Der Gott, der nicht sein sollte

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    • Hey zusammen,

      Rainbow schrieb:

      Auch, wenn ich Yu`s Ausraster am Ende irgendwie nicht so ganz nachvollziehen konnte...war er nicht schon mal auf den armen Dimitri losgegangen? Eigentlich hatte er sich vorgenommen, ihm zu vertrauen...naja, kann man wahrscheinlich unter "Kurzschlussreaktion" verbuchen...
      Kurzschlussreaktion triff es ziemlich gut. Yu ist ja bekanntlich nicht der kontrollierte Typ und wenn es um seinen Freund geht schon gleich dreimal nicht. Du wirst nicht das letzte mal so auf eine seiner Aktionen reagieren, vermute ich. :)

      Alopex Lagopus schrieb:

      Terra, Tartarus, Minotaurus? Das klingt alles so schön nach griechischer Mythologie, finde ich super
      Es steckt noch etwas mehr dahinter, aber das wird es denke ich nur interessanter für dich machen. ;)

      Alopex Lagopus schrieb:

      Yu und Marc scheinen zumindest nicht unverwundbar geworden zu sein.
      Oh nein, dass sind sie definitiv nicht! :D

      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Hallo Zusammen, ich bins mal wieder :)

      Ich hab ein neues Kapitel für euch im Gepäck. Nachdem das Letzte stark im Zeichen des Infodumps stand, wollte ich hier noch mal etwas mehr über Yu bringen. Hoffe die Idee gefällt euch. Ich musste mir selbst am Kopf kratzen als ich sie das erste mal geschrieben hatte. xD

      Kapitel 6.0

      Yuji Bennet

      Spoiler anzeigen
      Man gewöhnt sich überraschend schnell an die blitzschnellen und mehr als ungewöhnlichen Transportwege in Terra. Schon nach kürzester Zeit realisiere ich kaum noch, dass ich zwischen den Stockwerken hin und her rase. Lizzy musste mich wegen irgendeiner Nachkriegsbesprechung vorerst alleine lassen und diese Treppen-Spritztouren waren die einzige Beschäftigung, die ich finden konnte, um mir die Stunden zu vertreiben.
      Überwiegend sind es scheinbar endlose Regalwände voller Bücher, welche die Etagen der gewaltigen Säule füllen. Ansonsten befördern mich die magischen Wendeltreppen nur in leere Gängen, die offenbar noch nie benutzt wurden. Das alles hier ist dermaßen verrückt, dass ich kaum glauben kann, dass ich Lizzy diese ganze Geschichte tatsächlich einfach so aufs Wort abgekauft habe.

      Die Treppen bringen einen an den Ort, den man begehrt, hat sie behauptet. Die Dinger scheinen also eine Art Eigenleben zu besitzen, denn als hätte Terra gespürt, dass ich zweifle, lande ich auch schon in einem neuen Stockwerk. Es ist eigentlich nur ein Balkon, der sich rund um die Säule zieht. Wie hoch ich mittlerweile bin, kann ich nicht sagen, aber vom Erdgeschoss aus konnte ich die drei Statuen in der Mitte nicht erkennen. Da ich ihnen nun direkt in die Augen schaue, bedeutet dann wohl, dass ich jetzt verdammt weit oben bin.
      Die Details an den Skulpturen sind so perfekt ausgearbeitet, dass man meinen könnte, sie würden jeden Moment zum Leben erwachen und mir meine Zweifel und die Verwirrung persönlich aus dem Leib prügeln. Es sind drei männliche Figuren. Einen davon erkenne ich sofort an dem mächtigen Blitz in seiner geballten Faust. Der Göttervater Zeus ist wohl einer der bekanntesten seiner Art. Sogar ich erkenne ihn und das, obwohl ich mit Geschichte und Antike noch weniger am Hut habe, als mit Religionen. Zu seiner Rechten steht ein Duplikat seinerseits. Die zwei sehen fast identisch aus, mit dem Unterschied, dass der Klon von Zeus etwas zorniger wirkt. Beide haben lockiges Haar, einen dichten Rauschebart und tragen eine lange, mit Gold und Silber geschmückte Robe.
      Der Dritte in der Runde ist ... anders. Die Statue hat zwar eine männliche Statur, der Kopf jedoch ist der eines Falken. Er trägt nur eine Art Männerrock und hat die Arme über der nackten Brust verschränkt. In den Händen hält er ein seltsam geformtes Kreuz und etwas, das mich an eine Rute erinnert. Eindeutig ägyptisch, doch wen oder was mein gefiederter Freund darstellen soll, weiß ich nicht.
      Die steinernen Augen der Drei jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken. Sie sind beeindrucken, aber gruselig. Schnell lasse ich mich von der Wendeltreppe in ein anderes Stockwerk befördern. Meine Gedanken springen sowieso schon im Dreieck, da will ich mir nicht auch noch Sorgen machen müssen, dass die Steinfiguren plötzlich zum Leben erwachen.

      Verfluchtes Irrenhaus hier! Ich brauche meinen Frieden, damit ich in Ruhe nachdenken kann!

      Yuji Bennet verlangte Ruhe und siehe, er bekam ... einen Ast in die Fresse. Mit meinen Gedanken noch bei Zeus und Co. kreuzt dieser meinen Weg und alles, was ich noch tun kann, ist mich über mich selbst zu ärgern. Fluchend schiebe ich den Ast zur Seite und öffne damit ein Tor in eine völlig neue Welt. Hier gibt es keine Marmorsäulen, Götterstatuen oder kunstvolle Gemälde, sondern nur die wilde Natur, welche sich ihren Raum genommen hat, wie es ihr beliebte.
      Es ist eine bunte Mischung aus Pflanzen, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Einige sind so utopisch, dass man sie sonst nur auf unterschiedlichen Kontinenten und ganz speziellen Regionen auffinden würde. Ich kenne manche davon aus Dokumentationen, die bei mir Zuhause permanent im Hintergrund laufen. Marc findet es eine seltsame Angewohnheit, aber mich entspannt es, wenn sich in meiner leeren Wohnung etwas tut.
      Vom Tannenbaum über Palmen und tropischen Pflanzen, bis hin zu gigantischen Mammutbäumen ist alles vertreten. Ein ruhiger Fluss hat sich seinen Weg willkürlich durch den grünen Garten gebahnt. Ableger von ihm plätschern in kleinen Rinnsalen über Stock und Stein. An diesem Ort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein als Gott – Pardon, das Chaos – die Welt erschaffen hat. Alles hier ist in seinem Urzustand. Unberührt von jeglichem Einfluss der Menschen. Hier herrscht alleinig Mutter Natur.
      Die Luft ist frisch und nur der Wind wagt es, an diesem stillen Ort ein Geräusch zu verursachen. Mit jedem Schritt, den ich weiter in die grüne Idylle hinein mache, fällt mir mehr und mehr Last von den Schultern. Der dichte Wald scheint sämtliche negativen Einflüsse von außen her abzuschirmen und die angenehme Ruhe beruhigt meine überspannten Nerven.
      Direkt am Flussufer lasse ich mich erleichtert stöhnend in ein weiches Moosbett fallen und schließe die Augen. Meine zuvor vollkommen wirren Gedanken liegen jetzt offen und geordnet vor meinem geistigen Auge, sodass ich sie nach Belieben greifen und bearbeiten kann. Wie auf einem großen Touchscreen. Die Drag and Drop Funktion des Geistes. Ein Schmunzeln huscht mir über die Lippen. Manchmal hab ich schon verdammt schräge Gedankengänge.

      Dann wollen wir mal! Woran erinnere ich mich, bevor ich hier angekommen bin? Ich wühle mich durch meine Erinnerungen, packe mir ein Gedankenfeld und betitle es geistig mit Dunkelheit.
      Direkt nachdem Marc mich gepackt und eigentlich in den sicheren Tod gezerrt hatte, herrschte plötzlich nur noch Dunkelheit. Ich konnte nichts sehen oder hören. Als ich von ihm losgerissen wurde, blieb mir zu allem Überfluss auch noch die Luft weg. Egal, wie sehr ich auch versuchte meine Lungen zu füllen, es war nichts da, das ich einatmen hätte können. In der Dunkelheit war einfach nur nichts. Keine Luft, kein Leben.
      Losgerissen ... Es war nicht der Fall, der uns trennte. Etwas Unbekanntes hatte mich gepackt und von ihm weggerissen. Gerade, als mich meine Sinne fast verließen, überfiel mich eine schier unerträgliche Hitze. Erst meinte ich verbrennen zu müssen, doch dann wurde es noch schlimmer. Meine Eingeweide begannen zu kochen. Meine Adern traten hervor und ich spürte, wie mein Blut mit einer rasenden Geschwindigkeit hindurch gepumpt wurde. Ich schrie. Vor Schmerz und um Hilfe. Nach Marc. Dem einzigen Menschen, der mir in einer solchen Situation in den Sinn kommen würde. Nicht meine Eltern, nicht eine Freundin – wenn ich denn eine hätte – sondern nur Marc. Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Ganz egal, was auch passieren mag. Die Dunkelheit verschluckte meine Stimme einfach und dann hörte ich einen lauten Knall. Ein Splittern. Und ich fiel.
      Erinnerung Dunkelheit beendet. Weiter im Text: Landung. Der Himmel spuckte mich aus und der Wind peitschte mir ins Gesicht. Die Schmerzen waren, genau wie die unerträgliche Hitze, von jetzt auf gleich verschwunden. Einfach so abgeschaltet. Erst als ich durch die Wolkendecke gebrochen bin, waren genug meiner Sinne zu einem geordneten Verhalten zurückgekehrt, sodass mir klar wurde, in welcher Lage ich mich eigentlich befand.

      Ich fiel vom verdammten Himmel. Als hätte mich Uranus ausgespuckt. Dieser Fall war nicht wie in der Dunkelheit endlos. Hier endete er, wenn ich unten ankäme. Für immer. Und das Ende kam rasend schnell näher. Nicht, dass es etwas gebracht hätte, um meinen Sturz weniger tödlich zu gestalten, aber ich versuchte trotzdem meine Balance zurückzugewinnen. Wie bei einem Fallschirmsprung breitete ich Arme und Beine aus, um den größeren Luftwiderstand auszunutzen. Der Effekt war verschwindend gering und kaum erfasste mich eine Windböe, kam ich sofort wieder ins Straucheln. Loopings schlagen hatte noch nie weniger Spaß gemacht. Himmel und Erde vermischten sich miteinander, bis mein Orientierungssinn auf die Barrikaden ging.
      Dann kehrte ein bekanntes, unangenehmes Gefühl zurück. Mein Herz begann zu rasen. Wie Zylinder im Motor eines Rennwagens den Brennstoff in die Leitungen pumpen, presste es mir das Blut durch die Adern und die Welt wurde langsam. So langsam, bis sie fast zum Stillstand kam. Der Wind, welcher in meinen Ohren gerauscht hatte, war verstummt und ich sah zum ersten Mal den Boden unter mir. Die Schlucht, an deren Grund ich aufklatschen und meine Innereien verteilen würde.
      Noch 936 Meter waren es bis zum Aufschlag. Was für seltsame Gestalten dort unten herumliefen. In ihren komischen Rüstungen sahen sie aus wie eine Karnevalstruppe. Noch 910 Meter. Ich zählte elf Männer in silbernen Panzern und einen kleinen Jungen in schwarzen Shorts. Dann waren es nur noch 884 Meter. 840 Meter. 750 Meter. Dann ein Miauen.
      „Was zur ...“, war alles, was ich mir noch dachte. Dann folgte der Aufschlag.

      Nachdenklich starre ich in den langsam dahinfließenden Fluss. Was ist in den letzten 750 Metern Fall passiert? Ich kann mich einfach nicht erinnern, ganz egal, wie sehr ich mir auch das Gehirn zermartere. An dieser Stelle klafft ein Loch in meinen Erinnerungen. Bin ich etwa ohnmächtig geworden? 750 Meter. Wie kann ich wissen, dass es genau 750 Meter waren? Es ist eigentlich unmöglich, aber diese Zahl ist keine ungefähre Schätzung, sondern eine todsichere Tatsache. Es waren exakt 750 Meter, die ich noch bis zur Erde vor mir hatte. Keinen Einzigen mehr oder weniger.
      So viele Fragen, doch viel mehr nagt die Tatsache an mir, wie ich jetzt hier sitzen kann. Nach der Landung torkelte ich völlig verwirrt umher, bin über meine eigenen Füße gestolpert und habe mir den Kopf gestoßen. Alles ab diesem Zeitpunkt weiß ich noch ganz genau. Der Junge hat mich gefunden, die Faschingsclowns mit ihren Rüstungen zur Hilfe geholt und mich in Sicherheit gebracht, bevor ich von diesen blutrünstigen Ghulen bei lebendigem Leibe gefressen werden konnte.
      „Ich träume. Gott, lass es einen Traum sein“, seufze ich. „Sorry. Götter meine ich natürlich!“
      Leider kann ich noch so oft versuchen, mir das einzureden. Es macht es nicht weniger real. Nachdenklich zupfe ich etwas Gras und bekomme dabei einen kleinen Stein zu fassen, den ich über die Wasseroberfläche hüpfen lasse. Sieben Aufschläge und er erreicht das andere Ufer. Nicht schlecht, Yuji. Zufall, aber nicht schlecht. Ich wiederhole diesen Zufall noch dreimal. Bevor ich mich jedoch wundern kann, wird die Ruhe plötzlich von einem tiefen Summen gestört.


      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Lieber @Rebirz

      Ok, so eine Art Holodeck der Götter. Dieser freie Fall hat mich für einen Moment an "Per Anhalter durch die Galaxy" erinnert. Als sie den Unwahrscheinlichkeitsantrieb anschalten und der Pottwal auf den Planeten stürzt. Seltsame Assoziationen hat man manchmal!

      Ich hab jetzt vom Schreiben her nichts zu meckern.
      Kümmert sich den keiner um Yu, läuft da so alleine rum? Warum sind wohl die Gänge alle Leer?

      Rebirz schrieb:

      nur in leere Gängen, die offenbar
      Meinst du hier wirklich leere Gänge, oder leere Räume?
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hey @Sensenbach

      Sensenbach schrieb:

      Ok, so eine Art Holodeck der Götter.
      Naja das wäre etwas übertrieben. :D Es war eher so gedacht, dass der Ort eben den Geist und Körper beruhigt und sich Yu so leichter an die vergangen Stunden erinnern kann. Ich wollte so einen Rückblick mal etwas ausschmücken. Aber das Kapitel ist ja noch nicht zu Ende und hinter dem Ort könnte ja möglicherweise noch mehr stecken ... :P

      Sensenbach schrieb:

      Kümmert sich den keiner um Yu, läuft da so alleine rum? Warum sind wohl die Gänge alle Leer?
      Tja, dass erinnert mich wieder daran, dass ich eigentlich irgendwann mal vorhatte, hier noch dazuzuschreiben, warum Lizzy ihn zwischenzeitlich allein lässt ... Danke für die Erinnerung. X/

      Gruß
      Rebirz
    • Hey,

      ich fand den Teil gut und habe auch nichts zu beanstanden...außer son bisschen, was ich dir in den Spoiler packe...
      Warum hast du dir am Kopf gekratzt, nachdem du die Szene geschrieben hattest? Weil du dir nicht sicher warst, was du davon halten solltest?

      Spoiler anzeigen

      Rebirz schrieb:

      Die Dinger scheinen also so eine Art Eigenleben zu besitzen, denn als hätte
      würde ich streichen...beißt sich sonst mit dem also...irgendwie :hmm:


      Rebirz schrieb:

      Da ich ihnen jetzt direkt in die Augen schaue, bedeutet, dass ich verdammt weit oben bin.
      Irgendwie kommt mir der Satz komisch vor. Ich glaube, ich würde schreiben:

      Da ich ihnen jetzt direkt in die Augen schaue, bedeutet das wohl, dass ich verdammt weit oben sein muss. (oder so)


      Rebirz schrieb:

      Die Statue hat zwar eine klar männliche Statur, der Kopf jedoch ist der eines Falken.
      Irgendwie bin ich heute in "Streich-Laune" :) Das klar finde ich hier an der Stelle irgendwie überflüssig..


      Rebirz schrieb:

      Sie sind beeindrucken, aber gruselig. S
      beeindruckend


      Rebirz schrieb:

      Yuji Bennet verlangte Ruhe und siehe, er bekam ... einen Ast in die Fresse.
      :rofl: Sehr amüsant! Aber stimmt die Zeit hier??? Müsste es nicht heißen: Yuii Bennet verlangt Ruhe und siehe, er bekommt ... einen Ast in die Fresse ??? Ich habe keine Ahnung von dieser Erzählform...nur mal so blöd gefragt...


      Rebirz schrieb:

      Noch 936 Meter waren es bis zum Aufschlag. Was für seltsame Gestalten dort unten herumliefen. In ihren komischen Rüstungen sahen sie aus wie eine Karnevalstruppe. Noch 910 Meter. Ich zählte elf Männer in silbernen Panzern und einen kleinen Jungen in schwarzen Shorts. Dann waren es nur noch 884 Meter. 840 Meter. 750 Meter. Dann ein Miauen.
      Krass! Wie kann er so genau die Distanz kennen? Weil er ein Halbgott ist, vielleicht? :hmm:



      LG,
      Rainbow
    • Hey @Rainbow

      Rainbow schrieb:

      Warum hast du dir am Kopf gekratzt, nachdem du die Szene geschrieben hattest? Weil du dir nicht sicher warst, was du davon halten solltest?
      Ganz ehrlich? Keine Ahnung warum. Irgendwie finde ich die Szene ja cool aber irgendwie hat sie mich auch ins Grübeln gebracht. Vielleicht auch nur, weil Yu eigentlich ein aufgedrehter Typ ist und sich hier so sachlich und sogar bildlich an seine Ankunft erinnert. Ich kann es nicht genau an etwas festmachen. ?( Aber so lange es dem Leser - also euch - passt, ist es ja gut. ^^

      Rainbow schrieb:

      Sehr amüsant! Aber stimmt die Zeit hier??? Müsste es nicht heißen: Yuii Bennet verlangt Ruhe und siehe, er bekommt ... einen Ast in die Fresse ??? Ich habe keine Ahnung von dieser Erzählform...nur mal so blöd gefragt...
      Jaaa, es war eigentlich so als Gedanke gedacht, den Yu quasi Revue passieren lässt, nachdem er schon eine kassiert hat. Ich bin mir selbst nicht sicher aber passen könnte beides. Meine Version hatte mir halt beim Schreiben mehr zugesagt, also hab ich sie genommen. Vielleicht ist ja jemand mit besseren Kenntnissen hier und kann uns erleuchten? :D

      Rainbow schrieb:

      Krass! Wie kann er so genau die Distanz kennen? Weil er ein Halbgott ist, vielleicht?
      Tja ... warum wohl? Da wirst du wohl dranbleiben müssen um es zu erfahren! :P Es kann auf jeden Fall nicht jeder. :)

      Gruß
      Rebirz
    • Und mal wieder etwas Nachschub. Ich hätte auch gerne mal gefragt, ob euch die Portionierung der Kapitel so passt? Ist ja doch oft etwas viel. Wäre es euch lieber, wenn ich es in kleineren Häppchen poste? Oder vielleicht sogar lieber mehr? Ich bin da flexibel, da die Kapitel ja schon geschrieben sind. Ich richte mich also nach euch.

      Kapitel 6.1

      Yuji Bennet

      Spoiler anzeigen
      Das Gras und die Pflanzen um mich herum bewegen sich und beginnen in einer Geschwindigkeit zu wachsen, dass ich ihnen dabei zusehen kann, wie sie Richtung Himmel schießen. Der Strom des Flusses wird schneller und seine Rinnsale füllen sich. Das Moos unter meinen Füßen gibt nach und ich sinke ein, wie in Treibsand. Nur mit viel Mühe kann ich mich wieder daraus befreien, doch egal, wohin ich auch trete, finde ich keine Balance auf dem schwammigen Boden. Das Summen steigert sich, lässt die Erde vibrieren, bis es sich anfühlt, als würde man auf einer großen Rüttelplatte stehen.
      „Reize die Mutter nicht.“ Die Stimme der Frau erschreckt mich dermaßen, dass ich fast einen Hechtsprung, in den inzwischen reißenden Fluss mache.
      Verwirrt drehe ich mich herum, doch sie ist nirgends zu sehen. Einbildung?
      „Geh‘ Halbgott. Dies ist kein Ort für jemanden wie dich.“
      „Wer ist da?“, rufe ich. Das Gras ist mittlerweile so weit in den Himmel geschossen, dass ich nicht mehr feststellen kann, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Es ist wie eine lebendige grüne Mauer.
      „Geh‘.“ Diesmal ist es eine männliche Stimme.
      „Wenn ihr euch nicht einmal zeigen könnt, dann könnt ihr mich auch mal! Ich bewege mich hier keinen Meter von der Stelle!“, brülle ich die Graswand trotzig an.

      Zu meiner Verwunderung spaltet diese sich und legt einen Weg frei, dessen Ende ich von hier aus nicht erkennen kann. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, wohin er mich führt. Zum Ausgang. Weg von hier. Der kleine Kreis um mich herum, welcher bisher von dem mutationsartigen Wachstum der Pflanzen verschont geblieben ist, war die längste Zeit ein sicherer Ort. Nun erobert sich die Natur auch den letzten Fleck Erde. Das Moos unter meinen Füßen zerrt förmlich an mir. Gras und Büsche beginnen herein zu wuchern. Wie Tenakel schlängeln sie sich auf mich zu.
      „Geh. Jetzt!“ Die Aufforderung hallt wie ein Echo. Zahllose Stimmen, Männern und Frauen.
      Ich bin vielleicht widerspenstig, aber nicht dumm und weiß, wann ich besser das Weite suche. Bevor mich der grüne Treibsand verschlingen kann, befreie ich meine Füße und stürze in den Tunnel hinein Richtung Ausgang.

      Eine direkte Verbindung wäre wohl zu einfach gewesen, stattdessen hat der Pfad zahllose Kurven, die mich scheinbar im Kreis führen. Gut, dass ich es gewohnt bin, dass mein Leben nicht immer so verläuft, wie ich es mir vorstelle. Kaum vorstellbar, als Milliardärssohn.
      Wenn Marc und ich mal wieder zwangsweise auf einer der hoch geschätzten Wohltätigkeitsveranstaltungen unserer Eltern anwesend waren, hielten wir uns meist im Schatten auf, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Wir hassten es und hassen es noch immer, nur wegen einem Familiennamen ständig ins Rampenlicht gerückt zu werden. Stattdessen schlugen wir die Zeit damit tot, die Leute zu beobachten, wie sie sich für die Kameras in Szene setzten. Am amüsantesten fanden wir stets die verzogenen Kinder, welche nichts anderes taten, als den Ruhm ihrer Eltern auszunutzen. Man muss es wohl wirklich in die Wiege gelegt bekommen, ein Star zu sein.
      Marc nennt es einen genetischen Defekt. Die Fähigkeit, sich sein Leben lang so beherrschen zu können, dass man nicht jeden Paparazzi blutig schlägt, der etwas gefunden hat, dass er für vermarktbar erachtet. Ich meine mal ehrlich: Wenn ein Fremder seine Nase permanent in das Privatleben eines Normalsterblichen steckt, würde das auf kurz oder lang auch irgendwann einmal eskalieren.
      Trotzdem haben diese Leute meinen Respekt für ihre unermüdliche Ausdauer. Obwohl Marc und ich stets darum bemüht waren, die unausstehlichsten Gesprächspartner zu sein, wenn es um Interviews ging, gaben sie lange Zeit nicht auf. Für die ganzen Standardfragen hatte ich schon ein ordentliches Repertoire an Antworten parat.

      Wie fühlt man sich als Sohn einer so erfolgreichen Unternehmerfamilie?
      Als hätte man ins Bett gemacht.
      Sind sie stolz auf das, was ihre Eltern erreicht haben?
      Yippie-Ya-Yeah Schweinebacke!
      Werden sie irgendwann das aufgebaute Imperium ihrer Eltern übernehmen und weiterführen? Was sind ihre Pläne für die Zukunft?
      Koks und Nutten. Umso öfter ich diese Antwort brachte, umso mehr lernte ich die Reaktionen darauf lieben. Wurde nur übertroffen von:
      Was sind ihre Gedanken zu dieser wunderbaren Veranstaltung?
      Schinken. Ja, Schinken. Die Gesichter waren göttlich!
      Marc verfolgte eine gänzlich andere Strategie. Er schaffte es stets, die Paparazzi vollzulabern, jedoch ohne dabei eine einzige ihrer Fragen, auch nur im Entferntesten zu beantworten. Zugleich fesselte er sie aber dermaßen geschickt an sich, dass sie keine Chance hatten, sich davon zu machen.
      Manchmal konnte ich den Schmerz in ihren Augen sehen.
      Hör auf zu reden! Hör doch bitte auf! Ich verspreche, ich werde dich nie wieder belästigen!
      Er hat dadurch sicherlich etliche Berufswechsel verursacht. Sehr unterhaltsam! Gelegentlich kommt es mir so vor, als wäre ich bei der Geburt in der Wiege vertauscht, oder direkt in die falsche Familie hineingeboren worden.

      Der Weg vor mir macht eine Neunzig-Grad-Wende und dann sehe ich den Ausgang. Der winzige Ast, der mir bei meiner Ankunft ins Gesicht gepeitscht ist, hat ebenfalls von der seltsamen Mutation profitiert und ist zu einem kleinen Baum herangewachsen.
      „Schneller. Geh!“, drängen mich die Stimmen.
      „Jaja, ich bin ja schon weg!“, fluche ich und drücke mich gerade noch rechtzeitig durch die Öffnung, als hinter mir der grüne Tunnel in sich zusammenfällt.
      Diese Stadt ist eine verdammte Todesfalle! Wer auch immer hier das Sagen hat, scheint keinen großen Wert auf Sicherheit zu legen, wenn er etwas wie das einfach so unbewacht lässt.
      Ohne auch nur für einen Moment zurückzuschauen, flüchte ich auf die Wendeltreppe und lande wieder im Erdgeschoss der Säule. Hier gibt es wenigstens keine Killerpflanzen. Ich hoffe nur, dass nicht eines der Monster aus den Gemälden an der Wand herausspringt. Schließlich ist ja schon eine Schlange aus Marmor lebendig geworden. Dummerweise ist genau diese das einzige Kunstwerk, welches ich wirklich lebendig sehen möchte. Jetzt schlummert sie nur regungslos auf dem Krankenhaustor, was bedeutet, dass dieses noch immer fest verschlossen ist und sich auch erst wieder öffnen wird, wenn es Dimitri erlaubt.
      Seufzend lasse ich mich auf die Bank fallen, die sich rund um den Sockel der drei Götterstatuen zieht. Alle Ruhe, die der Garten in mir hervorgebracht hatte, ist verpufft. Meine Gedanken sind rastlos. Wieder und wieder ringe ich in der Finsternis nach Luft, wenn ich für eine Sekunde die Augen schließe. Die immer wiederkehrende Angst, als ich Marc in der Dunkelheit verloren hatte, jagt einen Schauer durch meinen Körper, der mich erzittern lässt, als wäre ich von einem Elektroschocker getroffen worden.
      Als meinem besten Freund erneut der Felsen in den Rücken kracht, schrecke ich schreiend auf. Schweiß topft mir von der Stirn. Ich bin eingeschlafen. Stöhnend lasse ich mich zurück auf die Bank fallen.



      Gruß
      Rebirz
    • Lieber @Rebirz
      Interessanter Raum, ist für mich als Biologen natürlich sehr interessant. Schade, dass wir nicht erfahren wer da spricht. Das Marc und Yu reiche Söhne sind erklärt etwas von ihrem manchmal sorglosem Verhalten. Yus Alpträume am Schluss sind ein unerwarteter Kontrast zu seinem sonstigen Verhalten. Sobald es um seinen Freund geht wird er empfindlich!

      Ich fand es gut wie du hier, wie beiläufig, etwas Hintergrundinformation zu Marc und Yu einbaust.

      Spoiler anzeigen

      Rebirz schrieb:

      Der Strom des Flusses wird schneller und seine Rinnsale füllen sich.
      Meinst du "die Strömung"? Der Strom ist ja nur ein anderes Wort für Fluß.
      "seine Rinnsale" fand ich ungewöhnlich. Rinnsale sind ja ganz kleine "Bäche".
      Die Strömung des Flusses wird schneller und seine Bäche füllen sich? (hört sich seltsam an) oder
      Die Strömung des Flusses wird schneller und sein Bett füllt sich. (von Flussbett) oder
      Der Fluss schwillt an und seine Strömung nimmt rasch zu.

      Rebirz schrieb:

      welcher bisher von dem mutationsartigen Wachstum der Pflanzen
      "mutationsartiges Wachstum" gibt es nicht.
      ungezügeltes Wachstum
      explosionsartiges Wachstum
      oder welcher bisher von dem explosionsartigen Wachstum der Zombiepflanzen (oder Mutantenpflanzen)

      Rebirz schrieb:

      Wenn Marc und ich mal wieder zwangsweise auf einer der hoch geschätzten Wohltätigkeitsveranstaltungen unserer Eltern anwesend waren
      Also beide sind Milliardärssöhne? Hm, in den Anfangspost hatte ich den Eindruck Marc würde eher spartanisch wohnen. War das falsch?

      Rebirz schrieb:

      als den Ruhm ihrer Eltern auszunutzen
      Vorschlag:
      als den Ruhm ihrer Eltern zu parasitieren
      als sich im Ruhm ihrer Eltern zu sonnen

      Rebirz schrieb:

      wenn er etwas wie das einfach so unbewacht lässt.
      wenn er etwas wie diesen Zombiegarten einfach so.. (ich suche hier nach einem Ersatz für "das")

      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hey @Sensenbach

      Sensenbach schrieb:

      Interessanter Raum, ist für mich als Biologen natürlich sehr interessant.
      Biologe? Wow, interessanter Beruf :) Darum hast du also auch gleich meinen "mutationsartigen Wachstum" zerpflückt. Man! Ich finde das Wort so toll, aber immer ist es fehl platziert. :(

      Sensenbach schrieb:

      Also beide sind Milliardärssöhne? Hm, in den Anfangspost hatte ich den Eindruck Marc würde eher spartanisch wohnen. War das falsch?
      Die beiden leben getrennt von ihren Eltern und das Verhältnis ist besch... Sie haben also nichts von dem Vermögen und das ist bewusst von Yu und Marc so gewollt. Am Anfang hatte ich mal erwähnt, dass sie es eben anders haben könnten, aber eben nicht mit ihren Eltern können.

      Sensenbach schrieb:

      als den Ruhm ihrer Eltern zu parasitieren
      Schönes Wort. Wird verwendet und abgespeichert. :)

      Sensenbach schrieb:

      Zombiegarten ... Zombiepflanzen
      Ich will aber keine Zombies haben ... zumindest jetzt noch nicht :P
      Ich hab aber eine andere Lösung gefunden!

      Sensenbach schrieb:

      Yus Alpträume am Schluss sind ein unerwarteter Kontrast zu seinem sonstigen Verhalten. Sobald es um seinen Freund geht wird er empfindlich!
      DARÜBER bin ich jetzt echt froh. Das ist so wichtig, dass das rüber kommt!

      Nochmal bezüglich der Länge meiner Posts, ist das so i.O. für dich oder hättest du lieber mehr / weniger? Die meisten posten hier ja sehr kurze Abschnitte, darum frage ich. Will ja nicht, dass man jedes mal die Augen verdreht wenn man einen Wall of Text vorfindet :/
    • Rebirz schrieb:

      Will ja nicht, dass man jedes mal die Augen verdreht wenn man einen Wall of Text vorfindet
      Ich fand es jetzt nicht zuviel. Meistens poste ich 3-4 Seiten. Arial Größe 12, ca 1300 Wörter.
      Es muss aber natürlich inhaltlich passen, sonst reißt man etwas auseinander.
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hey,

      interessante Ideen, die du hier verarbeitest. Dieser Raum mit den mutierenden Pflanzen und den Stimmen...ziemlich strange. Aber so soll es ja auch sein. ;)
      Mir hat der Teil gut gefallen und auch noch einmal auf recht amüsante Weise die Vorgeschichte von Marc und Yu beleuchtet. Meine Anmerkungen packe ich in den Spoiler...und ich empfinde deine Posts sowohl vom Umfang her als auch von den zeitlichen Abständen als angenehm.

      Spoiler anzeigen

      Rebirz schrieb:

      Zahllose Stimmen, ... Männern und Frauen.
      fehlt hier irgendwas? vielleicht müsste es heißen: Zahllose Stimmen von Männern und Frauen...(?)


      Rebirz schrieb:

      Gut, dass ich es gewohnt bin, dass mein Leben nicht immer so verläuft, wie ich es mir vorstelle. Kaum vorstellbar, als Milliardärssohn.
      Vielleicht: Kaum zu glauben, bei einem Milliardärssohn. (?)


      Rebirz schrieb:

      nicht jeden Paparazzi blutig schlägt, der etwas gefunden hat, dass er für vermarktbar erachtet.
      das (weil bezieht sich auf "das Etwas", oder?-bin jetzt selber verwirrt :hmm: )


      Rebirz schrieb:

      Koks und Nutten.
      Müsste die Antwort nicht auch kursiv geschrieben sein? Wie die anderen? Danach würde ich dann einen Absatz machen.


      Rebirz schrieb:

      Schinken. Ja, Schinken. Die Gesichter waren göttlich!
      Hier würde ich nur seine direkte Antwort kursiv machen. Seine Feststellung dazu: Die Gesichter waren göttlich!" würde ich dann wieder normal schreiben...um es durchgängig beizubehalten.


      Rebirz schrieb:

      Seufzend lasse ich mich auf die Bank fallen, die sich rund um den Sockel der drei Götterstatuen zieht. Alle Ruhe, die der Garten in mir hervorgebracht hatte, ist verpufft. Meine Gedanken sind rastlos. Wieder und wieder ringe ich in der Finsternis nach Luft, wenn ich für eine Sekunde die Augen schließe. Die immer wiederkehrende Angst, als ich Marc in der Dunkelheit verloren hatte, jagt einen Schauer durch meinen Körper, der mich erzittern lässt, als wäre ich von einem Elektroschocker getroffen....
      Am Ende war ich etwas irritiert von dem Stimmungswechsel. Von jetzt auf gleich ist Yu plötzlich wieder aufgelöst, hat rastlose Gedanken, er empfindet Angst bei der Erinnerung an Marcs Verschwinden...der Kontrast kam mir hier zu plötzlich...der Albtraum hingegen ist für mich nachvollziehbar...ich meine, er hat ja auch ziemlich krasse Erlebnisse zu verarbeiten...ich kann mir nur nicht vorstellen, dass er so einfach eingeschlafen ist, wo er doch plötzlich so aufgewühlt war...Verstehst du, was ich meine? Vielleicht könnte er auch einfach direkt in einen ruhelosen Schlaf sinken und dann könntest du diese Ängste schildern? (nur so ne Idee)




      LG,
      Rainbow
    • Dann liefere ich auch mal wieder etwas ab. Die Woche war so viel los, da hab ich doch glatt vergessen, selbst noch mal was zu posten. xD
      Eure Vorschläge zum letzten Teil werde ich heute noch bearbeiten und einbauen. Danke wie immer für die Hinweise.

      Kapitel 6.2

      Yuji Bennet

      Spoiler anzeigen

      „Böse Träume?“
      Eigentlich hätte ich vor Schreck an die Decke springen müssen, weil Lizzy so urplötzlich neben mir aufgetaucht ist, doch ich glotze sie nur erschöpft von unten her an.
      „Du hast ja gar keine Ahnung, was für welche.“
      Sie setzt sich zu mir. „Ihr zwei scheint euch sehr nahe zu stehen. Du und Marc.“
      „Er ist die einzige wirkliche Familie, die ich noch habe, obwohl wir nicht verwandt sind. Wenn er nicht mehr da wäre, wüsste ich nicht, was ich tun würde.“
      „Ihr seid zusammen aufgewachsen?“
      Ich nicke und reibe mir die Augen. „Ohne ihn wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Ich würde vermutlich in quälend langweiligen Besprechungen sitzen und von oben herab auf die Welt blicken. Alleine wäre meine Kindheit vollkommen anders verlaufen. Schlechter.“
      Warum erzähle ich ihr das alles? Ich kenne sie doch kaum. Ich kann mir nicht einmal sicher sein, ob sie wirklich ein Freund ist. Es ist wohl wieder mal Marcs Verschulden. Er sagte, dass Lizzy in Ordnung wäre und wenn er so etwas behauptet, dann ist es schwer, daran zu zweifeln. Nach all den Jahren ist es zu einem regelrechten Automatismus geworden, seinen Worten blindes Vertrauen zu schenken. Lizzy wirkt auf mich nicht wie ein schlechter Mensch. Wäre sie denn einer. Nein, sie ist ein Halbgott. Ob Marc Halbgötter mit seiner Menschenkenntnis genauso gut einschätzen kann, wird sich noch zeigen. Bis dahin sollte ich mit dem, was ich von mir gebe, doch etwas vorsichtiger sein.
      „Du vertraust mir nicht“, sagt sie plötzlich.
      Eiskalt erwischt. Verdammt. Pokerface, Yuji! Pokerface! Ich rümpfe die Nase.
      „Ich nehme es dir nicht übel. Du und Marc, ihr habt den schlagartigen Wandel in eurem Leben so viel besser aufgenommen und verarbeitet, als die meisten anderen unter uns. Da beschwert man sich nicht über ein paar kleine Kanten, die noch zurecht geschliffen werden müssen. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns schon bald mehr Vertrauen entgegenbringen können.“
      „Die meisten anderen ... Wie viele von euch ... uns gibt es denn?“
      Lizzy wendet den Blick nachdenklich hinauf zu Decke und kalkuliert in Gedanken. „Hier in Terra grob überschlagen an die Fünfhundert.“
      „Fünfhundert?!“
      „Ich weiß. Klingt nicht nach viel, aber zusammen mit ...“
      „Nicht viel?! Ich hatte damit gerechnet, dass es vielleicht maximal fünfzig von euch ... Ach verdammt! Uns! Gibt und du erzählst mir was von Fünfhundert?“
      Lizzy zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Wäre schön, wenn wir noch mal fünfhundert mehr wären. Wir sind stets in der Unterzahl. Caelum ist dichter bevölkert als Terra, aber sie müssen auch eine viel größere Fläche abdecken.“
      Ich kombiniere: Caelum, Terra, dichter bevölkert. Es gibt noch mehr Orte wie diesen hier, er ist größer und damit laufen auch noch mehr Halbgötter auf der Welt herum, als ich mir auch nur im Entferntesten vorstellen konnte. Zwar habe ich gesagt, dass ich ihre Geschichte glaube, das ganze Ausmaß ist jedoch mehr als beeindruckend. Oder erschreckend. Wie man es auch betrachten will.
      Innerlich kämpfe ich dagegen an, mir kein vorschnelles Bild zu formen, aber es ist einfach alles zu viel auf einmal. Reiß dich zusammen, Yu! Zumindest bis Marc wieder gesund ist. Er wird wissen, was zu tun ist. Hoffe ich wenigstens.

      „Was glaubst du, wie lange es noch dauern wird, bis Marc vollständig genesen ist? Und bitte tätige eine Aussage, die nicht in Tagen angegeben ist, denn ich schwöre bei sämtlichen Göttern, dass ich dieses Tor in einen Schutthaufen verwandeln werde, wenn ich da nicht bald wieder rein darf. Halbgott als Chefarzt oder nicht.“
      „Dimitri war vielleicht etwas aufgebracht, aber ich habe größtes Vertrauen in seine Fähigkeiten. Er hat bereits wesentlich schlimmere Verletzungen geheilt. Sein medizinisches Können ist wahrlich bemerkenswert. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Wenn du möchtest, es gibt hier einen Aufenthaltsraum, in dem du dich ausruhen könntest, bis es soweit ist. Es existieren genügend davon hier in der Säule und ich garantiere dir, du wirst nie wieder mit einem gewöhnlichen Bett zufrieden sein, sobald du einmal den Luxus von Terra genossen hast.“
      Mir ist weder nach Schlafen zumute, noch habe ich das Verlangen, weitere Überraschungen zu erleben. Wer weiß schon, was Halbgötter tatsächlich als Luxus bezeichnen.
      Lizzy mustert mich amüsiert. „Du zweifelst an meinen Worten? Ein Bett wird dich schon nicht fressen.“
      „Da bin ich mir nicht mehr so sicher, seitdem ich eure Gärten besucht habe. Ich will nicht enden, wie in einem Freddy Krüger Film.“
      „Gärten? Du hast die Säule verlassen? Wann?“
      Ich schüttle den Kopf. „Nicht draußen. Das Tor war ja verschlossen. Ich spreche von eurem lebendigen Biotop hier drin. Was denkt ihr euch eigentlich dabei, das einfach so unbewacht zu lassen? Ich kann von Glück reden, dass ich hier sitze.“
      Lizzys Blick wandert von links nach rechts, von oben nach unten, dann scheint sie alle Gedanken, die sie gesucht hat, gefunden und kombiniert zu haben. Entsetzt reißt sie die Augen auf und mit einem Satz ist sie auf den Beinen. „Unmöglich!“
      Wow, die letzten Stunden war dies das Wort, welches ich am häufigsten verwendete. Schön, es mal wieder aus einem anderen Mund zu hören.
      „Was hast du gesehen? Hast du etwas gehört?“
      „Bäume, Büsche, Gras und noch mehr Grünzeug. Nichts Besonderes. Hey! Ich habe nichts angefasst! Das Ding, oder was auch immer es ist, hat mich völlig ohne Grund attackiert! Wenn ihr nicht in der Lage seid, ordentliche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, dann kreidet das nicht mir an! Ein paar penetrante Stimmen, die mich zum Teufel scheuchen und das auch erst nachdem die Pflanzen verrückt zu spielen begonnen haben, ist ja wohl mal mehr als lächerlich.“

      „Stimmen“, flüstert Lizzy ungläubig. „Was für Stimmen? Wer hat zu dir gesprochen?“
      „Woher soll ich das wissen? Solltet ihr euer Personal nicht besser kennen, als jemand, der gerade erst hier gestrandet ist und nicht den blassesten Schimmer davon hat, was hier gespielt wird?“ Langsam reizt diese Fragerei mein sowieso angeschlagenes Gemüt gefährlich.
      „Wer, Yuji?! Wer hat mit dir gesprochen?!“
      „Keine Ahnung! Nerv mich nicht! Irgendeine Frau und dann ein Mann und noch zig andere Stimmen, die sich gegenseitig regelrecht zerfleischt haben, um mir auf den Geist zu gehen!“, platzt es aus mir heraus.
      Sie lässt sich neben mich auf die Bank fallen und langsam die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen entweichen. Erleichtert reibt sie sich die Augen.
      „Ein Glück. Die Naturgötter waren dort und haben das Schlimmste verhindert“, stöhnt sie.
      Mit einem festen Griff packt sie meine Schulter und sieht mir direkt in die Augen. „Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, dorthin zu gelangen, aber halte dich von diesem Ort fern, Yu! Er ist gefährlich, auch wenn er auf den ersten Blick nicht danach aussieht.“
      „Wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen. Gut, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast“, grunze ich belustigt.
      „Ich meine es ernst.“
      „Ich bin todernst.“
      „Terra ist nicht einfach nur eine Stadt. Sie ist lebendig, führt ein eigenes Leben und dass schon weit länger, als wir denken können. Sie ist eine Miniaturausgabe der Erde selbst. Wie ein Spiegelbild im Rückspiegel eines Autos, welches immer kleiner ist, als in Wirklichkeit. Erde ist der Name, den die Menschen Gaia gegeben haben und Terra ist Gaia. Zumindest ein kleiner Teil davon. Allerdings ein ungeheuer Wichtiger. Auch wenn die Menschen mit ihren Maschinen, bis hinein in den Erdkern bohren würden, könnten sie der wahren Erde niemals so nahe sein, wie wir hier in Terra. Du jedoch bist noch einen Schritt weitergegangen. Einen Schritt, den kaum jemand tätigen kann. Nur die Herrscherin von Terra kann normalerweise den Ort erreichen, von dem du gesprochen hast.“
      „Was ist so besonders an ihm? Außer, dass er ein Menschenfresser ist.“
      Sie setzt zu einer Antwort an, hält sich dann aber doch zurück. „Sagen wir mal, es ist das Herzstück von Terra. Belassen wir es dabei. Bleib einfach weit davon weg, denn noch einen Besuch wirst du nicht überleben.“
      Missmutig verschränke ich die Arme vor der Brust. „Das hört sich so an, als wäre es mein Fehler gewesen. Was kann ich denn dafür, dass beim Bau eurer Heiligtümer an den Türen gespart wurde?“

      Das Zischen der steinernen Schlange unterbricht unsere Unterhaltung. Mürrisch schlängelt sie sich hinüber auf die andere Torhälfte und lässt sich dort nieder. Mich würde es auch tierisch nerven, den ganzen Tag von einem Eck in das andere gescheucht zu werden. Als das Tor aufschwingt und Dimitri heraustritt, bin ich auch schon bei ihm.
      „Was ist mit Marc? Geht es im gut?“, überfalle ich den Heiler regelrecht.
      Mit einem Tuch tupft er sich die Schweißperlen von der Stirn. Er sieht furchtbar mitgenommen aus. Was auch immer er getan hat, er hat all seine Kraft hineingesteckt. Prompt machen sich wieder die Schuldgefühle in mir breit. Ich weiß nichts über diese Welt, ihre Sitten und Bräuche und trotzdem habe ich sie sofort verurteilt und für schlecht befunden. Irgendwie muss ich mich bei Dimitri entschuldigen und dankbar zeigen. Vorausgesetzt natürlich, der Schweiß auf seiner Stirn kommt nicht doch davon, dass er die Knochen meines besten Freundes zu Mehl zermahlen hat.
      Meine Stimmungsschwankungen heute sind wirklich nicht mehr feierlich.
      „Jetzt sagt schon, verdammt noch eins!“, dränge ich Dimitri zu einer Antwort.
      „Der Genesungsprozess ist erfolgreich abgeschlossen und er wird ...“ Ein erschrockener Aufschrei gefolgt von lautem Scheppern, schallt aus der Krankenstation heraus. „Bei der Keuschheit der Artemis, was ist heute los?“
      Dimitri stürmt zurück. Lizzy und ich folgen ihm. Begrüßt werden wir von einem der Arzthelfer. Allerdings nicht im klassischen Sinne. Er schlägt hart auf dem Marmorboden auf und rutscht uns direkt vor die Füße, wo er regungslos liegen bleibt. Ein weiterer liegt, begraben unter einem Berg weißer Leinentücher, vor einem zerstörten Schrank.
      Die Lederriemen, welche Marc bisher gehalten haben, zerreißen nacheinander mit einem peitschenden Schnalzen und er stürzt vom Tisch herunter. Sichtlich benommen versucht er sich aufzurappeln, torkelt aber nur unkontrolliert umher.
      „Haltet ihn! Er muss sich beruhigen!“, fordert Dimitri seine Männer auf, die sich auch sogleich auf Marc stürzen.
      Einer schlingt sich von hinten um seinen Körper und ein weiterer versucht seine Arme zu fassen zu bekommen, mit denen Marc wild herumwirbelt. Fast sieht es so aus, als würden sie ihm Herr werden, doch dann passiert etwas so schnell, dass ich nicht mit Sicherheit sagen kann, was es genau war.
      Es sah aus, als wäre von Marc eine Druckwelle ausgegangen, welche die beiden Männer von sich weg und durch die Luft geschleudert hatte. Ein seltsamer, dunkler Nebel hängt im Raum, der langsam zu Boden sinkt. Es geht alles so schnell. Dimitri baumelt röchelnd an Marcs ausgestrecktem Arm. Sein Griff ist wie ein Schraubstock. Die starken Muskeln des Russen geben nach wie Knetmasse. Immer weiter drückt mein Freund den Hals seines Heilers zusammen.


      Schönes Wochenende wünsche ich!

      Gruß
      Rebirz
    • Schöner verständlicher Abschnitt, wo du wie nebenbei etwas mehr von der Welt erklärst. Hat mir gut gefallen.


      Rebirz schrieb:

      Schönes Wochenende wünsche ich!
      Sagt es und verabschiedet sich mit einem Cliffhanger.

      Rebirz schrieb:

      kleine Kanten, die noch zurecht geschliffen werden müssen
      Na, das hört sich ja nicht angenehm an!
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hallo @Rebirz,
      ich hab jetzt auch mal bei deiner Geschichte angefangen. Bis jetzt liest es sich sehr gut, flüssig und ohne irgendwelche Stolperstellen. Ich werd demnächst aufholen, das erstmal nur, damit du weißt, dass du einen Leser mehr hast ab jetzt ^^
      VG Tariq
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • Diesmal etwas schneller Nachschub, nachdem ich mich das letzte Mal ja mit einem Cliffhanger verabschiedet habe. :P Ich hoffe die letzten Kapitel waren nicht zu viel Gerede. Auf jeden Fall kommt hier mal wieder eine etwas actionreichere Szene. :)

      Kapitel 7.0

      Marc Gray

      Spoiler anzeigen
      Dunkelheit. Schon wieder umgibt mich nur Dunkelheit. Ich falle. Oder schwebe ich? Weder sehe ich einen Boden, auf den ich zufallen würde, noch spüre ich den Wind auf meiner Haut. Ich hänge einfach nur im Nichts, der Kontrolle über meine Gliedmaßen beraubt. Nicht einmal nach Hilfe rufen kann ich. Die Schwärze verschluckt jeglichen Laut. Diese Situation kommt mir nur allzu bekannt vor. Der Riss, durch den Yu und ich gefallen sind, es war dasselbe Gefühl.
      Ob auch hier die hellen Sprünge auftauchen werden?
      Offenbar nicht. Nicht ein winziger Haarriss ist in der Finsternis zu entdecken. Warum auch? Ein riesiger Steinbrocken ist mir in den Rücken gekracht und mir wurde ein angebrochenes Rückgrat diagnostiziert. Die Schmerzen sind verschwunden, doch in meinem Kopf sind sie weiterhin präsent, als würde ich noch immer auf der schaukelnden Krankentrage liegen. Dimitri behauptete zwar, er könnte mir helfen - bitte bestraft mich für meine Vorurteile, falls ich mich irren sollte - aber er machte auf mich eher den Eindruck, als würde er für gewöhnlich Knochen brechen, anstatt sie wieder zu heilen. Wahrscheinlich bin ich gerade auf dem Weg ins Reich der Toten.
      Plötzlich bewegt sich etwas in der Dunkelheit. Zuerst hat es keine feste Form. Es ist nur ein schwaches Flimmern, welches man mit bloßem Auge kaum ausmachen kann, doch umso länger ich darauf starre, umso deutlicher erkenne ich es. Man könnte meinen, es wäre noch dunkler, als die Dunkelheit, die es umgibt. Ist so etwas überhaupt möglich? Das seltsame Phänomen entwickelt sich zu einer Silhouette, die langsam immer detaillierter wird. Ohne Zweifel sind es die Züge einer Frau. Es scheint, als würde die Finsternis durch ihre Gegenwart zum Leben erwachen. Es ist schwer zu beschreiben, aber irgendwie bewegt diese sich tatsächlich. Wie schwarze Wellen auf schwarzem Grund.
      Die Frau ist wunderschön. Das lange, schwarze Haar, welches bis hinunter zu ihren Beinen reicht, verbindet sich dort auf eine unerklärliche, formlose Art und Weise mit ihrem Kleid. Dieses liegt nicht direkt an ihrem Körper an. Es gleitet um sie herum und ist in ständiger, unruhiger Bewegung. Als würde ein stürmischer Wind daran zerren. An den Wetterbedingungen selbst hat sich allerdings nichts geändert. Es gibt noch immer keine. Nur das endlose, dunkle Nichts.
      Die Frau schwebt jetzt so nahe bei mir, dass ich sie berühren könnte, würden mir denn meine Arme endlich wieder so gehorchen, wie sie sollten. Kaum treffen sich unsere Blicke zum ersten Mal, kann ich mich nicht mehr von ihren mysteriösen, schwarzen Augen abwenden. Sie ziehen mich tiefer in die Dunkelheit hinein, beruhigen und betören mich zugleich.

      Erneut öffne ich den Mund, aber auch diesmal werden meine Worte einfach verschluckt. Alles, was ich tun kann, ist dieses wunderschöne Wesen anzustarren. Sanft berührt sie mit ihren Fingerspitzen meine Wangen. Eine unnatürliche Kälte breitet sich von dort bis tief in meine Knochen aus, die jedoch seltsam angenehm ist. Mein Körper lechzt förmlich nach mehr. Immer näher kommt die Frau mir und für einen kurzen Moment sieht sie mich noch mit ihren bezaubernden Augen an, bevor sie ihren Mund sanft auf den meinen legt. Schlagartig durchfährt mich eisige Kälte. Kein bisschen Wärme bleibt zurück. Ich zittere am ganzen Leib. Es folgt ein stechender Schmerz, der in jedem Nerv meines Körpers zu explodieren scheint. Es tut weh, doch dagegen tun kann ich nichts. Irgendwie will ich es auch gar nicht. Mein Körper weigert sich.
      Hinter der Frau ist die Dunkelheit in Aufruhr geraten. Wirbelsturmartig sammelt sie sich und ein dünner, wabernder Strahl, welcher in ihrer dichten, wehenden Haarpracht fast untergeht, verbindet sich mit ihr. Da realisiere ich, was gerade passiert. Sie leitet die Dunkelheit durch ihren Kuss in meinen Körper.
      Just in diesem Moment lässt sie von mir ab und es entweicht noch eine kleine dunkle Wolke aus meinem Mund, bevor ich ihn schließen kann. Eine ungeheure Kraft durchfährt mich. Kraft, für die keine Beschreibung existiert. Eine Macht so groß, dass ich fest davon überzeugt bin, mehr als nur einen Berg mit bloßen Händen versetzen zu können. Die Schmerzen sind ebenfalls wieder verschwunden. Geblieben ist nur die angenehme Kälte, welche nun meinen gesamten Körper durchströmt, mich beruhig und mir Sicherheit gibt.

      Erneut suche ich den Blick der Frau, die mir gerade den seltsamsten, zugleich aber auch aufregendsten Kuss meines Lebens geschenkt hat. Sie schwebt noch immer vor mir. Mit ihrem leichten, jedoch warmen Lächeln auf den Lippen könnte sie jedes Männerherz im Sturm erobern. Allerdings sagt mir mein Gefühl, dass kein Mann der Welt jemals diese Frau sein Eigen nennen wird. Sie ist anders. Unerreichbar für ein gewöhnliches Wesen.
      Ich möchte sie nach ihrem Namen fragen. Möchte wissen, was sie gerade mit mir gemacht hat, wo ich hier bin und noch so viel mehr, doch die Dunkelheit umschlingt mich, reißt mich wild umher. Ich schreie auf. Diesmal wirklich. Der Schrei bahnt sich seinen Weg hinaus in die dunkle Welt.

      Obwohl mein Körper mir sagt, dass ich es können sollte, bewegen sich meine Gliedmaßen nicht. Etwas hält mich.
      Nein! Ich bin nicht mehr zu bändigen!
      Tief in mir spüre ich die Kraft. Diese ungeheure Kraft, der sich nichts und niemand widersetzen kann. Es bedarf nicht einmal großer Anstrengung, meine Fesseln zu sprengen. Ich spanne nur kurz die Muskeln an und sie zerreißen, als wären sie aus Papier. Mein rechter Arm ist frei, doch sofort greift etwas danach. Ich kann nichts sehen. Mein Blick und meine ganze Wahrnehmung sind völlig verworren.
      Instinktiv wehre ich mich gegen das, was mich da festhalten will. Wie eine lästige Fliege schüttle ich es ab. Leider kommen Solche selten allein. Prompt wird die Alte von einer Neuen ersetzt.
      Genug! Niemand kann mich aufhalten!
      Meine Fesseln reißen. Alle! Noch immer völlig desorientiert von der chaotischen Reise, versuche ich mich aufzurappeln, greife jedoch ins Leere und stürze. Diesmal endet mein Fall auch tatsächlich schmerzhaft.
      Egal! Mach weiter, Marc! Du bist mächtig! Lass dich von niemandem aufhalten! Wehre dich!
      Zwei Angreifer kommen auf mich zu. Obwohl ich sie nicht sehe, weiß ich, dass sie da sind. Einer versucht meine Arme zu greifen, während der Zweite mich von hinten mit einem kräftigen Griff packt. Er will mich aus dem Gleichgewicht bringen. In mir beginnt etwas zu brodeln und ich weiß genau, was es ist. Rasende Wut!
      Schlage zurück! Zerquetsche sie!
      Alles, was ich tue, ist mir vorzustellen, wie ich die beiden Angreifer abschüttele und schlagartig spüre ich, wie sie von mir weggestoßen werden. Ein dunkles Flimmern trübt meine Sicht, aber die kräftigen Hände auf meinen Schultern muss ich nicht sehen, nur fühlen. Sie versuchen mich wieder zu fixieren und ruhig zu stellen. Die Wut in mir kocht über und mein Körper reagiert von selbst. Blind greife ich nach dem Angreifer und bekomme ihn auch zu fassen. Mit erschreckender Leichtigkeit hebe ich ihn in hoch, obwohl meine Hand bei weitem nicht um den breiten Hals reicht. Er zappelt panisch, ringt vergebens nach Luft.
      Ich habe ihn! Er entkommt mir nicht mehr!

      „Lass ihn los, Marc! Es ist alles in Ordnung!“
      Egal, in welchem Zustand ich mich auch befinden mag, diese Stimme würde ich unter tausenden heraushören. Es ist Yu. Schlagartig realisiere ich, wem ich da gerade das Leben aus dem Leib presse. Das Flimmern in meinen Augen lässt nach und ich erkenne Dimitri. Sofort löse ich meinen Griff und er fällt zu Boden. Röchelnd hält er sich schützend den Hals. Lizzy ist auf der Stelle bei ihm. Mein Freund eilt zu mir, packt mich an den Schultern und setzt an, etwas zu sagen, zieht jedoch mit überraschtem Gesicht schlagartig die Hände zurück.
      „Scheiße!“, ruft er geschockt. „Du bist ja kalt wie eine Leiche! Geht es dir gut, Kumpel?“
      Tatsächlich spüre ich noch immer die unnatürliche Kälte in mir. Ich empfinde sie als angenehm, Yu hingegen nicht. Er schüttelt sich, als wäre er in einen gefrorenen See eingebrochen.
      „Ich muss mich erst mal setzen“, stammle ich.
      Lizzy stellt einen Holzstuhl auf, den ich wohl umgestoßen habe, als ich mich der beiden Angreifer entledigte. Es waren Dimitris Helfer, wie ich jetzt erkenne und Gott sei Dank scheinen sie sich nicht ernsthaft verletzt zu haben. Der Stuhl beschwert sich mit einigen knackenden Geräuschen über die unsanfte Behandlung, als ich mich setze.
      „Tut mir leid“, entschuldige ich mich bei Dimitri. „Ich wollte dich nicht verletzen. Für einen Moment war ich völlig blind und als du mich gepackt hast ...“
      „Ist schon in Ordnung“, krächzt der Russe mit noch schwacher Stimme. „Es waren nur die Nebenwirkungen des Ambrosia. Nichts, worüber du in deinem Zustand Kontrolle haben konntest. Mach‘ dir keinen Kopf.“


      Gruß
      Rebirz

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rebirz ()

    • Zu Kapitel 5.0

      Rebirz schrieb:

      Marc ist schwer verletzt und jetzt marschiere ich mit einer Gruppe Freaks in Römerrüstungen und mittelalterlichen Roben, an einen mir unbekannten Ort, den sie Terra nennen, damit dieses Muskelpaket von Dimitri ihn heilen kann. Mal ernsthaft ... Dimitri sieht aus, als wäre die einzige Heilung, die er beherrscht, die Erlösung von sämtlichen irdischen Schmerzen. Und zwar für immer! Mit seinen prankenähnlichen Händen könnte er höchstwahrscheinlich, ohne auch nur für eine Sekunde ins Schwitzen zu kommen, Marcs Kopf zerquetschen.
      Ich dachte zuerst, das sind Gedanken und war mega verwirrt, weil das nicht Kursiv war. Wusste nicht mehr, was Beschreibung ist und was nicht. Dann ist mir aufgefallen, dass du hier ja (wie in der Überschrift ersichtlich) einen Charakterwechsel gemacht hast. Hat mich aber erstmal voll rausgerissen, weil ich zwei Ich-Erzähler in einer Story irgendwie merkwürdig finde ... ich glaube es liegt daran, dass ich als Leser durch Worte wie "ich" und "mir" einen vollkommen anderen Charakter verbinde, dadurch, dass das ja immer mit Marc verknüpft war. Kp, hat jedenfalls die Hälfte des Kapitels gedauert, bis ich damit einigermaßen klar kam xD

      Rebirz schrieb:

      on physikalischen Gesetzen sind die offenbar nicht sonderlich beeindruckt.
      Der Satz ist der Real MVP :thumbsup:

      Rebirz schrieb:

      Mehrmals drehe ich mich um die eigene Achse, um mir ein vollständiges Bild der Stadt machen zu können, aber was ich sehe, verschlägt mir die Sprache. Auf der gesamten Innenseite der Kugel befinden sich Häuser, kleine und große. Ganze Parkanlagen mit Seen, Bergen und Wasserläufen. Auf den Straßen laufen überall Menschen umher, in den Gärten spielen Kinder. Niemanden scheint es zu interessieren, dass sie eigentlich kopfüber hängen. Aber warum sollten sie auch? Sie kleben ja offensichtlich an der Oberfläche fest, wie Kletten am Wollpullover. Selbst die Wasserfälle fließen in die Seen und regnen nicht auf mich herab. Als hätte die Außenseite ihre eigene Anziehungskraft. Wie ein wirklicher Planet. Nur verdreht. Die Kugel ist vollkommen geschlossen, also dürfte eigentlich kein Sonnenlicht ins Innere fallen, dennoch fühle ich, wie warme Strahlen auf meine Haut treffen.
      Cooles Bild von der Stadt, hab sofort entsprechende Vorstellungen dazu, cool!

      Rebirz schrieb:

      Dimitri ruft dem Schlangentor etwas in einer unverständlichen Sprache zu und plötzlich erwacht das Tier zum Leben.
      Ruhig bleiben, Yu. Ist doch nur ´ne versteinerte, lebendige Schlange.
      Oh, ein Parselmund :D Tut mir leid, ist ein Bild erstmal stark geprägt, kommt es immer wieder hoch xD

      Rebirz schrieb:

      „Sowas wie Morphium?“
      „Besser.“
      Ich hatte jetzt eher mit einer Frage wie "Was ist Morphium" gerechnet.


      "Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können, wenn wir nur einen Versuch wagen."

      ~ William Shakespeare








      :fox:


      Besucht meinen Fuchsbau
    • Hey @Alopex Lagopus

      Willkommen zurück aus dem Kurzurlaub und danke fürs Reinschauen :)

      Alopex Lagopus schrieb:

      Ich dachte zuerst, das sind Gedanken und war mega verwirrt, weil das nicht Kursiv war. Wusste nicht mehr, was Beschreibung ist und was nicht. Dann ist mir aufgefallen, dass du hier ja (wie in der Überschrift ersichtlich) einen Charakterwechsel gemacht hast. Hat mich aber erstmal voll rausgerissen, weil ich zwei Ich-Erzähler in einer Story irgendwie merkwürdig finde ... ich glaube es liegt daran, dass ich als Leser durch Worte wie "ich" und "mir" einen vollkommen anderen Charakter verbinde, dadurch, dass das ja immer mit Marc verknüpft war. Kp, hat jedenfalls die Hälfte des Kapitels gedauert, bis ich damit einigermaßen klar kam xD
      Ich habe insgesamt vier Charaktere, aber ich hoffe, du findest dich trotzdem in die Geschichte ein. Gerade deswegen habe ich das aber auch mit den Überschriften gemacht. Ist zwar verdammt simpel und beinahe faul, aber wenn ich jedes mal erst klar machen müsste wer jetzt spricht, dann würde das viel zu langatmig werden. :)

      Alopex Lagopus schrieb:

      Oh, ein Parselmund
      Tatsächlich hatte ich hiermit mal einen gänzlich anderen Hintergedanken, den ich dann aber gar nicht weiter gesponnen habe. Macht aber nix, dann habe ich halt eine kleine Hommage an den dunklen Lord mit drin :P

      Alopex Lagopus schrieb:

      Ich hatte jetzt eher mit einer Frage wie "Was ist Morphium" gerechnet.
      Passt nicht, weil ... naja abwarten bis du mehr über die Welt weißt :P

      Gruß
      Rebirz
    • Lieber @Rebirz
      Eine interessante Begegnung mit einer geheimnisvollen Frau. Gut geschrieben. Was im Spoiler ist? Das meiste ist Geschmacksache!

      Spoiler anzeigen

      Rebirz schrieb:

      Mit ihrem schwachen, jedoch warmen Lächeln auf den Lippen könnte sie jedes Männerherz im Sturm erobern.
      Vorschlag: Mit dem leichten, warmen Lächeln um ihre Lippen ...

      Rebirz schrieb:

      Das seltsame Phänomen entwickelt sich zu einer Silhouette, die langsam immer detaillierter wird. Ohne Zweifel sind es die Züge einer Frau.
      Die seltsame Erscheinung formt sich zu einer .... Ohne Zweifel, es sind die Umrisse eine Frau.
      Oder. Die seltsame Erscheinung formt sich zu einer Gestalt, die immer... Ohne Zweifel es ist die Silhouette einer Frau.

      Rebirz schrieb:

      Sanft berührt sie mit ihren Fingerspitzen meine Wangen. Eine unnatürliche Kälte breitet sich dort aus, die bis in die Knochen hineinzieht. Doch sie ist seltsam angenehm.
      Eine unnatürliche Kälte breitet sich von dort bis tief in meine Knochen aus.

      Rebirz schrieb:

      Tief in mir drin spüre ich die Kraft.
      Tief in mir spüre ich die Kraft.

      Rebirz schrieb:

      doch sofort greift jemand oder etwas danach.
      doch sofort greift etwas danach

      Rebirz schrieb:

      Die Wut in mir kocht über und mein Körper reagiert von selbst
      Die Wut in mir übernimmt die Kontrolle über meinen Körper.

      Rebirz schrieb:

      Das Flimmern in meinen Augen klar auf und ich erkenne Dimitri.
      Das Flimmern in meinen Augen klart (oder lässt nach) auf...

      Rebirz schrieb:

      Mein Freund eilt zu mir, packt mich an den Schultern und setzt an, etwas zu sagen, reißt aber schlagartig wieder die Hände los.
      Der Satz ist ungewöhnlich.
      Mein Freund eilt zu mir, packt mich an den Schultern. Ich sehe, er möchte etwas zu sagen, aber voller Überraschung zieht er seine Hände zurück. (Oder so. Mich hat das reißt gestört)

      Rebirz schrieb:

      krächzt er mit noch schwacher Stimme.
      krächzt der Russe mit noch schwacher Stimme

      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz