Sinistre Weihnachten 2017

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    • Sinistre Weihnachten 2017

      Es ist wieder einmal soweit.
      Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, damit könnte ich sehr gut leben, sondern unausweichlich damit auch die Weihnachtszeit.
      Ich lebe seit ein paar Jahren in New York und ich vermute es gibt auch andere Städte auf der Welt, die sich zu Weihnachten aufführen, als wären plötzlich alle durchgedreht, aber ich wette, wir liegen unter den Top Fünf. Überall tauchen plötzlich Lichterketten auf und damit meine ich nicht ein paar geschmackvoll platzierte hier und da. Ich meine, es findet die Invasion der Lichterketten statt. Doch sie kommen nicht alleine. Im Gefolge haben sie künstliche Tannenzweige, künstliche Fichtenzapfen, künstlichen Schnee, glänzende Kugeln in allen möglichen Farben und auf einmal riecht es überall nach Apfel und Zimt.


      Versteht mich recht, ich bin kein Griesgram. Doch, wirklich, ich kann Spaß haben und habe sogar eine (ganz) kleine romantische Ader. Aber wenn ich schon direkt nach Halloween pausenlos von Whams Last Christmas berieselt werde, von irgendwoher Weihnachtsglöckchen andeuten, es käme gleich ein Schlitten um die Ecke gerauscht, werde ich etwas unleidlich. Dann werde ich an jeder Ecke von einem pausbäckigen Weihnachtsmann angegrinst, als hätte er mir gerade einen schmutzigen Witz erzählt, den ich leider nicht kapiert habe. Und als ob das nicht genug wäre, schaut mich die Verkäuferin hinter der Fleischtheke, Verzeihung, ich meine natürlich Fleisch … äh … Zerteilungs ... fachkraft, oder so ähnlich - ich gebe mir ja Mühe - mit einem künstlichen Geweih auf dem Kopf an, als wolle sie jeden Moment selbst zu einem zukünftigen Fleischprodukt mutieren.

      Aber mit all dem könnte ich irgendwie klarkommen, ohne meinen Neigungen nachzugeben, spontan die künstlich angeleierte vorweihnachtliche Glückseligkeit mit einem mittleren Massaker zu beenden, mein kleiner Beitrag als hochqualifizierte Fleischzerteilungsfachkraft im Ruhestand, gewissermaßen.
      Doch da gibt es ja noch Ella. Meine wundervolle Freundin. Meine bezaubernde Lebensgefährtin. Die klügste Person, die ich kenne und eine der begabtesten Nachwuchsmagierinnen auf dem Planeten - aber ich könnte in dieser Hinsicht etwas voreingenommen sein.
      Auch noch mit blondem Engelshaar und einer entsprechenden Figur gesegnet, befällt sie jedes Jahr um diese Zeit diese tragische Krankheit, dieser Zustand völliger Gaga-nis, dieses Aussetzen jeglicher schicklicher Zurückhaltung, die mich sonst eher an ihr stört. Pünktlich zum Einsetzen dieser Weihnachtshysterie überkommt sie der Drang, sich in rote Sachen zu kleiden und Stiefel, Mäntel oder Pullover mit weißem Pelzimitat zu tragen. Sie zieht sich eine rote Mütze mit einer weißen Bommel auf, noch schlimmer, sie versucht mich dazu zu bringen, es auch zu tun. Krippenspiele und ähnliche Aufführungen ziehen sie nun magisch an.
      Ich war über 600 Jahre eine Vampirin, als Assassine meines Clans unterwegs. Die eingeweihten Personen wechseln heute noch die Straßenseite, wenn nicht sogar die Stadt oder gleich den Bundesstaat, wenn sie mich sehen. Auch wenn ich inzwischen atme und keine regelmäßige Blutzufuhr für mein Wohlergehen brauche, habe ich einen Ruf zu verlieren. Das bedeutet ich werde keine, ich wiederhole, keine rote Mütze mit weißer Bommel tragen, wenn ich in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Ich besuche auch keine Krippenspiele. Jahrhundertelang war ich eine Persona Non Grata bei kirchlichen Veranstaltungen – kein Vorwurf, einfach eine Tatsache – aber es hat mir, um ehrlich sein, auch nicht gefehlt. Es ist nicht so, dass der Friedenskönig, dessen Geburt ja angeblich zelebriert werden soll, und ich völlig unüberbrückbare Differenzen hätten. Laut würde ich es nicht zugeben, aber heimlich bin ich sogar ein Fan von seiner Idee, dass man ja auch mal zur Abwechslung in Frieden zusammen leben könnte, aber das bedeutet nicht, dass ich mich auch mit den Organisationen vertragen muss, die sich seine Utopie von einer perfekten Welt einverleibt haben.
      Zudem war ich Europäerin und bin es im Grunde meines Herzens auch geblieben. Gegen die Engländer habe ich damals nur gekämpft, weil sie die Stärkeren waren und meinem Clan bald in die Quere gekommen wären. Andererseits sind die Geschichten über den Unabhängigkeitskrieg und die moralisch edlen Freiheitsbewegungen der Neu-Amerikaner hoffnungslos verklärt und übertrieben. Aber das tut hier nichts zur Sache. Mit dieser aufgesetzten Weihnachtsseligkeit meiner jetzigen Landsleute, kann ich jedenfalls nicht allzu viel anfangen. Dann lieber noch um eine brennende Strohpuppe herum tanzen und sich mit heißem Met betrinken …


      Wie man also sehr leicht erkennen kann, befinde ich mich, alle Jahre wieder, im selben Dilemma. Ich würde in dieser Zeit gerne nach Tibet auswandern, meine Süße strahlt aber wie ein Honigkuchenpferdchen und ist auf der Jagd nach Geschenken für Leute, die wir kaum kennen, oder Leute, die gar kein Weihnachten feiern, oder Leute, die ohnehin schon alles haben, was man für vernünftiges Geld kaufen kann.
      Jedes Jahr aufs Neue sehne ich unseren Weihnachtsurlaub herbei, an einem, auf jeden Fall weit abgelegenen Ort, wo ich zwar auch damit leben muss, in einen Wollpullover mit Wintermuster gesteckt zu werden, dabei aber nur von dem einzigen Menschen gesehen werde, für den ich auch in einem Tutu herumlaufen würde – wehe, jemand bringt sie jemals auf diese Idee!


      Und dann ist da noch dieser alljährliche Wohltätigkeitsball …
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse
    • »Bist Du bald soweit? Denk dran, unsere Limousine kommt gegen 18 Uhr.«

      Ich seufze still leidend.
      Natürlich bin ich soweit, schon seit zwei Stunden. Wie lange kann es auch dauern, ein Hemd und einen Smoking samt passenden Schuhen anzuziehen?
      Ella ist seit drei Stunden dabei, sich passend zu schminken und ihren Haaren den letzten Schliff zu geben. Den Kommentar, dass sie wohl mehrere Zauberformeln entwickelt hat, für ständig vorkommende Probleme, wie einen Panzer implodieren zu lassen, aber keinen für so abwegige Situationen, wie sich in weniger als drei Stunden für einen Ball herzurichten, verkneife ich mir. Immerhin konnte ich mit Mühe und Not verhindern, dass ich ebenfalls in einem Abendkleid dort auftauchen muss. Aber erstens trage ich höchstens dann so einen Fummel, wenn ich undercover bin, mit der realen Aussicht alle Zeugen danach beseitigen zu dürfen und zweitens, wo soll ich bitte da mein Minimum an Bewaffnung verstecken? Zu einem Smoking wiederum kann man sehr schön einen schweren Mantel tragen, gerade zur kalten Jahreszeit und damit ist die Frage nach dem Versteck für meine Krummdolche geklärt, solange ich damit durch keinen Metalldetektor muss. Es ist immer so mühselig den Sicherheitsdienst davon zu überzeugen, dass ich das Recht habe, verdeckte Waffen zu tragen und es mir meine Religion verbietet, mich zu weit von ihnen zu entfernen. Da gab es sogar einmal einen Klugscheißer, der behauptete knallhart, die Waldläufer von Númenor seien gar keine richtige Religionsgemeinschaft? Also echt jetzt!
      Als ich Ella schließlich helfe, in ihren Traum aus Silber zu steigen, wird mein Grinsen immer breiter und meine Laune hebt sich nun doch. Ihre ohnehin langen Beine werden durch das Kleid und ihre Schuhauswahl noch einmal betont. Dabei sieht man nicht mehr Haut, als sogar für eine konservative Großfamilienrunde schicklich ist und natürlich verstärkt es den Eindruck, ganz, die elegante, sexy Unschuld aus der Großstadt. So wie sie sich vor dem großen Spiegel präsentiert und dem Funkeln in ihren Augen nach zu urteilen, das reinste Kalkül. Dieses hinterhältige, schlaue, in mehrerer Hinsicht bezaubernde Weibstück!
      »Natürlich ist Dir klar, dass Du heute Abend, mal wieder keine Minute Ruhe haben wirst, morgen Deine Füße vom Tanzen ganz furchtbar geschwollen sein werden und Dich die meisten Frauen ein weiteres Jahr hassen werden, weil Du ihnen ihre L oder XL-Maße so vor Augen führst?«
      Betroffen zuckt sie zusammen. »Meinst Du, es ist zu viel?« Ihre großen, unheimlich blauen Augen, durch den raffinierten Lidstrich, den ich in tausend Jahren so niemals hinbekomme, noch zusätzlich betont, flackern verunsichert zu ihrem Spiegelbild. Nervös streicht sie ihr Kleid glatt und ahnt natürlich nicht, dass sie damit noch anziehender wirkt.
      Innerlich trete ich mich. Ich vergesse immer wieder, dass sie zwar die Reinkarnation meines abgebrühten Partners und Geliebten aus einem früheren Leben ist, aber ich sie nun mit den Erfahrungen einer nicht einmal dreißigjährigen, jungen Frau behandeln muss, die mehr als zwei Drittel ihres Lebens wohlbehütet aufgewachsen ist. Obschon sie furchtbar klug ist und mit mehreren akademischen Titeln eigentlich das Selbstbewusstsein eines Sherman-Panzers haben müsste, nimmt sie sich gerade meine Kritik immer furchtbar zu Herzen. Ausgerechnet bei Modefragen! Dabei weiß sie doch, dass Mode für mich etwas ist, was zum Glück nur anderen zustößt.

      »Süße, Du bist per-fekt! Sei Dir einfach bewusst, was Du mit so einem Outfit bei Deiner Umgebung anrichten kannst, ja?« Ich umarme sie schnell und fühle, wie ihr Herzschlag sich beruhigt.
      »Eigentlich will ich ja nur für eine einzige Person gut aussehen«, flüstert sie mir ins Ohr und treibt damit meinen Herzschlag nach oben. Bevor ich noch etwas tue, was ihre Styling-Bemühungen der letzten Stunden im Besonderen und unsre Ball-Pläne im Allgemeinen zunichtemacht, trete ich von ihr zurück.
      »Klar, für den Weihnachtsmann. Wer will für den nicht gut aussehen? Also hör' auf mit der Schmuserei und ruiniere nicht meinen Smoking.« Betont ernst streiche ich mein gestärktes weißes Hemd glatt und zupfe an den Schößen meines Tuxedos. Sie blinzelt überrascht und lächelt dann wissend.

      Wir schaffen es pünktlich zu Limousine, die uns Sir Drago, Eigner von Drago Enterprises und der Besitzer von R.E.D. Operatives, und damit eigentlich unser Boss, geschickt hat.
      R.E.D. Operatives ist eine privat finanzierte, diskrete Organisation zur Eindämmung paranormaler Gefahren. Schlanker ausgedrückt: Wir jagen Monster. Natürlich gibt es offiziell keine Monster, wenn überhaupt, dann paranatürliche Wesen. Aber ich weiß es besser, immerhin war ich viele Jahre eines dieser Monster, bin es womöglich immer noch. Auch wenn ich es hasse, Ella und ich sind über die Jahre so etwas wie Aushängeschilder geworden, glorreiche Streiter für das Gute, Retter der Stadt, Stützen der Gesellschaft und, nun ja, gutes Werbematerial. Immerhin ist Sir Drago weise genug, entweder Ella solo oder mich nur zusammen mit ihr zu solchen Terminen zu schicken. Aus irgendeinem Grund befürchtet er immer noch, dass ich all zu nervige Gesprächspartner an einem Fuß von einem Balkon aus dem 21. Stockwerk baumeln lassen könnte, um meinen Standpunkt klar zu machen. Ein wenig ungerecht ist das schon, immerhin liegt der letzte Vorfall dieser Art schon zwei, fast drei Jahre zurück.
      Unser Fahrservice fährt schließlich vor dem nagelneuen Google-Building vor und als wir sogar an einem roten Teppich aussteigen, sehe ich das frisch fertiggestellte Gebäude zum ersten Mal bewusst. Google hatte das Grundstück günstig erworben - Ellas Info an mich, ich weiß so etwas nämlich schon aus Prinzip nicht - nachdem ein Telefonanbieter namens Apfel, vor vier Jahren beinahe pleite gegangen war. Zum Glück habe ich keine Aktien von denen. Andererseits weiß ich das gar nicht so genau. Ella ist für diesen virtuellen Geldquatsch zuständig. Ich habe da immer noch mein Geheimversteck mit einer Palette Goldbarren und mehrere Kisten mit alten spanischen Golddublonen rund um den Globus bei verschiedenen Banken. Nennt mich altmodisch, aber ich fühle mich nach wie vor besser, wenn ich in mein Geld hinein beißen kann und der Wert von seinem Gewicht und nicht von irgendwelchen aufgedruckten Zahlen bestimmt wird.
      Als ich Ella meine Hand reiche und ihr helfe ihre ewig langen Beine aus der Limo zu fädeln, lege ich den Kopf in den Nacken und schaue das moderne Ungetüm aus Glas und Stahlbeton hoch.
      »Elle,« sage ich nachdenklich zu ihr. »Meinst Du nicht auch, dass das Ding dem Nakatomi-Plaza verdammt ähnlich sieht?«
      Sie grinst mich an und stupst mich in die Seite. »Sin, Schatz.« Ihr Lächeln ist beinahe mitleidig. »Mach Dir keine falschen Hoffnungen. Heute Abend wird nur zur Unterhaltung getanzt und wilde Action gibt es erst wieder zuhause, aber nur wenn Du brav warst …«

      »…!« Soweit also, meine unsichere, unschuldige Ella.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse

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    • Das Gebäude ist wirklich gerade erst fertiggestellt.
      Den meisten Gästen wird es nicht auffallen, die eindrucksvolle Eingangshalle mit dem Marmorboden, gepaart mit den Hightech-Wandschirmen, die in den ebenfalls Marmor getäfelten Wänden eingelassen sind, lassen sie wie ein Zeitreisebahnhof aus dem 25. Jahrhundert wirken. Ein wenig lächeln muss ich über die Absperrungen, Pfosten aus poliertem Messing, die mit einer dicken weinroten Kordel miteinander verbunden sind und verhindern sollen, dass die geladenen Gäste den roten Teppich verlassen, der sie geradewegs zu den Aufzügen mit den transparenten Türen führen soll.
      »Das hier ist ein Gebäude mit Büros, Banken und ein paar superteuren Penthäusern. In einem davon, welches den ganzen 57. Stock einnimmt, findet unser Ball statt. Der Expersslift bringt uns direkt nach oben.«
      Ich grinse breit. »Ella, hast Du etwa die Pläne des Gebäudes heimlich geklaut und auswendig gelernt, und warum weißt Du sowas? Ich dachte wir wären zu einer Party hier, nicht zu einem Einsatz.«
      Sie lächelt zurück, mit diesem Funkeln in den Augen, als wäre sie doch nicht das brave Mädchen, nach dem sie nun mal ausschaut. »Sir Drago und Samuel halten Anteile an dem Gebäude.«
      »Was?« Eloquent, wie immer, wenn ich etwas verdauen muss, was nicht unmittelbar durch Kampfreflexe überwunden werden kann, starre ich sie an. »Gut, der Boss hat ja in vielen Dingen seine Finger drin, aber was bitte will Sam mit Anteilen an einem Hochhaus und warum hat er nichts gesagt?«
      Sam, Samuel Ghost, ja, ich weiß, ich habe ihm auch gesagt, dass der Name viel zu erfunden klingt, ist Ellas Lehrmeister und ein selten anwesender Mitbewohner unserer, sogar für meine Verhältnisse, verdammt ungewöhnlichen WG. Er ist Magier, schon etwas älter, so etwas Salomons Alter, genau, ich meine den biblischen König und meist mit seinem Partner unterwegs, um irgendwo in der Weltgeschichte schweres Magie-Problem … Zeugs zu lösen. Wenn noch jemand ein tiefgehenderes Misstrauen als ich gegenüber Holdings, Aktien und dem ganzen Kram hat, dann doch wohl Sam. Andererseits ist er ein Magier, die haben alle einen an der Waffel, anwesende Magierinnen ausgenommen.
      »Er hat es uns gesagt, nur dass gewisse Leute bei bestimmten Themen einfach nicht genau zuhören.«
      Wen meint sie jetzt schon wieder damit?
      »Es gibt da ein Stockwerk unter der dritten Ebene der Tiefgarage.«, raunt sie mir zu. Ganz offensichtlich will sie wirklich nicht, dass es jemand mitbekommt, also halte ich meine Gesichtszüge im Bahnhof zurück, bevor sie ihn Richtung Hä?!-City verlassen. »Es ist eine Art Tresor für … Dinge.« Ihre Stimme nimmt einen bedrohlichen Klang an. »Man kommt da auch nur über einen geheimen Expressaufzug hin.«
      Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Das Biest in meinem Innern, ein sehr alter Geist, mit dem ich schon seit der Geburt verbunden bin, knurrt warnend und ich bin völlig seiner Meinung. Unsrer Ansicht nach, gehören … Dinge … an abgelegene Orte, die schwer zugänglich und noch schwerer gesichert sind, nicht in ein Gebäude, was in Zukunft mit einer halben Million Ein- und Ausgänge pro Woche rechnen muss. Diese neumodische Idee, geheime Dinge am besten vor aller Augen zu verstecken, ist einfach nur riskant, um nicht zu sagen total bescheuert.
      »Beast ist alarmiert und ich habe da ebenfalls ein ganz ungutes Gefühl«, raune ich zurück.
      Mit ganz anderen Augen betrachte ich nun die Eingangshalle. Schnell setze ich meine genau dafür gedachte getönte Brille auf, denn wenn ich mit anderen Auge sage, meine ich genau das. Ich kann spüren, wie meine Nachtsicht sich verstärkt und die Infrarotbereiche sich hervorheben und weiß daher, dass meine Augenfarbe gerade von Blau in Gelb gewechselt ist. Muss ja niemand meinen Party-Trick jetzt schon bemerken.
      Der Rest der Halle ist natürlich in weihnachtliches Dämmerlicht getaucht und mit einem vertretbaren Aufwand an Deko so geschmückt, dass niemand außer einem misstrauischen Geist einen tieferen Blick in die dunklen Gänge und Treppenhäuser wirft.
      Natürlich bin ich genauso so ein Geist.
      »Süße, ich sehe mich mal etwas um und stoße nachher zu Dir.« Ich habe mich natürlich umgesehen. Keiner schenkt mir Aufmerksamkeit. Klar, mit der silbernen Ella an meiner Seite, verblasse ich natürlich zu einer Randfigur in Schwarzweiß.
      Bevor sie noch etwas sagen kann, blinzle ich und befinde mich sogleich im dunklen Teil der Halle. Noch zwei Sekunden gewartet, ob jemand diesen, schon eher für Las Vegas bühnentauglichen Trick bemerkt hat, aber außer Ellas leise empörtes Schnauben, keine Reaktion. Sie funkelt mich an, auch wenn ich genau weiß, dass sie mich nicht sieht und lässt sich dann von einem plappernden anderen Gast, ich glaube der Vize-Bürgermeister von New York, oder ein ähnlicher Wichtigtuer, in den Aufzug führen.
      Schnell nehme ich die Treppe zu den Tiefgaragen und Beasts Knurren wird intensiver.

      »Ha, heute gibt es nur Party?« Ich lache lautlos. Gut, einverstanden. Es muss ja nicht zwingend eine Weihnachtsparty sein.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse
    • Als ich auf der obersten Ebene der Tiefgaragen ankomme bin ich zuerst erstaunt, wie wenig Fahrzeuge hier stehen. Die Meisten sind kleine Lieferwägen oder Kombis. Dann erinnere ich mich: Das Gebäude bekommt erst im neuen Jahr feste Bewohner. Instinktiv nehme ich die Route, die mich vermutlich ungesehen an den meisten Überwachungskameras vorbeiführt. Obwohl ich ein geladener Gast bin und nichts Böses im Sinn habe, also nichts Böses, was die Security mir hier übel nehmen sollte, erscheint es mir ratsam, unentdeckt zu bleiben, und ich vertraue Instinkten, die oft nur das Resultat von Erkenntnissen sind, die das Unterbewusstsein gesammelt hat.
      Ich begegne keiner Seele, weder lebend noch verstorben, also nehme ich eines der vielen Mini-Treppenhäuser und gehe noch eine Etage tiefer. Dort stehen gar keine Fahrzeuge und auch die Lichtanlagen scheinen noch nicht in Betrieb, nur eine Notbeleuchtung beleuchtet die Hauptfahrwege und die Fluchtrouten zu Fuß. Schon will ich einfach in die nächste Etage hinabsteigen, als ich ein leises Geräusch vernehme, das ich nicht einordnen kann. Natürlich ist auch eine leere Garage von dieser Größe niemals völlig leise, zumindest nicht für mich, wenn Beast meine Sinne schärft. Irgendwo rauscht eine Belüftung, irgendwo summen Transformatoren, sogar das Knistern elektrischer Spannung liegt in der Luft. Und dann hat es noch Kleintiere. Machen wir uns nichts vor. Wo Menschen bauen und wohnen, da folgt ihnen das Nage-Getier auf den Fuß. Jemand mit meinen Sinnen würde verrückt werden, wenn er all das immer aktiv wahrnehmen und verfolgen würde. Es ist ähnlich, wie ein einzelnes Gespräch in einem Raum voller sich unterhaltender Menschen zu verfolgen.
      So schnell ich es lautlos kann, und verdammt ich bin schnell, wenn es darauf ankommt, husche ich in die Richtung des Geräusches. Als ich ankomme, bin ich für einen Moment so verblüfft, dass ich stehenbleibe und starre. Man sagt ja, irgendwann hätte man alles gesehen. Nunja, das hier ist für mich jedenfalls eine Premiere.
      Zwei schwankende Sicherheitsmänner stehen neben einer der Zahlreichen Säulen, die das Stockwerk halten, starren dort hoch und greifen beinahe komisch hilflos mit ihren Händen in die Luft.
      Oben, unter der Decke zwischen den Streben und Rohren der Feuerlöschanlage hängt tatsächlich der Weihnachtsmann. Gut, es ist wahrscheinlich irgendein Weihnachtsmann, nicht genau das Original, trotzdem sieht man so etwas nicht alle Tage, nicht einmal an Weihnachten.
      Als er mich sieht, löst sich beinahe seine Umklammerung und sofort werden die Security-Leute munterer. Doch anstatt etwas zu sprechen, oder gar ihre auf der Schulter angebrachten Walkie-Talkies zu benutzen,kommt nur eine Mischung zwischen Keuchen, Stöhnen und knurren aus ihren Mündern.
      Nun bin ich doch sehr froh, meine Dolche dabei zu haben. Regel Eins meines Lieblings-TV-Serien-Helden: Gehe nie ohne Messer aus dem Haus. Ich nehme sogar zwei mit. Doppelt ist immer besser als einfach, bestimmt auch so eine Regel, sollte es auf jeden Fall sein.
      Mein Nicken zu dem Weihnachtsmann soll beruhigend wirken, aber eine Gestalt die lautlos aus dem Dunkeln kommt, Frack und Mantel trägt, zugeben einen sehr hellen Hauttyp besitzt und zwei große Krummdolche zückt, ist vermutlich auf den ersten, zweiten oder auch dritten Blick kein Grund sich zu beruhigen. Meine Augen, die wahrscheinlich gerade wie kleine LED-Leuchten aufglühen, berauben mich dann auch noch des letzten Bisschen Vertrauenswürdigkeit. Aber wenigstens schreckt der Aufschrei des Weihnachtsmann die beiden Jungs unter ihm nicht auf und der Typ klammert sich noch fester an die Streben der Decke. Guter Mann!
      Ich husche zum ersten Sicherheitsmann.
      Wankt, schlägt sinnlos mit seinen Händen zu und ist keiner echten Sprache mehr fähig. Nun wittere ich es auch, was mir die verdammte Klimaanlage bisher unmöglich gemacht hat. Die beiden Jungs riechen nach Tod, frischem Tod, keine zwei Stunden alt, würde ich meinen.
      Schwankt wie ein Zombie, riecht wie ein Zombie – wenngleich ein ganz neuer – redet wie ein Zombie und handelt auch so. Ich schließe also messerscharf: Zwei Zombies. Hier, mitten in Manhattan. An Weihnachten. Und dort oben hängt zitternd der Weihnachtsmann. Ich kann nicht anders, ich muss lächeln. Jetzt fehlt nur noch Last Christmas, dann würde ich wirklich an den Weihnachtsmann glauben.
      Beide Messer in Halshöhe erhoben kreisele ich einmal und die beiden Klingen trennen den Kopf sauber von den Schultern des Untoten, nach wie vor eine der besten Methoden einen Zombie unschädlich zu machen. Natürlich werde ich von einigen Blutspritzern erwischt. Bei so frischen Zombies ist es einfach nicht genug geronnen, um keine Schweinerei anzurichten. Aber ein paar farbige Kleckse tun meiner Schwarzweiß-Aufmachung sicher gut.
      Der andere Zombie dreht sich in meine Richtung, ist aber viel zu langsam. Beinahe bin ich enttäuscht, dass er mir keinen wirklichen Kampf liefert, aber nur fast. Zwei Zombies, zu Weihnachten, nur für mich! Ich werde jetzt nicht anfangen über Geschenke zu meckern, wie so ein verwöhntes Kind.
      Als er nach mir schlägt, gehe ich in die Hocke und kreisle mit ausgestrecktem Bein. Seine Beine werden weggefegt, ich setze sofort nach und nagle seinen einen Arm mit dem Knie am Boden fest, den anderen mit dem Dolch. Zombies mögen nicht die furchtbarsten Gegner sein, sie sind langsam, dumm und nicht viel stärker als das Lebewesen, das sie vor der Umwandlung waren, aber ihre Krallen und Bisse verbreiten im Blut ihres Opfers ein ziemlich tückisches Gift.
      Mein zweiter Dolch bohrt sich genau über der Nasenwurzel bis zum Boden in den Kopf des Untoten. Nun sehe ich natürlich vollends aus, als käme ich direkt vom Praktikum im Schlachthaus. Nachdem ich mich durch Tritte versichert habe, dass die Untoten nun ununtot sind, ziehe ich sie etwas zur Seite.
      Mein Blick fällt auf den immer noch zitternden Weihnachtsmann. Für einen so beleibten Kerl, ist der erstaunlich sportlich. Immerhin muss er es irgendwie geschafft haben, aus dem Stand drei Meter an die Decke zu springen.
      »Hey, Mister. Du kannst jetzt runterkommen, die beiden sind erledigt, also wirklich endgültig. Der Zauber, der ihre Körper besetzt hat ist nun wirkungslos, frag mich aber nicht warum. Hat irgendetwas mit der Einheit von Körper des Opfers und Geist des Zauberers zu tun, so ganz habe ich das nie kapiert.«
      Klar, normalerweise rede ich nicht so viel, aber das hier ist der Weihnachtsmann und es ist Weihnachten. Also kann ich immerhin versuchen den armen Kerl zu beruhigen und wenn ich dazu das bisschen Wissen ausspucken muss, dass mir die Magier in meiner Bekanntschaft seit Jahren versuchen näherzubringen, dann mache ich das eben.
      Beiläufig schüttelte ich meine Klingen ab und reinige sie an der Uniform eines Wachmanns, bevor ich sie ebenso beiläufig in ihren Scheiden verschwinden lasse.
      »Jetzt komm schon runter, ich bringe Dich nach oben in Sicherheit.«
      Er mustert mich, besonders mein Gesicht und entspannt sich etwas. Verblüfft lege ich den Kopf zur Seite und kneife fragend ein Auge zu. Woher dieser Sinneswandel? Ich meine, ich versuche ja ihn zu beruhigen, aber ich weiß auch, wie schlecht ich in sowas bin.
      »Deine Augen. Sie sind jetzt blau?« Ich bin von der relativ jungen Stimme überrascht. Ok, der künstliche Bart und die Perücke, sind eine wirklich brauchbare Verkleidung. Als der Mann sich geschmeidig - ja genau, geschmeidig- herabfallen lässt und sich geübt mit allen Vieren auffängt, wird mir klar, dass auch der dicke Bauch Staffage ist.

      »Äh, ja. Wenn ich, sagen wir mal, aus dem Kampfmodus komme, normalisiert sich die Farbe wieder.«
      Als er vor mir steht, rieche ich zwar seine Nervosität, aber er scheißt sich vor mir nicht mehr in die Hose. Obwohl ich ja genau darauf hinarbeite, bin ich auch misstrauisch.
      »Du hast Deinen Schrecken ja schnell überwunden, Weihnachtsmann.« Ich grinse halb.
      »Das liegt daran, dass ich Dich nicht sofort erkannt habe. Mein Arsch ging mir aber auch gerade echt auf Grundeis.«
      »Du kennst mich?« Nun bin ich vollends platt. Ich hatte keine Ahnung, dass ich in der Weihnachtsmanngemeinde Fans hatte?
      »Du bist Agent Alabastra. Wir haben uns einmal getroffen, als Du in einem Waisenhaus einen Dämonen erledigt hast.« Er streift sich die Perücke und den Bart ab.
      Zum Vorschein kommt ein Mann Mitte oder Ende Zwanzig, dunkelblondes Haar, sympathische braune Augen und ein markantes Grübchen am Kinn.
      Ich schüttle nachdenklich den Kopf. »Du warst keines der Kinder, oder?«
      Er lächelt. »Nein, ich war dieser junge Polizeianfänger, der mit seinem Partner zuerst am Tatort war. Du hast mich wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Ich habe dafür gesorgt, dass niemand hereinkam, der nicht herein sollte.«
      Ich hebe bedauernd die Schultern. Erstaunlich, dabei halte ich mich für jemand, der sich Gesichter merkt. Aber ein Streifenpolizist der einfach nur ein Gebäude absperrt, rutscht sogar durch mein Raster. Ich nehme mir vor das zu ändern. »Sorry, kann mich nicht mehr an Dich erinnern, aber wenigstens musste ich Dich nicht von der Decke zerren. Kannst Du mir sagen, was zur Hölle hier los war?«
      Normalerweise frage ich keine Normalen nach Zombies, Werwölfen, etc. Es ist besser die vergessen das schnell wieder. Die überschäumende Phantasie und Hollywoods Halbwahrheiten sorgen ohnehin dafür, dass man eher das hört, was die Leute noch irgendwie zu sehen erwartet haben, und ganz selten, was wirklich vorgefallen war. Aber der Mann erzählt mir gerade ziemlich entspannt von Dämonen. Zombies verhalten sie zu Dämonen in etwa wie ein bissiger Terrier zu einem jagenden Säbelzahntiger. Mit dem Einen kann man fertig werden, der Andere wird in aller Regel mit Dir fertig.
      »Ich glaube irgendwer versucht in den okkulten Tresor einzubrechen. Ich war gerade auf Rundgang als ich auf die …«
      »Moment. Halt! Du weißt von dem Tresor?« Nun bin ich beinahe etwas sauer. Da glaubt man einmal, man wäre in ein Geheimnis eingeweiht, und dann weiß der erste Weihnachtsmann, den man an der Decke hängend aufgreift, auch schon davon?

      »Ja sicher.« Er hebt seine Faust und zeigt mir seinen Ring. Das Symbol darauf ist bei diesem Licht nicht gut zu sehen, aber ich habe schon genug von diesen Ringen gesehen um es trotzdem zu erkennen. Ein aufgeklappter Zirkel, der mit Winkel eine Raute bildet, in deren Mitte ein offenes Auge ruht.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse
    • Hallo @Tom Stark

      ich hab grad eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass es hier nicht weitergeht und um aus der Tiefgarage wieder zurück in die nichtweihnachtliche europäische winterliche Tristesse zurückzukehren. War nicht leicht, das sag ich dir...
      Wie sieht's aus hier, schreibst du weiter? Mir gefällt der herrlich lockere Stil und der wahnsinning trockene Humor deines Protas unheimlich gut. Und so wie er drauf ist, scheint man an seiner Seite eine Menge aufregender Dinge erleben zu können.

      Gerne mehr!! Schreib weiter! :stick:

      Viele nichtweihnachtliche Grüße
      Tariq
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • Sorry, dass es so lange gedauert hat, aber das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie genau was man bekommt ^^
      (frei geklaut, wer nicht weiß woher, hat eine massive Film-Bildungslücke!)

      Aber nun geht's weiter in kleinen Stückchen, bis Weihnachten ist ... nein Spaß, bis Weihnachten gewesen wäre, natürlich.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Ohne die künstliche Ogerwampe, sieht der junge Mann wirklich sehr ansehnlich aus. Bei der New Yorker Polizei sind wohl Sixpacks wieder in Mode gekommen? Der alldekadeliche Fitnesswahn macht eben auch vor unsren strammen Männern des Gesetzes nicht halt. Gerade noch rechtzeitig wische ich mir über die Augen. Zum Einen bin ich nicht mehr im Blutsaugergewerbe und ständig auf der Suche nach einem appetitlichen Happenpappen und zum anderen bin ich liiert, sehr glücklich sogar – unverdientermaßen, wie ich die Erste bin das zuzugeben - und diese Liierte ist eine patente Magierin, die mir bei vorsätzlicher Untreue magisch die Hammelbeine langzieht – das dann verdientermaßen.
      »Ok, meinen Namen kennst Du, soll ich Dich Heyduda nennen, oder ist Dir ein Name lieber?«
      Er mustert mich kurz und ich sehe in seinem Blick tatsächlich ziemlich unanständige Gedanken. Verdammt, flirten wir gerade? Dabei habe ich glaubwürdige Zeugen über mehrere Jahrhunderte verteilt, dass ich das gar nicht kann! Zum Glück ist der Mann schlauer als sein Kleinhirn. Er räuspert sich:
      »Claus Mitchel, Sergeant Claus Mitchel, NYPD. Außerdem bestallter Wächter des Tresors.«

      Bestallt? Ernsthaft? Wer sagt heute noch bestallt! Dann fällt mein Blick wieder auf den Ring. Doch klar, keine weiteren Fragen. Wer frei mauert, erbaut bestimmt auch noch würdevoll den Tempel des Herrn, Stein um Stein, und zieht nicht mal schnell mit Spritzbeton eine Mehrzweckhalle hoch, die unter anderem auch als Gebetshaus verwendet werden kann.
      »Also schön, ich nehme an, dass du den Bösewicht nicht gesehen hast, der diese armen Kerle zuerst umgelegt und dann zu seinen Marionetten gemacht hast?«
      »Nein, leider nicht. Aber ich bin auch außerhalb der üblichen Zeit hier. Ich hatte so ein mieses Gefühl, weißt Du?«
      Nicken meinerseits. »Ging mir genauso. Ob Du es glaubst oder nicht, so gehe ich seit über hundert Jahren nicht mehr auf die Jagd.« Sein Blick fällt auf meinen Frack und er schmunzelt.
      Ich schaue mich um und will mich schon in Richtung eines der kleinen Treppenhäuser begeben, als er mich zurückhält. »Warte bitte. Ich komme mit, aber zuvor will ich etwas holen.«
      Mein Stirnrunzeln sieht er schon nicht mehr, denn er eilt bereits zwischen zwei eng stehenden Säulen auf ein sehr verdeckt liegendes Stück Wand zu. Eine Wartungstür auf der dieses gelbe Schild hängt, was einen vor der Industrievariante des elektrischen Stuhls warnt, oder so etwas in der Art, ignoriert er einfach und schließt auf. Neugierig folge ich ihm. Er bedient einen Schalter und ich sehe, wie er in einem Generatorraum steht und mit geübten Griffen die Seitenwand des Generators abmontiert. Der vermeintliche Generator entpuppt sich als kleines aber exquisites Lager für Feuerwaffen, Klingen und Äxte, zudem diverser Westen und sogar zweier SWAT-Helme mit Nachtsichtfunktion.
      Beeindruckt warte ich, bis Claus sich eine Weste und ein Kampfgeschirr angelegt hat, zwei HK P8 und eine Colt M4 aus den Halterungen nimmt und bei sich verstaut. Zwei große Messer und eine Handaxt vervollständigen das Arsenal. Er grinst, als er meine großen Augen sieht. »Brauchst Du auch was?«
      Ich zucke die Schultern: »Du hast nicht zufällig eine Antipersonenrakete oder ein paar Handgranaten da?« Wenn er mich doch schon fragt?

      Er hebt verlegen die Hände. »Äh, tut mir leid, aber …«
      Grinsend winke ich ab. »War nur ein Witz, Junge. Es ist selten eine gute Idee, hochexplosive Dinge bei sich zu führen, wenn es gegen Magier geht. Gar nicht lustig, was passiert, wenn die deine eigene Sprengkraft hochjagen, solange Du sie noch am Körper hast.«
      Obwohl ich grinse, meine ich das todernst. Er wird etwas blasser und ich winke beruhigend ab. »Zombiemeister haben es selten mit Physik, eher mit Mystik. Beschwörer eher, als Elementaristen. Aber wozu ein Risiko eingehen?«
      Nachdem ich ihn so mit ungefähr 80% meines Wissens über die verschiedenen Arten der Magie beeindruckt habe, deute ich ihm an, voranzugehen. Wenn er schon mitwill, soll er mir auch den Weg zeigen.
      Er führt mich zu einem weiteren kleinen Treppenhaus und taucht unerschrocken in die Dunkelheit ein. Mumm hat Santa Claus ja, das muss ich ihm lassen. Er bewegt sich beinahe lautlos und ich tue es ihm gleich. Er kennt sich hier blind aus und bewegt sich ebenso so sicher, dennoch muss ich zupacken und ihn an der Weste halten, bevor er stolpert.
      Den abgerissenen Arm auf der vorletzten Stufe hat er nicht gesehen. Selbst ich habe ihn mehr gerochen, als gesehen, Beast sei Dank.
      Ich zwänge mich an Claus vorbei und hebe den Arm auf. »Dieselbe Uniform, wie die Männer da oben«, raune ich ihm zu. »Aber der Arm ist leicht, vielleicht der Arm einer Frau?«
      »Eliza …«, stammelt er tonlos. »Dann haben sie Eliza!«
      »Damit war zu rechnen, oder?« Ich weiß, bisweilen besitze ich das Mitgefühl einer Kalaschnikow.
      »Nicht unbedingt. Eliza ist ein Werwesen.«
      Nun starre ich ihn an. Ich habe zwar so gut wie keine Vorurteile, ja gut, tatsächlich habe ich jede Menge, aber nicht hinsichtlich von Rasse, Art oder Hautfarbe, aber ich würde einen supergeheimen magischen Tresor nicht gerade von einem Wer bewachen lassen. Andererseits, in meiner WG wohnt ein goldener Greif und ich schlafe viel besser, wenn er spät abends noch fleißig am Call of Duty – Ballern ist, also warum nicht?
      »Werwölfin?«, frage ich leise.
      »Wertigerin«, kommt ebenso leise zurück.
      Scheiße. Für den Bruchteil einer Winzigkeit zweifle ich, dem gewachsen zu sein, was einen wachsamen Wertiger fertigmachen kann. Dann ist der Augenblick aber auch vorüber. Ich mache das hier oder wenigstens so ähnliche Dinge wie gerade, schon seit ein paar hundert Jahren und im Gegensatz zu meinen Gegnern, bin ich lebendiger als je zuvor. Kein Grund anzunehmen, dass ausgerechnet heute die Serie reißen wird.

      Dennoch fühle ich nach meinem Smartphone in der Tasche und wähle dreimal die Nummer der Kurzwahltaste »E« und lege sofort wieder auf.
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

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    • Ich nicke Claus zu. »Ok, wie geht es unten weiter? Soweit ich weiß, kommt man nur mit einem Aufzug weiter?
      »Ja, das stimmt, und mir ist ein Rätsel, wie die den Aufzug gekapert haben. Das sollte technisch, wie auch magisch unmöglich sein.«
      »Was heißt unmöglich?« Meine Frage ist durchaus ernst gemeint. Unmögliches braucht meistens nur gute, altmodische Planung, echte Wunder dagegen schon viel Geld und gute Kontakte, und sie sind daher etwas schwieriger.
      »Es muss ein bestallter Wächter seinen Code eingeben und die magische Sicherung muss seine Aura erkennen.«
      »Und Eliza ist … bestallt?« Das unmögliche Bild eines drei Meter langen und eine halbe Tone wiegenden Wertigers, der in einer Pferdebox im Stall steht und Heu kaut, kommt mir unpassender Weise in den Kopf und ich unterdrücke eisern ein dümmliches Grinsen.
      Er nickt heftig und schüttelt zugleich den Kopf: » Ja, das schon, aber sie würde niemals den Code preisgeben!« Er klingt so überzeugt, dass ich es mir spare, dass wir über einen Arkanisten reden. Manche von denen können Dinge mit Deinem Kopf machen – besser nicht darüber nachdenken.
      Wir betreten Seite an Seite das letzte Parkgeschoss. Aus seinem mutigen Voranschreiten wird nun auch ein eher zögerliches Mir-den-Weg-zeigen, aber damit kann ich leben.
      »Da hinten ist der Aufzug« ,wispert er mir zu und deutet in die absolute Finsternis. Hier unten brennen nicht einmal die Notleuchten.
      »Gut, ich werde eine Runde machen, um zu sehen wer hier unten lauert. Du wartest bitte hier und hältst uns den Rückzug frei. Keine Lust, mir erst die Treppe freikämpfen zu müssen, wenn es eilig wird.«
      Er mustert mich skeptisch, aber ich gebe vor, nichts zu sehen, und da das wenige Licht, was vom Treppenhaus zu uns dringt kaum der Rede wert ist, hoffe ich, dass er es mir abkauft. Bevor er noch irgendetwas Dummes, bzw. Heroisches sagen muss, wie »Wir gehen gemeinsam und sterben gemeinsam« und ich unsre Position entweder durch ein Lachen oder das Klatschen meiner Hand auf seinem Hinterkopf verraten kann, tauche ich in die Dunkelheit ein. Ich werde doch nicht das Leben eines … bestallten … Weihnachtmanns riskieren, oder schlimmer noch, ihn mir im Weg stehen lassen.

      Natürlich ist Dunkelheit nicht gleich Dunkelheit. Zum Einen gewährt mir Beast eine Art Wärmesicht, die mir in dieser kalten Riesengarage wenigstens warme Körper gut anzeigt. Leider sind Zombies meistens nahezu umgebungswarm. Andererseits habe ich ein ziemlich gutes Gehör, mit der Hilfe des Kopilots in meinem Geist, sogar ein wahnsinnig Gutes, und der Geruchsinn muss sich auch nicht verstecken. Leider sind solche Supersinne meistens eher ein Nachteil ist. Kaum jemand ist klar, wie es überall stinkt, wo Menschen hausen. Und wenn man mitbekommt, dass Frau Miller drei Häuser weiter begeistert haucht »Herr Lehrer, ich war ein ganz böses Mädchen und verdiene Strafe«, kommt man echt nicht umhin, sich zu fragen …, nunja, welcher Lehrer um 22.30 Uhr noch Hausbesuche macht!

      Ich pirsche von Säule zu Säule und rieche es beinahe erst, als ich fast hineinlaufe: Weitere Untote, in etwa da, wo ich den Aufzug vermute. Kurz schließe ich die Augen und nehme bewusst alle nichtsichtbezogenen Eindrücke auf. Drei, Vier oder sogar Fünf. Ein ganzer Haufen also. Nun wünsche ich mir doch eine Handgranate.
      So leise ich kann, rücke ich vor. Gegen den Wind kann ich mich hier unten zwar nicht anschleichen, aber wenn die Klimaanlage sogar den Geruch der Zombies beinahe auslöscht, sollte meine olfaktische … ölfetische … oli-dings, meine Geruchs-Signatur eben, kaum der Rede wert sein. Ich sollte wirklich besser zuhören, wenn Ella neumodische Fremdwörter benutzt.
      Die beiden Krummklingen bereit, werde ich doch noch vom Angriff überrascht - beinahe. Ich spüre den Luftzug und gehe tief in die Hocke. Nicht gerade das erste Verteidigungsmaneuver, was einem ein Sensei beibringen würde, aber ich will ja auch angreifen. Vergessen sie den ganzen Material-Art-Unsinn vom Blocken und Kontern. Sieht alles wunderbar aus, wenn man Jackie Chan im Film zusieht, aber in der harten Praxis, sieht es doch so aus: Ist man erst einmal in der Defensive, ist man erst einmal in der Defensive. Ich bin extrem ungern in der Defensive! Kein Jäger ist das gerne.
      Sobald ich den Stoff an meinen Haren spüre, schnellen meine Klingen nach oben. Ein kompromissloser Scherenschnitt und etwas prallt von meiner Schulter ab und fällt zu Boden.
      Zur Seite kippen und über die Schulter abrollen, gleichzeitig beide Beine dorthin austreten, wo bei einem anatomisch halbwegs korrekten Zombie die Beine sein sollten. Treffer! Ich fühle, wie ein Körper über meine Beine fällt und ziehe sie an. Ich warte das Aufschlagsgeräusch nicht erst ab. Es hat seine Vorteile ein paar Jahre Übung in sowas zu haben, denn dann muss man nicht erst Newton verstanden haben, um in etwa zu wissen, wie schnell ein Oberkörper, dem man gerade den Stand geraubt hat, braucht, um in etwa Kniehöhe zu sein. Ich mache mir gar nicht die Mühe aufzustehen. Hier unten, so nahe am Boden, bin vor den Händen der anderen Untoten halbwegs sicher. Ich werfe mich stattdessen noch einmal zur Seite. Als der Zombie neben mir aufschlägt, habe ich bereits einen Arm erhoben und ramme ihm meinen Krummdolch in den Rücken. Das merke ich daran, wie ich durch das Rückgrat dringe. Nicht so schwer, wie durch eine Rippe, aber doch mehr Widerstand als alle anderen Knorpel und Knochen. Mit vollem Gewicht stütze ich mich auf den Dolch, nagle den heftig zappelnden Untoten am Boden fest und brauche doch zwei Versuche, bis meine andere Klinge den Kopf findet.
      Ich sollte wirklich wieder mehr blinden Nahkampf trainieren. Das Menschsein hat meine Wahrnehmung doch erheblich verändert. Als ich lauschen will, höre ich erst einmal nur meinen Atem, der schwerer geht. Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass ich weder keuche, noch irgendwie nach Luft japse. Aber das Adrenalin treibt meinen Herzschlag so hoch, dass ich ihn und das rauschende Blut weitaus deutlicher in meinen Ohren habe, als das Stöhnen meiner Gegner.
      Diese halbe Sekunde des Lauschens kostet mich ein gutes Stück Rücken meines Mantels und hätte wohl auch noch mehr Schaden angerichtet, aber die eingearbeiteten Scheiden fangen die größte Wucht ab.
      Ich blinzle überrascht.
      Hastiger, als es mir lieb ist, hechte ich nach vorne weg, rolle mich erneut ab und werde beim Aufstehen den Mantel los. Das hier wird weitaus kniffeliger, als ich es gedacht habe. Ich werde jedes Bisschen Bewegungsfreiheit brauchen. Als ich einen Schritt zur Seite mache, werde ich rüde von einem Betonpfeiler gestoppt. War der nicht gute fünf Meter weiter hinten?
      Erst dann wird mir klar, dass ich mich aus der Gefahrenzone teleportiert habe. Im Dunkeln. Ohne genau zu wissen, wo ich war!
      Ich verbiete meinem Angstschweiß auszubrechen und meinem Kopf darüber nachzudenken, dass ich jetzt genauso gut im Pfeiler drin stecken könnte. Für solchen sentimentalen Unsinn ist jetzt weder die Zeit noch der Ort. Dennoch wummert mein Menschenherz noch lauter.
      Es ist wirklich nicht mehr sehr oft, dass ich das Vampirsein vermisse.
      Ich liebe selbst gekochtes Essen, ich liebe die Wärme meiner Gefährtin und wie sich unsre Herzschläge synchronisieren, wenn wir einfach nur so daliegen. Ich finde sogar den Schweiß nach einer harten Trainingseinheit durchaus angenehm, besonders dann das Gefühl einer warmen Dusche. Ich liebe die Sonne auf meiner Haut und dass die Tiere nicht mehr aussehen, als hätte man ihnen einen Stromschlag verpasst, wenn sie mich wittern. Ich liebe es, wie mein Bausch schmerzt, wenn ich über einen total bescheuerten Witz so lachen muss, dass mir die Tränen kommen.
      Aber bei so einem Kampf in der Dunkelheit, ja, da vermisse ich es bisweilen, keine Kreatur derselben mehr zu sein.
      Beast schnaubt verächtlich, wie so oft, wenn ich kurz davor stehe zu jammern. Er mag kein Selbstmitleid und hat schon gar keinen Sinn dafür, Vergangenem nachzutrauern. Und wo wir schon dabei sind, ich eigentlich auch nicht.
      Der Geist in meinem Innern knurrt mich an, ich knurre zurück und ich bin wieder im Reinen mit mir selbst. Entschlossen schließe ich meine Augen und konzentriere mich noch mehr auf die anderen Sinne. Als hätte er nur darauf gewartet, dass ich mich zusammenreiße, boostet Beast meine Sinne noch einmal ordentlich und plötzlich macht die Welt auch ohne Sehsinn zu einhundert Prozent Sinn für mich. Na, wie war das Wortspiel?
      »Beast, Du Arsch. Hättest Du das nicht gleich machen können?«
      Sein Lachen ist belustigt und zufrieden. Ich habe meine Lektion offenbar gelernt.
      Ah, da sind sie. Vier weitere Zombies. Einer keine zwei Meter vor mir, einer direkt hinter ihm, die beiden anderen schlurfen um den Pfeiler, um mir in den Rücken zu fallen. Drei tragen feste Stiefel, Einer Turnschuhe. Ich schnuppere noch einmal, natürlich HAIX Black Eagle 40 Soft, ganz unverkennbar.
      Nein, Scherz! Natürlich erkenne ich nicht die Marke, aber Käsefüße bleiben Käsefüße, auch noch ein paar Stunden nach dem Ableben.
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      Tom Stark
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      delectare et prodesse

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    • Wow, atemberaubend!! Hab ich geatmet beim Lesen? Keine Ahnung. Waren da Fehler? Keine Ahnung!! Ist nicht wichtig. Ein starkes Stück, super Leistung.

      Spoiler anzeigen

      Bei manchen deiner Formulierungen habe ich so grinsen müssen - Klasse. Zum Beispiel die Beiden hier:
      Spoiler anzeigen

      Tom Stark schrieb:

      Unmögliches braucht meistens nur gute, altmodische Planung, echte Wunder dagegen schon viel Geld und gute Kontakte, und sie sind daher etwas schwieriger.

      Tom Stark schrieb:

      Das unmögliche Bild eines drei Meter langen und eine halbe Tone wiegenden Wertigers, der in einer Pferdebox im Stall steht und Heu kaut, kommt mir unpassender Weise in den Kopf und ich unterdrücke eisern ein dümmliches Grinsen.

      Tom Stark schrieb:

      Bevor er noch irgendetwas Dummes, bzw. Heroisches wie »Wir gehen gemeinsam und sterben gemeinsam« und ich unsre Position entweder durch ein Lachen oder das Klatschen meiner Hand auf seinem Hinterkopf verraten kann, tauche ich in die Dunkelheit ein.
      Hier fehlt irgendwie ein Stückchen meines Erachtens.
      Bevor er noch irgendetwas Dummes, bzw. Heroisches wie »Wir gehen gemeinsam und sterben gemeinsam« sagen (kann) und ich unsre Position


      Gern mehr, gleich morgen bitte!! :D
      VG Tariq
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Vier Gegner also. Das erscheint im ersten Moment viel, besonders da sie im Dunkeln offensichtlich nicht sehr beeinträchtigt werden. Aber wir reden hier von vier Wesen ohne Kreativität, belebtes Fleisch, nur aufrechterhalten durch den Willen ihres dunklen Meisters. Ich habe zu einer Seite Deckung und weiß genau, wo sich alle gerade befinden. Diese Stinker müssten noch Verstärkung bekommen, damit die Chancen halbwegs ausgeglichen wären.
      Zum Glück kann niemand das breite Grinsen auf meinem Gesicht sehen. Seit Ella mich dahingehend coacht, weiß ich, dass man nicht zu erfreut aussehen darf, wenn man einem Kampf entgegentritt. Eventuell sensible Mitstreiter könnte das irritieren. Ein weiterer Grund, warum ich gerne alleine arbeite.
      Der erste Zombie kommt in Reichweite. Sein beginnender Verwesungsgeruch hat in etwa die passende Intensität. Da die anderen bisher immer mit vorgestreckten Klauen auf ihr Ziel zugingen, nehme ich an, das gehört einfach zum Zombiestandardzubehör und wird bei der Beschwörung als Grundangriffstaktik mitgeliefert. Daher führe ich zwei sichelförmige Streiche von beiden Seiten zugleich von schräg oben nach schräg unten. Das Glück, oder sagen wir lieber, die Notwendigkeit der Situation, ist auf meiner Seite und ich spüre rechts einen Ruck, als ich etwas erwische.
      Sofort weiche ich nach links aus und schon fühle ich den Zombie, wie er an mir vorbeistürzt und dorthin schlägt, wo er eben noch seinen Unterarm hatte. Mit Schmerzen oder Schrecksekunden muss man sich im Zombiealltag also nicht herumschlagen, das hatte ich geahnt.
      Sofort ramme ich ihm den linken Krummdolch in den Rücken, weniger um dem Kalten Krieger damit ernstlich zu schaden, vielmehr, um ihn damit mit aller Wucht gegen den Pfeiler zu drücken. Das Schmatzen des hilflosen Fleischs dabei, klingt irgendwie eklig und befriedigend zugleich. Ohne suchen zu müssen, findet mein rechtes Messer den Hals meines Gegners. Ein kurzer energischer Schnitt und der Kopf fällt zu Boden.
      Ich ahne die Ankunft des zweiten Zombies mehr, als ich sie an etwas festmachen kann, reiße den linken Dolch herum und benutze den Kopflosen als Schild. Die Angriffe des Zombies sind halbherzig, als wüsste das Untotenhirn nichts mit den widersprüchlichen Informationen anzufangen. Eigentlich sollte vor ihm der Feind, also ich sein, andererseits wittert er nur seinen Kumpel, immer voraussetzt, dass er den anderen Zombie überhaupt als jemand Anderen wahrnimmt, und ihn nicht sogar für sich selbst hält. Daher schlägt er eher tastend als gefährlich in meinen Fleischschild. Dankbar für diese einfache Gelegenheit, na gut, auch ein bisschen enttäuscht, stemme ich mein Knie energisch gegen meinen Zombie und befreie ihn mit einem mächtigen Ruck von meiner Klinge. Wie ein entgegengeworfener nasser Sack fällt er meinem Angreifer entgegen und weil beschleunigte Masse nun mal beschleunigte Masse bleibt, und der dürftige Gleichgewichtssinn eines Zombies ihn ohnehin fürs Einrad fahren disqualifiziert, gehen beide Körper zu Boden.
      Bevor sich der noch mobile Untote unter seinem immobilisierten Kameraden hervor winden kann, treffen beide Krummdolche seinen Kopf. Vermutlich nicht die besten Treffer des Tages, aber sie genügen, dass die beiden vorerst eine groteske, beinahe kunstvolle, kopflos umarmende Haltung einnehmen. Wenn jemand dabei wäre, würde ich nun eine trockene Bemerkung über die Umarmung des Todes machen, aber ohne Publikum macht das keinen echten Spaß.
      Noch in der Hocke wende ich mich in die Richtung, aus der ich die Schritte dreier weiterer Personen höre.
      Moment, drei?
      Etwas saust durch die Luft, erzeugt ein platschendes Geräusch und etwas fällt zu Boden, gleich darauf noch etwas, deutlich Schwereres. Ich bin gerade dabei, die neuen Eindrücke in verwertbare Informationen umzuwandeln, als das Stöhnen des Zombies vor mir mich in meinen analytischen Bemühungen unterbricht. Automatisch springe ich auf und führe einen Kreuzhieb gegen die Gegend, aus der ich das Stöhnen kommen höre. Die beiden Treffer erfolgen nahezu zeitgleich und eine Wolke aus Knochen, klebriger Masse und noch mehr klebriger Masse umfängt mich, als ich wieder lande und den Zombie mit einem Tritt nach hinten kippen lasse. Ich bin wirklich genug eingesaut. Auf Kuscheln mit einem Zombie kann ich wirklich verzichten.
      Als ich meine Messer wieder anhebe, höre ich, wie jemand scharf einatmet und den Atem anhält.
      Doch dann erkenne ich den Geruch, auch wenn meine Nase selbst mit Beasts Hilfe inzwischen fast nichtsmehr außer Blut, Fleisch und … , nein das war es dann auch schon, wahrnimmt.
      »Den Atem anhalten, wenn ich Zombies gerade nach Gehör und Geruch bekämpfe, ist nicht unbedingt die klügste Taktik, Sergeant Mitchel, ganz besonders wenn man selbst inzwischen mehr nach Zombie, als nach Weihnachtsmann riecht.«
      Ein Räuspern kommt aus der Dunkelheit, dann höre ich zweimal ein Knacken und zwei kleine Leuchtstäbe verströmen ihr sanftes blaues Licht. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er die mitgenommen hatte. Eine gute Idee. Besser als eine Taschenlampe, die viel weiter sichtbar ist und die man nicht so einfach als Leuchtquelle auf den Boden werfen kann.
      »Verzeihung, ich habe mich nur so dünn wie möglich gemacht. Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie sie aussehen? Wie ein Alptraum aus einem Horrorfilm. Ihre Augen sind glühende Punkte und sie grinsen breit übers ganze Gesicht, wie der Joker in seinen besten Zeiten!«
      Falls ich wirklich grinse, wird es nun noch breiter. Ich mag den Joker, besonders die Heath Ledger-Version. Tapfer verkneife ich es mir, mit meiner Zunge die Lippen abzulecken, wische stattdessen mit dem Ärmel wenigstens alibimäßig etwas klebrige Substanz aus meinem Gesicht. »Kann ich mir denken. Sind wir jetzt wieder beim Sie, oder ist das nur der Schreck, mich live bei der Arbeit zu sehen?«
      Er blinzelt, offensichtlich nicht in der Lage zu entscheiden, ob er auch grinsen oder sich lieber übergeben soll, als mir klar wird, was ich gerade gesagt habe. Manchmal bin ich eben etwas langsam.
      »Moment, Du hast mich gesehen? Gesehen?!«
      Er entscheidet sich gegen das Kotzen und grinst gequält. »Ich bin doch Körper-Adept. Ich kann meine Augen dazu bringen, im Dunkeln zu sehen, als wäre es hell, wie am Tag.« Sein Tonfall klingt so, als ob er da gerade eine allgemein bekannte Info wiederholt.
      Gut, ich weiß, ich höre nicht immer so genau zu, aber wenn mir jemand sagt, dass er Magie beherrscht, entgeht mir das kaum, eigentlich nie. Das Eigentlich kann man streichen. Nie. Auch wenn ich inzwischen mit Magiern zusammenwohne, ja, ich rede in der Mehrzahl, vergesse ich dennoch nie die oberste Grundregel: Leg Dich nie, nie, nie mit einem Drachen an, und mach um Magier einen großen Bogen. Sogar Vampire halten sich streng daran. Allein das sollte jedem klarmachen, warum man Magieanwender nicht ignoriert und schon gar nicht die immanente Warnung, wenn sie einem mitteilen, dass sie welche sind.
      Ella wird ja so stolz auf mich sein, wenn ich ihr erzähle, dass ich das Wort Immanent benutze.
      »Äh, nein, das wusste ich nicht. Hätte ich das wissen müssen?«
      Er hebt die Schultern und schaut arglos. »Du bist doch auch eine Adeptin, oder? Wir haben doch den Blick für Magie.«
      Ich bin platt, lasse das aber so einfach einmal im Raum stehen. Wenn ich Claus nämlich sage, dass ich keine Ahnung habe, von was er da redet, würde es ihn nur verunsichern. Es genügt völlig, dass ich verunsichert bin.
      »Also schön, ich glaube da vorne ist der Aufzug.« Besser weitermachen als weitergrübeln. Ich schaue kurz in seine Augen, die einen silbrigen Glanz haben, den sie vorher nicht hatten. Als würde etwas das Licht, das hineinfällt, zurückwerfen.
      »Ja, ich sehe ihn. Die Türen sind offen, aber die Kabine ist weg.«
      »Hinabklettern?« Wenn ich an all das Fett denke und das Öl, das wird eine echte Schweinerei. Dann schaue ich zuerst an ihm, dann an mir herunter und hebe grinsend die Schultern.
      »Hinabklettern«, bestätigt er. »Ich nehme an, Du könntest auch einfach hinabspringen.«
      Hm, könnte ich wohl. Aber man muss schon ziemlich verrückt sein, in einen tiefen, lichtlosen Schacht zu springen, ohne zu wissen, was einen unten erwartet.
      Auch nicht verrückter als sich im Dunkeln mit Untoten anzulegen, oder ohne Plan gegen ihren Zombiemeister vorzurücken? Ach, Klapppe!
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Yeah, es geht weiter!!! :thumbsup: Ich liebe deine Schreibstil einfach!! So herrlich sarkastisch und respektlos. Obwohl - ist es nötig, respektvoll von Zombies zu reden? :hmm: Wohl eher nicht ...

      Was mir aufgefallen ist:

      Tom Stark schrieb:

      Ein weiterer Grund warum Komma? ich gerne alleine arbeite.

      Tom Stark schrieb:

      das gehört einfach zum Zombi(e)standardzubehör
      genial!! :rofl:

      Tom Stark schrieb:

      Mehr ahne als bemerke ich die Ankunft des zweiten Zombies, reiße den linken Dolch herum und benutze den Kopflosen als Schild.
      :hmm: Das ließ mich stolpern. Vielleicht eher "Mehr ahne ich die Ankunft des zweiten Zombies als dass ich sie bemerke, ..." ? Kann aber sein, dass es nur mich etwas stört.

      Tom Stark schrieb:

      Daher schlägt (er) eher tastend als gefährlich in meinen Fleischschild.

      Tom Stark schrieb:

      und der dürftige Gleichgewichtssinn eines Zombies ihn ohnehin fürs Einrad fahren disqualifiziert
      herrlich!!

      Tom Stark schrieb:

      Ich bin gerade dabei Komma? die neuen Eindrücke in verwertbare Informationen umzuwandeln,

      Tom Stark schrieb:

      und eine Wolke aus Knochen, klebriger Masse und noch mehr klebriger Masse umfängt mich,
      Igitt!!! X/

      Tom Stark schrieb:

      oder ist das nur der Schreck Komma? mich live bei der Arbeit zu sehen?

      Tom Stark schrieb:

      Du bist doch auch eine Adeptin, oder?
      Wie jetzt - Agent Alabastra ist EINE FRAU??? 8| Ich hab immer einen Mann vor (meinen geistigen) Augen gehabt ...


      Eine klasse Kampfszene. Bin schon gespannt, wie es weitergeht!
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • @Tariq
      Sinistre Geschichten hat es tatsächlich langsam Einige hier im Forum.
      (davon einige sogar von mir, haha ...)

      Kurzgeschichtenreihe
      überarbeitenswert

      Erster Roman

      Fortsetzung der KG-Reihe
      müsste ich mal weiterschreiben

      Sinistre Weihnachten 2015
      wollte eigentlich jedes Jahr eine Sin.Weihn. machen, aber die Familie lässt einem zwischen den Jahren wenig Zeit

      ... ich glaube das war's von Sinistre. Sollte wirklich mal meine Sachen ins Lexikon eintragen, ist doch eine ansehnliche Menge geworden. So viel war nie geplant 8o . Fühle mich inzwischen einfach hier zuhause.
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      Tom Stark
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    • »Wie weit geht es denn da runter?«, frage ich ihn.
      »Etwa fünf Stockwerke …«
      Erleichtert hebe ich die Schultern. »Das ist ja ein Klacks.«
      »… voller Fallen gegen Eindringlinge.«
      »Oh. War ja klar. Ich nehme an, Du kennst die Fallen alle?«
      Er nickt, aber es kommt zögerlich.
      »Du machst mir ja Mut, Mann.«
      »Doch, doch, ich kenne schon alle. Ich bin mir nur nicht mehr sicher ob ich alle Deaktivierungsroutinen parat habe.«
      »Ihr habt sogar Routinen für sowas? Mal echt, Claus, Ihr habt sie doch nicht mehr alle.«
      »Müsste es nicht wir heißen, Agent Al‘Abastra, immerhin ist Ihr Boss Miterbauer dieser Einrichtung?«
      Ich seufze und demonstriere Teamfähigkeit und zugleich, dass ich offensichtlich auch nicht mehr alle Tassen im Schrank habe: Mit einem ärgerlichen Knurren schwinge ich mich in den Schacht.
      Tja, was soll mal viel über einen dunklen Aufzugschacht sagen? Hat man einen gesehen hat man alle gesehen. Und wenn man noch nie einen gesehen hat? Also schön.
      Der Schacht bietet Raum für einen ordentlichen Lastenaufzug, kein Wunder, es soll ja auch große … Dinge … geben, die man sicher verwahren muss. Vier armdicke Stahlkabel in der Mitte und diverse deutliche dünnere an den Wänden sind straff gespannt aber viel zu glitschig um daran kontrolliert herunterzurutschen. Zudem sollte man, wenn man so etwas schon macht, immer bedenken, dass Kabel spleißen können. Was ein abstehender Stahldraht anrichtet, über den Fleisch mit Karacho darüber gleitet, kann sich wohl jeder vorstellen. Also greife ich mir die Streben an den Wänden und lasse mich Stück um Stück hinab. Keine zwei Sekunden, nachdem ich eingestiegen bin, folgt mir der Freimaurer. Cojones hat er ja, kein Zweifel.
      »Langsam jetzt. Gleich sollte eine lasergesteuerte Sprengfalle kommen.«
      Sofort halte ich inne. Kugeln, mag ich zwar auch nicht, stecke ich aber vielleicht weg. Aber Sprengstoff ist wirklich übel.
      »Ja dort, ich sehe die Sensoren.« Ich kann vage erkennen, wohin er deutet. Es ist nicht einmal so schwer sie zu umgehen, wenn man weiß wonach man suchen muss. Aber es ist mühsam und geht nur langsam. Viel zu langsam für mich und Beast.
      Als wir tiefer kommen und das dünne blaue Licht der Knickleuchten auch kaum mehr etwas nützt, fasse ich daher einen Entschluss. »Hey, Claus. Wirf mal eine der Leuchten hinab.«
      »Bist Du sicher, dass das klug ist. Wir verraten damit unsre Ankunft.«
      Ich schmunzle innerlich. Angesichts unsrer munteren Unterhaltung, den Klettergeräuschen und den total toten Zombies, die einem halbwegs patenten Beschwörer bestimmt nicht entgangen sind, glaube ich nicht mehr an den Überraschungsmoment, aber man soll seine Verbündeten ja nicht entmutigen, besonders wenn sie einen finsteren Schacht voller Fallen hängen.
      »Mag sein, aber ich werde knapp hinter der Leuchte sein.« Damit greife ich an seine Weste und nehme mir eine der Leuchten.
      Den Blick, den er mir zuwirft, kenne ich nur zu gut. Warum schaut man mich nur ständig so an?
      »Du willst …?«
      Ich lasse das Ding fallen. »Ich will!« Als das Leuchten gezählte Eins-Eintausend Vorsprung hat, lasse ich mich ebenfalls fallen. Zehn bis zwölf Meter reichen mir als Vorwarnzeit allemal.
      Der Fall dauert bis etwa Drei-Eintausend, viel Spaß beim Ausrechnen. Das Geräusch, als ich auf der Kabine lande, ist gar nicht so laut, wie ich befürchtet habe. Sie muss ordentlich stabil sein und auch schallgedämpft.
      Ich sehe hoch zu Claus, erkenne aber eher das Leuchten an seiner Weste als ihn selbst. Hoch rufen will ich nun wirklich nicht, also greife ich mal wieder in meine Trickkiste.
      »Nicht erschrecken, ich bin es. Sin. Vertraust Du mir?« Ich bin ziemlich froh, dass Claus nicht vor Schreck abstürzt, als ich meine Stimme in seinen Geist projiziere. Eigentlich hätte ich gleich versuchen können, seinen Willen zu kapern, aber einerseits ist das nicht besonders nett, hat mich Ella gelehrt und andererseits haben hochgradige Freimaurer sicher gewohnheitsmäßig Geistesschilde aktiviert und ich habe weder Zeit noch Lust die zu umgehen.
      »Äh … , ich glaube schon?«
      »Gut, lass Dich jetzt fallen.«
      »Wie bitte?!«
      »Du kannst Dich fallen lassen.«
      »Bist Du verrückt? Ich klettere einfach langsam weiter und hole Dich ein!«
      Ich seufze und sogar mein inneres Beast seufzt. Soweit das mit dem Vertrauen. Wir nicken einander zu und schieben eine ordentliche Portion Suggestivkraft bei der nächsten Nachricht hinterher. »Lass. Dich. Fallen!«
      Wohl eher aus Überraschung, als aus wirklicher Überwindung seines Willens, lässt er endlich los. Und, ja, ich hab gesagt es ist nicht nett das zu tun. Selbst wenn ich Zeit dazu habe, bin ich selten nett und gerade zählt wirklich jede Minute.
      »Ahhhh, was machst Du denn?« Seine panische Stimme ist bestimmt noch oben bei der Weihnachtsfeier zu hören. Soweit meine Bemühungen leise zu sein. Egal.
      Ich schätze die Geschwindigkeit und den Fallwinkel des Freimaurers, nehme Anlauf und springe ihm entgegen, bekomme ihn an seiner Weste zu packen und greife mit der anderen Hand eine der Stahlstreben der Schachtwand. Als sein ganzes Gewicht ruckartig an meinen Gelenken zerrt, entfährt mir ein leiser Schrei. Der Arm, der ihn hält, steht plötzlich in Flammen, so fühlt es sich wenigstens an, der andere ist schlagartig taub. Nur, dass wir nicht abstürzen, zeigt mir, dass er eisern festhält. Das tat mehr weh, als gedacht. Noch so eine Sache, die mir als Vampir deutlich spielerischer gelang.
      »Hör auf zu zappeln, Mann«, stöhne ich durch zusammengepresste Lippen.
      Er hört sofort auf und ich fühle, wie Gewicht von meiner Schulter genommen wird. »Du kannst jetzt loslassen, Sin.« Er klingt irgendwie sauer.
      Als ich loslasse, lässt er sich die restlichen zehn Zentmeter auf den Aufzug fallen. Wie ich immer sage, nicht die große Fallhöhe ist das Problem, es sind nur die letzten Zentimeter, die wehtun.
      Ich komme neben ihm auf und versuche wieder Gefühl in meinen Am zu bekommen. Beast nimmt mir den Schmerz des anderen Arms soweit weg, dass ich ihn wieder bewegen kann, ohne durch einen Tränenschleier zu sehen.
      »Du bist ja wirklich so verrückt, wie man sich erzählt!« Claus mustert mich durch schmale Augen.
      »Aua. Ich meine, oha, was erzählt man sich denn so?«
      Er schüttelt ungläubig grinsend den Kopf und greift zu einer Wartungsklappe. »Unter anderem, dass man es als Dein Partner nicht leicht hat.«
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Gerade will ich widersprechen, so viele Partner hatte ich gar nicht, dass man etwas davon ableiten könnte, als jemand dem Freimaurer zustimmt.
      »Das ist wirklich wahr. Immer diese verrückten Stunts und dann die Theatralik, wenn sie einen coolen Spruch ablässt, bevor sie einem Gegner den Rest gibt. Dann noch die andauernde Ablenkung, weil man ihr einfach auf den Hintern starren muss, wenn sie in einem viel zu engen Kampfanzug …«
      Claus fällt beinahe der Unterkiefer aus dem Gesicht, als die silberne Gestalt mit dem blonden Engelhaar und den göttlichen Beinen, die sogar Venus vor Neid hätte erblassen lassen, sanft wie eine Feder zwischen uns landet. Über ihrer linken Handfläche knistert eine weiß-blaue Energiekugel, die das Kunststück vollbringt, beruhigend kontrolliert und zugleich gefährlich aufgeladen zu erscheinen. Auch ich habe sie nicht kommen hören, was mich eine Nanosekunde verunsichert. Aber wir sprechen hier meiner Elle, und wenn sie etwas von mir gelernt hat, dann dass man besser der ist, der überrascht, als der Überraschte zu sein.
      »Wenn ich gewusst hätte, das Du so bald kommst, hätte ich natürlich gewartet und uns sanft von Dir hinab schweben lassen«,
      unterbreche ich schnell, bevor noch mehr, ziemlich persönliche Details, wie ich finde, herum erzählt werden.

      Der Freimaurer schaut von mir, zu ihr, wieder zu mir und sein Blick bleibt am Ende an ihr kleben. Ich kann das vollkommen nachvollziehen. In dem silbernen Abendkleid mit voller Party-Kriegsbemalung und der Mini-Sonne als zauberisches Accessoire, bietet Ella wirklich einen weitaus eindrucksvolleren Anblick, als ich in meinen völlig verdreckten und zerschlissenen Tuxedo. Na schön, Ella bietet eigentlich immer einen eindrucksvolleren Anblick, aber da bin ich möglicherweise nicht ganz objektiv.
      Claus räuspert sich und vereinigt seinen Unterkiefer wieder einigermaßen mit dem Oberkiefer.
      Ich grinse breit und ein bisschen stolz. Ja, meine Ella. Meine!

      »Claus Mitchel, Ella McElroy. Elle, das ist Claus, der bestallte Wächter dieses Ortes.«
      Ella lächelt verschmitzt und schaut demonstrativ auf die rote Hose und die schwarzen Stiefel mit weißem Pelzimitat, die Claus immer noch anhat.
      »Ja, Santa Claus, ich hab den Witz schon kapiert, als er sich mir vorgestellt hat, damals noch mit Bauch und Rauschebart. Claus ist der bestallte Wächter des Tresors.«
      Claus reicht ihr mit Verzögerung die Hand, will im letzten Moment zurückziehen, als ihm bewusst wird, wie verschmutzt durch die Schmiere und das ganze Blut sie ist, doch Ella wäre nicht meine Ella, wenn sie nicht gnadenlos mit ihren schlanken, tadellos manikürten Fingern seine Pranke ergreifen würde.
      »Freut mich. Ich bin Sins Partnerin, daher weiß ich genau, was Sie meinen« Ihr Lächeln schlägt den armen Kerl sofort in ihren Bann. Ungläubig schaut er wieder mich an.
      Um den Bann zu brechen gebe ich dem Freimaurer einen freundschaftlichen Stoß gegen die Schulter. »Ja, ich weiß, ich habe so viel Glück gar nicht verdient, und ja, Du bist nicht der Erste der ins Sabbern gerät, wenn er Ella zum ersten Mal sieht. Meine Güte, ich sabbere ja oft noch, wenn ich sie sehe.«
      Sowohl Claus als Ella wenden betreten ihre Gesichter mir zu.
      Was! Was habe ich jetzt schon wieder Falsches gesagt?
      Bevor mir noch etwas heraus rutscht, packe ich lieber die Wartungsluke und öffne sie. Durch das Loch sind zwei weitere Zombies in der gut beleuchteten Kabine zu sehen.
      »Ich … es …« Claus ringt offenbar um Worte.
      »Schon gut, so ist sie eben.« Ellas Worte mögen ihm zwar ein Trost sein, ich hingegen finde, dass die Leute im Allgemeinen und meine, mir nahestehenden Leute im Speziellen, einfach viel zu verklemmt sind.
      Froh etwas zu tun zu haben, springe ich zwischen die beiden Zombies hinab.

      Ein wenig überrascht bin ich schon, wie sehr ich sie überraschen kann. Ferngesteuerte Untote haben normalerweise keine Schrecksekunde, andererseits, was weiß ich schon, welche Kommandos sie in ihrem StandBy-Modus erhalten haben? Könnte ja sein, ihr Meister hat sie angewiesen, still zu stehen und nicht durch Stöhnen aufzufallen? Klingt bescheuert, aber wer bin ich schon, die Göttin Fortuna in Frage zu stellen, wenn sie mir gerade mal wieder schelmisch zublinzelt?
      Zwei komplette Kreiselbewegungen und zwei weitere Köpfe fallen zu Boden, gefolgt von den zugehörigen Körpern.
      Ich sehe einen nur mit Notlicht beleuchteten Gang vor mir und will schon mal vorgehen, als mich Ellas sanfte Hand an der Schulter zurückhält. Normalerweise ist es keine gute Idee, mich direkt nach einem Kampf ohne Vorwarnung zu berühren, aber es gibt Ausnahmen. Selbst wenn ich instinktiv zuschlagen würde, Biest in mir würde niemals zulassen, dass wir Ella etwas antun. Es mag gewöhnungsbedürftig sein, aber ein guter Co-Pilot ist von unschätzbarem Vorteil.
      »Langsam, Sin. Meine Ignoranz-Blase reicht nicht sehr weit und Du könntest mich echt vorwarnen bevor Du jemand abmurksen willst. Defensive Zauberei und aggressive Aktionen beißen sich unheimlich.«
      Ich sehe auf ihr angestrengtes Gesicht und meine spöttische Antwort bleibt aus. Keine gute Idee einen Magier in Ausübung seines Hokuspokus mehr als nötig abzulenken. Bei Ella sieht das meistens leicht aus, bei anderen, deutlich älteren Zauberern sogar so natürlich wie ein Achselzucken, aber ich habe schon an eigenem Leib miterlebt, was ein verpatzter Zauber für Katastrophen anrichtet.
      »Ignoranz-Blase?« Mitchel schaut mich fragend an. Aha, die Tatsache, dass er mich fragt und nicht Ella, die gerade mit ihrem Zauberkram kämpft, zeigt, dass er auch etwas Ahnung hat.
      »Kenne diesen Zauber auch noch nicht, aber wenn ich die beiden ahnungslosen Zombies von eben bedenke, eine Art Tarnzauber. Wenn wir gegen die Natur des Zaubers handeln, wird’s … schwierig?«
      Ella nickt lächelnd, nun wieder deutlich entspannter. »Hätte Euch vorwarnen sollen. Aber ich habe den Zauber aktiviert, seit ich oben Hals über Kopf von einem Plausch mit dem Gouverneur abgehauen bin. Das wäre etwas komisch geworden, wenn mich alle ohne Vorwarnung hätten davonrennen sehen.«
      Ich nicke zustimmend und auch Mitchel nickt mit Ehrfurcht in den Augen.
      Oh, Junge. Da musst Du aber noch viel lernen, wenn Du bei uns mithalten willst.

      Ja, ich weiß auch nicht genau warum, aber Mitchel gehört jetzt zu uns, also zu unsrem erweiterten Kreis. Da hat es einen Schüler Salomons, einen goldenen Greifen, einen Vampir-Werwolf-Hybriden, einen unsterblichen Jäger, ein Einhorn, einen Bären-Schamanen und einen der weltbesten Attentäter-Vampire. Schätze, uns hat einfach ein Weihnachtsmann gefehlt.
      »Gut, dann nimm mich mal aus dem Zauber raus. Ich gehe vor und lenke die Aufmerksamkeit auf mich.«
      Ella grinst frech. »Das kannst Du schließlich am Besten.«
      In einem Anflug höchstseltener Albernheit, strecke ich ihr die Zunge heraus, und bekomme postwendend ihre zu sehen.
      Mitchel starrt uns an, als hätte er es mit einem Kindergarten zu tun. Ich räuspere mich. Er hat natürlich Recht. Etwas mehr Professionalität dürfte hier schon herrschen.
      Ich schaue zu Ella. »KK und SM?«
      Sie nickt. »Ok, wir sind gleich hinter Dir.«
      Während ich vorhusche höre ich Mitchel fragen: »KK ... SM!?« und Ella leise kichern – mehr Professionalität, Süße, streng Dich an.
      »KK steht für Klauen und Körpereinsatz. Gegner, die damit arbeiten, übernimmt Sin.«
      »Und … SM?« Claus runzelt angestrengt die Stirn.
      »Scheiß Magie«, Ella grinst noch breiter. »Sins nette Art zu sagen, dass sie diese Abteilung mir überlässt.«
      Der New Yorker Freimaurer brummt kurz verstehend. »Und was in keinen der Bereiche fällt?«
      Die Magierin lächelt einfach. »Da kommen Sie ins Spiel, Claus. Immerhin sind Sie hier der Hausherr und wir nur Touristen. Es wäre wirklich zu unhöflich, alles an uns zu reißen.«
      Der Wächter weiß offensichtlich nicht, was er dazu sagen soll.
      Weiter vorne beiße ich mir auf die Lippen. Habe ich Ella durch meinen schlechten Einfluss beigebracht, unsere geschätzten Verbündeten so auf den Arm zu nehmen oder steckte das schon immer in ihr?
      Dabei war sie mal so ein schüchternes Wesen.
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      Tom Stark
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    • Ich komme an zwei Türen vorbei, links und rechts des Ganges, aber von dort höre ich nichts. Zudem führt eine für meine Nase nicht zu überriechende Blutspur geradeaus. Die zweiflüglige Tür am Ende des Ganges verdient eher die Bezeichnung Tor, so wuchtig, mit Runen geschützt und schwerem Eisen beschlagen, wie sie ist. Genützt hat es allerdings wenig, wie man dem förmlich herausgestanzten Schloss sehen kann. Durch das so deutlich vergrößerte Schlüsselloch sehe ich ins Innere des Raumes.
      Natürlich gehört zu einem Tor eher eine Halle, als ein normaler Raum, und so hat auch diese ziemliche Ausmaße, so groß zumindest, dass ich weder eine Seite noch das Ende sehen kann. Wie eine Ausstellung befinden sich diverse Behältnisse darin, einige aus Holz, einige aus Glas, wenige aus Stahl und manche aus einem Material, das ich nicht einschätzen kann. Der Boden ist mit großen Platten ausgelegt und die Wege, die man wohl gehen soll, um bequem zwischen den Stücken durchzukommen, sind mit einem robusten Fließteppich ausgelegt.
      In der Mitte, durch zwei Halogenstrahler überscharf kontrastiert, erhebt sich eine Art Säule, in die Steinplatten eingelassen wurden. Diverse untote Helfer sind gerade ungeschickt bemüht, eine dieser Platten mit Brecheisen herauszuhebeln. Ein Mann in feiner Abendgarderobe, meiner nicht unähnlich, bevor die Zombies es gewagt haben, sie zu zerfetzen und vollzubluten, steht dabei und dirigiert die Zombieschar, wie einst Leonard Bernstein sein Orchester.
      Keine zwei Meter neben ihm liegt zusammengekauert eine Frau in Security-Uniform, die ich messerscharf als Eliza identifiziere. Sie beginnt sich gerade aufzurichten und ich will schon erleichtert durchatmen, als Beast sich mir in die Gedanken drängt und mich auf wichtiges Detail aufmerksam macht. Eliza bewegt sich zwar, atmet aber nicht. Kacke!
      Den Anblick seiner untoten Partnerin, und ich glaube erkannt zu haben, in mehr als nur einer Hinsicht, will ich Claus ersparen. Also lasse ich Beast alles auffahren, was er zu bieten hat, trete den rechten Türflügel nicht nur aus den Angeln, sondern wie ein Geschoss mitten in den Raum. Wie ein Ertrinkender wirft der Frackträger seine Arme in die Luft, als ihn das schwere Holz trifft und er darunter zu Boden geht.
      Als ich in den Raum springe, höre ich gekeucht, aber dennoch zu verstehen: »Wandle Dich und töte den Eindringling!«
      Nicht lustig. Überhaupt nicht.
      Falls sich jemals irgendwelche Spaßvögel gefragt haben, ob ein Werwesen, das zum Zombie gemacht wird, sich noch verwandeln kann, hier die Antwort. Es kann. Und wie!
      Die ohnehin nicht gerade schmächtige Frau dehnt sich rasend schnell aus, ihre Kleidung zerreißt und ich bin gerade noch an ihr dran, um wenigstens den Erstschlag zu haben, als sich auch schon eine fast drei Meter große Tigerfrau von allen vieren erheben will. Der verlorene Arm, den wir an der Treppe gefunden haben, wächst so schnell nach, dass ich es kaum fassen kann.
      Gnadenlos steche ich mit beiden Krummdolchen zu und beide treffen den Kopf. Doch wo ich bei einem durchschnittlichen Werwolf oder Vampir bereits auf der Siegerstraße wäre, habe ich diese Wertigerzombie … in … Werzombietigerin … Zombiewer …ach, egal, jedenfalls habe ich die nur so richtig sauer gemacht.
      Wobei, eine echte Emotion wäre mir tatsächlich lieber gewesen. Das stumpfe Abschütteln meines Angriffs und die prompten Gegenschläge der klauenbewehrten Hände ist noch schlimmer.
      Nur mit Mühe entkomme ich den wenigstens zwanzig Zentimeter langen Krallen. Mir erscheinen sie eher einen halben Meter lang, aber unter leichter Panik tendiert mein verrückter Verstand manchmal Gefahren etwas zu dramatisieren. Noch einer dieser Nebenwirkungen meiner zunehmenden Menschlichkeit. Für einen ganz kurzen Augenblick schleicht sich die Option eines womöglich taktischen Rückzugs sein, aber das kommt natürlich aus gleich mehreren Gründen nicht in Frage.
      Zum einen bin ich immer noch das Raubtier mit dem höchsten Rang hier, etwas anderes anzunehmen wäre wohl lächerlich. Zum anderen kommen hinter mir Ella und Claus. Diese Zombietigerin wird Ella kein Haar krümmen und ich kann schließlich auch nicht gerade vor dem bestallten Wächter dieses Ortes andeuten, ich käme nicht mit einer seiner Angstellten klar.
      Allerdings habe ich auch einen Vorteil, den ich gegen ein Werwesen sonst nicht habe. Zombies sind ziemlich fantasielos im Kampf. Also rolle ich über die Schulter zurück zwischen einen Stahlkontainer und eines dieser Behälter dessen Material ich nicht kenne. Wie erwartet folgt Zombie-Eliza mir auf dem Fuß. Ich bekomme zwar keine Gelegenheit noch einmal zuzuschlagen, aber es gelingt mir immer einen halben Meter Abstand zwischen ihren Klauen und meiner Haut zu halten, was ich fürs Erste einfach unter kluge Hinhaltetaktik verbuche.
      »Sin, alles ok bei Dir?« Ellas Stimme klingt in meinem Geist.
      »Soweit so gut. Kannst Du den Handwedler ausschalten? Will Zombie-Eliza nicht zu schlimm zurichten, sonst bekommt Claus noch einen Schock.«
      »Soso …, ich tu, was ich kann. Halte durch.«
      Da will man einmal zartfühlend sein und es wird einem als Unsicherheit ausgelegt. Echt jetzt!
      Was Ella genau macht, kann ich nicht sehen, weil ich etwas abgelenkt bin. Was ich aber bei meinen Sprüngen von Deckung zu Deckung sehe, ist wie der Türflügel plötzlich in Sekundenbruchteilen verfault und ein ziemlich wütender Beschwörer sich aufrappelt.
      Dann sehe ich, wie Claus ein ganzes Magazin auf den Kerl entleert, die Geschossen nur unmittelbar vor ihm abtropfen, als hätte er Erbsen gegen eine Scheibe geworfen.
      Ich weiche Eliza wieder aus, tauche unter ihrem Hieb durch und erwische einen Knöchel. Wie Butter durchtrennt meine Klinge ihre Sehnen und schon bin ich wieder weg. Leider empfinden Zombies immer noch keinen Schmerz, aber auch bei einem Untoten sorgt ein instabiler Fuß für verminderte Beweglichkeit. Auch wenn ich Eliza wirklich nicht kleinhacken will, kann ich mir diese Chance nicht entgehen lassen. Ich rolle mich erneut unter einem Hieb durch und trenne den Fuß nun völlig vom Bein. Der Werzombie bekommt Schlagseite und mit einem harten Tritt gegen das andere Bein meinerseits, helfe ich ihm zurück auf alle Viere, Verzeihung auf alle Dreieinhalb.
      Da habe ich doch wirklich gehofft, jetzt im Vorteil zu sein. Doch dann verwandelt sich der Zombie völlig in einen Tiger. Vier Meter Länge und wenigstens hundertfünfzig Zentimeter Schulterhöhe sind aber doch sehr beeindruckend, aber ist es allgemein bekannt, dass ein Tiger auf drei Beinen kaum langsamer ist, als einer auf vier? Wenigstens wächst der Fuß gerade nicht nach. Vielleicht sind Werzombies doch nicht ganz so der Bringer.
      Bevor ich mich noch versehe, werde ich angesprungen. Schon sehe ich wie das Maul des Tigers sich über meiner Schädeldecke schließt, als ich gerade noch Blinzeln kann und mich zur Mitte der Halle teleportiere, wo ebenfalls ein Kampf tobt.
      Claus Mitchel wirft gerade entsetzt seine zweite Knarre weg, die sich in seiner Hand in eine zähflüssige Masse verwandelt. Dem anderen Fladen unweit von seinen Füßen entnehme ich, dass ihm das nicht zum ersten Mal passiert.
      Ella ist nicht untätig geblieben. Irgendwie hat sie es geschafft eine pulsierende Kraftwand zwischen dem Zombiemeister und seinen Geschöpfen aufzubauen, die knackt und rauscht, wie ein Radio im Sendersuchlauf.
      »Verdammt, Ihr sollt sie angreifen!« Die Stimme des Zauberers klingt etwas gestresst, will mir scheinen, zumal seine Geschöpfe sich taub stellen, wahrscheinlicher durch Ellas Zauber aber wirklich nichts hören, und weiter mehr oder weniger geschickt an der Steinplatte arbeiten. Diese neigt sich allerdings schon etwas und wird jeden Moment herausfallen.
      Ella sieht mich, wie ich auf die Beine komme und sie fragend ansehe. Normalerweise würde sie so eine Made bereits zerquetscht haben, ich kenne doch ihren Stil.
      »Ich kann ihn nicht direkt angreifen. Er hat eine Art Verfaulungszauber aktiv, der alles was direkt gegen ihn gerichtet ist zersetzt. Allerdings kann er bei so einem mächtigen Defensivzauber selbst auch nicht angreifen.«
      Ah, verstehe. Nein, nicht wirklich, aber ich kapiere, dass ich das wohl machen muss. Schnell sehe ich mich um. Ich werde keinen meiner Dolche werfen und riskieren, dass sie nachher nur noch Schleimhaufen sind. Allerdings ist da eine Steinplatte die gerade dabei ist, aus der Säule zu kippen. Was die wohl wiegt? Hundert Kilogramm, oder etwas mehr?
      Schnell stehe ich bei den Zombies, die mich ignorieren. Klar, die haben ja ihren Job, warum sollten sie sich um mich kümmern? Drei schnelle Hiebe und ihre Köpfe rollen.
      Dann greife ich mir diese Platte, mit Beasts Hilfe bin ich wahrscheinlich stärker als alle drei Zombies zusammen, nehme kurz Maß und schleudere sie auf den Beschwörer.
      Der schreit auf, als er das Geschoss auf sich zukommen sieht, aber zu mehr reicht es dann auch nicht. Ich glaube bis zu mir das Geräusch der brechenden Rippen zu hören, als es ihn seitlich erwischt und er zusammenklappt. Bevor ich jedoch nachsetzen kann, werde ich von einer Tonne Zombie-Tiger gnadenlos umgemäht. Ich bekomme gerade noch meinen Arm hoch und schütze mein Gesicht, aber der Zombie nimmt auch den und beißt ihn einfach durch.
      Beast nimmt mir den Schmerz weg, bevor er mich völlig wegtreten lässt, doch schon schnappt das Tigermaul erneut nach mir. Verzweifelt werfe ich den Kopf zur Seite und spüre die Zähne in meine Schulter schlagen. Ich versuche die Beine anzuziehen um das schwere Monstrum von mir herabzubekommen, doch ich merke, dass mir rapide die Power ausgeht. Meine Nehmerqualitäten waren auch schon besser, denke ich noch so bei mir und erwarte den tödlichen Biss …
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    • … der nicht kommt.
      Etwas hebt den massigen Körper von mir herunter, dann fühle ich, wie Kraft mich durchströmt, Wärme und Eis zugleich, es ist schwer zu beschreiben.
      Als ich mich aufrichte, schwebt ein Mann neben mir, dessen Unterkörper nur aus lila Nebel zu bestehen scheint und dessen Oberkörper direkt aus Tausendundeinernacht entsprungen sein muss.
      »Oha, ein Djinn, richtig?«
      Der Djinn zwirbelt sich lächelnd seine Bartspitzen. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sieht der Knabe eher wie der böse Wesir von Bagdad aus, als der gute Wunscherfüller aus der Nachbarschaft.
      »Sei vorsichtig, Agent Al’Abastra. Das ist ein dunkler Djinn.« Claus spricht so ziemlich das aus, was Beast mir auch auf seine Art versucht zu sagen.
      »Ohhh, Spielverderber! Schweig stille!«
      Ich wundere mich und schaue zum Wächter, der nun einen zugenähten Mund hat und entsetzt zurückschaut. Mein Blick fixiert den Freimaurer, bevor der noch etwas richtig Dummes macht und schiebe etwas Suggestionskraft in meine Worte: »Keine Panik, verhalte Dich ruhig, lass' mich machen, ok?«
      Er nickt langsam und sein Atem geht trotz Mundfessel ruhiger.
      Ich stelle mich auf. Ella hat irgendwas mit dem feindlichen Magier am Laufen, eine Art Geistesduell oder so was. Da ich mein Mädchen kenne, räume ich dem Gegner bestenfalls Aussenseiterchancen ein und beschließe, mich erst einmal um den Djinn zu kümmern.
      »Ok, Djinn. Mach meinen Freund wieder normal, er wird sich raushalten.«
      Der Djinn verengt die Augen. »Ist das Dein erster Wunsch?«
      Ich hebe einen meiner Dolche auf, werfe ihn in die Luft und fange ihn am Griff, bevor ich antworte. »Nein, das ist Dein erster Wunsch. Sonst wird mein Erster und Einziger sein, dass Du wieder in Dein Gefängnis kommst und erst wieder raus darfst, wenn unsre Sonne als Supernova explodiert. Dann darfst Du gerne jemand suchen, mit dem Du Deine blöden Späße treiben kannst.«
      Er mustert mich. Ich musterte ihn. Er kommt zum dem Schluss, dass ich nicht bluffe. Kluger Djinn. Drohungen auszusprechen, die man nicht wahrmachen will, ist etwas für Kinder.
      Nach einer nachlässigen Handbewegung, sehe ich die Nähte um Claus Mund verschwinden und er zeigt mir den Daumen.
      »Gut, nun können wir unsren Deal machen.«
      Der Djinn nickt zufrieden, sein Grinsen ist immer noch hinterhältig, aber sein Blick ist schon weitaus weniger herablassend.
      »Gut, erst einmal Danke für die Heilung.« Ein Schuss ins Blaue.
      »Das beinhaltete die Prämie für meine Befreiung.«
      »Hm, hilf mir mal auf die Sprünge. Ich glaube ich habe den genauen Wortlaut der … Prämie nicht mehr im Kopf.«
      Der Djinn grinst wissend und wirft dem immer schwächer wirkenden Beschwörer einen bösen Blick zu. »Warum habe ich nur den Eindruck, dass der Zauberer ohnehin das erste Opfer nach Deiner Freilassung gewesen wäre?«
      Nun lacht der dunkle Djinn. Für einen Augenblick erkenne ich so etwas wie Sympathie in seinem Blick. »Du verstehst es selbst, wie es ist, wenn man gezwungener Maßen an sein Wort gebunden ist. Solche Bande will man schnell loswerden.«
      »Hm, klar. Wenn ich einen Handel einginge, dass mich wer wo rausholt, würde ich auch zusehen, dass der Drecksack, der mich befreit, nicht mein nächster Meister ist.«
      »So ist es.«
      »Wie war das jetzt mit der Prämie?«
      »Ich versprach meinen Befreier Unversehrtheit an Körper und Geist und zusätzlich eine erhebliche Steigerung seiner Kräfte.«
      »Klingt ziemlich schwammig und solche Steigerung der Kräfte hat doch immer seinen Preis. Ich will dafür keinen zahlen, die Heilung genügt mir.«
      Der winkt ab. »Weder Dir noch einer der Deinen muss dafür herhalten. Ich nehme mir einfach die Kräfte von jenem dort. Deine Gefährtin hat ihn ohnehin gerade niedergerungen.«
      Ich sehe, wie Ella sich aufrichtet und dem schwer atmenden Gegner einen Stoß vor die Brust gibt, die jenen auf sein Hinterteil stolpern lässt. Als sie zu mir schaut schüttle ich schnell den Kopf und sie versteht. Sie soll mir das Verhandeln überlassen. Meine Ella mag zwar klüger sein als ich, aber beim Pakt mit Teufeln schließen, habe ich einfach ein paar Jahrhunderte Erfahrung voraus.
      »Das ist ok für mich.«
      Der Magier seufzt und fällt bewusstlos hintenüber. Ich sehe, wie Claus mich entsetzt anschaut. Diese Art von Kuhhandel kann einem braven Gesetzesmann ja gar nicht gefallen, das ist mir schon klar.
      »Gut, Du bist der erste dunkle Djinn, den ich treffe, aber ich habe von euch gehört. Ihr erfüllt zwar Wünsche, aber eigentlich verteilt ihr nur um. Und zwar gerne so, dass dem Wünschenden seine Wünsche direkt um die Ohren fliegen.«
      Der Djinn lacht nun tatsächlich. »Eine zutreffende Beschreibung. Doch in einem irrst Du Dich, alte Seele, es gibt nur einen dunklen Djinn. Mich!«
      Oha, ich rede also mit dem one and only Dark Djinn? Eine Menge Prominenz heute Abend.
      »Schau mal, eigentlich habe ich keine Wünsche, nein ehrlich. Was ich brauche, besorge ich mir selbst.«
      Er nickt immer noch grinsend. »Aber Du wirst mich nicht wieder einsperren, wie es diese verblendeten Magier taten, richtig?«
      »Richtig. Du würdest nur den nächsten anstiften Dich rauszuhauen und der würde wieder ein Haufen Unschuldige dabei umbringen. Ich wette, jemanden wie Dich kann man nicht wirklich einsperren.«
      »Da wettest Du richtig, alte Seele. Was also tun wir jetzt. Ohne die Drei Wünsche, werde ich nicht frei sein.«
      »Verstehe. Wir haben gerade Weihnachten. Sagt Dir das Fest etwas?«
      »Natürlich!«
      »Wir könnten ausnahmsweise etwas völlig Verrücktes machen. Ich meinen wirklich nur als Ausnahme und wir erzählen keinem etwas davon. Wollen ja nicht, dass unser Ruf dauerhaft darunter leidet.«
      Interessiert schaut der Djinn mich an. Ich glaube, ich hatte ihn schon bei völlig Verrückte Sache. Für ewig lebende Wesen, die eher Prinzip als Individuum sind, ist Abwechslung etwas Kostbares.
      »Wir helfen einander, ohne uns gegenseitig zu bescheißen. Wie gesagt, bleibt unter uns. Wenn herauskommt, dass ich einem wie Dir helfe, ohne meinen Vorteil zu suchen, dann nimmt mich das nächste multidimensionale Wesen überhaupt nicht mehr ernst!«
      Ich spüre wie der Djinn meine Worte auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht. Da ich tatsächlich wenigstens zwei solcher Wesen bereits getroffen habe, nehme ich an, dass mir irgendwie ein mystischer Geruch oder so etwas anhaftet. Daher bin ich nicht allzu überrascht, als er zustimmt.
      Von Claus höre ich ein Keuchen und Ella unterdrückt wohl tapfer ein breites Grinsen. Für einen kurzen Moment gönne ich mir, stolz auf mein diplomatisches Geschick zu sein, welches sich sonst auf »Sag mir alles, was ich wissen will und Du darfst vielleicht weiteratmen« beschränkt.
      »Ok, Wunsch Eins. Kannst Du den Schaden am Tresor beheben, alle Schutzmaßnahmen wieder instand setzen?«
      »Das kann ich wohl. Doch was nehme ich als Ausgleich?«
      »Gute Frage.« Ich schaue zu dem bewusstlosen Zauberer. »Der Kerl sieht mir nach Geld aus, viel Geld. Ich wette bei dem Zuhause kannst Du jede Menge Ausgleich holen, aber ohne dass dort jemand etwas zustößt, wenn‘s geht.«
      »Einverstanden.« Der Djinn wedelt mit seinen Armen und alle Schäden sind behoben. Schon praktisch, so ein Djinn. Ob man den für den Frühjahrsputz mieten kann?
      »Hm, ich nehme an, die ganzen Zombies kannst Du nicht zurückverwandeln?«
      »Nein, sie sind zu lange tot. Nur diese dort, die ich von Dir herab hob, die könnte erneut leben.«
      Ella und Claus heben an etwas zu sagen, da sie wie ich wissen, dass auch das ein Opfer erfordert, doch ich hebe die Hand. »Das ist eine Sache zwischen mir und dem Djinn. Ihr haltet Euch raus.«
      Der dunkle Djinn lächelt finster. »Sie stolpern gerne über ihre Moral, nicht wahr?«
      Ich lächle sinister zurück. »Ab und an. Doch dafür haben sie ja mich.«
      »Ich kann sie wiederbeleben und wir haben beide denselben im Sinn, der sein Leben dafür hergeben muss.«
      »Sin, das ist Mord.« Ellas Worte sind nur ein Flüstern.
      »Nein, Süße, das ist umgehend ausgeführte Vergeltung, nur dass wir uns den Umweg über Richter und Geschworene sparen. Außerdem schau ihn Dir an. Mit etwas Pech gehört der zu den oberen Zehntausend und er kommt davon. Nein, er hat Eliza umgebracht und darf nun seine Tat sühnen. Damit ist er nicht einmal annähernd quit, aber es ist ein Anfang.«
      »Es sollte aber seine Entscheidung sein, Agent Al’Abastra.« Nun fängt Claus auch noch an.
      Bevor ich noch etwas sagen kann, seufzt der Zombiemeister ein Letztes Mal und zeitgleich springt eine verwirrte Tigerin auf, schüttelt sich und verwandelt sich zurück.
      »Nun, Wächter, soll ich es rückgängig machen?« Als der Djinn den Wächter spöttisch angrinst, balle ich die Fäuste. Aber der Djinn ist nun einmal keiner der Guten, nicht in dem Sinne, wie Ella und Claus sich verstehen.
      »Nein … nein, nicht. Danke.« Der Wächter steigt in meiner Achtung. Gute Antwort.
      Ich fühle, wie Ella an meine Seite kommt und sich, wie sie wohl meint unverdächtig, an mich anlehnt.
      »Dann den letzten Wunsch. Eile Dich alte Seele, ich fühle wie sich weitere Wächter nähern. Wir wollen doch keine Komplikationen.«
      »Stimmt. Na schön. Der letzte Wunsch, weil Weihnachten ist, ist für Dich. Ich wünsche Dir, dass Du mit Deiner Freiheit etwas anstellst, was dir Spaß macht, was aber niemand zwingt, insbesondere nicht uns,« dabei drücke ich Ella an mich, »Dich wieder einzufangen. Ahja, und frohe Weihnachten, natürlich.«
      Verblüfft schauen mich alle an, einschließlich dem Djinn.
      Was?
      Was habe ich jetzt schon wieder Falsches gesagt?
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse