Der Gott, der nicht sein sollte

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    • Der Gott, der nicht sein sollte

      Servus Zusammen,

      dann wage ich mich auch mal daran, mein Geschreibsel zu offenbaren.

      Das hier ist mein aller erstes Projekt, dass mich auch jetzt noch am meisten beschäftigt. Es hat sich einfach irgendwie verselbstständigt ... Jetzt bin ich schon dran, den dritten Band zu schreiben. Wollte einfach nicht aufhören zu wachsen, dieses Ding! Natürlich hat es über die Zeit hinweg schon etliche Korrekturen und Anpassungen an meinen aktuellen Schreibstil durchlebt, von daher bin ich wirklich gespannt, was jetzt dabei raus gekommen ist. Vermutlich hab ich etliches verschlimmbessert :/

      Kleine Anmerkung: Meine Kapitel tendieren dazu - wie die Geschichte selbst - sich zu verselbstständigen und sind daher oft sehr lang. Ich versuche mein Bestes, einigermaßen gute Schnittpunkte zu finden, um mich hier an die Regeln hinsichtlich der Länge eines Posts zu halten. Ich nenne Die Kapitel also z.B. 1.0 - 1.X bis dann ein Neues beginnt.


      Der Gott, der nicht sein sollte

      Prolog
      Spoiler anzeigen

      Das schrille Kreischen der Sirenen hat bereits ein unangenehmes Pfeifen in meinen Ohren hinterlassen. Scheinbar panisch fliegen die mechanischen Alarmkugeln umher, hüllen auch die letzten Seitenstraßen in ihr rotes Licht. Louis, der Wächter des ersten Bataillons, kreuzt unachtsam die Straße und stößt dabei fast mit mir zusammen. Fluchend versucht er trotz der Eile seinen goldenen Brustpanzer zu verschnüren. Ich selbst hatte nicht einmal mehr Zeit gefunden, mir den meinen überzuziehen.
      „Wie viele?“, rufe ich ihm über den Alarm hinweg zu.
      „Die Späher konnten mir keine genaue Zahl nennen!“ Sein Blick ist eisern.
      Also zu viele, als dass man sie hätte zählen können. Was ist nur mit der Welt los? Wie kann es plötzlich zu dermaßen vielen Angriffen kommen? Sollte der Spiegel nicht eben solche Szenarien verhindern? Er ist die Barriere zwischen den Welten und wurde einzig und allein dafür erschaffen. Etwas sagt mir, dass wir noch lange nicht alles gesehen haben. Das ist nur der Anfang eines weitaus größeren Übels.
      Meine Einheit hat sich bereits vor dem Stadttor eingefunden, als ich zu ihnen stoße. Die Erschöpfung des letzten Gefechts steht jedem Einzelnen noch ins Gesicht geschrieben. Unruhig zupft einer der Soldaten an der Sehne seines Bogens herum, verstaut diesen jedoch beschämt auf dem Rücken, als er meinen Blick auf sich bemerkt.
      Louis winkt mich zu sich. Er hat sich mit den übrigen drei Wächtern um einen der Späher geschart.
      „Wo sind sie durchgebrochen?“, frage ich.
      „Nur wenige Kilometer nördlich von hier. In den Wäldern nahe der Schlucht“, antwortet der Kundschafter. Er hält sich den linken Oberarm, wo eine hässliche Wunde klafft. Eindeutig das Werk eines Ghuls.
      „So nah?“, platzt es aus Louis heraus. Sein nachdenkliches Zupfen an der Unterlippe verrät mir, dass sein Gehirn bereits auf Hochtouren arbeitet. „Das ist äußerst ungewöhnlich.“
      „Darüber können wir uns später Gedanken machen“, hakt Hatori, der Wächter des zweiten Bataillons ein. „Jetzt ist nur wichtig, dass wir diese Ungeheuer aufhalten, bevor noch mehr Schaden angerichtet werden kann. Ausrücken!“
      Jeder Halbgott greift sich seine Waffe, als sich die Außenhülle der Stadt auftut und den Weg in die nördliche Ebene freigibt. Erneut müssen wir uns hinauswagen und einem Feind stellen, der, sollten wir ihn auch heute zurückschlagen können, uns schon bald wieder frisch gestärkt gegenüberstehen wird. Es ist ein endloser, blutiger Kreislauf.
      „Lizzy!“ Ich reiße mich aus meinen Gedanken los. Es war Louis, der meinen Namen gerufen hat. „Ist alles in Ordnung mit dir?“
      Ich nicke, taste jedoch gleichzeitig nach dem Amulett meiner Mutter. Es ist meine stärkste Waffe und zugleich der Gegenstand, der mir am meisten Sicherheit gibt. Fest entschlossen verlasse ich die schützenden Mauern meiner Heimat. So lange noch ein Funke Leben in mir steckt, werde ich kämpfen. Die Kinder der Urgötter mögen mächtig und zahlenmäßig überlegen sein, doch zulassen, dass ihre Fehde uns in den Abgrund treibt, werde ich nicht. Um uns Halbgötter niederzuringen, muss die Dunkelheit schon wesentlich mehr aufbieten, als ein paar dumme Monster.



      Kapitel: 1.0

      Marc Gray
      Spoiler anzeigen

      Schweißgebadet und schlaftrunken schlage ich die Augen auf. Erst nach mehrmaligem Zwinkern kann ich in der Dunkelheit etwas erkennen. Es muss früh morgens sein, denn für gewöhnlich drücken sich schon die ersten Sonnenstrahlen durch die löchrigen Vorhänge des einzigen Fensters meiner kleinen Wohnung. Ein Blick auf den mattgrün leuchtenden Wecker bestätigt die Vermutung. Kurz vor drei Uhr. Ich rolle auf die andere Bettseite und schließe die Augen wieder. Vielleicht kann ich noch etwas Schlaf ergattern, bevor mich der nervtötende Alarmton aus dem Bett katapultiert.
      Es ist warm. Die Decke habe ich schon lange über die Bettkante befördert und das Laken klebt mir am Körper. Gott! Es ist viel zu warm! Die Sonne treibt die Temperatur im Laufe des Tages immer extrem in die Höhe und durch das kleine Bullauge von Fenster bringt man nachts unmöglich genügend frische Luft ins Zimmer, um ein erträgliches Raumklima schaffen zu können. Dafür hält sich im Winter zum Ausgleich dann die Kälte umso besser.
      Elendige Bruchbude!
      Schnell muss ich einsehen, dass es das für heute mit dem Schlaf war. Murrend rolle ich mich also an den Bettrand und schwinge beide Beine hinaus. Mit der Hand fahre ich über meinen Drei-Tage-Bart, lasse den Blick dabei durchs Zimmer schweifen. Obwohl es noch ziemlich dunkel ist, kann ich die Unordnung genau erkennen. Mir gegenüber steht ein vollkommen überladener Schreibtisch, auf dem sich CDs, DVDs sowie einige Magazine türmen. Daneben befindet sich mein Computer, auf dem wiederum zwei leere Bierflaschen abgestellt wurden. Und ein offener Puddingbecher. Bier plus Pudding. Seltsame Kombination. Sollte wohl besser niemand zu Gesicht bekommen.
      Mürrisch wuchte ich mich aus dem Bett und trotte ins Badezimmer. Hier drin riecht es immer wie in einer Sauna, da es kein Fenster, sondern nur einen Luftabzug gibt. Der funktioniert allerdings schon seit meinem Einzug vor zwei Jahren nicht richtig. Im Wohnzimmer konnte ich dank des Mondlichts, welches durch das Bullauge ins Zimmer fällt, zumindest ein klein wenig sehen, aber hier ist es absolut finster. Ich lasse den Lichtschalter klicken und die Lampe über dem Waschbecken leuchtet auf. Mein erster Fehler an diesem Tag. Die Glühbirne ist an der Wand direkt auf Augenhöhe montiert und einen Lampenschirm habe ich mir dummerweise noch nicht geleistet. Wie ein Flutlichtstrahler blendet das Licht meine müden Augen.
      Zuerst fühle ich nur ein kurzes Pumpen, gefolgt von einem ungewollten Zucken im Augenwinkel. Zwar halte ich sofort schützend die Hände vors Gesicht, doch es ist bereits zu spät. Schnell drehe ich mich weg und stolpere zurück in die sichere Dunkelheit des Wohnzimmers. Da ist er wieder. Dieser verfluchte schwarze Fleck in meinem linken Auge!
      Unruhig laufe ich, mir vorsichtig die Augenlider reibend, im Zimmer umher. Darunter pulsiert es ununterbrochen. Es ist zwar nicht schmerzhaft, jedoch auch weit entfernt von angenehm. Nach ein bis zwei Minuten hat es dann endlich aufgehört und der Fleck ist verschwunden. Fraglich ist nur für wie lange.
      „Gott verdammte Sch ...!“, fluche ich, als ich mich an die Ursache für dieses Leiden erinnere.
      Vor vier Wochen war ich spät abends noch zu Fuß unterwegs, als mir ein Kleintransporter entgegenkam. Es war irgend so ein amerikanischer Jeep. Glaube ich zumindest. Sicher ist nur, dass er viel zu viele Scheinwerfer montiert hatte. Der Fahrer drückte auf die Lichthupe und blendete mich mit sämtlichen Lichtern. Für einen Moment war ich vollkommen orientierungslos und der Wagen rauschte an mir vorbei. Dank des ungewollten Rampenlichts konnte ich den Vollidioten nicht erkennen, aber ich hörte Partymusik und laute Schreie. Müssen wohl ein paar Halbstarke gewesen sein, die sich verdammt lustig fanden.
      Als meine Augen sich dann langsam wieder beruhigten und die Kreise und Sterne, welche vor mir umherschwirrten, verschwunden waren, sah ich ihn das erste Mal. Den schwarzen Fleck im linken Auge. Seit diesem Abend taucht er immer dann auf, wenn ich in zu grelles Licht schaue. Als hätte ich eine Allergie dagegen entwickelt.
      Das einzig Gute an besagtem Tag war die nicht angekündigte Sonnenfinsternis. Die Wissenschaftler rätseln bis heute noch, wie es zu der von ihnen betitelten zweiten Nacht gekommen ist. Es war in der Tat so, als wäre an diesem Tag die Sonne niemals aufgegangen. Das war kein Zwei-Minuten-Ereignis, sondern zog sich über mehrere Stunden hin. Als wäre der Tag um seine Zeit auf Erden beraubt worden. Darüber beschwert habe ich mich nicht, da die Finsternis angenehmer für meine Augen war und immer noch ist.
      Es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, dass der Fleck sich wieder auflöst, wenn ich in die Dunkelheit blicke. Eigentlich möchte man meinen, dass Dunkelheit gleich Dunkelheit ist, doch seltsamerweise genügt es nicht, einfach nur die Augen zu schließen. Ich muss mich in einer dunklen Umgebung aufhalten oder es tritt keine Verbesserung ein. Bisher war ich wirklich kein Nachtmensch, aber neuerdings fühle ich mich in der Finsternis pudelwohl.
      Mittlerweile war ich bei mehreren Augenärzten, die jedoch nichts feststellen konnten. Außer, dass ich verdammt hart austrete, wenn sie mir mit ihren Taschenlampen direkt in die Pupillen leuchten. Die ersten beiden glaubten mir nicht. Für sie war kein Fleck feststellbar. Meinten nur, dass es Kopfsache wäre. Ich solle einen Experten für solche Fälle aufsuchen, sagten sie. Was so viel heißt wie: Du bist nicht ganz sauber im Kopf, geh‘ zu einem Psychologen. Die Überweisung vom ersten Arzt landete noch vor Ort direkt in der runden Ablage.
      Die Zweite habe ich dann doch wahrgenommen. Wie erwartet, hat es Null gebracht. Der letzte Augenarzt, den ich aufgesucht habe, war Gott sei Dank offener für mein Problem. Er führte zahllose Tests durch - ohne mich mit einer viel zu grellen Lampe komplett erblinden zu lassen. Heute habe ich wieder einen Termin bei Doktor Frank und hoffe inständig, dass er gute Nachrichten zu verkünden hat.



      Kapitelübersicht:

      Prolog
      Kapitel 1.0 -> Kapitel 1.1
      Kapitel 2.0 -> Kapitel 2.1
      Kapitel 3.0 -> Kapitel 3.1
      Kapitel 4.0 -> Kapitel 4.1 -> Kapitel 4.2
      Kapitel 5.0 -> Kapitel 5.1 -> Kapitel 5.2
      Kapitel 6.0 -> Kapitel 6.1 -> Kapitel 6.2
      Kapitel 7.0 -> Kapitel 7.1


      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 10 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • @Rebirz
      Es lässt sich schon mal sehr flüssig lesen.
      Da der Prolog mit dem ersten Teil ja irgendwie verbunden sein muss, denke ich, dass der Protagonist sich gerade verändert. Und damit meine ich nicht nur einen neuen Haarschnitt!
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Sensenbach schrieb:

      @Rebirz
      Es lässt sich schon mal sehr flüssig lesen.
      Da der Prolog mit dem ersten Teil ja irgendwie verbunden sein muss, denke ich, dass der Protagonist sich gerade verändert. Und damit meine ich nicht nur einen neuen Haarschnitt!
      Ich schreibe aus der sich von gesamt vier Protas. Normalerweise habe ich bei jedem Kapitel drüber geschrieben, wer gerade spricht, nur beim Prolog habe ich das bewusst weg gelassen, da sich die Geschichte hauptsächlich um den Prota aus Kapitel 1 dreht. Daher wollte ich den auch als ersten "vorstellen".
      Ursprünglich hatte ich auch mal keinen Prolog, musste aber irgendwann feststellen, das Kapitel 1 ein etwas langatmiger Einstieg war, daher wollte ich etwas vorweg setzten, das dem Leser schon mal einen gewissen Eindruck von der Welt / Geschichte verschafft.
      Lange Rede, kurzer Sinn: Du hast also recht. Ich mache einen Sprung zwischen zwei Protagonisten. :D


      Tom Stark schrieb:

      Der Arzt dem die Frauen vertrauen ?

      Sehr schöner Anfang. Hätte gerne schon mehr gelesen.
      Ich bin echt schlecht wenn es um erdachte Namen geht... xD

      Ich werde sicher noch nachliefern :D
    • Weiter geht's mit dem zweiten Teil des ersten Kapitels.

      Kapitel: 1.1

      Marc Gray
      Spoiler anzeigen

      Als ich mich zurück ins Badezimmer wage, bin ich vorsichtiger. Ein Handtuch über der Glühbirne sorgt für Sicherheit. Nach einer ausgiebigen kalten Dusche und sonstigen Kultivierungsmaßnahmen, steht die Morgenroutine auf dem Programm.
      Ich schnappe mir einige Klamotten aus dem Schrank. Schwarze Shorts, die mir bis zu den Knien reichen und ein Shirt in der gleichen Farbe, auf dem vorne in großen Buchstaben Flick the Switch und auf der Rückseite AC/DC geschrieben steht.
      Ich liebe diese Band einfach!
      Das Shirt ist mir eine ganze Nummer zu groß, da ich nicht auf hautenge Klamotten stehe. Sportlich bin ich durchaus, aber Leute in meiner Gewichtsklasse, die Shirts in Größe S tragen, müssen meiner Meinung nach auch auf Lack und Leder abfahren. Der Schlabberlook ist mir da tausendmal lieber. Schnell noch Handy mit Kopfhörer, sowie Sonnenbrille plus Schlüssel vom Schreibtisch geschnappt und dann raus aus der stickigen Wohnung.
      Im offenen Treppenhaus des dreistöckigen Wohnblocks schlägt mir kühle Morgenluft entgegen, die ich sogleich gierig aufsauge und den muffigen Geruch meiner Sauna damit aus der Nase vertreibe. Während ich die ersten Stufen der stählernen Wendeltreppe hinuntergehe, stecke ich den Kopfhörer ins Handy und scrolle durch die Playlist. Im Erdgeschoss angekommen, drücke ich passend zu meinem Shirt Play bei Flick the Switch. Mit Hard Rock in den Ohren jogge ich los.
      Die Straßenlaternen sind noch angeschaltet, aber ich will dem schwarzen Fleck keine Chance geben sich wieder auszubreiten. Aus diesem Grund trage ich mittlerweile zu so gut wie jeder Tageszeit eine Sonnenbrille. Die ersten Kilometer laufe ich entlang der Hauptstraße, auf der um diese Uhrzeit keinerlei Verkehr herrscht.
      Eigentlich herrscht nie wirklich Verkehr in Bergstedt, was ich anfangs für eine Kleinstadt mit fast 10.000 Einwohnern äußerst ungewöhnlich fand. Ich habe es für mich selbst damit begründet, dass die Lage absolut bescheiden ist. Bergstedt hat einfach nichts zu bieten, weshalb es jemanden hierher ziehen würde. Nun, vielleicht ändert sich das ja, wenn das neue Einkaufszentrum fertiggestellt ist, dass hier zurzeit aus dem Boden gestampft wird. Warum ein so erfolgreiches Unternehmen wie die Von Hansen Gruppe auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet hier so ein Ding zu errichten, ist mir allerdings schleierhaft. Schlechte Lage, schlechte Anbindungen und noch viel schlechtere Kundschaft. Ich weiß, welcher überbezahlte Investmentberater bald seinen Job verlieren wird.
      Nach einer halben Stunde erreiche ich schwer atmend die Baustelle des besagten Einkaufszentrums. Eine kurze Pause kann nicht schaden. Mein Blick schweift über das Gelände. Die Grundmauern stehen, das Dach ist bereits in Bearbeitung. Darauf wurden einige Arbeitsscheinwerfer aufgestellt, welche das Grundstück ausleuchten und stets die ganze Nacht eingeschaltet bleiben. Vermutlich um Halbstarke davor abzuschrecken, im Dunklen irgendwelchen Unsinn zu treiben.
      Gerade, als ich weiterlaufen will, fängt mein linkes Auge an zu zucken. Jeder Muskel meines Körpers verkrampft sich. Angespannt warte ich darauf, dass der schwarze Fleck zurückkehrt, aber nichts passiert.
      „Hoffentlich hat Doktor Frank heute eine Lösung für mich, oder ich reiß mir die verdammten Dinger selbst raus!“, grummle ich zähneknirschend.
      Aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich plötzlich etwas Seltsames bei einem der Flutlichtstrahler. Die Luft flimmert dort unnatürlich stark. Ähnlich wie von der Sonne aufgeheizter Asphalt, nur deutlich auf einen Fleck konzentriert. Ich zwinkere mehrmals, nur um sicherzugehen, dass es gewiss keine optische Täuschung ist. Genau in der Mitte des Flimmerns beginnt sich ein leuchtender Streifen zu bilden. Als würde jemand versuchen mit einem Schweißgerät durch eine unsichtbare Wand zu brennen.
      Ich weiche einige Schritte vom Bauzaun zurück, kann meinen Blick jedoch nicht von dem seltsamen Phänomen losreißen, das sich mir da bietet. Geistesabwesend nehme ich die Sonnenbrille ab, was dummerweise ein Fehler war. Das Flimmern verblasst, doch der Schnitt in der Luft strahlt hellweiß. Feine Haarrisse breiten sich darum herum aus und plötzlich explodiert er so grell wie eine Blendgranate. Ein lautes Klirren schallt über die Baustelle. Als wäre ein riesiger Spiegel vom Dach geworfen worden.
      Mehr kann ich nicht sehen. Gleißendes Licht blendet mich und der schwarze Fleck breitet sich rasend schnell in meinen Augen aus. Sofort schließe ich sie und reiße schützend die Hände in die Höhe, während ich weiter vom Zaun weg stolpere. Doch es ist bereits zu spät. Der Schaden ist angerichtet. Blind irre ich umher, bis mich ein Baum stoppt. Hektisch atmend lehne ich mich dagegen. Eiskalter Angstschweiß läuft mir von der Stirn ins Gesicht. Was, wenn das zu viel für meine Augen war? Bin ich jetzt vollständig erblindet?
      „Verdammt!“ Der Baum muss meinen Frust in Form eines Faustschlages ertragen. Ein stechender Schmerz schießt von den Knöcheln aus bis nach hinten ins Handgelenk. „Gottverdammte Scheiße!“
      Langsam sacke ich am Stamm entlang nach unten. Als ich meine Knöchel abtaste, spüre ich die Feuchtigkeit an den Fingern. Mit tiefen Atemzügen versuche ich meinen rasenden Puls zu bändigen, schlucke die Angst hinunter und öffne vorsichtig die Augen. Der schwarze Fleck im linken Auge ist da und wie befürchtet erneut gewachsen. Zum Dreifachen seiner vorherigen Größe! Zu meinem Leidwesen auch der Punkt im rechten Auge.
      Sieh das Positive, Marc! Du siehst zumindest noch irgendetwas!
      Mein Kopf fällt nach hinten gegen den Stamm. Über der Baustelle steigt eine riesige Staubwolke in den Himmel auf. Der große Arbeitsscheinwerfer, bei dem der seltsame Schnitt aufgetaucht war, steht nicht mehr auf dem Dach. Er ist umgestürzt und durch den Rohbau hinunter in das Einkaufszentrum gekracht. Dabei hat er einiges an Baumaterial und Werkzeug mitgerissen.
      Aber da bewegt sich noch etwas anderes. Etwas, das ich durch den vielen Staub sowieso schlecht erkennen kann und mein nun eingeschränktes Sichtfeld trägt nicht wirklich fördernd dazu bei. Alles, was ich sehen kann, ist, dass es etwas Kleines und vor allem Dickes ist. Und wenn ich sage dick dann meine ich richtig fett. Es geht gebückt, die langen Arme reichen fast bis zu den Füßen. Ein groteskes Bild. Als ich mich aufrappele und nur kurz den Blick von dem seltsamen Ding abwende, ist es auch schon verschwunden. Stattdessen schallt lautes Scheppern durch das Gebäude.
      „Da will wohl einer nicht, dass wir ein Einkaufszentrum bekommen“, murmle ich.
      Schnell näherkommende Sirenen raten mir, schnellstens von hier zu verschwinden. Ich verspüre wenig Lust, den Rest des Tages in einer Verhörkammer der örtlichen Polizei zu verbringen. Von Joggen ist diesmal allerdings nicht mehr die Rede. Eher von einem Dauersprint. Auf dem gesamten Rückweg schießen mir etliche Gedanken durch den Kopf, mit denen ich versuche mir zu erklären, was gerade passiert ist. Was war das für ein Ding auf dem Dach? Eine Ausgeburt meiner Fantasie? Dafür hat es verdammt realen Schaden angerichtet.
      Als ich mich die Treppen meines Wohnungsblocks hinaufschleppe, bin ich völlig außer Atem, die Kleidung klebt mir am Körper. Mittlerweile geht die Sonne auf und warmes Licht legt sich auf die Stadt, was mich daran erinnert, dass meine Sonnenbrille noch bei meinem Naturboxsack, dem Baum, liegt. Die letzten Stufen sprinte ich nach oben und flüchte mich in die sichere Dunkelheit meiner Wohnung. Durch das Bullauge und den Lochvorhang bahnen sich die Sonnenstrahlen ihren Weg in den Raum, also steuere ich direkt in Richtung Badezimmer. Mit zu viel Schwung lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss krachen. In der Dunkelheit kann ich den Putz von der Decke rieseln hören.
      Verdammte Bruchbude!
      Über mir fängt der Luftabzug an zu summen. Ich war noch nie so froh darüber, dass mein Bad kein Fenster hat.
      Ein Hoch auf die Bruchbude!
      Nach einer Dusche im Dunkeln und einigen weiteren, scheinbar endlos ruhigen Minuten, öffne ich die Tür zum Wohnzimmer. Es ist etwas heller geworden, aber nicht so sehr, dass es gefährlich für mich wäre. Die schwarzen Flecken sind verschwunden. Erleichtert atme ich auf und lasse mich aufs Bett fallen, welches sich mit einem lauten Quietschen des Lattenrosts beschwert. Mehrmals fahre ich mir mit beiden Händen übers Gesicht. Ich bin erschöpft. Die Augen sind schwer und schnappen gefühlt so schnell zu, wie eine Mausefalle.
      Dunkelheit. Die Dunkelheit kehrt einfach immer wieder zurück und ich kann absolut nichts dagegen unternehmen.



      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Ich mag deinen Schreibstil. Er ist schön direkt. Man kann gut folgen und hat sofort ein Bild vor Augen. Von der Kleinstadt, von der Baustelle und der Bruchbude. Kann im Moment keine schwerwiegenden Fehler erkennen. Wenn ich auf etwas bestimmtes achten soll, sag Bescheid.

      Gerne mehr!
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hi @Rebirz,
      habe mich jetzt auch mal eingelesen.

      Mir sind zwar nur wenige aufgefallen, doch gibt es hier und da vereinzelte Flüchtigkeitsfehler, wie fehlende Buchstaben, Kommata, Groß-/Klein-/Zusammenschreibung.
      Im Großen und Ganzen lässt sich der Text jedoch sehr flüssig lesen.

      Im Prolog geht mir alles ein wenig zu schnell.
      Er besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus wörtlicher Rede und wenig Beschreibung, weshalb es mir etwas schwer fällt mich in die Szene reinzuversetzen, mir also ein Bild davon zu malen.
      Auch wenn ich denke, dass du genau dies bezwecken wolltest, also etwas Unübersichtlichkeit durch Tempo und wenig Erklärung zu schaffen, um eben dem Leser einen Anreiz zu geben, sich die gewünschten Informationen im weiteren Text zu holen. Und natürlich auch um die etwas chaotische Situation, die ja zweifellos gerade herrscht, als solche wirken zu lassen.
      Dennoch glaube ich, dass du diesen Effekt auch erzielen kannst, ohne zu viele Details wegzulassen.

      Das du Detailverliebtheit nämlich auch als Stärke einsetzen kannst, beweist du speziell im ersten Abschnitt.
      Dieser sticht ja nicht gerade durch aktive Handlung hervor, sondern durch eine ausführliche Beschreibung der Wohnsituation des Protas und dessen Erlebnisse des letzten Tages.
      Ich habe ja ein Faible für solch ausschweifendes Erzählen, weshalb mir dieser Teil wirklich Spaß gemacht hat. Genau das richtige Erzähltempo für mich ;)

      Im zweiten Abschnitt sind mir gegen Mitte/Ende einige Dinge aufgefallen.
      Zunächst mal musste ich an gleich drei Stellen aufgrund deiner Wortwahl kurz innehalten. Das waren im Folgenden:

      Rebirz schrieb:

      In nicht allzu weiter Entfernung läuten Sirenen.
      Läutende Sirenen? Mit diesem Verb verbinde ich eigentlich eher Glockengeläut oder ein Klingeln, aber keine Sirenen.
      Eine Sirene heult. Alternativ kannst du auch noch "kreischt" verwenden, wie etwa im Prolog. Möglicherweise bin ich mit dieser Meinung ja auch allein, kein Plan.

      Rebirz schrieb:

      Das ist mein Stichwort!
      Und dann direkt der nächste Satz. Auch hier passt mMn der Kontext nicht wirklich. Sirenengeheul als Stichwort?
      Hier würde ich gar nicht mal nach einem passenden Synonym suchen, sondern besser komplett umschreiben.

      Rebirz schrieb:

      Obwohl ich nur noch halb so viel sehe wie bei der Hinreise, brauche ich nur halb so lange
      Und hier ist es das Wörtchen "Hinreise", welches mir ein wenig aufstößt.
      Er war ja nur joggen und ist mehr oder minder zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort aufgeschlagen. In dieser Hinsicht von einer "Reise" zu sprechen, anstelle vllt. einfach nur "auf dem Hinweg" zu verwenden, klingt auch ein wenig komisch.

      Was mich dann am Ende etwas verwundert, ist wie wenig ihn die Sichtung dieser grotesken Gestalt zu beschäftigen scheint.
      Klar, er ist vordergründig mit seinem Augenlicht beschäftigt, doch das er sich dann letzten Endes einfach Schlafen legt, ohne sich das zuvor Geschehene noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen? Ich persönlich könnte da ja nicht so einfach abschalten, egal wie erschöpft ich wäre.

      LG
      Rika
    • Erst mal noch frohe Weihnachten und danke für die Kommentare!

      Rika schrieb:

      Mir sind zwar nur wenige aufgefallen, doch gibt es hier und da vereinzelte Flüchtigkeitsfehler, wie fehlende Buchstaben, Kommata, Groß-/Klein-/Zusammenschreibung.
      Ja, das ist meine Krankheit. :( Ich hab den Text schon etliche male gelesen und sowas fällt mir einfach nicht auf. Bin da wirklich blind. Wenn also sowas auffällt, gerne ankreiden. Bin über sowas unglaublich dankbar!


      Rika schrieb:

      Im Prolog geht mir alles ein wenig zu schnell.
      Der Prolog war gedacht, mit einer kurzen Ladung Action und ein paar Schlagwörtern wie etwa "Halbgott" dem Leser mit einem großen Schritt in die Geschichte einbringen, ohne gleich mit einem Infodump oder einer zu ausschweifenden Szene mit der Tür ins Haus zu fallen. Gerade weil es danach etwas dauert, bis alles richtig ins Rollen kommt (Zumindest empfinde ich es so).
      Würde ich jetzt hier groß ins Detail gehen (z.B. mit der Stadt) würde ich vieles vorweg nehmen, das später besser passt.
      Jetzt bin ich mir noch unsicherer deswegen :S


      Rika schrieb:

      Was mich dann am Ende etwas verwundert, ist wie wenig ihn die Sichtung dieser grotesken Gestalt zu beschäftigen scheint.
      Klar, er ist vordergründig mit seinem Augenlicht beschäftigt, doch das er sich dann letzten Endes einfach Schlafen legt, ohne sich das zuvor Geschehene noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen? Ich persönlich könnte da ja nicht so einfach abschalten, egal wie erschöpft ich wäre.
      Auch ein guter Einwand und verständlich. Vielleicht fällt mir noch was ein, allerdings reagiert Marc generell sehr ruhig auf Situationen, was auch einen Hintergrund hat.


      Die übrigen Hinweise werde ich überdenken und bearbeiten. Es stimmt, dass hier ein paar Stolpersteine vorhanden sind. Danke!


      Gruß
      Rebirz
    • Rebirz schrieb:

      Wenn also sowas auffällt, gerne ankreiden. Bin über sowas unglaublich dankbar!
      Da schau' ich doch mal, ob ich die paar Fehlerchen wieder finde. Für gewöhnlich überlasse ich sowas aber lieber unseren Experten, gerade da ich ja eher ein Bauchmensch bin, was die Kommasetzung anbelangt ;)

      "[...]die mechanischen Alarmkugeln[...]"

      "Fluchend versucht er, trotz der Eile, seinen goldenen Brustpanzer zu verschnüren."

      "So nah?", platzt es aus Louis heraus."

      "Kurz vor drei Uhr"

      "Mit der Hand fahre ich über meinen Drei-Tage-Bart"

      "Im Wohnzimmer konnte ich, dank des Mondlichts, welches durch das Bullauge ins Zimmer fällt, zumindest ein klein wenig sehen, aber hier ist es absolut finster."

      "Unruhig laufe ich, mir vorsichtig die Augenlider reibend, im Zimmer umher."

      "Das war kein Zwei-Minuten-Ereignis,[...]"

      Wie gesagt, alles keine groben Schnitzer.

      Rebirz schrieb:

      Jetzt bin ich mir noch unsicherer deswegen
      Sorry, das wollte ich damit jetzt nicht bezwecken ^^
      Was du mit der Kürze bewirken wolltest, hab' ich mir so ja schon gedacht. Ich wollte jetzt auch nicht, dass du diesen Effekt durch unnötigen Infodump verwässerst.
      Vielmehr dachte ich, dass du noch ein paar mehr Umgebungsdetails mit einfließen lässt.
      Ich, als völlige "Weltfremde", lese hier nur etwas von einer Straße, einem Stadttor und einer Außenhülle.
      Da kann ich mir jetzt entweder alles oder nur wenig darunter vorstellen.

      Nochmal: Das ist jetzt nur mein persönlicher Eindruck.
      Wenn du sagst, du kannst nicht ins Detail gehen, ohne zu Spoilern, dann ist das eben so!

      LG
      Rika
    • Rika schrieb:

      Wie gesagt, alles keine groben Schnitzer.
      Trotzdem könnt ich immer den Schädel gegen die Tastatur dreschen, wenn ich dann sowas sehe. Einfach unfassbar wie blind man sein kann. Gerade diese fehlenden Buchstaben ...
      Riesen Dank für die Korrektur!

      Am Prolog werde ich glaube nichts hinzufügen. Die Stadt kommt ja - wie man sich vermutlich denken kann - später ja sowieso noch vor und es macht finde ich eher Sinn, sie aus der Sicht des Protas zu beschreiben, der sie zum ersten mal sieht.
    • So, dann geht's mal weiter. Ich ringe mit mir selbst, ob dieses Kapitel (also dieser Teil und der nächste) nicht etwas langatmig und vielleicht auch unspektakulär ist. Wenn ich also Teil 2 geposted habe, wäre ich dankbar über ein paar Meinungen diesbezüglich. Vielleicht auch Vorschläge, wo man kürzen könnte?
      Bestimmte Dinge sind später von Relevanz, daher habe ich hier ein paar Grundmauern gezogen und versucht bei der Gelegenheit ein paar Details der Protas einzubauen. Bin mal gespannt, ob es geglückt ist ?(


      Kapitel: 2.0

      Marc Gray
      Spoiler anzeigen
      Laute Rockmusik reißt mich gefühlt keine zehn Sekunden später aus dem Schlaf. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass es der Klingelton meines Handys ist. Ich schnappe es vom Boden neben dem Bett. Es ist Yu. Hätte mich auch gewundert, wenn es anders wäre. Niemand sonst, den ich kenne, telefoniert heutzutage noch so viel wie er.
      Yu ist für mich das, was man wohl einen besten Freund nennen darf. Wir sind miteinander aufgewachsen und er ist wie ein Bruder für mich. Yu ist natürlich nur ein Spitzname. Eigentlich heißt er Yuji Bennet. Seine Mutter ist Japanerin, sein Vater stammt aus Amerika. Daher die etwas außergewöhnliche japakanische Mischung. Unsere Eltern sind Geschäftsleute, die ein gemeinsames Unternehmen führen und da wir früher ständig auf quälend langweiligen Geschäftsreisen mitgeschleift wurden, haben wir entsprechend viel Zeit miteinander verbracht.
      Auch mein Vater ist Amerikaner. Meine Mutter Deutsche. Schräge Namenskombination Nummer Zwei: Marc Gray. Klingt wie der Fantasiename eines schlechten Autors. Aber es ist eines der zahlreichen Dinge, die Yu und ich gemeinsam haben. Da wäre natürlich noch unser Musikgeschmack, unsere manchmal schon unheimliche Art das Gleiche zu denken und auf Situationen zu reagieren, unser Hass auf unsere Eltern ...
      Ich tippe auf Annehmen. „Moin! Was gibt's?“
      „Du bist zu spät. Das gibt's“, kommt prompt aus dem Lautsprecher zurück.
      Ein schneller Kontrollblick auf den Wecker bestätigt seine Aussage. „Ich sitz quasi schon neben dir!“
      „Aber natürlich. Ich seh dich schon laufen. Da hinten. Ganz weit weg. Weit in der Ferne ... Ferne ... Ferne ...“ Übertrieben künstlich lässt er die Worte immer leiser werden, bevor die Verbindung unterbrochen wird.
      „Schwachkopf“, grunze ich.
      In einem Tempo, für das mich jeder Soldat in der Grundausbildung beneiden würde, ziehe ich mich an und sprinte die Wendeltreppe hinunter auf den Parkplatz, wo ich den metallic blauen Kombi von Yu stehen sehe und schwinge mich auf den Beifahrersitz.
      „Wecker hat nicht geklingelt“, grinse ich ihm unschuldig ins Gesicht.
      „Wie so oft“, grinst er zurück. Wir begrüßen uns wie immer per Handschlag. „Hätte eigentlich erwartet, dass du auf dem Parkplatz Saltos schlägst, wenn ich hier aufkreuze. Auf den Termin bei Doktor Frank wartest du ja schon seit Tagen.“ Er startet den Motor und biegt auf die Straße ein.
      „Da liegst du gar nicht so falsch“, erwidere ich. „War heute Morgen schon eine schnelle Runde Joggen.“
      „Boxen offenbar auch“, ergänzt Yu mit einem unüberhörbar sarkastischen Unterton und deutet auf meine rechte Hand mit den Schürfwunden.
      „Ach das. Hab mich mit Mutter Natur angelegt.“
      „Wer hat gewonnen?“
      „Fahr und frag nicht so dumm“, grunze ich.
      Ich bin unsagbar froh, dass sich Yu vor einigen Monaten dieses Auto gekauft hat. Er hat ewig darauf gespart, zahllose Überstunden geschoben und nebenbei gejobbt, um sich sein Schatzi, wie er es gerne betitelt, leisten zu können. Damit sind wir endlich wesentlich mobiler und müssen nicht jedes zweite Wochenende eine Zweimannkellerparty bei Yu feiern, weil der Bus wieder mal ausgefallen ist und wir in Bergstedt festsitzen.
      Na ja, eigentlich könnten wir - wenn wir denn wollten - mehrere Autos besitzen und jeden Freitag bis Sonntag in unserem eigenen Haus eine Dauerparty schmeißen. Da gibt es nur das eine kleine, aber alles entscheidende Problem: Wir müssten mit unseren Eltern reden. Was wir nicht tun. Meine und Yus Eltern sind, wie bereits erwähnt, ständig geschäftlich unterwegs und verdienen nicht unbedingt schlecht. Gut, das ist maßlos untertrieben. Yu hatte einmal erzählt, er hätte einen kurzen Blick auf den aktuellen Kontoauszug seiner Mutter erhascht und sich bei den vielen Stellen hinterm Punkt verzählt. Das ist jetzt schon einige Jahre her und es ist mit Sicherheit nicht weniger geworden.
      Für heute hatte er mir auf jeden Fall versprochen, mich zu Doktor Frank zu fahren. Und auf ein Versprechen von Yu kann man sich immer verlassen. Während der Fahrt albern wir wie üblich etwas herum, bis er sich danach erkundigt, wie es denn meinen Augen geht. Kurz überlege ich, ob ich ihm vom Vorfall heute Morgen erzählen soll, entscheide mich jedoch dagegen. Er würde mir zwar sicherlich glauben, aber trotzdem Witze darüber reißen. Und ich fand die Sache eigentlich nicht allzu komisch.
      „Keine Verschlechterung, allerdings auch keine Verbesserung“, antworte ich stattdessen.
      „Das kriegen wir schon wieder hin“, lacht Yu und verpasst mir einen aufmunternden Schlag auf die Schulter. „Wenn alle Stricke reißen, kaufen wir dir ´ne Augenklappe, aye?“
      „Arrr, schau auf die Straße, du Komiker.“
      Das Lachen kann ich mir trotzdem nicht verkneifen. Auch wenn achtzig Prozent seiner Witze flach und wirklich einfach nur schlecht sind, schafft er es mit seinem einzigartigen Charme, dennoch immer wieder die Leute zum Schmunzeln zu bringen. Eine ganz besondere Gabe, wenn man mich fragt.
      Als wir von der Landstraße auf die Autobahn auffahren, sind wir etwa eine viertel Stunde unterwegs und fast zehn Minuten hinter meinem Zeitplan. Die Strecke ist relativ frei, was Yu nutzt, um ordentlich aufs Gas zu drücken. Die Bäume am Straßenrand rauschen an uns vorbei, während laute Musik aus den Boxen dröhnt. Irgendeine neue Band, in die Yu völlig vernarrt ist und woraus er auch keinen Hehl macht. Er trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad, lässt sein langes, schwarzes Haar fliegen und grölt sporadisch einzelne Teile des Textes mit. Er hat eher einen Drang zu härteren Klängen, denen ich prinzipiell nicht abgeneigt bin, aber gelegentlich wird es mir doch etwas zu utopisch.
      Als ich mich gerade wieder den Bäumen widmen will, sehe ich es plötzlich. Am Straßenrand, etwa hundert Meter entfernt, unter einer großen Weide, hängt ein Flimmern in der Luft. In der Mitte leuchtet eine Schweißnaht.
      „Zieh auf die andere Seite!“, schreie ich vor Schreck und Yu verreißt schlagartig das Lenkrad.
      Der Wagen schießt auf die Überholspur. Er hat nicht einmal einen Blick in den Rückspiegel geworfen. Glücklicherweise ist die Fahrbahn noch immer frei und wir rasen auf der linken Spur am Baum und dem Schnitt vorbei. Ich drehe mich noch nach hinten, um zu sehen, ob er auch diesmal explodiert - was im Nachhinein gesehen nicht sonderlich klug war - aber nichts passiert. Gleichgültig wehen die Blätter der Weide im Fahrtwind.
      „Verdammt! Was war los?“, schimpft Yu und dreht die Musik leiser. Wieder ringe ich mit dem Gedanken, ihm die Wahrheit zu sagen, entscheide mich jedoch erneut dagegen.
      „Katze“, stammele ich. „Katze von rechts aus dem Gebüsch.“
      „Ich hab keine Flohschleuder gesehen, aber wenn du es sagst.“
      Er grummelt noch irgendwas Unverständliches hinterher, was sich ein wenig wie Katzenhaare auf meinem Schatzi anhört. Entweder sind meine Augen wirklich total im Arsch oder es ist mein Gehirn. Ich bin mir nicht sicher, was mir lieber wäre. Glücklicherweise verläuft der Rest der Fahrt ruhig.
      Doktor Franks Praxis ist eine von vielen, in einem nagelneuen Gebäudekomplex, in dem man das riesige Einkaufszentrum von Bergstedt fast zweimal unterbringen könnte. Das ganze Ding schaut etwas futuristisch aus. Wir parken das Auto in der Tiefgarage und nehmen den Fahrstuhl nach oben.
      In der Praxis selbst herrscht wie immer reges Treiben. Der Doktor ist ein anerkannter Spezialist auf seinem Gebiet und Patienten kommen teilweise von sehr weit her, um speziell von ihm behandelt zu werden. Wir schlendern Richtung Empfangsschalter, an dem zwei Arzthelferinnen die Patienten aufnehmen. Gerade, als ich mich in der linken Reihe, hinter einem Ehepaar anstellen will, gibt mir mein Freund einen kräftigen Ruck und wir stolpern in die rechte Schlange.
      „Was zum ...?“
      „Bessere Aussicht“, grinst Yu und nickt in Richtung Schalter.
      Am linken Platz arbeitet eine etwas fülligere, ältere Frau, auf deren Namenschild am Tresen Margret steht. Am Rechten hingegen sitzt eine junge Arzthelferin mit langen blonden Haaren, großen leuchtenden Augen und dem wohl breitesten und herzhaftesten Lachen, das ich jemals gesehen habe. Auf ihrem Namenschild steht Anna.
      „Wenigstens deine Glubscher funktionieren noch fehlerfrei“, schmunzle ich.
      Als wir an der Reihe sind, wirkt das Lächeln von Anna sogar richtig ansteckend und wir stehen beide mit einem breiten Grinsen vor ihr.
      „Guten Tag, die Herren. Haben Sie einen Termin?“, begrüßt sie uns.
      „Ich habe einen Termin bei Doktor Frank, bin allerdings leider etwas zu spät dran. Ist das ein Problem?“
      „Der Doktor hat einen sehr vollen Terminplan, aber schauen wir mal, was wir machen können. Haben Sie ihre Versicherungskarte dabei?“
      Tankkarte, Geldkarte, Kreditkarte, Mitarbeiterkarte. Alle möglichen Karten stecken in meinem Geldbeutel. Doch wie könnte es anders sein? Natürlich keine Versicherungskarte. Typisch.
      „Tut mir leid, ich hab sie wohl in der Hektik vergessen.“
      Anna tippt kurz etwas in ihren PC ein. „Den Namen bitte.“
      „Marc Gray. Gray mit einem A.“
      Wieder bearbeitet sie die Tastatur und studiert für eine Sekunde meine Patientendaten. „Marc Gray aus Bergstedt. Zwanzig Jahre alt, richtig?“
      „Alles korrekt“, erwidere ich.
      „Yuji Bennet. Ebenfalls aus Bergstedt. Zwanzig Jahre alt. Meine Freunde nennen mich Yu. Bitte nenn mich Yu, Anna. Noch die Handynummer zur Vollständigkeit der Daten?“, platzt mein bester Freund dazwischen und leiert sogleich extra langsam seine Nummer herunter, damit man auch auf keinen Fall eine Zahl vergisst. Selbst einem Kleinkind wäre sie jetzt für alle Ewigkeit ins Gehirn eingebrannt.
      Anna huscht ein mehrdeutiges Schmunzeln über die Lippen, dass ich nicht so recht deuten kann. Komisch, normalerweise bin ich gut in sowas.
      „Du hast Glück, Marc. Doktor Frank hat einen freien Termin in etwa einer halben Stunde. Bitte setzt euch.“, sagt sie schließlich.
      Während wir im Wartezimmer sitzen, mache ich mich natürlich über Yus Anmachkünste lustig. So, wie es ein guter Freund halt macht. Schmunzelnd beobachten wir die hübsche Arzthelferin dabei, wie sie zwischen den Untersuchungsräumen hin- und herläuft. Als ich dann allerdings an der Reihe bin, ist mir nicht mehr nach Späßen zumute.
      Jetzt wird es ernst!


      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Hey @Rebirz,

      ich kann mich den anderen nur anschließen. Dein Schreibstil gefällt mir. Nicht so verschnörkelt oder übetrieben poetisch. Es fällt sehr leicht, dir zu folgen. Dein Prota kommt sympathisch rüber...irgendwie mag ich ihn. Obwohl ein paar Dinge ja bereits angemerkt wurden, über die ich ebenfalls beim Lesen gestolpert bin. So zum Beispiel seine Reaktion nachdem er dieses merkwürdige Wesen auf der Baustelle gesehen hat. Die Situation an sich fand ich gut beschrieben (obwohl ich mir den "Schnitt in der Luft" irgendwie nicht so gut vorstellen konnte-ist aber vielleicht mein Problem) Dass er sich danach ohne jeden weiteren Gedanken daran schlafen legt, war aber schon ein bisschen strange.

      Yu finde ich auch klasse. Du hast die Freundschaft der beiden ganz gut skizziert, wie ich finde. Was mich aber an dem letzten Teil gestört hat, sind zwei Dinge: Zum einen, als erneut dieses "Flimmern in der Luft mit einem weißen Schnitt" auftritt...ich kann noch nicht mal genau sagen, was mich daran gestört hat. Vielleicht, dass es so schnell abgehandelt wurde...oder dass ich mich wieder nicht richtig vorstellen konnte, was genau da jetzt überhaupt passiert...ich finde es auch etwas seltsam, dass Marc das seinem Kumpel nicht erzählt und daraus so eine Geheimniskrämerei macht. :hmm:
      Der nächste Punkt war Yus dreister Flirtversuch. Er scheint ja ein richtiger Spaßvogel zu sein, was irgendwie ganz witzig ist. Plump, aber witzig! Die Reaktion von Anna würde ich aber nicht unbedingt als besonders schlagfertig bezeichnen. Sie sagt eigentlich nur "In Ordnung Herr Bennet". Vielleicht könnte man sich hier noch etwas Originelleres einfallen lassen? Ansonsten verstehe ich das nicht als "geschickten Konter". (weißt du, was ich meine?)

      Alles in allem aber ein guter Einstieg...ich lese gerne weiter :)

      LG,
      Rainbow
    • Rainbow schrieb:

      Hey @Rebirz,

      ich kann mich den anderen nur anschließen. Dein Schreibstil gefällt mir. Nicht so verschnörkelt oder übetrieben poetisch. Es fällt sehr leicht, dir zu folgen. Dein Prota kommt sympathisch rüber...irgendwie mag ich ihn. Obwohl ein paar Dinge ja bereits angemerkt wurden, über die ich ebenfalls beim Lesen gestolpert bin. So zum Beispiel seine Reaktion nachdem er dieses merkwürdige Wesen auf der Baustelle gesehen hat. Die Situation an sich fand ich gut beschrieben (obwohl ich mir den "Schnitt in der Luft" irgendwie nicht so gut vorstellen konnte-ist aber vielleicht mein Problem) Dass er sich danach ohne jeden weiteren Gedanken daran schlafen legt, war aber schon ein bisschen strange.

      Yu finde ich auch klasse. Du hast die Freundschaft der beiden ganz gut skizziert, wie ich finde. Was mich aber an dem letzten Teil gestört hat, sind zwei Dinge: Zum einen, als erneut dieses "Flimmern in der Luft mit einem weißen Schnitt" auftritt...ich kann noch nicht mal genau sagen, was mich daran gestört hat. Vielleicht, dass es so schnell abgehandelt wurde...oder dass ich mich wieder nicht richtig vorstellen konnte, was genau da jetzt überhaupt passiert...ich finde es auch etwas seltsam, dass Marc das seinem Kumpel nicht erzählt und daraus so eine Geheimniskrämerei macht. :hmm:
      Der nächste Punkt war Yus dreister Flirtversuch. Er scheint ja ein richtiger Spaßvogel zu sein, was irgendwie ganz witzig ist. Plump, aber witzig! Die Reaktion von Anna würde ich aber nicht unbedingt als besonders schlagfertig bezeichnen. Sie sagt eigentlich nur "In Ordnung Herr Bennet". Vielleicht könnte man sich hier noch etwas Originelleres einfallen lassen? Ansonsten verstehe ich das nicht als "geschickten Konter". (weißt du, was ich meine?)

      Alles in allem aber ein guter Einstieg...ich lese gerne weiter :)

      LG,
      Rainbow
      Hey Rainbow,

      freut mich, dass der Prota schon mal einen guten ersten Eindruck gemacht hat und mein Stil offenbar passt. :) Ich versuche es bewusst etwas simpler mit der "Poetik" zu halten, weil es meiner Meinung nach einfach besser in ein modernes Setting passt, wenn etwas lässiger gesprochen wird.

      Was genau stört dich denn an dem "Flimmern" bzw. dem "Schnitt"? Da bin ich mir gerade nicht so schlüssig, was ich anders beschreiben sollte. ?(

      Bezüglich den restlichen Anmerkungen habe ich schon ein paar Veränderungen vorgenommen und werde sie hier posten, sobald ich mir sicher bin, dass ich damit zufrieden bin

      Danke!

      Gruß
      Rebirz
    • Hey,

      Rebirz schrieb:

      Zuerst sieht es aus, als würde die Hitze dort die Luft zum Flimmern bringen, doch das ist es nicht, was mich stört. Es wirkt unnatürlich. Ich zwinkere mehrmals, nur um sicherzugehen, dass es gewiss keine optische Täuschung ist. Genau in der Mitte des Flimmerns, über die gesamte Länge – grob geschätzt zwei Meter - erstreckt sich ein schmaler, leuchtender Streifen, der immer heller wird.
      Ich weiche einige Schritte vom Bauzaun zurück, kann meinen Blick jedoch nicht von dem seltsamen Phänomen losreißen, das sich mir da bietet. Geistesabwesend nehme ich die Sonnenbrille ab. Zu spät bemerke ich den Fehler. Das Flimmern wird nach innen hin gezogen und von dem Leuchten regelrecht aufgesaugt, bis es nur noch ein feiner, aber greller Schnitt ist. Für einen Moment droht er einfach zu verblassen, doch dann explodiert er wie eine Blendgranate. Ein lautes Klirren schallt über die Baustelle. Als hätte jemand einen riesigen Spiegel vom Dach geworfen.
      Wenn du hier von "der Hitze" sprichst, die dort die Luft zum Flimmern bringt, fragt man sich, wo kommt diese Hitze her? Es ist früh am Morgen, da sollte es noch recht kühl sein. Deshalb verwundert es mich, dass das Marc nicht stört. Das Flimmern alleine ist ja schon recht ungewöhnlich.
      Das sind nur kleine Nuancen im Text, die man sicher durch kleine Formulierungen deutlicher hervorheben könnte. Zum Beispiel könnte man schreiben: "Ein unnatürliches Flimmern hängt in der Luft, als würde sie auf seltsame Weise erhitzt. Ein Phänomen, wie man es im Sommer häufig beobachten kann, wenn der Aspahlt durch starke Sonneneinstrahlung zu schwelen beginnt.Im Zentrum dieses Naturschauspiels tritt ein schmaler, leuchtender Streifen hervor, der immer heller wird...(mich interessiert hier als Leser nur bedingt, dass der Streifen grob geschätzt zwei Meter groß ist. Die Info könnte man vielleicht durch eine andere ersetzen....man fragt sich auch, ob Marc das aus der Entfernung überhaupt so genau erkennen kann :hmm: )

      "Das Flimmern wird nach innen hingezogen..." Hiermit habe ich auch so meine Probleme. So, wie ich mir das vorstelle, entsteht hier gerade sowas wie eine Leuchtkugel? Nee,...du schreibst ja was von einem grellen Schnitt, der dann aber offensichtlich irgendwie explodiert. Vielleicht ist es der "Schnitt", der für mich hier nicht passt. Mhhhh...

      Ich mag dir da nicht so sehr reinreden...vielleicht ist es ja auch nur mein Problem. ;)

      Rebirz schrieb:

      Über der Baustelle steigt eine riesige Staubwolke in den Himmel auf. Der große Arbeitsscheinwerfer, bei dem der seltsame Schnitt aufgetaucht war, steht nicht mehr auf dem Dach. Er ist umgestürzt und durch den Rohbau hinunter in das Einkaufszentrum gekracht. Dabei hat er einiges an Baumaterial und Werkzeug mitgerissen.
      Der Schnitt scheint es dir wirklich angetan zu haben, denn hier erwähnst du ihn schon wieder.Ich glaube, ich würde das hier entweder streichen oder die Explosion noch einmal in den Vordergrund rücken, denn die hat ja auch dazu geführt, dass der Arbeitsscheinwerfer runtergekracht ist.

      Rebirz schrieb:

      Als ich mich gerade wieder den Bäumen widmen will, sehe ich es plötzlich. Am Straßenrand, etwa hundert Meter entfernt, unter einer großen Weide, hängt ein Flimmern in der Luft. In der Mitte leuchtet ein weißer Schnitt.
      „Zieh auf die andere Seite!“, schreie ich vor Schreck und Yu verreißt schlagartig das Lenkrad.
      Der Wagen schießt auf die Überholspur. Er hat nicht einmal einen Blick in den Rückspiegel geworfen. Glücklicherweise ist die Fahrbahn noch immer frei und wir rasen auf der linken Spur am Baum und dem Schnitt vorbei. Ich drehe mich noch nach hinten, um zu sehen, ob erneut das helle Licht auftaucht - was im Nachhinein gesehen nicht sonderlich klug war - aber nichts passiert. Der Schnitt flimmert nur etwas stärker, als der Fahrtwind die Blätter der Weide zum Wehen bringt.
      Wolltest du uns irgendwie mitteilen, dass es wie ein "Schnitt" aussieht? :) Ich würde mir da noch eine etwas aussagekräftigere Beschreibung wünschen.Da kannst du dich doch total austoben...versuch`s mal.

      Ich weiß nicht, ob dir meine Anmerkungen weiterhelfen. Ich finde es manchmal schwierig, meine Eindrücke an etwas Bestimmten festzumachen. Aber das sind die Dinge, die mir so dazu einfallen.

      LG,
      Rainbow
    • Rainbow schrieb:

      Wolltest du uns irgendwie mitteilen, dass es wie ein "Schnitt" aussieht? Ich würde mir da noch eine etwas aussagekräftigere Beschreibung wünschen.Da kannst du dich doch total austoben...versuch`s mal.
      Ich hatte eigentlich bei einem Schnitt ein klares Bild im Kopf, aber gut, ich setzt mich noch mal dran. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, kann man tatsächlich hier ein wenig spielen, da es ja ein magisches Ereignis ist.

      Edit:

      Rainbow schrieb:

      ich finde es auch etwas seltsam, dass Marc das seinem Kumpel nicht erzählt und daraus so eine Geheimniskrämerei macht.
      Das ist mir noch nachträglich aufgefallen. Also ich finde es nicht sonderlich seltsam. Ich habe selbst einen guten Kumpel, mit dem ich problemlos über weis der Teufel was quatschen kann, was jedoch nicht bedeutet, dass ich ihn gleich alle meine Sorgen ins Gesicht schmeiße. Ich denke, dass jeder erst mal für sich selbst gewisse Dinge durchdenken muss, bevor er mit jemand anderem darüber spricht. Auf diesem Prinzip habe ich auch diese Unterhaltung aufgebaut.
      Die Erklärung ändert jetzt zwar deinen Eindruck nicht, aber zumindest verstehst du meine Gedanken dahinter :D

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Lieber @Rebirz
      Diesen "Schnitt" kann ich mir auch nicht recht vorstellen, ich denke dann immer an eine Schere.
      Ist es ein Riss zwischen den Welten? Eine Spalte in der Raum/Zeit?

      Du scheinst eine genaue Vorstellung vom "Schnitt" zu haben. Möglicherweise klärt es sich später, vielleicht kannst du es noch besser schildern was man da sieht.

      Eine gleißend helle Verzerrung der Umgebung, die wie ein ein Spalt in einer Mauer, plötzlich vor ihm auftaucht?
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Sensenbach ()

    • Sensenbach schrieb:

      Lieber @Rebirz
      Diesen "Schnitt" kann ich mir auch nicht recht vorstellen, ich denke dann immer an eine Schere.
      Ist es ein Riss zwischen den Welten? Eine Spalte in der Raum/Zeit?

      Du scheinst eine genaue Vorstellung vom "Schnitt" zu haben. Möglicherweise klärt es sich später, vielleicht kannst du es noch besser schildern was man da sieht.

      Eine gleißend helle Verzerrung der Umgebung, die wie ein ein Spalt in einer Mauer, plötzlich vor ihm auftaucht?
      Ich habe jetzt meine Änderungen online gestellt. Hoffe, dass es jetzt deutlicher ist. Wenn noch Unklarheiten sind, bitte sagen :)

      Bei der Gelegenheit stelle ich auch gleich noch den zweiten Teil des Kapitels ein. Ich hoffe, das es nicht zu viel Text auf einmal ist, aber ich habe keinen guten Schnittpunkt gefunden, um den Teil zu kürzen. Wie schon gesagt, erscheint mir das Kapitel etwas langatmig. Wenn ihr das auch so sehr, fände ich es interessant, was ihr evtl. streichen würdet.

      Ach ja, ein gutes neues Jahr wünsche ich natürlich auch noch! :)

      Kapitel: 2.1

      Marc Gray
      Spoiler anzeigen

      Anna führt mich zum Büro des Doktors, während Yu im Wartezimmer sitzen bleibt.
      „Herr Doktor? Herr Gray wäre jetzt hier.“
      Doktor Frank ist mindestens zwei Meter groß und sieht aus, als müsste er schon seit zehn Jahren in Rente sein. Von seinem grauen Haar sind nur noch wenige, einzelne Härchen übrig geblieben, die wie Antennen in alle Himmelsrichtungen stehen. Dafür hat er umso mehr Haarwuchs im Gesicht. Würde er sich seinen Vollbart auf den Kopf transplantieren lassen, ließe ihn das locker gleich zehn Jahre jünger aussehen. Zum Jungspund würde es ihn zwar nicht machen, aber immerhin etwas.
      „Danke, Anna“, erwidert er und nimmt meine Unterlagen entgegen. Die Arzthelferin verlässt daraufhin das Büro in das Nebenzimmer. Dort hatte der Doktor die meisten Untersuchungen an mir durchgeführt, von denen ich mir jetzt erhoffe, dass sie zumindest nicht vollkommen umsonst waren.
      „Hallo, Marc. Bitte nimm Platz. Wie geht es dir?“, begrüßt er mich und reicht die Hand über den Tisch. Sein Händedruck ist wie auch beim letzten Mal überraschend kräftig.
      „Den Umständen entsprechend gut.“
      Was sollte ich auch sonst sagen? Seit heute Morgen sehe ich äußerst lustig leuchtende Schnitte in der Luft, die darauf stehen, Baustellen in Schutt und Asche zu verwandeln?
      „Irgendwelche Verbesserungen bemerkbar?“
      „Eher Verschlechterungen.“
      Ich erzähle ihm, dass ich wieder grellem Licht ausgesetzt wurde und die schwarzen Flecken sich rapide ausgebreitet haben, zum Glück aber noch immer in der Dunkelheit verschwinden. Natürlich lasse ich meine flimmernden Spezialeffekte außen vor. Das Fernlicht eines Autos tut es als Beispiel auch. Der Doktor macht sich einige Notizen und stützt sein Kinn auf den Händen ab.
      „Tut mir leid, Marc, aber es ist, wie ich befürchtet habe. Ich konnte mit keinem der Tests etwas Ungewöhnliches feststellen. Deine Augen sind aus ärztlicher Sicht vollkommen in Ordnung. Um ehrlich zu sein, sind sie sogar fast zu gut.“
      An seinem nachdenklichen Blick kann ich erkennen, dass er wirklich alles versucht hat und das befördert meine Laune noch weiter in den Keller. Ich lasse mich in meinem Stuhl nach hinten fallen und atme tief durch.
      „Wie können Augen zu gut sein, wenn sie blind werden?“
      Doktor Frank lehnt sich ebenfalls zurück. „Ich weiß, dass dir das sehr zu schaffen macht. Darum bin ich mir auch sicher, dass du sämtliche Tests ernsthaft durchgeführt hast. Liege ich mit dieser Annahme richtig?“
      Natürlich habe ich die Checks ernsthaft gemacht. Mein Augenlicht ist mir zu wichtig, als dass ich darüber Scherze machen würde, du Quacksalber! Hätte ich fast geantwortet, stimme aber nur stumm nickend zu.
      „Dachte ich mir. Du hast bei einigen Tests überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Wie zum Beispiel beim Sichtfeld oder der Nachtsicht. Solche Ergebnisse wie bei dir, habe ich in meiner gesamten Laufbahn noch nicht gesehen.“
      „Na ganz große Klasse! Ich habe Supermans Augen, muss aber den Rest meines Lebens mit Sonnenbrille rumlaufen und mir diese beschissenen Lichtspiele reinziehen!“
      Das ist lauter und aggressiver aus mir herausgeplatzt, als ich eigentlich wollte. Eine unangenehme Stille macht sich im Raum breit.
      „Tut mir leid, Doktor. Ich wollte nicht laut werden. Ist ja schließlich nicht Ihre Schuld.“
      Der Doktor sitz immer noch zurückgelehnt im Stuhl und starrt mir direkt in die Augen. Irgendetwas ist plötzlich anders an seinem Blick. Er ist unangenehm durchbohrend. Als würde er versuchen, mir durch die Augen in den Kopf zu schauen, und meine Gedanken zu lesen. Unruhig rutsche ich umher.
      „Alles in Ordnung, Doktor Frank?“
      Das scheint ihn in die Realität zurückgeholt zu haben und sein Blick normalisiert sich.
      „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, was du meinst. Von was für Lichtspielen sprichst du, Marc?“
      „Na ja, Sie wissen schon, wenn man geblendet wird, sieht man doch immer wieder mal Sternchen“, versuche ich mich nicht sonderlich graziös rauszureden.
      Erst jetzt wird mir klar, dass ich mich verplappert habe. Ich bin froh, dass Doktor Frank mir als Einziger von drei Ärzten geglaubt hat, da will ich nicht, dass er mich für verrückt erklärt, wenn ich ihm die Wahrheit sage. Für einen Moment scheint es so, als würde er die Sache auf sich beruhen lassen, doch dann bekommen seine Augen wieder diesen durchbohrenden Blick.
      Wer hat jetzt hier die Superman-Augen?
      „Wäre es für dich in Ordnung, wenn wir noch einen Test machen, Marc? Mir ist gerade etwas eingefallen, das ich überprüfen möchte.“
      „Klar, kein Problem. Ich bin für alles offen, was mir helfen könnte.“
      Das habe ich zwar so einfach dahingesagt, aber in Wirklichkeit bin ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich diesen Test machen möchte. Der Doktor war mir eigentlich von meinem ersten Besuch an absolut sympathisch, doch nun würde ich am liebsten nur noch schnellstens aus dem Zimmer laufen.
      Wir gehen trotzdem in das Untersuchungszimmer nebenan, in welches zuvor Anna verschwunden ist und das sie seitdem auch nicht mehr verlassen hat. Na wenigstens habe ich dann eine kleine optische Ablenkung.
      Hoffentlich nicht die Letzte in meinem Leben.
      Die Überraschung ist groß, als wir das Zimmer betreten und weit und breit keine Spur von ihr zu sehen ist. Mein Blick schweift durch den Raum, auf der Suche nach einem anderen Ausgang, kann aber keinen entdecken. Der einzige Weg rein und raus ist durch das Büro des Doktors. Bevor ich weiter darüber grübeln kann, wie sie unbemerkt verschwinden konnte, reißt mich der Doktor aus meinen Gedanken.
      „Bitte nimm da auf dem Stuhl Platz.“
      An der Seite des ledernen Untersuchungsstuhls steht ein schon fast monströses Gerät, mit dem man die Sehstärke der Augen messen kann. Und vermutlich noch etliche Dinge mehr, von denen ich nichts verstehe. Der Doktor holt jedoch ein anderes Werkzeug aus dem Schrank, welches ich noch bei keiner bisherigen Untersuchung zu Gesicht bekommen habe. Es sieht aus wie eine überdimensional große Brille, in der anstelle von Gläsern eine Art hauchdünne Folie eingelassen ist. Oben und unten am Rahmen befinden sich jeweils zwei Klammern.
      „Ich muss dich warnen, dieser Test ist etwas unangenehm.“
      Er wirkt angespannt auf mich. Als würde er jeden Moment damit rechnen, dass ihm jemand in den Rücken fällt. Ob es so gut für mich ist, wenn er in diesem Zustand an meinen Augen herumspielt?
      „Was macht das Gerät?“, frage ich skeptisch.
      „Es macht ...“ Der Doktor starrt für einen Augenblick in den mannshohen Spiegel in der Ecke des Raumes und legt sich wohl in Gedanken eine Erklärung zurecht, die auch ein Laie wie ich versteht. „Es macht eine Art Abdruck deiner Hornhaut, den ich auslesen kann. Die exakte Funktion zu erläutern, würde unseren zeitlichen Rahmen etwas sprengen.“
      Das ergibt für mich sowas von überhaupt keinen Sinn. „Bringen wir's einfach hinter uns.“
      Er setzt mir das Ding auf den Kopf, stellt die Größe auf Schädelumfang und Augenabstand ein und sichert mit den Klammern meine Augenlider. Zu guter Letzt tröpfelt er mir noch einige Feuchtigkeitstropfen in die Augen und begutachtet seine Arbeit.
      „Ok, das könnte jetzt ganz kurz brennen, aber versuch dich ruhig zu verhalten. Es dauert auch nicht lange“, ermahnt er mich und drückt im selben Moment links und rechts auf die Brille.
      Dann geht alles ganz schnell. Die Foliengläser legen sich auf meine Pupillen, als würden sie versuchen meine Augen zu vakuumieren. Die Tropfen sind schlagartig aufgesaugt und meine Augen pulsieren schlimmer, als wenn mich grelles Licht blendet. Ich beiße die Zähne zusammen, aber da ist es auch schon vorbei. Der Doktor nimmt die Brille ab und tropft mir ein neues Mittel auf die Netzhaut.
      „Halte die Augen kurz geschlossen, bis das Brennen aufhört. Es wird nicht lange dauern.“
      Das hätte er mir nicht sagen müssen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich sie nicht öffnen.
      Es brennt wie die Hölle!
      Einige Minuten später lassen die Schmerzen nach und ich blinzle vorsichtig. Alles ist verschwommen. Doktor Frank hat die Brille in eine andere Apparatur gesteckt und studiert sie ausgiebig. Wie es scheint, ist die Folie wieder in den Brillengläsern eingelassen. Auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie das funktioniert haben soll.
      „Und? Hat es was gebracht, dass ich meine Augen verätzt habe?“ Ich versuche nicht allzu zynisch zu klingen.
      Der Blick des Doktors hängt erneut auf dem Spiegel und er brummelt nachdenklich einige unverständliche Worte vor sich her. Mit einem hörbaren Räuspern versuche ich auf mich aufmerksam zu machen.
      „Seltsam, ich war mir sicher ...“, murmelt er diesmal etwas lauter, aber noch immer zu sich selbst. Dann erinnert er sich wohl daran, dass ich noch im Raum bin. „Nein, tut mir leid, Marc. Ich bin auch hier zu keinem positiven Ergebnis für dich gekommen.“
      Das ganze Spiel wir mir jetzt endgültig zu bunt. Ich bedanke mich bei Doktor Frank für seine Mühen und Geduld, sage ihm, dass es vielleicht doch etwas mit meinem Kopf zu tun hat und ich nochmals einen Psychologen aufsuchen werde. Auch der Doktor wirkt mit einem Mal so, als möchte er schnellstmöglich alleine gelassen werden. Er entschuldigt sich nur hastig, dass er mir nicht helfen konnte, und schließt eilig die Tür hinter mir.
      Mit mieser Laune im Gepäck hole ich Yu aus dem Wartezimmer und kurz darauf sitzen wir wieder in seinem Auto, auf dem Weg in Richtung Bergstedt. Zurück auf der Autobahn erzähle ich ihm, wie die Untersuchung verlaufen ist und wie seltsam der Doktor sich plötzlich verhalten hatte, als ich die Lichter erwähnte. Dummerweise habe ich vergessen, dass auch Yu noch nichts davon wusste, und kann mir erst einmal eine Standpauke anhören, bevor wir uns weiter darüber unterhalten können.
      „Und du sagst, ein buckliger Zwerg hat das Einkaufszentrum zerlegt?“
      „Es könnte auch Gollum gewesen sein, aber mit diesen Augen bin ich mir mittlerweile selbst nicht mehr sicher, was ich so alles sehe.“
      „Du weißt, wie bescheuert sich das anhört, Marc?“
      „Muss ich das beantworten?“
      Plötzlich tritt Yu mit voller Wucht in die Bremsen und reißt das Lenkrad nach rechts. Der Sicherheitsgurt schneidet sich in meinen Hals, weil ich dummerweise die Angewohnheit habe, ständig damit herumzuspielen.
      „Ist das die Rache für meine Katzen-Aktion auf der Hinfahrt?“, röchle ich, als wir auf dem Seitenstreifen zum Stehen kommen.
      „Nur, wenn deine Flohschleuder Bäume fällen kann“, antwortet Yu hektisch und springt aus dem Wagen.
      „Hey! Das ist eine Autobahn! Eine Straße, auf der Autos zu schnell fahren! Komm sofort zurück!“
      Er hört mich nicht. Er ist schon über die ersten beiden Spuren gespurtet und hüpft über die Leitplanke in der Mitte. Als ich ihm nachschaue, sehe ich den Grund für sein plötzliches, halsbrecherisches Verhalten. Auf der Gegenfahrbahn liegt ein umgestürzter Baum, gegen den frontal ein Auto gerast ist. Es muss gerade erst passiert sein und auf der wenigen befahrenen Straße hat den Unfall noch niemand bemerkt.
      Ich springe ebenfalls aus dem Wagen und eile meinem Freund hinterher. Die Stelle erkenne ich gleich wieder. Es ist dieselbe große Weide, bei der auf der Hinfahrt der leuchtende Schnitt aufgetaucht ist. Schnell verbanne ich den Gedanken aus meinem Kopf und konzentriere mich darauf, den möglichen Unfallopfern zu helfen. Hier geht es vielleicht um Leben und Tod.
      Yu ist bereits bei dem Wrack angekommen. Als ich endlich neben ihm stehe und einen Blick durch das zerbrochene Fenster werfe, dreht sich mein Magen um. Für den Fahrer kommt jede Hilfe zu spät. Er ist vom Motorblock, der durch den Aufprall in die Fahrerkabine geschoben wurde, fast vollkommen zerquetscht worden. Nur ein Drittel des Oberkörpers und der Kopf sind noch in einem identifizierbaren Zustand geblieben. Leere Augen starren uns entgegen.
      Yu stolpert auf die Grünfläche am Straßenrand, wo er sich übergibt. Da bemerke ich in einiger Entfernung ein weiteres Fahrzeug. Ein Kleinwagen hat sich kurz nach der unübersichtlichen Kurve überschlagen und ist auf dem Dach gelandet. Ich klopfe Yu auf die Schulter, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Er wischt sich das Erbrochene aus dem Gesicht und folgt mir. Der Brems- und Schleifspur hinter dem Wagen nach zu urteilen, muss der Fahrer den Unfall bemerkt, bei der Notbremsung jedoch die Kontrolle verloren haben und dadurch ins Schleudern geraten sein. Nahe des Autos liegt eine Frau auf der Straße. Sie hat vermutlich versucht, zu einem Notruftelefon zu kriechen.
      „Sieh du nach der Frau und bring sie an den Straßenrand, bevor sie auch noch überfahren wird!“, rufe ich Yu zu und er sprintet ohne Widersprüche direkt zu ihr.
      Neben dem Auto werfe ich mich auf den Boden, um sicherzugehen, dass nicht noch jemand darin eingeklemmt ist. Auf der Rückbank hängt ein junges Mädchen - nicht älter als zwölf Jahre - kopfüber in ihrem Sicherheitsgurt. Ich springe auf und versuche die Tür zu öffnen. Natürlich klemmt sie.
      Wie könnte es auch anders sein!
      Erst nach einigen ruppigen Handgriffen und einer Reihe von Flüchen gibt die verbogene Tür endlich nach und springt auf. Vorsichtig taste ich Kopf und Hals des Kindes ab, um sicherzustellen, dass ich nicht noch mehr Schaden anrichte, wenn ich sie möglicherweise falsch bewege.
      „Hallo? Kannst du mich hören?“, frage ich und streiche ihr die blonden Haare aus dem Gesicht. Es sind keine Verletzungen zu erkennen. Sie muss wohl vom Schock ohnmächtig geworden sein, ansonsten ist sie glimpflich davongekommen.
      So gut es geht stütze ich ihren Körper und löse den Sicherheitsgurt. Das Mädchen ist noch leichter, als ich erwartet habe. Ich kann sie ganz einfach auffangen und aus dem Fahrzeug heben. Als ich mich gerade mit ihr im Arm aufrichte, lässt sie ein Stöhnen entweichen, blinzelt und sieht mich mit verwirrtem Blick an.
      „Hey! Ganz ruhig. Es ist alles in Ordnung“, versuche ich sie zu beruhigen. „Ich heiße Marc. Kannst du mir deinen Namen sagen?“
      „Ella“, stammelt sie.
      „Du hattest einen Unfall, Ella. Wir bringen dich jetzt erst mal von der Straße runter, Okay? Kannst du laufen?“
      „Ich versuche es“, antwortet sie.
      Vorsichtig setze ich sie ab, stütze sie aber trotzdem noch mit einem Arm. Als wir uns umdrehen, sehe ich, wie Yu gerade die Frau neben dem Baumstumpf ablegt, welcher zu der umgestürzten Weide gehört. Genau dort, wo vor Kurzem der Schnitt in der Luft hing. Da sehe ich ihn wieder. Er oder es, wie auch immer man es nennen will, sitzt auf dem Stumpf direkt über meinem Freund.
      Jetzt, wo ich die Kreatur aus der Nähe sehe, sprengt sie jede Skala von widerwärtig bis abstoßend. Sie hat unnatürlich große Füße - mindestens Schuhgröße 56 - aber extrem kurze Beine. Sie sind kaum länger als die Füße und ein Teil davon ist durch den fetten Bauch des Wesens verdeckt, der weit über seine Hüfte hängt. Falls es überhaupt eine hat. Schwer zu sagen, bei dem wuchtigen Körperbau. Die Wampe ist so gewaltig, dass es die graue, lederartige Haut völlig überspannt. Der kleinste Schnitt muss hier fatale Folgen haben. Doch das Verstörendste an dem ganzen Bild ist der Kopf, der an einem langen Hals hängt. Und wenn ich sage hängt, dann meine ich tief hängend. Er steht nicht aufrecht, sondern hängt weit nach unten, sodass das Kinn auf der Brust aufliegt. Das Gesicht ist lang gezogen und den größten Teil nimmt der riesige Mund ein. Nein, eigentlich ist es ein Maul. Vollgestopft mit langen, spitzen Reißzähnen. Eine Nase hatte wohl keinen Platz mehr gehabt, denn über dem Maul sitzen nur noch zwei gelb leuchtende Augen.
      Obwohl es neben ihm hockt, scheint Yu die Kreatur nicht zu bemerken. Als wäre sie für ihn unsichtbar. Ich schreie, dass er da wegkommen soll, und will zu ihm zu eilen, doch Ella hängt an mir, weshalb ich nur langsam vorwärtskomme. Plötzlich springt Yu auf und rennt mir entgegen. Panisch winkend! Zuerst denke ich, dass er mich gehört und das Wesen gesehen hat, aber dann höre ich ihn rufen:
      „Marc! Lauf!“
      Erschrocken wandert mein Blick über die Fahrbahn. Auf der rechten Spur kommt ein Lkw direkt auf mich zugerast. Der Fahrer hat den Unfall durch die Kurve zu spät bemerkt und ist viel zu schnell unterwegs, um noch rechtzeitig bremsen zu können. Er hupt panisch, aber ich stehe nur geschockt da. Dann geht alles ganz schnell. Der Fahrer betätigt seine Lichthupe und sämtliche Scheinwerfer am Fahrzeug leuchten auf. Meine Augen werden dunkel. Noch nie hatte sich der schwarze Fleck dermaßen explosiv ausgebreitet und innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde, bin ich fast vollkommen erblindet.
      „Marc!“
      Yu reißt mich mit seinem Schrei aus meiner Schockstarre, aber es ist zu spät. Der Lkw schleudert, prallt gegen die Mittelleitplanke und kippt. Metall schabt über Asphalt. Ich schaffe es niemals rechtzeitig mit Ella im Arm von der Straße. Die Entscheidung fällt mein Körper instinktiv. Mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, packe ich das Mädchen und schleudere sie Richtung Straßenrand. Als sie meine Arme verlässt, wird es mir vollständig schwarz vor Augen. Mein Herz rast. Gleich werde ich überrollt. Es ist unvermeidlich.
      Doch plötzlich packt mich jemand und mein Augenlicht kehrt schlagartig zurück. Es ist Yu. Er will mich von der Fahrbahn ziehen. Was auch geglückt wäre, hätte ich nicht gegen ihn gearbeitet. Direkt vor mir schwebt ein leuchtender Schnitt in der Luft. Irgendetwas tief in mir weiß genau, was zu tun ist. Ich greife nach meinem Freund und hechte dem Lkw entgegen.

      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Okay,

      das ist ja ganz schön viel passiert in diesem Teil...Der Doktor ist irgendwie strange. Ich habe das Gefühl, dass er mehr weiß, als er zugibt und insgeheim vielleicht ahnt, was mit Marc nicht stimmt.
      Dann dieser Unfall auf dem Heimweg und die Begegnung mit diesem merkwürdigen Wesen. Ich frage mich, was das sein soll-ein Alien oder sowas? Cool finde ich auf jeden Fall, dass Marc und Yu sich heldenhaft um die Frau und das Kind kümmern...aber das Ende ist dann schon ein klitzekleines bisschen übertrieben dargestellt (siehe meine Anmerkungen dazu im Spoiler)
      Bin gespannt, wie es weitergeht :)

      Spoiler anzeigen

      Rebirz schrieb:

      Die Arzthelferin verlässt daraufhin das Büro ... in das Nebenzimmer.
      hier fehlt meiner Meinung nach etwas.Vielleicht: "Die Arzthelferin verlässt daraufhin das Büro und geht in das Nebenzimmer." (?)


      Rebirz schrieb:

      Natürlich habe ich die Checks ernsthaft gemacht. Mein Augenlicht ist mir zu wichtig, als dass ich darüber Scherze machen würde, du Quacksalber! Hätte ich fast geantwortet, stimme aber nur stumm nickend zu.
      Hier wird zuerst nicht deutlich, dass Marc das nur denkt. Entweder du trennst die Gedanken von dem Satz: ..."hätte ich fast geantwortet ..." durch ein Komma:
      Natürlich habe ich die Checks ernsthaft gemacht. Mein Augenlicht ist mir zu wichtig, als dass ich darüber Scherze machen würde, du Quacksalber! , hätte ich fast geantwortet, stimme aber nur stumm nickend zu.
      oder du machst die Gedanken zusätzlich kursiv, um sie zu verdeultichen:
      Natürlich habe ich die Checks ernsthaft gemacht. Mein Augenlicht ist mir zu wichtig, als dass ich darüber Scherze machen würde, du Quacksalber!, hätte ich fast geantwortet, stimme aber nur stumm nickend zu. (nur ein Vorschlag) Dann müsstest du das aber durchgängig so machen.



      Rebirz schrieb:

      Wie zum Beispiel beim Sichtfeld oder der Nachtsicht.
      Vielleicht könnte man hier ein bisschen Ärtzekauderwelsch einbauen? Das klingt sonst so laienhaft. Wie zum Beispiel bei der Sichtfeldanalyse oder dem Test zur Erhebung der Nachtsichttauglichkeit....blabla...was weiß ich.

      Rebirz schrieb:

      „Und? Hat es was gebracht, dass ich meine Augen verätzt habe?“ Ich versuche nicht allzu zynisch zu klingen
      Also, ich finde, das klingt schon ganz schön zynisch :)

      Rebirz schrieb:

      Nahe des Autos liegt eine Blondine auf der Straße.
      Ich kann mir nicht helfen, vielleicht liegt es daran, dass der Begriff "Blondine" inzwischen irgendwie negativ behaftet ist...aber ich würde das glaube ich anders schreiben: Vielleicht: ....liegt eine junge Frau. Die blonden Haare verdecken ihr Gesicht....

      Rebirz schrieb:

      Wir bringen dich jetzt erst mal von der Straße runter, OK? Kannst du Laufen?“
      ich würde das "okay" ausschreiben.Sieht meiner Meinung nach schöner aus. Und "laufen" wird in dem Fall klein geschrieben ;)


      Rebirz schrieb:

      Jetzt, wo ich die Kreatur aus der Nähe sehe, sprengt sie jede Skala von widerwärtig bis abstoßend. Es hat unnatürlich große Füße

      Das "Es" ist in dem Fall nicht korrekt und müsste durch ein "Sie" ausgetauscht werden, weil es bezieht sich ja auch "die Kreatur". (oder irre ich mich?)

      Rebirz schrieb:

      „Du stirbst mir nicht weg!“
      Irgendwie fand ich den Satz hier unpassend, weil er mich an irgendwelche Filmszenen erinnert, wenn einer angeschossen am Boden liegt und der Kumpel die Hände auf die blutende Schusswunde drückt, um dann genau diesen Satz zu sagen...weißt du, was ich meine? Irgendwie war mir das an der Stelle zu kitschig und deplaziert...(Und das, obwohl ich eigentlich die unangefochtene Kitsch-und Klischeekönigin bin :) )



      LG,
      Rainbow

      p.s.: Auch dir ein frohes Neues! ^^
    • Rainbow schrieb:

      Hier wird zuerst nicht deutlich, dass Marc das nur denkt. Entweder du trennst die Gedanken von dem Satz: ..."hätte ich fast geantwortet ..." durch ein Komma:
      Natürlich habe ich die Checks ernsthaft gemacht. Mein Augenlicht ist mir zu wichtig, als dass ich darüber Scherze machen würde, du Quacksalber! , hätte ich fast geantwortet, stimme aber nur stumm nickend zu.
      oder du machst die Gedanken zusätzlich kursiv, um sie zu verdeultichen:
      Natürlich habe ich die Checks ernsthaft gemacht. Mein Augenlicht ist mir zu wichtig, als dass ich darüber Scherze machen würde, du Quacksalber!, hätte ich fast geantwortet, stimme aber nur stumm nickend zu. (nur ein Vorschlag) Dann müsstest du das aber durchgängig so machen.
      Ach Mist, das habe ich beim posten vergessen. Eigentlich sind die Gedanken kursiv geschrieben. Sorry!


      Rainbow schrieb:

      Irgendwie fand ich den Satz hier unpassend, weil er mich an irgendwelche Filmszenen erinnert, wenn einer angeschossen am Boden liegt und der Kumpel die Hände auf die blutende Schusswunde drückt, um dann genau diesen Satz zu sagen...weißt du, was ich meine? Irgendwie war mir das an der Stelle zu kitschig und deplaziert...(Und das, obwohl ich eigentlich die unangefochtene Kitsch-und Klischeekönigin bin )
      Jaaa... jetzt wo du es sagst... Oh Man, dass muss ich echt ändern! :whistling:


      Rainbow schrieb:

      Vielleicht könnte man hier ein bisschen Ärtzekauderwelsch einbauen? Das klingt sonst so laienhaft. Wie zum Beispiel bei der Sichtfeldanalyse oder dem Test zur Erhebung der Nachtsichttauglichkeit....blabla...was weiß ich.
      Eigentlich wollte ich den Text evtl. kürzen. Nicht verlängern. :/ Außerdem müsste ich mich dafür erst mal in die Künste eines Augenarztes einlesen :D Wirkt es wirklich so "Out of Charakter" für einen Arzt?
    • Rebirz schrieb:

      Eigentlich wollte ich den Text evtl. kürzen. Nicht verlängern. Außerdem müsste ich mich dafür erst mal in die Künste eines Augenarztes einlesen Wirkt es wirklich so "Out of Charakter" für einen Arzt?
      Damit war nicht gemeint, eine ellenlange medizinische Fachsimpelei daraus zu machen. Ich dachte mehr an ein paar Schlagworte. War aber auch nur so ne Idee von mir. Du musst ja nicht alles schlucken, was ich dir vor die Füße werfe :D

      LG,
      Rainbow