Schreibwettbewerb Oktober/November 2017 - Voting

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  • Schreibwettbewerb Oktober/November 2017 - Voting

    Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 16
    1.  
      Eine Herzensangelegenheit (5) 31%
    2.  
      Aufopferung (1) 6%
    3.  
      Der magische Spiegel (1) 6%
    4.  
      Nur die Rache war sein (3) 19%
    5.  
      Stein um Stein, Kirche um Kirche (6) 38%
    Hallo zusammen!

    Das Jahr 2017 neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, draussen ist es schon klirrend kalt geworden und der erste Schnee wird wohl auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Also die perfekte Gelegenheit, um sich einen heißen Kakao zu machen, sich in eine warme Decke einzuwickeln und die 5 exklusiven Wettbewerbsgeschichten zu lesen, die bei uns eingetroffen sind!

    Und somit geht der Schreibwettbewerb Oktober/November 2017 ins entscheidende Uservoting.

    Folgendes Thema wurde von unserer letzten Gewinnerin Aztiluth vorgegeben:

    Notwendige Rache

    Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)

    ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!

    Das Voting dauert bis 30. November 2017 um 23:59:59 Uhr.

    Viel Spass beim Lesen und Voten! :)

    Euer Fantasy-Geschichten Forum

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  • Eine Herzensangelegenheit

    Itotia stand am Fenster des Palastes der Reinblütigen und blickte auf die Stadt. Tecno-tlan war die größte Metropole der Welt, seit die Stadtstaaten Tecno und Tland zusammengewachsen waren. Sie trug ihr weißes Baumwollgewand, war geschminkt und mit Gold- und Federschmuck herausgeputzt. Heute war der besondere Tag, der Tag auf den sie sich ihr ganzes Leben vorbereitet hatte. Sie war die Jungfrau. Und heute war der Tag der Rache. Es klopfte an der Tür, ihre Zofe schaute herein und fragte: „Seid Ihr bekleidet?“
    „Ja“, antwortete Itotia ohne sich umzudrehen. Der Besuch war wohl da. Icnoyotl, Priester der Rache. Der glatzköpfige Mann kannte Itotia schon seit ihrer Geburt, war ein entfernter Verwandter und wie ein Onkel für sie. Ein treuer und liebevoller Begleiter und Lehrer. Er versuchte stark und aufrecht zu sein, ein Vorbild. Aber sie kannte den älteren Mann zu gut. Er war den Tränen nahe.
    „Schön, dich zu sehen, kleiner Hase“, sagte er. Der zärtliche Spitzname war schon immer sein Wort für sie, seit sie als Kind in den Gärten des Palastes herumgehüpft war.
    „Wie geht es den anderen?“, fragte sie. Traditionell wurde die Jungfrau als Letzte besucht.
    „Sie sind bereit. Aber den Umständen entsprechend“, der Priester schluckte hörbar.
    „Ich habe Angst“, flüsterte Itotia und schluckte ein Schluchzen hinunter.
    „Ich weiß, kleiner Hase“, der Mann kam näher und legte seinen Arm um sie. Eine väterliche Geste, die ihr etwas Trost spendete. So standen sie für mehrere Minuten da, ließen den Blick über die gewaltige Stadt schweifen. Über die Menschen, die geschäftig das Fest vorbereiteten, dass heute Nacht stattfinden würde. Das Fest der tausend Tränen. Bitterer Kakao und scharfer Chili in Wasser wäre ihr Getränk, das furchtbar schmeckte. Mit scharfen Obsidiansplittern würden sie sich schneiden, sich mit Lederriemen peitschen. Geschrei und Klagen wären die Musik der Nacht. Überall würden Priester die Geschichte erzählen, die heute erneut ihre Folgen zeigte.
    „Wie sehr tut es weh? Bitte, sei ehrlich“, fragte sie leise.
    „Nicht sehr. Ich weiß, was ich tue, kleiner Hase, ich wurde lange dafür ausgebildet“, sagte er mit fester Stimme. Er sagte die Wahrheit. War ein Meister seiner Kunst. Itotia vertraute ihm.
    „Das Lied vom Aufstieg… Singst du es mit mir, Ica?“, bat sie. Ica war ihr Spitzname für ihn. Sie hatte seinen Namen als kleines Mädchen noch nicht aussprechen können und ihren ersten Versuch dazu bis heute beibehalten. Er stimmte an. Seine Stimme war so schön. Er war der beste Sänger, den sie kannte. Immer, wenn sie traurig war, hatte er ihr so Trost gespendet. Sie sangen von denen, die sich opferten. Den Kriegern, die fielen und zum Sonnenaufgang getragen wurden. Die Frauen, die im Kindbett starben, und zum Sonnenuntergang gebracht wurden. Und dann… Sie weinte. Vergrub ihr Gesicht an der Brust des väterlichen Freundes, der sie mit seinen starken Armen an sich drückte. Er hatte die Muskeln eines Metzgers.
    „Es ist nicht gerecht! Ich durfte nie einen Mann haben. Oder Kinder. Die anderen schon…“, schluchzte sie.
    „Ich weiß, kleiner Hase, es ist furchtbar!“, auch seine Stimme brach, „du bist die Jungfrau. Du bringst das größte Opfer von allen. Die anderen konnten wenigstens ein erfülltes Leben haben. Es tut mir so unendlich leid!“
    Wieder standen sie schweigend da. Rauchsäulen stiegen aus den Straßen auf. Eine weitere Tradition. Überall begannen die Bewohner der Stadt je einen geliebten Gegenstand zu verbrennen. So zeigten sie ihr Mitleid. Ihre Trauer. Itotia spendete es keinen Trost. Es waren oft auch nur noch leere Bräuche. Jedes Jahr das Gleiche, da stumpften sie ab. Und ihr half es nicht.
    „Gibt es noch etwas, dass du in das Haus der Erinnerung geben willst?“, fragte Icanoyotl.
    „Ach, das bringt doch nichts“, flüsterte sie, „es ist überfüllt. Niemand achtet dort mehr auf die Arbeiten einer Jungfrau.“
    Er widersprach nicht. Sie hatte auch genug Gedichte geschrieben, Bilder gemalt und Federkunst produziert, die sich schon da befanden. Sie wurden den Besuchern gezeigt und auf öffentlichen Veranstaltungen vorgetragen. Ein kleines Stück Unsterblichkeit für die Schöpfer. Man erinnerte sich. Versuchte es zumindest.
    „Du bist eine wunderschöne, junge Frau geworden, kleiner Hase. Dieses Kleid ist ein Meisterwerk!“, sagte der Priester. Sie lächelte freudlos.
    „Ich will mich noch verabschieden. Also privat“, sagte sie.
    Er nickte. „Natürlich. Ich warte unten an der Tür. Lass dir Zeit. Das ist dein Tag“
    Sie folgte ihm aus ihrem Zimmer und schaute ein letztes Mal zurück. Bett und Kleiderkiste aus bestem, teurem Hartholz, glänzend poliert. Ihr Tisch, auf dem noch Farben, Federn und Papier aus Feigenbaumrinde verteilt lagen. Dann umarmte sie ihre Zofe. Wie der Priester eine Begleiterin seit frühester Kindheit. Die erwiderte es.
    „Leb wohl, Toch, du hast mir gut gedient. Immer. Und heute hast du dich selbst übertroffen!“, sagte sie. Und es war ehrlich. Ihr Schmuck, ihre Schminke, ihr Kleid – es war das Werk der Frau. Itotia hätte die besten Expertinnen dafür haben können, aber sie hatte ihre Zofe verlangt.
    „Danke, Herrin Itotia. Ich werde Euch vermissen. Euch kennengelernt haben zu dürfen…“, sagte die Zofe, Tränen standen in ihren Augen.
    Das Mädchen löste sich von der Frau und ging hinunter in die Gemächer ihrer Eltern. Die hatten auch schon ganz rote Augen, hielten sich aneinander fest. Lange und schweigend umarmten sich alle drei. Brachten kein Wort heraus. Itotia ging schließlich voran, zur Tür. Im Eingangsaal des Palastes warteten der Priester der Rache und die anderen: Xiucoatl der Krieger, Icuicatl der Sänger, Meztli der Handwerker, Izel der Händler, Nenentl die Bäuerin, und Yolotli die Adlige. Alle waren sie deutlich älter als sie. Waren in Begleitung von Ehepartner und den älteren ihrer Kinder. Alle trugen weiße Gewänder, Symbol ihrer Unschuld und kostbaren Schmuck. Mit jedem suchte der Priester noch einmal Blickkontakt. Grimmig und gefasst nickten sie. Dann wurde das Tor aufgestoßen. Krieger mit Speeren gingen der Gruppe der erwählten voran, die Spitzen mit den Obsidianklingen als Zeichen der Trauer nach unten gerichtet. Andere flankierten sie, ließen ihre Schilde und Obsidianschwerter, Holzpaddel mit Klingen an den schmalen Seiten, hängen. Weinende Kinder in Sackleinen folgten ihnen.
    Sie kamen auf die Straße, auf die gewaltige Pyramide im Zentrum des Stadtviertels Tecno zulaufend. Menschen säumten ihren Weg. Stürzten sich in den Staub. Riefen Parolen der Dankbarkeit und der Trauer. Warfen sich selbst Dreck aufs Haupt. Verletzten sich selbst, als Zeichen der Sympathie. Vor die Prozession aber warfen sie Blumen und kostbare Federn, die die Auserwählten, deren Angehörige und der Priester achtlos in den Schlamm traten. Itotia versuchte, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen. Das hatte man mit ihr seit ihrer Kindheit geübt. Es war ihr Tag und entsprechend würdig wollte sie aussehen. Schön, stark, rein, unantastbar. Hoch hielt sie ihr Haupt erhoben. Raffte ihr Kleid, damit der Saum nicht schmutzig wurde. Nur selten sah sie in die Menge.
    Da. Ein junger Mann. Schmutzig und blutend wie alle anderen. Und doch… Seine großen, traurigen Augen schlugen sie einen Moment in den Bann. Wie er sie zärtlich ansah. Schweigend, nicht wie alle anderen. Er kam Itotia bekannt vor. Sie hatte ihn schon oft auf dem Markt gesehen… Natürlich! Der Sohn des Goldschmiedes, der ihren Schmuck gemacht hatte, Auch den, den sie jetzt trug. Es war schon immer etwas in seinem Blick gewesen. Sie hielt den Blickkontakt lange, ehe ihm Tränen in die Augen stiegen und er den Kopf senkte. Hätte er ihr Mann werden können? Vater ihrer Kinder? Goldschmiede genossen fast das Ansehen von Kriegern. Es wäre durchaus möglich gewesen. Aber sie war die Jungfrau. Unberührbar für jeden Mann. So war es verlangt worden. Doch die Trauer dieses Mannes war nicht geheuchelt wie der anderen, die sich wahrscheinlich insgeheim an dem Spektakel ergötzten und es dann bald vergaßen. Ob er sie irgendwann vergessen würde? In Jahren noch Gedanken an sie verlor, wenn er verheiratet war? Es wäre ihr mehr wert als alle Stücke, die von ihr ins Haus der Erinnerung gebracht wurden. Auch wenn sie beide nicht mehr verband, als Tagträume voneinander. Nur nicht weinen jetzt! Er sollte sie doch in eleganter Würde in Erinnerung behalten, nicht als dummes, heulendes Mädchen!
    Bald stiegen sie die Stufen der Pyramide nach oben. Nun galt es, endgültig Abschied zu nehmen. Der Priester breitete seine Arme aus und Stille breitete sich von ihm aus wie die Wellen, die ein Stein aufwarf, wenn er ins Wasser fiel. Bald war nichts mehr von der Menge zu hören als gelegentliches Husten oder Räuspern. Die Auserwählten nahmen Abschied von ihren Familien. Ein Händedruck hier, eine kurze Umarmung dort. Kein dramatisches Schauspiel für die gaffende Menge. So hielt es auch Itotia mit ihrer Mutter. Ihr Vater aber umarmte sie plötzlich fest, so fest, dass ihre Rippen schmerzten. Wollte nicht loslassen.
    „Wenn ich nur für die gehen könnte!“, flüsterte er.
    „Ich würde dich nicht lassen, Vater. Ich danke euch für mein Leben und all das Schöne darin. Ich…“ ihre Stimme brach. Ihre Augen wurden Nass.
    Sanft und ohne Worte löste Icnoyotl die beiden voneinander. Nahm dem Vater die Tochter aus den Armen. Der übergab sie widerwillig dem Priester. Die beiden Männer sahen sich an. Kein Hass lag in ihrem Blick, kein Zorn. Nur Schmerz. Sie waren alle Opfer und wussten das.
    Sie raffte ihr Kleid etwas mehr, um nicht über den Saum zu stolpern, während sie die Stufen bis in luftige Höhen erklomm. Ihr väterlicher Freund nahm ihre Linke. Zum Schein, um ihr beim Treppensteigen eine Stütze zu sein, aber sein fester Druck schenkte ihr etwas Kraft. Da war der Altar auf der Spitze. Dahinter die Statue des triumphierend lächelnden Malinalli, Zaubererkönig von Tlan, vor vielen Jahrhunderten, als die Städte noch nicht zusammengewachsen waren. Eine steinerne Schale stand zu seinen Füßen. In einer Reihe stellten sich die Auserwählten davor auf, einige kräftige Tempeldiener in Lendenschurzen warteten diskret im Hintergrund. Ganz klein und unbedeutend wirkte die Stadt im abendlichen Licht von hier oben. Wie Ameisen säumten die Menschen die Straßen und den Platz vor der Pyramide. Hier und da der Schein eines Trauerfeuers.
    „Menschen von Tecno-Tlan! Einst wart ihr entzweit. Tecno und Tlan bekriegten sich!“, rief der Priester der Rache mit donnernder Stimme. Etwas Magie verstärkte sie, damit man sie unten hören konnte. „Der Krieg tobte furchtbar, beide Seiten begingen unaussprechliche Verbrechen an der anderen. Dann kam der Tag, an dem mit abscheulicher Magie der König Malinalli, dessen Statue hier auf euch herabblickt, den Sieg errang. Sein Hass für die Unterworfenen war riesig. Er zwang sie, direkt bei seiner Stadt zu siedeln, die ihre brannte er nieder. Lange mussten sie als Sklaven dienen. Doch seine Rachsucht kannte keine Grenzen. Er warf einen furchtbaren Fluch über das Volk. Jedes Jahr sollte es aus seiner Mitte einen Krieger, einen Sänger, einen Handwerker, einen Händler, eine Bäuerin, eine Adlige und eine Jungfrau wählen, die auf dieser Pyramide, die er das Volk von Tecno zu bauen zwang, getötet und ihre Herzen ihm zu Füßen gelegt werden, sonst würden alle ihren Blutes sterben. Doch über die Generationen mischten sich unsere Völker, bis auf die Auserwählten im Palast der Reinblütigen. Sie müssen reinblütige Tecnoraner bleiben, um für euch sterben zu können. Damit ihr leben könnt! Heute stehen hier Xiucoatl, Icuicatl, Meztli, Izel, Nenentl, Yolotli und Itotia.“
    Alle dort unten fielen nun auf die Knie. Zeigten ihre Dankbarkeit und Demut oder heuchelten sie zumindest.
    „Menschen von Tecno-Tlan! Längst gibt es keine Feindschaft mehr zwischen den beiden Völkern. Längst sind sie eins geworden und der Fluch des Zaubererkönigs traf auch seine eigenen Nachkommen. Niemand konnte bisher seine Macht brechen. So müssen die Auserwählten für unser Heil bluten! Lasst ihren Tod nicht vergebens sein! Lebt ein anständiges Leben, tut Gutes! Lasst euch deren Tapferkeit und Opferbereitschaft zum Vorbild gereichen!“
    Kein Applaus, kein Ruf ertönte. „Itotia!“, rief der Priester und sah ihr traurig entgegen. Langsam schritt sie zum Altar, legte sich hin. Als Jungfrau war sie die erste, es blieb ihr erspart, den Tod der anderen mitzuerleben. Tränen liefen Icnoyotl über das Gesicht, als er das glänzende Obsidianmesser hob, um Tod zu bringen, der keine Gerechtigkeit war. Sondern schlicht notwendige Rache.

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  • Aufopferung

    Da war er. Milo schaute ein letztes Mal zurück.

    Dort, gut hundert Meter hinter ihm, lag sie: Rima, seine Muse, seine Freundin und seine erste und einzige, wahre Liebe.
    Tod!

    Gefallen im Kampf gegen die Dunkelheit, welche verkörpert wurde, durch Arron, den Mächtigen.
    Der schwarze Drache, welcher zugleich gefürchtet, als auch geehrt wurde.
    Denn dies war Sie, die einzige Möglichkeit nicht von ihm verschlungen zu werden:
    Ein Opfer, bei jedem Mondzyklus, den die Götter vollendeten.

    Doch nicht für Milo, dem Mann, welchem sein Herz genommen wurde. Jenes, welches er einst seiner Muse vermachte. Für ihn war es bereits zu spät. Die Verzweiflung, welche ihn verschlang, würde ihn dazu zwingen seine Trauer zu beenden und sich selbst von seinem Elend zu befreien. Doch zuvor musste er noch seine Rache finden und die Menschen, welche der dunkle Herrscher unterjochte, befreien.
    Auch jene welche Rima bereitwillig opferten, denn er wusste, dass nur die Furcht alleine sie zu dieser Tat getrieben hatte.

    So zog er gen Norden, wie viele vor ihm. Zu Arrons Hort, welcher allen nur als ‘Arrons Schlund‘ bekannt war. Denn keiner, der sie je betreten hatte, schaffte es zurück.

    Wochenlang durchquerte er den Kontinent, an dessen Ende ihn sein Ziel, sowie sein Tod erwarteten.
    Nach endlosen Qualen und harten Prüfungen erreichte er, hungernd und schwach, die dunkle Gruft.

    Am Krater des Abgrundes stehend, von Schuld und Fehlern verfolgt, wollte er dieses Mal – nur dieses eine Mal – alles richtig machen.
    Rima sollte gerächt und ihm das Gefühl der Erlösung zuteil werden, bevor er den Erzählungen treu bleiben und nie zurückkehren würde.

    Er könnte seinem Leid zuvor ein Ende setzen, doch wäre er auf Ewig verdammt, in der Welt der Sterblichen zu verweilen und Jahrhunderte zu warten. Auf jenen Tag, an dem jemand kommen würde, den Mächtigen zu bezwingen. So lange konnte er nicht warten.
    Er stieg hinab in das Ungewisse, nicht ahnend wie lange der Weg noch sein würde.
    Stundenlang kletterte er nach unten, ohne sich seinem Ziel zu nähern.
    Bis ihn seine Kräfte verließen und er fiel.
    Doch zugleich fiel er nicht.
    Eine Illusion, welche erschaffen wurde von der Dunkelheit.

    Schon längst hatte er sein Ziel erreicht, doch wandelte er im Schatten seiner Gedanken, vom Drachen dazu gezwungen.

    Er öffnete seine Augen und sah... sein Ebenbild!
    Er war Arron und Arron war er.
    Nein, eine Illusion. Das musste es sein! Bereits zuvor war er auf diesen Trick reingefallen.
    Kein weiteres Mal wollte er dies tun. Milo zog seine Klinge.

    Langsam trat sein Ebenbild zurück, das Schwert in dessen Körper steckend. Doch er lachte nur und verschwand in der Finsternis.
    Von Schmerz geplagt, sah der Liebende an sich herunter. Blut floss aus seiner Magengegend und färbte den steinigen Boden rot.

    Es war keine Illusion, er tötete sich selbst. So sollte es mit dem Rächer zu Ende gehen?

    Da näherte sich von allen Seiten Nebel und der Drache erschien. Arron lachte und lachte, war doch ein weiterer Mensch auf ihn hereingefallen.
    Unzählige hatten es bereits versucht. Alle waren sie an sich selbst gescheitert.
    Wie bereits jene vor ihm, verließen nun auch Milo seine letzte Kräfte und sein letzter Funke Leben.

    Doch seine Begierde und unsterbliche Liebe zu Rima ließen ihm eine zweite Chance.
    Als Geist wurde er, von den Göttlichen, erwählt den Tyrannen zu bezwingen.
    Mit seinen neu gewonnenen Kräften stürmte er los.
    Nur ein Schlag, doch Dieser traf!
    Der Dunkle, in seiner wahren und verwundbaren Gestalt vor ihm erschienen, wusste nicht wie ihm geschah.

