Wanderslied

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Wanderslied



























      Prolog






      Eine weit entfernte Welt, berauschender und so viel schöner als die unsrige.

      Federleichte Wolken, von den untergehenden Sonnen am fernen Horizont mit warmen Licht bestrahlt, leuchteten in karmesinroter Pracht zwischen den blau glitzernden Bergen im Süden, die Sicht auf das darunterliegende Tal mit dem leuchtenden Wald aus gewaltigen, phosphoreszierenden Bäumen bedeckend. Die einzelnen Risse in der gewaltigen, schwebenden Decke aus Samt wirkten wie unendliche Schluchten des Himmelreichs, deren Tiefe einen flüchtigen Blick auf die strahlende Schönheit gewährten, in der sich das Leben in seiner ganzen Fülle entfaltete.
      Ein Fluss, geruhsam aber stetig fließend, zog sich durch das Labyrinth der hochwachsenden Flora wie ein dünner Faden einer meisterhaften Seidenstickerei. Sanft funkelte er im traurigen Abendlicht, ein Meer von Sternen in seinen Fluten, die das herabfallende Geäst wie schwebend über das kühle, klare Wasser zogen.

      Einige mächtige Baumstämme, uralt und von unfassbarer Macht durchdrungen, wagten ihren langen Weg durch die weiche Barriere des Himmels und streckten ihre stolzen Kronen weit und strahlend in die Abendluft der Höhe. Weder die Naturgewalten, noch die Zeit vermochten es, diese Säulen der Götter zu fällen, ewige Zeugen ihrer eigenen Schönheit.

      Doch der Süden bot den Anblick auf weit schwindelerregendere Höhen, die von der steinernen Bergkette jedoch mühelos erklommen worden waren. Eis, das von feinen Kristallen so symmetrisch durchzogen war, wie der Zufall es niemals hätte vollbringen können, glitzerte in strahlendem Blau in den nie schmelzenden Gletschern.
      Am Himmel, der in diesem Moment damit beginnen sollte, sich langsam zu verdunkeln, zeigte sich der erste der sieben Monde, ein gigantisches Ornament, das sich träge durch die Dunkelheit bewegte, viel größer als diese (beinahe schon alberne) Quelle silbernen Lichts, welche in unserer Welt den Nachthimmel ziert.
      Die Fischer, die mit ihren Booten jeden Tag auf das weit entfernte Meer im Westen hinausfuhren, hatten bereits wieder in den bescheidenen Siedlungen angelegt, welche sie und ihre Familien liebevoll als Heimat bezeichneten. Noch bevor die ersten Sterne einen schwachen Funken in die Augen der Menschen in dieser Nacht schicken sollten würde man das Knistern der großen Feuer hören, sie brieten ihren Fang, sie unterhielten sich über das Wetter und ihre Frauen und natürlich das Meer, diese weite und schreckliche Hure, die ihr Überleben sichern sollte.
      Wer weiß, vielleicht könnte man sogar den Klang eines fröhlichen Liedes vernehmen, wenn der Fang heute gut gewesen war.
      Vielleicht brachte der Wind aber nur die Klagegesänge der Frauen, die an diesem Tag zu Witwen geworden waren, vom Quell ihres Lebens betrogen, der ihre Männer in eiskalte Fluten zerrte.

      Dieser überragende Ausblick über die umfassende Schönheit, welche diese Welt zu bieten hatte, bot sich mir von einem mit Gras bewachsenem Abhang im Norden, wo ich auf einer weichen, roten Wolldecke saß, deren Ränder durch die Zeit und gewaltige Abnutzung zerrissen und ausgefranst waren. Graue, ausgewaschene Kissen lagen überall um mich herum verteilt, sodass sich immer noch erkennen ließ, wie ich wenige Minuten zuvor noch auf dem Boden gelegen und konzentriert in den Himmel geblickt hatte.
      Doch nun saß ich aufgerichtet da, die Beine zum Schneidersitz überkreuzt und eine erstaunlich gut gepflegte Gitarre in meinen Händen.

      Ich bereitete mich auf eine Schlacht biblischen Ausmaßes vor, die möglicherweise meinen Tod bedeuten konnte.
      Oh, und ich rauchte einen Joint von der Größe einer kubanischen Zigarre. Das wohl beste Gras, was man in dieser oder einer der vielen anderen Welten, die ich besucht hatte, finden konnte.




      Na? Überrascht?
      Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Bei den Sachen, die manche Eltern ihre Kinder im Fernsehen ansehen lassen, gibt es bestimmt einige Leute auf der Welt, verzeiht mir, in eurer Welt, die wirklich nichts mehr schocken kann.
      Dabei sind das häufig nicht mal so knallharte Typen. Im Ernst, diese kleinen blonden Mädchen im pinken Sommerkleid und mit feiner Schleife im Haar, die beim Anblick eines Frosches kreischen wie eine wild gewordene Kettensäge auf einer Schiefertafel, gibt es nicht mehr. Kein Witz.
      Heute sind diese Mädchen meterdick mit Make-Up begossen und fragen sich, ob sie ihren Dustin oder Luca oder Kevin heute endlich die Erlaubnis erteilen sollen, an ihre Möpse zu fassen.
      Mit acht Jahren!

      Entschuldigt, ich schweife ab. Passiert mir manchmal, müsst ihr euch wahrscheinlich dran gewöhnen. Ich versuche mich zu beherrschen, versprochen.
      Jedenfalls, was ich vorhin zu sagen versuchte:
      Wahrscheinlich werden einige von euch überrascht sein, andere aber auch nicht. Die Situation bleibt jedoch diesselbe.
      Ich erzähle euch eine Geschichte, bei der ich in irgendeiner fremden Welt eine wirklich verflucht geile Aussicht genieße und mir dabei einen durchziehe.
      Eventuell muss ich auch noch sterben. Richtig klasse.

      Neugierig geworden?
      Wenn nicht: Hau ab. Leg dich ins Bett, guck dir irgendeinen schlechten Film an, mach dir 'ne Pizza, das ist mir völlig egal. So wie ich dir ja scheinbar auch egal bin.
      Ich kann damit leben, du auch?

      Doch für alle, die sich immer noch nicht haben abschrecken lassen:
      Lasst mich euch noch mehr erzählen. Vielleicht ist es eine witzige Geschichte, vielleicht eine traurige. Ein Drama, oder eine Komödie. Eventuell auch beides.
      Verschwenden wir keine Zeit mehr, fangen wir einfach an, oder nicht?
    • Na, dann fange ich wohl mal an :)

      Viel kann ich noch nicht sagen - dazu gibt es einfach noch zu wenig.
      Grundsätzlich bin ich interessiert - du hast einen faszinierenden Schreibtstil, den ich aber ehrlicherweise noch nicht richtig einordnen kann.
      Am Anfang fand ich deine Beschreibungen der Landschaft zu verworren und überladen - ich bin fast ertrunken in den vielen Beschreibungen und ein konkretes Bild habe immer noch nicht von dieser Welt.
      Ich finde aber, dass das sehr gut dazu passt, dass dein Prota einen Joint raucht. In diesem Kontext finde ich die Beschreibungen und das Wirrwarr, dieses Zuviel sogar hervorragend getroffen.

      Auch der "zweite" Teil gefällt mir gut - wie du da den Leser quasi herausforderst. Man hat ja kaum eine andere Wahl als mitzulesen ;)
      Eine kleine Sache muss ich aber doch anmerken - gerade deine langen Sätze neigen dazu, unverständlich zu werden. Die ersten drei Sätze musste ich ungelogen drei Mal lesen, was auch daran lag, dass an mindestens einer Stelle ein Komma fehlte - genaueres dazu erfährst du da aber im Threat zur Kommasetzung von @Phi, ich berichtige da nichts mehr, denn ich kann das selber nicht sonderlich gut ^^

      So, nun aber Schluss - ich hoffe ich lese mehr von dir. Ich bin gespannt, wo deine Geschichte hinführt.
      Ich bin ein Spiegel deiner Seele!
      Was also siehst du, wenn du mich anschaust?
    • Wow, schreiben kannst du, das muss man dir lassen. Der Bruch nach der Hälfte reißt einen ganz schön raus - der erste Teil könnte der Beginn einer recht melancholischen Fantasygeschichte sein, die zweite Hälfte reißt das Ganze in eine völlig andere Richtung herum. Gerade der melancholische Part hat es mir mehr angetan, aber das ist eher eine persönliche Preferenz ^^
      Gleichzeitig muss ich sagen, dass du vielleicht etwas zu ausschweifend im ersten Teil mit deinen Beschreibungen umgehst; die von dir geweckten Bilder sind schön und detailliert, aber ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass solche intensiven Parts am besten kurz sind, immer mal wieder eingestreut, dann wirken sie am besten. Mach an dieser Stelle weniger, schraube die Komplexität ein bisschen zurück, dann sitzt das. Der Fluss deines Erzählstils ist wiederum gigantisch, geradezu magnetisch. So was liest man selten.
      Wenn die Qualität deiner Erzählung der dieses ersten Parts folgen kann, hast du einen Leser gewonnen.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Hey Leute, danke an dieser Stelle schonmal für die Rückmeldungen :)

      Ich wollte nur am Anfang einmal kurz anmerken, dass ich mir recht viel Mühe gebe, das "Bild" der Geschichte als etwas bizarr und abgedreht darzustellen. Gleichzeitig passiert es ja bei solchen Sachen oft, dass der Lesefluss einfach zu oft und zu viel "gestört" wird, als dass man sich überhaupt eine gute Vorstellung dazu machen kann. Gerade da bin ich also sehr froh über jede Kritik, um da mal eine gewissen Balance zu finden :D :)

      Naja, viel Spaß mit dem nächsten Teil :)





      ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------










      Das Erste, was die Welt jemandem wie mir zeigt, wenn wir einen Fuß auf ihre Oberfläche setzen, ist der Geruch. Und glaubt mir, die Welt, in der die Reise in Richtung meines absehbaren Todes begann, roch alles andere als angenehm.
      Doch der erste Eindruck bleibt oft im Gedächtnis. Und dieser Geruch bringt die Erinnerung vergangener Zeiten zurück.
      Ich rieche Menschen.
      Ist es nicht erstaunlich, an was für Dinge wir uns manchmal erinnern können, obwohl sie uns als unwichtig und nebensächlich erscheinen?
      Ich rieche Vieh, Dreck und Unrat. Zu viele Lebewesen in einer zu kleinen Stadt.
      Das jedoch, an was wir uns am verzweifelsten zu erinnern versuchen, entgleitet uns wie Nebel zwischen den Fingern.
      Doch keine Sorge, mein Gedächtnis ist gut. Sehr gut.
      Die Erinnerungen an fremde Welten sind stark. Und ich habe zu viel dort erlebt, als dass ich es einfach so vergessen könnte.
      Ich rieche den Tod.
      Werfen wir einen Blick in diese Welt.








      Ich blickte nach oben zu dem beunruhigend rissigen Gestein, während meine Füße mich durch das Haupttor der Stadt trugen. Schmutz und Fäkalien (die meisten von Pferden, aber leider nicht alle) bedeckten das abgewetzte Pflaster der Straße unter meinen schwarzen Schuhen. Naja, zumindest waren sie mal nur schwarz gewesen, aber der Dreck der verschiedenen Welten hatte ein weites, farbenfrohes Muster hinterlassen, das die Sohlen in ein bizarres Zeugnis meiner Wanderschaft verwandelt hatte.
      Left a good job in the city, working for the man every night and day.
      ... Was zum Henker?
      And I never lost one minute of sleepin', worrying 'bout the way things might have been.
      Oh richtig, meine Kopfhörer. Hätte ich beinahe vergessen. Mit Musik sind die meisten Sachen nunmal viel angenehmer, das kann man nicht leugnen, aber in dieser Welt schien es nicht so, als könnten die Leute hier auch nur eine Kleinigkeit mit dem Wort Elektrizität anfangen. Ich zog mir daher die kleinen Stöpsel aus den Ohren und ließ sie unauffällig in den Falten meines weiten Hemdes verschwinden. Glücklicherweise waren die Kopfhörer von meinen langen Haaren verdeckt worden, die mir weit um das Gesicht fielen und die Ohren fast vollständig bedeckten. Diesem Umstand konnte ich es verdanken, dass meine Quelle der wunderbaren Laute von Creedence Clearwater Revival bis hierhin unentdeckt geblieben waren.


      Verdammt. Nun, nach dem Geruch folgt natürlich noch etwas anderes, mit dem eine Welt dir ihre Geschichte erzählt.
      Der Lärm.
      Die Straßen waren voller Menschen. Trotz des bewölkten Himmels war es bereits den ganzen Tag trocken, und die Leute wagten sich richtung Marktplatz. Weiter in das Innere der Stadt.
      Dort, wo sie den Verräter hinrichteten.
      Man hörte sie bereits. Die Menschenmasse, die gierig auf das Blut wartet, sie begannen schon mit ihrem Geifern nach dem Tod, schrille Schreie hallten durch die Stadt.
      BEGINNT ENDLICH!
      LASST IHN BLUTEN!
      DIESER BASTARD SOLL LEIDEN!
      Wie laut sie doch riefen. Wie sehr sie diesen Mann doch hassten. Dabei hatten sie doch keine Ahnung.
      Sie wussten nicht, was tatsächlich passiert war.
      Sie wussten nicht, warum er kein Verräter war.
      Sie wussten nicht, dass er nur ein Opfer der Umstände geworden war.
      DA IST ER!
      DER BRUDERMÖRDER!
      VERRAT AN SEINEM EIGENEN BLUT!
      Er hatte es nicht verdient. Ganz bestimmt nicht.
      Aber sein Bruder hatte leider etwas in die Finger bekommen.
      Etwas sehr wertvolles.
      Etwas, das sein Vater sehr begehrte.
      GLEICH BEKOMMST DU DEINE STRAFE!
      DER TEUFEL WARTET AUF DICH!
      KEINE GNADE FÜR DEINE SEELE!
      Oh ja, sein Vater begehrte es sehr. Über alle Maße.
      Es war zwar nur ein Schmuckstück, doch der Vater wollte es. Er brauchte es.
      Es wäre seiner Pläne mehr als nur förderlich.
      Alleine das Geld, dass dieses Ding im einbringen würde. Endlich fort von hier. Fort von all diesen Menschen, dieser pestverseuchten Plage, die in feinen Anzügen ihre Messer verstecken, mit denen sie alles um sich herum verletzen.
      Aber das Geld wäre noch nicht alles, oh nein, es wäre der Schlüssel zu einer Zukunft, die nicht im Dreck versinken würde, ein strahlender Himmel am Horizont, nun zum Greifen nahe.
      Es würde ihm Macht bringen, Macht und Reichtum, große Annerkennung, jeder müsste ihn achten, jeder müsste gehorchen, niemand könnte sich ihm in den Weg stellen. Er wäre unaufhaltbar.
      Doch er besaß es nicht.
      Der Bruder besaß es. Und der Verräter liebte seinen Bruder.
      Und manchmal verlieren die Menschen ihren Verstand.
      Was das für ein Ding war, das den Vater zum Mörder machte und den Verräter an seiner statt zum Schafott führte?
      Völlig egal. Es war ohnehin eine Fälschung, die ich dem Bruder untergeschoben habe. Leider ein notwendiges Übel.
      Dieser Jubel. Diese Freudenschreie.
      DER VERRÄTER IST TOT!


      Ich hasste diesen Lärm.
      Ich bog schnell in eine Seitengasse ein, deren dunkle Schatten mir eine einladende Ruhe boten. Hier war niemand zu sehen, so gut wie jeder befand sich bei der Leiche des Verräters. Gott sei Dank. Ich steckte mir die Kopfhörer wieder in die Ohren.
      Rolling.
      Besser. Entspannter.
      Ich griff in meinen Ärmel. Mit zwei Fingern zog ich vorsichtig einen Joint heraus. Ein kurzes Schnippen mit den Fingern, schon brannte über meinem Daumen eine kleine Flamme.
      Rolling.
      Viel besser. Viel entspannter.
      Beim Rauchen setzte ich meinen Weg fort. Ich hatte keinerlei Bedürfnis, mir die Überreste des grausamen Schauspiels im Zentrum anzusehen. Mein Weg führte mich in ein anderes Viertel, einen kurzen Fußmarsch entfernt.
      Wie gefällt euch die Vorstellung, ein bisschen mit mir durch die Stadt zu gehen?
      Rolling on the river.


      Moment, eine Sache habe ich ja völlig vergessen.
      Unterbrechen wir doch kurz den Anfang meiner kleinen Erzählung, in Ordnung?
      Zeit, ein wenig die Fantasie spielen zu lassen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Jimison ()

    • Edit: Den Part hier möchte ich gerne noch überarbeiten, hat auch nichts mit der Story an sich zu tun :D







      Spoiler anzeigen


      ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
      Der menschliche Geist ist wirklich etwas Wunderbares. Die Vorstellungskraft, welche uns innewohnt, scheint geradezu unendlich, bei jedem auf ihre eigene, wundervolle Weise.
      Was soll es sein, das wir nicht in unserer Vorstellungskraft erreichen können?

      Gebt eurer Fantasie mal etwas Beschäftigung, bloß keine Zurückhaltung.



      Ein sonniger Tag an einem weißen, warmen Sandstrand.
      Keine große Herausforderung. Der Sand glitzert hell in dem heißen Licht, das sich vom makellosen, blauen Himmel über deine Haut ergießt. Eine Palme steht in einiger Entfernung vor dir, ihre grünen, üppigen Blätter tanzen sanft in der leichten Brise.
      Kannst du spüren, wie sie dich im Nacken kitzelt?
      Hinter ihr erstreckt sich die gewaltige Pracht eines kristallklaren, blauen Ozeans. Seichte Wellen bahnen sich friedlich ihren Weg an Land, zu den weichen Sandkörnern, ein warmer Funkenflug, von der sanften Umarmung des Meeres umspült und verwirbelt.
      Kannst du es riechen, den wunderbaren Geruch des Salzes?
      Die Sonne, oh die Sonne. Nirgendwo strahlt sie eine so wohltuende Wärme aus wie hier. Dieses Licht scheint so makellos auf die Erde, wie es eigentlich nicht möglich sein sollte. Nichts könnte die Schönheit dieses Ortes besser würdigen als dieser Kuss der Göttlichkeit, wie es ihn kein zweites Mal gegeben hat.
      Kannst du den Strand sehen?


      Das sollte kein Problem gewesen sein, oder? Natürlich, für einige könnte es eine größere Herausforderung gewesen sein als für andere, aber nun solltet ihr eigentlich warm gelaufen sein, was eure Vorstellungskraft angeht.
      Wie wäre es also mit einer anderen Situation? Und denkt daran, lasst eurer Fantasie völlig freien Lauf dabei.



      Eine Busfahrt durch die verregnete Stadt.
      Ein Platz am Fenster, der Platz neben dir ist frei. Es sind nur sehr wenige Leute mit dir im Bus, ein Pärchen auf der hinteren Sitzbank und eine ältere Dame direkt bei der Tür. Sie ist erst vor kurzem eingestiegen, an ihrer schwarzen Jacke perlt das Wasser in seidenen Bahnen herab.
      Kannst du das Pärchen kichern hören?
      Die Straße ist uneben. Der Bus ruckelt und wackelt, zwar nicht sehr stark, doch gerade so, dass es unangenehm ist. Der Sitz unter dir ist auch nicht gerade bequem, schon etwas älter und ziemlich durchgesessen. Aber hier zu sitzen ist dennoch um Welten besser, als sich an den kalten Stangen festzuhalten, während die Fahrt immer kurvenreicher wird.
      Kannst du die harte Lehne in deinem Rücken spüren?
      Es ist bereits dunkel geworden. Immer wieder flackern von draußen die Lichter der Straßenlaternen und Autos durch die dunkle Fensterscheibe, doch der Regen lässt alles verschwimmen. Jede Form, jede Gestalt und Person verschwindet in den prasselnden Tropfen aus den dunklen Wolken am Himmel.
      Kannst du dein Spiegelbild im Fenster sehen?


      Zugegeben, das war eine Nummer härter. Sehr viele Details, mehrere Sinneseindrücke, aber dennoch machbar. Versucht es sonst ruhig noch einmal, bis ihr es euch vorstellen könnt. Es ist definitiv nicht unmöglich.


      Aber habt ihr hierbei etwas gemerkt?
      Trotz der auf wenige Details begrenzten Informationen ist der Verstand doch in der Lage, ein Gesamtbild dieser Situation zu erschaffen. Es gibt keinen Hinweis darauf, wie groß der Bus ist, auf welcher Seite ihr sitzt, oder gar, wie lange ihr schon in diesem Gefährt reist. Aber wenn man sich vorstellt, dort zu sitzen, während man durch die Nacht fährt, so können wir ein Bild sehen. Ohne, dass wir weitere Anweisungen benötigen.


      Der Verstand strebt danach, Dinge mit einem Bild zu verbinden und dieses Bild zu vervollständigen. Es werden immer Assoziationen gesucht, um Fehlendes zu ergänzen.
      Ich zeige es euch.



      Drei Türen. Direkt vor dir.
      Jede dieser Türen führt zu einem Raum.
      Jeder dieser Räume ist leer, jedoch vollständig mit nur einer Farbe gestrichen.
      Jede Farbe ist in den drei verschiedenen Räumen eine unterschiedliche, kein Raum ist gleich gefärbt.
      Öffne nun die linke Tür.
      Welche Farbe hat der Raum?


      Interessant, nicht wahr? Die zufällige Farbe eines imaginären Raumes ist zwar ein nettes Experiment, aber ansonsten weder nützlich noch schädlich.
      Aber was, wenn diese Art unseres Verstands und unserer Vorstellungskraft, sich zu überschneiden und das nicht Bekannte zu ersetzen, uns in unserer normalen Wahrnehmung beeinflusst?
      Nun, das ist ja eigentlich allgemein bekannt, die einfache Beschaffenheit des blinden Flecks. An der Stelle in unserer Netzhaut, in welcher der Sehnerv in das Auge eintritt, haben wir keine Sinneszellen, die das einfallende Licht in Reize umwandeln könnten, um es an unser Gehirn weiter zu leiten. Wir sind an diesem Punkt blind, doch unser Gehirn schafft es, diese Stelle in unserem Blickfeld zu vervollständigen. Wir scheinen tatsächlich zu sehen, obwohl wir nichts sehen sollten. Berechnend, eiskalt wird unsere Realität mit dem ergänzt, was an dieser Stelle am wahrscheinlichsten zu sein scheint.
      Doch was ist das Wahrscheinlichste? Natürlich das, was am häufigsten erscheint. Was für uns gewohnt ist.
      Ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier ist immer weiß. Da ist es nicht schwer, einen kleinen schwarzen Punkt im blinden Fleck einfach auszublenden.



      Kommen wir noch einmal zu dem Bus von vorhin. Die Meisten von euch werden ihn sich als ganz normal vorgestellt haben. Normaler Bus, normale Stadt, normale Leute.

      Dies ist das Bild, wie wir es kennen. Wie wir es gewohnt sind. Aber es wäre doch auch kein Problem, sich einen völlig anderen Bus vorzustellen. Ein Bus ohne Sitze, ohne Türen, völlig mit pinker Farbe angestrichen, keine große Sache für unsere Vorstellungskraft.
      Trotzdem gab es eine bestimmte Art, wie dieses Bild aussah. Unsere Fantasie war von Anfang an in eine bestimmte Richtung gelenkt. Woran wir gewohnt sind. Welche Bilder wir in unseren Köpfen mit dem Wort Bus assoziieren. Wir sind in dieser Hinsicht zwar effizient, doch stellt sich die Frage, ob unserer Kreativität und Vorstellungskraft nicht Einiges entgeht, bloß weil wir es nicht gewohnt sind, in eine neue Richtung zu denken.

      Wie das wohl wäre? Nicht immer nur den einen Weg zu gehen. Die verschiedenen Möglichkeiten zu erforschen, die ein einzelner Gedanke uns bieten kann. Thinking outside the box.

      Schon erschreckend, wie sehr unser Geist sich selbst einschränkt.



      Nun haben wir uns Dinge vorgestellt, ihnen in unserem Verstand eine Form gegeben. Doch scheint unsere Fantasie beeinflussbar zu sein. Begrenzbar.
      Ist sie dennoch unendlich?


      Für alle, die an diesem Punkt immer noch davon überzeugt sind, muss nun leider der ernüchternde Gegenbeweis erbracht werden.
      Die Vorstellungskraft eines Menschen ist nicht unendlich. Seht selbst.
      Stelle dir eine neue Farbe vor.
      Ganz schön schwierig, oder?
      Dem Menschen sind Grenzen gesetzt. Wir sind dreidimensionale Wesen in einer dreidimensionalen Welt, wir sehen mit unseren Augen nur eine Oktave des unendlichen Spektrums der elektromagnetischen Wellen, wir hören keine sehr tiefen und keine sehr hohen Töne. Dem Menschen an sich ist es einfach nicht möglich.
      Und somit auch nicht dem menschlichen Verstand.
      Ein wenig ernüchternd, nicht wahr? Aber vergesst nicht:
      Auch wenn es Grenzen gibt, so gibt es doch auch so viele Möglichkeiten. Bei jedem Einzelnen, in jeder erdenklichen Weise.
      Und darum möchte ich jetzt, dass ihr mal eure Fantasie spielen lasst, wenn ihr an meine Geschichte denkt. Ich stelle euch eine einfache Frage. Denkt gut darüber nach.


      Bin ich ein Mann, oder bin ich eine Frau?




      Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von Jimison ()

    • Nun?
      Was sagt euch eure Fantasie?


      Wenn ihr genug gegrübelt habt, sollten wir uns wieder den Erinnerungen zuwenden. Früher oder später werdet ihr ohnehin eine Antwort auf diese Frage erhalten, also folgt einfach weiter der Geschichte. Eure Vorstellungskraft bekommt das schon hin.


      Wo waren wir?




      Die Gasse. Fort vom Stadtzentrum.
      Langsam atmete ich den sanften Rauch aus. Wie Nebelschleier quoll er zwischen meinen Lippen hervor und bahnte sich fließend den Weg vor meinem Gesicht zum Himmel, an dem sich allmählich graue Wolkentürme aufbauten.
      Gemächlich setzte ich meinen Weg über das dunkle Pflaster der Gasse fort. Neben mir erstreckten sich zu beiden Seiten der kleinen Straße verlassene Häuser, ihre eingestürzten Holzdächer wirkten wie klagende Münder, deren tiefes Wehklagen auf die Ohren längst verlorener Götter traf. Doch alles, was man in diesem Teil der Stadt hören konnte, waren die verhallenden Rufe vom Stadtzentrum in der sonst erdrückenden Stille.
      Die wenigen Fenster, die tatsächlich aus Glas und nicht aus bloßen Löchern in den Fassaden bestanden hatten, waren allesamt zerbrochen. Fensterläden und Türen hingen lose und schief in ihren Angeln, waren eingetreten oder zerhackt worden.
      Die Verwüstung hatte bereits eine kurze Wegstrecke vom Haupttor entfernt begonnen, doch je weiter ich der Gasse in das Zentrum des südwestlichen Viertels folgte, desto weniger schienen die neben mir emporragenden Gebäude beschädigt zu sein. Doch auch dort, wo nicht der kleinste Schaden an den Häusern zu finden war, blieben die Straßen menschenleer.
      Ich bog nach rechts in eine Seitenstraße ein und zog erneut an meinem Joint. Dieses Mal hielt ich meinen Atem für einige Sekunden, bevor ich den Rauch durch meine Nase seinen Weg nach draußen finden ließ. Der warme Geruch des süßen Krautes überdeckte einen neuen Geruch, der an Penetranz mit jedem meiner Schritte zunahm.
      Wenn ich hier fertig bin, sollte ich diesem Jennk nochmal einen Besuch abstatten. Ganz dringend.


      Ein kleiner Rat, nur falls ihr tatsächlich Mal die Gelegenheit dazu haben solltet:
      Viele werden sagen, dass ihr Gras das Beste sei, was du in ihrer Welt finden kannst. Das mag durchaus stimmen, doch wenn es darum geht, das Beste aus allen Welten zu finden, dann gibt es nur eine Sorte:
      Highgrown Epiphany. Von meinem guten Freund Jennk.
      Gezüchtet von einer Rasse, die außer Kräuterkundlern nichts hervorgebracht hat als ein paar unfähiger Magier.
      Angebaut auf fliegenden Plantagen über den Wolken, stets umspielt von einer leichten Brise.
      Bestrahlt von drei Sonnen, jede in ihrer eigenen Farbe als Schönheit am Horizont.
      Highgrown Epiphany.
      Genug Werbung, später mehr dazu. Weiter mit der Geschichte.


      Die Seitenstraße vollzog einen kleinen Schlenker, und durch eine offene Tür gewahrte sich mir der Blick in das dunkle Innere des Hauses.
      Der ausgestreckte Arm eines Kindes lugte aus den Schatten in mein Blickfeld.
      Die Umrisse des dazugehörigen Körpers, noch in der Dunkelheit verborgen, hoben sich vage von der sie umgebenden Schwärze ab.


      Ich wandte mich ab und beschleunigte meine Schritte. Ich hatte zwar keinen Grund zur Eile, doch wollte ich mich nicht länger als unbedingt notwendig in diesem verlassenen Viertel aufhalten.
      Natürlich hatte ich keine Sorge, ich könnte mich infizieren, aber tro-
      AUTSCH!
      Kacke. Nicht aufgepasst. Mein armer Kopf.
      Das passiert, wenn man nur auf den Boden starrt und trotzdem versucht, sich zu beeilen. Irgendwann knallt man gegen eine Wand.
      Ich hob den Kopf und rieb mir mit der Hand die pochende Beule. Tatsächlich, eine solide Mauer, und zwar direkt vor mir. Wie kam die denn da hin?
      Ich blickte hinter mich. Das Haus mit der offenen Tür war nur wenige Meter entfernt, die Straße folgte mir bis zu meinen Füßen.
      Ich blickte wieder nach vorne. Die Mauer war immer noch da.
      Scheiße.
      Der Weg, den ich für eine Abkürzung gehalten hatte, entpuppte sich als Sackgasse. Super.


      Immer noch ein klein wenig benommen trat ich den Rückweg zu der Gasse an, welche ich törichterweise verlassen hatte.
      Dabei passierte ich selbstverständlich die Stelle, an welcher ich zuvor einen Zug genommen hatte, und beschloss, das Ritual zu wiederholen.
      Daher erscheint es mir als sehr passend, euch an dieser Stelle noch etwas mehr über den Anbau von Highgrown Epiphany zu erzählen.
      Wie bereits erwähnt wird diese spezielle Sorte auf fliegenden Plantagen angebaut. Das ist in der Welt meines Freundes Jennk jedoch nichts allzu Besonderes, tatsächlich scheinen viele bekannte und unbekannte Pflanzen über den Wolken besser zu gedeihen als am Erdboden. Die Kräuterkundler dieser Welt bedienten sich für den Bau ihrer Plantagen einem Teil der schwach vertretenden Magie, die es ihnen ermöglichte, die Kraft der Sonnen für sich zu nutzen. Jennk hat mir mal erklärt, wie es genau funktioniert, doch habe ich selbst nie die große Theorie hinter der ganzen Magie wirklich verstanden, und ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, dass der Flugmechanismus der Plantagen euch so unheimlich interessiert.
      Aber dennoch ist es wichtig zu erwähnen, denn die beschriebene Kraft der Sonnen spielt schließlich auch eine große Rolle im Anbau von Highgrown Epiphany.
      Drei große Sonnen scheinen am Himmel der Welt meines Freundes Jennk. Jeder Tag dort bietet ein unglaublich prächtiges Farbenspiel.
      Der Morgen beginnt mit der im Norden aufgehenden grünen Sonne. Auch wenn sie nicht so hell scheint wie die anderen, so strahlt sie doch von allen der drei Gestirne am längsten, während sie ihren langen Bogen über den Himmel zieht.
      Hat sie den Weg zur Hälfte beendet, betritt eine weitere Schauspielerin die Bühne, und der Westen erstrahlt im Licht der gelben Sonne. Ihr Glanz schenkt die meiste Wärme und Helligkeit, und wenn sie am frühen Nachmittag ihren Zenit erreicht hat, überdeckt ihr Licht fast vollständig die grüne Liebkosung ihrer Vorgängerin.
      Doch kurz bevor das Grün für diesen Tag seinen Blick von der Welt ablassen wird, etwa eine Stunde vor dem Untergang des Gelb, erscheint die scharlachrote Sonne.
      Sie ist die Hüterin der Nacht, weit entfernt und älter als die Zeit. Niemals strahlt sie sonderlich hell oder warm, doch lässt sie in der Nacht auch keine Dunkelheit zu. Denn wenn die scharlachrote Hüterin sich zur Ruhe begibt, kann der Tag erneut beginnen, und im Norden erstrahlt erneut das Grün.


      Jede der Sonnen spendet Licht von anderer Qualität, doch alle wichtig für das richtige Wachstum von Highgrown Epiphany.
      Die Magier und Kräuterkundler dieser Welt haben sich diese Eigenschaften der Sonnen zunutze gemacht. Die Wachstumsgeschwindigkeit der Pflanzen, die Lage der Plantage in Korrelation zu den einfallenden Sonnenstrahlen zu verschiedenen Tageszeiten… all diese kleinen Perfektionen sind es, die diesem Kraut seinen Wert verleihen.
      Doch nun sollten sich in euren kritischen Köpfen zwei große Fragen aufdrängen:
      Zum einen: Wenn die Magier dieser Welt so schwach waren, wie konnten sie das alles dann so perfekt bewerkstelligen?
      Und zum anderen: Wie gut ist Highgrown Epiphany wirklich?


      Doch an dieser Stelle gibt es zunächst etwas Anderes zu berichten.
      Ich hatte mein Ziel erreicht. Ich war der ursprünglichen Gasse gefolgt, hatte die Verwüstung erneut hinter mir gelassen und befand mich nun an einem Ort, an dem sich einst ein kleiner Marktplatz befunden hatte.
      Verflucht, der Gestank all der Leichen war hier am schlimmsten.