Die Schatten der Magie

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    • Die Schatten der Magie

      Schon seit längerem spukt mir eine Idee im Kopf, und irgendwie musste sie jetzt ihren Weg aufs Papier finden, auch wenn ich noch lange nicht daran arbeiten werde. Derzeit schreibe ich das Lied der Stille zu Ende, und diese Geschichte soll der Ansatz für mein nächstes Buch sein - Die Schatten der Magie. Es wird den Auftieg Aers behandeln, eine Figur, die nur am Rande im Lied der Stille Erwähnung gefunden hat und doch mehr Hintergrund als alle anderen Figuren in sich vereint.
      Auch wenn Aer im Lied der Stille vorkommt, soll Die Schatten der Magie ein eigenständiges Werk werden. Es ist absolut nicht vonnöten, Das Lied der Stille gelesen zu haben, um mit der Handlung mitzukommen. Hier aber der äußerst kurz ausgefallene Prolog:


      Die Schatten der Magie

      Straßenkinder. Selten trug ein Wort so viel Leid mit sich wie dieses, war an so viel Schmerz und Elend gebunden, verfügte über so viele Schicksale und Leben. Überall auf der Welt gab es sie, Waisen, Kranke und Verstoßene, Kinder von Müttern, denen die Leibesfrucht nicht mehr war als eine Bedrohung ihrer eigenen Existenz. Ja, die Gründe sind so mannigfaltig wie die Anzahl jener, die auf den Straßen ihr Unglück suchten, getrieben alleine von dem Wunsch zu sein, nicht zu vergehen, den nächsten Tag noch kommen zu sehen, und mochte er noch so viel Leid mit sich bringen.
      Keine größere Stadt existierte ohne sie, die hohlwangigen Gesichter, die einem zu später Stunde noch lange nachfolgten, betrat man die falschen Viertel und Gassen. Immerzu bettelten sie, um Brot, um Geld, um alles, was ihrem Hunger für einen Moment Einhalt bot. Nur wenige entkamen diesem Elend, fanden einen Platz auf dieser Welt, selten nur wenig besser als der Pfuhl, aus dem sie einst entstammten. Die meisten schlossen sich zusammen, stahlen, mordeten, wenn die Umstände es verlangten, und von jenen endete der größte Teil mit zerschnittener Kehle oder zerstochenem Bauch im Schmutz der Straße, starb an Krankheiten oder den Seuchen, die man sich in der Kälte der Nacht einfing.
      Manche wiederum, die schon von Kindesbeinen an das Kämpfen gelernt hatten, wurden aufgelesen wie Münzen, von hunderten Füße in den Schlamm gepresst, rekrutiert für die Söldnerheere, die durch das Land zogen und dem Schwert und Axt versprachen, der ihnen am meisten Geld für ihre Dienste versprach. Andere füllten die Freudenhäuser, verschenkten ihre Köper für ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit am Tag, erfüllten die Sehnsüchte derer, die ein leichteres Leben als sie führten, unter glücklicheren Sternen geboren worden waren.
      Ja, die Welt war voll von ihnen, und nur die wenigsten weinten ihnen eine Träne nach. Doch, und so war sich jeder sicher, der von diesen Dingen auch nur das Geringste verstand, gab es unter all diesen Schicksalen kein schlimmeres, als von einem Magier auserwählt worden zu s
      ein.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Hallo Myr,

      ich habe das Lied der Stille nicht gelesen, ist aber scheinbar auch nicht nötig.
      Den Prolog finde ich gut gelungen. Er erinnert mich ein bisschen an "Das Parfum". Die Stimmung ist düster, verzweifelt, aussichtslos und dennoch gibt es ein bisschen Hoffnung. Nur die langen Sätze störten meinen Lesefluss teilweise etwas. Ab und an könnte da meiner Meinung nach ein Punkt mehr nicht schaden. :)
      Ich bin auf jeden Fal gespannt wie es weitergeht.


      Myrtana222 schrieb:


      Manche wiederum, die schon von Kindesbeinen an das Kämpfen gelernt hatten, wurden aufgelesen wie Münzen, von hunderten Füßen in den Schlamm gepresst, rekrutiert für die Söldnerheere, die durch das Land zogen und dem(jenigen) Schwert und Axt versprachen, der ihnen am meisten Geld für ihre Dienste versprach.
      Bücher sind Schokolade für die Seele. Sie machen nicht dick. Man muss sich nach dem Lesen nicht die Zähne putzen. Sie sind leise. Man kann sie überall mitnehmen, und das ohne Reisepass. Bücher haben aber auch einen Nachteil: Selbst das dickste Buch hat eine letzte Seite, und man braucht wieder ein neues.
      Richard Atwater
    • Hey du,

      auch ich kenne das Lied der Stille noch nicht. Habe es mir immer vorgenommen, mal reinzusehen, aber der Tag hat im Moment zu wenig Stunden, um hier in jede Geschichte eintauchen zu können. Leider! Aber was nicht ist, kann ja noch werden...vielleicht schaffe ich es demnächst ja mal...jetzt aber erst mal zu deinem Prolog:

      Wie @Morgy bereits erwähnt hat, waren auch mir einige Sätze zu lang bzw. durch zu viele Kommata getrennt. Das ist sicher Geschmacksache, doch könnte es den Lesefluss erleichtern, wenn sinnstiftende Atempausen eingeschoben werden. Dadurch kann man einzelnen Aspekten auch mehr Gewicht verleihen, wie ich finde und sie gehen nicht in einem Kettensatz unter. (ist das irgendwie nachvollziehbar?)

