Der Sinn des Lebens

    • Verdammt ich wurde ertappt. ;) Ich kann mir doch nicht den Sinn des Lebens entgehen lassen. Etwas Philosophie, Gnosis, die Einheit der Gegensätze, klingt schon alles sehr interessant. Bin zwar noch relativ weit am Anfang aber da werde ich definitiv weiterlesen.

      Die Welt ist schön detaliert beschrieben, und kommt auch sehr anschaulich rüber. Es lebt richtig.

      Eine Frage ist beim lesen aufgetaucht. Woher kommt der Proviant, für ihre Reise durch den Sumpf? Es kann ihn ja nur der kleine Edwin mitgenommen haben, da für Richard der Aufbruch ja völlig überraschend war. Könnte man vielleicht beiläufig einfließen lassen und zeigt ja dann auch, was du ja an anderer Stelle schon erwähnt hast, dass Edwin überraschend stark geworden ist.

      Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!
    • Hallo Alexander
      Der Sinn des Lebens, für einen Erleuchteten (momentaner Status) wie dich sicher ein Kinderspiel ^^
      Cool, dass es dir gefällt!
      Den Proviant hat tatsächlich Edwin mitgenommen, bin gar nicht sicher, ob ich das mal irgendwo erwähnt hatte, ich schaus nach.
      Also dann, viel Spass beim Lesen!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hi Königin RenLi ;)
      eine Anspielung auf Prinzessin Mononoke mit den Helferchen finde ich prima. War ja wirklich ein toller Film. Ich habe etwas weitergelesen. Die Geschichte macht weiterhin viel Spass und ist auch sehr vielschichtig, was mir gut gefällt. Vor allem die Beschreibung der Gefühle und Motive sind sehr gelungen.

      Ich bin nur über zwei kleine Sachen gestolpert.

      Beitrag 16


      Richard, Geschichten (564 n. Rh.)
      Richard schaute über die Landschaft
      hinweg, die sich unter ihm ausbreitete. Viele Felder reihten sich
      aneinander, durchzogen von kleinen Baumgruppen, Sträuchern und einem
      Fluss, der sich von Westen nach Osten seinen Weg über die Ebene suchte.
      Zwischen den Feldern standen kleine Hütten zerstreut in der Landschaft,
      hie hier (kein direkter Fehler, aber "hie" klingt für mich so altmodisch, dass es schon fast falsch klingt, ist aber Geschmacksfrage) und da sah er eine Ziegenherde, von weitem nur als kleine Punkte
      erkennbar.


      Beitrag 23 (Richards Geschichte Teil 2)

      Am selben Abend erfuhr sie von ihrer liebsten Zofe erfuhr, dass die Spielleute in die Stadt unterwegs waren. Sie erzählte, dass es bald ein Fest geben würde.

      Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Alexander2213 ()

    • Hallo zusammen

      Heute schreibe ich euch von der Abgeschiedenheit der Berge aus. Gut, dass es auch hier oben Internet gibt, auch wenn ich nicht allzu viel Zeit am PC verbringen möchte. @Alexander2213 Cool, dass du noch nicht aufgegeben hast, auch wenn es weder Orks, Elfen noch Drachen in der Geschichte gibt. Danke für deine Rückmeldung!

      So und nun zum nächsten Teil über Edwin, der ja noch immer im Waisenhaus in Caput ist...


      Edwin, Sturmwind (566 n. Rh.)
      Lotar begleitete Edwin bis vor die Tür zu Elviras Empfangsraum. Dort verabschiedete er sich von ihm. Ob Richard wohl hinter dieser Tür wartet?, fragte Edwin sich. Er glaubte nicht wirklich daran, aber bereits die Vorstellung bewirkte, dass sein Herz schneller schlug. Er schob die Tür vorsichtig auf und trat ein, in das kleine, gemütlich eingerichtete Vorzimmer, das dahinter lag. Er schaute sich in dem spärlich erhellten Raum um. Es war niemand da, doch hörte Edwin Stimmen aus einem Raum nebenan. Ein Streifen Licht fiel durch den Türspalt ins Vorzimmer und erhellte eine gerade Straße auf dem rotbraun gemusterten Teppich zu Edwins Füßen. „Denkt darüber nach, Fräulein Kornell. Der Gnosis liegt das Wohl der Kinder genauso am Herzen wie Euch. Wenn Ihr einwilligt, wird das Heiligtum in Kürze erbaut sein. Ich bin mir sicher, dass dies eine großartige Bereicherung für das Waisenhaus sein wird“, sagte die tiefe Stimme im Nebenraum.
      Edwin trat näher und öffnete die Tür. Sein Blick fiel auf einen dickbauchigen, älteren Herrn in weißer Robe, der mitten im Raum stand. Ihm gegenüber, hinter einem Schreibtisch aus dunklem Holz, saß Elvira. „Ich fühle mich geehrt, dass Ihr dem Waisenhaus ein solches Angebot unterbreitet und es freut mich zu hören, dass ihr um das Wohlergehen der Kinder noch immer besorgt seid, aber ich bitte Euch, lasst mir noch ein paar Tage Bedenkzeit, Vater Nikodemus.“ Von ihrem Sitz aus schaute sie zu dem Mann auf. Edwin schaute zu, wie seine dicken Wurstfinger mit einem Ring hinter seinem Rücken spielten. „Eine Angelegenheit dieses Ausmaßes sollte ich erst mit dem Erben der Einrichtung besprechen“, fuhr Elvira fort.
      „Ah, wie ich gehört habe, ist Euer Bruder zurückgekehrt. Er scheint noch immer ein“, er machte eine kurze Pause, als suche er nach dem richtigen Wort, „ein interessantes Leben zu führen“, schloss er und steckte sich den Ring an seinen kleinen Finger.
      „Er ist wie immer nicht aufzuhalten“, antwortete Elvira mit einem ungewohnt kühlen Lächeln. Ihr Blick streifte Edwin, der noch immer im Türrahmen stand.
      „Wie dem auch sei. Ich bin mir sicher, Euer Vater wäre erfreut, eine Gebetsstätte auf seinem Grundstück zu wissen“, fuhr der Priester Nikodemus fort. Das Licht spiegelte sich auf seiner Glatze und Edwin fragte sich, ob er sich wohl darin sehen könnte.
      Elvira nickte bedächtig. „Mein Vater stand immer in guter Verbindung zur Gnosis und ich würde mich freuen, wenn diese erhalten bliebe. Ihr könnt mit einer baldigen Antwort von mir rechnen, Vater. – Edwin, warte bitte draußen“, sagte sie mit einem weiteren Blick auf den Jungen.
      „Ah, wir haben Besuch.“ Der Priester wandte sich nun ebenfalls um. Edwin wollte sich bereits zurückziehen, doch der Glatzköpfige winkte ihn zu sich. „Du wohnst wohl hier?“, fragte der Mann und trat Edwin entgegen. Er war älter als Edwin erst angenommen hatte. Die faltige Haut hing seltsam schlaff von seinem Gesicht herunter und bewegte sich hin und her, wenn er redete. „Gefällt es dir im Waisenhaus?“
      Edwin blickte in die kleinen Äuglein, die ihn wachsam zwischen den Falten hinaus ansahen. Etwas in ihnen sagte ihm, dass er sich besser nicht näher an den Priester heranwagen sollte. Womöglich würde er ebenso reagieren wie Lotar, vermutete Edwin. „Ich mag Elvira“, sagte er. „Und Gilbert.“
      Einen kurzen Moment lang meinte Edwin Erstaunen auf dem Gesicht des Priesters zu sehen, dann verschwand es jedoch hinter einem breiten Lächeln. „Das freut mich zu hören. Und lernst du auch fleißig? Ich habe gehört, der Unterricht hier sei ausgezeichnet.“
      Edwin legte den Kopf schief. Das teigige Gesicht des Priesters war schwer zu lesen, das verunsicherte ihn. Um Halt suchend, streckte Edwin seinen Geist nach Elvira hin aus. „Ich habe noch nichts gelernt. Ich bin gerade erst gestern angekommen“, erklärte Edwin. Er wollte bereits mit seiner Erzählung fortfahren, als er Elviras Unbehagen spürte. Er hielt inne und schaute zu ihr herüber. Wollte sie nicht, dass er mit dem Priester sprach? „Ihr seid ein Priester der Gnosis, nicht wahr?“, fragte er, durch die weiße Robe neugierig geworden. Der Mann vor ihm glich dem auf dem Podest von gerade eben überhaupt nicht. Konnten sie trotzdem beide Priester sein?
      „Das stimmt. Du musst wohl von weit herkommen, wenn du eine solche Frage stellst. Wo bist du aufgewachsen, mein Junge?“
      Edwin spürte, dass Elvira gar keine Freude am Verlauf des Gesprächs hatte. Was ihr daran jedoch missfiel, konnte er nicht sagen. Wollte sie nicht, dass er von seiner Heimat erzählte? Soll ich etwa lügen?, fragte er sich und warf Elvira einen erneuten Blick zu. Sie hatte sich erhoben, stützte sich auf die Platte ihres Schreibtisches auf, als wolle sie etwas sagen, blieb jedoch stumm. „Ich habe im Wald gelebt“, antwortete Edwin ausweichend. Wenigstens entsprach dies der Wahrheit, wenn es auch nicht wirklich die Frage beantwortete.
      Der Pater hob eine Braue. „Im Wald? Mit deiner Familie?“
      Edwin öffnete den Mund, um mit Gilbert zu antworten, als Elvira ihm ins Wort fiel. „Gilbert hat ihn auf seinen Reisen gefunden. Er ist einer Gruppe von Menschenhändlern in die Arme gelaufen und Gilbert hat ihn gestern hergebracht. – Vater, noch eine Frage.“
      Der Priester wandte sich wieder ihr zu. Ob ihm aufgefallen war, dass sie absichtlich das Thema gewechselt hatte? „Immer raus damit, ich gebe Euch gerne Antwort.“
      „Ich war heute auf dem Ausrufplatz, Vater.“
      „Ah, ich sehe schon. Ihr habt die Neuigkeiten also bereits vernommen.“
      Elvira nickte. „Ist es wirklich wahr, Vater? Habt Ihr den Auserwählten gefunden?“
      „So ist es. Das Wort des Eingeweihten lässt keinen Zweifel zu“, antwortete der Priester mit gewichtigem Tonfall.
      „Das muss ein besonderer Mensch sein. Könnt Ihr mir sagen, wer es ist?“
      „Habt Geduld, Fräulein Kornell. Er befindet sich sicher in unserer Obhut und wenn die Zeit reif ist, wird er der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Wir können alle Großes von ihm erhoffen.“
      „Verzeiht meine Neugier, aber weiß man denn schon, ob es sich um die Wiederverkörperung des Heiligen Rhamnus handelt?“
      Der Priester hob beschwichtigend die Hände. „Alles mit der Zeit“, war seine Antwort. „Aber umso wichtiger ist es nun, sich auf das wirklich Bedeutsame im Leben zu fokussieren, nicht wahr? Wir sollten alle erneut in uns gehen und unsere Motive auf das eine große Ziel ausrichten“, sagte er mit einem Lächeln.
      Elvira nickte. „Vielen Dank, Vater. Ich werde mir Eure Worte zu Herzen nehmen. – Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?“
      „Ich glaube, alles wurde gesagt. Ich werde mich nun verabschieden.“
      „Kann ich Euch zur Pforte begleiten?“
      „Das ist nicht nötig, ich finde den Weg“, meinte der Ältere. „Also dann, Fräulein Kornell, ich erwarte Ihre Antwort.“ Er verabschiedete sich mit einem Nicken, Elvira verbeugte sich.
      Eine Bewegung am Rande von Edwins Blickfeld ließ ihn den Kopf drehen. An der Wand, von ihm bisher unbemerkt, erhoben sich zwei in blau gewandete Gestalten. Beide hatten den Kopf geschoren, wie der rundliche Priester. Im Gegensatz zu ihm waren sie jedoch schlank und um viele Jahre jünger. Sie würdigten Edwin keines Blickes, als sie an ihm vorbei, dem Priester hinaus in den Vorraum folgten.
      Als die Tür hinter ihnen zufiel, sank Elvira sichtlich erleichtert in ihren Stuhl zurück. Sie rieb sich übers Gesicht, als müsse sie etwas Belastendes wegwischen. „Weshalb wolltest du nicht, dass ich mit ihm spreche?“, fragte Edwin und trat zu ihr.
      „Das hast du wohl gemerkt“, seufzte sie. „Um ehrlich zu sein, es wäre mir lieber, wenn du unsichtbar für die Gnosis wärst“, gestand sie.
      „Weshalb?“
      Elvira musterte ihn. „Du weißt es vielleicht selber nicht, aber zu bist kein normaler Junge. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem sie dies erkennen.“
      „Weshalb bin ich nicht normal?“, fragte Edwin, der nicht recht wusste, was das bedeuten sollte.
      „Ich will damit nicht sagen, dass etwas falsch ist mit dir“, fügte sie sofort an und richtete sich in ihrem Stuhl auf, sah ihm fest in die Augen. „Du bist ein wundervoller Junge und ich liebe dich von ganzem Herzen, das weißt du. Ich will nur sagen, dass du Begabungen hast, die den meisten Menschen nicht vergönnt sind. Du spürst und weißt Dinge, die andere nicht kennen.“
      Die Worte Elviras verursachten Unbehagen in ihm. Wieder musste er an Lotars Reaktion auf seinen Versuch, ihm nahe zu sein, denken. „Bin ich so sehr anders? Ich möchte nicht anders sein“, sagte Edwin und Traurigkeit stahl sich in sein Herz.
      Elvira legte ihm eine Hand an die Wange. „Du bist einfach etwas Besonderes. Darüber darfst du dich freuen, Edwin. Es heißt, dass du als Anastasia viel in deinem Leben erreicht hast. Die Begabungen, die du heute hast, sind in deinem früheren Leben gewachsen. Sie sind ein Geschenk an dich. Schau nicht so traurig.“
      Er ergriff ihre Hand. „Dann ist es in Ordnung, wenn ich hierbleibe?“
      „Natürlich! Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen“, beteuerte sie.
      Er musste lachen. „Dann bin ich froh, dann bleibe ich!“, grinste Edwin. Da fiel ihm wieder ein, weshalb er eigentlich hergekommen war und die Erinnerung ließ sein Lachen ersterben. „Hast du etwas von Richard gehört?“
      Auch Elviras Miene wurde ernst. „Sie behaupten weiterhin, er sei tot und seine Leiche bereits verbrannt.“
      Edwin kniff die Lippen zusammen. „Weshalb sagen sie das?“
      „Ich weiß es nicht. Aber mir wird übel, wenn ich daran denke.“
      „Weshalb?“, fragte Edwin alarmiert. Ihm stockte der Atem, als er Tränen in Elviras Augen glitzern sah.
      „Falls er wirklich noch am Leben ist, dann bedeutete das bestimmt nichts Gutes“, antwortete sie mit belegter Stimme.
      „Er lebt!“
      „Ich weiß, ich weiß. Aber am Leben zu sein ist nicht alles, Edwin.“
      „Was, tun sie mit ihm?“, fragte Edwin weiter, nicht sicher, ob er die Antwort hören wollte. „Machen sie ihn etwa noch immer krank?“
      Sie zögerte, wollte wahrscheinlich nicht antworten. „Das ist die einzige Erklärung, die mir einfällt“, sagte sie mit brüchiger Stimme.
      „Dann müssen wir ihn rausholen!“, rief Edwin und krallte sich an ihrer Hand fest. „Wir müssen ihn rausholen!“
      „Ich versteh dich ja“, versicherte sie ihm.
      „Dann gehen wir jetzt!“, sagte er und zog an ihrem Arm.
      Sie erhob sich und versuchte, ihn an sich zu ziehen, doch er wehrte sich. Er wollte nun nicht von ihr getröstet werden. Er wollte Richard wiedersehen. Er wollte seinen Bruder retten. Alles andere zählte nicht. Keine Sekunde länger konnte er es ertragen, von ihm getrennt zu sein und zu wissen, dass er litt. „Wir können nicht einfach da reinspazieren und Richard befreien. Wir wissen nicht einmal, wo genau er ist.“
      „Ich werde ihn finden. Wenn ich nahe genug bei ihm bin, dann werde ich ihn spüren, da bin ich mir sicher.“
      „Dann werden wir alle ins Gefängnis kommen, Edwin. So zu handeln ist gegen das Gesetz.“
      „Gegen das Gesetz?!“, schrie er voller Wut. „Aber es ist nicht gegen das Gesetz meinen Bruder beinahe zu ermorden?! Es ist nicht gegen das Gesetz ihm unvorstellbare Schmerzen zuzufügen und zu behaupten, er wäre tot?!“
      „Du hast Recht, das ist nicht gerecht.“
      „Es ist überhaupt nicht gerecht!“
      "Es tut mir leid, Edwin. Wir finden einen anderen Weg.“
      „Welchen denn?“ Es gibt doch keinen!
      „Ich weiß es noch nicht. Aber uns fällt etwas ein. Gilbert ist bestimmt bald zurück, vielleicht hat er eine Idee.“
      „Das glaube ich nicht!“ Sein ganzer Schmerz, entstanden durch seine Hilflosigkeit, durch die Verwirrung der letzten Tage und den Verlust seiner Familie brach mit diesen Worten aus ihm heraus. Brodelnd war die Wut in ihm angewachsen, nun trat sie über, fegte wie ein Sturmwind durch das Zimmer. Eine Vase zersprang, Papier fegte vom Schreibtisch, der Boden erzitterte. Elviras Arm entglitt Edwins tauben Fingern und ihr feingliedriger Körper wurde grob zurück in den Stuhl geworfen. Edwin erstarrte vor Schreck, als er ihr schmerzverzerrtes Gesicht sah. Auf einmal herrschte Stille. Nur ein paar Blätter segelten noch durch die Luft, landeten kaum hörbar auf den Dielen. Elviras entsetzter Blick traf den von Edwin. Sekundenlang schauten sie sich wortlos an. „Das wollte ich nicht“, stammelte er schließlich, er begann zu zittern. „Ich habe nicht“, er brach ab, Tränen liefen ihm über die Wangen, er fühlte sich auf einmal unglaublich schwach. Er wagte gar nicht, sich umzusehen und das Chaos im Zimmer zu betrachten. Sie sagte noch immer nichts, saß in dem Stuhl wie gelähmt. Edwin machte einen wankenden Schritt auf sie zu. „Das bin ich nicht, so bin ich nicht!“, stieß er flehend aus. „Mutter!“
      Endlich erwachte sie aus ihrer Starre und als die Beine unter ihm nachgaben, war sie bereits neben ihm und schlang ihre Arme schützend um seinen Körper. „Schhhh, alles ist gut“, flüsterte sie in sein Ohr. „Alles ist gut.“
      Er weinte, schluchzte. Bis keine Tränen mehr übrig waren. Dann schlief er erschöpft ein.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey RenLi,

