Schreibwettbewerb Februar/März 2017 - Voting & Siegerehrung

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    • Schreibwettbewerb Februar/März 2017 - Voting & Siegerehrung

      Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 19
      1.  
        Was hinter dem Mond ist, sollte da bleiben ... (7) 37%
      2.  
        Sanftes Licht (2) 11%
      3.  
        Die Dinosaurier auf dem gefrorenen See (1) 5%
      4.  
        Kinder des Mondes (1) 5%
      5.  
        Gibt es Drachen hinterm Mond? (6) 32%
      6.  
        Mysterien (2) 11%
      Hey alle miteinander! :)

      Auch dieses Mal sind wieder eine Menge Kurzgeschichten bei uns eingetroffen und zwar nicht weniger als 6 Stück! Wie immer hoffen wir auf eine hohe Wahlbeteilung, auf das die beste Geschichte gewinnen möge!

      Und somit geht der Schreibwettbewerb Februar/März 2017 ins entscheidende Uservoting.

      Folgendes Thema wurde von unserem letzten Gewinner Zarkaras Jade vorgegeben:

      Hinter dem Mond

      Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)

      ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!

      Das Voting dauert bis 31. März 2017 um 23:59:59 Uhr.

      Viel Spass beim Lesen und Voten! :)

      Euer Fantasy-Geschichten Forum
    • Was hinter dem Mond ist, sollte da bleiben ...
      von Chnorzi

      Die Krone hatte ihn zur Raumstation geschickt, als die Kommunikation abgebrochen war. Ihn und zwei weitere Agenten des Templerordens. Nun tauchte die Station schwarz und unscheinbar hinter dem Mond auf, hinter welchem sie all die Jahre erfolgreich versteckt gehalten worden war. Sie war finster, das fiel Nathan sofort auf. Kein einziges Licht brannte. Nicht einmal die Notbeleuchtung für die Andockbucht war auszumachen. Sein Blick traf jener seiner Brüder. Keiner von ihnen schien mehr der Überzeugung, dass es Überlebende gab.
      «Wir sollten sie in die Luft jagen. Gleich hier und jetzt», schaltete sich der Pilot missmutig ein, dessen Schirmmütze etwas schief in die Stirn hing.
      «Die Befehle lauten: Forschungsdaten sichern», herrschte ihn Ming an, der mit gestrafften Schultern und hinter dem Rücken verschränkten Händen zwischen Nathan und dem dritten Agenten – Jarim – stand, «Und wir werden genau das tun. Nicht mehr und nicht weniger.»
      Nathan warf Jarim einen kurzen Blick hinter Mings Rücken zu. Mehr war nicht nötig. Ming war kaum aus der Akademie raus und hielt sich bereits für den Grössten. Er hatte zwar als Jahrgangsbester abgeschlossen, doch bestand für die beiden älteren Semester kein Zweifel, dass er sich für besser hielt, als er tatsächlich war.
      «Ach halt’ die Klappe, Ming», grollte Jarim nach Austausch des vielsagenden Blickes und richtete seine Aufmerksamkeit wieder durch die Frontscheibe des Schiffes.
      Nathan zwirbelte derweil unruhig den Zipfel seines schwarzen Bartes. Die Sache gefiel ihm ganz und gar nicht. Vor allem, wenn man bedachte, dass auf dieser geheimen Station die Erforschung künstlicher Intelligenz betrieben wurde.
      «Wir docken gleich an. Rüstung anlegen», brummte Jarim und löste sich mit einem Ruck vom Frontfenster, um durch den Gang in den hinteren Teil des kleinen Transporters zu gelangen. Nathan liess Ming den Vortritt, welcher schnellen Schrittes versuchte, mit dem Hünen mitzuhalten. Der Asiate wirkte nervös. Seine Hände nestelten unablässig an seinem weissen Wappenrock. Er zerknitterte ihn, um ihn im nächsten Moment wieder glatt zu streichen. Schliesslich betrat auch Nathan den dunklen Gang, wobei er seine Schultern leicht kreisen liess. Was auch immer dort drüben passiert war, sie würden es herausfinden.
      «Mic-Check. Eins. Zwei. Drei. Falke? Kannst du mich hören?», schallte Jarims brummende Stimme aus Nathans Helm, welcher das Kopfstück seiner Rüstung bildete. Während das rote Tatzenkreuz auf dem weissen Wams die Brust zierte, erinnerte der Rest des Anzugs an die klassische Rüstung eines Ritters vergangener Jahrhunderte. Die Hierarchie bestand seit jeher darauf, die Ursprünge des Ordens stets in Ehren zu halten, also hatte sie Ingenieure und Forscher darauf angesetzt, selbst in Ausrüstungsfragen stets möglichst originalgetreu zu bleiben.
      Die Lautsprecher in Nathans Helm knackten leise, dann dröhnte die Stimme des Piloten in seinen Ohren: «Hier Falke. Rot-Eins, verstanden. Klar und deutlich. Andocken allerdings nicht möglich. Ihr müsst manuell rein, Leute»
      «Verstanden», gab Jarim knapp zur Antwort, als sich die Ladeluke des Schiffs langsam in Bewegung setzte und den Blick auf die Schwärze des Weltalls frei gab. Erschreckend, wenn man bedachte, dass man hier tatsächlich verloren gehen konnte.
      Aus dem Augenwinkel sah Nathan, wie Jarim knapp nickte.
      «Na dann wollen wir mal»
      Kaum waren die Worte verklungen, löste er sich mit einem kräftigen Satz von der offenen Ladeluke und segelte in Richtung der Landeplattform. Ming folgte, stiess sich allerdings einiges stärker ab und überholte den Koloss nach kurzer Zeit. Nath, der sich nach seinem Sprung gerade mit den Schubdüsen seines Anzugs hinter seinem langjährigen Freund positioniert hatte, sah, wie dieser die Fäuste ballte, als der Kleine an ihm vorbeirauschte. Ein schiefes Grinsen huschte über Nathans Gesicht. Jarim gab ungern die Führung ab. Vor allem nicht an solch einen Grünschnabel wie Ming, dem es offenbar entgangen war, dass die Krone ausdrücklich dem Koloss die Verantwortung für diese Mission übertragen hatte.
      Ming war gerade an der Noteinstiegsluke angelangt, als er nach der Notentriegelung des Andockschotts griff.
      «Warte gefälligst, du kleiner Scheisser!», hörte Nathan seinen Anführer durch den Helm bellen, doch Ming reagierte nicht auf den Funkspruch. Stattdessen betätigte er den Hebel, woraufhin die mechanische Entlüftung der Luke gestartet wurde. Der Koloss hatte den Trotzkopf erreicht, noch ehe er das Schleusentor öffnen konnte und packte ihn grob am Wams.
      «Das war ein Befehl, du Wurm! Deine letzte Chance zu gehorchen, wenn du nicht beim Latrinendienst landen willst!»
      Ming liess keinen Mucks verlauten, aber Nath konnte die vollen Hosen des Kleinen förmlich durch das Vakuum riechen.
      «Jarim. Die Zeit drängt», schaltete er sich schliesslich ein, als er die beiden Streithähne endlich erreicht hatte und legte seine Hand auf die Pranke seines grollenden Freundes. Diese löste sich nur widerwillig vom Wams des Asiaten. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zerrte der Hüne das Tor auf und betrat als erster die Luke. Die beiden anderen folgten, nicht aber ohne dass Nathan dem Knirps hinter dem Rücken ihres Anführers einen ordentlichen Klaps gegen den Helm verpasste.
      Die Schleuse verschloss sich hinter den drei Männern wieder, dann herrschte Stille. Lediglich Nathans eigener Atem, sowie das Rauschen seines Bluts in den Ohren vernahm er in der Dunkelheit der Kammer, welche nach einigen Momenten klickend und zischend mit verbrauchter Luft gefüllt wurde. Dann glitt das Tor zur Station leise rauschend auf. Zwei Lichtkegel entflammten und tauchten die leere Gangway in ein schauriges Licht, in welchem kleine Staubkörner einsam tanzten. Dann betätigte auch Nathan seine Helmlampe mit kurzem Knopfdruck.
      «Temperatur -130°C. Sauerstoffgehalt ist unter zwei Prozent. Die Lebenserhaltung ist eindeutig offline», flüsterte Mings angespannte Stimme zögerlich durch das Mic und noch ehe einer seiner Kollegen nach der Waffe griff, hatte Nathan die seine bereits fest umschlossen und machte sie mit einem leisen Surren scharf. Der Laserzielpunkt suchte ruhig seinen Weg durch die Dunkelheit in Richtung der Lichtkegel, dann setzte sich Jarim in Bewegung und schritt voran die finstere Gangway hinunter in den äusseren Forschungsring.
      «Der Generator für die Hauptenergie befindet sich im zentralen Knoten», schaltete sich Nathan leise ein, der sich die Pläne der Station vor der Mission genauestens eingeprägt hatte. Jarim nickte nur schweigend und deutete mit einem Handzeichen an, ihm weiterhin zu folgen. Mit der Waffe im Anschlag gehorchte Nathan wie so oft, während der Neuling ihren Rücken sicherte.
      Der äussere Forschungsring schien verlassen. Auch die ausladenden Fenster zu den Räumen zu ihrer Linken gaben nur den Blick auf ausgestorbene und schweigende Gerätschaften frei, die im Dunkel der Station nach Energie lechzten, um endlich ihre Arbeit fortzuführen.
      «Das ist unmöglich», ertönte abermals die flüsternde Stimme Mings über die Hörer, «Die Station zählt über hundert Besatzungsmitglieder… die können sich do-…»
      Seine Worte wurden jäh von einem lauten, metallischen Ächzen unterbrochen, welche die ganze Station zum Erzittern brachte. Geistesgegenwärtig warf sich Nathan mit dem Rücken gegen die Wand der Gangway und liess seinen Lichtkegel peinlich genau durch den Gang schweifen. Es war nichts zu sehen, aber es hatte sich so angehört, als ob die Hülle instabil und sich allmählich dem Druckunterschied zwischen All und künstlicher Atmosphäre ergeben würde. So plötzlich, das Geräusch erklungen war, war es nun wieder verstummt.
      «Was war d-…»
      «Klappe, Ming!», herrschte der Anführer seinen Gefolgsmann abermals an, «Hauptenergie. Los jetzt»
      Nath folgte dem Koloss schweigend, während er langsam durchatmete. Ming hatte Recht. So viele Menschen würden im zentralen Knoten kaum Platz finden. Wohin waren alle verschwunden? Jedenfalls hatten die Scans der Station gezeigt, dass noch alle Notkapseln vorhanden gewesen waren.
      Tief durchatmend folgte er Jarim, welcher den kleinen Trupp weiter durch den verlassenen Ring führte, bis sie schliesslich die Schleuse zum Kern erreicht hatten. Sie war fest verriegelt. Spätestens jetzt war Nathan klar, dass…
      «Das Notprotokoll wurde ausgelöst», murmelte Ming, der aussprach, was ihm gerade durch den Kopf geisterte. Kurzentschlossen öffnete Jarim die Klappe zur mechanischen Entriegelung und setzte sie mit ordentlich Muskelkraft in Bewegung. Mit einem lauten Klicken und einem hörbaren Zischen, entwich Luft aus dem Kern in die Gangway und schliesslich schwang das Tor ein Stück auf. Schliesslich stemmte Nathan unter Anstrengung den gewaltigen Türflügel auf.
      «Vater im Himmel…» keuchte Ming auf, als sein Lichtstrahl den gefrorenen und zerfetzten Leichnam eines Menschen streifte, welcher in einer grossen Blutlache direkt vor dem Schleusentor lag.
      Da. Ein Schatten im Augenwinkel. Ruckartig zerrte Nath seinen Helm herum, um die Bewegung mit seinem Lichtkegel einzufangen, doch zu spät. Er leuchtete in die ansonsten leere Gangway zum Kern. Adrenalin flutete seinen Körper, während er seinen Atem professionell kontrollierte.
      «Ich habe es auch gesehen», brummte Jarim kaum hörbar, während er offensichtlich den Griff um seine Waffe verstärkte, «Werte?»
      «Temperatur leicht erhöht. -102°C. Sauerstoffgehalt unter fünf Prozent. Das kann keiner überlebt haben», hauchte Ming kaum hörbar, dann herrschte wieder Stille. Nathan konnte es in Jarims Hirn förmlich rattern hören. Etwas hatte diesen Menschen auseinandergerissen und lauerte dort drinnen in der Dunkelheit.
      Nathan kniff die Augen leicht zusammen, als er den Strahl seiner Lampe über den toten Körper schweifen liess. Dann wurde sein Blick von ein paar Buchstaben angezogen, welche mit weisser Kreide auf die Schleusenwand geschrieben worden war.

      ‘ Ausser Kontrolle. Nicht öffnen. NICHT ÖFFNEN! ’

      «Jarim», brachte Nath lediglich über die Lippen während sich ihm die Nackenhaare aufstellten, als sich ein weiterer Lichtkegel zu seinem gesellte.
      «Die K.I.», brummte die Stimme des Anführers heiser durch den Helm, «Diese Narren» keuchte er, dann bemerkte Nath eine Regung zu seiner linken. Er wirbelte herum und die Strahlen dreier Lampen trafen das skeletthafte Konstrukt eines Androiden, welcher mit rotglühenden Augen regungslos vor ihnen in der finsteren Gangway stand. Eine zähe Sekunde verstrich, dann ging ein Ruck durch die Maschine. Seine Augen leuchteten todbringend auf und in übermenschlicher Geschwindigkeit stürmte er plötzlich auf Jarim los. Dieser wich kurzerhand zurück und feuerte mit einem zornigen Brüllen seine Waffe ab. Geistesgegenwärtig zerrte nun auch Nathan an seinem Abzug, um eine Salve todbringenden Lasers auf das Konstrukt loszulassen. Mit gleissendem Licht erhellten die Schüsse den Gang und jagten auf den heranpreschenden Droiden zu, aber noch ehe dieser seine Opfer erreicht hatte, frassen sich die Schüsse funkensprühend in seine Legierung. Mitten im Lauf sank er in sich zusammen und krachte polternd zu Boden, wo er schliesslich vor Jarims Füssen zum Erliegen kam.
      Nath brauchte einen Moment, um die Begegnung mit dieser Maschine zu verarbeiten, während das adrenalingeschwängerte Blut in seinen Ohren rauschte. Sie hatte die Gliedmassen eines Menschen und doch wirkte sie widerlich und kalt. Wie hatte sie sich so lautlos an sie heranpirschen können?
      «Ist das die K.I.-Einheit?», würgte Ming hervor, wobei sein Laserzielpunkt auf der Brust des zerstörten Roboters merklich zitterte.
      «Offensichtlich. Was nun?», keuchte Nath zu Jarim, der schweigend neben ihm stand und seinen Lichtstrahl über das Konstrukt schweifen liess. Als der Kegel eine Nummerierung an dessen Brust streifte, stockte Nathan der Atem.

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      Dann zerriss das Geräusch berstenden Metalls die unheimliche Stille und liess die Männer zusammenschrecken. Der Boden unter ihren Füssen begann immer heftiger zu beben und dann sahen sie sie. Unzählige stürmten ungebremst auf die offene Luke zu.

      «Gott steh’ uns bei»
    • Sanftes Licht
      von Windweber

      Helios war groß, hell, heiß und strahlend. Er war gerecht, aber erbarmungslos. Alles zerrte er ans Licht und strafte jedes Vergehen ihm Kosmos, dass er mit seinem Licht sah, ohne Erbarmen mit seiner flammenden Hitze.
      Eines Tages begegnete er Gaes. Sie war freundlich, gnädig und gütig. Er entbrannte in Liebe zu ihr. Und aus dem strahlenden, gerechten Glanz des Helios und der Güte der Geas wurde Selene gezeugt.
      Auf Gaes wurde sie ausgetragen.
      Sie wurde geboren und war schön wie ihr strahlender Vater, hatte sein allsehendes Licht und gütig wie ihre Mutter, so fehlte ihr die flammende Hitze um zu strafen.
      Die Mondin war vom Sonnenherren und der Erde geboren.
      Von all der Schönheit und dem Gleichgewicht aus Gerechtigkeit und Gnade angezogen, kamen viele geringere Götter, die Sterne und reihten sich um sie.
      Bald kam es zu Streit. Dem Vater passten nicht die Freunde der Tochter, er und seine Frau ließen sich verführen, wurden sich untreu.
      Die Sterne zeugten mit Gaes geringere Götter. Die Pflanzen, Tiere und Menschen sind die Ungeborenen, die sie auf sich austrägt. Wenn sie auf dem Mutterleib sterben, werden sie draußen im Kosmos als Stern geboren. Ihre Körper sind nur Fruchtwasser und Nabelschnur. Erst nach ihrer Geburt wachsen sie wahrhaft heran und lernen, Götter zu sein.
      Wer aber auf dem Mutterleib eine Verbindung zu einem anderen Menschen eingeht, der wird, als Gott geboren, einen Zwilling haben, auch wenn einer erst lange nach dem anderen stirbt.
      Helios aber begann schließlich um Gaes zu kreisen, um die ungeborenen Götter auf ihr beobachten zu können.
      Selene tat es ihm gleich, um alle Ungeborenen daran zu erinnern, dass es neben der unerbittlichen Gerechtigkeit auch noch Güte gab.

      Jael und Debora waren die besten Freundinnen seit Kindesbeinen. Als sie erwachsen waren, traten sie in die Sonnengarde ein, um Opfern von Verbrechen Gerechtigkeit widerfahren und Tätern diese spüren zu lassen.
      Sie trugen ihre vergoldeten Rüstungen und Speere, die die unerbittlichen Sonnenstrahlen symbolisierten, die alles ans Licht brachten und das Böse verbrannten.
      Eines Tages sagte Jael: „Ich habe von einer Geschichte gehört. Vom Kristalltrank. Wer ihn trinkt, dessen Augen werden scharf wie die des Adlers und wie eine Eule kann er auch in der Finsternis sehen. Wie gut wäre es, ihn zu haben?“
      Debora nickte. „Damit könnten wir das Böse überraschen und überlisten! Aber wo ist dieser Trank?“
      „Selene hat ihn gebraut und ihrem Kloster in den Drachenzacken anvertraut. Dort haust heute aber das Ungeheuer Draco, das alle Nonnen und Mönche getötet hat.“
      „Dann lass uns gehen, das Ungeheuer zur Rechenschaft ziehen und das Elixier erlangen!“, sagte Debora.
      „Ich hatte gehofft, dass du das sagst!“, rief Jael grinsend.

      Sie ließen sich beurlauben, packten Proviant ein, nahmen ihre Rüstungen und Waffen und zogen los.
      Die Reise dauerte Wochen, aber schließlich kamen sie an die Drachenzacken, ein gewaltiges Gebirge.
      Sie gingen dort am Fuß der Berge zu einem Dorf namens Schatten. Dort sahen sie einen Hirtenjungen.
      „Kennst du dich in den Bergen aus?“, fragte Jael.
      „Ja, ich treibe dort oft die Schafe auf die Weiden, helle Herrinnen!“, antwortete er.
      „Du wirst uns hinauf zum alten Kloster der Selene führen!“, befahl Debora.
      Der Junge sah sie erschrocken an.
      „Aber helle Herrinnen, dort haust ein schlimmes Ungeheuer!“, rief er.
      „Du musst uns nur hinbringen, wir werden dem Ungeheuer seinen Schatz entreißen!“, sagte Jael.
      „Helle Herrinnen, mein Vater ist krank, meine Mutter starb im Kindbett, wer soll die Schafe hüten, während ich weg bin?“, fragte der Junge.
      Debora sah ihn streng an. „Ist dein Besitz wichtiger als die Möglichkeit, der Welt Gerechtigkeit zu verschaffen? Hast du keine Schuld, die du damit ausgleichen kannst, uns zu führen? Wenn nicht, wäre es ungerecht, dich zu zwingen. Doch bedenke, Helios sieht alles!“
      Der Junge senkte den Kopf.
      Jael fragte: „Wie heißt du?“
      „Elimechi“, sagte er.
      „Was ist deine Schuld, Elimechi?“, fragte Debora, „Beichte, damit wir dein Führen als Strafe und Ausgleich an den Sonnengott melden können!“
      „Ich war verliebt und stahl meinem Vater fünf Münzen, um sie zu beschenken. Doch helle Herrinnen, könnt ihr nicht gnädig sein im Namen unserer aller Mutter Gaes und unserer Halbschwester Selene?“
      „Gnade ist Schwäche, Elimechi“, sagte Jael streng, „Eine Mutter kann nicht anders, als ihren Kindern vergeben. Doch ohne Strafe werden sie nicht davon abgehalten, böses zu tun. Deinem Vater als Opfer muss Gerechtigkeit widerfahren, andere müssen davon abgeschreckt werden, so zu handeln wie du es getan hast und du musst erzogen werden. Gehe jetzt und packe dir Proviant ein, sorge dafür, dass die Nachbarn sich um deinen Vater kümmern!“
      Elimechi nickte und eilte davon.

      Sie stiegen in die Berge. Der Junge führte sie auf einen Pass. Es war ein harter Aufstieg und bald mussten sie sich in stinkende Schafpelze hüllen, weil es so kalt wurde,
      „Helios scheint hierher nur schwach seine strafenden Strahlen zu schicken. Aber hell ist es, er schickt seine Blicke also genau so stark hierher, wie im Tal.“, wunderte sich Jael.
      „Hier oben gibt es nur Felsen und wenig Leben. Beobachten muss er diesen Ort, doch zu bestrafen gibt es nicht viel“, antwortete Debora.
      Jael nickte. „Sie bauten ihr Kloster sicher nicht ohne Grund hier oben. Es heißt, sie hätten Verbrechern auf der Flucht vor der gerechten Bestrafung hier Unterschlupf gewährt. In Gnade nahmen sie sie auf, wo kaum die gerechte Strafe des Helios hinkommt.“

      Drei Tage stiegen sie in die felsigen Berge. Endlich sahen sie die verfallene Klosterruine. Sie lag jenseits einer Schlucht, über die eine morsche Zugbrücke führte. Hätte jemand die Auslieferung eines Verbrechers gefordert, sie hätten sie nur nach oben ziehen und warten müssen, bis der Hüter der Gerechtigkeit wegen der Kälte wieder ziehen musste.
      „Ob sie uns noch tragen wird?“, fragte Debora.
      Jael band sich ein Seil um die Hüfte und gab es Elimechi und ihrer Freundin.
      Dann kroch sie über die Brücke, um ihr Gewicht möglichst zu verteilen. Es knarrte und knirschte bedrohlich. Aber die Brücke hielt.
      Sie stand auf und löste das Seil, die anderen beiden zogen es zurück.
      So konnte auch Debora sicher über die Brücke kriechen. Das Seil ließen sie einfach liegen, so konnte der Junge sie auf ihrem Rückweg absichern.

      Sie zündeten Fackeln an und stießen vorsichtig in die Dunkelheit vor. Kerzen mussten früher diesen Ort mit einem sanften Licht erfüllt haben, wie man es von der Mondin kannte.
      Bald erreichten sie den Tempelsaal. In sanften Leuchten strahlte ein Fläschchen, das auf dem Altar auf der anderen Seite stand.
      Vom Boden aber erhob sich Draco, den sie aus der Legende kannten! Ein langer, echsenartiger Leib, vier Beine mit Klauen an den Füßen und ein zähnestarrendes Maul.
      „Ah, Dienerinnen des Helios, seid mir willkommen!“, sagte er.
      Die beiden Frauen wunderten sich. Warum griff er sie nicht sogleich an?
      „Wir sind hier, um dich zu bestrafen!“, rief Jael, ließ ihre Fackel fallen und hob den Speer mit beiden Händen. Debora tat es ihr gleich.
      „Bestrafen?“, fragte das Ungeheuer verwundert, „Was könnte ich Unrechtes getan haben?“
      „Gemordet hast du all die Mönche und Nonnen!“, rief Debora.
      „Daran kann ich nichts Falsches sehen.“, meinte Draco.
      „Töten wir ihn und holen uns das Fläschchen!“, rief Jael und stieß nach vorne.
      Draco spuckte schwarze, lichtlose Flammen von gewaltiger Hitze. Gerade noch konnten die Frauen sich zur Seite werfen.
      Sie teilten sich auf, kamen heran. Draco schnappte nach Debora, die auswich, Jael nutzte den Moment und rammte ihren Speer durch sein Auge in den Kopf des Ungeheuers. Sofort fiel es schlaff zu Boden.
      Dann traten sie an den Altar und teilten das Fläschchen. Sie spürten eine angenehme Kühle in den Augen und plötzlich konnten sie im dunklen Saal sehen, als wäre heller Tag und sie sahen jeden Riss, jede Unebenheit an der Wand gegenüber.

      Sie traten hinaus aus dem Kloster und gerade, als sie die Zugbrücke betreten wollten, hüllte blendendes und brennendes Licht sie ein. Sie schrien beide vor Schmerz.
      „Ihr habt meinen Sohn getötet, um eure Gier zu befriedigen! Nicht, um die Verbrecher zu rächen, die er hier zu recht tötete!“, donnerte eine Stimme, „Nun wurde er zu früh in die Welt der Götter geboren und wird ein Krüppel werden! Endlich zeugte ich ein zweites Kind mit Gaes, nach langer Zeit. Es hätte uns wieder vereinen können. Er hätte seine Schwester Selene, die mein Licht, aber nicht meine Hitze hat, begleiten können, denn er hätte die Hitze, aber nicht das Licht gehabt!“
      Die Frauen fielen auf die Knie, als sie begriffen, was sie getan hatten.
      „Gnade!“, rief Jael.
      Helios lachte kalt. „Ihr habt euer Leben ganz der Gerechtigkeit gewidmet und Gerechtigkeit soll meinem Sohn widerfahren und euch treffen! Ihr werdet nie in die Welt der Götter geboren werden, wie auch mein Sohn nie ganz zum Gott heranwachsen kann. Und wie er ewig unglücklich sein wird, wird es euch ergehen. Debora, du sollst auf dem Leib deiner Mutter Gaes bleiben. Du aber, Jael, wirst fortan ungeboren sein auf dem Leib deiner Halbschwester Selene. Auf der Rückseite, hinter dem, was ihr von ihr seht, damit ihr euch auch durch den Kristalltrank nicht sehen könnt!“

      Die beiden weinten bitterlich. Helios Strahlen hoben Jael auf Selene, die Monin, auf ihre hintere Seite. Sie kniete nieder auf dem sanft leuchtenden Körper, der nun ihr Mutterleib war, in dem sie ewig ungeboren bliebe. Ihre Tränen benetzten den Boden.
      Hin und wieder würde Helios auf die Rückseite seiner Tochter sehen, um zu überprüfen, um sie noch da war – dann würde sich der Sonnenherr von der Erde aus verdunkeln.
      Selene aber bekam Mitleid mit den beiden Frauen.
      „Ihr habt meinen Bruder aus Habgier zum Krüppel unter den Göttern gemacht, eure Strafe ist gerecht. Aber ich will euch etwas Gnade gewähren, wie ihr sie immer abgelehnt habt und die Strafe mildern!“
      Und in vierzehn Tagen wurde sie von einer Seite zur anderen durchsichtig, sodass die Dunkelheit der Nacht durch sie drang, aber auch die durch den Kristalltrank geschärften Augen der Frauen. So konnten sie sich sehen und sich in Gesten austauschen.
      Und in vierzehn Tagen wurde sie wieder von einer Seite zur anderen wieder sichtbar, um auch alle anderen Menschen daran zu erinnern, dass es Gnade neben der Gerechtigkeit geben muss.
    • Die Dinosaurier auf dem gefrorenen See
      von Aztiluth

      "In der völligen Düsternis hört man nur das leise knirschen des Eises unter dem großen, stämmigen Hornfuß. Es weht kein Wind und bis auf einen einzigen, jungen Agujaceratops ist nur ein weiterer Dinosaurier wach: Der Utahraptor.
      Er lauert, gebückt hinter einer Welwitchia. Der Prädator sieht nichts, aber er horcht und er schnüffelt. Die Hörner des Agujaceratops sind noch klein und Stumpf, dass weiß der Utahraptor. Es ist eine leichte Beute. Seine Sichelkralle bohrt er lautlos in das Eis, sein Federkleid plustert sich etwas auf und er setzt zum Sprung an. Zielgenau trifft es das Jungtier, rammt Zähne und Krallen in ihm hinein! Das junge Tier schreit auf! Aber dann horcht die Mutter des Agujaceratops auf und rennt ihrem Kalb zur Hilfe! Mit einem starken hieb donnert sie den Fleischfresser vor ihrem kleinen weg, der 4 Meter weiter tot zu Boden fällt. Ihr kleines weint und leidet, sie riecht das Blut und weint in den Himmel.
      Die Sonne geht auf, alles wird in Rot durchbadet. Es kommen nun andere Verwandte dazu und sie alle trauern um das Jungtier. Sie können ihm nicht mehr helfen. Während die Sonne sich auf dem Eis reflektiert, wie auf geschliffenen Rubinen oder glänzenden, gelben Achaten, bringt sie es zum schmelzen und gibt damit das leben schenkende Wasser frei. In der Mittagssonne wird das Wasser kochen, aber das wird das junge Agujaceratops nicht mehr miterleben..."
      "Doch! Opa, es wird ein UFO kommen und mit Alien Medizin werden sie das Kleine retten!"
      "John, du bist so dumm. Aliens gibt es nicht!"
      "Doch, gibt es wohl, Linda!"
      "Nein, gibt es nicht!"
      "Aber gefliederte Dinosaurier auf den Mond?" Lindas Mutter kam gerade in das Wohnzimmer rein und schüttelte den Kopf."Schwiegervater, du sollst den Kindern doch nicht immer so ein Unsinn erzählen."
      Der Großvater verzog den Mund, tat so als ob er beleidigt wäre. Dann lächelte er. "Aber sie mögen die Geschichte so sehr." Sein Blick wurde besorgt. "Dorothy... wo gehst du hin?"

      Erst jetzt bemerkten auch die beiden Kinder, dass ihre Mutter sich den Knielangen Rock und den alten Mantel angezogen hatte. Sie hatte die teure Kamera um den Hals hängen und ging zum Flur. "Spielt noch etwas, ich bin gleich wieder da, Kinder." Der Großvater stand auf, folgte humpelnd. John holte sich einen Dinosaurier aus der Kiste, aber Linda versteckte sich hinter dem Sessel, lauschte.
      "Du kannst mich nicht aufhalten."
      "Dorothy. Es schickt sich nicht dass eine Frau arbeitet, die Männer dulden dich nicht."
      "Und wer soll dann Geld verdienen? Du? Mit deinem kaputten Bein? Die Zeitungen interessieren sich nicht dafür, wer die Fotos macht." Linda lugte etwas hervor. Ihre Mutter setzte gerade einen Hut auf. Sie sah so wunderschön aus. Sie war so mutig. Die kleine Siebenjährige hatte schon lange beschlossen, so wie ihre Mutter zu werden wenn sie erwachsen war.
      "Deine Kinder brauchen dich." versuchte es ihr Großvater weiter.
      "Meine Kinder brauchen Essen und eine gute Schule. Ich gehe. Bring sie nicht zu spät ins Bett."
      Linda eilte schnell zurück zu ihrem Bruder, nahm sich einen Langhals und spielte damit. Sie hörte, dass die Tür zuging. Ihr Großvater kam kurz danach wieder zu ihnen. Er lächelte, aber es wirkte nicht ehrlich.
      Nachdem ihr Vater im Krieg gestorben war, arbeitete ihre Mutter sehr viel. Opa hatte auch zwei weitere Söhne verloren und er sagte oft, dass sie drei alles waren was er noch hatte. Linda war zwar erst Sieben Jahre alt, aber sie verstand seinen Kummer. Wie gerne würde er sie ernähren, aber statt dessen war er nur eine "weitere Last", wie er selbst mal gesagt hatte. Das fand sie nicht. Er passte doch auf sie und ihren Bruder auf. Und er hatte so schöne Geschichten. Sie wollte ihn aufheitern.
      "Opa? Meinst du wirklich, hinter dem Mond leben noch Dinosaurier?" Er schaute zu ihr und das warme, ehrliche Lächeln kam zurück. Ihr wurde warm ums Herz. Ihr Großsvater war vor dem Krieg Wissenschaflter gewesen und er liebte es, Dinge zu erklären. Linda liebte es, neue Dinge zu lernen, vorallem, weil es ihn so glücklich machte.
      "Oh, Ja." Vorsichtig setzte er sich hin. "Nur die Dinosaurier, mit ihrer dicken Haut, können die eisige Kälte der Nacht und die ungeschützte Strahlung am Tage überleben."
      "Irgendwann werde ich zum Mond fliegen. Und dann werde ich es mit eigenen Augen sehen!"
      "Ja, meine kleine. " lachte er. "Das wirst du bestimmt."

      32 Jahre Später:

      ...
      4...
      3...
      2...
      1!

      Der Lärm war Ohrenbetäubend. Der Druck noch viel intensiver als in den Testkammern. Die Ansagen waren kaum zu verstehen, sie schloss die Augen und biss die Zähne fest zusammen. Man hatte ihr gesagt, dass sie Ohnmächtig werden könnte. Aber das wollte sie nicht. Wie viele Steine hatte man ihr in den Weg gelegt? Wie oft war sie kurz vor dem Scheitern gewesen? Sie wollte wirklich nicht Ohnmächtig werden sondern allen Beweisen, dass auch eine Frau das gut überstehen konnte. Walentina Tereschkowa und Swetlana Sawitskaja hatten es für Russland schon bewiesen. Nun war die NASA dran und sie würde ihr keine Schande machen.

      Als sich alles beruhigt hatte, konnte sie nicht sagen ob sie es geschafft hatte oder nicht. Sie schluckte, sah vor sich nur das All. Unendliche Schwärze und Milliarden von Sternen. Es war so unfassbar irreal, so wunderschön. Linda war so überwältigt, dass sie den Funk der Erde fast verpasst hätte. Gut, dass ihr Kollege zuständig dafür war. Er schien gefasster zu sein als sie. Nachher stimmte es wohl doch, dass Frauen emotionaler waren. Kurz blickte sie zum anderen Kollegen, der Tränen in den Augen hatte. Zufrieden grinste sie. Die Schwerelosigkeit machte sich spürbar. Es wurde wieder Still. Linda lehnte sich zurück und schloss die Augen.

      -Ich habe es geschafft, Großvater. Ich umkreise den Mond und werde den eisigen See dahinter sehen.-

      Natürlich wusste sie, von früheren Berichten, dass es dort nichts gab. Aber die Vorstellung hatte sie angetrieben seit sie ein kleines Kind war und sie wollte bis zur letzten Sekunde daran festhalten.
      Drei Tage würden sie brauchen um den Trabanten zu erreichen. Viel Zeit, in der sie vieles zu tun hatten. Daten sammeln, Messungen anstellen und sich einfach an die Raumfahrt gewöhnen. Dennoch verging die Zeit quälend langsam.
      Jeden Tag schaute sie aus den Fenstern, betrachtete den Mond. Jedes mal war er größer und imposanter als davor.

      Als sie dann in den Orbit kamen, mussten sie gut aufpassen, damit auch bloß nichts schief ging. Sie werkelten und tippten, funkten und drehten an Knöpfe bis alles passte. Und dann war es soweit. Lindas Herz schlug schneller, ihre Brust zog sich zusammen. Sie waren hinter dem Mond. Aber alles war dunkel, in Schatten gefangen.

      -Der See ist gerade gefroren.-

      Aber es würde nicht lange so bleiben, das wusste sie. Bald schon fing die Sonne an, die Ränder des Mondes zu erhellen, strahlend rot. Wie geschliffenen Rubinen oder glänzende, gelben Achaten. Genau wie ihr Großvater gesagt hatte. Tränen kamen ihr in die Augen und sie beobachtete ganz genau, wie die sonst unsichtbare Fläche des Mondes sichtbar gemacht wurde. Sie konnte immer mehr erkennen. Krater, Brachland, leere Flächen. Waren sie zu weit weg? Nein. Es gab einfach nichts dort unten. Linda wusste es, aber dennoch überkam sie eine Welle voller Trauer. Kein See, keine Dinosaurier. Kein gar nichts. War es ein Fehler gewesen, hier hoch zu kommen? Hätte sie lieber Kinder bekommen sollen und ihnen Geschichten erzählen? Sie hatte so an den Traum gehangen, so fest daran geglaubt. Und nun war es weg und schmerzte mehr als sie je erwartet hätte. Betrübt ging sie vom Fenster weg.
      Die restlichen Tage erledigte Linda ihre Arbeit still und effektiv. Sie wollte es einfach nur beenden und zurück zur Erde kommen. Ihre Kollegen versuchten sie aufzumuntern, aber es gelang ihnen nicht. Auf den Rückweg mussten sie an einer der Stationen koppeln. "Explorer 60" hatte Probleme gemacht und sie sollten es sich ansehen, Daten sammeln um nächste Sonden vorzubereiten. Lustlos zog sie sich den Raumanzug an. Die Werkzeuge und Messgeräte wurden stramm angeschnallt.

      Als sich die Luke öffnete und sie in die Leere sprang, fühlte sie nichts. Sie kam ohne Zwischenfall an "Explorer 60" dran und erledigte ihre Arbeit. Als sie fertig war, wanderte ihr Blick zurück zum Mond, der wieder etwas kleiner geworden war. Sie sah die Vorderseite, die sie schon in und auswendig kannte. Gerade, als sie kopfschüttelnd wieder in ihr Schiff wollte, hörte sie klar und deutlich eine stimme.
      "Linda... " Es war kein Funk, sondern die Stimme ihres verstorbenen Großvaters. Sie schaute sich um, sah ihn schweben, keine 3 Meter von ihr entfernt. Er lächelte und hatte große, weiße Flügel aus glänzendem Staub. Völlig weiß, strahlte er Licht und ruhe aus. Sie hatte sich nie vorgestellt wie ein Engel wohl aussehen würde, aber sie wusste dass er einer war.
      "Großvater!" rief sie, konnte nicht fassen was ihre Augen erblickten.
      "Moore? Moore ist alles in Ordnung bei Ihnen?" Das war ein Funkspruch. Aber Linda ignorierte ihn.
      "Linda, mein liebes, intelligentes und mutiges Kind. Schau nicht zurück. Schau nie zurück, sondern immer nach vorne." langsam erhob er die Hand und zeigte hinter Linda. Weg vom Mond. Sie drehte sich langsam um und sah eine blaue Kugel. Den Planeten Erde. Wie er funkelte, halb im Sonnenlicht. Das Meer strahlte das Licht zurück, glänzte. Die Wolken malten traumhafte Striche über die Kugel und dort, wo gerade Nacht war, leuchteten tausende kleine Lichter. Der Anblick war das schönste was sie je gesehen hatte. Ihre Heimat. Der Ort, an denen Geschichten entstanden. Der Ort, in dem Kummer und Freude, Hand in Hand Leben erschafften.

      Linda weinte. "Danke, Großvater." Es war nicht wichtig was wirklich hinter dem Mond war. Viellicht, ja, vielleicht hatten sich die Dinosaurier ja nur versteckt und das Wasser war so klar, dass man es nicht sehen konnte? Sie gluckste. "Hier Moore. Es geht mir gut, ich kehre jetzt zurück." Egal wie oft die Wissenschaft Geschichten widerlegen konnte, mit genug Fantasie würde man Kinder immer zum lächeln bringen können. Und wenn sie ihren Nichten und Neffen nicht von den Dinosauriern hinter dem Mond erzählte, dann eben von dem atemberaubenden Blau ihres Planeten.

      Doch, all die Mühen um hinter dem Mond zu kommen hatten sich gelohnt.
    • Kinder des Mondes
      von Phi

      Du schiebst deine Hand in meine und drückst einmal kurz zu. Ich drehe meinen Kopf zu dir und lächle dich schüchtern an, auch wenn du das in der Dunkelheit kaum sehen kannst.

      Es ist Nacht und wir liegen mitten auf einer Wiese im Nirgendwo. Du standest plötzlich vor meiner Tür und hast mich noch im Schlafanzug und ohne Schuhe zu deinem Auto gezogen. Unter meinem lauten, ungläubigen Lachen waren meine Proteste wohl nicht sehr ernst zu nehmen. Hier sind wir schließlich gelandet, zwischen zwei kleinen Dörfern etwas abseits der Landstraße.

      Eigentlich ist es aber egal, selbst auf dem Marktplatz wären wir allein gewesen. Das ist einer der wenigen Vorteile, die letzten Menschen auf dem Planeten zu sein.

      "Bereust du es?", flüster ich in die Stille.
      Du schweigst lange.
      "Ich denke... manchmal stelle ich mir vor, was gewesen wäre... ich hätte mir für dich etwas anderes gewünscht."
      Ich schaue zurück in den Sternenhimmel. Irgendwo dort oben, weit hinter dem Mond sollten wir jetzt sein. In Sicherheit. Mit allen anderen.

      Deine Stimme zittert leicht, als du weiterredest: "Du kannst dich noch umentscheiden. Es ist nicht zu spät. Sprich die Worte und du wirst zu den anderen geholt, zu deiner Familie."

      Ich schlucke. Jede Sekunde denke ich an meine Eltern und meinen kleinen Bruder, die ohne mich fort sind.

      Wir wollten alle gemeinsam übersiedeln, aber als es soweit war, wir uns an den Händen hielten und auf drei den Spruch aufsagen wollten, war mein Hals wie ausgetrocknet. Meine Zunge schien bleischwer und es kam kein Laut über meine Lippen. Als das scheinwerferartige Licht erschien, fing meine Familie das Schweben an und glitt langsam Richtung Himmel. Meine Mutter, die meine Hand in ihrer hatte, starrte mich entsetzt an, als ihr klar wurde, dass ich weiterhin mit beiden Beinen fest am Boden stand. Verzweifelt versuchte sie, mich mitzuziehen, aber das Licht war nicht für mich bestimmt. Ihre Hand rutschte mir aus den kraftlosen Fingern.
      Sie sagte nichts, schrie nicht, sondern starrte mich nur an.
      Dieser Blick hat sich mir in die Netzhaut gebrannt und hat mich die letzten Monate begleitet.

      Ich setze mich auf und presse deine Hand gegen meinen Brustkorb.
      „Komm mit mir.“
      Du siehst mich lange an und ich frage mich, ob du meine Augen mehr als nur schemenhaft erkennen kannst.
      „Du weißt, wieso ich hierbleiben wollte. Es hat sich daran nichts geändert.“
      Ich nicke. Es war töricht zu denken, dass du es dir überlegt hättest. Aber auch ich habe eine Entscheidung getroffen und werde deswegen bei dir bleiben. Bis dass der Tod uns scheidet… bald.
      „Aber…“ Mein Kopf schießt in die Höhe. Aber? Aber was?
      Du seufzt tief: „Die Gründe haben sich nicht geändert. Aber der eine, der einzige Grund, der für das Übersiedeln spricht… er ist größer. Wichtiger.“

      Ich kann nicht glauben, dass du das sagst. Bevor ich antworten kann, springst du auf und ziehst mich mit hoch. Als hättest du Angst, es dir doch wieder anders zu überlegen.
      „Bist du bereit?“, fragst du mich. Ich nicke wie betäubt. Es geht auf einmal so schnell.
      Du machst einen Schritt näher zu mir und berührst mich dabei.
      „Auf drei… Eins. Zwei. Drei.“

      Mit zitternder Stimme falle ich eilig in den Spruch mit ein.

      „Kinder des Mondes, hört mich an.
      Ich bin eine verlorene Seele.
      Ruft mich zu euch, legt um mich den Bann,
      den eisernen Ring um meine Kehle.“

      Noch während ich das letzte Wort spreche, merke ich den Fehler. Deine. Du hast „deine Kehle“ gesagt.

      Das seltsame Gefühl eines Déjà-vus brennt in meinem Herzen, als ich panisch deine Hände umklammer. Das Licht erscheint und umhüllt mich. Ich spüre keine Schwerkraft mehr. Ich schwebe.

      Ich sage nichts, ich schreie nicht, ich starre dich nur an.

      Deine Hand entgleitet mir.
    • Gibt es Drachen hinterm Mond?
      von Tom Stark

      In gelehrsamer Stille lag der Studienraum der Festbibliothek der Akademie für umfassende Heldenausbildung.
      »Hä, was soll das für ein Blödsinn sein!« Die raue Stimme riss Grax aus seinen mehr oder weniger zielführenden Grübeleien.
      »Eine Überschrift, Du Honk, siehst Du doch?«
      »Selber Honk ...«, kam die freundlich geknurrte Erwiderung.
      Grax kannte eigentlich nur Torg, der so bedrohlich knurren und zugleich freundschaftlich klingen konnte. »Und geh mir aus dem Licht. Bei Deinem Riesenschatten sieht man ja nichts mehr!«
      Torg lachte tief, tat seinem Kumpel den Gefallen und ließ sich stattdessen auf den Stuhl gegenüber sinken. Der Stuhl jammerte und stöhnte empört, aber dann hielt er tapfer die gewaltige Masse.
      »Und? Gibt es hinterm Mond denn ...«
      »Ist doch nur ein Arbeitstitel! Mir fiel das spontan zum Thema ein und weil mir sonst nichts einkam, habe ich es eben mal genommen. Man braucht ja eine Basis. Außerdem ist es eine Herausforderung. Einer deutete doch echt an, dazu würde mir unmöglich eine brauchbare Geschichte einfallen.«
      »Aha.« Torg war nur mäßig überzeugt oder vielleicht auch nur mäßig interessiert, selbst Grax hatte Probleme, die von Natur aus immer wilde Mine seines Freundes zu deuten.
      Wobei der Begriff Freund eigentlich gar nicht zutreffend sein konnte. Leute wie Grax und Torg durften unmöglich Freunde sein, nicht wenn sie Wert darauf legten, weiterhin zu Familientreffen eingeladen zu werden.
      Vielleicht war intensive gegenseitige Duldung der bessere Ausdruck ...

      Grax war natürlich klar, dass Torg solche feinsinnigen Unterscheidungen nicht machte, oder zumindest sie nicht in Worte fasste. Philosophie war höchstens etwas, was Targ zwischen seinen gewaltigen Zähnen heraus pulte, nachdem er ein Dutzend Biere und einen halben Ochsen intus hatte und bewegte sich dann eher auf dem Niveau: »Hast Du mich angemacht? Hey, hat er mich angemacht? Ach, Scheiße, ich mach ihn einfach selber an. Hörst Du mich, ich mache Dich gerade an!« Alles natürlich in der tiefen philosophischen Hoffnung, eine faustgeführte, handfeste Diskussion auszulösen.
      »Was ist denn das Thema?«, unterbrach Targ seinen intensiv duldsamen/geduldeten Kameraden in seinen schwerwiegenden Überlegungen.
      »Äh ... hinterm Mond.«
      »Sagst Du, ich lebe hinterm Mond?!« Torgs Stimme war nun eine Spur aggressiver und für Grax Geschmack klang eindeutig zu viel Hoffnung auf einen Grund für eine zünftige Keilerei durch.
      »Nein, das ist das Thema!«
      »Das Thema ist, dass ich hinterm Mond lebe? Wie krass ist das denn?« Torg war fast sprachlos, was an sich schon einem Wunder gleichkam. Sein plötzliches Interesse an Schreiberei oder überhaupt wohlformulierten Worten, durfte aber auf jeden Fall als lokale Sensation gelten.
      »Ah, geh doch einfach, Du literarischer Tiefgräber!«
      »Selber Literi-Grab-Dings ...«
      Torg mochte einige Stärken haben, und Grax war sich sicher, mit genügend Geduld würde er noch herausfinden welche, aber Eloquenz oder Literatur gehörten ganz sicher nicht dazu.
      »Nein, nein, nur HINTERM MOND.« Grax wurde lauter. Entgegen aller Lehrmeinungen, half bei Targ das Lautwerden durchaus, um dessen Verständnisfähigkeit anzukurbeln.

      »Geht das auch leiser? Das hier ist ein Ort der Stille und der Gedanken«, kam prompt von einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes.
      Grax drehte sich um. Natürlich, Solariel. Wer sonst hielt sich um diese Zeit noch in der ehrwürdigen Bibliothek auf?
      Er schnaubte genervt. Nur Solariel schaffte es, mit einer solch lieblichen Stimme, einen derart Nerv tötenden, nörgelnden Tonfall hervorzubringen.
      »War ja, klar, unsere Elfenprinzessin muss wieder ungefragt ihren Senf abgeben. Falls Du es noch nicht gemerkt hast, Spitzöhrchen, wir sind die Einzigen hier.«
      »Na und? Außerdem habe ich Dir schon 100 Mal gesagt, ich BIN KEINE ...«
      »... Elfe?«, beendete Torg hoffnungsvoll ihrer Satz, bevor sie es selbst konnte.

      Grax fiel vor Lachen beinahe vom Stuhl. Da war sie, die gesuchte Stärke von Torg. Er konnte mit traumwandlerischer Zielsicherheit in jedes Fettnäpfchen treten und sei es noch so verborgen.
      »PRINZESSIN, keine PRINZESSIN!« Solariel war hochrot angelaufen, was zugegebenermaßen ihrer Anmut nur noch größeren Reiz verlieh, jedenfalls für Leute die auf diese puppenhafte Schönheit abfuhren, wie der sabbernde Torg zum Beispiel, was Grax, immer noch lachend, feststellte.
      Die elfische Nichtprinzessin warf in einer wütenden Kopfbewegung ihr langes blauschwarz seidig glänzendes Haar in den Nacken. Dabei setzte sie ihre makellosen weißen Schulten, den langen schlanken Hals und ihre ansehnlichen Rundungen derart perfekt in Szene, dass Grax sich fragte, ob dieses affektiertes Gehabe im Erbgut verankert oder hart antrainiert war. Sämtliche Nichtanwesende schienen verzaubert den Atem anzuhalten und kollektiv vor Bewunderung zu seufzen. Torg, der das wohl auch gerne gemacht hätte, wäre ihm solche Feinsinnigkeit gegeben, pfiff stattdessen bewundernd.

      Grax ließ das natürlich kalt. Damit die gertenschlanke Elfe für ihn halbwegs attraktiv wäre, bräuchte sie das Dreifache an Körpermasse und wenigstens den deutlichen Ansatz eines Bartes. Als moderner Zwerg konnte er natürlich auch die neue Mode akzeptieren, bei der die Frauen seines Volkes sich täglich rasierten, aber wenigstens einen sexy Flaum erwartete er trotzdem. Jahrtausende alte Schönheitsideale konnte man schließlich nicht ein, zwei Jahrhunderten völlig über den Haufen werfen.
      Als er die metaphorischen Blitze sah, welche die Halbelfe, der ihr partiell nichtelfisches Erbe furchtbar peinlich war, aus ihren Augen in Torgs Richtung feuerte, rutschte er, von einem neuen Lachanfall endgültig bezwungen, vom Stuhl und konnte nur mit Mühe verhindern, auf dem Hosenboden zu landen.

      »Ihr seid doch beide echte Vollpfosten!«, schimpfte die überhaupt nicht prinzliche und nur halbelfische Schönheit weiter.
      Torg schlug seinem zwergischen Kumpel, durchaus freundlich gemeint, mehrfach zwischen die Schultern, was dessen Lachflash buchstäblich schlagartig in einem röchelnden Luftholen zusammenbrechen ließ.
      Der junge Ork vergaß immer wieder, wie viel Kraft er schon besaß.
      »Hey, Kumpel, alles ok?«
      »Sch ... schon gut, geht ... geht wieder«, japste Grax.
      Auch Solariel hatte sich genähert.
      »Du sollst nicht immer mit voller Wucht zuschlagen, Torg, wie oft muss ich dir das noch sagen?«
      Der große Ork schrumpfte beinahe zusehends unter der strengen Rüge und senkte betreten seinen massigen Schädel.
      »Dudmirlaid!«, nuschelte er, wie so oft, wenn er seine Angebetete direkt ansprach und schielte so unauffällig, dass es gar nicht zu übersehen war, in ihre Richtung.
      »Alles wieder gut?« Die Stimme der Halbelfe klang nun ehrlich besorgt. Auch wenn sie es nie zugegeben hätte, hatte sie für den belesenen Grax etwas übrig. Zudem war er der Einzige in ihrem Studienjahrgang, der wenigstens annähernd ihr Alter hatte.
      »Ja, nee, alles ok, Sola.« Grax winkte dankend ab.
      Er setzte sich wieder und die auch Halbelfe nahm am Tisch Platz, ebenso wie der Ork, sehr zum Leidwesen seines Stuhls.
      »Ist das alles, was du hast?« fragte Solariel schmunzelnd, als sie den quasi leeren Pergamentbogen des Zwergs sah.
      »Ich bin schon fertig. Hatte eine Idee und hab sie an einem Stück runter geschrieben«, informierte sie die beiden Mitstudenten mit immerhin nur dem Minimum an wohl lebensnotwendiger Hochnäsigkeit.
      Der große Ork knurrte bewundernd, was den Zwergen misstrauisch in seine Richtung schauen ließ. Wenigstens war nur die Quelle von Torgs neu erwachtem Interesse für Literatur offenkundig.
      Grax seufzte leise, sah immer noch zu Torg, der sein Gesicht auf beide Fäuste gestützt hatte und die Halbelfe anschmachtete, wie er sonst höchstens einen Ochsen am Spieß überm Feuer drehend ansah.
      Dann wanderte sein Blick zu der Halbelfe, die ihren übergroßen Kameraden kaum eines Blicks würdigte.
      »Armer Torg«, dachte er bei sich. Bei Solariel würde der eigentlich ganz brave Kerl nie landen können, eher gab es hinterm Mond ... !

      Wie von einer flaumbärtigen Muse geküsst, einem ambosgewichtigen Einfall erschlagen, der axtscharfen Erkenntnis getroffen und oder einer wiki-esken Idee in der Nase gekitzelt, ergriff der Zwerg rasch seine Feder und begann zu schreiben:
      In gelehrsamer Stille lag der Studienraum ...
    • Mysterien
      von Tika444

      Es war Nacht. Tränen standen ihm in den Augen. Der Mond war von den Wolken verborgen, die ihm auch die Sterne nahmen. Bald würde es beginnen. Seine Stiefelsohlen schabten leise über den harten Stein, als er einen Schritt vortrat und über den Rand der Klippe blickte, auf der er stand.

      Es war Nacht. Eine Prozession zog über die stille Ebene. Sie bestand aus Männern, die schwarze Kutten und tiefe Kapuzen trugen. In ihrer Mitte: Ein Mann, in Fesseln gelegt wie ein Verbrecher. Seine Schreie verhallten einsam zwischen den Hügeln. Sie wurden von allen ignoriert außer von dem Jungen, der flach auf der Kuppe eines dieser Hügel lag. Still verfluchte er die Neugierde und die Gerüchte, die ihn hier hinaus getrieben hatten. Er hatte mit Augen sehen wollen, was sich in seinem Kopf formte und jetzt, da er es tat, wünschte er sich nur er könnte die Augen schließen. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Er lag da und zitterte nicht nur wegen der brennenden Kälte. Sein Atem kam stoßweise und stockte nicht selten, doch egal wie sehr er es auch wollte, er konnte sich nicht zurückziehen.
      Die Prozession stoppte. Der gefesselte Junge wurde hervor gestoßen und fiel vor seinen stillen Beobachtern zu Boden. Der Mond warf seine schimmernden Strahlen auf sie und einzig die metallisch glänzenden Ketten reflektieren seinen Schein. Einer der Männer trat vor.
      „Der Mond geht auf.“ Seine Stimme klang, als rezitiere er ein Werk. „Die Nacht ist still.“ Wie auf einen tonlosen Befehl glitten die Männer auf ein Knie und richteten ihren Blick dem Himmel entgegen.
      „Dort oben lauern sie“, erwiderten sie mit einer Stimme. „Die Geheimnisse der Nacht. Im Schatten des Mondes.“
      Ein Schrei durchbrach die folgende Stille wie ein Stein eine Fensterscheibe. Der Mund, der ihn ausstieß, verformte sich, schob sich hervor wie eine Blase aus dem Wasser. Seine Kleidung zerriss und zwischen den Fetzen drangen dunkelgraue Haare hervor. Ungläubig sah der Junge auf dem fernen Hügel zu, wie sich der Rücken in Ketten gelegten krümmte und Krallen aus seinen Fingern brachen. Der Schrei wandelte sich zu einem anhaltenden Heulen. Ein Heulen, dass durch Haut und Seele drang.
      Schweigend betrachteten seine Häscher die Prozedur. Der Mond hatte sein Versteck hinter den Wolken aufgegeben und ließ sein Licht auf sie fallen. Keiner von ihnen machte Anstalten einzuschreiten. Erst als die Verwandlung abgeschlossen und das Heulen verklungen war, traten sie näher. Nur noch die Fetzen der Kleidung und die Ketten, die jetzt tief in das Fleisch schnitten, erinnerten an den Mann, der Sekunden zuvor anstelle der Bestie gelegen hatte. Der Mann, der vorher zuerst gesprochen hatte, zog ein langes Messer aus seiner Kutte. Langsam hob er es über seinen Kopf, reckte es dem Mond entgegen. Der Junge hielt die Luft an.
      „Ehrt den König der Nacht“, zerschnitt seine Stimme erneut die eisige Luft. „Sein Blut wird uns die Weisheit bringen.“
      „Wir werden die Geheimnisse finden“, antworteten die anderen wieder. „Sein Segen wird auf uns fallen.“

      Die Ketten der Bestie rissen. Es war weniger ein einzelner Ton, als ein anhaltendes Klirren, als die Glieder zurück fuhren und aneinander stießen. Mit einem einzelnen Satz sprang das Wesen auf und hieb nach seinem Häscher. Scharfe Krallen schnitten durch weiches Fleisch. Blut ergoss sich auf den kalten Boden. Der Körper des Aufgeschlitzten fiel auf die Knie und sank dann langsam zur Seite in das feuchte Gras. Die Schreie dutzender erhoben sich in der Dunkelheit und Blutspritzer besprenkelten die Finsternis.

      Ein Lichtschimmer drang durch seine geschlossenen Lieder und bohrte sich direkt durch die Augen in seinen pochenden Kopf. Augenblicklich war er wach, ignorierte die Tränen, die ihm wegen der Helligkeit über die Wangen liefen und fuhr hoch, was er sofort mit einem Stöhnen quittierte.
      „Das würde ich lassen“, sagte eine Frauenstimme. Er drehte sich zur Seite. Sie stand in der Tür der kleinen Kammer und hielt ein Tablett, das mit Essen beladen war. Käse, Früchte und ein dampfender Topf waren zu sehen und ließen das Wasser in seinem Mund zusammenlaufen. Mühsam riss er sich von dem Anblick des Mahls ab und sah an sich hinab. Er trug seine Kleidung, doch darunter waren Verbände gewickelt. Er schien beinahe nur aus weißem Mull zu bestehen.
      „Was“, er stockte. „Was ist passiert?“ Seine Stimme klang rau und ein Brennen in seiner Kehle löste einen Hustenanfall aus.
      „Du lagst vor unserer Tür“, behauptete die Frau, als er sich wieder beruhigt hatte. „Blut überströmt und der Ohnmacht nahe.“ Sie betrat das Zimmer, stellte das Tablett auf einem schmalen Tisch ab und Schritt an seinem Bett vorbei auf das Fenster zu.
      „Es ist noch Nacht“, brach er heraus, als sie die Läden öffnete und sein Blick in Dunkelheit fiel.
      „Du bist kaum ein paar Stunden hier“, erklärte sie. „Ich habe dir gerade erst deinen Verband angelegt. Du hast mich die halbe Nacht wachgehalten.“ Ihre Stimme klang streng, doch ein Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe. Ein Ziehen durchdrang seinen Körper. Eine Wolke glitt zur Seite und gab den Blick auf den Mond frei. Silbrige Strahlen schienen durch das Fenster. Fielen direkt auf sein Bett.
      „Nein“, hauchte er entsetzt. „Bitte. Ich.“ Dann stieß er einen Schrei aus. Ein Schrei so schmerzerfüllt und durchdringend, wie er ihm erst vor kurzem in den Ohren geklungen hatte.

      Er stand auf dem Felsen und unter seinen Füßen tobte das aufgewühlte Meer. Wild schlugen Wellen in die Höhe und rieben sich gegenseitig an den Steinspitzen auf, die sich aus dem Wasser erhoben. Das Rauschen drang bis an seine Ohren und er schloss die Augen. Schloss die Augen, damit er die tobende See nicht mehr anblicken musste oder seine Kleider, die in Fetzen herab hingen und an denen nichts als Blut klebte. Er ließ sich nach vorne sinken und der Wind strich sanft über sein Gesicht, während sich der Schwindel in seinen Magen schlich. Sein Mund öffnete sich, um den metallischen Nachhall nicht mehr schmecken zu müssen. Das Rauschen wurde lauter, schwoll zu einem Donnern an.

      Fischer ruderten ihr schmales Boot wieder zurück an Land. Sie hatten nicht viel gefangen, obwohl das Wetter kaum besser für sie sein könnte. Ihr erster Fang lag in einer Plane eingewickelt, wie in eine Decke, auf den hölzernen Planken. Sie waren sofort umgekehrt, als sie erfassten, was sie da über die Reling gezogen hatten. Behutsam trugen schwielige Hände den Körper an Land. Wasser tropfte auf den getrockneten Sand.

      Er stand wieder auf der Klippe, an der er sich einst das Leben nehmen wollte. Dieses Mal war das Wasser ruhig. Vorsichtig ließ er sich auf dem Rand nieder. Man würde es gewiss nicht gerne sehen, dass er sich wieder hier herum trieb, und das aus guten Gründen. Der Vollmond schien zwischen den Wolken hervor. Dieses Mal betrachtete er ihn mit Trauer, doch ohne Angst. Das silbrige Licht strich heute gleichmütig an ihm vorbei. Zog ihn nicht, trieb ihn nicht. Nicht mehr seit er am Morgen in der Fischerhütte erwacht war. Er hatte diesen Sturz nicht überleben können. Ein Teil von ihm war gestorben. Nachdenklich blickte er wieder zu der silbrigen Scheibe, die über seinem Kopf hing, empor. Er hatte sie gesehen. Das was hinter dem Mond lag, die Geheimnisse. Er war froh, dass er sie wieder vergessen durfte. Alles woran er sich erinnerte, war, dass sie schrecklich gewesen waren.
    • Hallo zusammen, der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb Februar/März 2017 ist abgelaufen!

      Wie immer wurde reichlich abgestimmt und wir können euch auch zum Frühlingsanfang eine/n Gewinner/in präsentieren!

      Zwischen zwei Geschichten wurde es richtig knapp, doch wer gewonnen hat erfahrt ihr gleich hier und jetzt! ;)

      Und hier kommt auch schon die Auflösung:

      ...Gewonnen hat mit 7 von insgesamt 19 Stimmen (37%)...

      *trommelwirbel* :mamba2:

      Herzlichen Glückwunsch zum Sieg! Du kannst nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben. Ausserdem wurdest du in die Rangliste eingetragen und bekommst für zwei Monate 5 goldene Sterne, sowie einen eigenen Benutzertitel. Natürlich kriegst du auch das geheimsnissvolle Überraschungspaket mit fantastischem Inhalt!

      Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleißig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unsere aktuelle Gewinnerin hoffentlich schon bald vorgeben wird. 8)

      Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.

      Das war der Schreibwettbewerb Februar/März 2017. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)

      Euer Fantasy-Geschichten-Forum
    • Herzlichen Glückwunsch :)
      Auch an alle anderen Teilnehmer, denn eure Geschichten waren auch toll :)

      ich bin gespannt auf das nächste Thema :D

      LG Chaos
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."

    • Gratulation @Chnorzi :) Freue mich umso mehr, weil ich dir meine Stimme gegeben habe... die Idee mit der Seriennummer am Ende- sehr geil!

      Ich muss allerdings sagen, dass es mir auch nicht ganz leicht gefallen ist, mich zwischen den anderen, ebenfalls durchgängig gut geschriebenen Geschichten, zu entscheiden....

      Super, dass sich dieses Mal so viele beteiligt haben...hat Spaß gemacht zu lesen...

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Gegen Ende hab ich Blut und Wasser geschwitzt! Herzlichen Dank an alle Leser, Mitschreiber und Voter :heart:

      Mein persönlicher Favorit der Stories war ja @Tom Stark

      Tom Stark schrieb:

      »Ah, geh doch einfach, Du literarischer Tiefgräber!«
      :rofl: Meine Lieblingsstelle!

      Deku hat von mir schon das nächste Thema erhalten, bin mir nicht sicher, ob ich das hier schon offenbaren darf :D Fragt ihn!

      Nochmal ein riesen Dankeschön an alle!

      Immanuel Kant schrieb:

      Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
      Sapere Aude!
      Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
    • Klasse! Gratuliere @Chnorzi! Tolle Geschichte!

      Aber alle Geschichten hatten was, manche sind stimmtechnisch bestimmt unter Wert weggekommen, aber so ist das eben, wenn jeder nur eine Stimme abzugeben hat. Hat diesmal richtig Laune auf mehr gemacht. Danke an alle Autoren!


      Chnorzi schrieb:

      Gegen Ende hab ich Blut und Wasser geschwitzt!
      ... und genau so soll es auch sein! ^^


      5 Ausrufezeichen, 6 mit dem Zitat, in so einem kurzen Text sagt ja wohl alles ... (und ich meine nicht Windwebers Signatur-Spruch)


      Bin wirklich gespannt, was Du uns für die nächste Runde vorgibst. Diesmal war's ja richtig schwer ...
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • :party: YEAH, JUHUU - Gratulation @Chnorzi, meine Liebe! :thumbsup:

      Super gemacht und absolut verdient gewonnen. Zugegeben waren gleich mehrere interessante Geschichten und Ansätze dabei, aber hier stimmte das Gesamtpaket. Großartig!

      Nur weiter so.


      Gruß!
      Starraider - Die Sternenjäger: Eine verwegene Crew, ein waghalsiger Coup und das Schicksal der Galaxie auf Messers Schneide.

      Die Nebel von Arenor: Ein uraltes Übel kehrt zurück und nur eine Gruppe ungewöhnlicher "Helden" kann noch helfen.
    • Von mir auch einen herzlichen Glückwunsch, @Chnorzi ! :alien:
      Auch wenn ich es wirklich extrem versäumt habe, ich Dussel, abzustimmen, hätte ich dir auch meine Stimme gegeben. War echt eine tolle Umsetzung meines doch recht speziellen Themas. Zuerst dachte ich auch, mein vorgegebenes Thema wäre zu schwer, aber dann kamen doch sechs Geschichten. Da fiel mir ein gewaltiger Stein vom Herzen. :alien:
      Mal sehen, was du für ein tolles Thema vorgibst.
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
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      Helios III (Arbeitstitel)
    • Sooo das neue Thema ist on! Ich hoffe, ihr könnt damit etwas anfangen :thumbsup:

      Immanuel Kant schrieb:

      Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
      Sapere Aude!
      Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!