      Dann hatte ich mit der ein oder anderen Formulierung so meine Schwierigkeit. (was aber durchaus an mir liegen könnte) Beispiele:

      Myrtana222 schrieb:

      Selten trug ein Wort so viel Leid mit sich wie dieses, war an so viel Schmerz und Elend gebunden, verfügte über so viele Schicksale und Leben.
      Okay, ein Wort kann Leid in sich tragen...und es kann an Schmerz und Elend gebunden sein ... aber es kann meiner Meinung nach nicht über Schicksale und Leben verfügen. Oder doch??? Ich bin verwirrt. Vielleicht habe ich auch einfach ein Brett vorm Kopf oder ich habe heute schon zu viel gelesen...keine Ahnung! Auf jeden Fall bin ich hier hängengeblieben.

      Myrtana222 schrieb:

      ...wie die Anzahl jener, die auf den Straßen ihr Unglück suchten
      Sucht man nicht für gewöhnlich sein Glück? Ich meine, die Tatsache, dass man in so miserable Verhältnisse hineingeboren wird, muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass man das "Unglück sucht", oder?

      Myrtana222 schrieb:

      Doch, und so war sich jeder sicher, ....
      Müsste das nicht heißen "...und da war sich jeder sicher???

      Zum Inhalt: Könnte vielversprechend werden...mit dem letzten Satz hast du mich gekriegt :)

      Viele Grüße,
      Rainbow

      Mist, hab noch was vergessen:


      Myrtana222 schrieb:

      Manche wiederum, die schon von Kindesbeinen an das Kämpfen gelernt hatten, wurden aufgelesen wie Münzen, von hunderten Füße in den Schlamm gepresst, rekrutiert für die Söldnerheere, die durch das Land zogen und dem Schwert und Axt versprachen, der ihnen am meisten Geld für ihre Dienste versprach.
      2x versprach/en kann man beim zweiten Mal vielleicht durch "boten" oder sowas ersetzen.
    • Erst einmal vielen Dank für die netten Kommentare an euch beide ^^

      Rainbow schrieb:

      aber es kann meiner Meinung nach nicht über Schicksale und Leben verfügen.
      Das ist sehr sinnbildlich gemeint. Mit dem Begriff Straßenkind geht eine Stigmatisierung einher, früher noch stärker wie heute. Ich will damit sagen, dass allein der Begriff Straßenkind jene Menschen zeichnet, in gewisser Weise brandmarkt, denn wer stellt ein Straßenkind oder einen Herumtreiber ein? Allein dieser Begriff, dieser Umstand verhindert, dass sie sich je selbst aus ihrem Los befreien können - und so hat dieses bloße Wort doch eine gewaltige Macht über ihr Leben.

      Rainbow schrieb:

      Sucht man nicht für gewöhnlich sein Glück?
      Das ist ja der Punkt - sie werden kein Glück finden, sind gerade dazu verdammt, nur Unglück zu finden. Deshalb biege ich ja dieses Sprichwort.

      Rainbow schrieb:

      Müsste das nicht heißen "...und da war sich jeder sicher???
      Geht beides, meine Formulierung ist sehr altmodisch. Den Kitsch erlaube ich mir gelegentlich :D

      Die Bandwurmsätze schau ich mir nochmal an, wenn viele ein Problem damit haben. Meist ist das eine dumme Angewohnheit von mir, im Prolog lange Sätze zu schreiben.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Sehr dramatisch, ich fand's gut. Dabei stellte ich mir automatisch die Stimme von Jonathan Frakes vor und eine Folge von X-Factor.^


      Myrtana222 schrieb:

      Ja, die Gründe sind so mannigfaltig

      Myrtana222 schrieb:

      Ja, die Welt war voll von ihnen

      Das klingt ein wenig wie eine Predigt.
      Ja, (gehauchte Pause, damit auch jeder die Bedeutungstiefe des Kommenden erkennt) auch Ihr seid Kinder Gottes, Ihr sündigen Elenden ...

      Wenn es danach klingen soll, tolles Stilmittel, sonst würde ich es weglassen.


      Die Umdrehung des Erwarteten am Ende fand ich besonders klasse: Der Otto-Normal-Leser würde es ja als Glücksfall sehen, wenn ein armer Straßenjunge von einem Magier erwählt wird. Macht einem richtig Angst vor diesen Monstern ... ^^
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Myrtana222 schrieb:

      Andere füllten die Freudenhäuser, verschenkten ihre Köper für ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit am Tag, erfüllten die Sehnsüchte derer, die ein leichteres Leben als sie führten, unter glücklicheren Sternen geboren worden waren.
      Körper

      Eine neue Geschichte, das finde ich ja interessant. Und dass sie mit Aer zu tun hat, finde ich direkt noch spannender. Das Märchen in seinem Zusammenhang war im Lied der Stille schon schön - wenn es auch nicht so recht der Wahrheit entsprach, aber ich kann mir vorstellen, dass du hier seinen Werdegang vorstellst?
      Egal, was es wird. Nach dem Lied der Stille brauche ich ja wieder eine neue Geschichte, die ich von dir verfolgen kann und ich bin mir sicher, dass mir auch diese hier gefallen wird. ^^
      Der Prolog verspricht jedenfalls den gleichen farbenfrohen Stil wie gewohnt. :)

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Nach einer Phase der Inaktivität melde ich mich nun hier zurück. Im Moment geht bei mir alles drunter und drüber, aber heute habe ich die Zeit gefunden, einen Part zu beenden.

      Hier noch eine Warnung: Die Schatten der Magie wird, wenn es sich denn entwickelt, wie ich es vorsehe, eine sehr ... grausame Geschichte. Sehr schonungslos, und ich weiß nicht, ob dem ein oder anderen nicht gewisse Stellen aufstoßen werden. Ich überschreite bewusst ein paar Grenzen, werde jedoch nie trashig oder niveaulos oder allzu explizit werden.
      Also, kurz und knapp: Wenn jemand von etwas labilerer Natur ist oder leicht zu traumatisieren, ist diese Geschichte auf lange Sicht nichts für diejenigen. Dieser Post vielleicht noch, aber dann ... wir werden sehen.


      Der Mensch lügt, denn die Unwahrheit ist im angeboren, ein Schandfleck, von dem er sich stets reinzuwaschen sucht. Andere wiederum haben die Lüge zu einer Kunst gemacht, zelebrieren sie, wann immer sie ihre Zunge um Worte bemühen. So leicht geht ihnen die Lüge von den Lippen, als wäre sie nur eine konfektionierte Form der Wahrheit, schmackhafter gemacht durch einen Kokon aus Trug.
      Doch niemanden belügt der Mensch so glaubhaft, so häufig wie sich selbst. Nichts schmeckt bitterer als die Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit, und nichts meidet der Mensch mehr als den Geschmack von Bitterkeit. Vor Entrüstung wird mancher sich an die Brust klopfen, vehement darauf pochend, dass er frei von Lüge sei; doch wer wahrhaft solchem Irrglauben nachgeht, der kann wiederum nur eines: Sich selbst unglaublich gut belügen.
      Und jene Neigung zur Lüge mochte Tecenis Arbor zu seinem Schicksal gezwungen haben, in jener Nacht, als er die Düsternis seines Turmes verließ, um in die noch tiefere Dunkelheit der Gassen Liminas zu treten. Der Alte mochte nicht groß sein, und sein Rücken krümmte sich bereits unter der Last der Jahre, doch nicht einer hätte es gewagt, dem Magier im Weg zu stehen. Allein das Klacken seines Stocks, den er mit groben, schmutzigen Fingern umkrallt hielt, reichte aus, um alle den Kopf wenden zu lassen, sich nach einem Blick in die bohrenden Augen davonzuschleichen wie geprügelte Hunde. Arbor war der Patron Liminas – doch er war ganz sicher nicht beliebt.
      Doch zu jener Stunde ging niemand mehr auf den verdreckten Straßen umher, der nicht dazu gezwungen war, der einen Ort zum Schlafen und ein warmes Feuer hatte. Regen ergoss sich erbärmlich kalt über das grobe Pflaster, wusch Unrat und Abfall mit sich fort, tränkte den Mantelsaum des Magiers und die breiten, zerschlissenen Schuhe. Angewidert schüttelte sich das Ungetüm auf seiner Schulter, eine Bastet, den Regen aus ihrem grauen Fell. Unweigerlich war jenes Geschöpf alt, fast so alt wie ihr Meister selbst, doch die Bastet waren bekannt dafür, ihre Herren noch um Vieles überdauern zu können.
      Arbor wusste, jeder, der ihm diese Nacht begegnete, würde ein Mensch der Straße sein, jemand, den niemand vermissen würde, und genau das erhoffte sich der alte Magier. Doch die Gassen waren leer, ausgestorben, als habe der Abschaum Wind davon bekommen, dass Arbor sich auf den Weg gemacht hatte.
      Erzürnt brummte der Alte. Es gab da einen Ort, an dem er sie immer fand, der einzige Fleck, an dem sie geduldet wurden. Leider befand er sich außerhalb der Stadt, und Tecenis würde weit laufen müssen, etwas, das seinen altersgeplagten Beinen schon bei gutem Wetter schwer fiel. Und dennoch: Er musste. Heute musste er jemanden finden, wenn er in seinem Vorhaben nicht zurückgeworfen werden wollte.
      Nicht weit von den Toren der Stadt entfernt überspannte eine Brücke den nahen Fluss Et, aus dem festen Holz der Buchen erbaut. Hier lebten sie, schliefen im Dreck, wärmten sich an niedrigen Feuern, erstickten an Schlamm, Ruß und Elend.
      Langsam ging Arbor auf sie zu, angewidert von dem Schmutz, dem Gestank, der die Brücke umgab wie einen Vorhang aus Fäulnis. Sofort erblickten sie ihn, stoben auseinander, und so mancher der klügeren oder erfahreneren floh, denn sie wussten, wozu der Alte gekommen war. Die meisten jedoch blieben, gefangen zwischen ihrer Angst – und einer Hoffnung, die so trügerisch war wie der vermeintlich feste Boden eines Sumpfwaldes.
      Ohne langsamer zu werden ging Tecenis auf die Waisen, die Verlassen und Straßenkinder zu, griff an das Kinn eines Jungen, nur noch wenige Jahre davon entfernt, ein Mann zu sein.
      „Ich bin krank! Ich schwörs, ich bin nicht gesund!“, stammelte er, und Furcht ließ seine Stimme zittern. Mit aller Gewalt, die in seinen alternden Fingern verblieben war, zwängte Arbor den Kiefer des Jungen auf, blickte in den eitrig entzündeten Hals, roch den faulen Atem des Streuners. Dann stieß er ihn angewidert von sich. Für seine Versuche brauchte er gesunde Probanten; Kranke überstanden die Strapazen oft nicht, und, schlimmer noch, es bestand immerhin die Chance, dass er sich an ihnen ansteckte.
      Nicht immer starb, wer dem alten Zauberer in den Wohnturm folgte. Selten kam jedoch einer zurück, der nicht auf irgendeine Weise Schaden genommen hatte, doch jene erzählten von einem Bett und zwei Mahlzeiten am Tag. Genug, um die Verzweifeltsten unter ihnen das Risiko eingehen zu lassen.
      Und jene armen Irren standen nun vor ihm, sie und die, die nicht fliehen konnten, Kinder, Krüppel. Verächtlich schaute sich Tecenis unter den Verbliebenen um, und dafür brauchte er einen Moment, denn sein Augenlicht hatte in den letzten Jahren nachgelassen, getrübt von dunklen Stunden über bleichem Pergament. Dennoch erkannte er, dass ein paar der Herumtreiber einen Kreis um jemanden bebildet hatten, einen Fleck, den sie von seinem Blick abschirmten. Tecenis zwängte sich an dem Jungen vorbei, ging auf jenen Kreis zu. Zu seiner Verwunderung wichen die Gossenkinder nur zurück, blieben aber stehen.
      „Ich bitte Euch, nehmt nicht ihn. Nehmt ihn uns nicht weg.“ Verzweiflung lag in den Zügen des jungen Mädchens, aber auch Angst, fast verborgen unter bitterer Entschlossenheit. Zum ersten Mal seit langem spürte der alte Magier Verwunderung; nie, nie hatte sich eines der Straßenkinder für ein anderes so eingesetzt.
      Mit rüder Körperkraft drängte Arbor das Mädchen beseite, beachtete nicht ihr flehendes Aufbegehren. In jenem Moment rannten sie los, sie alle, stießen sich, rempelten einander an, nur einen nicht. Ein blonder Schopf stach unter ihnen hervor, ein kleiner Junge, verwirrt einen Weg zwichen den größeren suchend.
      Tecenis hob nur sacht seinen Stab, nicht mehr als ein Zucken seines Arms, und der Blonde fiel, die Kontrolle über seinen Körper verlierend. Hilflos hörte er den Alten näherkommen, ihn und das Klacken seines Stabes, das mit jedem zweiten Schritt auf dem dreckigen Boden erklang. Dann hatte Tecenis den Jungen erreicht, drehte ihn auf den Rücken.
      Beinahe hätte der Magier die Kontrolle über seinen Zauberspruch verloren, als er in das Gesicht zu seinen Füßen blickte. Noch nie in seinem Leben hatte Arbor ein schöneres Gesicht gesehen, Züge, die sich so anmutig über Wangen legten, Augen voll unschuldiger Angst.
      Und in Tecenis rührte sich ein Begehren, ein stiller Feind, den er schon längst in seinem Herzen verbannt zu haben glaubte. Dunkel waren die Stunden, in denen er ihm nachgegeben hatte, und so lange er es auch in sich begraben hatte, so stark kämpfte sich sein Verlangen nun in ihm hoch.
      Unbeholfen, seine Bastet beinahe von seiner Schulter fegend, hob Tecenis den Jungen auf, trug ihn in seinen alten Armen. Schwerfällig ging er zurück zu seinem Turm, sagte kein Wort, und sein Stab folgte ihm schwebend wie von Geisterhand.
      Doch welcher Lüge hatte sich Tecenis an jenem Tage hingegeben, unweigerlich wie jeder andere Mensch? Nein, der Alte wusste, dass er jenes Monster nicht beherrschen konnte, das wieder in ihm erwacht war, dieser Selbsttäuschung gab sich Arbor nicht hin. Die Lüge, schicksalsschwerer als jede andere, die je ein Mensch nur gedacht oder augesprochen hatte, war eine deutlich simplere: Tecenis glaubte, dass er auf seine alten Tage noch einen Lehrling gebrauchen konnte.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Nachdem ich dein "Lied der Stille" damals begonnen, aber nie beendet hatte, obwohl die Geschichte mir sehr gefiel, habe ich direkt mal bei diesem Start hier angefangen zu lesen. Der Prolog war sehr stimmig und eine gute Einführung und auch das erste Kapitel jetzt gefällt mir gut. Mit Tecenis hast du ja einen wirklich unsympathischen, alten Magier geschaffen, dem nicht so viel anderen zu liegen scheint.
      Ich bin auf jeden Fall gespannt zu sehen, in welche Richtung sich das entwickelt, ob es nun wirklich sein Lehrling wird und wie grausam der alte Zauberer ist als Meister, der Prolog lässt ja nichts Gutes erahnen.
      Besonders mag ich deine Beschreibungen wie z.B. "denn sein Augenlicht hatte in den letzten Jahren nachgelassen, getrübt von dunklen Stunden über bleichem Pergament".
    • Ich habe eigentlich nichts zu kritisieren. Zwei sehr schön geschriebene Kapitel, die Lust auf mehr machen. Die Figuren, Handlungsorte etc. sind alle sehr gut beschrieben. Man merkt halt, dass du, was das Schreiben angeht, schon ein alter Hase bist :D

