Eine Welt ohne Namen - Das 3. Tor

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  • So, jetzt sind wir bei dem Part, den ich eigentlich als ersten Teil von Karims Erlebnissen geschrieben hatte. Ich glaube sogar, dass ich ihn schon hochgeladen hatte, also nicht wundern, wenn es euch bekannt vorkommt. Ich bin aber froh, dass ich die Sache noch mal umgeschrieben habe und Karim und Jinna ein wenig Zeit hatten zu wachsen.

    (Ich sehe gerade das wird kurz, aber alle seiten des Kapitels fände ich auch zu lang für einen Abschnitt. Ich schau dass ich den Rest fertig bekomme und poste später noch einmal.)



    Teil 2

    Der Spuk von Merialk


    Neymars Erzählungen von dem Unheil in der Gegend gingen Karim nicht mehr aus dem Kopf, und es dauerte nicht lange, bis sie überraschend bedeutsam für ihn wurden.
    Seit nunmehr drei Wochen war der Handelszug, den er begleitete, auf dem Rückweg von Thalln nach Miriam und der Weg kam Karim endlos vor. Mehrere Pannen unter den Händlern hatten sie aufgehalten und es war nur gut, dass sie keine verderblichen Waren bei sich trugen. Nur die Nahrungsmittel für die Reisenden waren knapp geworden, was eine weitere Pause bedeutete, während eine kleine Gruppe ausgesandt wurde, um die naheliegenden Dörfer nach Essbarem abzuklappern. Alles in allem würden sie mit den langsamen Wagen sicher noch eine weitere Woche brauchen.
    Am frühen Nachmittag bremsten die Wagen erneut und Karim – überrascht davon – wäre beinahe mit dem nächsten zusammengestoßen.
    »Was ist jetzt wieder los?«, fragte Merin Ellers genervt. »Jonah, Karim, geht nachschauen!«
    Die beiden Jungen verstanden sich dank Merins beharrlichen Versuchen, sie zusammenzuschweißen, mittlerweile ganz gut. Das besserte Karims Verhältnis zu den anderen Jugendlichen nicht, gab ihm aber einen Freund. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Spitze des Zuges.
    Sie hatten ein kleines Dorf erreicht, doch eine Handvoll mit Sensen und Mistgabeln bewaffneter Dorfbewohner hatte sich offenbar in den Kopf gesetzt, sie nicht passieren zu lassen.
    Keljum, der Anführer der Händler, und Elzo, Ranghöchster der Kamiraen, standen vor ihnen und versuchten, sie zu überreden den Weg freizumachen.
    „Für einen gewöhnlichen Handelstreck seid ihr ziemlich stark bewaffnet“, sagte eine der Frauen misstrauisch.
    „Es hat in letzter Zeit Überfälle gegeben“, erwiderte Keljum. „Deshalb haben wir Begleitschutz.“
    „Wir haben nichts von Überfällen gehört“, entgegnete die Frau. „Hast du etwas davon gehört?“, fragte sie den Mann, der in kariertem Hemd, die Hände in die Hüften gestemmt, neben ihr stand. Er schüttelte bedächtig den Kopf und warf unter monströsen Augenbrauen drohende Blicke auf die Menschen vor ihm.
    Da ergriff Elzo das Wort: „Die Überfälle betreffen hauptsächlich Lieferungen nach Miriam, vermutlich möchte jemand unsere Versorgung behindern. Wir sind Gesandte der Kamiraen und Mitglieder der Stadtwache von Miriam, die den Auftrag haben, diese Händler zu beschützen. Und wir versichern euch im Namen der Kamiraen, dass ihr von uns nichts zu befürchten habt.“
    Die Leute vor ihnen wechselten ein paar verunsicherte Blicke. Sie wirkten nicht mehr ganz so besorgt, aber das Misstrauen war noch nicht vollends aus ihren Augen verschwunden.
    „Ihr seid Libellen?“, sagte der Mann in dem karierten Hemd. „Zeigt mir eure Ringe.“
    Elzo hob seine Hand und die umstehenden Kamiraen taten es ihm nach. Auch Karim zeigte den funkelnden grünen Stein an seinem Finger.
    Der Blick des Mannes erhellte sich, als er die vielen Ringe sah. „Na gut, ihr dürft unser Dorf passieren“, sagte er. „Aber beeilt euch, wir wollen wirklich keinen Ärger.“
    Doch bevor Elzo den Wagen zuwinken konnte, dass sie weiterfahren sollten, stürzte ein Junge – etwas jünger als Karim – aus einem der Häuser. Er trug keine Schuhe und seine Hose war viel zu kurz. Zusammen mit dem schwarzen Tuch, das er sich um die Stirn gebunden hatte, sah das ziemlich abenteuerlich aus.
    „Papa! Stopp!“, rief er und hastete herbei. Keuchend blieb er stehen, stützte die Hände auf die Knie und betrachtete die fremden Männer und Frauen fasziniert. „Stimmt es, dass sie Libellen sind?“, fragte er.
    „Sag nicht, du hast uns bloß aufgehalten, um sie anzugaffen“, fuhr sein Vater ihn ärgerlich an.
    „Nein.“ Der Junge richtete sich selbstbewusst auf. „Wenn sie Libellen sind, können sie uns vielleicht helfen. Ihr wisst schon: der Spuk.“
    Der Spuk? Karim konnte nicht verhindern, dass er eine Gänsehaut bekam. Die Dorfbewohner schienen hellhörig geworden zu sein, sie tauschten aufgeregte Blicke.
    „Worum geht es?“, fragte Elzo.
    „Wir wollen euch nicht zur Last fallen“, meinte der Mann.
    „Wenn in diesem Dorf etwas Merkwürdiges vor sich geht, wäre es besser wenn wir davon erführen“, sagte Elzo.
    „Ich glaube nicht, dass ihr uns helfen könnt.“
    „Ich denke schon“, erwiederte Elzo. Und wenn wir es nicht können, so kennen wir doch Leute, die dazu fähig sind. Ihr sprecht von einem Spuk. Was meint ihr damit?“
    Der Mann war bleich geworden und wich Elzos Blick auf merkwürdige Art und Weise aus. „Wir wissen nicht, was es ist. Niemand von uns hat jemals zuvor etwas derartiges gesehen. Kommt mit, dann zeigen wir es euch.“
    Elzo drehte sich zum Karawanenführer um. „Durchquert das Dorf und wartet auf der anderen Seite auf mich. Ich werde mir das mal genauer ansehen.“ Er zeigte auf eine Kämpferin mir schwarzen Locken. „Idela, begleite mich bitte.“ Sein Blick fiel auf Karim. Einen Moment dachte er nach, doch schließlich nickte er. „Du kommst auch mit.“ Dann folgte er dem Mann in das Zentrum des Dorfes.

    Einmal editiert, zuletzt von Dinteyra ()

  • „Für einen gewöhnlichen Handelstreck seid ihr ziemlich stark bewaffnet“, sagte eine der Frauen misstrauisch.

    Handelszug? Hab das Wort nie gehört und googeln gibt kein Ergebnis - wüsste aber auch nicht, wo der Schreibfehler ist ^^'

    Niemand von uns hat jemals zuvor etwas derartiges gesehen.

    groß - folgt ja auf "etwas" ^^


    Ich habe irgendwie das Gefühl, da ist was aus unserer Welt hierhin gekommen, was die Dorfbewohner mit einem Spuk verwechseln - nur so ein Gedanke ^^ Ich weiß nämlich nicht mehr, wie dieser Teil früher war, oder worum es ging, das ist zulange her. Aber wenn ich zufällig richtig liege, wird's wohl noch im Unterbewusstsein gewesen sein :fox:
    Dann mal sehen, was die Dorfbewohner den Libellen gleich zeigen werden - bin schon gespannt :)

  • Ich habe irgendwie das Gefühl, da ist was aus unserer Welt hierhin gekommen, was die Dorfbewohner mit einem Spuk verwechseln - nur so ein Gedanke ^^

    Ich mag den Gedanken, auch wenn er nicht zutrifft. Aber das stelle ich mir auch cool vor. Wobei ich mich fragen würde, was das dann wäre. Ein Gerät mit Stecker kann es ja nicht sein, aber es muss aufsehenerregend sein und den Leuten große Angst machen. Vielleicht ein batteriebetriebener CD-Spieler. Aber würden sie nicht einfach mit der Axt drauf hauen und die Sache wäre gegessen? Also wenn dir was einfällt ... (Gedankenexperiment startet :thumbsup: )

    Ich werde die Fehler übrigens die Tage noch korrigieren, danke fürs Rauspicken. Im Moment mache ich sowieso viele Fehler, vor allem bei der Kommasetzung und bei Nominalisierungen bin ich einfach nur noch verwirrt.





    Karim beeilte sich, mit ihm und Idela Schritt zu halten. Er kannte die Kriegerin flüchtig. Sie war ziemlich groß und hatte kräftige Armmuskeln, trug schwere Stiefel und einen schwarzen Mantel. Das fein gelockte Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
    Der Mann, dem sie folgten, stellte sich gerade als Gel vor und das Dorf, in dem sie standen, als Merialk.
    „Es hat vor drei Wochen angefangen“, sagte Gel. „Er ist schon eine Woche verschollen gewesen, aber wir haben ihn erst dann entdeckt. Wir gehen nicht oft an diesen Ort.“
    „Welchen Ort?“, fragte Karim, wagte aber aus Respekt nicht, laut genug zu sprechen, dass sie ihn hören konnten. Deshalb war er überrascht, dass er trotzdem eine Antwort bekam und zwar von hinten.
    „Die Mine.“ Es war der Junge mit dem Stirnband, der keuchend zu ihnen aufgeschlossen hatte. „Am Rand des Dorfes gibt es eine alte Graphitmine. Sie ist schon lange geschlossen, aber manchmal kommen wir Kinder zum Spielen dorthin. Umoya hat ihn entdeckt.“
    „Wen?“
    Schweigen.
    Sie gingen zwischen zwei besonders eng stehenden Häusern hindurch und standen plötzlich auf dem felsigen Platz vor einem kleinen Hügel. Direkt vor ihnen tat sich ein Loch auf, das in das Innere des Berges führte. Gel nahm einige Fackeln aus dem Eimer, der im Eingang stand und entzündete sie, indem er sie schnell über den Fels rieb. Dann gab er Elzo und dem Jungen jeweils eine und führte sie alle in die Erde hinein.
    Sie mussten ein paar Stufen hinabsteigen, um schließlich in einen runden, flachen Raum zu gelangen. Spinnenweben hingen an der Decke, große Kisten standen an den Wänden und alles war mit einer feinen, grauschwarzen Schicht überzogen. Gel deutete mit seiner Fackel auf einen der Tunnel, die von diesem Raum fortführten. „Seht dort.“
    Karim wusste nicht, was er meinte. Egal, wie sehr er auf die Stelle starrte, er konnte dort nichts erkennen, was irgendwie ungewöhnlich gewesen wäre. Elzo hob seine Fackel hoch über den Kopf und ging auf die Stelle zu. Er wirkte angespannt – bereit, jederzeit zurückzuspringen. Vorsichtig ging er ein paar Schritte in den Gang hinein. Und blieb stehen.
    „Kannst du es sehen?“, fragte Gel.
    „Ich sehe es“, sagte Elzo mit schwerer Stimme.
    Neugierig geworden machte Karim ein paar Schritte in seine Richtung.
    Elzo drehte sich um und sah ihm ins Gesicht. „Schau es dir ruhig an“, sagte er und leuchtete Karim den Weg. Karim schluckte und machte ein paar Schritte in den Gang hinein. Dann blieb er abrupt stehen.
    „Was ist das?“, fragte er. Vor ihm zog sich ein feines Netz aus glimmenden Linien über den Boden und die Tunnelwände. Noch nie in seinem Leben hatte er etwas Vergleichbares gesehen. Es war, als hätte jemand die Glut eines Feuers in hauchdünne Fäden gezogen. Doch das war nicht alles. Als Elzo die Fackel näher hielt, sah Karim, dass die Fäden nur ein Teil des Ganzen waren. Sie zogen sich über dicke Stränge eines schwarzen, glänzenden Materials, das von den Wänden hing und sich auf dem Boden ausbreitete, wie ein dicke Pfütze aus Pech.
    „Nicht anfassen“, sagte Gel.
    „Was passiert, wenn man es anfasst?“, fragte Karim.
    „Das wissen wir nicht. Aber an diesem Ort ... haben wir eines der Kinder aus unserem Dorf entdeckt. Tot. Er lag in diesem Zeug. Wir haben ihn begraben, ohne es zu berühren. Wir haben es nicht gewagt ...“ Er stieß einen langen Seufzer aus. „Vorletzte Woche dann ist es noch einmal geschehen. Frego Elphestro. Er wohnte mit seiner Familie am Stadtrand. Er konnte nachts oft nicht schlafen und verließ das Haus, um den Sternenhimmel zu betrachten. In jener Nacht kehrte er nicht zurück, seine Frau fand ihn am nächsten Morgen auf der Gartenmauer, den Kopf gen Himmel gerichtet, sitzend und tot. Über und über mit diesem Zeug beschmiert. Und vor drei Tagen ist es wieder passiert. Morgens fanden wir unsere Dorfälteste vor ihrem Haus, eingehüllt in schwarzen Schleim, als hätte ein Monster sie verschluckt und zusammen mit seiner Spucke wieder ausgespien. In ihrem Gesicht konnte man das pure Entsetzen noch ablesen.“ Er machte eine lange Pause, in der Karim vorsichtig, Schritt für Schritt, von der schwarzen Masse zurückwich. „Wir wissen nicht, was es ist“, fuhr Gel schließlich fort. „Manche glauben, es sei ein Monster, oder ein Dämon, der nachts im Dorf umher schleicht und Menschen anfällt. Manche denken, es handele sich um eine mysteriöse Krankheit und manche glauben, dass es eine Art Pilz sei, der sich ausbreitet und den man auf keinen Fall berühren sollte. Und meine Mutter ist fest davon überzeugt, es sei ein Fluch, der auf unser Dorf gelegt wurde, um sie allein zu bestrafen.“ Er verdrehte die Augen. „In jedem Fall ist es etwas Unheilvolles. Wir nennen es Spuk.“
    Elzo hatte mit nachdenklichem Gesicht gelauscht. Jetzt holte er tief Luft und ließ das Licht seiner Fackel noch einmal über die unbekannte Masse streifen. „Was ist mit den anderen Stellen?“, fragte er.
    Wir haben sie abgesperrt und abgedeckt, damit niemand damit in Berührung kommt.
    Elzo nickte und blickte noch ein letztes Mal auf die rot glühenden Fäden. „Lasst uns diesen Ort verlassen.“
    Auf dem Weg nach draußen hüllten sie sich allesamt in ernstes Schweigen. Erst als sie im Sonnenlicht standen und die Fackeln gelöscht hatten, ergriff Elzo wieder das Wort. „Kommt den Orten, an denen diese Dinge passiert sind, nicht zu nahe. Verlasst nachts nicht das Haus und geht auch am Tage nicht allein nach draußen. Meidet diese Mine. Ich kann an eurer Situation im Moment nicht viel ändern, aber ich werde wiederkommen. Und einen Zauberer mitbringen.“
    Gel japste auf und der Junge machte vor Schreck einen Luftsprung, um dann mit hastigen Schritten ein wenig Abstand zwischen sich und Elzo zu bringen.

    Was willst du tun?“, fragte Gel.
    „Ich werde einen Zauberer um Hilfe bitten.“ Elzo sah ihn mitleidvoll an. „Ich weiß, wie ihr hier auf dem Land auf Magie reagiert, ich kenne eure Angst, aber ich habe keine andere Möglichkeit. Das hier ist das Werk schwarzer Magie und es braucht jemanden vom Fach, um damit umzugehen.“
    „Schwarze Magie?“, fragte Gel. „Das heißt, ein Zauberer hat das hier geschaffen?“
    „Das ist meine Vermutung.“
    „Und da wollt ihr einen Zauberer herholen, um es zu beenden? Das ist Wahnsinn!“
    Elzo warf ihm einen bedauernden Blick zu. „Gut“, sagte er. „Lass uns darüber reden. Karim.“
    „Ja?“
    „Geh zu den Wagen und sag Merin Ellers, dass er die Führung der Karawane übernehmen soll. Idela und ich werden euch später am Tag einholen. Wir haben hier noch einiges zu besprechen. Ich möchte nicht riskieren, dass das Dorf leer ist, wenn ich mit Hilfe zurückkehre. Außerdem sollten wir ein paar Sicherheitsmaßnahmen einleiten und vielleicht können mir andere Dorfbewohner erzählen, ob sie in letzter Zeit ungewöhnliche Dinge beobachtet haben.“
    Karim nickte und wandte sich zum Gehen. Zügig durchschritt er die kleine Gasse, durch die sie gekommen waren. Kurz bevor er auf den Dorfplatz trat, drehte er sich allerdings noch einmal zu Elzo um. Er hatte auf ihn einen so souveränen, gelassenen Eindruck gemacht, hatte genau das getan, was man von ihm als Repräsentant der Kamiraen, als ranghohe Libelle erwartete, doch jetzt aus der Ferne sah er angespannt und besorgt aus. Vielleicht schwirrte in seinem Kopf ja derselbe Gedanke herum wie in Karims: Was ging hier vor?

  • Vielleicht ein batteriebetriebener CD-Spieler. Aber würden sie nicht einfach mit der Axt drauf hauen und die Sache wäre gegessen? Also wenn dir was einfällt ...

    Bei kleineren Dingen wird es tatsächlich schwierig und große Dinge sind sehr schwer herinzubringen. Ich dachte zuerst an so einen alten Traktor, den jemand ausversehen gestartet hat. Der spuckt dann Rauch und ist super laut. Da geht eventuell erstmal niemand mit einer Axt ran. Ansonsten ein schickes altes Nokia Handy - da geht die Axt dann kaputt, wenn man versucht, dem ein Ende zu setzen :D

    Kurz bevor er auf den Dorfplatz trat, drehte er sich allerdings noch einmal zu Elzo um. Er hatte auf ihn einen so souveränen, gelassenen Eindruck gemacht, hatte genau das getan, was man von ihm als Repräsentant der Kamiraen, als ranghohe Libelle erwartete, doch jetzt aus der Ferne sah er angespannt und besorgt aus

    Ja, das ist Elzos Profession ^^ Doch selbst mit der Profession, kann man seine Gefühle nicht gänzlich ausschalten, nur im Zaume behalten. Finde ich gut beschrieben hier ^^


    Schwarze Schleimfäden? Ich muss an Natto denken.

    Hatte Fürst Dreizehn nicht eine schwarze Magierin an seiner Seite, die gerne mal hier und dort Unheil angerichtet hat? Ich weiß nicht mehr, was aus ihr wurde, oder ob sie hier überhaupt noch mitmischen kann, aber das wäre mein erster Gedanke.

    Das sind auf jeden Fall sehr unheimliche Fälle, die dort im Dorf geschehen, kein Wunder, dass die Menschen besorgt und angespannt sind. Vorurteile gegen Zauberer sind da auch absolut nicht hilfreich.

    Vielleicht wäre es besser, das Dorf vorrübergehend zu evakuieren. Bis der Zauberer da ist, kann das eventuell viel zu lange dauern :hmm:

  • Und damit habe ich auch wieder aufgeholt und bin auf dem aktuellen stand.


    Maja kommt also weiterhin nicht von der Welt ohne Namen los, was mich nicht recht wundert. Sowas zu vergessen, ist dann doch nicht so leicht. Und nach und nach scheint die Welt ohne Namen sie auch wieder einzuholen, wie es scheint. Sowohl was die Sprache als auch ihre "Aufpasser" als auch den Wolf betrifft. Aber immerhin gibt sie sich nun Mühe, wieder einen gewissen Anschluss zu finden. xD


    Maja starrte ihn fassungslos an. „Okay, das war's. Ich gehe.“ Sie stand auf.
    „Du tust es schon wieder.“ Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah sie offen an. „Sobald dir etwas nicht passt, läufst du weg und beschäftigst dich mit etwas anderem. So hast du es von Anfang an gemacht.“
    „Das ist nicht wahr.“ Maja zögerte mit der Hand auf dem Türgriff.
    „Was ist mit Alma?“
    „Bitte was?“
    „Du hast bei dieser Rettungsmission nicht deshalb mitgemacht, weil du helfen wolltest. Du hast es getan, weil du Ablenkung brauchtest. Und du hast den Wald gerettet, weil du es in Miriam nicht mehr ausgehalten hast. Vor den Dingen, die wirklich in deiner Verantwortung liegen, läufst du weg.“

    Denn genau das, hat Maja bitter nötig gehabt, glaube ich. Sie und ihr unendlicher Sturschädel XD Ein Hoch auf Kandrajimos und seine wahren und harten Worte an dieser Stelle :D

    Wobei man sich natürlich auch fragt, was die Kamiraen da mit dieser Wolfsmenschin angestellt haben, dass diese so rachsüchtig ist und Maja offenbar sogar nachgestellt hat. Auch da, verstehe ich ihre Ablehnung einerseits ... andererseits .. Ja der Sturkopf :D

    Was ging hier vor?

    DAS, Karim, frage ich mich aber auch :rofl: Wenn dunkle Magie aus Stein sickert, kann das kein gutes Zeichen sein :rofl:

    Nun denn, mal sehen, wie es hier weitergeht :popcorn:


    Gruß

    Kye



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Danke an Alopex Lagopus und an Kyelia , für eure Kommentare. Ich finde es interessant, dass ihr Kandrajimos Ansprache an Maja beide so passend fandet und dass ihr Maja als Protagonistin etwas anstrengend findet. Das zeigt mir, dass es langsam Zeit wird, dass sie erwachsen wird. Aber ich denke dafür braucht es für sie noch einen gewissen Reifeprozess.

    Ab jetzt wird es hier echt schwierig zu schreiben. Ich weiß genau, was passieren soll, aber es ist schwierig, das angemessen und realistisch aufzuschreiben - die Reaktionen der Menschen ... das ist nichts, wo ich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen kann. Also los - viel Spaß beim Lesen.



    Traum oder Wirklichkeit?


