Der Sinn des Lebens

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    • Habe die neuen Begriffe mal eingebaut. Zwischendurch steht zwar immer noch Novize drin. Es ist mir noch nicht vollständig gelungen, den Begriff zu tilgen. Vielleicht hilft es, den letzten Abschnitt nochmals zu lesen, hab ihn auch schon mal auf die Begriffe angepasst. [b]

      Richard, Geheimnisse (566 n. Rh.)
      Allmählich gewöhnte sich Richard an sein Leben im Ducatus. Er nahm an den Messen teil und aß mit Fried, Aaron, Samuel und ein paar anderen Lernenden im Speisesaal. Manchmal setzten sich andere Priester zu ihnen, die mit Samuel etwas besprechen wollten, oft aß Vater Aurel mit ihnen. Richard fühlte sich wohl in dieser Gruppe, doch ihm entging nicht, dass es viele Novizen gab, die ihn mieden. Oder mieden sie Samuel? Er wurde nicht recht schlau aus ihrem Getuschel, ihren Blicken. Besonders der Candidatus namens Sinister, der ihn bei ihrer ersten Begegnung bezüglich Samuels Titel korrigiert hatte, schien ihn nicht zu mögen. Wann immer er Richard auf dem Flur oder in der Messhalle begegnete, bedachte er ihn mit einem missbilligenden oder herablassenden Blick.
      „Wohin gehen wir heute?“, fragte Richard, als Samuel ihm einen Stapel Bücher in die Arme drückte und sich aufmachte, seine Gemächer zu verlassen.
      „Wir werden die Bibliothek aufsuchen.“
      Darauf hatte Richard sich schon lange gefreut. Die Bibliothek stellte er sich als eine wunderbare Schatzkiste voller Geschichten und geheimem Wissen vor. Ein Ort voller Magie und Wunder. Freudig schritt er neben Samuel her. Als Fried, Aaron und Eli sich zu ihnen gesellten, war er etwas enttäuscht, weil er diesen Moment gerne mit Samuel alleine geteilt hätte. Er schalt sich innerlich. Schließlich sollte er dankbar dafür sein, so etwas wie Freunde gefunden zu haben. Fried sprudelte sogleich los und erzählte von den Träumen, die ihn nachts heimgesucht hatten. Er schien des Redens nie müde zu werden und war wie immer kaum zu bremsen. Doch als sie um eine Ecke bogen, fand sein Redeschwall ein plötzliches Ende. Richard blickte auf, um herauszufinden, was ihn hatte verstummen lassen. Ein Priester, begleitet von Sinister und drei weiteren Candidatii, kam ihnen entgegen. Richard merkte, dass sich die Stimmung schlagartig angespannt hatte. Neugierig sah Richard zu dem fremden Priester auf. Sein Gesicht wirkte ebenso kantig und streng wie das von Sinister, seine stahlblauen Augen richteten sich auf ihn und fixierten ihn mit einem kühlen, alles durchdringenden Blick. Die zwei Gruppen verlangsamten ihre Schritte und blieben einander gegenüber stehen, verbeugten sich, wie es die Höflichkeit verlangte. „Bruder Justus“, grüßte Samuel. „Wie ich sehe, bist du ebenfalls auf einem Lehrgang unterwegs.“
      Richard war sich nicht sicher, ob er ihn schon einmal gesehen hatte. Aber den Namen Justus hatte er schon öfters gehört, er war ab und zu in den Gesprächen am Mittagstisch gefallen. Er musste einer der höchsten Priester der Gnosis sein, ebenso wie Samuel. Soweit Richard abschätzen konnte, war Vater Justus jedoch älter, oder war es die Strenge in seinem Gesicht, welche ihn älter wirken ließ? Vater Justus‘ Mund zog sich zu einem schmallippigen Lächeln in die Breite. „Wie läuft es mit deinem neuen Schüler? Wie uns alle interessiert es mich brennend, von seinen Fortschritten zu erfahren.“
      „Richard muss sich erst noch eingewöhnen. Gerade zeige ich ihm die Bibliothek. Er lernt zu schnell, als dass ich ihn ständig mit neuen Büchern versorgen könnte. Von nun an wird er sich selbst welche besorgen müssen, nicht wahr, Richard?“
      Richard nickte verlegen. „Bücher scheinen ja deine Leidenschaft zu sein, Bruder, aber ich hoffe, seine Ausbildung besteht nicht nur aus der Studie von alten Schriften“, bemerkte Vater Justus.
      Ist es meine Einbildung, oder knistert die Luft?, fragte sich Richard.
      „Sei unbesorgt“, antwortete Samuel mit einem entspannten Lächeln. „Richard wird alles Nötige lernen. Solltest du dennoch beunruhigt sein, kannst du uns hin und wieder auf eine Tasse Tee besuchen.“
      „Nie würde ich an deiner Fähigkeit, den Jungen auszubilden, zweifeln. Das würde bedeuten, die Entscheidung des Eingeweihten in Frage zu stellen. Ich werde euch nun nicht länger aufhalten, besucht die Bibliothek, wir werden in die diamantenen Gärten weitergehen. Auf ein nächstes Mal, junger Richard.“ Für den Bruchteil einer Sekunde traf der stählerne Blick des Vaters den von Richard, ein kalter Schauer lief durch seinen Körper. Die Macht, die von dem Priester ausging, war unübersehbar. Richard verneigte sich. Aus dem Augenwinkel beobachtete er Sinister. Er konnte den feindseligen Blick auch spüren, ohne dass er ihn sah.
      Ohne ein weiteres Wort gingen sie auseinander. Aaron atmete merklich aus, als sie eine weitere Biegung des Weges hinter sich gebracht hatten. Doch er sagte nichts. Was wohl in seinem Kopf vorgeht? Normalerweise sprach Aaron immer alles aus, was ihm in den Sinn kam. Das war also Vater Justus, kein Wunder, dass er einer der höchsten Priester der Gnosis war. Seine Anwesenheit allein brachte selbst die redseligsten die Menschen zum Verstummen.
      Erst als sie die Bibliothek erreicht hatten, legte sich die Anspannung. Samuel öffnete die hölzernen Torflügel und gab den Blick frei auf ein riesiges, turmhohes Gewölbe. Durch hohe, spitzzulaufende Fenster fiel Sonnenlicht und erhellte Reihen um Reihen von Bücherwänden. Richard betrat die Bibliothek und legte den Kopf in den Nacken. Staunend blickte er empor zu den Balkonen und Treppen, die sich spiralförmig um den Raum nach oben rankten. An kleinen Tischen und in Erkern saßen Novizen und Priester, vertieft in ihre Lektüren, konzentriertes Schweigen erfüllte die Bibliothek. Hier und da hörte man, wie jemand eine Seite umblätterte, sonst war er still.
      Mit angehaltenem Atem folgte Richard seinem Lehrer tiefer in den Wald von Bücherregalen hinein. Er konnte sich kaum sattsehen an all den prächtigen Büchern. Nie würde er die Zeit haben, sie alle zu lesen. Samuel blieb vor einem Regal stehen. Er deutete auf eine Reihe von dicken Bändern. Wahrscheinlich sollte er diese als nächstes lesen. Richard beugte sich vor und las die Schrift auf einem der Buchrücken. Die Gründung des heiligen Staates, stand darauf. Gleich daneben: Vertreibung der Dämonen aus Animus und Reinigung der Gewässer von Fons. Die Lehren des Eingeweihten Rhamnus - Eine Schriftensammlung von Cedrus, Sohn des Entipaz, König von Lux. Buch an Buch standen vor ihm die Werke, die sich mit dem Leben und der Lehre des heiligen Rhamnus befassten. Am liebsten hätte er gleich alle mit auf sein Zimmer genommen. Samuel fuhr mit dem Finger über die Buchrücken, bis er auf einem verharrte. Das Leben des heiligen Rhamnus. Samuel zog das Buch heraus und reichte es Richard. Ehrfürchtig ergriff Richard den alten Band. Er würde noch heute mit Lesen beginnen.
      Samuel führte sie weiter durch die Bibliothek, bis er jedem von ihnen ein Buch ausgewählt hatte. Für Fried eines zur Traumdeutung, für Aaron ein Buch mit dem Titel Der Barde und der Spiegel und für Eli eines namens Sterne und Planeten, die Enthüllung. Samuel schien wirklich jedes Buch in der Bibliothek zu kennen, so zielsicher griff er in die Regale.
      Auf dem Rückweg schlug Richard sein Buch auf, doch während dem Gehen konnte er sich nicht konzentrieren. Er würde sich noch einen Moment gedulden müssen.
      „Richard, hast du noch kurz Zeit?“, fragte Aaron, nachdem Samuel sich von ihnen verabschiedet hatte.
      „Ich wollte eigentlich gerne mit dem Buch anfangen“, begann Richard, doch er bemerkte die Dringlichkeit im Blick seines Freundes. Sogar Eli, der ruhigste von den dreien, musterte ihn mit einer ungewohnten Intensität. „In Ordnung, ich kann auch später noch lesen.“
      „Wollen wir in meinen Schlafsaal gehen?“, schlug Aaron vor, doch Eli schüttelte den Kopf.
      „Da werden wir kaum ungestört sein. Aber ich kenne einen Ort, an dem wir uns in Ruhe unterhalten können“, sagte Eli.
      „Worum geht es denn?“, fragte Richard, doch Eli ging schweigend voran, auch die andern beiden antworteten ihm nicht auf seine Frage. Richard war etwas mulmig zumute. Hatte es mit der Feindseligkeit zu tun, mit der Sinister und einige andere Novizen ihn behandelten? Richard betrachtete die vier kleinen Sterne an Elis Kragen. Waren sie nicht eine seltsame Truppe? Zusammengesetzt aus einem Außenstehenden, einem Eleven, einem Studiosus und einem Candidatus. Soweit Richard die anderen Novizen im Ducatus beobachtet hatte, war ihm aufgefallen, dass sich die meisten innerhalb ihres Ranges aufhielten. Die vier Gruppen von Auszubildenden schienen sich nur zu Arbeitszecken miteinander zu vermischen.
      Eli führte sie eine weitere Treppe hinunter. „Wie weit willst du noch runtergehen, Eli?“, fragte Aaron. „Bald sind wir im Kellerbereich.“
      „Wir sind noch immer im ersten Stock“, sagte Eli. „Nur noch eine Treppe runter, in den Keller gehen wir schon nicht.“
      „Was hast du vor?“
      „Wir besuchen meinen Onkel.“
      „Aber wir dürfen den Ducatus doch nicht ohne Erlaubnis verlassen!“, quietschte Fried nervös.
      „Tun wir auch nicht. Mein Onkel gehört zur Wache. Er hat ein eigenes Zimmer, da lese ich oft, wenn ich allein sein will.“
      „Echt? Dann muss er ja einer hohen Kaste angehören“, sagte Aaron staunend.
      „Er gehört zu den Hirschen“, antwortete Eli nickend.
      Richard versuchte sich an die Kasten zu erinnern. Es gab insgesamt sieben Kasten zur Einteilung der Menschen, wie es auch sieben Ränge in den Reihen der Gnosis gab. Unten angefangen beim Feldhasen, welcher einen Großteil der Bauern repräsentierte, gefolgt vom Biber, dem Fuchs, dem Bären, der Schlange, dem Hirschen und gekrönt vom Falken. Der Hirsch stand für die zweitoberste Kaste, welcher oft Heiler und Magier angehörten. „Beherrscht dein Onkel Magie?“, fragte Fried sogleich und sprach damit aus, was Richard sich soeben gefragt hatte.
      „Nein, er kann nicht einmal eine Tasse Tee warm machen“, meinte Eli und Fried sah enttäuscht drein. „Wir sind da.“
      Die drei hatten einen schmalen Flur, gesäumt von schlichten, hölzernen Türen, betreten. Eli klopfte an eine, niemand antwortete. „Er scheint gerade nicht da zu sein.“ Eli zog einen Schlüssel aus seiner Robe, schloss auf und ließ sie eintreten. Hinter der Tür lag eine einzelne Kammer, so schlicht wie die Tür, mit einem einfachen Bett, einem Tisch und zwei Stühlen und einer Truhe in der Ecke.
      „Dürfen wir hier wirklich rein?“, fragte Fried unsicher.
      „Sonst wären wir doch nicht hier“, kommentierte Aaron und setzte sich schwungvoll auf das Bett, sodass es knarzte. „Hoppla“, sagte er grinsend.
      Nachdem jeder einen Platz gefunden hatte und die Tür wieder verschlossen war, blickte Richard in die Runde. Er wartete gespannt darauf, dass sie ihm erklärten, worum es ging. Fried blickte auf seine Hände, die er im Schoss verschränkt hatte, Eli betrachtete ein Bild an der Wand. Aaron begann zu sprechen: „Also, dir ist das vielleicht nicht klar, aber es ist sehr ungewöhnlich, dass Vater Samuel einen persönlichen Schüler hat. Und dann auch noch jemanden, der nicht zur Gnosis gehört.“
      „Schauen mich deshalb alle so seltsam an?“, fragte Richard den älteren.
      Aaron nickte. „Soweit ich gehört habe, sind viele nicht damit einverstanden, dass ein Außenstehender freien Zutritt zum Ducatus hat und auch noch von Vater Samuel unterrichtet wird.“
      „Weil er einer der höchsten Priester ist?“
      „Er ist nicht nur einer der höchsten Priester. Er gehört zu den sechs Hohepriestern der Gnosis und viele sagen, er würde der nächste Eingeweihte werden. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Vater Canis seinen Nachfolger ernennt und viele spekulieren, dass er es sein wird.“
      „Oder Vater Justus“, warf Eli ein.
      Aaron nickte widerstrebend. „Oder Justus.“
      „Schhh, du sollst ihn mit Vater ansprechen“, zischte Fried.
      „Hast du etwa Angst, er könne uns hier hören?“, zog Aaron ihn auf.
      „Kann doch sein, wer weiß schon, was für Kräfte ein Priester hat“, verteidigte sich Fried.
      „Ganz gleich, ob er uns hören kann, oder nicht, es ist nicht respektvoll“, meinte Eli und bedachte Aaron mit einem strengen Blick.
      „Schon gut. Vater Justus“, gab Aaron nach. „Auf jeden Fall ist es eine große Ehre, dass Vater Samuel dich als sein Schüler aufgenommen hat. Erst dachte ich, du müsstest von einer ganz besonderen Familie stammen, mindestens aus der Kaste des Hirschen, noch eher aus der des Falken. Doch du scheinst selber keine Ahnung zu haben, weshalb du hier bist. Das hat mich stutzig gemacht. Wie kommt es, dass du der Schüler von unserem Vater geworden bist?“
      Die Frage lastete im Raum. Richard dachte nach. Wie konnte er erklären, wie er hier gelandet war? Konnte er ihnen sagen, dass er ein absoluter Niemand war? Ein Kind, das fern von jeglicher Zivilisation am Rande eines Sumpfes aufgewachsen war. Jemand, der bis vor Kurzem noch im Gefängnis gesteckt hatte. „Es tut mir leid, ich kann euch nicht wirklich weiterhelfen. Mir ist genauso schleierhaft, weshalb ich hier bin“, gestand er. „Ich stamme weder aus einer hohen Kaste noch besitze ich eine besondere Ausbildung oder Begabung. Alles, was ich kann, ist lesen.“
      Aaron sah ihn ungläubig an. „Das kann nicht sein. Du lügst doch nicht?“
      „Bestimmt nicht“, versicherte Richard.
      „Wie bist du dann hier her gekommen?!“
      „Ich war im Gefängnis“, gestand Richard, völlig überrumpelt durch die Heftigkeit Aarons.
      „Im Gefängnis?“, japste Fried und Aaron sprang vom Bett auf. Sofort bereute Richard, so unbedacht drauflos geredet zu haben.
      „Lasst ihn erst einmal zu Wort kommen“, sagte Eli beruhigend. „Ihr urteilt zu früh. So seid ihr nicht besser als all die anderen, die Richard mit ihren Blicken ermorden wollen.“
      Aaron verzog den Mund, setzte sich jedoch wieder. „Erzähl“, sagte er trocken.
      Also erzählte Richard, wie er in Theodors Gasthof Arbeit gefunden hatte. Von der Zeit vorher sagte er nichts, an diesen Erinnerungen wagte er nicht zu rühren. „Du bist echt von einer der untersten Kaste, wenn du mich fragst“, vermutete Aaron.
      „Der Beruf sagt nichts über die Kaste eines Menschen aus, Aaron. Vergiss nicht, dass selbst Vater Samuel aus einer Bauernfamilie stammt“, erinnerte ihn Eli.
      „Wirklich? Samuel ist als Bauernsohn aufgewachsen?“, fragte Richard erstaunt.
      „Angeblich schon. Er soll aus einer Familie weit unten im Süden stammen. Soweit ich weiß ist ein Großteil seiner Verwandten einem Dämon zum Opfer gefallen, doch er soll ihn ausgetrieben haben. Im Alter von zwölf Jahren. Das ist unglaublich. Kein Wunder, dass er der nächste Eingeweihte werden soll“, erzählte Aaron. „Aber nun zurück zu deiner Geschichte.“
      Richard nickte. Wenn er Freunde finden wollte, dann musste er ehrlich mit ihnen sein. Also erzählte er weiter, vom Besuch bei dem Arzt im Gefängnis, von den Schmerzen.
      „Und du hast diesen Wirten wirklich nicht getötet?“, fragte Fried.
      „Hab ich nicht. Niemals würde ich jemanden töten“, beteuerte Richard. Doch im selben Moment verspürte er einen Stich im Herzen. Hab ich nicht, versicherte er sich selber trotzig. Samuel hat gesagt, dass ich kein Unglück bringe.
      „Als ich aufgewacht bin, war ich im Ducatus. Samuel, ich meine, Vater Samuel, war da und er hat mich zu Vater Canis gebracht.“
      „Wirklich? Du hast den Eingeweihten gesehen? Du warst in seinen Gemächern?“ Fried machte ganz große Augen vor Staunen.
      „Ist das so ungewöhnlich?“, fragte Richard, dem zunehmend unwohl zumute war.
      Eli nickte, auch er schien erstaunt zu sein. „Erzähl weiter.“
      „Vater Canis hat meine Hand in seine genommen“, erinnerte sich Richard. „Er hat gesagt, dass Samuel sich um mich kümmern soll.“
      „Der Eingeweihte selbst hat Vater Samuel diesen Auftrag gegeben?“
      „Ist das so schlimm?“ Richard schaute in die ungläubigen Gesichter.
      „Versteh uns nicht falsch. Als schlimm würde ich das nicht bezeichnen. Es ist nur sehr ungewöhnlich. Und du hast wirklich keine Vermutung, weshalb dies geschehen sein könnte?“, hakte Eli nach.
      Richard schüttelte den Kopf. „Nun verstehe ich es umso weniger.“
      „Kein Wunder, dass Sinister ihn nicht leiden kann“, murrte Aaron. „Er ist bestimmt eifersüchtig, weil Richard die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht.“
      „Das vermutest du nur“, berichtigte ihn Eli. „Solche Anschuldigungen bringen dich nicht weiter. Sie machen den Graben nur noch größer.“
      „Vielleicht möchte ich den Graben ja auch gar nicht kleiner machen“, meinte Aaron mürrisch.
      „Kennst du Sinister?“, fragte Richard. Er wollte mehr über den Candidatus erfahren, der ihn so offensichtlich nicht leiden konnte.
      „Ich bin mit ihm aufgewachsen, wir sind Brüder.“
      Nun war es an Richard, erstaunt zu sein. „Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich“, stellte er fest. Zudem hatten sich werder Aaron noch Sinister bei ihren bisherigen Treffen anmerken lassen, dass sie sich kannten.
      „Das liegt daran, dass wir nicht dieselbe Mutter haben. Aber lass uns nicht länger darüber reden. Wir haben wichtigeres zu besprechen. Es gilt herauszufinden, was Vater Canis mit dir vorhat.“
      Noch lange berieten sie, doch keiner konnte sich ausdenken, weshalb der Eingeweihte Richard in den Ducatus hatte bringen lassen. „Und dann die Bemerkung von Vater Justus gerade eben“, fuhr Aaron fort. „Als seist du irgendwie besonders.“
      Eli nickte. „Das Gespräch zwischen ihm und Vater Samuel hat mich aus stutzig gemacht. Und die Energie zwischen den beiden Priestern war ungeheuerlich.“
      „Ich möchte keinen von ihnen zum Feind haben“, bemerkte Aaron.
      „Weshalb zum Feind?“, wollte Fried wissen. „Sie sind doch beide Priester.“
      „Bist du denn blind, taub und auf den Kopf gefallen?“, schnarrte Aaron. „Justus kann Vater Samuel doch nicht ausstehen.“
      „Dass du immer so voreilig mit deinen Schlüssen sein musst, Aaron. Nur weil du Vater Justus nicht magst, heißt das noch lange nicht, dass er ein schlechter Mensch ist. Er ist immerhin der höchste und angesehenste Priester neben Vater Samuel. Oder liegt es daran, dass er deinen Bruder dir gegenüber vorzieht?“, vermutete Eli.
      Aaron biss die Zähne zusammen. „Wer zieht hier voreilige Schlüsse?“, knurrte er.
      Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt, die Tür schwang auf. Vor Schreck fuhr Richard hoch, ihm gegenüber stand ein breitschultriger Mann in der Kleidung eines gesegneten Wächters der Gnosis. Seine mächtige Gestalt füllte den Türrahmen beinahe zur Gänze aus.
      „Onkel Roland“, grüßte Eli und neigte den Kopf.
      „Eli, du bist zu Besuch hier?“ Die tiefe Stimme des Riesen klang warm und angenehm. Richard entspannte sich ein wenig.
      „Wir hatten gerade eine geheime Ratssitzung“, erklärte Aaron verschwörerisch.
      Der Wächter Roland lächelte leicht. „Ist das so? Drei Novizen und ein Zivilist. Das scheint mir ja etwas Wichtiges gewesen zu sein.“
      „Wir sind schon fertig, Onkel. Ich hoffe, wir haben dich nicht gestört.“
      „Habt ihr nicht. Aber es ist leider etwas zu eng hier für uns alle.“
      Sie erhoben sich. „Wir sind bereits am gehen“, sagte Fried, dem die Nervosität allzu leicht anzumerken war.
      Roland trat zur Seite und sie verließen einer nach dem anderen die Kammer. „Was liest du da?“ fragte Roland seinen Neffen, bevor sie gingen.
      „Ein Buch über die Sterndeutung“, antwortete Eli und hielt dem Wächter das Buch hin.
      „Ach ja. Verfasst von Vater Canis. Wenn du es aufmerksam liest, findest du sicherlich ein paar spannende Antworten.“ Damit verschwand er in seinem Zimmer.
      „Antworten auf welche Fragen?“, murmelte Eli und steckte das Buch ein.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Um ehrlich zu sein - ich habe da auch viel konstruiert. Eleve und Scolarius bedeuten beide Schüler. Studiosus bedeutet Student. Du trennst ja aber glaube ich nicht zwischen Scola und Universität... Wie wäre Discipulus als Oberbegriff? Würde auch Schüler bedeuten. Einen Oberbegriff für alle Lernenden gibt es bei uns ja auch nicht wirklich. Schüler Student Auszubildender...