      Spoiler anzeigen
      Eine Kleine Anmerkung, die aber wirklich Erbsenzählerei ist:

      Myrtana schrieb:

      Arbor war der Patron Liminas – doch er war ganz sicher nicht beliebt.
      Doch zu jener Stunde ging niemand mehr auf den verdreckten Straßen umher ...
      Diese Wiederholung könnte man umgehen, wenn man beim ersten Mal einfach "aber" schreibt oder so
      100% Konsequent!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Unor ()

    • Die Beschreibungen gefallen mir wie immer sehr gut - gewohnt lebendig. Auch wenn die Geschichte düsterer wird, kann ich mir vorstellen, bei deinem Schreibstil muss man sie dennoch gelesen haben *einschleim* ^^ Ich bleibe dennoch dabei ^^

      Zwei Kleinigkeiten:

      Myrtana222 schrieb:

      Für seine Versuche brauchte er gesunde Probanten;
      Probanden nicht mit "d"? :hmm: Ich bin mir aber selbst nicht sicher. ^^

      Myrtana222 schrieb:

      Dennoch erkannte er, dass ein paar der Herumtreiber einen Kreis um jemanden bebildet hatten, einen Fleck, den sie von seinem Blick abschirmten.
      gebildet?

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • @Kyelia vielen Dank für die Korrekturen. Ich muss gerade ohne Rechtschreibkorrektur auskommen, kann sein, dass mir immer wieder mal was durch die Lappen geht
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Die Schatten der Magie wächst nur langsam, aber hier ist ein neuer Teil:



      Niemand wurde Zeuge davon, welch Grauen und Leid Tecenis dem Jungen noch am selben Tage antat, denn die Wände des Turmes schluckten, wie ihr Erbauer es erdacht hatte, jedes Geräusch. Doch, und so wagte man es auf den Straßen nur zu flüstern, würde das dunkle Gemäuer ob der Gräueltaten in seinem Inneren schreien, hätte es nur Kehlen und Münder dafür.
      Das Kind ließ Arbor in jenem Raum zurück, geschunden, betäubt von dem Missbrauch, den es nicht einmal in seinen Grundzügen verstand. Wimmernd vor Schmerzen, vor der Schwere seines Schicksals, blieb der Junge auf dem blanken Boden liegen, und nur seine Erschöpfung bescherte ihm wenige Stunden eines unruhigen, albtraumgeplagten Schlafes.
      Geweckt wurde er von dem gleichmäßigen Klacken des Stocks, ein Geräusch, das er nur allzubald fürchten gelernt haben würde. Wortlos, wie einem Hund, warf ihm der Alte eine Schüssel Haferbrei zu. Den größten Teil ihres Inhalts verlierend, schlitterte die Schüssel auf den Jungen zu und hielt kurz vor seinen Knien.
      „Iss das oder lass es bleiben. Das ist mir einerlei.“ Grimmig wartete Arbor eine Antwort des Jungen ab, doch der Kleine sah ihn nur aus großen, flehenden Augen an. Tecenis wusste nicht wieso, doch irgendetwas an diesem Blick ärgerte ihn; die Angst und Verletztheit, die darin lagen, gaben ihm das leise Gefühl, etwas Falsches getan zu haben, reizten eine weitere Seite an ihm, die er tot geglaubt hatte. Doch am meisten mochte ihn geärgert haben, dass er sich überhaupt Gedanken um den Jungen machte, dass ihm vielleicht doch nicht egal war, was der Junge tat und dachte.
      „Wie ist dein Name?“, fragte er barsch, jedoch in einem milderen Ton als zuvor. Schweigen. Noch immer sah ihn der Junge nur an, bleich, verstört, und Tecenis fühlte Zorn in sich emporkochen. Zitternd hob er den Stab – und ließ ihn doch wieder sinken, als er den Jungen zusammenzucken sah. Überrascht von sich selbst stand Tecenis einfach nur da, wusste nicht, was er tun und lassen sollte – bis er sich schließlich umdrehte und die Tür des kleinen Zimmers aufriss.
      „Aer.“ Die Stimme des Kindes klang dünn, zurückhaltend, doch irgendetwas darin ließ Arbor innehalten. Lange musterte Tecenis den Jungen, zwischen Tür und Angel und mit einem Blick über die Schulter.
      „Du wirst lernen müssen, Aer. Denn heute habe ich dich als meinen Schüler auserkoren. Entweder du zeigst Talent, oder aber du landest dort, wo ich dich hergeholt habe. Wenn du Glück hast.“ Dann ging Tecenis, schloss die Tür hinter sich und zog dem Riegel vor, ließ den Jungen vorerst in dunkler Einsamkeit zurück.

      Tage vergingen, Stunden in zermürbender, qäulender Untätigkeit. Natürlich versuchte Aer zu fliehen, so wie ein eingesperrter Vogel in seinem Käfig umherflattert, wohlwissend, dass sich doch keine Lücke zwischen den Gitterstäben auftun würde. Doch vergebens; vor dem schmalen Fenster waren Gitterstäbe in den festen Stein des Turms eingelassen, durch die er mit Mühe und Not die hölzernen Läden öffnen und schließen konnte, und nur der Blick in die bei Tage geschäftigen Gassen lenkten den Jungen von dem Schrecknis ab, in das sein junges Leben sich verwandelt hatte.
      In den ersten vier Tagen kam Tecenis nur, um ihm Essen und Trinken zu bringen, oder um ihn zu schänden, seiner Gier freien Lauf zu lassen, die Hand um den schreienden Mund des Jungen gepresst. Aber Aer hatte gelernt, dass Rufen und Schreien ihm nichts brachten; außerhalb dieser Mauern schien ihn niemand zu hören, und wenn ihn doch jemand bemerken sollte, so ignorierte er den Jungen – zum eigenen Wohl.
      Erst am sechsten Tage veränderte sich alles, wurde der Grundstein dessen gelegt, was als ewiger Aufschrei im Gefüge der Zeit verbleiben mochte, ein Grauen von Menschenhand. Auch Aer wusste, dass sich etwas verändert hatte; sonst betrat Tecenis sein kleines Gefängnis erst am späten Vormittag, doch nun erklang das Klicken seines Stabs, obwohl gerade erst die Sonne aufgegangen war.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Tja, was soll man sagen? Gut geschrieben! Interessant und genau an den richtigen Stellen beschrieben, sodass man sich seinen Teil selbst noch dazu denken kann.Der gute Aer. Das kann ja nur spannend werden ^^
      Mehr will ich dazu nicht sagen, denn um ehrlich zu sein, mir fällt auch gar nicht mehr viel dazu ein. Ich wollte den Teil jedoch auch nicht unkommentiert lassen.
      Ich hoffe einfach, dass es fließend weitergeht. :)

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Hey Myr! ^^
      Hab ich eigentlich schon mal gesagt, dass ich deinen Schreibstil liebe? Nein? Dann muss ichs wohl nachholen: ich liebe deinen Schreibstil! :D Auch inhaltlich sehr vielversprechend, selbst wenn ich bis jetzt erst den ersten Teil gelesen hab.
      wenige Anmerkungen

      Myrtana222 schrieb:

      Straßenkinder. Selten trug ein Wort so viel Leid mit sich wie dieses, war an so viel Schmerz und Elend gebunden, verfügte über so viele Schicksale und Leben. Überall auf der Welt gab es sie, Waisen, Kranke und Verstoßene, Kinder von Müttern, denen die Leibesfrucht nicht mehr war als eine Bedrohung ihrer eigenen Existenz. Ja, die Gründe sind so mannigfaltig wie die Anzahl jener, die auf den Straßen ihr Unglück suchten (ihr Unglück suchen klingt irgendwie, als würden sie aktiv danach streben, wenn du weißt, was ich mein :hmm: vielleicht würde "ihr Unglück fanden" besser passen?), getrieben alleine von dem Wunsch zu sein, nicht zu vergehen, (würd ich weglassen, macht die Stelle etwas langatmig) den nächsten Tag noch kommen zu sehen, und mochte er noch so viel Leid mit sich bringen.
      Keine größere Stadt existierte ohne sie, die hohlwangigen Gesichter, die einem zu später Stunde noch lange nachfolgten, betrat man die falschen Viertel und Gassen. Immerzu bettelten sie, um Brot, um Geld, um alles, was ihrem Hunger für einen Moment Einhalt bot. Nur wenige entkamen diesem Elend, fanden einen Platz auf dieser Welt, selten nur wenig besser als der Pfuhl, aus dem sie einst entstammten. Die meisten schlossen sich zusammen, stahlen, mordeten, wenn die Umstände es verlangten, und von jenen endete der größte Teil mit zerschnittener Kehle oder zerstochenem Bauch im Schmutz der Straße, starb an Krankheiten oder den Seuchen, die man sich in der Kälte der Nacht einfing.
      Manche wiederum, die schon von Kindesbeinen an das Kämpfen gelernt hatten, wurden aufgelesen wie Münzen, von hunderten Füße in den Schlamm gepresst, rekrutiert für die Söldnerheere, die durch das Land zogen und dem Schwert und Axt versprachen, der ihnen am meisten Geld für ihre Dienste versprach. Andere füllten die Freudenhäuser, verschenkten ihre Köper für ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit am Tag, erfüllten die Sehnsüchte derer, die ein leichteres Leben als sie führten, unter glücklicheren Sternen geboren worden waren.
      Ja, die Welt war voll von ihnen, und nur die wenigsten weinten ihnen eine Träne nach. Doch, und so war sich jeder sicher, der von diesen Dingen auch nur das Geringste verstand, gab es unter all diesen Schicksalen kein schlimmeres, als von einem Magier auserwählt worden zu s
      ein.



      "Seit Urzeiten ist Fantasy das beliebteste aller Genre. Fantasy-Autoren der zweiten großen Welle wie Johannes, Lukas, Markus und Mel Gibson haben zum Beispiel selbst heute noch fanatische Fans, die ganze Passagen auswendig kennen und sich regelmäßig in mittelalterlichen Gebäuden zu Conventions treffen, bei denen sie sich gegenseitig ihre Lieblingsstellen vorlesen und absurde Rituale aus den Büchern nachspielen. Totale Nerds.
      (Anmerkung des Kängurus)"
    • Puh, ist das bisher übel! So viel Elend, das du in derart eindrücklichen Bildern beschreibst! Du verwendest eine wirklich schöne Sprache und bist wirklich schonungslos. Nur gut, dass meine untergehende Welt als Kurzgeschichtensammlung eine eigene Nische hat, sonst wäre sie bei der Konkurrenz glatt verloren!