    Draußen auf der Straße quietschten Reifen. Dann wehte das entfernte Geräusch von vorsichtig geschlossenen Autotüren durch das geöffnete Fenster. Eine Weile herrschte Totenstille, selbst die Blätter der Bäume hatten aufgehört zu rascheln.
    Das gefürchtete Knacken des Schlosses ließ Maja aufschrecken. Sie kämpfte sich aus ihrem Kopfkissen, saß aufrecht im Bett und schnappte nach Luft. Es war nur ein Traum, versuchte sie sich zu beruhigen, nur ein Traum. Dann raufte sie sich die Haare. Warum wurde sie diese verfluchten Träume einfach nicht los? Konnte sie nicht ab und an wenigstens von etwas anderem Alpträume haben? Vielleicht Bären, die sich den Weg durch ihre Jalousie bahnten … die albernen Ängste ihrer Kindheit wären ihr bedeutend lieber gewesen.
    Maja legte sich wieder hin, starrte an die Zimmerdecke und versuchte an etwas Schönes zu denken.
    Im Flur erklang ein dumpfes Geräusch und lenkte sie ab. Schnell sah sie zur Zimmertür, ihr Puls war sofort wieder auf hundertachtzig. Sie wünschte, sie hätte am Abend ihre Zimmertür aufgelassen. Dann schalt sie sich selbst für ihre Furcht. Vermutlich ging bloß gerade einer ihrer Eltern ins Badezimmer. Hunderte Male hatte sie das hier schon erlebt. Und trotzdem. Nach dem Eindruck des Alptraumes machte das Geräusch ihr Angst. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie gehen und nachschauen sollte, oder ob sie sich lieber unter der Bettdecke verkriechen wollte. Aber Maja war kein Typ, der sich verkroch. Das hatte sie schon damals nicht getan. Das hatte sie damals vermutlich gerettet. Sie streckte das Bein aus dem Bett und begann aufzustehen. Dann schlug sie sich mit der Hand gegen den Kopf. Es war nur ein blödes Geräusch. Vermutlich eines, dass sie sich nur eingebildet hatte. Sie musste endlich aufhören, diesen Ängsten nachzugeben und bei jeder Kleinigkeit gleich an die Dreizehnte Garde zu denken. Sie zog den Fuß wieder unter die warme Decke.
    In dem Moment erklang Käse's Schrei. Maja erstarrte nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann sprang sie aus dem Bett und hetzte zur Tür. Bevor sie dort ankam, hörte sie ihren Vater rufen: „Nein!“
    Sie riss die Tür auf.
    Ihre Eltern standen im Schlafanzug vor der Schlafzimmertür. Käses Tür war offen und man konnte dahinter zwei große Gestalten sehen, die eine viel kleinere Gestalt festhielten. Vor der Tür standen ein Mann und eine Frau, beide in pechschwarzen Kleidern. Der Mann sah Majas Vater an, die Frau aber schaute an ihm vorbei, direkt in Majas Augen – Blätterfee.
    Maja hatte das Gefühl, ihr Herz würde einen Schlag aussetzen. Das konnte einfach nicht wahr sein. Das hier passierte nicht wirklich. Es war alles, was sie je gefürchtet hatte und noch mehr. Sie musste immer noch träumen. Aber das hier war kein Traum, es war Wirklichkeit. Eine nie gekannte Furcht begann sich in ihr auszubreiten und ihr die Kehle zuzuschnüren.
    Ihr Vater weckte sie aus ihrer Starre. „Lasst meinen Sohn in Ruhe!“, brüllte er und stürzte sich auf den Erstbesten, den er erreichen konnte.
    Mit einem gezielten Schlag gegen das Kinn wehrte der Mann ihren Vater ab. Dieser fiel hart auf den Boden und schaffte es nicht, sich wieder aufzurappeln. Maja wollte sich ebenfalls auf den Mann stürzen, doch bevor sie einen Schritt gemacht hatte, sah sie, dass Blätterfee sich bewegte. Sie war eine Zauberin. Maja änderte die Richtung und hastete ins Badezimmer – keine Sekunde zu spät. Gerade, als sie über die Fliesen schlitterte, schlug ein Zauber in ihrer Zimmertür ein und produzierte dichten, silbernen Qualm, dort wo Maja gerade noch gestanden hatte. Das Mädchen hielt die Luft an und rannte durch den Qualm in den Flur zurück. Ihr Vater ließ sich gerade von ihrer Mutter aufhelfen. Sein Gesicht war blutverschmiert und er schielte leicht. Die Schwarze Garde hatte keine weitere Zeit verschwendet. Sie verließen gerade die untersten Treppenstufen. Maja hechtete auf das Schränkchen neben ihr und sprang über das Treppengeländer. Ein Stockwerk weiter unten kam sie auf den untersten Stufen auf und federte sich geschmeidig ab. Das Kunststück hätte sie sich zu normaler Stunde nicht zugetraut, doch ihr Entsetzen hatte die Kräfte der Kamiraen in ihr geweckt. Maja konnte sie spüren – ihre einzige Hoffnung, diesen Kampf zu gewinnen. Doch Blätterfee hatte in diesem Moment schon die Tür geöffnet und war als Erste ins Freie gelaufen. Ihre Mittäter folgten ihr, Maja dicht auf den Fersen. Tränen rannen ihr aus den Augen. Auf den Stufen vor der Tür holte sie den letzten ein und klammerte sich mit einer Hand an seiner Jacke fest. Mit der anderen griff sie nach seiner Schulter. Dann rammte sie die Füße in den Boden. Der Mann blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Verärgert versuchte er, ihre Hände wegzuschlagen.
    „Misch dich nicht ein, dann passiert dir auch nichts.“ Als er Majas Gesichtsausdruck sah, verstummte er. Ob sich ihre Verzweiflung und Angst darin spiegelten.
    „Lassen Sie meinen Bruder in Frieden. Bitte“, flehte sie. Dann schnappte sie nach Luft, als der Mann ihr mit voller Kraft in den Bauch trat. Sie ließ ihn los und sackte auf den Stufen vor dem Haus zusammen. In dem Moment kamen ihre Eltern aus dem Haus.
    „Maja! Oh nein!“, rief ihre Mutter und kniete neben ihrer Tochter nieder. „Bist du verletzt?“
    Maja sah aus dem Augenwinkel, wie der schwarz gekleidete Mann davon lief. Und Blätterfee hatte schon fast den schwarzen Wagen erreicht, der am Ende der Straße auf sie wartete. Der Mann hinter ihr kam etwas langsamer voran, weil er den zappelnden Käse über der Schulter trug. Zwei weitere Männer folgten ihm, an denen sie vorbei musste, um ihren Bruder zu erreichen. Mit einem wütenden Schrei sprang sie auf die Füße und lief ihnen hinterher, schneller als sie jemals gelaufen war.
    „Vorsicht“, sagte Blätterfee.
    Der Mann direkt vor Maja, der, der sie getreten hatte, rannte schneller. Doch der Mann vor ihm blieb stehen. „Ich kümmere mich darum“, sagte er, als sein Kumpane an ihm vorbei lief. Maja versuchte ebenfalls, an ihm vorbei zu rennen, um Käse zu erreichen, doch er versperrte ihr den Weg. Als sie sich unter seinen Armen hindurch ducken wollte, schlug er ihr mit der Faust voll ins Gesicht. Sie fiel wie ein Stein zu Boden, ihre Wangenknochen schmerzten und ihr Kopf dröhnte. Außerdem schürfte sie sich den Arm auf. Doch sie konnte es sich nicht leisten, dort liegen zu bleiben. Nicht für eine Sekunde.
    Sie rollte sich auf die Seite und sprang wieder auf die Füße, um ihrerseits nach dem Mann zu schlagen. Dass ihr dabei alle Knochen wehtaten, versuchte sie so gut wie möglich zu ignorieren. Sie schlug so hart zu, wie sie konnte, doch ihr Gegenüber wich aus und sie erwischte bloß noch seine Fingerspitzen.
    Der Mann machte ein verärgertes Gesicht und griff mit der Hand in seine Tasche. Als er sie in einer fließenden Bewegung wieder heraus zog, hielt er etwas Glänzendes darin: Ein Messer.
    Majas Mutter schrie schrill auf und ihr Vater brüllte etwas Unverständliches. Sie mussten kurz hinter ihr sein. Reflexartig warf Maja den Oberkörper zurück und entkam so knapp der scharfen Klinge. Sie streckte den linken Arm aus und packte, obwohl sie sie nicht sehen konnte, die rechte Hand des Mannes, mit der er das Messer hielt und hielt sie fest. Dann zielte sie mit der rechten Faust auf sein Gesicht. Er blockte sie ab und versuchte, sich loszureißen. Als Maja seine Hand nicht losließ, rammte er ihr seinen Ellbogen ins Gesicht. Ihre Lippe sprang auf und sie schmeckte Blut. Doch loslassen tat sie nicht, verzweifelt klammerte sie sich an seinem Arm fest, bis sie seinen Fuß kommen sah. Er traf sie in die Seite und sie stürzte erneut zu Boden. Als sie sich vor Schmerz keuchend wieder aufgerappelt hatte, hatte ihr Gegner sich umgedreht und die Flucht ergriffen. Maja rannte los und nahm die Verfolgung auf, doch er erreichte das Auto lange bevor sie ihn einholen konnte. Mit quietschenden Reifen und noch geöffneter Tür fuhr es los. Maja traten Tränen in die Augen, als ihr klar wurde, dass sie verloren hatte.
    „Wenn ich euch kriege, mach ich euch kalt!!!“, brüllte sie, „Euch und Dreizehn!“
    Dann knallte die Autotür zu und Maja blieb weinend auf der Straße stehen. Ihre Tränen tropften bis auf ihre nackten Füße. Über ihr leuchteten die Sterne und eine kühle Brise zerzauste ihr Haar.

  • Ich hatte heute eine längere Autofahrt als Mitfahrer, bei der ich einiges zu Papier gebracht habe. Deshalb kann ich auch mal ein bisschen mehr posten.



    Sie hörte ihren Vater fluchend nach dem Autoschlüssel suchen, der nicht dort lag, wohin er gehörte. Maja wusste, dass es zu spät sein würde, selbst wenn er ihn fand. Und er hatte nicht einmal Schuhe an ... Sie ließ sich zu Boden sindken und starrte ans Ende der Straße, wo das Auto um die Ecke gebogen und verschwunden war.
    Irgendwann, es musste eine Ewigkeit vergangen sein, stand sie wieder auf, drehte sie sich um und sah ihre Mutter neben einem Busch im Vorgarten ebenfalls am Boden hocken. Tränen liefen ihr über die Wangen und schwere Schluchzer erschütterten ihren Körper. Ihr Vater stand neben ihr und streichelte ihr den Rücken, während er mit der anderen Hand den Telefonhörer hielt und wählte. Als er sich den Hörer ans Ohr hielt und hastig zu reden begann, stand Simone Sonnfeld auf, ging zu ihrer Tochter und schloss sie fest in die Arme. Maja spürte, wie ihre Tränen sich mit ihren eigenen vermischten.
    „Geht es dir-?“ Ihre Mutter unterbrach sich. „Bist du verletzt?“
    Maja schüttelte den Kopf. Eine Weile stand sie einfach nur da und zog Kraft aus dieser Umarmung. Versuchte, sich darüber klar zu werden, was gerade passiert war. Sie hatten Käse entführt. Die Dreizehnte Garde, Fürst Dreizehns Elite-Truppe, hatte ihren kleinen Bruder entführt. Es war fast unmöglich zu begreifen.
    Leon Sonnfeld beendete das Telefongespräch und kam zu ihnen. „Die Polizei ist unterwegs. Sie kommen hierher. Ich hab mir das Kennzeichen des Wagens gemerkt, sie fahnden schon danach. Sie kriegen sie. Ich verspreche euch, die Polizei wird sie kriegen.
    Maja war sich dessen nicht so sicher. Ja, wenn die Polizei das Kennzeichen hatte, hatten sie sicher eine Chance. Aber sie sprachen hier immerhin von der Schwarzen Garde, so leicht würden die sich nicht aufhalten lassen. Und diese Blätterfee konnte zaubern. Maja war sich nicht ganz sicher, welchen Nutzen die Zauberei bei dieser Geschichte für die Gefolgschaft Dreizehns haben konnte, viel zu wenig kannte sie sich damit aus, aber prinzipiell hatte sie gelernt, wenn Magie im Spiel war, mit allem zu rechnen.
    „Was sollen wir jetzt tun?“, murmelte ihr Vater. „Was sollen wir bloß tun.“
    Ja, was sollte sie tun? Maja starrte in die Nacht und dachte nach. Wenn sie davon ausging, dass die Polizei die Dreizehnte Garde nicht fassen würde, dann musste sie jemanden benachrichtigen, der vielleicht größere Chancen hatte. Sie musste Kandrajimo anrufen. Wo war er überhaupt? Hatte er nicht versprochen, dafür zu sorgen, dass sie in Sicherheit waren? Dass so etwas nicht passierte? Aber sie hatte ihn fortgeschickt. Sie hatte ihm gesagt, er solle heim gehen. Das hatte sie nun davon.
    „Lass uns reingehen und in der Küche warten“, sagte Majas Mutter. „Ich koche uns einen heißen Tee.“ Warum wirkte sie so gefasst? Gewöhnte man sich daran, ein Kind zu verlieren? Oder hatte sie einfach noch nicht realisiert was geschehen war?
    „Ich will nicht reingehen“, sagte Leon Sonnfeld mit finsterer Stimme. „Und ich will keinen Tee.“
    „Okay, Maja und ich warten drinnen“, sagte Simone und nahm ihrem Mann den Telefonhörer aus der Hand. „Und mach bitte nichts kaputt.“ Sie bugsierte Maja ins Haus und in die Küche, dann machte sie sich an der Teemaschiene zu schaffen. Ihre Hände zitterten heftig und immer noch liefen ihr Tränen über die Wange. Aber sie stand aufrecht.
    „Mir ist kalt“, sagte Maja, „ich geh schnell nach oben und zieh mir was an.“
    Ihre Mutter nickte. „Sei bitte vorsichtig“, schluchzte sie leise.
    Maja hatte das Gefühl, sie müsse ihre Mutter beruhigen. „Mama, diese Leute sind weg. Sie haben Käse entführt, sie wollten nichts von mir. Mir wird nichts passieren.“
    Ihre Mutter antwortete nicht. Sie starrte angestrengt auf die Teebeutel, anscheinend sehr damit beschäftigt, die Ziehzeit des Tees herauszufinden. Wahrscheinlich sah sie direkt durch den Beutel hindurch.
    Maja schnappte sich im Vorbeigehen den Telefonhörer und spurtete die Treppe hoch. In ihrem Zimmer riss sie die Schublade ihres Nachtschränkchens auf und zog den Zettel mit Kandrajimos Handynummer heraus. Mit zitternden Fingern wählte sie, vergewisserte sich noch einmal, dass es die richtige Nummer war und hielt sich den Hörer ans Ohr. Es tutete lange, dann ging die Mailbox dran. Enttäuscht legte Maja auf und sah sich verzweifelt im Raum um. Was sollte sie tun? Es später noch einmal versuchen? Sie hatte nicht das Gefühl, warten zu können. Sie blickte aus dem Fenster und sah ihren Vater vor dem Haus stehen, die Arme verschränkt, die Augen wachsam auf die Straße gerichtet, als würde er das Haus bewachen. Dann durchfuhr ihn ein Ruck und er betrat das Haus.
    „Maja?“, hörte sie ihn im Hausflur rufen. Seine Stimme klang nach Ärger.
    Maja seufzte, schnappte sich eine Strickjacke und ein paar Socken aus dem Schrank und machte sich auf den Weg nach unten. Als sie im Erdgeschoss ankam, packte ihr Vater sie am Arm und schob sie in die Küche. Wütend riss Maja sich los. „Was soll das?“
    Er schloss die Tür hinter sich.
    „Was tust du da?“, fragte Simone Sonnfeld, doch er antwortete nicht, hatte die Augen nur auf Maja gerichtet.
    „Ich will wissen, was du weißt“, sagte er. „Erst verschwindest du spurlos, jetzt wird Käse entführt. Es muss einen Zusammenhang geben. Was weißt du? Kennst du diese Leute, hast du sie schon einmal gesehen?“ Er trat eindringlich ein paar Schritte auf sie zu. Mit seiner blutverschmierten Nase wirkte er bedrohlich und ein bisschen verrückt.
    „Ist ja gut“, sagte Maja. „Ja, ich hab sie schon mal gesehen. Sie haben damals versucht, mich zu entführen, genau so, wie sie es heute mit Käse getan haben, aber ich bin ihnen entkommen. Die Frau heißt Blätterfee, die Namen von den anderen kenne ich nicht.“
    „Blätterfee? Soll das ein Code-Name sein?“
    „Was weiß ich?“, sagte Maja abwehrend.
    „Weißt du, was sie mit ihm vorhaben?“
    „Nein und hör auf mich zu löchern. Ich kann mich nicht an mehr erinnern. Das hab ich Mama schon gesagt. Aber sie hatten damals das gleiche Auto.“
    „Und wie bist du ihnen entkommen? Zu Fuß?“
    „Nein, Tabea hat mich mitgenommen.“
    „Aha. Die mysteriöse Frau.“
    Zum Glück fuhr in dem Moment das Polizeiauto vor und erlöste Maja von dem Verhör.
    „Mama, kann ich bitte nach oben gehen?“, fragte sie, ihre Chance witternd. „Ich halte es einfach nicht aus, mit denen über Käse zu reden. Bitte.“
    Ihre Mutter nickte. „Nun ja, ich denke, wir können dich rufen, wenn sie deine Aussage brauchen. Aber ich bin sicher, dass sie das werden, also halte dich bereit.“
    Maja war ihr unendlich dankbar, dass sie sie gehen ließ. Sie hätte es nicht ausgehalten, wieder von Polizisten gelöchert zu werden. Zumindest brauchte sie vorher Zeit, um sich zu sammeln. Und es war klar, dass diese über kurz oder lang dieselben Fragen stellen würden, wie ihr Vater. Das Problem war nicht, dass sie diese Fragen nicht beantworten konnte. Das Problem war auch nicht, dass sie sie nicht beantworten wollte, in diesem Moment hätte sie zu gerne alles über die Welt ohne Namen ausgepackt. Alles, was sie wusste. Das Problem war: Wer würde ihr glauben? Mal abgesehen davon, dass es überhaupt nicht helfen würde.
    Als sie in ihrem Zimmer ankam, war das erste, was sie tat, Jimo Kandrajimo erneut anzurufen. Doch der Kamiraen ging wieder nicht dran. Wütend warf sie das Telefon in eine Ecke und ließ sich aufs Bett fallen. Sie dachte nach. Ihre erste und wichtigste Frage war: was wollte Demir Dreizehn von ihrem kleinen Bruder? Was könnte er von Kasimir Sonnfeld wollen? Die offensichtliche Antwort auf diese Frage war relativ leicht zu finden: er versuchte in Wirklichkeit, an Maja heranzukommen. Doch warum über ihren Bruder? Vielleicht, weil es beim letzten Mal schon nicht geklappt hatte? Befürchtete er, sie hätte wieder entkommen können? Wollte er sie stattdessen zu sich locken, wissend, dass sie entweder zu ihm kommen, oder dabei draufgehen würde? Oder steckte mehr dahinter? Der Mann hätte Maja auf der Straße leicht töten können, sie war gegen ihn nicht angekommen. Stattdessen war er geflohen. Und hatten sie nicht zu ihr gesagt, wenn sie sich nicht einmischte, würde ihr nichts geschehen? Das machte alles keinen Sinn. Das Einzige, was Maja sich vorstellen konnte, war dass auch Käse ein Kamiraen war. Aber selbst das entbehrte jeglicher Logik. Dreizehn wollte die Kamiraen tot sehen. Maja war sich sicher, dass sie die Nacht vor einem Jahr nicht überlebt hätte, wenn sie nicht aus dem Fenster gesprungen wäre. Und wenn Käse sterben musste, wäre es nicht am einfachsten gewesen es hier zu tun, bevor er schreien konnte? Oder starb er jetzt in diesem Moment? Majas Hände begannen zu zittern. Nein, sie musste sich an die Erklärung klammern, dass Käse entführt worden war, um sie zu Dreizehn zu locken. Warum er sie nun lieber lebendig als tot wollte, mochte sie sich kaum vorstellen. Vielleicht wollte er sie persönlich erledigen, dafür, dass sie seine Pläne mit Kock durchkreuzt hatte?
    Sie musste würgen, als ihre Gedanken sich der Frage zuwandten, was sie jetzt tun würde. Sie griff wieder nach dem Telefon und versuchte, auf der verzweifelten Suche nach Hilfe, noch einmal Kandrajimo anzurufen. Was sollte sie tun? Konnte sie es schaffen, beim Wohnwagen vorbei zu gehen und ihn persönlich zu alarmieren? Mit der Polizei im Haus und ihren Eltern in höchster Alarmbereitschaft? Sicher nicht vor dem Morgen. Da fiel ihr ein, dass sie ja noch eine zweite Telefonnummer hatte: Die von Vladimir Theobald, dem seltsamen Kontaktmann zum Weltentor in Norwegen und zur Welt ohne Namen, in dessen Haus sie damals mit Tabea übernachtet hatte. Sie riss ihren Bettkasten auf und wühlte in der grünen Tasche danach. Ganz am Boden fand sie den kleinen Zettel und gab die Nummer sofort ein. Doch auch dort nahm niemand ab.
    Und Maja sah zum ersten Mal in dieser Nacht auf die Uhr. Es war fünf vor vier. Theobald und Kandrajimo waren bestimmt tief und fest am Schlafen.

  • Vermutlich ging bloß gerade einer ihrer Eltern ins Badezimmer

    Kann Eltern Einzahl sein? Ich weiß, das sagt man umgangssprachlich manchmal so, frage mich gerade aber, ob das wirklich richtig ist

    Vermutlich eines, dass sie sich nur eingebildet hatte.

    Das


    Oha, jetzt geht's plötzlich ganz rasant los 8o da hat Maja sicher ein kleines Deja vu. Die Eltern haben aber auch echt kein Glück x) bestätigt jedenfalls meine Vermutung, dass Käse eine besondere Gabe hat und Dreizehn die nutzen will. Trotzdem frage ich mich: hat er den Moment abgepasst, an dem Maja Kandrajimo davon gejagt hat? Und wenn ja, wieso nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Maja im Schlaf töten? Da muss also noch ei. Wenig mehr dahinter stehen. Jedenfalls muss Maja jetzt wohl oder übel zurück. Ich befürchte, ihre Eltern werden nie erfahren, was da wirklich abgeht 😅

  • Trotzdem frage ich mich: hat er den Moment abgepasst, an dem Maja Kandrajimo davon gejagt hat? Und wenn ja, wieso nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Maja im Schlaf töten? Da muss also noch ei. Wenig mehr dahinter stehen.

    Auf alle diese Fragen gibt es (mehr oder weniger gute) Antworten, das ist doch schon mal beruhigend. Manche davon könntest du in deinen ungeschriebenen Gesetzen finden :D

    Ich befürchte, ihre Eltern werden nie erfahren, was da wirklich abgeht 😅

    Ich habe eine interessante Antwort auf diese Vermutung, aber möchte sie nicht verraten. Ich freu mich schon so darauf, wenn ihr die nächsten Teile lest. Hatte endlos viel Spaß beim Schreiben. Ganz viel davon ist schon ewig fertig, ich muss es nur noch verknüpfen und verbinden. Ich glaube ich schau mal dass ich die nächste Zeit etwas mehr hier rein stelle.

  • Entscheidung

    Obwohl nur noch so wenig davon übrig war, wurde es die längste Nacht in ihrem bisherigen Leben. Die Polizisten bestanden darauf, sie zu befragen, aber sie schaffte es sehr schnell, sich von ihnen loszueisen. Sie versuchte noch zwei mal Kandrajimo anzurufen, ohne Erfolg. Gleichzeitig wartete die ganze Familie sehnsüchtig auf Nachrichten, dass die Entführer geschnappt oder wenigstens gesichtet worden waren. Um halb sechs dann rief jemand an und erklärte, dass der schwarze Audi an einer Raststätte in der Nähe von Bielefeld entdeckt worden war, doch offensichtlich hatte die Gruppe ihn dort zurückgelassen und war mit einem anderen Fahrzeug weitergefahren.
    Um viertel nach sechs versuchten sie, ein Frühstück hinunter zu würgen. Um sieben dann, fuhren Majas Eltern zur Polizeidienststelle, wo sie noch einiges klären mussten. Zu der Zeit hatten sie schon tiefe Ringe unter den Augen, sie wirkten müde und abgekämpft. Maja weigerte sich mitzukommen. Sobald ihre Eltern das Haus verlassen hatten, versuchte sie noch einmal Kandrajimo anzurufen. Dann rief sie, mittlerweile ziemlich verzweifelt, wieder bei Vladimir Theobald an. Es dauerte lange, doch schließlich nahm jemand den Hörer ab:
    „Theobald!?“
    „Hallo? Hier ist Maja Sonnfeld.“
    Am anderen Ende der Leitung herrschte für einige Sekunden Schweigen.
    „Maja … Sonnfeld?“
    „Ja.“
    Verschlafenes Gemurmel am anderen Ende der Leitung.
    „Ich kann Jimo Kandrajimo nicht erreichen. Ich muss ganz dringend mit ihm sprechen.“
    „Kandrajimo? Was ist denn los? Ist etwas passiert?“
    „Es ist wirklich dringend.“
    „Kandrajimo ist im Krankenhaus.“
    „Im Krankenhaus?“, rief Maja entsetzt. Schreckliche Gedanken schossen ihr durch den Kopf: Hatte die Dreizehnte Garde ihn angegriffen? War er schwer verletzt?
    „Er hatte Probleme mit seinem Bein“, erklärte Vladimir Theobald. „Es war wohl nach einem Kampf im letzten Jahr gebrochen, ist aber nicht richtig zusammengewachsen. Er wird heute morgen operiert.“
    „Heute morgen?“
    „Ja, vermutlich jetzt gerade.“
    Maja ließ verzweifelt den Hörer sinken. Wenn Kandrajimo jetzt gerade operiert wurde, konnte er ihr unmöglich helfen. Weder jetzt noch in den nächsten Tagen. Vermutlich würde er tagelang das Bett nicht verlassen dürfen und danach einen Gips tragen und auf Krücken laufen. Maja raufte sich verzweifelt die Haare. Hatte die schwarze Garde bewusst diesen Zeitpunkt abgepasst? Um zu verhindern, dass Kandrajimo ihnen im Weg stand? Aber wer konnte ihr jetzt noch helfen? Tabea vielleicht, aber die war sicher irgendwo in der Welt ohne Namen. Vladimir Theobald jedenfalls würde ihr keine Hilfe sein. Und während sie dort stand und seine unverständlichen Worte aus dem Telefonhörer drangen, der nutzlos in ihrer Hand baumelte, wurde ihr eines klar: Es gab nur einen Menschen, der Käse jetzt noch helfen konnte und das war sie selbst. Doch wie sollte sie ihn erreichen? Die Schwarze Garde war mit dem Auto unterwegs und hatte schon einmal bewiesen, dass sie innerhalb weniger Tage die Welt ohne Namen erreichen konnte. Maja hatte keine Ahnung, welches Tor sie damals benutzt hatten, aber vermutlich war es keines, das den Kamiraen bekannt war. Sie hatte nur einen Anhaltspunkt: das Ziel der Dreizehnten Garde: Andraya, weit im Süden der Welt ohne Namen, irgendwo im kaum bewohnten Niemandsland westlich des Gebirges. Sie hatte es schon einmal dorthin geschafft, sie konnte es wieder schaffen. Sie musste es nur in die Welt ohne Namen schaffen, kein leichtes Unterfangen. Ihre Augen wanderten zum Bettkasten und in ihrem Kopf hallten die seltsamen Worte wieder, die in keiner ihr bekannte Sprache einen Sinn ergaben: Sunda Terais, elthe ekyaku Amaouen. Seltsam, dass sie sie auswendig kannte, obwohl sie sie bloß ein- oder zweimal gelesen hatte.
    Sie hielt sich den Hörer wieder ans Ohr.
    „Herr Theobald?“
    „Ah, ein Glück. Du hast nichts mehr gesagt, ich dachte schon, dir wäre etwas passiert.“
    „Die Schwarze Garde hat meinen Bruder entführt“, sagte Maja hastig.
    Ein entsetztes Keuchen am anderen Ende der Leitung sagte ihr, dass er sie verstanden hatte. „Was?“
    „Ich werde die Verfolgung aufnehmen, ich werde ihn zurück holen. Ich lasse ihn nicht im Stich. Sagen Sie Kandrajimo, dass ich auf dem Weg ins dreizehnte Königreich bin und ... und dass ich Hilfe gebrauchen könnte, wenn ich ehrlich sein soll.“
    „Maja? Maja, stopp. Was redest du da?“
    „Ich bin die Einzige, die ihn retten kann“, rief Maja. „Und versuchen Sie nicht, mich aufzuhalten, das wird Ihnen nicht gelingen.“
    „Beweg dich nicht vom Fleck“, rief er plötzlich mit panischer Stimme. „Du bleibst wo du bist, ich schicke Leute zu dir, die dir hel-“
    Maja drückte die Leitung weg. Einen Moment stand sie schwer atmend da, dann packte sie den Lattenrost ihres Bettes und riss ihn hoch. In der hellgrünen Tasche fand sie das dritte Tor, die filigrane Kette, die Jinna ihr geschenkt hatte. Sie versuchte klar zu denken. Sie wusste nicht wohin das Tor sie bringen würde. Sie brauchte Proviant, Kleidung und andere Dinge. Während sie die Tasche und den schmalen Kasten, in dem das Schwert aus Taroq lag, aus dem Bettkasten zog, formte sich in ihrem Kopf ein Plan. Doch sie musste ihn schnell ausführen.
    Sie zog sich die erstbesten Klamotten an, die ihr in die Finger kamen und lief dann wie eine Besessene durchs Haus, auf der Suche nach den verschiedensten Dingen. Zehn Minuten später hatte sie den großen Wanderrucksack ihres Vaters gepackt. Hauptsächlich waren darin Konservendosen und Wasserflaschen, aber auch ein warmer Vliespullover, eine Plane aus Plastik und ein alter Auto-Verbandskasten. Auf dem Dachboden hatte sie außerdem noch einen Schlafsack und ein schweres Fernglas gefunden – es hatte früher ihrem Opa gehört. Aus der Küche hatte sie sich Streichhölzer, Paketband, einen Löffel und den Brotvorrat für die nächste Woche geholt. Sie zog sich die Schuhe an, dann flitzte sie noch einmal nach oben, um sich Unterwäsche, eine Zahnbürste, ein paar Stifte und einen Notizblock zu holen und sich außerdem ihre Uhr um das Handgelenk zu binden. Daraufhin waren sowohl der Rucksack als auch ihre grüne Tasche voll. Sie sah auf die Uhr, beobachtete, wie der Sekundenzeiger tickend vorwärts rückte. Sie war noch nicht bereit zu gehen. Sie schätzte, dass ihre Eltern frühestens in einer Stunde wieder zurück sein würden und ließ sich auf die Treppenstufen sinken. Mit den Fingern spielte sie mit ihrem Amulett. Wenn Simone und Leon Sonnfeld zurückkehrten, würden sie ein leeres Haus vorfinden. Wenige Stunden, nachdem ihr Sohn verschwunden war, würden sie auch ihre Tochter verlieren. Zum zweiten Mal. Aber es gab keinen anderen Weg. Auch wenn die Chancen, dass sie zurückkam, verschwindend gering waren, musste sie es versuchen. Sie war Käses einzige Hoffnung. Und sie würde niemals wieder mit sich leben können, wenn sie es nicht versuchte. Aber sie konnte nicht einfach so weggehen. Nicht noch einmal. Sie musste wenigstens eine Nachricht hinterlassen – wenigstens sagen, was sie vorhatte. Sie holte sich ein Blatt Papier aus dem Wohnzimmer und begann einen Brief zu schreiben. Er wurde nicht besonders lang und erklärte auch nicht besonders viel, aber es war alles, was sie zustande brachte. Wenigstens würde sie nicht ohne eine Erklärung verschwinden. Sie steckte ihn in einen Umschlag und legte ihn auf die Kommode im Flur, dann stellte sie Feodors Baum daneben. Er war das einzige der Geschenke ihrer Freunde, das sie nicht mitnehmen konnte. Feodor hatte ihn ihr geschenkt, damit sie an ihn dachte. Jetzt wollte sie ihn ihren Eltern schenken, damit sie an sie dachten. Sie stupste eines der Blätter mit dem Finger an und es rollte sich zusammen. Vielleicht würden ihre Eltern eines Tages erkennen, dass dieser Baum nicht normal war. Vielleicht würde ihre Mutter sich an das erinnern, was Maja versucht hatte, ihr zu sagen ... Vielleicht würde sie Nachforschungen anstellen … Nein, das war ihr zu vage. Maja nahm noch einmal den Stift und kritzelte ein paar Worte auf die Rückseite des Briefes.
    Ihr Magen knurrte und sie überlegte sich, dass sie noch mehr zu essen würde brauchen. Sie nahm einen Stoffbeutel und plünderte den Süßigkeitenvorrat, den Obstteller, den Kühlschrank und schließlich den Vorratskeller, nahm alles mit, was sich mehr als ein paar Tage halten würde. Dann warf sie sich die Jacke über und ging, bevor Vladimir Theobald einen Weg fand, ihr in die Quere zu kommen. Die Tür fiel mit einem sehr endgültigen Klacken ins Schloss und Maja wusste irgendwo in ihrem Herzen, dass sie nie wieder zurück kommen würde. Ein Stechen breitete sich in ihrer Brust aus und sie musste eine Weile auf den Stufen verharren, bevor sie die Kraft fand, weiter zu gehen.

  • Und noch den Rest des Kapitels, so lang war es gar nicht mehr:


    Mit einigen Schwierigkeiten lud Maja ihre Sachen auf ihr Fahrrad und fuhr dann schwer beladen in Richtung Stadtrand. Als sie am Supermarkt vorbei kam, kaufte sie sich am Stand davor eine Bratwurst und radelte dann aufs Land hinaus in Richtung des Reiterhofs zur Alten Brücke. Obwohl sie so schnell fuhr wie sie konnte, brauchte sie über eine Stunde bis sie dort ankam. Sie machte sich schon Sorgen, dass sie vielleicht von jemandem abgefangen werden könnte, doch der Hof war verlassen. Verlassener als sie ihn je erlebt hatte. Selbst die meisten Pferde waren auf der Weide. Khjavef, Jimo Kandrajimos Pferd, allerdings schnaubte sie aus seiner Box leise an.
    „Lust auf ein Abenteuer?“, fragte sie ihn und zog seine Box auf. „Ich zeige dir eine Welt, die du noch nie gesehen hast. Das größte Geheimnis, das du dir vorstellen kannst. Ich zeige dir wo dein Herr wirklich herkommt, wer er wirklich ist.“
    Sie band Khjavef fest und machte sich auf die Suche nach seinem Sattel. Unter seinem Namen fand sie zwei, einen leichten und einen schweren mit vielen Taschen. Er war perfekt. Sie sattelte Khjavef und stopfte den Inhalt ihres Stoffbeutels in seine Taschen. Für den Schlafsack fand sie praktische Gurte, die Tasche hängte sie mehr schlecht als recht an den Sattel, aber für ihren Rucksack konnte sie auf die Schnelle beim besten Willen keinen Platz ausmachen. Sie nahm ihn auf den Rücken. Als sie Khjavef ins Freie führte fiel ihr auf, dass sie weder Reitstiefel noch einen Helm dabei hatte, sie trug ihre weißen Turnschuhe, vermutlich die schlechteste Wahl an Schuhwerk, die sie hatte treffen können. Aber jetzt hatte sie keine Möglichkeit mehr ihre Stiefel zu holen. Sie schwang sich in den Sattel.
    „Maja?“
    Es war Laura. Sie kam gerade auf einer dunkelbraunen Stute auf den Platz geritten. War sie schon so früh ausgeritten? Maja sah sie stumm an. Dass Laura hier auftauchte war ziemlich ungünstig.
    Schon bildete sich eine ärgerliche Falte auf ihrer Stirn. „Was machst du denn hier? Du kannst doch nicht einfach...“ In dem Moment schien sie zu begreifen, was sie sah. „Was fällt dir eigentlich ein?“
    „Tut mir Leid“, sagte Maja. „Ich habe keine Zeit, das hier zu erklären.“
    „Momentchen, junge Dame“, sagte Laura plötzlich mit strenger Stimme. „Deine Mutter hat mir gesagt, du wärst ein wenig schwierig, aber ich hatte niemals mit so etwas gerechnet. Du kannst nicht einfach so ohne Erlaubnis ein Pferd nehmen und damit ausreiten. Du bist noch viel zu unerfahren, als dass du ins Gelände dürftest.“
    „Keine Sorge“, sagte Maja. „Das ist gerade mal mein geringstes Problem.“
    „Wo willst du überhaupt hin mit all dem Gepäck? Willst du ausreißen?“
    Maja antwortete nicht. Sie trieb Khjavef an und er trabte los, in Richtung der Feldwege.
    Laura war offenbar nicht bereit, sie einfach so gehen zu lassen. Urplötzlich trieb sie das braune Pferd an und kam auf Maja zu getrabt. Maja gab ein ärgerliches Schnauben von sich. Sie war schon so nicht besonders überzeugt von ihrem Plan; dass Laura jetzt versuchte sie aufzuhalten, machte es nicht besser. Sie schloss kurz die Augen und dachte an ihren Bruder, dann gab sie, getrieben von neuer Entschlossenheit, Khjavef das Zeichen zum Galoppieren. Er sprengte los, als hätte er nur darauf gewartet zu rennen. Der Feldweg grenzte direkt an den Hof und war ziemlich lang und gerade. Irgendwann würde er aber, soweit sie das richtig in Erinnerung hatte, aufhören und in ein Feld münden. Maja drehte den Kopf, Laura hatte sich über den Hals ihres Pferdes gebeugt und versuchte, sie einzuholen. Maja stieg aus dem Sattel und trieb Khjavef an, konzentrierte sich darauf, so gut zu reiten, wie sie es noch nie getan hatte. Khjavef war schneller als Lauras braune Stute – um Einiges schneller. So viel musste sie Kandrajimo lassen, er hatte sich ein wirklich gutes Pferd gekauft. Allerdings war Laura eine geübte Reiterin und wenn sie nicht plötzlich aufgab, würde sie sich nicht einfach abschütteln lassen. Im Moment konnte Maja noch hören, wie sie ihr etwas hinterher rief.
    Maja griff mit einer Hand unter ihr T-Shirt und zog das 3. Tor hervor. Sie hatte nicht wirklich eine Ahnung, wie man es benutzte. Musste sie nur die Worte sprechen oder noch etwas anderes tun? Sie drehte sich noch einmal um. Laura war fast fünfhundert Meter hinter ihr zurückgeblieben, gab aber immer noch nicht auf. Und jetzt tauchte vor Maja das Feld auf. Sie bremste Khjavef aus und führte ihn dann in das Getreide. Laura ritt jetzt auch langsamer, offenbar beruhigt zu sehen, dass das Mädchen Khjavef noch immer unter Kontrolle hatte. Wenn Maja das richtig sah, war sie gerade dabei zu telefonieren. Maja zog sich das dritte Tor vom Kopf und hielt es hoch. Mit jeder Sekunde, die sie noch verschwendete, wurde die Chance, dass man sie aufhielt, größer. Sie warf noch einen letzten Blick auf diese Welt – eine Welt, die sie wahrscheinlich nicht wieder sehen würde. Den blauen Himmel, die weichen Wolken, der Waldrand am Horizont und, wenn sie zurück sah, die Häuser ihrer Heimatstadt.
    Dann holte sie tief Luft und rief so laut sie konnte:
    „Sunda Terais, elthe ekyaku Amaouen!“
    Und die Welt verschwand in einem Blitz aus weißem Licht.

  • Das dritte Tor hat ja ziemlich gut funktioniert. Bis nach Norwegen zu fliegen hätte schon ein wenig zu lange gedauert x) die Frage ist, wo genau Maja jetzt wieder rauskommt, also wo genau sie in der Welt ohne Namen landen wird :hmm:

    Aber sie ist mal wieder typisch Maja und startet gleich wieder so einen Egotrip - Theobald wollte ihr doch schließlich Hilfe schicken x)

    Immerhin hat sie ihren Eltern einen Brief geschrieben.

  • Ein Mini-Kapitel :) Es ist wirklich nur so kurz.

    Ich hoffe ich poste hier nicht zu schnell. Aber ich bin wirklich sehr motiviert und viele Seiten im Moment sind schon geschrieben und müssen nur noch zusammengefügt und etwas angepasst werden. Ich weiß nicht wie oft ich diese Szenen hier schon in meinem Kopf durchgespielt habe.

    Silbernes Gras

    Maja schloss vor dem grellen Licht die Augen und bevor sie sie wieder öffnen konnte, geriet Khjavef ins Stolpern und sie kippte seitwärts vom Pferd. Es platschte laut, Wasser spritzte auf und innerhalb von Sekunden war sie klatschnass. Kaltes Wasser drang ihr in die Nase und die Ohren. Panisch strampelte sie mit den Armen bis sie erkannte, dass der Boden direkt unter ihrem Rucksack war. Sie hob den Kopf, schlug die Augen auf und spuckte das Wasser aus.
    Der Himmel über ihr war bleigrau und Regen klatschte ihr ins Gesicht. Soweit sie das beurteilen konnte, lag sie in einer riesigen Pfütze. Das dritte Tor hatte keinen ungeeigneteren Ort finden können, um sie auszuspucken.
    Sie rappelte sich auf und sah, dass sie sich geirrt hatte. Das, worin sie gelegen hatte, war keine Pfütze - das Wort Pfütze traf diese Ausmaße einfach nicht. Sie stand auf einer Wiese aus silbergrünem Gras, die sich auf allen Seiten bis zum Horizont erstreckte – und diese Wiese war komplett überflutet.
    Maja strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und sah sich fassungslos um. Sie hatte geglaubt, die Welt ohne Namen zu kennen und doch wurde sie jetzt von dieser Endlosigkeit überrascht. Kein Baum, kein Haus, kein Berg war zu sehen. Nicht einmal die Sonne. Das einzige, was es hier gab, war Gras und Wasser, sie selbst und Khjavef, der tropfend neben ihr stand und sie vorwurfsvoll anstarrte.
    „Guck nicht so“, sagte Maja, „ich bin viel nasser als du.“
    Sie machte sich an der Grünen Tasche zu schaffen und zog ihre Karte der Welt ohne Namen heraus. Sie beugte ihren Körper schützend darüber, während sie versuchte sich zu orientieren. Die Karte war zwar nicht besonders genau, aber sie war alles was sie hatte. Sie suchte nach größeren Grünflächen, möglicherweise nah am Wasser und tatsächlich fand sie im zweiten Königreich eine Reihe von Seen eingezeichnet. Es schien ihr durchaus plausibel, dass sie dort war, andererseits konnte sie auch überall sonst sein. Naja, fast überall. Sie war definitiv nicht im Dark Forest und auch nicht im Dschungel von Jortha. Wenn sie so darüber nachdachte, war es nicht einmal sicher, dass ihr diese Karte überhaupt weiterhalf. Die Karte zeigte den bewohnten Teil der Welt ohne Namen, doch sie konnte genausogut im viel größeren, unbewohnten Teil sein. Sie steckte die Karte wieder weg und zog ihren Kompass hervor. Völlig egal, wo sie war, sie musste sich für eine Richtung entscheiden. Und es schien ihr am plausibelsten, nach Südwesten zu gehen, denn soweit sie wusste, lag Andraya im Südwesten. Sie zog die Plastikplane aus dem Rucksack und wickelte sie um die grüne Tasche, um ihre wertvollsten Besitztümer vor dem Regen zu schützen, dann schwang sie sich den klatschnassen Rucksack wieder auf den Rücken und kletterte zurück in den Sattel.
    „Los geht's“, sagte sie zu Khjavef und langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, begann er durch das knietiefe Wasser zu waten.

  • Der nächste Teil ist vielleicht etwas überraschend und ungewöhnlich. :)


    Offenbarungen

    Es war Viertel vor sechs und die Sonnfelds durchlebten gerade den schlimmsten Tag in ihrem Leben. Sie waren gerade erneut von der Polizeiwache zurückgekehrt. Am Morgen hatte man sie dort noch verständnisvoll und behutsam behandelt, doch der Ton hatte sich gewandelt, als sie dort angerufen hatten, um zu berichten, dass ihre Tochter nun wieder verschwunden war. Offenbar davongelaufen, um ihren Bruder zu suchen. Die Beamten hatten gereizt auf diese neuen Nachrichten reagiert und zunehmend Verdächtigungen gegen die Sonnfelds erhoben. Es war soweit gegangen, dass sie der Familie irgendwelche mafiösen Machenschaften vorgeworfen hatten. Offenbar hatte es in der Nacht außerdem eine Reihe von rätselhaften Vorkommnissen gegeben, mit denen sich die Polizei befassen musste, unter anderem einen Mord in der Innenstadt. Alle Beamten waren fürchterlich gestresst und gereizt. Als Leon und Simone endlich wieder nach Hause gekommen waren, waren sie fix und fertig auf dem Sofa zusammengesunken. Und dort saßen sie immer noch, starrten auf die Wand und lauschten der Stille in ihrem viel zu leeren Haus. Leon hatte den Arm um seine Frau gelegt, und sie hatte müde den Kopf an seine Schulter gelehnt, doch ihre Augen waren weit geöffnet. Sie sprachen nicht, waren beide mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Als es klingelte, regten sie nicht einen Muskel. Der Zeiger der Uhr zuckte weiter und es war, als wäre überhaupt nichts passiert. Bis es ein zweites Mal klingelte.
    „Ich glaube, ich sollte ... “, murmelte Simone und erhob sich. Leon ließ den Arm sinken und sah ihr nach, wie sie das Wohnzimmer verließ.
    Simone ging so langsam sie konnte durch den Flur, sie fürchtete sich davor, die Tür zu öffnen. Wer auch immer da draußen wartete, sie war nicht bereit, mit ihm zu sprechen. Sie würde ihn so schnell wie möglich abwimmeln. Sie packte die Türklinke, drückte sie hinunter und zog die Tür auf.
    Vor ihr standen zwei Menschen: eine Frau und ein Mann. Simones Blick blieb sofort an der Frau kleben. Sie trug schwarze Kleidung, aber ihr langes Haar leuchtete schneeweiß. Simone stolperte rückwärts. „LEON!“, brüllte sie und schlug reflexartig die Tür zu. Doch die Frau streckte bloß ihren Fuß aus und klemmte ihn in den Türspalt. Simone wich noch weiter zurück, dann war ihr Mann hinter ihr und schlang die Arme um sie. Langsam schwang die Tür wieder auf und offenbarte die beiden Gestalten davor. Sie waren ein seltsames Pärchen. Der Mann hatte ungekämmtes, blondes Haar, trug einen altmodischen Trenchcoat und stützte sich auf zwei Krücken. Sein Bein steckte in einem Gehgips. Er wirkte müde, so als könne er sich kaum auf den Beinen halten. Die Frau dagegen strahlte eine Kraft und Lebendigkeit aus, der man sich kaum entziehen konnte. Sie stand aufrecht da, mit verschränkten Armen und finsterem Blick. Die Sonnfelds wussten sofort, dass sie sie schon einmal gesehen hatten, auch wenn sie sie damals kaum wahrgenommen hatten.
    „Tabea!“, flüsterte Simone.
    „Ich rufe die Polizei“, sagte Leon Sonnfeld. „Wagen Sie es nicht, auch nur einen Schritt in dieses Haus zu tun.“
    „Wir haben die Antworten, die Sie suchen“, sagte der fremde Mann an der Tür. „Wenn Sie die Polizei rufen, werden wir gehen und nicht zurückkehren. Dann werden Sie niemals erfahren, was hier vor sich geht.“
    Simone und Leon starrten ihn nur mit weit geöffneten Augen an.
    „Vielleicht sollte ich mich vorstellen“, sagte der Mann. „Mein Name ist Jimo Kandrajimo. Tabea scheinen Sie ja bereits zu kennen.“
    „Sie war hier, als Maja zurückgekommen ist“, sagte Simone. „Aber sie... Maja hat uns nie mehr über sie gesagt, als ihren Namen.“
    „Was haben Sie Maja angetan?“, fragte Leon. „Und was haben Sie mit meinem Sohn zu schaffen?“
    „Wir haben weder Maja, noch ihrem Bruder etwas getan. Aber wir wissen, wer für all das verantwortlich ist. Wir können vielleicht helfen.“
    „Wenn Sie wirklich helfen wollen, dann gehen Sie zur Polizei und sagen denen, wer dafür verantwortlich ist.“
    „Die Polizei wird ihre Kinder nicht zurückbringen. Sie haben Maja letztes Jahr nicht zurückbringen können und sie konnten auch Miro damals nicht zurückbringen.“
    Leon erstarrte. „Was wissen Sie von meinem Bruder? Woher kennen Sie diesen Namen?“
    „Lassen Sie uns rein und wir erklären ihnen alles.“
    „Ja“, sagte Simone Sonnfeld plötzlich.
    „Simone, nein.“ Leon flüsterte. „Wir dürfen sie nicht reinlassen.“
    „Wenigstens fragen sie, im Gegensatz zu den Leuten, die heute Nacht hier waren. Ich will endlich wissen, was hier vor sich geht. Kommen Sie rein“, sagte sie zu dem seltsamen Pärchen vor der Tür.
    Der Mann namens Jimo Kandrajimo schien erleichtert zu sein. Er lächelte müde und humpelte über die Türschwelle. Doch sofort war die weißhaarige Frau an ihm vorbeigehuscht und ging vor ihm. Es sah aus, als wollte sie ihn vor den Sonnfelds abschirmen. Misstrauisch beäugte sie Leon, während er sie ins Wohnzimmer führte und an den großen Tisch bat. Tabea. In ihrer dunklen Kleidung erinnerte sie ihn an die Entführer aus der Nacht. Er ließ sie nicht aus den Augen, als sie sich setzte. Schließlich saßen sie alle zusammen am Tisch, gespannt und misstrauisch die jeweils andere Partei beobachtend.
    „Wo soll ich anfangen“, sagte Jimo Kandrajimo. „Zu behaupten, dass wir mit all dem nichts zu tun hätten, wäre eine Lüge. Aber glauben Sie mir, dass wir niemals beabsichtigten, Ihre Familie ins Unglück zu stürzen.“
    „Das haben Sie aber“, knurrte Leon.
    Kandrajimo seufzte. „Sein Name ist Kasimir, oder?“
    Simone nickte.
    „Wir wissen, wer ihn entführt hat. Die Leute, die heute Nacht hier waren, arbeiten für einen Mann namens Fürst Dreizehn.“
    „Fürst Dreizehn?“, warf Leon ungläubig ein.
    „So nennt er sich selbst.“
    „Ist er so eine Art Mafiaboss?“
    Tabea lachte freudlos. „Das trifft es überraschend gut. Aber er ist schlimmer als jeder Mafiaboss, den Sie sich vorstellen können.“
    Leon wirkte verwirrt. „Was will er von Kasimir?“
    Kandrajimo schluckte. „Das ist eine der Fragen, die ich Ihnen nicht beantworten kann.“ Zorn zerfurchte Leon Sonnfelds Gesicht, doch bevor er etwas sagen konnte, sprach Kandrajimo weiter: „Ich weiß, was er von Maja wollte, als er vor einem Jahr versucht hat, sie zu entführen. Ich weiß wo Maja war und ich weiß wo sie jetzt versucht hinzugelangen, weil es der Ort ist, an dem sie hofft Kasimir zu finden. Hat Maja jemals Ihnen gegenüber einen rätselhaften Ort erwähnt? Eine Parallelwelt oder etwas Ähnliches?“
    „Natürlich ni-“, sagte Leon, stockte jedoch mitten im Satz, als Simone leise „doch“, sagte.
    „Was meinst du mit doch?“
    „Es ist schon einige Zeit her. Sie sprach von einer anderen Welt und von Magie und so weiter. Doch dann hat sie behauptet, dass das alles Träume waren. Sie war an diesem Tag nicht gut drauf. Ich hatte das Gefühl dass sie mir irgendwas damit sagen wollte, aber sie hat nie wieder davon gesprochen.“
    Kandrajimo sah ihr fest in die Augen. „Es waren keine Träume. Maja hat die Wahrheit gesprochen.“
    „Das ist unmöglich.“ Simone schüttelte den Kopf.
    „Es gibt wirklich eine andere Welt. Ich komme dort her, genau wie Tabea. Es ist der Ort, an dem Maja sich ein halbes Jahr versteckt hat, um Fürst Dreizehn zu entkommen. Aber es ist ein sehr wundersamer Ort, vollkommen anders als diese Welt, und ja, sie steckt voller Magie.“
    „Raus hier.“ Leon Sonnfeld war aufgesprungen, Die Hände zu Fäusten geballt stützte er sich auf der Tischplatte ab. „Verlassen Sie sofort mein Haus. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass wir den Unsinn glauben, den Sie hier verzapfen.“
    „Ich fürchte, Ihnen bleibt keine andere Wahl.“ Mit einer fließenden Bewegung griff Kandrajimo in seine Tasche und zog sie wieder heraus. Leon wich zurück, aber dann erkannte er, dass der Mann nur ein Stück Kreide in der Hand hielt. Er streckte die Hand nach der blauen Blumenvase aus, die leer und trostlos auf dem Tisch ruhte, und zeichnete ein großes Symbol darauf. Ein wenig sah es aus, wie ein Chinesisches Zeichen. Während Leon und Simone verwirrt darauf starrten, glühte es auf und verschwand, zusammen mit der gesamten Vase.
    Bleiernes Schweigen senkte sich durch den Raum, während die Sonnfelds versuchten zu begreifen.
    „Zauberkreide“, sagte Kandrajimo in die Stille. „Hab ich mir von Meister Wolf ausgeliehen“, erklärte er Tabea mit einem Augenzwinkern.
    Leon holte tief Luft und stieß sie wieder aus. Dann holte er noch einmal Luft. „Erzählen Sie mir alles“, sagte er. „Von Anfang an.“

  • Ich hoffe ich poste hier nicht zu schnell. Aber ich bin wirklich sehr motiviert und viele Seiten im Moment sind schon geschrieben und müssen nur noch zusammengefügt und etwas angepasst werden.

    Ist doch schön, wenn du motiviert bist und fleißig schreibst :D Ich selbst muss mich auch immer etwas zurückhalten, bin ich in der Reifeprüfung doch gut 200 Seiten meinem letzten Post vorraus :rofl:


    Es platschte laut, Wasser spritzte auf und innerhalb von Sekunden war sie klatschnass. Kaltes Wasser drang ihr in die Nase und die Ohren. Panisch strampelte sie mit den Armen bis sie erkannte, dass der Boden direkt unter ihrem Rucksack war. Sie hob den Kopf, schlug die Augen auf und spuckte das Wasser aus.

    Hab nur diese Wortwiederholung hier gefunden ^^



    Der Part mit Majas Eltern kommt in der Tat überraschend. Es schien mir die ganze Zeit, als wolltest du dieses Thema nach Möglichkeit umschiffen und jetzt tauchen Tabea und Kandrajimo auf und plaudern einfach alles aus :D Na gut, dass Kandrajimo die Kreide dabei hatte, sonst wäre der Beweis unter Umständen vielleicht schwierig geworden. Ich frage mich, was du damit jetzt vorhast :fox:

  • Ich selbst muss mich auch immer etwas zurückhalten, bin ich in der Reifeprüfung doch gut 200 Seiten meinem letzten Post vorraus :rofl:

    Oh nein, ich werde es nie aufholen :threeeyes: Aber dann hab ich wenigstens genug Lesestoff.

    Der Part mit Majas Eltern kommt in der Tat überraschend. Es schien mir die ganze Zeit, als wolltest du dieses Thema nach Möglichkeit umschiffen und jetzt tauchen Tabea und Kandrajimo auf und plaudern einfach alles aus :D Na gut, dass Kandrajimo die Kreide dabei hatte, sonst wäre der Beweis unter Umständen vielleicht schwierig geworden. Ich frage mich, was du damit jetzt vorhast :fox:

    Der ursprüngliche Plan war auch, es zu umschiffen. Aber dann bin ich einfach mal vom Plan abgewichen. Maja ist, wie sie ist und in ihrem Charakter ist dieser Ego-Trip noch irgendwie sinnvoll. Aber ich habe mich gefragt, was würden die Erwachsenen jetzt tun. Und die Antwort finde ich gerade noch interessanter als Majas Reise. Deshalb wird es nun ein Weilchen darum gehen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, Kandrajimo würde versuchen Maja zu finden und dafür muss er mit ihren Eltern sprechen. Außerdem taten mir Majas Eltern ganz schön leid, so völlig ohne Informationen ;( .






    Und Kandrajimo begann zu erzählen. Es war unglaublich, was er erzählte und Leon und Simone taten sich teilweise sehr schwer damit, es zu verstehen. Ganz und gar wollten sie ihm immer noch nicht glauben, vor allem, weil die Geschichte durch das Hinzufügen einer anderen Welt nicht wirklich sinnvoller wurde. Immer wieder tasteten sie mit den Fingern nach der unsichtbaren Vase, als müssten sie sich überzeugen, dass dieser Zaubertrick wirklich funktioniert hatte.
    „Warum sollte dieser Fürst Dreizehn versuchen Maja zu töten. Sie ist bloß ein ganz gewöhnliches Mädchen.“
    „Maja ist alles andere als gewöhnlich.“
    Als Kandrajimo begann von dieser seltsamen Organisation von Leuten, die sich Kamiraen nannten, zu erzählen, kochte der Zorn in den Sonnfelds wieder hoch. Gefolgt von einigen emotionalen Momenten als Leon erfuhr, dass sein Bruder einer von ihnen gewesen war und dass er bis vor zwei Jahren noch gelebt hatte. Tabea zeigte ihm ein Foto von Miro, das sie seltsamerweise in ihrer Brieftasche mit sich trug, und Leon erkannte seinen Bruder auf der Stelle wieder, auch wenn ihm auf dem Bild ein Arm fehlte.
    „Aber warum hat Maja nichts davon erzählt?“, fragte Leon schließlich.
    „Sie wollte es nicht“, sagte Kandrajimo. „Sie wollte einfach, dass das Leben wieder wie früher wird und sie dachte wohl auch, dass Sie ihr nicht glauben würden.“
    „Das hätten wir auch nicht“, sagte Leon.
    „Ich hätte Sie schon dazu gebracht.“
    Leon vergrub den Kopf in den Armen und schüttelte den Kopf. „Sie haben meine Famile zerstört.“ Es klang nicht zornig, nur wie eine resignierte Feststellung. „Nicht einmal, nicht zweimal, nein, dreimal haben sie meine Familie zerstört.“
    „Es tut mir sehr leid“, sagte Kandrajimo.
    „Es kann Ihnen gar nicht so leid tun, wie es sollte.“
    „Die Frage ist“, mischte sich Tabea ein, „was tun wir jetzt? Auch wenn es Ihnen schwerfällt das zu glauben, wir sorgen uns sehr um Maja und natürlich auch um ihren Bruder. Und wir werden alles tun, um sie zurückzubringen, aber ... es wird sehr schwierig. Dreizehn ist kein Mann, mit dem man sich leichtfertig anlegt.“
    „Sagt mir, wo ich ihn finde und ich werde mich schon darum kümmern. Ihr könnte seine Einzelteile dann in eurer dämlichen Welt suchen gehen“, grummelte Leon.
    Kandrajimo ging nicht darauf ein. „Wir wissen nicht, was er mit Kasimir vorhat. Diese Entführung ist ehrlich gesagt völlig unlogisch. Wir hatten damit gerechnet, dass er wieder versuchen würde an Maja heranzukommen, aber dass seine Leute sie stehen lassen und ihren Bruder mitnehmen würden? Das ist vollkommen widersinnig.“
    „Wenn Sie damit gerechnet hatten, wo waren Sie dann heute Nacht?“, fragte Simone. Kandrajimo wich ihrem Blick aus und raufte sich die Haare. „Sie sagen, Sie sorgen sich um Maja, aber sie haben nicht dafür gesorgt, dass sie beschützt wird. Dabei ist dieser ganze Schlamassel nur Ihre Schuld. Wenn Sie uns schon da rein ziehen, warum sorgen Sie nicht dafür, dass meine Familie sicher ist?“
    „Hören Sie auf!“, fuhr Tabea sie an. „Wir haben dafür gesorgt, soweit wir es konnten. Bevor die dreizehnte Garde heute Nacht Ihren Sohn entführt hat, wurden in dieser Stadt sechs Menschen ermordet.“
    Simone verschlug es die Sprache. Kandrajimo sah aus, als müsse er sich übergeben.
    „Vielleicht verstehen Sie jetzt, mit wem wir es zu tun haben“, sagte Tabea. „Wir haben Verbündete in dieser Welt, die wir alarmiert haben, und sie tun alles, was sie können, um ihren Sohn zurückzuholen, bevor er in die andere Welt gelangt, aber wir machen uns keine großen Hoffnungen. Was wir jetzt vor allem tun müssen, ist Maja aufzuhalten. Sie ist auf dem Weg in die andere Welt und auch wenn ihre Chancen, tatsächlich dorthin zu gelangen, gering sind, müssen wir sie erwischen, bevor sie eine Dummheit begeht. Sie ist vermutlich verstört und durcheinander. Hat sie irgendeine Nachricht hinterlassen?“
    Simone zog einen knittrigen Umschlag aus der Tasche und nahm einen Brief heraus, entfaltete ihn und gab ihn Tabea. Gemeinsam beugten sich Tabea und Kandrajimo darüber. Der Brief war sehr kurz.


    Hallo Mama, hallo Papa!
    Ich weiß, wer Käse entführt hat und wohin er gebracht wurde und ich werde ihn zurückbringen.
    Es tut mir Leid, dass ich euch so viel Ärger gemacht habe. Das hier ist alles meine Schuld und ich weiß nicht, ob ich es je wieder gut machen kann. Es ist leider unmöglich, alles in einem Brief zu erklären. Ihr müsst nur eines wissen: Ich werde Käse retten. Ich verspreche euch, dass ich nicht ohne ihn zurückkehren werde. Ich weiß was ich tue, vertraut mir. Aber falls wir uns nicht wieder sehen - Ich werde euch immer lieben.
    Maja


    „Das ist nicht besonders viel“, stellte Tabea fest.
    „Was hatten Sie denn erwartet?“, fauchte Simone.
    „Einen Hinweis darauf, wie sie in die Welt ohne Namen gelangen will. Denn das ist nicht so einfach, wie es vielleicht scheint. Die Tore stehen nicht an jeder zweiten Ecke und die, die wir kennen, sind gut bewacht. Und Maja weiß, dass wir sie nicht so einfach hindurch lassen.“
    „Tabea, dreh den Brief um“, sagte Kandrajimo.
    „Was?“
    „Die Rückseite.“
    Tabea drehte den Brief um und starrte auf ein Gewirr feiner Linien.
    „Wir wissen nicht, was das bedeutet“, sagte Leon. „Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke … wissen Sie es vielleicht?“
    „Für dich“, sagte Tabea und reichte Kandrajimo den Brief.
    „Können Sie das lesen?“, fragte Leon aufgeregt.
    „Das ist Paratak.“
    „Para-was?“
    „Die Sprache, die in der anderen Welt gesprochen wird.“
    „Soll das heißen, Maja beherrscht eine andere Sprache?“
    „Ja. Ich weiß allerdings nicht, woher sie diese Schrift kennt. Und der Brief sagt auch nicht viel mehr als das, was wir schon wissen.“
    „Lesen Sie ihn vor.“
    Kandrajimo runzelte die Stirn.
    „Ich versuche ihn grob zu übersetzen.“ Er räusperte sich: „Kandrajimo. Ich weiß nicht, was meine Eltern mit diesem Brief anstellen, aber falls du ihn irgendwie in die Finger bekommst: Sag ihnen, was hier vor sich geht. Und zwar so, dass sie es glauben. Ich werde versuchen Käse zurückzuholen. Ich weiß worauf ich mich einlasse und ich weiß, dass ich vermutlich nicht zurückkommen werde. Aber ich muss es wenigstens versuchen. Ich weiß wo sie Käse hinbringen, ich werde also den direkten Weg nach Andraya nehmen. Was dann geschieht, kann ich nicht sagen. Versuch nicht, mich aufzuhalten. Maja Sonnfeld.“
    „Das bringt uns kein Stück weiter“, sagte Kandrajimo. „Wie will sie denn in die Welt ohne Namen gelangen? Das einzige Tor, das sie kennt, ist in Norwegen.“
    „Sie hat ein Pferd gestohlen“, sagte Simone.
    „Das macht keinen Sinn. Sie kann doch nicht vorhaben, mit dem Pferd nach Norwegen zu reiten.“
    Tabea griff nach dem Briefumschlag, den Simone vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Sie griff hinein und zog einen schmalen Zettel heraus.
    „Scheiße“, sagte sie.
    Kandrajimo sah auf den Zettel. Stumm las er die Zeile verschlungener Worte, die darauf stand. Dann las er sie verwirrt vor: „Sundatherais, elthe ekyaku Amaouen? Was soll das bedeuten?“
    „Das ist die wohl schlechteste, aber phonetisch durchaus korrekte Schreibweise eines Satzes, der so alt ist, wie unsere Welt.“
    „Ich hab ihn noch nie gehört.“
    „Ich schon“, sagte Tabea. „Das sind die Worte, mit denen sich das dritte Tor öffnen lässt. Maja versucht nicht, auf einem Pferd nach Norwegen zu gelangen. Sie muss nicht durch's Hjemas Tor. Sie ist schon dort. Sie ist bereits in der Welt ohne Namen.“
    „Wie sollte Maja an das dritte Tor kommen?“
    „Das wüsste ich auch zu gerne, aber wir reden hier von Maja. So etwas musste ja passieren.“

  • Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht mehr, wo Maja das dritte Tor und diesen Satz her hat - ich habe das einfach mal so akzeptiert x)

    Immerhin wissen die beiden jetzt, dass sie bereits in der Welt ohne Namen ist. Die Frage ist, ob sie auch wissen, wohin das dritte Tor führt. Momentan hab ich das Gefühl, das verhält sich wie diese instabilen Wurmlöcher in Sci fi Serien, die sich mal hier mal dort öffnen xD

  • Danke für deinen Kommi Alopex Lagopus

    Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht mehr, wo Maja das dritte Tor und diesen Satz her hat - ich habe das einfach mal so akzeptiert x)

    Sie hat es zum Abschied von Jinna bekommen und die hat es von ihrer Mutter.