      der Teil hat mir wieder sehr gut gefallen. Das Aufeinandertreffen mit diesem Vater Nikodemus hast du wie immer schön beschrieben, ebenso, wie das unterschwellige Gefühl, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Edwins Verzweiflung und die unkontrollierte Entladung seiner Wut (ich nenne das jetzt mal so) war sehr eindringlich. Wirklich sehr cool :)

      Meine Anmerkungen kommen hier:

      Spoiler anzeigen



      RenLi schrieb:

      Von ihrem Sitz aus schaute sie zu dem Mann auf. Edwin schaute zu,
      Wiederholung

      RenLi schrieb:

      Er scheint noch immer ein ... “, er machte eine kurze Pause, als suche er nach dem richtigen Wort, „ein interessantes Leben zu führen“, schloss er und steckte sich den Ring an seinen kleinen Finger.
      ich würde hier mit Pünktchen andeuten, dass der Satz noch nicht beendet ist

      RenLi schrieb:

      Die faltige Haut hing seltsam schlaff von seinem Gesicht herunter und bewegte sich hin und her, wenn er redete.
      Nicht gerade eine Augenweide der Gute :rofl:


      RenLi schrieb:

      Du weißt es vielleicht selber nicht, aber zu bist kein normaler Junge.
      du


      RenLi schrieb:

      Brodelnd war die Wut in ihm angewachsen, nun trat sie über, fegte wie ein Sturmwind durch das Zimmer. Eine Vase zersprang, Papier fegte vom Schreibtisch, der Boden erzitterte .....
      Sehr schön beschrieben der Teil :thumbsup: Leider lässt er sich jetzt von mir nicht ganz kopieren



      LG,
      Rainbow
    • Halli Hallo

      Wenn man eine Geschichte über 500 Jahre weitergibt, dann geschieht es doch immer, dass sie sich verändert, aufgehübscht wird und so weiter. Da wäre es doch spannend, mal das Original zu hören, nur muss man dabei aufpassen, wessen Perspektive des Geschehenen man sich aussucht.
      Wer war der sagenumwobene Heilige Rhamnus wirklich? Nun, hier kommt die Version von Anastasia. Ein erster Blick auf den weisen Wanderer von vor 500 Jahren.


