Die Schatten der Magie

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    • Rasch blätterten seine Finger die Seiten um, ruhten dann auf einem Absatz – und schlugen dann die Buchdeckel wieder zusammen.
      Tecenis durfte ihn damit nicht erwischen. Bekam er auch nur einen Hauch dessen mit, was Aer alles durch den Kopf schoss, war es aus. Er hatte nur eine Chance, und es würde lange dauern, bis er riskieren durfte, sie zu nutzen.
      Und im ganzen Turm gab es nur einen Ort, an dem er dieses Buch aufschlagen durfte. Nicht sein Zimmer, denn auch dort konnte Tecenis es entdecken, versteckt unter einem Kissen oder der Strohmatratze.
      Vom untersten Stockwerk bis zur Spitze des Turms zog sich in einer Aufwärtsspirale ein Tunnel; Nebet hasste es Treppen zu steigen, und so hatte Tecenis bereits bei der Konstruktion dafür gesorgt, dass sein geliebtes Haustier nicht dem Ungemach von Stufen ausgesetzt war. Er selbst jedoch war zu alt, zu ungelenkig, um in den Tunnel zu steigen – und genau das machte sich Aer zunutze. Hierher zog er sich zurück, wenn Tecenis seinen Unterricht beendet hatte und ihn gehen ließ. Allein hier hatte er das Gefühl, sich der Macht des Alten entziehen zu können, auch wenn das natürlich nicht der Fall war, und ohne Zweifel hätte die Größe des Tunnels ausgereicht, dass Aer und die Bastet sich aus dem Weg hätten gehen können. Doch da gab es eine Schwierigkeit; Nebet hasste den Jungen bis aufs Blut, und Aer lernte bald, sie ebenso zu hassen. Bei ihren ersten Begegnungen im Tunnel fiel Nebet ihn mit so scheußlicher Aggressivität an, dass Tecenis nichts anderes übrig blieb, als sie wie von Geisterhand mit seiner Magie zu trennen und schwebend aus dem Tunnel zu befördern.
      Zu Aers erstaunen erzürnte es den Meister nicht, dass sich seine Geschöpfe regelrecht bekriegten. Vielleicht hielt er ihren Konkurrenzkampf für konstruktiv; vielleicht belustigten ihn ihre Streitereien auch einfach.
      Nur einmal fuhr der Magier aus der Haut, als die Bastet sich irgendwie Zutritt zu Aers Zimmer verschafft und auf die Bücher des Jungen gepisst hatte. Eine ganze Weile gelang es Aer, den Schaden vor Arbor zu verstecken, doch nichts blieb lange vor Tecenis verborgen. Die Prügel des Magiers reichte für beide Fraktionen aus, um freiwillig Tecenis und sein Eigentum aus ihrem Streit herauszuhalten.
      Dennoch wurden die Tunnel bald Aers wahres Heim, und hier saß er nachts, einen Kienspan über die Seiten seiner kostbaren Entdeckung haltend, jedes Wort auf dem gilbenden Pergament studierend.
      „Das Errichten von magischen Schlössern und Türen“, las Aer leise. Fein hoben sich Zeichnungen von den Seiten und der schwarzen Tinte der Buchstaben ab, und ehrfürchtig fuhr Aer die feinen Pinselstriche mit dem Finger entlang. Kaum spürbar hoben sie sich von ihrem Untergrund ab, in allen erdenklichen Farben, von strahlendem Grün bis zu dumpfem, aber elegantem Gold.
      Viel mehr noch als die Zeichnungen interessierte den Jungen jedoch der Inhalt des Buches, und so riss Aer sich bald von ihrem Anblick los. Dann blätterte er zurück zur ersten Seite und begann zu lesen.
      „Im Erschaffen magischer Beschränkungen muss zwischen zwei Begrifflichkeiten unterschieden werden“, stand dort in sauberer, gut lesbarer Handschrift. „Eine magische Tür ist eine vollständige Barriere, durchdringbar nur für den Erschaffenden selbst und für jene, die er dazu auserkoren hat. Ein magisches Schloss bezieht sich auf einen wesentlich kleineren Teil; selbiges ist eine Verriegelung, anders als die magische Tür nicht von einer physikalischen Form getrennt.“
      Ganz genau verstand der Junge nicht, was dieser Absatz zu bedeuten hatte, doch seine Essenz war eindeutig. Im Turm sind Türen eingebaut. Tecenis hat magische Schlösser erschaffen, nicht Türen.
      Manche Vorteile liegen auf der Hand. Eine magische Tür kann nicht durch Gewalt vernichtet werden, und wenn doch, dann nur durch die Macht eines fähigen Zauberkundigen. Keine Axt und kein anderes irdisches Werkzeug vermögen es, sie zu durchdringen. Dahingegen lässt sich eine Tür mit einem magischen Schloss ohne Weiteres zerschlagen. Doch wer sich jetzt zu dem Missverständnis verleiten lässt, eine magische Türe wäre einem Schloss in jedem Falle überlegen, dem soll folgendes gesagt sein: Es erfordert weitaus mehr Können und Kraft, eine einfache magische Tür aufrechtzuerhalten, als das aller schwierigste Schloss. Ebenso ist es verglichen miteinander leichter, eine magische Türe auf magischem Wege zu entsperren als ein Schloss. So kann, falls ein magisches Schloss mit weiteren Zaubern versehen wird, selbiges besser geeignet sein, einen anderen Zauberkundigen fernzuhalten, während eine Tür besser grobschlächtiges Pack und Uneingeweihte abhält.“
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Aer hält also den Schlüssel in der Hand, der ihn in die Freiheit bringen könnte. Das klingt alles nicht, als wäre es mal eben schnell erlernt, immerhin muss er als Neuling gegen einen erfahrenen Magier und der wird wohl kaum einfach zuschauen, wie das Kind aus seinem Heim verschwindet. Ich glaube noch nicht daran, dass Aer mit dem Buch weiterkommt. Und vor allem glaube ich nicht, dass Tecenis von der ganzen Sache nichts mitbekommt. Und sollte er es herausfinden, sehe ich schwarz für Aer. ><

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Kyelia schrieb:

      Ich glaube noch nicht daran, dass Aer mit dem Buch weiterkommt
      :hmm: Ich denke eine Chance ist es schon.
      ich meine Tecenis bringt ihm das Zaubern bei. Es wird sicher noch eine ganze Weile dauern, bis Aer sein Wissen in die Tat umsetzen kann, aber klappen könnte es.
      Wenn allerdings zusätzliche Zauber drin sind ... Aer muss schnell sein. Tecenis merkt sicher sofort, wenn sich jemand an seinen Schlössern zu schaffen macht X/
      Und ich hoffe ebenfalls, dass er Aer nicht mit den Buch erwischt. Oder dieses komische Katzen-Fliege-Dingens XD

      Der Cliffhanger im vorletzten Teil ist dir übrigens gute gelungen, Myrthi ^^
      War froh, dass du noch einen Absatz gepostet hast, als ich weg war und ich nicht warten musste :D
      Dreck auf Toast!
    • Ich schreibe zu selten und poste zu wenig, aber jetzt ist mein Praxissemesterbericht fertig und ich habe bis zur Bachelorarbeit vielleicht wieder etwas mehr Luft und elan.


      Das bedeutet, dass ich es noch schwieriger haben werde. Doch wieso hatte Arbor nicht magische Türen erschaffen, sondern Schlösser? In der Stadt musste es weitaus mehr 'grobschlächtiges Pack' geben als Zauberkundige. Vor wem fürchtete sich Tecenis so sehr?
      Über die Antwort auf diese Frage machte sich Aer jedoch nur noch wenige Gedanken. Wahrscheinlich gab es niemanden, den Tecenis zu fürchten hatte, und die Schlösser hatten sich als einfache und effektive Methode erwiesen, ungewollte Gäste abzuhalten – und Gefangene am Fliehen zu hindern.
      Mit wachsender Ungeduld blätterte der Junge weiter, und seine Augen flogen über die Seiten, beschrieben mit alten Runen, Zeichnungen, Beschreibungen. Beinahe übersah er das Kapitel, das er gesucht hatte.
      „Das Brechen eines magischen Schlosses“, las Aer, und seine Finger zitterten, als er mit ihnen den Absatz entlangfuhr.
      „Wie in Kapitel 2 beschrieben, webt der Erschaffende seinen Geist in die irdische Form der Türe ein, beschreibt seinen Wunsch in gedanklicher Form. So richtet sich das Schloss nach dem Willen seines Herrn und gewährt oder verwehrt anderen den Eintritt, ohne dass dieser eine bewusste Entscheidung zu treffen hat. Dies hat jedoch den Nachteil, dass ein zauberkundiger Fremder den eigenen Geist in das Geflecht der Gedanken unterzuweben vermag, und den eigenen Wunsch, getarnt als den Willen des Erschaffers, als Hebel zum Brechen des Banns verwenden kann.
      Es ist möglich, irgendwie. Ich muss es nur erlernen. Aer wusste nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund kostete es ihn Überwindung, die nächsten Zeilen zu lesen. Vielleicht war es das Wissen darum, dass sein Vorhaben nicht einfach – und sehr gefährlich werden würde.
      „Den Eingang in das Geflecht der Gedanken findet der Zauberkundige über den Punkt c, lateral von der Vena vitæ...“
      Blinzelnd las Aer die letzten Sätze nochmal, überflog dann die nächsten Zeilen. Seitenweise folgten Formeln und Bezeichnungen, die Aer überhaupt nichts sagten, und entmutigt lehnte er sich an den grauen Stein des Tunnels.
      Wie sollte er je verstehen, was all das zu bedeuten hatte? Endlich hatte er einen Ausweg gefunden, eine Möglichkeit, von diesem Ort zu entkommen, und doch schien ihm, als wäre der Tag seiner Befreiung nur in noch weitere Ferne gerückt. Zögerlich klappte Aer das Buch wieder zu und löschte den Kienspan. Für heute würde er nicht mehr viel weiterkommen, aber aufgegeben hatte er noch lange nicht.
      Über jedem Ausgang des Tunnels, direkt über dem Kreisrunden Bogen, befand sich eine Nische, nicht mehr als eine hervorspringende Kante; Aer wusste nicht, welchen Zweck sie erfüllte, vielleicht hatte Arbor sie in jüngeren Jahren als Einstiegshilfe genutzt. Hier versteckte der Junge das Buch, denn selbst vor Nebet war es hier bestens geschützt. Bei aller Bosheit gelang es der Bastet nicht, an die Nische heranzukommen, das hatte Aer ausgiebig getestet.
      So vergingen Wochen, in denen Aer nach und nach das Wissen entschlüsselte, welches all die Fremden Worte und Zahlen schützten wie ein sakrales Geheimnis. Manchmal schien es dem Jungen, als stecke hinter jenen Formulierungen, jenen Sätzen der Fachsimpelei eine eigene Sprache, die sich ihm nur langsam und mühselig erschloss. Eifrig wälzte er die Bücher über Mathematik und Zauberei, die er in der Bibliothek des Magiers finden konnte, recherchierte jeden Begriff, jede Formel, jede Zahl.
      Und zweifellos muss Tecenis Verdacht geschöpft haben, dass hinter dem Interesse des Jungen mehr steckte als das Sehnen nach Wissen. Wahrscheinlich verbarg jedoch sein grenzenloser Hochmut – und eine verquere Form es Stolzes auf sich und seinen Lehrling – die wahre Erkenntnis um das Gebaren des Jungen vor seinem Verstand.
      Dann kam der Abend, an dem er erstmals in das Leben des Jungen trat. Aer saß über seinen Büchern, unter der halbherzigen Aufsicht des Magiers. Wie so oft arbeitete Tecenis in seinem kleinen Labor, rieb kaum definierbare Substanzen zusammen, wartete, bis Flüssigkeiten aus seiner groben Destille liefen. Schwer hing der Geruch nach Kräutern in der Luft, nach Thymian und Beifuß, Salbei und Labkraut. Mit verstohlenen Blicken auf den Magier schrieb Aer Notizen an den Rand eines alten Pergaments – als Tecenis plötzlich zusammenzuckte.
      „Geh auf dein Zimmer!“ Arbor ballte seine rechte Hand zur Faust, und das Kohlefeuer unter seiner Destille erlosch.
      „Was? Wieso?“ Längst wusste Aer, dass es eine Dummheit war, Rechtfertigungen von Arbor einzufordern, doch dieses Mal überraschte ihn das Verhalten des Alten; irgendetwas musste vorgefallen sein, und Aer fürchtete, dass irgendwie sein Plan aufgeflogen war.
      Halt dein Maul und tu, was ich dir sage! Beeil dich!“ Hastig für die Verhältnisse des alten Magiers kam Tecenis auf die Beine. „Na los!“
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Na das ist doch mal sehr vielversprechend. Es ist ein langer Weg, könnte aber zum Ziel führen. Hoffnung keimt in mir!
      Und wer mag da zu Besuch kommen, dass der Alte so hektisch wird? Spannend! Nur gut, dass du deinen Output erhöhen willst. ^^
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Hi Myrti ^^

      Myrtana222 schrieb:

      Vor wem fürchtete sich Tecenis so sehr?
      ... siehe unten XD
      ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass Tecenis sich vor irgendwem fürchten konnte :hmm:
      Ein sehr deutliches foreshadowing?
      (Nimm das nicht so ernst. Ich beherrsche diese Kunst selbst überhaupt nicht, also darf ich eigentlich auch nicht meckern XD)

      Myrtana222 schrieb:

      Über die Antwort auf diese Frage machte sich Aer jedoch nur noch wenige Gedanken. Wahrscheinlich gab es niemanden, den Tecenis zu fürchten hatte, und die Schlösser hatten sich als einfache und effektive Methode erwiesen, ungewollte Gäste abzuhalten – und Gefangene am Fliehen zu hindern.


      Ansonsten hab ich gar nichts anzumerken :D
      Liest sich wie immer flüssig und ich bin gespannt, wer da aufmarschiert ^^
      Dreck auf Toast!
    • Eine meiner Lieblingsgeschichten!

      Aber da nur Loben nicht weiterhilft, siehe unten.

      Myrtana222 schrieb:

      Vor wem fürchtete sich Tecenis so sehr?
      Über die Antwort auf diese Frage machte sich Aer jedoch nur noch wenige Gedanken.
      Hier bin ich mir nicht sicher, sind dies Aers Gedanken oder die des Autors. Es scheint im Text zu wechseln, oder?

      Myrtana222 schrieb:

      und Gefangene am Fliehen zu hindern
      Vorschlag: und Gefangene an der Flucht zu hindern

      Myrtana222 schrieb:

      Geflecht der Gedanken unterzuweben vermag
      Vorschlag: einzuweben oder hineinzuweben

      Myrtana222 schrieb:

      eine verquere Form es Stolzes
      des Stolzes

      Myrtana222 schrieb:

      Aer fürchtete, dass irgendwie sein Plan aufgeflogen war.
      Vorschlag: Aer fürchtete, dass sein Plan irgendwie aufgeflogen war.
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Seine Bücher unter den Arm geklemmt stolperte Aer dem Alten hinterher. Nie hatte er Tecenis so schnell laufen sehen, und genau das beunruhigte ihn mehr als alles andere. Es ging hier nicht um ihn und seinen Ausbruchsplan, das hatte er verstanden – und doch konnte die Unruhe nichts Gutes für ihn bedeuten.
      Mit verschlossener Miene stieg Tecenis die Stufen neben Aers Zimmer hinab, und das Klacken seines Stocks ging ihm voraus. Nur kurz warf er einen Blick zurück auf den Jungen, der die Tür seines Zimmers geöffnet hatte, dann verschwand Tecenis aus der Sicht Aers.
      Und der Junge schlug die Tür wieder zu. Arbor würde nicht wollen, dass er sein Zimmer verließ, und so würde sich das magische Schloss nicht mehr öffnen, bis der Grund für Tecenis' Unruhe wieder verschwunden war. Doch auch auf die Gefahr hin entdeckt zu werden, musste Aer wissen, was nun schlussendlich vorgefallen war, und er wusste auch genau, wie er das herausfinden würde.
      Außer der kostbaren Einsamkeit wies der Tunnel im Mantel des Turms einen weiteren, entscheidenden Vorzug auf; jedes Gespräch in den angrenzenden Räumen hallte hier wider, wurde von den glatten Wänden zurückgeworfen und verstärkt, gerade genug, um alles zu verstehen. Wenn Tecenis den Turm nicht verließ, würde er vielleicht genug aufschnappen können.
      Und so stieg Aer in den Tunnel, folgte leise, aber schnell seinen Windungen, und irgendwann hörte er das Pochen des Stabs neben sich. Noch immer mühte sich Tecenis die Stufen hinab; Aer glaubte sogar, seinen Atem zu hören, den seine Lungen schwer und prasselnd aus seiner Kehle pressten.
      Dann öffnete sich der Eingang des Turms; Aer kannte das Schaben, hatte es schon einige Male gehört, wenn Tecenis den Turm verließ oder Celwig mit einem Auftrag nach draußen schickte. Mehr als einmal hatte er versucht, an der Seite des Knechts vorbei in die Freiheit zu entfliehen, doch die Tür öffnete sich nicht, wenn er ihr zu nahe war.
      Tecenis verlässt also den Turm. Nun stieg doch Panik in dem Jungen auf; wahrscheinlich würde er die Tür seines Zimmers nicht mehr öffnen können, bis Tecenis zurückgekehrt war, und sollte ihn der Magier hier draußen erwischen, musste er mit mehr als den üblichen Prügeln rechnen.
      Doch dann hörte er die Schritte; feiner, bedachter schwang ihr Klang durch den Raum, mit einer Sicherheit, die spürbar in jedem Abrollen des Fußes lag. Jemand Fremdes hatte den Turm des Magiers betreten.
      „Guten Abend, Tecenis.“ Die Stimme hatte einen Anflug von Herausforderung, einen kaum wahrnehmbaren Spott, unterschwellig wie der sanfteste Pinselstrich eines Malers auf der Grundierung seines Gemäldes. „Eine Freude, dich bei bester Gesundheit zu sehen.“
      „Was willst du hier“, hallte das Brummen des Alten durch den Schacht. „Hattest du nicht den Anstand, eine Taube loszuschicken?“
      Der Fremde lachte kurz. „Dass gerade du dieses Wort in den Mund nimmst. Anstand. Als ob wir den nicht längst alle abgelegt hätten, du als aller erster.“
      Zu Aers Verwunderung widersprach Tecenis nicht. Ohne ein weiteres Wort entfernten sich die Schritte, und Aer ging davon aus, dass Tecenis dem Fremden bedeutet hatte, ihm zu folgen. Hastig tastete sich Aer die Wand entlang; bis auf das Licht, dass hier durch eines der gelegentlichen Fenster fiel, war es stockdunkel. Trotzdem musste er sich beeilen, denn sein Weg war länger als der der beiden auf der Treppe.
      Zwei Windungen des Gangs weiter veränderte sich das Geräusch der Schritte; Tecenis und sein unerwünschter Gast hatten die Treppe verlassen. Schnell trat Aer an eines der Fenster und blickte auf die Stadt herab. Der gestampfte Lehmboden Liminas befand sich nur wenige Meter unter ihm, und so konnten sich die beiden nur im Speisesaal befinden.
      „Celwig! Bring uns etwas zu trinken.“ Nur noch schwach drangen die Worte des Magiers an sein Ohr; Aer musste sich anstrengen, das Gesagte zu verstehen. Dann hörte er das Schaben zweier Becher, die über den Tisch gezogen wurden.
      „Fang endlich an. Was treibt dich her?“
      „Du weißt, worum es geht“, meinte der Fremde ungehalten. Einsichtig seufzte der Alte.
      „Celwig, lass uns allein. Unser Gast bekommt sein Maul nicht auf, solange du hier bist.“
      Schritte entfernten sich, Becher wurden gehoben und wieder abgesetzt. Ohne nochmals aufgefordert zu werden, begann der Fremde zu sprechen.
      „Wir sind nicht begeistert, dass du an keinem der Treffen mehr teilnimmst.“ Noch immer klang die Stimme des Mannes ruhig, fast ein wenig gleichgültig, so als wäre ihm der Wille der ominösen 'wir' recht egal. „Du hängst mit deinem Anteil hinterher.“
      „Meinen 'Anteil' habe ich schon lange abgegolten, für alle Jahre meines Lebens und darüber hinaus. Ich genieße keine Vorteile mehr durch den Bund, also lasst mich mit euren Angelegenheiten in Frieden.“
      „Du bist Teil einer Schuld, die nie abgegolten sein wird.“ Die Stimme des Fremden hatte einen deutlich schärferen Ton angenommen. „Niemand nimmt dir dein kleines Exil an diesem Ort, der nach Kuhscheiße stinkt, niemand ist sonderlich erpicht auf deine Anwesenheit. Aber manchmal wirst auch du gebraucht. Hamilton ist tot, Gem auch, beide ohne Nachfolger.“
      Für einen langen Augenblick blieb Tecenis stumm. „Hamilton hatte doch diesen Feskaljar-Jungen ...“
      Der ist bei irgendetwas umgekommen, und das kurz bevor seinen Herrn der Schlag getroffen hat. Gem wurde lange genug ermahnt, sich einen Lehrling zu suchen, aber vor seiner letzten Reise kam nicht mehr zurück als Blut und Knochen. Es müssen Entscheidungen getroffem werden, Tecenis, und wohl oder übel brauchen wir auch deinen Kopf und deine Stimme. Von den Alten sind nur noch wenige übrig geblieben.“
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Das wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet... Ein Magierzirkel, der an der Abarbeitung einer Schuld arbeitet. Und die mächtigen Magier sterben! Und auch Lehrlinge scheinen gefährlicher zu leben, als bisher gedacht... Was ist hier los?
      Aber gut, das Aer so gar nicht gebrochen ist. Klar hat er Angst, aber er setzt sich klar über Anweisungen hinweg, wenn die Chance besteht, nicht erwischt zu werden. Aber ich fürchte fast, die neuen Entwicklungen machen seine Flucht nicht leicher...
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Na, womöglich wird Aer hier wirklich zu einem Nachfolger aufgebaut.

      Myrtana222 schrieb:

      was nun schlussendlich vorgefallen war
      Hier ist ja noch nichts vorgefallen.
      Vorschlag: Er musste herausfinden, was hier vor sich ging.

      Myrtana222 schrieb:

      Entscheidungen getroffem werden
      getroffen

      Myrtana222 schrieb:

      Fang endlich an
      Vorschlag: Sprich schon...
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Myrtana222 schrieb:

      unterschwellig wie der sanfteste Pinselstrich eines Malers auf der Grundierung seines Gemäldes.
      Der Vergleich gefällt mir :D

      Myrtana222 schrieb:

      „Was willst du hier“, hallte das Brummen des Alten durch den Schacht.
      Fragezeichen

      Ohmann ... der Teil stinkt.
      Der wirft ja mehr Fragen auf, als er beantwortet XD
      Aber ich hoffe, dass die Informationen Aer zuträglich sind. Er scheint ein cleverer Kerl zu sein :D
      Dreck auf Toast!
    • Windweber schrieb:

      Das wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet...

      Miri schrieb:

      Ohmann ... der Teil stinkt.
      Der wirft ja mehr Fragen auf, als er beantwortet XD
      :D Es herrscht Einigkeit, wir wollen Antworten. Also schön fleißig weiterschreiben! ^^
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Zwei sehr schön geschriebene Teile. ^^
      Es war klar, dass es nicht so einfach wird, den Zauber der Türen zu brechen, aber Aer ist ja schon erstaunlich weit gekommen. Dafr, dass er das Lesen und Rechnen erst gelernt hat, geht das unglaublich schnell voran. Selbststudium, um ein persönliches Ziel, das einem viel bedeutet, zu erreichen, ist immer noch die schnellste Art, etwas zu lehren. ^^
      Jetzt würde mich aber mal interessieren, wer dieser Fremde ist. Von welchem Bund sprechen die da genau?Scheint ja eine geheime Sache zu sein, wenn die beiden Männer da in Ruhe und ohne weitere Ohren drüber sprechen :hmm:
      Es bleibt spannend und ich hoffe, es geht eilig und in großen Schritten weiter! :)

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Wieder seufzte Tecenis, tief und leidvoll. „Ich hatte nicht vor, noch einmal dieses Haus aufzusuchen.“
      „Daran führt für dich kein Weg vorbei. Es sind andere Zeiten angebrochen, Tecenis. Die Augen zuzumachen kann sich niemand mehr leisten.“
      „Es wird eine Weile brauchen, bis ich abreisebereit bin. Ich bin alt, und die Wege sind nicht einfacher geworden.
      „Deshalb komme ich jetzt.“ Wieder stellte der Fremde seinen Becher ab. „Das Treffen ist im Frühjahr, wenn der Schnee geschmolzen und die Straßen noch einigermaßen sicher sind.“
      „Am üblichen Tag also“, brummte Tecenis.
      „Schön, dass du dich so gut daran erinnern kannst, obwohl du doch so lange nicht mehr bei uns gewesen bist.“ Erneut lachte der Fremde kurz und mit einem Anflug von Spott. „Da wäre nur noch eine Sache.“
      „Was denn?“, fragte Tecenis verärgert über das Gebaren des Fremden, aber auch verwundert.
      „Dachtest du, ich bin wirklich so dumm? Ich weiß, dass uns jemand zugehört hat.“
      Urplötzlich spürte Aer, wie ihn etwas von den Füßen riss, ihn von der Bürde der Schwerkraft befreite. Hilflos ruderten seine Arme in der Luft, seine Fingernägel kratzten hilflos über Stein, und erschrocken schrie der Junge auf. Schmerzhaft schlug sein Kopf an die Wand, dann wurde Aer von Zauberhand über den rauen Boden des Gangs geschleift. Wie ein Wurm von einem Vogel wurde Aer aus seinem Loch in das unerbittliche Licht des Tages gezerrt, entblößt und seines einzigen Schutzes beraubt. Geistesgegenwärtig krallte er sich in den Rahmen einer Tür, hielt sich mit aller Kraft seines Körpers und aller Macht seines Willens fest. Doch die unsichtbare Macht blieb erbarmungslos; nach und nach lösten sich die Finger des Jungen, und schmerzhaft schlugen sein Schädel und sein Rücken gegen die Stufen der Wendeltreppe.
      Benommen erkannte Aer den binsengedeckten Boden des Speisesaals, und noch einmal versuchten seine wunden Finger, an der glatten Fläche Halt zu finden. Dann fand sich Aer aufrecht sitzend in einem der Sessel wieder, unfähig, seine Arme und Beine zu bewegen.
      „Wen haben wir denn da?“ Ängstlich flog Aers Blick zwischen dem Gesicht des Fremden und Tecenis hin und her. Das bisschen Verstand, das Aers Schleier der Furcht zu durchdringen vermochte, hätte erwartet, Zorn in den Zügen des Alten zu lesen. Doch da war kein Zorn, nur Bestürzung, eine leichenblasse Sorge. „Ein Junge! Ein ganz schön hübscher noch dazu, nur ein bisschen blutverschmiert.“
      Tecenis blinzelte lange, rang um Fassung, und seine Finger krallten sich in die Armlehnen seines Stuhls. „Das ist mein Schüler Aer. Ich hatte ihn gebeten, auf seinem Zimmer zu bleiben und uns nicht zu stören.“
      „Wie unhöflich von dir, uns nicht vorzustellen. Mein Name ist Peristeris, und du hast jetzt ein ziemlich großes Problem.“
      Erst jetzt fand Aer die Ruhe, sich die Züge des Fremden wirklich anzusehen. Zu seiner Verwunderung schien der Fremde deutlich jünger als Tecenis zu sein, vielleicht nicht einmal halb so alt. Keine graue Strähne zog sich durch sein halblanges Haar, und ein leichter, sorgsam gestutzter Bart bedeckte sein Kinn und einen Teil seiner Wangen. Aer blieb stumm, blickte nur mit keuchendem Atem umher, betäubt von der Furcht vor dem, was ihm nun geschehen mochte.
      „Der Junge weiß von nichts. Egal, was er gehört hat, er hat es nicht verstanden.“ Nun wandelte sich doch der Ausdruck des Alten, gewann an Zorn, verlor an Überraschung. „Er ist schlicht und einfach dumm, unfähig zu irgendetwas.“
      „Er hat genug gehört und genug verstanden. Warst du nicht selbst ein Verfechter davon, so konsequent wie möglich vorzugehen? Wir haben einst einstimmig beschlossen, was in einem solchen Fall getan werden muss. Der Junge stirbt, oder er wird eingewiesen – so weit er Wert für uns hat.“
      Tecenis verengte die Augen zu schlitzen, dachte nach. Mit einem Gesicht, als hätte er Galle geschluckt, nickte er schließlich. „Ich bringe Aer auf das Treffen mit. Erwartet mich am ersten Tag.“
      Breit grinste Peristeris den alten Magier an. Er hatte gewonnen, schlussendlich seinen Willen durchgesetzt, und Peristeris war anzusehen, dass er seinen Triumph genoss. „Dann möchte ich nicht länger deine Gastfreundschaft ausnutzen. Ich werde in der Stadt nach einer Bleibe für mich suchen.“
      Zustimmend brummte Tecenis; Aers Herz krampfte sich vor Furcht zusammen, als er den Meister anblickte. In den Augen des Alten lag Mord, und noch wusste Aer nicht, wem dieses Verlangen galt.
      Tecenis wartete jedoch, bis Peristeris die Treppen hinabgestiegen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, bevor er zu sprechen begann.
      „Du hast keine Ahnung, was du getan hast. Du weißt nicht, was du dir mit dieser Dummheit eingebrockt hast.“ Müde fiel der Blick des Magiers auf die zerscheuerten, blutigen Knie des Knaben. Auch die Arme des Jungen waren von blutenden Wunden und Kratzern übersät, und aus einem Fleck an seinem Hinterkopf lief ihm der Lebenssaft über den Nacken, färbte sein Hemd rot. Wimmernd blieb Aer in seinem Sessel sitzen, zwar wieder fähig, sich zu bewegen, doch noch immer betäubt vor Angst.
      Mit Hilfe seines Stabes richtete sich Tecenis auf, schüttelte langsam den Kopf. „Aber es ist auch meine Schuld. Ich bin töricht. Ich bin alt, so alt, dass ich mich von einem solchen jungen Milchgesicht an der Nase herumführen lassen habe. Peristeris wusste von Anfang an, dass du uns zuhörst, und er hat dich absichtlich mithören lassen. Er hat ein außerordentliches Gespür dafür, wer sich in seiner Nähe befindet. Vielleicht hätte er auch deine Anwesenheit bemerkt, wärest du in deinem Zimmer geblieben.“
      Aer verstand kaum, was Arbor vor sich her murmelte, und es war ihm auch nicht wichtig. Wahrscheinlich hätte er sich auch nicht getraut, die Fragen zu stellen, die ihm durch den Kopf schossen. Was ist los? Was ist gerade passiert? Was passiert jetzt mit mir?
      Geh zu Celwig und lass deine Wunden versorgen. Wir sprechen später.“ Mit klackendem Stab verließ Tecenis das Zimmer, dunkel vor sich hinbrütend, den Jungen zurücklassend, dessen Tränen erst jetzt flossen, als der erste Schock überstanden war.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille
    • Myrtana222 schrieb:

      „Es wird eine Weile brauchen, bis ich abreisebereit bin. Ich bin alt, und die Wege sind nicht einfacher geworden.(Gänsefüßchen)

      Myrtana222 schrieb:

      Hilflos ruderten seine Arme in der Luft, seine Fingernägel kratzten hilflos über Stein,

      Myrtana222 schrieb:

      „Geh zu Celwig und lass deine Wunden versorgen. Wir sprechen später.“
      ... Meeeh
      Jetzt muss ich ja schon wieder warten XD
      Dreck auf Toast!
    • Der Fremde ist also auch ein Magier und hat noch dazu bemerkt, dass Aer gelauscht hat. Das hört sich an, als gibt es deshalb noch Ärger. Zumal mich Tecenis Stimmung irgendwie seltsam nervös macht. Da scheint nichts Gutes auf Aer zu warten, wenn Tecenis ihn mit zu diesem seltsamen "Verein" nimmt. Es bleibt alles sehr geheimnisvoll, düster und unheimlich. ^^

      LG, Kyelia

      Für eine Welt, die mehr Einhörner braucht! #Vote4Jen!
    • Da ich jetzt ewig nichts mehr gepostet habe, muss ich etwas dazu sagen.
      Im Moment mache ich meine Bachelorarbeit und habe leider nicht annähernd genug Zeit, an der Geschichte zu arbeiten. Ich habe einiges handschriftlich bereits fertig, aber im Moment fehlt mir einfach der Elan, das auch noch abzutippen.
      Dafür habe ich jetzt einen ziemlich langen Post für euch, leider der letzte für einige Zeit:





      Tecenis sollte ihn die nächsten Tage kein einziges Mal auf jenen Vorfall ansprechen. Aus irgendeinem Grund zog der alte Magier es vor, so zu tun, als hätte jener Abend nie existiert, und Aer hatte nicht das Bedürfnis, ihn daran zu erinnern.
      Umso dringender wuchs der Wunsch des Jungen nach Freiheit; Aer war klar, dass er bis zu diesem Tag, an dem Tecenis sich zu dem Treffen aufmachen würde, aus dem Turm verschwunden sein musste.
      Und so übte und lernte er, wann immer Tecenis es zuließ. Lange hatte er darüber nachgedacht, an welcher Tür er seine wachsenden Fähigkeiten erproben sollte. Aer traute Arbor zu, jeden fehlgeschlagenen Versuch zu bemerken, eines der Schlösser zu öffnen, und so kam es für den Jungen nicht in Frage, seine ersten Experimente an den Zimmertüren auszuprobieren.
      Zu seinem Glück hortete Tecenis eine unglaubliche Menge an Plunder, über die der Magier wahrscheinlich selbst die Übersicht verloren hatte. Bei der Suche nach Utensilien, die er für Arbor zusammensuchen sollte, fiel Aer eine Schatulle in die Hände, gefertigt aus dünnem Blech, ohne ein Schloss – und da kam dem Jungen ein Gedanke. Sollte es möglich sein, ein Schloss zu brechen, das man selbst erschaffen hatte? War es möglich, den eigenen Willen zu überlisten?
      Aer blieb nicht viel Zeit, diese Möglichkeit lange zu überdenken. In den letzten Wochen hatte er sich ein gigantisches Wissen angeeignet, recherchiert, Berechnungen durchgeführt. Vielleicht war es ihm möglich, ein magisches Schloss zu erstellen, und vielleicht war das der Umweg, den er nehmen musste, um schlussendlich diesen Ort verlassen zu können.
      Und so übte der Junge, Tag und Nacht. Vom Schreibtisch des Magiers stahl er eine kleine Phiole mit Chlorkobald-Tinte; diese blieb nur für wenige Minuten sichtbar und verblasste dann bei Kontakt mit Luft und Licht. Zauberkundige nutzten sie, wann immer sie nicht wollten, dass eine Verzauberung sichtbar blieb, und auch alle Türen des Turms waren mit dieser Tinte beschrieben worden. Aer zweifelte nicht daran, dass die Wände des Turmes überall unsichtbare Schriftzeichen trugen, dass in jedem Stein die Zauber des alten eingewoben waren, nicht ein Fleck dieses Gebäudes nicht mit seiner Macht durchwirkt war.
      Vorsichtig tunkte Aer einen Pinsel in die bläuliche Flüssigkeit, zog sorgsam auf der Schatulle die Runen nach, die er sich auf einem Pergament notiert hatte.
      Selbst, wenn sein Zauber misslang, sollte das einmalige Aufzeichnen der Runen ausreichen, um den Zauber wiederholen zu können – vorausgesetzt, er hatte genau genug gearbeitet. So zog der Junge jede Linie mit absoluter Sorgfalt, suchte die exakten Punkte, bemessen an den Ausmaßen der Schatulle.
      Dann legte er den Finger auf eine Rune, konzentrierte sich, sammelte seinen Geist.
      Und nichts geschah. Irritiert zog der Junge am Deckel der Schatulle, öffnete sie ohne jeglichen Widerstand. Erneut legte er den Finger an den langsam verblassenden Punkt, konzentrierte sich, doch vergebens; wieder öffnete sich die Schatulle ungehindert. Frustriert ließ Aer sie auf sein Bett fallen, legte sein Gesicht in seine Hände.
      Irgendetwas machte er falsch. Natürlich. Wie konnte ich auch glauben, dass ich auf Anhieb alles richtig mache? So bald würde er noch nicht aufgeben. Er würde weiter seine Bücher wälzen und Tag und Nacht üben, bis es ihm gelingen würde.
      Doch für heute hatte Aer genug.

      Kalt und unerbittlich kam der Herbst, fraß sich durch die Lande, saugte die Lebenskraft aus den Blättern und ließ die Bäume kahl zurück. Durch sein kleines Fenster sah Aer den Menschen zu, wie sie die Ernte feierten, die Ernte und den Umstand, dass ein weiteres Jahr ohne Krieg und Hunger vergangen war. Der Tod mochte der Welt sein Gesicht zugewandt haben, doch die Menschen hinter ihren Palisaden aus Holz und ihren Öfen aus Stein kannten nicht der Angst der Dinge, die als einzigen Schutz das dichte Dach der Baumkronen hatten. Aer kannte sie, diese Angst auch wenn er nur das Ende des Winters auf den Straßen miterlebt hatte. Er wusste, wie es sich anfühlte, mit leerem Magen und zitternd auf bloßem Stein zu schlafen, gekauert an andere, die sein Schicksal teilten und sein Sehen nach Wärme. Oft genug hatte er gesehen, wie ein anderer, der sich am Abend noch zum Schlafen gelegt hatte, das Morgengrauen nicht mehr miterlebte, die Lippen blau, der Körper kalt. Verhungert oder erfroren in der Dunkelheit der Nacht.
      So sehr Aer sich vor diesen Qualen fürchtete, würde er doch die Straßen diesem grauen Turm vorziehen, diesem düsteren Gemäuer und seinem Herrn. Noch immer missbrauchte ihn der Alte, wann immer er seine Gelüste nicht im Zaum zu halten vermochte, und Aer, der geglaubt hatte, sich an den Schmerz gewöhnen zu können, wurde längst eines Besseren belehrt.
      Und doch, nach dieser langen Zeit im Klammergriff des Alten, kehrte an jenem Tag etwas von dem Jungen in ihn zurück, der er einst gewesen war. An dem Tag, an dem ein Leidgenosse den Turm des Magiers betrat.
      Tecenis hatte sein Heim bereits am frühen Morgen verlassen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, welchen Grund sein seltener Ausgang hatte. Natürlich hatte der Junge jeden Tag außerhalb der Aufsicht des alten Magiers zu schätzen gelernt – doch irgendetwas an Arbor weckte seinen Argwohn, ließ ihn mit einem sonderbaren Gefühl zurück, und Aer wusste: Sonderbar bedeutete hier nur selten etwas Gutes.
      Am Abend kam Tecenis wieder. Schrill schrien die Scharniere der Eingangstür auf, als Tecenis sie aufstieß, klackend schlug sein Stock auf den Stein der Treppe. Doch auch ein leichterer Schritt folgte seinem schweren Stapfen; die Schritte eines Jungen.
      Aer blieb das Herz stehen, als er den Unbekannten zum ersten Mal sah. Zitternd trat er ein, durchnässt von dem schweren, kalten Herbstregen, angetrieben vom Stab des Magiers, mit dem er seinen jüngsten Fang in sein Verderben stieß. Nichts an dem Jungen wirkte ungewöhnlich. Er war nicht weniger mager als alle, die auf der Straße leben mussten, und ebenso war er auch nicht ungewöhnlich groß oder kräftig. Beileibe konnte sich Aer nicht vorstellen, was Tecenis mit dem Jungen anstellen wollte.
      „Das ist Malleo. Er wird mir mit meiner Forschung … etwas zur Hand gehen“, erklärte sich Tecenis knapp, als er Aers Blick bemerkte. „Celwig! Trag etwas zu Essen auf. Malleo muss bei Kräften sein, wenn er uns behilflich sein möchte.“
      An der großen Tafel herrschte eine Stimmung wie auf einer Beerdigung. Eifrig schaufelte der Junge den Haferbrei in sich hinein, den Celwig ihm mit zittrigen Händen servierte. Oft trafen sich die Blicke der etwa gleich alten Knaben, doch schüchtern wandte Malleo seine Augen immer wieder ab. Renn, solange du noch kannst, hätte Aer ihm am liebsten zugeschrien. Egal, was er mit dir vor hat, es kann nichts Gutes sein. Renn, solange du noch kannst. Doch Aer wusste, das Schicksal des Fremden war besiegelt.
      „Celwig und ich werden Malleo jetzt sein Zimmer zeigen“, sagte Tecenis schließlich steif und überbetont, nachdem der Straßenjunge aufgegessen hatte. „Du hast diesen Abend frei, Aer. Nehme dir noch ein Buch aus der Bibliothek.“
      Wortlos nickte Aer, ließ die drei jedoch nicht aus den Augen, als sie den Speisesaal verließen. Irgendetwas ging hier vor, und Tecenis legte wohl großen Wert darauf, dass er davon nichts mitbekam. Umso wichtiger war es natürlich herauszufinden, was Tecenis mit Malleo vor hatte.