      Eine kleine ANmerkung:

      Myrtana222 schrieb:

      Zu seiner Verwunderung wichen die Gossenkinder nur zurück, blieben aber stehen.
      Weichen sie jetzt zurück oder bleiben sie stehen? Meinst du vielleicht, dass sie sich zusammenducken, den Kopf einziehen oder etwas in der Art? Zurückweichen heißt ja schon, ein paar Schritte nach hinten zu machen...
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Windweber schrieb:

      Puh, ist das bisher übel! So viel Elend, das du in derart eindrücklichen Bildern beschreibst!
      Vielen Dank ^^ ich hoffe, ich übertreibe es nicht damit.

      Windweber schrieb:

      Weichen sie jetzt zurück oder bleiben sie stehen? Meinst du vielleicht, dass sie sich zusammenducken, den Kopf einziehen oder etwas in der Art?
      Eigentlich beides: Sie weichen erst zurück, bleiben dann aber stehen, statt davonzurennen. Das meinte ich eigentlich, aber ich sehe jetzt, dass ein zwei Worte mehr das deutlich machen würden.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Auch Aer wusste, dass sich etwas verändert hatte; sonst betrat Tecenis sein kleines Gefängnis erst am späten Vormittag, doch nun erklang das Klicken seines Stabs, obwohl gerade erst die Sonne aufgegangen war.
      „Du wirst jeden Morgen bei Sonnenaufgang aufstehen. Im Winter eine Stunde davor.“ Ohne weitere Erklärungen stieß Tecenis den Jungen mit seinem Stab an, zwang ihn auf die Beine. „Na los! Und schau mich nicht so an!“
      Ängstlich zwängte sich Aer an die Wand, die Knie so zittrig, dass er jeden Moment zusammenzubrechen glaubte. „Was … was wollt Ihr von mir?“
      Entnervt schnaubte Tecenis, schloss kurz die Augen und rieb sich die Nasenwurzel. „Dass du aufstehst! Verdammt, ich hab nicht vor, dir die Arme auszureißen. Komm einfach mit.“
      Noch immer zögerlich stand der Junge auf. Auch, wenn er nicht wirklich verstand, was Tecenis ihm tagtäglich angetan hatte, so sehr fürchtete er sich doch vor dem Schmerz, dem Gefühl der Hilflosigkeit. Aer mochte in jenem Moment nicht viel gedacht haben, doch ein Gedanke musste sich doch durch seinen angstgetriebenen Verstand gedrängt haben: Egal, was auf ihn wartete, es konnte nur schlimmer werden, wenn er dem Magier nicht gehorchte.
      Vorsichtig wie ein scheues Tier folgte der Junge Tecenis aus dem Zimmer, zum ersten Mal, seit der Alte ihn hier eingesperrt hatte. Eine einzige Treppe wand sich hier empor, breit genug, um zwei Ochsen nebeneinander hinaufzuführen.
      Hier blieb Aer einen Moment stehen, blickte die Stufen hinab, und in sich meinte er die unendlichen Tiefen zu spüren, die unter seinen Füßen mit der Geduld des Leblosen ruhten. Indess quälte sich Tecenis die Stufen hinauf, Schritt um Schritt, gestützt auf seinen Stab.
      Wie einfach musste es sein, dem Alten zu entkommen, einfach die Treppe hinabzurennen, eine Tür aufzustoßen, hinaus auf die Gassen zu treten. Vielleicht wäre er am Fuß des Turms, bevor Arbor ihn überhaupt bemerkt hätte …
      „Denk nicht einmal daran.“ Der Ton in Tecenis Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er wusste, was sich im Kopf des Jungen abgespielt hatte. „Du würdest nicht weit kommen. Ich bin der Herr über diesen Stein, über die Luft, über jeden Zentimeter in diesem Gebäude. Und auch über dich. Hier geht niemand ein oder aus, wenn ich das nicht möchte.“
      Ein kurzer Moment des Schrecks durchfuhr Aer, doch Tecenis machte keine Anstalten, ihn für seinen Gedanken an Flucht zu bestrafen. Und so kalt Arbors Herz für jeden anderen als sich selbst auch sein mochte, verstand er den Jungen doch; er selbst hätte an seiner Stelle auch daran gedacht zu fliehen.
      Sie gingen nur eine Windung der Treppe weiter, an einer Tür vorbei, blieben vor einer weiteren stehen. Mit dem Ende seines Stabes stieß Tecenis den Eingang zu dem Zimmer auf – und Aer blieb nur ein kurzer Blick, bevor sich Arbor vor ihm durch die Tür zwängte. Doch diese Sekunde reichte, um Aer für einen winzigen Moment fassungslos staunen zu lassen.
      Bücher drängten sich dicht an dicht in eichernen Regalen, verströmten den Duft alten und neuen Pergaments. Rußige Tigel, Zangen, Töpfe häuften sich in den Ecken des überraschend weiten Raumes, hingen von Haken neben tönernen Gefäßen. In dem feinen Facetten kristallener Fläschchen brach sich das Tageslicht, das aus einem Loch im Mauerwerk zu strömen schien.
      „Glas“, beantwortete Tecenis die Frage, die Aer sich nicht zu stellen getraut hatte. „Die Schönheit der Welt gefangen in Unsichtbarkeit. Zwischen hier und den Reichen der Kasheten gibt es niemanden, der es herstellen kann. Niemanden außer mir.“
      Zögerlich trat der Junge ein, blickte sich in dem nur vom Tageslicht beleuchteten Raum um. Aus dem Nichts ertönte ein Fauchen, und mit wütenden Schritten verzog sich die Bastet des Magiers in einem Loch im Mauerwerk.
      „Nebet hasst Fremde“, flüsterte Tecenis sonderbar verloren, wie zu sich selbst, als habe er vergessen, dass jemand im Raum ist. „Aber das ist kein Wunder. Sie hasst alle.“
      „Was war das für ein Tier?“ Zum ersten Mal hatte Aer eine Frage an den Alten nicht aus Furcht gestellt, und doch zuckte er zusammen, als Tecenis sich zu ihm umwandte.
      „Eine Bastet. Verwandt mit den Katzen, aber wilder, klüger, boshaft - beinahe menschlich. Sie wählen sich nur selten einen Menschen, und wenn, dann nur einmal in ihrem Leben. Du wirst sie hassen.“
      Eine ganze Weile schwiegen sie sich an, der Junge, der kein Junge mehr sein durfte, und der Magier mit dem Herz aus Kohle. Und dann traute sich Aer zu fragen, was er seit Tagen zu fragen wünschte.
      „Was mache ich hier?“
      Tecenis brummte. „Das habe ich dir gesagt. Ich brauche jemanden, einen Schüler, einen Helfer. Hier wirst du lernen; lesen und schreiben, vielleicht auch rechnen, wenn dein Kopf dafür taugt. Und wenn du damit fertig bist, Aer“, Tecenis lächelte schief, und es war das erste und letzte Mal, dass der Junge ihn lächeln sah, „dann bringe ich dir Dinge bei, wie sie keiner außer mir beherrscht. Mächte, die niemand vorher je gebändigt hat, und Wissen, dass so neu und alt zugleich ist wie der Sonnenuntergang.“
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Hallo Myrtana,

