier.
      Edwin zuckte mit den Schultern. „Es wird mir schon wieder einfallen“, sagte er leichthin und stand auf. „Wir sollte los, nicht wahr?“
      Gilbert erhob sich ebenfalls. „Jetzt kommt der Abstieg. Das wird der anstrengende Teil.“
      „Findest du? Runter kann man doch beinahe fliegen!“, rief Edwin, breitete die Arme aus und drehte sich um sich selbst.
      „Pass nur auf. Du kannst vielleicht durch Wände gehen, aber dein Körper fällt hart, ob du da bist, oder nicht.“
      „Klar.“
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hi RenLi,

      so, jetzt kommt also Mantis ins Spiel... :) Ein interessantes erstes Aufeinandertreffen zwischen Edwin und ihr.Die Szene, in der Edwin seinen Bruder sieht hast du wie immer bravourös beschrieben...ich nehme an, das war die Situation, in der Richard "krank" war ?Aufgrund der Beschreibung des Raums und der Anwesenheit von Sessilia habe ich das jetzt mal geschlussfolgert. :hmm:

      Was ich gefunden habe, packe ich in den Spoiler:

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      um nicht plötzlich mit einer den Hang hinunter zu schlittern
      hinunterzuschlittern


      RenLi schrieb:

      Soweit sie in Erfahrung hatten bringen können,
      soweit sie hatten in Erfahrung bringen können (?)


      RenLi schrieb:

      „Aber auch das ist nicht zwingen gesetzeswidrig.
      zwingend


      RenLi schrieb:

      „Wir sollte los, nicht wahr?“
      sollten



      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hi Rainbow

      Cool, dass du gleich erkannt hast, dass Sessilia bei ihm war. Ja, das ist die Szene, in der er 'krank' ;) im Arztzimmer ist.

      Spoiler anzeigen


      Brennender Schmerz weckte ihn. Er wusste nicht, wo er sich befand, sicherlich nicht in seinem Körper! Dieses brennende, stechende, pochende Ding konnte nicht sein Körper sein. Er schrie, riss die Augen auf. Doch er sah nichts, ein weißer Schleier hatte sich über seine Augen gelegt. Der Schmerz ging von seinem Unterleib aus. Von dort schoss er in Wellen die Wirbelsäule empor und durchlief seinen ganzen Körper. Richard versuchte, sich auf die Seite zudrehen, den Schmerz abzuschütteln, doch er konnte sich kaum bewegen, etwas hielt seine Arme und Beine fest umschlossen. Er schrie um Hilfe, doch niemand antwortete. «Vater!» Doch er hörte seine Stimme schon selbst nicht. Er wollte sich zusammenkrümmen, doch die Fesseln hielten ihn ausgestreckt auf der Liege fest. Immer neue Wellen durchfuhren seinen Körper, sein Kopf pochte, immer stärker, als wolle er bald bersten. Endlich wurden die Fesseln an einen Armen gelöst und er konnte die Stimme eines Menschen erahnen. Die nächste Schmerzwelle ließ ihn aufbäumen, sein Magen drehte sich um und er erbrach er sich. Irgendwo neben sich, wohin kümmerte ihn nicht, denn der Schmerz ließ nur einen Gedanken zu. Lass es aufhören! Lass es aufhören!!

      Es fühlte sich so an, als wolle sein Körper auseinanderfallen. Jedes einzelne Stückchen strebte in eine andere Richtung davon, versuchte sich zu lösen aus dem Ganzen. Der Schmerz kam nun nicht mehr schubweise, sondern steigerte sich kontinuierlich im Auseinanderstreben seiner Zellen. Und wo blieb Richard in dem Ganzen? Zuweilen wusste er nicht mehr, wer er war. Zeitweise wurde er ohnmächtig, was eine Gnade war, doch stets kam sein Bewusstsein zurück in das gepeinigte Gefäß, das sich seinen Körper nannte. Noch einmal erbrach er. Lass mich einfach sterben! Sein ganzes bisheriges Leben war verblasst und bedeutungslos, wie auch die Zukunft. Es gab nur noch diesen Schmerz und den Wunsch, ihm zu entkommen. Richard wälzte sich hin und her, doch keine Position brachte auch nur die Spur einer Erleichterung. Wenn er doch wenigstens etwas sehen könnte, dann könnte er vielleicht einen spitzen Gegenstand finden. Bald würde er in kleinste Einzelteile zerfallen. Es glich einem Wunder, dass er überhaupt noch zusammenhielt und er sich bewegen konnte. Es machte keinen Unterschied mehr, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte. Schreckliche Bilder suchten ihn heim, hässliche Fratzen in glühendem Rot, die ihn anglotzten und ihn zu verzehren suchten. Doch meist sah er sie nicht, denn der Schmerz vernebelte seine Sinne. Von einer neuen Schmerzenswelle geschüttelt, schoss er hoch und fiel von der Liege auf den Boden. Er nahm es kaum wahr, welchen Unterschied machte es schon? Trotzdem versuchte er sich hochzustemmen, doch seine zitternden, kraftlosen Arme knickten ein und er landete mit dem Gesicht auf den kalten Boden. Schweiß lief ihm übers Gesicht, erst jetzt bemerkte er, dass er am ganzen Körper schwitzte. Hände griffen nach ihm, er wollte sich ihnen entziehen, doch er hatte keine Kraft mehr. Es kann nicht mehr lange dauern, dann falle ich auseinander. Er fror erbärmlich, trotz des Schweißes fühlte er sich wie in Eiswasser getaucht, während in ihm ein Kampf aus Feuer und Glut tobte. Jemand hüllte ihn in eine Decke, wärmende Hände legten sich um sein Gesicht. Er versuchte zu sehen, doch der Schmerz hatte ihn blind gemacht.

      Richard.

      Ein Lichtstrahl traf seine Seele. Die Schmerzen erloschen mit einem Schlag, jegliches Gefühl für seinen Körper war verschwunden. Stille hüllte ihn ein. Wohltuende Stille. Und sie summte seinen Namen. Richard, Richard, schien sie zu flüstern, zu singen. Wie unglaublich schön es war, ohne Schmerzen zu sein. Wie köstlich, unfassbar. War er wieder ohnmächtig geworden? So fühlte es sich nicht an. Alles war hell, leicht und von einem Zauber belegt, der nicht von dieser Welt schien. Bin ich tot?

      Mit unglaublicher Härte landete er wieder in seinem Körper. Das viel zu kleine Bündel Haut und Knochen, gepeinigt von noch nie gekannten Schmerzen. Richard, klang sein Name nach. Er klammerte sich an das letzte Stückchen Frieden, welches in ihm verblieben war und nun erkannte er das Lied wieder. Die Worte formten sich in ihm, schufen einen Raum, der ihn von den Schmerzen abschirmte.

      Über alle Schranken sind wir verbunden

      In dem einen Raum.

      Nicht einmal der Tod kann uns noch trennen

      Keine Illusionen, keine Türen, keine Wände

      Über alle Schranken, vereint im Geheimen.

      So wie er früher den Boden des Sumpfes hatte zusammenhalten können, so hielt er nun seinen Körper zusammen, damit er nicht auseinanderfiel.

      So natürlich wie der Atem, bist du Licht

      Nichts bleibt lange, nichts zerbricht

      Die Schmerzen waren noch da, doch hatte Richard einen Ort in sich selbst gefunden, der unberührt blieb. Wie von weitem spürte er nun die Qualen, die sein Körper litt, als erlebte sie ein anderer.

      In der Weite des Raumes bist du befreit

      Niemals, niemand, nichts kann uns noch halten.


      In den Spoiler hab ich die Szene nochmals aus der Sicht von Richard reingestellt. Das ist seine erste Begegnung mit Sessilia, auch wenn er das gar nicht weiss. Sie erinnert sich natürlich daran, hat ihm aber nie davon erzählt. :)
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      Rumi
    • Wenn man nach @Rainbow postet, sind die meisten auffälligen Stellen immer schon angemerkt worden ;)

      Es hat mir wieder sehr gut gefallen.
      Gilbert ist mir rätselhaft, er wirkt beinahe so als hätte er sich in Edwin verliebt. Der Bezug zu Richard ist sehr schön gelungen.

      Spoiler anzeigen

      Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass Gilbert gar nicht wirklich da ist. Und Edwin mit einer Projektion seiner selbst redet. Vielleicht mit seinem älteren ich. Das ist wohl zu weit hergeholt.
      “Every artist is a cannibal, every poet is a thief. All kill for inspiration and then sing about the grief.”
      -Bono-
    • Hallo Sensenbach

      Oh, liegt das an der Badeszene? Hab mir nicht überlegt, dass Gilbert in Edwin verliebt sein könnte. Ist er meines Wissens nicht. Wahrscheinlich hat auch die Szene, in der Edwin sein Gesicht berührt und Gilbert nicht so recht damit umgehen kann, diesen Eindruck geweckt, ah, und dass Gilbert Mühe damit hat, auszudrücken, dass Edwin ihn verändert hat. Das liegt daran, dass er Mühe damit hat, sich einem Menschen zu öffnen. Er verbringt die meiste Zeit allein und sondert sich von den Menschen ab. Er versteckt seine Gefühle und kann sie nicht gut zeigen. Deshlab reagiert er so. Er möchte alles fern von sich halten, aber Edwin ist sehr beharrlich und geht sehr unbefangen mit Gilbert um, das wirft ihn oft aus der Bahn. Edwin zeigt ihm eine ganz andere Sicht auf die Welt und ein gänzlich anderer Umgang mit ihr. Gilbert ist dabei, wieder mehr Vertrauen zu finden, aber er traut sich noch nicht wirklich, sich zu öffnen. Das sind also seine ersten Gehversuche nach langer Verschlossenheit. Deshalb ist er so, wie ich ihn beschreibe. So ungefähr.

      Die Idee, dass er eine Projektion von Edwin sein könnte, find ich klasse! Würde ich mir zutrauen ;) Es wurde ja auch schon die Idee genannt, dass Edwin sich nur einbildet, dass sein Vater noch lebt und so. Edwins ganze Welt ist so speziell, dass man sich gut vorstellen könnte, dass er sich das alles nur einbildet. Wäre auch spannend gewesen. Aber ich kann euch sagen, er spinnt nicht und Gilbert ist so real wie Edwin (haha, also eine Ausgeburt meiner Fantasie :P )
      Beim nächsten Post wirds dann nochmals struub :) Da kommt Anastasia wieder...
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      Rumi
    • Hallo @RenLi
      Du beschreibst Gilbert als einen verschlossenen Menschen, der Mühe hat sich zu öffnen. Gleichzeitig ist er auch ein Lehrer für Edwin. Ich habe mir den Altersunterschied oder Erfahrungsunterschied etwa so ausgemalt wie Luke Skywalker und Obi-Wan Kenobi, oder William von Baskerville und Adson von Melk aus "Der Name der Rose". Möglicherweise ist er aber auch geringer.
      Also ein verschlossener Mann, der sich nicht öffnen kann.
      Dazu noch die Tatsache das Männer mit Körperlichkeit untereinander, sehr sparsam umgehen, zumindest in meiner Generation.
      Die Szenen, die ich unten rausgepickt habe passen nicht recht zu einem verschlossenen Mann, der Angst vor anderen Menschen hat, er scheint hier eher die Berührung zu suchen.