      Trotz seiner unliebsamen Begegnung mit Peristeris hatte Tecenis ihm nicht verboten, den Zwischengang des Turms zu nutzen. Allgemein hatte sich der Magier ihm gegenüber sonderbar verhalten, zurückhaltender, als plagten ihn Gewissensbisse. Aer legte seine Hand an die steinerne Kante des Tunnels, zögerte. War es denn Klug, was er da vor hatte? Hatte ihm seine Neugierde nicht bereits immensen Schaden beigebracht? Wollte er wirklich wissen, was Tecenis und der Knecht dort unten mit dem Jungen anstellten?
      Mit einem energischen Kopfschütteln wischte Aer seine Bedenken fort. Es führte kein Weg daran vorbei, er musste erfahren, womit er es zu tun hatte, was dort unten geschah.
      Der Klang der Schritte der dreien führte Aer hinab in die Tiefen des Turms. Irgendwann, als der Turm den festgestampften Lehm der Straßen durchbrach, fiel auch kein Licht mehr von Außen in den Schacht. Aer tastete sich durch die Dunkelheit, wusste, dass er zu langsam vorankam. Tecenis musste mit seinem Anhängsel bereits im Keller angekommen sein.
      Um eine Wundung des Tunnels fiel Licht, erhellte matt, kaum wahrnehmbar die Dunkelheit. Es reichte gerade aus, dass Aer den Umriss eines Ausgangs erkannte, eines Halbkreises, der sich von dem düsteren Gemäuer abhob.
      Sie müssen in der Nähe sein, dachte sich Aer. Etwas von ihrem Fackelschein dringt bis hier her durch.
      Dann erklang das Knallen einer Tür, die unsanft zugeschlagen wurde, so plötzlich, dass Aer zusammenzuckte. Nur mit Mühe kämpfte er den Schreckenslaut nieder, der mit aller Macht versucht hatte, seiner Kehle zu entkommen.
      „Ich koche ihm noch einen Trank, den du ihm bei Einbruch der Nacht bringst“, hörte Aer die Stimme des alten Magiers, fast so deutlich, als stünde er neben ihm. „Hat wahrscheinlich seit Wochen keinen sauberen Tropfen Wasser bekommen. Ich will nicht, dass er sich die Seele aus dem Leib scheißt.“
      „Wann.“ Dieses Wort war das erste, das Aer von Celwigs Lippen hörte, das an Arbor gerichtet war. Erst glaubte Aer, dass Celwig noch einmal nach dem Zeitpunkt seines Auftrags fragte, doch der Knecht hatte nur Schwierigkeiten zu sprechen. „Wann redet Ihr mit ihm darüber?“
      „Aer?“, antwortete Tecenis, und seine Stimme klang dabei leicht amüsiert. „Das wird überhaupt nicht nötig sein.“
      „Ihr könnt es nicht ewig vor ihm verbergen. Irgendwann findet er es heraus.“
      „Du verstehst mich falsch.“ Der Lichtkranz der Fackel näherte sich dem Versteck des Jungen, und Aer wich weiter in die Schatten zurück. „Er wird daran teilhaben müssen. Er ist mein Lehrling, und er wird lernen müssen, dass zum Wohl des Wissens Dinge getan werden müssen, die einem Leid bereiten.“
      „Ich denke nicht, dass er so weit ist“, quälte Celwig rau Worte über seine Lippen. „Gebt ihm noch etwas Zeit.“
      „Er muss. Jetzt. Es kommen weitaus schlimmere Tage auf ihn zu, und das hat er sich selbst zu verdanken. Bis dahin muss er hart werden, und das wird er nicht, wenn wir ihn zu sanft anfassen.
      Aber, was ich eigentlich meinte ...“ Tecenis machte eine Pause, und nur das sachte Brausen der Fackel füllte die Stille des Kellers aus. „Es ist nicht nötig, Aer noch irgendetwas zu sagen. Wahrscheinlich sitzt er hier irgendwo in einem dunklen Eck und hört uns zu, nicht wahr?“
      Erschrocken, mit pochendem Herzen zwängte sich Aer an die Wand des Tunnels, erwartete jeden Moment, dass Tecenis ihn aus seinem Loch zog – doch der alte Magier schnaubte nur auf, und bald verklang das Pochen seines Stabs.
      Mit einem erleichterten Seufzen blieb Aer einen Moment sitzen, atmete durch, sammelte seine Gedanken. Jetzt hatte er endlich die Bestätigung dafür, was oder wer sich hinter den Türen befand; Menschen, vielleicht Kinder wie er selbst, doch ihr Zweck musste ein anderer sein.
      Und Aer erschauerte bei dem Gedanken, welchen Zweck sie erfüllen könnten.
      Phyrene lag am Rande eines Hügels, inmitten des Waldes, als versuche es,sich zwischen den Stämmen zu verstecken, unsichtbar zu werden in einer Welt, inder das Unauffällige überlebte. Ein Palisadenwall umgab die Stadt und die Höferingsum, schien die letzten Spuren der Menschlichkeit einzufassen, als könntesie durch die kleinste Lücke entströmen und in der Unbarmherzigkeit der Zonevergehen, verklingen wie der letzte Ton eines Liedes.
      Das Lied der Stille