      erst einmal: dein Schreibstil gefällt mir sehr gut. Die Beschreibungen, Figuren - wunderbar lebendig und auf ihre Weise fesselnd. Auch das Düstere in der Geschichte gefällt mir bislang. ^^

      Kritik habe ich eigentlich nicht, nur Kleinigkeiten, über die ich unterwegs "gestolpert" bin:

      Myrtana222 schrieb:

      Auch, wenn er nicht wirklich verstand, was Tecenis ihm tagtäglich angetan hatte, so sehr fürchtete er sich doch vor dem Schmerz, dem Gefühl der Hilflosigkeit.
      Der Satz hat mich beim ersten Lesen etwas verwirrt, obwohl ich nicht gleich wusste, was mich daran stört - ich würde das "sehr" letztendlich einfach weglassen.

      Myrtana222 schrieb:

      Egal, was auf ihn wartete was ihn auch erwartete, es konnte nur schlimmer werden, wenn er dem Magier nicht gehorchte

      Myrtana222 schrieb:

      Ein kurzer Moment des Schrecks Schreckens
      ...Wobei ich mir im letzten Fall gerade auch nicht mehr so sicher bin ?( :D

      Ich freue mich auf mehr!
      "Have I gone Mad?"
      "I'm afraid so. You're entirely bonkers. But I'll tell you a secret. All the best people are."

      - Alice in wonderland
    • Oje! Am bedrückensten ist, dass es für den armen Jungen schon aufwärts geht. Dass seine Situation also schon besser ist, als am Anfang, obwohl sie wirklich furchtbar ist. Der ihm Freiheit und Unversehrtheit geraubt hat, macht sich nun zu seinem Lehrer. Übelkeiterregend! Der Junge könnte so werden wie sein Peiniger! Und diese Basted macht mir Sorgen...
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Hi Myrthi,

      ich habe eben zum Wach werden den Prolog gelesen :)

      Myrtana222 schrieb:

      Überall auf der Welt gab es sie, (doppelpunkt?) Waisen, Kranke und Verstoßene, Kinder
      Nur eine Kleinigkeit über die sich streiten lässt ^^ würde dän Satz aber eine Spur mehr gliedern, finde ich.

      Vom Stil her ist mir persönlich der Prolog ein wenig zu äh ... wie sag ichs denn? :hmm:
      Die Sätze zu lang und an einigen Stellen ein bisschen zu umständlich.
      Dem Überfliegen folgender Teile zu urteilen, bleiben die Sätze aber nicht so ^^ das finde ich gut, sonst hätte ich mich erstmal dran gewöhnen müssen.
      Aber ich glaube, das haben andere auch schon angemerkt.
      Ansonsten finde ich es richtig gut gelungen ^^ besonders das Ende. Söldner, Huren, Armee .. da klingt der Magier doch erstmal nicht so schlimm ... Bin gespannt warum.

      Den Rest muss ich noch lesen ^^
      Bis dahin :)
      Dreck auf Toast!