      EDIT

      Noch ein paar Anmerkungen:


      RenLi schrieb:

      „Auf jeden Fall ist es eine große Ehre, dass Vater Samuel dich als sein Schüler
      "als seinen Schüler"

      RenLi schrieb:

      „Und du hast diesen Wirten wirklich
      "diesen Wirt"

      Eli ist ja auch ein witziger Name - heißt "mein Gott" auf Hebräisch. So möchte man angeredet werden. :D
      Ansonsten, schön dass es Richard gerade so gut geht!
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Windweber ()

    • Hallo zusammen. Heute gibts noche eine Lehrlektion von Samuel, dann wird es allmählich besser :) Eine neue Person wird eingeführt, endlich wieder mal eine weibliche: Sessilia. Sie wird noch sehr wichtig für die Geschichte (und ganz besonders für Richard ;) ) werden.


      Richard, die Opfer und die Berufung der Menschheit (565 n. Rh.)
      Wenn Samuel erzählte, dann leuchteten seine Augen voller Begeisterung. Gebannt lauschte Richard seinen Worten, die er immer mit Armen und Händen untermalte. Heute zeigte er ihm die Wandmalereien, welche die Entwicklungsgeschichte des Menschen darstellten. Sie befanden sich im Ducatus, in einem breiten Gang, der an der gekrümmten Außenwand entlangführte. Auf dieser Wand, die nur im oberen Viertel von Fenstern unterbrochen wurde, hatte man die Entwicklung aufgezeichnet. „Das hier ist das Beginn der Menschheit.“ Richard betrachtete den großen, roten Feuerball, der mitten auf der Wand schwebte und dessen Durchmesser mindestens so groß wie Vater Aurels Körperlänge war. „Die Erde und der Mensch haben verschiedene Entwicklungszustände durchlaufen, bis sie so wurden, wie wir sie heute kennen. Hier ist die Erde im Zustand des kalten Feuers abgebildet. Dies war vor vielen, vielen Jahrtausenden. Viel länger als du es dir je vorstellen könntest. Die Erde war damals noch vollkommen anders als heute.“ Richard legte den Kopf schief. Auf dieser roten Kugel hätte er lieber leben nicht wollen. „Du darfst dir die Erde also nicht so vorstellen, wie sie jetzt ist. Sie hatte keine feste Oberfläche, sondern war durchlässig, bis in den Kern hinein. Diese frühere Erde wird oft als ein roter Feuerball dargestellt, obwohl so etwas wie Feuer damals noch gar nicht existierte. Sie bestand aus einem Stoff, den wir heute nirgends mehr auf unserer Erde finden können. Deshalb ist es auch unmöglich, dass wir Menschen uns ein treffendes Bild von den damaligen Verhältnissen machen können. Das Wort Feuer soll uns nur eine Hilfe zum besseren Verständnis der damaligen Zeit geben, wie auch dieses Gemälde.“ Nachdenklich strich Samuel über die Malerei, dann deutete er auf ein kleineres, rundliches Gebilde, welches an grauen Rauch erinnerte. „Mit dem Menschen verhält es sich ebenso. Sein Körper besaß keine feste Form. Er war eher gasförmig.“ Samuel musste Richards Verwirrung bemerkt haben, denn er lächelte verständnisvoll und fügte an: „Macht nichts, wenn du noch nicht alles verstehst. Die wenigsten können sich wirklich etwas darunter vorstellen, aber mit der Zeit, wenn du genügend Schriften liest, wirst du ein Gefühl dafür bekommen.
      Auf dem Feuerplaneten also, lebte der Mensch als ein sehr subtiles Wesen, welches noch kaum Bewusstsein hatte. Er ist erschaffen worden von den Thronen, das sind sehr hohe geistige Wesen. Sie haben dem Menschen diese gasförmige Gestalt gegeben und ihn anschließend anderen geistigen Wesen überlassen. In diesem Zustand besaß der Mensch weder Erinnerung noch Verstand und nur ein sehr dumpfes Bewusstsein. Er war gänzlich abhängig von der Unterstützung durch höhere Geistwesen. Diese leiteten ihn an und arbeiteten an seinem Körper. Sie halfen bei seiner Entwicklung. Du kannst dir den Menschen in dieser Zeit wie ein hilfloses Neugeborenes vorstellen. Gänzlich abhängig. Und anstelle von Mutter und Vater kümmerten sich die Lichtwesen um ihn. Unglaublich lange Zeit verging, in der die Geistwesen an dem Menschen arbeiteten. Dann trat ein Ruhezustand ein. Die gesamte Schöpfung zog sich in ihren Ursprung zurück. Du kannst dir das vorstellen, wie wenn du abends müde ins Bett gehst. Du brauchst die Zeit der Erholung, um den nächsten Tag wieder frisch erleben zu können.“
      Richard versuchte, all das zu verarbeiten. Aber es war sehr schwer vorstellbar, trotz den Bildern. Eine Erde, die ganz durchlässig war? Samuel führte Richard weiter, wo ein weiteres Bild die Wand zierte. „Dies bildet die Erde im Zustand des heißen Feuers ab. In diesem Zustand erwacht die Schöpfung erneut. Auch hier wird wieder am Menschen gearbeitet. Er erlangt einen neuen Bewusstseinsgrad, der mit dem ruhigen, traumlosen Schlaf zu vergleichen ist. Ähnlich wie die Pflanzen heute auf der Erde. Hast du dich schon einmal gefragt, ob Pflanzen ein Bewusstsein haben?“
      Richard schüttelte den Kopf. „Aber mein Bruder hat sich manchmal bei Pflanzen entschuldigt, wenn er auf eine getreten ist.“ Die Erinnerung an Edwin versetzte ihm einen Stich. Er schluckte hart.
      „Deinen Bruder würde ich auch gerne einmal kennenlernen.“
      Richards Stimmung verfinsterte sich. „Das wird kaum gehen, er ist tot.“
      Samuel legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. „Ich sehe, es gibt noch so vieles, was ich nicht weiß. Aber wir haben Zeit, uns näher kennen zu lernen.“
      „Macht nichts.“ Richard schob die Gedanken an Edwin beiseite. Er war hier im Herzen der Gnosis und er hatte einen wundervollen Lehrer, der ihn unterrichtete. Ich darf mich nicht ablenken lassen, dachte er entschlossen und merkte nicht, wie sich eine tiefe Falte zwischen seinen Brauen bildete und sich seine Haltung verkrampfte. „Bitte erzähl weiter, ich möchte mehr über die Entwicklung des Menschen lernen!“
      Richard entging das traurige Lächeln, das sich auf das Gesicht seines Lehrers gelegt hatte. Samuel fuhr fort: „Also weiter. Wo war ich? Genau. Du kannst dir die Pflanzen also als tief schlafende Wesen vorstellen. Und so ungefähr ist auch der Bewusstseinszustand des Menschen auf dieser Entwicklungsstufe. Heute wie damals und in allen Entwicklungszuständen wird der Planet selbst aufgebaut aus den Leibern der Wesen, die ihn bewohnen. Alle Wesen gemeinsam ergeben den Planeten.“
      „Wie geht das? Wir wohnen doch auf dem Boden.“
      „Richtig. Und auch der Boden ist ein Wesen. Oder genauer gesagt, viele Wesen.“
      Richard schaute Samuel ungläubig an. „Aber wie kann er ein Wesen sein? Ist er nicht tot?“
      „Der Boden, alles Gestein, alle Mineralien sind wie der Mensch damals auf dem Planeten des kalten Feuers. Das Bewusstsein der Felsen, der Berge ist sehr dumpf und wenig entwickelt. Aber die ganze Erde lebt, nichts ist wirklich tote Materie.“
      Richard fand das äußerst merkwürdig. „Spürt denn die Erde, wenn wir auf ihr gehen?“
      „Wer weiß. Wahrscheinlich schon, aber nicht bewusst. Vielleicht eher schemenhaft.“
      „Wie seltsam. Und wenn wir ein Loch graben, ist das schmerzhaft?“
      „Ich denke nicht. Auch wenn wir eine Pflanze essen, denke ich nicht, dass sie das als schmerzhaft empfindet. Weil ihr Bewusstsein nicht wach genug ist. Sie ist schlafend. Vielleicht könnte man die Erde als bewusstlos bezeichnen. Stell dir vor, du wirst ohnmächtig. Dann merkst du auch nicht, wenn etwas mit deinem Körper passiert. So ähnlich wird es wahrscheinlich der Erde ergehen.“
      Richard nickte. „Das klingt unheimlich. Aber manchmal ist es vielleicht besser, ohnmächtig zu werden“, sagte er und dachte an die Zeit im Zimmer des Arztes zurück.
      „Wer weiß. Ich zumindest würde nicht den Schlaf wählen. Es geht immer nur vorwärts. Für den Menschen ist es das Wichtigste, aus dem Schlaf aufzuwachen. Nur so können wir weiterkommen. Alles andere sind Ausflüchte. Aber nun weiter. Hier ist die Wasserphase abgebildet. Vorher kommt wieder eine Ruhepause, in der sich die ganze Schöpfung in einem Punkt zurückzieht. Damit bereitet sie sich auf die große Veränderung vor, welche folgt. In der Wasserphase entwickelt sich der dritte Bewusstseinszustand des Menschen. Diesen kann man mit der Wahrnehmung eines Traumes vergleichen. Man nennt ihn auch das Bilderbewusstsein. Der Mensch hat keine Augen, wie er sie jetzt hat. Er kann seine Umgebung also nicht direkt sehen. Vielmehr erscheint in seinem Bewusstsein ein Bild, wenn er etwas vor sich hat. Dieses Bild entspricht jedoch nicht der äußeren Erscheinung des Angeschauten. Sondern sagt ihm etwas über die Bedeutung dessen aus. Angenommen der Mensch begegnet etwas, was er als Nahrung zu sich nehmen kann, dann wird ein Bild in ihm aufsteigen, welches in ihm das Verlangen zum Essen weckt. Steht er einer Gefahr gegenüber, so wird ein Bild in ihm auftreten, welches ihn dazu veranlasst, die Flucht zu ergreifen. Dieses Bilderbewusstsein ist mit dem der Tiere auf der heutigen Erde vergleichbar.“
      „Sehen die Tiere denn nicht? Sie haben doch Augen, wie wir“, wandte Richard ein.
      „Das ist richtig. Ich habe auch nur den Bewusstseinszustand angesprochen. Die körperlichen Verhältnisse waren im Wasserzustand der Erde gänzlich andere. Die ganze Schöpfung war flüssig. Die Erde gehorchte anderen Regeln der Physik, die mit der heutigen Erde mit nichts wirklich zu vergleichen sind. Auch die Worte Wasser oder Feuer sind nicht wirklich zutreffend für die Zustände der Erde, denn es war damals alles komplett verschieden von dem heutigen Zustand. Halte dich nicht mit Worten auf. Mit Worten kann man nichts absolut zutreffend beschreiben.“
      „Woher weiß man das alles?“
      „Es gibt Eingeweihte, die in der Vergangenheit lesen können. Vieles wurde von Rhamnus überliefert und einiges wurde von seinen Nachfolgern zusammengetragen. Nur wurden leider auch große Teile des Wissens wieder zerstört. Hast du von dem Brand der alten Bibliothek gehört? Ein beträchtlicher Teil ist niedergebrannt. Einiges konnte aus den Gedächtnissen von Priestern wieder hergestellt werden, aber seither gibt es immer wieder Debatten darüber, was nun wirklich dort geschrieben stand und was nicht. Zuweilen ist es richtig beschämend.
      Aber wie dem auch sei. Zurück zur Menschheitsentwicklung. Du darfst nicht vergessen, dass sich der Mensch in allen Zeiten nur mit Hilfe der verschiedenen Geistwesen entfalten konnte. Sein Körper befand sich in einem stetigen Wandel und in einem Prozess der Verfestigung. Im Wasserzustand der Erde war er nicht mehr gasförmig wie früher im Zustand des kalten Feuers. Er war eher von der Beschaffenheit weichen Knorpels.“ Richard betrachtete das Bild eines Menschen auf dieser Entwicklungsstufe. Es hatte überhaupt gar nichts mit einem Menschen von heute gemein. „Auf die wässrige Phase folgt wieder eine Zeit des Schlafes und danach kommen wir zu unserer Erde.“
      Richard betrachtete die nächste Malerei. Das kugelförmige Gebilde sah der Erde so gar nicht ähnlich. Es glich eher wieder dem Zustand des kalten Feuers.
      „Wie du siehst wiederholen sich auf der heutigen Erde die Entwicklungsstufen von den vorgegangenen Planeten in viel kürzeren Zeitabschnitten von neuem. Die Erde verfestigt sich nach und nach. Wie es das Dankesgebet beschreibt, opfern sich die Minerale, die Pflanzen und letztlich die Tiere, um den Menschen auf eine höhere Stufe zu heben.“
      „Und was passiert in der Zukunft? Weiß man, was noch geschehen wird?“
      „Es gibt eine Prophezeiung, welche vom Heiligen Rhamnus direkt stammt. Er sagte, der geistige Zustand der Vollendung werde in sieben Tagen erschaffen werden. Mit diesen sieben Tagen hat er die sieben Entwicklungsstufen der Erde und des Menschen gemeint. Der Mensch ist das auserwählte Geschöpf, welches die gesamte Schöpfung in die geistige Welt zurückführen soll. Dies ist auch der Grund, weshalb die anderen geistigen Wesen ihm ihre gesamte Aufmerksamkeit schenken. Denn die Götter haben durch den Heiligen Rhamnus gesprochen, als er uns mitteilte, dass der Mensch die Schöpfung erlösen könne. Dies solle am siebten Tage geschehen. Der Zustand des kalten Feuers war der erste Tag, der des heißen Feuers der zweite, darauf folgte der dritte, der Zustand des Wassers, und nun sind wir im Zustand der verdichteten Materie, des Gesteines. Dies ist das dichteste aller Stadien und steht symbolisch für den vierten Tag. In Zukunft wird die Materie wieder lichter werden. Es folgen der Zustand des Lichtes, der des Hauches und schlussendlich der der leeren Existenz.“
      Die leere Existenz, was für ein seltsamer Begriff. Darunter konnte Richard sich nichts vorstellen. Er würde wahrscheinlich noch Jahre brauchen, um dies alles begreifen zu können. Was ihn jedoch mehr interessierte als die Art der späteren Zustände der Erde und des Menschen war etwas anderes: „Wird der Mensch dann die Erde erlösen können?“
      „So steht es geschrieben.“
      „Geht das nicht noch unglaublich lange?“
      „Ja, viel länger als wir es uns vorstellen können.“
      Richard schwirrte der Kopf. So viele Informationen auf einmal und so vieles, was er sich nicht im geringsten vorzustellen vermochte, schien sein Gehirn zu überfordern.
      „Vater Samuel, bitte entschuldigt die Störung.“ Richard blickte auf, als er die Stimme des Mädchens hörte. Er war so vertieft in die Erzählungen seines Lehrers gewesen, dass er sie gar nicht hatte kommen hören. Zu Richards Verwunderung trug sie nicht die Tracht der Schüler oder Priester, dafür war sie vielleicht auch noch zu jung. Es war gut möglich, dass sie noch nicht sechzehn war und deshalb auch noch nicht in die Ränge der Gnosis hatte eintreten können. Es war das erste Mal, dass er hier jemanden in gewöhnlicher Kleidung sah, deshalb wunderte er sich, was sie hier wohl tat. „Sessilia, du störst nicht im Geringsten. Was verschlägt dich in diese Räumlichkeiten?“, fragte Samuel freundlich.
      „Ich soll demnächst in der Universität meine Studien fortsetzen. Bis dahin habe ich die Erlaubnis die Bibliothek der Gnosis zu nutzen, um mich in mehr geistige Themen einzulesen. Erklärt Ihr eurem Schützling gerade die Erdenentwicklung?“ Sie warf Richard einen kurzen Blick zu. Der kurze Augenblick, in dem ihre Augen sich trafen, ließ Richard erstaunt zurück. Ihre Augen besaßen ein ungewöhnlich helles Leuchten. Sie schauten wach und aufmerksam.
      „Wir sind gerade beim heutigen Zustand der Erde angelangt. Doch nun ist es schon bald Zeit für die Messe, deshalb müssen wir den Geschichtsunterricht leider auf ein andermal verschieben.“
      „Wie schade, ich hätte die Erzählung gerne einmal in Euren Worten gehört. Aber wenn das so ist, dann möchte ich euch nicht länger aufhalten.“ Sie verneigte sich leicht.
      „Würdest du gerne später auf einen Tee vorbeikommen? Ich habe eine neue Sorte entdeckt, die dir gefallen könnte“, fragte Samuel und das Mädchen strahlte vor Freude.
      „Sehr gerne, Vater“, antwortete sie und verbeugte sich abermals. Richard fand, dass er noch nie eine elegantere Verbeugung gesehen hatte.
      „Das freut mich, viel Erfolg mit deinen Studien“, wünschte Samuel ihr noch zum Abschied, dann ging sie davon. Richard schaute ihr nach. Was sie wohl studieren mochte? Es gab noch so unendlich viel, das er nicht verstand und nicht wusste! „Wer ist sie, Samuel?“, fragte er, als sie wieder allein und auf dem Weg zur Messe waren.
      „Sie ist die Enkelin des Arztes, der dich jeweils untersucht.“
      Richard schauderte. Der Arzt der Gnosis war ihm nicht geheuer. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass er Ärzten seit dem Vorfall im Gefängnis grundsätzlich misstraute.
      „Und was studiert sie?“, fragte er weiter.
      „Medizin. Sie möchte ebenfalls Ärztin, oder gar Heilerin werden. Und ich glaube, dass sie es schaffen könnte. Sie wurde zwar noch nicht in eine Kaste eingeteilt, aber ihre geistigen Fähigkeiten sind erstaunlich. Ihr sechzehnter Geburtstag kann nicht mehr weit entfernt liegen, ich bin gespannt, was bei dem Ritual zustande kommt.“ Richard hätte zu gerne weitergefragt, aber Samuel fuhr fort: „Hast du noch Fragen zur Entwicklung des Menschen? Ich werde dir so gut ich es vermag Antwort geben, aber es ist auch wichtig, dass du die Schriften dazu liest. Ich habe sie dir rausgesucht, am besten beginnst du gleich heute nach der Messe damit.“
      Richard nickte. „Mein Kopf schwirrt. Seit ich hier bin habe ich das Gefühl, nur noch aus Fragen zu bestehen“, antwortete er und musste lachen. „Es geschieht so viel und alles ist mir fremd.“
      „Das versteh ich. Lass dir Zeit. Es wird sich alles klären.“
      Sie erreichten das Tor, welches zur Gebetshalle führte. Richard fiel auf, dass sie zu früh da waren, noch kein anderer Mensch ob in blauer oder weißer Tracht war zu sehen. „Nutze die Zeit der Stille, um dich zu fokussieren. Wie ich es dir gezeigt habe“, wies Samuel ihn an und öffnete die Tür zur Halle.
      Richard trat ein. Ehrfürchtige Stille legte sich um ihn. Der Raum war unglaublich groß, vollkommen rund und gänzlich aus Stein gebaut. Ein breiter Gang führte durch viele kreisförmig angelegte Bankreihen bis an ein mit Blumen geschmücktes Podest in der Mitte. Richard ging den Gang entlang und der Klang seiner Schritte hallten von den Wänden wieder. Harmonische, schlichte Symbole zierten die Wände und auch sonst war der Raum dezent, aber dennoch festlich geschmückt.
      Richard setzte sich an seinen Platz in einer der hinteren Reihen auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Es behagte ihm nicht ganz so weit entfernt von seinem Lehrer zu sitzen, der ihm doch viel Halt in dieser noch so fremden Welt gab. Aber da er nicht einmal sechzehn Jahre alt war und eigentlich gar nicht hier sein dürfte, hatte er kein Recht, neben Samuel zu sitzen, welcher einer der Hohepriester des Ordens war. Er warf einen Blick zu Samuel hinüber, der sich direkt vor dem Podest auf eine Bank niedergelassen hatte. Er saß aufrecht, mit geschlossenen Augen, die Füße fest auf dem Boden, die Hände im Schoss gefaltet. Wenn sein Lehrer meditierte, strahlte er eine ruhige Sanftheit aus, die Richard immer beruhigte und faszinierte. Also setzte er sich ebenso hin und schloss die Augen. Eine Weile ließ er den Atem ein- und ausströmen, wie sein Vater es ihn gelehrt hatte. Er entspannte die Bauch- und Rückenmuskeln, beobachtete, wie sich sein Zwerchfell nach unten hin ausdehnte und nach oben wieder entspannte. Das half ihm ruhig zu werden. Erst dann begann er mit der Übung, die Samuel ihm gezeigt hatte. Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf seinen Kopf, auf seine Gedanken. Der erste Schritt zu einem ruhigen Geist sind geradlinige, regelmäßige Gedankengänge. Um sich in der geistigen Welt zurecht zu finden, muss der Geist daran gewöhnt sein, klar zu denken. Das hatte Samuel gesagt. Woran also denken? Ärgerlich merkte Richard, dass er nun daran war, über das Denken selbst nachzudenken. Das war gar nicht seine Absicht gewesen. Also suchte er nun nach einem geeigneten Thema. Am besten etwas Leichtes für den Anfang. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Grashalm? Also ein Grashalm ist grün, jedenfalls im Frühling, wenn es genug Wasser hat und die Sonne noch nicht zu heiß brennt. Dann haben die Ziegen noch ausreichend Nahrung und auch die Hirten sind zufrieden mit der Herde. Das Grass zuhause war im Sommer meist sehr trocken. Denn die Sommer waren sehr heiß. Richard war, als fühlte er die brennende Hitze. Einmal, als es kaum mehr auszuhalten gewesen war, haben Edwin und ich auf den Wiesen nach Ampferblättern gesucht. Die sind groß und einfach zu finden. Sie verschaffen angenehme Kühlung auf der Haut, was auch bei einem Sonnenbrand Linderung schafft. Eigentlich seltsam, dass der Sumpf im Sommer nie ausgetrocknet ist. Und auch nicht geschrumpft. Dafür ist er Brutstätte für unzählige, lästige Insekten geworden. Richard verlor sich in der Erinnerung. Erst als er Schritte hörte, merkte er, dass er abgeschweift war. Sofort verkrampfte er sich. Es war gar nicht so leicht, seine Gedanken im Zaum zu halten. Ob Samuel wohl wusste, dass er die Übung ganz falsch gemacht hatte? Richard öffnete die Augen einen Spalt weit und spähte zu seinem Lehrer hinüber. Dieser saß reglos auf seinem Platz, er sah noch genauso aus wie zuvor, nur ein kaum wahrnehmbares Lächeln hatte sich auf seine Lippen gelegt.
      Immer mehr Priester und Lernende gesellten sich zu ihnen. Richard versuchte, sich wieder zu beruhigen, aber er fühlte sich viel zu sehr ausgestellt, als dass er seine Ruhe hätte wiederfinden können. Auch jetzt noch fühlte er sich als nicht wirklich zugehörig, als Neuling oder Außenseiter, der eigentlich gar nicht hier sein dürfte. Wenn wenigstens Fried sich zu ihm setzen würde, doch er konnte den Freund nirgends sehen. Richard rieb über seine Handgelenke, um sich zu beruhigen. Erst als alle Novizen und Priester ihre Plätze eingenommen hatten und Stille eingekehrt war, gelang es ihm, seinen Atem auf eine angenehme Geschwindigkeit zu bringen.
      Vater Justus erhob sich. „Willkommen zur heutigen Messe. Lasst uns das Dankesgebet sprechen.“ Allgemeines Gemurmel erhob sich, das Gebet, welches Richard inzwischen auswendig aufsagen konnte und von dessen Bedeutung er nach und nach mehr lernte, wurde rezitiert.
      Nach dem Gebet schritt Vater Justus die paar Stufen zu dem Podest hinauf. In seinen Händen hielt er ein Buch, welches er nun auf ein kleines Pult vor sich legte. Richard konnte ihn nur von hinten sehen, aber trotzdem war seine Gestalt beeindruckend, nicht nur seine körperliche Größe. Richard hatte stets das Gefühl, der Vater würde sich in der gesamten Halle ausbreiten, wenn er die Treppe zum Podest emporstieg.
      „Liebe Brüder und Schwestern“, begrüßte er sie und seine Stimme hallte von den Wänden wider. „Wir alle können dankbar dafür sein, an diesem Ort zusammen kommen zu dürfen. Die wenigsten Wesen dieser Erde haben das große Glück, so nah und intensiv die Worte des Heiligen Rhamnus vernehmen und nach ihnen leben zu dürfen. Wir haben es uns zur obersten Aufgabe gemacht, an der Entwicklung dieser Erde mitzugestalten. Und einigen wird sogar die Ehre zu teil, mit den geistigen Wesen, die sich um unseren Planeten und die Menschen kümmern, in Kontakt treten zu dürfen. Es ist unsere Aufgabe, diese heiligen Worte nach außen zu tragen, in die kleinen Dörfer wie auch die Städte dieses Landes.
      So war es bis anhin. Doch die Zeiten wandeln sich. Klarer wird die Trennung zwischen den Kasten, weniger vermögen es, höher zu steigen. Unsere Bemühungen in den Dörfern bei den Leuten auf dem Lande zeigen nur noch selten Wirkung. Wir können uns nicht um alle Menschen kümmern und auch nicht alle Menschen sind bereit, die Worte der Götterwesen zu hören. Wie schon früher die Tiere, Pflanzen und die Erde sich für unsere Entwicklung geopfert haben, so müssen sich auch nun wieder viele der Menschenwesen opfern, um die Entwicklung einiger wenigen zu begünstigen. Das System der Kasten wurde nicht umsonst von den himmlischen Hierarchien eingeführt. Es ist wichtig, um diejenigen Menschen zu erkennen, die den Weg zu höheren Welten beschreiten können. Wer in seinen letzten Leben erfolgreich an sich selbst gearbeitet hat, der wird auch in diesem die Früchte davon ernten können. Nur die auserwählte Schaar wird schlussendlich die Schöpfung ins Licht der Erlösung führen und somit alle Wesen befreien, die sich für jene geopfert haben.
      Wie ihr wisst, zeigt sich dies durch wachsame Gelehrsamkeit und gutes Karma, günstige Wendungen des Schicksals. Wir, die wir hier versammelt sind, sind ausgewählte Kinder dieser Erde. Wir haben die außergewöhnliche Aufgabe, der Spezies Mensch eine höhere Bedeutung zu geben und dafür zu sorgen, dass die vergangenen Opfer nicht umsonst gewesen sind. Jedem noch so kleinen Lebewesen verdanken wir unseren heutigen Grad an Bewusstsein und die Chance weiter aufzusteigen. Haltet euch das in Dankbarkeit vor Augen und erinnert euch stets an den Kern, an die wahre Bedeutung eures Lebens. Es ist Weisheit, die euch helfen wird, zu erkennen, wo ihr eure Energie und Aufmerksamkeit hinlenken wollt. Nicht blinde Liebe. Nur Liebe, die von Weisheit gelenkt wird, kann zum vollen Erblühen der Lehre führen.“
      Richard nahm sich vor, Samuel nach der Messe nach der Bedeutung dieser Worte zu fragen. Was heißt das, Menschenopfer? Richard schauderte bei dem Gedanken. Was passierte genau, wenn sich ein Teil der Menschheit opferte? Im Sinne der Pflanzen und Tiere klang das sehr ehrenvoll, doch er konnte sich nicht vorstellen, dass sich die Menschen heute freiwillig opfern wollten.
      Vater Justus schlug das Buch vor sich auf. „Worte des heiligen Rhamnus, aufgeschrieben durch König Cedrus“, las Vater Justus. „Vieles bleibt den Blicken der Menschen heute noch verborgen. Doch die Anlagen zur Entwicklung von neuen Sinnen sind bereits im Menschen vorhanden. Weit reicht mein Blick in die Vergangenheit und weit hinweg in die Zukunft. Aus eurem Geschlecht werden dereinst Menschenkinder hervorgehen, die ebenso weit und weiter noch zu blicken vermögen können. Doch die Zeit ist noch nicht reif dafür. Noch ein halbes Jahrtausend mag es dauern, bis es manchen Menschen möglich sein wird, meine Worte wahrhaftig und in lebendiger Art zu verstehen. Und doch ist in jedem von euch die Anlage zum Seher vorhanden. Wir Menschen sind geistige Wesen. Wir besitzen wohl einen Körper und eine Seele, aber im Grunde sind wir geistig. Wir tragen den Körper als eine Verkleidung und benutzen ihn als ein Werkzeug, um in dieser Welt auf Physisches direkt einwirken zu können. Doch unterschätzt nicht die Kraft der Gedanken. Sie sind Teil eurer wahren Natur, denn diese ist die geistige. Vernachlässigt nicht die Gedankenarbeit. Sie stärkt euren Geist und gibt euch einen Zugang zu dieser Kraft, die in euch verborgen liegt. Was heute noch als Magie bekannt ist, wird bald als reine Geistesaktivität erkannt werden.
      Was ich euch von den höheren Welten berichte, mag für euch wie Magie oder als unfassbar erscheinen. Doch es sind Welten, die tagtäglich auf uns einwirken. Ich sage nicht, glaubt mir blind. Der blinde Glaube wird niemanden sehend machen. Aber hört von den höheren Welten und nehmt diese Worte in euch auf, damit sie lebendig werden können und ihr euch eines Tages selbst von ihrer Wahrheit überzeugen könnt. Wie das Samenkorn, das auf die Erde fällt, wächst und später Früchte bildet, so werfe ich die Samen der lebendigen Wahrheit in euren Geist. Schafft hier und jetzt die Grundlage für eure Nachkommen und eure weiteren Leben, um eines Tages sehend zu werden, um eure eigene geistige Natur erfahren zu können.“
      Vater Justus verneigte sich, dann klappte er das Buch wieder zu. „Mehr als ein halbes Jahrtausend ist seither vergangen. Wir leben in einer Zeit, für die eine Wende im Weltengeschehen vorhergesagt wurde. Die Sterne berichten davon. Der Eingeweihte Vater Canis Adustus hat die Bilder eigens überprüft und bestätigt. In den Sternen wird von einem Kind gesprochen, von einer hohen Wiedergeburt. Ob es der Heilige Rhamnus selbst ist, der wieder zu uns in physischer Form zurückkehrt oder ob es sich um eine andere wertvolle Persönlichkeit handelt, bleibt ungewiss. Er wird die auserwählten um sich scharen. Es ist nun an der Zeit, uns nach innen zu wenden, uns auf unseren geistigen Fortschritt zu fokussieren. Dies ist die Wende. Es wird entschieden über ein Zurückbleiben oder Weiterschreiten.
      Alle hier versammelten haben die Möglichkeit aufzusteigen. Ich sage euch, nehmt diese Gelegenheit wahr! Entfaltet euren Geist, erkennt eure wahre Natur und lasst das Physische zurück. Bald bedürfen wir dieses Werkzeuges nicht mehr. Bald werden wir nackt und ohne Verkleidung vor die Götter treten, in der wahren Schönheit des Geistes.“
      Er verbeugte sich abermals, nahm das Buch und kehrte zu seinem Platz zurück. Ein Studiosus schlug eine helle Glocke an, das Zeichen, sich in Gedankenübung zu versenken. Auch Richard schloss die Augen. Sein Herz klopfte aufgeregt in seiner Brust. Während der Rede hatte er immer wieder in Samuels Richtung geblickt, aber dieser hatte immer nur ins Leere geschaut. Was mochte all dies heißen? Ein Kind, von dem in den Sternen berichtet wird? Warum hatte Samuel ihm nichts davon erzählt? Konnte es nicht sein, dass…? Richard wagte kaum, den Gedanken zu Ende zu denken. Konnte es nicht sein, dass er selbst damit gemeint war? Was hatte Vater Canis an dem Tag gesagt, als er zu ihm gebracht worden war? Hatte er nicht gemeint, dass er besonders war? Und hatte Samuel nicht dasselbe gesagt? Weshalb wurde er von einem der Hohepriester der Gnosis unterrichtet, wenn nicht aus einem besonderen Grund? Richard hielt nach Aaron und Eli Ausschau, konnte sie in der Menge jedoch nicht ausfindig machen. Ob sie dasselbe dachten wie er?
      Richard gelang es überhaupt nicht mehr, sich auf seine Übung zu konzentrieren. Zu viele wirre Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum. Auch an den heiligen Gesängen beteiligte er sich nur halbherzig. Zuletzt rezitierten sie alle noch einmal gemeinsam das Dankesgebet, dann verstreuten sich die blauen und weißen Geistlichen wieder, um ihren Arbeiten nachzugehen und über die gehörten Worte nachzudenken. Samuel wartete bereits am einen Ausgang auf Richard. Dutzende Fragen brannten Richard auf der Zunge, doch Samuel war sehr schweigsam, seine Mine angespannt und verschlossen. Als Richard ihm seine erste Frage stellen wollte, tat dieser sie mit einer ungeduldigen Handbewegung ab und sagte: „Jetzt nicht.“
      So kannte er seinen Lehrer gar nicht. Vielleicht war er doch unzufrieden mit ihm. Oder unglücklich darüber, ihn als Schüler zu haben. Damals in Vater Canis Zimmer hatte Samuel nicht gerade erfreut ausgesehen, als er vernommen hatte, dass er sich um Richard kümmern sollte. Ein weiteres Mal wurde Richard seiner eigenen Unwissenheit schmerzhaft bewusst. Was hatte er all die Zeit seines Lebens bisher getan? Er hatte nichts gelernt, hatte keine Ahnung von der Welt. Sein Vater hatte ihm nichts von dem beigebracht, was er nun so dringend brauchte. Das Mädchen von vorhin wusste bestimmt viel mehr als er.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Uh! Ich glaube, da könnte Amore in der Luft liegen! :D Du zeichnest hier ein wahsinnig kompexes Bild dieser Religion. Du hast dir da wirklich viele Gedanken gemacht! In einer "normalen" Geschichte würde ich sagen, du erschlägst deine Leser, aber hier finde ich das in ordnung. Wer deine auf Philosophie und Theosophie basierenden Texte liest, muss damit rechnen, sich auch mal anstrengen zu müssen. ;)

