Der Sinn des Lebens

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    • Hallo zusammen
      Phu, ich habs noch geschafft. Heute gehts für zwei Wochen in die Berge. Wiedermal ohne Internet und nix. Sorry für die Pause, ich hatte gerade viel um die Ohren. Da bin ich doppelt froh, hab ich diesen Teil noch hingekriegt. :) Ein schöner Ausflug, um sich von dem ganzen drohenden Unheil etwas zu erholen.


      Jakob, die Welt der Toten (564 n. Rh.)
      Als Jakob erwachte, lag er in seinem Zelt auf dem Rücken. Abertausende Sterne leuchteten ihm entgegen und es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass dies nichts Gutes bedeutete. Sofort sprang er auf, taumelte mit noch immer steifen Gliedern zum Zeltausgang und sah sich den Schaden von außen an. „Das Dach ist weg!“, rief er erstaunt und blickte sich nach dem fehlenden Stück um.
      Da erblickte er Venja, die doch tatsächlich an dem braunen Leder kauend vor ihm davonlief. „He!“, rief Jakob ihr nach und rannte hinterher. „Venja, gib das zurück!“
      Sie rannte voran und blieb vor einem riesengroßen Baum stehen. Die Äste reichten bis in den Himmel hinauf und nun sah Jakob, dass die Sterne daran hingen, so zahlreich wie Eckern an einer Buche.
      „Das muss der Weltenbaum sein“, flüsterte Jakob beeindruckt. Woher er dies wusste, war ihm zwar schleierhaft, aber er war sich sicher, dass es stimmte.
      Er ging zu den gigantischen Wurzeln, die an manchen Stellen so dick waren wie der Ducatus und Jakob sah gerade noch wie ein weißer Affe mit seinem Zeltstück im Laub des untersten Astes verschwand. Jakob begann die erste Wurzel zu erklettern und zu seiner Überraschung ging das ganz leicht. Wie eine Spinne bewegte er sich den glatten Stamm hinauf, bis auf den untersteh Ast und folgte dann dem Affen weiter nach oben. Immer weiter stiegen sie, immer höher, bald hatten sie die Höhe der ersten Sterne erreicht. Doch obwohl Jakob ein so guter Kletterer war, war der Affe immer ein Stück voraus. Und plötzlich sah er ihn nicht mehr. Ich muss zur Krone hoch, dachte Jakob. Ich bin mir sicher, dass er dort auf mich wartet.
      Also stieg er höher und höher, der Stamm wurde auf einmal dünner. Weit konnte es nicht mehr sein! Nun konnte Jakob ihn mit beiden Händen umgreifen. Hier oben gab es keine Äste mehr und Jakob blickte nach unten. Alle Äste des Baumes breiteten sich über die Erde aus wie ein Netz von Adern und unter ihm leuchteten die Sterne. Jakob hätte sich bei dem Anblick beinahe verloren, doch dann erinnerte er sich daran, dass da oben jemand auf ihn wartete. Also kletterte er weiter, hielt bald nur noch ein dünnes Seil zwischen den Händen, hangelte sich daran hoch und höher. Über ihm war alles finster, das Licht der Sterne, die er weit unter sich zurückgelassen hatte, reichte nicht mehr bis hier hinauf.
      Jakob zuckte zusammen, als ihm ein eiskalter Tropfen auf den Scheitel fiel. Er blickte nach oben und sah eine hauchdünne Schicht Wasser über sich. Vorsichtig streckte er eine Hand danach aus. Sie war kalt, aber nur ein paar Haarbreiten dick. „Nichts wie durch“, sagte er sich und kletterte weiter.
      Eine kalte aber kurze Zeit später war Jakob oberhalb der Schicht angekommen. Nass war er erstaunlicherweise nicht und was noch viel verwunderlicher war, war die Tatsache, dass sich über dem Himmel eine grüne Wiese befand. Guten Mutes überquerte Jakob die Wiese, betrachtete die hübschen Blumen, den wolkenlosen Himmel über ihm. Eine Sonne konnte er zwar nirgends entdecken, trotzdem aber war es taghell. Weshalb er eigentlich hergekommen war, hatte er inzwischen vergessen, doch er wusste, dass jemand auf ihn wartete. Also ging er zielstrebig weiter, durchquerte einen kleinen Wald, schritt über eine hölzerne Brücke, unter der ein Bächlein sich durchschlängelte und erblickte einen Hügel. Dort oben!
      Sie saß neben einer alten Linde, oben auf dem Hügel. Das blonde Haar, ebenso hell wie seins, fiel ihr in sanften Wellen über den Rücken. „Rosalie!“, rief Jakob und rannte so schnell ihn seine Beine trugen den Hügel hinauf. „Rosalie!“
      Endlich drehte sie sich ihm zu und ihr Gesicht war noch viel schöner, als er sich hatte in Erinnerung behalten können. Schluchzend schloss er sie in seine Arme. Früher hatte er ihr nur bis zur Brust gereicht, nun war er einen guten Kopf größer als sie.
      Schweigend wiegte sie ihn in ihren Armen. „Du bist es wirklich! Hätte ich gewusst, dass du hier bist, dann wäre ich viel eher gekommen!“, stammelte er.
      „Das weiß ich doch“, entgegnete sie und hielt ihn auf Armeslänge von sich weg. „Du bist groß geworden“, sagte sie schmunzelnd.
      „Ja, schau mal, ich bin so viel größer als du!“, grinste Jakob und wischte sich die Tränen weg. „Ich muss die so viel erzählen! Oder noch besser! Du kannst mit mir wieder nach unten kommen!“
      Seine Begeisterung verflog, als er ihr ernstes Gesicht sah. „Du kannst nicht mitkommen?“
      Sie nickte. „Ich bin gestorben, Jakob. Ich kann nicht wieder nach unten.“
      „Aber du bist hier! Wo sind wir überhaupt?“
      „Wir sind in der Oberen Welt“, erklärte sie. „Hierher kommen die Seelen von Verstorbenen, wenn sie sich auf die nächste Reise begeben.“
      „Die Spielleute haben also Recht!“, rief Jakob verblüfft.
      „Es geht nicht darum, wer Recht hat, Jakob.“
      „Und warum bist du noch hier? Solltest du nicht weitergehen?“
      „Ich bleibe noch ein wenig hier“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Ich könnte dich doch nicht alleine lassen.“
      „Wirklich? Du warst immer bei mir?“
      Sie nickte. „Von hier oben habe ich dich beobachtet, manchmal durfte ich dich sogar beschützen. Erinnerst du dich an den Tag, an dem du in Caput beinahe umgebracht worden wärst? Da habe ich dir Ananda geschickt. Oder als du beinahe ertrunken wärst? Oder in der Steppe, als du beinahe verdurstet wärst? Venja ist nicht ohne Grund zu dir gekommen. Sie ist eine ganz besondere Stute und es ist eine Ehe, dass du sie überhaupt reiten darfst.“
      „Was?!“ Jakob konnte kaum glauben was er da hörte. Durch seinen Kopf tanzten gleich mindestens hundert Fragen durcheinander. „Das hast alles du gemacht? Wie hast du Ananda geschickt? Was ist das überhaupt für einer? Ist er nicht irre? Und was ist mit Venja, klar sie ist wirklich ein besonderes Pferd, aber noch besonderer als ich dachte?“
      Rosalie lachte. „Du bist noch immer so energiegeladen wie als kleiner Junge.“
      „Klar, mich kann keiner unterkriegen“, entgegnete er.
      „Da bin ich sehr froh darüber. Zuweilen dachte ich schon, du würdest deine Freude verlieren. Aber seit du bei den Anchin bist, scheinst du dich erholt zu haben“, sagte sie noch immer lächelnd.
      „Kann ich nicht bei dir bleiben, Rosalie?“, fragte Jakob nun leise. Wenn er bei ihr war, dann fühlte er sich wieder wie der kleine Junge, der er einmal gewesen war. Behütet und geborgen.
      Doch sie schüttelte den Kopf. „Du gehörst in die Mittlere Welt, in die Welt der Lebenden. Aber du kannst dir sicher sein, dass ich dich nie alleine lassen werde. Und auch Venja passt auf dich auf. Du kannst ihrem Urteil vertrauen, Jakob. Wenn sie einen Weg einschlägt, dann folge ihr, in Ordnung?“
      Jakob nickte unwillig. Er wollte sie doch so gerne mit nach unten nehmen…
      „Wolltest du mich nicht noch etwas wichtiges fragen? Du bist doch nicht nur hier, um mich zu sehen, oder?“
      „Doch!“, rief er sofort, doch gleichzeitig wusste er, dass sie recht hatte. „Nun gut, es passiert wirklich gerade sehr viel, was ich nicht verstehe. Weißt du, was wir tun sollten? Sollen wir den Menschen aus dem Dorf helfen oder sollen wir einfach weiterziehen? Das kann nicht sein, oder? Wir können sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, oder?“
      „Da hast du deine Antwort.“
      „Dann sollen wir ihnen also helfen?“
      „Hör auf das, was dein Herz dir sagt.“
      „Keine Ahnung, das kann doch nicht sprechen“, murrte er.
      „Bist du sicher? Es spricht vielleicht nicht in Worten, seine Nachrichten sind aber dennoch klarer als jedes Wort.“
      „Reden alle Toten so geheimnisvoll?“, fragte er etwas verstimmt. „Du sprichst wie Ananda. Warte! Heißt das, er ist auch tot?“
      Lachend fuhr sie sich durch ihr blondes Haar. „Nein, er ist so lebendig wie du. Aber er ist nun mal so. Mach dir wegen ihm keine Sorgen. Er mag etwas eigen sein, aber er ist ein guter Mensch. Hör auf das, was er dir sagt, er ist ein weiser Mann. Aber viel wichtiger, hör auf dein Herz. Es ist der beste Kompass überhaupt.“
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey RenLi,

      Spoiler anzeigen


      ich musste gerade erst wieder reinkommen und dachte anfangs "Hä? Was geht denn jetzt ab? Was ist das für ein Affe und was ist das für ein sonderbarer Baum?"


      Dann dämmerte es mir aber so langsam, dass es ein Traum sein musste und ich finde, das hast du ganz wunderbar beschrieben. Wirklich mit ganz viel Fantasie und Gefühl :thumbsup: Auch, dass Jakob Rosalie trifft, finde ich eine schöne Idee. Und dass sie ihm erzählt, sie habe ihn die ganze Zeit über beschützt...

      Und sein Entschluss dürfte am Ende also feststehen. Er wird sich dafür einsetzen, dass den Menschen geholfen wird. Im Grunde war das eh schon klar... aber so, wie du es geschrieben hast, macht es noch ein bisschen mehr Sinn.

      Hier nur drei Kleinigkeiten, über die ich gestolpert bin:

      RenLi schrieb:

      Also ging er zielstrebig weiter, durchquerte einen kleinen Wald, schritt über eine hölzerne Brücke, unter der ein Bächlein sich durchschlängelte und erblickte einen Hügel. Dort oben!
      Sie saß neben einer alten Linde, oben auf dem Hügel.
      vielleicht Anhöhe (?)


      RenLi schrieb:

      „Ich muss die so viel erzählen! Oder noch besser! Du kannst mit mir wieder nach unten kommen!“
      dir


      RenLi schrieb:

      Sie ist eine ganz besondere Stute und es ist eine Ehe, dass du sie überhaupt reiten darfst.“
      Ehre

      Und jetzt viel Spaß in den Bergen. Komm gesund und heil wieder :D



      LG,
      Rainbow
    • Jakob, die Welt der Toten (564 n. Rh.), Teil II
      „Der Turbanmann, ich weiß nicht…“, murrte er, doch dann kam ihm etwas anderes in den Sinn. „Weshalb bist du eigentlich gegangen Rosalie?“, fragte er und fühlte die schmerzhafte Anklage in seiner Brust. Sie war sein einziger Anker gewesen in der Welt und sie hatte ihn verlassen, indem sie sich selbst umgebracht hatte. All die Jahre lang hatte er zwar dem Gutsherrn die Schuld in die Schuhe geschoben, um weiterhin am guten Bild seiner geliebten Schwester festhalten zu können, aber ganz hatte er den Vorwurf an sie nicht verdrängen können.
      „Das tut mir so leid, Jakob. Komm, ich erzähle es dir während wir gehen.“ Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn vom Hügel hinunter. „Ich glaube, du erinnerst dich nicht mehr an alles, was damals vorgefallen ist“, begann sie. „Der Gutsherr hat uns übel mitgespielt, das wirst du wahrscheinlich noch wissen. Glücklicherweise war da noch die Köchin, die uns ab und zu mal etwas zugesteckt hat, sonst hätten wir die harte Arbeit wohl nicht überstanden. Außerdem konnte ich ein paar Münzen stehlen und sobald ich genug zusammen hätte, so sagte ich mir, würde ich mit dir von diesem Ort verschwinden. Wir hatten beide bereits ein kleines Bündel gepackt und unter dem Bett versteckt, zusammen mit dem Geld. Doch an dem Abend, an dem wir fliehen wollten, hat der Gutsherr mich zu sich bestellt, wie er es manchmal tat. Ich hätte gleich mit dir weglaufen sollen… Er war betrunken und wurde gewalttätig, als ich bei ihm war. Als ich mich gewehrt habe, wurde es nur noch schlimmer, bis er mich von sich stieß und ich mit dem Kopf an die Wand schlug. Dadurch verlor ich das Bewusstsein. Doch er glaubte, ich sei tot. In seinem Wahn hat er keinen anderen Ausweg gewusst, als mich in meiner Kammer an einem Strick er erhängen, um meinen vermeintlichen Tod auf diese Weise wie einen Selbstmord aussehen zu lassen.“
      „Du hast dich gar nicht umgebracht?“, stammelte Jakob.
      „Nein, das hätte ich dir nicht antun können.“
      „Aber du hast gesagt, du hättest den Sinn des Lebens verloren.“
      „Das war bevor ich den Entschluss gefasst hatte, mit dir zu fliehen. Von da an wusste ich, dass es nicht so weitergehen konnte. Du hast mir immer so viel Kraft gegeben. Immer wenn ich dachte, ich müsse im Elend versinken, hat dein strahlendes Lachen mich wieder aufwachen lassen. Ich bin so froh, dass du einen Weg bis hierher gefunden hast, Jakob. Und dass du trotz allem noch immer lachen kannst.“
      Tränen schimmerten in ihren Augen und sie küsste ihn auf die Wange. „Ich werde auch weiterhin mein Möglichstes tun, um dich zu schützen. Aber werd mir bloß nicht zu wagemutig, schließlich kann ich nicht zaubern“, mahnte sie ihn mit einem Lächeln. „Streng lieber deinen Kopf etwas an.“
      „Ich und wagemutig? Niemals“, scherzte er, doch dann verging ihm das Lachen, denn er wurde gewahr, wo sie sich befanden. Rosalie hielt das Seil zum Abstieg in den Händen und hielt es ihm hin. „Muss ich schon gehen?“, fragte er betrübt.
      Sie nickte. „Du musst dich wieder um andere Dinge kümmern. Dein Leben spielt sich dort unten ab. Auch da gibt es Menschen, die dich brauchen. Aber ich bleibe immer in der Nähe. Auch wenn du mich nicht sehen kannst.“
      Stürmisch umarmte er seine Schwester, dann packte er das Seil entschlossen mit beiden Händen.
      „Ich rette diese Menschen, du wirst schon sehen. Und ich sterbe nicht dabei, das verspreche ich dir!“, rief er und begann den Abstieg. Wieder passierte er diese seltsame Wasserschicht und erreichte den Stamm des Baumes. Je weiter er kam, desto mehr blendete ihn das Licht, das von überall her zu kommen schien. Bald schon sah er nichts mehr, sodass er sich blind vorantasten musste.
      Er kletterte die Wurzeln hinunter und rannte in die Richtung, in welcher er das Zelt vermutete. Der Boden begann zu beben, Stimmen dröhnten in seinem Kopf und das Licht blendete ihn. Er strauchelte, fiel hin und als er die Augen wieder aufschlug, erblickte ein glattes Ei mit Mund, Nase und zwei Augen.
      „He, Jakob!“, rief das Ei und schüttelte ihn. „Endlich! Ich dachte schon, du bist wer weiß wo steckengeblieben.“
      Jakob starrte in das Gesicht und nun erkannte er Rahul, der bereits drauf und dran war, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.
      „He, er braucht noch einen Moment, lass ihn mal ankommen“, hörte Jakob eine weitere Stimme und kräftige Hände packten den erhobenen Arm Rahuls.
      Jakob brauchte einen Moment, um die Szene einordnen zu können. Er fühlte sich gar nicht als Teil des Ganzen, eher wie ein Zuschauer. Doch allmählich kehrte das Gefühl in seine Glieder zurück und er erkannte, dass er in dem Zelt lag, welches er mit Rahul teilte. Er atmete geräuschvoll aus, krümmte seine Finger und setzte sich dann langsam auf. „Das war unglaublich!“, schnaufte Jakob.
      „Was ist passiert?“, wollte Rahul wissen. „Schon seit einer Ewigkeit versuche ich dich zu wecken, aber du hast kein Lebenszeichen von dir gegeben.“
      „Wenn das Tor offen ist, dann kann es schon mal vorkommen, dass jemand gleich mitgeht“, meinte Shiv. „Komm erst mal mit nach draußen, du kannst auch da noch erzählen, was du erlebt hast.“
      Also folgte Jakob Rahul aus dem Zelt hinaus, Shiv half ihm beim Gehen, denn seine Beine wollten sein Gewicht noch nicht vollständig tragen.
      Die Sonne schien bereits über die Baumwipfel und es schien als haben sich alle bereits um die erkaltete Feuerstelle versammelt. „Was macht der Verrückte hier?!“, rief Jakob aus und deutete auf Ananda, der neben Shankar saß und mit dem Alten redete.
      „Er ist zufällig hier vorbeigekommen. Unglaublich wie er es fertigbringt, immer zur richtigen Zeit an richtigen Ort zu sein“, sagte Shiv ehrfurchtsvoll. „Wir können seine Hilfe wirklich gut gebrauchen!“
      Jakob schnaubte, doch dann erinnerte er sich an die Worte seiner Schwester. Warum soll ich ihm vertrauen? Na gut, er hat mir zwei Mal das Leben gerettet. Aber er ist verrückt…. Kann er wirklich mit meiner Schwester sprechen? Warum hat er mir nie gesagt, dass sie ihn schickt? Am besten ich frage ihn direkt!
      Jakob machte sich von Shiv los und stapfte so selbstsicher wie möglich auf den Turbanmann zu, baute sich vor ihm zu voller Größe auf und fragte: „He, kennst du meine Schwester? Hat sie dich geschickt?!“
      Mit blitzenden Augen sah Ananda auf, er grinste herausfordernd. „Da ist wohl einer von seiner Reise zurück – aber ganz angekommen bist du wohl noch nicht“, setzte er hinzu, als Jakob taumelnd um sein Gleichgewicht kämpfte. „Ich bin hier, weil es an der Zeit ist, hier zu sein. Und weshalb bist du hier?“
      „Wie kann Rosalie dich nur mögen?“
      „Sie hätte dich ein bisschen besser erziehen können“, meinte Ananda schelmisch.
      „Dann kennst du sie also doch?!“
      „Ich kenne jede hübsche Frau im Umkreis von vier Welten.“
      Jakobs Gesicht wurde feuerrot und hätten seine Haare in Flammen gestanden, es hätte wohl niemanden überrascht. „Genau deshalb kann ich dich nicht leiden!“, rief er empört.
      „Komm mal wieder runter, Jakob. Und Ananda, du könntest dich auch ein bisschen rücksichtsvoller verhalten“, wies Prema die beiden zurecht.
      Ananda erhob sich und verbeugte sich elegant. „Entschuldige, Jakob. Manchmal geht es mit mir durch. Ich wollte dich nur ein bisschen auf die Schippe nehmen, aber sobald wir etwas mehr Zeit haben, beantworte ich dir all deine Fragen.“
      Jakob schnaubte. Er glaubte keine Sekunde lang, dass dieser aufgeblasene Trottel ihm auch nur eine seiner Fragen würde beantworten können. „Nichts als heiße Luft“, sagte er zerknirscht in seiner Landessprache, einen Moment vergessend, dass Ananda diese auch fließend sprach. Doch der Turbanmann ging nicht darauf ein. Stattdessen wandte er sich an die Versammelten: „Nun da wir vollzählig sind, können wir unser weiteres Vorgehen besprechen.“
      Sofort entbrannte eine hitzige Diskussion darüber, ob man nun eingreifen sollte oder nicht. Dabei spielten die Berichte von Perpetua und Prema eine wichtige Rolle. Die beiden Frauen berichteten, sich in der Mittleren Welt aufgehalten zu haben. Normalerweise hätte Jakob den Worten mit viel Skepsis gelauscht, doch nach seinem eigenen Erlebnis diese Nacht, kam er nicht umhin, ihnen mehr Bedeutung zuzumessen.
      „Die Zeichen sind unmissverständlich. Wir müssen handeln“, sagte Shankar.
      „Beide Frauen haben gesehen, wie das Pferd den Bären bezwingt. Wir werden es schaffen“, meinte Rahul.
      „Aber sowohl das Pferd wie auch der Bär haben Wunden davongetragen“, wandte Raj ein.
      „Keine tödlichen.“
      „Und das Pferd war verkleidet als Wiesel, das muss etwas zu bedeuten haben!“
      „Vielleicht müssen wir uns als Dorfbewohner verkleiden.“
      „Und was ist mit den Ungeheuern, welche den Bären erschreckt haben?“
      Ananda ergriff das Wort: „Ich habe da so eine Idee, was es bedeuten könnte. Aber als erstes würde ich sagen, sprechen wir mit den Dorfbewohnern. Sie müssen mit der Sache einverstanden sein, sonst können wir noch lange diskutieren.“
      Shankar stimmte ihm zu. „Ich denke, der erste Teil der Botschaft ist ziemlich klar. Wir mischen uns unter die Dorfbewohner, sodass die Banditen nicht merken, dass wir überhaupt hier sind – wir können nur hoffen, dass sie unser Lager noch nicht entdeckt haben.“
      „Einige von uns könnten weiterziehen, um den Eindruck zu erwecken, dass wir kein Interesse an dem Dorf haben.“
      „Das wäre eine Möglichkeit. Ananda, du kennst die Dorfbewohner. Gehst du mit Perpetua, Shiv und Jakob hin, um mit ihnen zu sprechen?“
      „Warum ich? Er spricht doch die Sprache“, wandte Jakob ein.
      „Sie haben dich und Shiv schon einmal gesehen und ihr habt ihnen nichts Schlimmes getan, sondern habt euch zurückgezogen. Vielleicht hilft dies, ihr Vertrauen zu gewinnen.“
      „Ich werde auch mitgehen“, sagte Prema. „Ich möchte Perpetua begleiten.“
      Shankar nickte. „Gut, dann geht. Länger zu warten lohnt sich nicht.“

      Spoiler anzeigen

      Hi Rainbow
      Danke dir für die Rückmeldung!

      Rainbow schrieb:

      Auch, dass Jakob Rosalie trifft, finde ich eine schöne Idee. Und dass sie ihm erzählt, sie habe ihn die ganze Zeit über beschützt...
      Jaaa, soo super! Endlich bekommt Rosalie mal die Gelegenheit mit ihm zu sprechen! Wollte sie schon lange, weil sie sieht, wie er sich quält wegen ihrem Tod und so - auch wenn er es ja schon ziemlich verarbeitet hat...

      Rainbow schrieb:

      Und sein Entschluss dürfte am Ende also feststehen. Er wird sich dafür einsetzen, dass den Menschen geholfen wird.
      Und die anderen sind nun auch ziemlich dieser Meinung nach den Erlebnissen der beiden Frauen. Es kann also losgehen! :D
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey RenLi,

      schön, dass die Zivilisation dich wieder hat :) Hier kommen meine Amerkungen zu aktuellen Teil:
      Spoiler anzeigen


      Also, für mich hat wieder eimal alles gepasst, weshalb ich nichts zu beanstanden habe. Ledglich ein bisschen Kleinkram:

      RenLi schrieb:

      Er war betrunken und wurde gewalttätig, als ich bei ihm war. Als ich mich gewehrt habe, wurde es nur noch schlimmer, bis er mich von sich stieß und ich mit dem Kopf an die Wand schlug. Dadurch verlor ich das Bewusstsein. Doch er glaubte, ich sei tot. In seinem Wahn hat er keinen anderen Ausweg gewusst, als mich in meiner Kammer an einem Strick er erhängen, um meinen vermeintlichen Tod auf diese Weise wie einen Selbstmord aussehen zu lassen.“
      Interessant! Dann hat sie sich also gar nicht selbst getötet...(an einem Strick zu erhängen...müsste es heißen :) )


      RenLi schrieb:

      „Muss ich schon gehen?“, fragte er betrübt.
      Sie nickte. „Du musst dich wieder um andere Dinge kümmern. Dein Leben spielt sich dort unten ab. Auch da gibt es Menschen, die dich brauchen. Aber ich bleibe immer in der Nähe. Auch wenn du mich nicht sehen kannst.“
      ;( .... so schön... und soooo traurig....


      RenLi schrieb:

      Je weiter er kam, desto mehr blendete ihn das Licht, das von überall her zu kommen schien. Bald schon sah er nichts mehr, sodass er sich blind vorantasten musste.
      Er kletterte die Wurzeln hinunter und rannte in die Richtung, in welcher er das Zelt vermutete. Der Boden begann zu beben, Stimmen dröhnten in seinem Kopf und das Licht blendete ihn.
      da kannst du dir sicher noch eine andere Formulierung einfallen lassen....


      RenLi schrieb:

      Er strauchelte, fiel hin und als er die Augen wieder aufschlug, erblickte ... ein glattes Ei mit Mund, Nase und zwei Augen.
      er (?)


      RenLi schrieb:

      „Ich bin hier, weil es an der Zeit ist, hier zu sein. Und weshalb bist du hier?“
      „Wie kann Rosalie dich nur mögen?“
      „Sie hätte dich ein bisschen besser erziehen können“, meinte Ananda schelmisch.
      Hier war mir kurz nicht klar, wer da spricht. Ich weiß nicht, ob du die Absätze ungünstig gesetzt hast...oder ob ich ein Brett vorm Kopf habe. Wer spricht der satz: "Wie kann Rosalie dich nur mögen?" Wenn es Jakob ist, der das noch ergänzend hinzufügt, wären die neuen Anführungszeichen Quatsch. Aber wenn es Ananda ist, passt es auch nicht wirklich. :hmm: Also klär mich mal auf ^^

      RenLi schrieb:

      Wir müssen handeln“, sagte Shankar.
      „Beide Frauen haben gesehen, wie das Pferd den Bären bezwingt. Wir werden es schaffen“, meinte Rahul.
      Ein schönes Bild :thumbsup:

      Bin schon gespannt auf die Konfrontation mit den Baditen...



      LG,
      Rainbow
    • Hi Rainbow

      Danke dir! Jap, bin wieder putzmunter und mit Bergluft gefüllt wie ein Ballon :)

      RenLi schrieb:

      "He, kennst du meine Schwester? Hat sie dich geschickt?!“
      Mit blitzenden Augen sah Ananda auf, er grinste herausfordernd. „Da ist wohl einer von seiner Reise zurück – aber ganz angekommen bist du wohl noch nicht“, setzte er hinzu, als Jakob taumelnd um sein Gleichgewicht kämpfte. „Ich bin hier, weil es an der Zeit ist, hier zu sein. Und weshalb bist du hier?“ (das sagt Ananda, als Antwort auf die Frage, ob er von Rosalie geschickt wurde)

      „Wie kann Rosalie dich nur mögen?“, murrte Jakob. (hab ich jetzt noch angefügt)

      „Sie hätte dich ein bisschen besser erziehen können“, meinte Ananda schelmisch.
      „Dann kennst du sie also doch?!“
      „Ich kenne jede hübsche Frau im Umkreis von vier Welten.“
      Meinst du, das geht so?
      Ich hoffe mal, ich brauch nicht allzu lange bis zum nächsten Abschnitt. Bin auch schon gespannt, wie sie sich mit den Banditen zurechtfinden werden :)
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey!
      Ich bin auch wieder Aktuell :D
      Mensch, Ren Li. Ich mochte deine Geschichte ja schon immer, aber die neuen Entwicklungen von Jacob sind so cool!
      Ich liebe die Spielleute, mit ihren Ahnen, der toleranz gegenüber unkonventionelle Beziehungen, den Respekt vor den Tieren, die bunten Rituale und und und!
      Jacob ist da wirklich wundervoll aufgehoben.
      Als er den Monat im Tal war, befürchtete ich schon, dass wieder ein neuer Abschnitt beginnt, aber er hat zurückgefunden. Wie schön :love:
      So sehr er sich gegen "Männerliebe" streubt, und so schwierigkeiten er mit der Frauenwelt hat, würde ich es feiern wenn er mal selbst was mit dem gleichen Geschlächt anfängt :rofl: oder aber Asexuel wird, aber dafür mochte er Asha etwas zu sehr hihihi.

      Ich finde es toll, wie du immer so kleinere (und nicht so kleine) Liebesgeschichten einbaust, und wie diese si natürlich wieder auseinander gehen. Sonst sieht man das häufig, dass der Held mit der "erstbesten" auch am ende zusammenkommt. Bei dir weiß man nie, wird es Devi? doch Asha? oder kommt Emili noch mal vor? Oder doch etwas ganz anderes?

      Du trägst mit so vielen Schichten, so viel realität auf, dass man sich extrem gut in die Figuren einleben kann.

      Außerdem lässt du es nicht ausufern und zu einer tragischen Liebeskomödie werden. Immer wieder bringst du magisches mit rein, Kämpfe und spannung. Es wird nie langweilig.

      Eigentlich wollte ich nur 2 Parts heute lesen, es sind dann doch 6 geworden xD
      Bin mega gespannt, wie es mit dem Dorf weitergeht. Was die Dorfbewohner erzählen werden und wie sie die Banditen besiegen.
      Außerdem frage ich mich, ob die Gnosis wirklich so schlimm ist, in anderen Strängen sehen wir sie von einer besseren Seite.

      Danke, für diese wundervolle Geschichte.


      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!
    • Neu

      @Aztiluth
      Spoiler anzeigen

      Hi Az, bin gar noch nicht dazu gekommen, dich wieder hier willkommen zu heissen! :super:
      Cool, dass es dich gleich wieder reingezogen hat!

      Aztiluth schrieb:

      So sehr er sich gegen "Männerliebe" streubt, und so schwierigkeiten er mit der Frauenwelt hat, würde ich es feiern wenn er mal selbst was mit dem gleichen Geschlächt anfängt oder aber Asexuel wird, aber dafür mochte er Asha etwas zu sehr hihihi.
      Hihii, ich fände es ja toll, wenn er sich in Ganesha verlieben würde. Wären sie nicht ein tolles Paar?? :D

      Aztiluth schrieb:

      Ich finde es toll, wie du immer so kleinere (und nicht so kleine) Liebesgeschichten einbaust, und wie diese si natürlich wieder auseinander gehen. Sonst sieht man das häufig, dass der Held mit der "erstbesten" auch am ende zusammenkommt. Bei dir weiß man nie, wird es Devi? doch Asha? oder kommt Emili noch mal vor? Oder doch etwas ganz anderes?
      Jaaa, das find ich an vielen Geschichten nicht sooo cool. Da weiss man oft schon von Anfang an, wer mit wem und so weiter. Find ich nicht so realistisch. Irgendwie verliebt man sich im echten Leben doch auch ständig neu und vor allem in jungen Jahren haben wir Mädels uns jedenfalls ständig in einen aus der Parallelklasse verliebt, ohne überhaupt auch nur ein Wort mit dem Typen gesprochen zu haben. Einfach nur, weil er eben süss war oder so... Hach, die guten alten Zeiten...

      Aztiluth schrieb:

      Außerdem frage ich mich, ob die Gnosis wirklich so schlimm ist, in anderen Strängen sehen wir sie von einer besseren Seite.
      :diablo: hahaa, damit spiel ich am liebsten. Dieselbe Sache von verschiedenen Blickwinkeln darstellen und schon sieht alles wieder anders aus. Da bin ich derselben Meinung mit Ananda - auch wenn er wirklich manchmal nervt. Es ist eben nicht alles einfach Schwarz oder Weiss. :D
      Na auf jeden Fall willkommen zurück und ich bemüh mich so regelmässig wie möglich neue Abschnitte zu posten, auch wenns im Moment nicht so gut klappt...


      Jakob, Wahnsinn oder Schicksal? (564 n. Rh.) Teil I
      Misslaunig stach Jakob mit der Nadel durch den rauen Stoff. Frauenarbeit!, schimpfte er innerlich und warf dem Mädchen neben sich einen Blick zu. Sie ging viel schneller und geschickter mit der Nadel um als er.
      „Wir können nur hoffen, dass das auch funktioniert“, murrte Jakob. Er hätte auf die Tricks der Spielleute lieber verzichtet und wäre den Banditen offen gegenübergetreten.
      „Mach dir da mal keine Sorgen. Wenn Verma sagt das klappt, dann wird es auch“, meinte Ajit, der ebenfalls zum Nähdienst verdonnert worden war.
      Jakob musste niesen. „Ah, hier ist es einfach zu staubig“, beklagte er sich.
      Es kam ihm so vor als würden sie bereits seit Stunden im Strohlager sitzen und an dem Ding rumbasteln. „Ich brauch mal ein bisschen frische Luft, kommst du mit?“, fragte er seinen Freund, doch der schüttelte den Kopf.
      „So langsam hab ich den Dreh raus, geh du ohne mich“, sagte Ajit.
      „Ist das dein Ernst?“, fragte Jakob ungläubig. „Du magst das?“
      Ajit zuckte mit den Schultern. „Ist mal was anderes“, meinte er nur und zog den Faden durch das Loch.
      „Dir hat der Staub das Hirn zerfressen“, entgegnete Jakob.
      Ajit zog eine Schnute. „Ich kann eben noch anderes als nur mit dem Stock auf Leute einzuschlagen“, sagte er beleidigt.
      Kopfschüttelnd ließ Jakob seinen Freund mit den anderen Nähenden zurück, kletterte die Leiter hinunter und trat hinaus auf den Platz vor dem Lagerhaus. Der Himmel draußen war bewölkt und ein kühler Wind strich zwischen den Hütten hindurch. Erneut musste er nießen, als er sich den Staub von den Kleidern klopfte. Nun ein kleiner Übungskampf mit Ganesha wäre gut, dachte Jakob sehnsüchtig. Oder ein Ausritt auf Venja…
      Doch da sie kein Aufsehen erregen wollten, waren die meisten Pferde nicht hier im Dorf untergebracht. Einige der Dorfbewohner und der Spielleute waren mit den kleinen Kindern ein Stück weitergezogen, um die Banditen weiter zu verwirren, falls sie ihr Lager entdeckt hatten.
      Die Dorfbewohner hatten die Anchin viel freundlicher aufgenommen, als Jakob gedacht hätte. Anscheinend dachten viele von ihnen ähnlich wie Perpetua. Konnte es doch sein, dass es ihr Schicksal war hier zu sein? Oder der Wille eines höheren Wesens?
      Jakob legte den Kopf in den Nacken und blickte zum trüben Himmel auf. Irgendwo dort oben saß seine Schwester und schaute hinunter zu ihm. Wie viel konnte sie beeinflussen? Konnte sie ihnen helfen die Banditen zu vertreiben? Und wenn sie da oben war, wie viele Verstorbene waren dann noch in dieser seltsamen Welt oberhalb des Weltenbaumes, an dessen Ästen die Sterne des Himmels hingen?
      „Vielleicht kann sie mich nicht sehen, wenn der Himmel bewölkt ist“, überlegte er und hielt vergeblich nach einem blauen Flecken in der Wolkendecke Ausschau.
      Ein raues Lachen holte ihn auf die Erde zurück. „Du stellst dir das alles zu weltlich vor“, grinste Ananda, der in gewöhnlichen Bauernkleidern neben einer Hütte saß.
      Jakob zog die Brauen zusammen. „Dich hab ich nicht gefragt“, sagte er, doch gleichzeitig beäugte er den Turbanmann neugierig.
      Er hatte Ananda in den beiden vergangenen Tagen beobachtet. Es kam ihm so vor, als hätte der seltsame Frauenheld zwei verschiedene Gesichter. Da war das eine, welches Jakob bereits vertraut war. Dann machte der Turbanmann kuriose Sprüche, grinste oft und erzählte seine fehlplatzierten Geschichten. Und da war auch seine andere Seite. Dann war er ernst und eher in sich gekehrt. Oft saß er mit geschlossenen Augen am Rande des Dorfes, ohne auch nur mit den Lidern zu zucken.
      „Kann es sein, dass zwei Menschen in einem Körper wohnen?“, frage Jakob geradeheraus.
      „Ich würde nichts ausschließen, nur weil ich es noch nicht gesehen habe“, gab Ananda zur Antwort.
      Genau diese Art von Ausreden war es, welche Jakob nicht leiden konnte. „Was machst du, wenn du dasitzt und nichts tust?“, fragte er weiter. „Wir haben viel zu tun, du könntest mithelfen.“
      Jakob war sich bewusst, dass er für eine solche freche Bemerkung von Prema bestimmt zurechtgewiesen worden wäre, doch Ananda gegenüber konnte er sich einfach nicht zusammennehmen.
      „Hinter den geschlossenen Läden eines Hauses kann so manches passieren.“
      Jakob verdrehte die Augen. „Und was machst du?“
      „Manchmal tue ich tatsächlich nichts. Manchmal beobachte ich die Welt“, rückte Ananda heraus.
      „Wie kannst du die Welt beobachten, wenn doch deine Augen geschlossen sind?“
      „Manchmal sieht man ohne Augen besser.“
      „Machst du das absichtlich?“, fragte Jakob genervt.
      „Was?“, fragte der Turbanmann mit Unschuldsmine zurück.
      Jakob setzte sich vor Ananda auf die Straße, stützte die Hände auf die Knie und schaute ihm direkt in die Augen. „Ich weiß nicht, ob du verrückt bist oder ob du mich absichtlich zur Weißglut treibst.“
      „Mir gefällt, dass du deine Anliegen so frei ausdrücken kannst“, entgegnete Ananda, woraufhin Jakob seinen Kopf hätte gegen eine Wand schlagen mögen.
      „Kein Wunder, dass du keine Freunde hast. Wer würde das aushalten?“, seufzte der Junge.
      Ananda lachte. „Ah, ich schätze deine Ehrlichkeit“, sagte er und lehnte sich an die Wand hinter sich. „Suchst du noch immer nach dem Sinn des Lebens?“
      Einen Moment war Jakob zu verdutzt, um antworten zu können. „Ich denke schon“, erwiderte er schließlich und überlegte, wann er dem Turbanmann von seiner Suche erzählt hatte.
      „Wo ist denn dein Enthusiasmus geblieben?“
      Jakob zog die Stirn kraus. „Der ist wohl irgendwo zwischen Ertrinken und Verdursten auf der Strecke geblieben“, gab er zur Antwort. „Ich bin auch kein Stück weitergekommen. Manchmal frage ich mich, ob das Ganze überhaupt einen Sinn ergibt. Aber dann…“ Jakob musterte den Turbanmann skeptisch. Rosalie hatte ihm geraten, Ananda zu vertrauen. Er gab sich einen Ruck. „Dann hatte ich diesen Traum, oder vielleicht war es auch kein Traum.“
      Jakob verstummte, doch Ananda unterbrach ihn nicht. Er schaute ihn nur aufmerksam an, lehnte entspannt an der Mauer. Ob nun der vernünftige Ananda da ist?, fragte Jakob sich.
      „Ich bin einen großen Baum hochgeklettert, an dessen Ästen alle Sterne des Himmels hingen und oben war eine andere Welt. Dort habe ich meine Schwester getroffen, obwohl sie bereits seit Jahren tot ist. Wir haben miteinander gesprochen und vielleicht kann ich wieder dorthin gehen, um sie zu sehen. Sie hat gesagt, dass sie dich geschickt hat, um mir zu helfen. Wie geht das? Wie kannst du mit ihr sprechen?“
      Angespannt wartete Jakob auf eine Antwort. Wenn er wieder mit einer Geschichte antworten würde, dann war das sein letzter Versuch gewesen, etwas Vernünftiges aus dem komischen Kauz herauszubekommen…
      „Was mich leitet ist der Pulsschlag der Erde, das Wispern des Windes und die Geister in den Baumkronen – und manchmal höre ich auch auf die Anliegen verstorbener Seelen. Getroffen habe ich deine Schwester nur einmal direkt, meist hat sie mir durch andere Wesen Warnungen zukommen lassen, wenn du in Gefahr warst. Sie ist wirklich sehr hartnäckig und hat nicht lockergelassen, bis ich nach Caput gegangen bin, um dich zu suchen. Du forderst dein Schicksal wirklich heraus, junger Krieger. Wärst du wie ein anständiges Kind in dem Waisenhaus geblieben, hätte ich nicht alle Hände voll zu tun, um dich aus misslichen Lagen zu befreien.“
      Jakob blieb der Mund offen stehen. „Warst du etwa die ganze Zeit hinter mir her?“, fragte er vollkommen perplex.
      „Werd mal nicht übermütig. Ich habe noch anderes zu tun, als immer auf dich aufzupassen. Aber deine Schwester hat ein Hänchen dafür, mich im richtigen Moment abzupassen.“
      „Hat sie dich auch jetzt geschickt?“, fragte Jakob aufgeregt.
      „Das hätte sie wahrscheinlich – schließlich bist du gerade dabei, dich heldenhaft dem Tod auszuliefern“, antwortete Ananda und fixierte Jakob mit seinen dunklen Augen. „Aber das war nicht nötig. Ich bin auch so gekommen. Die Anchin und die Menschen dieses Dorfes liegen mir am Herzen. Ich war selbst schon viele Male hier und kenne die Dorfbewohner gut, da würde ich nicht mitansehen wollen, wie sie alle niedergemetzelt werden.“
      Jakob schauderte. „Glaubst du, das mit dem Drachen wird funktionieren?“
      „Glauben kann man alles. Wie es kommt, das werden wir sehen, wenn es soweit ist.“
      Auf Jakobs Schnauben hin, lächelte Ananda und hob eine Braue. „Immer willst du fixe Antworten. Das Leben ist nicht in Stein gemeißelt, Jakob. Es gibt nicht einfach richtig oder falsch, gut oder schlecht.“
      „Jedes Kind weiß, was gut und was schlecht ist“, murrte Jakob.
      „Bist du dir da sicher? Hast du einmal über die Situation nachgedacht, in der du dich gerade befindest? Woher willst du wissen, ob du das Richtige tust? Nehmen wir einmal an, die Banditen überfallen dieses Dorf. Du hast mit eigenen Augen gesehen, was geschehen kann, wenn sie mit einem Dorf durch sind.“
      Jakobs Glieder versteiften sich. Daran wollte er bestimmt nicht denken.
      „Keine schöne Sache, nicht wahr? Stell dir also vor, der ganze Plan mit dem Drachen misslingt und nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch deine Freunde sterben bei dem Versuch, sie zu retten. Würdest du dich dann nicht selbst dafür verfluchen, auf deine tollkühne Heldentat bestanden zu haben?“
      „Sie werden nicht sterben!“
      „Das kannst du nie wissen.“
      „Aber Prema hat gesehen, dass das Pferd siegen wird. Wir sind das Pferd, anders macht es keinen Sinn. Und die anderen sind auch dafür zu helfen!“
      „Und schon weichst du der Frage aus… Es ist nicht immer einfach zu sagen, was nun die richtige Entscheidung ist. Was zum Beispiel willst du mit den Banditen tun, wenn sie kommen. Willst du sie töten?“
      Jakob war bereits versucht einfach mit Ja zu antworten, doch dann verschränkte er mürrisch die Arme vor der Brust. „Willst du nun etwa sagen, dass es falsch ist, diese bösartigen Kreaturen zu töten? Ich meine, sind das überhaupt noch Menschen? Das sind Bestien!“
      „Wie kannst du dir da sicher sein? Du kennst sie nicht, weißt nicht, was sie dazu treibt, so zu handeln wie sie es tun.“
      „Was gäbe es für eine Rechtfertigung dafür, dass sie Menschen töten und ausrauben?“, blaffte Jakob.
      „Du bist selbst nicht weit davon entfernt, so zu werden wie sie.“
      „Was?!“
      „Du sagst, du bist bereit zu töten und gestohlen hast du schon viele Male.“
      „Aber nie von armen Menschen. Und das sind keine Menschen, die ich töten würde“, rechtfertigte sich Jakob entschieden.
      „Der Mensch ist bereit Schlimmes zu tun, wenn die Not groß genug ist. Vielleicht wirst du noch die Gelegenheit bekommen, einen von ihnen näher kennenzulernen. Womöglich verstehst du dann, was ich meine.“
      „Ich glaube nicht, dass sie eine Chance gegen uns haben. Wir haben zu viele gute Kämpfer – und du wärst sicher nicht hier, wenn wir in deinen Augen schon so gut wie tot wären“, trumpfte Jakob auf.
      Ananda grinste. „Gut kombiniert. Aber lass dir eines gesagt sein: Die Zukunft kennt niemand. Nicht einmal die Lichtwesen kennen sie. Und sollte jemand etwas anderes behaupten, dann weißt du, dass du diesem Menschen nicht trauen kannst.“
      Ananda erhob sich und knotete seine Haare im Nacken zusammen „Erst wenn du frei bist, kümmert dich die Zukunft nicht mehr“, sprach er weiter, während Jakob ebenfalls auf die Füße sprang. „Sterben können wir jederzeit. Ob heute oder morgen, oder in zehn Jahren. Erst wenn du dich damit abgefunden hast, kannst du deinem Herzen wirklich folgen. – Bist du bereit, mir zu zeigen, was du bei Chandan gelernt hast?“
      Sofort spannte sich Jakobs Körper an und seine Wahrnehmung schärfte sich. „Für einen Kampf bin ich immer bereit“, entgegnete er. Im Kampf kann man nicht lügen, da zählt nur noch Sieg oder Niederlage. Schwarz oder Weiß…
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
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      Hey RenLi,

      hier meine Anmerkungen :)

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      Wie immer war es mir ein Vergnügen weiterzulesen :) Die basteln also Drachen, um es mit den Banditen aufzunehmen? Das klingt abenteuerlich! Bin gespannt, was du dir da ausgedacht hast. Den Turbanmann finde ich ja nach wie vor sehr cool charakterisiert. Die Weisheit, die aus jeder seiner Pore strömt würde mich wahrscheinlich genau wie Jakob in den Wahnsinn treiben. Der hat so eine Art, jemandem mit wenigen Worten die eigenen Unzulänglichkeiten aufzuzeigen...

      Hier noch Kleinkram:

      RenLi schrieb:

      Erneut musste er nießen, als er sich den Staub von den Kleidern klopfte.
      weiter oben hast du "niesen" geschrieben... ich glaube, das ist korrekt. ^^

      RenLi schrieb:

      Einige der Dorfbewohner und der Spielleute waren mit den kleinen Kindern ein Stück weitergezogen, um die Banditen weiter zu verwirren, falls sie ihr Lager entdeckt hatten.
      das weiter würde ich an der Stell streichen


      RenLi schrieb:

      „Vielleicht kann sie mich nicht sehen, wenn der Himmel bewölkt ist“, überlegte er und hielt vergeblich nach einem blauen Flecken in der Wolkendecke Ausschau.
      Ein raues Lachen holte ihn auf die Erde zurück. „Du stellst dir das alles zu weltlich vor“, grinste Ananda, der in gewöhnlichen Bauernkleidern neben einer Hütte saß.
      Ahhh... er kann also Jakobs Gedanken lesen (?)

      RenLi schrieb:

      „Suchst du noch immer nach dem Sinn des Lebens?“
      Einen Moment war Jakob zu verdutzt, um antworten zu können. „Ich denke schon“, erwiderte er schließlich und überlegte, wann er dem Turbanmann von seiner Suche erzählt hatte.
      Aber ich weiß es noch ganz genau :D Das war doch ihr erstes Zusammentreffen...



      LG,
      Rainbow
    • Neu

      @Rainbow
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      :D hihii, cool dass dir der Part gefällt
      Ich bin auch gespannt, wie das mit dem Drachen wird. Ich glaub, das wird ein ziemliches Spektakel - wenn alles rund läuft... :)

      Rainbow schrieb:

      Ahhh... er kann also Jakobs Gedanken lesen (?)
      Nee, da hab ich mich wohl nicht ganz richtig ausgedrückt. Jakob sagt das laut. Hab ich im Skript nun etwas deutlicher gemacht...

      Rainbow schrieb:

      Aber ich weiß es noch ganz genau Das war doch ihr erstes Zusammentreffen...
      Jaa!! Juhuu! Du weisst es noch :D

      Rainbow schrieb:

      Den Turbanmann finde ich ja nach wie vor sehr cool charakterisiert. Die Weisheit, die aus jeder seiner Pore strömt würde mich wahrscheinlich genau wie Jakob in den Wahnsinn treiben. Der hat so eine Art, jemandem mit wenigen Worten die eigenen Unzulänglichkeiten aufzuzeigen...
      Oh, cool, dass er so rüberkommt. Ich dachte, er nervt nur ^^
      Dann ist er vielleicht doch nicht ganz so unerträglich, wie Jakob ihn findet :D

      Danke fürs weiterhin mitlesen!! Auf unser Geschreibsel!! Im Teamwork wird eh alles besser :beer:
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi