Schöpferzorn

  • Nun, ich hab' mich jetzt also doch einmal dazu durch gerungen hier einen Teil meiner Story zu veröffentlichen.
    Ich denke, die Ratschläge der schlauen Köpfe hier können mir doch eine große Hilfe sein bzw. mich weiterbringen!
    Da meine Kapitel allgemein sehr lange sind, werde ich natürlich aufsplitten.


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    Prolog


    Ein frischer Wind umwehte Kassos Gesicht und ließ seine langen, schwarzen Haarspitzen, die er sich noch kurz zuvor aus dem Gesicht gestrichen hatte, wild umherwehen. Vom angrenzenden Meer her, welches sich bis zum Horizont erstreckte, blies ihm der Wind unaufhörlich die salzige Seeluft um die Ohren, was allerdings nur auf dieser Seite des Kliffs der Fall war. Auf der anderen Seite seines Dorfes, gute tausend Schritte entfernt, blickte man, ebenfalls so weit das Auge reichte, auf das felsige rote Ödland, welches sie von der mittlerweile zerfallenen Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Krysa trennte. Von dort brachte der Wind bestenfalls Staub und heiße Luft.
    Das alte Adelsgeschlecht der Krysa herrschte einst über das komplette Land nördlich der toten Steppe, was insbesondere den mächtigen, uralten Regenwald mit einschloss, der sich westlich von hier befand. Damals gehörte Quad, Kassos Heimat und östlichster Teil besagten Nordens, was in der alten Sprache soviel wie „Land der Felsenmenschen“ bedeutete, noch zu besagtem Königreich. Der Handel mit der Hauptstadt sowie mit den blassen Westmenschen, vom Kontinent über dem Wasser, die mit ihren Schiffen vor Quads Küste ankerten, florierte. Doch diese Zeiten kannte Kasso nur aus den Erzählungen der Alten, die diese Geschichten ebenfalls nur von ihren Alten und deren Alten davor kannten. Unter ihrem wahnsinnigen Hohepriester hatten die Bewohner des Südens den Norden durch Anwendung von Hexerei mit Tod, Elend und Zerstörung überzogen. Süd-Namun, das riesige Reich unterhalb jener toten Steppe, hatte sich damit zumindest die Gebiete des abtrünnigen Königreichs wieder einverleibt. Doch das war auch die einzige Errungenschaft der Südländer aus diesem Krieg gewesen.
    Was von der einst stolzen Bevölkerung Krysas übrig geblieben war, waren größtenteils verzweifelte Nomadenvölker, die tagein tagaus um ihr Überleben kämpften, so erzählte man.
    Doch Kasso gehörte nicht zu einem Nomadenvolk und er musste auch nicht um sein Überleben kämpfen. Sein Dorf stand bereits seit Anbeginn der Zeit auf dem Felsplateau des heiligen Berges am Rande der ihnen bekannten Welt. Während er hier im Osten seines Dorfes über den Klippenrand auf das Meer schauen konnte, war das Dorf im Süden durch eine riesige Felswand geschützt, die weit über die Köpfe der Dorfbewohner in die Lüfte ragte. Im Norden ging es mehrere hundert Meter tief nach unten, wenn man über den Rand der Klippen schaute. Der Felsengott hatte ihr Dorf in seinem sicheren Schoß, hoch oben über dem Festland, errichtet und bot ihnen somit maximalen Schutz vor wilden Tieren und den Dämonen der Nacht. Einzig eine robuste Hängeseilbrücke, aus dem Holz der im Tal wachsenden Bäume gebaut, führte hinunter in eben dieses. Eine grüne Oase, in deren Mitte ein großer See lag, der von unterirdischen Quellen aus dem Regenwald des Westens gespeist wurde. Er bot ihnen frisches Wasser und sowohl durch die angrenzenden Obstbäume, als auch durch Fische und die vielen Vögel die hier am heiligen Berg und der näheren Umgebung lebten, genügend Nahrung.
    Diese Quelle des Lebens war ein weiteres Geschenk des Felsengottes, welches dieser einst vom Gott der roten Felswüste, dem Herren der Dämonen der Nacht, erstritten hatte, hieß es in den Geschichten der Alten.
    Kasso blickte in die aufgehende Sonne, die langsam am Rand der Welt aufzusteigen vermochte. Heute Morgen würde er von Kufa und Ryko hinunter in das Tal begleitet werden um frisches Wasser und neue Vorräte für sich und ihre Familien zu beschaffen. Er kannte die beiden schon seit sie zusammen aufgewachsen waren. Kufa war ein breitschultriger Mann, noch breitschultriger als Kasso selbst. Er hatte ein hartes, unnachgiebiges Gesicht, mit kleinen eng stehenden dunklen Augen. Er überragte jeden anderen Mann im Dorf um mindestens einen Kopf, was ihm den Beinamen „Riese“ eingebracht hatte. Doch obwohl sein Äußeres so hart wirkte, hatte er ein weiches Herz. In jungen Jahren verlor er einen Sohn durch ein Fieber. Seitdem hatte ihm seine Frau nur noch zwei Töchter geboren. Insgeheim galt es als Schwäche bei den Felsenmenschen, nicht mindestens einen männlichen Nachkommen groß zu ziehen, doch niemand hätte es je gewagt dies dem respekteinflößenden Kufa ins Gesicht zu sagen. Seine Töchter waren sein Ein und Alles. Für sie würde er sich gar unbewaffnet einem Dämonen der Nacht stellen und wenn nötig sogar töten, was er nie müde wurde zu betonen. Kufas Haare waren bereits allesamt ausgefallen, also schützte er sich mit einer Kopfbedeckung aus rissigem Ziegenleder vor der Mittagssonne, die er auch heute Morgen wieder an seinem Gürtel baumeln haben würde. Ryko war wesentlich schmächtiger als Kufa, ja fast schon dürr. Sein basaltfarbenes Haar, welches die gleiche Farbe wie seine freundlichen großen Augen hatte, trug er stets bis zu seinen Schultern und war generell sehr auf ein gepflegtes Äußeres bedacht. Ryko war er ein begnadet guter Jäger, der mit seinem selbstgeschnitzten Speer jeden Vogel auf mehrere Meter Entfernung aufspießen konnte, den er als Ziel auserkoren hatte. Kasso hatte sogar schon gesehen wie er einen aus der Luft geholt hatte, obwohl dieser bereits, wild flügelschlagend, hoch über die Baumkronen aufgestiegen war. Auch die schnellen und wendigen Fische entkamen ihm nur in den seltensten Fällen. Ryko hatte, trotz seiner vermeintlichen körperlichen Schwächlichkeit, vier gesunde Kinder. Drei davon waren Söhne. Sein jüngstes Kind, die erste Tochter, war gar noch so jung, dass selbst die Sterne in ihrer kurzen Lebzeit noch nicht sehr oft auf sie herabgeblickt hatten. „Da kann wohl wieder jemand nicht erwarten, dass es endlich an die Arbeit geht, was?“, hörte Kasso die markante, tiefe Stimme Kufas hinter sich ertönen. Er blickte sich um und lächelte den beiden Männern entgegen. Während Ryko mit seinem Jagdspeer herumjonglierte, hatte Kufa seine Schultertrage aus einem armdicken Baumstamm auf den Schultern liegen an deren Enden links wie rechts jeweils drei leere, große Holzbottiche baumelten. Vier davon würde er selbst zurück ins Dorf befördern, entweder mit Obst und Nüssen oder Rykos Erlegtem darin. Die übrigen beiden Bottiche, gefüllt mit Trinkwasser, durften seine Begleiter zurück befördern, wobei diese Aufgabe speziell Ryko stets größte Anstrengung bereitete, was ihm, wie jedes Mal wenn sie sich ins Tal aufmachten, wieder spöttische Kommentare einbringen würde. Zeitweise müssten sie wieder minutenlang ihren Rückmarsch unterbrechen und auf ihn warten, damit ihr schwachbrüstiger Freund seine Kräfte neu sammeln konnte.
    Auf ihrem Weg ins Tal, über die große Brücke, lauschten sie dem entfernten Meeresrauschen und dem sanften Gesang der aufwachenden Tierwelt. Kurz nach Beginn des Sonnenaufganges war für die Drei die beste Zeit um aufzubrechen. Erstens würden sie es noch vor der beginnenden Mittagshitze zurück ins Dorf schaffen und Zweitens wären sie als Erste im Tal und könnten somit in aller Ruhe ihre Bottiche füllen. Viele Dorfbewohner befürchteten, dass in der Düsternis des Morgengrauens noch Dämonen der Nacht auf sie lauern könnten, die gedachten ihnen Zähne und Zunge herauszureißen um diese ihrem Gott als Opfergabe darzubringen. Kasso konnte darüber nur lachen. Der Vater seines Vaters hatte immer wieder beteuert, dass die Dämonen der Nacht sich vor dem Tal des Felsengottes fürchteten und sollte sich dennoch einer von ihnen dorthin verirren, so würde er doch beim Anblick der aufgehenden Sonne einen qualvollen Tod finden. Die Dämonen der Nacht lebten unter den Felsen des roten Ödlands und mussten sich bei Tag darunter verstecken. Des Nachts allerdings streiften sie umher, immer davon getrieben ihrem Gott zu gefallen, indem sie unvorsichtige Seelen überfielen und verstümmelten, denn ihr Gott war grausam und lebensverachtend.
    Ryko hingegen glaubte nicht an diese Geschichten. Seiner Meinung nach gab es keinen Beweis für die Existenz der Dämonen. Niemals zuvor hatte je einer der Dorfbewohner einen von ihnen gesehen. Kasso hatte Ryko schon dabei beobachtet, wie er des Nachts auf der Westseite des Dorfes konzentriert in die Dunkelheit der roten Felswüste gestarrt hatte, in der Hoffnung dort zu entdecken, wie sie aus ihren Betten unter den Felsen aufstiegen und ihren nächtlichen Streifzug antraten. Doch am nächsten Morgen hatte er seinen Freunden völlig übermüdet davon berichtet, dass er zu seinem Bedauern weder etwas gesehen, noch etwas gehört hatte, außer dem lauten Schnarchen aus den umliegenden Schilfhütten.
    Etwas später hatte er gar noch der Nachtwache an der Hängeseilbrücke beigewohnt und war mit seiner Fackel fast bis an das Ende der Brücke vorgedrungen, wo er einige Zeit verharrt hatte, wie er erzählte. Die anderen Wächter nannten ihn seitdem „den lebensmüden Ryko“. Ihm waren allerdings seine aus dieser Nacht erhaltenen Zähne und seine Zunge Beweis genug, dass man sich bezüglich der Dämonen schon seit Generationen gegenseitig verschaukelte.
    Kasso hoffte dennoch, dass Ryko keine weiteren Dummheiten dieser Art begehen und eventuell ihr ganzes Dorf damit in Gefahr bringen würde, indem er die Dämonen der Nacht vermutlich gar in ihre Mitte lockte.
    Nach längerem Fußmarsch hatten sie endlich das Tal erreicht und standen am Ufer des großen Sees. Man konnte zwar, wenn man das wollte, problemlos die kurze Strecke zum anderen Ufer durchschwimmen, ohne aus der Puste zu kommen, doch was dem See an Breite fehlte, machte er durch seine immense Länge wett. Um vom einen zum anderen Ende zu gelangen musste man mehrere tausend Schritt zurücklegen und somit beinahe das komplette Tal durchqueren. Kufa legte seine Schultertrage ab und streckte sich erst einmal ausgiebig. Ryko rammte seinen Speer in den weichen Boden, legte sein Schafswollwams ab und watete einige Schritte in das seichte Wasser. Er schaufelte mit seinen beiden Händen das klare feuchte Nass an seinen Mund und nahm zwei große Schluck. Anschließend sprang er kopfüber in das tiefe Wasser, tauchte dort zweimal im Kreis und kam anschließend mit einem erleichtert klingendem Seufzer wieder zurück an die Oberfläche: „Nichts erfrischt einen mehr, als einen kurzen Moment in unser aller liebster Lebensquell“, rief er seinen Freunden entgegen. „Du verscheuchst die ganzen Fische“, knurrte Kufa zurück. „Wir können auch auf der anderen Seite des Sees noch Fische fangen, wenn es unbedingt sein muss“, erwiderte Kasso dem Riesen und begann einige Beeren von einem naheliegenden Strauch zu pflücken. Als sie den See zusammen erreicht hatten, waren die Vögel, die stets über und um den heiligen Berg patrouillierten und immer wieder zum Rasten hier her kamen, laut kreischend vom Boden aufgestoben und hatten sich in den hohen Baumkronen vor ihnen versteckt. Von dort aus beobachteten sie die drei Menschen, die sich nun an ihrem Ufer breit gemacht hatten.