      RenLi schrieb:

      Auf dieser roten Kugel hätte er lieber nicht wollen.
      Entweder "auf diese" oder "nicht leben wollen"

      RenLi schrieb:

      welches noch kaum Bewusstsein hatte. Er ist erschaffen worden von den Thronen, das sind sehr hohe geistige Wesen. Sie haben dem Menschen diese gasförmige Gestalt gegeben und ihn anschließend anderen geistigen Wesen überlassen. In diesem Zustand besaß der Mensch weder Erinnerung noch Verstand und nur ein sehr dumpfes Bewusstsein.
      Das "kaum" wird zum "stumpfen Bewusstsein"? Mir entgeht da irgendwie die Steigerung etwas... :D

      RenLi schrieb:

      „Ich bin ein einziges, riesiges Fragezeichen.
      Die Formulierung gefällt mir nicht. Ganz subjektiv, sie ist korrekt und verständlich, sie klingt mir einfach zu modern... :)

      Ich mag deine Texte - sie sind so phantasievoll, gut durchdacht und regen zum nachdenken an!
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • Juhuu, schon angepasst. Der Teil mit dem Bewusstsein hab ich zwar gelassen, da muss ich nochmals überlegen.
      Stimmt schon, das ist wohl etwas zu viel. Aber kürzen kann man immer noch. Ausserdem ist die Geschichte nun wirklich sehr Richard lastig, aber ich bin da grad so drin, dass ich im Moment gar keine Lust zum Wechseln habe. Bitte vielmals um Verzeihung. :hail:
      Was ich noch anmerken möchte: die zwei anderen Kids lernen je ein anderes 'Glaubenssystem' kennen. Diese sind aber nicht so kompliziert wie dieses hier. Und ich baue das auch nicht so auf einem krassen Lehrer-Schüler-Verhältnis auf, da wird es also weniger 'Unterricht' im gesprochenen Sinne geben. Die Gnosis legt jedoch sehr viel Wert auf Wissen. Deshalb wird das hier so ausführlich gemacht - aus Sicht der Priester ist das natürlich nur ein klitzekleiner Abriss, die brauchen ja etliche Jahre Studium, bis sie sich alles Wissen mehr oder weniger angeeignet haben. Man muss sich auch gar nicht alles merken, was da steht, es geht mehr darum, ein Gefühl für die Gnosis zu bekommen, die ja die Welt (oder besser gesagt, Lux) sehr prägen.

