Die Morgenpriesterin


  • »Wo bleibt er nur?« Die vier Männer blickten sich ratlos an. »Sie sagten, er trifft uns hier bei Morgengrauen.«
    Hoolian Friedwart, Novize der Kelemvor-Kirche zu Baldurs Gate, hob die Schultern. »Vielleicht muss er noch Gebete sprechen? Immerhin ist er ein Priester Lathanders. Vielleicht muss er dem Herrn des Morgens zum Sonnenaufgang seine Gebete bringen?«


    »Hihi, und Ihr glaubt, der Totenanger wäre dazu nicht der rechte Ort? Ihr habt Recht und Unrecht zugleich. Einer Morgentochter steht es gut zu Gesicht schon vor ihrem Herrn aufzustehen. Ihre Gebete aber, spricht sie durch Taten.« Die Stimme war eindeutig weiblich.
    Der angehende Priester des Totengottes zuckte nicht weniger zusammen als seine drei Helfer. Verblüfft schauten sie sich um. Zwar lag dichter Bodennebel über dem Adelsfriedhof, aber die in morgendlichen Rot und Goldtönen gewandete Klerikerin wäre doch unmöglich zu übersehen?
    »Hier oben, Jungs. Achtung, ich lande jetzt.«
    Mit offenen Mündern sahen die Männer eine sanftrosane Wolke herabsinken, auf der eine kleine Frau im Schneidersitz saß, in erwähnter farbenfroher Kleidung, einen Stab fast vollständig mit bunten Bändern umwickelt im Arm. Grinsend sprang die hübsche Halblingsfrau herab, als ihre Wolke einen halben Schritt überm Boden zum Stillstand kam.
    »Einen wundervollen Morgen entbiete ich Euch, werte Herren. Natürlich ist der Anlass sehr traurig. Ich kannte Vater Thoren schon lange und betraure seinen Tod.« Sie verbeugte sich leicht vor dem Novizen, dessen ausbildender Kleriker die Lathander-Kirche um Amtshilfe ersucht hatte.
    »Leider hat mich Thorens Nachricht erst vor fünf Tagen erreicht. Ich kam so schnell ich konnte.«
    Hoolian hatte sich wieder so weit gefasst, dass er die einer Klerikerin höheren Grades gebührende Verbeugung zustande bekam. »Willkommen in Baldurs Gate, Euer Gnaden.«
    Niam Aurore lächelte knapp und winkte ab. »Niam, bitte. Ich bin niemandes Gnaden. Nur eine kleine Wanderpriesterin im Dienste des Morgenherrn.« Sie strich sich beinahe verlegen durch das wild in alle Richtungen abstehende feuerrote Haar.
    »Ihr habt da eine sehr … nützliche Wolke, Euer … Niam …« Hoolian wurde zunehmend mutiger. Andererseits hatte er einen zwei Schritt großen eindrucksvollen Paladin, oder wenigsten einen narbenübersäten alten Kampfkleriker erwartet. Diese freundliche, zierliche Person wollte man weit lieber in den Arm nehmen, als dass man von ihr erwartete, es mit den Monstern der Finsternis aufzunehmen.
    »Ah, ja. Das ist Djin Reinär, ein Luftelementar aus Mulhorand. Ich habe ihn aus einer … äh … Zwangslage befreit und er ist ebenso reiselustig wie ich. Also taten wir uns zusammen und ich kam so zu ziemlich günstigen Kurzstreckenflügen.«
    Die Halblingsfrau reckte sich und dehnte ihre Glieder.
    »Kurzstreckenflü …?« Hoolian war überwältigt.
    »Ja, sicher. Ich wiege zwar nicht viel, aber ich habe ja auch Gepäck dabei. Viel mehr als 100 Meilen am Stück schafft Reinär nicht mit mir auf dem Rücken. Dann braucht er eine ausgiebige Pause. So ein Djin ist eben auch nur ein Mensch.«
    Die Männer wichen zurück, als aus der Wolke ein belustigtes Schnauben zu hören war, doch die Halblingsfrau schlug nur spielerisch nach ihr. »Mach den Leuten doch keine Angst. Komm, verzieh Dich. Ich ruf Dich, wenn wir hier durch sind. Kryptas sind eh nicht so Dein Ding.« Mit einem weiteren Schnauben erhob sich die Wolke in den Morgenhimmel und verschwand schnell außer Sicht.
    Die Klerikerin stützte sich auf ihren Stab und musterte die kleine Versammlung. »So, Du bist also Thorens Lehrling.« Sie nickte dem Novizen zu, der stolz seinen Waffenrock mit der Waage glatt strich, die das Zeichen des Totengottes war. Das Kettenhemd darunter wirkte allerdings, als hätte es schon bessere Tage gesehen.
    »Und wer sind Deine Helfer?«
    Hoolian räusperte sich: »Das ist Bayak, der Totengräber und das sind Holk und Morek, seine Gehilfen.«
    Niam legte verwundert den Kopf zur Seite. »Nunja, ehrbare Männer, will ich meinen, aber denkst Du echt, die sind bei dieser Unternehmung am rechten Platz?«
    Der Novize und seine Leute versteiften sich. »Herrin, wir alle waren Freunde von Vater Thoren und wir fürchten uns nicht vor … vor …« Der Totengräber wurde zunehmend leiser, schwieg zuletzt und musterte seine Fußspitzen eingehend.
    »Oh, verzeiht. Nichts lag mir ferner, als Euren Mut anzuzweifeln. Immerhin verseht ihr Euren Dienst, trotz der Bedrohung und ich sehe auch keine Soldaten der Stadtwache, die Ihr zweifellos über Thorens Tod verständigt habt. Das allein macht die Frage nach Eurem Mut über jeden Zweifel erhaben.«
    »Die Garde, also der Hauptmann hat mir gesagt, dass das nicht in seine Zuständigkeit fiele. Die Friedhöfe werden nicht als Wohngebiete gezählt und er muss die Lebenden beschützen.« Hoolian war hochrot angelaufen bei dieser Erklärung, doch die Klerikerin legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. »Alles gut. Vielleicht ist es so sogar besser. Umso weniger stehen uns im Weg herum, wenn wir tun, was getan werden muss.«
    Die vier Männer musterten die kleine Frau erneut zweifelnd. »Verzeiht, Niam, aber wie wollt Ihr gegen die Untoten vorgehen, so ganz ohne Rüstung?« Der Novize blickte vielsagend auf seinen Turmschild und das Kriegsszepter, welche an der Außenmauer der Krypta lehnten.
    Die Rothaarige grinste und hob ihren bunten Wams an und präsentierte staunenden Augen ein Kettenhemd feinster Machart, was sogar im Morgenrot silbern glitzerte.
    »Ist das Mithril?« Hoolians Stimme war ehrfürchtig geworden.
    »Jup, ein Geschenk der Zwerge von Mithril-Halle. Die hatten vor einiger Zeit ein kleines Problem mit einem Nachtdrachen. Mit der Hilfe meines Herrn haben wir dem Biest etwas Licht unterm Echsenarsch gemacht. Der wird auf jeden Fall keine Minen mehr besetzen.«
    »Beeindruckend. Aber … verzeiht erneut, wird das ausreichen?«
    Sie winkte ab. »Keine Bange, besorgter Freund. Eine Freundin aus Silbrigmond hat das Hemd mit einem veritablen Schildzauber verstärkt. Nun ist es vielleicht nicht ganz so stabil, wie diese Stahltür da, die Du als Schild benutzen willst, aber es fehlt nicht viel.«
    »Ein Zauber von einer Elfe?« Hoolian war aus dem Häuschen. Wieder erschien dieses Grinsen, was von grenzenlosem Selbstvertrauen kündete. »Sagen wir mal, ja. Das ist eine lange Geschichte.«
    »Nicht destotrotz, Ihr könnt dem Vampir nicht mit einem Kampfstab zu Leibe rücken?!«
    In den moosgrünen Augen der Halblingsfrau schimmerte Stahl: »Oh, kann ich nicht?« Sie stieß den Stab etwas heftiger auf den Boden und eine Feuerzunge versengte den Boden. »Heiliges Drachenfeuer. Ein Geschenk von einem Lehrling Elminsters. Keine Ahnung, aus welchem Drachenhort er es gekl… äh ... borgen hat.«
    Wieder wichen die vier Männer einen Schritt zurück. »Von DEM Elminster?« Die Männer konnten nur ihre Köpfe schütteln.
    »Seinem Schüler, naja, quasi. Auch eine lange Geschichte.« Niam winkte ab.
    Ganz langsam stahl sich die Erkenntnis in die Blicke der Männer, dass diese Klerikerin bei Weitem nicht so harmlos war, wie sie sich gab.
    »Aber ich glaube, Du irrst Dich in einem Punkt furchtbar, Hoolian.«
    »Ja, Herrin?«
    »Da unten ist mit nicht Sicherheit nicht nur ein einziger Vampir.«
    Die Gesichtsfarbe der Männer wechselte schlagartig ins Graue.
    »Einen einzelnen Vampir hättet Ihr gar nicht bemerkt, die sind extrem vorsichtig. Aber wenn man ein ganzes Nest in der Gegend hat, fällt es zwangsläufig irgendwann auf.«
    »Meister Hoolian«, wandte sich der Totengräber nun händeringend an den Novizen. »Gegen einen Einzigen, gut … aber gegen ein ganzes Nest!«
    Der junge Novize nickte niedergeschlagen. »Natürlich. Geht nach Hause. Falls Ihr von uns nichts mehr hört …« Die Männer nickten sich verständnisvoll zu und der Totengräber verließ mit seinem beiden Gehilfen so schnell den Totenanger, dass es gerade noch nicht nach einer Flucht aussah.
    »Gut gemacht. Das ist eine Aufgabe für uns Diener der Götter, nicht fürs brave Arbeitervolk.«
    Der Novize schluckte. »Herrin … Niam. Ich habe Angst.«
    »Ausgezeichnet. Angst ist gut, Angst ist Magie. Angst macht, dass Dein Herz schneller schlägt, dass Deine Muskeln stärker sind und deine Reflexe schneller. Angst sorgt dafür, dass wer rechtzeitig die Biege macht, erlebt auch noch die nächste Schlacht.«
    »Ihr versteht nicht. Vater Thoren war stark im Glauben und er fiel. Ich habe nicht seinen Glauben.«


    Die Morgenpriesterin nickte verständnisvoll. »Komm, wir setzen uns kurz.«
    Als beide auf einer steinernen Bank Platz genommen hatten, nahm die Priesterin die Hände des Novizen in ihre eigene. Trotz des Größenunterschiedes wirkte die Geste kein Bisschen lächerlich. »Gut, jetzt gibt’s einen Schnellkurs im Glauben für die Arbeit im Feld.« Der Novize musste gegen seinen Willen lächeln.
    »Glaubst Du, dass die Zwerge genug Vertrauen in jemand haben müssen, um ihr wertvolles Mithril an den zu verschenken?«
    Erstaunt sah er auf, doch der Blick der Klerikerin war ernst, also nickte er. »Ja, ich glaube schon.«
    »Sehr gut. Glaubst Du ebenso, dass eine Magierin aus Silbrigmond genug Hirn hat, um ihre Zaubermacht nur für jemand zu verwenden, der damit auch sinnvoll umzugehen weiß?«
    »Äh… ja, ich glaube schon.«
    Das Grinsen der Halblingsfrau erschien wieder auf ihrem Gesicht. »Glaubst Du, dass so ein mächtiges Artefakt wie der Atem Tiamats«, sie tätschelte ihren Stab, »sich nur von einem würdigen Träger kontrollieren lässt?«
    Hoolian riss die Augen auf. »Doch, das glaube ich bestimmt, Meisterin.«
    Niam erhob sich. »Dann schätze ich mal, kannst Du wohl auch an mich glauben. Und ich glaube an meinen Herrn Lathander und die Gemeinschaft der guten Götter. Damit schließt sich der Kreis zu Deinem Herrn Kelemvor. Du siehst, die Dinge sind alle miteinander verwoben. Glauben kommt nicht nur aus seiner Richtung.«
    Kopfschüttelnd erhob sich der Novize ebenfalls. Er hatte zwar das dumpfe Gefühl, dass er irgendwo in der Argumentenkette überlistet worden war, aber er fühlte sich auf jeden Fall deutlich zuversichtlicher.
    »Ich nehme an, Du beherrscht ein Gebet, was uns stärkt, wenn es gegen die Untoten geht?«
    Hoolian nickte eifrig. »Herr, gegen den unheiligen Untod ziehen wir, schütze unsre Seelen«, betete er schlicht und fühlte sich sogleich gestärkt. Kelemvor war kein Gott langer Reden.
    Niam bedeutete ihm zufrieden seine Waffe und den Schild aufzunehmen. »Stell Dir mal vor, es soll Welten geben, in denen Priester keine Wunder wirken können. Die haben vielleicht echt ein Problem mit Glauben, aber doch nicht wir!«


    In diesem Moment trafen die Strahlen der Morgensonne genau auf den Eingang der Krypta.
    »Siehst Du?«, wieß Niam den Novizen darauf hin. »Es hat schon seinen Grund warum Grabeingänge immer gegen Osten zu liegen haben. Und nun lass uns reingehen und diese Vampirbrut zu Asche verbrennen.«

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

    6 Mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

  • Gerade für mich als Rollenspieler ist diese Geschichte köstlich. "Ach das, nur mein Dschinn, habe ich mal gertettet, seither dient er mir und ach das, nur ein kleines Mithril-Kettenhemd. Hat mir ein Zwergenkönig geschenkt, weil ich einen Drachen platt gemacht habe... Ja. Das reicht. Eine Super Elfenhexe hat darüber einen Zauber gelegt. Und das... Ach, nur der Atem Tiamats. Eher was für ganz abgekochte Weiber, aber hey, schau mich an..."
    "Aber, ich habe Angst..." - "Oh, lass mich nur schnell eine Probe zur Aufmunterung werfen" *würfel* "Ah, jetzt geht es mir besser, lass uns Vampire grillen"
    Du baust ganz trockenen Humor ein, ohne dass deine Geschichten albern werden. Ich vermute, nur Rollenspieler werden alles verstehen. #Insider ;) Aber so machen die Geschichten einfach Spaß! Die Figuren wirken natürlich meist völlig übertrieben in ihrer Macht, Kampfkraft und ihren Fähigkeiten - aber wenn man halt ein hohes Level erreicht hat... :D

  • "Aber, ich habe Angst..." - "Oh, lass mich nur schnell eine Probe zur Aufmunterung werfen" *würfel* "Ah, jetzt geht es mir besser, lass uns Vampire grillen"

    ORGINAL DARAN hab ich gedacht!
    Und dann hab ich mir eine möglichst nicht ZU fadenscheinige Aufbaurede überlegt. Zuerst kam mir ja Sheldon Coopers hochemphatisches "Nana, alles wird Gut ..." in den Kopf, aber man muss aufpassen beim Übertreiben, damit man es nicht übertreibt ^^

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Bin total begeistert von den vier Kurzgeschichten :thumbsup:


    Und über die Idee mit dem Billigflieger-Djin Ryanair äh Reinär lache ich wahrscheinlich übermorgen noch. :D Hat der Nachname deiner Halbelfe (Halbdrow???) eigentlich was mit dem untergegangenen Drow-Haus "DeVir" zu tun?