    Während Kufa gerade dabei war den zweiten Bottich mit Wasser zu füllen, stieg Ryko wieder aus dem See und zog seinen Speer aus der Erde. Kurz ließ er seinen Blick prüfend über die Baumkronen schweifen und hob den Speer zum Wurf über seine rechte Schulter. Vereinzelt durchbrachen bereits die hellen Strahlen der Sonne die Blätterkleider der stummen, knorrigen Bäume und zauberten Wärme auf alles was sie berührten. Rykos Speer traf. Mit einem gekonnten Wurf hatte er einen weißgefiederten Vogel auf seinem sicher geglaubten Ausguck aufgespießt, dessen Körper nun wie ein reifer Apfel auf dem Boden aufschlug. Kasso, der Ryko dabei beobachtet hatte, musste grinsen. Immer wieder war er fasziniert davon, mit welcher Leichtigkeit und Unbekümmertheit er bei der Jagd zu Werke ging.

  • Hallo Rika :)


    mir hat dein Anfang sehr gefallen, du hast deine Welt echt detailliert beschrieben so das man sich gut ein Bild von den Orten machen kann :)
    Ich finde es auch schön das du deiner Geschichte viel Zeit gibst, und dir wirklich mühe mit der Welt und den Charakteren gegeben hast, von Ryko und Kufa kann ich mir schon sehr gut ein Bild machen. :) Das fehlt mir bei deinem Prota Kasso noch etwas, was für eine Aufgabe hat er im dem Dorf z.b. Schmied. Da du beiden anderen mit markanten äußerlichen Details beschrieben hast hätte ich mir das auch so für Kasso gewünscht. Aber ich glaub da bin ich schon wieder zu voreilig und du wirst uns dazu noch aufklären.


    Mir gefällt deine Idee wirklich gut das die Menschen von einem Felsengottes beschützt werden, obwohl mich dein Titel was anderes erahnen lässt :) Ach eig. gefällt mir der ganze Weltenbau :D wirklich toller Start.


    Zur Rechtschreibung, Grammatik und kann konnte ich auf anhieb nix sagen, dafür hat mich die Geschicht zu gefesselt :)


    Ich freu mich schon auf den nächsten Teil :)
    LG Remoni


    Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.
    Mahatma Gandhi

  • @Rika Hallöchen :hi2: ich hab auch mal vorbei geschaut.

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Damals gehörte Quad, Kassos Heimat und östlichster Teil besagten Nordens, was in der alten Sprache soviel wie „Land der Felsenmenschen“ bedeutete, noch zu besagtem Königreich Krysa und der Handel mit der Hauptstadt und den blassen Westmenschen, vom Kontinent über dem Wasser, die mit ihren Schiffen vor Quads Küste ankerten, florierte.

    Ein Verbesserungsvorschlag der auch mir des Öfteren gegeben wurde: Deine Sätze sind zu lang.
    Ich habe mal einen von ihnen zitiert. Hier sind zu viele Informationen in einen Satz gepresst, dabei hat es jede Information durchaus verdient selbst im Rampenlicht zu stehen.
    Sie gehörten einst zum Königreich. Seine Heimat trägt einen besonderen Namen. Es gibt regen Schiffshandel mit der Hauptstadt.


    Dann sind die ersten Absätze sehr objektiv geschrieben und mit sehr vielen Informationen, die so gern ich sie auch gelesen habe, am Ende der Geschichte bereits vergessen waren. Ich merke mir solche Sachen viel besser, wenn sie mit einer Emotion gekoppelt sind.


    Wie denkt den Kasso über den Namen der Stadt? Wünscht er sich seine Heimat würde noch zum Königreich gehören, oder ist es ihm ganz recht, dass es nicht so ist? Ist der Schiffshandel gut, oder bringt er Probleme mit sich?


    All diese Infos stärker im Bezug zu deinen Charakteren zu schreiben bedeutet zum einen, dass sie mir eher im Kopf bleiben und zum anderen dass ich mir die innere Gedankenlage deines Charakters besser nachvollziehen kann - er wirkt also lebendiger für mich.


    Aber bitte lass dich von dem was ich schreibe nicht demotivieren. Das ist alles Jammern auf sehr hohem Niveau. Deine Wortwahl ist makellos, Ton & Stimmung haben in dem Text keinen einzigen Bruch, der Beginn wirkt sehr einladend und macht Lust auf mehr.

    Ein Dolch in der Nacht ist wertvoller als hundert Schwerter am Morgen.

  • Hallo zusammen,


    erst einmal vielen Dank an jeden Einzelnen von euch, der sich mit dem Abschnitt auseinandergesetzt hat! :)


    @Remoni
    Es stimmt, dass Kassos Äußeres erst nach und nach im Prolog näher beschrieben wird.
    In der Dorfgemeinschaft gibt es allerdings keine klassischen Berufe, da ihnen alles, was sie zum Leben benötigen, vom Felsengott gegeben wird.


    @Xarrot
    Speziell der Prolog leidet zu Beginn ein wenig unter den Schachtelsätzen, worauf ich schon hingewiesen wurde und was ich, so gut es ging, bereits entschärft habe. Nichtsdestotrotz werde ich hier nochmal ansetzen und auch einige deiner anderen Korrekturen übernehmen. Das "östlichen" ist, im Hinblick auf den vorangegangen Satz tatsächlich unnötig. Das zweite "über" habe ich ebenfalls übersehen, obwohl ich schon, was weiß ich wie oft, drüber gelesen habe :D


    Das beim nächsten Schachtelsatz (Punkt 3) die Information nicht richtig rüberkommt, hab' ich jetzt registriert ;)
    "Hauptstadt" bezog sich auf das zerfallene Königreich, die blassen Westmenschen kommen vom "Kontinent über dem Wasser".


    Bei Punkt 4 könnte ich natürlich "mittels" einfach mit "durch" ersetzen.


    Zu Punkt 5: Das Dorf steht auf einem Felsplateau. Im Süden erhebt sich hier aber noch zusätzlich eine Felswand in die Höhe.


    Zu Punkt 6: "Erhalten" ist hier im Sinne von "Bewahren" gewählt. Das er immer noch Zunge und Zähne im Mund hat und diese nicht von den Dämonen herausgerissen wurden, ist für ihn der Beweis, dass die Dämonen der Nacht nur ein Hirngespinst sind.


    @Verraeter
    Da das Königreich schon lange vor seiner Zeit zusammengebrochen ist, ist alles, was damit zusammenhing für Kasso eher wertfrei zu betrachten. Das wird ja schon an der Stelle klar, an der relativ nüchtern bemerkt wird, dass er, im Gegensatz zu den besagten verzweifelten Nomadenvölkern, nicht hungern muss. Nicht, dass er irgendwie ein empathieloser Hund wäre, aber er kennt andere Menschen (außerhalb ihrer Gemeinschaft) nur aus Erzählungen und hat somit wirklich keinerlei Bezug zu ihnen. Leid ist für ihn zudem etwas, dass er nicht wirklich nachvollziehen kann, da er es schlichtweg nicht kennt. Der Felsengott hat ihnen ein "Paradies" erschaffen, dass sogar von dem Krieg mit dem Süden verschont geblieben war.


    Generell lasse ich ja viele (für manchen Geschmack zu viele) Informationen in meine Texte einfließen. Vieles ist nur Beiwerk, klar. Bei wirklich relevanten Informationen wird das natürlich nicht so beiläufig passieren bzw. werden diese dann teils auch entsprechend "emotional kommentiert" ;)


    Was mir noch ganz wichtig ist:
    Ich möchte weiterhin darum bitten alles, wenn nötig auch unverblümt, anzuprangern, was nicht gefällt. Ich lasse mich dadurch schon nicht demotivieren, keine Sorge. Da ich mich ja weiterentwickeln möchte, hilft es mir nicht, wenn mit Kritik hinterm Berg gehalten wird :)


    LG
    Rika

  • So, dann fahren wird doch mal fort :)


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    Kufa war weniger von Rykos Tat angetan. Er lehnte das Fleisch von Vögeln strikt ab. Seiner Meinung nach hatte der Felsengott das Tal als Geschenk für dessen Bewohner hinterlassen, nachdem er es dem dunklen Gott der roten Felswüste entreißen konnte. Er hatte den See in dessen Mitte platziert und in und um ihn herum seine Geschenke, die seine Kinder ernähren sollten. Die Vögel, die sie durch ihre Ankunft vom Wasser vertrieben hatten, waren, Kufas Ansicht nach, die Wächter der Lüfte von Quad und für sie war das Tal ebenso Geschenk wie auch für die Felsenmenschen. Ryko hielt dem immer wieder gerne entgegen, dass die Fische im Wasser doch das gleiche Anrecht auf das Geschenk des Felsengottes hätten, Kufa sie aber trotzdem verspeisen würde. Glücklicherweise äußerte sich keiner der Beiden zu dieser Streitfrage, da diese grundsätzlich endlose Diskussionen nach sich zog, in denen keiner der beiden nachgeben wollte. Kufa aus Überzeugung nicht, und Ryko, weil er es liebte, wenn Kufa sich über solche Nichtigkeiten aufregte. „Wenn der Felsengott nicht wollte, dass wir die Vögel verspeisen, hätte er uns das längst wissen lassen“, hatte er Kasso gegenüber einmal behauptet. Da war etwas Wahres dran, fand dieser, doch wollte er diesen Ansatz nicht weiter vertiefen. Andererseits hatten die Felsenmenschen, in dem für Krysa verheerenden Krieg mit Süd-Namun, keinen Schaden davongetragen und dafür war er seinem Gott überaus dankbar. Auch hatte er ihn und seine süße Frau mit einem starken, gesunden Sohn gesegnet, Kassos ganzer Stolz. In Anbetracht dessen stand es ihm schlichtweg nicht zu an den Gegebenheiten zu zweifeln.


    Kufa hatte derweil mit seinen riesigen Händen den Stamm eines jungen Baumes umfasst und kraftvoll einige reife Früchte heruntergeschüttelt, die er einsammelte und in einen der beiden noch leeren Bottiche legte. Alle anderen Dorfbewohner mussten die Bäume hinaufklettern oder sich mit den wenigen überreifen Früchten zufrieden geben, die sie mit Mühe durch ihr bloßes Rütteln ihren Kronen entlocken konnten, doch für den Riesen war dies eine seiner leichtesten Übungen. Kurze Zeit später hatten sie zwei Behälter voll mit Wasser, einen weiteren gefüllt mit Beeren und Nüssen, die Kasso von verschiedenen Sträuchern gepflückt hatte, einen Behälter mit sieben erlegten Vögeln, sowie einen weiteren bis zum Rand befüllt mit den von Kufa geernteten Baumfrüchten: Die grünen, mehligen „Götterfrüchte“, die so süß schmeckten und die die Kinder am Liebsten aßen. Die handflächengroßen roten „Felsenherzen“, deren Schale so hart war, dass man sie zuerst mit einem Werkzeug aufbrechen musste um an das wässrige Fruchtfleisch zu gelangen, sowie die kleinen, etwa Kufa-Daumen-großen, orange-goldenen „Lächler“, die so sauer schmeckten, dass sie selbst dem ernstesten Mann bei rohem Verzehr ein Lächeln ins Gesicht zauberten. In den allermeisten Fällen wurde der Saft dieser Früchte allerdings in einen Schöpfbecher geträufelt, mit Wasser verdünnt und anschließend getrunken. Das Lächler-Wasser war ein Wundermittel gegen Schwermut und Traurigkeit. Aus den alten Geschichten wusste Kasso, dass die Westmenschen einst ganz verrückt nach den Lächlern gewesen waren, es von ihnen gar als Quad-Gold bezeichnet wurde und das es den Felsenmenschen reihenweise gute Tauschgeschäfte eingebracht hatte. So bauten die Westmenschen ihnen beispielsweise zum Dank die riesige Hängeseilbrücke, die vom Felsplateau mehrere hundert Meter hinunter in das Tal führte. Zuvor mussten die Felsenmenschen stets einen gefährlichen, schmalen, von ihren Vorfahren in die Felsen gehauenen, Pfad benutzen, der nicht wenigen von ihnen im Laufe der Zeiten das Leben kostete.


    Vielleicht wäre es nie zum Krieg gekommen, dachte Kasso, wenn es bei den Südländern ebenfalls Lächler-Bäume gegeben hätte und sie somit auch von dem Quad-Gold hätten kosten können. Glückliche Menschen sind nicht an Krieg interessiert. Im Streben nach Glück, was eines jedes Menschen Ziel sein musste, waren Krieg und Hass die denkbar schlechtesten Entscheidungen, die man auf dem Weg dorthin treffen konnte. Zumindest hatten die Alten dies immer wieder betont. Ob die anderen Bewohner des ehemaligen Königreiches diese Meinung ebenfalls teilten? Er wusste es nicht. Kasso kannte nur Quad, nur den heiligen Berg und das Tal. Er kannte das Meer und die Küste und er kannte die rote Felswüste, in denen die Dämonen der Nacht hausten. Er kannte alle Menschen seines Dorfes, fast dreihundert Männer, Frauen und Kinder, doch er hatte nie andere Menschen kennengelernt. Keine Westmenschen, keine Südländer, ja nicht einmal Menschen aus den unzähligen Nomadenvölkern, deren Vorfahren einst stolze Bewohner, vielleicht sogar Könige von Krysa gewesen waren.


    Ryko war vorsichtig einige Schritte in das seichte Wasser am Ufer gewatet und hatte seinen Speer im Anschlag. Wachsam streiften seine Blicke minutenlang über die glatte Oberfläche, als wenige Meter entfernt ein Kräuseln einen Fisch ankündigte. Manchmal warf Ryko einige zermalmte Nussstückchen aus, um die silbernen Schuppentiere anzulocken, doch heute war ihm nicht nach einem schnellen Fang zumute. Ryko genoss es manchmal geduldig auf seine Beute zu warten, wie ein wildes Tier, wie ein echter Jäger.
    Kasso hingegen konnte Tieren nichts zuleide tun. Er konnte sie essen, das war für ihn keine moralische Frage, doch sie selbst erlegen? Einem anderen Lebewesen das Leben nehmen? Er hatte es nie versucht und war auch nicht erpicht darauf es zu tun. Beeren, Nüsse und Früchte hingegen fühlten nichts, wenn er sie pflückte und das war gut so. Er nahm den Bottich, den er bereits halbvoll mit roten, gelben und violetten Beeren, sowie Nüssen mit und ohne Schale gefüllt hatte und wandte sich mit halb flüsternder Stimme an Kufa: „Ich gehe uns noch ein paar von den Breibeeren pflücken“.
    Rykos Speer sauste in diesem Moment durch die Luft, drang in das Wasser ein und verfehlte sein Ziel um eine gute Handbreit. Kufa begann lauthals zu lachen, als er sah wie der Fisch sich mit wilden schlängelnden Bewegungen in Richtung des tiefen, dunklen Wassers der Seemitte zurückzog. Ryko hatte verärgert die Lippen zusammengepresst und kehrte knietief in das Wasser zurück, um seinen Speer zurückzuholen. „Der König aller Jäger wieder einmal mit einem Fehlwurf. Selbst meine kleine Myja hatte es nicht viel besser machen können“, witzelte Kufa. „Deine Tochter wäre damit immerhin noch um Längen besser als ihr Vater, der Vogelfreund“, blaffte Ryko zurück, der immer leicht gereizt reagierte, wenn man ihn verspottete.


    Eine weitere der bereits unzählige Male geführten Diskussion um den vermeintlich gleichen Anspruch der Wächter der Lüfte und der Felsenmenschen entbrannte zwischen Kassos beiden Freunden. Er grinste nur, schüttelte leicht den Kopf und wandte sich von den Beiden ab. Er schlenderte einige Meter weiter zu den Sträuchern mit den Breibeeren, die deshalb so genannt wurden, weil aus ihnen und anderen Ingredienzien ein schmackhafter Brei gemacht wurde. Seine Frau beherrschte diese Kunst, wie kein Zweiter im Dorf und sein Sohn und er konnten nahezu nie genug davon bekommen.
    Entfernte Stimmen kündigten weitere Bewohner des Dorfes an. Zwei junge Burschen, die sich beide zum Verwechseln ähnlich sahen. Die Söhne des Ziegenzüchters gesellten sich zu ihnen und begannen, etwas abseits von Kufa und Ryko, ihre Wasserbehälter aufzufüllen. Die vier Dorfbewohner waren aus der Ferne nur noch so groß wie die Vögel, über die sich seine beiden Freunde stritten, als Kasso die Breibeersträucher erreichte.
    Über seinem Kopf sah er wie weitere Federträger, laut kreischend, angeflogen kamen und in den Baumkronen Platz nahmen. Sie beobachteten die Menschen unter ihnen weiterhin kritisch und konnten es allem Anschein nach kaum erwarten, dass sie ihnen endlich wieder den See und das Tal überlassen würden.


    Immer mehr ihrer gefiederten Freunde und Vettern taten es ihnen gleich und fanden sich ebenfalls auf den unzähligen langen Fingern der riesigen, braunen Obstbäume ein. Weiße und schwarze Vögel. Vögel so blau wie der Himmel über ihnen, andere so grün wie die Farne, die rund um den See wuchsen. Einige wiederum trugen Federn am Leib, die in allen Farben leuchteten. Ihr Flügelschlagen und ihr Rufen erfüllte die Luft über ihnen und ließ sogar die beiden Streithähne Kufa und Ryko verstummen. Die beiden Jungen des Ziegenzüchters hatten ihre Blicke ebenfalls fasziniert in die Lüfte gewandt und blickten sich neugierig um. Noch nie zuvor hatte Kasso eine solche Versammlung von so vielen Luftbewohnern gesehen und bis eben wusste er auch nicht, dass sie in der Lage waren einen solchen Lärm zu veranstalten. Ihm kam es so vor, als würden sich plötzlich alle Vögel von Quad in ihrem Tal versammeln. Das Gedränge auf den Ästen war groß. Vereinzelt bogen sie sich, durch das auf ihnen lastende Gewicht, gefährlich Richtung Boden und schienen bedroht davon abzubrechen. Einige Blätter tanzten lustig, ob des aufgebrachten Geflatters, durch die Lüfte und rieselten zu Füßen der schweigenden Felsenmenschen, die nicht so recht verstanden, von was diese Tiere getrieben wurden. Weshalb versammelten sie sich alle hier und wieso machten sie so einen Aufruhr? Was hatte sie so aufgeregt?
    Noch einige weitere Augenblicke starrten Kasso und die Anderen wortlos in die Lüfte, ehe die aufgebrachten Tierchen ohne Vorwarnung binnen weniger Sekunden völlig verstummten. Tausende Augen starrten die Fünf nun schweigend an. Ein leichter Schauer lief Kasso über den Rücken. Erst jetzt bemerkte er, dass er seinen Bottich versehentlich umgestoßen und der Inhalt sich über den weichen Erdboden verteilt hatte. Kufa wandte seinen Blick von den Bäumen ab, drehte sich zu Kasso um und warf ihm, begleitet von einer schulterzuckenden Geste, einen fragenden Blick zu. Niemand sprach auch nur ein Wort, bis die bedrückende Stille durch ein sehr kurzes, röchelndes Geräusch durchbrochen wurde.

  • @Rika ich bekomme das Gefühl, da passiert gleich etwas ... Ich mag keine Cliffhanger! :( Ich hoffe mal du gehörst nicht zu denen, die an einer solchen Stelle erstmal ein völlig anderes kapitel einschieben sonst dreh ich vermutlich durch vor Neugierde xD

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • @Xarrot
    Ärgerlich! Da achte ich schon immer speziell auf Wortwiederholungen und dann kann ich sie doch nicht ganz raushalten. X/
    Auch hier nochmal ein Danke für die Hinweise! ;)


    Den letzten Prolog-Fetzen schiebe ich dann morgen noch nach.


    LG
    Rika

  • Ryko fiel auf die Knie, während Kufa ruckartig herumfuhr und Kasso seinen breiten Rücken zudrehte.
    Was war passiert? Das Schafswollwams, das er nach seiner kleinen Runde unter Wasser wieder angelegt hatte, färbte sich langsam rot um Rykos Brust. Kasso konnte etwas langes, Spitzes aus dem Hals des Jägers herausragen sehen, bis dieser vornüber kippte und sein Gesicht in dem schlammigen Uferboden vergrub. Plötzlich brach ein heilloser Lärm aus, als die Vögel über ihnen aufgeregt mit ihren Flügeln zu schlagen begannen und sich laut kreischend in die Lüfte erhoben. Die beiden Ziegenburschen taten es den Vögeln gleich, ließen ihre Wasserbehälter fallen und ergriffen aufgeregt die Flucht zurück in Richtung der Hängeseilbrücke, die sie wieder in das Dorf führen sollte. Kufa, der zu seinem am Boden liegenden Freund geeilt war und ihn auf den Rücken gedreht hatte ließ einen lauten, markerschütternden Schrei ertönen. Entsetzt blickte der Riese in die starren, weit aufgerissenen Augen seines toten Freundes, dessen Kopf vollständig in seiner, mittlerweile ebenfalls blutverschmierten, linken Hand Platz fand. Gerade als Kasso sich aus seiner Schockstarre lösen konnte und ebenfalls nach seinem Freund sehen wollte, war es Kufa, der von einem weiteren Geschoss getroffen wurde, welches seinen linken Oberarm durchbohrte. Kasso verlor vor Schreck das Gleichgewicht und landete rücklings in dem Breibeerstrauch hinter ihm. Kufas schmerzerfülltes Stöhnen vermischte sich mit lautem Geschrei, welches sich rasch aus der Ferne näherte. Menschliches Geschrei. Kasso, der gerade dabei war sich wieder hoch zu rappeln, sah wie rund ein Dutzend verhüllter Gestalten aus den dichten Sträuchern und Büschen direkt auf Kufa zustürmten, der sich unter Schmerzen noch einmal auf die Beine zwang, seine massive Schultertrage zur Hand nahm und den unbekannten Heckenschützen mit ausgebreiteten Armen signalisierte, dass er sich ihnen stellen würde. Nur wenige Augenblicke später wurde der Riese von mehreren Geschossen durchbohrt. Zwei trafen ihn direkt in die Brust, eines in den Bauch. Ein weiteres steckte in seinem rechten Oberschenkel, ein anderes schlug nur wenige Zentimeter neben dem ein, der ihn zuvor in den linken Oberarm getroffen hatte. Das tödliche Geschoss traf ihn mitten ins Herz.
    Gefolgt von einem dumpfen, lauten Aufprall, kippte der Riese rückwärts zu Boden und lag schließlich regungslos, alle Viere von sich gestreckt, neben seinem Freund Ryko, dessen Blut sich mittlerweile mit dem Wasser am Rande des Sees vermischte.


    Kassos Herz hämmerte wild gegen seine Brust. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt. Kein klarer Gedanke schien mehr darin zustande zu kommen. Mit dem puren Angstschweiß auf der Stirn kauerte er am Boden, halb in dem Breibeerstrauch verkrochen und hoffte nur, dass die Angreifer ihn nicht gesehen hatten. Erst jetzt konnte er sie sich genauer betrachten. Sie trugen schmutzige, gelbe Gewänder aus dünnem Tuch und an ihren Füßen zog sich bis zu ihren Knien schwarzes Leder empor. Ihre Gesichter waren, bis auf die Augen hinter unterschiedlich farbigen Tüchern versteckt, ihre Häupter wurden von Kapuzen bedeckt. Es waren dreizehn. Dreizehn Männer von denen sieben dünne, gebogene Holzinstrumente mit sich führten. Aus Behältnissen, die auf ihre Rücken geschnallt waren, ragten die spitzen Geschosse hervor, die seine beiden Freunde getötet hatten. An ihren Gürteln baumelten lange Stäbe, die aus einem silbrig glänzenden Holz oder Stein gefertigt waren und die sich zur Spitze hin etwas verkrümmten, aber dennoch flach und gleichmäßig geformt waren. Die Angreifer sprachen miteinander, doch Kasso verstand nicht, was sie sagten. Erst als er für einen kurzen Moment die Luft anhielt um genauer hinhören zu können, hörte er wie sie sich mit fremden Zungen miteinander verständigten. Eine animalische Sprache, rauer, aggressiver und betonender als die seine. Einer der Dreizehn zeigte immer wieder auf die regungslosen Körper von Kufa und Ryko. Nach einigem Hin und Her zwischen ihm und den Anderen, trennten sich ihre Wege. Der Eine blieb zurück, seine Begleiter marschierten schnellen Schrittes in Richtung der Hängeseilbrücke und lachten immer wieder laut dabei auf. Ein Lachen, welches so fürchterlich klang, dass es Kasso durch Mark and Bein drang. Sie marschierten in sein Dorf. Zu seiner und den Familien seiner Freunde. Was sollte er nur tun? Wenn er jetzt aufstehen und sie verfolgen würde, würden sie ihn ebenso mit ihren fremden Waffen töten wie Kufa und Ryko. Er durfte keine Aufmerksamkeit erregen und so musste er zuerst einmal darauf hoffen, dass die anderen Männer des Dorfes die Fremden lange genug aufhalten konnten, bevor er ihnen zu Hilfe eilen würde.
    Er beobachtete derweil wie der zurückgebliebene Mann sich vorsichtig auf Kufas Leiche zu bewegte. Anscheinend hatte er Angst, der Riese könnte plötzlich wieder aufwachen und ihn mit bloßen Händen zermalmen. Mit seinem rechten Fuß tippte er den vermeintlich Toten zuerst leicht, dann etwas vehementer gegen dessen Seite an und als er anscheinend davon überzeugt war, dass der von mehreren Geschossen durchbohrte Mann sich tatsächlich nicht mehr rühren konnte, kniete er sich neben dessen Kopf in den Dreck und nahm seine Kapuze, sowie das Tuch von Mund und Nase ab. Darunter kam ein, überraschenderweise, völlig normales Gesicht zum Vorschein. Die Haut des Fremden war kupferfarben, wie auch seine eigene und die der anderen Dorfbewohner. Die untere Gesichthälfte, mit kurzem, schwarzem Bartwuchs überzogen, wirkte aus der Ferne genauso ungepflegt, wie sein langes schwarzes Haupthaar, das ihm stellenweise an seiner Stirn klebte und ihm teils auch in die Augen fiel. Der Mann tastete mit seiner linken Hand in Kufas Gesicht herum und zupfte nebenbei mit seiner Rechten an seinem schmutzig-gelben Gewand herum.


    Langsam und möglichst lautlos schleppte sich Kasso, auf dem Bauch liegend, etwas näher heran um genauer erkennen zu können, was der fremde Mann vor hatte. Da sah er, wie er etwas kurzes silbrig Schimmerndes aus seinem Gürtel zog und damit im Gesicht des Riesen herumzufuchteln begann. Dieses Werkzeug, dessen Beschaffenheit Kasso nicht erklären konnte, färbte sich binnen weniger Sekunden blutrot. Kasso schleppte sich näher heran und noch näher. Jedes Mal wenn der Wind durch die Blätterkleider der Bäume rauschte kam er etwas voran und konnte bald darauf erkennen, was genau dort vor sich ging. Ein eiskalter Schauer durchfuhr ihn, als er erkannte, dass der fremde Mann Kufa die Zähne aus seinem Mund riss. Das konnte nicht sein. Sie sterben in der Sonne und fürchteten sich vor dem Tal, rief er sich ins Gedächtnis. Das hatte der Vater seines Vaters immer wieder beteuert. Sie schliefen tagsüber unter den Felsen des roten Ödlands. Aber da saß dieses Ungeheuer nun und packte die entfernten Zähne fein säuberlich in das Tuch, das er vorher über Nase und Mund getragen hatte. Opfergaben für seinen dunklen Gott. Der Fremde wischte das Blut, welches an seinem Werkzeug klebte an Kufas Kleidung ab, rappelte sich wieder hoch und stieg mit einem großen Schritt über den Riesen hinweg um sich Ryko zuzuwenden.


    Kasso wusste nicht mehr, wo er den großen Stein aufgesammelt hatte, mit dem er dem Fremden anschließend den Schädel zertrümmerte, noch bevor er auch Rykos Leiche verstümmeln konnte.
    Als er wieder einigermaßen klar denken konnte, war er schon wieder auf der Hängeseilbrücke und somit zurück auf dem Weg in das Dorf. Drei kleine Kinder drängten sich, schreiend vor Angst, an ihm vorbei und flüchteten in das Tal. Doch er konnte ihnen nicht helfen. Alles an was er jetzt noch dachte, waren seine Frau und sein Sohn, während er wie eine leere Hülle seinem Ziel entgegentaumelte. Je näher er dem Plateau kam, desto lauter wurde das Geschrei. Erst jetzt spürte er einen heißen, pochenden Schmerz unterhalb seiner linken Schulter. Sein Wams war an der schmerzenden Stelle blutrot verfärbt. Womöglich hatte dieser Dämon ihn verletzt, doch er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Er sah in der Ferne, wie eine Frau direkt neben der Brücke schreiend in die Tiefe stürzte und ihr Körper nach sekundenlangem Fallen auf einem der Felsvorsprünge zerplatzte, wie eine der überreifen Früchte, die Kufa zuvor von einem der Obstbäume herunter geschüttelt hatte. Als eine weitere Frau über die Brücke flüchten wollte, wurde sie von einem der anderen Dämonen aufgehalten, geriet ins Straucheln und landete kopfüber auf dem harten Holzboden. Als der Dämon Kasso erblickte zog er seinen langen silbrigen Stab aus dem Gürtel, sprang über die Frau hinweg und rannte ihm entgegen. Die Brücke begann so heftig zu schwanken, dass sich Kasso mit einer Hand an dem dicken Halteseil festhalten musste. Der Schmerz wurde für ihn langsam unerträglich, doch biss er die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf seinen Angreifer, der ihn sogleich erreicht haben würde und mit seinem Stab bereits weit über seinem Kopf zum Hieb ausgeholt hatte. Jetzt! Kasso holte den zerbrochenen, dünnen Jagdspeer hervor, den er sich hinten am Gürtel festgemacht hatte und schleuderte ihn mit aller Kraft auf den Dämon, der einen lauten Schmerzensschrei folgen ließ und unkontrolliert nach vorne stürzte. Noch im Fallen versuchte er sich an Kassos Bein festzuhalten, doch erreichte er ihn nicht mehr und stürzte in die Tiefe, wo er in dem Meer aus dicht stehenden Bäumen verschwand und kurz darauf verstummte. Nur ein weiterer Toter, wie er schlicht registrierte, als das Geschrei des Angreifers verstummt war.
    Die Frau, die der Dämon kurz zuvor zu Fall gebracht hatte, kroch ihm entgegen. Sie zitterte fast so heftig wie die Brücke selbst. Als er näher kam, bemerkte er, dass sie ihn gar nicht weiter beachtete. Ihr Blick war leer. Keine Hoffnung, keine Trauer, keine Wut. Als hätte man sie ihrer Seele beraubt kroch sie nur wimmernd weiter und hinterließ eine Spur des Blutes, welches von ihren aufgeschürften Händen und Knien stammte.


    Nur noch wenige Schritte, dann hätte er es geschafft, dann hätte er endlich das Plateau erreicht, könnte sich seine Frau und seinen Sohn schnappen und mit ihnen flüchten. Wohin, das wusste er nicht, war aber auch nicht weiter wichtig. Wenn die Dämonen sie am helllichten Tage überfielen, war es ohnehin nirgendwo mehr sicher. Vielleicht würde sie unterwegs auf ein Nomadenvolk treffen oder auf noch mehr Dämonen, wer wusste das schon? Nur nicht hier, nur nicht heute sterben. Es war das einzige, was zählte. Warum half ihnen der Felsengott nicht in dieser schweren Stunde? Eine Frage die er sich, nach Erreichen des Plateaus und dem ersten Blick auf sein Dorf, selbst beantwortete. „Er hat uns im Stich gelassen!“, murmelte er leise. Mit ihren Silberstäben und den hölzernen Bögen hatten die Dämonen ein wahres Blutbad unter seinen Leuten angerichtet. Überall war Blut. Kinder, denen man die Köpfe abgeschlagen hatte, Erwachsene die jammernd, durchlöchert von den spitzen Geschossen, in ihrem eigenen Blut verreckten. Junge und alte Männer, die sich ihnen mit Stöcken und Steinen entgegengestellt hatten und gnadenlos niedergemetzelt worden waren. Ein kleiner Junge lag tot in einer Feuerstelle und wurde vollständig von den Flammen verzehrt. Der Kopf von Kufas Frau lag im Eingang ihrer Hütte und starrte ihn an. Ihr Körper fehlte. Die Dämonen hatten die letzten überlebenden Frauen und Kinder am Westkliff, hinter dem das rote Ödland lag, wie Vieh zusammengetrieben. Er sah wie sie sich in obszöner Weise unter freiem Himmel an einigen von ihnen vergingen, während selbst die Kinder zuschauen mussten. Seine Frau und seinen Sohn hatte er, auf die Schnelle, nicht unter ihnen entdeckt. Da ihre Hütte am Ostkliff stand, versuchte er sich ungesehen in diese Richtung davonzustehlen, als er plötzlich von etwas getroffen wurde und zu Boden ging.


    Sekunden später kam er wieder zu sich. Seine Schmerzen waren noch schlimmer als vorher. Erst jetzt sah er, dass eines der spitzen Geschosse in seiner rechten Seite steckte und ihm ungekannte Schmerzen bereitete. Zwei der Dämonen hielten jeder einen seiner Arme fest und drückten den knienden Kasso zu Boden. Sie befanden sich nur wenige Meter von den Klippen entfernt. Ein Dritter kam von links in sein Blickfeld gelaufen und ging vor ihm in die Hocke. Er nahm das Tuch von seinem Mund ab und entblößte ein scheußliches Lächeln, aus einem Maul voller brauner Stummel. Sein Atem stank so fürchterlich das Kasso es sogar aus zwei Armlängen Entfernung riechen konnte. Was ihm noch ins Auge fiel, waren zwei schwarze Tränen, die ihm rechts und links aus den Augenwinkeln die Wangen hinunterzulaufen drohten, doch verharrten sie dort wo sie waren und rührten sich nicht weiter. Der Dämon mit den fürchterlichen Zähnen sprach etwas in seiner unverständlichen Sprache zu ihm und lachte laut. Er winkte einen seiner Brüder zu sich her und fuhr ihn schroff an.
    Noch immer hörte er die Frauen schreien, die von den Dämonen geschändet wurden, sowie das Wimmern und Heulen der anderen Überlebenden, die sich am Rand der Klippen drängten und teilweise zu ihrem Felsengott beteten. Die Gebete werden ihnen nichts mehr nützten, dachte Kasso hoffnungslos. „Er hat uns im Stich gelassen“, wiederholte er leise murmelnd und wäre beinahe wieder vor Schmerzen in die Dunkelheit abgedriftet, als er sah, dass der eine Dämon mit einem Kind am Arm zurückkam. Der heulende kleine Knabe hatte schwarzes Haar, wie er selbst. Sein Gesicht war nass von Tränen und Rotz, doch schien er keine Kraft mehr zum Weinen zu haben. Erst jetzt erkannte Kasso, dass es sich bei dem Jungen um seinen Sohn handelte. Die gleichen hohen Wangenknochen, dieselbe kleine, spitze Nase, die identischen hellbraunen Augen. Er war schlichtweg ein jüngeres Bild seiner selbst.
    Ein letztes Mal spürte Kasso so etwas wie Leben in sich, versuchte sich auf die Beine hoch zu hieven und seine beiden Bewacher von sich wegzustoßen, doch war er zu schwach. Sie verdrehten ihm die Arme und von einem weiteren Schmerzensschrei begleitet fiel er erneut hart auf die Knie und erkannte, dass es zwecklos war sich zu wehren. Sein Sohn hingegen trat wild um sich, als er sah, dass sie seinem Vater noch mehr weh taten, doch der Dämon, der ihn hergezerrt hatte, war soviel stärker als er und erlaubte ihm kein Entkommen.


    Wieder ließ der Dämon mit den schwarzen Tränen in den Augenwinkeln sein hässliches Lachen ertönen. Er packte Kasso am Kinn und riss seinen Kopf nach oben, damit dieser ihm direkt in seine dunklen Augen blicken konnte. Erstmals verstand Kasso etwas, das aus dem Mund der Dämonen kam. Schwarzträne fuhr herum und ging schnellen Schrittes auf Kassos Jungen zu.


    „Sohn“ war das Wort, das er an den Vater gerichtet hatte. Mit einem heftigen Tritt in die Magengrube ließ er den Jungen Richtung Klippen taumeln, die er anschließend, mit einem letzten japsenden Geräusch, rücklings hinunterstürzte.

  • Hallo Rika,


    ich finde die Geschichte nun doch sehr spannend. Am Anfang hat es mir irgendwie zu lange gedauert, bis die Handlung Fahrt aufnimmt. Das hat sich mit dem dritten Post auf jeden Fall geändert. Insofern: Daumen hoch und fleißig weiterschreiben!


    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • @Rika "Den letzten Prolog-Fetzen schiebe ich dann morgen nach" - sagte sie und (fast) alle starben ... Wenn ich nicht ähnliches gerne bei meinen Geschichten einbauen würde, wäre ich nun entsetzt :pupillen: Ich hatte fest damit gerechnet das Kufa und Ryko so eine Art sich ständig streitendes Dream-Team werden aber Pustekuchen! Tot, das sind sie! Saubere Arbeit, muss ich schon sagen, der letzte Teil hat mir echt gut gefallen :thumbsup:

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Hallo @Asni,
    schön, dass du diese Überfall-Situation ansprichst. Das ist mir (und auch meinen anderen Lesern) bislang so noch gar nicht aufgefallen.
    Unmittelbar nach der Attacke auf seine beiden Freunde, sowie dem Niederstrecken des Angreifers sind einige Details wirklich obsolet, da Kasso ja in einer geistigen Ausnahmesituation steckt.
    Das er auf der Hängeseilbrücke deshalb nur beobachtet und nicht bewertet, sollte ich vllt. daher auch noch einmal explizit erwähnen. Immerhin hat er, der ja praktisch zum ersten Mal mit derartiger Gewalt konfrontiert ist und selbst das Erlegen von Tieren ablehnt, gerade jemanden getötet.


    Ich werde mich, auch bzgl. der Ausdrucksweise, auf jeden Fall noch einmal mit dem letzten Abschnitt beschäftigen. Bei den beiden vorherigen sollte ja soweit alles passen.


    Hallo @Xarrot,
    bei "kopfüber" ist tatsächlich "vornüber" die bessere Wortwahl, da er ja nicht von irgendwo herunterfällt. Typischer "Mundartfehler" würde ich mal sagen. Hab beides tatsächlich für Synonyme gehalten :)
    Und wie gesagt, den Abschnitt werde ich generell noch einmal überarbeiten.


    Nun ja, Kasso & Co. waren von Anfang an als typische Prolog-Charaktere angedacht, deshalb wäre es ohnehin ein Fehler sich zu sehr mit ihnen anzufreunden. Für die weitere Geschichte haben sie nämlich keine Bedeutung mehr.


    Vielen Dank nochmal an euch beide! Das hilft mir alles sehr!


    LG
    Rika

  • Um deinen Text zu lektorieren, fühle ich mich nicht kompetent genug.


    Allerdings kann ich Dir sagen, das mir deinText sehr gut gefällt und meinem Geschmack entspricht. Er liest sich sehr flüssig und du malst schöne Bilder in meinem Kopf.


    Weiter so!

  • Hallo @TamZul,


    vielen lieben Dank! :)
    Falls dir mal etwas nicht gefällt, nur raus mit der Sprache! Dazu brauchts keine Kompetenz ;)


    So, machen wir mal weiter...


    ---


    Die Nebel des alten Volkes


    Nur langsam kamen die beiden Karren auf dem modrigen Untergrund voran. Je weiter der Weg die Männer in die buranische Zone führte, desto wärmer und feuchter wurde die erdig riechende Luft um sie herum. Ihre Kleidung klebte ihnen mittlerweile wie nasse Lappen am Körper und der Schweiß rann in die teils erschöpft, teils genervt dreinblickenden Gesichter. Der schmale Pfad, den sie befuhren, war gerade so breit, dass zwei Karren nebeneinander passten. Dazu kam es zwar so gut wie nie, doch wenn ihnen trotzdem einmal ein anderer Händler entgegen kam, war stets Millimeterarbeit angesagt.
    Um sie herum wucherten wilde Hecken und Sträucher. Beindicke, fremdartige Rankenpflanzen versperrten ihnen immer wieder den Weg und mussten von dem starken Hanz Gorke und seinem Begleiter, dem jungen Gekk Bauwer, die auf dieser Reise für ihren Schutz sorgen sollten, mittels ihrer großen Macheten niedergemäht werden. Schutz war zwar bislang nie notwendig gewesen, da die Fauna hier, im Gegensatz zur rasch wachsenden Flora, größtenteils nur aus kleinen Tierchen, wie Insekten oder ungiftigen Schlangen und Fröschen, bestand. Doch konnte man nie wissen, ob nicht vielleicht welche von „Denen“ aus der benachbarten Zone ihren Weg kreuzen würden.


    Vereinzelt führte der Pfad sie um Bäume herum, die größer waren, als alles was sie von "oben" kannten. Diese Giganten schraubten sich wie riesige, hölzerne Spiraltürme in die Lüfte und man konnte ihre Blätterkleider nur erahnen, da die dicken Stämme im dichten Grauschleier verschwanden, der wie eine rauchige Decke über ihnen schwebte. Hätten sich alle sechs Männer und der kleine Junge an den Händen genommen, wären sie nicht einmal in der Lage gewesen den Baum auch nur zu einem Fünftel zu umschließen. Das Wurzelwerk erstreckte sich auf bis zu hundert Meter um die Stämme herum und ragte stellenweise hoch wie zwei Mann aus dem Boden hervor.
    „Welch Ungetüme. Man könnte doch glatt eine ganze Galeere aus einem dieser Dinger fertigen“, bemerkte Fitz Grün, der den vorderen Eselkarren steuerte. Er war ein älterer Mann aus einem Nachbardorf, mit einem freundlichen, wenn auch etwas runzeligen Gesicht mit sonnengebräunter, lederner Haut, der stets etwas gebeugt ging. Sein langer, grauer Vollbart und die ebenfalls grauen Haare, die links wie rechts aus seinen Ohren, sowie spärlich aus seiner Kopfhaut, sprossen, verliehen ihm genau das Erscheinungsbild des alten Mannes, der er mit seinen beinahe sechzig Jahren ja auch war.


    „Man nennt sie Titanfäuste und mit Schiffen können die Menschen hier unten nichts anfangen, da es kein Meer gibt“, erklärte ihm der kleine Junge mit den wuscheligen, schwarzen Haaren. Trotz der kleinen Stupsnase, den roten Wangen, der weichen Gesichtszüge, sowie seiner beinahe schon schmächtigen Gestalt, erkannte man direkt, dass Dieke Brahmen seines Vaters Sprosses war. Die beinahe leuchtend hellblauen Augen hatte er mit ihm gemein, was auch den Grund für die offensichtliche Verwandtschaft darstellte.
    „Menschen“, wiederholte Hanz mit einem höhnischen Unterton und spuckte aus. Hanz Gorke begleitete sie nun schon zum zweiten Mal, nachdem ihre ersten beiden Eskorteure, die Söldner Tyl Nemmes und Jann Vonk, sich der Armee von Regent Black angeschlossen hatten.


    Gorke war ein kleiner, stämmiger Mann mit geschorenem Kopf, der nicht nur einen grimmigen Blick, sondern auch ein grimmiges Wesen besaß. Di, wie Diekes Rufname lautete, mochte ihn nicht besonders, war aber auf der anderen Seite doch ganz froh, dass er sie vor „Denen“ beschützte. Viel lieber mochte er hingegen ihren zweiten Begleiter Gekk Bauwer, ein dünner, schlaksiger Kerl mit schulterlangem, kastanienfarbenem Haar, der zwar überaus blass und kränklich aussah, sich aber unheimlich wendig und schnell bewegen konnte. Gekk brachte ihn immer wieder mit lustigen Geschichten zum Lachen, die er so gut und detailliert erzählen konnte, wie kein Zweiter, den er kannte. Außerdem hatte er ihm immer mal wieder gezeigt, wie flink und geschickt er mit seiner Machete umgehen konnte.
    „Wenn uns hier jemand überfallen möchte, bringe ich ihn schneller zur Strecke als er ‚LeckmichamArschverdammt’ sagen kann“, hatte der Söldner ihm versichert, als er, wie auch Hanz, zum ersten Mal mit der Gruppe aufgebrochen war. Letzterer hatte für diese Bemerkung nur ein sarkastisches Glucksen übrig gehabt. Seitdem schnitt Gekk Hanz immer wieder fiese Grimassen hinter dessen Rücken und Di musste sich stets zusammenreißen, wenn er nicht laut loslachen wollte.


    Unter den anderen Männern der Truppe befanden sich zudem noch der Fuhrmann des zweiten Eselkarrens, ein gut genährter Mann namens Donte Draben, der seinen Vater und ihn, ebenso wie sein Pendant Fitz Grün, zum ersten Mal begleitete. Draben besaß ein dickes, rundes Allerweltsgesicht, kleine, aber breite Nase, schmaler Mund und zwei grüne Augen, die stets konzentriert den Blick auf den Weg gerichtet hielten. Der Fuhrmann hatte sehr unreine Haut, die während der Fahrt immer wieder durch die Bewegungen des Karrens an seinem Kinn und den Wangen umhertanzte. Und dann war da noch „das vornehme Spitzkinn“, wie Gekk den Begleiter seines Vaters nannte. Spitzkinn, dessen richtiger Name Elisus Hofken lautete, war ein hochrangiger Gesandter von Black, dem Regenten von Venua, der sich ihnen aus irgendeinem Grund, den Di nicht kannte, auf ihrer Reise angeschlossen hatte. Es ginge um Politik, hatte ihm sein Vater kurz und knapp erklärt. Seitdem unterhielt dieser sich nur noch mit Spitzkinn. Und er hatte wirklich ein spitzes Kinn. Das war dann allerdings auch schon sein einziger Makel. Hofkens Gesicht war glattrasiert, die Augenbrauen fein säuberlich gestutzt, seine Haare ordentlich gekämmt und seine Zähne makellos weiß, wenn er eines seiner gekünstelten Lächeln aufsetzte. Und das tat er oft. Seine feine, rote Kleidung, aus edelstem Stoff gearbeitet, hatte er anfangs unter einer zerrissenen, grauen Weste versteckt, die ihm Vater gegeben hatte.


    „Damit Sie nicht so sehr auffallen“, hatte er zu Spitzkinn gesagt. Mittlerweile war es allerdings so schwül geworden, dass er sich von seiner feinen Kleidung getrennt, diese unter der Plane des Karrens, auf dem er saß, versteckt hatte und nur noch die aufgeknüpfte Weste mitsamt einer rissigen Lederhose trug. Unter der Weste konnte man erkennen, dass Spitzkinn sich sogar die Körperbehaarung entfernt hatte, was bei einem so alten, bestimmt schon vierzigjährigen, Mann sehr ungewöhnlich war, wie Di wusste.


    Sein Vater, Kal Brahmen, hingegen wirkte nicht wie solch ein feiner Schnösel. Er saß mit nacktem Oberkörper auf den Steckrüben, mit denen die Ladefläche des Karrens von Fitz Grün bis zum Rand befüllt war. Brust, Bauch und Rücken wurden von einem dichten schwarzen Fell bedeckt, wie das eines Bären und in seinem Gesicht wuchs ein prächtiger, ebenso schwarzer Vollbart. Seine hellblauen Augen boten einen auffälligen Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut und dem schwarzen, kurz gehaltenen Haupthaar. Seine Hände waren groß und schwielig, doch konnte er ganz sanft mit ihnen umgehen, wenn er wollte. Sein herzhaftes Lachen und seine freundliche Art gegenüber allen anderen, selbst gegenüber Hanz Gorke, machten ihn zu einem Menschen, bei dem man nicht anders konnte, als ihn ins Herz zu schließen. Sofern man denn ein Herz hatte. Kal Brahmen war jedoch kein gewöhnlicher Mann, sondern der berühmteste Händler von ganz Klupingen. Nicht umsonst hatte der große Black ausgerechnet ihm, mit Elisus Hofken, einen solch wichtigen Mann als Begleitung anvertraut. Zumindest stand dies so auf dem Stück Papier, welches ihnen vor etwa einer Woche von einem offiziellen Boten der Venua-Familie zugestellt wurde, mit dem persönlichen Siegel des Oberhauptes versehen. Darin, so erzählte sein Vater, wurde explizit erwähnt, dass man sich im Hause Venua keinen vertrauenswürdigeren Begleiter für Hofken vorstellen könne. Natürlich war Kal Brahmen sehr stolz auf diesen Lobgesang. Bescheiden wie er in dieser Hinsicht war, ließ er sich nach außen hin zwar nichts davon anmerken, doch Di wusste, dass ihm diese, in wundervoll geschwungener Handschrift geschriebenen, Worte sehr viel bedeuteten.


    Am gestrigen Vormittag, einen Tag vor ihrer Abreise, war Hofken bei ihnen aufgetaucht, hatte sich vorgestellt und sich nach der genauen Uhrzeit des Abmarsches erkundigt. Anschließend war der, sehr vornehm und höflich auftretende, zudem stark parfümierte, Mann mitsamt seinem großen Lederbeutel, in dem teuersten und edelsten Gasthaus ihrer Stadt abgestiegen. Als er am nächsten Morgen mit seiner feinen und somit völlig ungeeigneten Kleidung vor ihnen stand, mussten sich die Männer ein Grinsen verkneifen. Einzig Hanz hatte lediglich ein Kopfschütteln für ihn übrig. Das wunderte Di allerdings nicht. Er war sich sicher, dass Hanz Gorke nie lächelte.


    Bevor Kal Brahmen sich seinen Ruf erarbeitet und schließlich gar dazu auserkoren wurde, Elisus Hofken in die buranische Zone zu begleiten, war er ein einfacher Mann gewesen, der die Rübenfarm seines Vaters betrieb, von dem er sie, nach dessen Tod, übernommen hatte . Bald darauf erkannte er, dass es den Menschen weniger nach Rüben, als viel mehr nach exotischen Früchten gierte und speziell die gut Betuchten viel Geld dafür bezahlten. Viel mehr Geld als für Rüben. Die Schmuggler, die heimlich mit den Baumschätzen des, seit dem Krieg mit einem Embargo belegten, Kontinents Namun handelten und dafür horrende Preise erzielten, waren in gewisser Weise seine Vorbilder. Doch Brahmen war kein Mann, der seinen guten Namen und, vor allen Dingen, seinen Kopf für die Schmugglerei hätte herhalten wollen. Zudem besaß er kein Schiff und würde sich auch nie eines leisten können. Auch das Anheuern auf einem Schmugglerschiff war keine Option, da es ihm letztlich das gleiche Risiko für nur noch weniger Ertrag versprochen hätte.
    So entschloss sich Kal dazu, Handel mit den Untergrundmenschen, den sogenannten Zweitweltlern, zu betreiben.
    Dies war ebenfalls ein riskantes, manche sprachen gar von einem lebensmüden, Unterfangen. Doch Kal Brahmen ließ sich nicht von den alten Geschichten abschrecken.


    „Im Nachhinein muss ich sagen, dass es eine große Torheit, gepaart mit der Sehnsucht nach Abenteuer war, die mich angetrieben hatte. Eine Spinnerei, die sehr böse für mich hätte ausgehen können, doch am Ende wurde ich für mein Risiko belohnt“, sagte er einst über diese Zeit, als er sich eines Abends in einer geselligen Runde mit Tyl Nemmes, Jann Vonk, sowie zwei weiteren Männern, deren Namen bereits verblasst waren, unterhalten hatte. Es war der Abend bevor er Di zum ersten Mal mit auf die Reise genommen hatte. Seither begleitete er seinen Vater immer wieder. Die aktuelle Reise, war mittlerweile schon seine siebte.


    Zu der Zeit als Kal Brahmen noch ein Rübenfarmer war, war die „Zweitwelt“, wie der Untergrund von den Meisten genannt wurde, ein Ort, der von den Venuari gemieden wurde. Es gibt und gab nur drei bekannte Zugänge. Einer davon lag in den Klupingbergen, an deren Fuße die Stadt Klupingen lag, nur eine Tagesreise von Kals altem Heimatdorf entfernt. Die beiden anderen Zugänge waren zum Einen in einem Wald hoch im Norden, im ehemaligen Bezirk Kayuburgh und zum Anderen im Osten von Venua, nahe dem Meer, inmitten der dortigen Hauptstadt Yaznark, die im letzten großen Krieg, wie die meisten Städte der Ostlande ihres Kontinents, zuerst auf Seiten Namuns gekämpft hatte.
    Alle drei Eingänge teilten allerdings eine Gemeinsamkeit: Allesamt wurden sie, seit dem berüchtigten „Massaker von Klupingen“, vor weit über hundert Jahren, schwerstens bewacht.


    Wie sein Vater ihm erzählt hatte, wurde die Zweitwelt schon seit sehr langer Zeit von den dort lebenden vier Völkern bewohnt. Zwischen ihnen und den Menschen an der Oberfläche herrschte schon immer ein gewisser Argwohn. Das lag auch daran, dass die Zweitweltler sich nicht nur in ihren Lebensweisen, sondern auch in ihrem Äußeren teilweise stark von den „Erdenläufern“, wie sie die Oberflächenmenschen nannten, unterschieden. So lebte hier unten ein Volk namens Kumaro, aus der sogenannten Kumari-Zone, deren Haut pechschwarz war. Auch gab es ungewöhnliche Eigenarten und Riten unter den Völkern. Eine dieser Riten war die besondere Art der Bestattung ihrer Toten. So begruben die Menschen des Untergrunds ihre Toten etwa nicht, wie bei den Bewohnern Venuas üblich, sondern übergaben diese den Flammen, durch die sie sich in Rauch verwandelten und sich somit zu dem alten Volk im Nebel gesellen konnten. Sowohl die Buranier, dessen Volk er bereits kennen lernen durfte, als auch alle anderen glaubten nämlich, dass der stete Nebel über ihnen die Geister ihrer aller Vorfahren waren. Sie nannten ihn die Geister oder den Nebel des alten Volkes. Für Di war dies zwar eine schaurige, aber gleichzeitig auch eine schöne Geschichte. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn auch seine Mutter, die er zu seinem Bedauern nie kennen lernen durfte, da sie starb als er noch ganz klein war, im Nebel über ihm auf ihn aufpassen und ihn beschützen würde.


    Jedenfalls wurde das Verhältnis der Erdenläufer mit den Untergrundmenschen im Laufe der Zeit nicht wirklich besser. Im Gegenteil verschlechterte es sich insbesondere in Zeiten einer jahrelangen Dürre in Venua so sehr, dass es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien kam. Die Zweitweltler, die zuhauf durch die Lande zogen und speziell durch Scharlatanerie auffielen, vergriffen sich angeblich schamlos an den schwachen Ernten der armen venuarischen Bauern. Dabei hatten sie doch in ihrem „gezeitenlosen Loch unter der Erde“ genügend zu Essen. Schon damals hatten sich Händler in die zweite Welt aufgemacht, doch kamen nur die Wenigsten von ihnen zurück und die Meisten davon wiederum mit wenig Essbarem. Einige Erdenläufer versuchten gar sich in der zweiten Welt anzusiedeln, doch wurden sie entweder von dort vertrieben oder von deren Bewohnern abgeschlachtet, wie die wenigen, denen die Flucht gelang, berichteten. Der alte Kayken zu dieser Zeit, so war die Bezeichnung der Untergrundmenschen für ihren, in einer Völkerversammlung bestimmten, weisen Führer, entstammte dem Volk der Tesekov. Das hatte ihnen der neue Kayken Pisao, vom Volk der Buranier, erzählt. Die Tesekov verachteten alles was von „Oben“ kam und waren auch ansonsten ein sehr eigenbrötlerisches Volk, welches nur auf Stärke setzte und demnach keine Schwäche duldete. Sein Vater sprach, wenn er denn einmal von den Tesekov erzählte, immer nur von „Denen“ und das sie den erblühten Handel nicht gut hießen, man deshalb vor ihnen auf der Hut sein müsse.


    Als die Bauern und die Soldaten der Stadtherren Klupingens in jener Zeit immer wieder gewalttätig gegen die Zweitweltler vorgingen, sie in vielen Fällen auch töteten, entsandte der alte Kayken eine Schar von eintausend Mann, die die Stadt besetzten und sie in ein Schlachthaus verwandelten. Dieser schwarze Tag ging als das „Massaker von Klupingen“ in die Geschichte ein und markierte den endgültigen Bruch zwischen den beiden Welten. Die Kampftruppen aus den drei umliegenden Bezirken mussten anrücken, um die Stadt zu befreien. Die wenigen Überlebenden der Zweitweltler wurden öffentlich, unter dem tosenden Applaus der Bevölkerung, hingerichtet. Da ein Krieg in der Heimat des Feindes für die Erdenläufer nur mit massiven Verlusten zu führen gewesen wäre, entschloss man sich einstimmig dazu die drei Eingänge fortan Tag und Nacht von mindestens einhundert Männern mit Armbrüsten und schwerer Panzerung bewachen zu lassen, die jeden, der in ihre Welt einfallen wollte, töten sollten. Noch einmal versuchte der Kayken eine seiner kriegerischen Horden auf Kayuburgh loszulassen, doch wurden sie, ohne jede Chance, von den dortigen Eingangswächtern niedergemacht. Es sollte der letzte große, dokumentierte Angriff bleiben. Auch während des großen Krieges zwischen den verbündeten West- und Mittlanden mit Namun, die lange Zeit von den Ostlanden Unterstützung erhielten, wurden die Eingangswächter nicht abgezogen. Wie dies in Yaznark, der Hauptstadt besagter Ostlande, zu jener Zeit gehandhabt wurde, war nicht bekannt.


    Es kam der Tag, da stand Kal Brahmen mit einem Handwagen voller Rüben vor den verdutzten Eingangswächtern Klupingens und verlangte Einlass. In all den Jahren war, zumeist von Einzelnen oder kleinen Gruppen, versucht worden die Sperre zu durchbrechen, doch keinem Menschen der Zweitwelt war dies je gelungen. Nun stand da also ein Mann vor Ihnen, der es genau umgekehrt machen wollte. Solch ein Fall war in den Befehlen der Wächter gar nicht erst berücksichtigt gewesen, so absurd war es und so hatte man Kal erst einmal abgewiesen und die Befehlshaber in der entfernten Hauptstadt Venuris kontaktiert. Vier Tage später erhielten sie die Nachricht, dass man es dem freien Volk Venuas nicht verbieten, man ihnen allerdings davon abraten sollte, die Zweitwelt zu betreten.


    „Drei Tage lang bin ich durch diese unbekannte, bizarre Welt geirrt und auf keine Menschenseele gestoßen, bis ich am vierten Tag auf eine Gruppe von vier Männern traf, die an einer Art Teich mit Speeren nach Fröschen jagten. Sie nahmen mich gefangen und führten mich zu ihrem Kayken. Hätte ich weniger Glück gehabt, wäre ich nicht auf Buranier getroffen und nie bei ihrem Führer gelandet“, hatte Kal an besagtem Abend vor Dis erster Abreise den Männern erzählt.


    Kayken Pisao war ein sehr freundlicher Mann von geselliger Natur und hatte, im Gegensatz zu seinem Vorvorgänger, dem schändlichen Kayken Muto vom Volk der Tesekov, der so viele von seinen Leuten in den Tod schickte, reges Interesse an einem Austausch mit den Erdenläufern.
    Der Kayken war ein großer, hagerer Mann mit grau-grünen Augen, einer Hakennase und sehr dünnen Lippen, die fast unsichtbar erschienen. Seine Haut war, wie die der anderen Buranier, beinahe schneeweiß, sein dünnes Haar aschgrau mit einigen schwarzen Strähnchen durchzogen und hinter seinem Kopf zu einem abstehenden Zopf zusammengebunden. Di freute sich aber weniger auf das Wiedersehen mit dem Kayken, mehr jedoch auf jenes mit dessen Tochter Suki.
    Suki war ungefähr in seinem Alter, also etwa zwölf Jahre alt. Die Menschen der Zweitwelt kannten keine Zeiteinheiten, wie Stunden, Tage oder gar Jahre, was auch an dem fehlenden Wechsel von Tag und Nacht lag. Sie nahmen es daher nicht sehr genau mit derartigen Unwichtigkeiten, wie etwa dem eigenen Alter.
    Suki besaß langes, glattes, feuerrotes Haar, welches bis zu ihren Schenkeln reichte und das jedes Mal wie ein Feuerschweif hinter ihr herwehte, wenn sie ihren Kopf schnell bewegte. Lächelte sie, so bildeten sich jedes Mal Grübchen um ihre kleine Stupsnase, was ihm unheimlich gefiel. Auch wenn sie sich oftmals gar nicht sehr mädchenhaft benahm und damit auch nicht wie die anderen weiblichen Wesen seines Alters war, die er kannte, so glaubte er dennoch, dass ihm genau das so an ihr gefiel. Eigentlich gefiel ihm alles an Suki und alleine der Gedanke daran sie bald wiederzusehen, ließ sein Herz ungewohnt höher schlagen.

  • Ich finde deinen Prolog wahnsinnig spannend :thumbup:


    Jedoch habe ich noch nicht so genau den Zusammenhang zwischen dem Kapitel und dem Prolog gefunden, aber ich gehe davon aus, dass sich das später noch lüften wird :D
    Du hast einen wirklich guten Schreibstil, bei dem man nicht müde wird weiterzulesen.
    Freu mich also auf weitere Kapitel, wo hoffentlich das Geheimnis der Verbindung gelöst wird :)

  • Hallo @Ippon,


    freut mich sehr, dass es dir bis hierher gefällt! :)


    Das du den Zusammenhang nicht findest, liegt womöglich daran, dass es den bislang noch nicht gibt ;)
    Über Verbindungen zum Prolog darf aber im Laufe der weiteren Handlung gerne spekuliert werden. :P


    LG
    Rika

  • Ich bin erst beim Lesen des Prologs, doch mein Interesse ist geweckt! ^^


    Ich mochte zum Beispiel, wie du am ende des ersten Absatzes den Wüstenstaat beschreibst (so hab ich das zumindest verstanden), ohne richtig Wüste zu sagen. Damit schaffst du es, gleichzeitig in einem kurzen Satz einen Teil der Welt zu beschreiben und das auch noch auf eine interessante Weise.


    Allgemein liefert die Hintergrundstory schon so viele Informationen, dass ich mehr haben will. Obwohl es einerseits viele Beschreibungen und Eigennamen auf einmal sind, sind es zumindest gute! Ich hab mir beim Lesen vorgestellt immer wieder zu dieser Einleitung zurückzukehren, um nochmal nachzusehen: "Aha, wo befindet sich der Handlungsort doch gleich?"
    Was ich damit sagen will: Sehr viel auf einmal, aber qualitativ so gut, dass es mir kaum was ausmacht. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass ein ich sage mal "Durchschnittsleser", der vielleicht nicht auf Fantasy Geschichten getrimmt ist, an dieser Stelle zu viel Input bekommt. Ich hoffe es ist verständlich was ich meine ^^'
    Die Charaktere scheinen auch eine ausgeprägte Hintergrundgeschichte zu besitzen von der ich VERDAMMT NOCHMAL MEHR WISSEN WILL schuldigung für die Ausdrucksweise.
    Ach ja und du schaffst es mal wieder, mehrere Informationen gleichzeitig zu liefern, aber irgendwie subtil. I like.



    Was das Sprachliche betrifft:
    Du wiederholst, wie jeder andere auch, manchmal ein Wort mehrere Male in wenigen Sätzen, wobei das jeder irgendwann macht und es bei dir auch nicht so einen Einfluss auf den Lesefluss hatte. was mich eher ein wenig gestört hat waren die vielen Relativsätze, die du zur Variation häufiger mal mit "welche" oder "welches" hast anfangen lassen. Irgendwann hat mich jeder Relativsatz mitten in einem deiner sowieso schon lang gehaltenen Sätze mental stolpern lassen. Die längeren Sätze an sich finde ich in Ordnung, da kann man auch nach vier Nebensätzen noch einigermaßen gut mitkommen, worum es geht.
    Und jetzt nach der Kritik ein Lösungsvorschlag ^^
    Da du viele adverbiale Konstruktionen bei deinen Nebensätzen einsetzt, würde ich stattdessen beispielsweise auf Partizipien umsteigen.
    So irgendwie in der Art:


    verzweifelte Nomadenvölker, tagein tagaus um ihr Überleben kämpfend


    Insgesamt kann ich sagen, dass ich mit freudiger Erwartung weiterlesen werde und es mir jetzt schon Spaß macht, den Machenschaften der dreien zu folgen.
    Hoffentlich ist es oke, wenn ich erstmal die älteren Teile kommentiere, bis ich auf dem neuesten Stand bin.
    Bis dahin, allet jute und so!

    It's easier to ask for excuse than for permission! - TheBackyardScientist

  • Danke @Glimpsel für das Interesse an meiner Geschichte! :)
    Du hast schon recht, dass viele Leser, angesichts des "Informationsschwalls" frühzeitig kapitulieren. Wird mir, speziell von Genrefremden, immer wieder vorgeworfen.
    Aber man kann es eben nicht jedem Recht machen.


    Was Hintergrundgeschichte angeht, werde ich jedenfalls noch eine Menge von liefern, da kannst du dich ruhig freuen ;)


    Partizipialkonstruktionen wirken auf mich oftmals schlicht etwas unpassend, weshalb ich da nicht so der Freund von bin.


    Btw: Den letzten Prolog-Abschnitt habe ich nun auch endlich überarbeiten können!


    LG
    Rika

  • Und mal wieder der Mittelteil. Mich kurz zu halten, fällt mir leider schwer :(


    ---


    Ihre kleine Gruppe kam zum Stehen. Eine kurze Verschnaufpause war angesagt, die dazu genutzt wurde ihre Esel mit frischem Wasser zu versorgen und sich selbst in den naheliegenden Sträuchern Erleichterung zu verschaffen.
    „Nicht mehr weit bis zur geteilten Titanfaust, Dieke“, teilte sein Vater ihm mit, der sich endlich aus dem Gespräch mit Spitzkinn hatte lösen können. Kal Brahmen war der Einzige, der Di mit seinem vollständigen Namen ansprach.


    Tatsächlich führte ihr Weg sie bald darauf mitten durch die berühmte letzte Titanfaust vor der großen Siedlung der Buranier. Eine weitere Monstrosität von einem Baum, in dessen Stamm aus irgendeinem Grund ein natürlich gewachsener Durchgang klaffte.
    Nur kurze Zeit nachdem sie diesen schließlich passiert hatten, konnte Di auch schon die haushohen Pfähle der Palisade aus dem Nebel auftauchen sehen. Sie umspannten die große Siedlung rundum, einzig unterbrochen von zwei Durchgängen, die stets von Speerträgern bewacht wurden.
    Di kam es stets so vor, als würde sich das alte Volk über der Siedlung besonders wohlfühlen, denn der, über ihren Köpfen wabernde, Nebel wirkte hier wie ein langsam fließender Bach, beinahe lebendig.
    Suki hatte ihm einmal erklärt, dass die meisten ihrer Verstorbenen ihre Nachkommen im Tod nicht verlassen wollen und der Nebel hier deshalb stets in Bewegung war. „Unsere Vorfahren wachen über uns und sind daher ständig in Bewegung“, waren ihre Worte.
    Was wohl passieren würde, wenn noch mehr Menschen sterben? Eine Frage, die sich Di daraufhin gestellt, allerdings nicht laut ausgesprochen, hatte. Würde man dann irgendwann nicht einmal mehr in der Lage sein, seine eigene Hand vor Augen zu sehen, weil der Nebel letztlich alles umschloss? Er fragte sich zudem, wie diese Welt wohl vor den Menschen ausgesehen hatte? Berührten vor langer Zeit einst Sonnenstrahlen den Boden oder lag einfach schon immer dieser bedrückende Grauschleier auf allem? Er wusste, dass er die Antwort auf diese Fragen wohl nie bekommen würde, doch war im Moment ohnehin nur noch Platz für Suki in seinem Kopf. Mit jedem Schritt, den sie sich der großen Siedlung näherten, schlug sein Herz ein wenig heftiger in seiner Brust. Die Vorfreude war für ihn kaum noch zu ertragen.


    Die mit langen, geschnitzten Holzspeeren bewaffneten Wächter kannten, wie nahezu alle Menschen aus der Siedlung, seinen Vater und winkten die bunte Truppe daher wortlos weiter. Die chaotische Ansammlung vieler Hütten, die scheinbar ohne erkennbares Muster überall dort errichtet worden waren, wo es den Erbauern wohl gerade beliebte, wirkte so viel anders, als die Dörfer oder Städte bei Ihnen zuhause. Die Behausungen der Buranier bestanden größtenteils aus Titanfaustholz, dicken Ästen und Schilf. Es gab hier weder Gebäude aus Stein, noch befestigte Plätze. Alles ruhte auf dem nackten, braunen und platt getretenen Erdboden. Zwischen den Hütten wuchsen wilde Sträucher und andere Pflanzen. An vielen Hauswänden belegten giftgrüne Rankenpflanzen große Flächen und schoben sich teilweise bis unter die Dächer, woran sich aber niemand zu stören schien. Die Buranier lebten nicht nur inmitten der Natur, sondern auch mit ihr.


    Laut schnaubend zogen ihre beiden Esel die Karren durch den weichen, schlammigen Boden voran, während speziell das Spitzkinn, Elisus Hofken, sich nicht an der Siedlung satt sehen konnte.
    Auch Di erfreute sich der Umgebung. Endlich war er wieder in seinem zweiten Zuhause angekommen.
    Rechts von ihnen hielt sich jemand etwa zwanzig Hühner in einem weitläufig eingezäunten Bereich neben seinem Heim. Ein Resultat eines Tauschgeschäfts mit einem der anderen Händler aus Venua. Gegen was er die aufgeregt gackernden Tiere getauscht hatte, traute sich Di den Mann jedoch nicht zu fragen. Vor einem anderen Haus war ein langes grünes Seil zwischen zwei hölzernen Pfosten gespannt, an dem etliche Wühlerfelle aufgehängt waren. Wühler, kleine, hamsterartige Tierchen, die unter der Erde lebten, dienten den Buraniern zum einen als Nahrung und deren Felle zum anderen als Einlagen für ihre Holzschuhe oder als Teile ihrer Kleidung. Ihre hölzernen Treter verwendeten die Bewohner aber fast nur, wenn sie das Dorf, beispielsweise zum Jagen, verließen und sich somit in unebenes Gelände, wie etwa den ewigen Bergen, begaben.
    Die Menschen kleideten sich generell allesamt sehr spärlich, was Di angesichts des heiß-feuchten Klimas nicht weiter verwunderte. Sie bedeckten ihre Scham mit Lendenschürzen aus Wühlerfell oder Blättern von großen gummiartigen Pflanzen, die in Wassernähe wuchsen. Während die Männer ihre Oberkörper zur Schau stellten, verdeckten die meisten Frauen noch ihre Brüste mit besagten Stoffen. Doch eben nur die Meisten. Als eine junge, gertenschlanke Frau mit keckem, kurzem brünettem Haar an ihnen vorbeizog und Di ihre pfirsichgroßen blanken Brüste, die mit jedem Schritt den sie tat sanft auf und ab wippten, sah, konnte er beinahe seine Augen nicht mehr von ihr abwenden. Als er anschließend bemerkte, dass Gekk ihn beobachtet hatte und ihm grinsend ein Augenzwinkern zuwarf, spürte er, wie er errötete und richtete seinen Blick verschämt nach unten.


    „Kal! Willkommen, willkommen“, hörte er eine vertraute Stimme rufen und blickte wieder auf.
    Fitz Grüns Karren kam, unter kurzem Protest des Esels, ebenso wie der von Donte Draben zum Stehen. Der Kayken marschierte auf sie zu und hatte zur Begrüßung seine Arme ausgebreitet. Ihm folgte ein riesiger Mann, sein wichtigster und treuester Begleiter, wie er ihn stets nannte. Dieser war ein grimmig dreinblickender, sehniger Kerl mit langem weißem Bart und buschigen weißen Augenbrauen, einen ganzen Kopf größer als der Kayken selbst.
    Kal Brahmen sprang wortlos von Drabens Karren herunter und schloss seinen alten Freund herzlich in die Arme. Im Gegensatz zu der seines Vaters, sprossen nur wenige graue Härchen auf der glänzenden Brust des weisen Führers der Zweitweltler. Di meinte sich daran erinnern zu können, dass beim letzten Mal noch einige schwarze Strähnchen das Haupthaar von Sukis Vater durchzogen hatten. Wenn dem so war, so war er doch mittlerweile gänzlich ergraut. Immerhin war es schon gut ein halbes Jahr her, dass sie ihn das letzte Mal besucht hatten.
    „Und das muss wohl unser kleiner Di sein. Lass dich anschauen! Du wirst immer größer, Junge“, sagte er zu ihm, wuschelte dabei mit seinen kräftigen Händen durch seine schwarzen Haare und fügte an: „Suki ist am großen See. Lauf zu ihr! Sie wird sich sicherlich sehr freuen dich wiederzusehen.“ Ein ungewolltes Strahlen legte sich über Dis Gesicht und ohne auch nur ein weiteres Wort hervor zu bringen, rannte er los um seine Freundin zu suchen.


    Er kannte den Weg zum großen See. Dazu musste er nur die Siedlung durchqueren und zum nördlichen Tor hinaus, an zwei weiteren Titanfäusten und einem grotesk geformten, mit Moos bewachsenem, Felsen vorbei, der wie eine dicke Frau ohne Arme und Beine aussah, und dann wäre er auch schon am Ziel. Einige der Dorfbewohner begannen miteinander zu tuscheln, als sie ihn durch ihre Siedlung rennen sahen.
    „Der Kal-Händler ist wieder da und bringt uns frische Schätze der Erdenläufer“, erzählten sie sich und waren, wie immer, sehr erfreut darüber. Di konnte die Aufregung nicht verstehen. Sein Vater brachte ihnen Rüben, Kefe, Blumenkohl und anderes Gemüse und würde dafür ebenso große Mengen an süßen und sauren Früchten geschenkt bekommen, die die Buranier im Überfluss besaßen. Allerdings gab es hier unten ebenso viele giftige, wie ungiftige Obststräucher und ein unerfahrener Sammler hätte sich rasch den Tod gepflückt. Es existierten die unterschiedlichsten Gifte, wie Suki ihm erklärt hatte. Manche würden einen derart höllischen Juckreiz hervorrufen, dass man dem Wahnsinn verfallen und sich unaufhörlich blutig kratzen würde, sodass man Ende verblutete. Andere Gifte ließen einen angeblich von innen heraus erfrieren, während man hingegen direkt unter der Haut verglühte. Wiederum andere sorgten bereits für heftigen Hautausschlag, wenn man sie nur berührte und führten zum sofortigen Tod, sollte man so töricht sein auch noch davon zu essen.


    Der provisorisch angelegte Pfad auf der Nordseite der Siedlung, umgeben von wild wachsendem Dickicht, deren kleine Ästchen und Zweige wie hunderte dünner Arme nach ihm zu greifen schienen und durch die er sich mit eingezogenem Kopf und mit schützend vor seinem Gesicht hochgehaltenen Armen hindurchkämpfte, führte ihn direkt auf eine Art große Lichtung, auf dem die beiden Titanfäuste standen, deren massive, dicke Wurzeln alle konkurrierenden Pflanzen um sie herum verdrängt hatten. Bei diesen Beiden handelte es sich wohl noch um junge Bäume, denn sie waren gerade mal so breit wie die beiden Eselkarren, die sie mit sich geführt hatten, wenngleich sie trotzdem bereits so hoch emporragten, dass sie sich durch den, mit Blicken nicht zu durchdringenden, Nebel des alten Volkes in die Höhe streckten und dort im Nichts verschwanden.
    Als er ein knackendes Geräusch vernahm, blieb Di stehen und blickte sich um. Außer den munteren, nie verstummenden, Tiergeräuschen um ihn herum, war nichts zu hören und außer die beiden riesigen Baumstämme, das Gewirr aus armdicken Wurzeln und das Dickicht das die Lichtung einzäunte, nichts zu sehen. Wieder hörte er das Geräusch und zuckte zusammen.
    „Wieso so ängstlich, Di?“, hörte er eine hohe, melodische Stimme rufen.
    Suki lugte unter einer riesigen Wurzel hervor und kam langsam auf ihn zugelaufen. Noch schöner als das Mädchen, das er in seiner Erinnerung behalten hatte wirkte sie und brachte wahrlich Farbe in die graue Tristesse der Zweitwelt. Ihre langen, feuerroten Haare, die ihr bis knapp über den Po reichten, klebten nass an ihrem Rücken. Auf ihrer weichen, beinahe schneeweißen Haut glänzten noch einige Wassertropfen. Sie lächelte ihn an. Dabei zeigten sich wieder ihre Grübchen um die kleine Stupsnase. Ihre Lippen blutrot, ihre Beine länger als je zuvor und unter ihrem Büstenhalter aus Wühlerfell, da konnte er mittlerweile kleine, wohlgeformte Hügelchen erkennen.
    Sie fiel Di um den Hals und drückte ihn fest: „Es freut mich so sehr dich wiederzusehen“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Erst jetzt bemerkte Di, dass Suki ihn nun etwa zwei Finger breit überragte. „Komm mit, ich muss dir etwas zeigen“, teilte sie ihm freudig mit, nahm seine rechte Hand und zog ihn sanft hinter sich her.


    Sie bahnten sich ihren Weg durch das Dickicht, kamen am Ufer des großen Sees vorbei, ließen diesen hinter sich zurück und kletterten anschließend, etwas weiter entfernt, einen steilen, grasbewachsenen Erdhügel hinauf, auf dem einige andere buranische Kinder augenscheinlich auf etwas warteten. Sie gesellten sich zu ihnen an den Rand des Hügels, dessen steiler Abhang ziemlich weit in die Tiefe führte. Ihre Blicke fielen in ein unnatürlich wirkendes Erdloch und Di hätte schwören können, dass dieses, bei seinem letzten Aufenthalt, noch nicht hier gewesen war. Es machte den Eindruck, als wäre der Erdboden zuerst abgesackt und anschließend, wie eine reife Frucht, aufgeplatzt. Das einst grüne Gras drumherum, war verwelkt und nurmehr eine trostlose grau-braune Masse. In der klaffenden Vertiefung hatte sich eine Art rauchender Teich angesammelt, dessen Wasser so grau und trostlos wirkte, wie das alte Volk über ihnen. Weißer, blubbernder Schaum mischte sich in das Grau und plötzlich es sah so aus, als würde das Wasser kochen. Noch bevor er nachfragen konnte, erklärte Suki ihm, dass vor einiger Zeit, die Erde hier aufgebrochen war und sich seitdem das immer gleiche Schauspiel wiederhole.


    „Mein Vater sagt, dass dieses Loch eine Wunde in unserer Welt ist und glaubt, unsere Ahnen möchten uns dadurch vor etwas warnen“, hörten Di und Suki einen kleinen Jungen neben ihnen sagen, der bei dem Wort "Ahnen" mit seinem Zeigefinger in die Luft zeigte.
    Suki blickte daraufhin erneut zu Di herüber, lächelte und schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen, dass er die Märchen des Jungen nicht weiter ernst nehmen sollte.
    Zwei kleine Mädchen, viel jünger als Di und Suki, schätzungsweise sechs oder sieben Jahre alt, so genau wusste man das hier ja nicht, gesellten sich zu ihnen und verwickelten die beiden in ein Gespräch. Auch die Mädchen freuten sich darüber, dass der Kal-Händler wieder hier war und er sie erneut mit den so gut schmeckenden großen Knollen, sie meinten wohl die Steckrüben, beschenkte. Was für Di der süße, unvergleichliche Geschmack der exotischen Zweitweltfrüchte, war für die beiden Buraniermädchen und wohl noch einige andere ihres Volkes, die vergleichsweise fade Langeweile des Gemüses, welches sein Vater ihnen mitgebracht hatte.
    Da! Sie hatten sich ablenken lassen. Ein lautes Zischen entwusch plötzlich dem rauchenden Teich und nur wenige Momente später schoss eine riesige Fontäne heißen Wassers in die Luft, die sich so hoch auftürmte, dass sie, ebenso wie die Stämme der Titanfäuste, im Nebel verschwand. Warmer Wasserdampf umhüllte sie. Suki hatte die Arme ausgebreitet und genoss es, wie das warme Wasser ihre Haut benetzte und an ihr abperlte. Di wandte den Blick von ihr ab, zog sich seine dünne, von Schweiß durchtränkte Weste aus, schloss die Augen und genoss ebenfalls die warme Dusche.


    Sie tauschten sich anschließend noch lange darüber aus, was sie im letzten halben Jahr so alles erlebt hatten. Nun, da bereits einige Zeit verstrichen war und die Anstrengungen ihrer langen Reise Di einholten, begab er sich zusammen mit Suki zurück in die große Siedlung. Gemeinsam mit seinem Vater und dessen Begleitern durfte er in der eigens für Gäste errichteten Händlerhütte ruhen. Einzig Elisus Hofken leistete ihnen keine Gesellschaft. Er hielt sich, laut den Worten seines Vaters, bereits seit ihrer Ankunft in der Hütte des Kaykens auf. Auch Kal Brahmen hätte das Angebot, bei dem Kayken bleiben zu dürfen, annehmen können, doch entschied er sich dafür, mit seinen Helfern Quartier zu beziehen.
    „Hofken ist ein wichtiger Mann, ich nicht. Ich sollte keine Privilegien ausnutzen, die mir nicht zustehen“, hatte er daraufhin gesagt.
    Auf weichen Blättern, die auf dem Boden verteilt lagen und die sie sich zu bequemen Häufchen zusammengeschoben hatten, hatte es sich die kleine Gruppe gemütlich gemacht. Da es keinen Tag-Nachtwechsel in der Zweitwelt gab, musste sich Gekk Bauwer die Augen mit einem Tuch bedecken, da er bei Helligkeit nicht schlafen konnte. Zwar war es hier nie heller als an einem wolkenverhangenen Tag in ihrer Welt, doch für den blassen Söldner war das bereits zu viel für einen erholsamen Schlaf, weshalb er versuchte sich regelrecht in die Traumwelt zu kämpfen.
    Fitz Grün und Donte Draben hingegen schlummerten bereits tief und fest. Der füllige Draben mit seinem runden Gesicht lag, laut schnarchend und sabbernd, auf dem Rücken, während Grün sein Antlitz in den Blättern vergraben hatte und keinen Mucks von sich gab. Man hätte glatt annehmen können, der alte Mann wäre tot, doch sein Körper bewegte sich immer wieder auf und ab. Ihr zweiter Beschützer, Hanz Gorke, saß etwas abseits von ihnen und kaute mit mürrischem Gesichtsausdruck auf seinem Kautabak herum, den er sich mitgebracht hatte und der seine Zähne dunkelbraun verfärbte. Seit Kal Brahmen ihm noch während des Entladens der Karren mitgeteilt hatte, dass sich ihr Aufenthalt auf unbestimmte Zeit verlängern würde, sah man dem Schurkopf seine Verärgerung regelrecht an. Wie Di Hanz einschätzte, machte er sich auch nicht die Mühe seinen Ärger zu verbergen. Selbst das Versprechen, dass er für jeden weiteren Tag gut bezahlt werden würde, war seiner Stimmung nicht wirklich zuträglich gewesen. Der Grund für das unplanmäßige Verweilen, lag an einem langen Gespräch zwischen dem Kayken und Hofken, dem Dis Vater ebenfalls beigewohnt hatte.


    „Über was haben Spitzkinn und du mit Sukis Vater geredet?“, fragte Di ihn in flüsterndem Ton um die Schlafenden nicht aufzuwecken.
    „Nenn ihn doch nicht immer Spitzkinn, Dieke“, antwortete ihm sein Vater. „Er mag vielleicht etwas wunderlich sein, aber er ist ein sehr netter und redegewandter Mann. Wir sollten keine Scherze über ihn machen.“ Er fuhr sich durch seinen schwarzen Vollbart und trank einen Schluck Wasser aus einer handflächengroßen Holzschale, die er neben sich stehen hatte.
    „Unser alter Freund, Sukis Vater, hat nach den drei anderen Völkern geschickt und zu einer großen Verkündung eingeladen. Sie werden schnellstmöglich ihre Oberhäupter, die Kaysus, hierher schicken und dann wird uns Pisao über seine Entscheidung informieren.“
    „Welche Entscheidung?“, hakte Di nach, doch sein Vater grinste nur geheimnisvoll und entgegnete daraufhin: „Ich bin mir sicher, dass dir das sehr gefallen wird.“
    Schnell lenkte Kal Brahmen das Gespräch in eine andere Richtung: „Verstehen du und Suki euch noch?“ Was war das für eine Frage? „Natürlich verstehen wir uns noch, Vater“, platzte es aus ihm heraus. Er erzählte ihm davon, wie sie ihm den rauchenden Teich hinter dem Hügel gezeigt hatte, wie sie sich anschließend im See etwas Erfrischung verschafften und wie Suki ihm vorführte, wie geschickt sie mit ihrem Speer Frösche jagen konnte. Ein grau-schimmerndes Exemplar erwischte sie auf zwanzig Meter Entfernung und röstete es anschließend, mit ihm zusammen, über einem Feuer, um es hinterher zu verspeisen. Es schmeckte ein wenig nach Hühnchen, fand Di, und das Fleisch war ungemein zart. Auch er startete daraufhin einen Versuch mit dem Speer zu agieren, doch war er ein grauenvoller Jäger und verfehlte alle seine Ziele, wenn auch manchmal nur knapp. Suki hatte daraufhin nur gelacht und „Übung macht den Meister“, zu ihm gesagt, ihm dabei ein paar Mal kräftig auf den Rücken geschlagen. Auf dem Rückweg in die Siedlung hatte er ihr einige der lustigen Geschichten, die er von Gekk Bauwer kannte, erzählt, weshalb sie manchmal stehen blieben, da sie sich zusammen vor Lachen die Bäuche halten mussten. Dieser einzige Tag hier unten war so viel schöner als jeder andere des vergangenen halben Jahres. Am Liebsten wäre Di für immer hier geblieben oder hätte zumindest Suki mit nach oben genommen, um ihr einmal seine Welt zeigen zu können. Doch die Eingangswächter hätten das, zu seinem Bedauern, niemals zugelassen.

  • @Rika Oje anscheinend hab ich hier auch ein bisschen was verpasst ... :whistling:
    [spoiler]

    Ihre Kleidung klebte ihnen mittlerweile wie nasse Lappen am Körper und der Schweiß rann ihnen in die teils erschöpft, teils genervt dreinblickenden Gesichter.

    Eines von beidem würde ich zur Vermeidung einer Wiederholung weglassen.

    dass zwei Karren nebeneinander vorbei bewegt werden konnten.

    Das Rote würde ich durch "passten" ersetzen. Bewegt werden konnten klingt etwas unschön.

    Hanz Gorke und seinem Begleiter, dem jungen Gekk Bauwer,

    Einfach nur GEILE Namen :thumbsup: Viel besser als irgendwas ala Gwinduralala etc

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"