      Amore, Amore, dazu gehts dann im nächsten Teil weiter :saint: wenn schon mal eine Frau vorkommt, dann muss sie doch auch ein grosses Stück vom Kuchen bekommen ;)
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      Rumi
    • Hey,

      Mist, ich hinke schon wieder hinterher. Irgendwie habe ich zwischendurch gepennt und nicht mitbekommen, dass es weitergeht...Also, hier erst einmal meine Anmerkungen zu "Richard Geheimnisse": Ein schöner Teil übrigens. Schön, dass Richard Freunde gefunden hat. Hoffentlich meinen sie es auch wirklich gut mit ihm. Irgendwie bin ich da skeptisch...

      Spoiler anzeigen



      RenLi schrieb:

      Seine Anwesenheit allein brachte selbst die redseligsten die Menschen zum Verstummen.
      das zweite "die" ist zu viel :)


      RenLi schrieb:

      Die vier Gruppen von Auszubildenden schienen sich nur zu Arbeitszecken
      Bei Arbeitszwecken fehlt das "w"


      RenLi schrieb:

      Das Gespräch zwischen ihm und Vater Samuel hat mich aus stutzig gemacht
      "auch" statt "aus"




      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hi Rainbow, schön, dass du wieder reingekommen bist. Hab deine Anmerkungen in meinem Skript verbessert.
      Bin froh, dass du den Teil magst, ich war mir da etwas unsicher. In der alten Version hat Richard keine Freunde im Ducatus gefunden, ich muss mich erst noch an Eli, Fried und Aaron gewöhnen ;)
      Sessilia existiert schon länger in meinem Kopf, mit ihr habe ich weniger Probleme. ^^
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      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • So, da kommt der nächste Teil. Die zwei Gedichte, die darin vorkommen, habe ich nicht selber geschrieben. Sie sind von Rumi, einem Dichter und Sufi. Bin gerade vor Kurzem ein Rumi-Fan geworden :D


      Richard, ein Lichtengel (566 n. Rh.)
      Richard brannte darauf, mit seinen Freunden über die Verkündigung von Vater Justus zu sprechen, doch sie hatten alle Dienste für den Orden zu erledigen. Besonders Fried, der ja erst ein Eleve war, musste allerhand Arbeiten für höhere Ordensmitglieder ausführen und gerade heute war er zur Arbeit in der Küche zugeteilt worden. Nur einen vielsagenden Blick von Aaron hatte Richard erhascht, als sie die Messhalle verlassen hatten.
      Aufgeregt ging Richard in die Bibliothek. Er hatte das Buch Das Leben des heiligen Rhamnus bei sich und setzte sich an eines der hohen Fenster, um darin zu lesen. Er hoffte, sich mit der Lektüre ablenken zu können, bis er die drei wiedersah.
      „In den Tagen der Herrschaft des Cedrus, Sohn des Entipaz, kam es, dass ein Weiser durch die von den Göttern verlassenen Lande zog. Es war eine Zeit, in der die Altäre und Gotteshaine nicht länger Schauplatz und Wirkstätte der höheren Wesen waren, sondern von Dämonen heimgesucht wurden. Seuchen verbreiteten sich unter den Menschen und ihren Tieren. Gewalt und Vernachlässigung war überall zu spüren, denn üble Rede und Untugendhaftigkeit wurde von den Dämonen herbeigeführt und lockten weitere dieser Kreaturen an.
      Auch die Frau des Königs Cedrus war von einer Krankheit befallen. Übelkeit erregende Geschwüre breiteten sich auf ihrem Körper aus und der Gestank, der von ihrem Fleisch ausging, vernebelte die Sinne. Der König hatte bereits alle Heiler seines Volkes versammelt, doch keiner hatte die Ursache der Krankheit oder eine Heilmethode finden können. Als nun Cedrus von dem weisen Wanderer hörte, der predigend durch sein Reich zog, ließ er ihn zu sich bringen. Als Rhamnus der Wanderer vor den König trat, sprach er: „König, eure Götter haben euch längst verlassen. Stattdessen treiben Dämonen ihr Unwesen in eurem Reich. Kehret um. Ehe ihr mit eurem Reich untergeht.“
      Der König war beeindruckt von der fürstlichen Ausstrahlung des Reisenden, der doch nur in ärmlicher Kleidung unterwegs war. „Könnt Ihr meiner Frau helfen, so werde ich tun wie Ihr mir ratet und euer Schüler werden. Könnt Ihr es aber nicht, so werde ich euch in die Kerker werfen lassen, wo Ihr euren Tod erwarten könnt.“ So sprach der König. Rhamnus nickte und wurde unverzüglich in die Gemächer der Königin geführt. Dort erkannte er sofort, dass ein Dämon von ihr Besitz ergriffen hatte und ihren Leib vergiftete. Er schickte den Üblen fort und die Königin erholte sich wieder vollständig von ihrer Krankheit, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Cedrus war zutiefst beeindruckt, aber nun bereute er es, dem Fremden Versprechungen gemacht zu haben. „Wie habt Ihr das bewirkt, Fremder? Ist es tatsächlich das Tun der Götter, welches durch euch geschieht oder ist es eine dämonische Hinterlist?“
      „Ihr könnt es nicht erkennen, König. Denn ihr seid noch nicht sehend geworden. Es liegt an euch, ob ihr Erkenntnis erlangt, oder ob ihr in eurem Elend untergeht. Wenn ihr mir nicht Glauben schenken wollt, so lasst mich ziehen.“
      Da besann sich der König eines Besseren. Er wollte die Macht dieses Menschen auch an sich verwirklicht sehen. Ganz gleich, ob es nun die Kräfte von Dämonen oder diejenigen der Götter waren. „Nehmt mich als euren Schüler auf, Herr“, erbat er und kniete sich vor dem Rhamnus nieder. Von diesem Tage an unterrichtete der Heilige Rhamnus im Palast des Königs. Doch er musste bald einsehen, dass Cedrus nicht sehr am Wohle seines Volkes interessiert war, sondern das Wissen für sich und seine getreusten Untergebenen behalten wollte. So sprach Rhamnus. „König, ihr begebt euch erneut in Gefahr. Obschon ihr meinen Unterweisungen zuhört, scheinen sie euer Inneres doch nicht zu erreichen. Achtet auf diese Warnung. Wer dem Weg der Erkenntnis folgt und der Macht anheimfällt, der wird tiefer fallen als einer, der als Unwissender diesem Irrweg folgt.“
      Widerwillig ließ der König zu, dass auch weniger gebildeten Menschen Zugang zu den Lehren des Rhamnus gewährt wurden. Doch Rhamnus ließ sich nicht täuschen. Er verlangte, dass er zum Volke gehen könne, um direkt zu lehren. So zog er aus und gelangte zu einem Bauernhof. Dort war das Wasser verseucht und ungenießbar. Die Menschen waren dem Irrglauben verfallen, die Götter würden ihnen zürnen und so hatten sie Blut frisch geschlachteter Ziegen in die Quelle fließen lassen, was niedere Dämonen angelockt hatte. Nun stank das Wasser nach fauligem Fleisch und brachte Krankheit allen Wesen, die daraus tranken. Rhamnus sammelte die Blüten von wilder Kamille und Baldrian ein, kochte daraus einen Sud und ließ die Bauern das Gebräu mit Ziegendung mischen und in das Wasser gießen. Nach einer Woche war das Wasser wieder klar und die Dämonen verschwunden. So zog er von Ort zu Ort und lehrte die Menschen, wie sie die äußeren und inneren Dämonen vertreiben konnten.“
      Richard hielt im Lesen inne. Das Buch las sich wie eine Geschichte, das gefiel ihm. Es war nicht so kompliziert und trocken wie manche andere Bücher, die er bisher gelesen hatte.
      Er fragte sich, weshalb wohl ein Mensch, der auf dem Weg der Erkenntnis ist, tiefer fallen wird, als ein Unwissender. Er sollte Samuel danach fragen, wenn er ihn wiedersah. Oder war er ihm etwa immer noch böse? Würde er seine Fragen wieder nicht beantworten? Richard seufzte und klappte das Buch zu. Es hatte ihn nur kurz von seinen Sorgen ablenken können. Vielleicht sollte er zurück auf sein Zimmer gehen, um sich seinen Übungen zu widmen.
      Er erhob sich und schlenderte zwischen den Regalen hindurch, in Richtung Ausgang. Doch mitten auf dem Weg hielt er inne und blickte in die Weite der Kuppel empor. Er war noch nie ganz oben gewesen. Vom höchsten der Balkone aus musste die Bibliothek unglaublich aussehen. Also machte er kehrt und stieg eine der geschwungenen Treppen empor, die auf die erste Ebene der Galerie führte. Im Kreis zogen sich Treppe um Treppe an der Außenwand der Bibliothek empor, immer höher. Auf jedem Stockwerk gab es Reihenweise Bücher und kleine Lesenischen, in denen die Lernenden, in Gruppen oder alleine, in ihre Schriften vertieft saßen. Richard erklomm die letzte Treppe und lehnte sich, leicht außer Atem, ans Geländer. Der Anblick war wirklich atemberaubend, noch viel schöner, als er es sich hätte vorstellen können. Der weite Raum wurde vom sanften Licht der Sonne durchflutet, die Stille schien hier noch allgegenwärtiger zu sein, die Bücher verbreiteten eine Atmosphäre von würdevoller Weisheit. Richard sog sich voll mit dem Anblick, der wie Balsam für sein wundes Herz war.
      Er machte sich daran, die Bibliothek zu umrunden. Er wollte sie einmal von jedem Winkel her betrachten. Während dem Gehen ließ er seine linke Hand locker über das Geländer gleiten, er fühlte sich, als schreite er durch ein himmlisches Gewölbe. Dann sollte es hier oben doch auch himmlische Wesen haben, dachte er verträumt. Er blickte nach oben an die Decke, die mit Stuckaturwerken und Malereien von Engelwesen mit Flügeln bedeckt war. Diese Geistwesen, das wusste er inzwischen, waren den Menschen sehr nahe. Sie begleiteten und schützten die Menschen auf der Erde. Sein Blick wanderte von Engel zu Engel, der höchste Punkt der Kuppel war erfüllt von strahlendem Licht, um welches eine Gruppe von Lichtwesen sich scharte. Sehen sie den Menschen wirklich so ähnlich?, fragte sich Richard.
      Er schaute über die Halle hinweg und erblickte eine Gestalt, von Licht eingehüllt, aufrecht und majestätisch. Sein Herz machte einen Satz. Intuitiv machte er einen Schritt auf die Gestalt zu und stieß gegen das Geländer. „Autsch“, entfuhr es ihm und er verlor die Gestalt für einen Moment aus den Augen. Als er wieder aufsah, hatte sie sich umgedreht und er erkannte seinen Irrtum. Was er gerade eben noch für einen Engel gehalten hatte, war Sessilia, das Mädchen von vorhin. Sie stand auf der anderen Seite des Raumes vor einem der Fenster, ins helle Licht der Nachmittagssonne getaucht, ihre Haare leuchteten wie ein Lichtkranz um ihren Kopf. Sie sah ihn und lächelte verlegen, dann setzte sie sich in eine Nische am Fenster und verschwand hinter einem Buch.
      Richard errötete. Hatte sie gesehen, wie er gegen das Geländer gelaufen war? Er hatte sie tatsächlich für einen Engel gehalten. Sie ist auch sehr hübsch, dachte er, woraufhin seine Wangen noch heißer wurden.
      Er wollte sich bereits wieder an den Abstieg machen, doch ihr Anblick, wie sie dort in der Nische saß und in dem Buch las, rührte etwas in ihm. Inzwischen hatte sich ihre Haltung wieder entspannt, sie saß aufrecht und ein verträumter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Er wollte zu ihr gehen und neben ihr sitzend lesen. Er hatte das Gefühl, sich nirgendwo auf der Welt besser in die Geschichte des Heiligen Rhamnus vertiefen zu können, als dort bei ihr am Fenster. Es war sein Herz, das ihn zog, das ihm befahl, den Raum zu umrunden und sich diesem fremden Mädchen zu nähern. Keinen Moment ließ er sie aus den Augen, folgte ihren Bewegungen, als sie das Buch sinken ließ und nachdenklich aus dem Fenster schaute. Jeder Schritt, begleitet von einem Schlag seines Herzens, schien Richard von unendlicher Wichtigkeit zu sein. Er spürte, wie jeder neue Atemzug ihm neues Leben einhauchte, wie jeder Herzschlag sein Blut weiter durch seinen Körper pumpte, während er in langsamen Schritten weiter auf sie zuging.
      Als er vor ihr stand, stellte er fest, dass ihm die Stimme abhanden gekommen war. Nicht nur die Stimme, alle Gedanken schienen fortgeblasen, sein Kopf war so leer wie ein wolkenloser Himmel. Nur das Pochen seines Herzens füllte seine Ohren. Wer ist sie? Ein vereinzelter Gedanke, der haltlos durch seinen leeren Kopf flatterte. Ohne von ihrem Buch aufzusehen sprach sie mit leiser Stimme:

      „Was denkst Du, wer ich bin? “

      Ihre Worte trafen ihn unerwartet. Er hielt den Atem an und lauschte.

      „Ein Trinker?
      Ein Sklave meiner Sinne?
      Ein liebeskranker Irrer?“

      Richard stand wie angewurzelt da. Die Worte, die sie sprach, drangen durch seine Ohren ein und füllten seinen Kopf, strömten weiter in seinen Körper, schwangen mit im Rhythmus seines Herzschlages.

      „Wisse: Ich bin der König der Liebe!
      Meine Seele ist von Lust befreit.
      Meine Sehnsucht gereinigt von Begierde.
      Mein Verstand ist frei von Scham.

      Ich verließ den Bazar der Sinne.
      Liebe ist mein Wesen.
      Die Liebe ist Feuer – ich bin das Holz
      und verbrenne.

      Die Liebe zog ein in mein Haus
      und mein Ich packte seine Bündel
      und zog aus.

      Du denkst du siehst mich,
      doch ich existiere nicht.

      Was existiert ist der Geliebte.“

      Die Worte verklangen. Richard stand noch immer da. Ein tiefes Gefühl der Sehnsucht hatte ihn ergriffen. Ein Schmerz, der nicht in Worten fassbar war. Seine Sicht war unglaublich klar und doch verschwommen, und als er eine Hand an die Wange hob, wurden seine Fingerspitzen von Tränen benetzt. Sie blickte auf. Noch nie hatte er solch strahlende Augen gesehen. Wie ein leuchtendes Meer erschienen sie ihm, auf dessen Wogen das Licht der Sonne schimmerte. Sie blinzelte. Jede einzelne ihrer dunklen Wimpern konnte er sehen, jede Sommersprosse auf ihrer Nase hätte er zählen können. So gestochen scharf sah er sie, dass es ihm schon beinahe schwindlig wurde.
      Erst als ihre Wangen sich rot färbten, wurde ihm klar, dass er sie schon seit geraumer Zeit unverhohlen anstarrte. Er senkte den Blick, schien wie aus einem Traum zu erwachen, aus einem Traum, so klar wie der erste Tau im Frühling.
      „Tut mir leid“, murmelte er und wusste nicht, worauf er seinen Blick richten sollte. Er wischte sich die Tränen vom Gesicht.
      „Magst du Gedichte?“, fragte sie nach einem Moment des Schweigens.
      Er wagte es, sie wieder anzusehen. Er nickte. Was sie eben gelesen hatte, er hatte es nicht wirklich verstanden. Aber es war ihm vorgekommen wie… „Magie“, murmelte er. „Es klang wie Magie.“ Er lächelte verlegen. „Tut mir leid“, wiederholte er.
      „Setz dich, wenn du möchtest.“
      Ungelenk setzte er sich auf die Bank ihr gegenüber. „Wer hat das geschrieben?“, fragte er und deutete auf das abgegriffene, in Leder gebundene Buch, das auf ihrem Schoss lag.
      „Ein Dichter namens Vanus Orbis. Möchtest du noch eines hören?“
      Er nickte.
      „Dieses ist ganz kurz.“ Sie räusperte sich, dann begann sie zu lesen:

      „In diesem Spiegelkabinett
      siehst du eine Menge Dinge.
      Reibe dir die Augen!
      Nur du allein bist da.“

      Richard wartete, bis die Worte verklungen waren. „Was bedeutet das?“, fragte er.
      „Ich weiß es auch nicht. Obwohl ich alle Gedichte bestimmt schon tausendmal gelesen habe. Ich trage das Buch immer bei mir und wenn ich alleine bin, lese ich darin. Aber das meiste verstehe ich nicht. Und doch. Wenn ich es bei mir trage, dann fühle ich mich nicht so alleine.“
      Er sah die Trauer in ihren Augen. Er wollte sie trösten, doch er blieb sitzen, rührte sich nicht. Er wusste nicht einmal, was er sagen sollte. Stattdessen blickte er auf das Büchlein.
      „Möchtest du es ausleihen?“, fragte sie nach einer Weile.
      „Aber, du brauchst es doch“, sagte er, überrascht von ihrem Angebot.
      „Ich kenne die Gedichte auswendig“, antwortete sie mit einem Lächeln. Sie hob das Buch auf und hielt es ihm hin.
      „Bist du sicher?“
      Sie nickte. Er nahm das Buch entgegen und fühlte sich, als würde sie ihm einen Teil ihres Herzens in die Hände legen.
      „Ich muss jetzt gehen“, sagte er, plötzlich hielt er es nicht mehr aus, in ihrer Nähe zu sein. Als er aufstand, schwankte er leicht. Seine Beine fühlten sich weich und etwas zittrig an. Ob er es bis nach unten schaffen würde?
      „Geht es dir nicht gut?“, fragte sie besorgt.
      „Keine Sorge, mir geht es gut.“ Er schaffte die paar Schritte zum Geländer, dann drehte er sich nochmals zu ihr um. „Bist du morgen wieder hier?“
      Ein Lächeln ließ ihr Gesicht aufleuchten. „In der nächsten Zeit werde ich oft hier oben sein.“
      „Darf ich dich besuchen?“, fragte er und fügte schnell hinzu: „Ich werde dich nicht stören, ich muss selbst vieles lesen.“ Er hielt das Buch über das Leben von Rhamnus hoch.
      „Du störst mich nicht.“
      „Danke für das Buch“, sagte er noch, dann eilte er davon.
      Die Treppen hinunter schien er im Flug zu nehmen. Es war ihm, als sei ein kleines, warmes Feuerchen in ihm zu leben erwacht und brenne nun in seiner Brust.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Hi RenLi,

      also, ich muss sagen, ich ziehe wirklich meinen Hut vor dir und deinen Schreibkünsten. Ich finde es jedes mal auf`s Neue wieder total cool, wie du es schaffst, mit Leichtigkeit eine Atmosphäre aufzubauen und so viele Dinge einfließen zu lassen, die die Geschichte absolut rund wirken lassen. (Ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll)
      Also, diese ganze Geschichte zum Thema Entstehung der Welt und Berufung der Menschheit habe ich dir 1:1 abgekauft :) Und es macht wirklich Spaß, dir zu folgen....

      Ich habe nur ein paar Rechtschreibfehler gefunden, die ich dir in den Spoiler packe:

      Spoiler anzeigen



      RenLi schrieb:

      „Das hier ist das Beginn der Menschheit.“
      "der" Beginn?


      RenLi schrieb:

      Auf dieser roten Kugel hätte er lieber leben nicht wollen.

      ....hätte er lieber nicht leben wollen (?)


      RenLi schrieb:

      Aber es war sehr schwer vorstellbar, trotz den Bildern.
      ...trotz "der" Bilder?


      RenLi schrieb:

      Aber wir haben Zeit, uns näher kennen zu lernen.“
      kennenzulernen


      RenLi schrieb:

      was er sich nicht im geringsten vorzustellen vermochte,
      im Geringsten...


      RenLi schrieb:

      der Klang seiner Schritte hallten von den Wänden wieder.
      wider

      ansonsten stand noch irgendwo: "....um sich in der geistigen Welt zurecht zu finden...." (zurechtzufinden wird zusammenschrieben)
      außerdem:" .....einigen wird sogar die Ehre zu teil..." (ich glaube, zuteil wird auch zusammengeschrieben)
      Dann noch: "....er wird die auserwählten um sich scharen..." (Auserwählten groß)




      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Danke für euer beständiges Weiterlesen!
      Ich bin froh, dass ihr noch nicht angefangen habt, das Religions-Geschwafel zu überspringen ^^ und dass ihr euch noch nicht über die ganzen direkten Reden beklagt habt. Die Hälfte oder mehr von den Teilen, die ich im Moment poste, bestehen aus Gerede :) im Ducatus bleibt nicht viel Raum für Action übrig ;)
      Die Fehler hab ich in meinem Skript korrigiert. Bin gespannt, was du @Rainbow zu meinem nächsten Teil über Sessilia sagst.
      Und @Windweber, falls ich die Romantik aus der Sicht eines männlichen Wesens nicht passend beschreibe, schlag bitte Alarm. Da kenn ich mich nicht sehr aus ^^ gut, dass Richard eher der weibliche, schüchterne Typ ist. Mit Jakob werde ich in dieser Hinsicht sicherlich mehr Probleme haben :D
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • RenLi schrieb:

      Die Fehler hab ich in meinem Skript korrigiert. Bin gespannt, was du @Rainbow zu meinem nächsten Teil über Sessilia sagst.
      Und @Windweber, falls ich die Romantik aus der Sicht eines männlichen Wesens nicht passend beschreibe, schlag bitte Alarm.
      Ich bin auch schon sehr gespannt auf Sessilia...es scheint sich da ja was anzubahnen zwischen ihr und Richard...wenn du schon von Romantik sprichst :) Feini fein...immer her damit! Ich bin für sowas ja zu haben, obwohl ich es auch schwierig finde, da als Autor immer den richtigen Ton zu treffen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Romantik und Kitsch...mal abgesehn davon, dass wahrscheinlich auch jeder was anderes unter dem einen und dem anderen versteht. Ich habe aber vollstes Vertrauen, dass du auch diese Hürde mit Bravur meistern wirst.

      Ab Samstag bin ich allerdings erst mal knapp drei Wochen im Uraub. Ich habe keine Ahnung, ob und wie viel ich da Zeit haben werde hier vorbeizuschauen. Nur, damit du Bescheid weißt! Ich bin aber schon geübt im Aufholen...

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hey,

      kann mich @Windweber nur anschließen. Das war total süß! Irgendwie fühlte ich mich gerade selber wie frisch verliebt :)
      Ein paar Formulierungen haben mich echt umgehauen und das ganz ohne, dass es kitschig geklungen hätte! Wirklich sehr schön...dass er sie mit einem Engel vergleicht...und sie ihm dann noch dieses Gedicht vorträgt...seufz....Bei jedem anderen hätte das vielleicht abgedroschen geklungen-aber nicht bei dir!

      Okay, bevor ich jetzt immer weiter schwärme, höre ich lieber auf. Also: Ganz große klasse!!! Und hier nur zwei Stellen, die ich gefunden habe:


      RenLi schrieb:

      Auf jedem Stockwerk gab es Reihenweise Bücher
      reihenweise (meiner Meinung nach klein)


      RenLi schrieb:

      warmes Feuerchen in ihm zu leben erwacht
      in ihm "zum Leben" erwacht

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hallo zusammen. Danke für deine lieben Worte ^^ als nächstes geht es weiter mit dem lieben Sinister


      Richard, Sinisters Auftrag (566 n. Rh.)
      „Hast du ein Licht verschluckt, Richard? Du strahlst“, sagte Aaron mit seinem schrägen Grinsen.
      „Wirklich? Ich glaube nicht.“ Besorgt schaute Richard an sich hinunter.
      Fried kicherte. „Das war ein Scherz“, sagte er und gluckste.
      Richard zog eine Grimasse. Er hatte im Wirtshaus zwar einiges über sich ergehen lassen müssen, doch er hatte er sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass selbst die Mitglieder der Gnosis nicht immer das sagten, was sie auch meinten.
      Aaron, Eli, Fried und Richard saßen beisammen am Mittagstisch. Seit der Begegnung mit Sessilia am Vortag hatte er die zwei Gedichte immer und immer wieder gelesen. Vielleicht habe ich wirklich ein Licht verschluckt, dachte Richard, denn er fühlte sich wunderbar, als würde er in den ganzen Raum hinausstrahlen.
      „Weshalb musst du eigentlich nie abwaschen?“, maulte Fried und stützte den Kopf in die Hände.
      Aaron beugte sich über den Tisch. „Richard ist schließlich unser Sternenkind, der muss nicht abwaschen“, flüsterte Aaron und grinste.
      Eli warf ihm einen scharfen Blick zu. Nicht hier, lautete die Botschaft.
      Aaron zuckte mit den Schultern und lehnte sich wieder zurück. Wie seltsam, dachte Richard. Noch vor wenigen Stunden hatte unbedingt mit den anderen dreien über dieses Thema sprechen wollen, doch nun dachte er kaum noch daran. Was ihn viel mehr interessierte, waren die Gedichte, die er von Sessilia bekommen hatte. „Habt ihr schon einmal von einem König der Liebe gehört?“, fragte er.
      „Ach, deshalb strahlst du so. Unser Richard ist verliebt!“, platzte Aaron heraus.
      Richard hob abwehrend die Hände, doch er spürte, dass er rot wurde. „Nein, bin ich nicht. Aber ich habe ein Gedicht gelesen“, versuchte er zu erklären, doch Aaron ignorierte ihn.
      „Wer ist es? Mia vielleicht? Die sieht wirklich gut aus, das kann selbst die Robe nicht verbergen. Außerdem ist sie klug und witzig“, überlegte Aaron.
      „Wir dürfen doch gar nicht an so etwas denken“, flüsterte Fried empört.
      Aaron prustete los vor Lachen. „Klar“, presste er zwischen zwei Lachern hervor. „Mach dir da mal nichts vor, Kleiner.“
      Eli hatte sich inzwischen aus dem Gespräch ausgeklinkt und aß ruhig sein Essen, doch Richard rutschte unruhig auf der Bank hin und her. War es verboten, über Liebe nachzudenken? Aber Vater Justus hatte in einer Messe auch von Liebe gesprochen.
      Fried saß da und sah Aaron mit großen Augen an. „Guck nicht so“, seufzte Aaron. „Zwischendurch bin ich auch nur ein Mensch. Deshalb bin ich wahrscheinlich noch kein Candidatus. Nicht wahr, Eli?“ Aaron stieß den Freund an. „Sitzt nicht so steif da. Als ob dich das nicht auch interessieren würde.“
      „Ich sitze nicht steif da“, erwiderte Eli, doch seine Worte klangen nach einer Verteidigung.
      Aaron hob eine Braue, doch er beließ dabei. „Also gut, Themawechsel: Vermisst ihr auch manchmal die Sonne?“ Aaron streckte sich und sah in Richtung Decke. „Manchmal habe ich das Lernen gänzlich satt. Aber zu meinem alten Herrn zurück möchte ich auch nicht mehr.“
      Richard war froh, dass er sich nun wieder entspannen konnte. Wenn er recht darüber nachdachte, war es wirklich schon lange her, dass er draußen gewesen war. Wie das Wetter wohl gerade am Sumpf war? Zu dieser Zeit blühten bestimmt so viele verschiedene Blumen, dass es unmöglich war, sie alle zu zählen.
      „Meine Familie wohnt ziemlich weit weg von hier auf dem Land, ich könnte sie nicht besuchen, auch nicht, wenn ich es wollte“, sagte Eli nachdenklich.
      „Du kommst aus einer Bauernfamilie?“, fragte Fried ungläubig. „Wie Vater Samuel?“
      Eli nickte. „Aber ich war nie dafür geeignet, einen Hof zu führen und körperlich zu arbeiten. Ich bin zu früh zur Welt gekommen und war bereits als Kind eher klein und schmächtig, außerdem hatte ich immer wieder Probleme mit meiner Gesundheit.“ Er strich sich eine Strähne seines blonden Haares aus seinem schmalen Gesicht. „Glücklicher Weise habe ich einen älteren Bruder, der den Hof übernimmt und die Familie versorgt. So konnte ich nach meinem sechzehnten Geburtstag in die Hauptstadt gehen und als Eleve in die Gnosis eintreten.“
      „Bist du nicht sehr jung für den Rang eines Candidatus?“, fragte Richard. Er schätzte Eli auf höchsten fünfundzwanzig Jahre.
      „Das liegt daran, dass Eli einfach ein Genie ist“, sagte Aaron.
      „Oder eher damit, dass ich schon früh zu lernen begonnen habe. Im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es eine Kirche. Ich ging immer gerne zur Messe und ich mochte den Priester sehr, der sich um das Dorf und seine Bewohner kümmerte. Er war schon ziemlich alt, ich weiß nicht, ob er noch lebt. Ihn würde ich gerne einmal wiedersehen.“
      „Aus was für einer Familie stammst du, Fried?“
      „Ich bin der jüngste von vier Söhnen. Mein Vater hat mich in den Ducatus geschickt. Ich glaube, für ihn bin ich so etwas wie ein Opfer an die Götter, damit unsere Familie unter ihrem Schutz steht. Er ist ein wohlhabender Händler, der immer unterwegs ist, aber unsere Familie wohnt in Caput, ganz in der Nähe von hier. Ständig bittet er mich darum, um das Gelingen seiner Geschäfte zu beten, oder um eine gute Reise. Ehrlich gesagt, kommt mir das etwas falsch vor. Ich bin schließlich nicht hier, um die Götter um Reichtum zu bitten.“
      „Du bist also nicht freiwillig in die Gnosis eingetreten?“, fragte Richard.
      Fried zuckte mit den Schultern. „Es passt eigentlich recht gut. Das Leben dort draußen wäre mir zu viel geworden. Der Kampf ums Geld, um die Gunst von anderen. Hier fühle ich mich sicherer, auch wenn draußen alles drunter und drüber geht.“
      Sie aßen eine Weile schweigend. Dann schreckte Fried plötzlich auf. Richard spürte seine Aufregung. „Schau mal, da kommt dein Bruder“, flüsterte Fried Aaron zu.
      Die Jungen blickten auf und Richard sah, wie Sinister auf ihren Tisch zugeschritten kam. Wie immer war er in Begleitung einiger anderer Novizen. „Du sollst heute zu Vater Justus gehen“, begann er ohne Umschweife und blickte Richard kühl entgegen. Richard sah in die dunklen Augen. Er scheint mich gar nicht wirklich anzuschauen, dachte Richard. Gerade so, als sähe er mich gar nicht. Oder als reiche sein Blick nicht bis zu mir. Sein Vater hatte ihm oft gesagt, dass die Augen der Spiegel zu Seele eines Menschen seien. Seither hatte er sich stets Mühe gegeben, den Menschen direkt in die Augen zu blicken. Er empfand es als respektlos, den Augen seines Gegenübers nicht die vollste Aufmerksamkeit zu schenken und so hatte er schon oft bemerkt, dass viele Leute nicht richtig schauten, auch wenn sie die Augen auf andere gerichtet hatten. Der Blick schien dann leer und verlassen zu sein. Wo versteckte sich der Mensch, wenn er auf diese Weise schaute? Während er so dasaß und diese Gedanken durch seinen Kopf wanderten, sah er einen Schimmer in Sinisters Augen aufblitzen. Für einen Moment hatte er das Leuchten seiner Seele gesehen. „Nach der Messe bringe ich dich hin“, sagte Sinister in seinem gewohnt ernsten Tonfall und wandte sich wieder ab.
      „Was will er von Richard?“, rief Aaron seinem Bruder nach.
      „Kümmere dich um deine Angelegenheiten“, antwortete Sinister, ohne sich umzusehen.
      Aaron schnaubte verärgert. „Wie immer von oben herab“, zischte er.
      „Und wie immer lässt du dich zu sehr von deinen Gefühlen einnehmen“, schob Eli ein. „Kein Wunder, dass sie dich noch nicht an die Prüfung lassen. Du bist zu aufbrausend.“
      „Danke, aber den Kommentar brauch ich gerade überhaupt nicht.“
      „Würdest du die acht Übungen zur Gemütsregelung aufrichtig praktizieren, hättest du solche Probleme nicht“, schloss Eli.
      „Sinister sollte davon mal Gebrauch machen.“
      „Ich hab ihn auf jeden Fall noch nie in der Öffentlichkeit fluchen hören, dich allerdings ständig.“
      „Das liegt nur daran, dass du oft mit mir zusammen bist. Ach, was soll’s. Ich weiß ja, dass du recht hast“, gab Aaron zerknirscht zu. „Aber manchmal wäre es mir lieber, du würdest dir deine Kommentare sparen. Die machen mich manchmal wütender, als ich es ohnehin schon bin.“
      „Das tut mir leid. Ich werde mich zurückhalten. Schließlich bin ich nicht dein Lehrer.“
      „Ich würde zu gerne wissen, was Vater Justus mit Richard besprechen will“, meldete sich Fried zu Wort.
      Die anderen beiden nickten. „Vielleicht möchte er dich testen. Hat er nicht gesagt, er wolle wissen, wie es um deine Fortschritte steht?“, überlegte Eli.
      „Stimmt, so etwas hat er gesagt.“ Richard überlegte, was für eine Prüfung das sein könnte. Er hatte nicht das Gefühl, schon bereit dafür zu sein. Bisher hatte er vor allem gelesen. In den Übungen, die Vater Samuel ihm aufgegeben hatte, hatte er zwar Fortschritte gemacht, aber reichte das aus?

      Einer der älteren Priester hielt die Messe. Richard gelang es kaum, sich auf die schleppenden Worte des alten Mannes zu konzentrieren. Zu viel schwirrte ihm im Kopf herum.
      Nach der Messe kam Sinister zu ihm. Richard folgte ihm durch den Ducatus. Er stellte fest, dass die Gemächer von Vater Justus nicht allzu weit von denen Samuels entfernt lagen.
      Ein Eleve stand vor der Tür und öffnete ihnen, als sie sich näherten. Das Empfangszimmer von Vater Justus sah vollkommen anders aus als das von Samuel. Es war ordentlich aufgeräumt, alles schien seinen Platz zu haben. Ein eleganter Schreibtisch nahm einen Großteil des Raumes ein, daneben eine Kommode mit seltsamen Gerätschaften, denen Richard keine Bedeutung zuordnen konnte, ein einzelnes Gestell mit Büchern und eine Sitzecke mit einem Sofa und gepolsterten Stühlen. Die Wände waren in Weiß gehalten, die Einrichtung und der Boden bestanden aus schwarzem Holz.
      Vater Justus stand an seinem Schreibtisch, die Hände darauf abgestützt studierte er ein Schriftstück. Mit der Zielgenauigkeit eines Meisterschützen traf sein Blick den von Richard, als er den Kopf hob. Wie die Sterne es berichten, hörte er eine Stimme durch seinen Kopf hallen. Auf die Erde zurückgekehrt.
      „Komm näher“, sagte Vater Justus und winkte Richard zu sich heran. „Auch du, Sinister.“
      Der Candidatus folgte den Worten seines Lehrers. „Du fragst dich sicher, weshalb ich dich herbestellt habe“, sagte Hohepriester an Richard gewandt.
      Richard nickte.
      „Nun, soweit ich von meinem geliebten Bruder vernommen habe, bist du ein guter und aufmerksamer Schüler. Und ich selbst sehe, dass ein wachsamer Geist hinter deinen Augen lebt. Und doch bin ich mir nicht ganz sicher.“ Während des Sprechens war der Vater um den Tisch herumgeschritten und vor Richard stehen geblieben. Er legte seine langen, schmalen Finger an Richards Kinn und hob es an, sodass er ihm direkt in die Augen blicken musste. „Wer bist du, kleiner Richard?“, flüsterte Vater Justus. „Wer bist du wirklich?“
      Verwirrt blinzelte Richard mit den Augen. Er hätte gerne weggesehen. „Ich bin niemand“, antwortete er leise.
      „Ein Niemand? Das würde ich nicht sagen. An wen erinnern mich deine Augen?“ Richard hatte das Gefühl, als wolle Vater Justus ihn aufstechen mit seinem Blick. Sein Herz klopfte wild, während er äußerlich bewegungslos verharrte. „Hat Samuel es auch gesehen? Das frag ich mich.“ Vater Justus seufzte und ließ Richards Kinn los.
      „Sinister.“ Richard war froh, dass der Vater seine Aufmerksamkeit nun seinem eigenen Schüler zuwandte, denn ihm war etwas schwindlig zumute. Mit einer Hand tastete er hilfesuchend nach der Kante des Schreibtisches, um sich abzustützen.
      „Ja, Vater?“
      „Die Kontrolle über Geist, Gefühle und Körper zu haben ist eine der wichtigsten Übungen in der momentanen Phase deiner Ausbildung. Doch ich sehe, dass du in letzter Zeit Mühe hast, dich zu beherrschen. Um ein Meister dieses Erdenzustandes zu werden und später in den Gefilden des Geistes nicht hilflos verloren zu sein, musst du die absolute Kontrolle erlangen. Wer sich von seinen Gefühlen einnehmen lässt, wird untergehen.“
      „Jawohl, Vater. Täglich praktiziere ich meine Übungen, wie Ihr sie mir auferlegt habt“, sagte Sinister mit unbewegter Miene.
      Vater Justus nickte. „Aber der Erfolg ist bisher nur spärlich eingetroffen. Deshalb habe ich eine außergewöhnliche Übung für dich.“ Ein Muskel in Sinisters Gesicht zuckte. „Du sollst dich einen Monat lange um das Wohlbefinden von Richard kümmern.“
      Die Fassade bröckelte. Es schien Richard, als sei ein Schleier von Sinisters Gesicht gefallen. Eine Mischung aus Unglauben, Wut und Verletztheit kam darunter hervor. „Weshalb, Vater?!“
      Vater Justus lächelte milde. „Genau deshalb.“
      Richard beobachtete, wie Sinister um seine Fassung rang, schließlich gelang es ihm, seine Gefühle wieder hinter eine Maske aus Gleichgültigkeit zu verbergen.
      „Es ist alles eine Frage der Übung. Ich bin überzeugt davon, dass dir dieser Monat gut tun wird. Du bist von deinen anderen Pflichten befreit. Du bringst Richard sein Frühstück und Abendessen auf sein Zimmer. Du wachst vor den Gemächern von Samuel, du begleitest Richard zur Messe, wirst dort neben ihm sitzen. Gleichgültig wohin er geht, du wirst an seiner Seite bleiben. Und falls er etwas brauchst, wirst du ihm helfen. Trag seine Bücher, beantworte seine Fragen, bereite ihm einen Tee zu, was auch immer er von dir wünscht.“
      Steif stand Sinister da und blickte an die Wand geradeaus. Endlich nickte er. „Ja, Vater.“
      „Vater Justus“, begann Richard kleinlaut.
      „Was möchtest du, Richard?“
      „Er braucht nicht – es ist nicht nötig, dass er sich um mich kümmert“, erklärte Richard unsicher. Er wollte nicht, dass Sinister ihm nun einen Monat lang überall hin folgte. Das schien ihm eher eine Strafe als eine Hilfe zu sein.
      „An dieser Entscheidung gibt es nichts mehr zu rütteln. Von morgen früh an wird Sinister über dich wachen“, schloss Vater Justus und entließ die beiden.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Oh, da hat jemand vergessen, auf das kleine Quadrat oben links zu klicken, ehe sie den Text reinkopiert. ;)
      Achja, Verliebte! Unerträglich und doch muss man sie mögen. Nervtötend und doch erfreulich. Bei dem Namen Sinister schwant mir aber sofort Übles! Wenn der schon so heißt. Und jetzt soll er sich um Richard kümmern... Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. ^^ Gefühle werden also unterdrückt wie bei Platonikern oder Jedi... Spannend, diese Gnosis!

      RenLi schrieb:

      Haares aus seinem schmalen Gesicht. „Glücklicher Weise
      "glücklicherweise" zusammen

      RenLi schrieb:

      „Ich bin der jüngste von vier Söhnen. Mein Vater hat mich in den Ducatus geschickt. Ich glaube, für ihn bin ich so etwas wie ein Opfer an die Götter, damit unsere Familie unter ihrem Schutz steht.
      Oha! Sowas gab es in mittelalterlichen Klöstern auch. Da schenkten Eltern bisweilen ihre Kinder weg. Oplaten nannte man diese und sie wuchsen dann als Mönche und Nonnen auf. Viele berühmte Mönche waren Oplaten.

      RenLi schrieb:

      dass du recht hast“, gab Aaron zerknirscht zu. „Aber
      Komma statt Punkt, es redet ja derselbe weiter.
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • Ohje...das kann ja heiter werden, wenn Richard jetzt den wahrscheinlich übellaunigen Sinister rund um die Uhr an der Backe hat. Bin schon sehr gespannt...

      Meine Anmerkungen findest du im Spoiler:

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      doch er hatte er sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass selbst die Mitglieder der Gnosis nicht immer das sagten, was sie auch meinten.
      da ist ein "er" zu viel :)


      RenLi schrieb:

      Noch vor wenigen Stunden hatte...... unbedingt mit den anderen dreien über dieses Thema sprechen wollen, doch nun dachte er kaum noch daran
      Witzig-ich glaube, hier ist ein "er" zu wenig :rofl:

      RenLi schrieb:

      Aaron hob eine Braue, doch er beließ... dabei.
      es (?)

      RenLi schrieb:

      Du sollst dich einen Monat lange um das Wohlbefinden
      einen Monat lang...


      RenLi schrieb:

      Und falls er etwas brauchst,
      braucht




      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Spannend geschrieben, Gefühle einfach super beschrieben. Die Verliebtheit wird echt überzeugend dargestellt.

      Eindrucksvoll ist auch Justus, aufgrund dessen wie du ihn beschrieben hast, habe ich in diesem Abschnitt die Anspannung die Richard gefühlt haben muss, regelrecht selbst gefüllt.
      Ein schöner, verschlossener Charakter, über dessen Motive man gerne mehr wissen würde. Also ich bleib weiterhin mit Freude dabei.
    • :hi2: RenLi!

      Endlich hab ich auch aufgeholt :D Oder eher, hab alles am Stück durchgelesen xD

      Du schreibst echt unglaublich gut. Ich kann mich den anderen nur anschließen. Gefühle zu beschreiben liegt dir. Die Verliebtheit kam so natürlich und echt rüber. Auch die kleineren und größeren Anspannungen kannst du prima in Worte fassen.

      Es ist super interessant, wie alle drei Figuren es geschafft haben in die Stadt zu reisen.
      Und wie di sie Stränge langsam miteinander verbindest! :thumbsup:
      Emily hinter Gittern. Hach je, liebes. Was da nur passiert ist?
      Jakob und Erwin sind nun beide bei der Frau Kornell. Aber vielleicht waren sie auch nie Zeitgleich dort, immerhin spielt Jakobs Geschichte ja 3 Jahre davor.

      Du schreibst echt interessant. WIe ich mir gedacht habe wird deine Geschichte mit jedem Part besser. <3 (Und sie war ja von Anfang an gut ;) )

      Vater Justus kann ich spontan ganz gut leiden :rofl:
      Mal sehen, wie Sinister damit umgeht...

      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!
    • Juhui! Ich war grad eine Woche weg, ohne Natel, ohne Internet. Nun bin ich zurück und freue mich rriiiiesig, dass so viele von euch geschrieben haben!
      @Aztiluth Echt cool, dass du dir die ganze Geschichte nochmals durchgelesen hast!
      Ja, der liebe Justus. Er hat noch so vieles vor :) Er hat scharfe Augen, einen scharfen Verstand, unbestreitbare magische Fähigkeiten, doch wie steht es um sein Herz? Mit seinem Auftrag hat er bei Sinister jedenfalls genau ins Schwarze getroffen. Auch wenn Richard keine Freude daran hat. :)

      So, da ihr noch immer motiviert zu sein scheint, erlaube ich mir, gleich den nächsten Abschnitt zu posten:

      Richard, die Stimme aus der Tiefe (566 n. Rh.)
      Richard irrte durch die Gänge des Ducatus. Er hatte sich verlaufen, obwohl er eigentlich zur Messe gehen sollte. Seine schnellen Schritte hallten durch die leeren Flure. Auf dem ganzen Weg begegnete er keiner Menschenseele. Richard, flüsterte eine Stimme. Eine Hand, weich wie ein Dunstschleier griff nach ihm. Richard, Richard, hörte er das Flüstern in seinem Kopf, eindringlich und doch flüchtig wie ein Windhauch. Richard rannte weiter, nur um zu merken, dass er in einer Sackgasse gelandet war. Wie gebannt blieb er stehen und schaute zu der großen Engelsstatue hoch. Sie leuchtete leicht im düsteren Flur. Richard, flüsterte es abermals. War es die Statue, die zu ihm sprach? Er trat näher an die geflügelte Steingestalt. War es ein Mann oder eine Frau? Die langen, wallenden Haare und das schöne Gesicht ließen auf eine Frau schließen, aber es hätte ebenso ein Mann sein können, denn das Kinn war kantig und die Schultern ziemlich breit. Der Ausdruck schien wehmütig und freudig zugleich, zornig und verständnisvoll. In der einen Hand hielt sie einen Speer, die andere hielt sie nach ihm ausgestreckt, fordernd und hilfsbereit zugleich.
      Richard berührte ihre Finger mit den seinen. Kühler Stein. Hier, Richard, komm zu mir, flüsterte die Stimme. Ein Windhauch führte ihn um die Statue herum und auf die Wand dahinter zu. Der Weg zur Grabkammer öffnet sich. Richard schritt durch die Wand, als wäre sie nicht vorhanden.
      Eindringliches Klopfen riss Richard aus seinem Traum. Stille. Dann klopfte es erneut. Richard rieb sich die Augen und sah zum Fenster, der Morgen graute. Was für ein seltsamer Traum, dachte er und stieg aus dem Bett, um die Tür zu öffnen. Der Schlaf war noch nicht ganz von ihm abgefallen, als er bereits in Sinisters Gesicht blickte. Am liebsten hätte er die Türe sogleich wieder zugemacht. Würde er ihn nun jeden Morgen so früh wecken?
      „Dein Frühstück.“ Sinister hielt ihm ein Tablett mit einer Schale Haferbrei und einem Glas Wasser hin.
      „Danke“, murmelte Richard und nahm ihm das Tablett ab.
      „Ich warte hier, bis du fertig bist. Sag, wenn du etwas brauchst.“
      Richard nickte, schloss die Tür hinter sich. Er hatte noch überhaupt keinen Hunger. Er stellte das Tablett auf das Tischchen am Fenster und ließ sich auf sein Bett fallen. Gleich nach dem Aufstehen bekam er nie einen Bissen runter. Erst musste er einmal wach werden. Also setzte er sich aufrecht hin, legte die Hände in den Schoss und schloss die Augen, um mit seinen Übungen zu beginnen.
      „So früh schon hier?“, hörte er Samuels Stimme von draußen. Erst jetzt fiel Richard ein, dass er Samuel noch gar nicht von Vater Justus‘ Entscheid erzählt hatte.
      „Ich soll mich von nun an einen Monat lang um Richard kümmern, auf Anweisung von Vater Justus“, erklärte Sinister.
      Richard hörte gespannt zu, vielleicht würde Samuel ihm erklären, dass dies nicht möglich sei, doch er wurde enttäuscht. Wie es die Art seines Lehrers war, nahm dieser hin, was das Leben ihm brachte. „Fühl dich wie zu Hause, Sinister. Du kannst auch gerne hier lernen. Schließlich rücken die nächsten Prüfungen bald näher.“
      „Vielen Dank, Vater.“
      Wie schade, dachte Richard und klinkte sich aus dem Gespräch aus, um sich seinem Inneren zuzuwenden.

      Länger konnte er es nicht mehr hinauszögern. Es ist Zeit, das Zimmer zu verlassen und sich dem Schrecken zu stellen, dachte er und straffte die Schultern. Er packte die Klinke mit festem Griff und wappnete sich für das Unausweichliche. Das brachte ihn wider seinen Willen zum Schmunzeln. Ich stelle mich an, als müsste ich dem Übel der Welt entgegentreten. Ritter Richard der Schmächtige.
      Er öffnete die Tür. Sinister saß auf einem Stuhl und trank Tee. Richard hatte Mühe, nicht laut loszulachen. Da sitzt das Monster und trinkt Tee, am helllichten Tage. Doch das Lachen verging ihm, sobald Sinister ihn mit kalter Mine fixierte. Er erhob sich. „Brauchst du etwas?“, fragte der Candidatus steif. Richard verneinte. „Ich gehe in die Bibliothek“, begann Richard. „Du musst mich nicht begleiten“, fügte er hoffnungsvoll hinzu. Er fühlte das kleine Büchlein in seiner Hosentasche. Wie konnte er Sessilia wiedersehen, wenn er einen Wachhund hatte?
      Anstelle einer Antwort durchschritt Sinister den Raum und öffnete ihm die Tür in den Flur. Richard versuchte sich nichts anmerken zu lassen und trat hinaus. Den Weg zur Bibliothek brachten sie schweigend hinter sich. Dort angekommen setzten sie sich an einen Tisch in der untersten Etage. Richard warf einen Blick nach oben, doch von hier unten war es unmöglich, die Fensternische, in der Sessilia vielleicht gerade saß, zu erspähen. Er schlug das Buch über das Leben von Rhamnus auf. Auch Sinister begann zu lesen. Richard konnte sich nicht erinnern, sich beim Lesen jemals so unwohl gefühlt zu haben. Wie soll ich diesen Monat überstehen?, fragte er sich niedergeschlagen. Da hilft nur noch beten. Ein inneres Lächeln hob seine Mundwinkel kaum merklich an. Bitte, ihr Engel, begann er. Gebt mir die Kraft, dieses schwere Los zu tragen, oder wenigstens den Humor, dabei nicht unterzugehen, bat er theatralisch. Ich glaube, Aaron hat auf mich abgefärbt.
      Wenigstens fiel es ihm nun leichter, sich auf seine Lektüre zu konzentrieren und schon bald hatte er Sinister völlig vergessen. Erst als dieser sich räusperte, landete Richard wieder in der Realität. „Willst du nicht zum Mittagessen gehen?“, fragte Sinister.
      Richard war nicht aufgefallen, dass bereits so viel Zeit vergangen war. Er war so sehr in sein Buch vertieft gewesen, dass er die Glocken, die zum Mittagessen riefen, einfach überhört hatte. Beim Verlassen der Bibliothek warf Richard noch einmal einen Blick nach oben, doch es war wirklich unmöglich zu sehen, was auf den obersten Balkonen geschah. „Was liest du gerade?“, fragte Richard, um das eiserne Schweigen zwischen ihnen zu brechen.
      „Ein Buch über Nekromantik“, antwortete Sinister kurzangebunden und ohne ihn anzusehen.
      „Was ist das?“
      „Du würdest es nicht verstehen, auch wenn ich es dir erklären würde.“
      Das war ihr ganzes Gespräch bis zum Speisesaal. Dort angekommen verabschiedete sich Sinister. Richard war froh, dass er wenigstens am Mittag nicht mit ihm essen musste. Er hielt Ausschau nach seinen Freunden. Noch bevor er sie in der Menge blaugewandiger Gestalten entdeckt hatte, legte ihm jemand einen Arm um die Schultern. „Mein Beileid“, murrte Aaron.
      „So schlimm kann es doch gar nicht sein“, meinte Eli und gemeinsam reihten sie sich in die Schlange zur Essensabgabe ein. Fried hatte gerade Dienst, sie sahen ihn mit einer riesigen Schöpfkelle Suppe in Schalen füllen. Gerade fiel ihm eine aus der Hand und die Suppe verteilte sich auf dem Boden. Fried stammelte eine Entschuldigung und machte sich hastig daran, die Suppe mit einem Lappen aufzuwischen. Richard fühlte sich zurückversetzt in seine Zeit in Uriels Bart. Wie oft waren ihm dort solche Missgeschicke passiert? Die alte Scham wurde wieder zum Leben erweckt, während er Fried zusah. Einen Augenblick später kniete Aaron neben ihm, einen weiteren Lappen in der Hand. Er half ihm, den Boden sauber zu wischen, klopfte ihm auf die Schulter und reichte ihm die Kelle.
      „Kommst du, Richard?“, fragte Eli und Richard bemerkte, dass sich bereits eine Lücke vor ihnen in der Schlange gebildet hatte. Er rückte nach.
      Ich hätte ihm auch helfen sollen, dachte Richard. Stattdessen habe ich nur hier gestanden und tatenlos zugeschaut. Dabei weiß ich, wie unangenehm das ist.
      „Wo waren wir gerade? Ach ja, Sinister. Hat er sich anständig benommen?“ Aaron war wieder zu ihnen getreten.
      „Bis jetzt haben wir hauptsächlich geschwiegen. Wisst ihr, was Nekromantik ist?“, fragte Richard die zwei Älteren.
      „Wie kommst du auf so etwas?“, fragte Aaron und verzog angewidert das Gesicht.
      „Sinister hat mir erzählt, dass er ein Buch darüber liest.“
      „Wirklich? Ich wusste nicht einmal, dass es solche Bücher in der Bibliothek gibt“, meinte Eli.
      „Was ist es denn nun?“, wollte Richard wissen.
      „Nekromantik befasst sich mit der Auferweckung von Toten“, erklärte Eli.
      „Er lügt. Ich bin mir sicher, dass er lügt“, meinte Aaron. „Außerdem gibt es keine handfesten Beweise, dass es je ein Mensch geschafft hat, die Toten wieder zum Leben zu erwecken.“
      „Warum sollte jemand die Verstorbenen wiederbeleben wollen?“, fragte Richard, doch die Antwort fiel ihm von selbst ein. Wenn ich Edwin, Vater oder Onkel Johan wieder zum Leben erwecken könnte, was wäre falsch daran?
      „Die Lebenden wollen die Toten nicht gehen lassen. Auch das ist eine Art der Anhaftung, vor welcher der Heilige Rhamnus warnt. Die Verstorbenen müssen ihre sterbliche Hülle ablegen, die Reinigung im Fegefeuer erfahren und die acht Stufen der Ablösung durchwandern, bis sie schließlich wiedergeboren werden können. Sie davon abhalten zu wollen, wäre pure Selbstsucht“, erläuterte Eli.
      „Man merkt, dass du noch nie einen Menschen verloren hast, der dir nahegestanden ist“, meinte Aaron. „Aber wie sagt man so schön: So steht es geschrieben. Eli ist unsere wandelnde Bibliothek.“
      Eli ging nicht auf den leicht sarkastischen Ton Aarons ein. Sie waren bei der Essensaugabe angekommen. Fried und drei weitere Eleve füllten ihre Schalen mit Suppe. „Bis später“, sagte Aaron und Fried nickte. Er wirkte etwas gehetzt. „Bis gleich.“
      Sie suchten sich einen freien Platz. „Weshalb essen die Frauen eigentlich nicht hier?“, fragte Richard. Er hatte sich gerade dabei erwischt, wie er an Sessilia dachte.
      „Du hast das noch gar nicht so mitbekommen, wie? Die Frauen sind in einem separaten Teil des Ducatus untergebracht. Sie sind nur für die Messen und im Unterricht mit uns zusammen. Und nicht einmal in allen Fächern“, erklärte Aaron.
      „Weshalb?“
      „Bist du ein Mann oder nicht? Frauen sind Ablenkung. Wer kann sich schon konzentrieren, wenn die überall rumschwirren? – Du bist eine Ausnahme, Eli“, fügte Aaron an.
      „Es sind nicht alle so wie du, Aaron. Wenn du deine Übungen machen würdest – tut mir leid, ich wollte mich ja zurückhalten“, erinnerte sich Eli und wandte sich wieder seiner Suppe zu.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

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