      Ich verstehe, dass du ausdrücken möchtest, dass Gilbert langsam wieder Vertrauen findet. Wenn der Leser hier zu weitreichenderen Schlüssen kommt macht es möglicherweise gar nichts. Kommt halt darauf an wie du es dir gedacht hast.

      RenLi schrieb:

      Als er in der Reichweite seines Gefährten war, packte ihn dieser und tauchte ihn unter.

      RenLi schrieb:

      rief Gilbert und wuschelte durch Edwins schwarze Locken

      RenLi schrieb:

      „Dir kann keiner auf lange Sicht widerstehen“, sagte er, ein Blitzen in den Augen.

      RenLi schrieb:

      „Mich hast du auf jeden Fall verändert“, gestand Gilbert schließlich mit belegter Stimme. „Zum Guten.“

      RenLi schrieb:

      Gilbert legte zögerlich seine Arme um Edwin und leise hörte Edwin seine Stimme: „Und ich erst. Unendlich dankbar.“
      “Every artist is a cannibal, every poet is a thief. All kill for inspiration and then sing about the grief.”
      -Bono-
    • @RenLi, @Sensenbach

      Also, ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht auf die Idee gekommen wäre, die Gefühle von Gilbert in der Weise zu interpretieren, dass er sich in Edwin "verliebt" hätte, oder sowas.
      Ich empfinde sein Verhalten eher als "väterlich" und schön. Es macht Spaß, zu sehen, dass er langsam auftaut und sich ein weicher Kern unter dieser harten Schale versteckt. Die Tatsache, dass er Edwin durch die Haare wuschelt, ihn untertaucht oder einen Arm um ihn legt würde ich nicht überbewerten bzw. "romantische Gefühle" hineininterpretieren...

      Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass Edwin etwas in Gilbert auslöst und bestimmt auch sein Gefühlsleben ganz schön durcheinanderbringt, aber das muss ja nicht zwangsläufig dazu führen, dass er sich in Edwin verliebt, oder?

      In jedem Fall ist es aber interessant zu sehen, wie unterschiedlich ein Text doch aufgefasst werden kann :)

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hallo zusammen

      Wirklich spannend, eure Kommentare zu lesen! :D Man darf dem Leser ja auch seine eigenen Interpreationen lassen. Meine Geschichte provoziert das vielleicht auch ein bisschen, da ich meiner Ansicht nach immer viel offen und unerklärt lasse, oder lange mit Erklärungen warte.
      Anzumerken ist vielleicht noch, dass Gilbert und Edwin schon ziemlich lange zusammen unterwegs sind. Die letzte Szene fand im Jahr 566 n. Rh. statt, das ist euch vielleicht gar noch nicht aufgefallen. Getroffen haben sie sich 564 n. Rh. Sie sind also schon ungefähr 2 Jahre zusammen unterwegs, in der Wildnis, machen sozusagen alles zusammen, durch Sturm und Wind und Sonnenschein. Von diesen zwei Jahren habe ich halt nur kleine Ausschnitte beschrieben, aber eigentlich vergeht eine lange Zeit.
      Kann mir gut vorstellen, dass man Gilbert sowohl auf eine väterliche als auch eine liebesbeziehungs-mässige Weise interpretieren kann. Beim Schreiben habe ich an keines von beidem gedacht. Für mich sind sie Partner, von ganz unterschliedlichem Standpunkt. Gegenseitige Lehrer.
      Der Vergleich mit StarWars und Name der Rose (habe nur den Film gesehen, das Buch liegt zwar schon seit Jahren bei mir im Regal) gefällt mir. :) Hat schon was. Wie alt ist Gilbert? Hmm. So gegen die vierzig? Er ist ein bisschen jünger als Elvira und Ben, also könnte das hinhauen.
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      Rumi
    • Sooo. nach dieser interessanten Diskussion kommt jetzt der nächste Teil. Die Wahrheit über Anastasia kommt ans Licht (der Abschnitt ist zwar zu lange, aber ich wollte ihn nicht auseinandernehmen...):


      Edwin, über die Zeit hinweg (566 n. Rh.)
      Anastasia stieß die schweren Flügeltüren auf. Sie knarzten laut. Entschlossenen Schrittes betrat sie den Raum dahinter. Etliche Köpfe wandten sich zu ihr um, allesamt bärtige Männergesichter. Sie biss sich auf die Lippe. Es war offensichtlich, dass sie hier nicht willkommen war.
      „Cedrus!“, rief sie, die formelle Ansprache an den König missachtend. „Weshalb hast du die Brücke über den Simul abreißen lassen? Ich verstehe dich nicht, es wird die Menschen auf der anderen Seite vom Rest des Landes abschneiden!“
      Cedrus erhob sich betont langsam. In seinen Augen funkelte Zorn. „Du solltest deine Zunge im Zaun halten, Weib“, sagte er mit drohender Stimme. „Die Staatsgeschäfte gehen dich nichts an. Du magst die Frau des Königs sein, aber du bist noch immer eine Frau.“
      Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. „Hättest du früher auf mich gehört, dann wäre es gar nicht so weit gekommen! Nun hast du unsere Kinder in den Krieg geschickt! Die Gewässer sind vergiftet, die Menschen werden von Seuchen heimgesucht und du sitzt hier und brütest über deinen vermaledeiten Plänen, als ginge es um Waren und nicht um lebende Wesen!“ Zu lange hatte sie sich zurückgehalten, zu lange hatte sie alles hinuntergeschluckt und die gute Gemahlin gespielt. Nun kam alles hoch, die angestaute Wut, die Hilflosigkeit angesichts des Übels, das ihr Land heimsuchte, vermischt mit der Angst um ihre Kinder.
      „Schweig!“, donnerte er.
      Wie oft hatte sie dieses Wort schon gehört! Zu oft! „Nein, ich schweige nicht! Sieh dir das Land an, die alten Götter haben uns längst verlassen. An ihrer Stelle treiben die Dämonen ihre Spielchen mit den Leuten.“
      „Bringt sie auf ihr Gemach“, befahl Cedrus den Wachen, die neben der Tür standen.
      „Halt! Wehe euch, wenn ihr mich anrührt!“, rief sie, was die Wachen verunsichert zum Stehen brachte. „Hör mich an, Cedrus! Hol den Mann her, von dem ich dir erzählt habe! Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er das Wasser gereinigt und die Menschen geheilt hat.“
      „Von diesem Scharlatan will ich nichts wissen. Willst du nun freiwillig gehen, oder muss ich dich an den Haaren in deine Gemächer schleifen lassen?“
      Sie standen sich gegenüber, trugen ein Duell mit Blicken aus. Die Königstochter und der Krieger, der Mann, der sich ihr Gemahl nannte. Mit seinem engelsblonden, schulterlangen Haar, den breiten, stattlichen Schultern und dem harten, kalten Herzen, das sich in seinem Gesicht widerspiegelte. Sie wusste, dass sie gegen ihn keine Macht hatte. Schließlich reckte sie stolz das Kinn vor. „Ich gehe selbst“, sagte sie kühl, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum mit wehenden Röcken.
      Noch immer von Wut gepackt marschierte sie zurück auf ihr Zimmer, gefolgt von den beiden Wachmännern. Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen und sich auf ihrem Bett niedergelassen hatte, verrauchte ihr Zorn allmählich. Erschöpft ließ sie sich in ihre Kissen sinken. Nun da die Wut weg war, fühlte sie sich ausgelaugt und schwach. Sie rieb sich über die Augen. Die altvertraute Hilflosigkeit machte sich wieder in ihr breit. Oder war sie nie weggewesen? Nur überdeckt von ihrer Wut. Sie musste husten. Erstickte den Laut in einem Kissen. Wie lange war sie nun schon krank? Zu lange. Wenigstens war sie heute bislang von den Kopfschmerzen verschont geblieben.
      Anastasia stand auf und ging zu ihrem mannshohen Spiegel hinüber. Vorsichtig hob sie ihre dunklen, langen Haare an und betrachtete die Stelle am Haaransatz, die sich rot verfärbt hatte. Der Fleck hatte sich schon wieder weiter ausgedehnt, seit sie ihn das letzte Mal betrachtet hatte. Noch konnte sie ihn mit ihren Haaren verdecken, doch wenn es so weiterging, dann würde er bald über ihre Schläfe und weiter ins Gesicht wandern. Ein leichter Schwindel überkam sie und sie musste sich am Spiegel abstützen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Ihr Atem zeichnete sich als Dunst auf der glatten Oberfläche ab. Was passiert nur mit mir?
      Früher hätte sie in einem solchen Augenblick zu den Göttern gebetet, doch nun glaubte sie längst nicht mehr an die Allmacht dieser Wesen. Falls sie je existiert hatten, waren sie längst aus diesem Land verschwunden. Wenn nur der Wunderheiler hierherkommen würde.
      Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen erneuten Schwindel an. Mina, Gregor, Natanael! Bitte seid wohlauf! Die Welt begann sich zu drehen, sie lehnte sich keuchend gegen die Wand, während die Farben ineinanderflossen. Entkräftet glitt sie an der Wand hinunter und presste die Handballen auf die Augen. Sie stöhnte, als etwas nasses ihre Wange berührte. „Edwin!“ Wie durch einen Schleier hörte sie die Stimme. Wer ist in meinem Zimmer?!, dachte sie entsetzt und schlug die Augen auf. Doch ihre Sicht war getrübt, noch immer drehte sich alles. Sie starrte in den Farbenwirbel, es war unmöglich etwas klar zu erkennen.
      „Edwin, was ist los?“ Wieder diese Stimme, dann eine Berührung an der Schulter. Mit einem spitzen Schrei stieß sie die Hand weg. Sie verlor das Gleichgewicht, fiel durch ihre Zimmerwand hindurch und schlug mit dem Kopf hart auf dem Boden auf. Stöhnend hielt sie sich die schmerzende Stelle. „Wer ist da? Ich kann nichts sehen!“, rief sie. Wenigstens gehorchte ihr die eigene Stimme noch. Auch wenn sie seltsam klang.
      „Beruhige dich!“, hörte sie die Stimme des Mannes. Sie konnte sich nicht erinnern, die Stimme schon einmal gehört zu haben. Oder doch? Ein Hund bellte. „Hör auf, um dich zu schlagen, Edwin!“ Doch, die Stimme. Das Bild eines bärtigen Mannes entstand vor ihrem inneren Auge. „Gilbert!“, keuchte sie.
      Allmählich klärte sich ihr Blick. Sie streckte die Hand nach einem Schemen aus, griff in dichtes Fell. „Jeela!“ Nun sah er auch Gilbert. Sein Freund sah in voller Besorgnis an.
      „Was ist los mit mir, Gilbert?“, fragte Edwin. Die Frau, Cedrus. Wut stieg in seinem Bauch hoch. „Cedrus hat nicht auf mich gehört!“, rief er aus. „Wenn Gregor oder Natanael etwas geschieht, dann werde ich ihm niemals vergeben!“
      „Edwin, was redest du da?“, fragte Gilbert, Verzweiflung in der Stimme. „Du bist nicht sie, hörst du mich?! Du bist Edwin!“ Gilbert packte Edwin an den Schultern. „Sag mir, wie du heißt!“
      „Ich bin Edwin“, wiederholte er. „Edwin Rinstein.“
      Gilbert nickte. „Genau. Du bist ein Junge, verdammt nochmal. Keine seit fünfhundert Jahren tote Königin.“
      „Ich weiß nicht, Gilbert. Sie ist so real“, flüsterte er. „Manchmal kann ich es nicht mehr unterscheiden“, gestand er verzweifelt. „Manchmal bin ich nur noch sie. Was geschieht mit mir, Gilbert?“
      Gilbert zog ihn an sich, drückte seinen Kopf an seine Brust. „Das kriegen wir wieder hin“, sagte er beschwichtigend. „Ich bringe dich nach Caput.“
      Edwin nickte.