      Edwin, der weise Wanderer (566 n. Rh.)
      Anastasia saß neben ihrem Gatten an der langen Tafel, die unter dem Gewicht der vielen Speisen ächzte. Es gelang ihr nur mit Mühe, ihre Wut über dieses Übermaß an Gerichten im Zaum zu halten. Wenn sie daran dachte, wie viele Menschen in ihrem Land an Hunger litten, dann drehte sich ihr der Magen um. Langsam hob sie die Gabel und schob sich ein weiteres Stück Gemüse in den Mund. Sie kaute langsam, wollte ihren Magen nicht überfordern. Der Kontrast zu ihrem Gatten hätte nicht größer sein können. Dieser leerte gerade einen weiteren Becher Wein und biss herzhaft in den Schenkel eines Rebhuhns. „Esst, guter Wanderer. Ihr seht noch immer halb verhungert aus!“, rief er über den Tisch hinweg dem Weisen zu.
      Anastasia stieg die Schamesröte ins Gesicht. Was für eine Schande, dass dieser Mann der König des Landes war und auch noch ihr Gemahl. Sie wagte einen scheuen Blick in Richtung ihres Retters. Mit gerader Haltung saß er da, die Hände im Schoss gefaltet. Mit wachem Blick musterte er den Herrscher. „Ich sagte Euch bereits, dass ich nicht zu essen brauche“, sagte er gelassen. Noch immer trug er seine einfache Kleidung, schmutzig vom Staub der Straßen und löchrig von den vielen Tagen auf Wanderschaft. Das Angebot des Königs, ihn fürstlich zu kleiden, hatte er ausgeschlagen. Doch trotz seines heruntergekommenen Anblicks strahlte er eine hoheitsvolle Würde aus. Schnell ließ Anastasia den Blick wieder sinken. Neben ihr ließ Cedrus ein Grunzen hören, schluckte einen weiteren Bissen hinunter. „Na wenigstens ist Euer Knappe anständig genug, den Aufforderungen des Königs nachzukommen. Auch wenn er isst wie ein Vögelchen.“ Er prostete Diligo zu, der wie üblich neben dem Weisen Platz genommen hatte und Anastasia somit gegenübersaß. Soweit Anastasia wusste, war er der einzige, der Rhamnus auf seinen Reisen begleiten durfte. Als sein Schüler war er stets an der Seite seines Lehrers anzutreffen. Er war ein stiller, junger Mann und Anastasia war sich nicht sicher, wie sie ihn einschätzen sollte. Er wirkte eher wie ein Schatten des Wanderers als wie ein eigenständiger Mensch, was ihn für sie nicht greifbar machte. Er scheint nur an den Versen seines Lehrers zu kleben und keinen eigenen Charakter zu besitzen, schoss es ihr durch den Kopf. Sogleich schämte sie sich für diesen Gedanken, auch wenn er ihr nicht unbegründet schien.
      „Mit euch macht das Essen keinen Spaß“, beklagte sich Cedrus. „Nicht einmal meine Frau scheint Appetit zu haben.“ Er bedachte Anastasia mit einem herablassenden Blick, bevor er sich eine weitere Fleischkeule auf den Teller klatschte. „Vielleicht sollten wir morgen Abend ein Fest feiern. Das wäre eine gute Abwechslung“, überlegte er laut.
      „Ihr solltet Euren Unterricht nicht vernachlässigen, König Cedrus“, merkte Rhamnus an und nippte an einem Glas Wasser, welches er nur des Anstandes wegen trank.
      „Ich werde mich unterrichten lassen, wann immer ich es wünsche“, entgegnete der König.
      Anastasia schaute ihren Gatten erschrocken an. Wie konnte er dem weisen Mann gegenüber so offenheraus unhöflich sein? War es denn nicht offensichtlich, dass eine höhere Macht mit ihm war, die man nicht herausfordern sollte?
      „Es scheint, als hättet Ihr noch nicht verstanden, in welcher Lage Ihr Euch befindet, König. Dämonen verwüsten Euer Land und haben selbst vor Eurem Haus nicht Halt gemacht. Wenn Ihr Euch und Euer Reich retten wollt, dann solltet Ihr Euch der reinigenden Kraft der Götter unterwerfen und mit Eurer Schulung beginnen. Ich kann Euch nicht zwingen ein besserer Mensch zu werden, doch rate ich Euch dringendst damit zu beginnen.“
      Anastasia blieb das Stück Karotte vor Schreck im Hals stecken. Hustend hob sie den Ärmel ihres Kleides vor den Mund. Sie spürte förmlich wie die Luft zu knistern anfing, während die Wut in ihrem Gemahl zu kochen begann. „Die Götter mögen mit Euch verbunden sein, auch wenn ich nicht sehe, was sie an einem arroganten, heruntergekommenen Landstreicher finden können, aber der König bin hier immer noch ich. Ein Wort von mir genügt, um euch einen Kopf kürzer schlagen zu lassen, Wanderer!“
      „Ihr könnt es gerne versuchen“, war die Antwort von Rhamnus, so gelassen wie zuvor.
      „Werft ihn in den Kerker!“, rief der König und winkte einer Wache.
      „Warte, Cedrus! Er hat mich gerettet, wie hätte er das ohne die Hilfe der Götter vermocht? Wenn du ihren Günstling in Ketten legst, wird ihr Zorn über uns kommen!“, Anastasia hielt ihren Gatten am Arm fest, doch der König schüttelte sie ab.
      „Halt den Mund, Weib. Das beweist nichts. Es könnte auch Zufall sein. Wenn er wirklich ein Günstling der Götter ist, wie du sagst, dann wird er uns das nun bestimmt beweisen können.“ Ein herausforderndes Grinsen breitete sich auf Cedrus‘ Gesicht aus. Darauf also wollte er hinaus. Hatte er den Wanderer etwa absichtlich zu reizen versucht? Wollte er ihn auf die Probe stellen?
      „Euer Dämon hat seine Fänge weit tiefer in Euch gegraben als der Eurer Gemahlin. Nun gut, wenn ihr die Macht der Götter sehen wollt…“ Rhamnus erhob sich. Diligo hielt seinen Blick gesenkt, während sich der König erwartungsvoll vorbeugte.
      Erst schien nichts zu geschehen. Während des Wartens breitete sich eine Mischung aus Furcht und Neugier in Anastasia aus. Was war es für eine Macht, mit der sie es hier zu tun hatten? Dann bemerkte sie, dass es allmählich dunkler wurde im Zimmer. Sie sprang auf, sah an Rhamnus vorbei nach draußen. Dicke Wolken zogen am Himmel auf und verdunkelten die Sonne.
      „Zufall“, brummte Cedrus. „Wer sagt mir, dass das nicht-“ Er brach ab, keuchte.
      Anastasia entfuhr ein spitzer Schrei, als sie ihre Aufmerksamkeit auf den König richtete. Er stand schwankend da, mit weit aufgerissenen, hervorquellenden Augen starrte er den Wanderer an. Er würgte, fasste sich mit den Händen an die Gurgel. „Was tut Ihr?!“, rief Anastasia entsetzt. Regen klatschte gegen die Fensterscheiben, während ihr Mann in die Knie sank.
      Rhamnus seufzte. „Eure nächste Lektion: Zu atmen heißt zu leben. Jeder Atemzug bringt neue Lebensenergie in den Körper und verbindet das Irdische mit dem Überirdischen. Bricht diese Verbindung ab, tritt der physische Tod ein. Auch ein König ist abhängig vom Lebensatem, das solltet Ihr nicht vergessen. Jeder Atemzug ist kostbar.“ Als er sich abwandte, sank der König in sich zusammen und schnappte gierig nach Luft. Er schien etwas erwidern zu wollen, brachte jedoch keinen Laut heraus.
      „Ich werde Euer Haus für heute verlassen. Morgen nach dem Abendessen erwarte ich Euch zur nächsten Lektion.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum, sein Schüler folgte ihm.
      „Das ist nicht die Macht der Götter“, japste Cedrus. Er schaute zu den Wachen hinüber, die an den Türen postiert waren. Sie lagen ohnmächtig am Boden, die Körper schlaff wie von Stoffpuppen. „Das ist dämonisches Werk!“

      Edwin schreckte aus dem Traum hoch. „Cedrus!“, rief er aus, dann sank er erschöpft auf die Schlafmatte zurück. „Ein Traum“, murmelte er. „Jeela?“ Die Hündin lag friedlich schlafend neben ihm. Er lauschte auf Gilberts ruhigen Atem, wurde jedoch enttäuscht. Gilbert war noch immer nicht zurück. Stattdessen hörte er wie Elvira sich im Schlaf drehte. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er sich bei ihr im Zimmer befand. Nach dem, was bei ihr im Büro passiert war, hatte sie ihn nicht alleine schlafen lassen wollen. Ihn schauderte, als er daran dachte. Elvira hat sich vor mir gefürchtet. So wie Anastasia vor Rhamnus. Ich möchte nicht zum Fürchten sein. Was möchte ich dann sein?, fragte er sich. Ein Sonnenschein, war die Antwort aus seinem Innern. Ich möchte die Menschen um mich herum aufheitern.
      Entschlossen nickte er. „Ich werde nicht noch einmal so wütend werden. Nie wieder!“, schwor er leise, aber bestimmt. „Ich will ein Sonnenschein sein und die Menschen erfreuen! – Aber manchmal ist es schwierig.“ Er seufzte. „Manchmal weiß ich nicht mehr weiter“, gestand er sich ein.
      Er schaute in sein Inneres, suchte nach seinem Vater. Papa, wo bist du? Weshalb bist du nicht mehr hier? Er fand die Präsenz seines Vaters und schmiegte sich an sie. Du weißt immer was zu tun ist, nicht wahr? Du wirst kommen und uns finden. Richard und mich.
      Als er sich beruhigt hatte, drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Seine Gedanken wanderten zurück zu seinem Traum. Dieser Rhamnus ist ganz anders, als ich mir ihn vorgestellt hatte, dachte Edwin. Was ist später passiert? Da ist etwas Wichtiges. Doch ich weiß es nicht mehr. Die Kraft, die der Heilige Rhamnus in sich getragen hatte, musste enorm gewesen sein, wenn er selbst die Wolken hatte befehligen können. Edwin spürte noch immer seine Angst von damals. Anastasias Angst. Vielleicht sollte ich doch lesen lernen. Dann könnte ich jetzt nachlesen, was danach geschehen ist, dachte er müde. Aber ich sollte mich doch erinnern können. Warum nur ist der Zugang zu früher so eigensinnig? Wenn ich weiterschlafe, vielleicht träume ich dann da weiter, wo es aufgehört hat?, überlegte er. Vielleicht weiß Anastasia, wie man mit dieser Kraft umgeht. Habe denn wirklich ich das Beben im Zimmer verursacht? Vielleicht, weil ich in dem Moment so wütend war. Er rümpfte die Nase. Der weise Wanderer hatte überhaupt nicht wütend auf ihn gewirkt, als er Cedrus in die Knie gezwungen hatte. War es nicht vielleicht möglich, dass er diese Kraft zu kontrollieren lernte? Er wollte niemals mehr jemandem wehtun damit, niemals.

      Anastasia prüfte, ob sie das leise Schnarchen des Bibliothekars aus seiner Kammer neben der Bibliothek kommen hörte. Sie lächelte, als sie das inzwischen so vertraute Geräusch vernahm. Seit annähernd einem Jahr hatten sie und der alte Mann bereits das stille Abkommen getroffen, dass er um diese Uhrzeit ein Nickerchen hielt und ihr damit den Zugang zur gesamten Auswahl der königlichen Büchersammlung verschaffte. Im Gegenzug ließ sie ihm diese zusätzliche Stunde Schlaf durchgehen, die er sich ihrer Meinung nach sowieso wohl verdient hatte. Schließlich war er seit Jahrzehnten im königlichen Dienst eingestellt und das Alter machte ihm doch zusehends zu schaffen.
      Voller Vorfreude schlich sich Anastasia in den weitläufigen Raum und zog die Türe leise hinter sich zu. Bereits als Kind hatte sie hier Stunde um Stunde verbracht, versunken in alte Erzählungen, Staatskunde, dichterischen Werken und allen anderen Büchern, die sie in die Finger bekam. Ihre Eltern hatten sie immer machen lassen, obwohl es nicht üblich für Frauen war, überhaupt lesen zu können. Doch seit Cedrus das Amt ihres Erziehers übernommen hatte, waren ihr die Freiheiten vom eigenständigem Denken entzogen worden. Er duldete es nicht, dass seine Gemahlin eine eigene Meinung vertrat, die auch noch zu allem Übel nur zu oft nicht mit der seinen übereinstimmte. Und ein Teil dieser Einschränkungen bezogen sich auf das Lesen von Büchern.
      Glücklich sog sie den vertrauten Geruch ein. Wie gut es doch tat, sich wenigstens ein bisschen den eisernen Ketten der Ehe zu widersetzen. Genussvoll strich sie mit dem Finger über die alten Buchrücken, während sie die Reihen entlangging. Nur nicht übermütig werden, ermahnte sie sich. Doch sie konnte ein Grinsen nicht verbergen. Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, das den Eltern einen Streich spielt. Welches soll ich mir heute ansehen? Am besten wäre wohl in dem Buch über Staatsführung weiterzufahren, schließlich galt es nun, das Reich wieder unter Kontrolle zu bringen, endlich Ordnung zu schaffen in dem ganzen Chaos, das ihr Gemahl angerichtet hatte. Hätte er sich ein bisschen mehr mit dieser Lektüre als mit seinen Jagden und seinem Kampfesruhm beschäftigt, wäre es wohl gar nie so weit gekommen.
      Sie fand das gesuchte Buch und zog den dicken Wälzer vorsichtig zwischen seinen Brüdern hervor.
      Gerade als sie es aufschlagen wollte, hörte sie ein Geräusch auf der anderen Seite des Regals. Erschrocken hielt sie in der Bewegung inne, lauschte. Tatsächlich hörte sie das Umblättern einer Buchseite. Ihr Atem ging schneller und ihre Hände verkrampften sich um das Buch, während sie fieberhaft überlegte, was nun zu tun sei. Es kam ganz darauf an, wer sich da auf der anderen Seite des Regales befand. Es kam selten vor, dass jemand überhaupt herkam. Vielleicht hatte derjenige sie auch gar nicht bemerkt. Womöglich machte sie sich zu viele Sorgen? Anastasia überlegte, ob sie es wagen sollte, um das Regal herumzuschleichen, um ausfindig zu machen, wer da ihre geheime Lesestunde zunichtemachen wollte. Da hörte sie das Rascheln von Stoff, Schritte, die der Reihe entlanggingen.
      Soll ich mich verstecken? Nein, er muss mich bereits gehört haben. Schnell schob sie das Buch ins Regal zurück, beschwor sich, ruhig zu bleiben und zuckte doch zusammen, als sie ein leises Räuspern hinter sich hörte. „Entschuldigt, ich wollte Euch nicht erschrecken.“ Sie erkannte Diligo, den Schüler des weisen Wanderers. Ob er weiß, dass ich nicht hier sein sollte? Er ließ sich auf jeden Fall nichts anmerken, wirkte höflich und blieb in respektvollem Abstand zu ihr stehen. Seine dunklen Augen musterten sie unergründlich, aber nicht abweisend.
      „Mögt Ihr Bücher?“, fragte sie in der Hoffnung, dass er nichts von dem Verbot wusste.
      Diligo nickte. „Bisher waren wir selten für längere Zeit an demselben Ort. Ich genieße es, einmal die Zeit zum Lesen zu haben. Wie sieht es mit Euch aus? Lest Ihr gerne?“
      Sie atmete innerlich auf. Anscheinend hatte er keine Ahnung. „Ich liebe es“, antwortete sie wahrheitsgetreu und war selbst überrascht, dass sie dabei leicht errötete. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, zu lügen, aber dies hatte ihr nie gelegen.
      „Wie schön“, sagte er lächelnd. Das war das erste Mal, dass sie ihn lächeln sah. Es machte ihn menschlicher, greifbarer, eine Gefühlsregung an ihm zu sehen. „Welches Buch könnt Ihr mir empfehlen?“, fragte er.
      Die Frage schien aufrichtig gemeint zu sein und Anastasia war überrascht, dass ihre Meinung ihn tatsächlich interessierte. Womöglich war es in seinem Herkunftsland nichts Ungewöhnliches, wenn Frauen Bücher lasen. „Was lest Ihr denn gerne?“
      „Vielleicht etwas über die alten Mythen Eures Landes? Es würde mich interessieren, welcher Glaube hier denn verbreitet ist.“
      Wieder eine Überraschung. Sie hätte nicht gedacht, dass er sich für ihre Götter interessieren könnte. Schließlich gehörte es zu seiner Aufgabe, ihnen einen neuen Glauben zu bringen, der sie vor der Macht der Dämonen retten sollte. „Der König hat die alten Werke ausräumen lassen. Aber ich könnte Euch eine der alten Geschichten erzählen, wenn Ihr wollt. – Aber vielleicht besser ein anderes Mal“, sagte sie und schlug schuldbewusst die Augen nieder.
      „Ihr habt ein ehrliches Gemüt, Königin. Ihr müsst viel unter Eurem Gatten gelitten haben.“ Die Worte Diligos waren so leise, dass sie nicht sicher war, ob sie sich verhört hatte.
      „Ich sollte nun gehen“, sagte sie knapp und ohne darauf einzugehen. Wäre er nicht die rechte Hand des weisen Wanderers, hätte sie solche Worte nicht geduldet. Wenigstens konnte sie so tun, als hätte sie sie nicht gehört. „Und ich bitte Euch, erzählt niemandem davon, dass Ihr mich hier angetroffen habt“, fügte sie leise hinzu, als sie an ihm vorbeiging.
      Mit klopfendem Herzen verließ sie die Bibliothek. Wie dumm von mir! Ich habe mich ihm komplett ausgeliefert! Diesen letzten Satz hätte ich mir auch sparen können, schalt sie sich. Doch sie hatte für einen Moment die Hoffnung nicht unterdrücken können. Die Hoffnung, dass er sie verstehen könnte, dass er ihr Geheimnis für sich behalten würde. Wie dumm von mir!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey RenLi,

      dieser Teil zeigt mal wieder, dass du es einfach kannst :) Mit einer wahnsinnigen Leichtigkeit erzählst du, transportierst Gefühle und Stimmungen. Es macht immer wieder Spaß, deiner Geschichte zu folgen.
      Ein bisschen Kleinkram packe ich dir dennoch in den Spoiler ;)

      Spoiler anzeigen


      Ich habe mich gefragt, ob man den kompletten Teil mit Anastatsia nicht in kursiv setzen sollte, weil es ja offentlich ein Traum ist. (nur so eine Idee)

      RenLi schrieb:

      Als er sich beruhigt hatte, drehte ... sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter
      er

      RenLi schrieb:

      Er duldete es nicht, dass seine Gemahlin eine eigene Meinung vertrat, die auch noch zu allem Übel nur zu oft nicht mit der seinen übereinstimmte.
      irgendwie kommt mir das etwas umständlich vor...vielleicht:"...die zu allem Übel oft nicht mit der seinen übereinstimmte" (?)


      RenLi schrieb:

      Und ein Teil dieser Einschränkungen bezogen sich auf das Lesen von Büchern.
      müsste es nicht "bezog" heißen, weil sich das Verb in dem Fall auf "ein Teil" bezieht und nicht auf die "Einschränkungen" (?)



      LG,
      Rainbow
    • Hi there
      Ups, das ist ein riesiger Teil, ich hoff mal, das klappt und dass ihr nicht gleich erschlagen werdet.
      Mal sehen, wer alles aus den Latschen kippt :D :evil: :whistling: :saint: 8| :rolleyes:

      Edwin, Aus dem Gefängnis frei (566 n. Rh.)
      Edwin saß neben Lotar in der Halle, in der sie ihr Abendessen einnehmen sollten. Um sie herrschte Chaos. Kinder rannten zwischen den Bänken hindurch, an einem Tisch gleich nebenan trommelten sie mit Gabeln und Messern auf die Tischplatte. Lotar musste mehrmals aufstehen, um einzugreifen und zwei Kinder zu trennen, die sich in die Haare geraten waren. „Ist es oft wild?“, fragte Edwin. In den wenigen Tagen, die er bereits hier verbracht hatte, war es nicht ganz so schlimm gewesen.
      „Heute sind sie besonders unruhig, scheint mir“, antwortete Lotar. „Lebst du dich langsam ein?“
      Edwin ließ den Blick über die Kinderhorde schweifen und zuckte mit den Achseln. Sie waren ihm noch immer so fremd wie zu Beginn.
      „Lass dir Zeit. Du bist ja gerade erst angekommen“, meinte Lotar. „Übrigens, Elvira sagt, du sollst nächste Woche an ein paar Unterrichtsstunden teilnehmen. Was hälst du von Malen? Sie meint, das könnte dir gefallen.“
      Edwin merkte, dass es ihn etwas kränkte, dass Elvira nicht selbst mit ihm darüber gesprochen hatte. „Wann ist das und wo?“, fragte er nach und ignorierte seine belastenden Gefühle.
      „Ich werde es dir zeigen. Maria ist übrigens auch dort.“
      Edwin schaute zu dem Mädchen hinüber, das auf der anderen Seite von Lotar saß. Auch gerade jetzt hielt sie einen Stift in der Hand und malte. Maria war Lotars ständige Begleiterin. Wo auch immer er hinging, folgte sie ihm. Sie sprach nicht viel und Edwin war aufgefallen, dass sie den meisten Menschen nicht direkt in die Augen sah, auch ihm nicht. Auch sonst schien sie die anderen Kinder eher zu meiden, nur Lotar mochte sie ganz offensichtlich. Edwin versuchte zu erkennen, was sie gerade malte. Einen Wirbel? Sie malte oft. Manchmal kreiste ihr Stift wild und voller Energie oder gar energisch über das Blatt, manchmal ganz friedlich und sanft. Jetzt gerade vollzog sie einen eleganten Kringel in blauer Farbe. Sie hielt ihr Kunstwerk Lotar hin, worauf er sie lobte und ihr liebevoll übers Haar strich. Sie schien sich zu freuen und wandte sie sich wieder voller Hingabe ihrem Bild zu.
      „Sie malt ihre Träume, oder Dinge, die nur sie sehen kann“, erklärte Lotar.
      „Was sieht sie denn?“, wollte Edwin wissen.
      „Oft sind es farbige Wirbel, so wie dieser hier. Manchmal malt sie auch Menschen. Diese sind aber meist schwarz oder grau, aber von vielen Farben umgeben.“
      Edwin betrachtete die Kinder. Er sah nur Kinder. Keine Farben. „Nur, weil ich etwas nicht sehen kann, heißt das ja nicht, dass es nicht existier“, stellte er fest.
      „So ist es wohl. Du siehst doch auch Dinge, die andere nicht sehen können, oder?“
      „Zum Beispiel die Waldgeister. Anfangs wusste ich gar nicht, dass nur ich sie sehen kann. Ich war froh, als Gilbert erzählt hat, dass auch er sie als Kind sehen konnte.“
      „Und, möchtest du nun in die Malstunde gehen? Mina unterrichtet sie.“
      „Wer ist Mina?“, fragte Edwin. Er glaubte, einen Unterton von Schmerz in Lotars Stimme wahrgenommen zu haben. Inzwischen hielt er sich jedoch damit zurück, die wahren Gefühle seiner Mitmenschen zu überprüfen, da Elvira es ihm nach einem Gespräch mit Lotar verboten hatte.
      „Sie ist die Frau meines Bruders und kümmert sich mit ihm um das Geschäft, welches er eröffnet hat. Wir sind zusammen hier im Waisenhaus aufgewachsen und sie kommt noch immer mehrmals in der Woche vorbei, um zu unterrichten.“
      „Wolltest du nie weg?“
      Das kratzende Geräusch des Malstiftes verstummte. Edwin sah, dass Marias Augen von einer Seite des Blattes auf die andere und wieder zurück hüpften. Hörte sie zu? Hatte sie Angst, Lotar könnte sie verlassen?
      „Ich habe darüber nachgedacht. Aber es gefällt mir hier. Die Arbeit mit den Kindern, das Unterrichten. Nach und nach kann ich mehr Verantwortung übernehmen und es ist mein Zuhause. Ich könnte auch gar nicht weg, schließlich ist Maria doch hier, nicht wahr?“, sagte er und drückte dem Kind einen Kuss auf den Kopf. Sie gluckste und ihr Stift begann wieder fröhlich zu kreisen.
      Edwin mochte es, ihr beim Malen zuzusehen. Obwohl Lotar sagte, dass sie Ding aus ihrer Umgebung malte, so schien es ihm eher, als bringe sie ihr Inneres an die Oberfläche. Als würde sie ihr Herz mit Buntstiften sichtbar machen, dachte er erstaunt. „Das ist wirklich sehr schön“, kommentierte Edwin das Bild.
      Sie hob halb den Kopf und zum ersten Mal sah sie ihm für einen kurzen Moment in die Augen. Er glaubte ein Funkeln darin zu entdecken, dann hatte sie den Blick bereits wieder auf ihr Werk gesenkt.
      „Ich glaube, sie mag dich“, meinte Lotar erfreut.
      „Wie alt ist Maria denn eigentlich?“
      „Sie ist vor Kurzem neun Jahre alt geworden. Das glauben wir zumindest. Wann genau sie geboren wurde, wissen wir nicht.“
      Der Gong ertönte und die Kinder verstummten. Unter der Anleitung der Köchin brachten ein paar Kinder mehrere Töpfe in den Raum. Suppe, vermutete Edwin. Am Abend gab es meistens einfach noch Suppe zu essen. Der würzige Geruch füllte bereits den Raum. Erstaunlich geordnet stellten sich die Kinder hintereinander vor den Töpfen auf. Auch Edwin, Lotar und Maria nahmen ihre Holzschalen und reihten sich ein.
      „Na, Lotar, hast du alle deine Schützlinge beisammen?“ Eine Frau war zu ihnen getreten, ebenfalls eine Schale in den Händen.
      „Mina! Ich habe gar nicht gewusst, dass du bereits zurück bist“, begrüßte Lotar sie.
      Das ist also die Mallehrerin? Edwin musterte sie. Für eine Frau hatte sie ungewöhnlich kurze Haare, die ihr in braunen Locken um den Kopf standen wie ein Kranz. Sie trug lange, weite Kleidung, die wie bei Elvira um die Hüfte mit einem Ledergürtel zusammengehalten wurde. Edwin fiel neben der besonders spitzen Nase vor allem der kecke Ausdruck auf ihrem Gesicht auf.
      „Wir sind gestern schon zurückgekommen. Schließlich kann ich euch nicht zu lange alleine lassen, da weiß man ja nie, was ihr ausheckt. Heute herrscht ja wieder mal ein rechter Tumult hier“, sagte sie grinsend.
      „Stimmt, sie sind unruhig.“
      „Ach, Lotar, hast du gehört, dass sich ein paar Ziegel vom Dach gelöst haben? Vielleicht könntest du dich heute noch darum kümmern. Soweit ich weiß hat es im Estrich noch welche.“
      „Weißt du auch, wo sie sich gelöst haben?“
      „Ich denke wieder im Westflügel, da sind sie dem Wind am meisten ausgesetzt“, mutmaßte Mina.
      Lotar nickte. „Gut möglich, ich werde mich darum kümmern. Ist Gilbert noch nicht zurück?“
      Edwin spitzte die Ohren. „Soweit ich weiß nicht“, antwortete Mina. „Unglaublich, kaum ist er mal da, verschwindet er gleich wieder.“
      „Er fühlt sich nicht wohl hier“, verteidigte Edwin seinen Freund. Obwohl er ihn vermisste und froh gewesen wäre, ihn wieder um sich zu haben, wollte er nicht, dass jemand schlecht über ihn sprach.
      „Du musst Edwin sein“, stellte sie fest. „Mein Name ist Mina.“
      „Malst du gerne?“, fragte Edwin.
      „Sehr gerne. Deshalb zeichne ich auch mit den Kindern. Wenn du willst, kannst du gerne in meiner Stunde reinschauen. Und ich hoffe doch, dass du auch wieder kommst, Maria.“ Sie lächelte Maria aufmunternd zu, woraufhin sich das Mädchen näher an Lotar drängte. „Was machst du nur mit ihr, dass sie dich so mag?“, fragte Mina und stemmte die Hände in die Hüften. „Da werde ich ja gleich eifersüchtig“, grinste sie und bliess sich eine ihrer Locken aus dem Gesicht. „Und Edwin hast du auch schon um deinen Finger gewickelt.“
      „Wie, um den Finger gewickelt?“, wollte Edwin wissen und schaute auf Lotars Hände.
      „Das sagt man so“, lachte sie, während Lotar verlegen wurde.
      Sie schöpften ihr Essen, tatsächlich Suppe, und setzten sich an ihren Tisch zurück. Während des Abendessens unterhielten Lotar und Mina sich, was Edwin die Gelegenheit gab, wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Er genoss es, sich nur auf das Essen zu konzentrieren und sich mit nichts anderem beschäftigen zu müssen. Als er fertig war, erkundigte er sich nach Jeela. Er spürte sie draußen im Garten auf, wie immer war sie guter Dinge und er freute sich an ihrem ausgelassenen Geist.
      Nachdem Mina sich verabschiedet hatte, brachten er, Lotar und Maria ihre Schalen in die Küche, um sie zu spülen. Den Rest des Abends hatten die Kinder frei. Solange es hell war, konnten sie nach raus in den Garten gehen, um zu spielen, sonst mussten sie im Haus bleiben. Schon stürmten die ersten nach draußen. Edwin verabschiedete sich von den anderen, er wollte hoch in den Turm, um die Zeit zu nutzen, nach Richard zu suchen. Seit er die Möglichkeit entdeckt hatte, mit Fait den Körper zu teilen, hatte er keinen Tag verstreichen lassen, ohne mindestens eine Rund über die Stadt zu fliegen.
      Endlich oben angekommen, setzte er sich auf die Matte und schloss die Augen. Es fiel ihm immer leichter, mit Fait in Verbindung zu treten. Schon hieß ihn der Habicht willkommen und sie schossen über die farbenfrohen Dächer Caputs hinweg.
      Vielleicht finden wir ihn heute, meinte Edwin.
      Wie immer war die Marktgasse voller Leute, wie auch der Ausrufplatz. Edwin flog weiter, über das Schenkenviertel hinweg. Könnte doch sein, dass er in einem Gasthof wohnt, überlegte sich Edwin. Vielleicht ist er aus dem Gefängnis ausgebrochen und wohnt jetzt in einem Gästezimmer.
      Obwohl Edwin merkte, wie absurd dieser Gedanke klang, konnte er doch nicht umhin, tiefer zu fliegen und auf einem der Dächer zu landen. Schließlich machte es auch keinen Sinn, immer nur oberhalb des Gefängnisses zu hocken und gar nichts zu tun.
      Also schaute er nun nach unten und betrachtete die Menschen, die sich auf den Straßen und Gassen tummelten. Meist handelte es sich um Männer. Nur eine kleine Schaar Kinder war zu sehen. Diese fiel dafür aber sogleich ins Auge, weil sie nicht an diesen Ort zu gehören schienen. Edwin beobachtete sie eine Weile. Er konnte nicht genau sagen, ob es sich um Bettelkinder handelte oder nicht. Sie schienen nicht ganz so ausgehungert wie die meisten Straßenkinder zu sein, doch wirklich ordentlich sahen sie auch nicht aus. Als sie in eine verlassene Gasse abbogen, folgte Edwin ihnen.
      Vorsichtig spähte er vom Dach hinunter, als ihm einfiel, dass er ja in Gestalt eines Vogels unterwegs war und sich gar nicht solche Mühen machen musste. Also flatterte er hinunter und landete auf einem tiefer gelegenen Sims. So war er nahe genug, um ihre Gespräche verstehen zu können.
      Die Gruppe war stehengeblieben. Erst konnte Edwin nicht ausmachen, weshalb, dann sah er, wie sich ein Mann aus den Schatten erhob. „Habt ihr das Geld?“, fragte er und lehnte sich lässig an die Hauswand.
      Eines der älteren Mädchen schob sich nach vorne und reckte trotzig das Kinn vor. „Bevor wir es dir geben, wollen wir die Tauschware sehen“, verlangte sie. „Wir lassen uns nicht über den Tisch ziehen.“
      „Natürlich, ihr seid schlaue Kerlchen“, meinte der Mann und griff in seine Jacke. „Da ist es.“ Er hielt ein Schriftstück hoch. „Sie wird morgen aus dem Gefängnis entlassen.“
      „Lass mich sehen“, verlangte das Mädchen.
      „Kannst du denn lesen, Kleine?“, fragte der Mann skeptisch.
      „Natürlich“, antwortete sie schnippisch.
      Der Mann schnaubte. „Ich sollte euch anzeigen, das sollte ich. Eine Gruppe rebellischer Kinder, die nichts besseres zutun hat, als Gefangene freizukaufen. Warum sollte ich euch so einfach laufen lassen?“
      „Wir haben nichts getan, was du uns anklagen könntest.“
      „Noch nicht“, raunte der Mann. „Noch nicht.“ Er drehte das Schriftstück in der Hand. „Ist sie eure Anführerin? Und woher habt ihr überhaupt so viel Geld, dass ihr sie freikaufen könnt?“
      „Das geht dich nichts an. Die Abmachung war, dass du sie freikaufst, und wir dir das Geld geben. Das ist alles. Und nun rück die Bestätigung raus“, mischte sich ein Junge ins Gespräch ein.
      „Na gut, aber ich will es erst zählen. Eurer Bande traue ich nicht über den Weg.“
      Edwin verfolgte, wie die Kinder ihm eine Stück Stoff überreichten. Der Mann schlug die Stofflappen auseinander und begann die Münzen zu zählen, die zum Vorschein kamen. „Hmm“, brummte er. „Alles da. Wie habt ihr das nur aufgetrieben, ihr kleinen Halunken?“
      „Gib uns das Papier!“
      Der Mann verstaute das Geld in seinem Mantel, dann warf er das Schriftstück einem der Kinder zu. „Viel Spaß damit“, sagte er und wollte sich aus dem Staub machen, doch die Kinder stellten sich ihm in den Weg.
      „Erst, wenn wir das gelesen haben.“
      „Ihr wollt doch nicht ernsthaft behaupten, dass ihr das lesen könnt.“
      „Können wir sehr wohl. Lies vor, Raphael“, wie das Mädchen an.
      Der Junge entfaltete das Papier und hielt es sich dicht vor die Nase. Langsam und stockend begann er zu lesen: „Strafbefund von Emilie Zarmonias. Verurteilt zu zwei Jahren Gefängnisstrafe wegen Diebstahls und Schmuggels. Nach drei monatiger Inhaftierung freigesprochen nach Auszahlung der Strafgebühr. Freigelassen am Morgen des dritten Frühjahrsmondes.“
      „Das ist morgen!“
      „Seht ihr, wie ehrlich ich doch bin“, grinste der Mann. „Eure kleine Freundin wird schon morgen wieder zu euch stoßen. Macht euch also keine Sorgen und lasst einen armen Wanderer wie mich mal weiterziehen. Eine menge Kneipen, Schenken, Tresen, Mädels und Krüge erwarten mich.“
      Die Kinder murrten, machten ihm jedoch Platz, woraufhin er in eine anliegende Gasse abbog und aus Edwins Blickfeld verschwand.
      „Phu, wir haben es geschafft!“, sagte der Junge erleichtert und übergab dem Mädchen den Zettel.
      „Was hast du denn geglaubt?“ Sie steckte die Freilassungsbestätigung ein und grinste. „Siehst du, so macht man das.“
      „Ich hoffe nur, dass morgen alles gut geht“, meinte ein anderes Kind.
      „Klar, warum auch nicht. Die Schuld ist abbezahlt, wo sollte das Problem sein?“
      „Ich weiß nicht…“
      Gerne wäre Edwin jetzt zu ihnen getreten. Zum ersten Mal wünschte er sich seinen menschlichen Körper herbei. Wenn sie tatsächlich ein Mädchen aus dem Gefängnis freigekauft hatten, konnte dieses ihm womöglich Auskunft darüber geben, wie es Richard ging. Vielleicht hatte sie ihn gesehen. Aufgeregt folgte er der Kinderschaar. Diese verließ das Schenkenviertel und machte sich auf den Weg in ärmere Gegenden der Stadt. Er fragte sich, wo sie wohl hin wollten. Endlich steuerten sie ein heruntergekommenes Haus an. Sie gingen darum herum und stiegen eine Treppe hinunter. Dort klopften sie an eine von Wind und Wetter ausgeblichene Tür. „Wir sind zurück, und wir haben es!“, rief das Mädchen triumphierend, sobald die Tür aufgestoßen wurde.
      Nacheinander verschwanden sie durch die Öffnung und somit aus Edwins Reichweite. Wenn ich doch nur mit ihnen reden könnte!, dachte er verzweifelt. Ich muss zurück, ich muss meinen Körper holen.
      Sofort flog er auf und trat den Rückweg an. Wie immer legte er den größten Teil des Wegs mit Fait gemeinsam zurück, da er nicht wusste, wie weit sein Geist den Weg alleine zurückfinden würde. Schon einmal war es ihm passiert, dass er sich beinahe in der Weite verloren hätte. Also musste er sich gedulden und der Geschwindigkeit des Vogels anpassen. Weshalb können wir nicht einfach den Ort wechseln?, fragte er sich. Weshalb kann ich mit meinen Gedanken in einem Moment hier und im nächsten schon im Turmzimmer sein, aber der Körper braucht immer viel länger?
      In seinem Körper angekommen, wollte er augenblicklich aufspringen, doch da er sich nicht genug Zeit zum Ankommen genommen hatte, fiel er vornüber. Schmerz jagte ihm durch das Gesicht, als er auf den harten Holzdielen aufkam. Er schmeckte Blut auf der Zunge. Ich bin zu ungeduldig, realisierte er, ohne dass seine Ungeduld abnahm.
      Er atmete tief durch, dann setzte er sich auf. Vorsichtig prüfte er den Schaden, den er angerichtet hatte. Die Zähne schmerzten zwar, schienen aber noch ganz, keine wackelte. Aus einer Wunde in der Oberlippe lief ein bisschen Blut, auch die Nase war in Mitleidenschaft gezogen worden, alles in allem schien aber kein ernsthafter Schaden entstanden zu sein. Er atmete erleichtert auf und wischte sich das Blut mit dem Hemdsärmel weg. Das brannte zwar, war aber nicht sehr schlimm. Von seiner Zeit im Wald war er sich anderes gewohnt. Aber dumm ist es schon, dachte er. Nur, weil ich so ungeduldig bin.
      Edwin stemmte die Luke auf und kletterte nach unten. Als er hinaus in den Garten trat, war es bereits am eindunkeln. Die Sonne hatte sich hinter den Horizont zurückgezogen und ein einzelner Stern funkelte bereits über der Stadt. Edwin rief Jeela zu sich. Sie war nicht weit entfernt und noch bevor er das Tor erreicht hatte, war sie zu ihm gestoßen. „Machen wir einen Ausflug!“, rief er ihr entgegen. Nun, da er auf die Mauer zuschritt fiel ihm auf, dass dies das erste Mal war, dass er das Gelände wieder verließ, seit sie hier angekommen waren. Das Tor rückte näher und auf einmal war er sich seinem Vorhaben nicht mehr ganz sicher. Würde er den Ort wirklich wiederfinden? Von oben war ihm das Bild der Stadt zwar bereits ein wenig vertraut geworden, aber von unten sah alles doch nochmals ganz anders aus. Die Tür des Wärterhäuschens öffnete sich mit lautem Quietschen und zwei Kinder traten heraus. „Wo willst du denn hin?“, fragte das Mädchen und stellte sich ihm in den Weg.
      „Raus“, antwortete Edwin überrascht. „Auf der anderen Seite der Stadt ist ein Haus, da muss ich hin“, fügte er hinzu, weil er nicht genau wusste, was für eine Antwort sie von ihm erwarteten.
      „Was soll das heißen, da musst du hin?“, fragte der Junge. „Wir dürfen nicht einfach raus, nicht ohne einen Erwachsenen.“
      „Warum nicht?“, wollte Edwin verdutzt wissen. „Ist es gefährlich?“
      Der Junge zuckte mit den Schultern. „Wenn du dich auskennst, dann wohl nicht so“, meinte er. „Seraphina und ich haben auch lange draußen gelebt. Und wir hatten keine Probleme.“
      „Spiel dich nicht so auf, Will“, sagte sie und boxte ihm in die Seite. „Wir haben nur überlebt, weil Mar und Jakob uns hergebracht haben. Sonst wären wir entweder verhungert, oder die Wachen hätten uns erwischt.“
      „Welche Wachen?“, fragte Edwin.
      „Die Stadtwachen. Die nehmen dich fest und werfen dich ins Gefängnis.“
      „Aber ich hab doch nichts getan.“
      „Vielleicht jetzt noch nicht, aber wenn du da alleine zurechtkommen willst, dann musst du schon gerissen vorgehen, wenn du nicht erwischt werden willst. So wie Jakob, der war der beste Dieb von allen“, erklärte Will stolz.
      „Wer ist Jakob?“
      „Er ist unser Anführer. Und irgendwann kommt er zurück, um uns zu holen. Das weiß ich.“ Will grinste breit. Seraphina hingegen sah nicht überzeugt aus.
      „Also, wenn ich vorsichtig bin, dann kann ich raus?“, fragte Edwin und schaute zum Tor hinüber.
      „Nein“, beharrte Seraphina. „Nur in Begleitung einer erwachsenen Person.“
      „Weshalb?“ Edwin verstand noch immer nicht. „Ich bin doch freiwillig hergekommen, weshalb sollte ich nicht gehen dürfen. Außerdem komme ich ja wieder zurück.“
      „Das sind die Regeln“, sagte sie in einem Tonfall, der alles zu erklären schien.
      Jeela wurde langsam unruhig, sie lief zum Tor und wieder zurück zu Edwin, dann wieder hin zum Tor. „Sie will auch raus“, stellte Edwin fest.
      „Geht nicht. Regeln sind nun mal Regeln.“
      Edwin musste einsehen, dass es keinen Zweck hatte. Auch wenn er nicht wirklich verstand, was es mit diesen Regeln auf sich hatten, so schienen sie doch von großer Wichtigkeit für die zwei zu sein. Er warf einen letzten Blick in Richtung Ausgang. Dann muss ich halt Lotar fragen, dachte er.
      „Ist das wirklich so wichtig?“, fragte Will in dem Moment. „Ich glaub, Jakob hätte ihn gehen lassen, meinst du nicht?“
      Das Mädchen schien hin und hergerissen. Sie schaute ihren Freund zweifelnd an. „Wir dürfen ihn nicht einfach gehen lassen.“
      „Ich muss es ja niemandem sagen“, schlug Edwin vor. Er konnte sich auch gar nicht vorstellen, dass Elvira etwa dagegen hätte. Wer immer diese Regeln aufgestellt hatte, war wohl schon lange nicht mehr hier gewesen. „Den Sinn dieser Regeln will mit nicht einleuchten.“
      „Genau das hätte Jakob gesagt!“, rief Will aufgeregt. „Am liebsten würde ich gleich mitkommen!“
      „Meinst du?“
      „Ach komm schon, Seraphina. Wir sind in erster Linie Jakobs Bande und keine Waisenhauskinder“, erinnerte Will sie.
      „Na gut, dann lassen wir ihn eben gehen“, stimmte sie widerwillig ein. „Aber zu niemandem ein Wort!“, beschwor sie die beiden Jungen.
      „Klar“, versprach Will, Edwin nickte.
      „Den Hund nimmst du mit?“, fragte Will.
      „Jeela begleitet mich immer. Und sie freut sich auch, mal aus dem Garten rauszukommen. Sonst sind wir immer in der Wildnis unterwegs und sie mag es nicht, eingesperrt zu sein.“
      Will machte große Augen. „Kann ich nicht mitgehen?“
      „Von mir aus“, meinte Edwin, doch Seraphina hielt vehement dagegen: „Bist du verrück!?“
      Die Enttäuschung stand Will nur zu deutlich ins Gesicht geschrieben. „Nächstes Mal komm ich mit“, brummte er, dann machte er sich am Tor zu schaffen.
      Endlich schwang einer der Flügel auf und gab den Weg auf die Straße hinaus frei. „Danke!“, rief Edwin und trat mit Jeela nach draußen. Gut, und wie weiter?
      Er schaute nach links und rechts die Straße entlang. Links, entschied er und marschierte los. Zu Fuß würde er bestimmt ewig brauchen. Straße reihte sich an Straße, neben ihm zogen die Häuser dahin. Und auch noch um diese späte Zeit gab es noch erstaunlich viele Menschen, die sich draußen aufhielten. Was sie wohl alle tun mochten? Wo sie alle wohnten, arbeiteten und lebten? Edwin betrachtete die Gesichter, die an ihm vorüberzogen. So viele Menschen! Und alle haben eine eigene Geschichte, dachte Edwin überwältigt. Alle haben sie Träume, Hoffnungen, Ängste. Menschen, die ihnen wichtig sind. Und Schmerz, Leiden. Ob das wohl die Menschen aus meinen Träumen sind? Edwin blieb stehen. Ein Paar ging an ihm vorüber. Die Frau hielt sich am Arm ihres Gatten fest, gemeinsam schlenderten sie die Straße hinauf. Welchen Kummer sie wohl hat? Er schaute ihr nach, unterdrückte den Drang, die Hand nach ihr auszustrecken. Sie am Arm zu fassen und anzuhalten. Die Menschen sind wie undurchdringliche Kästen. Man sieht nicht in sie hinein. Sie sind dunkel, ihr Licht dringt nicht nach außen. Wofür dieser Körper? Er trennt uns von der Welt.
      Das Paar war stehen geblieben. Sie deutete nach oben, dem Himmel entgegen. Auch Edwin schaute hoch. Was sie wohl besprachen? Inzwischen war es dunkler geworden und immer mehr Sterne tauchten am Himmel auf. Der Mann zog die Frau an sich, legte zärtlich die Arme um sie und Edwin sah, wie sie sich küssten. Sein Herz schlug höher als ihre Lippen sich berührten. Was war das für ein Gefühl, das in ihm erwachte, während er sie beobachtete? Was ist ein Kuss?, fragte Edwin sich. Was ist so besonders daran? Etwas kribbelte in seinem Bauch und das Bild eines Mannes tauchte vor seinem inneren Auge auf. Die dunklen, langen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden, eine Strähne fiel ihm in sein schmales Gesicht Gesicht, welches feinsäuberlich rasiert war. Seine dunklen Augen funkelten, schienen zu leuchten und ihn anzustrahlen. Edwins Herz klopfte schmerzhaft gegen seinen Brustkorb. Wer? Wer?!, dachte er verzweifelt und versuchte das Bild des Mannes greifbar zu machen. Ich liebe dich, erklang die vertraute Stimme aus fernen Zeiten.
      Ein bisher unbekanntes Verlangen, eine unbekannte Sehnsucht stieg in Edwin hoch, schnürte ihm die Brust ab und trieb Tränen in seine Augen. „Diligo“, hauchte er. Das Bild verblasste, während Tränen über seine Wangen liefen. So stand er da, am Rande des Weges und weinte lautlos. Nur allmählich wurde ihm bewusst, was dieses Erlebnis zu bedeuten hatte. Anastasia hat ihn geliebt. Eine erneute Welle von Schmerz schwappte über ihn. Ich liebe ihn immer noch! Diesmal weinte er bitterlich, sank nieder und verbarg das Gesicht in den Armen. Wir haben uns geschworen, dass wir einander wiederfinden. Da bin ich mir sicher. Ich weiß nicht mehr wann und wo, aber er hat mir versprochen, mich zu finden, zu beschützen, für alle folgenden Leben. Diligo, wo bist du?!, rief Edwin in die Weite der Welt hinaus. Er horchte auf eine Antwort und auf einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: ‚Ich passe auf dich auf, Edwin. Und wenn Vater nicht da ist, dann werde ich dich vor deinen Träumen beschützen, dann werde ich dich vor den Schmerzen dieser Welt beschützen!‘
      „Richard“, schluchzte er. „Weshalb habe ich dich nicht früher erkannt?“ Jahre hatten sie zusammen verbracht, doch es war ihm nicht aufgefallen, dass sie sich bereits gefunden hatten. Und nun, da er seinen Bruder verloren hatte, hatte er die Erinnerung an ihn wiedergefunden. Wäre es mir früher aufgefallen, hätten wir uns nicht verloren, dachte Edwin bitter. Ich hätte ihn nicht aus den Augen gelassen.
      Er spürte etwas Nasses am Handrücken. Als er aufsah, blickte er in die treuen Augen seiner Freundin. „Jeela“, flüsterte er mit brüchiger Stimme. Sie stieg mit den Vorderpfoten auf seine Knie und leckte ihm übers Gesicht als wolle sie seine Tränen wegwischen. „Danke, Jeela.“ Er umarmte die Hündin und stich ihr über das zottige Fell. „Was soll ich nur tun?“ Wir haben uns über die Zeit hinweg wiedergefunden, wie wir es einander versprochen haben. Über den Tod hinaus hat unsere Verbindung Bestand gehabt. Edwin richtete sich auf. Da ist diese Trennung doch nichts im Vergleich. Er atmete tief durch. Ich finde ihn.
      Entschlossen sah er die Straße entlang. Niemals, niemand, nichts kann uns noch halten!
      „Über alle Schranken sind wir verbunden
      In dem einen Raum.
      Nicht einmal der Tod kann uns noch trennen
      Keine Illusionen, keine Türen, keine Wände
      Über alle Schranken, vereint im Geheimen“, sang er leise, während er durch die Stadt ging. Wir sind verbunden, bis über den Tod hinaus. Grimmige Entschlossenheit, vermischt mit dem Schmerz des Verlustes trieb ihn vorwärts. Erst finde ich die Kinder und dann finde ich Richard. Doch bald musste er sich eingestehen, dass er die Orientierung verloren hatte. Aus der Vogelperspektive sah die Stadt doch ganz anders aus. Unschlüssig stand er vor einer Kreuzung uns wusste nicht, welchen Weg er einschlagen sollte. Womöglich war er sogar bereits zu weit und an dem Haus, das er suchte, vorbeigegangen. Er blickte zurück. Jeela sah ihn erwartungsvoll an. „Weißt du, wo es durchgeht?“
      Die Hündin richtete ihren Blick nach oben und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. „Rauf?“, fragte Edwin überrascht und schaute zum Himmel auf. Erst sah er nur die Sterne, doch dann erblickte er einen kleinen, schwarzen Punkt, der vor ihnen kreiste. „Fait!“, rief Edwin.
      Obwohl der Habicht eigentlich nur am Tag unterwegs war und nachts zu schlafen pflegte, war er gekommen, um Edwin zu helfen. Fait! Edwins Geist eilte dem Vogel entgegen. Durch die Verbindung mit ihm gelang es Edwin, sich wieder zu orientieren. Sie waren noch nicht zu weit gegangen, doch etwas zu weit westlich vom Weg abgekommen. Also schlug er den Weg nach rechts ein. So lief er nun zielstrebig voran und überprüfte seine Position ab und zu mit Hilfe von Fait.
      Wir sind bald da!, teilte er Jeela mit, woraufhin sie freudig bellte. Inzwischen lag die Stadt wie ausgestorben da, jedenfalls der Teil, durch den Edwin lief. Und endlich sah er das Haus, in dem die Kinder verschwunden waren.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
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      Hallo @RenLi,
      ich hab mit deiner Geschichte angefangen und bin jetzt bis zu Post 7 gekommen.
      Da sie schon zu den älteren zählen dürfte, nehme ich nicht an, dass du noch Änderungen vornehmen wirst, deshalb spar ich mir mal Anmerkungen dazu.
      Ich bewundere deine sichere Rechtschreibung und Kommasetzung. Absolut toll, das erleichtert das Lesen ungemein!!
      Ein wenig Schwierigkeiten hat mir allerdings der sparsame Umgang mit Absätzen gemacht. Manchmal musste ich ein Stück zurückgehen und einen Teil noch einmal lesen. Gerade wenn der Hauptakteur der Handlung (oder der Erinnerung) wechselt, hilft ein Absatz dem Leser, dies zu erkennen. Am deutlichsten wurde das in dem Teil, in dem Richard seinen Gedanken nachhing (mit dem vielen Kursivtext). Da konnte ich manchmal kaum unterscheiden, wem der Text zugeordnet werden musste: Jakob, Vater, Onkel Johan oder Richard selbst.

      Auch was Shaylee in einem Kommi gemeint hat, habe ich ähnlich erlebt. Du hast mich in deinem stellenweise wirklich atemberaubenden Tempo ganz schön durch den Text gehetzt ^^ . Bei vielen Stellen, gerade als Richard seinen Bruder suchte, ging das voll in Ordnung. Da konnte ich seine Panik spüren. Aber dann hab ich irgendwie dazwischen eine Phase der Ruhe vermisst...
      Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke. Hoffe, du verstehst mich halbwegs. :huh:
      Ganz ganz toll fand ich diesen Abschnitt:

      RenLi schrieb:

      Für einen Moment schloss Richard die Augen und betrachtete das Chaos, das in seinem Innern herrschte. Ein Gewirr aus Gefühlen und Stimmen, dumpfe und scharfe, leise, laute. Er atmete sie aus. Atmete die Stille des Sumpfes ein. Atmete die Angst aus. Atmete das sanfte Rauschen des Windes ein. Atmete die Schmerzen aus und atmete die Weite des Himmels ein. Sein Herzschlag beruhigte sich. Er öffnete die Augen, hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Er setzte einen Fuß vor den anderen. Der Boden war fest.
      DAS war ein solcher Moment der Ruhe. Wunderbar geschrieben. Ich wäre hier vielleicht sogar noch weiter gegangen: jeder Atemzug hätte einen neuen Absatz bekommen.

      Mir gefällt die Geschichte wirklich sehr sehr gut. Auf jeden Fall werde ich weiterlesen. Und ich werde NICHT auf der letzten Seite nachschauen, ob du sie beendet hast oder noch fortführst, oder ob sie unbeendet stehenbleibt. Hab nämlich gemerkt, dass dies zu wissen mein Lesevergnügen merklich beeinträchtigt. Von daher - ich lass mich überrraschen.
      VG Tariq

      (Solltest du trotzdem noch wissen wollen, was ich angemerkt hätte, dann gib mir einfach Bescheid.)
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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      Hallo @Tariq

      Willkommen in der magischen Welt der verlorenen Kinder. Schön, dass du mitliest!
      Der Anfang ist tatsächlich schon etwas älter, obwohl ich die Abschnitte mal durch eine korrigierte, erweiterte Version ersetzt habe. Die Kommentare der Forumsmitglieder passen deshalb auch nicht mehr immer dazu. Das mit dem Durchhetzen versteh ich. Ich hab da schon einiges ausgebaut, aber der Text befindet sich im ständigen Wandel und ich werde da bestimmt noch einiges ändern (in meiner Version sieht es auch schon wieder anders aus).
      Cool, dass dir die Geschichte bisher gefällt! Bin gespannt, was du dazu zu sagen hast. Inhaltliche Kommentare sind immer toll, auch wenn die Abschnitte schon älter sind. Immer her damit :D Rechtschreibsachen und so musst du nicht beachten (ausser bei den neuen Texten), da mein Manuskript bereits wieder anders aussieht.
      Also dann, viel Spass beim Lesen!!

      Lg, RenLi
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
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      Next part: Edwin in den Händen der Kindermeute :)


      Edwin, Wiederbegegnung (566 n. Rh.)
      Er lief zur Treppe. Hier ist es! Aufgeregt stieg er die Stufen hinunter und klopfte an die Tür. Erst danach fiel ihm auf, dass die Kinder wahrscheinlich bereits am Schlafen waren. Ich bin zu spät gekommen. Er beobachtete, wie Enttäuschung dem Gedanken folgte.
      „He, du! Was willst du?”, raunte eine Stimme hinter ihm.
      Edwin fuhr herum und erblickte drei dunkle Gestalten, die vom oberen Treppenabsatz auf ihn hinuntersahen. „Ich suche jemanden“, erklärte er.
      „Wer bist du?“, fragte eine Stimme, deren barscher Ton die Jugendlichkeit jedoch nicht verbergen konnte. Konnte es sein, dass er Glück hatte und das die Kinder waren, die er suchte?
      „Edwin.“
      „Einen Edwin kenne ich nicht, wen suchst du?“
      Edwin überlegte, ob in dem Gespräch zwischen den Kindern ein Name gefallen war, doch er konnte sich nicht mehr erinnern. „Die Kinder, die hier leben“, antwortete er notgedrungen. „Ich weiß nicht, wie sie heißen.“
      „Du bist hier falsch, geh weg“, hörte er eine Mädchenstimme, die er sofort wiedererkannte.
      „Nein, warte, dich suche ich“, rief Edwin aufgeregt. „Du hast die anderen angeführt, ich habe gesehen, dass du mit ihnen durch diese Türe gegangen bist. Bitte, glaubt mir.“
      Einen Moment lang war es still. „Was tun wir mit ihm?“, hörte er einen der Jungen flüstern.
      „Na was wohl, wir nehmen ihn rein“, antwortete das Mädchen. „Dann finden wir heraus, was er weiß. Scheint, als sei er alleine hier. Nur einen Köter hat er bei sich.“
      Jeela knurrte bedrohlich, woraufhin Edwin ihr beruhigend über den Kopf fuhr, obwohl im selbst mulmig zumute war. Die Kinder schienen nicht gerade erfreut über sein Kommen zu sein.
      „Vielleicht hat der Typ ihn geschickt, um zu spionieren. Der war viel zu neugierig.“
      „Mit dem habe ich nichts zu tun, ich kenne ihn nicht“, protestierte Edwin.
      „Aha! Du weißt also von wem ich spreche!“, rief einer triumphierend und Edwin rutschte das Herz tiefer.
      Hätte ich doch den Mund gehalten, dachte er. Inzwischen hatte er begriffen, dass es nicht normal war, dass Menschen mit Tieren den Körper teilen konnten, es würde also nicht einfach sein, die Kinder von der Wahrheit zu überzeugen. „Ich kenne ihn nicht“, wiederholte er schwach.
      „Das werden wir gleich erfahren“, versprach das Mädchen und kam den anderen voraus die Treppe hinunter. Jeela stellte sich schützend vor Edwin und zog die Lefzen hoch. Ein tiefes Knurren rollte ihre Kehle hoch und die Kinder erstarrten augenblicklich.
      „Der ist gefährlich!“, rief einer der Jungen.
      „Jeela ist nicht gefährlich, schhh, sie tun dir nichts“, versuchte Edwin die Hündin zu beruhigen. „Es ist nicht nötig, dass wir uns streiten. Ich bin nur hier, um meinen Bruder zu finden.“
      „Und wer soll das sein?“, fragte die Anführerin argwöhnisch.
      „Richard. Er ist im Gefängnis, oder wenigstens war er das. Nun behaupten die Wächter, er sei tot. Aber das ist er nicht! Ich muss ihn finden!“ Edwin legte alle Überzeugungskraft in seine Stimme, die er aufbringen konnte.
      „Weshalb glaubst du, dass wir dir helfen können?“, fragte das Mädchen, woraufhin die Jungen sie schockiert ansahen.
      „Du glaubst ihm doch nicht etwa?!“
      „Er kennt den Dreckskerl von vorhin. Wir können ihm nicht trauen.“
      Schnell fuhr Edwin dazwischen: „Ich sage doch, ich kenne ihn nicht. Ich hab nur mitangehört, was ihr vor wenigen Stunden mit ihm beredet habt. Er hat ein Mädchen für euch aus dem Gefängnis freigekauft, richtig? Ich möchte mit ihr sprechen. Vielleicht hat sie Richard gesehen.“
      „Du hast uns belauscht?“
      „Vielleicht sagt er das, um uns reinzulegen.“
      „Vielleicht sagt er aber auch die Wahrheit“, meinte das Mädchen und Edwin atmete auf. „Nur damit das klar ist, ich traue dir nicht. Falls du ein Spion dieses Mannes bist, werden wir dich nicht mehr so schnell gehen lassen. Bis du uns von deiner Geschichte überzeugt hast, bist du unser Gefangener“, ordnete sie an.
      Edwin nickte. „Gut, damit bin ich einverstanden. Leg dich hin, Jeela. Warte hier auf mich.“ Widerwillig legte sich die Hündin neben seine Füße. Ihr war anzusehen, dass diese Position ihr gar nicht behagte, denn ihr Körper blieb weiterhin angespannt und ihre bernsteinfarbenen Augen beobachteten die Kinder wachsam.
      „Stell dich an die Wand neben der Tür!“, befahl das Mädchen und Edwin gehorchte. „Mit dem Bauch zu Wand.“ Er drehte sich um. „Abtasten“, wies sie einen der Jungen an. „Vielleicht hat er etwas Gefährliches dabei.“
      „Der Hund sieht mich böse an“, murrte der eine, stieg jedoch die Treppe hinunter und begann Edwins Kleidung zu untersuchen.
      „Denkts du, die Bestätigung ist gefälscht?“
      „Nein, Sara hat sie sich angesehen.“
      „Schhh, bist du blöd?! Keine Namen!“ Das Mädchen verpasst dem Jungen einen Klaps, woraufhin er eine Entschuldigung stammelte.
      „Nichts dabei. Er ist ohne Waffen oder sonst was gekommen“, stellte der andere Junge fest.
      „Gut.“ Edwin hörte wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde, dann stieß das Mädchen die Tür auf.
      Die Jungen packten ihn an den Armen. „Ihr braucht mich nicht festzuhalten. Ich komme auch so mit“, erklärte Edwin, doch sie gingen nicht darauf ein und bugsierten ihn durch die Tür ins Haus.
      „Wir sind‘s“, kündigte das Mädchen ihr Kommen an und Edwin war überrascht, im Zimmer noch Licht vorzufinden. „Wir haben einen ungebetenen Gast aufgelesen“, kommentierte sie weiter und deutete auf Edwin.
      Der Kellerraum war mit Teppichen, Decken und Holzkisten behelfsmäßig eingerichtet. Ein löchriger Vorhang trennte den hinteren Teil ab und verbarg ihn vor den Blicken der Eintretenden. Davor saßen drei weitere Kinder im Schneidersitz um eine Kerze herum und schauten ihn nun argwöhnisch an. „Wir haben uns schon gefragt, was da draußen los ist“, sagte ein Junge und verengte die Augen.
      „Ich will nichts Böses“, versicherte Edwin. Ein Teil von ihm wäre am liebsten wieder hinausgegangen, denn der Keller erinnerte ihn an seine Gefangenschaft im Gasthaus. Der allzu vertraute Modergeruch stieg ihm in die Nase, auch wenn er hier nur fein war und zu einem Großteil von anderen Gerüchen überlagert wurde.
      „Bindet ihn an das Rohr da drüben“, befahl das Mädchen und die Jungen führten Edwin an eine der Wände.
      „Wartet, ich kenne ihn“, hörte Edwin eine leise Stimme. Er schaute über die Schulter und sah, dass sich nun alle Köpfe zu einem kleinen, hageren Mädchen umgewandt hatten. Er musterte ihr Gesicht, das ihm überhaupt nicht bekannt vorkam.
      „Woher?“
      Schüchtern trat sie vor. „Er hat mir geholfen. Als ich halb verhungert war, hat er mir Brot gegeben“, wisperte sie. Sie sah aus, als hätte sie sich unter den argwöhnischen Blicken ihrer Freunde am liebsten in Luft aufgelöst.
      Edwin zermarterte sich das Hirn, aber er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, das Mädchen jemals gesehen zu haben. Nicht einmal ihre Stimme kam ihm bekannt vor. Vielleicht fällt es mir ein, wenn ich mich mit ihr verbinde, überlegte er. Aber Elvira hat es mir verboten. Entgegen ihrer Anweisung öffnete er seinen Geist und breitete sich sanft aus. Augenblicklich erwachte der Raum zum Leben. Die Kerze begann strahlender zu scheinen, die Luft begann zu singen und die Wände zu atmen. Weshalb sollte ich mich nicht mit den Menschen verbinden?, fragte er sich. Er näherte sich dem Mädchen vorsichtig, umfing sie mit einer zarten Berührung. Zaghafte Dankbarkeit, aber auch Unsicherheit und Nervosität strömten ihm entgegen. „Stimmt, wir sind uns in dem Stall begegnet“, sagte er lächelnd. „Du hast dich versteckt.“
      Ihre Augen leuchteten auf und rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Sie nickte und Edwin hörte ihr Herz schneller schlagen.
      „Na und? Dann hat er ihr halt geholfen. Das beweist noch nicht, dass er nicht hier ist, um uns zu verraten“, mischte sich einer der Jungen ein.
      „Das glaube ich nicht“, sagte das Mädchen, doch die Unsicherheit stand ihr ins Gesicht geschrieben.
      Der Vorhang begann sich zu bewegen. Edwin nahm die Präsenz von mindestens fünf weiteren Kindern dahinter wahr. Wahrscheinlich hatten sie bis eben noch geschlafen, denn nun erschienen mehrere schlaftrunkene Gesichter in einem Spalt zwischen zwei Tüchern. Die Anführerin übernahm wieder das Ruder. Sie klärte ihre Freunde über die Lage auf, dann beschloss sie, bis zum nächsten Tag abzuwarten. „Wir binden ihn fest und dann fragen wir Emilie, ob etwas an der Geschichte dran ist. Wenn sie einen Richard kennt, dann hat er nicht gelogen.“
      „Und wenn sie ihm im Gefängnis nicht begegnet ist?“, warf Edwin ein.
      „Dann sehen wir weiter“, entschied sie.
      „Und wir können Sara fragen. Sie wird entscheiden, was passiert.“
      Einstimmiges Nicken. Wer auch immer diese Sara war, sie musste eine wichtige Rolle in der Gruppe einnehmen, überlegte sich Edwin. Er wurde nicht schlau aus dem Ganzen. So wie sie auf ihn reagierten, mussten sie irgendetwas ausgefressen haben. Und dass sie eine aus ihren Reihen aus dem Gefängnis freikauften, bestätigte dies. Zu fragen wagte er jedoch nicht, da er ihr Misstrauen nicht noch weiter schüren wollte. Die Menschen sind schon seltsam, dachte er wieder einmal mehr. Wie hat es soweit kommen können? Weshalb gibt es so viel gegenseitiges Misstrauen unter uns Menschen? Irgendwann muss es doch eine Zeit gegeben haben, in der wir uns alle verstanden haben. Wie können wir andere fürchten, die wir noch nicht einmal kennen?
      Edwin ließ zu, dass sie ihn an das Rohr banden. Wenigstens gaben sie ihm eine Matte, auf die er sich legen konnte. „Am besten rührst du dich nicht, bis Emilie zurückkommt“, wiesen sie ihn an.
      „Du übernimmst die erste Wache“, ordnete die Anführerin an.
      „Weshalb ich?“
      „Jemand muss beginnen.“
      Die neugierigen Kinder verschwanden wieder hinter dem Vorhang, der offensichtlich das Schlaflager vom Rest des Raumes abtrennte, und ließen Edwin und den Jungen, der Wache schieben musste, alleine zurück. Edwin legte sich auf seine Matte und schloss die Augen. Draußen vor der Tür spürte er Jeela. Gut, dass es nicht regnet, dachte er. Fait konnte er nicht mehr wahrnehmen, wahrscheinlich war er bereits zu seinem Schlafplatz im Turm zurückgekehrt.
      Lange lag er wach und lauschte den Gedanken, die durch seinen Kopf kreisten. Immer wieder tauchte Diligos Gesicht daraus hervor, vermischte sich mit dem von Richard. Vergeblich versuchte er, seine Gefühle zu ordnen. Es war viel zu verwirrend. Vielleicht träume ich von ihm, wenn ich einschlafe.
      Doch es dauerte lange, bis er endlich Schlaf fand, denn die Erinnerungen wollten ihn nicht in Ruhe lassen. Ich finde dich.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi