Abenteuer an der Schwertküste (Arbeitstitel)

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    • Abenteuer an der Schwertküste (Arbeitstitel)

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      Ein Roman mit einer dreiviertel Plott-Idee, diversen diffusen Vorstellungen zum Hauptcharakter und viel Hoffnung, dass das Ganze in sich stimmig wird. Also ein Roman ins Blaue hinein. Mal schauen wie er wird. :whistling:


      Roya Carnovan ist eine junge Magierin aus Silbrigmond, der magischen Perle des Guten in den vergessenen Reichen. Sie ist mit ihrem Leben ganz zufrieden, doch nicht nur das Schicksal ist der Meinung, dass es Zeit für sie wird, in die Welt hinaus zu ziehen, sich Feinden, Freunden und ihrem ungeliebten Erbe zu stellen.
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Mein Silbrigmond

      Wunderschön anzuschauen ist meine Heimatstadt, wie sich elfische, menschliche und zwergische Architektur harmonisch ineinanderfügt. Wohin das Auge reicht sind Bäume, Gärten und Parkanlagen, wobei die Bäume und Parks oft genug die Häuser von Elfen und Halblingen sind. Nicht selten schmiegt sich ein Menschenhaus am Boden behutsam um einen gewaltigen Baumstamm, während in Wipfeln eine Elfenfamilie ihr Heim hat, womöglich findet sich zwischen den starken Wurzeln auch der Zugang zu einer zwergischen Wohnhöhle.
      Sieht man einmal von Tiefwasser ab, sind die magischen Künste so hochgeschätzt wie nirgendwo anders, wo man sie oft eher fürchtet und froh ist, wenn sie nicht Teil des Lebens sind. Selbst einfache Handwerker haben magisches Licht, magische Werkzeuge und die erstaunlichsten Kunstwerke werden gemeinhin mit Magie erschaffen.
      Die Silberritter, ein Orden der edelsten Krieger und Paladine, sorgen für unsren Schutz und in den seltenen Kriegen ist der fliegende Feuerwagen von Alustriel Silberhand, der geheimen Fürstin unserer schönen Stadt, weithin bekannt und gefürchtet.


      Fast nie lasse ich den morgendlichen Spaziergang aus, der mich von meiner kleinen Wohnung nahe des Arkhen's Invocatorium bis über die Mondbrücke, den Markt bis zum Harfnerhaus führt. Dort lebt und wirkt meine mütterliche Freundin Riannon Morgentau, inzwischen zwar schon in die Jahre gekommen, aber immer noch Willens und im Stande die Geschicke der Harfner und ihrer Verbündeter in und um Silbrigmond zu leiten.
      Wie so oft verweile ich kurz an der höchsten Stelle der Mondbrücke und kann es mir nicht verkneifen zu hüpfen, um die Tragfestigkeit der magischen Lichtbrücke zu testen. Meine heimliche Angst ist tatsächlich, dass eines Tages einer meiner Hüpfer das Bisschen zu viel sein könnte, was die Brücke zum Einsturz bringt - was natürlich hoffentlich nie geschehen wird.
      Auf dem Markt werde ich meist ein paar Silber, seltener etwas Gold los, um ein paar Kleinigkeiten zu erstehen, die mir ins Auge fallen und ohne die ich einfach nicht weitergehen kann. Heute springt mir ein kunterbuntes seidenes Halstuch ins Auge, was ganz fabelhaft zu den anderen bunten Tüchern meines Stabes passen dürfte. Mittlerweile sind es gut ein Dutzend, die sich um den Stab schlängeln oder als lustige Wimpel im Wind flattern. Vom Stab selbst ist inzwischen fast nichts mehr zu erkennen, was irgendwo schade ist, denn er besteht aus dem weißen Holz eines Selunebaums, eigentlich der Göttin heilig und nur für hohe Kultgegenstände zu verwenden. Ich selbst bin auf ... besondere Art an ihn gelangt, aber das ist vielleicht eine Geschichte für zwischendurch.
      Für Riannon kaufe ich noch ein Bündel Bananen, sündhaft teuer hier, aber ich weiß, sie isst sie gerne, würde sie sich aber nie leisten, auch wenn sie das nun wirklich könnte.


      »Aaye Royandriel«, werde ich salbungsvoll angesprochen.
      Verwirrt sehe ich mich um, für einen Moment unschlüssig, woher die bekannte Stimme gekommen war. Dann hält das mächtige Streitross direkt neben mir und ich bringe schnell meinen Stab in Sicherheit bevor Windtänzer, der freche Hengst, wieder an meinen Tüchern und Bändchen herum knabbert.
      »Alae Luthil!«, grüße nun auch ich meinerseits den Silberritter im Sattel und lege meinen Kopf in den Nacken, um sein hübsches Gesicht mit der blauschwarzen Mähne sehen zu können.
      Bevor ich reagieren kann, fühle ich mich unter der Achsel gepackt und hinter den Sattel auf den Pferderücken gehoben. Solche Vertraulichkeiten kann ich mir normalerweise nicht gefallen lassen, schon gar nicht mitten auf dem Markt, Frau muss schließlich auf ihren Ruf achten. Bei einem Silberritter mache ich aber eine Ausnahme, besonders wenn der spezielle Ritter mich schon als Wickelkind auf den Knien geschaukelt hat. Luthiel Blaufalk sieht zwar eher wie mein Bruder aus, ist tatsächlich aber schon 612 Jahre alt und insgeheim nenne ich ihn Onkel Luthy, also wenn es keiner hört, am besten er auch nicht.


      »Du bist unterwegs zu Ria?« Keine Frage, eine Feststellung, aber ich nicke dennoch.
      »Ich bringe Dich hin. Es gibt ohnehin Neuigkeiten, die du bestimmt wissen willst.«


      Tausendfach geübt setze ich mich zurecht und halte mich nur leicht an seiner Hüfte fest. Windtänzer würde es ohne Not nicht zulassen, dass ich hinunterfalle und auf Onkel Luthys Reflexe ist ohnehin Verlass.
      »Was gibt's?« Ich grinse schief. Die Elfen lieben es ihre Geschichten lange einzuleiten und jede noch so kleine Rede schon fast feierlich zu zelebrieren. Kein Wunder, wenn man quasi ewig lebt, hat man ja auch die Zeit, es richtig zu machen. Mir als einfacher Mensch, na schön, Mensch mit einem Gutteil Nichtmenschenblut, ist meine Zeit jedoch zu schade, um für so banale Sachen wie »In Luskan ist heute ein Reissack umgefallen« mehr als nötig Kraft aufzubringen.


      Aber Luhtil kennt meine knappe Art zu gut, um sich davon stören zu lassen.

      »Wie Dir bekannt ist, werden wir jeden Morgen über Neuigkeiten aus allen größeren Städten informiert, um rechtzeitig gegen eventuelle ...«

      Nein, ich bin nicht unhöflich, aber durch jahrelange Übung blende ich den Redefluss aus und schaue mich lieber um, denn vom Pferderücken sieht man wirklich viel mehr und der Blickwinkel ist auch besonders. Dazu muss man wissen, dass nur den Rittern und Boten erlaubt ist, über den Markt zu reiten. Ich erkenne einen kleinen Dieb, der gerade zwei große Kartoffeln mitgehen lässt. Es ist Mireko, einer der Vishtari-Jungs die mit ihrem Clan seit knapp einem Mond Silbrigmonds Gastfreundschaft genießen. Ich verdrehe die Augen, da in dieser Stadt niemand hungern muss. Wer um essen bittet, wird eingeladen zu speisen, zumindest wenn er offiziell Gaststatus hat. Die nomadisierenden Vishtari gelten ohnehin fast überall als Diebe und Kindesentführer, kein Grund, diesen Ruf noch in Stein zu meißeln. Da erkenne ich, wie Mireko mich ansieht. Er sieht, dass ich ihn sehe und ich schüttele tadelnd den Kopf. Verwirrt runzelt er seine Stirn und folgt meinen Blick zu seinem Diebesgut, denkt dann tatsächlich mehrere Augenblicke ernsthaft darüber nach und geht dann, frech wie ein Goblin, zum Stand zurück. Ich sehe, wie er und der Bauer miteinander sprechen. Der Bauer scheint ganz gerührt – vermutlich von der vermeintlichen Ehrlichkeit des Kleinen – und schenkt ihm zwei große saftige Äpfel. Mireko ist nun vollends verwirrt. Ich vermute, er hat Schläge oder wenigstens Schelte erwartet. Als er sich kopfschüttelnd wieder in der Menge versteckt wird mir klar, dass ich bei meinem nächsten Besuch im Vishtari-Lager den Kleinen, neben meinen Liedern und Illusions-Kunststückchen, zusätzlich eine Geschichte über die Großzügigkeit guter Leute erzählen muss, und dass man ihnen auch die Chance geben muss, ihre großen Herzen zu öffnen.
      Rechtzeitig zum interessanten Teil, tauche ich wieder in den Redefluss des Elfenpaladins ein.


      »... die Ashariten Niewinter erneut angegriffen. Man dachte, dass seit die Roten Magier von Thay ihre Kampagne um den Niewinterwald aufgegeben hatten, hätten sich auch die Shariten endgültig zurückgezogen. Denkst Du, dass die Silberne Hand eingreifen wird?«

      Alarmiert schaue ich mich um. Zum Glück herrscht selbst zu dieser frühen Morgenstunde so ein Getöse auf dem Basar, dass uns wohl keiner belauschen kann.
      »Schrei es doch herum. Die Hand ist eine geheime Gruppe, nicht einmal Du solltest davon wissen!«, schimpfe ich gepresst.


      »Aber Du hast es mir doch selbst ...?«

      Ich seufze. 600 Jahre hin oder her, ein Paladin ist und bleibt eben ein Paladin. Heimlichkeit ist nicht so deren Ding, schon eher mit blinkender Rüstung, angekündigt von Kriegshörnern, dahin zu springen, wo selbst Seras furchtsam weichen.

      »Ja, schon gut. Ich hatte mich eben so gefreut, als sie mich aufgenommen haben und wozu hat man denn Familie, wenn man nicht mal denen erzählen kann, was man so ge-HEIMES tut? Und nein«, fahre ich schnell fort, bevor ich tatsächlich noch eine Antwort bekomme, »ich weiß nichts davon. Wir sind auch nicht gerade eine schnelle Eingreiftruppe. Unsre Ziele sind eher strategischer Natur.«

      Er verzieht das Gesicht, wie immer, wenn er Zivilisten im Militärjargon reden hört.
      »Jedenfalls weißt Du es jetzt. Und falls ihr da doch etwas unternehmen wollt, gib mir einen Hinweis.«


      »Wieso?« Nun bin ich misstrauisch. Onkel Luthy mag kein Geheimniskrämer sein, aber er ist auch keine Tratschtante ... Onkel ... , egal.

      »Möglicherweise hat die Herrin ein Interesse daran.«

      Oha, oha. Die Herrin ist natürlich Lady Alustriel, der nach wie vor alle Silberritter die Treue schwören, auch wenn sie ihnen offiziell gar nicht mehr vorsteht.
      »Äh, ja, klar. Denke das geht in Ordnung.« Möglicherweise eine gewagte Vermutung für eine kaum drei Monate alte Akolythin in der Silbernen Hand, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir irgendetwas ohne Lady Alustriels Segen unternehmen würden. Eigentlich bin ich sogar überzeugt, dass sie zum Führungsrat gehört, aber natürlich liebe ich auch Verschwörungstheorien.


      Vorm Haus der Harfner setzt mich Luthil ab.

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      Tom Stark
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    • Find isch jut.
      Niewinter ist bei mir zwar schon eine Zeit her aber hier müsste irgendwo noch ne Karte rumfliegen^^
      Aber mal weg davon.
      Ich find du hast das schön beschrieben. Einzig und allein das Treiben auf dem Marktplatz hätte ich vielleicht mehr beschrieben... vielleicht.
      Mir gedfallen die beiden sehr gut und auch wie sie miteinander umgehen.
      Und schon wieder eine Geschichte aus der Ich-Perspektive... Mir wurde mal gesagt die seien nicht so toll... Aber das ist jetzt nicht gerade die erste bei der mir die Erzählweise gut gefallen hat.
      Naja, ich warte mal ab was so die nächsten Kapitel bringen.
    • Harfner und Silberne Hand

      Offiziell weiß natürlich niemand von den Harfnern, und schon gar nicht kennt irgendjemand einen von ihnen. Auch in Silbrigmond ist es lediglich ein offenes Geheimnis, das die Harfner mehr sind als eine Legende und wahrscheinlich ist hier auch das einzige bekannte Haus in Fearun, wo man sich direkt an sie wenden kann.
      So ist das Haus der Harfner ein Kontor, in dem die Silbrigmonder Lager und Vertriebsgesellschaft ihren Sitz hat. Vor dem Haus ist, wie so oft, ein Halbling in den besten Jahren beschäftigt, der mir diskret zuzwinkert. Aldes Kleinhand erscheint als der Hausmeister des Kontors, der überall und zu jeder Zeit anzutreffen ist, damit zu Gange, etwas zu reparieren, einen Kiesweg zu rechen oder einfach nur etwas herumzutragen.
      Die drei magischen Wurfdolche unter seinem verwaschenen Leinenhemd sieht man dabei nie und nur die wenigstens ahnen, dass Aldes das Erste, der zahlreichen Sicherheitssysteme des Hauses darstellt. Seine Fähigkeit, einen Besucher nur einmal kurz anzusehen, um wenigstens im Groben einschätzen zu können, ob der Betreffende Böses im Sinn hat, war nicht nur einmal der Anfang des Endes für so manchen feindlichen Agenten oder Attentäter.
      Natürlich könnte ich den Haupteingang nehmen und sicher würde Jasper, der Pförtner, sich über einen Plausch freuen, aber mir ist heute nicht Klatsch und Tratsch. Also biege ich zwischen zwei zu Kugeln geschnittenen Büschen vom Weg ab, hüpfe über einen niedrigen Zaun und biege um die Ecke des Hauses. Die magische Sicherung, die den meisten Anderen einen heftigen elektrischen Schlag verpasst hätte, löst sich bei mir nicht aus - zum Glück. Da ich diesen Weg so oft nehme, hätte ich sie glatt vergessen.
      Erst als mir Sniffel, der Flimmerhund, der mit mir zusammen aufgewachsen ist, entgegenkommt, denke ich wieder daran. Auch wenn Sniffel eine liebenswerte Seele hat, ist er doch ein echter Wachhund und als magisches Wesen mehr als nur fähig, selbst mit schwerbewaffneten Angreifern fertig zu werden.
      Mit einer Magierin, die er angesprungen und umgeworfen hat, bevor sie selbst auch nur blinzeln kann, hat er überhaupt keine Schwierigkeiten.


      »Brrr, warum ist Deine Zunge immer so nass?«
      Lachend versuche ich den kalbsgroßen Hund von mir zu schieben und zugleich mein Gesicht vor dem unterarmlangen Schlabberorgan in Sicherheit zu bringen. Ich muss mir noch zweimal übers Gesicht lecken lassen, dann gibt mich Sniffel endlich frei. Ich umarme den riesigen Hund nochmal herzlich, klopfe ihm gegen die Flanken und den Bauch und ziehe ihn verspielt an den langen spitzen Ohren.
      »Sei brav, Kleiner, sitz! Ich muss zu Ria. Vielleicht spielen wir nachher noch etwas Fangen.«
      Der kluge Hund schaut mir erwartungsvoll nach. Normalerweise würde man von einer Magierin meines Grades wohl mehr Würde erwarten, als sich mit einem Hund im Park herumtollend dreckig zu machen. Aber gewisse Dinge sind nun einmal wichtiger als Würde.
      »Bis nachher, kleiner Bruder.«, verabschiede ich mich und betrete durch eine unscheinbare Seitentür das Haus und komme direkt im Büro von Riannon heraus.


      Natürlich ist sie schon bei der Arbeit. Manchmal glaube ich, sie schläft gar nicht.
      Riannon ist ein bisschen kleiner als ich und mit ihren 132 Jahren selbst für eine Halbelfe im letzten Viertel ihrer zu erwartenden Lebensspanne. Ihr herrliches, rabenschwarzes Haar weißt inzwischen silbergraue Strähnen auf, die aber eher modisch als alt wirken. Ihr ebenmäßiges Gesicht ist noch immer nahezu faltenlos, nur um ihre tiefblau funkelnden Augen zeigt sich das fortgeschrittene Alter.
      Man sagt mir immer wieder, dass ich ziemlich hübsch bin, aber Riannon hat diese gewisse Schönheit, die einfach Teil ihrer Ausstrahlung ist, die auch im Alter nie verblassen wird und erklärt, warum selbst ein elfischer Silberritter wie Luthil auch nach 65 Jahren nicht müde wird, um diese Frau zu werben.


      »Ro!«, so liebevoll, wie man es von einer Mutter nur wünschen kann, selbst wenn man nicht von ihrem Fleisch und Blut ist.

      »Morgen, Mum. Wie geht es Dir heute?«

      Sie schmunzelt, wie sie meistens auf die Frage reagiert. »Ich könnte ja klagen, aber es ist das Übliche. Die Räte der Stadt, schon vier Termine heute Morgen, jeder will, dass ich meinen Einfluss für ihn verwende, als ob sich allein auf mein Wort plötzlich alle Türen öffnen.« Sie schüttelt den Kopf.

      »Und Du wirst das absolut selbstlos machen und die Leute werden Dir dafür Nichts schuldig sein, wie?« Ich lache und sie lacht ebenso.

      »Natürlich. Wir Harfner sind ja dafür bekannt, ohne jede Gegenleistung unseren Einfluss für wildfremde Leute geltend zu machen.«

      Ich winke ab. Genug gefrotzelt.

      »Auf dem Markt habe ich Luthil getroffen. Wüsste ich nicht, dass ein ehrbarer Paladin keinen Hintergedanken haben kann, hätte ich vermutet, er hat mich extra abgepasst.«

      »So? Was wollte er denn?«

      »Er hat mich in Kenntnis davon gesetzt, dass die Ashamiten erneut gegen Niewinter vorgehen.«

      Riannon mustert mich einen Moment neugierig, als erwarte sie von mir noch einen Kommentar dazu, aber als der ausbleibt nickt sie. »Niewinter ist weit weg. Die Nachrichten von dort sind bestenfalls bessere Gerüchte.«

      »Haben wir keine Augen und Ohren vor Ort?« Das fällt mir schwer zu glauben, denn wir, also die Harfner, haben fast jede Metropole an der Schwertküste im Blick, besonders wenn sich ein Tyrann dort anschicken könnte, die Macht zu ergreifen. Über die Harfner gibt es natürlich viele Gerüchte und natürlich gibt es auch Strömungen deren Ziele sich leicht unterscheiden, wobei es eher die Mittel sind, über die man sich uneins ist. Ich selbst sehe uns als verborgenen Arm der guten Götter und Agenten der guten Bewohner Faeruns. Andere glauben, wir wären eine geheime Armee und müssten wie eine auftreten. Extremisten gibt es einfach überall.

      »Im Moment nicht. Als die Roten Magier verschwanden und die Shariten Niewinter aufgaben, gab es keinen Grund anzunehmen, dass eine der beiden Gruppen sobald zurückkehren würde.«

      »Wie sieht es mit der Silbernen Hand aus. Der Orden bekämpft doch aktiv Shar und die Ashamiten?«

      Ich zucke mit den Schultern. »Mum, ich bin erst kurz dabei. Was glaubst Du, was die mir schon alles anvertrauen?«

      Die Halbelfe lächelt mich an und ich sehe daran, dass ich wohl etwas wenig Schlaues gesagt habe. Das ärgert mich, weil ich mich vor allem gerne für schlau halte, aber ich hebe nur fragend die Augenbrauen.
      »Du denkst doch nicht wirklich, sie wissen nicht, wer Du bist? Schatz, auch wenn du zugezogen bist, bist Du mein Schützling und Deine Großeltern sind nicht gerade unbekannt.«


      Ich winde mich, denn das Thema ist mir wirklich unangenehm. Mit dem weit entfernten Tiefwasser hatte ich gehofft, auch den Ruf der Eltern meiner leiblichen Mutter zurückgelassen zu haben. Aber manche Dinge bleiben wohl ewig an einem kleben.

      »Sprich sie auf die Lage in Niewinter an und dann mach Dich auf den Weg dorthin.«

      »Du meinst, Sie werden mich einfach so losschicken? Und was ist mit meinen Studien. Ich kann nicht im laufenden Curriculum losziehen, wie stellst Du Dir das denn vor?«

      Sie steht auf, nimmt mich in den Arm und legt ihren Kopf auf meine Schulter. »Wie lange willst Du Dich denn noch in Deinen Studierstuben verstecken? Selbst Deine größten Kritiker wissen, dass Du längst die Adeptenschaft in der Schule der Hervorrufung hinter Dir gelassen hast. Sie nennen Dich sogar Lady Feuerhand, weil Dir der Umgang mit Feuermagie so leicht fällt, wusstest Du das?«

      Ergeben senke ich den Kopf. Klar weiß ich das: Roya Feuerhand. Klingt mir persönlich etwas zu bedrohlich, besonders für jemand, der lieber singt und lacht, als irgendetwas in Brand zu stecken.

      »Und wenn sie Dich nicht entsenden, dann mache ich das. Mir wäre es nur lieber, wenn Du offiziell im Namen der Silbernen Hand reist und damit ausdrücklich mit Selunes Segen.«

      Ich zucke die Schultern. Wie es aussieht, habe ich wohl keine Wahl. Ich werde mein geliebtes Silbrigmond verlassen. Für einen Moment ärgere ich mich, dass ich dem Orden zur Bekämpfung Shars finsterer Pläne beigetreten bin. Aber nur für einen winzigen Moment. Dann spüre ich den Stab aus heiligem Holz in meiner Faust und meine Zweifel verflüchtigen sich.

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Herrje @Tom Stark, du postest ja schneller als ich, und das will was heißen. ^^
      Erstmal zum ersten Teil.
      Gefällt mir sehr gut. Ein Einstieg zum Zurücklehnen und Genießen. Viel Info, viele Namen. Aber ich fühl mich nicht nicht erschlagen davon. Bin nur neugierig auf das, was kommt. Abo-Haken ist gesetzt. Zum Teil 2 später mehr, oder morgen. :thumbup:

      Edit:
      So, @Tom Stark, jetzt hab ich auch den zweiten Teil gelesen. Naja, nicht viel zu sagen, ist halt (ein) stark. :D
      Mir gefällt, wie du deine Infos hier so tropfenweise verteilst. Gerade zu Royas Eigenschaften und Herkuft erfahren wir im ersten Teil so gut wie nichts. Und hier fütterst du deine Leser mit wohldosierten kleinen Häppchen, um ihre Figur nach und nach etwas deutlicher zu zeichnen.
      Mir gefällt das Setting sehr gut und auch die Gruppierungen, die es gibt, machen mich sehr neugierig.

      Leider kenne ich WoW nicht. Ich hoffe, dass dieser Fakt mich hier nicht in Schwierigkeiten bringt. Falls dem so wäre - würdest du es wissen wollen, wenn ein Nicht-Insider den Faden verliert oder nur noch Fragezeichen über dem Kopf hat?
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Abschied von Silbrigmond –Teil I

      Nachdem ich mich einmal entschlossen habe, mein gemütliches Studiosi-Leben hinter mir zu lassen und mich auf die Straße der Abenteurer zu begeben, fällt es mir erstaunlich leicht, alles in die Wege zu leiten.
      Zuerst besuche ich meine Freunde ein letztes Mal.
      Hainzen Starkarm, eigentlich kein Freund in diesem Sinne, sondern der Zwerg, der mit seiner Familie seine Wohnung zwischen den gewaltigen Wurzeln meines Wohnbaums hat, ist aber dennoch der Erste auf der Liste. Ihn treffe ich, natürlich, in seiner Schmiede, wo er mit seinen beiden Söhnen, den Zwillingen Hinzen und Kunzen bereits seit Sonnenaufgang arbeitet. Die beiden jungen Zwerge begrüßen mich erfreut, irgendwie glaube ich ja, die stehen auf mich. Aber mit Halbstarken, beide gerade einmal dreißig Winter alt, lasse ich mich nicht ein. Die Zwergengemeinde würde sich das Maul über uns zerreißen. Trotzdem verbinden mich einige Züge durch die nächtlichen Kneipen mit den Zwillingen. Hainzen selbst, nimmt die Nachricht meines Abschieds eher gelassen hin. Vermutlich ist er froh, wenn das, aus seiner Sicht flatterhafte Wesen eine Weile - also mindestens vier bis zehn Jahre - außer Sicht ist. Dennoch drückt er mir, als es niemand sieht, einen kleinen zusammengerollten Beutel aus grobem Leder in die Hand. Ich bin erstaunt wie schwer er ist, will noch fragen, aber schon schiebt mich der Zwerg mit mürrischer Mine zur Tür. »Nicht den ganzen Tag Zeit zum Plaudern. Sieh zu, dass Du gehst, solange es noch hell ist, Du Selunefalter.«
      Kopfschüttelnd stehe ich vor der Tür aber auch grinsend. Hainzen war der erste Zwerg, der mir bei meiner Ankunft so etwas wie einen Vertrauensvorschuss entgegengebracht hat. Das war angesichts meiner Vorgeschichte eine außerordentliche Charakterleistung. Und er hat mir auch erlaubt die Wohnung über seinem Bau zu beziehen. In der ganzen Zeit hatte er zwar nie ein freundliches Wort zu viel für mich übrig, aber auch keine spitze oder sogar gemeine, halblaut gemurmelte Bemerkung, wie ich es sonst aus vielen Mündern vernehmen musste. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte es sogar sein, dass er seine Söhne irgendwie ermuntert hat, mit mir Freundschaft zu schließen.
      Na schön, Hainzen ist wohl doch ein Freund. Es hat wohl seinen Grund, warum ich instinktiv zuerst den brummigen alten Schmied aufgesucht habe.

      Auf dem Weg zum nächsten Freund, diesmal bin ich mir dessen sicher, werfe ich einen Blick in die schwere Lederrolle. Völlig verwundert wickle ich ein in Schlaufen und kleinen Köchern untergebrachtes Werkzeugset auf. Schraubendreher, diverse Schlüssel, kleine Feilen, Zangen und andere Dinge aus gutem Zwergenstahl, die ich gar nicht einordnen kann. Sogar ein erstaunlich leichter Hammer ist dabei. Beinahe stolpere ich, als ich mich zur Schmiede umdrehe. So ganz genau weiß ich nicht, was ich damit anstellen soll, aber vermutlich gibt es wenig deutlichere Zeichen der Verbundenheit, als von einem Zwergenhandwerker einen Satz Wanderwerkzeuge geschenkt zu bekommen.
      Während ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel wische, gehe ich unterm Eingangsportal des Ladys College hindurch. Mit Lady ist natürlich Lady Alustriel gemeint. Sie selbst hat eine Schule für jene gegründet, die zwar lernen wollen, aber denen die Mittel fehlen – ich sagte bereits, Silbrigmond ist ein Edelstein der Kultur.
      Einige der Studenten winken mir zu, zwei steuern sogar direkt auf mich zu.
      »Lady Feuerhand, dürfte ich einige Augenblicke Eurer Zeit in Anspruch nehmen?«
      Orlof Bärenmut, ein Abkömmling der Uthgart-Barbaren, ist wenigstens zwei Schritt hoch und breit wie ein Festungstor und mindestens so stabil. Auch wenn er aussieht, als könne er einen aus dem Stand über die College-Mauer werfen – was er vermutlich wirklich könnte – ist er einer der vielversprechendsten Nachwuchsbarden Silbrigmonds. Er ist in meiner Klasse Grundlagen der Spruchzauberei, die ich zweimal in der Woche unterrichte. Ihm nicht von der Seite weicht Seriande, eine Halbelfe. Sie spricht wenig, fast nie, aber wenn sie anfängt zu singen, bleibt alles stehen, selbst die Zeit, wenigstens empfinde ich es so. Dabei ist sie so zart und ihre blasse Haut, das Erbe ihrer Mondelfenmutter, scheint beinahe durchsichtig. Man kann bei gutem Licht sogar die blauen Adern sehen, was ihr eine marmorne Erscheinung gibt.
      »Lady Carnovan. Oder Roya. Ihr wisst doch, dass ich den Spitznamen unpassend finde.« Ich versuche streng zu wirken, aber wie immer, gelingt mir das nicht. Vermutlich könnte ich nicht einmal einen gut dressierten Hund dazu bringen, brav sitzen zu bleiben. Das muss an meinem roten Haar liegen, oder den Sommersprossen? Nein, wahrscheinlich an meinem Haar. Außer Zwergen hat so gut wie keiner so rotes Haar. Aber die Zwerge werden doch allgemein überaus ernst genommen?
      Bevor ich noch weiter in Gedanken abdriften kann, holt mich Orlof zurück in die Wirklichkeit.
      »Man sagt, Ihr geht weg aus Silbrigmond, auf eine lange und gefahrvolle Mission?«
      »Äh … echt? Sagt man das?« Darauf kann ich erst einmal nur den Kopf schütteln. Bleibt denn hier in dieser Stadt gar nichts geheim, was ich mache? Gibt es irgendwo einen Aushang, den nur ich nicht kenne, wo all meine Pläne zur allgemeinen Einsicht einzusehen sind?
      Ich seufze, hilft ja alles nichts: »Ja, es ist wahr. Ich wollte gerade zusehen, dass Meisterin Mellisande meine Vertretung übernimmt.«
      Der Barbar seufzt. Es hat wirklich etwas steinerweichendes, wenn man einen jungen Riesen so seufzen hört. »Ginge nicht auch Meister Ville, oder Meister Gurech? Meisterin Mellisande ist immer so …«
      »Streng?« Ich grinse. Ja, die gute Melli hat das total drauf. Ihre eigentlich langen und wunderschönen blauschwarzen Haare, hat sie immer zu einen straffen Zopf geflochten, mit dem sie ein Maultier antreiben könnte, so lange, wie er ihr über die Schulter hängt. Diese Brille und ihre eisgrauen Augen tun ihr Übriges. Was nichts daran ändert, dass Mellisande Pandragor meine beste Freundin in ganz Silbrigmond ist. Auch wenn wir unter Spaß in der Regel völlig unterschiedliche Dinge verstehen. Auch wenn unser Männergeschmack völlig unterschiedlich ist – Moment, hat sie überhaupt jemals einen Freund gehabt?
      Dafür ist unser Herz weit offen für Selune, die Göttin des Mondes, und Melli war es auch, die mich in den Orden der silbernen Hand geholt hat. Sie hat mich auch zum ersten Tanz im Vollmond mitgenommen, wo ich andere Seelen, ähnlich der Meinen getroffen habe, Seelen die aus dem Gleichgewicht sind, hin und her gezerrt zwischen ihrem eigenen gewählten Schicksal, und dem Schicksal, das ihnen durch das Erbe im Blut aufgezwungen wird.
      »Ich werde sehen, was ich tun kann. Außerdem werde ich Meisterin Mellisande bitten, weniger streng zu sein, damit ihr keinen alzu großen Übergangsschock bekommt.«
      Den Beiden zuzwinkernd betrete ich das Kollegiumsgebäude.


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    • Mellisande Pandragor

      Den langen Gang mit den hohen Fenstern, die fast vom Boden bis zur Decke reichen, schlendere ich summend hinab. Wie oft bin ich hier schon einfach entlang gehastet, zwei Bücher unter jedem Arm und die Mappe mit meinen Aufschrieben krampfhaft mit den Händen festhaltend? Es ist, als ob ich den unglaublichen Ausblick zum ersten Mal sehe, vielleicht, weil ich ihn unter Umständen zum letzten Mal sehe. Die kommende Reise wird ganz sicher nicht ungefährlich, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten in denen ich stecken werde, wenn ich auf Shariten oder die roten Magier treffe.
      Die Ashamiten, fanatische Anhänger der Dunklen Göttin Shar, würden nur allzu gerne ihrer Herrin eine Agentin ihrer Zwillingschwester Selune opfern. Obwohl der Kampf der beiden so alt ist, wie Vollmond und Neumond, tobt er nach wie vor, mal offen, mal im Geheimen, mit unveränderter Verbissenheit. Seit Mystra, die Göttin der Magie verschwunden ist, hat im Gegenteil der Kampf um die scheinbar frei gewordene Domäne, noch zusätzliches Öl in das ewige Feuer des Krieges zwischen Licht und Schatten gegossen.
      So versunken in meine Gedanken, laufe ich in jemand hinein, der ganz wie ich früher, völlig überladen mit Unterrichtsmaterialien, mich ebenso wenig hat kommen sehen.
      »Azuth schenke mir Großmut! Welcher Trampel …?«
      Ich sehe den langen Zopf herumschwingen, bevor ich noch das bekannte Gesicht zu sehen bekomme. Die Stimme erkenne ich natürlich sofort.
      »Immer mit der Ruhe, Melli, ich bin’s nur.«
      »Ro? Ist etwas passiert? Du hast doch heute gar keinen Dienst?«
      Ich gehe in die Hocke, um ihr zu helfen ihre Sachen einzusammeln und bekomme prompt ihren Kopf gegen meine Stirn, als wir uns zeitgleich bücken. Mit dröhnendem Schädel lasse ich mich auf meine vier Buchstaben fallen. »Uff.«
      Ach sie hält sich den Kopf und seufzt. »Au, bitte lass das. Hilf mir nicht!«
      Natürlich helfe ihr trotzdem, nachdem meine Sicht wieder von Tränen ungetrübt ist und ich meinen Kopf sicherheitshalber weit zurückneige.
      Als wir uns gegenüber sitzen, beide die Hälfte der Dokumente mehr oder weniger chaotisch auf den Armen verteilt, beginne ich auf einmal zu kichern, keine Ahnung warum. Wenn uns jetzt unsere Schüler so sehen würden!
      Zuerst hebt sie die linke, dann die rechte Augenbraue. Schon erwarte ich einen ihrer strengen Kommentare, doch dann beginnt sie zu zucken, ihre Augen tränen und schließlich kichert sie ebenso kindisch wie ich.
      Als wir uns beruhigt haben, bleiben wir einfach auf dem Boden sitzen und ordnen in aller Ruhe die Schriftstücke. Ein genauer Blick zeigt mir: Klausur in inkoheränt instabiler thermomagischer Entladung. Mit anderen Worten, Feuerzauberei, mein Spezialgebiet. Ich überfliege ein paar der Antworten und grinse breit. Manche davon sind, wie drückte es meine Lehrmeisterin oft bei mir aus, ah ja, kreativ. Melli und kreativ - allein ihre Kommentare zu lesen, wäre es wert, die Reise zu verschieben.
      Ein anderer Lehrer, Meister Sirius Aulander, kommt an uns vorbei. Ob des ungewöhnlichen Bildes bleibt er kurz verwundert stehen, sieht sich von zwei Kolleginnen herausfordernd angegrinst und geht kommentarlos weiter. Mag gut sein, dass ich alleine durchaus freundlichen Spott abbekommen hätte, aber mit Meisterin Mellisande legt sich keiner an. Keiner!
      Als wir alles wieder beisammen haben, will ich den Packen nehmen und aufstehen, aber Melli nimmt mir den Stapel energisch ab. »Einmal alles auf dem Boden zu verteilen reicht mir.«
      Also ob mir so etwas dauernd passiert. Diesen Monat zum Beispiel erst zweimal, dreimal, wenn man heute dazu zählt.
      »Du wolltest zu mir, Ro«?
      »Ja, stimmt. Ich muss Dir etwas mitteilen.«
      Sie mustert mich mit diesem eisgrauen Blick, den andere oft als einschüchternd empfinden, gegen den ich aber nicht nur scheinbar sondern auch anscheinend immun bin. »Komm mit, ich war unterwegs zu meinem Arbeitszimmer.«
      Sie steht auf und geht in die Richtung, aus der sie kam. Sie ist eine so schlechte Lügnerin!

      Ihr Arbeitsraum ist das möblierte Gegenstück zu ihrer Kleidung. Streng und praktisch mit einem Hauch weiblicher Note. Ein Schreibtisch, edel aber nicht pompös, zwei gewaltige Schränke, ein streng durchorganisiertes Regal und zwei Besuchersessel. Einzig das breite samtbezogene Sofa mit dem beiden großen weichen Kissen wirkt etwas exzentrisch.
      Und natürlich der kleine Schrein mit den Statuetten ihrer liebsten Gottheiten. Selune, die Göttin des Mondes und der Freiheit, Azuth, den kühlen Logik-Meister und Schutzherrn der Magier und endlich Sune Feuerhaar, der Göttin der Liebe und Schönheit.

      Ja, ich weiß, auch ich war das erste Mal erstaunt, als ich diesen Aspekt in Mellis Charakter erkennen durfte.
      Sobald die Tür ins Schloss gefallen ist, die Arbeiten sorgsam in einer Schublade verstaut sind, ändert sich Mellis Wesen, als streife sie einen Mantel ab.
      Bevor ich mich versehe, finde ich mich an die Wand gedrückt und ihr Gesicht nur wenige Finger breit von meinem entfernt. Sie ist ein klein bisschen größer als ich, was natürlich auch an den Schuhen mit den modernen hohen Absätzen liegt, die sie immer trägt. Aber sie hat auch die schlanken langen Beine, um so etwas zu tragen. Ich bin ja eher der sportliche Typus, um nicht zu sagen, mit meinen Beinen kann ich einem Oger die Luft abdrücken, wenn es sein muss.
      »Du verlässt mich?« Es ist eher ein Hauch, als wirklich gesprochen, doch ich fühle darin ihre Verletzlichkeit, die sie nur mir offenbart.

      Es ist nicht so, als dass wir wirklich ein Paar sind, wenigstens nicht aus meiner Sicht. Es ist wohl wahr, dass unsere Küsse seit dem ersten Mondtanz nicht mehr rein schwesterlicher Art sind und vielleicht kommen wir ab und zu auch so zusammen. Bislang ging ich davon aus, dass es für sie, ebenso wie für mich, eine tiefe Freundschaft mit Extras ist. Viele Anhänger Selunes und noch mehr, die Sune huldigen, pflegen solche Freundschaften. Aber natürlich ist es nie so einfach, oder?
      »Ich verlasse Dich doch nicht!« Schon als der Satz heraus ist, fühlt er sich falsch an. Nicht weil es gelogen ist, sondern weil er gar nicht gelogen sein kann. Komplizierte Sache.
      »Eine Mission …«
      Ihre Lippen verschließen meine und ich komme mir auf einmal wie ein Miststück vor.
      »Ich weiß es doch schon.« Sie lächelt mich erleichtert an.
      Klar, es weiß ja schon jeder!
      »Ich hatte nur befürchtet, ich wäre der Grund. Manchmal bin ich einfach zu leidenschaftlich!«
      Auf meinen fassungslosen Blick lacht sie sogar. »Ach, verzeih, das ist einfach meine Unsicherheit. Natürlich schreckt Dich so etwas nicht ab.«
      Mir klopft das Herz bis zum Hals. Lautlos danke ich Sune, dass Melli meinen Blick völlig falsch interpretiert hat. Mag sein, dass die schöne Meisterin und ich etwas unterschiedliche Auffassungen unserer Freundschaft haben, aber das Letzte was ich will, ist eine verstörte Freundin zurück zu lassen.
      »Jedenfalls«, fahre ich fort, als ich wieder meiner Stimme sicher bin, »wollte ich Dich fragen, ob Du meine beiden Kurse übernimmst?«
      »Das ist doch selbstverständlich. Und meinen Glückwunsch, für Deine erste Mission im Namen der Herrin.«
      Hier liegt meine Freundin falsch, aber auch hier kläre ich sie nicht auf. Verdammt, jemandem, dem man mag, die Wahrheit zu sagen, ist auch wirklich schwer.
      »Warte, ich habe etwas für Dich.«
      Unangenehm berührt schaue ich zu, wie sie zu ihrem Schrank geht und aus einer schwer beschlagenen Schatulle ein Buch holt und es mir stolz hinhält.
      »Mein erstes Zauberbuch. Da dürften eine Menge Zauber drinstehen, die Dir unterwegs nützen und an denen Du Deine Kunst üben kannst.«
      Ich bin überwältigt. Natürlich fertigt ein Magier im Laufe seines Lebens viele Zauberbücher an. Es wäre ja töricht, nur eines zu haben. Falls es zerstört oder geraubt würde, man müsste ja ganz von vorne beginnen. Mellis aktuelles Buch ist wesentlich dicker und prachtvoller als dieses. Es ist nicht viel mehr, als eine abgegriffene Kladde, aber es ist ihr Erstes. Das Erste! Keines wird jemals so sein, wie das erste Zauberbuch. Was für ein Geschenk!
      »Und ich habe gar nichts für Dich?« Unsicher, ob ich das Geschenk überhaupt verdiene, schiele ich in ihr Gesicht.
      Sie nähert sich mir wieder, langsam, mit eindeutiger Absicht. Der Teil in mir, den ich gerne als meine edle Seele bezeichne, will sich widersetzen, aber etwas anderes, noch tiefer in mir, vielleicht dunkler, aber mit Sicherheit moralisch weit weniger festgelegt, wirft meine Bedenken einfach über Bord.


      Als ich aufwache bin ich alleine. Das Sofa ist wirklich bequem, sogar für zwei, besonders, wenn man sich nicht viel Platz lassen will. Sie hat mich mit einem ihrer Prunkmäntel für offizielle Anlässe zugedeckt und ich sehe die offensichtlich angebrachte magische Schutzrune an der Tür, die niemand hereingelassen hätte, bis ich nicht wach geworden wäre.
      Schnell kleide ich mich an, verstaue das Zauberbuch in einer Gürteltasche, die ich eigens dafür leerräume und setze mich an den Schreibtisch. Bevor ich gehe und die Rune auswische, hinterlasse ich ihr einige Zeilen:

      »Liebste Mellisande,

      nur ungerne verlasse ich Silbrigmond mit all seinen offensichtlichen und verborgenen Schätzen.
      Für Deine Geschenke, sowohl das Buch, als auch das danach, kann ich Dir gar nicht so danken, dass Worte dafür angemessen sind, also versuche ich es gar nicht erst.
      Wenn ich zurück bin, werde ich hoffentlich reifer sein, bereiter und vor allem die Person, die Du verdienst.
      Bis dahin mögen Selune und Sune ihre Hand über Dich halten


      (Roya Carnovan)


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    • Ich weiß gar nicht, ob das die erste Geschichte ist, die ich von dir lese, aber ich dachte mir, es wird mal Zeit. ^^

      Insgesamt gefällt mir die Geschichte bisher ganz gut. Am Anfang hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass etwas zu viel Info in zu kurzer Zeit präsentiert wird, aber der Eindruck hat sich nach dem ersten Absatz dann gelegt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

      Ein paar Anmerkungen

      Post 1

      Tom Stark schrieb:

      Sieht man einmal von Tiefwasser ab, sind die magischen Künste so hochgeschätzt wie nirgendwo anders, wo man sie oft eher fürchtet und froh ist, wenn sie nicht Teil des Lebens sind.
      Hier habe ich nicht ganz verstanden, was Tiefwasser ist, aber das klärt sich ja später.

      Tom Stark schrieb:

      Windtänzer würde es ohne Not ohnehin nicht zulassen, dass ich hinunterfalle und auf Onkel Luthys Reflexe ist ohnehin Verlass.
      Wortwiederholung.

      Tom Stark schrieb:

      Onkel Luthy mag kein Geheimniskrämer sein, aber er ist auch keine Tratschtante ... Onkel ... , egal.
      Als ich "Onkel" gelesen habe, hab ich erstmal nix verstanden. xD Den Witz oder das Wortspiel hier finde ich eigentlich ganz gut, bin aber dagegen, Tratschtante zu gendern. Hat mit der Geschichte natürlich nix zu tun, aber das ist mir hier so aufgefallen.


      Part 3

      Tom Stark schrieb:

      Naschön, Hainzen ist wohl doch ein Freund. Es hat wohl seinen Grund, warum ich instinktiv zuerst den brummigen alten Schmied aufgesucht habe.
      Ich würde "Na schön" schreiben.

      Tom Stark schrieb:

      Vermutlich könnte ich nicht einmal einen gut dressierten Hund dazu bringen, brav sitzen zu bleiben.
      Wie ist das mit dem Hund in Part 1? Bringt sie den nicht dazu, dass er sich zumindest hinsetzt?

      „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]
    • Asni schrieb:

      viel Info in zu kurzer Zeit
      und dabei passiert in diesem Roman für meine Verhältnisse bisher gar nichts, denn diesmal habe ich beschlossen mir ein wenig den Anfang der Jessy Stone -Verfilmungen als Vorbild zu nehmen.
      Wer's nicht kennt: Das sind Krimis über einen Polizeichef im kleinen Städchen Paradise (USA). Die Filme sind meist um die 100 Minuten lang und die ersten 10 Minuten passiert quasi nix. Man erfährt von der Stadt, von Stone und seinem Tagesablauf, seinem Alkhohlproblem etc. Also nicht die Art Krimi, wo ein Schuss fällt und ein Auto wegfährt und dann erst einmal der Vorspann kommt.


      Asni schrieb:

      Wie ist das mit dem Hund in Part 1? Bringt sie den nicht dazu, dass er sich zumindest hinsetzt?
      Gut, mit viel Leckerli und weil er sie schon als Welpe kannte ... und wenn Selunetag ist, dann unter Umständen!

      Im Ernst: Natürlich übertreibt sie ein klitzekleines Bisschen.
      Das sei überhaupt ein Tip an meine Leser. Einer der Vorteile (vielleicht sogar DER Vorteil), wenn man in der Ego-Perspektive schreibt (und die ganzen Nachtteile damit in Kauf nimmt!) ist die enge Bindung der Erzählung an die Sicht des Protagonisten. Was ihr also durch Roya als Erzählerin erfahrt, sind IHRE Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Einschätzungen. Die können im Zweifelsfall auch nicht ganz, nur sehr teilweise oder sogar völlig falsch sein ^^ und
      Spoiler anzeigen
      eine kleine Drama-Queen ist sie sowieso - nur falls es noch keiner gemerkt hat.
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    • Die Insel der Silberritter

      Nachdem ich das Lady's College verlassen habe, fühle ich mich leicht. Mellisandes letztes Geschenk lässt mich breit grinsen. Wer hätte das gedacht?
      Allerdings hätte ich mir denken können, dass da etwas ist. Immerhin zieht der Mondtanz ganz bestimmte Seelen an, die allesamt eine Bürde mit sich herumtragen, die ihnen die Göttin unter ihrem vollen Mond zwar nicht abnimmt, aber insofern erleichtert, als dass man sich trotzdem angenommen und willkommen fühlt. Vielleicht würde ich an Mellis Stelle nicht diese Schwierigkeiten haben, aber das sagt sich leicht, da man ja nicht in der Haut des Anderen steckt.
      Da ich nun meine Schüler und mein Haus in guten Händen weiß, wird es Zeit, Luthiel aufzusuchen. Nicht nur mit dem Elfenpaladin, sondern auch mit einigen anderen, jüngeren Silberrittern, verbinden mich freundschaftliche Gefühle. Besonders klopft mein Herz in Erwartung, Elyran wiederzutreffen.
      Elyran war mein erster echter Freund, also mit allem was dazu gehört. Damals, er ein junger Knappe, ich eine Studiosa im zweiten Jahr, und sowohl Onkel Luthys Warnung an ihn, als auch Mums Warnung an mich, dass das mit uns nie gutgehen würde, das hat uns doch eher beflügelt, als abgehalten. Eine Harfner-Agentin mit dem festen Ziel Tyrannen zu stürzen, wo immer sie die Freiheit der guten Wesen bedrohen und damit mit Ansage bestehende Gesetze nicht nur zu verletzen, sondern schlicht zu ignorieren auf der einen Seite, ein ehrenhafter dem Recht und Gesetz verpflichteter Jung-Paladin auf der anderen Seite.
      Natürlich ging es nicht gut. Ich mag ja manchmal schusselig sein, aber so viel Hirn hatte ich selbst im großen Liebesrausch, Elyran nichts von meiner Arbeit für die Harfner zu erzählen. Außer Luthiel gibt es, soweit mir bekannt, keinen Silberritter, der sich sicher ist, dass ich nicht nur den Harfnern nahestehe, was immerhin bei der Mehrheit der Silbrigmonder der Fall ist. Alle halten mich einfach für die hochbegabte Magierin aus Tiefwasser mit dem Feuerhaar, mit der man in bestimmten Kreisen besser nicht gesehen wird. Gerade die letzte Tatsache und dass Luthiel mein Ziehonkel ist, hat allerdings dazu geführt, dass die Silberritter gerade, als ob sie dem Rest der Welt ihren längsten Finger zeigen wollten, sich nahezu alle an meiner Erziehung, Ausbildung und gesellschaftlichen Aktivitäten beteiligten. Ich wette, kein Mädchen in Silbrigmond, ich nehme Lady Alustriel einmal aus, die nun wirklich kein Mädchen mehr ist, hat so schnell einen angesehenen Ritter als Begleiter für eine offizielle Angelegenheit, wie ich.
      Man mag über die Ritter sagen, was man will, ihre ehernen moralischen Werte bisweilen belächeln, ihre traditionellen Manieren mit Stirnrunzeln bedenken, aber nie würden sie sich auf ein Gerücht verlassen, nie jemand verurteilen, nur weil die Hautfarbe zu dunkel, die Ohren zu rund oder die Herkunft zu unheilschwanger ist. Solange man sich nichts zu Schulden kommen lässt, solange genießt man ihren Schutz. Aber genauso unbeirrbar gehen sie selbst gegen den besten Freund vor, sollte dieser den Pfad der Rechtschaffenheit verlassen.
      Es ist nicht immer leicht, damit klarzukommen, aber diese grundehrbaren Männer und Frauen, man muss sie einfach bewundern, wenn man sie nicht sogar in sein Herz geschlossen hat, so wie ich.
      Wie man leicht sieht, halte ich große Stücke auf Alustriels beste Streiter und wenn es irgendwie geht, will ich vermeiden, dass sie weniger gut von mir denken.
      Wie das mit meiner Aufgabe als Harfner zusammengeht? Das habe ich Ria auch früh gefragt. Mit einem lächelnden Blick auf Luthiel hat sie mir diesen Rat gegeben:
      »Man muss kein Sera sein, um an ihrer Seite zu kämpfen. Würde Tyr, der Herr der Gerechtigkeit, alles auf Faerun verbrennen, was nicht rein wäre, er würde auf eine kahle Ebene schauen, auf der sich einige wenige seiner Paladine verwirrt am Kopf kratzend fragen würden, was gerade so schief gegangen ist.«

      Ganz im Osten der Stadt, mitten im Rauvin, der Silbrigmond in zwei Teile trennt, liegt die Insel der Silberritter. Als Normalsterblicher wird man ohnehin selten dorthin eingeladen, für dringende Besuche gibt es einen Fährdienst, der von Knappen der letzten beiden Ausbildungsjahre und einem Fähr-Ehepaar, beide schon betagt aber immer noch rüstig genug, betrieben wird.
      Die Rösser der Ritter haben verzauberte Hufeisen, Zephir-Hufeisen genannt. Sie erlauben den Pferden einen Spann über jeglichen Oberfläche dahin zulaufen, solange sie sich mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegen. Daher werden auch nur vollendete Ritter mit solchen Hufeisen ausgestattet. Mir wurde erzählt, das war früher anders, aber immer wieder kam es zu tödlichen Unfällen mit Knappen und ihren Pferden, die entweder in der Nacht die Richtung verloren oder schlicht ihre Kraft, oder eher die Kraft ihrer Tiere unterschätzt haben und untergingen, bevor sie das rettende Festland erreichten.
      Mir als Magierin stehen natürlich auch diverse kreative Mittel zur Verfügung. Theoretisch.
      Praktisch braucht es viel Zeit und noch mehr Übung einen Zauber soweit zu lernen, dass man ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit perfekt hinbekommt. Niemand will einen Flugzauber, der mitten über dem Fluss seinen Geist aufgibt.
      Ich muss zugeben, dass ich in erster Linie theoretische Magierin bin. Bisher fehlte mir schlicht die Zeit, gut, auch die Motivation, mich in den vielen Zaubern außerhalb meines Studiums, zu üben. Man stelle sich als Nichtmagier einfach vor, man ist Angler. Man könnte natürlich auch mit dem Netz fischen, man könnte auch ein Boot fahren, die Beherrschung eines Segelkutters wäre wohl auch kein Unding, aber wozu sollte man das lernen, wenn man am Kai sitzt und angelt? Und dann kommt hinzu, dass nur weil man zugesehen hat und theoretisch weiß, wie es geht, man noch lange nicht sicher sein kann, dass man es auch unter Druck beherrscht.
      Magie ist kein Spiel! Entweder man beherrscht sie in jeden Fall , oder man lässt die Finger davon. Mir ist selbstverständlich klar, dass außer Magiern, Zauberern und Barden alle anderen mir bekannten Zauberformen eher intuitiv sind. Aber im Zweifelsfall will man jemand an seiner Seite, der genau weiß, was er wann und wie zu tun hat und seine Ergebnisse jederzeit erneut genauso reproduzieren kann. Eine Hexe hat mit Sicherheit ebenso ihre Talente, aber ich verlasse mich lieber nicht darauf, dass eine verliebte oder wütende Hexe, die ihren Kopf sonst wo hat, mir einen Flugzauber verpasst, der mich ganz sicher ans Ziel bringt.
      Soweit das hier, aber nun genug Magietheorie.
      Zeit für die Praxis.
      Tensers fliegende Scheibe, eine beinahe durchsichtige Scheibe mit etwa anderthalb Schritt Radius, gehört zum Kanon der Grad Eins Zauber, eigentlich nur für Magier ein wichtiges Kriterium. Normalerweise transportiert sie eine Last bis zu einer halben Tonne, schwebend hinter dem Magier her. Das heißt, der Magier kann nicht selbst Teil dieser Last sein. Zum Glück kann man Zauber in gewissen Grenzen abwandeln, was sie aber mitunter deutlich schwerer macht in ihrer Handhabung.
      Mellisande, die mir, sagen wir neutral einfach, ein paar Jahre in der magischen Praxis voraushat, brachte mir schon vor Jahren eine Abwandlung bei, mit der ich die Scheibe als bequemen Aufzug zu meiner Wohnung im Gipfel meines Wohnbaums nutzen kann. Was vertikal nach oben geht, geht natürlich auch horizontal. Immerhin ist das der Vektor des Orginalzaubers, vom genial verrückten Magier Tenser so entwickelt. Man sagt, er konnte mit seiner Scheibe gleichsam durch die Luft gleiten, wie ein Vogel, frei in jede Richtung und Höhe. Soweit bin ich noch lange nicht, aber für heute genügt mir auch ein gemütlicher Flug über den zum Glück ruhigen Fluss. Was passiert, wenn eine große Welle überschwappt und ich die Fünfhundert-Kilogramm-Grenze überschreite, weiß ich ehrlich gesagt nicht – will es auch gar nicht so dringend herausfinden.
      Nachdem ich meinen Fokus ausgerichtet habe und die notwendigen Ingredienzien verstreut sind, kommt die Formel:

      Vale sco Tenser aspida - cho obai me tha.
      [Bilde Dich, strahlender Schild Tensers - deine Bewegung sei meinem Willen unterworfen.]


      Erwartungsgemäß erscheint die blau schimmernde, schwebende Scheibe und setze mich vertrauensvoll darauf. Wortlos deute ich in die Richtung der Insel und die Scheibe bewegt sich folgsam, mit mir als Passagier.
      Ich winke den Leuten auf der Fähre zu und man winkt mir zurück. Wenn nicht Luthiel selbst mich mit Windtänzer übersetzt, bin ich schon oft auf diese Weise über den Rauvin gereist. Ich nehme damit den Fährleuten keine Einkommensquelle ab, denn ihr Dienst ist für den Reisenden kostenlos, vielmehr erspare ich es ihnen, wegen nur einer Person ihre Fähre hin und zurück bewegen zu müssen. Dennoch halte ich mich nahe des Fährseils, was locker im Wasser liegt. Nicht, dass ich meinem Zauber nicht vertraue. Aber wie sagt der kluge Waldläufer? Ich vertraue Mielikki, aber mein Pferd binde ich trotzdem fest.

      Auf der anderen Seite wurde ich längst vom Posten bemerkt und werde von gaffenden, blutjungen Knappen bestaunt. Oh, ich vergaß, diese Woche hat der neuste Jahrgang angefangen.
      Unwillkürlich streiche ich mein Gewand glatt, setze mich gerader hin und drehe meinen Kopf so, dass mein Haar mir nicht ins Gesicht, sondern wie eine rote Flagge zur Seite weht. Das ist keine Angeberei, sondern ich vertrete hier immerhin einen wichtigen Stand der Stadt und die jungen Bursche sollen sehen … Ach, wem mache ich etwas vor? Natürlich ist es Angeberei. Seht her, ich bin Magier und nach sechzehn Jahren harten Studiums, kann man so was, wenn man Glück hat und so außergewöhnlich begabt, wie ich zum Beispiel.
      Oh, und dieses breite Grinsen, was sich da gerade auf mein Gesicht geschmuggelt hat, sollte ich dringend gegen eine würdige Miene eintauschen. Ich muss das gelegentlich einmal vor dem Spiegel üben. Vermutlich sogar lange. Im Moment habe ich gar keine würdige Miene auf Lager, fürchte ich.

      Angekommen räuspert sich ein hochgewachsener Ritter und die Knappen spritzen förmlich auseinander um ihrem Kapitano Platz zu machen.
      Kapitano Elyran Malgoran tritt lachend auf mich zu, reicht mir übertrieben galant die Hand und hilft mir von der Scheibe, die sich in diesem Moment auf meinen gedanklichen Befehl in einen Regenbogen auflöst.
      »Das ist aber neu?« Elyran schaut ebenso, wie der Rest seiner Ritter-Azubis dem Regenbogen nach, bis er im blauen Himmel verschwindet.
      Ich kichere beinahe, kann mich aber gerade noch zurückhalten. Kichern und ehrwürdige Magistra, das geht doch gar nicht, schon gar nicht vor den Jung-Rittern. Also grinse ich nur stolz und breit, was vermutlich nicht viel würdiger erscheint, aber jedes Bisschen hilft.
      »Stimmt. Habe ich anlässlich der Heirat von Riannon und Luthiel entwickelt.«
      Ein Tuscheln geht los, das selbst vor dem strengen Blick Elyrans nur langsam abebbt.
      »Der Rittmeister hat es also endlich geschafft? Lady Riannon hat zugestimmt?«
      Mein Grinsen wird noch breiter: »Nein, bisher noch nicht, aber eine gute Tochter muss doch vorbereitet sein, nicht wahr?«
      Der Kapitano schüttelt den Kopf, aber auch seine Augen blitzen. Er kennt die Streiche, die ich Onkel Luthiel immer wieder spiele, nur zu gut. Natürlich würden es die Ritter niemals zugeben, aber sie wären furchtbar enttäuscht, wäre ich gegangen, ohne wenigstens einen mittelschweren Anschlag auf den schon sprichwörtlichen Gleichmut ihres Rittmeister verübt zu haben. Normalerweise fällt keiner auf der Insel mehr auf meine mutwillig gestreuten fünf-achtel wahren Gerüchte herein, aber die Neulinge sind ja völlig ahnungslos, wer ich bin und dass ich sie soeben zu meinen Komplizen gemacht haben.
      Das wird ihnen auf alle Fälle eine gute Lektion fürs Leben sein, alles zu glauben, was sie denken, unbemerkt belauscht zu haben.
      Elryan winkt seinem Feldwebel zu, für ihn weiterzumachen und der scheucht auch pflichtschuldig die neuen Knappen zurück an ihre Übungen. Wie alle Neulinge, dürfen sie am ersten Tag mit stumpfen Schwertern auf Sandsäcke einstechen, bis sie so schwere Arme haben, dass sie am nächsten Tag nicht wissen, wie sie auch nur eine Tasse Tee, ohne zu zittern halten sollen. Am dritten und fünften Tag folgt dieselbe Lektion. In den Tagen dazwischen gibt es Leseunterricht. Spätestens am sechsten Tag wissen die Ritter, welcher Knappe den Willen und die Zähigkeit besitzt durchzuhalten. Die Knappen werden sich die ganze Ausbildung daran erinnern und nur die Dümmsten werden jemals jammern, dass sie angeblich viel weniger Waffen als Schreibgerät in den Händen hätten. Selbst das geschieht nur einmal. Eine weitere Woche Sandsäcke erstechen, diesmal ohne Erholungstage dazwischen, pflanzt absolut jedem die Liebe zur Schreibarbeit oder auch zum Putzdienst ein.
      Während ich so über den Kasernenhof schlendere, stupst mich Elyran an und zeigt mit dem Kopf auf die Ställe. Ich erwidere sein wissendes Lächeln, und es braucht keine Worte um unsere gemeinsamen sunegefälligen Abenteuer auf dem Heuboden noch einmal im Geiste aufkommen zu lassen.
      »Du gehst auf eine Mission!«
      Ohne mit der Wimper zu zucken, nicke ich. Mir ist inzwischen klar, dass aus irgendeinem Grund meine Mission durchgesickert ist. Elyran würde niemals nach einem Gerücht fragen. Er vermutet zwar nur, dass ich mehr bin, als nur eine Lehrerin der magischen Künste, doch kennt er auch Rias Status in Silbrigmond, aber falls ich im Namen der Harfner unterwegs wäre, würde er es niemals laut erwähnen, alleine schon, um mich nicht in Gefahr zu bringen. Die Tatsache, dass er es ausspricht, kommt einer versteckten Warnung und dem Ausdruck seiner Sorge so nahe, wie es einem Paladin möglich ist. Sich wissentlich an einer möglicherweise unredlichen Aktion zu beteiligen, kommt für Elryan selbstredend nicht in Frage. Womöglich in ein Komplott verwickelt zu werden, undenkbar!

      »Keine Sorge, ich passe auf mich auf.«
      Er lächelt erleichtert. Seine Warnung ist angekommen und seine, als etwas ungeschickt bekannte Ex-Freundin weiß um die Gefahr.
      »Der Rittmeister wartet bereits auf Dich. Komm heil wieder und falls Du in Not bist, Du weißt, eine Nachricht an uns und es wird nicht an Freiwilligen mangeln, um unseren einzigen Fähnrich ehrenhalber selbst aus den Tiefen des Abyss herauszuhauen.«
      Gerührt schlucke ich. Bei jedem anderen wäre das einfach eine salbungsvolle Versicherung zu tun, was er kann, aber einen Silberritter darf man getrost bei seinem Wort nehmen.
      Ein verdammt gutes Gefühl auf der Seite der Seras zu stehen, selbst wenn man keine von ihnen ist.


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    • Tom Stark schrieb:

      und breit wie ein Festungstor
      Sehr coole Beschreibung

      Ich muss sagen das Mellisande mein lieblingschar ist. ich hoffe, dass sie noch öfter auftaucht. Ich denke, dass du hier einen recht interessanten Charakter geschaffen hast. Auch finde ich schade das wir das College verlassen müssen. Mir gefiel das Setting sehr gut. Aber naja... Auf auf.
    • So, den Part, in dem Melisandre auftaucht, konnte ich noch lesen. Weiter schaffe ich es heute nicht mehr.
      Mir hat der Teil gut gefallen und ich kann mich @Etiam nur anschließen: Ich könnte noch länger in der Magierschule / Akademie bleiben. Aber die Geschichte wird uns wohl bald durch Tür und Tor hinaus ins Abenteuer führen ^^

      Spoiler anzeigen

      Tom Stark schrieb:

      Obwohl der Kampf der beiden so alt ist, wie es Vollmond und Neumond gibt, so wenig ist er abgekühlt. Seit Mystra, die Göttin der Magie verschwunden ist, hat im Gegenteil der Kampf um die scheinbar frei gewordene Domäne, zusätzliches Öl in das ewige Feuer gegossen.
      Ich hatte beim Lesen des ersten Satzen gedacht, dass da noch ein feuriges Wort mit reinmuss, aber das kam dann gleich. Trotzdem fände ich eine Formulierung passend, die den Kampf als brennend oder entbrandt oder so beschreibt. Das gibt dann einen schöne Gegensatz zu "so wenig ist er abgekühlt". Ich tat mich jetzt schwer, das umzuformulieren, ohne entweder den Voll- oder den Neumond zu streichen.

      Tom Stark schrieb:

      Ein anderer Lehrkörper, Meister Sirius Aulander, kommt an uns vorbei.
      Kleinigkeit: Lehrkörper bezeichnet meines Wissens die Gesamtheit aller an einer Einrichtungen in der Lehre tätigen Personen, d.h. der Begriff passt hier nicht so gut.
      „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]
    • Mir gefällt der bisher letzte Part auch ausgesprochen gut! Ich beginne die Heldin und ihre Art richtig zu mögen ^^
      Du hast auch ein paar sehr schöne Formulierungen mit drin, z.B. "den längsten Finger zeigen" (oder so ähnlich).
      Ein paar weitere Kommentare zu einzelnen Stellen und kleinere Fehler findest du im Spoiler.

      Spoiler anzeigen

      Tom Stark schrieb:

      Niemand will einen Flugzauber, der mitten über dem Fluss seinen Geist aufgibt.
      Ein Flugzauber, der den Geist aufgibt? Interessante Formulierung. Ich fühle mich da mehr an ein mechanisches Gerät erinnert. Ich glaube, ich würde das ändern, aber das heißt nicht, dass du das tun musst. Ich will nur deine Aufmerksamkeit darauf lenken ^^

      Tom Stark schrieb:

      »Das ist aber neu?« Elyran schaut ebenso, wie der Rest seiner Ritter-Azubis dem Regenbogen nach, bis er im blauen Himmel verschwindet.
      Wie auch im Zitat oben drüber, verwendest du hier mit Azubis sehr "modernen Sprachgebrauch". Ich finde das nicht schlimm, es ist mir nur aufgefallen. Einerseits macht es den Ton der Erzählung sehr locker und humorvoller, andererseits liegt da aber auch die Gefahr drin, dass man den Text nicht mehr so ernst nimmt.

      Tom Stark schrieb:

      Er kennt die Streiche, die ich Onkel Luthiel immer wieder spiele, [Komma] nur zu gut.
      Komma.

      Tom Stark schrieb:

      Normalerweise fällt keiner auf der Insel mehr auf meine mutwillig gestreuten fünf-achtel wahren Gerüchte herein, aber die Neulinge haben ja noch keine Ahnung, wer ich bin und dass ich sie soeben zu meinen Komplizen gemacht haben.
      "haben" --> "habe"

      Tom Stark schrieb:

      Die Tatsache, dass er es ausspricht, [Komma] kommt einer versteckten Warnung und dem Ausdruck seiner Sorge so nahe, wie es einem Paladin möglich ist.

      Tom Stark schrieb:

      »Der Rittmeister wartet bereits auf Dich. Komm heil wieder und falls Du in Not bist, Du weißt, eine Nachricht an uns und es wird nicht an Freiwilligen mangeln, um unseren einzigen Fähnrich ehrenhalber selbst aus den Tiefen des Abyss herauszuhauen.<<
      Hier fehlt das Ende der Anführungszeichen (oder wie die Dinger hier heißen)
      „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]
    • @Asni @Tariq @Etiam
      Erstmal danke für die Hinweise. Ich werde zuerst die Texte aufarbeiten auf Formulierungen und Fehler, dann gibt es einen neuen Abschnitt.

      Update:
      - Ich glaube die Formulierung mit dem Feuer ins Öl gießen ist jetzt besser. Die Stelle hat mir auch nicht richtig gefallen, aber die Formulierung gefiel mir.
      - Habe nun doch eine Magie-Sprache entwickelt. Die Worte einfach von einem Rune-Maker online in Elbenschrift transformieren zu lassen, erschien mir doch arg billig. Schlüsselwörter kann der Sprachkundige durchaus in diversen irdischen sprachen entdecken ^^. Ich habe mich ein wenig von der Minion-Sprache inspirieren lassen. Wer sie nicht kennt, google doch mal Video Minions - I Swear ...
      oder nimmt einfach diesen LINK hier oder YMCA mit diesem Link.
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    • Luthiel Blaufalk

      Als ich seine Arbeitsräume betrete, bin ich ein wenig an die Räumlichkeiten von Mellisandre erinnert, nur dass anstatt des liebevoll drapierten Schrein dreier Gottheiten, hier ein kunstvoll geschnitztes Abbild Corellon Larethians des Schöpfers und Beschützers der Elfen, eine ganze Wand einnimmt. Wie ich weiß, hat Onkel Luthy dieses Kunstwerk im Verlauf von drei Jahrhunderten selbst erschaffen und bisweilen, wenn Curna, die Göttin der Inspiration ihn segnet, verfeinert er es weiter.
      Sieht man davon ab, finden sich ein schwerer Schreibtisch, praktisch und penibel aufgeräumt, aber völlig ohne jede Verzierung, drei nicht gerade bequem aussehende Sessel für den Rittmeister und zwei Gäste und einen großen Kartentisch mit einer permanenten magischen Illusion einer Miniatur von Silbrigmond und Umgebung. Drei Schränke, so stabil, dass sie vermutlich noch lange stehen, wenn unsre Zivilisation bereits Staub und Legende ist und ein Regal mit typischem Kriegerzeugs, Medaillen, Waffenwachs, den Helm seines Vorgängers, und so weiter. Natürlich alles ordentlich und millimetergenau drapiert, ohne auch nur den leisen Verdacht eines Staubkorns. Ein Waffen und Rüstungsständer mit Luthiels Arbeitswerkzeugen ist das letzte bemerkenswerte Möbelstück im Raum. Dort finden sein Großschwert Hellflamme, seine magische Lanze Riesentot und die beiden Kurzschwerter Rufer und Frager. Sein Panzer in Silber und Gold hängt auf einem Ständer, der kunstvolle Helm, der so dünn aussieht, als bestünde er aus Papier, sein Wappenrock und diverses Rüstzeug für Beine und Arme, man frage mich nur nicht, wie die heißen, liegen sauber gefaltet und exakt drapiert auf einem Brett nebenan.
      Und natürlich ist da noch das Gemälde von Lady Alustriel, das darf in keinem Amtszimmer Silbrigmonds fehlen. Tiefwasser hat seinen Khelben Schwarzstab, Myth Drannor hat seinen Elmister Aumar und wir haben eben unsre Alustriel Silberhand. Und ja, mein Magierorden, die Silberne Hand, hat nicht umsonst diesen Namen gewählt.

      Luthiel Blaufalk, Rittmeister der Silberritter erhebt sich sofort, als die Tür aufgeht und ich hereinkomme. Für einen Ritter mag er ungewöhnlich schlank erscheinen und natürlich ist er, wie nahezu alle Elfen, kaum größer als ich, und ichh bewege mich eher auf Halblingshöhe, als in Riesennähe. Die ernsten Augen passen zu dem asketischen Gesicht mit der feinen Narbe auf der linken Wange, die man aber nur bemerkt, wenn man ihn genau betrachtet. Seine durchaus zahlreichen Verehrerinnen und Verehrer loben immer sein Haar, das je nach Jahreszeit eine leicht andere Farbtönung zu haben scheint oder seine ausdrucksvollen Augen. Ich hingegen, die nicht durch eine rosarote Brille schaut, bewundere seine Hände am Meisten. Groß, kräftig, aber doch feingliedrig und unglaublich geschickt. Mit diesen Händen führt er sowohl Schwert und Schild, als auch Lanze meisterlich, drehte mir aber wiederholt auch in Sekundenschnelle aus feinem Silberdraht einzigartige Ohrringe, die sich in Ihrer Kunstfertigkeit vor keinem Werk eines Kunstschmieds verstecken mussten.
      Mit einem knappen Nicken entlässt er den Kapitano und wartet, bis der die Tür geschlossen hat. Dann tritt er auf mich zu und legt mir die Hände auf die Schultern, mit Stolz im Blick, als wäre er mein Vater. Wobei er vermutlich sogar mehr mein Vater ist, als mein Erzeuger es je sein konnte.
      »Ich freue mich überaus für Dich, Royandriel, endlich nimmst Du Dein Schicksal an und machst Dich auf, etwas zu bewegen. Beinahe hatte ich Furcht, Du würdest niemals den Mut fassen, Dich in die Welt zu begeben und Deine Spuren in ihr zu hinterlassen.«
      Etwas verzerrt ist meine Mine darauf ganz sicher, ist sie immer, wenn er in diesem salbungsvollen Ton anschlägt. Aber das zeigt mir auch, dass er diese Worte schon lange in sich trägt und froh ist, sie endlich herauslassen zu können.
      »Kann es sein, das ihr, Du und Mum, nur auf eine Gelegenheit wie diese gewartet haben, um mir einen Tritt zu geben, damit ich endlich mal rauskomme?«
      Nun ist es an ihm, das Gesicht zu verziehen. »Die Wahl Deiner Worte unterstellt uns konspirative Absichten. Wir haben uns nicht gegen Dich verschworen, wenn Du das meinst, aber wir haben natürlich besprochen, was das Beste für Dich sein mag.«
      Ich schaue in die smaragdgrünen Augen des Elfen und sehe dort nur Zuneigung und Aufrichtigkeit – klar, er ist nicht umsonst seit einem halben Millennium ein Paladin. Also seufze ich ergeben. Womöglich gibt es wesentlich schlimmere Eltern, die einen in die richtige Richtung schubsen wollen.

      Er bietet mir an, mich zu setzen. Eines ist mal sicher. Diese Sessel sehen nicht nur unbequem aus. Sie sagen Dir ganz klar, dass der Rittmeister seine Gäste nicht zum unnötigen Verweilen einladen will.
      »Darf ich Dir einen Rat geben?« Auch er hat sich gesetzt und die Hände auf diese eigenartige Art angewinkelt auf seine Oberarme gelegt, die typisch elfische Art die Arme zu verschränken, wenn sie Vertraulichkeit demonstrieren wollen.
      Ich schmunzle. Bei menschlichen Eltern ist das eine rhetorische Frage und man würde sie beleidigen, wenn man nein sagt. Bei Luthiel ist es genau so gemeint. Wenn ich seinen Rat ausschlage, dann akzeptiert er das, ohne mir zu grollen. Vermutlich lernt man in so einem langen Leben, dass auch Ratschläge Schläge sind, die nicht jeder verträgt.
      Natürlich nicke ich. »Klar!« Gegen Ratschläge habe ich gar nichts. Denn man kann ja zurückschlagen, indem man sie in den Wind … nunja, schlägt. Ich glaube, der Gaul namens Wortwitz ist jetzt totgeritten.

      »Es haben bereits viele Ohren vernommen, dass Du nach Niewinter aufbrichst. Es ist nicht unmöglich, dass gerade die Shariten ihre Spione in der Stadt haben, in welcher der mächtigste Orden ihrer Widersacher seinen Stammsitz hat.« Das war mir natürlich auch klar, aber wie immer braucht Onkel Luthy ein wenig Vorlaufzeit, um zur Sache zu kommen.
      »Es wäre also ein aktzeptable Kriegslist, nicht durch Blacklar oder Mulgate die Stadt zu verlassen, sondern vielleicht durch das Sundabar-Tor und sogar diesen Weg eine Weile zu bereisen. Ich nehme an, es spielt keine Rolle ,ob Du zwei Wochen früher oder später in Niewinter ankommst. So kannst Du zudem auf der wenig benutzten Straße leicht nach Verfolgern Ausschau halten, zum Beispiel, wenn du am Falkenhorst, unserem vorgeschobene Wachturm Station machst. Ich bin mir sicher, Jortheyn Wyrmfluch, der Sheriff von Auvandell wird auch gerne nach Fremden in seiner Siedlung Ausschau halten. Soweit ich weiß, verstehen Du und der Halb-Zwerg sich doch ganz gut?«
      Lachend klopfe ich mit der flachen Hand gegen meinen Kopf und blinzle ihm zu: »Das ist ja noch eine bessere Idee, als ich sie hatte. Ich wollte doch tatsächlich die ersten paar Meilen unter einem Unsichtbarkeitszauber reisen. Aber vor allen Augen erst einmal in die völlig falsche Richtung aufzubrechen und zu sehen, wer mir verdutzt hinterherkommt, einfach genial.«
      Ich hebe meine flache Handfläche zu ihm hingestreckt und drehe ihm dann den Handrücken zu, die elfische Geste, dass man eine angebotene Hilfe dankbar annimmt. Sich mit Worten zu bedanken, wie es unter Menschen als höflich gilt, sehen die Elfen als unnötig an. Das gesagte Wort hat bei ihnen so viel Gewicht, dass man damit gleichsam in eine Art Schuldigkeit eingesteht, die man bereit ist, auf Aufforderung abzuleisten.
      »Dann mache ich mal auf den Weg. Ich habe noch einen Termin bei der Lady.«
      Das überrascht sogar den Meister der Gelassenheit und ich sehe, wie er kurz davor ist, aufzustehen.
      »Ihre Hoheit empfängt Dich hochselbst. Welch eine Ehre.«
      Mir kommt der Verdacht, dass Alustriel Silberhand womöglich der einzige Mensch, sieht man einmal vom legendären Elminster ab, von dem die Elfen mit solcher Hochachtung sprechen. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es wäre eines Tages auch solchen Respekt zu genießen. Dann erinnere ich mich an die Geschichten, die zwar von der Güte und Weisheit unserer Fürstin berichten, aber auch von der Gnadenlosigkeit, die sie immer wieder zeigen muss, um die Silbermarschen zu beschützen. Vielleicht ist der Preis für solch einen anbetungsgleichen Respekt doch zu hoch für mich.
      Gerade rechtzeitig tauche ich aus meinen Gedanken auf, um zu bemerken, dass Onkel Luthy aufgestanden ist. Klar, er hat immerhin fünf Hundertschaften Elite-Ritter zu befehligen. Und wie gesagt, die Sessel nicht ohne Grund so unbequem.
      Mit einer Umarmung, die, wie ich glaube, militärisch gerade noch akzeptabel ist, zumindest für Zieh-Nichte und deren Lieblingsrittmeister, verabschieden wir uns.
      »Wir sehen uns zu morgen früh vor Morgengrauen, wenn Du aufbrichst, Fähnrich.«
      Achso, da breche ich also auf? Gut zu wissen.

      Oh, er hat mich Fähnrich genannt. Das tut er wirklich nur, wenn ich mich in seinen Augen ausgezeichnet habe. So langsam wird mir mulmig von der ganzen Aufmerksamkeit.


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    • Endue

      Ich eile direkt nach Hause, denn für das Treffen mit Lady Alustriel, oder Dena Elué Dualen, wie die Elfen sie nennen, kann ich nur in meinem feinsten Zwirn gehen. Natürlich habe ich mehrere Kleider, die in Frage kommen und ich bin schon jetzt am Verzweifeln, welches am besten zu welchen Schuhen passt. Hoffentlich ist Ria daheim, ich brauche ihren Rat da dringend. Ich meine, kein Problem, wenn ich zu einem Liebhaber unterwegs bin, oder zu einem Straßenfest. Götterdienst oder Ordenstreffen, keine Frage, aber die Fürstin, die lebende Legende, eine der sieben unsterblichen Schwestern, Auserwählte der Göttin Mystra und, und, und …
      Im Ernst, was zieht man da an?!

      Auf dem Weg komme ich natürlich am College vorbei und laufe, mal wieder alles andere vor Augen, nur nicht meinen Weg, direkt in eine junge Frau hinein, die vor der Auslage eines der edleren Schneidereien Silbrigmonds steht und sie betrachtet.
      »Hoppla!« Die junge Frau ist zum Glück weitaus geistesgegenwärtiger als ich und verhindert nicht nur selbst zu stürzen, sondern bewahrt mich auch davor zum zweiten Mal am selben Tag auf dem Hosenboden zu landen.
      »Uh, es tut mir leid. Alles In Ordnung? Habe mal wieder mit offenen Augen geträumt.«
      Als ich sicher bin, dass ich ihr nichts gestaucht oder, Ilmater bewahre, gebrochen habe, sehe ich der jungen Frau ins Gesicht und bin einen Moment sprachlos. Makellos. Nicht anders kann ich ihre Gesichtszüge beschreiben. Ihre Augen blitzen, wie das Wasser des Rauvin, wenn die Sonne in seinen Wellen tanzt. Das Haar schimmert in der Abendsonne wie silberne Seide und wäre nicht die eher schlichte Kleidung, ich hätte sie ohne weiteres für eine Akolythin im Sune-Tempel gehalten, die bekanntlich nur die Schönsten der Schönen aufnehmen. Sie ist sogar noch etwas kleiner als ich und wesentlich zierlicher, in der Art, dass ich versucht bin, meinen Arm schützend um sie zu legen.
      »Alles gut, nichts passiert.« Ihr Lachen ist ziemlich genau das Gegenstück zu ihren blitzenden Augen und nimmt mich sofort gefangen. Eigentlich habe ich keine Zeit, aber diese junge Frau verdient wenigstens ein paar Worte, bevor ich weitereile … und vermutlich den nächsten ahnungslosen Zeitgenossen umrenne.
      »Ihr seid Meisterin Feuerhand, nicht wahr?«
      Wieder zucke ich zusammen, auch wenn es so, wie sie es betont, irgendwie ziemlich klasse klingt. Ein bisschen wie der Künstlername dieses ultratalentierten neuen Barden aus Cormyr, der sich nur noch Das Symbol nennen lässt.
      »Immer langsam. Du bist keine meiner Schülerinnen, oder?« Die Nähe zum College legt den Schluss nahe, auch wenn ich mir sicher bin, dass dieses hübsche Mädchen mir nicht entgangen wäre. Allerdings neige ich dann und wann zur Zerstreutheit, sagen zumindest böse Gerüchte.
      »Nein, bin ich nicht.« Sie lächelt.
      »Auch keine Schwester eines Schülers?« Ich kneife ein Auge zu und versuche eine Familienähnlichkeit zu einem der mir bekannten Gesichter herzustellen.
      »Ganz sicher nicht.« Sie schmunzelt so verschmitzt, dass ich für eine Sekunde glaube, ich hätte etwas ganz offensichtlich Dummes gesagt, mal wieder.
      »Gut. Dann bin ich auch nicht Deine Meisterin. Das muss ich in der Schule sein, weil so die Vorschriften sind, und das gelingt mir auch nur gerade mal eben so. Nenn‘ mich einfach Roya, oder Ro, wie eigentlich alle meiner Freunde. Das heißt, wenn Du Dir vorstellen kannst, mit einer tollpatischigen Träumerin befreundet zu sein, die ab und zu wildfremde Leute umrennt.«
      Sie kichert, hält dabei sogar die Hand vor den Mund, wie süß!
      »Doch, das kann ich mir bestimmt vorstellen. Ich bin Endue.« Sie mustert mich, als erwarte sie eine Reaktion, also zwinkere ich ihr zu und mache eine formvollendete Verbeugung.
      »Ich bin über alle Maßen erfreut deine Bekanntschaft zu machen, verehrte Endue.«
      Überrascht blinzelt sie zurück, feixt und erwidert die Verbeugung, womöglich sogar noch eine Spur vollendeter. Aha, hat eine hohe Erziehung genossen, die Kleine. Passt nicht so ganz zu der einfachen Kleidung, aber das macht das Kennenlernen ja so spannend.
      Ich schaue zu den ausgestellten Gewändern und Kleidern. Sehr nobel alles und auch nicht so ganz meine Preisklasse.
      »Hübsch«, meine ich trotzdem.
      »Ja, manche davon sind echte Kunstwerke.«
      Verwundert schaue ich zu ihr. »Kennst Du Dich mit Mode aus?«
      Sie nickt. »Gute Kleidung vermag sogar aus einem vernarbten Halborken einen feinen Herren zu machen, jedenfalls äußerlich. Ganz oft bewirkt das Äußere dann sogar, dass es auf die inneren Werte abfärbt.«
      Verblüfft lege ich den Kopf zur Seite. Die Kleine scheint wirklich Ahnung zu haben. Vielleicht kann sie mir ja bei meinem akuten Problem helfen?
      »Sag mal, Endue, wo Du Doch eine Expertin bist …«
      »Ja, bitte?« Sie schaut fragend zurück.
      »Ich bin bei Lady Silberhand eingeladen.« Ein wenig peinlich berührt drehe ich meinen Stab in den Händen. »Und ich habe absolut keine Ahnung, was man da trägt. Hast Du nicht eine Idee?«
      Erneut werde ich gemustert und stelle mich unwillkürlich in Pose, den Stab am langen Arm aufgestellt und die linke Faust in die Hüfte gestützt, was sie wieder kichern lässt.
      »Wie wäre es mit dem Gewand dort?« Sie deutet auf eine Kombination aus Über-Wams, Bauschhemd und einer Hose. Farblich ist alles aufeinander abgestimmt, mit überwiegend kräftigem Blau, zarten Orange und Streifen aus Rot.
      »Ziemlich … bunt, meinst Du nicht auch? Eher das Gewand eines Barden, oder?«
      Sie zuckt die Schultern. »Es passt ausgezeichnet zu Deinem roten Haar. Zudem unterstreicht das Bunt Deine besondere Persönlichkeit.«
      Ich lache. »Gut, sag es frei heraus. Außerdem ist das Wort, das Du suchst, Speziell
      »Speziell?«
      »Im Sinne von, hat ein bis zwei mittelschwere Macken, die aber noch liebenswert genug sind, dass man sie billigend in Kauf nimmt.«
      Und wieder lacht sie, diesmal schallend. Ich kann gar nicht anders und lache mit.
      »Nein«, erklärt sie mir, als wir uns wieder beruhigt haben. Die verwunderten Blicke der Passanten ignorieren wir nonchalant. »ich meine besonders
      Kurzentschlossen ziehe ich Endue mit mir in den Laden und probiere das bunte Gewand an. Es sitzt, wie für mich gemacht und ich nicke meiner neuen Mode-Beraterin bewundernd zu.
      »Tolles Auge, alle Achtung. Und Du meinst echt, ich kann so vor die Fürstin treten?«
      Der Ladeninhaber macht große Augen und lange Ohren, ringt ganz offensichtlich mit sich, mich von diesem völlig unpassenden Aufzug für eine Audienz abzuhalten. Ein ziemlich strenger Blick von Endue, lässt ihn sich allerdings auffallend schnell für wichtigere Angeleheiten interessieren.
      Die Kleine hat es wirklich faustdick hinter den Ohren. Die Unschuld, nach der sie aussieht, ist sie ganz sicher nicht. Die Sache macht mir viel zu viel Spaß, um jetzt aufzuhören, auch wenn mir die Zeit unter den Nägeln brennt.
      Also drehe ich mich vor Endue im Kreis, lasse mir sogar noch ein Paar Stiefel empfehlen. Stiefel! Ich werde tatsächlich vor der Fürstin in Stiefeln antreten, wie ein Soldat. Onkel Luthy wird vermutlich vor Empörung ein deutliches Räuspern vernehmen lassen, sein Gegenstück zu einem ausgewachsenen Donnerwetter. Mum hingegen, wird sich totlachen, das ist mal sicher. Harfner haben es nicht so mit Verehrung der Obrigkeit, zumal Lady Alustriel ein geschätztes Mitglied bei uns ist.
      »Das ist Dein erstes Treffen mit der Lady.« Eine Feststellung, keine Frage.
      »Oh, woran hast Du das gemerkt? An meiner Ahnungslosigkeit oder weil mir vor Panik die Haare schon abstehen?«
      Wieder lacht sie. »Ich hörte die Leute reden, sie mag besondere und sogar spezielle Leute. Also mach Dir keine Sorgen. Was kann im schlimmsten Fall schon passieren?«
      Darauf runzle ich erst einmal meine Stirn. So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Die Lady ist nicht nur Gründerin meines Ordens, sie ist, wie ich, ein Freund der Harfe, und verflixt noch eines, sie ist eine wirklich gute Frau, da kann man sogar die Bösen fragen.
      »Ich könnte mich bis auf die Knochen blamieren«, antworte ich dennoch.
      »Ja, das wäre echt zu blöd. Dann müsstest Du Dich wochenlang mit dem Spott der Klatsch und Tratschgesellschaft herumschlagen.« Sie grinst breit, als wäre das ein Mordsspaß.
      Andererseits, ich grinse ja auch. »Muss ich gar nicht. Ich reise morgen ab.«
      »Na dann, bezahl den Mann.«
      Nachdem ich den Preis höre, den der Händler mir nennt, stockt mir dann doch der Atem.
      »Die Kleidung ist es wert, vertrau mir. Oder hast Du in nächster Zeit weitere Anschaffungen geplant? Außerdem, ich dachte immer Magier sind reich.«
      Ergeben zucke ich die Schultern. »Alte Magier, die lange im Geschäft sind, die sind reich. Zauberschriftrollen und Artefakte bringen schon ordentlich Gold ein, aber die brauchen Zeit und die paar Rollen, die ich bisher hergestellt habe, sind an meine Schüler gegangen.«
      »Du hast Deinen Schülern die Rollen geschenkt?« Ihre perfekten Augenbrauen, für die so manche Göttin vermutlich morden würde, heben sich kräuselnd.
      »Na klar.« Ich deute über meine Schulter zum College. »Ich unterrichte dort, und wenn Lady Silberhand eine ganze Schule aus eigener Tasche finanziert, werde ich mich doch nicht daran bereichern. Dann bleibe ich lieber … mittelreich.«
      Ich fühle mich von einer erstaunlich kräftigen Faust in die Seite gestupst. »Ro, Du bist wirklich besonders.«
      Errötend winke ich ab. »Aber nun genug von mir. Du hast Dir sicher nicht diese Kleider ohne Grund angeschaut?«
      »Tatsächlich habe ich auch ein wichtiges Treffen in nächster Zukunft.«
      »Oh, und brauchst passende Klamotten? Ich würde ja sagen, was für ein Zufall, aber es ist ja nun wirklich kein mysteriöses Schicksal, wenn sich zwei Leute beim Schneider treffen und die rein zufällig beide Klamotten brauchen.«
      Und wieder habe ich sie zum Lachen gebracht. Ich könnte das den ganzen Tag machen, aber so langsam muss ich wirklich weiter.
      »Also«, dränge ich sie. »Für wen musst Du Dich denn in Schale werfen?«
      Sie seufzt eindeutig gespielt. »Ich treffe so einen hochbegabten Magus. Von allen Seiten sagt man mir, wie gesegnet er von Mystra selbst sein muss, und ja, erst kürzlich hat man mir versichert, er sei sehr speziell. Natürlich will ich da einen guten Eindruck machen, immerhin soll er mir bei einer delikaten Sache behilflich sein.«
      Wieder mustere ich sie schnell. Die Dienste eines guten Magiers sind teuer, besonders wenn er so in den Himmel gelobt wird. Wenn ich Zeit hätte, würde ich ihr ja meine Hilfe anbieten, notfalls habe ich genug Freunde unter den Magiern, falls ich es selbst nicht hinbekomme. Damit wäre Endue sicher mehr geholfen, als wenn sie einen schnöseligen Wunderknaben anbetteln muss, dass sie ihm Gold für seine Dienste in den Rachen darf. Aber natürlich geht meine Mission vor, so nett ich Endue auch finde.
      »Schau mal. Du bist hübsch, hast bessere Manieren als ich und scheinst mir auch so ein prima Mensch zu sein. Du könntest vielleicht dein langes Haar mit einem hellblauen Band zum Pferdeschwanz hochbinden. Das würde toll zu Deinen wahnsinnig schönen Augen passen, falls Du wirklich glaubst, Du musst Dich aufhübschen. Aber wenn Dich der Magier echt nach Deiner Verpackung beurteilt, dann such Dir besser einen Anderen.«
      Zweifelnd wiegt sie den Kopf. »Ich weiß nicht, er scheint mir der Richtige für die Aufgabe zu sein.«
      Ich seufze. »Schau, Endue, ein Magier muss, vor allem Anderen, sehen können, wie Dinge zusammenhängen, was sich hinter der Oberfläche verbirgt. Wenn der Kerl sich an Deiner Kleidung aufhält, vertrau' mir, willst Du ihn gar nicht haben, denn dann hält er sich auch bei allem möglichen Anderen auf, bevor er in die nötigen Tiefen vordringt, verstehst Du?«
      Als ich sehe, dass sie immer noch nicht meiner Meinung ist, bitte ich sie, ihre Hand auszustrecken.
      »Hab keine Angst, sie ist freundlich.« Dann rufe ich eine warme, nicht heiße halbillusionäre Flamme herbei. Das geht bei mir einfach so, mein besonderes Talent.
      Das Flämmchen tanzt zuerst auf meiner Handfläche, kreiselt dann über die Finger bis zu den Spitzen und springt dann auf Endues Finger über. Die junge Frau zuckt mit keiner Wimper und schon gar nicht zurück, wie die Meisten, mit denen ich das Kunststück schon gemacht habe. Ganz unbedarft in Sachen Magie ist sie also auch nicht. Nicht wirklich überraschend.
      Dann beginnt die Flamme eindeutig humanoide Züge anzunehmen und der Tanz wird detaillierter. Verblüfft schaue ich hin. So gut ist mir das noch nie gelungen. Die hübsche Frau bringt eindeutig das Beste in mir hervor. Stolz lasse ich, die nun deutlich als Flammendschinn erkennbare Halbillusion über Endues Arme, die Schultern und den anderen Arm wieder hinab tanzen. Dann verschwindet sie und ich bin überrascht, wie leicht und wie lange es diesmal ging. Tja, Übung macht eben die Meisterin.
      »Siehst Du, nichts als heiße Luft, die das Licht wie gewollt bricht, und schon hat man einen tanzenden Flammengeist. Trotzdem hat es nichts mit Feuer zu tun, nach dem es zunächst aussieht.«
      Endue grinst mich an. »Das war toll, machst Du das oft?«
      Ich grinse zurück: »Meistens, um Kinder zu unterhalten. Hier in Silbrigmond hat es so viele begnadete Illusionisten, als Party-Trick vor großem Publikum holt das keinen Hund hinterm Ofen hervor.«
      Sie zwinkert mir zu. »Kommt darauf an, was für Hunde.« Dann wird sie ernst. »Gut, dann werde ich einfach etwas nehmen, was ich im Schrank hängen habe. Wenn der Magus hält, was man von ihm sagt, wird er es wahrscheinlich kaum bemerken.«
      »Gute Entscheidung. Und wenn es ganz schief geht, ich bin noch bis morgen früh in Silbrigmond. Ich wohne da vorne.« Ich zeige auf meinen Hausbaum, dessen Wipfel man zwischen den Dächern gut sehen kann. »Jetzt muss ich aber los. Ich habe bestimmt nur noch eine halbe Stunde. Zum Glück bin ich, Dank Dir, schon eingekleidet. Mach‘s gut, ich hoffe, wir treffen uns bald wieder.«
      Sie winkt mir zum Abschied, aber ich nehme bereits meine Beine in die Hand. Ich muss mich sputen. Der Hochpalast, gleich hinter Selunes Tempel der Silbernen Sterne im Nordosten der Stadt, ist zu Fuß in einer halben Stunde gerade mal eben so zu schaffen, wenn man nicht total abgehetzt dort ankommen will. Nicht auszudenken, wenn ich zu spät zur Audienz komme.

      Als ich ankomme, werde ich prompt von einem Diener in Livree am Haupttor abgeholt. Ich hatte mich auf eine umfassende Durchsuchung und Überprüfung gefasst gemacht. Immerhin gibt es wirklich genug, die Lady Alustriel liebend gern tot sehen würden. Die Silberritter, die selbstredend den Wachdienst am Hochpalast verrichten, schauen zwar verwundert, aber die Hälfte davon kennt mich persönlich, oder hat von dem rothaarigen Fähnrich ehrenhalber gehört, der einmal eine ganze Truppe Knappen vorm Ertrinken gerettet hat. Oh, habe ich das nicht erwähnt? Das ist aber auch eine Geschichte für ein andermal.
      Der Diener führt mich durch diverse Räume, von denen ich mir sicher bin, dass die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Zwei Tapetentüren, eine sogar magisch gesicherte Geheimtür und ein paar verwirrende, enge Geheimgänge später stehe ich vor einer echten Tür, die mir aber so gar nicht wie zu einer Audienzhalle passen will.
      Galant öffnet der Diener die Tür, tritt ein und verbeugt sich: »Lady Silberhand, wie befohlen bringe ich Euch«, Kunstpause, »Magistera Roya Feuerhand.«
      Ich hole tief Luft und trete ein.
      In einem opulent eingerichteten Arbeitszimmer sitzt eine wunderschöne, majestätische Frau in einem unglaublichen Kleid, was mir aber kaum auffällt. Ihr Haupt schmückt eine zierliche Krone, ein wenig weit in die Stirn geschoben vielleicht, da sie ihr langes silbernes Haar mit einem silberblauen Band zum Pferdeschwanz hochgebunden hat.
      »Oh«, entfährt es mir, jegliche Etikette über Borde werfend. »Seid Ihr etwa die große Schwester von Endue?«

      Der Sekretarius zur Rechten der Fürstin bekommt Schnappatmung, schwankt und wird von seiner geistesgegenwärtigen Arbeitgeberin gestützt, bevor es ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Sie scheint viel Übung darin zu haben.
      Armer Kerl, hat wohl eine echt schlechte Konstitution, wenn das öfters passiert.


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    • Wege über's Land (altes Wanderlied)

      Beinahe im Himmel, Silbermarschen
      Fluss Rauvin, Silbrigmond.
      Das Leben dort ist stolz, edel, wie die Selunebäume.
      Stark wie die Berge, lebendig, wie eine Brise.


      Wege über's Land, bringt mich nach Haus'
      an den Ort, an den ich gehör'.
      Silbrigmond, Perle des Nordens
      bringt mich nach Haus', Wege über's Land.

      All' uns're Hoffnungen sammeln sich dort.
      Lady Alustriel, blau wie Wasser, ist ihr Aug'
      silbern und seidig ihr Haar
      Rein wacht über uns, ihr edles Herz, sicher behütet uns ihre Hand.


      Wege über's Land ...

      Ich höre deine Stimme, wenn sie mich am Morgen ruft.
      Der Duft der Wälder erinnert mich an mein Zuhaus'.
      Ich reise die Straßen hinab und Wehmut überkommt mich,
      daheim sollt ich sein, bei meinen Lieben.


      Wege über's Land ...

      Bringt mich heim, Ihr Wege über's Land.
      Bringt mich heim, bald.
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