Der Sinn des Lebens

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    • Coole Idee. Dann kommt hier wohl dann der nächste Teil der Geschichte rein, wenn ich soweit bin.

      Ausdrucken find ich super, mach ich auch meistens so, vor allem, wenn ich in einer Geschichte aufholen will. Braucht zwar viel Papier, aber ich les einfach lieber auf diese Weise.

      Übrigens noch zur Geschichte: Bitte unbedingt melden, falls jemand findet, dass es zu wenig Handlung und zu viel Philosophisches Geschwätz drin hat. Es wird nämlich zwischendurch noch mal ziemlich schlimm werden. Wenn Richard sozusagen im Unterricht ist. Also einfach Alarm schlagen. Dann versuch ich das Ganze aufzulockern oder umzuschreiben...

      Lg, Renli
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Phuuu, das ist super! Falls es zu viel wird, bitte melden. Aber dann mach ich mal weiter, ohne mir zu viele Sorgen zu machen. Hals über Kopf einfach drauf los, wies grad für mich passt :D

      Also dann, kommt eben doch hier der nächste Teil der Geschichte.


      Jakob, die Aussicht von Emilies Balkon (562 n. Rh.)
      Dicht zusammengedrängt saßen sie in einem Zimmer im oberen Stockwerk, eingewickelt in dicke Decken. Dank Emilie hatten sie sogar Mützen und andere wärmende Kleider, trotzdem froren sie. Sie hat sich auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr blicken lassen, dachte er verstimmt. Das letzte Mal, als er sie gesehen hatte, hatten sie sich darüber gestritten, ob es zu riskant sei, ein Feuer zu machen. Holz hatte es genug und auch einen Ofen, aber Jakob musste zugeben, dass es doch zu leichtsinnig wäre. Selbst wenn sie die Fenster abdunkeln würden, den Rauch könnte man von weitem sehen.
      Er blickte nach draußen. Dicke Flocken fielen unaufhörlich vom Himmel hinunter. Wie in Zeitlupe schwebten sie am Fenster vorbei und landeten auf den Dächern, Straßen und Menschen der Stadt. Wie ungewöhnlich für diesen Ort, dass es so viel Schnee gibt. Wäre Richard jetzt hier gewesen, hätte er sicher eine gute Geschichte zu erzählen gehabt, um ihnen die Zeit zu vertreiben und die Kälte zu vergessen. Jakob seufzte. Es war das erste Mal seit Langem, dass Jakob an den Jungen aus dem Sumpf zurückdachte. Außerdem mochte Jakob Geschichten gar nicht besonders. Mar stupste ihn an. «Was?» Mar strich ihm mit der Hand über die Wange. «Lass, das Mar.» Er wusste zwar, dass er es gut meinte, aber er wollte nicht getröstet werden. «Ich geh mal nach draußen. Du schaust auf die Kleinen, Mar. Seid brav bis ich zurück bin.» Er erhob sich, schälte sich aus den Decken. Die Kinder schauten ihm nach, seine kleine Bande.
      Als er nach draußen trat und die frische Luft in seine Lungen sog, spürte er, wie eine Last von ihm abfiel. Erst jetzt merkte er, wie eingeengt er sich gefühlt hatte. Er streckte sich genüsslich und machte sich daran, über die Mauer zu klettern, die das baufällige Haus umgab. Bevor er sich darüber wagte, warf er vorsichthalber einen Blick die Straße auf und ab, um sicher zu stellen, dass ihn niemand beobachtete. Doch seine Sorge schien unbegründet. Er sprang hinüber und landete federnd im Schnee. Endlich in der Freiheit! Jakob machte einen Luftsprung und rannte in voller Geschwindigkeit die Straße entlang, flitzte um die Ecke, rannte eine schmale Gasse hinunter. Er schlitterte über eine vereiste Stelle und konnte sich gerade noch aufrecht halten. «Phu! Das war knapp!» Ohne Geschwindigkeit zu verlieren lief er weiter, kreuz und quer durch die Straßen, bis er sich völlig außer Atem vor einem großen Eichentor wiederfand. Er schaute daran hoch, das hässliche Gesicht eines steinernen Golems, welches das Tor zierte, schaute ihm höhnisch entgegen. Erst jetzt bemerkte er, wo er stand. Es war das Anwesen von Miss Kornell, wo er den letzten Winter verbracht hatte.
      «Brauchst du was?» Jakob wirbelte herum und starrte in das Gesicht eines bärtigen Mannes mit Kapuze und Mantel.
      «Bestimmt nicht», gab er zur Antwort und wich in eine angrenzende Gasse aus. Als er zurückblickte sah er wie der Fremde durch das Tor trat und dahinter verschwand. Wohin nun? Er wollte nicht in die Kirche, um betteln zu gehen und auch nicht zu Miss Kornell zurück. Was tut Emilie bloß? Vielleicht war er doch zu unfreundlich zu ihr gewesen? Nun, da er nicht mehr rannte, begann er zu frieren. Schon sehnte er sich in ihrem Versteck zurück, doch sein Stolz hielt ihn hier draußen gefangen. Dieser Gedanke machte ihn stutzig. Gab es überhaupt einen Ort, an dem er frei sein konnte? Was war es, das Freiheit eigentlich ausmachte? Wenn sein Stolz es war, der ihn gefangen hielt, was gab es dann sonst noch, das ihn einsperren konnte außer den offensichtlichen Mauern, die von Menschen geschaffen wurden? Plötzlich erinnerte er sich wieder an den Fremden mit dem Turban, den Verbrecher-Guru. Du findest den Sinn dort, wo du ihn niemals suchen wirst. Was für eine Schieße! Wie sollte denn der Kommentar nun weiterhelfen? Er schüttelte sich den Schnee aus den Haaren, der schon zu schmelzen begonnen hatte. Wenn Emilie wenigstens zurückkommen würde. Dann würde sein Leben nicht mehr so trostlos aussehen. «Glück, Unglück, wer weiß», murmelte Jakob und schlug den Weg zu Emilies Haus ein.

      Wenige Tage später kletterte Jakob behände an der Fassade des Hauses hinauf. Dabei halfen ihm die dicken Ranken der Traubenstöcke, die daran hochwuchsen und die vielen Verzierungen, Fenstersimse und Geländer. Herauszufinden, welches Emilies Zimmer war, hatte ihn viel Zeit gekostet, doch eigentlich konnte er sich nicht beklagen, denn in dieser Zeit war auch der Schnee geschmolzen, was sein Vorhaben um einiges angenehmer machte. Er ruhte sich kurz auf einer der mächtigen Ranken aus und spähte zu dem Balkon hinauf, der zu Emilies Zimmer gehörte. Weit war es nicht mehr. „Der Aufstieg ist doch einfacher als gedacht“, murmelte er mit Genugtuung. Mar hatte ständig versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, aber wenn Jakob sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war das unmöglich. Was für ein Gesicht Emilie wohl machen würde, wenn sie ihn sah? Jakob schwang sich über das Geländer ihres Balkons und landete auf allen vieren. Er rieb seine roten Hände aneinander und blies warmen Atem zwischen die klammen Finger. Auch wenn der Schnee geschmolzen war, war es doch noch immer sehr kalt.
      Jakob blickte auf. Das Zimmer hinter den Scheiben lag im Dunkeln. Sie war also noch nicht zurück. Er überkreuzte die Arme auf dem Geländer und sah auf die Straße hinunter, die verlassen dalag. Emilies Zimmer lag auf der Hinterseite des Hauses, wo es viel ruhiger war. Die Vorderseite war richtig pompös mit Springbrunnen, Garten und einem riesigen Tor. Hier hinten fühlte Jakob sich wesentlich wohler. In der Ferne konnte er die Bergkette erahnen, die zwischen der Hauptstadt und dem Meer lag. Ans Meer sollte ich auch mal gehen, dachte Jakob und stellte sich den riesigen Ozean vor, unglaublich, unendlich groß. So stand er da in der Dunkelheit, bis er die Ankunft einer Kutsche hörte. Die Hufe der Pferde hörte man schon von Weitem auf die Steinstraße trommeln, dann das Quietschen der Räder und schließlich menschliche Stimmen, als die Kutsche vor dem Anwesen hielt und die Fahrgäste ausstiegen. Was sie sagten konnte er zwar nicht verstehen, aber er war sich sicher, dass es Emilie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem treuen Hund war. Hund, so nannte Jakob Andre, den Begleiter Emilies. Wie ein dressiertes Hündchen folgte er ihr überall hin, wuselte um sie herum, als hoffe er auf einen Leckerbissen. Sie klagte oft genug darüber, wie schwierig es sei, ihn abzuschütteln. Dabei war er hässlich wie die Nacht. Nein, die Nacht ist nicht hässlich, dachte Jakob entschuldigend. Der Hund war so hässlich wie ein Rabe ohne Federn oder eine alte Frau ohne Zähne, ohne Haare aber mit Pockennarben. So ungefähr. Pockennarben hatte der Hund nämlich tatsächlich. Und seine Zähne standen so schief, dass man sich fragte, wie er sein Essen überhaupt kauen konnte. Jakob grinste bei der Vorstellung und ließ sich hinter einen Stuhl sinken, der auf dem Balkon stand. Schließlich wollte er nicht riskieren, gesehen zu werden. Er musste noch eine ganze Weile so warten, bis schließlich Licht in Emilies Zimmer entzündet wurde.
      Jakob schaute über den Stuhl, doch er konnte nichts sehen, da die Vorhänge zugezogen waren. Plötzlich wurden sie ruckartig aufgerissen, die Tür ging auf und Emilie kam auf den Balkon hinausgelaufen. Sie war nur mit einem feinen Nachthemd bekleidet und zu Jakobs Entsetzen kletterte sie aufs Balkongeländer, gerade so, als wolle sie springen. Wie eingefroren saß er da, starrte zu ihr hinauf, wie sie schwankend dastand. Tut etwas!, brüllte er sich innerlich an. Doch er rührte sich nicht. Sie holte tief Luft. «Nein!» Jakob war aufgesprungen, hatte sie um die Taille gepackt und zurück auf den Balkon gezerrt. Er landete auf dem Rücken, sie auf ihm. Sofort ließ er sie wieder los, weil sie um sich schlug. Sie versuchte, zurück in ihr Zimmer zu kommen, doch er stand ihr im Weg. Sie drehte sich um und wollte schon wieder auf das Geländer klettern, doch er hielt sie fest und zog sie mit sich ins Zimmer hinein. «Was soll das? Willst du dich umbringen?!»
      Sie sah furchtbar aus. Erst jetzt bemerkte er ihre tränennassen Wangen, das zerzauste Haar. Sie sah der Emilie, die er kannte, überhaupt nicht ähnlich. Aber jemand anderem umso mehr. Wie ein Blitz traf es ihn und die Szene aus seiner Kindheit überrollte ihn.
      Rosalie, wie sie schluchzend auf ihrem Bett saß. Die Kleidung und die Haare unordentlich, was so gar nicht zu ihr passte. Ihr erschrockener Blick, als sie bemerkte, dass jemand zur Tür hereinschaute und dann die Erleichterung, als sie ihn erkannte. Sie hatte die Arme nach ihm ausgestreckt und er war zu ihr aufs Bett geklettert. Auch sie hatte ganz zerzaust ausgesehen, seine Rosalie.
      «Geh weg!», presste Emilie hervor. Sie schniefte, wischte die Tränen weg. Er sah, wie sie um Fassung rang. Schließlich verhärteten sich ihre Züge, nahmen den üblichen stolzen Ausdruck wieder an. «Warum bist du hier, Jakob?» Mit verschränkten Armen stand sie da, das Gesicht noch immer vom Weinen gerötet.
      «Hab mit Mar gewettet, ob ich es bis hier hoch schaffe», log er. Er konnte schließlich nicht zugeben, dass er sich Sorgen um sie gemacht hatte, weil sie so lange nicht mehr aufgetaucht war.
      «Du bist wirklich unglaublich, du denkst nur an dich! Warum hast du mich aufgehalten? Ach egal, verschwinde! Hätte ich dich sehen wollen, wäre ich zu euch gekommen!»
      Ihre Worte trafen ihn, doch er wollte nicht kleinbeigeben. «So wie du aussiehst, kannst du auf jeden Fall meine Hilfe gebrauchen. Stell dich nicht so an, Emilie. Erzähl mir lieber, was los ist.»
      Doch sie schob ihn zur Balkontür. «Kannst du dir auch nur im leisesten ausdenken, was passiert, wenn man dich hier findet? Wie idiotisch kann man sein? Verschwinde endlich, sonst werfe ich dich vom Balkon runter!»
      Er trat nach draußen. «Das passt gar nicht zu dir, Emilie. Du bist mutig, gerecht und weißt immer wo’s langgeht. Komm besser wieder zu uns, die Kleinen machen sich Sorgen.»
      Doch sie fauchte ihn nur an. Schnell schwang er sich übers Geländer. «Woher willst du wissen, wie ich bin?!», schrie sie hysterisch.
      «Ich beobachte dich, ständig. Ich kenne dich besser als du denkst», rief er hinauf. Doch er wusste nicht, ob sie es noch gehört hatte, denn im nächsten Moment hörte er, wie die Balkontür zuschlug.

      Jakob schlich sich davon. Fluchend strich er durch die Straßen. Er hatte es vermasselt. Warum war sie so wütend geworden? So hatte er sich ihr Wiedersehen wirklich nicht vorgestellt. Er hatte sie aus den Klauen ihres besitzergreifenden Vaters befreien wollen. Doch nun hasste sie ihn womöglich. Hatte sie sich wirklich umbringen wollen? Was hatte sie sonst da oben vorgehabt?
      Schon drehte er sich um, um wieder zurück zu gehen und nochmals mit ihr zu reden. Doch er traute sich nicht. Hin und hergerissen blieb er stehen. Er hätte sich von Anfang an nicht auf das Ganze einlassen sollen. Wenn er im Sommer weggegangen wäre, wäre er nun weit oben im Norden, wo der Winter nicht so kalt war wie hier. Aber nun fesselte ihn die Verantwortung für vier Kinder an diesen gottverlassenen Ort. Jakob malte sich aus, was passieren würde, wenn er einfach loszog. Aus der Stadt, Richtung Meer vielleicht? Aber wie verlockend die Vorstellung auch war, die Kinder allein in dem Haus zurücklassen konnte er nicht. Gerade jetzt wo die Menschen auf sie aufmerksam zu werden begannen. Und wo Emilie so seltsam drauf war. Wir sind eine Bande, die Kleinen verlassen sich auf mich, dachte er. Also ging er zurück, entmutigt von den Neuigkeiten, die er überbringen musste.
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      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Oje, jetzt wird es aber tragisch! Da will wohl jemand nicht mehr, dass sie ihre Jungs trifft. Und schlimmeres, wenn es sie so weit treibt! Ich möchte sie in den Arm nehmen und trösten und herausfinden, was los ist! :(

      RenLi schrieb:

      Holz hatte es genug und auch einen Ofen, aber Jakob musste zugeben, dass es doch zu leichtsinnig wäre.
      Warum? In einem Ofen Feuer zu machen ist vermutlich sicherer, als im Winter keines zu haben. Die Wärme ist wichtig, nicht nur um das Erfrieren, sondern auch um Kranlheiten zu verhindern, Medizin und gutes Essen können sich die Jungs wohl kaum leisten... :)
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • Hi Windweber. Ja, Emilie hat ein hartes Los gezogen. Sie wird später wieder vorkommen. Ein turbulentes Leben wartet auf sie, aber sie wird noch eine coole Rolle bekommen wenn sie älter ist- denk ich, wenn es ungefähr so läuft, wie ich es mir vorstelle.

      Mit dem Feuer, ja, da hast du Recht. Es wär wirklich super, wenn sie ein Feuer machen könnten, aber der Rauch wäre schon recht auffällig. Abdunkeln können sie die Räume zwar, aber irgendwo muss der Rauch ja hin... Ich schreib das oben noch rein.
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      Rumi
    • 25.10.17

      Sooo, hier geht es weiter mit der überarbeiteten Fassung von Edwins Geschichte. Der Abschnitt heisst gleich und es sind auch einige Teile vom Alten drin, aber mit etwas mehr menschlichem Singsang rund herum und einem ziemlich anderen Gilbert (der arme Kerl hat nun ein viel härteres Los gezogen, aber ich mag ihn nun viel besser als früher :) )



      Edwin, Vergangenheit (564 n. Rh.)
      Als er aufwachte, erblickte er die Sterne über sich. Funkelnde Lichter, die ihm zublinzelten. „Du bist wach“, stellte eine Stimme neben ihm fest.
      Edwin setzte sich auf und blickte die Gestalt an, die von flackerndem Feuerschein erhellt wurde. Ein Mann, soviel war sicher. Doch er kannte ihn nicht. Weder war es der Reiter noch sein Opfer.
      „Wer sind Sie?“, fragte Edwin misstrauisch.
      „Keine Angst, ich tu dir nichts. Mein Name ist Talmud. Du musst einen ziemlichen Schreck bekommen haben.“
      „Die Kinder?“, fragte Edwin und blickte sich um. Den Geräuschen nach zu urteilen, befanden sie sich in einem Wald, doch in der Dunkelheit konnte er nicht viel erkennen.
      „Sie sind da drüber und schlafen“, antwortete der Mann und deutete auf ein paar Wölbungen in der Nähe. Tatsächlich konnte Edwin aus dieser Richtung etwas wahrnehmen. Wie weit würde er sein inneres Sehen wohl noch entwickeln können?
      „Und die Banditen?“
      „Wir haben sie gefangen genommen. Sie sind nicht hier, wir wollten sie nicht in eurer Nähe behalten.“
      Erleichterung breitete sich in Edwin aus. „Ihr habt sie also nicht getötet?“
      „Nein. Wir sind keine skrupellosen Menschen wie sie“, schnaubte er. „Wir bringen sie nach Caput, dort werden sie einem Prozess unterzogen. Ich hoffe doch, dass die Pater dann endlich die Augen öffnen.“
      „Wo ist der Reiter?“
      „Du meinst wohl Gilbert. Er ist nicht hier.“ Bitterkeit schwang in der Stimme des Mannes mit.
      „Er ist doch nicht etwa bei den Gefangenen?“, fragte Edwin, augenblicklich war die Beklemmung zurück. Vielleicht würde er den Mann doch noch töten. Den brennenden Hass und den Schmerz, die Edwin in dem Reiter gespürt hatte, veranlassten ihn dazu, dem Krieger alles zuzutrauen.
      „Nein, er ist allein unterwegs. Nach allem, was passiert ist, braucht er etwas Zeit für sich.“
      Edwin hätte gerne weitergefragt, aber es gab etwas, das ihn noch drängender interessierte. „Was passiert nun mit den Kindern?“
      „Wir bringen euch nach Caput zu Elvira ins Waisenhaus. Ein paar können wir vielleicht sogar wieder zu ihren Familien zurückbringen, wenn sie denn noch Angehörige haben.“ Der Mann lehnte sich zurück und musterte Edwin. „Wie heißt du?“
      „Edwin, aber mich könnt ihr zu keiner Familie zurückbringen“, sagte er trocken.
      „Hast du denn gar keine Angehörigen mehr? Auch keine Tante oder einen Onkel?“
      „Ich kann sie nicht finden.“ In dem Moment flackerte ein Hoffnungsschimmer in ihm auf. „Aber vielleicht habt ihr meinen Bruder gesehen! Er heißt Richard!“
      Der Mann überlegte. „Wie alt ist er denn?“
      „Er ist etwa vierzehn.“
      „Nein, tut mir leid. Soweit ich weiß, gibt es keinen Jungen namens Richard im Waisenhaus. Aber ganz sicher kann ich mir auch nicht sein. Es gibt inzwischen so viele Kinder dort, da verliert man schnell den Überblick.“
      Enttäuscht ließ Edwin den Kopf hängen, Tränen trieben in seine Augen. Er hätte Richard so gerne wiedergesehen! Nun da er nicht mehr in dem Keller eingesperrt war, konnte er sich vielleicht auf die Suche nach ihm machen. Während er in der Dunkelheit gesessen hatte, hatte er immer wieder darüber nachgedacht, wie er ihn wiederfinden konnte. War es nicht möglich, dass Richard noch immer in der Hütte beim Sumpf war und auf ihn wartete?
      Talmud holte ihn in die Gegenwart zurück. „Du scheinst Gil ziemlich aus der Fassung gebracht zu haben. Was ist da passiert?“
      Kurz hatte Edwin Mühe, dem Gespräch wieder zu folgen, doch dann sprudelte er aufgeregt los: „Er wollte den Mann töten!“
      „Ja, da hast du wohl recht. Wer hätte gedacht, dass wir ausgerechnet auf diesen Mann treffen würden. Glaub mir, Gilbert ist im Grunde kein schlechter Mensch. Aber er hat vieles durchgemacht, was andere sich gar nicht vorstellen können. Normalerweise würde er nicht so auf einen anderen Menschen losgehen“, versicherte ihm Talmud.
      Edwin nickte. Als er den Reiter berührt hatte, hatte er einen kleinen Einblick in sein Inneres erhalten. Das hatte ihm mehr gesagt als Worte es vermocht hätten. „Er hat den Mann also gekannt? Was ist denn passiert, dass er ihn so sehr hassen muss?“
      „Das fragst du ihn besser selber – oder nein, frag ihn nicht.“ Talmud seufzte. „Er braucht Zeit. Obwohl…“ Der Mann musterte ihn unergründlich. „Du scheinst etwas in Gilbert ausgelöst zu haben. Erzähl mir genau, was da vorgefallen ist.“
      Edwin schilderte, wie der Reiter den Banditen beim Vorbeireiten an der Schulter verwundet hatte und dann zurückgekehrt war, um ihn zu töten. „Als ich dazwischen gegangen bin, dachte ich schon, er tötet mich.“ Edwin schauderte.
      „Unglaublich. Du hast dich tatsächlich zwischen sie gestellt? Weshalb?“
      Edwin zuckte mit den Schultern. „Wer sonst hätte ihm helfen können?“
      Der Mann fuhr sich über die Stirn. „Was soll man davon halten? Hattest du denn keine Angst?“
      „Doch, unglaubliche Angst“, antwortete Edwin.
      Der Mann blies pfeifend den Atem aus. „Und weiter?“
      Als Edwin von dem Feuer erzählte, unterbrach Talmud ihn wieder. „Was sagst du? Du hast Feuer gerufen? Soll ich dir das etwa glauben?“
      „Ich weiß auch nicht, wie es geht. Das Feuer ist in mir, seit ich in den Waldbrand geraten bin.“
      „Langsam, langsam. Nun wird mir die Geschichte etwas zu viel“, sagte der Mann und hob die Hände.
      „Das klingt interessant. Kann ich mithören?“, erklang eine tiefe Stimme hinter Talmud. Der Reiter. Edwin erkannte ihn an dem unterschwelligen Schmerz, der ihm anhaftete. Wie lange hatte er bereits dort zwischen den Bäumen gestanden?
      „Alles klar bei dir, Gil?“, fragte Talmud den anderen.
      „Es ging mir nie besser“, schnaubte Gilbert sarkastisch.
      „Setz dich, die Geschichte scheint gerade spannend zu werden.“ Talmud wies neben sich auf den Boden.
      „Richard ist der bessere Geschichtenerzähler“, wandte Edwin ein.
      „Was hast du da getan, vorhin?“, fragte Gilbert scharf.
      „Wie?“ Edwin war verwirrt.
      „Du überforderst ihn, Gilbert. Lass ihn seine Geschichte von Anfang an erzählen. Gut möglich, dass er der Junge ist, von dem Elvira gesprochen hat“, bemerkte Talmud.
      Die Männer sahen Edwin auffordernd an. Und Edwin begann zu erzählen. Ganz von vorne, an dem Tag, an dem sein Vater aufgebrochen war, um die Medizin für Onkel Johan zu beschaffen.
      „Was habt ihr dann gemacht, als euer Vater nicht zurückgekehrt ist?“
      „Wir haben uns auf die Suche nach ihm gemacht. Deshalb haben wir den Sumpf überquert.“
      „Mit Magie?“
      „Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass das Magie war. Das können wir einfach“, meinte Edwin. Er hatte noch nie hinterfragt, weshalb seine Familie über den Sumpf gehen konnte und andere Menschen nicht. Er hatte es einfach gelernt. Genauso wie er das Flechten von Körben erlernt hatte.
      Die beiden Männer warfen sich einen Blick zu. Dann bedeutete Talmud ihm, weiterzuerzählen. Als Edwin zu der Stelle kam, an der er im Feuer verschwunden war, unterbrachen sie ihn wieder. „Also wenn das keine Magie ist!“, rief Talmud aus. „Es ist kaum zu fassen. Ein Minderjähriger, der über solche Magie verfügt!“
      „Falls er wirklich die Wahrheit sagt“, wandte Gilbert ein.
      „Glaubst du ernsthaft, er lügt?“, fragte Talmud skeptisch.
      „Nein“, gab Gilbert zu. „Nein, er lügt nicht“, brummte er. „Aber vielleicht war jemand in der Nähe, der ihm geholfen hat.“
      „Die Waldgeister waren da“, sagte Edwin nachdenklich. „Vielleicht haben sie mir geholfen.“
      Die beiden Männer überlegten. „Ist das möglich?“
      „Vielleicht, wer weiß denn schon, was diese kleinen Kerlchen alles aushecken“, meinte Gilbert.
      „Könnt ihr sie etwa sehen?“, fragte Edwin aufgeregt.
      „Ich nicht, aber Gilbert konnte es mal, nicht wahr?“
      Gilbert nickte. „Ist lange her.“
      „Hast du ihnen auch manchmal geholfen?“, fragte Edwin. Er konnte kaum fassen, endlich jemanden gefunden zu haben, der wie er die Naturgeistchen sehen konnte.
      „Nein, ich war wohl zu sehr mit mir selbst beschäftigt“, brummte der Bärtige. „Erzähl lieber, was als nächstes passiert ist.“
      Also erzählte Edwin weiter, wie er gefangen genommen und mit den anderen Kindern in den Keller gesperrt worden war, wie das Feuer aus ihm herausgekommen war und ihn und die Kinder aus dem dunklen Loch befreit hatte. „Und dann bin ich nach draußen…“ Edwin sah Gilbert ins Gesicht. Es war reglos, aber unter der Maske konnte er noch immer den tiefliegenden Schmerz erahnen, der Gilberts ständiger Begleiter war.
      „Weshalb hast du ihn beschützt?“
      „Er war hilflos, natürlich musste ich ihn beschützen“, entgegnete Edwin trotzig.
      „Ist das dein Ernst?!“, brauste der Krieger auf. „Er war ein hundsgemeiner Verbrecher, ein Mörder, ein richtiger Mistkerl! Die schlimmste Sorte Mensch, die man sich vorstellen kann! Und seine Kumpane sind nicht besser. Sie haben dich und wahrscheinlich noch viele weitere Kinder entführt und verkauft. Begreifst du das nicht?!“
      „Doch“, erwiderte Edwin, den der Wutausbruch Gilberts etwas erschreckte. „Das habe ich schon verstanden.“ Er wusste selbst nicht recht, warum er den Banditen hatte schützen wollen. Was Gilbert sagte stimmte, er hatte die Ungerechtigkeit am eigenen Leib erfahren. Aber trotzdem. Er hatte nur das Opfer in dem Mann gesehen, als der Reiter mit dem Schwert hinter ihm her gewesen war. In diesem Moment hatte Edwin nichts Verwerfliches an dem Menschenhändler finden können. Er war einfach ein Mensch in Not gewesen. „Er hat genauso gelitten wie du“, sagte Edwin. „Hast du seinen Schmerz nicht gespürt?“
      Gilbert stutzte. „Was bist du nur für ein Kind?“, fragte er. „Wenn Elvira mich nicht hierhergeschickt hätte, würde ich nicht glauben, was ich höre.“
      „Wer ist sie?“, fragte Edwin neugierig.
      „Sie ist meine Schwester“, antwortete Gilbert. Was war es für ein Gefühl, das in seiner Stimme mitschwang? Bitterkeit? Edwin war sich nicht sicher, aber wenigstens war sein Zorn vorübergehend verraucht.
      Talmud ergriff wieder das Wort: „Du sagst, du hast mit deinem Vater am Rande eines Sumpfes gewohnt. Weshalb an so einem verlassenen Ort? Habt ihr euch dort versteckt?“ Edwin konnte die wachsende Aufregung seines Gegenübers spüren.
      „Wir haben uns nicht versteckt, wir haben einfach dort gelebt. Schließlich mussten wir doch den Reisenden auf die andere Seite hinüberhelfen.“
      „Und dein Vater? Hast du gar nichts mehr von ihm gehört?“, hakte Gilbert nach. Er hatte sich so nahe zu Edwin gebeugt, dass Edwin gar seinen unangenehmen Atem riechen konnte.
      „Nichts, aber er lebt, das weiß ich. Ich spüre es, so deutlich wie ich den Boden unter mir spüren kann. Weshalb interessiert ihr euch für meinen Vater?“, fragte Edwin nun doch etwas misstrauisch.
      „Elvira hat uns gesagt, das Kind, das wir suchen sollen, sei Bens Sohn. Ist es möglich, dass dein Vater Benjamin Rinstein heißt?“
      Edwins Herz schlug höher. Woher kannten die den Namen seines Vaters? „Hat deine Schwester das geträumt?“
      „Das hat sie. Nach all den Jahren ist es das erste Zeichen, welches wir von Ben erhalten. Sag mir, Junge, ist Benjamin Rinstein dein Vater?“, fragte Gilbert mit einem Beben in der Stimme. Edwin nickte. „Ich kann es kaum glauben!“, stieß Gilbert hervor und lachte kurz auf. „Nach all den Jahren! Ich hätte nicht gedacht, je wieder etwas von ihm zu hören. Dabei war er so nahe! Sag mir, hat er dich ausgebildet? Kannst du noch andere Magie wirken, als die Beschwörung von Feuer?“
      Edwin schüttelte verwirrt den Kopf. „Er hat nie von Magie gesprochen. Warum sollte er, wir hatten alles, was wir brauchten.“
      „Wirklich? Dabei habe ich kaum jemanden gesehen, der so mit Magie umgehen konnte, wie er! Und das, obwohl er noch so jung war. Hat er dir je von früher erzählt?“
      Edwin war ganz benommen von der Wendung, die das Gespräch genommen hatte. „Nein, er hat nie von der Zeit gesprochen, bevor er sich mit Onkel Johan am Sumpf niedergelassen hat. Ich weiß nur, dass er in Caput aufgewachsen ist. Kennst du ihn von daher?“
      „Unglaublich. Er hat dir weder Magie beigebracht, noch hat er dir von früher erzählt. Aber du hast richtig geraten. Wir sind tatsächlich zusammen in Caput aufgewachsen. Er war so etwas wie ein großer Bruder für mich.“ Gilbert lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ben, wo hast du dich nur rumgetrieben?“
      „Siehst du, es ist nicht alles so schwarz, wie du glaubst“, sagte Talmud und klopfte Gilbert auf die Schulter. „Wenn Ben noch lebt, dann sieht doch alles etwas anders aus.“ Doch aus seinem Lächeln sprachen Müdigkeit und Trauer.
      „Bitte erzählt mir von der Zeit, als mein Vater noch jung war“, bat Edwin. Erst jetzt merkte er, wie wenig er über seinen eigenen Vater wusste. „Was ist damals geschehen?“
      „Ah, wo soll ich anfangen?“ Gilbert trommelte mit den Fingern auf seine Oberschenkel, während er nachdachte. „Nun, Ben war das einzige Kind eines reichen Händlers und hat in Caput gewohnt. Durch seine erfolgreichen Geschäfte konnte Bens Vater ihn zur Schule schicken. Dort haben er und meine Schwester sich kennengelernt, sie waren im gleichen Alter. Durch sie habe ich Ben dann kennengelernt. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht, obwohl unser Vater dies nie gutgeheißen hat. Er war dagegen, dass wir uns mit Kindern niederer Kasten abgaben. Unser alter Herr war damals im Hohen Rat ein angesehenes Mitglied, er gehörte der Vogelkaste an. Außerdem stand er in engem Verhältnis zum damaligen Eingeweihten. Deshalb hat es ihm gar nicht gefallen, als Markus Aurelius aufgetaucht ist.“
      „Wer ist dieser Markus?“, fragte Edwin. Wie seltsam es war, von der Vergangenheit seines Vaters zu hören. Von alledem hatte er keine Ahnung gehabt.
      Talmud hatte sich an den Stamm eines Baumes gelehnt und lauschte ebenfalls der Erzählung seines Gefährten.
      „Er war, oder ist – niemand weiß, ob er nun lebt oder schon tot ist – ein großer geistiger Lehrer. Er ist der Mensch, der mich in meinem ganzen Leben wohl am meisten geprägt hat. Er besaß beeindruckende magische Kräfte, doch das war nicht das wirklich Großartige an ihm. Nie bin ich einem vergleichbaren Menschen begegnet. Er ist die Güte selbst. Man kann es nicht beschreiben. Es muss bereits ungefähr zwanzig Jahre her sein, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe und damals war ich noch sehr jung. Aber ich erinnere mich noch gut daran, dass ich nichts lieber tat, als einfach neben ihm zu sitzen. Kaum zu glauben, aber am liebsten wäre ich stundenlang einfach nur in seiner Nähe gewesen. Wenn er da war, dann fühlte man sich leicht und unbeschwert. Als wäre alle Last von einem abgefallen.“
      Edwin hörte aufmerksam zu, er nickte zustimmend. Beinahe konnte er fühlen, wovon Gilbert sprach. Edwin fiel auf, wie sehr sich Gilbert während des Erzählens verändert hatte. Gerade so, als sei er wieder in sein jugendliches Selbst zurückgeschlüpft, welches noch nicht die große Last zu tragen hatte, die er nun schultern musste. „Ben hat sich schon immer seine eigenen Gedanken gemacht. Oftmals hat er sich mit den Erklärungen der Gnosis nicht zufriedengegeben und hat heimlich Bücher gelesen, die eigentlich verboten waren. Und als Markus in der Umgebung von Caput zu predigen begonnen hat, war Ben einer der ersten, der sich ihm anschloss. Durch ihn sind auch meine Schwester und ich auf ihn aufmerksam geworden. Ben hat nicht aufgehört, von dem seltsamen Wanderer zu erzählen, bis wir ihn schließlich einmal begleitet haben. Zuerst dachte ich, Ben sei verrückt geworden, so sehr vernarrt war er in den Mann.
      Treffen konnten wir den Prediger nur heimlich, da unser Vater dies nie gutgeheißen hätte. Den Worten eines Ungeweihten zu lauschen wäre aus seiner Sicht schon eine schwerwiegende Sünde gewesen. Doch wir waren jung und rebellisch. Außerdem habe ich Ben verehrt. Er war mein großes Vorbild.“ Ein Lächeln hatte sich auf das Gesicht von Gilbert geschlichen. Wahrscheinlich hatte er es selbst nicht bemerkt. „Ah, es war eine wunderbare Zeit. Die Aufregung, als wir uns heimlich davongeschlichen haben… Und es ging nicht lange, bis Ben einer seiner besten Schüler wurde. Er und Elvira waren beinahe immer an seiner Seite. Es war die schönste Zeit meines Lebens.“ Gilberts Augen leuchteten, es war, als sehe er Edwin nicht mehr, denn sein Geist weilte in der Vergangenheit. Nun ist er ein vollkommen anderer Mensch, dachte Edwin fasziniert. „Viele konnten es kaum glauben, als dein Vater in die Kaste des Hirsches und schließlich in die Vogelkaste aufgestiegen ist. Er stammte aus einer der unteren Kasten und doch übertraf er viele aus angesehenen Familien. In einem Alter von gerade mal fünfundzwanzig Jahren.
      Aber dann haben die Zeiten der Unruhen begonnen. Die Bekanntheit von Markus hat über die Jahre hinweg stetig zugenommen und immer mehr Menschen kamen, um seine Worte zu hören. Dadurch änderte sich alles, denn auch die Gnosis hatte von Markus gehört und den Gläubigen gefiel nicht, was er predigte. Markus hatte uns gewarnt, dass dies geschehen könne. Obwohl er immer wieder betont hat, dass seine Lehre nicht verschieden von der des Rhamnus sei.“
      Edwin unterbrach ihn. „Von der Gnosis habe ich schon gehört, aber wer ist Rhamnus?“
      „Ben hat dir wirklich gar nichts beigebracht“, entfuhr es Gilbert überrascht, auch Talmud lachte leise. „Der Heilige Rhamnus hat die Lehre in unser Land gebracht, als Gottgesandter. Nach seinem Tod rechnen wir die Zeit, also ist jetzt das Jahr 564 nach seinem Tod.“
      Edwin überlegte. Er war sich sicher, dass Richard so etwas gewusst hätte. Er hatte sich immer viel mehr für solche Dinge interessiert. Schon möglich, dass Vater uns das einmal erzählt hat. „Weshalb hat man gerade seinen Tod und nicht etwas anderes genommen?“
      „Weil er sagte, dass mit seinem Tod der Menschheit die Fähigkeit zum Aufstieg als höhere Wesen zuteil wird. Vorher hatten die Menschen in ihrer Entwicklung nicht weitergehen können. Sie waren auf der Stufe des Menschen stecken geblieben. Aber, wo war ich? Ach ja.“ Gilberts Mine verdüsterte sich. „Markus hat uns eindrücklich gewarnt, ihn nicht falsch zu verstehen. Wir sollten nicht meinen, er spreche gegen den ersten Propheten. Er sei gesandt worden, da die Menschen die Worte von Rhamnus verdrehten und nicht richtig verstanden hätten. Außerdem sei es Zeit, einen neuen Fokus zu setzen, wie er es nannte. Die Menschen seien nun bereit, einen nächsten Schritt zu wagen. Er sagte uns, wir sollten nicht zu viel Aufsehen erregen und niemals die Priester der Gnosis des Unrechts beschuldigen. Doch einige wurden übermütig. Sie sahen sich als die richtigen Geistlichen und beschimpften die Priester. Es ging so weit, dass die Gnosis beschloss, den Störenfried zu beseitigen.“
      „Wirklich? Warum? Hat er denn etwas Falsches getan? War er nicht auch ein Heiliger?“
      „Das stimmt, aber die Gnosis hat in ihm eine Bedrohung gesehen. Weil sie die Lehre von Rhamnus verfälscht weitergibt, wurden sie durch Markus schlecht dargestellt und die Menschen begannen, den Priestern zu misstrauen. Dadurch verloren sie an Macht.“
      „Nicht unbedingt absichtlich“, warf Talmud ein. „Ich glaube nicht, dass die Priester die Lehre absichtlich falsch weitergeben.“
      Gilbert verzog das Gesicht. „Vielleicht nicht alle“, brummte er. „Aber du kannst nicht behaupten, dass die alle nur das Beste für das niedere Volk wollen. Dafür geht ihre Lehre von den Kasten, vom Fegefeuer und der Geschlechterteilung zu gut einher mit der Unterdrückung des Arbeiterstandes und der Frauen.“
      „Wie auch immer“, meinte Talmud und bedeutete Gilbert, mit der Erzählung fortzufahren.
      Gilbert schnaubte, wandte sich dann aber wieder Edwin zu. „Auf jeden Fall waren die Priester nicht glücklich darüber, dass einer ihre Untertanen raubte und so ihre Macht schmälerte. Deshalb lauerten sie Markus und seinen Schülern auf. Es wäre ihnen auch gelungen, ihn zu töten, hätte sich seine Frau nicht zwischen ihn und den Mörder gestellt. Sie starb an seiner Stelle und er konnte fliehen. Soweit ich weiß. Auch einige der Schüler wurden getötet, viele Menschen landeten im Gefängnis, wo sie ‘bekehrt’ oder später hingerichtet wurden. Meine Schwester und ich hatten das Glück, nicht erkannt worden zu sein. Man hat uns nie in Zusammenhang mit dem Meister gebracht, weil wir ihn nur im Geheimen hatten treffen können.“
      „Weshalb? Hattet ihr Angst?“
      „Angst?“ Gilbert lachte bitter. „Teilweise sehr. Unser Vater war sehr streng. Die Schriften des Rhamnus waren für ihn das Höchste und er hätte es nicht zugelassen, dass wir einer Lehre außerhalb der Kirche folgten. Er war an vorderster Front bei der Verfolgung der Anhänger von Markus dabei. Sein enger Geist hat uns damals das Leben schwer gemacht, aber nun ist es unser Glück, dass er so streng war. Da niemand unsere Verbindung zu Markus ahnte, konnten wir nach dem Tod unseres Vaters seinen Namen übernehmen. Elvira wohnt noch immer in Caput, unweit vom Ducatus, dem Hauptsitz der Gnosis und führt nun ein Waisenhaus. Das Anwesen unseres Vaters ist groß genug, um viele Menschen zu beherbergen. Unglaublich, dass wir früher dort alleine mit Bediensteten gewohnt haben.“
      „Was hat Papa getan, als die Gnosis sich gegen euch gewandt hat?“
      „Er wurde verwundet. Eine Zeit lang hat er sich in der Stadt versteckt, bis meine Schwester ihn gefunden hat. Er ist dann vorübergehend bei uns untergetaucht. Aber wir konnten ihn nicht ewig vor unserem Vater verbergen. Deshalb zog er davon. Wir haben ihm noch geholfen aus der Stadt hinaus zu kommen. Er sagte, er wolle in eines der Nachbarländer reisen, wo man ihn nicht kannte. Seither habe ich ihn nicht mehr wiedergesehen.“
      Eine Weile schwiegen sie. Was sein Vater in dieser Zeit wohl getan hatte? Wo war er überall gewesen? Was hatte er erlebt? Irgendwann musste er seine Mutter kennengelernt haben. Hatte er sie in einem anderen Land getroffen?
      „Du hast gesagt, ihr hättet mit Benjamin und einem Onkel zusammengelebt?“, wiederholte Talmud.
      „Ja, Onkel Johann. Habt ihr ihn gekannt?“
      „Von einem Johann habe ich nie etwas gehört“, überlegte Gilbert. „Wie gesagt, dein Vater war ein Einzelkind. Wer war deine Mutter? Vielleicht war er ihr Bruder.“
      Edwin ließ den Kopf hängen. „Ich habe meine Mutter nie gekannt. Sie starb bei meiner Geburt.“
      „Verstehe.“ Mehr sagte Gilbert nicht dazu. Wahrscheinlich war es ihm unangenehm, über so etwas zu sprechen.
      „Ich möchte meinen Vater und Richard finden“, begann Edwin. „Würdet ihr mir helfen?“
      Die Frage schwebte zwischen ihnen, bis Gilbert schließlich nickte. „Wenn Ben irgendwo da draußen ist, dann werde ich ihn finden.“ Er wandte sich an seinen Freund. „Was meinst du, Talmud?“
      „Ich habe ihn zwar nicht persönlich gekannt, aber es gibt keinen Grund, weshalb ich nicht bei der Suche helfen würde.“
      Gilbert hob eine Augenbraue. „Wirklich keinen?“
      „Schau mich nicht so an, Gil. Ich habe längst eingesehen, dass ich den Kürzeren gezogen habe.“
      Nun war es an Gilbert, seinem Freund auf die Schulter zu klopfen. „Sie ist ein elender Sturkopf.“
      „Genauso wie du“, lachte Talmud.
      Edwin konnte dem Gespräch zwar nicht folgen, aber er war zu müde, um nachzufragen. Er gähnte. „Lass uns morgen weitersprechen“, sagte Talmud. „Ich glaube, wir müssen diese Sache alle erstmal verdauen.“
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      von einem Herzen zum andern;
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      wo soll dann eine Türe sein?
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    • Richard, eine kleine Revolte (565 n. Rh.), Winter
      Mit dem Verschwinden des letzten Gastes brach seine liebste Zeit des Tages an. Angenehme Stille legte sich über den sonst so überfüllten Raum. Und das Knistern des Kamins verbreitete eine wohlige Stimmung. Richard säuberte die Tische und den langen Tresen mit einem der löchrigen Lappen, dann stellte er die Stühle hoch, um auch den Boden einigermaßen vom Schmutz des Tages zu befreien. Ned schlief schon längst oben in der Gesindekammer. Er war fürs Kochen zuständig, deshalb hatte er schon früher zu Bett gehen können. Auch Theodor war bereits in seinem Zimmer verschwunden. Seit ein paar Wochen neigte der Wirt dazu, sich etwas gehen zu lassen. Immer öfters überließ er das Gasthaus seinen beiden Knechten, um auszugehen oder früher das Bett aufzusuchen. Richard störte sich nicht daran. So konnte er sich viel freier in der Gaststube bewegen, ohne den stechenden Blick seines Herrn im Nacken. Nur wenn die Kundschaft etwas rau wurde und eine Schlägerei auszubrechen drohte, war Richard froh, wenn Theodor da war.
      Wie jeden Abend vor dem Schlafengehen setzte sich Richard auf ein besonders weiches Kissen vor die Feuerstelle und schaute in die letzte Glut. Magisch wirkten die wunderbaren Formen, die wie Schatten über die Holzstücke zogen. Manchmal meinte er vertraute Gesichter zu sehen, Gesichter, die ihn wehklagend ansahen. Es waren dieselben Gesichter, die ihn auch in seinen Träumen verfolgten. Immer wieder dieselben Träume mit denselben Gesichtern. Er schloss die Augen, doch die Schemen blieben sichtbar, als wären sie in seine Netzhaut eingebrannt. Richard richtete sich gerade auf und konzentrierte sich auf seinen Atem. Seit der Begegnung mit dem Herrn hatte er sich wieder mehr Mühe gegeben, die Übungen zu machen, die sein Vater ihm beigebracht hatte. Aber manchmal war er einfach zu müde oder irgendetwas in ihm hielt ihn davon ab, sich die Zeit zu nehmen. Obwohl er merkte, dass er sich durch die tägliche Übung besser fühlte. Anfangs konzentrierte sich Richard auf seine Nasenflügel. Die Aufgabe war simpel. Er musste sich nur auf die ein- und ausströmende Luft konzentrieren. Der beobachtete den feinen Temperaturunterschied, etwas kühler beim Einatmen, etwas wärmer beim Ausatmen. Als Richard merkte, wie seine Aufmerksamkeit abzuschweifen begann, wechselte er die Übung. Nun richtete er seine Aufmerksamkeit abwechselnd auf seinen Bauch, der sich ruhig dehnte und wieder zurücksank und das Zwerchfell, das mit dem Atem hoch und runter wanderte. Angenehme Ruhe breitete sich in Richard aus. Zwischendurch entspannte er bewusst seine Zunge, wobei er merkte, wie sich dadurch sein ganzer Körper ein wenig mehr entspannte. Ein sanftes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.

      Auch diese Nacht erwachte Richard wieder aus einem seiner schrecklichen Träume. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Hatte er geschrien? Eine Weile lauschte er dem gleichmäßigen Schnarchen seines Zimmergenossen. Er versuchte sich zu beruhigen, doch die Anspannung wollte diesmal nicht von ihm weichen. Immer wieder schoben sich Bilder und Gedanken zwischen ihn und der Ruhe. Und nicht zum ersten Mal wanderten Richards Gedanken hin zu den großen Alkoholflaschen untern in der Wirtsstube. Es war ihnen natürlich verboten, davon zu trinken. Aber Richard hätte zu gern einmal einen Versuch gewagt. Sagte man nicht, dass man von dem Getränk alle Sorgen vergaß? Seine Übungen waren ja schon nützlich, aber sie erforderten auch ständige Praxis. Wie viel einfacher es doch wäre, das selbe Resultat durch dieses wunderliche Getränk zu erreichen. Doch zu oft schon hatte er Männer bedient, die sich in unangenehme Lagen getrunken hatten. Sie tranken zu viel, wurden erst munter, dann griesgrämig oder dreist. Manche sogar gewalttätig. Aber es reizte ihn trotzdem. Die ganze Sache schien sich um das richtige Maß zu drehen. Wenn man es nicht übertrieb, dann konnte der Alkohol eine wunderbare Wirkung entfalten, dachte er. Vor allem, wenn Richard von einem seiner Träume erwachte schweiften seine Gedanken zu diesen magische wirkenden Flaschen hinunter. Wirklich schlimm konnte es nicht sein, denn schließlich kamen dieselben Männer auch immer wieder, um sich erneut zu betrinken. Und er war nicht so dumm, sich zu viel von dem Zeug reinzuschütten.
      Richard warf einen unsicheren Blick zu Ned rüber, der noch immer ruhig vor sich hin schnarchte. Mit klopfendem Herzen erhob er sich, ließ die Beine von der Pritsche baumeln. Er verlagerte sein Gewicht auf die Füße, wobei der Boden leise knarzte. Vorsichtig stand er auf, Ned rührte sich nicht. Ermutigt schlich Richard zur Tür. Er musste sie ein wenig anheben, damit er sie öffnen konnte, doch wenigstens knarrten die Scharniere nicht. Er schlüpfte nach draußen, zog die Tür hinter sich zu. Er stieg die steile Treppe hinunter in den Gastraum, der nun kalt und verlassen dalag. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, schwach drang das Licht durch die schmutzigen Fenster. Soll ich es wirklich wagen? Ob Theodor den Alkohol in meinem Atem riechen wird? Unentschlossen stand Richard vor den Flaschen. Wenigstens ein kleiner Schluck. Das würde gar nicht auffallen. Und danach konnte er einen starken Tee trinken. Vorsichtig öffnete Richard den Schnappverschluss einer Flasche. Bevor er sie an seine Lippen hob, horchte er noch einmal auf Geräusche im Haus. Nichts, nur das Rascheln einer Maus in der Wand zur Küche und das laute Pochen seines Herzens. Er setzte an, trank einen Schluck und hätte beinahe laut Husten müssen. Das Gebräu war abscheulich. Wie kann man sowas trinken? Und dann brannte es auch noch im Hals! Trotzdem musste er grinsen. Schließlich war er bald kein Kind mehr. Mit sechzehn würde er offiziell erwachsen werden und dann würde man ihn in eine der Kasten einteilen. Vielleicht könnte er dann weggehen und ein eigenes Leben beginnen. Richard malte sich aus, dass er reich werden würde und mit einem ganzen Heer von Menschen nach Edwin suchen würde. Wie er seinen kleinen Bruder aus den Fängen wilder Tiere oder der Sklaverei befreien würde und Edwin ihn überglücklich umarmen würde. Oder er würde das Gasthaus von Theodor übernehmen. Schließlich war er sich sicher, in eine höhere Kaste zu kommen als der alte Wirt. Ermutigt trank Richard noch einen Schluck, der jedoch nicht angenehmer als der erste war und stellte die Flasche zurück. Dann machte er sich an die Arbeit. Er entfachte ein neues Feuer im Kamin, stellte die Stühle wieder auf den Boden, öffnete die Fenster und die Eingangstür einen kurzen Augenblick, um die stickige Luft durch frische zu ersetzen. Danach zog er sich seinen Mantel über und ging zur Hintertür raus, die in den kleinen Hof hinausführte. Dort machte er sich dran, Holz zu hacken, denn der Stapel drin war schon wieder beträchtlich zusammengeschrumpft. Der Atem stand ihm in kleinen Wölkchen vor dem Gesicht, so kalt war es am frühen Morgen. Wie verbissen hackte er das Holz in Stücke, bis sein Hemd von Schweiß durchtränkt war. Dann räumte er die Scheite ins Haus und schichtete sie neben dem Kamin ordentlich auf. Er zog die nassen Kleider aus und hängte sie neben das Feuer. Nackt huschte er zum Trog in der Küche, wo er sich mit eisigkaltem Wasser wusch. Schnell rannte er die Treppe hoch in die Gesindekammer, wo Ned doch immerhin schon auf dem Bett saß und verschlafen aus der Wäsche schaute. Richard zog frische Kleider an und verschwand wieder nach unten. Dort setzte er sich in eine Decke gehüllt und mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand vor das Feuer. Irgendwie fühlte er sich berauscht, beinahe schon glücklich. Ob das an den zwei Schlucken von dem schrecklichen Getränk lag? Richard nippte an seinem Tee und legte ein paar Scheite nach. Er sah zu, wie die Flammen an dem neuen Futter leckten und allmählich darauf übergriffen. Er lächelte in sich hinein und beglückwünschte sich zu seiner wackeren Revolte von diesem Morgen
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    • Hey du,

      ich versuche, noch immer deiner Geschichte zu folgen :) Nach wie vor finde ich, dass du eine richtig coole Art hast, wie du schreibst. Es fällt mir jedes Mal wieder leicht, in deine Gescichte einzutauchen und mich von dir mitnehmen zu lassen...das hat irgendwie sowas Selbstverständliches ...ich finde das sehr angenehm! Ein Problem (vielleicht ist es auch ausschließlich meines) zieht sich für mich aber wie ein roter Faden dahin... ich habe echt Schwierigkeiten, das große Ganze zu erfassen. Vielleicht ist das von dir ja auch ein Stück weit gewollt, weil es geht ja um den Sinn des Lebens....und vielleicht gibt es unterm Strich ja auch gar keinen Sinn :) Ich will damit nicht sagen, dass deine Geschichte keinen Sinn ergibt, es ist für mich nur jedes Mal so, als lese ich einen Abschnitt und das nächste Mal lese ich wieder einen anderen Abschnitt....so als, würde sich Kurzgeschichte an Kurzgeschichte reihen. Da sind diese verschiedenen Charaktere und diese Sprünge in den Zeiten...zusammen mit der Zeit, die zwischen den Posts verstreicht, überfordert es mich, den Überblick zu behalten. Sicher würde sich das beheben lassen, indem ich mich jedes Mal wieder auf`s Neue hineinlese und nochmal zurückgehe...aber du weißt ja, wie das ist. Der Mensch möchte am liebsten konsumieren :)

      Ich habe auch keine Idee, wie man das abstellen könnte.Vielleicht ist es ja auch tatsächlich nur mein Problem...ich dachte aber, ich sage es dir, weil du da eine echt coole Story am Start hast, mit jeder Menge Potenzial...

      Wie fast immer, wenn ich sowas schreibe, frage ich mich vor dem Absenden, ob meine Worte es richtig getroffen haben und ob sie richtig aufgefasst werden. Blöde unpersönliche Kommunikation! :) Wir können gerne auch mal per PM kommunizieren, wenn du das möchtest...

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Sei wissend, dass ich noch da bin! :) Ich war sehr krank und konnte nun lange Zeit nicht lesen, aber das habe ich jetzt aufgeholt ;) mir gefällt diese etwas düstere Richtung, in die das Ganze jetzt schwingt. Auch bin ich erleichtert darüber, dass der kleine Edwin aus diesem Loch wieder herausgefunden hat und dann gleich so einen netten Kerl getroffen hat ^^ ich habe das Gefühl, der Vater wird hier noch eine große Rolle spielen, sehe ich das richtig?
      I hate everyone equally.

    • Huiii, wie schön, dass ihr einen Kommentar geschrieben habt! Ich muss zugeben, ich bin da Richard sehr ähnlich, leicht zu verunsichern :)
      @Rainbow ja, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Es hat nicht so, wie in einer normalen Geschichte, ein Problem als Ausgangslage, das es zu lösen gilt. es ist wirklich mehr einfach die Erzählung dreier Leben. Bis jetzt auf jeden Fall. Ich weiss nicht, ob ich das später noch etwas abändern werde. Aber ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Es ist schon ein bisschen angedeutet worden, welche Probleme da eigentlich noch mitschwingen. Aber das merkt man noch nicht richtig, vor allem, weil die drei Kids halt vom ganzen Weltgeschehen nicht sehr viel mitbekommen. Vorläufig.
      Die Sprunghaftigkeit kommt daher, dass ich einen grossen Teil ihrer Leben erzählen möchte und sie über ein paar Jahre hingweggeht. Deshalb kann ich nicht alles so ausführlich schildern. Sonst wird es viel zu lange. Aber im Teil 2 wird das etwas besser.
      Wenn du noch mehr Hinweise hast, dann bin ich sehr froh, von dir zu hören! ob hier oder als PN, wie auch immer...

      @Tnodm0309 du bist also wieder gesund? hoffe, es war nicht allzu schlimm. auf jeden fall schön, dass du noch mitliest!! ja, Edwin hat ziemlich viel Glück ;) und das mit dem Vater hast du richtig erkannt. der kommt noch mehr ins Spiel :D
      hihi, hab noch so viel mit allen vor :saint:
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      Rumi
    • Uff, ich bin raus :S
      Hab zu lange nicht gelesen und bin an manchen Stellen verwirter, als ich es sein sollte XD
      Keine Bange, das liegt eindeutig an mir - das hab ich auch bei meinen Lieblingsbüchern! :rolleyes: Auch da muss ich teilweise 3-4 mal von neuem anfangen, weil ich zu lange nicht gelesen habe und de hälfte der Details erstmal weg ist.
      Da hilft nur eins: Alles nochmal lesen! :love:
      Da freu ich mich aber ehrlich gesagt sogar schon drauf :D Oft bekommt man beim 2. mal lesen ja viel mehr mit.

      Rainbow scheint auch leichte schwierigkeiten zu haben? Ich denke, es kommt daher, dass man nicht wirklich "eintauchen" kann, da ja immer nur Stücke kommen. Aber wenn du hier, wie am Anfang, gefühlte 10 Seiten auf einmal hochlädst, könnten manche sich von der Wall of Text eingeschüchtert fühlen 8o
      Wäre es ein schon fertiges Buch, würde ich es wahrscheinlich in einem Rutsch durchlesen xD

      Deswegen werde ich es wohl so handhaben, dass ich immer etwas warte, bis du ein paar Parts hochgeladen hast. Und dann nehm ich mir ein abend Zeit und les alles auf einmal. <3 Wunder dich also nicht, ich lese hier 100% mit, auch wenn ich wenig dazu schreibe.

      (Ich hoffe, das ist ok für dich? :/ zu sagen "lad nur hoch, irgendwann kommt schon ein Kommetar" kling irgndwie blöde, ist aber super lieb gemeint und im grunde als Kompliment gedacht... :S )

      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!
    • Hallo Aztilith
      Oh, ja, das kann ich nachvollziehen. Ist eine gute Taktik. Aber!! Fang noch nicht gleich von neuem an zu lesen! Ich bin grad am Überarbeiten und in ungefähr zwei Wochen ersetze ich die alten Teile durch die überarbeiteten. Dann heisst Jamie (och, guter alter Jamie) auch überall Jakob und so weiter. Vor allem die erste Szene hab ich etwas umgeschrieben und die zwei Jungs leicht anders dargestellt. Es lohnt sich also noch ein bisschen zu warten, falls du wirklich alles nochmals lesen möchtest.

      an alle:
      Würde es leichter fallen, wenn ich grössere Teile reinstellen würde? Wäre es dann weniger abgehackt?

      Lg, Renli
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      Rumi
    • So, nun kommen wir zum Ende des ersten Teiles. Um einen guten Abschluss zu finden gleich von allen drei Jungs einen Abschnitt.
      Habe auch gleich die korrigierte Version der vorhergehenden Teile reingestellt. Am meisten unterscheidet sich der erste Eintrag, in dem Richard und Jakob sich über den Sinn des Lebens unterhalten. Die anderen sind im Wesentlichen noch gleich geblieben.

      30.10.17
      Okay, Edwins neuer Teil, die anderen beiden (von Jakob und Richard) hab ich nicht überarbeitet...

      Edwin, der Duft des Waldes (564 n. Rh.)
      Am nächsten Morgen wurde Edwin von Talmud geweckt. Es war noch halb dunkel und Morgentau bedeckte das Grass auf der Lichtung. Ein Naturgeistchen beugte sich vorwitzig über eines der noch schlafenden Kinder und machte einen Luftsprung, als es sich im Schlaf bewegte. Der Winzling blickte zu Edwin hinüber, grinste und hopste in den Wald davon. Edwin winkte dem Waldgeist lächelnd nach. Die schwarz gewandeten Männer weckten die Kinder und packten ihre Habseligkeiten zusammen. Edwin schaute in die noch immer beklommenen Gesichter. Wie viele von ihnen würden ihre Familie wohl je wieder sehen? „Gibt es noch mehr Kinder wie sie?“, fragte Edwin an Talmud gewandt.
      „Wir vermuten es. Uns ist inzwischen vermehrt aufgefallen, dass viele Kinder verschwinden, aber wir wissen noch immer nicht, zu welchem Zweck. Anfangs dachten wir, dass sie einfach als Sklaven gehalten wurden, doch es muss mehr dahinterstecken.“
      „Aber ihr sucht sie, oder? Und dann rettet ihr sie, wie ihr diese Kinder gerettet habt.“
      „Das versuchen wir. Aber dies ist das erste Mal, dass wir den Händlern tatsächlich auf die Schliche gekommen sind. Und das auch nur, weil Elvira von dir geträumt hat und uns sagen konnte, wo wir dich finden können.“
      „Weshalb hat sie gerade von mir geträumt?“
      Talmud zögerte kurz, bevor er schließlich antwortete: „Ich glaube, sie versucht schon lange, eine Verbindung zu Ben aufzunehmen. Wahrscheinlich ist sie deshalb auf dich aufmerksam geworden.“
      Sie marschierten los, einen schmalen Pfad entlang durch die Bäume. „Noch mehr, als ich den Kindern helfen möchte, möchte ich Richard finden“, sagte Edwin.
      Talmud nickte verständnisvoll. „Wo würdest du anfangen zu suchen?“
      „Vielleicht ist er noch immer in der Hütte am Sumpf“, mutmaßte Edwin.
      „Denkst du, er hätte so lange auf dich gewartet?“
      Edwin horchte in sich hinein. „Vielleicht.“ Er versuchte, sich in Richards Position hineinzuversetzen. Angenommen, er war den Menschenhändlern nicht begegnet, dann war er alleine in der Hütte angekommen. Bestimmt hatte er ihn gesucht, ihn aber nicht gefunden. Nur gut, dass der Waldbrand die Hütte nicht erreicht hatte. Oder war er nicht in der Hütte gewesen und gar in die Flammen geraten? Angsterfüllt schaute Edwin in seinem Innern nach. Nein, er war noch da. Natürlich. Er hatte seinen Bruder die ganze Zeit über gespürt. Er war nicht tot.
      Sie erreichten den Waldrand, wo der Pfad in eine breitere Straße überging. Gilbert blieb stehen, schaute zum Wald zurück. Auch die anderen machten Halt, Talmud musterte seinen Freund. „Du kommst nicht zurück“, stellte er fest, Gilbert nickte.
      „Mein Zuhause ist in den Bergen, nicht in einer Stadt.“
      Talmud seufzte. „Ich kann dich wohl nicht aufhalten.“ Die beiden Männer umarmten sich. „Lass von dir hören.“
      „Ich nehm Fait mit, wenn’s recht ist.“
      „Klar.“ Talmud ging zu dem Pferd hinüber, das von einem der Männer am Strick geführt wurde. Doch er brachte es nicht zu Gilbert, wie Edwin erwartet hatte. Er nahm etwas aus einer der Satteltaschen. Ein lederner Handschuh, Gilbert nahm ihn entgegen. Das ergab für Edwin zwar keinen Sinn, doch er hatte keine Zeit, sich über einen Handschuh mit Namen Gedanken zu machen.
      „Ich möchte auch mit dir hierbleiben“, platzte Edwin heraus.
      Die beiden Männer schauten ihn überrascht an. „Erzähl keinen Unfug“, erwiderte Gilbert, als er sich wieder gefangen hatte. „Du gehst schön brav mit Talmud und den anderen zu Elvira. Dort ist es warm und gemütlich und sie wird sich freuen, dich zu sehen.“
      Edwin schüttelte den Kopf. „Ich möchte bei dir bleiben. Du hast versprochen, dass du mir bei der Suche nach Richard hilfst!“
      „Ich werde allein nach ihm suchen“, antwortete er ausweichend.
      „Aber du kennst ihn nicht, du weißt nicht einmal, wie er aussieht!“
      Gilbert fuhr sich durch die Haare. „Unmöglich, ich hab mit mir alleine schon genug zu tun.“
      „Bitte!“, flehte Edwin. „Du musst mich mitnehmen!“
      „Bist du dir sicher, Edwin? Das würde bedeuten, dass du draußen in der Wildnis schlafen musst, dass du lange Märsche zurücklegen musst und das Schlimmste, du müsstest Gilbert tagein, tagaus ertragen“, sagte Talmud, am Schluss mit einem Zwinkern.
      Edwin fixierte Gilberts bärtiges, zerfurchtes Gesicht. Der Riese konnte schon furchteinflößend dreinsehen, doch eigentlich war er ein guter Mensch, oder? „Ich komme mit und ich verspreche dir, dass ich mich nicht beklagen werde und alles tue, was du sagst“, beharrte Edwin. „Ich möchte nur meinen Bruder wiedersehen.“
      Gilbert sah ihm ebenso fest in die Augen, schien ihn mit seinen Blicken zu prüfen. Edwins Hände prickelten. Wenn er nun ablehnte, würde er mit in die Stadt gehen müssen, dessen war er sich sicher. „Also gut“, seufzte Gilbert und verwarf hilflos die Arme. „Dann nehme ich diese Plage eben auf mich. Aber es wird nicht gemurrt!“
      Edwin strahlte. „Niemals!“
      „Das werde ich noch bereuen“, stöhnte Gilbert.
      „Pass auf den Jungen auf“, sagte Talmud eindringlich und fasste Gilbert am Oberarm. „Wenn du merkst, dass er nicht für die Wildnis taugt, oder wenn ihr in Schwierigkeiten geratet, dann bring ihn ohne Umschweife nach Caput.“
      Gilbert nickte. „Ich werde ihn wie meinen Augapfel hüten.“
      Sie schauten den anderen nach, bis Gilbert Edwin auf den Rücken klopfte und sich zum Gehen wandte. Ein letztes Mal winkte Edwin, dann folgte er seinem neuen Gefährten in die Schatten der Bäume. Wie hätte er in die Stadt gehen können, wenn er doch hier zu Hause war? Begleitet vom Rauschen des Windes fügten sie sich ein zwischen die dunklen Stämme, die Blätter und die knorrigen Äste des Waldes. Die Waldgeister begrüßten ihn mit freudigem Klackern. Edwin passte sich den wachsamen, leisen Schritten Gilberts an. Auch er ist hier zu Hause, dachte Edwin. Ein Waldgeistchen hüpft vorüber. Edwin lächelte. Auch sie sind froh, dass ich hiergeblieben bin. Zufrieden sog er den Duft des Waldes durch die Nase ein. Angenehm frisch und würzig. Er strich mit den Fingern über die feuchten Moospolster an den Baumstämmen, wunderbar weich. Er merkte, dass Gilbert ihn beobachtete. „Du hast ein natürliches Talent, dich im Wald zu bewegen“, bemerkte er. „Vielleicht werde ich es doch nicht bereuen, dich mitgenommen zu haben.“
      Vor Freude machte Edwin einen kleinen Luftsprung. „Ich werde mir alle Mühe geben!“, versprach er grinsend.
      Gilbert hob eine Braue. „Ich nehme alles wieder zurück. Solche Luftsprünge verscheuchen das Wild.“
      Edwin zog eine Schnute. „Die Waldgeister machen sogar Purzelbäume und trotzdem verschrecken sie niemanden.“
      Der Krieger musterte Edwin aufmerksam. „Bist du dir sicher, dass du mit mir unterwegs sein willst? Ich bin kein guter Mensch. Die Dunkelheit in mir reicht tief.“
      Edwin war sich nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Was er in Gilberts Augen sehen konnte, war Schmerz. War es das, was er als Dunkelheit bezeichnete? „Hab keine Angst. Ich werde auf dich aufpassen“, versprach Edwin.
      Kurz zeigte sich Überraschung auf Gilberts Gesicht, die jedoch schnell in Belustigung umschlug. „Abgemacht, Edwin. Du wachst über die dunklen Abgründe meiner Seele und ich sorge mich um unser körperliches Wohl. Als erstes sollten wir uns etwas zu Essen besorgen.“
      „Was willst du denn essen?“, fragte Edwin.
      „Ich bin kein schlechter Jäger“, antwortete Gilbert und lachte, als hätte er einen Witz gemacht. „Zudem haben wir Fait an unserer Seite. Folge mir und lerne.“
      Edwin beäugte den Bogen und den Köcher mit Pfeilen, die Gilbert bei sich trug. Bisher hatte Edwin nur sehr selten Fleisch gegessen. Onkel Johann hatte manchmal Fallen im Wald aufgestellt, um kleinere Tiere zu erbeuten, aber sie hatten selten etwas gefangen und Vater war der Meinung gewesen, dass es besser sei, die Tiere in Ruhe zu lassen. Und wie ein Handschuh ihnen beim Jagen helfen sollte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen.
      „Du wirst dich doch nicht etwa schützend vor unsere Beute werfen?“, fragte Gilbert, dem Edwins Blick offensichtlich aufgefallen war.
      Edwin legte den Kopf schief. „Müssen wir denn Fleisch essen?“
      „Wenn du im Wald überleben willst, ja. Von Wurzeln und Beeren wirst du nicht satt.“ Edwin spürte, dass Gilbert zwischen Belustigung und Ungeduld schwankte. Vielleicht war es besser, ihm fürs Erste zu folgen. Schließlich konnte er selbst zumindest im Moment keine Alternative bieten.
      „Gut, ich bin einverstanden.“
      Gilbert hob eine Braue. „Dann ist dies deine erste Lektion als Jäger. Zuerst musst du lernen, dich selbst unsichtbar zu machen. Du musst lernen, mit dem Wald zu verschmelzen, dich lautlos zu bewegen. Nur deinen Geruch kannst du nicht vollständig überdecken.“ Gilbert nahm eine Handvoll Dreck vom Boden und schmierte sein Gesicht und seine nackten Arme damit ein. Edwin tat es ihm gleich. Die feuchte Erde war kühl auf seiner Haut. „Wenn du einer Beute nahe bist, dann achte immer auf den Wind. Wenn er von hinten weht, werden die Tiere dich riechen. Und nun lausche.“
      Edwin konzentrierte sich auf die Geräusche des Waldes. Vogelgezwitscher. Hier und dort ein Rascheln. Das Lied des Windes in den Baumkronen. Weit weg das Rauschen eines Baches. Gilbert legte einen Finger an die Lippen. Beinahe lautlos drangen sie weiter ein in das Meer aus Bäumen.


      Jakob, Flucht (562 n. Rh.)
      Jakob sprang in riesigen Sätzen über die farbigen Dächer der Stadt hinweg. Federleicht landete er auf dem einen, stieß sich ab, sauste durch die Luft und landete auf dem nächsten. Doch das Wasser stieg und stieg. Schon hatte es die Giebel der kleineren Häuser erreicht. Von weitem hörte er Mar nach ihm rufen. Er schaute sich um und sah ihn im Wasser treiben. Jakob änderte seinen Kurs und steuerte auf Mar zu, doch er merkte, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Er musste sich entscheiden. Alleine fliehen oder mit seinem Freund untergehen.
      Etwas rüttelte ihn heftig. Jakob war augenblicklich wach. Mar saß neben ihm, Jakob erkannte seine Silhouette, die sich vor dem Fenster abzeichnete. Gemeinsam lauschten sie. Da waren Schritte. Unverkennbar das Knirschen von Stiefeln auf frisch gefallenem Schnee. Mar und Jakob wechselten einen Blick, Jakob nickte. Er weckte Seraphina, Will und Hagar, während Mar ins Nebenzimmer schlich. Dort lag ein Haufen dürrer Äste und alter Bretter, der nur darauf wartete, angezündet zu werden. Was für eine Ironie, dass es nun wunderbar warm werden würde, jetzt, da sie es nicht mehr genießen konnten.
      Während Mar den Haufen entzündete, war Jakob bereits mit den drei kleinen Kindern in einen Raum auf der anderen Seite des Hauses gelaufen. Dort lag ein zusammengeknüpftes Seil neben dem Fenster. Jakob hob das erste der Kinder aufs Fensterbrett und schlang das eine Ende des Seils um dessen Oberkörper. Seraphina verzog den Mund zu einem schmalen Strich, wie sie es manchmal bei Emilie gesehen hatte und ergriff das Seil tapfer mit beiden Händen. Sie stieg über die Kante und ließ sich an der Wand hinuntergleiten. Jakob gab Seil nach, die Kleine glitt tiefer. Das war anstrengender, als er gedacht hatte. Er ging in die Hocke und stützte sich an der Wand unterhalb des Fensters ab, damit er nicht rutschte, gab Seil nach. Auf einmal war das Gewicht verschwunden. Er stand auf und schaute hinunter. Sie war bereits dabei, den Knopf am Seil zu lösen. Das geht zu langsam!, fluchte er innerlich und lauschte ins Haus hinein. Doch er hörte nichts.
      Das Seil war los und er zog es eilig zu sich hinauf. In seiner Vorstellung war das alles viel schneller gegangen. Er band das nächste Kind fest, Hagar. Jakob schaute auch Will an und winkte ihn zu sich. Irgendwie würde das schon klappen. Es musste klappen. Er band beide zusammen an das Seil und die Kinder stiegen gehorsam durch das Fenster nach draußen. Sie vertrauen mir, schoss es Jakob durch den Kopf. Beinahe hätte er geflucht. Wieder ging er in die Hocke, nun baumelten beide in der Luft. Das Seil schnitt ihm schmerzhaft in die Handfläche. Er hörte lautes Klirren von unten. Jakob grinste angespannt. Die Stadtwachen hatten wohl gerade die erste Hürde erreicht. In diesem Moment der Unachtsamkeit entglitt ihm das Seil. Unkontrolliert schlitterte es durch seine Finger, riss die Haut auf. Ein spitzer Schrei war von draußen zu hören. Da packte ihn jemand von hinten. Einen Schreckensmoment lang dachte Jakob, es sei einer der Wachen, doch es war Mar, der nun mit ihm das Seil festhielt. Gemeinsam schaffen sie es, die Kinder relativ sanft abzusetzen. Sie zogen das Seil wieder nach oben. Jakob konnte nur hoffen, dass niemand den Schrei gehört hatte.
      Nun war Mar an der Reihe. Doch dieser wollte sich nicht festbinden lassen. Er schüttelte den Kopf und zeigte auf Jakobs Hände. Blutige Striemen zogen sich darüber. Jakob riss ein Stück Stoff von seinem eh schon zerschlissenen Hemd ab, wickelte ihn um die Hände und stieß Mar Richtung Fenster. Sie hatten keine Zeit für sowas! Widerwillig ließ Mar sich das Seil umbinden. Halblaute Stimmen waren nun von unten her zu vernehmen, viel zu nah! Endlich kletterte Mar hinauf, Jakob machte sich bereit, seinem Gewicht entgegen zu halten. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht ließ er Mar die Wand hinunter gleiten, da hörte er, wie eine Treppenstufe knarrte. In dem Moment stürzte er rückwärts und landete auf dem Hintern. Zuerst wusste er nicht, was passiert war, doch dann bemerkte er, dass er nur noch ein kurzes Stück Seil in den Händen hielt. Unten hörte er einen dumpfen Aufprall. Panisch stürzte Jakob ans Fenster. Er beugte sich hinaus, am liebsten hätte er gerufen, doch er hielt sich zurück. Er konnte die vier Kinder unten kaum erkennen, die Sicht reichte nicht aus, um zu beurteilen, ob alles in Ordnung war. Er hatte auch gar keine Zeit, sich um die vier zu Sorgen, denn er selbst musste nun schleunigst weg von hier. Wie hatte er sich das eigentlich vorgestellt? Irgendwie hatte er sich in seinem genialen Plan nicht überlegt, was er an dieser Stelle nun machen würde. Selbst wenn das Seil nicht kaputt gewesen wäre.
      «Feuer!», rief plötzlich jemand von Flur her. Stimmt, das war ja auch noch. Unglaublich, dass er den beißenden Rauch bis eben noch nicht wahrgenommen hatte. Nun war plötzlich niemand im Haus mehr um Stille bemüht. Schreie gellten durcheinander, Füße polterten achtlos über die alten Dielen. Jakob rannte zur Tür, hier wurden Gestank und Rauch stärker. Ein Mann rannte dicht an ihm vorbei, sah ihn jedoch nicht. In der Verwirrung schaffte Jakob es, unbemerkt nach unten zu kommen. Er wich dem Scherbenhaufen aus, den die Eindringlinge hinterlassen hatten und war bereits an der Hintertür angekommen, doch diese ging auf, ehe er die Klinke berührt hatte. Eine Gestalt rannte in ihn hinein und riss ihn mit sich zu Boden. Verbissen rangen sie miteinander, bis es Jakob gelang, den anderen mit den Knien auf dem Boden zu fixieren. Er erkannte, dass es Mar war, der sich unter ihm wand. «Du Idiot!», zischte er und ließ ihn los. Er half ihm auf. Die anderen drei Kinder drängten sich zu ihnen.
      Sie verließen das Haus, rannten durch den knöchelhohen Schnee auf die Mauer zu. «Dort, dort unten!» Wilde Rufe folgten dem ersten, doch Jakob und seine Bande waren bereits auf der Mauer. Er und Mar halfen den drei kleineren hinunter, packten sie an den Händen und liefen die Straße hinauf. Jakob führte die Truppe an, es gab nur einen Ort, zu dem sie nun gehen konnten. Auch wenn es ihm nicht gefiel und auch wenn er es so lange wie möglich hinausgezögert hatte, aber nun sah er keine andere Möglichkeit mehr, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Seit Emilie nicht mehr zu ihnen kam, waren sie noch viel magerer geworden, als sie es ohnehin schon gewesen waren. Und die ständige Kälte machten ihnen zu schaffen. Es glich schon einem Wunder, dass sie überhaupt noch so schnell rennen konnten.
      Jakob wählte nicht den kürzesten Weg zu Miss Kornells Haus, auch wenn er es gern getan hätte, denn seine kleinen Freunde sahen nicht allzu munter aus. Denn durch den frischen Schneefall konnten sie es nicht riskieren, direkt zum großen Eichentor zu spazieren. Für die Wachen wäre es ein Leichtes, dieser augenfälligen Spur zu folgen. Also schlugen sie den Weg ins Kneipenviertel ein, dort war auch zu dieser späten Stunde noch immer etwas los. Ihre Fußspuren würden einfach zwischen den anderen verschwinden. Unterwegs begegneten sie ein paar lallenden Säufern, die durch die Straßen torkelten. Vielen Dank, meine Herren, dacht Jakob und rannte an den Männern vorbei.
      «Jakob, Jakob!», rief Seraphina. Er schaute zurück. Mar, der Will auf dem Rücken trug war zusammengebrochen. Jakob eilte zu ihnen. Er hob Will auf seine Schultern und zog Mar hoch. «Komm schon, es ist nicht mehr weit. Bald haben wir’s geschafft.» Mar raffte sich zusammen.
      Sie kamen nun langsamer vorwärts. «Mar, kennst du das große Haus, nicht weit vom Sitz der Gnosis? Es ist von einer mächtigen Mauer umgeben und der einzige Eingang ist ein riesiges Eichentor. Mit einem steinernen Golemkopf darüber.» Mar nickte. «Bring die Kinder da hin. Ich muss sehen, ob die noch hinter uns her sind.» Doch Mar schüttelte den Kopf und beschleunigte seine Schritte.
      «Du darfst uns nicht allein lassen, Jakob!» Seraphina ergriff seine Hand und zog ihn vorwärts. «Wir können noch schneller gehen.»
      Doch Mar stolperte schon wieder, Jakob kriegte ihn noch am Kragen zu fassen, damit er nicht fiel. Vielleicht hat ihm der Sturz doch zugesetzt, dachte Jakob bitter. «Ich kann selber weitergehen», warf Will ein. «Jakob, lass mich runter.»
      «Verdammt, ihr seid einfach zu tapfer! Na gut, versuchen wir’s.» Jakob ließ Will auf den Boden, lange hätte er ihn auch gar nicht mehr tragen können. Er merkte selber, wie seine Kräfte nachließen. So kämpften sie sich weiter durch die Nacht. Sie hatten das Kneipenviertel bereits verlassen und umrundeten nun den großen Platz, der sich vor dem Sitz der Gnosis ausbreitete. Immer wieder blickte Jakob zurück, doch er konnte niemanden sehen. «Nicht mehr weit», keuchte er. Bald, bald, nicht mehr weit, klang es in seinem Kopf nach. Jetzt versuch ich mich schon selber zu beruhigen, dachte er.
      Kurze Zeit später standen sie vor dem Eichentor. Jakob konnte es kaum fassen. Er hämmerte dagegen. «Ist da jemand?», schrie er den Steingolem an. Zuerst passierte gar nichts, dann öffnete sich eine kleine Luke über ihm im Tor.
      «Wer ist da?», fragte eine Mädchenstimme.
      «Jakob. Vielleicht kennst du mich, ich war vor einem Jahr schon mal hier.»
      «Keine Ahnung, einen Jakob kenne ich nicht. Und was sind das für welche?»
      «Das ist meine Familie. Mar, Seraphina, Will und Hagar. Bitte, lass uns rein. Wir sind verdammt noch mal halb verfroren und völlig am Ende.»
      «Ich muss erst fragen.»
      Jakob riss der Geduldsfaden. «Das kannst du doch auch nachher noch machen!», schrie er wütend. Er ballte seine klammen Hände zu Fäusten. Seine Füße spürte er kaum noch. «Siehst du nicht, wie klein die hier noch sind?! Wir sind durch die halbe Stadt gerannt, um herzukommen. Und Mar ist aus einem Fenster gestürzt.»
      «Bitte, Miss, es ist so fürchterlich kalt», flehte Seraphina.
      Das Fensterchen wurde zugeknallt. «Ist das dein Ernst!?», schrie Jakob.
      Doch schon war ein Rasseln zu hören, dann ein Quietschen und das Tor setzte sich in Bewegung. Die Kinder stürzten hinein, in den Garten von Miss Kornells Haus.

      Richard, Unheilverkündend (566 n. Rh.), Winter
      Immer öfter blieb der Wirt aus und allmählich wurde es zur Last, die ganze Arbeit zu zweit zu bewältigen. Wenn Theodor sich dann mal blicken ließ, war er übel gelaunt und schimpfte wegen jeder Kleinigkeit. Oftmals war Richard drauf und dran, einfach wegzugehen. Aber wohin? In die Hügel, flüsterte eine leise Stimme in seinem Inneren. Suche nach David, flüsterte sie. Doch er hörte nicht hin. Er wollte nicht hören. Denn hier hatte er wenigstens ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen. Er kannte sich aus in der winzigen Welt der Wirtsstube und der paar Straßen im nächsten Umkreis. Das gab ihm wenigstens ein vages Gefühl von Sicherheit. Seit er hier war, hatte er die Mauern der Stadt kein einziges Mal mehr gesehen, so weit weg hatte er sich nicht gewagt. Und Ned war ein ruhiger und fleißiger Arbeiter. Sie redeten kaum miteinander, besprachen nur das Nötigste. So blieb Richard viel Freiraum. Doch es gelang ihm immer weniger, diesen sinnvoll auszunutzen. Auch seine Übungen wollten nicht mehr gelingen. Früher, zu Hause mit seinem Vater, Onkel und Edwin war es so einfach gewesen. Sie hatten sich zusammen in einen Kreis gesetzt und der Raum hatte sich wie von selbst geöffnet und sie in sich aufgenommen. Das waren wunderschöne Augenblicke gewesen. Doch nun, nichts als verblassende Erinnerungen.
      Richard betrachtete die Blume, die neben seinem Bett stand. Sie sah tot aus. Entweder hatte sie hier drin zu wenig Licht bekommen oder er hatte sich nicht gut genug um sie gekümmert. Wenn er noch viel länger hier blieb, würde er auch schon bald so aussehen, dachte Richard. Vielleicht sollte er doch weggehen. Der Mann war nicht wiedergekommen. Er hatte es so sehr gehofft, wie er sich davor gefürchtet hatte. War es vielleicht nur Einbildung gewesen? Der Funke, der auf ihn übergesprungen war und die Energie, die er plötzlich gespürt hatte. Auch diese Erinnerung war bereits am verblassen, wer konnte schon wissen, was davon echt war?
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

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    • Hallo zusammen
      Tut mir leid, dass ich grad nicht so aktiv im Forum dabei bin. Habe wirklich sehr viel zu tun und meistens nur Zeit, die Geschichte im Kopf weiterzuspinnen. Schaue aber immer mal wieder kurz rein und gerade heute hab ich noch einen Prolog zur Geschichte hinzugefügt - in meinen ersten Post. Falls ihr Lust habt, lest ihn doch mal. Die Idee dahinter ist, dass die Geschichte einen roten Faden bekommen soll. Und zwar (unter anderem) die Entführung von Ben.
      Viel Spass beim Lesen :) Ich hoffe, es ist eine Bereicherung für die Geschichte.
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      Rumi
    • Okay, Ostern sei Dank, hab ich wieder mal Zeit fürs Schreiben.
      Bevor es zum zweiten Teil der Geschichte geht hier nochmals eine Zusammenfassung von Teil 1:

      Die Geschichte spielt in einer mittelalterlichen, magischen Welt, in einem Land, das von der Gnosis und dem Hohen Rat regiert wird. Gnosis ist der Name der vorherrschenden Religion. Sie gründet auf dem Heiligen Rhamnus, welcher vor 560 Jahren gelebt hat und nach dessen Tod die Jahreszahlen gezählt werden. Der Hohe Rat besteht aus Bürgern, die eine hohe Stellung in den Kasten annehmen. Das Kastensystem hat sieben Stufen und wurde von der Gnosis eingeführt.

      Richard und Edwin wachsen zusammen mit ihrem Vater Benjamin Rinstein (alias Ben) und ihrem Onkel (Johan) am Rande eines Sumpfes auf. Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen bringen Ben und Johan Reisende über den Sumpf, indem sie mit Magie den Boden verdichten. Für die beiden Kinder ist diese Art von Magie so normal, dass sie sie als etwas Alltägliches wahrnehmen. Edwin ist ein sehr naturverbindener, unbesorgter Junge, der am liebsten in der Natur spielt und Richard bewundert und liebt. Auch wenn ihre Mutter bei Edwins Geburt gestorben ist, empfindet Richard seinem Bruder gegenüber keine negativen Gefühle.
      (560 n. Rh.):
      Eines Tages, als Richard ungefähr zehn Jahre alt ist, kommt Jakob zu ihnen. Er ist ein Junge, etwas älter als Richard, und auf dem Weg in die Hauptstadt Caput. Er möchte herausfinden, was der Sinn des Lebens - oder wenigsten seines Lebens - ist. Diese Begegnung ist sehr prägend für Richard.
      Jakob geht weiter in die Stadt. Dort spricht er mit mehreren Leuten, um den Sinn des Lebens zu finden, doch er wird immer wieder entteuscht. Aus Gründen, die man noch nicht kennt, verachtet er die Anhänger der Gnosis. Man kann nur vermuten, dass es etwas mit seiner verstorbenen Schwester Rosalie zu tun hat.
      Den Winter verbingt Jakob in Fräulein Kornells Haus. Sie ist eine alleinstehende Frau, die sich um Strassenkinder kümmert und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. Doch es gefällt ihm dort nicht, weil es zu viele Regeln gibt.
      (561 n. Rh.):
      Deshalb geht er zurück auf die Strasse, wo er einen stummen Jungen trifft, den er Mar tauft. Drei weitere Kinder gesellen sich zu ihnen. Jakob interessiert sich für Emilie, die Tochter eines reichen Bürgers aus einer hohen Kaste. Da sie Strassenkindern helfen möchte, nicht wie ihr Vater nur mit Almosen, kümmert sie sich um Jakob und seine Band.
      Eines Tages trifft Jakob auf einen Fremden in der Stadt, von dem er sofort sehr fasziniert ist. Der Fremde gibt ihm den Tipp, dass er den Sinn des Lebens da finden werde, wo er nie nach ihm suchen werde. Dies lässt ihn etwas ratlos zurück.
      (562 n. Rh.):
      Von einem Tag auf den anderen taucht Emilie plötzlich nicht mehr auf und als Jakob auf ihren Balkon klettert, um nach ihr zu sehen, gelingt es ihm gerade noch, sie von einem Selbstmordversuch abzuhalten. Sie wirft ihn hinaus, er geht, obwohl er eigentlich nicht will.
      Sie kommt nicht mehr und sie müssen ihren Unterschlupf verlassen, weil Stadtwächter erfahren haben, dass sie sich in dem verlassenen Haus aufhalten. Sie fliehen zu Fräulein Kornell, wo sie aufgenommen werden.
      (564 n. Rh.):
      Als Richard 14 ist, wird Onkel Johan krank. Da sie Geld für Medizin brauchen, muss Ben einen Auftrag alleine annehmen, obwohl es gefährlich ist, alleine Passagiere über den Sumpf zu bringen (den Boden zu verfestigen braucht viel Konzentration und kann anstrengend sein, ausserdem gibt es gefährliche Viecher im Sumpt). Er kommt nicht zurück, da er von seinen 'Kunden' entführt und einem dunkel gewandeten Unbekannten ausgeliefert wird (Prolog).
      Richard ist überzeugt, dass sein Vater tot ist. Da sie kein Geld haben, um ihren Onkel zu retten, stirbt dieser.
      Edwin spürt, dass Ben noch am Leben ist und macht sich auf den Weg, den Sumpf zu überqueren, um ihn zu suchen. Richard holt ihn ein und sie gelangen zusammen auf die andere Seite. Dort verlieren sie sich aus den Augen. Richard versteckt sich verängstigt, als er im Dunkeln auf eine Schaar Banditen trifft, die in einen Kampf mit Sumpfmonstern verwickelt sind. Edwin wird von diesen Banditen entführt und mit anderen Kindern in einen Keller gesperrt, von wo aus sie verkauft werden. Er wird von Gilbert, dem Bruder von Fräulein Kornell gekauft. Er erzählt Edwin, dass sie von ihm geträumt hätte und er deshalb gekommen sei, um ihn von den Banditen frei zu kaufen. Edwin erfährt, dass Gilbert seinen Vater Ben gekannt hat. Damals seien sie und Fräulein Kornell beide Schüler eines Mannes namens Markus gewesen. Aus Furcht vor einem Machtverlust hätten die Priester der Gnosis jedoch die Ermordung von Markus angeordnet. Diesem sei die Flucht jedoch gelungen, so auch Ben, den man ebenfalls verfolgt hatte.
      Richard macht sich, nachdem er Edwin nicht finden konnte und für tot erklärt hat, auf den Weg in die Hauptstadt. Auf dem Weg trifft er auf Melanie und ihre Familie. Sie nehmen ihn mit und stellen ihn Onkel Theodor vor, der ihn in seinem Wirtshaus Zu Uriels Bart arbeiten lässt.
      Dort arbeitet er hart.
      (565 n. Rh.):
      Eines Morgens kommt ein Mann in die Wirtsstube und sagt Richard, er solle nach David aus Sala suchen und verschwindet wieder, ohne seinen Namen zu nennen. Richard traut sich jedoch nicht, alleine loszuziehen und sein mehr oder weniger ruhiges Leben wieder aufzugeben. Deshalb bleibt er bei Theodor bis...
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    • So und hier starten wir mit Teil 2...


      Teil 2: der kleine Meister

      Richard, Zelle (566 n. Rh.), Frühling
      Unruhe lag in der Luft. Die anderen Kinder wirkten nervös, einige hatten sich bis ganz vorne an die Gitterstäbe gewagt. Richard hätte gerne gefragt, was los war, doch er hielt sich zurück. Er blieb stumm, wie er es seit Anfang an gewesen war.
      «Psst! Sie kommt», flüsterte ein Junge und das Getuschel verstummte.
      Wer?, dachte Richard und richtete sich etwas auf, um bessere Sicht auf den Flur zu haben. Man hörte Schritte, von schweren Schuhen -ein Wärter. «Sie haben den Händlern einen Jungen abgekauft? Manchmal frage ich mich wirklich, wie eine Frau sich das leisten kann.»
      Der Wärter erschien am linken Rand der Zelle. Kam es Richard nur so vor, oder hielten die Kinder den Atem an? Wer war es, der da kam? Eine Frau trat nach dem Riesen in sein Blickfeld. Sie war klein, wirkte neben dem Wärter selbst beinahe wie ein Kind. Wer war sie? Ihre Erscheinung war seltsam und gab ihm keinen klaren Hinweis auf ihre gesellschaftliche Stellung oder Aufgabe. Ungewöhnlich war ihre Kleidung, mit den halblangen, enganliegenden Hosen, die oberhalb ihrer Hüften gegürtet waren und dem gewobenen Tuch, das um ihre Schultern lag, die Enden lose in den Gürtel gesteckt. Ihre Haltung war äußerst gerade, der Gang geschmeidig und entspannt. Die Haare hatte sie hoch am Kopf zusammengebunden, die Füße waren nackt. «Fräulein Kornell.» Ein Kind streckte seine Hände durch die Stäbe, der Frau entgegen. Zu Richards Überraschung blieb sie stehen, kniete sich nieder und ergriff die kleinen Hände. Sofort schoben sich auch die anderen näher, versuchten, die Frau zu berühren. Unendlich lange schien sie so zu verharren. «Los jetzt. Wir haben nicht ewig Zeit», knurrte der Wärter. «Es gibt Gründe, weshalb die hier sind, das sind keine lieben Lämmchen, Fräulein Kornell.» Richard biss die Zähne zusammen und vermied es, den Wärter anzusehen, der bei diesen Worten in seine Richtung gesehen hatte. Die Frau löste sich von dem Kind und erhob sich.
      «In jedem von uns steckt die Anlage zu einem höheren Wesen, nicht wahr, Mister Hadir. Auch diese kleinen Kinder können die höchsten Kasten erreichen.»
      «Das hängt aber auch von ihren Taten ab, Fräulein Kornell. Aber gut, wir sind nicht zum Streiten hier. Nun wählen sie schon eines aus.» Der Wärter wedelte ungeduldig mit der Hand durch die Luft. «Die Ordnung leidet schon genug unter Ihren Besuchen.»
      «Was ist mit dem Jungen dort hinten in der Ecke, Mister Hadir? Ich glaube, ihn bei meinem letzten Besuch noch nicht gesehen zu haben.» Richard wurde bleich und schaute zu Boden.
      «Der bleibt hier, Fräulein Kornell. Den wollen sie nicht, das versprech ich Ihnen. Üble Geschichte.»
      Richard ballte die Hände zu Fäusten, dass seine Fingernägel in seine Haut schnitten. Mund halten, befahl er sich. Wenn er doch nur nicht so dumm gewesen wäre. Weshalb hatte er auch die ganze Flasche austrinken müssen? «Können Sie mir das erklären, Mister Hadir?»
      «Ein andermal, Fräulein Kornell. Ich möchte die Unruhe nicht noch weiter erhöhen. Wählen sie irgendein anderes aus. Egel welches.»
      «Egal welches? Wenn das so ist… Sebastian, komm mal her.» Ein Junge gleich neben Richard rührte sich, wagte jedoch nicht, sich zu erheben.
      «Der? Ist ein Wiederholungstäter, Fräulein Kornell. Er ist nun schon zum dritten Mal hier.»
      Die Frau nickte. «Ja, das ist mir bekannt.» Sie wandte sich den Jungen zu, Richard sah in ihre grün schimmernden Augen. Ihr Blick bohrte sich in den seinen. Schnell schaute er wieder zu Boden.
      «Sebastian.»
      Sebastian erhob sich. «Ja, Fräulein?»
      «Bist du bereit von hier wegzugehen?»
      Schon stand er bei den Gitterstäben.
      Sie lächelte. Richard schaute wie gebannt auf ihr Gesicht. Es schien ihm, als leuchte es.
      «Verfluchter Heiligenkram», murrte der Wärter und schloss die Tür auf. «Weg da! Alle zurück an die Wand!», bellte er.
      Die Kinder wichen zurück, plötzlich war Richard umgeben von zitternden Leibern.
      «Schau, dass du ja nicht mehr hier aufkreuzt», schnauzte der Wächter Sebastian an. Dieser nickte heftig. Dann machte der Wächter Platz und Sebastian trat in den Flur hinaus. Er ergriff die ausgestreckte Hand der Frau. Sie gehen! Die Frau geht! Bevor er’s sich versah stand Richard auf den Beinen. «Bitte», stammelte er. Doch sie drehten sich weg von ihm. «Fräulein Kornell! Ich hab’s nicht getan! Wirklich, es war nicht meine Schuld! Fräulein Kornell!» Ein letztes Mal traf ihr Blick den seinen, dann waren sie verschwunden. «Frau Kornell! Da waren diese Männer!»
      Die Worte verhallten und mit ihnen die Schritte des Wärters. Er hörte die schwere Eisentür am Ende des Flures zuschlagen, dann war Stille.
      «Verflucht!» Mit aller Kraft schlug Richard gegen die Gitterstäbe.
      «Was hast du denn nicht getan?», fragte eine Stimme hinter ihm.
      «Ach, nichts, lass mich in Ruhe.» Er setzte sich zurück in seine Ecke und schlang die Arme um die Knie.
      Doch das Mädchen folgte ihm. «Weshalb bist du hier?», fragte sie weiter.
      «Geht dich nichts an.»
      «Tu nicht so. Seit du hier aufgetaucht bist, hast du kein Wort gesagt. Aber nun bin ich neugierig. Was hast du zu verbergen?»
      «Hab gestohlen. Bist du nun zufrieden?», sagte er, um sie abzuwimmeln. Aber es war klar, dass sie ihm nicht glaubte, nicht nach dem, was der Wärter gesagt hatte.
      «Ach so?» Sie hob eine Braue und sah ihn zweifelnd an. Trotzdem fragte sie: «Für dich oder jemand anderen?»
      «Es gibt niemanden, für den ich stehlen könnte», antwortete er bitter.
      «Bei mir auch nicht.» Überrascht sah er hoch. «Schau nicht so. Hast du gedacht, du wärst der einzige, der in der Scheiße sitzt? Sieh dich doch mal um. Aber egal. Wenn man auf sich allein gestellt ist, wird man stärker. Ich hatte auf jeden Fall nie Probleme, mich allein durchzuschlagen.»
      «Und doch bist du im Gefängnis gelandet.»
      «Man kann nicht immer Glück haben. Wie heißt du?»
      Er zögerte. Er hatte sich so fest vorgenommen, sich auf niemanden mehr einzulassen. «Lass mich in Ruhe. Es ist nicht gut für dich, wenn du dich mit mir abgibst.»
      «Was soll das nun wieder? Glaubst du, es kann schlimmer werden, als es schon ist? Wir sitzen im Gefängnis. Ist dir klar, was das heißt? Nein, wahrscheinlich nicht. Du bist einfach ein ahnungsloser Straßenjunge, wie alle die Kinder hier. Ihr habt keine Ahnung.»
      «Und du bist anders, ja?» Er hatte eigentlich schweigen wollen, aber nun war die Wut stärker als sein Vorsatz. Nun war sie es, die mit einer Antwort nicht herausrücken wollte.
      «Okay, lassen wir das. Du hast deine Geheimnisse, ich meine. Wir sind quitt“, sagte sie und verschränkte die Arme.
      «Na endlich. Ich dachte schon, du lässt mich nie mehr in Ruhe.»
      «Das hab ich auch nicht vor. Wie heißt du?»
      «Wenn ich es dir sage, verziehst du dich dann wieder?»
      «Klar.»
      Einen Moment überlegte er, ob er einfach lügen sollte. Sie konnte ja schließlich nicht nachprüfen, ob er die Wahrheit sagte. «Richard», sagte er schließlich.
      «Auf eine gute Zeit in Gefangenschaft, Richard. Mein Name ist Emilie.» Sie streckte ihm die Hand entgegen. Doch er hielt sich zurück. Keine neuen Freundschaften, das hatte er sich geschworen.
      «Wie stur kann man sein. Dann eben nicht.» Endlich ging sie.

      «Die Kleine wimmert ja immer noch. Das geht mir fürchterlich auf die Nerven», klagte Emilie.
      Er warf ihr einen finsteren Blick zu. Niemand tröstet das Mädchen, dachte Richard. «Wer möchte eine Geschichte hören?» Die Worte verhallten. Niemand regte sich. Er kam sich dumm vor, spürte, wie er rot wurde. Doch dann merkte er, dass das Wimmern aufgehört hatte. Das Mädchen kam näher. Ein anderes folgte ihm. Zwei weitere setzten sich hinzu. «Was denn für eine? Eine schöne Geschichte?»
      «Klar.»
      «Was ist denn aus deinem Schweigen geworden, Richard?», fragte Emilie wichtigtuerisch. Richard ignorierte sie. Er durchsuchte seinen Kopf nach einer schönen Geschichte. Doch es wollte ihm einfach keine einfallen. Seine Gedanken waren zu sehr mit all dem beschäftigt, was er erlebte hatte. Zuweilen schien es ihm, als gäbe es gar keine schönen Geschichten auf dieser Erde. Da fiel ihm die Geschichte ein, die er den beiden Töchtern von Melanie auf dem Wagen erzählt hatte. Beim Gedanken an Melanie und ihre Familie ging ein schwaches Licht in ihm auf. Es waren gute Leute, aber auch sie hatten ihn zurückgelassen. Das Licht erlosch. «Es war einmal eine Prinzessin, sie hieß Anastasia», begann er. Wenigstens lenkte ihn das Erzählen von seinen eigenen Gedanken ab. Während er erzählte, merkte Richard, wie sich die Atmosphäre im Raum allmählich veränderte. Leuchtende Gesichter sahen ihm entgegen. Auch die Kinder, die anfangs vorgegeben hatten, nicht interessiert zu sein, hörten zu. Doch es würde kein schönes Ende geben. Die Prinzessin wurde nicht glücklich am Schluss. So war das mit dem Leben. Es gibt nicht einfach eine Garantie für einen guten Ausgang.
      "Und dann hat er sie erkannt? Dass er mit ihr getanzt hatte?» Diese erwartungsvolle Stimme. Eigentlich könnte er die Geschichte auch ändern. Warum nicht?
      «Er hat sie nicht erkannt. Aber in diesem Moment hat er sich in sie verliebt.“
      «Echt? Einfach so?»
      «Aber er hat doch die andere Frau geküsst.»
      «Das war seine Schwester», war das erste, das ihm einfiel.
      Die Kinder waren nicht überzeugt. «Der Prinz kam schließlich aus einem anderen Land. Da tat man sowas.» Ein glückliches Ende zu erzeugen war gar nicht so einfach. «Auf jeden Fall musste der Prinz dann gehen. Doch er beschloss, Anastasia wieder zu treffen. Er lud sie zu sich auf sein Schloss ein. Dort gab er sich als ihr persönlicher Diener aus, denn sie sollte ihn kennenlernen und sich in ihn verlieben, ohne dass sie wusste von welchem Stand er war. Er konnte ja nicht wissen, dass sie ihn längst liebte. Sie spielte das Spiel mit und verriet ihm nicht, dass sie ihn längst erkannt hatte. Als Diener zeigte er ihr den Palast, einen Teil des Landes und er nahm sie zu den Spielleuten mit. Dort gefiel es ihr besonders gut. Sie tanzten nächtelang zusammen und schließlich, bevor die Prinzessin wieder zurück in ihr eigenes Land musste, beschlossen sie, zu heiraten. Erst da erzählte er ihr, dass er der Prinz war und sie erzählte ihm, dass sie ihn schon lange liebte, seit sie ihn am Fest in ihrer Heimat hatte tanzen sehen. Als er das hörte, war er überglücklich. Sie heirateten und weil es ihnen bei den Spielleuten so gut gefiel, gaben sie ihren Anspruch auf die Krone auf und zogen mit ihnen durchs Land, von einem Fest zum anderen.»
      «Hatten sie Kinder?»
      «Klar, tonnenweise. Diese lernten dann all die verrückten Tricks der Spielleute.»
      Von diesem Tag an war Richard der offizielle Geschichtenerzähler der Gefängniszelle. Manchmal erzählte er wahre Geschichten, die er von den Reisenden während unzähligen Sumpfüberquerungen gehört hatte, aber meistens erfand er eigene. Es machte ihm Spaß Geschichten zu erzählen. Aber manchmal hatte er auch das Gefühl, es zehre ihn aus. Und die Kinder hungerten stets nach mehr Geschichten. «Erzählt euch doch selbst mal eine Geschichte. Ich mag im Moment nicht», sagte er, als ihn wieder einmal nicht in Ruhe lassen wollten.
      «Niemand erzählt so gut wie du», jammerten sie.
      «Ich hab grad anderes zu tun.»
      «Was denn? Du liegst doch nur da.»
      «Ich denke nach.»
      «Worüber denkst du nach?»
      «Erwachsenenkram.»
      «So alt bist du doch noch gar nicht.»
      «Hört auf, mich zu nerven.» Er scheuchte sie weg. Kinder konnten wirklich anstrengend sein.
      Er dachte an sein Zuhause. Er dachte an Vater, Edwin, Onkel, an die Zeit, in der Mutter noch gelebt hatte. Stundenlang spazierte er in Gedanken durch die vertraute Gegend, lief barfuß über den Kiesweg, drückte mit der flachen Hand die Tür der südlichen Hütte auf, in der sie die meiste Zeit verbracht hatten, fühlte das raue Holz unter seinen Fingern. Aus dem Innern kam ihm der vertraute Geruch vom Feuer entgegen. Sein Vater war da, vertieft in ein Buch. Er blickte auf, als Richard eintrat. Er lächelte, klopfte auf seinen Schoss. Richard schmiegte sich an ihn. Geborgenheit durchflutete ihn. Nirgends fühlte er sich so sicher und geborgen wie auf dem Schoss seines Vaters.
      «Erzählst du was, Richard?» Unsanft landete er wieder in der Realität. «Ich hab gesagt, jetzt nicht!», sagte er scharf. Er wollte sich schon entschuldigen, als Emilie dazwischen sprach. «So läuft das eben nicht, Kleine. In dieser Welt hier gibt es nichts umsonst. Gewöhn dich dran.»
      Das Mädchen schaute erschrocken und enttäuscht drein. «Ich hab doch nichts», stammelte die Kleine.
      «Tja, wer nichts hat, der ist auch nichts wert.»
      Nun schien das Mädchen den Tränen nahe. «Hey, lass das!», fuhr Richard Emilie an. Nur weil sie die älteste hier war, brauchte sie sich nicht so aufzuspielen. «Ich kann selbst für mich sprechen, in Ordnung? Als ob ich etwas fürs Geschichtenerzählen verlangen würde.»
      «Ach, Richard. So wird nie etwas aus dir werden. Aber es ist natürlich deine Entscheidung, ob du dich von anderen ausnutzen lassen willst.»
      Ihre Worte machten ihn wütend. «Ich lass mich nicht ausnutzen! Darum geht’s doch gar nicht. Das sind Kinder, keine verdorbenen Erwachsenen.»
      «Mach dir nichts vor. Der Wärter hat es selbst gesagt, das sind keine Unschuldslämmer. Außerdem wird aus jedem noch so unschuldigen Kind mal ein Erwachsener. Ein gieriger, machthungriger, egoistischer Kinderschänder!»
      «Nicht alle Erwachsenen sind so.»
      «Nenn mir einen.»
      «Mein Vater», antwortete er sofort.
      Sie lachte laut. «Väter sind die Schlimmsten, glaub mir. Sie geben vor, dich lieb zu haben, aber in Wirklichkeit beuten sie dich aus und wenn du nicht mehr zu gebrauchen bist, dann zerbrechen sie dich und werfen dich auf den Müll.»
      «Mein Vater war nicht so!» Sie sollte den Mund halten!
      «Oh doch. Alle Männer sind so. Du wirst es bei dir selbst sehen. Du hast deinen Vater nur nicht gut genug gekannt. Die dunkle Seite in ihm –«
      «Halt den Mund!» Er stieß sie weg. Sie prallte gegen die Wand. Erschrocken sah er sie an. Sie lachte, wie eine Verrückte. «Siehst du, siehst du?! Du bist schon wie er!» Sie stemmte sich hoch. «Bleib ja weg von mir! Ich beiß dich, ich kratz dich, ich brech dir das Genick!» Mit gefletschten Zähnen starrte sie ihn an, gebückt wie ein räudiges Tier. Ohne ihn aus den Augen zu lassen zog sie sich zurück, verkroch sich in eine Ecke der Zelle. Soweit weg von Richard wie nur möglich.
      Seine Wut war verfolgen. Eine Weile stand er fassungslos da, kraftlos, unfähig sich zu rühren. Er hatte es gewusst, er hätte sich nie auf die Kinder hier einlassen dürfen. Langsam und so leise wie möglich ging er zur anderen Seite des Raumes, ließ sich an den Gitterstäben nieder. War es seine Schuld, dass sie so außer sich war? Sie hatte seinen Vater beleidigt. Es war nicht seine Schuld. Sollte sie doch in ihrer Ecke schmoren. Sie war eh ziemlich irre. Vielleicht sogar wahnsinnig. Wer mochte wissen, weshalb sie hier war. Eigentlich sollte er wütend auf sie sein, nicht umgekehrt. Und schon gar nicht sollte er sich wegen so einer schlecht fühlen!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Huch, hab ich irgendwie was verpasst, oder warum sitzt Richard im Knast? 8| Und Emilie auch? Oh man, mit diesem Teil hast du mich Mal wieder gleichzeitig begeistert und verwirrt :D Weißt du, ich würde deine Geschichte ja gerne mal zwischen zwei Buchdeckeln sehen :rolleyes: ich beneide dich schon fast um deinen Erzählstil!
      I hate everyone equally.

    • Juhhuuu! Cool, dass du weitergelesen hast, @Tnodm0309 !! Der Schockmoment hat geklappt, das ist super :) Werde mich nun für eine Weile hauptsächlich auf Richard konzentrieren, also nicht enttäuscht sein, wenn Jakob und Edwin etwas zu kurz kommen. Richard muss jetzt schliesslich durch eine schwere Phase durch und die wollen wir besser hinter uns bringen :P oje, ich leb schon so mit meinen Figuren mit, dass es unheimlich wird :D
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hallo zusammen. Keine Ahnung, ob sonst wer noch mitliest, aber ich stell mal trotzdem den nächsten Teil rein. Wie gesagt, es geht weiter mit Richard.


      Richard, Strafe (566 n. Rh.)
      Seit dem Vorfall mit Emilie hatte er keine Geschichten mehr erzählt. Er saß nur allein in einer Ecke und ließ sich in Erinnerungen treiben. Noch ein paar Mal waren Kinder zu ihm gekommen und hatten um eine Geschichte gebeten, doch er hatte sie so unfreundlich angeschnauzt, dass sie es aufgegeben hatten. Am Rande seines Bewusstseins nahm er wahr, wie die Tür zum Flur aufging und die Schritte des Wärters näherkamen. «An die Wand!», bellte der Riese. Wie so oft kam er, um ein Kind aus der Zelle zu holen. Manche kamen wieder zurück, andere nicht. Schlimme Gerüchte kursierten unter den Gefangenen, doch Richard mochte sie nicht glauben.
      «Richard, komm her.»
      Richard stand auf und ging zum Ausgang. «Nein, Richard.» Überrascht sah er sich nach dem Mädchen um, das gesprochen hatte. Sie hatte seine Geschichten besonders gemocht. «Tut mir leid, Kleine», murmelte er und trat hinaus.
      Der Wärter verschloss die Tür und führte Richard den Flur entlang. Was nun geschehen würde? Was tat man mit einem Mörder in dieser Stadt? Er wollte es nicht wissen. Seltsamer Weise fühlte sich sein Kopf leer an, oder nein, eher wie mit Watte gefüllt. Denken war zu einer Anstrengung geworden, also ließ er es bleiben.
      Richard folgte dem Wärter durch die immer grauen Flure gehorsam bis zu einer ebenso grauen, nichtssagenden Tür. Sie blieben stehen. «Das ist das Arbeitszimmer von Doktor Gilgen. Er wird dich untersuchen. Benimm dich», knurrte der Wärter und klopfte.
      «Herein.» Die Stimme des Arztes klang gedämpft durch die Holztür.
      Der Wärter öffnete und ließ Richard eintreten. «Hier ist er, Doktor Gilgen.»
      «Gut, gut. Sie können gehen, Hadir.»
      «Lassen Sie mich ihn erst festbinden.»
      «Wenn es Sie beruhigt, aber ich bin mir sicher, dass der liebe Richard keine Dummheiten macht, nicht wahr?» Der untersetzte Mann fixierte Richard von unten herauf mit seinen kleinen Schweinsäuglein. Richard sah ihn zwar und er hörte die Unterhaltung, aber die Worte schienen keinen zusammenhängenden Sinn zu ergeben. Wie seltsam, dachte er und schaute ins Leere.
      Der Wärter griff nach Richards Arm und führte ihn zu einer Liege am hinteren Ende des Raumes. Richard musste sich darauflegen und Hadir band ihn mit Gurten an Händen und Füssen fest. Eigentlich sollte ich Angst haben. Der Gedanke schwebte träge durch seinen Kopf. Er lag da und schaute zur Decke empor. Weiß gestrichen, ein Riss zog eine gezackte Bahn hindurch. Wie die Silhouette einer Bergkette, dachte er. Hadir verließ den Raum und der zu kurz geratene, bärtige Mann beugte sich über ihn.
      «Schlapp wie ne Flunder», hörte er ihn sagen, während er Richards Handgelenk befühlte. «Na, dann wollen wir mal. Armer Junge, so wie du dreinschaust geb ich dir höchstens einen halben Tag.»
      Richard hörte nicht zu, die Worte verhallten irgendwo in seinem Kopf, auch den Stich in seinen Arm nahm er kaum wahr. Er schlief ein.

      Brennender Schmerz weckte ihn. Er wusste nicht, wo er sich befand, sicherlich nicht in seinem Körper! Dieses brennende, stechende, pochende Ding konnte nicht sein Körper sein. Er schrie, riss die Augen auf. Doch er sah nichts, ein weißer Schleier hatte sich über seine Augen gelegt. Der Schmerz ging von seinem Unterleib aus. Von dort schoss er in Wellen die Wirbelsäule empor und durchlief seinen ganzen Körper. Richard versuchte, sich auf die Seite zudrehen, den Schmerz abzuschütteln, doch er konnte sich kaum bewegen, etwas hielt seine Arme und Beine fest umschlossen. Er schrie um Hilfe, doch niemand antwortete. «Vater!» Doch er hörte seine Stimme schon selbst nicht. Er wollte sich zusammenkrümmen, doch die Fesseln hielten ihn ausgestreckt auf der Liege fest. Immer neue Wellen durchfuhren seinen Körper, sein Kopf pochte, immer stärker, als wolle er bald bersten. Endlich wurden die Fesseln an einen Armen gelöst und er konnte die Stimme eines Menschen erahnen. Die nächste Schmerzwelle ließ ihn aufbäumen, sein Magen drehte sich um und er erbrach er sich. Irgendwo neben sich, wohin kümmerte ihn nicht, denn der Schmerz ließ nur einen Gedanken zu. Lass es aufhören! Lass es aufhören!!
      Es fühlte sich so an, als wolle sein Körper auseinanderfallen. Jedes einzelne Stückchen strebte in eine andere Richtung davon, versuchte sich zu lösen aus dem Ganzen. Der Schmerz kam nun nicht mehr schubweise, sondern steigerte sich kontinuierlich im Auseinanderstreben seiner Zellen. Und wo blieb Richard in dem Ganzen? Zuweilen wusste er nicht mehr, wer er war. Zeitweise wurde er ohnmächtig, was eine Gnade war, doch stets kam sein Bewusstsein zurück in das gepeinigte Gefäß, das sich seinen Körper nannte. Noch einmal erbrach er. Lass mich einfach sterben! Sein ganzes bisheriges Leben war verblasst und bedeutungslos, wie auch die Zukunft. Es gab nur noch diesen Schmerz und den Wunsch, ihm zu entkommen. Richard wälzte sich hin und her, doch keine Position brachte auch nur die Spur einer Erleichterung. Wenn er doch wenigstens etwas sehen könnte, dann könnte er vielleicht einen spitzen Gegenstand finden. Bald würde er in kleinste Einzelteile zerfallen. Es glich einem Wunder, dass er überhaupt noch zusammenhielt und er sich bewegen konnte. Es machte keinen Unterschied mehr, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte. Schreckliche Bilder suchten ihn heim, hässliche Fratzen in glühendem Rot, die ihn anglotzten und ihn zu verzehren suchten. Doch meist sah er sie nicht, denn der Schmerz vernebelte seine Sinne. Von einer neuen Schmerzenswelle geschüttelt, schoss er hoch und fiel von der Liege auf den Boden. Er nahm es kaum wahr, welchen Unterschied machte es schon? Trotzdem versuchte er sich hochzustemmen, doch seine zitternden, kraftlosen Arme knickten ein und er landete mit dem Gesicht auf den kalten Boden. Schweiß lief ihm übers Gesicht, erst jetzt bemerkte er, dass er am ganzen Körper schwitzte. Hände griffen nach ihm, er wollte sich ihnen entziehen, doch er hatte keine Kraft mehr. Es kann nicht mehr lange dauern, dann falle ich auseinander. Er fror erbärmlich, trotz des Schweißes fühlte er sich wie in Eiswasser getaucht, während in ihm ein Kampf aus Feuer und Glut tobte. Jemand hüllte ihn in eine Decke, wärmende Hände legten sich um sein Gesicht. Er versuchte zu sehen, doch der Schmerz hatte ihn blind gemacht.
      Richard.
      Ein Lichtstrahl traf seine Seele. Die Schmerzen erloschen mit einem Schlag, jegliches Gefühl für seinen Körper war verschwunden. Stille hüllte ihn ein. Wohltuende Stille. Und sie summte seinen Namen. Richard, Richard, schien sie zu flüstern, zu singen. Wie unglaublich schön es war, ohne Schmerzen zu sein. Wie köstlich, unfassbar. War er wieder ohnmächtig geworden? So fühlte es sich nicht an. Alles war hell, leicht und von einem Zauber belegt, der nicht von dieser Welt schien. Bin ich tot?
      Mit unglaublicher Härte landete er wieder in seinem Körper. Das viel zu kleine Bündel Haut und Knochen, gepeinigt von noch nie gekannten Schmerzen. Richard, klang sein Name nach. Er klammerte sich an das letzte Stückchen Frieden, welches in ihm verblieben war und nun erkannte er das Lied wieder. Die Worte formten sich in ihm, schufen einen Raum, der ihn von den Schmerzen abschirmte.

      Über alle Schranken sind wir verbunden
      In dem einen Raum.
      Nicht einmal der Tod kann uns noch trennen
      Keine Illusionen, keine Türen, keine Wände
      Über alle Schranken, vereint im Geheimen.

      So wie er früher den Boden des Sumpfes hatte zusammenhalten können, so hielt er nun seinen Körper zusammen, damit er nicht auseinanderfiel.

      So natürlich wie der Atem, bist du Licht
      Nichts bleibt lange, nichts zerbricht

      Die Schmerzen waren noch da, doch hatte Richard einen Ort in sich selbst gefunden, der unberührt blieb. Wie von weitem spürte er nun die Qualen, die sein Körper litt, als erlebte sie ein anderer.

      In der Weite des Raumes bist du befreit
      Niemals, niemand, nichts kann uns noch halten.

      Richard, sanftes Erwachen (566 n. Rh.)
      Er lag ruhig da. Dankbarkeit durchflutete ihn. Keine Schmerzen peinigten seinen Körper. Nicht mal ein kleines Stechen war übrig geblieben. Er traute der Sache noch nicht so ganz, erwartete schon, dass die Qualen von neuem wieder beginnen würden. Er horchte in sich hinein. Nichts. Die Glut war erloschen. Sein Körper fühlte sich zwar sehr matt und erschöpft an, doch das störte ihn nicht im Geringsten.
      Richard atmete langsam ein und aus, er genoss jeden Atemzug in seinem schmerzfreien Körper. Wie schön es ist, in einem heilen Körper zu leben. Er spürte seine Zehen, seine Füße, die Beine, Bauch und Rücken, seinen Oberkörper, seine Arme, Hals, Kopf, sein Gesicht. Ihm war wohlig warm. Schläfrig schwappte Energie durch seine Glieder, wie die Strömung eines breiten, ruhigen Flusses. So könnte es immer sein, dachte er. Er lächelte sanft. Ich lebe, wie unglaublich. Jemand strich ihm mit einem warmen Lappen über die Stirn. Er vermochte die Augen nicht zu öffnen, viel zu schwer waren seine Lider. Und was nützte es schon, etwas zu sehen? Es würde nur diesen unglaublich wertvollen Augenblick der Ruhe zerstören. Er mochte das Gesicht des Arztes nicht sehen, oder das eines Wärters. Keinen dieser Menschen. Woher waren diese Schmerzen nur gekommen? Er hätte sich nicht im Traum vorstellen können, dass man sich überhaupt derart fühlen könnte. Hatten sie gewusst, dass er krank war und ihn deshalb zum Arzt geschickt? Oder war das die Strafe, die man einem Mörder zukommen lässt? Er wollte es nicht wissen. Doch nun, da der Gedanke einmal in seinem Kopf war, ließ er sich nicht mehr so schnell abschieben. Mochte das bedeuten, dass dies nun sein tägliches Brot war? Er verkrampfte sich. Wann würden sie ihm die nächste Ladung Schmerzen bereiten? Schon bald, in wenigen Minuten? Sein Atem ging schneller, verschwunden war die Ruhe, die ihn eben noch erfüllt hatte. Was mochten sie ihm sonst noch antun? Nichts war schlimmer, als die Qualen, die er gerade erlitten hatte, nichts konnte schlimmer sein! Oder etwa doch?
      «Schhh», flüsterte eine sanfte Stimme an seinem Ohr. «Alles ist in Ordnung.» Eine kleine, warme Hand legte sich an seine Stirn. Angst lähmte ihn, er konnte sich nicht rühren. Wer war diese Person? «Schhh, schhhh. Du kannst dich entspannen, es ist vorbei. Niemand wird dir mehr wehtun.» Konnte er der Stimme glauben? Woher kam sie? Seine Augen öffneten sich. Sein Blick war verschwommen, er konnte kaum etwas erkennen. Da war ein Gesicht über ihm. Seine Augen fielen wieder zu, er war viel zu müde. Sie begann ein Lied zu summen und er spürte, wie sanfte Finger über seine Wangen strichen. Allmählich glitt er über in die Welt des Schlafes.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

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