    Obwohl nicht sichtlich verletzt, begann der Drache, unter seinen Schuppen, zu bluten.
    Der Schmerz erfüllte ihn nicht nur körperlich, sondern auch im Geiste.
    Milos gesamte Wut, sein Schmerz und seine unbezwingbare Trauer übertrugen sich, durch jenen einen Schlag, auf das Übel.

    Der Herrscher der Menschen wurde von diesen Gefühlen überrannt.
    Wut. Trauer. Zorn.
    Jene Gefühle, welcher er sich einst zu Nutzen machte waren es, die ihn nun bezwangen.

    Die Menschen waren endlich frei. Das Monster war Tod.
    Bezwungen durch den Helden, welcher sich nach seiner Liebe sehnte.

    Milo hatte seine Rache bekommen und sein Leben verloren, doch nun konnte er in Frieden gehen und für immer mit seiner geliebten Rima vereint sein.
    Die einzige Frau, die er liebte.
    Diese Person, welche jene unsagbaren Kräfte in ihm erweckte, um der Rache Genüge zu tun.

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  • Der magische Spiegel

    »Schief«, dachte die Magierin während sie die lange Kordel des samtenen Vorhanges im Spiegel betrachtete. Mit einem Wink richtete sie die Kordel aus. Sie lächelte. Ihr Blick glitt durch das geöffnete Fenster hinaus über die Wellen hin zu einem Fischerboot. Ein angewiderter Gesichtsausdruck ersetzte ihr bezauberndes Lächeln – sie hasste Fisch. Nun wanderte ihr Blick zurück und sie betrachtete ihre Augen, ihre sinnlichen Kurven, ihr glänzendes, elegant fließendes Haar, den Schönheitsfleck unter ihrem rechten Auge. »Nicht schlecht für ein Jahrhundert«, schmunzelte sie. »Eindeutig meine beste Arbeit.« Noch einige Augenblicke betrachtete sie gedankenverloren ihr perfektes Spiegelbild, warf sogar einen beifälligen Blick auf den rubinbesetzten Eichenholzrahmen. Der prächtige Spiegel reichte von den Dielen aus altem Weidenholz hinauf bis fast zum dicken Querbalken. Sie blinzelte. Noch ein letzter Blick… sie wandte sich zum Gehen.

    »Gleich geschafft«, spornte sie sich an, das Gesicht vor Schmerzen verzerrt, ihre Muskeln verkrampft. »Ein Schritt noch…!« Keuchend ging sie, nackt wie sie war, in die Knie, als sie wieder die Kontrolle hatte. Die Frau hatte endlich den Sichtbereich verlassen. Immer länger dauerte es inzwischen, bis sie wieder genügend Kraft gesammelt hatte, um sich auch nur aufzurichten. Verzweifelt starrte sie in die dunkle Leere direkt vor sich, die ihr Gefängnis umschloss. Hoffnungslos drückte sie ihre Handfläche gegen die unsichtbare Barriere. Sie schloss die Augen. Das Bild der makellos Schönen ersetzte die Schwärze. Sie krampfte erneut und fiel auf ihre knotigen, verkrümmten Hände, die sich hasserfüllt in die Dielen krallten. Holzsplitter drangen unter ihre Nägel, aber das spürte sie kaum. Denn ihr ganzes Dasein bestand aus Schmerz. Sie schrie, wie sie es schon so oft getan hatte, schrie aus Leibeskräften. Ihre Stimme brach. Die Stille beruhigte sie bald. Entkräftet ließ sie sich zur Seite fallen. Mit tränenden Augen blieb sie auf dem Rücken liegen, darauf wartend, dass die Schmerzen abklangen. Das taten sie immer irgendwann, bis die Schöne zurückkehrte, ihr Martyrium. Dann würde alles von Neuem beginnen. Das Zerren an ihr, das Wandeln, Stehen… wieder wäre sie gezwungen, diese… diese Frau anzusehen, aus dem Fenster das Meer zu sehen, ihre Gedanken zu hören… ihre Freiheit zu spüren. Die Schmerzenstränen wichen Tränen der Wut, während sie den dicken Balken anstarrte. Wie oft hatte sie schon so dagelegen? Aus dem Augenwinkel sah sie Stuhl und Tisch. Ein Teil des Tisches lag wohl hinter der Barriere, denn die Platte endete im Nichts und zwei Beine fehlten. Anfangs hatte sie versucht, sich zu setzen, war jedoch einfach durch den Stuhl hindurchgefallen. Sie konnte nur sitzen, wenn die Perfekte es tat, nur aufrecht stehen, wenn die Perfekte es tat, den Vorhang nur berühren, wenn sie es tat. Seither mied sie die wenigen Dinge in ihrem Gefängnis. Inzwischen schaute sie nicht einmal mehr aus dem Fenster. Erneut schlossen sich ihre Lider, Schmerz durchfuhr ihren Rücken. Mühsam drehte sie sich auf die Seite, um sich zusammenkrümmen zu können. Sie wollte sterben. Endlich.

    »Endlich.« Die Magierin eilte dem Spiegel entgegen. Noch bevor sie direkt davor stand, war der Schnitt unter ihrem linken Auge verschwunden. Sie lächelte. »Viel besser.« Ihr Blick wanderte über ihren nun wieder makellosen Körper. Ihr Lächeln wurde breiter. Beiläufig sah die nun wieder makellose Schönheit aus dem Fenster und betrachtete den beginnenden Sonnenaufgang, die Wellen, den Vorhang. Nun wanderte ihr Blick zurück zu ihren Augen – zurück zum Vorhang. Sie blinzelte. Ihr Kopf bewegte sich langsam aufwärts, ihr Blick traf den massiven Balken. »Was…?« Sie blinzelte. Ihre Hand zuckte nach vorn. Sie fühlte es nicht. »Was…? Nein!« Sie blinzelte. Aus dem Augenwinkel konnte sie den Vorhang sehen. »Nein! Neeeein!« Sie blinzelte.

    Die wärmenden Strahlen der Sonne strichen über den vom Meereswind aufgebauschten Vorhang. Eine plötzliche Bö riss den Vorhang herunter, er landete zerknittert neben dem umgestürzten Stuhl. Ein leises Schaben war zu hören. Die straff gespannte Kordel scheuerte rhythmisch am ächzenden Balken.

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  • Nur die Rache war sein

    Stane saß schon seit geraumer Zeit einfach nur da und blickte hinunter ins Tal, auf das Dorf, in dem er lebte. Er hätte hinunter gehen können zu seiner Frau und seinen Kindern. Drei Tage war er weg gewesen. Drei läppische Tage. Fünf hätten es sein sollen, doch er hatte sich beeilt und war die letzte Nacht und den halben Tag hindurch nach Hause geeilt.

    Dort wo der Weg sich zwischen den Hügeln hindurch schlängelte, wo neben dem kleinen Fluss ein schönes Wäldchen wuchs, da hatte er sich besonnen, hatte an Wiona gedacht. In der Stadt hatte er sich so geeilt, dass er ihr nichts mehr hatte kaufen können. Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als am Fluss nach Blumen zu suchen. Er hatte schon einige beisammen gehabt, als er noch etwas ganz anderes entdeckt hatte.
    Ein Pärchen hatte sich dort unten im weichen Gras neben dem Fluss vergnügt. Stane hatte zuerst nur den Rücken des Mannes gesehen. Von ihr hatte er nur zwei schlanke Hände auf seinem Rücken gesehen und ab und zu ein leises Stöhnen vernommen. Doch als der Mann sich heftiger bewegte, stieß sie zwei kleine, spitze Schreie aus. Stanes Lächeln war augenblicklich verschwunden, als er die Stimme seiner Frau erkannte. Kalte Wut war in ihm hochgestiegen. Vorsichtig hatte er sich davongeschlichen.

    Hier oben auf dem letzten Hügel vor dem Dorf hatte sich Stane ein angenehmes Plätzchen gesucht und sich im Schatten eines krüppeligen, alten Baumes niedergelassen. Sein Schwert steckte er blank vor sich in den Boden und ließ locker eine Hand auf dem Heft liegen. Der Stamm in seinem Rücken war hart, aber nicht unbequem.
    „Junge, sei wie ein Baum“, riet ihm die knarzige Stimme seines Vater in seinem Kopf. Was er genau damit gemeint hatte, wusste der Alte wahrscheinlich selbst nicht. Stane hatte meistens darüber gelacht und Witze gemacht. „Sei wie ein Baum und die Hunde werden dich bepissen, die Schweine ihre Rücken an dir scheuern und Vögel Nester auf deinem Haupt bauen. Im Winter dann, bringt der Mann das Beil heran.“ Besser konnte man es nicht ausdrücken.
    Stane lächelte, weil er gerade jetzt daran dachte. Seit wie vielen Jahren hatte er seinen Vater nun nicht mehr gesehen? Fünf? Sechs? Oder waren es noch mehr? Ob er noch lebte? Mit den Schultern zuckte er den Gedanken an seinen Vater weg und widmete sich dem Schwert, dass vor ihm im Boden steckte. Eine gute Klinge. Scharf und fest. Wie viele Männer hatte er damit getötet? Viele waren es nicht. Jedenfalls nicht so viele, wie er verwundet hatte, vielleicht sogar für immer verstümmelt. War der Tod nicht eine Gnade verglichen mit dem Schicksal, ein Bein zu verlieren? Stane kannte die Schmerzen nach einer Schlacht. Oft genug war auch er blutend und wie am Spieß schreiend vom Schlachtfeld getragen worden. Doch er hatte immer Glück gehabt. Ein alter Kampfgefährte hatte immer gesagt, die Götter des Krieges, der Schlacht und der Liebe mussten ihn lieben, dass sie ihn ständig mit Wunden schlugen, die die Herzen der Mädchen rührten. Nun, Stane hatte seine Zeit genossen.
    Bis er Wiona getroffen hatte. Seit dem Tage als sein Blick das erste Mal auf ihr Gesicht fiel, hatte er keine andere Frau mehr begehrt. Sie war seine große Liebe. Und sie war zu seinem Leben geworden.

    Unter dem heiligen Baum ihres Dorfes hatte er ihr die Treue geschworen. Und sie ihm. Der Priester ihres Dorfes hatte sie gesegnet, ihnen Kinder, Gesundheit und ein langes Leben gewünscht. Und Stane war bei ihr geblieben, in ihrem Dorf, bei ihrer Familie. Es wäre sein Recht gewesen, sie zu sich nach Hause zu führen. Doch sie hatte ihn angefleht, er möge hier bleiben. Und er hatte zugesagt. Ihr Zuliebe.
    Dass sie jetzt seine Liebe und Treue derart mit Füßen trat, schmerzte ihn zutiefst. Bis ins Mark ging es ihm, auch wenn er ganz ruhig dasaß und mit dem Daumen über die Klinge strich. „Sei wie ein Baum,“ wieder hörte er die Worte seines Vaters.
    Vielleicht bedeuteten die Worte, dass er geduldig sein musste. Einfach den Sturm aussitzen. Geduldig und standhaft wie ein Baum.

    Unten im Tal kam Wionas grünes Kleid in Sicht. Unauffällig lief sie den Fluss entlang auf das Dorf zu. Stanes Blick folgte ihr, doch immer wieder huschten seine Augen zurück zum Waldrand. Wann würde er herauskommen? Und was sollte er, Stane, selbst tun?
    Der Kerl ging über den Weg zum Dorf zurück. Er hatte den Kopf leicht in den Nacken gelegt und schien zu pfeifen. Hören konnte Stane das nicht, aber er vermutete es. Wer pfiff danach nicht gerne vergnügt ein Lied?
    Alles in Stane schrie danach, das Schwert aus dem Boden zu reißen und dem Ehebrecher herausfordernd entgegenzutreten. Nur Blut konnte diese Schande bereinigen. Doch in seinem Kopf hörte er wieder die Stimme seines Vaters. „Junge, sei wie ein Baum“. Er wusste nicht, was es bedeuten sollte, aber er dachte darüber nach und stürzte sich nicht unüberlegt in die Schlacht. Oft genug hatte er das in seiner Jugend getan, ungestüm wie er war. Oft genug hatte es mit Blut und Toten geendet. Dass Stane seine hitzige Jugend überlebt hatte, glich einem Wunder.
    Doch nur weil er dankbar dafür war, dass er noch lebte, musste er doch nicht hinnehmen, dass ein anderer seine Frau bestieg. Stane spuckte aus. Der Zorn in ihm wurde mit jedem Augenblick größer, während der Schmerz unterging. Stane schloss kurz die Augen, lehnte den Kopf an den Stamm. In seinem Kopf nahm die Rache Gestalt an.

    Die Sonne verkroch sich schnell hinter den Horizont. Gegen das Feuer der Rache, dass in Stane brannte, wirkten selbst ihre lodernden Flammen wie eine einsame Kerze in strümischer Nacht. Stane erhob sich, lockerte seine Muskeln, ließ die Halswirbel knacken. Seine Rechte packte das Schwert und riss es aus der Erde. Mit leichtem Schritt ging er los.
    Der Pfad ins Tal hinab war kaum noch zu erkennen, aber Stane war darin geübt, auch nachts noch seinen Weg mit sicherem Tritt zu finden. Wie ein Schatten glitt er den Hang hinunter. Geduckt eilte er über die Wiese aufs Dorf zu. Die Dämmerung hatte die Leute in ihre Hütten getrieben. Aus den meisten Dächern stieg Rauch auf. Es roch nach gebratenem Fleisch. Stanes Magen knurrte. Er hatte schon zu lange nichts mehr verspeist. Er würde noch warten müssen.
    Auf dem Dorfplatz liefen einige Katzen umher. Stane beachteten sie nicht. Nur eine fiel ihm auf. Der schwarze Kater mit den unzähligen Narben am Kopf, drehte sich und sah ihm dabei zu, wie er die freie Fläche überquerte und auf der anderen Seite im Schatten verschwand. Auf schnellen Pfoten folgte er ihm.
    Von irgendwoher hatte er ein Beil genommen. Es fühlte sich gut an. Schwer und endgültig, wie das Beil eines Henkers.
    Die Haustüre öffnete sich fast geräuschlos. Zuerst wollte er sofort hineinstürmen und alles kurz und klein schlagen, doch er hielt kurz inne, atmete noch einmal tief ein und aus. Und trat dann leise ein.
    Das Feuer brannte niedriger als sonst. Schatten zuckten über die Wände und die Tücher, die sie gespannt hatten, um den Raum zu unterteilen. Die Kinder waren nirgends zu sehen. Wahrscheinlich hatte Wiona sie ins Bett geschickt, damit sie nicht sahen, was sie mit ihrem Liebhaber trieb. Zum zweiten Mal sah Stane den Rücken des Mannes und die schlanken Finger seiner Frau darauf. Diesmal schockierte es ihn nicht. Es war nur Öl aufs Feuer seiner Rache.
    Ohne einen Laut von sich zu geben, schlich Stane hinüber zum Bett. Er holte mit der Linken aus und schlug zu. Das Beil traf ins Schwarze. Blut spritzte Stan ins Gesicht. Er ließ los und der Körper kippte um. Stane sah auf seine Frau hinab. Einige Blutspritzer waren auf ihrer nackten Brust und ihrem flachen Bauch.
    Ihre Augen gingen ruckartig auf. Es dauerte einen Augenblick bis sie erkannte, was vor sich ging. Aus ihrem Mund, der eben noch in Verzückung leicht geöffnet war, drang ein Schrei der Verzweiflung. Ihr Blick veränderte sich von trübem Genießen zur klarer, qualvoller Pein. Und Schuld. Zu aller erst glaubte Stane, die Schuld in ihren Augen zu sehen. Danach kam ihr Schmerz, als ihr klar wurde, was sie ihm angetan hatte.
    Wie lange sie sich wortlos anstarrten, wusste Stane nicht zu sagen. Ihm schien es eine Ewigkeit zu sein. Er wusste auch nicht, was er fühlte. Wie betäubt stand er da, ließ die Erinnerung einfach über sich dahinfließen. All die schönen Tage, die er mit ihr und sie mit ihm verbracht hatte, er erinnerte sich an sie, aber spürte sie kaum. Er fühte nichts von der Leidenschaft ihrer ersten gemeinsamen Nacht, nichts von der Freude über die Geburt ihrer Tochter und später ihrer beiden Söhne. Er sah die Bilder vor sich. Blass, aber präsent. Er sah auch ihr Gesicht, ihren nackten Körper, den er so oft so heiß geliebt hatte. Damals und heute, aber er konnte sie nicht in in einer Person vereinen. Wiona in seiner Erinnerung war jemand anderes als diese Wiona, die nackt und mit Blutspritzern auf Brust und Bauch vor ihm auf dem Bett lag. Seine Wiona war schon tot. Sie war gestorben, als er die beiden Lust erfüllten, spitzen Schreie im Wäldchen neben dem Fluss gehört hatte. Diese Wiona sah ihn nun trotzig an. Das Feuer in ihr, das er an seiner Wiona so gerne hatte, das immer dann entbrannte, wenn sie sich über ein Unrecht aufregte, es loderte nun wieder in ihren Augen. Sie verteidigte sich mit ihren Augen gegen das Schwert, das er in der Rechten hielt. Sie klagte ihn stumm an. „Mit welchem Recht tötest du den, der mir Gutes tut? Mit welchem Recht nennst du dich Herr über mich? Bin ich nicht genauso ein freier Mensch wie du? Mit welchem...“, er bildete sich ihre Stimme nur ein. Wionas Lippen blieben geschlossen, bebten nur leicht.
    Ihr blick erstarb und das Feuer erlosch. Das Schwert ragte zitternde aus ihrer Brust. Ihr Gesicht verzog sich noch kurz ungläubig.
    Stanes Hände zitterten. Langsam ballte er sie zu Fäusten. Sie wurden ruhig.
    „Mit welchem Recht...?“, hauchte er in die Stille.
    Er blickte auf das Schwert. Sein Schwert. Er hätte ihr gern noch etwas erwidert. Hätte sie gefragt, mit welchem Recht sie ihn hinterging. Doch jetzt würde sie keine Antwort mehr geben. Vielleicht waren sie beide gleichermaßen im Unrecht bei dem, was sie einander angetan hatten. Stane konnte es nicht sagen. Ihn beschlich nur das dumpfe Gefühl, dass er am schlechtesten von allen dran war. Er würde ein weiteres Mal fliehen müssen. Hier konnte er nicht bleiben. Es war schließlich nicht sein Dorf, sondern ihres. Nur die Rache, die Rache war sein.

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  • Stein um Stein, Kirche um Kirche

    "Hast du`s schon gehört?", meinte jemand in der vollkommenen Dunkelheit. "Die haben unsern schönen Stein einfach weggeknüppelt!"
    "Was?! Doch nicht das riesen Teil da auf dem Hügel, oder wie?", antwortete aufgeregt eine zweite Stimme, während es ringsherum nach wie vor stockduster war.
    "Ja, genau den! Wenn der Große des hört ... Der dreht bei sowas doch immer komplett am Rad ..."
    "WOS?!" Laut wie ein Donnerschlag rollte der wütende Ruf durch die Finsternis und brachte die anderen beiden vor Schreck zum quieken. "ÖCH HOCK HÖR NEBEN DÖR! WOS HABEN DÖ MÖT MEINEM STEIN GEMOCHT?!"
    "Oh, hey ... Öl ... gar net gesehen ... hier`s so dunkel ...", stotterte die erste Stimme überrascht und mehr als nur etwas ängstlich.
    Scheinbar war dieser Öl ein ganz schön gewaltiger Kerl, wenn man doch nur etwas gesehen hätte ...
    "SCHNAUZÖ!", rumpelte es von neuem durch die Dunkelheit und schnitt dem anderen das Wort ab. "ÖCH WILL WÖSSEN, WOS MÖT MEINEM STEIN ÖST!"
    "Äh ... ja du, der ist glaub ich hinüber ..."
    "WOOOOS?!" Ein schabendes Geräusch erklang, als hätte sich irgendetwas großes bewegt, gefolgt von einem dumpfen Stampfen.
    "Ey, ey! Net auf uns! Wir waren`s net! Öl, hörst du? Das waren die bösen Männer mit den Spitzhacken!" Noch mehr Gerumpel folgte, begleitet von weiteren, entsetzten Quieken. "Pass auf, wir sitzen hier ... Hey, wo willst`n hin?"
    "ÖCH MACH DÖ PLATT!", brüllte das Wesen namens Öl zurück, während es mit mächtigen Schritten durch die Dunkelheit stapfte. "ALLE! ALLE TOOOOOOT!"
    Das letzte Wort war ein dermaßen kehliges Grollen, dass selbst der Erdboden unter ihren Füßen zu beben schien. Dann ertönte ein Knirschen und Knacken, als würde Stein an Stein reiben, bis plötzlich ein helles Licht die Höhle flutete.
    "OH NÖÖÖÖÖ!"
    Eine hünenhafte Gestalt zeichnete sich vor dem hellen Höhleneingang ab, der nur noch halb mit einem gewaltigen Felsen verschlossen war. Wie jemand, der sich gerade den vollen Suppenteller über die Hose gekippt hat, hüpfte die wohl an die vier Meter große, bucklige Kreatur ein wenig vor dem Eingang auf und ab. Schließlich konnte sie sich aber doch dazu überwinden, die kräftigen Pranken kurz ins Licht zu halten, um den Stein wieder vor den Eingang zu rollen und im nächsten Moment herrschte wieder absolute Finsternis. Erleichtert stieß irgendwo jemand ein leises Seufzen aus, während Öl missmutig wieder zurück stampfte.
    "ÖCH HAB MÖR AUA GEMOCHT ...", grummelte der große Kerl, nachdem er sich wieder an seinen Platz niedergelassen hatte.
    "Wenn du riesen Trottel auch am hellichten Tag die Tür aufmachst!" Die Stimme des zweiten erinnerte stark an eine Mutter, die ihr kleines Kind zurechtwies.
    "DÖ MÖNSCHEN SOLLEN ABER STÖÖÖRBEN!" Im nächsten Moment erklang ein lautes Krachen, wie von einem übergroßen Hammer und erneut erzitterte die gesamte Höhle.
    "Ruhig, Öl! Hör auf, auf den Boden zu schlagen oder wir haben gleich die Decke auf dem Kopf!", rief die erste Stimme, vor Schreck ganz piepsig.
    Ein Weilchen herrschte Stille. Scheinbar dachte Öl gerade darüber nach, ob der Einwand des anderen nicht vielleicht sogar berechtigt war. Schließlich vergaß er wohl das eigentliche Thema und bemerkte stattdessen, dass er ziemlich müde war.
    "ÖCH MOG SCHLAFEN ... ÖR WECKT MÖCH, WENN ÖS DRAUSSEN DUNKEL ÖST!"
    Mit diesen Wort machte es sich der gewaltige Kerl bequem, ließ einen fahren und war dann auch schon sägend wie eine ganze Armee Holzfäller eingeschlafen. Von den anderen beiden erklangen indessen nur ein paar würgende Geräusche, bevor sie sich ebenfalls zu Ruhe legten. Eine seltsam friedliche Stille kehrte ein, die abwechselnd durch das grollende Schnarchen Öls und dem säuselnden Atem seiner beiden Kameraden gestört wurde.
    Draußen neigte sich derweil der Tag seinem Ende entgegen, als die Sonne langsam hinter den Bergen im Westen versank und der Wald am steinigen Hang in rotes Licht getaucht wurde. Abgelöst wurde sie von ihrem silbrigen Bruder Mond, der in jener Nacht voll und klar am Himmel stand.
    Im Inneren der Höhle bekam man davon freilich nichts mit. Doch kaum, dass der letzte Sonnenstrahl erloschen war, begann plötzlich einer der vielen, moosüberzogenen Felsen zu beben. Im nächsten Moment rollte er auch schon knirschend zur Seite und offenbarte ein schwarzes Loch im Boden, dem gleich darauf eine riesige Kreatur entstieg.
    Vier Meter groß, mit einer Haut wie Stein, den Bart fast bis zu den Knien und der Glatze auf dem Kopf ragte der Troll empor. Ihm folgten zwei Kerle, die neben dem hünenhaften Ungetüm noch kleiner aussahen, als sie es ohnehin waren. Beide trugen sie einen aus Blättern geflickten Lendenschurz, verfilzte Haare bis zur Hüfte und aus den spitzbübischen Gesichtern sprangen einem sofort die langen Nase und großen Augen entgegen. In Händen hielt der eine zudem einen spitzen Stock, während der andere sich auf einen Knüppel verlegt hatte.
    So standen alle drei für einen Moment lediglich da und schnüffelten ein wenig die kalte Nachtluft.
    "Ich muss mal brunzen ...", meinte da plötzlich der eine, lehnte seinen Knüppel gegen einen Stein und lüftete seinen Lendenschurz.
    "Svamp! Pisst du uns jetzt ernsthaft vor den Eingang?!" Der andere klang etwas empört.
    "PLATZ DO, ÖCH MUSS OCH ...", rumpelte da der große Öl und stellte sich direkt neben seinen Kumpanen.
    Für einen Moment wirkte der dritte im Bunde etwas resigniert. Dann seufzte er und stellte sich einfach daneben.
    "Und was machen wir heute so?", kam es von Svamp, während es bei allen munter vor sich hin plätscherte. "Ey! Net auf meinen Knüppel pissen, Skräp!"
    "ÖÖÖÖÖI! DÖR SCHÖNE STEIN!" Öl klang regelrecht entsetzt, während er wie selbst zu Stein erstarrt dastand und hangabwärts in den Wald hinein glotzte.
    Normalerweise hätte er dort einen hohen, spitzen Fels zwischen den Tannen sehen können, der an die drei Manneslängen hoch empor ragte und über und über mit Runen beschrieben war ... Jetzt lag dort nur noch ein Haufen Steinsplitter ringsherum im Gras. Doch eine Sache erregte ganz besonders die Aufmerksamkeit des Trolls und zwar das hölzerne Kreuz, das nun stattdessen dort im Boden stak. Ein zorniges Grollen rollte durch den finsteren Wald, bevor der große Kerl auch schon ungestüm los stampfte.
    "BLÖDE, BLÖDE, BLÖDE MÖNSCHEN!" Öl tobte geradezu und eine seiner Pranken riss das Kreuz mitsamt dem komischen Männlein daran einfach aus dem Erdreich.
    Nun holte der Troll weit aus und warf es im hohen Bogen den Hang hinab, bis es irgendwo im düsteren Wald mit lauten Knacken aufschlug. Skräp und Svamp standen indessen weiterhin unbewegt vor dem Eingang und schauten ihrem großen Kumpanen beim Randalieren zu.
    "Komische Typen, diese Christen ... überall stellen die diese Dinger auf und machen unsere schönen Runensteine kaputt ..." Skräp konnte dazu nur den Kopf schütteln. "Was macht er denn jetzt?"
    In seinem Zorn hatte der Troll tatsächlich eine der umstehenden Tannen entwurzelt und packte sie nun mit beiden Pranken wie eine übergroße Keule.
    "ÖCH WEISS WOS, WÖR HEUT MOCHEN!", brüllte er noch immer über alle Maßen wütend. Öl mochte Steine aller Art und dieser eine war zudem auch noch ein Andenken seiner Sippe gewesen, weshalb er nun gleich doppelt sauer war. "WÖR HAUEN DEN MÖNSCHEN JETZT OF`S MAUL! TILLS INGEN KRISTEN FINNS KVAR!"
    Und mit diesem lauten Schlachtruf sowie anschließenden Gebrüll wandte sich der Troll um und stürmte hangabwärts durch den Wald davon. Stieß dabei krachend Bäume und Felsen zur Seite und machte allgemein einen Radau, dass die Menschen ihn in ihrem Dorf im Tal vermutlich schon von Weitem kommen hörten. Doch das schien das tumbe Ungetüm namens Öl ohnehin nicht zu kümmern. Seine beiden winzigen Kumpanen hingegen warfen sich einen kurzen, vielsagenden Blick zu.
    "Så vi renar vår skog!", riefen sie dann und mit einiger Verspätung sowie schrillen Gekreische stürmten sie ihrem großen Freund hinterher.

    "Quia tuum est regnum et potestas et gloria in saecula. A-" Gerade, als Pater Ansgar das Vaterunser mit dem allseits bekannten A-Wort beenden wollte, erklang ein Röhren wie von einer ganzen Herde sterbender Elche. "Was soll den das jetzt?!"
    Verwirrt blickte sich der bereits etwas ältere Mann von seinem Podest aus im kleinen, hölzernen Raum der Kirche um. Das gesamte Dorf saß dort auf harten Bänken zum abendlichen Gebet versammelt und war von dem seltsamen Lärm ebenso verwundert, wie er selbst. Erregtes Geflüster erhob sich, während Ansgar noch immer die Quelle des Geräuschs suchte.
    "DÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖ ..."
    Der seltsame Laut wurde allmählich immer lauter und beunruhigt musste Ansgar feststellen, dass er gar nicht aus dem schummrigen Inneren der Kirche stammte, sondern von irgendwo draußen kam ...
    "Was beim ..." Gerade noch so konnte der Pater sich selbst ausbremsen.
    Da hätte er doch beinahe in der Kirche geflucht! Stattdessen stieg er mit raschen Schritten von seinem Podest herab, den kurzen Mittelgang entlang und direkt zum kleinen, schmucklosen Portal. Hinter ihm erhoben sich die Leute eilig mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht in den Gesichtern. Dann öffnete Ansgar das Portal und trat in die kalte Nachtluft hinaus, gefolgt von den etwa vier Dutzend Bewohnern des Dorfes, die sich nun gemeinsam mit ihrem geistigen Oberhaupt verwirrt umsahen.
    Die Kirche stand, anders als bei den meisten Gemeinden, nicht genau in deren Mitte, sondern etwas abseits. Ein kurzer Feldweg führte einen baumlosen, sanften Abhang hinab zur kleinen Ortschaft, die still und friedlich zwischen den hohen Bergen mit ihren finsteren Wäldern lag. Von dort kam der Lärm auf jeden Fall auch nicht ...
    "Allvater! Das klingt mir wie ein Steinschlag!" Der großgewachsene Bürgermeister klang ziemlich entsetzt und hatte in seinem Schreck doch glatt aus Versehen seinen alten Gott angerufen.
    Ansgar warf ihm dafür einen vielsagenden Blick zu, bevor ihn ein lautes Krachen in seinem Rücken herumfahren ließ.
    "... ÖÖÖÖÖÖ ..."
    Der Lärm war nun ganz nahe und kam auch noch genau aus den dunklen Tiefen des Waldes! Neben ihm stieß einer der Dorfbewohner einen entsetzten Ruf aus und deutete mit ausgestreckten Finger zu den Wipfeln der Bäume weiter oben am Hang empor. Die Tannen erzitterten, als bahne sich etwas großes seinen Weg zwischen ihnen hindurch und plötzlich vernahm der Pater auch das rhythmische Stampfen schwerer Schritte.
    "Lauft! Es sind die Jötunen aus Jotunheim!", rief da plötzlich der Schmied des Dorfes, packte seine Frau und Kind am Arm und rannte den Feldweg hinab.
    "Odin! Es ist soweit! Ragnarök ist da!", kam es nun auch vom Jäger, der von seiner eigenen Erkenntnis überwältigt schien. "Rennen hilft nichts! Kämpft! Für Valhalla!"
    Mit diesen Worten stürmte der Trottel doch tatsächlich los, direkt auf den Wald zu. Ansgar hingegen wurde das allmählich alles zu viel. Da verbrachte man Jahre in diesem Kaff im hintersten Winkel der Welt, nur damit diese Bande von Heiden im erstbesten Moment wieder anfing ihren ketzerischen Unsinn zu brabbeln! Der Pater konnte nur noch den Kopf schütteln und zusehen, wie um ihn herum Chaos ausbrach.
    Während der Großteil dem Schmied panisch hinterher in Richtung Dorf folgte, gab es doch tatsächlich einige Idioten, die es dem Jäger gleich taten, unter ihnen auch der Bürgermeister höchstpersönlich ...
    "So wartet doch! Bei Gott, habe ich euch nicht gelehrt ..." Seine bekehrenden Worte blieben Ansgar glatt im Halse stecken, als ein gigantisches Ungetüm mit einem Mal zwischen den Tannen am Waldesrand hervorbrach.
    "... ÖÖÖÖD!"
    Noch nie in seinem ganzen Leben war der Pater einer solchen Kreatur begegnet. Hünenhaft, den Baumstamm in Händen schenkte es den Menschen zu seinen gigantischen Füßen nicht einmal Beachtung. Stattdessen trampelte das Wesen einfach über sie hinweg, zerstampfte ganz nebenbei den Bürgermeister zu Brei und hielt zu Ansgars Entsetzen direkt auf seine Kirche zu.
    Der Pater war vom Anblick des Monstrums sogar derart abgelenkt, dass er gar nicht mitbekam, wie plötzlich zwei weitere Kreaturen in Kindergröße aus dem Wald hervorstürmten und den Jäger anfielen. Mit geweiteten Augen war er zu nichts anderem mehr in der Lage, als mitanzusehen, wie sein Lebenswerk, die wundervolle Stabkirche in die Brüche ging. Ein einziger Hieb des Ungetüms mit seinem Baumstamm zerschmetterte die Spitze des Bauwerks und ließ Trümmer herabregnen. Der nächste Schlag galt der Wand und ächzend neigte sich die gesamte Kirche etwas zur Seite.
    Pater Ansgar sank langsam auf die Knie, die Hände zum Gebet gefaltet, während das Ungetüm weiter auf das Haus Gottes einknüppelte und seine beiden Kumpanen den restlichen Dorfbewohnern den Gar aus machten.
    "Oh Vater unser im Himmel ..."
    Nun half nur noch beten und tatsächlich hielt das Monster plötzlich in seinem Tun inne. Doch statt von einem Blitz oder dergleichen getroffen zu werden, wandte es nur seinen hässlichen Schädel, bis es den Pater direkt anstarrte. Da verzog sich das Maul zu einem scheußlichen Grinsen, wohingegen Ansgar vor Schreck erstarrte. Mit einem einzigen Schritt war Öl bei ihm und holte aus.
    "JETZT ÖST ENDÖ!"

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