    Momentan hab ich das Gefühl, das verhält sich wie diese instabilen Wurmlöcher in Sci fi Serien, die sich mal hier mal dort öffnen xD

    Das ist eigentlich ein interessanter Gedanke, den ich vielleicht irgendwie noch einbauen sollte :hmm:



    Aufbruch

    „Sie hat schon einmal gezeigt, was in ihr steckt, wir sollten nicht am Rad drehen.“
    „Vladimir, sie ist allein in der Welt ohne Namen, mit nichts als einem Pferd und ein bisschen Proviant.“
    „Immerhin.“
    Kandrajimo und Vladimir Theobald standen vor dem Haus der Sonnfelds und beobachteten die aufgehende Sonne. Theobald war gerade erst angekommen. Auf Bitten von Kandrajimo hatte er sofort alles stehen und liegen lassen, sich in sein Auto gesetzt und war so schnell wie möglich hergefahren. Er war nicht besonders begeistert gewesen, aber die Bitte eines Kamiraen hätte er nicht abgewiesen. Kandrajimo hatte ihm erzählt, was passiert war, aber aus irgendeinem Grund schien Theobald den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Kandrajimo versuchte noch einmal, ihm begreiflich zu machen, wie katastrophal die ganze Situation war, doch Vladimir unterbrach ihn noch bevor er den Mund richtig aufgemacht hatte:
    „Sie hat schon einmal bewiesen, dass sie es durch die Welt ohne Namen schafft.“
    „Damals war sie aber nicht allein. Sie hatte Freunde und eine ganze Menge Hilfe.“
    „Was für Hilfe?“, fragte Theobald neugierig.
    „Tamor hat ihr geholfen und sein Bruder Simon hat auch irgendwie mitgemischt. Eine Zeit lang wurde sie von zwei Genêpas begleitet, ich denke, ich muss dir nicht erklären, dass sie geradezu Experten für das Überleben in der Wildnis sind. Und außerdem hatte sie noch die Begleitung eines Baumes.“
    „Eines was?“
    „Ach egal. Jedenfalls war sie nicht allein.“
    „Nach dem, was man so hört, würde ich ihr auch zutrauen, allein klar zu kommen.“
    Nach dem, was man hörte, also. Es war faszinierend, was Leute, die Maja kaum kannten, immer alles über sie gehört haben wollten. „Und dann?“, fragte Kandrajimo. „Sie ist auf dem Weg nach Andraya. Angenommen sie schafft es bis dahin, dann rennt sie Dreizehn direkt in die Arme.“
    „Das hat sie beim letzten Mal auch nicht getan.“
    „Weil wir sie rechtzeitig rausgeholt haben.“ So langsam wurde Kandrajimo sauer. „Weißt du, wie viel Glück wir hatten? Glaubst du ernsthaft, dass uns das noch einmal gelingt?“
    „Tja dann“, sagte Theobald und schaffte es mit seiner seelenruhigen Miene Kandrajimo beinahe an die Decke zu treiben. „Schlecht für Dreizehn, würde ich sagen.“
    „Bitte was?“
    „Wir alle wissen, was sie getan hat – erst damals in Andraya, dann die Sache mit Kock und dem Wald. Das Mädchen ist stark und wenn ich Dreizehn wäre, würde ich mich ihr nicht in den Weg stellen.“
    Kandrajimo klappte die Kinnlade herunter. „Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagte er kalt. „Nicht die geringste.“ Er hatte Schwierigkeiten ruhig zu bleiben. Theobald schaute zu viele Filme – und nach neunzig Minuten gingen sie dann alle Friede, Freude, Eierkuchen nach Hause oder was? „Selbst, wenn die Geschichten über uns Kamiraen, wenn die Geschichten, die man sich über Maja erzählt wahr wären“, fuhr er fort, „Dreizehn ist ein völlig anderes Kapitel.“
    Theobald zuckte mit den Schultern. „Ich habe nie verstanden, warum die Leute so viel Angst vor ihm haben.“
    „Du lebst ja auch in dieser Welt.“
    „Stimmt. Und ich glaube, sie hält Schrecken bereit, mit denen Dreizehn nicht mal ansatzweise konkurrieren kann. Männer und Frauen, gegen die er wie ein harmloses Kind wirkt. Was schaust du mich so an? Guckst du keine Nachrichten?“
    Kandrajimo sah ihm fest in die Augen. „Ich habe Dreizehn einst getroffen und ich wiederhole es noch einmal: Du hast keine Ahnung.“
    Theobald wollte etwas erwidern, aber ein Blick in Kandrajimos Augen ließ ihn verstummen. Vermutlich sah er den Zorn darin, vielleicht aber auch die Furcht und den Kummer, der Kandrajimo immer überkam, wenn er an Dreizehn dachte. An den Moment, an dem er ihm begegnet war. Den Moment, der sein ganzes Leben verändert hatte.
    „Das heißt also, ihr wollt wieder versuchen sie aufzuhalten. Aber du glaubst nicht, dass ihr Erfolg habt?“
    „Die Welt ohne Namen ist groß. Zu groß und sie könnte überall sein. Ich glaube nicht, dass wir sie dieses Mal finden, aber wir müssen es wenigstens versuchen.“
    „Und ich soll in der Zeit Majas Eltern babysitten?“
    „So könnte man es ausdrücken. Sorg einfach dafür, dass sie nichts Dummes anstellen. Gib ihnen die Antworten, die sie brauchen... Erzähl ihnen aber bitte nicht alles. Ich weiß, dass das jetzt lächerlich klingt, aber versuch es irgendwie so darzustellen, als hätten wir die Sache ein bisschen im Griff. Beruhige sie einfach und sorg dafür, dass sie nicht zur Polizei gehen und denen alles brühwarm erzählen. Dann landet ihr nämlich alle drei im Irrenhaus.“
    „Das könnte schwieriger sein als es klingt.“
    „Ich weiß. Es tut mir Leid.“
    „Schon gut“, brummelte Theobald. „Hab ich dich je im Stich gelassen?“
    Kandrajimo lächelte. „Danke, alter Freund.“
    In dem Moment ging die Haustür auf und Tabea kam heraus. „Ich muss los, Jimo“, sagte sie. „Mein Flug. Du weißt, was du zu tun hast, oder?“
    Kandrajimo nickte. „Wir sehen uns dann dort.“ Er würde die Verschiebung benutzen, um zum Weltentor zu gelangen. Die Zeit, die Tabea im Flugzeug verbrachte, würde er für einen kleinen Umweg nutzen. Er hatte vor eine alte Familie zu besuchen, die Tabeas Meinung nach möglicherweise etwas über das dritte Tor wusste.
    Das war Tabeas Taktik. Kandrajimo hatte sie gefragt, wie sie gedachte Maja in der riesengroßen Welt ohne Namen zu finden. „Sie könnte überall sein“, hatte er gesagt.
    „Ich weiß“, hatte Tabea geantwortet.
    „Wie sollen wir sie also finden.“
    „Vertrau mir. Ich bin gut darin Leute zu finden.“
    Das war sie. Sie hatte bisher jeden einzelnen Menschen aufgestöbert, der eines der Amulette erben und somit zum Kamiraen werden sollte. Und das, soweit Kandrajimo wusste, seit der dritten Generation. Er fragte sich immer, wie sie es machte, aber eines war klar: Wenn es jemanden gab, der wusste wie man eine Kamiraen ausfindig machte, dann war es Tabea.
    „Wir fangen an dem einzigen Ansatzpunkt an, den wir haben“, hatte Tabea ihm erklärt. „Das dritte Tor. Ich weiß nicht, von wem sie es bekommen hat, aber ich weiß ein wenig über seine Geschichte. Vor zweihundert Jahren befand es sich in den Händen der Familie MacLyark. Die Familie gibt es heute noch, sie lebt in Schottland. Geh dorthin und finde heraus, was sie über das dritte Tor wissen. Vor allem darüber, wohin es seinen Nutzer bringt und in wessen Händen sich das Tor vor oder nach ihnen befunden hat.“
    Die Erinnerung an dieses Gespräch wurde wieder wach, als er sich nun von Tabea verabschiedete. Sie winkte ihm noch kurz zu und machte sich auf den Weg. Zu Fuß zunächst, doch sie würde nicht lange zu Fuß gehen. Sobald Theobald sie nicht mehr sehen konnte, würde sie sich in eine Schleiereule verwandeln und den Weg zum Flughafen auf ihre eigene Weise zurücklegen. Irgendwie hatte jeder von ihnen so seine eigene Fortbewegungsweise, aber das musste Theobald nicht erfahren. Es würde ihn nur aufregen.
    „Dann lass es uns hinter uns bringen“, sagte Kandrajimo zu ihm. Er meinte, den Sonnfelds mitzuteilen, dass sie sich mit ihren Fragen von nun an an Theobald wenden mussten. Und ihnen zu versichern, dass er ihre Kinder finden würde. Sie würden ihm nicht glauben. Sie misstrauten ihm zutiefst, mehr noch als Tabea. Und er konnte es ihnen nicht verübeln. Wenn er das Haus der Sonnfelds ansah, packte ihn sofort das schlechte Gewissen.
    Was haben wir ihnen nur angetan?, fragte er sich dann.

  • Theobald war gerade erst angekommen. Auf Bitten von Kandrajimo hatte er sofort alles stehen und liegen lassen, sich in sein Auto gesetzt und war so schnell wie möglich hergefahren

    Das klingt, als sei er den ganzen Weg von Norwegen mit dem Auto gekommen. Möglich, könnte aber gute 24h dauern. Ich hab das mal gemacht, weil man meinen Vater in kein Flugzeug bekommt

    Was haben wir ihnen nur angetan?, fragte er sich dann.

    Das kommt ein wenig spät, Kandrajimo 😅


    Viel hab ich diesmal nicht anzumerken. Vladimir ist die Ruhe weg und Kandrajimo dreht ungewöhnlich stark am Rad. Ja, beim letzten Mal hatte Maja Hilfe. Was spricht dagegen, dass sie es diesmal auch hat? Überall, wo sie hinging, ergaben sich doch immer Möglichkeiten. Wobei ich irgendwie bezweifle, dass es diesmal so läuft, sonst würdest du irgendwie teil 1 wiederholen

  • Der Himmel über ihr war bleigrau und Regen klatschte ihr ins Gesicht. Soweit sie das beurteilen konnte, lag sie in einer riesigen Pfütze. Das dritte Tor hatte keinen ungeeigneteren Ort finden können, um sie auszuspucken.

    Bis dahin erstmal xD

    Da wurde nun also Käse entführt und Maja ist wieder in der Welt ohne Namen angekommen. Na das kann ja nur gutgehen ... sie hat keine Ahnung, wo sie ist und mittlerweile kennen wir Maja und ihre übereiligen Ideen ja. Ich drücke ihr mal fest die Daumen, dass sie irgendwo ankommt, wo sie Hilfe erhält. Und dass es Käse gut geht. Frage mich ja, ob er nun auch ein Teil der Welt ohne Namen ist und was genau die liebe Dreizehn von ihm will :hmm: Dass es mit seiner "Ich sehe die Zukunft" - Fähigkeit zu tun hat, könnte durchaus im Bereich des Möglichen liegen :D


    Bin gespannt und lese den Rest noch in den nächsten Tagen, vielleicht erklärt sich dann schon was :o


    Gruß

    Kye



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -