Der Sinn des Lebens

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    • Nocheinmal vielen, vielen Dank für eure Kommies! Es ist wunderschön, dass ihr so mit Richard mitfühlen könnt! Ich persönlich mag alle drei Charaktere und es tut mir selbst immer leid, wenn sie so unangenehme Erfahrungen machen müssen.

      Aztiluth schrieb:

      Lieber Richard, das liegt nicht an dir sondern an denen, die dich nie loben, oder dir Sachen besser erklären. Da ich selber eine solche Chefin habe und meine geliebte Mutter das auch kann, fühle ich sehr mit Richard mit. Egal was man tut, irgendwas ist immer falsch und man bekommt richtig Angst irgendwas zu machen.
      Das hast du wirklich sehr schön ausgedrückt. Habe selbst auch sowas erleben dürfen, allerdings weit weniger schlimm als Richard...
      Es ist ja schon spannend, wie viel man selbst von sich preisgibt, wenn man eine Geschichte schreibt :) Wenn es auch meist etwas verborgen ist.

      Nochmals zum Doppeless. Das ist bei mir wirklich nicht drauf, aber ich denk mit dem Rechtschreibkorrekturprogramm kann ich das dreichseln. Die nächsten Posts werd ich mal damit versuchen.

      Die Jahreszahlen änder ich gleich ab. Dann wird da zB 565 n. Rh draus. Das heisst: 565 nach Rhamnus. Anstelle von Christus, sozusagen. Der gute alte Rhamnus wird später noch mehr Erwähnung finden. Er ist ähnlich wie Jesus ein Religionsgründer. Würde es helfen, wenn ich die Jahreszahl nur noch angebe, wenn sich was geändert hat? Dann kann man sich darauf verlassen, dass es noch im selben Jahr spielt, wenn nichts steht. Es wird auch mit der Zeit etwas besser, Teil zwei wird einfacher, denke ich.

      Die Stelle mit Edwin werd ich noch mals überarbeiten.

      @Shaylee : Zur Stelle mit dem Raum. Wenn ich 'Raum' schreibe, dann meine ich manchmal mehr den Raum an sich. Das heisst das Etwas, worin sich alles andere befindet. Also nicht die Umgebung, sondern das, was der Umgebung den Platz gibt, zu existieren. Sorry, ist schwierig, sich da verständlich auszudrücken. Hab zwar keine Ahnung von Einstein, aber es geht vielleicht so in das Konzept von 'Raum und Zeit' rein, wo nicht ein Ort oder ein Zeitpunkt gemeint ist, sondern der Raum oder die Zeit an sich. Ist das irgenwie verständlich? Hast du eine Idee, wie ich das in der Geschichte besser rüber bringen kann? Das find ich echt schwierig.

      Und zum Schluss noch zu den fehlenden Leerschägen. Wenn ich einen Text aus dem Word ins Forum kopiere, dann fehlen da massenweise Leerschäge und ich muss immer nochmals drüber, um die wieder rein zu kriegen. Passiert euch das auch manchmal oder liegt das einfach an meiner Word-Version, an meine PC oder sonst was?

      lg, RenLi

      Noch eine Anmerkung: bisher war ich nicht so fleissig mit Korrekturen, aber hab schon eine Phase geplant, wo ich all eure Rückmeldungen nochmals durchgehe und mich da reinknie :D
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey @RenLi

      Zu den Leerzeichen: Japp, das passiert mir andauernd und massiv - bei manchen ist das wohl so, da hilft nur nochmal drübergehen.

      Zum Raum: Ich habe das von der Bedeutung her genau so verstanden, wie du es meinst - als allumgreifender Raum im Sinne von Raum und Zeit. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es unter Umständen so nicht verstanden wird. Das Problem könnte darin liegen, dass du vorher nicht sagst, wo Edwin sich befindet. Der Raum ist, soweit ich mich richtig erinnere, die erste Beschreibung der Umgegebung nach seiner Bewusstlosigkeit und der logische Schluss beim Lesen ist dann, dass ihn jemand gefunden hat und irgendwohin gebracht. In einen Raum eben. Das Motiv kennt man ja - nach dem Umfallen wacht man in einem neuen Raum auf.
      Wenn du vielleicht vorher schon darauf eingehst, dass er draußen ist und dann bei Raum noch irgendetwas einfügst wie "Er konnte die Welt atmen spüren." oder irgendwas in der Art, dass er den Raum als großes Universum spürt.

      Puh, keine Ahnung, ob dir das jetzt geholfen hat^^
      lg Shaylee
      Ich bin ein Spiegel deiner Seele!
      Was also siehst du, wenn du mich anschaust?
    • Hallo zusammen.
      Die nächste Szene ist ein bisschen kurz, aber dafür mit wunderschönem Doppel-s und kursiven Gedanken. Ich hoffe, dass Emilie so noch etwas verständlicher wird, weil ich sie so schnell in die Geschichte geworfen habe...



      Jakob, Emilie (561 n. Rh.)
      «Wir könnten hier einen Baum pflanzen, was meinst du, Jakob?» Er schaute sich die Stelle an, auf die Emilie deutete.
      «Klar. Aber was willst du mit einem Baum? Hier wächst doch eh alles durcheinander», wandte er ein.
      «Ein Obstbaum natürlich. Dann können wir im Herbst unsere eigenen Früchte ernten.»
      Sie sieht noch hübscher aus, wenn sie so begeistert ist, dachte Jakob bei sich. Laut sagte er: «Wenn du meinst. Dann aber gleich mehrere. Und hinter dem Haus. Da fällt es weniger auf.»
      Sie nickte. «Wir müssen wirklich besser aufpassen. Das Haus steht zwar leer, aber wenn rauskommt, dass wir hier unerlaubt wohnen, dann wird es Konsequenzen haben. Überlass das Besorgen des Bäumchens mir, das Graben des Loches überlass ich dir.»
      Er grinste. «Das hab ich im Nullkommanichts ausgebuddelt.»
      «Natürlich.» Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Er war sich sicher, dass sie ihn hoch nahm. «Du wirst schon sehen», versicherte er ihr.
      «Was denn, wie du mit bloßen Händen in der Erde wühlst wie ein Hund? Mit einer Schaufel würde es wesentlich schneller gehen.»
      «Wenn du mir eine mitbringst, gerne.»
      «Na gut, ein Bäumchen und eine Schaufel. Nichts leichter als das.»
      Was für eine Aufschneiderin, dachte Jakob. «Für jemanden mit Geld ist doch eigentlich alles einfach.»
      Sie schaute ihn finster an. «Red nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast, Jakob», warnte sie ihn. «Du kannst dir nicht vorstellen, wie mein Leben ist.»
      Nahm sie ihm die Bemerkung nun wirklich übel? Der Wahrheit sollte man stets ins Gesicht sehen, dachte er und gab zurück: «Klar, möchte ich auch gar nicht. Bin mir sicher, du langweilst dich zu Tode, weil du nicht weißt, was du mit dem ganzen Reichtum anfangen willst. Und nun hast du dich dazu entschlossen, ein paar Kinder von der Straße zu retten und die Heldin zu spielen.» Das hatte er schon lange loswerden wollen, auch wenn er es vielleicht nicht so scharf hätte formulieren sollen. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb sie ihnen half.
      Auf ihre Wangen traten rote Flecken. «Halt den Mund!», fauchte sie. «Wag es ja nicht, nochmal sowas zu sagen!»
      «Aber ist es nicht so? Weshalb solltest du sonst hier sein?», bohrte er weiter, durch ihre Wut angestachelt.
      «Es ist ein Gefängnis, aber das verstehst du nicht. Du bist frei, du kannst gehen, wohin du willst. Ich dagegen bin eine Puppe. Die brave, intelligente Tochter des Obersten Richters.»
      «Bla, bla, bla. Artig und reich und verwöhnt», höhnte er.
      Nun bebte sie vor Wut. «Vergiss es! Was bemüh ich mich, dir etwas zu erklären. Mich werdet ihr hier nicht so schnell wiedersehen.» Sie stapfte davon. War er zu weit gegangen?
      Jakob bemerkte, dass Seraphina ihn beobachtete. «Warum streitet ihr euch immer?», fragte sie ängstlich.
      «Mach dir nichts draus, die kriegt sich schon wieder ein. Verwöhnt wie sie ist, verträgt sie eben keine Kritik.»
      «Magst du Emilie denn nicht?»
      «Wer sollte eine Frau denn mögen, die so drauf ist?» Er biss sich auf die Lippe. Schuldig, dachte er. Er hatte sie von Anfang an gemocht. Aber sie ließ ihm keine Wahl, ständig nörgelte sie an irgendetwas rum, stellte Regeln auf oder brachte ihn sonst wie auf die Palme.
      «Ich mag sie», gestand Seraphina.
      «Von mir aus. Sag Mar, ich sei auf Streifzug», antwortete Jakob barsch.
      «Aber Emilie hat dir doch gesagt, du sollst nichts mehr Stehlen.»
      Jakob funkelte sie wütend an. «Komm mir nicht mit: Emilie hat gesagt, klar? Sie hilft uns zwar, aber ich könnte auch ganz allein auf euch aufpassen. Wenn sie nicht mehr kommt, dann ist mir das auch ganz egal.»
      Er ging davon. Wie hatte es nun schon wieder so weit kommen können? Sie konnte einfach unausstehlich sein!
      Erst gegen Abend kam er zurück. Seine Beute war nicht gerade umwerfend ausgefallen. Vier Kinder zu ernähren war nicht so einfach. Er musste zugeben, dass sie ohne Emilie ziemlich schlecht dastehen würden. Eigentlich war ihm das auch schon die ganze Zeit klar gewesen, aber manchmal ging es einfach mit ihm durch. Als er ins Haus trat, hörte er Emilies Stimme. Wie konnte das sein? Er ging nach oben und da saß sie mit den Kindern am Boden. Sie richteten gerade das Abendessen her. Schon spürte er wieder die Wut in seinem Bauch. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, war Mar zu ihm getreten und hatte ihm eine Hand auf den Arm gelegt. Er schaute ihn beschwichtigend an. War ihm die Wut so leicht anzumerken? «Ist ja gut», grummelte er. Jakob atmete tief durch, dann trat er ins Zimmer. «Hey, ihr seid schon am Abendessen?», fragte er bemüht entspannt und vermied es, Emilie direkt anzusehen.
      «Wir sind gerade dran, es vorzubereiten», sagte Seraphina stolz. «Emilie zeigt uns, wie man Blumen aus Radieschen schneidet.» Sie hielt ihm eine der gezackten Blüten hin.
      «Sehr hübsch», sagte er. «Das hast du gut gemacht.»
      Wie sie sich freut! Auch Will und Hagar präsentierten ihre Werke. Die zwei mussten wohl noch etwas üben. Besonders Hagar, er war auch der Jüngste von den dreien.
      «Jakob.» Emilie stand auf und schaute ihn an. «Tut mir leid, dass ich heute am Morgen die Beherrschung verloren habe.» Sie wirkte etwas steif, aber aufrichtig.
      «Keine Ursache», grummelte er. Er würde sich hüten, seine Beute auszupacken, während sie da war. Da bemerkte er Mars erwartungsvollen Blick. Hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, für sein Gewissen einzustehen? «Mir tut’s auch leid.» Einerseits fiel es ihm schwer, sich zu entschuldigen, andererseits war es auch eine Erleichterung. Im Grunde genommen, wollte er sich gar nicht streiten. Mit Emilie am allerwenigsten.
      Während dem Essen konnte Jakob nicht mehr länger auf dem Mund sitzen. «Weshalb hilfst du uns denn nun, Emilie? Versteh mich nicht falsch, das soll keine Anschuldigung sein. Es nimmt mich nur wunder. Seit du hier bist frage ich mich das schon.»
      Glücklicherweise nahm sie es ihm diesmal nicht übel, dass er die Frage stellte. «Ich bin oft mit Vater oder Andre in der Stadt unterwegs. Und Vater liebt es, mir Predigten darüber zu halten, wie froh ich sein könne, nicht auf der Straße leben zu müssen. Und dass ich das alles ihm zu verdanken hätte. Das stimmt zwar, aber die Art, wie er das sagt, ist nicht auszuhalten.» Sie zögerte, ehe sie mit leiser Stimme weitersprach: «Manchmal glaube ich, dass er auf die Menschen niederer Kasten hinuntersieht. Er würde es nie zugeben, aber ich glaube, es ist doch so. Oft gibt er ihnen Almosen, wenn sie vor der Kirche betteln. Als erhoffte er sich, die Götter würden es sehen und ihn belohnen. Lange habe ich meinen Vater dafür bewundert, aber nun ist mir klar, dass er kein so guter Mensch ist, wie er vorgibt. Ich möchte nicht so werden wie er, versteht ihr? Ich möchte wirklich helfen. Nicht einfach mit Geld, sondern mit meinen eigenen Händen. Deshalb bin ich euch dankbar, dass ich hier sein darf.»
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Ich finde den Teil sehr gelungen. Und du hast gut analysiert - in Kastengesellschaften haben gerade die höchsten Kasten oft nicht viel Freiheit (wenn auch Reichtum), sie müssen sich ja (kultisch) "rein" halten. So darfin Indien ein Brahmane oft nur vegetarisch oder gar vegan essen, ein Daleth, ein Kastenloser, kann dagegen essen, was immer er will.
      Auch gefällt mir, wie du erst diesen hässlichen Streit beschworen und dann wieder eine Versöhnung beschrieben hast. Ich war schon ernstahaft in Sorge, die Freundschaft würde zerbrechen.

      RenLi schrieb:

      Das Haus steht war leer,
      Da hast du ein kleines z vergessen ;)
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • RenLi schrieb:

      «Na gut, ein Bäumchen und eine Schaufel. Nichts leichter als das.»
      Was für eine Aufschneiderin, dachte Jamie. «Für jemanden mit Geld ist doch eigentlich alles einfach.»
      Sie schaute ihn finster an. «Red nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast, Jamie», warnte sie ihn.
      Der ganze Streit am Anfang ging mir zu schnell. Er wirkt erzwungen... Ich glaube, dass liegt daran, dass Jamie erst von ihr schwärmt und sie dann als Aufschneiderin bezeichnet. :hmm: Vll, ein, zwei wörter mehr dazu sagen, warum er so denkt.

      Aber Jamie scheint eh sehr aufbrausend zu sein, kann das sein?
      Das finde ich gut. Ist zwar keine schöne Eigenschaft, aber eine, die ich sehr selten bei Helden lese.

      An sich aber wieder ein sehr guter Part.
      Das Setting ist so schön <3 Die reiche Tochter, die gerne anderen Hilft, der kleine Dieb der auch helfen will, aber frustiert ist weil sie einfach mehr HAT als er jemals zusammen klauen/verdienen KANN. Man mag sie, ist aber Eifersüchtig.
      Bin sehr gespannt auf weiteres <3

      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!
    • Wow, das ging ja schnell! Danke euch :)
      Das mit den Essensregeln wusste ich gar nicht, ist ein super Input. Das kann ich später noch einbauen.

      Aztiluth schrieb:

      Der ganze Streit am Anfang ging mir zu schnell. Er wirkt erzwungen... Ich glaube, dass liegt daran, dass Jamie erst von ihr schwärmt und sie dann als Aufschneiderin bezeichnet.
      Das stimmt, den hab ich wirklich etwas forciert. Sollte ich noch besser hinbekommen. Ja, Jamie ist viel aufbrausender als Richard und Edwin. Die beiden sind eher die ruhigen Typen, obwohl Edwin manchmal seine Ich-platz-vor-Freude-Momente hat :D

      @Tnodm0309 : Cool, dass einsteigst! Wäre interessant, mal über das Thema zu diskutieren. Ob das Leben nun einen Sinn hat oder nicht, das beschäftigt mich schon. Sonst würd ich ja nicht so eine Geschichte schreiben...

      Zum Schluss noch eine Frage an alle, die mitlesen:
      Ich möchte den Namen Jamie in Jakob umändern. Weil Jamie ein englischer Name ist und so nicht wirklich in die Geschichte passt. Wie findet ihr das?
      Ich weiss von mir selbst, dass ich mit sowas Mühe hab. Die Namen sind schon wichtig und einen zu ändern, vor allem von einer Hauptperson, das ist schon nicht ohne.
      Was sonst noch unschön ist: Miss Kornell. Das Wort Miss ist auch aus dem Englische. Aber Fräulein gefällt mir einfach nicht. Falls euch eine Alternative einfällt, bitte schreiben! Mir gefällt Miss Kornell einfach viel zu gut, als dass ich es ändern möchte, aber ich glaub, ich komm nicht drum rum...

      Nun noch ein Teil von Edwin. Den wollte ich eigentlich gestern schon anhängen, musste ihn aber nochmals überarbeiten...
      Da bin ich echt gespannt, was ihr dazu sagt :)


      Edwin, im Keller (564 n. Rh.)
      Der Wagen ratterte endlos dahin. Um sich spürte Edwin viele Leiber, einige zitterten, andere waren ganz still. Hie und da hörte er ein Schluchzen oder Stöhnen. Eine Augenbinde verhinderte, dass er etwas sehen konnte, doch das störte ihn nicht. Er verließ sich ganz auf sein inneres Wahrnehmen. Je länger seine normale Sicht verdeckt war, desto deutlicher wurde seine Umgebung. Insgesamt sieben Kinder saßen mit ihm auf dem Wagen. Eigentlich sah er sie nicht, er spürte sie. Und doch sah er sie. Edwin konnte es sich selbst nicht genau erklären, es war etwas zwischen sehen und fühlen.
      Vor dem Wagen befand sich ein Tier. Den Geräuschen, die es machte, nach zu urteilen, ein Pferd. Und um das Gefährt herum drei Männer. Weiter reichte sein neues Sehen noch nicht. Aber seine Ohren sagten ihm, dass da noch viel mehr Leute und Tiere unterwegs waren. Ein unangenehmer Geruch erfüllte die Luft. So etwas hatte er noch nie gerochen. Erst nach einiger Zeit merkte er, dass er den Geruch nicht über die Nase wahrnahm. Auch er gehörte eher der Empfindungswelt an. Und er kam ihm als wabernde Masse von den Kindern entgegen. Angst, schoss es ihm durch den Kopf. So riecht es, wenn sich jemand fürchtet. Wie schrecklich, dachte er. So viel Angst. Wie kann da in mir selbst so eine große Ruhe sein? Wenn ich ihnen doch nur von dieser Ruhe etwas geben könnte! Roch die Ruhe auch nach etwas? Nein, sie war geruchlos. Also atmete er den Geruch der Angst ein, atmete die geruchlose Ruhe wieder aus und schickte sie zu den Kindern. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Zu Anfang konnte er keinen Unterschied feststellen, doch er gab nicht auf und atmete beständig weiter. Ganz allmählich wurde der Angstgeruch schwächer. Edwin musste unwillkürlich lächeln. Ich veratme eure Angst, dachte er heiter und atmete weiter.
      Der Wagen hielt und die Passagiere wurden ausgeladen. Wie Säcke warfen sich die Männer je eines der Kinder über die Schulter. Geflüsterte Worte wurden gewechselt, Türen knarrten und der Mann, der Edwin trug, stapfte in ein warmes Zimmer hinein. Von da an ging es abwärts, eine Treppe hinunter in einen kühlen, feuchten Raum, dem ein feiner Modergeruch anhaftete. Edwin fühlte sich an den Sumpf erinnert. Der Träger ließ Edwin auf den kalten Boden nieder. Auch die anderen sieben Kinder wurden abgesetzt. Die Männer verschwanden wieder nach oben. Jetzt bemerkte Edwin, dass der Raum fürchterlich stank. Nicht nach Moder, sondern nach Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Abgestandene Gerüche aus den Herzen der Menschen, die diesen Ort schon längst verlassen hatten. Nur ihre Gefühle waren zurückgeblieben und verpesteten die Luft. Edwin musste husten. Aber das nützte natürlich nichts. Die Kinder um ihn, welche er zuvor liebevoll mit seiner Ruhe genährt hatte, waren bereits, ohne es zu merken, von dem Raum überwältigt worden. Die alte, abgestandene Angst und Verzweiflung nährte ihre eigene. Als das erste zu weinen anfing, stimmten andere augenblicklich mit ein. Edwin bemühte sich, die Gefühle der Kinder wegzuatmen und ihnen Zuversicht zurückzugeben, doch es war unmöglich. Wie sehr er es auch versuchte, das angesammelte Elend war stärker. Er merkte, wie er selbst in diese negative Energie mit hineingezogen wurde. Seine Brust wurde eng, seine Kehle schnürte sich zu. Das Atmen fiel ihm nun deutlich schwerer.
      Was kann ich tun? Liebe Helferchen, gebt mir doch einen Rat, bat Edwin. Doch die Naturgeister schwiegen. Edwin wurde klar, dass sie an so einen Ort nicht gelangen konnten, er gehörte nicht mehr zu ihrem Reich. An wen konnte er sich also wenden? „Richard“, wimmerte er. Tränen liefen ihm über die Wangen. Wäre ich doch nicht weggelaufen. Aber seine kleinen Helfer hatten bestimmt einen Grund gehabt, ihn fortzuführen. Hatten sie vielleicht sogar versucht, ihn vor diesen Banditen zu schützen, die ihn und die anderen Kinder gefangen genommen hatten? Vielleicht hatten sie auch Richard geholfen. Bestimmt! Wenigstens Richard war in Sicherheit.
      Dieser Gedanke ließ ihn wieder etwas ruhiger werden. Bitte, ihr kleinen Naturgeister. Helft Richard, bat er in Gedanken. Er rief sich seine Freunde in Erinnerung. Er sah sie so deutlich, als stünde er vor ihnen. Und nun bemerkte er etwas, das ihm noch nie zuvor aufgefallen war. Ein feiner, silbern schimmernder Faden führte von den kleinen Kerlchen noch oben, hinauf in den Himmel. Edwin folgte den Fäden hinauf, höher und höher. Viele dieser Fäden fanden hier an einem Punkt zusammen, wie ein silbernes Netz. An einem Punkt vereinigten sie sich zu einem Leib, der wesentlich grösser war als die winzigen Gestalten der Naturgeister. Edwin vermochte nicht genau zu erkennen, wen oder was er da vor sich hatte. Er sah nur einen undeutlichen Körper mit verwischten Konturen, strahlend von dem silbernen Licht, ähnlich wie das Licht des Mondes. Ein wunderbares Glücksgefühl durchströmte Edwin, denn dieses Wesen war so voller umsorgender Güte, dass es sie weit herum ausstrahlte. Danke, flüsterte Edwin, vielen Dank! Schon begann er wieder zu sinken, hinunter zur Erde, hinein in den Keller, hinein in seinen Körper. Nun war ihm klar, weshalb die Naturgeister sich so liebevoll um alle Pflanzen und Tiere kümmerten. Sie waren erfüllt von der Liebe ihres großen Schöpfers, dem Hüter der Natur. Edwin lächelte noch immer selig, als er längst wieder auf dem kalten Boden angekommen war. Er war so sehr in diesem Gefühl versunken, dass er gar nicht bemerkte, wie es auch auf die anderen Kinder übergriff und sich im Raum verteilte.

      Edwin träumte. Er war allein im Dunkeln. Egal in welche Richtung er sich drehte, er konnte nichts erkennen. Es war, als wäre er blind geworden. Er lief mal hier, mal dort hin, doch die Schwärze blieb. Und aus ihr dangen Hilferufe, Wehklagen, Schreie. Er wollte helfen und lief in die Richtung, aus der die Stimmen kamen, doch sie änderten stets die Richtung, bis sie überall um ihn waren. Als verkündeten sie ihm das Leid der ganzen Menschheit. „Ich möchte helfen!“, rief er, immer verzweifelter durch die Dunkelheit hastend. „Wo seid ihr?“ Doch seine Stimme war kläglich schwach im Vergleich zu all dem Stöhnen und Klagen, welches immer lauter wurde, anschwoll bis es die ganze Dunkelheit ausgefüllt hatte. Ich muss aufwachen!, befahl er sich. Und da lag er. Inmitten der Kinder auf dem kalten Steinboden. Ein paar stöhnten leise im Schlaf, aber das war nichts im Vergleich zu den Rufen in seinem Traum. Edwin fuhr sich mit der Hand über die Wange, sie war nass von den Tränen, die unaufhaltsam aus seinen Augen quollen.

      Tags nagten die Kälte und der Schmerz der Kinder an ihm, nachts quälten ihn Albträume, in denen er den Kummer hunderter Menschen aushalten musste. Manchmal gelang es ihm, Zuflucht zum Hüter der Natur zu finden, doch meist fühlte Edwin sich sehr allein und verlassen. Diese Welt war zu viel für ihn. All der Schmerz, diese unendliche Traurigkeit. Als er noch Zuhause gewesen war, hatte sein Vater all dies von ihm abgeschirmt. „Du bist ein so feinfühliger Junge, dass du das Leiden der Menschen selbst über große Distanzen noch spüren kannst. Das ist nichts Schlechtes, Edwin. Mach dir keine Sorgen. Solange ich in deiner Nähe bin, bist du beschützt“, hatte sein Vater zu ihm gesagt. Von da an hatten seine Albträume aufgehört. Doch nun war Vater weit, weit weg. Er konnte ihn nicht mehr in einen Mantel aus Licht hüllen. So war Edwin all dem Schmerz erneut ausgeliefert.
      In seinen Wachzeiten lauschte Edwin dem Treiben im Haus über ihren Köpfen. Er hatte inzwischen herausgefunden, weshalb man ihn und die anderen Kinder hier unten gefangen hielt. Die Kinder wurden verkauft, eines nach dem anderen. Das Haus über ihnen wurde tagsüber als Schenke geführt und nachts als Quartier für Menschenhändler benutzt. Manchmal kauften sie nur eines der Kinder, manchmal mehrere, zuweilen kamen neue hinzu. Edwin fragte sich, wann er endlich an der Reihe sein würde. Er wollte doch gekauft werden, denn dies schien ihm die einzige Möglichkeit, wie er aus dem dunklen Loch je wieder herauskommen sollte.
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      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Hab mich zwar gerade an Jamie gewöhnt, aber Jakob ist auch sehr schön. Ich hätte kein Problem damit, wenn du ihn wechselst. Könnte sein, dass Jaime besser zu der Figur passt, aber du als "Mami" wirst ja besser wissen was zur Figur passt und was nicht xD

      Anstatt Miss oder Fräulein könntest du etwas, aus einer anderen Sprache nehmen. Sra anstatt Frau, Srta anstatt Fräulein. Ansonsten gäbe es da noch Madamm (Aber das ist wieder fü ältere, oder? :hmm: )
      Jungfer, Mädel, Lady... Ist garnicht mal so einfach xD

      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!
    • Was für eine ungewohnt düstere Szene! Echt geheimnisvoll das alles. Wirklich spannend! Was ist das für ein Plan? Was soll mit den Kindern geschehen und werden unsere Helden ihnen das Schicksahl ersparen können? Hier steckt plötzlich so viel Ernst in der Situation. Bisher war es ja meist so hell und spielerisch, ja sorglos, dass einem diese Szene wirklich erschrecken kann. Gut gemacht!
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • Hallo zusammen. Jetzt geht es weiter mit einer Runde Richard :) Diesmal etwas freundlicher an seinem Ende
      übrigens @Aztiluth: vielleicht hast du noch nicht gesehen, dass ich im Post 48 noch einen Teil von Edwin angefügt habe, das war, nachdem du ihn kommentiert hattest, sorry...



      Richard, an einem Tag im Frühling (565 n. Rh.)
      Ein Jahr war vergangen, seit Richard in die Stadt gekommen war. Es war Frühling und die kleine Pflanze auf dem Fenstersims der Gesindekammer öffnete ihre weißen kleinen Blüten. Jeden Tag prüfte Richard, ob die Erde schon trocken war und er ihr Wasser geben musste. Auf einem seiner Streifzüge hatte er die Pflanze auf einem Müllhaufen gefunden. Der Topf war zwar gesprungen und ein Stück herausgebrochen, aber das störte ihn nicht. Sie war sein kleiner Freund und nun, da sie blühte, freute er sich umso mehr über sie. Richard öffnete das Fenster mit einem Ruck. Die Morgensonne flutete herein, ließ die Staubflocken in ihrem Licht tanzen. Wie kleine Feen, dachte Richard und prüfte die Erde seiner Blume, noch immer feucht. «Na, kleine Blume, gut geschlafen?» Von seinem Zimmer aus sah Richard auf den düsteren Hinterhof hinunter, der von Häusern eingerahmt wurde. Das Licht schaffte es nie ganz bis zum Boden hinunter, was ihn noch dunkler erscheinen ließ als er schon war. Dort stand auch die Holzbeige für den Winter, es war nicht viel von ihr übrig geblieben. Richard blickte zu den schmutzigen Scheiben der Nachbarhäuser hinüber. Wer dort wohl wohnte? Er hatte die Fenster nie offen gesehen und die Vorhänge waren stetes zugezogen.
      «Richard!», bellte Theodor von unten herauf und Richards gute Stimmung verflog augenblicklich. Schnell schloss er das Fenster wieder und lief die Treppe hinunter. Dass Theodor schon so früh auf war überraschte ihn. Der Wirt stand in seinen Mantel gehüllt am Ausgang zur Straße, die Hand bereits auf der Klinke. «Da bist du ja endlich. Bin kurze Zeit weg. Bist verantwortlich für den Rest hier. Mach mir keine Dummheiten, klar?»
      Richard nickte. «Klar.»
      «Gut so.» Damit verschwand der Wirt auf die Gasse.
      Was nun? Die Wirtsstube sah noch immer schrecklich unordentlich aus. Leere und halbleere Gläser standen auf den Tischen, Stühle lagen umgekippt im Raum verstreut, in einer Ecke lag noch ein Hut, den jemand vergessen hatte. Also machte Richard sich an die Arbeit, die Wirtsstube wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Gerade, als er sich erschöpft für einen kurzen Moment hinsetzen wollte, hörte er Schritte draußen. Vielleicht war Theodor schon zurück. Die Tür wurde aufgestoßen und ein etwas älterer Mann trat herein. Richard erhob sich eilig und trat auf den Herrn zu. «Guten Tag, wir haben leider noch geschlossen», begann Richard.
      Der Herr lächelte freundlich. «Mach dir keine Sorgen, ich bin nur hier um meinen Hut zu holen.» Der Blick des Mannes traf den seinen. Wie elektrisiert blieb Richard mitten in der Bewegung stehen. Es war als wäre ein Funke von den Augen des Mannes auf Richard übergesprungen. Sein Herz setzte einige Schläge lang aus und machte dann einen Satz vorwärts. Erschrocken wandte er den Kopf und beeilte sich, den Hut zu holen und dem Gast zu bringen.
      «Vielen Dank. Gefällt es dir hier?», fragte der Mann. Er hatte eine sehr schöne Stimme. Weich und warm. Richard überlegte, ob er es wagen konnte, die Wahrheit zu sagen.
      «Ich kann mich glücklich schätzen, hier arbeiten zu dürfen», entgegnete er. Dabei vermied er es, dem Herrn direkt in die Augen zu sehen. Lieber ließ er den Blick auf dessen Nase verweilen. Ein seltsames Summen lag in der Luft, als wäre sie mit zu viel Energie aufgeladen. Als der Fremde wieder sprach, schien seine Stimme von weit her zu kommen und Richard musste sich konzentrieren, um die Worte zu verstehen. «Das beantwortet zwar nicht meine Frage, aber belassen wir es dabei. Sieh mir in die Augen, Richard.»
      Hatte er ihm seinen Namen genannt? Richard war verwirrt. Er konnte sich nicht erinnern. Es fiel ihm überhaupt schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Als wären sie flinke Fische, die seinem Griff entschlüpften, sobald er sie zu packen versuchte. «Sieh mir in die Augen», wiederholte der Fremde. Richard fürchtete sich, den Blick zu heben, doch sein Körper gehorchte ohne sein Einverständnis. War es Magie, die eine solche Wirkung auf ihn hatte? Er blickte in diese dunklen, wunderschönen Augen. Schon erwartete Richard wieder einen elektrischen Schlag zu spüren, doch nichts dergleichen geschah. Er fühlte sich, als würde er in die Tiefen dieser Augen hineingesogen. Die Zeit blieb stehen und eine unglaubliche Weite breitete sich in Richard aus. Er trat näher auf den Herrn zu, spürte die eigenartige Verbindung, die durch den Blickkontakt entstanden war. Es fühlte sich an, als würde dieser Mensch bis ins Innerste seines Wesens blicken können. Richard errötete. Er fühlte sich ausgeliefert, nackt vor den Augen dieses Mannes. Was mochte dieser entdecken, wenn er ihn anblickte? Wie eine undurchdringliche Mauer schob sich seine Scham zwischen sie und zerstörte die Verbindung. Plötzlich fühlte er sich sehr unwohl und fehl am Platz. Ein starker Druck hatte sich auf seinen Körper gelegt, er senkte den Kopf, um dem Blick des Mannes zu entfliehen.
      «Wer in meine Augen sieht, begegnet dem Unendlichen. Und vor dem Unendlichen kann sich nichts verbergen. Die ganze Pracht des Lebens liegt offen da, ohne schützende Hüllen», sprach der Mann und Richard spürte eine feine Berührung an seiner Schulter. Der Druck löste sich auf, Richard schnappte nach Luft. Hatte er zu atmen vergessen? Wieder verwoben sich ihre Blicke zu einem unsichtbaren Band. «Ich habe nach dir gesucht, Richard.» Er legte Richard eine Hand auf den Kopf und Frieden breitete sich in ihm aus. «Damit du nach einem Mann suchen kannst der allein östlich von hier im Hügelgebiet lebt. Man nennt ihn David aus Sala.»
      «David aus Sala», wiederholte er flüsternd. Intuitiv wusste er, dass dies von größter Wichtigkeit war. «David aus Sala.»
      «Du musst ihn finden, lass dich nicht aufhalten, Richard. Von nichts und niemandem. Verstehst du?»
      Richard nickte. «So die Götter es wollen, werden wir uns wiedersehen. Sei dir gewiss, dass du von höheren Mächten geleitet wirst, Kind. Und nimm deine täglichen Übungen wieder auf, die du in letzter Zeit vernachlässigt hast.» Lachen schwang in der Stimme mit. Richard war sich nicht sicher, ob der Herr die letzten Sätze wirklich gesprochen hatte oder ob er sie nur in seinem Kopf gehört hatte. Hatten sich seine Lippen bewegt? Er wusste es nicht, er war in den Augen des Herrn verloren gewesen.
      Noch lange Zeit, nachdem der Mann gegangen war, stand Richard in der Wirtsstube und fühlte dem Vibrieren der Luft nach, welches der Herr hinterlassen hatte.

      Als Theodor kurze Zeit später zurückkam, war Richard voller Elan mit dem Schrubben des Bodens beschäftigt. Er war so in seine Arbeit und Gedanken an den Besuch des seltsamen Fremden vertieft, dass er zunächst gar nicht bemerkte, dass Theodor in Begleitung eingetreten war. Ein hagerer Kerl mit roten Haaren und Sommersprossen über der Nase folgte Theodor in die Wirtsstube. Bleich sah er aus und Richard bemerkte, dass ein Auge in eine andere Richtung schaute als das andere. «Ned, das ist Richard. Du teilst das Zimmer mit ihm. Wenn du etwas wissen musst, frag ihn. Du kannst ihm gleich beim Aufräumen helfen.» Mit diesen Worten wandte er sich wieder der Tür zu.
      «Onkel Theodor», rief Richard.
      «Was denn?»
      «Kennst du jemanden mit Namen David?»
      «David? Ein häufiger Name», brummte der Wirt, ließ die Jungen stehen und verließ die Wirtsstube wieder. Enttäuscht blieb Richard zurück. Dann erinnerte er sich wieder daran, dass Theodor jemanden mitgebracht hatte. Unschlüssig sah er den Rothaarigen an. «Mein Name ist Richard, du bist Ned? Wo kommst du her?»
      «Spielt das eine Rolle? Von heut an arbeite ich hier, meine Vergangenheit ist nicht wichtig.»
      Richard nickte. Seltsamerweise störte ihn Neds missgelaunter Tonfall nicht im Geringsten. «Du wirst dich schon einleben, es ist gar nicht so schlecht hier.» Nicht? «Nun ja, zeitweise wenigsten», fügte er hinzu. Wo kommt all die Positivität auf einmal her, fragte sich Richard. Er fixierte das eine Auge des Neuankömmlings, welches ihn anschaute. Ein Auge, nichts weiter. «Starr mich nicht so an, sag mir lieber, was ich zu tun hab.»
      «Klar, entschuldige.»
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Hi RenLi,

      ja, auch ich bin noch dabei :) Muss aber leider gestehen, dass ich deine Geschichte etwas vernachlässigt habe...irgendwie hat der Tag zu wenig Stunden, deshalb fällt an dieser Stelle auch ein ausführlicher Kommentar aus. (sorry!)

      Ich sehe aber, dass ganz viele andere fleißig lesen und kommentieren....ich bin auch gerade erst in deinem Post vom 02.Januar angekommen und wollte dir noch mal zurückmelden, dass es mir wirklich gut gefällt, wie du schreibst.

      Mein einziges Problem ist nach wie vor das Hin-und Herspringen in den Zeiten...aber das mag daran liegen, dass ich nicht durchgängig lese und oft nicht genug Ruhe habe, mich auf den Text einzulassen. Ich wette andere haben damit null Probleme und finden vielleicht gerade das reizvoll.

      Also, auch, wenn du nicht immer was von mir hörst und ich nicht immer die Zeit finde, dir einen Kommentar zu hinterlassen...ich will unbedingt daran bleiben und bin quasi "stiller Mitleser" :)

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • der Part im Keller war super. Die Beschreibungen und die ganze Situation. Eigentlich sollte ein Keller voller Kinder, die verkauft werden sollten Unbehagen auslösen. Aber ich glaube, Edwin hat auch mich beruhigt <3

      Gerade versüßt mir deine Geschichte eine mehr als öde Wartezeit. :love:
      Ich Les dann mal den nächsten Part :D

      So, hab den nächsten Part durch und bin deutlich weiter in der Schlange xD
      Auch der letzte Part ist gelungen!
      Du kannst echt glaubhaft magisches rüberbringen.
      bin auch gespannt warum der Mann so viel weiß und was mit Ned passiert.


      Am Handy zu schreiben ist voll doof. XD

      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Aztiluth ()

    • :party: juhhhu, ihr seid echt die besten Motivatoren! :party:

      So toll, dass ihr die Geschichte immer noch mögt!!!

      @Rainbow schön zu hören, dass du noch mitliest. hätt mich nicht getraut, nachzufragen :blush:

      Bemüh mich, die Geschichte weiterhin spannend zu halten. Es ist noch so viel in meinem Kopf drin und ich komm einfach nicht nach mit Schreiben :D Ich könnt auch noch unglaublich viel ausdifferenzieren, ausführlicher schreiben und noch mehr Szenen aus dem Leben der drei Jungs einbauen. Aber irgendwann wird das für den Leser ja auch langweilig und die Geschichte würde ins Unendliche lang werden :)

      Die nächste Szene wird wieder aus Edwins Sicht verfasst sein. Bin noch am Überarbeiten, werd sie aber bald reinstellen :D
      Lg, RenLi
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      Rumi
    • Hallo zusammen
      Hab mal die alte Version in einen Spoler verpackt, eigentlich hätt ich sie auch löschen können, aber man hängt ja manchmal doch noch an seinem alten Kram...
      Also füge ich hier noch die neue Version ein, wie gesagt, Edwins Geschichte nimmt doch ziemlich eine andere Richtung:


      Edwin, die Liebe Gottes (564 n. Rh.)
      Wieder träumte er von der Dunkelheit. Wehklagen drang an sein Ohr und erschütterte sein Herz. „Ich kann euch nicht verstehen!“, rief Edwin. „Helft mir, damit ich euch verstehen kann!“ Auf einmal herrschte Stille. Es war, als horchten all die gequälten Seelen auf. Und dann hörte er ein Schluchzen, ein einsames, leises Schluchzen. Edwin folgte dem Geräusch und die Dunkelheit ging in Grautöne über. Er schritt durch einen unendlich weiten Raum aus grauen Schemen und inmitten dieses Raumes erblickte er ein Kind. Es kauerte auf dem Boden und weinte. Edwin trat näher. Kannte er dieses Kind? Es kam ihm vertraut vor. Er sollte sich erinnern, doch es wollte ihm nicht einfallen, woher ihm der Knabe bekannt vorkam. Stumm fragte er in das Zwielicht hinaus und da war ihm, als falle die Antwort von oben in ihn hinein. „Du bist vom Himmel gefallen“, stellte Edwin fest und trat neben den Jungen.
      Der Kleine schauderte, dann blickte er auf. Aus großen Augen sah er ihn erstaunt an. „Weshalb bist du vom Himmel gefallen? Weshalb bist du auf diese Erde gekommen? Erinnerst du dich?“ Die Worte kamen aus Edwin heraus, ohne dass er sich zuvor überlegte, was er sagen wollte. Es fühlte sich an, als würde ein anderer aus ihm sprechen.
      „Aus dem Himmel gefallen. Ich war im Himmel.“ Die graue Umgebung wurde kaum merklich heller, während der Junge sich zu erinnern suchte.
      „Ich bin mir sicher, dass du einen guten Grund hattest, in dieses Leben zu kommen“, half ihm Edwin weiter.
      „Du hast recht, ich wollte kommen. Doch weshalb? Es ist so dunkel hier. Ich möchte nicht hier sein!“ Wie schleichende Gestalten huschten die Schatten zurück und verdunkelten die Welt.
      Edwin kniete sich neben den Jungen. „Ich war auch da, im Licht. Erinnerst du dich? Kennst du mich noch? Wir haben uns früher gekannt.“
      Ein Funke glomm auf in den Augen des Knaben. „Ich erkenne dich“, sagte er und ein frohes Lachen erhellte sein Gesicht. Die Schatten wichen. „Doch weshalb bin ich wiedergekommen?“ Der Knabe erhob sich und schaute hinauf zu einem wolkenlosen Himmel. „Weshalb bin ich in dieses Leben gekommen, wenn es doch so viel Schmerz mit sich bringt?! Wie auch das letzte und das zuvor!“, rief er und Edwin sah, wie der Junge für den Hauch eines Momentes ein Gesicht voller Falten trug. Das Gesicht eines alten Mannes, von schweren Jahren geschunden. Dann leuchtete es voller Freude auf, war wieder kindlich wie zuvor. „Wir haben zusammen im Garten gespielt!“
      Nun fiel es auch Edwin wieder ein. Sie hatten ganze Gräben ausgehoben, Mauern gebaut, Verstecken gespielt und waren stets von oben bis unten mit Dreck beschmiert gewesen.
      „Doch dann hat das Fieber mich mitgenommen.“ Angst mischte sich in die Gefühle des Knaben.
      Edwin fühlte die Hilflosigkeit, die ihm in jenen Tagen vertraut geworden war. „Ich habe dich nicht retten können“, hauchte er.
      Der Junge stand auf und trat auf ihn zu. „Das macht nichts. Dafür hast du mich jetzt daran erinnert, dass es noch Gutes gibt auf der Welt.“ Er grinste. „Und weißt du was? Mir ist wieder eingefallen, weshalb ich zurückgekommen bin, immer und immer wieder!“ Verschmitzt schaute er Edwin an, schien darauf zu warten, dass Edwin sich ebenfalls daran erinnerte.
      Doch er wusste es nicht. „Weshalb?“
      „Aus Liebe“, strahlte er. „Aus Liebe bin ich wieder hinabgestiegen, denn ich liebe sie, diese Welt!“
      Er strahlte, öffnete weit die Arme. „Wie konnte ich das vergessen? Nie wieder werde ich es vergessen, dass es nichts Schöneres gibt als die Liebe Gottes!“
      Als Edwin erwachte, waren die Bilder bereits verblasst. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wovon er geträumt hatte, wusste aber, dass es kein Albtraum gewesen war.

      Edwin, Feuerdämon (564 n. Rh.)
      Neue Kinder wurden zu ihm in den Keller gesperrt. Und das ganze Spiel begann von Neuem. Edwin veratmete ihre Angst und hauchte ihnen Ruhe ein. Würde es ewig so weitergehen? Oder würden sie ihn irgendwann einfach verhungern lassen, wenn keiner ihn kaufte?
      Eines Morgens erwachte er, in wohlige Wärme gehüllt. Er lag da mit geschlossenen Augen und lächelte. Wie angenehm, dachte er. Doch ein entsetzter Aufschrei störte seine Ruhe. Wahrscheinlich eines der Kinder. Er öffnete die Augen und setzte sich auf. Mit Schrecken bemerkte er, dass der Keller in Flammen stand. Die Kinder drängten sich verängstigt auf der anderen Seite des Raumes zusammen. Das Feuer war noch nicht bis zu ihnen vorgedrungen, nur Edwin stand mitten in den Flammen. Er brannte. Doch es schmerzte ihn nicht. Er fühlte nur ein angenehmes Prickeln. Kurz war er verwirrt, doch dann fiel es ihm wieder ein. Das ist das Feuer, das ich aus dem Wald mitgebracht habe, dachte er und ihm wurde wieder froh zumute. „Habt keine Angst“, rief er zu den Kindern zu.
      Er bat das Feuer, etwas mehr zurückzuweichen, damit die Kinder mehr Luft hatten. Ja, Luft, das Feuer nimmt ihnen die Luft zum Atmen! Wie seltsam, dass ich mitten in den Flammen stehen kann.
      Er schritt die Treppe hinauf und pochte an die hölzerne Tür, die in die Schenke führte. Funken stieben auf, als seine Fäuste gegen das Holz schlugen. „Macht auf!“, rief er nach draußen. Die Tür fing Feuer.
      Er hörte Rufe von der anderen Seite. Dann zerfiel die Tür zu Asche.
      „Was geht da vor sich?!“
      „Ein Dämon!“, schrie jemand entsetzt.
      Edwin war überrascht, als die Männer ängstlich vor ihm zurückwichen. Wirke ich so erschreckend auf sie? Die Flammen loderten um ihn in die Höhe und leckten nach Nahrung. Schon griffen sie auf den Boden über.
      „Ich habe euch doch gesagt, dass er nicht normal ist!“, schrie einer und floh nach draußen.
      Edwin spürte die Angst der Männer und die Angst der Kinder im Keller. Wenn ich ihnen den Weg nicht freigebe, dann ersticken sie noch. Edwin beschwichtigte die Flammen, sammelte sie um sich und trat weiter in die Schenke hinein. Die übrigen der Menschenhändler flohen vor ihm.
      Als er allein im Raum zurückblieb, erloschen die Flammen. Übrig blieb der Geruch nach Rauch und verbranntem Holz und eine schwarze Spur verkohlter Dielen am Boden. Edwin ging in den Keller zurück. „Ihr könnt jetzt hinauskommen. Sie sind geflohen“, versicherte er den zitternden Kindern. Doch sie rührten sich nicht. Die Angst hatte sie gelähmt. Richard hätte sie jetzt sicher mit einer schönen Geschichte aufheitern können, dachte Edwin. Das hatte bei ihm auch immer funktioniert, doch im Gegensatz zu seinem Bruder war er nicht gut im Geschichtenerzählen. Stattdessen konzentrierte er sich wieder auf den Atem. Die Kinder entspannten sich. „Es ist alles gut“, sagte er beruhigend. Obwohl, woher sollte er das wissen? Die Männer würden bestimmt wiederkommen. Und ob er das Feuer wieder rufen konnte, wusste er nicht.
      In dem Moment, als er mit den Kindern aus dem Keller trat, hörte er Schreie von draußen. Sofort versteckten sich die Kinder wieder im Kellereingang, eines klammerte sich an Edwins Gewand. Jetzt bin ich wohl der große Bruder, dachte er. Wie seltsam.
      Er strich dem Kleinen über den Kopf, wie es Richard manchmal bei ihm getan hatte. „Ich bin gleich zurück. Wartet hier.“
      Edwin eilte durch die Schenke und auf die offene Tür zu. Helles Sonnenlicht strahlte ihm entgegen. Er rieb sich über die Augen. Schon die Flammen waren ihm viel zu hell gewesen nach den vielen Tagen in Dunkelheit, aber das Licht der Sonne blendete ihn noch mehr. Er blinzelte. Ein Mann auf einem Pferd kam auf ihn zugeritten. Sein schwarzer Umhang bauschte sich auf, das lange Haar wehte ihm wild um den Kopf. Das Schwert, das er in der Hand hielt war rot von Blut. Mit einem wütenden Schrei holte er aus und schwang die Klinge in Edwins Richtung. Edwin konnte sich gerade noch ducken, als das Schwert über ihn hinwegsurrte. Er strauchelte, fiel er hin. Von Todesangst ergriffen, stolperte er weiter und suchte Schutz hinter einem Pfosten, der einen Überbau des Hauses stützte. Gehetzt warf er einen Blick zurück und sah, dass der Reiter ihn gar nicht verfolgte. Stattdessen befand er sich in einem Schlagabtausch mit einem der Menschenhändler. Der Bandit setzte sich mit einem Schwert zur Wehr, doch er lag klar im Nachteil, da sein Gegner zu Pferde saß. Verbissen fuchtelte er mit seiner Waffe durch die Luft und streifte das Pferd am Hals. Das mächtige Tier bäumte sich wiehernd auf und der Bandit brachte sich mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit vor den ausschlagenden Vorderhufen. Der Reiter krallte sich mit der freien Hand an die Mähne des Pferdes, um nicht herunterzufallen. Während er das Pferd zu beruhigen versuchte, ließ der Menschenhändler das Schwert fallen und rannte um sein Leben. Edwin konnte seine Angst riechen, als der drahtige Mann an ihm vorbeipreschte. Er war ein weitaus besserer Läufer als Schwertkämpfer, doch mit einem Pferd würde er nicht mithalten können.
      Edwin öffnete seien Blick für das Geschehen um sich. Noch drei weitere schwarz gewandete Männer, allesamt bewaffnet, jedoch zu Fuß, befanden sich im Kampf mit den Menschenhändlern. Die Banditen waren den Schwarzen deutlich unterlegen. Sie wehrten sich verbissen, schienen aber nicht halb so geübt im Gebrauch einer Waffe zu sein. Der Reiter preschte an ihm vorbei. „Ihr könnt sie nicht töten!“, rief Edwin. Der Hass, die Angst, die blinde Wut, die in den Männern tobten, verschlugen ihm den Atem. Der Reiter hatte den Fliehenden erreicht und hob sein Schwert. Hilflos stand Edwin da und sah zu, wie sich die Klinge in die Schulter des Banditen fraß. Der Mann schrie. Wie in meinen Träumen!
      Edwin rannte los. Er wusste zwar nicht, was er tun sollte, doch er musste den Mann erreichen. Wenn ich nicht einmal ihm helfen kann, wie kann ich dann all den Menschen aus meinen Träumen helfen? Das Opfer war zu Boden gesunken. Wird er mich ebenfalls töten? Der Reiter wendete und kam zurück, auf den Verwundeten zugeritten. Das Blut lief die Klinge hinunter, als der Mann die Waffe hob. Der Bandit versuchte auf allen Vieren davonzukriechen. Edwin rannte und warf sich über den Verwundeten. „Töte ihn nicht!“, rief er verzweifelt.
      Schon erwartete er den kalten Stahl im Rücken zu spüren, doch nichts geschah. Er wagte es, aufzublicken. Der Reiter sah in zornig an. Er hat mich nicht getötet. Edwin schöpfte Hoffnung. Während der Schwarze sich aus dem Sattel schwang, stellte Edwin sich vor den Banditen und breitete die Arme aus, um eine Mauer zwischen den Männern zu bilden. „Geh aus dem Weg!“, donnerte der Reiter. Besinnungsloser Hass brannte in seinen Augen und entstellte sein Gesicht zu einer schrecklichen Fratze. Er packte Edwin und stieß ihn ohne Mühe beiseite.
      Wimmernd kauerte der Verwundete am Boden und hielt sich die Schulter. Dunkel quoll das Blut aus der Wunde, lief ihm über die Hände und tränkte sein Hemd. Edwin bemerkte, dass er selbst vom Blut des Opfers beschmiert war. „Sei dankbar, dass ich dir ein schnelles Ende bereite!“, spuckte der Reiter aus und holte zum tödlichen Streich aus. „Nein!“ Eine Wand aus Feuer schlug zwischen den beiden in die Höhe.
      „Der Dämon!“, kreischte der Bandit und kroch rückwärts davon.
      Der Reiter wich ebenfalls ein paar Schritte zurück. „Wie?“, fragte er verdutzt, dann blickte er Edwin an. „Mach das Feuer aus!“, schrie er wütend, doch Edwin schüttelte entschieden den Kopf. „Willst du das gleiche Schicksal erfahren wie diese erbärmliche Kreatur hier?!“
      Edwin betrachtete den Mann. Wird er mich wirklich töten? Er streckte sein Inneres nach dem Krieger aus. Er zuckte zusammen, als er auf eine Wand von Schmerz traf. Dieser Mann musste schon viel gelitten haben. Doch er tötet keine Kinder, wurde ihm klar. Sein Hass richtet sich gegen die Erwachsenen. Und vor allem gegen den Mann zu seinen Füßen.
      Der Reiter starrte ihn schockiert an. „Was tust du?“, keuchte er. Sein Schwert war ihm aus der Hand geglitten. Tränen liefen ihm über das bärtige Gesicht und hinterließen helle Spuren auf der schmutzigen Haut. Edwin zog sich erschrocken aus dem Geist des Kriegers zurück. Er hatte nicht gewusst, welche Wirkung er auf den Mann haben würde. Auf einmal wurde ihm schwindlig. „Töte ihn nicht, bitte“, flehte Edwin und ging langsam auf den Mann zu. Seine Beine fühlten sich schwer an. Er sah, wie die Flammen verschwanden. Sein Blick verschleierte sich zunehmend, seine Schritte wankten. Als seine letzte Kraft ihn verließ und er schließlich stürzte, fing der Reiter ihn auf. Dann fiel er in eine warme, bodenlose Dunkelheit.

      Spoiler anzeigen
      Edwin, Gilbert (564 n. Rh.)
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      Der Mann, der ihn gekauft hatte, führte ihn nach draußen und löste behutsam die Fesseln und die Augenbinde, auf welche die Menschenhändler bestanden hatten. Edwin blinzelte. Welch ein Glück, dass es finstere Nacht ist, dachte er. Nach so langer Zeit im Keller, hätte er das Licht der Sonne bestimmt nicht ertragen. Den letzten Strick durchtrennte der Fremde mit einem Messer. «Vielen Dank», flüsterte Edwin. Nach der langen Zeit des Schweigens schien es ihm unangebracht, plötzlich laut zu sprechen. «Wer bist du?», fragte der Fremde. Die Frage verwirrte Edwin etwas. Eigentlich hätte er dies doch fragen sollen.
      «Ich bin ich», antwortete Edwin. Der Mann schaute ihn fragend an. «Edwin. Und wer seid Ihr?»
      «Gilbert.»
      «Freut mich, Gilbert», sagte Edwin und streckte ihm die Hand entgegen.
      Dieser schüttelte sie und sah so verwirrt drein, wie Edwin sich fühlte. Wie schön es war, die warme Hand eines Menschen zu spüren. «Hast du keine Angst vor mir, kleiner Edwin?», fragte der Mann. Edwin schüttelte den Kopf. Zugegeben, der Anblick dieses Herrn konnte schon erschreckend sein. Das schwarze Haar war ungepflegt und stand in alle Himmelsrichtungen wild von dessen Kopf ab, der Bart war üppig, der Mantel lang und schwarz und er überragte Edwin um Längen. Edwin bemerkte einen spitzen Reißzahn, der an einer Kette um den Halb von Gilbert hing, ein ähnlicher zierte sein Ohr. «Nein, wir haben uns unten im Keller angeschaut. Ich muss keine Angst vor Ihnen haben. Das wusste ich bereits bevor Sie unten waren.»
      «Erstaunlich.» Gilbert beugte sich näher zu ihm. «Gut behandelt haben sie dich ja nicht gerade, so wie du aussiehst. Es grenzt an ein Wunder, dass du da unten in dem Loch nicht krank geworden bist. Bist du sehr müde?»
      «Ich fühle mich sehr wach, das liegt an Ihrer Gesellschaft, Herr Gilbert.»
      «Bitte lass das Herr da weg. Und du kannst ruhig du zu mir sagen. Alles andere ist überflüssig. Und wenn du nicht auseinanderfällst, dann reiten wir noch ein Stück. In nordöstlicher Richtung liegt ein Gasthaus, welches von wesentlich freundlicheren Gesellen geschmissen wird. Da können wir schlafen. Du kannst unterwegs was essen, ich vermute mal, die haben sich nicht grad um deine Ernährung gekümmert.»
      «Wer sind diese Leute, weshalb entführen sie Kinder?», wollte Edwin wissen.
      «Lass uns erst mal ein Stück Weg zwischen uns und diese Kerle bringen», meinte Gilbert und trat an ein schwarzes Pferd heran. Es schnaubte und schnupperte an seiner Hand. «Lass sie auch mal schnuppern, Edwin. Es ist immer gut, sich erst kennenzulernen, bevor man zusammen reitet.»
      Edwin trat näher. Die Stute drehte den Kopf in seine Richtung und schaute ihn aus ihren großen, dunklen Augen ruhig an. Edwin streckte die Hand aus und berührte das seidig warme Fell an den großen Nüstern. Ein Luftschwall strömte über seine Haut, das Pferd zog die Lippen hoch und versuchte, an ihm zu knabbern. Edwin kicherte. Dann schloss er die Augen und versuchte, die Stute ohne seine äußeren Sinne wahrzunehmen. Langsam öffnete sich der Raum der inneren Wahrnehmung. Edwin dehnte sich aus, bis er mit dem Pferd sanft in Berührung kam. Ein edles, treues Gemüt offenbarte sich ihm. Sehr ruhig und sanftmütig. Wie schön du bist, dachte er und das Pferd schien sich darüber zu freuen. Er öffnete die Augen. Das Wesen des Pferdes verblasste, aber ein Rest blieb in seiner Wahrnehmung zurück, wie ein entfernter Schatten. «Ich glaube, wir verstehen uns», meinte er. Edwin bemerkte Gilberts faszinierten Blick und fragte sich, ob er etwas Seltsames getan hatte.
      «Na dann, ich heb dich hoch.» Gilbert fasste Edwin unter den Achseln und half ihm auf den Rücken des Pferdes.
      «Wie heißt sie eigentlich?», fragte Edwin, als er oben saß.
      «Saphir», antwortete Gilbert und schwang sich hinter Edwin auf den Rücken der Stute. «Hier, iss schon mal was. Sonst mach ich mir Sorgen, dass du den Ritt nicht überleben wirst.»
      Edwin lachte. «Du siehst zwar räuberisch aus, Gilbert, aber man muss sich wirklich nicht vor dir fürchten.» Dankbar griff er nach dem Stück Brot, welches Gilbert ihm reichte. Dann trabten sie los.
      «Gilbert?», fragte Edwin nach einer Weile.
      «Hmm?»
      «Wer sind wir denn nun wirklich?»
      Einen Moment lang war es still hinter ihm. «Was für eine Frage, kleiner Edwin.»
      «Nun, du hast mich nach meinem Namen gefragt, aber unsere Namen sind doch eigentlich nichtssagend. Genau wie alle anderen Bezeichnungen. Wenn ein Kind auf einen Baum deutet und fragt: Was ist das? Und du sagst ihm, es ist ein Baum, dann weiß es noch immer nicht mehr als vorher.» Edwin überlegte. «Man muss hingehen und den Baum erkunden, nicht wahr? Man muss den Stamm mit den Händen berühren und hinaufklettern, den Wind in den Blättern rauschen hören, seinen Schatten im Sommer und seine Früchte im Herbst schätzen lernen, den Ameisen zuschauen, wie sie hinauf und hinuntermarschieren und den Vögeln, die ihr Nest in den Ästen bauen.» Er hielt inne. Was er sagte, fühlte sich richtig an, aber da fehlte noch etwas. Das wichtigste hatte er noch nicht gesagt. «Und dann muss man einfach dasitzen, ganz still werden und das innere des Baumes berühren. Sonst hat man den Baum nicht wirklich gesehen. Doch was ist dieses Innere des Baumes, Gilbert? Weißt du es?»
      Gilbert antwortete lange nicht. Edwin wartete, er spürte, dass Gilbert ihn ernst nahm, seine Worte auf sich wirken ließ und über eine gute Antwort nachdachte. Schließlich antwortete er: «Du bist wirklich ein erstaunlicher Junge, Edwin. Das Innere des Baumes ist das Sein selbst. Das eine Leben. Die Essenz, die in jedem von uns und in jeder anderen Form verborgen liegt. Du könntest es den göttlichen Funken nennen. Ohne ihn kann keine Form vorhanden sein.»
      Edwin stiegen Tränen in die Augen. Gilbert sprach wie sein Vater. Genauso eine Antwort hätte auch er ihm gegeben. «Danke», schniefte Edwin. «Es ist eine wunderschöne Antwort. So viel Licht und Wärme liegt darin. Ein göttlicher Funke.» Nun weinte er tatsächlich und die Tränen flossen, lautlos und sanft, bis er erschöpft einschlief.

      Edwin fand sich in der Dunkelheit wieder. Der leuchtende Punkt war näher gerückt. Er rannte, rannte und es wurde grösser. Was ist es? Seine ganze Seele schrie danach, wollte endlich dort sein. Es kam näher, er konnte eine längliche Form erkennen. Es war eine Gestalt, eine Frau. Sie war ganz in rotes Tuch gekleidet, das ihren Körper wie von einem Windhauch getragen umspielte. Und sie leuchtete. Wie wunderschön! Ein unglaubliches Gefühl von Liebe flutete ihm entgegen. Ist das meine Mutter?, fragte er sich. Er rannte auf sie zu und sie schloss ihn in ihre Arme. Ich bin Zuhause, dachte er glückselig.

      Als Edwin aufwachte fühlte er sich unendlich traurig. Nur ein Traum. Die Sehnsucht glomm in seinem Herzen wie heiße Glut. «Weshalb bin ich hier?», schluchzte er. «Das ist falsch, verkehrt, verdreht. Alles viel zu eng und zu düster und zu hart. Ich will zurück!» Der Traum war so wunderschön gewesen, aber eben doch nur ein Traum.
      Eine warme, raue Hand legte sich auf seine Stirn. «Wohin willst du zurück, kleiner Edwin?»
      Er kannte diese Stimme, die so sehr der seines Vaters glich. «Gilbert, du bist noch da.» Dankbar ergriff Edwin die warme Hand seines neuen Freundes und drückte sie ganz fest. «Wo Gilbert ist, da bin ich auch ein bisschen zuhause.»
      «Möchtest du mir erzählen, wo du hergekommen bist?»
      «Aus dem Licht», murmelte Edwin. «Und nun bin ich getrennt. Einsam und allein und gefangen.»
      «Wie war es da, im Licht?»
      «Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht. Es war gut. Nein, es war weder gut noch schlecht. Es war, ich kann es nicht sagen, ich erinnere mich nicht mehr.»
      «Und wie bist du hierhergekommen?»
      Edwin versuchte, sich zu erinnern, doch es ging nicht. Da war eine Mauer, die ihn davon trennte. «Es ist dunkel, ich weiß nicht wie ich in diesen Körper gekommen bin. Die erste Erinnerung, die ich habe, ist das Gesicht meines Vaters, es leuchtet, wie die Spiegelung des Mondes im Wasser.»
      «Wer sind deine Eltern?»
      «Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben, das hat Papa mir erzählt. Immer, wenn wir ihn fragten, ob er sie vermisse, hat er gesagt: ‘Ja, manchmal sogar sehr. Aber dafür hat sie mir euch zwei geschenkt. Deshalb bin ich unsagbar glücklich.’»
      «Du hast Geschwister?»
      «Richard», flüsterte Edwin. «Er ist ganz allein und so traurig und verzweifelt und manchmal sogar wütend. Manchmal spüre ich das, so deutlich, als säße er neben mir. Manchmal sehe ich sein Gesicht, wenn ich die Augen schließe. Er glaubt nicht daran, dass Papa noch lebt. Aber er lebt, ich weiß es, ich spüre es.»
      «Wer ist dein Vater, Edwin? Und weshalb ist er nicht mehr bei euch?»
      «Er ist mein größter Beschützer. Er hält das Leid von mir fern. Wenn er nicht da ist, dann ist es schwer.» Edwin atmete tief ein und aus. «Es kommt immer wieder. Die Schreie, die Schmerzen, die unglaubliche Trauer. Wenn Papa da ist, dann hält er es fern, denn um ihn ist Licht. Wie auch um dich, Gilbert. Du trägst dein Licht um dich. Ist das der göttliche Funke, von dem du erzählt hast?»
      «Vielleicht. Ich weiß es nicht. Erzähl mir mehr von deinem Vater.»
      «Wir lebten am Sumpf. Er und Onkel brachten Reisende über die Ebene, denn sie konnten den Boden fest werden lassen. Auch Richard und ich haben es gelernt. Es ist ganz einfach, man muss sich nur mit dem Boden anfreunden, dann geht es von alleine.» Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. «Dann trägt er dich, denn er will nicht, dass du einsinkst. Onkel war krank, es geschah ganz plötzlich. Er und Papa sind zurückgekommen, nachdem sie Reisende auf die andere Seit gebracht hatten, wie üblich. Er sah da schon sehr blass aus. Er musste sich hinlegen und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Richard und ich haben Kräuter gesammelt und Tee gemacht, doch es half nichts. Und wir hatten nicht genug Geld, um Onkels Medizin zu kaufen, außerdem ist das nächste Dorf recht weit entfernt. Deshalb ist Papa allein losgegangen. Die Menschen, die er rüberbringen sollte, hatten ihm genug Geld versprochen, sodass es für die Medizin reichen sollte. Er wollte uns nicht allein lassen. Aber er hatte keine andere Wahl. Deshalb ging er. Und er kam nicht mehr zurück.» Edwin schluckte schwer. «Aber er lebt», fügte er hinzu. Er horchte in sich hinein, ja, da war er. «Aber ich kann ihn nicht so spüren wie Richard. Er ist weit, weit weg. Oder da ist eine Wand. Ich weiß nur, dass er noch da ist.»
      «Edwin, wie heißt dein Vater?» Die Stimme Gilberts war eindringlich.
      «Ben.»
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      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Es hat mich sehr überrascht, dass der Junge keine Angst vor dem Mann hat, der ihn gekaugt hat. Und scheinbar nicht viele Gedanken um die anderen im Keller verschwendet... Aber darüber wundert sich der geheimnisvolle Retter(?) ja selbst. Und dann philosphieren die beiden auch schon drauf los, wie wir es von deinen Geschichten kennen und lieben. Wirklich spannend!
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • @RenLi, ich komm einfach nicht dazu, es zu lesen :rofl:
      Habe dich aber nicht vergessen. Ich druck mir den Part nun aus, vll schaffe ich es dann!

      Wollte dir diesbezüglich nur bescheitd sagen und mich entschuldigen, dass ich so lange dafür brauche :/
      Damit das hier kein Spam wird Editier ich hier später mein Kommentar rein <3

      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!