      Es klopfte an der Tür zu ihrem Gemach, aber sie rührte sich nicht. Ihr Schädel brummte, ihre Glieder schmerzten. Sie befühlte ihr Gesicht. Der Kruste hatte sich weiter ausgebreitet, nun war bereits die Hälfte ihres Gesichtes bedeckt. Zu gerne wäre sie wieder im Schlaf versunken, in einer Welt, die keine Schmerzen und kein Leid kannte. Lieber wollte sie diesen Dämmerzustand wählen als die kalte, harte Realität. Doch schon hörte sie leise, tapsende Schritte im Zimmer.
      „Herrin, bitte verzeiht, dass ich Euch störe“, hörte sie die leise Stimme ihrer Zofe. Anastasia konnte sich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern. Sie stammte aus einer Familie mit hohem gesellschaftlichem Status. Obwohl sie noch nicht einmal vierzehn Jahre alt war, hatte man sie bereits in die Dienste der Königsfamilie gestellt. Soweit Anastasia es beurteilen konnte, war sie ein liebes Mädchen. Obwohl sehr zurückhaltend und etwas ungeschickt. Hübsch, aber keine Schönheit. Und der Name? Anastasias Kopf pochte. „Wie fühlt Ihr euch, Herrin?“ Mühsam stemmte sie sich hoch, mit halb zugekniffenen Augen, um das wenige Licht im Zimmer noch weiter abzuschirmen. Rina, so hieß sie. Das Mädchen stand etwas unschlüssig neben Anastasias Bett. „Soll ich Euch einen Tee bringen, Herrin?“, fragte die Zofe schüchtern.
      Anastasia wollte bereits ablehnen, doch wer weiß, vielleicht brachte es ja etwas und so war Rina wenigstens eine Weile beschäftigt. Sie ließ sich wieder in die weichen Kissen sinken, sobald die Zofe das Zimmer verlassen hatte. Weshalb ist mein Körper nur so schwach? Wie lange soll ich denn noch krank sein? Wo bleibt Melissa? Als es klopfte, betrat auch schon die ältere Dame das Zimmer. Ohne hinzusehen wusste Anastasia, dass sie ihre ergrauten Haare zu einem Knoten gebunden hatte, ihre Arbeitskleidung perfekt saß und sich jede Falte genau an dem für sie vorgesehenen Platz befand. „Guten Morgen, Herrin“, sagte Melissa mit einer Verbeugung.
      „Guten Morgen, Melissa. Wie geht es deinem Nacken?“, fragte Anastasia die ältere Frau.
      „Wie könnt Ihr euch noch um meinen Nacken sorgen, Herrin?“ Echte Bestürzung lag in der Stimme ihrer ehemaligen Amme. Sie war es gewesen, die Anastasia aufgezogen hatte. Und meinen kleinen Bruder, dachte sie. Ob ich ihn bald wiedersehen werde?
      „Wie fühlt Ihr euch heute?“
      Anastasia verzog den Mund. Eigentlich hatte sie lächeln wollen, doch es gelang ihr ganz und gar nicht. „Es ist gewachsen, nicht wahr?“, fragte sie und deutete auf ihr Gesicht.
      Die Zofe beugte sich über sie. „Ich hole die Salbe, die wird Euch guttun.“
      „Nein, bitte bleib.“
      Melissa strich ihr liebevoll übers Haar. Die Berührung war wohltuend, viel besser als jede Salbe. Sie schloss die Augen. „Erinnerst du dich noch an Hortus?“, fragte Anastasia leise.
      „Natürlich erinnere ich mich an ihn. Es war eine Freude für mich, ihn aufwachsen zu sehen. Und es war schmerzhaft, sein Ende miterleben zu müssen.“ Melissas Stimme klang belegt.
      „Er wäre ein hervorragender König geworden.“
      „Das wäre er“, stimmte Melissa ihr zu. „Und Ihr seid eine hervorragende Königin.“
      „Eine nichtsnutzige.“
      „Du redest schon wieder wirres Zeug.“ Weshalb klang die Stimme ihrer Zofe nun plötzlich so barsch? Die Welt erzitterte. Ihr Bett begann zu schaukeln, Arme legten sich um sie, während die Welt auf und ab sprang. Anastasias Augen flogen auf, von Panik gepackt. Gleißendes Sonnenlicht stach ihr entgegen. „Edwin, bist du wach?“
      Orientierungslos schaute Edwin um sich. Es war Gilbert, der ihn hielt und es war nicht die Welt, die aus den Fugen lief, sondern ein Pferd, das über eine Straße galoppierte. „Gilbert“, keuchte er. Ihm war schlecht, sein Kopf schmerzte. Unwillkürlich betastete er seine Stirn und stieß einen Schreckensschrei aus. Die Haut unter seinen Fingern fühlte sich so rau an wie der Stamm eines Baumes. „Gilbert! Ist es rot?!“
      „Mach dir keine Sorgen“, knurrte dieser. „Ich bring dich in Sicherheit.“
      „Es ist dasselbe Mahl, das auch Anastasia hat.“
      „Na und? Was kümmern mich die Toten?“
      Edwin schwieg. Es fiel ihm schwer, klar zu denken. Das überlass ich Gilbert. Neben dem Pferd spürte er Jeela. „Wo ist Fait?“
      „Ich habe ihn vorausgeschickt. Er benachrichtigt Elvira.“
      „Gut“, flüsterte Edwin und versank wieder im Dämmerzustand.

      Ich werde sterben. Es war der einzige klare Gedanke, den sie noch fassen konnte. Der Rest bestand aus Schmerzen und Verzweiflung. Verschiedene Ärzte hatten bereits versucht, sie zu heilen, doch es war keinem von ihnen gelungen. Sie hatten nicht einmal feststellen können, woran sie litt. Sogar Cedrus war an ihr Bett gekommen. Was er wirklich dachte, konnte sie nicht sagen, aber er hatte sich besorgt gegeben. Sie wusste nur, dass sie sich schrecklich fühlte. Dabei waren es nicht einmal so sehr sie physischen Schmerzen, welche ihr so sehr zu schaffen machten. Am meisten litt sie unter ihrem seelischen Schmerz.
      Aufgewachsen war Anastasia in behüteter Umgebung. An nichts hatte es gefehlt. Ihre Eltern waren zwar beschäftigt gewesen, doch sie hatten sie geliebt. Und Melissa hatte sie und ihren Bruder liebevoll großgezogen. Schon seit klein auf war Anastasia ein Freigeist gewesen und hatte sich so gar nicht wie die übrigen Mädchen verhalten – und schon gar nicht wie eine Königstochter. Sie hatte gerne draußen gespielt und war viel zu wissbegierig für ein Mädchen gewesen. Doch ihre Eltern hatten sie machen lassen. Die Puppen waren unbeachtet in einer Ecke ihres Zimmers liegen geblieben, während sie mit Hortus durch den Garten gerannt war. Sie hatten Löcher gegraben, Burgen gebaut und Kämpfe ausgefochten. Zum Glück war sie die Ältere gewesen, sonst hätte sie schnell keine Chance mehr gegen ihn gehabt, denn er wuchs schnell und hatte den starken Körper seines Vaters geerbt. Wie viele frohe Stunden sie doch gemeinsam verbracht hatten!
      Doch dann war das Fieber ausgebrochen. Innert weniger Tage war ihr Bruder nicht mehr wieder zu erkennen gewesen. Sein kräftiger Körper war in sich zusammengefallen, bis nur noch sein dürres Skelett übriggeblieben war. Auch ihm hatte kein Arzt helfen können. Unendlich lange waren Anastasia die Stunden an seinem Bett erschienen. Und dann, eines Nachts, war er gestorben. Dies hatte einen harten Schlag für die Königsfamilie bedeutet, denn Hortus war der einzige Thronerbe. Die Königin hatte seit seiner Geburt nur noch tote Kinder zu Welt gebracht. Und mit jedem Tod versank die einstmals so lebensfrohe, starke Frau mehr in Trübsal und Trauer. Man konnte förmlich zusehen, wie sie allmählich verblasste. Wie eine welke Blume. Geschwächt durch eine erneute, fehlgeschlagene Geburt, war sie schließlich einer Blutvergiftung erlegen.
      Anastasia fühlte das Loch schmerzlich, das ihre Mutter in ihr hinterlassen hatte. Doch noch viel mehr als ihr, hatte der Tod der Königin ihrem Vater zu schaffen gemacht. Der Alkohol war zu seinem ständigen Begleiter geworden. Der stolze, gerechte und geliebte König, der einst so von Kraft gestrahlt hatte, verblich, zerfiel und verwelkte ebenso wie seine Frau. Er konnte die Qual nicht ertragen, sich am Tod von Seraphin mitschuldig zu fühlen. Und ich bin ebenso hilflos. Nur immer kann ich mitansehen, wie die Menschen sterben, die ich liebe. Weder meiner Familie, noch den Bewohnern meines Landes kann ich helfen. Machtlos. Diese Gedanken waren es, die Anastasia aufzehrten. Es ist ein Fluch, dachte sie. Unsere ganze Familie ist verflucht. Doch bald ist es vorbei. Bald werde auch ich sterben. Vielleicht ist es gut so.

      Edwin dämmerte dahin. Er wusste nicht, ob es nun Tag oder Nacht war. Er spürte nur die rhythmischen Bewegungen des Pferdes unter sich und die starken Arme Gilberts, die um ihn lagen. Werde auch ich sterben? Wie Anastasia? Er fühlte sich unglaublich müde und erschöpft. Ich habe versucht, die Menschen zu retten. Aber sie wollen nicht gerettet werden. Sie wollen leiden und verzweifeln und hassen und gehasst werden. Auch Anastasia konnte sie nicht retten. Vielleicht ist es das Beste, wenn ich mit ihr diese Welt verlasse.

      Ein Becher wurde an ihre ausgetrockneten Lippen geführt. „Trink das, meine Liebe.“ War das Melissas Stimme? Anastasia versuchte einen Schluck zu nehmen, doch die Flüssigkeit rann ihr übers Kinn und den Hals hinunter. Wo sie auf eines der Geschwüre traf, brannte es fürchterlich. Ein erneuter Anfall von Husten ließ ihren ausgezehrten Körper erbeben. Mit einem weichen Tuch trocknete die Zofe ihr Gesicht. Es juckt so fürchterlich, dachte Anastasia, aber sie wehrte sich gegen die Versuchung, sich zu kratzen. Wenn die Beulen aufbrachen, schmerzte es entsetzlich. „Herrin, Euer Gemahl hat den Wunderheiler rufen lassen.“
      Anastasia wurde hellhörig. Hatte sie richtig gehört? Der König schickt nach dem weisen Wanderer? „Die Götter haben unser Flehen erhört. Er wird Euch retten.“ Wieder führte die Zofe den Becher an ihre Lippen und diesmal gelang es Anastasia einen kleinen Schluck zu trinken. Ich bin ausgedörrt wie ein alter Zweig, der vor zu langer Zeit von seinem Baum abgebrochen wurde, dachte sie erschöpft. Selbst wenn er kommt, könnte er mich retten? Ich habe zwar mit eigenen Augen gesehen, wie er die Menschen geheilt hat, aber möchte ich denn überhaupt gerettet werden?
      Sie spürte Melissas faltige, weiche Hand auf ihrer. „Haltet noch ein bisschen durch, Herrin. Bald wird er kommen, dessen bin ich mir sicher.“
      „Wofür?“, krächzte Anastasia. Sie hatte schon seit Langem nicht mehr gesprochen und es kostete sie sehr viel Kraft, nun ihre Stimme zu gebrauchen. „Wofür soll ich leben? Vielleicht ist es ja der Wille der Götter, dass die Menschen zugrunde gehen.“ Das letzte Wort ging in Husten unter. Anastasia getraute sich nicht, die Augen zu öffnen und ihre Amme anzublicken, sie fühlte sich ohnehin zu schwach dazu.
      „Sagt so etwas nicht!“ Die sonst so gefasste Frau klang erschrocken. „Er wird kommen, Ihr werdet es sehen. Und dann werdet Ihr wieder gesund. Denkt an Eure Kinder, Herrin. Wie sollte ich sie je trösten können, wenn sie von Eurem Tod erfahren?“
      Meine Kinder, dachte Anastasia. Der Gedanke an sie versetzte ihrem müden Herzen einen Stich. Habe ich sie alleine gelassen? Ihr kam das Gesicht ihres Vaters in den Sinn, wie er nach dem Tod seiner Frau in sich zusammengefallen war. Bin ich nicht gleich wie er? Und habe ich ihm nicht solche grausamen Vorwürfe gemacht? Wie sehr muss er gelitten haben! Möchte ich wirklich sterben?

      „Leg ihn auf das Bett“, hörte er die angespannte Frauenstimme.
      Edwin spürte, wie sein Körper auf weichen Untergrund gelegt wurde. Das Gesicht seines Bruders kam ihm in den Sinn. Richard. Er ist irgendwo dort draußen. Wie es ihm wohl gerade ging? Kämpfte er noch? Hielt er noch durch? Mit Sicherheit hat er nicht aufgegeben, dachte Edwin. Er hatte seinen Überlebenswillen gespürt, als er mit ihm zusammen das Lied ihrer Kindheit gesungen hatte. Auch er litt, auch er hatte vieles zu ertragen, doch er hatte noch nicht aufgegeben. Ich kann Menschen doch helfen, dachte Edwin. Hatte Mantis ihn nicht deshalb zu Richard geschickt? Damit er ihm helfen konnte? Und auch andere Menschen helfen mir. Gilbert hat auch nicht aufgegeben. Er, Jeela und Fait wollen nicht, dass ich schon sterbe. Er spürte seinen liebsten Begleiter neben sich. Gilbert ist da, er verlässt mich nicht. Gleichzeitig nahm er nun seine eigene Welt, wie auch die von Anastasia wahr. Sie lag im Bett, hatte sich verkrochen in den Tiefen längst vergangener Erinnerungen. Sie war geflohen vor der Welt. Nicht einmal mehr die liebe Stimme ihrer früheren Amme konnte sie mehr erreichen. Es schien, als habe das Leid ihrer Familie, das Leid ihres Volkes sie überwältigt und paralysiert. War es das, was sie krankgemacht hatte? Edwin konnte ihren Schmerz nur zu gut verstehen, schließlich litt auch er seit klein auf unter den Hilferufen von anderen und seiner Unfähigkeit zu helfen. Konnte es sein, dass sie durch diese Erfahrung miteinander verbunden waren? Aber ich kann helfen!, sagte er zu sich selbst. Gilbert hat gesagt, dass ich ihm bereits geholfen hätte. Edwin spürte, wie durch diese Worte neues Leben in ihn floss. Ich muss ja nicht alles auf einmal schaffen. Kleine Schritte. Tag für Tag ein Stück. Das ist besser, als tatenlos zuzusehen. Was lieg ich hier auf der faulen Haut?! Wenn ich die Welt retten will, dann muss ich erst mich wieder hinkriegen! „Ich kann noch nicht sterben“, flüsterte er. Er hatte die Worte laut in die Welt hinausschreien wollen, doch er war zu geschwächt. Hatte er gesprochen oder die Königin? Durch wessen Mund hatte er gesprochen?
      „Edwin, hörst du mich?“
      Er versuchte, die Augen zu öffnen, doch seine Lider wollten ihm nicht gehorchen. Sein Körper fühlte sich seltsam taub und schwer an. Als hätte sich seine Trauer in harten Stein verwandelt. Außerdem war da Anastasia, die ihn mit ihrem Kummer mit in ihre Dunkelheit hinunterzog. Gib nicht auf! Wenn du nun gehst, dann ist der Kampf bereits verloren! Dann kannst du deine Kinder ganz sicher nicht mehr retten! Hast du nicht selbst deinem Vater vorgeworfen, sein Land im Stich zu lassen? Edwin redete auf die Königin ein, doch sie hörte ihm nicht zu. Sie verschloss sich vor ihm, stellte eine dicke Wand zwischen sie. Da erkannte er, dass er nicht mit logischen Argumenten weiterkam. Du hast Angst, nicht wahr? Glaub mir, ich weiß, wie du dich fühlst. Im Geist setzte er sich neben sie auf ihr Bett. Es war unglaublich weich und duftete nach frischen Kräutern. Seltsamerweise befand er sich diesmal nicht in ihrem Körper. Alles, was er sah, war dunstig und grau. So als sähe er ihre Welt durch einen Nebelschleier. Er erblickte ihr Gesicht. Es war fürchterlich entstellt und eingefallen. Ihre frühere Schönheit war kaum mehr zu erahnen. Edwin nahm ihre zierliche Hand in seine. Auch er selbst besaß keine feste Form, anscheinend war er nur als körperloses Ich anwesend. Es muss schwer für dich sein, dein Leben zu tragen. Der Tod deines Bruders, dann der Tod deiner Mutter. Weißt du, dass ich durch dich erfahren habe, wie es ist, eine Mutter zu haben? Edwin lächelte leicht. Sie war eine wunderbare Mutter. Ich hätte mir meine eigene nicht halb so gut vorstellen können. Dann die Heirat mit deinem Cousin, der zwar ein erfolgreicher Krieger, aber kein guter Stratege oder Ehemann ist. Anastasias wundes Herz verkrampfte sich, ihre Finger zitterten. Aber durch ihn hast du drei wunderbare Kinder geschenkt bekommen. Und es ist noch nicht zu spät, sie wiederzusehen. Erinnerst du dich an die Zeit, die du mit ihnen im Garten gespielt hast? Wie damals mit Hortus. Als wäre die Erinnerung an ihn lebendig geworden. Weißt du, seit ich den Sumpf verlassen habe und mit Gilbert durch das Land ziehe, habe ich vieles erlebt. Und für eine Weile war ich mir nicht mehr sicher, ob die Menschen nicht tatsächlich ein Fehler der Götter sind. Aber das kann ich nicht glauben. Ich werde den Sinn unserer Existenz finden, das verspreche ich dir! Wir werden nicht auf diese Welt geschickt um zu leiden. Edwin spürte wie sie aufhorchte. Doch sie schien ihm nicht vollständig zu trauen. Sie fürchtete sich aufzuwachen und die Last ihres Lebens erneut zu schultern. Das Gefängnis, in welches ihr Gemahl ihren wachen und regen Geist gesteckt hatte, die Last der Verantwortung, die sie ihrem Volk und ihren Kindern gegenüber hatte. Edwin hob den Blick von ihrem Gesicht, er fühlte jemanden näherkommen. Licht fiel unter dem Spalt der Tür zu Anastasias Zimmer hindurch. Im Gegensatz zum Rest seiner Umgebung, die gräulich und nebelartig war, strahlte das Licht golden und klar. Anastasias Furcht nahm zu, als das Licht sich verstärkte. Die Tür wurde aufgerissen. Edwin hob die Hand vor die Augen, er wurde geblendet, als sähe er auf einmal in die Sonne. Wohlige Wärme erfüllte Edwin, doch gleichzeitig spürte er Anastasias Angst, die sich ins Unermessliche zu steigern schien. Wie konnte sie sich vor diesem Licht so sehr fürchten? Er sah genauer hin. Zwei Männer betraten das Zimmer. Von ihnen strahlte das Licht aus. Anastasia schrie vor Schmerzen auf, als der eine ihr die Hand auf die Stirn legte. Ich habe sie im Stich gelassen, wie mein Vater!, keuchte Anastasias schmerzerfüllter Verstand. Es schien, als seien all die Schleier von ihr gefallen, die ihre Sicht bisher versperrt hatten. Ich verstecke mich hier, wehleidig, lasse mich von Melissa bemuttern. Während mein Volk leidet versinke ich in Selbstvorwürfen. „Dann steh auf und stell dich dem Leben!“, beschwor sie der eine Mann. „Versteck dich nicht länger! Hör auf wegzulaufen!“
      Aber ich fürchte mich! Es ist zu schwer für mich, wimmerte sie.
      Der zweite Mann trat näher zu ihr. „Wir lassen dich nicht allein.“ Seine Stimme war sanft und warmherzig. „Du kannst zurückkommen. Du brauchst dich nicht länger zu fürchten.“
      Ich kenne diesen Mann, dachte Edwin. Er spürte, wie sein Herz ihn zu dem Mann hinzog. Auch Anastasia spürte Edwins Gefühle. Du kannst ihm vertrauen, ich kenne ihn, versicherte Edwin ihr. Ich bin mir sicher, dass er dir helfen wird.
      Ich werde es versuchen, hörte Edwin ihre Stimme in seinen Gedanken. Ihre Furcht verschwand, sie löste sich auf in zaghaftem Vertrauen. Das Licht strömte in sie ein und nun bereitete es ihr keine Qualen mehr. Ihr Herz begann kräftiger zu schlagen, ihr Atem stabilisierte sich. Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück.
      „Edwin!“ Gilberts Stimme drang an sein Ohr.
      Ich muss nun gehen. Viel Glück!, wünschte Edwin der Königin. Dann kehrte er ihr den Rücken. Er folgte Gilberts Stimme, zurück in sein eigenes Leben. „Die Mahle verblassen, sieh doch!“ Die Frauenstimme klang ungläubig.
      „Edwin, wach auf!“
      „Gil“, krächzte er.
      „Edwin!“ Er spürte Gilberts kratzigen Bart an seinem Gesicht. „Du lebst! Du bist wach!“
      Edwin brachte ansatzweise ein Lächeln zustande. „Es geht mir gut, denke ich“, murmelte er. Tatsächlich fühlte er sich schon viel besser. Es war, als habe sich mit Anastasias Schmerz auch sein eigener verflüchtigt.
      „Gott sei Dank!“, rief die Frau.
      Edwin wollte ihr Gesicht sehen. Ihre Stimme weckte lange vergessene Erinnerungen in ihm. Oder nein, es waren Anastasias Erinnerungen. „Mutter“, flüsterte er. Seine Hand tastete nach ihrer.
      Er hörte sie schluchzen. Ihre Hand ergriff die seine. Sie war warm. „Erinnerst du dich an mich?“, hauchte ihre Stimme.
      „Ja“, krächzte er heiser. Ist es wirklich möglich?, fragte er sich. Wie ist sie hierhergekommen? Er zwang sich, seine Augen einen Spalt weit zu öffnen. Verschwommen sah er ihr Gesicht vor sich. Ihre dunklen Haare erinnerten an die von Anastasia. Sie waren ebenso lang, doch waren sie zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Ihre besorgten Augen strahlten in moosgrüner Farbe, umrandet von dichten Wimpern. Sie sah anders aus, als er sie aus Anastasias Erinnerung kannte. Nun war er sich nicht mehr sicher, ob sie tatsächlich dieselbe Frau war. Im ersten Moment war er so sicher gewesen, doch nun begannen sich Zweifel einzuschleichen. Wie sollte sie denn dieselbe Person sein? Anastasia hatte vor mehr als fünfhundert Jahre gelebt. Edwin war zu erschöpft, um weiter darüber nachzudenken. Seine Augen fielen wieder zu und er beobachtete, wie er in weiche, warme Dunkelheit glitt. Er ließ es geschehen, ließ sich sinken, in diese Welt ohne harte Ecken und Kanten, die einen verletzen konnten.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Wieder sehr schön geschrieben. Alles sehr mysteriös. Edwin scheint da mit jemanden schicksalhaft verbunden zu sein und muss aufpassen, dass er sich nicht verliert.

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      Nun kam alles hoch, die angestaute Wut,
      Vorschlag: Nun entlud sich all ihre angestaute Wut...

      RenLi schrieb:

      Verschiedene Ärzte hatten bereits versucht, sie zu heilen
      Willst du den Begriff Arzt benutzen? Das ist ein eher moderner Begriff. Heiler oder Heilkundige passen möglicherweise besser

      “Every artist is a cannibal, every poet is a thief. All kill for inspiration and then sing about the grief.”
      -Bono-
    • Hey,

      das ist ja abgedreht. Diese Verbindung zwischen Edwin und Anastasia hast du echt gut beschrieben. Am Anfang war ich allerdings erst ziemlich verwirrt...liegt aber vielleicht auch an mir und daran, dass ich mich nicht wirklich 100%ig auf deinen Text konzentrieren konnte :)
      Ich packe dir noch was in den Spoiler:

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      „Du solltest deine Zunge im Zaun halten, Weib“
      im Zaum (?)...ich meine "Zaun" wäre auch mal interessant :rofl:


      RenLi schrieb:

      Allmählich klärte sich ihr Blick. Sie streckte die Hand nach einem Schemen aus, griff in dichtes Fell. „Jeela!“ Nun sah er auch Gilbert. Sein Freund sah in voller Besorgnis an.
      Hier an dieser Stelle tritt der Perspektivwechsel ein. Ich frage mich, ob man das nicht irgendwie durch einen Absatz oder sowas verdeutlichen kann. So fand ich es ziemlich irritieren und musste den Satz dreimal lesen, bis ich das geschnallt hatte. Vielleicht ist das aber auch von dir so gewollt, mh? Den Leser ein bisschen verwirren...


      RenLi schrieb:

      Der Kruste hatte sich weiter ausgebreitet, nun war bereits die Hälfte ihres Gesichtes bedeckt. Zu gerne wäre sie wiede
      Die Kruste

      RenLi schrieb:

      sonst hätte sie schnell keine Chance mehr gegen ihn gehabt, denn er wuchs schnell
      Wiederholung (vielleicht er wuchs rasant...oder sie hätte schon bald keine Chance mehr gegen ihn gehabt...)



      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hallo zusammen

      Oh, der Heilkundige gefällt mir. Zwar benutze ich das Wort Arzt in Richards Zeit auch, aber das ist ja schon 500 Jahre später. Dort ist die Unterscheidung: ein Heiler braucht Magie, ein Arzt nicht. Wer Heiler werden will, muss erst Arzt werden. Aber in der alten Zeit war das natürlich noch anders. Da war die 'Wissenschaft' noch nicht so weit und Magie konnte in Lux wohl niemand benutzen...

      Der Übergang von Anastasia zu Edwin ist da wirklich sehr krass. Im Abschnitt 'die Königstochter und der Uhrmacher' ist mir das besser gelungen. Muss mir nochmals überlegen, ob ich es sanfter gestalten kann.

      Im nächsten Teil wird dann alles etwas klarer. Bis dahin wünsche ich euch ein tolles Wochenende!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Nun kommt die Auflösung zu Edwins kleiner Persönlichkeitsverwirrung:


      Edwin, Elvira (566 n. Rh.), Frühling
      Edwin konnte kaum den Blick von ihr abwenden. Wie gebannt verfolgte er ihre Bewegungen, die Veränderungen in ihrer Mimik, jede Regung. Wie ein Tanz, wie der Gesang der Vögel erschienen sie ihm. So wunderschön und fließend. Er fühlte sich wie ein Verdurstender, der nun endlich eine Quelle gefunden hatte. Elvira war nicht viel größer als er, außerdem unglaublich zierlich. Trotzdem wirkte sie stark, denn sie strahlte Sicherheit aus.
      Als er wieder zu sich gekommen war, hatte sie lange geweint. Das hatte ihn erst verunsichert, doch sie hatte ihm erklärt, dass sie vor Freude weine. Nun saßen er, Gilbert und Elvira an einem Tisch in einer kleinen, aber gemütlichen Kammer eines Gasthauses. Das Zimmer, in dem er gelegen hatte, befand sich gleich nebenan. Noch immer fiel es ihm schwer, all seine Gedanken und Gefühle zu ordnen.
      „Du sagst also, dass Edwin in einem früheren Leben die Königin Anastasia war? Die Frau von Cedrus? Und du warst ihre, also seine, Mutter?“, fragte Gilbert skeptisch nach.
      Elvira nickte. „Nun macht es auch Sinn, dass ich von dir geträumt habe. Wir sind noch durch unser früheres Leben miteinander verbunden. Es tut mir so leid, dass ich dich damals alleingelassen habe“, sagte sie mit aufrichtiger Trauer in der Stimme.
      Doch Edwin schüttelte den Kopf. „Ich bin nur froh, dass ich dich nun wiedersehen darf!“, bekräftigte er. „Außerdem ist es zu lange her. Am Anfang hatte ich Mühe, mich und Anastasia zu trennen, doch nun sehe ich, dass sie meine Vergangenheit ist. Sie ist nicht mehr ich.“
      „Das sag ich doch“, bekräftigte Gilbert. „Alles was zählt ist, dass du jetzt Edwin bist. Die Königin interessiert mich nicht. – Wie lange weißt du eigentlich schon von deinem früheren Leben, Elvira?“
      „Schon seit längerer Zeit hatte ich hin und wieder Gefühle in mir, die nicht zu mir zu gehören schienen. Zudem hatte ich oft starke Schmerzen im Unterleib. Seit meine Monatsblutungen im Alter von zehn Jahren eingesetzt hatten, litt ich jeden Monat unter diesen Schmerzen und es gab nichts, was mir diesbezüglich helfen konnte. Kein Arzt oder Heiler konnte mir genau sagen, was es damit auf sich hatte. Mein Körper sei gesund. Sie konnten es sich nicht erklären. Dann hatte ich diesen Traum von dir, Edwin. Seither hatte ich immer häufiger Einblicke in meine Vergangenheit. Manchmal nachts wie du, doch meistens überfielen mich die Rückblicke am Tag, völlig unvorbereitet. Oftmals in den unpraktischsten Momenten brach eine Erinnerung durch meinen Verstand ein, begleitet von heftigen Gefühlen von Schuld und Reue. Ich habe mir damals furchtbare Vorwürfe gemacht, weil ich Hortus nicht habe helfen können, weil ich keinen Erben habe zur Welt bringen können. Die Königin Seraphin dachte, sie sei von einem Dämon besessen.“
      Gilbert schnaubte. „Damit hat man sich auch wirklich alles erklärt. Gut, dass Rhamnus da wenigstens etwas aufgeräumt hat.“
      Elvira nickte. „Heute wissen wir glücklicher Weise etwas mehr über solche Dinge.“
      „Bevor ich ging, haben zwei Männer Anastasias Zimmer betreten. Ich bin mir sicher, dass ich einen von ihnen gekannt habe“, wechselte Edwin das Thema. Es hatte ihm nun schon länger auf der Zunge gelegen. Angespannt fügte er hinzu: „Ich glaube, dass einer von beiden Richard war.“
      Gilbert stutzte. „Dein Bruder? Er hatte mit der Königsfamilie Kontakt?“
      „Es wäre doch möglich“, meinte Elvira. „Gehört es nicht zu den Gesetzen des Karmas, dass Menschen, die sich in früheren Leben nahestanden, in späteren Verkörperungen wieder zusammenfinden? Und wenn sie emotional stark verbunden waren, dann werden sie oftmals in derselben Familie wiedergeboren. Wer war er? Hast du ihn als Anastasia gekannt?“
      Edwin schüttelte den Kopf. „Sie wusste nichts von ihm. Und auch den anderen kannte sie nicht. Doch ich glaube, dass der eine der weise Wanderer war. Die Männer haben geleuchtet, von wunderschönem Licht.“
      „Natürlich!“, entfuhr es Elvira. „In den Schriften steht, dass der Heilige Rhamnus Anastasia von ihrem Dämon befreit hat! Das muss der Moment gewesen sein, den du zuletzt miterlebt hast“, vermutete sie. „Soll das heißen, dass Richard und Rhamnus dieselbe Person sind?“, fragte Gilbert skeptisch.
      „Unmöglich!“, sagte Elvira kopfschüttelnd.
      „Weshalb denn unmöglich? Denk an die Prophezeiung!“, erinnerte Gilbert seine Schwester.
      „Nein, du vergisst, dass sie bereits erfüllt wurde“, beharrte Elvira. „Markus Aurelius ist der Erlöser, der von den Sternen angekündigt wurde.“
      „Das habe ich zuerst auch gedacht, aber können wir uns dessen sicher sein? Er hat das Land verlassen und er hat niemandem die Erlösung gebracht“, wandte Gilbert ein.
      „Hast du vergessen, wie viel er uns gelehrt hat?“, fragte Elvira ungläubig.
      „Nein, das habe ich nicht. Er war ein weiser Mann und er hat uns vieles gelehrt, aber es gibt so vieles, was mir dabei unklar geblieben ist. Zudem hat er von der Weissagung gewusst und er hat nie behauptet, dass er der Prophezeite sei.“
      „Vielleicht war er zu bescheiden dazu“, meinte Elvira.
      Gilbert zuckte mit den Schultern. „Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich noch glauben soll.“
      Edwin spürte eine Welle des alten Schmerzes, den Gilbert in letzter Zeit immer seltener heimgesucht hatte, in seinem Freund aufwallen. „Ich bin mir nicht sicher, ob Richard der Heilige Rhamnus war oder nicht“, gestand Edwin. „Wer war denn der andere Mann, der bei ihm war, als er Anastasia geheilt hat?“
      Gilbert zuckte mit den Achseln. „Von einem zweiten Mann steht nichts in den Schriften, aber wer kann schon wissen, was da alles weggelassen und hinzugedichtet worden ist. Viele Überlieferungen hat Cedrus diktiert und aufschreiben lassen. Er stellt sich ja selbst immer so hervorragend dar, aber aus anderen Quellen weiß man, dass er nicht unbedingt ein vortrefflicher Schüler des Heiligen Rhamnus war.“
      Edwin nickte. „Er war auch kein sonderlich guter Ehemann.“ Er sah den König deutlich vor sich und kalte Wut breitete sich in seinem Magen aus. „Ohne ihn wäre es nicht soweit gekommen!“
      Elviras Hand fuhr ihm durchs Haar. „Es ist vorbei, er kann dir nicht mehr wehtun“, versprach sie mit sanfter Stimme.
      Edwin atmete tief durch, dann nickte er. Er war es nicht gewohnt, solche Gefühle zu empfinden. Sie waren alte Überbleibsel von Anastasia. Ihr Gemüt war viel aufbrausender gewesen als seines. Noch fiel es ihm schwer, mit ihren angestauten Emotionen umzugehen. Er nahm sich vor, sich ihnen zu widmen, sobald er sich etwas ausgeruht und Zeit für sich hatte.
      Edwin gähnte. Er fühlte sich noch immer unglaublich müde. Jeela erhob sich aus der Ecke, in der sie gelegen hatte, trottete zu ihm herüber und legte ihren Kopf auf seinen Schoss. „Danke, Jeela“, murmelte er. „Ich würde nun gerne noch eine Weile schlafen.“
      Gilbert nickte, doch Elvira schaute Edwin mit zusammengezogenen Brauen an. „Mir ist gerade etwas in den Sinn gekommen. Du hast gesagt, dass dein Bruder Richard heißt, richtig?“
      „Ja, so heißt er.“Er musterte sie. Was war ihr eingefallen? „Hast du ihn gesehen?“, fragte er vorsichtig. Er traute sich nicht, sich Hoffnungen zu machen, die sofort wieder zerstört würden.
      „Kannst du mir beschreiben, wie er aussieht?“
      Nun wurde er doch nervös. „Er hat braune Haare, ist nicht viel größer als ich und etwas dünner. Seine Augen sind ebenfalls braun und sein Gesicht ist schmal. Er hat ein paar wenige Sommersprossen über der Nase, die man im Winter kaum sieht. Oft wirkt er ernst, weil er in Gedanken versunken ist, aber wenn er lacht, dann strahlt sein Gesicht. Und er kann besser Geschichten erzählen als jeder andere!“ Während dem Erzählen wurde Edwin bewusst, wie sehr er seinen Bruder vermisste. Er hatte ihn schon so lange nicht mehr wirklich gesehen!
      Elvira schaute ihn mit einem seltsamen Blick an, Edwin wusste nicht, wie er ihn deuten sollte. „Es könnte sein, dass ich ihn gesehen habe“, sagte sie und warf Gilbert einen unsicheren Blick zu.
      „Wo, wann?!“, fragte Edwin, überstürzt sprang er auf. „Wo hast du ihn gesehen?“
      Sie rieb sich über den Nasenrücken, es war offensichtlich, dass sie sich nicht wohlfühlte. „Edwin, ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich dein Bruder war, aber – ich war vor ein paar Wochen im Gefängnis.“
      Edwin schnitt ihr aufgeregt das Wort ab. „Im Gefängnis?! Dort hast du ihn gesehen?“
      „Aber vielleicht war es auch gar nicht er“, wiederholte sie erneut. „Ich war da, um zu sehen, wie es den Kindern dort geht. Zudem habe ich einen Jungen freigekauft.“ Sie blickte Gilbert an. „Wir vermuten ja schon lange, dass es da nicht mit rechten Dingen zu und hergeht. Bei meinem Besuch ist mir ein Junge sofort ins Auge gefallen. Er saß weit hinten in der Zelle in einer Ecke. Nun da ich darüber nachdenke, glaube ich, dass es seine Augen waren, die in diesem Moment zu mir gesprochen haben. Er sieht Ben sehr ähnlich, nicht wahr?“, fragte Elvira, in ihren Augen schimmerten Tränen.
      Edwins Atem stockte. „Dann war es wirklich Richard?“, flüsterte er.
      Sie nickte. „Ich glaube schon“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Es tut mir so leid, Edwin. Ich wollte erst ihn freikaufen. Doch der Wärter hat mich nicht gelassen. Stattdessen habe ich mich für Sebastian entschieden, weil sie ihn schon mehrmals ins Gefängnis gesteckt hatten und ich mir von ihm mehr Informationen über die Einrichtung erhofft hatte.“
      „Ist er noch dort? Können wir ihn holen?“, fragte Edwin, doch an Elviras Reaktion merkte er, dass die Lage schlimmer war, als er annehmen konnte.
      „Er ist nicht mehr da. Ich habe später noch einmal nach ihm gefragt und der Wärter hat mir nach langem Zureden endlich erzählt, dass er krank geworden sei. Es muss eine schlimme Krankheit gewesen sein, eine, für die es noch kein Heilmittel gibt.“ Ihre Stimme brach, doch Edwin sah sie kaum an, sein Blick ging durch Elvira hindurch, in die Vergangenheit. Ich habe ihn gesehen, ich war bei ihm, als er gelitten hat, dachte er. Edwin fühlte sich zurückversetzt in jenen Punkt in der Vergangenheit, in dem er mit Richard zusammen in dem kalten Raum gelegen hatte, geschüttelt von Schmerzen und Angst. Das musste die Krankheit sein, von der sie sprach. Ich war mir so sicher, dass ich ihm habe helfen können! Edwin fühlte sich, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füssen weggezogen. Haltsuchend stützte er sich an der Tischkante ab. Richard!, schrie er in sich hinein. In seiner Verwirrung gelang es ihm nicht eine Verbindung zu seinem Bruder aufzubauen. Wo bist du? Am Rand nahm er wahr, dass Gilbert ihn an sich gezogen hatte und auf Elvira einredete. Doch das war nun nicht wichtig, er musste wissen, ob Richard noch lebte! Da! Ein Funke! Er spürte ihn. „Er ist noch da“, keuchte er. „Er lebt!“ Aber wie lange noch? Was ist das für eine Krankheit? Edwin vergrub das Gesicht an Gilberts Brust. Hier fühlte er sich sicher. Er schloss die Augen und fokussierte sein ganzes Wesen auf seinen Bruder. Er darf nicht sterben! Nicht schon wieder! Edwin krallte sich Gilberts Gewand und kämpfte gegen die Verzweiflung an. Das Bild von Anastasias kleinem Bruder, wie er im Fieberwahn um sich schlug, stieg in ihm hoch. Nicht nochmals werde ich einen Bruder verlieren! Diesmal werde ich es verhindern! In dem Ausbruch von Gefühlen war ihm Richard wieder verloren gegangen. Nun zwang er sich zur Ruhe. Doch es ging nicht. Zu viel war in den letzten Tagen geschehen, ihm fehlte die Kraft. Er ist noch da, er ist noch da, redete er sich zu. Er spürte Elviras Hand in seinem Haar. Kühle Ruhe floss in ihn ein und klärte seinen Verstand. Er atmete erleichtert auf, seine Hände entspannten sich. Nun nahm er die Verbindung zu Richard wieder wahr. Edwin ließ sich von dem dünnen Seil tragen, welches zu Richard führte. Er spürte Richards Herzschlag, der ruhig und gleichmäßig ging. „Es geht ihm gut“, schluchzte er.
      Edwin spürte, dass Richard sich über etwas freute. Edwin lächelte, schluchzte. Die Freude seines Bruders spülte seine Verzweiflung und seine Angst fort. „Du stirbst nicht“, sagte Edwin entschieden. „Ich passe auf dich auf.“ Er löste sich von Gilbert und sah zu dessen abgekämpftem Gesicht hoch. Auch seinen Freund hatten die letzten Tage mitgenommen.
      „Tut mir leid, Gilbert. Und danke, dass du dich um mich gekümmert hast.“
      „Keine Ursache“, meinte Gilbert etwas steif. „Aber bist du sicher, dass Richard noch lebt? Du bildest dir das sicher nicht ein?“
      Edwin nickte. „Er lebt und ich werde ihn finden. Lass uns zu dem Gefängnis gehen. Wir finden heraus, wo er jetzt ist.“
      Elvira schüttelte mutlos den Kopf. „Edwin, es tut mir so leid, aber sie haben mir gesagt, er sei im Gefängnis gestorben.“
      „Was?! Weshalb? Er lebt!“ Oder irre ich mich etwa? Ein Funke des Zweifels tauchte in ihm auf. Aber nein, auch Vater lebt noch. Und Richard ebenso. „Ich bilde mir das nicht nur ein!“
      „Ich glaube dir“, versuchte Gilbert ihn zu beruhigen. „Und wie ich versprochen habe, werde ich dir helfen, ihn zu finden.“
      Edwin nickte. „Wir müssen noch einmal dieses Gefängnis aufsuchen!“
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey RenLi,

      ist ja abgedreht...Edwin und Elvira kennen sich also aus einem vorangegangenen Leben und Richard hat offensichtlich auch irgendeine Verbindung zu ihnen. Die Entwicklung passt sehr gut in deine Geschichte :) Spannend ist außerdem, dass man sich als Leser, der ja alle Lebensstränge verfolgt, immer vorzustellen versucht, was der jeweils andere gerade in diesem Moment tut. Als Edwin seinen Bruder spürt, fühlt er die Freude, die dieser gerade wahrnimmt...da kam mir direkt der Gedanke: Das war wahrscheinlich der Moment, wo er Sessilia kennenlernt und sie für einen Engel hält, oder so. Andererseite hat man immer das Gefühl, dass sie haarscharf aneinader vorbeilaufen und sich immer knapp verpassen.

      Also, ich fand den Teil, wie immer gut geschrieben und ich habe auch überhaupt nichts gefunden, was ich dir hätte in einen Spoiler packen können.

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Du warst ja ganz schön produktiv die letzten Tage! Langsam entfaltest du ein richtiges Netz aus Ereignissen und Beziehungen - da muss man richtig aufpassen, dass man den Überblick behälst! Eine tolle Leistung. Es ging ja sehr mythisch und mystisch zu... Hat mir gut gefallen. Schön, dass die Brüder im Geiste nicht zu trennen sind. Ein sehr tröstlicher Gedanke, bei allem was vor allem Richard so durchmachen muss. Wie immer sind deine Beschreibungen von Gefühlen vorbildlich. Und dass man die Körpersprache so oder so deuten kann, ist ja nur realistisch. Wie leicht kann es zu einem Missverständnis kommen? :D
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Mir gefällt die Wirkung die Elvira auf Edwin hat recht gut

      RenLi schrieb:

      Trotzdem wirkte sie stark, denn sie strahlte Sicherheit aus.

      RenLi schrieb:

      Er sah den König deutlich vor sich und kalte Wut breitete sich in seinem Magen aus. „Ohne ihn wäre es nicht soweit gekommen!“
      Elviras Hand fuhr ihm durchs Haar. „Es ist vorbei, er kann dir nicht mehr wehtun“, versprach sie mit sanfter Stimme.
      Edwin atmete tief durch, dann nickte er.

      RenLi schrieb:

      Er spürte Elviras Hand in seinem Haar. Kühle Ruhe floss in ihn ein und klärte seinen Verstand. Er atmete erleichtert auf, seine Hände entspannten sich.
      Das Mutter zu Tochter/Sohn verhältnis ist hier gut dargestellt. Denke sowas kann Edwin gut gebrauchen
    • Juhuuui! @Windweber ist wieder zurück!
      Schön, dass euch der letzte Teil gefallen hat :) Das bringt doch langsam etwas Licht ins Dunkel, naja, wenigstens ein wenig, dann wirft es auch schon die nächsten Fragen auf :rolleyes:
      Hab mich in letzter Zeit mit der Vergangenheit (Lebzeit von Rhamnus) meiner Geschichte befasst und dabei ein paar schöne Übereinstimmungen mit dem jetztigen Zeitpunt gefunden. Als ich angefangen habe, Edwin zu beschreiben, hab ich mir nicht viel dabei überlegt, weshalb er so sensibel ist und die Gefühle von anderen Menschen (vor allem in seinen Träumen) wahrnimmt. Aber nun mit dem Hintergrund, dass er mal Anastasia war, macht das viel mehr Sinn. Sie hatte das Bedürfnis allen Menschen von Lux zu helfen, da sie sich für die Bevölkerung verantwortlich gefühlt hat. Es ist ihr jedoch nicht gelungen. Dieses Bedüfnis hat Edwin von ihr (sozusagen) geerbt.
      Nun bin ich dabei für die wichtigsten Figuren der Geschichte einen Platz in der Vergangenheit zu ergattern. Jakob, Emilie, Richard, Sessilia, Elvira, Ben, Gilbert und Edwin haben bereits einen. Alles verwoben und verknüpft :D
      Auf jeden Fall: cool, dass ihr noch dabei seid!!!

      Und @Etiam: hast du echt die ganze Geschichte gelesen?? Cool! Dann bist du wohl der erste, der so viel am Stück geschafft hat. Schön, dich dabei zu haben. Hoffe, du hast dich schon im Forum eingelebt!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
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      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Neu

      Edwin, Vogelfrei (566 n. Rh.)
      Edwin saß vor Gilbert auf der schwarzen Stute, die er notgedrungen erworben hatte, neben ihnen ritt Elvira auf ihrem Schimmel. Immer wieder blickte er zu ihr hinüber, noch immer fasziniert von ihrer Erscheinung. Seraphin, meine Mutter. In ihrem früheren Leben ist sie viel undeutlicher gewesen, dachte er bei sich. Natürlich war sie jünger als sein Vater Entipaz gewesen und zudem auch kindlicher. Irgendwie war sie ihm immer wie ein schüchternes, verspieltes Mädchen vorgekommen und nicht wie eine standhafte Königin. Vielleicht war sie deshalb am Tod ihrer Kinder zerbrochen. Nun strahlte sie eine beruhigende Selbstsicherheit aus, auch wenn ihre Gestalt sehr feingliedrig war und zerbrechlich wirkte. Vielleicht könnte sie jetzt mit den Ereignissen von früher besser umgehen.
      Jeela rannte freudig neben ihnen her, unermüdlich mit den Pferden schritthaltend. „Wie geht es dir?“, fragte Gilbert.
      Edwin musste schmunzeln. Wie sehr sich sein treuer Freund doch verändert hatte. Früher hätte er diese Worte kaum über die Lippen gebracht. „Ich fühl mich gut“, versicherte er seinem Beschützer. „Und dir?“
      „Mach dir mal keine Sorgen um mich“, wehrte er ab.
      Edwin ließ es dabei bewenden, doch er wusste, dass die letzten Tage Gilbert viel Kraft gekostet hatten. Er nahm sich vor, sich um seinen Freund zu kümmern, sobald sie in Caput angekommen waren.

      Die Tore hatten sie bereits passiert, schon ritten sie die Straßen empor und der Hufschlag der Pferde hallte von den Häusern wider. Es hatte zu nieseln begonnen und die wenigen Menschen, die draußen unterwegs waren, schenkten ihnen kaum Beachtung. In einer so großen Stadt wie Caput waren zwei Reiter nichts Ungewöhnliches. Edwin schloss die Augen und horchte auf das rhythmische Trommeln der Pferdehufe, bis sie schließlich stehenblieben. Er wagte es, seinen Geist soweit zu entspannen, dass er die Lebewesen in seiner näheren Umgebung wahrnehmen konnte. So viele Menschen auf so kleinem Raum! Dafür aber nicht viele Tiere. „Wir sind da“, sagte Gilbert und schwang sich aus dem Sattel. Edwin ließ sich von ihm hinunterhelfen, dann öffnete er die Augen. Sie befanden sich vor einem Tor. Eine mächtige, steinerne Mauer zog sich um das Anwesen, welches dahinter verborgen lag. Elvira klopfte bereits an die schweren Holzplanken. Eine Klappe öffnete sich und ein Kindergesicht erschien in der Öffnung. „Fräulein Kornell!“, rief das Mädchen erfreut. Schon hörte Edwin das Rasseln von Ketten und das Schaben von Holz auf Holz, dann begannen sich die Torflügel in Bewegung zu setzen und öffneten sich nach Innen. Zwei Mädchen, etwas älter als Edwin, standen im Eingang, dahinter konnte Edwin einen weitläufigen Garten mit vereinzelten Baumgruppen ausmachen. Ein breiter Kiesweg führte geradewegs vom Tor zu einem großen, herrschaftlichen Haus. Edwin hatte noch nie ein vergleichbares Gebäude gesehen. In der einzigen Stadt, in welcher er bisher gewesen war, hatte es keine so stattlichen Häuser gegeben, nur die Kirche war von ähnlichem Ausmaß gewesen. Das Anwesen hatte etliche Fenster, viele von ihnen waren bereits beleuchtet, denn es wurde bereits dunkel draußen. Die Mauern des Hauses waren von hellgrauem Stein, an manchen Stellen hatten sich Kletterpflanzen ihren Weg beinahe bis unters Dach hochgearbeitet. Ganz oben erkannte Edwin die Silhouetten von zwei Türmen.
      Die beiden Mädchen machten einen Knicks. „Hallo ihr beiden“, begrüßte Elvira sie herzlich. „Lief alles gut, während ich weg war?“
      „Ich glaube schon“, erwiderte eines, sichtlich erfreut, dass seine Meinung gefragt war.
      „Aber Hagar musste sich heute Morgen auch übergeben“, wandte das zweite ein.
      „Hat er sich etwa auch angesteckt?“, fragte Elvira beunruhigt. „Ich kümmere mich gleich darum. Danke für’s Öffnen. Habt ihr alles, was ihr braucht?“
      Die beiden Mädchen nickten. Edwin fiel auf, dass sie Gilbert kaum ansahen, wahrscheinlich fürchteten sie sich vor dem bärtigen, ungepflegten Riesen. „Lass uns reingehen“, brummte Gilbert und schüttelte seine nassen Haare. Die Mädchen verabschiedeten sich eilig, als Gilbert mit seiner Stute am Zügel durch das Tor trat, dann verschwanden sie in einer kleinen Hütte, die direkt an die Innenseite der Mauer gebaut war.
      Edwin folgte seinen Begleitern den Kiesweg entlang. Voller Vorfreude horchte er auf das Knirschen der Steine unter seinen Füßen und schaute zu den vielen Lichtern hoch, die ihm von dem Haus entgegenleuchteten. So oft hatte Gilbert ihm nun bereits vorgeschlagen, hierher zu kommen, doch immer hatte er abgelehnt. Und nun war er doch hier. „Was grinst du denn?“, fraget Gilbert und gab Edwin einen sanften Stoß an die Schulter.
      „Ist es nicht schön hier?“, fragte Edwin zurück, sein Grinsen wurde breiter, als er Gilbert anschaute. Der Mund des Kriegers verzog sich zu einem unansehnlichen Strich zwischen den schwarzen Bartstoppeln. „Ist wohl Ansichtssache“, brummte er.
      Edwins gute Laune konnte von Gilberts missmutiger Stimmung jedoch nicht getrübt werden. Er pikste den Großen herausfordernd in die Seite und hüpfte mit weiten Sprüngen davon, den Weg entlang. Jeela war längst zwischen den Bäumen verschwunden. „He!“, rief Gilbert ihm nach, doch Edwin konnte hören, dass er ein Lachen nur mit Mühe zurückhalten konnte.
      „Hui! Gilbert! Siehst du, da!“, rief Edwin und deutete auf einen der großen Nadelbäume auf der rechten Seite des Hauses. „Ein Waldgeist ist hier!“ Der kleine Kerl hockte auf einem der unteren Äste und nagte an einem undefinierbaren Etwas herum. Als Edwin auf ihn zeigte, schaute er auf, klackerte fröhlich und verschwand dann zwischen den Ästen.
      „Ich sehe nichts“, meinte Gilbert.
      „Jetzt ist er weg.“
      Eine breite, seitlich auslaufende Treppe führte zum Haupteingang hinauf. „Ich bringe die Pferde in den Stall, geht ihr schon mal rein“, sagte Elvira und nahm Gilbert die Zügel ab.
      „Soll ich Edwin bei mir einquartieren? Das ist wohl das Einfachste.“
      Sie nickte. „Ihm ist es bestimmt am wohlsten, wenn er bei dir schlafen kann. Ich muss mich noch um Hagar und die anderen kümmern, danach komm ich kurz vorbei – falls es nicht zu spät wird. Sonst sehen wir uns morgen“, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln Richtung Edwin.
      „Ja, bitte!“ Edwin fand es schade, dass sie nicht mit ihnen kam, aber er war hier schließlich nicht der einzige, der ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Außerdem hatte er Gilbert.
      „Komm, wir machen es uns gemütlich“, meinte Gilbert und gähnte.
      Auch Edwin musste gähnen, es kam ihm so vor, als würde er beinahe die ganze Welt verschlucken, so groß war sein Mund. Gilbert fuhr ihm mit der Hand durchs Haar, Edwin winkte Elvira, dann folgte er seinem Freund die Treppe hoch. Gerade, als Edwin sich nach Jeela umsehen wollte, flitzte seine treue Begleiterin auch schon an ihm vorbei, um dann erwartungsvoll hechelnd vor der Tür zu warten. „Bist du dir sicher, dass du da rein willst?“, fragte Gilbert die Hündin. „Das ist toter Raum, weißt du? Von Menschen gemacht, keine schöne Natur wie draußen.“
      Doch Jeela schien das nicht zu stören, denn sie schlüpfte ins Haus, sobald Gilbert die Tür auch nur einen Spalt weit geöffnet hatte.
      Drinnen war es angenehm warm. Erst konnte Edwin nicht erkennen, woher das Licht in der Eingangshalle kam, doch dann sah er, dass unzählige Lichtkugeln unter der Decke schwebten und so den Raum von oben her erleuchteten. Der Boden war von demselben hellgrauen Stein wie die Mauern des Hauses, jedoch wurde er größtenteils von einem warmen, roten Teppich verdeckt. An den Seiten der Halle standen mehrere, hölzerne Sitzbänke, darunter lugten ganze Reihen von unterschiedlichen Schuhspitzen hervor. Auch die Bänke waren mit rotem Polster bezogen, dieses sah jedoch bereits recht abgenutzt aus. Mehrere Torbögen und Treppen führten von der Halle weg und Edwin folgte Gilbert, der quer durch den Raum lief und dann eine Treppe nach oben bestieg. „Bist du wirklich hier aufgewachsen? Das Haus ist ja so groß wie eine ganze Stadt!“
      „Es ist wirklich zu groß. Als Kind war das ein Fluch und ein Segen zu gleich – aber als Waisenhaus ist es gerade richtig.“
      Stufe um Stufe ging es weiter nach oben, an mehreren Stockwerken vorbei. Neugierig versuchte Edwin Blicke in jene zu erhaschen. Er sah lang Flure mit weiten, dunklen Holzböden, die sich in der Dunkelheit verloren und mit denselben roten Teppichen belegt waren. Edwin war es gewohnt, viel zu gehen, doch das Treppensteigen fand er eine seltsame Sache mit diesen immergleichen Abständen. Jeela schien das nichts auszumachen. Sie war immer schon ein ganzes Stück voraus oder wartete mit wedelndem Schwanz auf dem nächst höheren Absatz auf die.
      „Ich wohne ganz oben, denn von da aus ist man dem Himmel am nächsten“, beantwortete Gilbert Edwins unausgesprochene Frage. „Außerdem hat man einen guten Blick auf die Berge.“
      Hier oben gab es keinen Flur wie in den unteren Etagen. Stattdessen öffnete sich das Treppenhaus einer weiten, leeren Halle aus weißem Stein. Durch die mannshohen, abgerundeten Fenster konnte Edwin den Nachthimmel sehen. Er war trüb, doch an vereinzelten Stellen hatte die Wolkendecke aufgerissen. Aus den Löchern funkelten die ersten Sterne vom Himmel herunter. „Wozu wurde diese Halle früher benutzt?“, fragte Edwin flüsternd. Ihre Schritte hallten gespenstisch von dem glatten Stein wider, Jeelas Krallen machten klackernde Laute.
      „Das war die Festhalle.“ Gilbert grinste. „So manche edle Dame musste sich mühsam die Stufen bis hier hochkämpfen.“
      Auf der anderen Seite traten sie durch eine Tür, die in einen kleineren Raum führte, der mit gemütlichen Sofas und kleinen Tischchen ausgestattet war. Hier hingen alte Bilder von Menschen an den Wänden. „Warum tue ich mir das eigentlich jedes Mal an, wenn ich hier bin?“, fragte Gilbert sich selbst. Edwin kannte Gilbert inzwischen gut genug, um zu wissen, was den Mann beschäftigte. Er mochte es nicht, hier zu sein. Der Ort erinnerte ihn zu sehr an seine Kindheit, an das Gefühl des Gefangenseins, an seinen Vater.
      „Die Menschen auf den Bildern sind meine Vorfahren.“
      Gilbert blieb vor zwei Gemälden stehen, die direkt über dem Kamin hingen. Edwin betrachtete das Abbild der Frau. Sie hatte eine gerade Haltung eingenommen, saß auf einem Sessel mit vielen Kissen und schaute den Betrachter mit forscher Strenge an. Ihre Kleidung war prunkvoll, wie auch der Schmuck, den sie trug. Trotz dieser offensichtlichen Unterschiede, brauchte Gilbert Edwin nicht zu erklären, dass dies seine Mutter war. Sie hatte dasselbe kantige Gesicht wie er, dieselben schwarzen Haare, dieselbe Nase. Edwin betrachtete das Portrait, das zu ihrer Linken hing. Der ebenfalls dunkelhaarige Mann hatte im Gegensatz zu seiner Frau nichts mit Gilbert gemeinsam. Sein Gesicht war schmal, seine Gestalt feingliedrig und er machte den Anschein von vornehmer Eleganz. Offensichtlich kam Elvira nach ihrem Vater, Gilbert aber nach seiner Mutter. Im Unterschied zu Elvira schaute der Mann jedoch nicht liebevoll in die Welt hinaus, sondern mit starrem, herrischem Blick und zusammengekniffenem Mund. Edwin versuchte sich vorzustellen, wie die zwei Geschwister hier mit ihren Eltern gelebt hatten. Die Vorstellung von Gilbert hier in diesem vornehmen Haus war schon irgendwie absurd. Auch jetzt schien er fehl am Platz zu sein mit seinem struppigen Haar und den abgerissenen Kleidern. „Ich hätte die Gemälde längst weggeräumt, doch Elvira besteht darauf, dass sie hängenbleiben“, sagte Gilbert mit einem Schulterzucken.
      „Du gleichst deiner Mutter.“
      „Schon möglich“, meinte Gilbert und wandte sich zum Gehen.
      Edwin folgte ihm durch weitere Räume, eine gewundene Treppe hinauf, bis sie vermeintlich an die Decke stießen. Gilbert drückte dagegen und unter lautem Knarren öffnete sich eine Luke nach oben. Fahles Licht fiel zu ihnen ins Halbdunkel hinunter. Gilbert schlüpfte durch die Öffnung und half Edwin und Jeela nach oben. Staunend blickte Edwin sich um. Sie befanden sich in einem der Türme, die er von unten gesehen hatte. Der Raum war bis auf eine Matratze und zwei Truhen leer. Doch Edwin hatte kaum Augen für die spärliche Einrichtung. Was ihn faszinierte, war die Aussicht, die man von hier aus hatte. Der sechseckige Turm war auf allen Seiten mit Fenstern verglast, sodass man beinahe das Gefühl hatte, im Freien zu stehen. In alle Richtungen breitete sich die Stadt Caput aus, mit ihren vielen Lichtern und über ihnen der Himmel, verhangen und grau. Als hätte sich die Welt gedreht und der Himmel befände sich nun unter ihnen. Edwin trat an eines der Fenster heran und blickte über die Häuser hinweg. Die Scheibe beschlug von seinem Atem. „Was ist das?“, fragte er Gilbert.
      Der Jäger trat zu ihm. „Du meinst wohl das schwarze Gebäude da vorne. Sie nennen es den Ducatus. Dort wohnen die Priester der Gnosis mit ihren Schülern. Zudem hält der Hohe Rat alle Besprechungen in dem Gebäude ab. Mein Vater hat mich manchmal dorthin mitgenommen, wohl weil er hoffte, ich würde einmal wie er im Hohen Rat einen Sitz einnehmen. Wie sehr er sich doch getäuscht hat…“
      „Weshalb ist es schwarz?“
      „Soweit ich weiß wurde für den Bau der Außenmauern ein ganz bestimmter Stein verwendet, der eine bündelnde Wirkungen auf Strahlung hat. Das Licht der Sonne wird verschluckt und weiter ins Innere geleitet. Dadurch bleibt der Stein nach außen hin selbst in den wärmsten Sommertagen stets kühl, während die Energie an einem Ort zusammenfließt und von den Priestern dann für ihre Rituale verwendet wird.“
      Skeptisch schaute Edwin zu dem mächtigen Bau hinüber. „Hübsch ist es aber trotzdem nicht“, meinte er schließlich und wandte sich ab.
      Nachdem sie das Bett von Staub befreit hatten, rollten sich Edwin, Gilbert und Jeela auf der dürftigen Matratze zusammen. Der Wind pfiff um den Turm, Jeelas Fell kitzelte Edwin in der Nase und Gilberts Atem erklang neben ihm. Alles in allem war es hier nicht viel anders als im Wald, dachte Edwin und lächelte zufrieden. Nur Fait fehlt. Edwin breitete seinen Geist aus, drang durch die Wände des Turms hindurch und tastete nach dem Vogel. In der näheren Umgebung schien er nicht zu sein, also suchte Edwin weiter. In dem anderen Turm fand er ihn schließlich. Er saß mit mehreren anderen Vögeln unter dem Dach. Edwin hätte gerne gewusst, wie es dort aussah. Doch seine innere Sicht erlaubte ihm nur, die Umgebung zu fühlen. Wirklich sehen tat er sie nicht, dazu bräuchte er Augen. Da kam ihm eine Idee. War es nicht möglich, dass Fait es ihm zeigte?
      Edwin näherte sich dem Vogel fragend. Erst schien dieser etwas befremdet durch die Präsenz des Jungen, der sich in sein Wesen zu mischen gedachte, doch dann erkannte er ihn und nahm ihn in sich auf. Es fühlte sich an, als würde der Habicht durchscheinend werden und Edwin spürte, wie er sich in dem kleinen Körper auszubreiten begann. Er spürte die Krallen, die sich um eine Stange schlossen, die angelegten Flügel, floss bis in ihre äußersten Spitzen hinaus. Fait und er teilten sich nun dieselbe Hülle. Edwin tastete sich weiter durch das Wesen des Habichts, erspürte seine scharfen Sinne. Gemeinsam öffneten sie die Augen, betrachteten durch sie das Innere des Turmes.
      Das Mauerwerk war grau und fest, keine filigranen Verzierungen oder Fenster. Nur kleine, halbrunde Öffnungen etwas unter ihnen, durch die der kalte Wind pfiff. Über ihnen lief das hölzerne Dach zu einem Spitz zusammen, dutzende Spinnweben hüllten es in ein graues Kleid. Auf querverlaufenden, sich kreuzenden Dachbalken und Stangen saßen verschiedene Vögel. Habichte, Tauben, Falken. Ob sie alle zur Überbringung von Nachrichten oder zur Jagd verwendet wurden?
      Fait ließ zu, dass er die Kontrolle über die Glieder übernahm. Allmählich gewöhnte sich Edwin an sein neues Gefäß. Er spreizte die Flügel, drehte den Kopf hin und her und machte ein paar Schritte seitwärts auf der Stange. Können wir auch fliegen?, fragte er den Habicht. Als hätte der Vogel ihn verstanden, spürte Edwin, wie er sich ausstreckte, die Herrschaft über seinen Körper wieder zurückeroberte. Mit kräftigen Flügelschlägen erhob er sich in die Luft, vollführte eine geschickte Wendung nach unten und schoss wie ein Pfeil durch eine der Öffnungen nach draußen.
      Der Wind wehte noch immer relativ stark und zwar wendige aber doch eher kleine Greifvogel hatte Mühe, seinen Flug in den Böen zu manövrieren. Er ließ sich tiefer sinken, sein scharfer Blick registrierte jede Bewegung am Erdboden. Edwin blieb der Atem weg, er versuchte sich instinktiv irgendwo festzuhalten, als Fait in die Tiefe stürzte. So plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben versetzte ihm einen Schrecken. Doch zugleich spürte er Faits Gelassenheit. Der Vogel war ein erstklassiger Flieger, wendig und schnell. Er kreiste über die Bäume und ließ sich dann auf einen der Äste nieder. Nach kurzer Beruhigung fing Edwin an zu strahlen. Ich bin geflogen!, jauchzte er vergnügt, wobei Fait einen Ruf in die Nacht hinausschrie. Der Habicht überließ ihm die Kontrolle wieder und Edwin hüpfte auf dem Ast umher wie ein verspieltes Rehkitz. Übermütig spreizte er die Flügel und machte einen Satz nach vorne. Unkontrolliert ruderte er in der Luft herum, der sonst so gewandte Vogel kam ins Strudeln, es drehte ihn auf den Rücken und hätte Fait Edwin nicht wieder zurückgedrängt und das Steuer übernommen, wären sie mit Sicherheit abgestürzt.
      Hoppla, tut mir leid, entschuldigte sich Edwin.
      Fait schien nun der Ansicht zu sein, dass dies für einen nächtlichen Ausflug genügte, denn er gewann schnell wieder an Höhe und steuerte auf sein Nachtquartier im Gebälk des Turms zu. Du hast recht, es ist schon spät. Sie flogen durch eines der Löcher in der Mauer wieder hinein und Fait ließ sich auf seiner Stange nieder. Gute Nacht, sagte Edwin. Danke für die Reise!
      Der Vogel schüttelte sich und Edwin spürte, wie er wieder aus seinem Körper gedrängt wurde. Sanft aber bestimmt.
      Lange Zeit lag er noch wach neben Jeela und Gilbert auf der ungemütlichen Matratze. Berauscht dem Hochgefühl, das nun in seinem menschlichen Körper nachklang. Er lag auf dem Rücken, schaute zur Decke hoch, lauschte dem Wind und dem Atem seiner Freunde. Danke, Fait!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi