Abenteuer an der Schwertküste (Arbeitstitel)

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    • Abschied von Silbrigmond –Teil II

      Als ich erwache bin ich alleine. Der Platz neben mir ist leer. Sie ist fort, aber ihre Wärme ist noch hier.
      Wie oft man erst erkennt, was man hat, wenn man es zurücklassen muss?
      Noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang.
      Mein Rucksack ist gepackt, meine Umhängetasche gefüllt und ich habe die Kleidung an, die ich gestern für wirklich gutes Gold erstanden habe. Erst Mellisande hat mich auf den Stoff aufmerksam gemacht, wie wenig er knittert und wie reißfest er ist. Eine magische Analyse hat den Zauber gezeigt, der beim Weben über die Stoffbahnen gesprochen wurde und immer noch anhält. Schwertstreiche wird das Gewand zwar nicht abhalten, aber Schmutz, in gewissen Mengen Feuchtigkeit und vor allem Kälte dafür sicher. Zudem wird er auch nicht schneller reißen, also so manches Lederwams. Endue, oder ich sollte lieber lernen, von ihr als Lady Endue Alustriel Silberhand zu sprechen, hat das wohl sofort erkannt. Soweit zu gehen, sie habe ich mich gezielt darauf aufmerksam machen wollen, wage ich nicht. Vermutlich war es wirklich Zufall und sie beschloss, mir gleich auf den Zahn zu fühlen. Auf jeden Fall ist mein Gold hervorragend angelegt.
      Von Mum habe ich mich gestern Abend noch verabschiedet, mit Sniffel einen letzten Spaziergang gemacht und Melli hat mich dann sogar in meiner Wohnung erwartet, zu einem ganz besonders denkwürdigen Abschied.
      Ganz wie erwartet, finde ich Onkel Luthy bereits am Fuß meines Wohnbaums. Windtänzer steht in der Nähe und ignoriert gekonnt die Annäherungsversuche einer scheckigen Stute, die vor eine kleine, kunterbunte Reisekutsche gespannt ist, welche von einem Knappen gelenkt wird, der nun vom Bock springt und schneidig Haltung annimmt, als wäre ich irgendwie wichtig. Als er sogar salutiert, die Faust zum Herz führt, bin ich zunächst verunsichert. Mein Blick fällt fragend auf den Rittmeister, der mir zunickt: »Du bist Fähnrich, also Offiziersanwärter. Natürlich salutiert ein Knappe vor Dir und es ist sehr unhöflich, ihm den Salut nicht abzunehmen.«
      Ich räuspere mich und erwidere den Gruß des Knappen, auch wenn ich mir dabei ziemlich bescheuert vorkomme. Darauf entspannt sich der junge Mann und ich mich auch wieder. Zum Glück habe ich ihm nicht den Kopf getätschelt und ihn gelobt, wie es mein erster Impuls war. Diese dunkle Seite in mir macht sich in letzter Zeit immer mehr bemerkbar. Ich werde das im Auge behalten müssen.
      »Wie Du vielleicht erraten hast, ist dieses Gefährt und das Pferd für Dich.«
      Ich blinzle. Von wegen erraten, ich war bis gerade eben fest der Meinung, auf Schusters Rappen, als Schlepper meines eigenen Sattelzeugs zu reisen.
      »Das ist … fürwahr …«
      Luthiel unterbricht mich, was eigentlich überhaupt nicht seine Art ist. »Nicht mir hast Du zu danken. Riannon war der Meinung, Du dürftest ruhig etwas bequemer reisen, zumal der Winter nicht mehr fern ist. Ihr Worte, nicht die Meinen.«
      Wir grinsen uns gegenseitig an. Es ist Hochsommer, nur eine sehr fürsorgliche Ziehmutter sieht den Winter bereits herannahen. Aber ich bin dennoch dankbar.
      »Du wirst Vorräte im Wagen finden, die vermutlich eine Großfamilie durch den Winter bringen können.« Zuerst muss ich lachen, immerhin macht Onkel Luthy wirklich selten Scherze, aber als sein Gesicht ernst bleibt, habe ich einen schrecklichen Verdacht. Schnell springe ich auf den Kutschenbock, ziehe die blauen Vorhänge aus schwerem Leinen zur Seite. Tatsächlich: Mum hat es wirklich sehr gut mit mir gemeint.
      Das Halbdunkel des Wagens wird plötzlich erhellt, als der Paladin die Tür am anderen Ende des Wagens öffnet und hineinsteigt. Bei einem erhöhten Kasten, der vermutlich auch als Bett dienen soll, bleibt er stehen und winkt mich heran.
      »Darf ich Dein Augenmerk auf ein Geschenk richten, welches Elué Dualen Dir hat senden lassen.«
      Oh, so nennen die Elfen Endue, verflixt, ich meine natürlich Lady Alustriel. Eilig schiebe ich mich durch die Enge des Karrens und sehe einen großen Korb mit einer Art Gitternetz an der Vorderseite.
      Luthiel hilft mir, den Korb auf den Kasten zu stellen und müdes Maunzen kommt aus dem Innern. Neugierig erschaffe ich einen völlig ungefährlichen Lichtball und zwei Paar kleine, funkelnde Augen gehen weit auf und kneifen sich wieder zusammen. Trotz des Lichts, erkenne ich kaum die beiden kleinen Wesen im Korb, als ob ihr Fell das Licht, wie ein Schwamm aufsaugt.
      »Katzenbabies? Äh …«
      Mit erhobenen Augenbrauen schaue ich zum Paladin. Ich meine, ich mag kleine Katzen, wie jeder andere auch, aber sie auf eine gefahrvolle Reise mitzunehmen, ist schon ziemlich exzentrisch, um es einmal höflich auszudrücken.
      Luthiel kann genau sehen, was ich denke und schüttelt den Kopf. »Natürlich sind es nicht einfach zwei Kätzchen.«
      »Natürlich«, entgegne ich trocken, ohne wirklich eine Ahnung zu haben.
      »Es sind Schattenkatzen.«
      »Klar, Schattenkatzen.« Was auch sonst? Ich habe aber immer noch keine Ahnung, was das ist.
      »Diese Art ist Dir offensichtlich nicht vertraut.«
      Höre ich einen leichten Vorwurf aus seiner Stimme? Ich glaube, nach all den Jahren habe ich Onkel Luthiels wunden Punkt gefunden. Niemand, auch nicht eine unwissende, junge Magiern, darf an Alustriels Unfehlbarkeit zweifeln. Ich verkneife mir eisern ein Grinsen. Natürlich mag ich Endue, aber die ehrenwerte Lady Alustriel hat nun jemand bekommen, der ihr genau auf die Finger schaut, und sei es, um ihrem Onkel, eventuelle kleine Makel, ganz beiläufig unter die Nase reiben zu können.
      Ja, ich weiß, dass Endue und Alustriel dieselbe Person sind. Aber an Endue, also dem netten Mädchen mit dem sagenhaften Modegeschmack, ist Luthiel ja nicht interessiert!
      Erst als der Rittmeister mich stumm anschaut, merke ich, dass ich geistig schon wieder auf Wanderschaft bin und zwinge mich zurück ins hier und jetzt. Meine hinterlistigen, finsteren und ganz sicher genialen Streiche müssen warten.
      »Außerdem sind sie nur gerade kleine Kätzchen, damit Du sie einfacher aus der Stadt transportieren kannst. Sobald du sie aus dem Korb entlässt, werden sie innerhalb weniger Tage zu den fast ausgewaschenen jungen Schattenkatzen werden, die sie auch zuvor waren.«
      »Das ist ja toll …?« Ich lasse den Satz absichtlich in der Luft hängen. Ich habe ja Verständnis, dass der Elf gerne am Anfang einer Geschichte anfängt, aber so langsam kann er ruhig zum wichtigen Teil kommen, wie in etwa, warum man mir zwei Katzen mitgibt.
      Der Paladin seufzt und ich nehme an, nur die Dämmerung, die schnell näherkommt und in deren Schutz ich die Stadt verlassen will, zwingt ihn dazu, sich kurz zu fassen.
      »Schattenkatzen jagen aus dem Schatten heraus oder sogar im Schatten. Sie können in einem Schatten vollkommen verschwinden und in einem anderen Schatten in der Nähe unvermittelt wieder auftauchen, ohne den Schatten verlassen zu haben. Sie gelten als unzähmbar und furchtbare Gegner, wenn man nicht genügend Licht hat, ihnen den Schatten als Kraftquelle und Tarnung zu nehmen.«
      Wieder schaue ich zu den beiden knuffigen Fellknäulen im Korb. Das sollen furchtbare Raubtiere sein? Wenn es nicht Luthiel wäre, ich würde denken, man will mich verschaukeln.
      »Nicht zähmbar bedeutet, wenn die Hunger haben, dann halten sie sich an mich?«
      »Nicht doch. Die Fürstin hat die Beiden gebeten, mit Dir zu reisen und Dich zu beschützen.«
      Sie hat sie also gebeten, ahja. Ich vermute, wenn man ewig lebt und der Liebling einer Göttin ist, kann man so etwas wohl. Ich weigere mich einfach, zum jetzigen Zeitpunkt darüber nachzudenken und nehme es als das, was es vermutlich ist: Ein unglaubliches Geschenk, um das man mich ganz sicher überall beneiden würde, wenn jemand davon wüsste. Doch Onkel Luthy wird es sicher nicht herum erzählen. Endue, verflixt, na Ihr wisst schon, wird auch nicht damit angeben, dazu ist sie nicht der Typ. Und ich? Nunja, mal ehrlich: Ich glaube es ja selbst kaum, wer soll es dann mir glauben?
      »Haben die Beiden schon Namen?«
      »Sie heißen Tarik und Irkat, es sind Bruder und Schwester.«
      Entschlossen öffne ich den Korb und strecke meine Hand hinein. Als sie nach einigen Sekunden immer noch nicht zerfleischt ist, sondern lediglich mit kühlen Nasen angestupst wird und meine Streichelversuche mit lautem Schnurren gewürdigt werden, bin ich beruhigt.
      »Na, Irkat, Tarik. Lust auf eine große Reise?« Ich lausche kurz, aber es kommt keine Antwort. Man weiß ja nie.

      Ich umarme meinen überraschten Ziehonkel herzlich und entgegen seiner sonstigen Angewohnheit, drückt er mich auch fest an sich. »Corellon achte auf Dich, Royandriel.«
      »Selune wache über dich, Onkel. Und Du, wache für mich über mein Silbrigmond.«
      »Du hast mein Wort!«
      Erwähnte ich schon, dass man das Wort eines Paladins getrost wörtlich nehmen darf?

      Nicht weiter beachtet, wenigstens von keinem, den ich dabei sehe, verlasse ich das Juwel des Nordens durch das Sundabar-Tor in Richtung, wen wundert’s, Sundabar natürlich.


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      Karten, Bilder und Wissenswertes zur Story
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

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    • So, @Tom Stark, hab aufgeholt. Mann du postest wirkklich schnell, man kommt kaum nach. ^^

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      Ingesamt eine runde Sache, gefällt mir alles sehr gut. Die Silberritter lassen ja wohl jedes Frauenherz höher schlagen, sind halt aus dem Stoff, aus dem Helden sind.
      Ro selbst ist ne richtig sympathische Protagonistin, die ihre sympathisch machenden kleinen Macken hat. Sie ist manchmal herrlich naiv und ohne jede Selbstherrlichkeit, obwohl sie ein Fähnrich der Silerritter und eine begabte Magierin ist.
      Hab nur eine Unstimmigkeit bemerkt;

      Tom Stark schrieb:

      Windtänzer würde es ohne Not nicht zulassen, dass ich hinunterfalle und auf Onkel Luthys Reflexe ist ohnehin Verlass.

      Tom Stark schrieb:

      Wenn nicht Luthiel selbst mich mit Mondtänzer übersetzt, bin ich schon oft auf diese Weise über den Rauvin gereist.
      Sind das zwei verschiedene Pferde? Geschwister? Wie die Katzen?

      Ach und Endue - das zufällige Treffen vorher war ne interessante Idee, aber du hast zu viel verraten. So war die eigentliche Begegnung mit der Lady dann keine Überraschung mehr für mich. Schon vor dem Schneidergeschäft hab ich es gewusst, wer sie war, und spätestens, als sie von dem Treffen mit dem begabten Magus erzählte, das ihr bevorstand, war alles klar. :P Schade.
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Auf der Straße nach Sundabar

      Die kleine, fast schon pummelige Stute ist vielleicht sogar ein Pony und kein Pferd. Ich kenne den Unterschied auch gar nicht. Aber unermüdlich zieht sie den kleinen Wagen mit ein wenig angewinkeltem Schweif, als wolle sie stolz sagen: Seht her, ich ziehe den großen Kasten ganz alleine!
      Den Korb mit Irkat und Tarik öffne ich sogleich, nachdem die Mauern meiner Heimatstadt nicht mehr zu sehen sind. Irkat, das Katzenmädchen, ist, wie es scheint, tapferer oder neugieriger. Sie kommt als Erste heraus und begrüßt blinzelnd den neuen Morgen, der sich gerade durch die Sonne ankündigt, die uns immer wieder direkt ins Gesicht scheint, je nachdem, ob der Weg eine längere gerade Strecke gen Osten zeigt.
      Natürlich habe ich mir vor Antritt der Reise Karten besorgt und sie genau studiert. Einer der echten Vorteile ein Magier zu sein, ist sein Gedächtnis zu, für andere unglaublichen, Leistungen geschult zu haben. Daher habe ich ein sehr genaues Bild der Karten stets vor meinem geistigen Auge, sobald ich mich ernsthaft darauf konzentriere. Allerdings ist diese Technik auch mühsam, zeit- und kraftaufwändig, also nichts, was man einfach mal so anwendet, um zum Beispiel eine Speisekarte eines Gasthofs im Vorbeigehen auswendig zu lernen. Dazu ist dann eine besondere Art Gedächtnis nötig, das zwar überdurchschnittlich viele Magier besitzen, mir leider aber verwehrt ist.
      Andererseits, wenn man nie etwas vergisst, was man jemals gesehen hat, behält man auch den Mist oder noch Schlimmeres immer vor Augen. Womöglich wurde mir diese zweischneidige Gabe daher nicht verwehrt, sondern erspart.
      Wie ich so ins Philosophieren komme, merke ich, dass ich die Zügel locker gelassen habe. Beinahe hätte ich sie erschrocken angezogen, aber ich sehe rechtzeitig, dass meine brave Stute treu und in bewundernswerter Eigenverantwortung weitergetrabt und dabei ganz selbstverständlich dem Bauern ausgewichen ist, der auf zwei Maultieren seine Waren zur Stadt bringt und uns, oder eher mich, freundlich grüßt.
      »Milil mit Dir, meine Schöne! Ich hoffe, Du hattest ein dankbares Publikum in der großen Stadt?«
      Für einen Moment bin ich ratlos, bis mir meine bunte Kleidung und der noch buntere Wagen wieder einfallen, von meiner Lautenharfe ganz zu schweigen, die ich hinter mir am Bock hängen habe. Ich muss für jeden wie eine Wanderbardin aussehen, das ist ja auch der Plan.
      »Oh, ja. Die Leute waren sehr nett und ein dankbares Publikum. Chauntea auch mit Dir, mein Freund«, antworte ich mit etwas Verspätung und wünsche ihm den Segen der Göttin des Lebens und des Wachstums als passende Erwiderung auf seinen Segen des göttlichen Sängers.
      »Gib nur auf Dich acht, Paradiesvogel, denn nach Khelb beginnt der Pass und bis Auvandell ist der Weg über einhundert Meilen so eng, dass kaum zwei Wagen aneinander vorbeikommen, außer an den Ausweichstellen. Du mit Deinem kleinen Wagen hast es natürlich leichter. Hüte Dich vor Felsen, die sich immer wieder von den Hängen lösen. Zudem soll eine neue Räuberbande in den Höhlen des Nethers hausen.«
      Mit Nether meint er natürlich das gewaltige Nethergebirge, dessen Ausläufer die Südseite meines Weges ständig im Schatten halten wird, perfekte Bedingungen für Straßenräuber. Aber davor hat mich Onkel Luthiel bereits gewarnt. Jeden Fünfttag kommt eine Patrouille Silberitter den Pass hoch bis zum Falkennest und löst die dortige Rollmannschaft ab, wie man den Teil einer Festungstruppe nennt, der ständig ausgetauscht wird. Früher schickten die Zwerge regelmäßig ihre Patrouillen aus Sundabar - früher, bevor die Orks die gewaltige Festungsstadt eingenommen und geplündert haben. Seitdem ist der Pass nicht eben sicherer geworden.
      »Hab Dank für die Warnung. Ich hoffe, selbst hartgesottene Banditen lassen eine friedfertige Bardin ziehen, vielleicht gegen eine Vorstellung und ein paar Neuigkeiten?«
      Der Bauer hebt seine Hände. »Die Zeiten sind schlecht, meine Schöne, selbst unter Fürstin Alustriels weiser Regentschaft. Verlass Dich nicht zu sehr auf das Wegerecht des fahrenden Volkes. Die alten Regeln sind seit dem Fall Sundabars auch nicht mehr so gewiss, wie sie es einst waren.«
      Ich lächle, nun schon weit weniger zuversichtlich. Dass ich gleich zu Beginn meiner Mission direkt in den Rachen einer Bestie oder vielmehr in das Jagdgebiet von Banditen reisen würde, habe ich mir so nicht vorgestellt. »Dennoch muss ich über den Pass. Hab Dank und gute Preise für Deine Waren.«
      Er winkt dankend zurück und zieht seine Maultiere weiter.

      Bis Khelb sind es etwa zwanzig Meilen, die ich ohne Zwischenfälle bis zum Abend schaffe. Noch ist der Weg gut und die Steigung kaum merklich, so dass Fenne, wie ich inzwischen die Stute getauft habe, gut vorankommt und kaum ermüdet. Überhaupt scheint mir, ohne dass ich wirklich Ahnung von Pferden habe, die scheckige kleine Stute ein echtes Konditionswunder.
      In dem winzigen Örtchen mache ich Rast und komme bei einem Bauern unter, der mir Heu und Hafer für Fenne im Gegenzug für Sang und Tratsch aus der großen Nachbarstadt gewährt. Die Bewohner des Dörfchens sind freundlich und sogar begeistert, als ich das Lied vom lustigen Goblin Smogg singe, der von seinem Stamm davongelaufen ist, weil er Friseur werden wollte. Ich lasse die Mär vom Feuerriesen Fiernasz folgen, der in den Schwertbergen bei Niewinter hausen soll und setze noch die Ballade von der wollüstigen Gräfin, die sich durch ihre schnell aufwallende und ebenso schnell wieder abkühlende Leidenschaft beständig in Schwierigkeiten bringt, hintenan. Am Ende zupfe ich noch die Melodien bekannter Volksweisen und erzähle dabei aus der großen Stadt.
      Ja, die Silberritter sind immer noch strahlend und edel. Die Magier sind nach wie vor verschroben und mysteriös und Fürstin Alustriel weiterhin ewig jung, wunderschön und Mut wie Weisheit für die ganzen Silbermarschen. Ich weiß vom Duell der Schönheiten im Sune-Hain zu berichten, Neuigkeiten der Druiden vom Goldenen Baum kundzutun und sogar von einer Ladung exotischer Waren aus dem fernen Tiefwasser, weiß ich zu erzählen. Natürlich kann sich das teure Zeug kaum jemand leisten, schon gar nicht wir, die wir hier zusammen sitzen und für unser täglich Brot hart arbeiten müssen.
      Als ich zum Ende noch meinen Pseudo-Flammendschinn herbeirufe und ihn über dem Kaminfeuer tanzen lasse, bin ich recht stolz auf meine Darbietung und die Dörfler sind aus dem Häuschen.
      Ich erwähne beiläufig, dass ich den Eindruck hatte, in der Stadt sei mir immer einmal jemand nachgeschlichen. Wahrscheinlich irgendein unheimlicher Verrückter, der sich in die rothaarige Bardin verguckt hat und ihr Übles will, aus welchen Gründen auch immer. Wer immer also hier nach mir fragen wird, dürfte in nächster Zeit auf recht verschlossene Khelber treffen, da bin ich mir sicher.
      Die erste Nacht im Bett meines Wagens verbringe ich darin nicht alleine.
      Nein, kein strammer junger Bursche aus Khelb, auch wenn es an Angeboten nicht gemangelt hat.
      Vielmehr fühle ich mich, kaum dass ich es mir gemütlich gemacht habe, von einem pelzigen Wesen sanft aber bestimmt soweit zur Seite gedrängt, sodass es neben mir Platz findet. Ich glaube, es ist Tarik. Er scheint mir der Sanftere der beiden zu sein. Irgendwann, mitten in der Nacht verschwindet er und ich werde, diesmal recht nachdrücklich, noch ein wenig mehr zur Seite geschoben. Ja, das ist ganz sicher Irkat, das freche Ding.
      Uff, eine kleine Katze kann doch nicht so stark sein, oder?


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      Tom Stark
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      Folgendes Kapitel ist sehr kurz, aber durchaus so beabsichtigt


      Baerfred und Emmett, Teil I

      »Trödel nicht so herum, du nichtsnutziger, lahmer Pulvermischer.«
      »Hähähä …«
      »Ich will heute noch das Falkennest erreichen, endlich einmal wieder ohne Wechselwache schlafen.«
      »Hähähä?«
      »Wer hat denn das gesagt, ich ganz sicher nicht. Ich bin auf jeden Fall weniger müde als du, du verrückter Knallfrosch!«
      »Bumm, bumm!«
      »Darauf wirst Du wohl jetzt ewig herumreiten! Ein Zwerg ist auch nur ein Sterblicher und Sterbliche brauchen Schlaf.«
      »Hähähä?«
      »Auch Halb-Zwerge brauchen Schlaf, Du flohverseuchte, schlechte Ausrede für einen Gnom.«
      »Bumm, hähähä.«
      »Ich bin auch nur ein schlechter Zwerg? Was weißt Du schon vom Zwergensein, hohlköpfiger Felsknuddler! Los, mach hinne!

      Während Baerfred einen schweren Rucksack zurechtrückt und seinen Bogenköcher samt dem zugehörigen Klappbogen am Gürtel richtet, sodass er jederzeit schnell darauf zugreifen kann, schwingt sein Partner Emmet seinen sichtlich leichteren Beutel über die Schulter und klemmt sich das gewaltige Rohr aus gezogener Bronze unter den Arm.
      »Bumm. Hähähä?«, fragt der Gnom den Halb-Zwergen, der forsch ausschreitet und bald einige Schritt Vorsprung hat.
      »Ob ich sauer bin? Wie kommst Du denn darauf, Du hirnloser, stummelbeiniger Winzling? Beeil' Dich eben, wenn Du mitkommen willst.«
      Trotz des patzigen Tons, verlangsamt der schwarzbärtige Lederstrumpf seinen Schritt soweit, dass der kugelbäuchige Gnom, auch mit seinen kurzen dürren Beinen und den überdimensional großen Füßen, schnell aufholen kann.
      »Bumm.«
      »Ich bin nicht extra langsamer geworden, bilde Dir das nur nicht ein. Der Weg wird nur steiler.«
      »Hähähä.
      «
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    • Ja, @Tom Stark, kurz isses in der Tat. :rofl:

      Wer die beiden nun wohl wieder sind? Der Kleine mit dem beschränkten Wortschatz und der Halb-Kleine mit dem umso größeren Repetoire an Schimpfwörtern. Bin gespannt, was du mit denen vorhast und wie die sich einfügen in die Geschichte! :D Eine vielversprechende Mischung sind sie ja schon mal. :thumbup:
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Nützliche Kunststücke

      In den frühen Morgenstunden werden meine Gastgeber wach, so wie es fleißigen Bauern auch ansteht. Natürlich stehe ich ebenfalls mit auf, auch wenn ich durch die Jahre als Berufsakademikerin eher zum Späteraufstehen neige, aber meine beiden pelzigen Fahrgenossen sorgen schon dafür, denn wenn es dämmert ist die Nacht vorüber und man (Katz) hat Hunger! Ich gebe ihnen mehrere ordentliche, noch blutige Fleischbrocken, die ich zuerst gar nicht entdeckt hätte, bis die Beiden an dem entsprechenden Fass gekratzt haben. Die Runen auf Fass und Deckel zeigen mir auch, warum ich nichts bemerkt hatte: Diese Runen sorgen dafür, dass alles, was in diesem Fass gelagert wird, bis zum nächsten Vollmond absolut frisch bleibt, also noch für die nächsten 21 Tage. Sehr praktisch. Das war bestimmt auch Rias Idee. In Sachen Planung macht ihr so leicht niemand etwas vor.
      Ich selbst werde bei der Bauernfamilie zum Frühstück eingeladen. Frischgebackenes Brot, Käse und Marmelade, hm. Während die Bäuerin abräumt und der Bauer mich bittet sitzenzubleiben, denn er will mir noch etwas holen, schaue ich mich eingehender um. Vorher war ich zu sehr mit den drei Kindern und dem Kleinkind beschäftigt, um auch nur irgendetwas anderes zu tun. Man erwartet von Barden offensichtlich, dass sie sich selbstverständlich auch um die Kinder kümmern, solange die Eltern mit Bewirten beschäftigt sind. Mir soll es recht sein, ich kann gut mit Kindern.
      Die Küche scheint mir ärmlich, aber was weiß ich denn schon? Meine Eltern waren nicht arm, Ria und Luthiel knabbern auch nicht am Hungertuch und als Lehrer verdient man in Lady Alustriels Schule bestimmt mehr, als die Bauern es sich auch nur vorstellen können.
      Dennoch fallen mir ein paar Dinge auf, die mir einfach unnötig erscheinen. So zum Beispiel dieser Eisentopf mit den Griffen, die nur noch auf einer Seite richtig dran sind, auf der anderen Seite, schon abzufallen drohen. Dann diese Porzellanschale mit dem langen Riss im Boden, wahrscheinlich das edelste Stück Geschirr im Haus. Von den Messern, deren geriffelte Klingen stumpfer sind als mein Haar, wenn ich es drei Tage nicht gewaschen habe, will ich gar nicht reden.
      Ich schnappe mir Herdegard, das Kleinste der Kinder, die schon laufen können: »Gardchen? Wollen wir ein Spiel spielen?«
      Natürlich will sie.
      Ich schaue mich ganz auffällig um, als suchte ich etwas und wippe schließlich auf meinem Stuhl, dessen Lehne ordentlich knarrt dabei. Als fiele es mir gerade eben auf, stehe ich auf, untersuche den Stuhl und finde eine angebrochene Strebe. Breit grinsend winke ich die Kleine zu mir.
      »Wollen wir zusammen ein bisschen Heilmachen-Zauberei spielen?«
      Sie kommt begeistert zu mir und ich weise sie an, mit ihren kleinen Patsche-Händchen die Strebe ganz fest an der Bruchstelle zu umschließen.
      »So, und nun kommt der Teil, bei dem Du mir helfen musst. Bist Du bereit?«
      Ich liebe Kinder in diesem Alter einfach. Sie schaut mich erwartungsvoll und voller Selbstvertrauen an ohne den allerkleinsten Zweifel daran, dass sie das, was ich nun von ihr will, auch kann.
      »Jetzt kommt der Zauberspruch. Den müssen wir gemeinsam dreimal aufsagen. Er geht so: Ritscheratsche, kaputtes Teil, sei wieder heil, sei wieder heil!«
      Nun lege ich auch meine Hände über ihre. Unmittelbarer Kontakt zum Gegenstand ist bei diesem Zauber zwar nicht zwingend erforderlich, aber hilfreich. Wichtiger ist es, genau zu wissen, was beschädigt ist, und sich jenseits aller Zweifel vorstellen zu können, wie der Gegenstand unbeschädigt aussehen muss. Eigentlich sogar, wie er in sich sein muss, aber ich will jetzt keine magietheoretische Haarspalterei betreiben. Tatsächlich ist dieser Zauber einer der ersten, die ein Magierschüler in einer Prüfung ablegen muss. Er ist simpel, soweit mir bekannt, für den Anwender völlig ungefährlich – nicht für das zu reparierende Objekt natürlich – und braucht außer einem starken Willen und dem Wissen um die Natur des Objektes nur noch die nötige Vorstellungskraft. Man könnte sagen: Das kann eigentlich jeder. Jeder, dem die Götter das Talent zur Magie gegeben haben, meine ich natürlich.
      Sie sieht, wie ich die Augen schließe, mich konzentriere und tut es mir gleich. Gemeinsam sagen wir den mächtigen Zauberspruch dreimal. Währenddessen stelle ich mir das Holz vor, die Maserung, seine innere Stärke und die Funktion der Strebe.
      » Ritscheratsche, kaputtes Teil, sei wieder heil, sei wieder heil!«
      Als wir das dreimal gemeinsam aufgesagt haben, lasse ich ein wenig Macht einfließen. Inzwischen ist natürlich die Kinderschar samt Mutter komplett anwesend, schließlich will keiner eine kostenlose Vorstellung verpassen.
      Als wir unsere Hände wegnehmen, oh Wunder über Wunder, ist die Strebe wieder ganz, besser als im Original, wage ich sogar zu behaupten.
      Natürlich wird der Stuhl nun eingehend untersucht und begutachtet. Am Ende ist man sich einig: Die Strebe ist nun stabiler als der Rest des Stuhls.
      »Tooooooll. Noch mal, noch mal, bitte, bitte!«
      Wie könnte ich Herdegards großen Kulleraugen auch widerstehen?
      Ich seufze grinsend. »Also gut. Wer kann mir noch etwas bringen, was ein bisschen kaputt ist? Nicht ganz kaputt, so gut ist Herdegard im Zaubern noch nicht und ich alleine schaffe das ohnehin nicht.«
      Die Mutter kneift ein Auge zusammen, ich zwinkere zurück.
      Schnell ist der Griffl am Topf entdeckt. »Ritscheratsche …«, und behoben ist der Schaden. Auch der Riss in der Schale, eine durchgerostete Blechkanne, ein Knochenkamm mit Zahnausfall und sogar ein angerissener Gürtel des ältesten Sohnes sind schnell geflickt.
      Ich spüre ganz allmählich ein Pochen hinter meiner Stirn. Wenn nötig, kann ich zwar den ganzen Tag so weitermachen, aber Magie zehrt dennoch an den Kräften. Doch wo ich schon einmal dabei bin und Gardchen die Kleine, selbst schon fast magisch leuchtet vor Begeisterung, beschließe ich, noch einen draufzusetzen. Nein, ich gebe nicht an. Gut, mache ich wohl, aber nur ein bisschen und es ist für ein gutes Werk, das muss erlaubt sein.
      »Also schön. Nachdem wir das inzwischen so gut geübt haben, wie wäre es, wenn wir noch eine Sache richten, aber davon einen ganzen Haufen?«
      Alle schauen mich erwartungsvoll an und ich mache eine Kunstpause, in der ich mit den Fingerkuppen meiner Rechten einen nichtexistenten Fussel am linken Ärmel abwische.
      »Ich wette, bei so vielen Kindern und einem Bauernhof hat es hier viele, sehr viele Kleidungsstücke, die entweder etwas beschädigt sind, langsam fadenscheinig werden, oder zu kurz , zu lang, zu eng oder zu weit sind?«
      Die Bäuerin lächelt geplagt. »Du hast ja keine Ahnung, Bardin. Du hast ja keine Ahnung!«
      Für einen Moment bin ich verunsichert. Sollte ich mir etwa zu viel zumuten? Egal. Versuch macht kluch.
      Ich nicke begeistert, als wäre Wäsche zu flicken, meine geheime Leidenschaft. »Bringt alles her, was ihr so habt. Du musst mir, oh Verzeihung, uns, also mir und Herdegard, aber immer ganz genau sagen, was geflickt werden muss, oder was geändert gehört.«
      Während ich mir etwas frische Milch ausbitte, irgendwo muss ich ja meine Kräfte ersetzen, wächst der Wäscheberg auf dem Küchentisch mit jeder Minute höher und höher.
      Bei jedem Kleidungsstück erklärt mir die Bäuerin, die längst die gute Gelegenheit erkannt hat, haarklein, was dort verändert werden muss. Zum Glück bin ich geschult darin, massenhaft Informationen in kurzer Zeit aufzunehmen. Nein, nicht die Magierschule, das gehört zur Ausbildung einer Harfner-Agentin, aber das ist allgemein eine sehr nützliche Technik.
      Irgendwann, ich zweifle schon, ob ich mir noch einen Riss und noch drei Finger länger hier, oder sechs Finger kürzer dort, merken kann, ist der Stapel endlich so groß, dass die Wäschestücke beim besten Willen nicht mehr liegen bleiben. Als das Erste herab rutscht, hebe ich die Hand. »Ich denke, das ist genug. Nicht, dass Herdegard hinterher noch Kopfweh bekommt.«
      Inzwischen ist sogar der Bauer herangetreten und nach anfänglichem Murren, was die ganze Wäsche hier soll, ist er nicht weniger erwartungsvoll als der ganze Rest.
      Ich betrachte den Berg und seufze innerlich. Um das alles in einem Aufwasch reparieren zu können, reicht der kleine Flickzauber nie und nimmer aus. Aber meine Trickkiste ist, nicht zuletzt dank Mellisandes Zauberbuch, tief genug.
      »Gut, gut. Alle bitte soweit zur Wand, wie es geht. Du nicht, Gardchen, Deine Hilfe brauche ich weiterhin.«
      Aus meiner Zauberzutatentasche, für jeden Unkundigen vermutlich nicht viel mehr als ein Krimskrams-Beutel, fördere ich eine Rolle mit Garn und ein Holzplättchen hervor. Beides lege ich auf einen freien Stuhl.
      »Und los geht’s. Weißt Du noch, wie der Zauberspruch geht?«
      Klar weiß sie das, inzwischen kommt er auch, schnell wie ein Pfeil von der Sehne geschossen.
      Während die Kleine den Spruch dreimal aufsagt, murmle ich meinen eigenen Zauber:

      »Skjult Tjenere, vale – establir Ratonga me tha.«
      [Unsichtbarer Diener, komm herbei – verrichte Deine Dienste nach meinem Willen]

      Wie von Zauberhand, den Phantomdiener sehe sogar ich nur schemenhaft, werden die Kleidungsstücke angehoben und in rasender Geschwindigkeit geflickt, ausgebessert und nach Wunsch verändert. Diese Art Diener ist zwar dumm wie Brot, aber dafür geschickt wie jeder Geselle in seinem Handwerk und hundertmal schneller. Wenn man ihm genau sagt, was er zu tun hat, dann kann sich das Ergebnis meistens sehen lassen.
      Über unser telepathisches Band nimmt der Unsichtbare Diener meine Anweisungen entgegen. Die immer wieder entzückten Aufschreie der Familie, wann immer ein Kleidungsstück, genäht und gereinigt natürlich, säuberlich zusammengelegt auf einem der Stühle landet, sind mir eine willkommene Ablenkung. Als schließlich alles erledigt ist, bin ich es auch. Es ist nicht so, dass der simple Grad Eins Zauber über meine Kräfte gegangen ist, aber es ist das erste Mal, dass ich ihn so exzessiv angewendet habe. Selbstverständlich habe ich auch schon Dinge nähen, meine Wohnung säubern oder mir ein vergessenes Buch von zu Hause zur Schule bringen lassen. Aber das waren verhältnismäßig einfache Aufgaben, die ich selbst schon hunderte Male ausgeführt hatte. Was das Stopfen von Wäsche und Änderungsschneiderei betrifft, besonders für einen ganzen Haufen Personen, die nicht ich sind, ist das heute meine Premiere.
      Ein wenig müde, aber zufrieden, sehe ich, wie jeder Einzelne aus der Familie seine Kleidung zusammensucht und, immer noch fasziniert aber auch hocherfreut, davonträgt.
      Unvermittelt sitze ich fast alleine in der Küche und sehe mich einem jungen Mann gegenüber, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Er wurde mir gestern als Knecht vorgestellt, der in unregelmäßigen Abständen hier gegen Tagelohn aushilft.
      »Mikla, stimmts?« Ich schaue ihn fragend an. »Hast Du auch noch etwas, was repariert werden muss? Dann müssen wir aber auf Herdegard warten.«
      Er grunzt empört. »Du musst mich nicht an der Nase herumführen, ich bin kein Kind mehr.«
      Ich lächle und hebe die Hände. »Verzeihung, mein Fehler.«
      Immer noch mustert er mich eindringlich und ein bisschen seltsam wird mir schon.
      »Kann ich Dir irgendwie sonst …«
      Bevor ich geendet habe, dreht sich Mikla auf dem Fuß um und verschwindet aus der Küche. Kurz darauf höre ich die Haustüre gehen und den Bauern rufen: »Wo willst Du hin, Bursche? Ich kann heute gut Deine Hilfe … also so was. Rennt der Bengel einfach davon, ohne etwas zu sagen.«
      Endlich kommt der Bauer wieder in die Küche, einen Krug und zwei kleine Tonbecher in den Händen, die er beide auf dem leeren Tisch abstellt.
      »Hab Dank, Bardin. Meine Familie wird es nicht wissen und ich werde es ihr auch nicht sagen, wenn Du es nicht willst. Aber ich war früher Soldat in Nesme. Ein Reiter. Und ich erkenne den Unterschied zwischen einem Barden und einem Magier, besonders, wenn ich sie zaubern sehe.«
      Nesme ist eine der Nachbarstädte Silbrgmonds, bedeutend kleiner und vielleicht hundertachtzig Meilen westwärts gelegen. Die Nesmer sind ein hartes, aber herzliches Volk und ihre Reiterei weitgeachtete Veteranen. Silbrigmond ist stolz und dankbar, Nesme als Verbündeten und Handelspartner zu haben.
      Ich hebe die Augenbrauen. »Ziemlich weit weg von zu Hause?«, frage ich ihn.
      Er brummt. »Mein Zuhause ist nun hier. In Nesme mag meine Wiege gestanden haben, aber die meiner Kinder steht nun hier.«
      Verstehend nicke ich. Hier lässt es sich wohl auch bedeutend sicherer leben, als in der kleinen Grenzstadt am Rande der Wildnis.
      »Was hat mich verraten?«
      Er schnaubt und schenkt uns beiden gut ein, ein kräftiges Kräutergebräu und hochprozentig noch dazu, wie ich sofort rieche. »Barden singen oder reimen wenigstens zu ihren Kunststücken. Und es sind gute Reime, keine Kinderreime. Außerdem sind die Ergebnisse bei Bardenzauberei, verzeih, ich will nicht respektlos klingen, eindrucksvoller.«
      Ich räuspere mich. »Gut, mein Reim war wirklich schlecht, aber das eben war Dir nicht eindrucksvoll genug?« Er erhebt seinen Becher und stößt mit mir an. Ich stürze, ebenso wie er, den Inhalt hinab und sofort explodiert etwas in meinem Bauch. Tränen jagen mir in die Augen und ich huste.
      Der Bauer lacht und schenkt uns nach. »Das ist nur der erste Becher. Die Nächsten werden immer leichter.«
      Ja, darauf wette ich. Bislang habe ich mir auf meine Trinkfestigkeit etwas eingebildet. Bin ich nicht mit Zwergen um die Häuser gezogen? Mutig nippe ich wieder am Gebräu und tatsächlich, es geht schon besser.
      »Was ich damit meine ist, dass die Barden ein großes Brimborium veranstalten, mit viel Licht, Funkeln, ein richtiges Spektakel. Immerhin wollen sie ja für ihre Kunst entlohnt werden und je mehr es blitzt und knallt, umso mehr Leute bekommen es mit.«
      Ich seufze. »Oh, damit kann ich leider nicht dienen.«
      Er winkt ab. »Ich danke Dir auf jeden Fall … Bardin. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Du bist also wirklich aus Silbrigmond, hm, und nicht durchgereist, wie Du angedeutet hast?«
      »Woher weiß Du das nun schon wieder?«
      Er lacht leise und sammelt die nun leeren Becher ein. »Ihr Silbrigmonder bringt diesen Schlag von Leuten hervor. Zaubert einem Bauern einfach beim Frühstück ein paar seiner Sorgen weg und kommt nicht einmal auf die Idee, dafür mehr als ein Dankeschön zu erwarten. Gibt es so nicht oft in der Welt, jedenfalls nicht in der, die ich kenne.«
      Er erhebt sich und reicht mir die Hand. »Ihr habt nun einen Freund in mir, Roya Rothaar.«
      Gerührt wische ich mir über die Augen, die bestimmt verräterisch glänzen, doch der Bauer hat bereits die Küche verlassen. »Draußen steht eine Kiste mit Hafer und ein Ballen Heu. Das sollte Eure kleine Langsattelstute wenigstens einen halben Mond satt machen.«
      Ohja, wir sind beim Euch und Ihr. Mir hätte ja das Du genügt, aber der Ex-Soldat kann auch nicht aus seiner Haut. Zu Magiern wahrt der einfache Mann eben eine Distanz, die er zum Barden nicht halten muss.
      Da fällt mir ein, was er gerade noch gesagt hat.
      »Langsattelstute?«, rufe ich erstaunt hinterher.
      »Ja, sie ist eine der Ponys aus Langsattel, von diesen Harpel gezüchtet. Die zieht Euch, wenn Ihr sie gut behandelt, Euren Wagen klaglos jeden noch so steilen Berg hinauf, wird vor keinem engen Pass scheuen und wenn Ihr auf dem Grat der Welt entlangfahrt. Viel bessere Zugtiere gibt es auf tausend Meilen nicht als diese Langsattelponys.«

      Meine bunte Fenne, wer hätte das gedacht?


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      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • So, für Post 25 und 28 - also die ersten beiden Teile der Reise - gibt's ein dickes Lob von mir. Du beschreibst alles so schön bunt und lässt damit die Szenerie vor den Augen des Lesers lebendig werden. Roya ist bislang umgeben von lauter liebenswerten Menschen, und das Leben scheint nur aus Sonnenschein zu bestehen. Bin gespannt, wann sich das ändert. Denn ich denke mal, das wird es definitiv. ^^
      Die Szene mit dem Bauer hat mir besonders gefallen. Er besitzt einem tiefen Familiensinn, der ihn nicht seiner Vergangenheit nachtrauern lässt und ihn sich an dem freuen lässt, was er momentan hat.

      Tom Stark schrieb:

      »Mein Zuhause ist nun hier. In Nesme mag meine Wiege gestanden haben, aber die meiner Kinder steht nun hier.«
      Wunderschöner Satz!

      Ein bisschen verwirrt war ich, als ich zu Beginn von Post 28 merkte, dass die Nacht in ihrem Wagen ereignislos verlaufen ist. Wieso? Wegen dieser Sätze:

      Tom Stark schrieb:

      Irgendwann, mitten in der Nacht verschwindet er und ich werde, diesmal recht nachdrücklich, noch ein wenig mehr zur Seite geschoben. Ja, das ist ganz sicher Irkat, das freche Ding.
      Uff, eine kleine Katze kann doch nicht so stark sein, oder?
      Da hab ich ganz fest damit gerechnet, dass jemand zu ihr in den Wagen gekommen ist. Zumal du danach den Cliffhanger gesetzt hast. :rofl:
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Tariq schrieb:

      Da hab ich ganz fest damit gerechnet, dass jemand zu ihr in den Wagen gekommen ist.
      ja, die Katzendame, die die erste Wache übernommen hatte ^^

      Und meine Enden bei Kapiteln. *seufz* Das ärgert meine Lektorin auch immer. Sie meint, ich lasse zuviel Spielraum zwischen den einzelnen Szenen.
      Aber ... aber ... aber, wenn ich genau das will?!

      :/
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    • Baerfred und Emmett, Teil II

      »Bumm ...« Es klingt erbärmlich und selbst dem bissigen Halbzwergen will kein böser Kommentar über die Lippen kommen, als er seinen Partner, den Gnom Emmett, sich so dahinschleppen sieht. Die tiefe Wunde an dessen linken Hüfte hat sich durch die Flucht im unwegsamen Gelände zudem entzündet.
      »Warte hier zwischen den großen Felsen, Du jammerndes Stück Elend.« Der sonst so überzeugende, raue Tonfall, der nahezu jeden, außer seinen Freund zu täuschen vermag, bleibt aus.
      »Hä … hä … hä…« Erschöpft sinkt der verletzte Gnom in sich zusammen. Beinahe rollt sein Bronzerohr, dessen vorderes Ende vom häufigen Gebrauch der letzten Stunden rußgeschwärzt ist, den Hang hinab, als es seinem kraftlosen Griff entkommt. Ohne Hast, er hat es schon erwartet, stellt Baerfred einen breiten, schweren Stiefel dem rollenden Rohr in den Weg und blockiert es.
      »Kumpel, Du verlierst ja dein Pusterohr? Ja, so ist es gut, mach‘ nur kurz Deine Augen zu, aber nur kurz. Wir müssen gleich weiter. Diese elenden Banditen können nicht weit sein und sie kennen diese
      schlechte Entschuldigung für das, was sie hier Berge nennen, einfach besser als wir.«
      Trotz der Worte legt er eine Decke um den erschöpften Gnom und klemmt seinen schweren Rucksack so zwischen die Felsen, dass der Verletzte nicht abrutschen kann.
      So bald kann Emmett nicht weiter, das ist nicht zu übersehen. Baerfred wird aber auch auf keinen Fall ohne seinen Partner weiterziehen. Auch wenn er den Gnom nicht ausstehen kann, der Kleine ihn andauernd aufhält, ihn ständig aufregt, sie beide immer und überall in Schwierigkeiten bringt und zudem ohnehin Schuld an jedem Unglück ist, das ihnen zustößt, gibt es in dem Herzen des Halbzwergen auch diesen einen Ort, der nur für seinen seltsamen Partner reserviert ist. Tatsache ist einfach, nach den Jahren gemeinsamer Wanderschaft hat er erkannt, dass der alte Baerfred, der eigensinnige Jäger vor der Zeit mit Emmett, der harte Hund, der es ganz alleine mit der Welt aufnehmen konnte und es auch wollte, dieser einsame Wolf ist unwiederbringlich verschwunden.
      Es tut gut, nicht mit einem offenen Auge schlafen zu müssen. Es ist angenehm, jemand zu haben, der zuhört und, da macht sich Baerfred nichts vor, es hat noch keiner auch nur annähernd so lange mit ihm ausgehalten. Und natürlich sind da die tausend kleinen Gelegenheiten, in denen der nutzlose, unfähige kleine Priester des gnomischen Ingenieur-Gottes Grond sich wider Erwarten doch als zumindest ein wenig nützlich erweist.
      Wenn er Feuer machen kann mit seinen kleinen Pülverchen, obwohl es regnet, als wolle Umberlee die Welt ersäufen und so zu ihrem finsteren Reich der Tiefe im Meer machen. Oder diese geniale Methode, wie man selbst ein räudiges Orkfell in einen weichen, seidigen Pelz verwandeln kann, sofern man so etwas überhaupt will. Dann ist da noch die Fähigkeit, trinkbares Wasser selbst aus der brackigsten Schlammpfütze zu gewinnen. Nicht zuletzt Emmetts zunehmende Fähigkeit, sich beim Hachma, diesem urzwergischen Brettspiel, was selbst die Geduld eines Elfen mitunter übersteigt, als ganz passabler Gegenspieler zu erweisen, gibt den Ausschlag.
      Baerfred würde mit Emmett gemeinsam diesen Räubern entkommen, oder gemeinsam mit ihm im Kampf gegen sie sterben. Gefangennehmen lässt er sich nicht, das ist völlig undenkbar. Kein Abkömmling von Mithrill Halle, dem legendären Zwergen-Königreich unter der Führung des Heldenhammer-Clans, wird sich jemals gefangen nehmen lassen. Schon gar nicht von zerlumpten Bauern, die aus einem nicht einmal Moradim ersichtlichen Grund, sich auf einmal aufs Landpiratentum verlegt haben.
      Andererseits, Emmett braucht Hilfe. Und zwar besser schon gestern als heute. Grondpriester verfügen zwar prinzipiell über Heilsprüche wie alle anderen Priester Fearuns auch, aber an dem halbverrückten Gnom ist leider überhaupt nichts, wie es im Prinzip sein sollte. Ob Bearfred die Räuber vielleicht zu einem Handel …?
      Entfernte Rufe erfordern seine Aufmerksamkeit. Schnell, aber ohne Hast, effizient, würde er es wohl selbst nennen, macht der Halbzwerg seine Waffen bereit. Der Klappbogen, für den er aber nur noch drei Pfeile besitzt. Die anderen stecken wohlgenutzt in irgendwelchen Körperteilen der Verfolger. Seine einhändige Streitaxt, die er genauso gut wirft, wie er damit im Nahkampf einen Schädel spaltet. Das breite Kurzschwert, welches er selbst geschmiedet hat, bevor ihm seine alte Heimat, das Reich unterm Berg, zu eng wurde. Und zuletzt, wenn alles andere scheitert, das gemein aussehende Jagdmesser, mit dem er einst sogar einen Eulenbären erledigt hat, kurz bevor ihn Emmett dann gefunden, gepflegt und vermutlich vor dem Tod bewahrt hat.
      Für einen Moment überkommt den Halbzwergen diese tiefsitzende Berserkerwut, die in seinem zwergischen Erbe verwurzelt ist. Alles in ihm drängt ihn, herauszustürmen, sich dem Feind zu stellen und seinen Freund zu beschützen. Aber natürlich drängt er diese Wut zurück, darin ist er ein Meister. Immerhin wohnt dieser Zorn schon sein Leben lang viel dichter unter der Oberfläche als bei den meisten Vollzwergen.
      »Ganz ruhig, Du nutzloser Sack von einem Gnom.« Der Gnom atmet flach, aber immerhin atmet er noch. »Wir warten hier einfach auf die Dunkelheit. Zwei Stunden, höchstens eine halbe mehr. In der Dunkelheit werden sie uns nicht finden.«
      Natürlich ist Baerfred klar, dass es zwischen den Felsen weitaus schlimmere Gefahren gibt, als die zweibeinigen Räuber und, dass diese Feinde ihre Jagdzeit in der Dunkelheit haben.


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    • Danke für die tollen Bilder. Zwar habe ich sie mir nicht ganz so vorgestellt, eher ein wenig gefleckt, wie ein schwarzer Leopard und mit kürzerem Haar, aber die zwei sind so genial, schon als Paar: Die sind gecastet, sobald es verfilmt wird! ^^


      als Kätzchen


      ausgewachsen



      (update: sorry, hab erst gerade gemerkt, dass es ja zwei Links waren)
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    • Sehr schöner Teil, Tom. Die beiden sind mir jetzt schon richtig ans Herz gewachsen.

      Tom Stark schrieb:

      Auch wenn er den Gnom nicht ausstehen kann, der Kleine ihn andauernd aufhält, ihn ständig aufregt, sie beide immer und überall in Schwierigkeiten bringt und zudem ohnehin Schuld an jedem Unglück ist, das ihnen zustößt, gibt es in dem Herzen des Halbzwergen auch diesen einen Ort, der nur für seinen seltsamen Partner reserviert ist.
      Das ist einfach nur ... weiß nicht ... genial formuliert. ;(
      Von den zweien will ich mehr hören. Unbedingt. :thumbup:

      Kleinkrambox

      Tom Stark schrieb:

      Und natürlich sind da die tausend kleinen Gelegenheiten, in denen sich der nutzlose, unfähige kleine Priester des gnomischen Ingenieur-Gottes Grond,KK sich wider Erwarten doch als zumindest ein wenig nützlich erweist.
      Hier ist ein "sich" zuviel. ^^
      Wenn du mehr "Futzelarbeit" möchtest, melde dich einfach.

      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • In den Pass hinein

      Ganz langsam lässt das schwere Gefühl im Kopf nach. Wer hätte gedacht, dass mir zwei winzige Becher Selbstgebrautes so zu schaffen machen, selbst wenn ich sie am frühen Morgen, quasi als medizinische Kur zu mir genommen habe?
      Fenne jedenfalls läuft brav voran und der Wagen folgt ihr zwangsläufig. Es ist inzwischen fast Mittag und es geht stetig bergan. Gab es tags zuvor immer wieder flache oder sogar kurze abschüssige Strecken, muss die kleine Stute heute ihr Futter wohl verdienen. In der Ferne höre ich immer wieder ein Grollen, als ob in den Bergen ein Gewitter tobt, aber es ist weit und breit keine Wolke zu sehen. Lathander, der Herr des Morgens und Gebieter über die Sonne, lässt diese vom blauen Himmel strahlen und die Berge um mich herum wie ein prachtvolles Landschaftsgemälde wirken. Noch sind die Berghänge nicht so nahe gekommen, dass es mich einengt, noch erreicht der Schatten der nördlichen Ausläufer des Nethergebirges nicht meinen Weg, aber ich sehe schon, wie die Sonne nur noch mit Mühe über die Gipfel gelangt. Trotz des Hochsommers sind einige immer noch weiß und werden es wohl für immer sein. Ein wenig erinnern sie mich an alte Weise, die zusammensitzen und milde lächelnd die Welt der Sterblichen beobachten, ohne die Absicht, jemals ungebeten einzugreifen.
      Und wieder schreckt mich der ferne Donner aus meinen tagträumerischen Ausflügen. Selbst Fenne spitzt ihre Ohren. Auch meine beiden Schattenkatzen, Tarik und Irkat, die eine sitzt links, der andere rechts neben mir auf dem Kutschenbock, schauen den Pass hoch.
      Doch eigentlich blicken sie nicht genau den Pass hoch, sondern eher in die Hügel südöstlich von uns. Noch einmal hallen die Echos eines Donners von dort zu uns. Inzwischen bin ich auch sicher, dass das kein natürlicher Donner ist. Mangels einer besseren Beschreibung, will ich ihn als blechern beschreiben, vielleicht als würde ein gewaltiger Gong geschlagen?
      Irkat fordert meine Aufmerksamkeit, indem sie eine Tatze auf meinen Unterschenkel legt. Du liebe Güte, das ist schon keine Pfote mehr, mehr eine Pranke. Meine Hand ist inzwischen kleiner, als der Fuß der hundegroßen Katze. Und ich meine damit einen großen Hund, in etwa von Sniffels Kaliber. Tarik, ihr Bruder ist erstaunlicherweise kleiner, aber vielleicht kommt der Wachstumsschub ja im Laufe des Tages? Es hat schon etwas Unheimliches, den beiden beim Wachsen zusehen zu können. Dreimal mussten wir schon anhalten um sie zu füttern. Ich nehme an, der Prozess fordert diese erhöhte Nahrungsaufnahme. Das hoffe ich auf jeden Fall. Sonst weiß ich nicht, wie lange mein Vorrat an Fleisch für diese beiden hungrigen Großkatzen noch ausreicht. Dass sie mich als Ersatznahrung betrachten könnten, glaube ich nicht mehr. Undenkbar, dass jemand der nachts noch schnurrend mit einem einträchtig geschlummert hat, einen am Morgen verspeist. Bei Fenne bin ich mir da aber nicht so sicher und will die Katzen auch gar nicht erst in Versuchung führen.
      »Irkat, Süße, was willst Du?«
      Die Katze mustert mich eingehend. Liegt da etwa ein belustigtes Funkeln in ihren Augen?
      Sie stößt mich mit dem Kopf an, gibt dieses lautlose Fauchen von sich, was ich eher spüre als höre und springt dann mit einer nonchalanten Eleganz vom Wagen, wie es sonst vielleicht nur noch Elfen können. Ich muss Fenne bewundern, wie sie nur ganz leicht den Kopf dreht und großen Katze hinterher blickt. Nicht die leiseste Spur Panik. Ob die Tiere eine Absprache getroffen haben, vielleicht eine Art Rudelsatzung vereinbart, die ich nicht mitbekommen habe?
      Binnen Sekunden ist Irkat zwischen den Felsen verschwunden, einfach in einen Halbschatten eingetaucht und nichtmehr daraus hervorgekommen. So sehr ich mich auch umsehe, sie hat sich meinem Blick entzogen.
      Frustriert, wie leicht man mir doch entwischen kann, murmle ich halblaut. »Fürwahr, das mit dem Schattenwandern stimmt wirklich. Es zu hören ist das Eine, es zu sehen, etwas ganz Anderes.«
      Tarik mustert mich ebenso mit diesem belustigten Blick – warum habe ich den Eindruck, die Katzenwelt nimmt mich gerade nicht besonders ernst – und legt dann, wie zur Beruhigung seines erregten Schützlings, seinen Kopf in meinen Schoß und beginnt zu schnurren, als ich ihn zwischen den Ohren kraule. Schon mal versucht frustriert zu sein, während man eine schnurrende Katze streichelt? Ich behaupte ja, das geht gar nicht. Zumindest mir gelingt es nicht.

      Fenne trottet gleichmäßig weiter, wie sie eigentlich bislang immer ihr Tempo selbst bestimmt hat. Andererseits kam mir auch noch nie die Idee, sie anzutreiben. Noch dreimal hören wir dieses Donnern im Laufe des Nachmittags, dann nichtmehr. Ich bilde mir ein, es kommt näher oder wir kommen ihm näher oder beides. Sorgenvoll halte ich Ausschau nach Irkat, aber Tariks Kopf liegt immer noch auf meinen Oberschenkeln, ich bilde mir sogar ein, dass er ganz leise schnarcht.
      Den Sabber, der zum Glück an meiner Hose einfach abperlt, den bilde ich mir aber nicht ein. Guter, wenngleich teurer, magischer Stoff.
      Inzwischen steht die Sonne so tief im Westen, dass sie uns geradewegs in den Rücken scheint und wir einen langen Schatten auf den Weg vor uns werfen. Der enge Pass kanalisiert die Strahlen der Hochsommersonne und das ohnehin vom Tage aufgeheizte Gestein verwandelt den Pass, der wie auf Stichwort noch steiler wird, in einen Backofen.
      Selbst das bunte Pony zeigt erste Ermüdungserscheinungen und ich beschließe, sobald wie möglich, einen Rastplatz anzufahren. Es mag gut sein, dass wir noch für zwei Stunden Sonne haben, und die Dämmerung beschert uns sicher noch einmal mindestens eine halbe Stunde gute Sicht, aber mich beschäftigt immer noch der seltsame Donner in den Bergen.
      Endlich komme ich an eine Einbuchtung an der Passstraße, die sogar recht hübsch von Branbeerbüschen und Chaunteen eingefriedet ist. Die Büsche der sauren aber genießbaren Beeren wachsen offensichtlich wild, zwischen den schnellwachsenden, genügsamen kleinen Bäumen, die viel zu regelmäßig verteilt und gut gewachsen aussehen, um auf ganz natürliche Weise so entstanden zu sein. Ganz offensichtlich wird dieser Platz regelmäßig gepflegt und wurde einst, wohl vor mehreren hundert Jahren, so angelegt. Nachdem mir das bewusst wird, erkenne ich auch Bearbeitungsspuren im Fels. Jemand hat hier ganz ordentlich Stein weggeschafft, sich aber Mühe gegeben, es nicht so aussehen zu lassen.
      Aber natürlich! Bis zum Fall Sundabars, waren auch die Zwerge Hüter des Passes. Ich hatte zwar angenommen, sie wären nur bis zum Falkennest, Silbrigmonds Passfestung, zuständig gewesen, aber es spricht gar nichts dagegen, dass sich die Silberritter und die Zwerge den Schutz des gesamten Pass zur gemeinsamen Aufgabe gemacht hatten. Eine gute Zusammenarbeit ist am Ende immer für beide Seiten von Vorteil. Und wer ist besser darin, den Fels zu bearbeiten, als die Zwerge?
      Das Abstellen der Kutsche erweist sich für mich als erste echte Herausforderung, da ich etwas vor und zurück und dann wieder vor fahren muss, bis sie so steht, dass ich schnell weiterkann und eventuellen weiteren Besuchern nicht den ganzen Platz wegnehme. Zum Glück ist Fenne so erfahren und weiß wahrscheinlich noch vor mir, ob sie vor oder zurückgehen soll.
      Im Wagen ist ein winziger Kocher, der aber für mich vollkommen ausreicht, um mir eine Gemüsesuppe zu machen, verfeinert, obwohl der Ausdruck vielleicht etwas hochgegriffen ist, mit den bitteren Beeren der Büsche.
      Ich versuche dann aus einigen gesammelten Ästen und mit Hilfe eines der bestimmt zwei Dutzend Zunderkästchen, die ich im Wagen entdeckt habe, ein Lagerfeuer zu machen. Obwohl ich mich wirklich anstrenge, das Holz kunstvoll zu einem mehrschichtigen Gebilde anordne, bekomme ich entweder nicht genug Luft hinein oder die kleine Flamme im Zunderschwamm erlischt innerhalb einer Minute, ohne mehr getan zu haben, als eines der Scheite halbherzig zu schwärzen.
      Als es endlich so dunkel ist, dass ich die Einzelheiten von Zündholz und Zunderschwamm mehr erfühle, als sehen kann, lasse ich frustriert einen Schrei los.
      »Ahhhh! Feuermachen kann doch nicht so verflixt schwer sein?!«
      Unwillkürlich schaue ich mich um, während ich das Zunderkästchen erbost zusammenpacke und in den Wagen werfe. Natürlich ist keiner hier, der mich verurteilen oder gar verdammen kann, aber der Macht der Gewohnheit ist schwer zu widerstehen. »Dann eben anders!«
      Ich schließe eine halbe Sekunde die Augen und schon sehe ich sie vor mir, die immer glimmende Glut in mir, das schwelende Feuer, welches ich sorgsam klein halte, damit es nicht ohne meinen Willen plötzlich auflodert. Das Erbe meines Großvaters, welches in meinen Adern fließt, von den Einen gefürchtet, von Anderen sogar angebetet.
      Als ich etwas meiner Frustration in die Glut leite, züngelt auch schon diese Flamme aus der Tiefe meines Wesens empor, dunkler als normales Feuer und scheinbar träge, eher wie Lava, schwer und viel heißer, als man denkt.


      »Tha teine a 'losgadh!«
      [Die Flamme entzündet das Feuer!]

      Die Worte fließen wie ein heißer Hauch über meine Lippen. Selbst mein fröhliches Wesen, kann der alten Sprache des Feuers nicht ihre Drohung zur Vernichtung und zum Verzehren nehmen. Allerdings ist da ebenso der Wunsch zum Auflodern und zum Erhellen. Das Feuer will brennen, ja sicher. Es will aber auch verändern, die Schatten in die Flucht schlagen – so jedenfalls habe ich beschlossen, mit meinem Erbe umzugehen. Wo die Einen beschlossen haben, die Gewalt des Ur-Feuer als Bedrohung zu sehen, möchte ich es als Freund des Lebens sehen. Ein Freund jedoch, den man stets ein wenig auf Abstand halten sollte und schon gar nicht bedenkenlos füttern oder ignorieren darf.
      Nicht nur ein Zweig, sondern alle Ästchen fangen zugleich Feuer und schnell muss ich die Flamme in mir wieder zur Glut eindämmen, sonst habe ich kein gemütliches Lagerfeuer, sondern innerhalb weniger Sekunde eine Hitzewelle, die mir die Haare versengt und gleich darauf nur noch einen rauchenden Aschehaufen.
      Tarik springt überrascht auf und macht instinktiv einen Satz zwischen die Felsen. Erst als er sieht, dass die plötzliche Hitze, die aus seiner seltsamen zweibeinigen Gefährtin herausgeschossen kam, sauber im kleinen Holzhaufen gebündelt ihr Ziel findet und keine weiteren Hitzestöße folgen, kommt er wieder vorsichtig zu mir und schiebt seinen Kopf unter meinen Arm.
      »Verzeih, hätte ich Dich vorwarnen sollen?«
      Ich grinse verschmitzt, erfreut endlich einmal diejenige gewesen zu sein, die für eine Überraschung gut war.
      »Bei allen Monstergottheiten! Bist Du gerade wieder ein Stück gewachsen?«
      Tarik, und es ist eindeutig Tarik, der Schattenkater, hat nun die Größe eines Sonnenfleckparders erreicht, dieser Raubkatzenart in den Savannen von Calimshan, die sogar ausgewachsene Büffel reißt.
      Nie im Leben hätte ich gedacht, dass die Schattenkatzen so groß werden würden. Und was hatte Luthiel angedeutet? Sie sind noch nicht einmal ganz ausgewachsen.
      Als ich mich neben dem großer Kater am Feuer niederlasse, kann ich mich getrost an ihn lehnen. Inzwischen wiegt er wohl wenigstens das Doppelte von mir.
      Gemütlich knurrt er, während ich ihm zwischen den Ohren den Kopf kratze. Einfaches Kraulen bemerkt er vermutlich schon gar nicht mehr.


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      Tom Stark
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    • Schöner Abschnitt, Tom. :thumbsup: Und hier habe ich auch meine vermissten Landschaftsbeschreibungen. ^^ Es ist dir gelungen, die Gegend mit Worten zu zeichnen, so dass das Kopfkino munter laufen kann. Ich mag das Pferdchen. :D
      Ja, jetzt warte ich gespannt auf die Ursache des Donners. Und auch auf Stress mit den Banditen, die der Bauer mit dem Ochsenkarren angekündigt hat. Aber wie es aussieht, hat sich Irkat wohl schon zur Aufklärung auf den Weg gemacht.

      Was mit aufgefallen ist

      Tom Stark schrieb:

      Ich muss Henne bewundern, wie sie nur ganz leicht den Kopf dreht und großen Katze hinter herblickt.
      Fenne? ^^

      Tom Stark schrieb:

      Inzwischen steht die Sonne so tief im Westen, dass sie uns unmittelbar ins Gesicht scheint.
      Laut deiner Karte müsste die Sonne eigentlichen ihnen hinten in den Wagen scheinen, wenn sie im Westen steht, oder? :hmm:
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • @Tariq

      öhm, klar, Fenne. Obwohl, ne Henne die einen ganzen Wagen zieht, wär mal was.
      Allerdings gibt es Eulenbären!
      Ha! Ich liebe mein krankes Hirn, welches aus einem Fehler eine witzige Idee macht, :crazy:

      Und natürlich hast Du vollkommen recht, die fahren ja nach Osten. :patsch:

      Verbesser ich gleich.
      Dann kommt das nächste Kapitelchen, diesmal mit etwas :pirate: :elf: und :aikido: :minigun:
      achso, :fox: kommt auch vor - also was Ähnliches!
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      Tom Stark
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    • Baerfred und Emmett, Teil III

      Der Halbzwerg spart sich jedes Wort, denn der Gnom brabbelt zwar vor sich hin, aber es ist Fieberwahn: »Toill, Toill. Co osch, ahjai, co osch« - Feuer, Feuer, so heiß, ohweh, so heiß.
      Das Gnomisch ist zwar nur sehr weitläufig mit dem Zwergischen verwandt, aber das versteht sogar Baerfred ohne Mühe. Nicht einmal ein Kommentar dazu, dass der Gnom im Delirium offenbar normal sprechen kann, kommt dem besorgten Bergläufer in den Sinn.
      Immer wieder hält er seinem Partner den Mund zu, wenn der gar zu laut wird in seinem Wahn. Aber es ist eine halbherzige Geste. Die Nacht ist still und trägt die Geräusche weit. Falls die Räuber in der Nähe sind, und daran zweifelt der Halbzwerg keine Sekunde, haben sie seinen Standort längst in Erfahrung gebracht. Also nimmt er den letzten Rest seines Wassers, flößt dem Gnom einen Schluck ein und tränkt das Halstuch, was als Lappen zum Kühlen der heißen Stirn des Fiebrigen herhalten muss.

      So entgehen ihm auch die funkelnden Augen, die ihn aus dem Schatten zweier naher, großer Findlinge beobachten. Irkat, die Besitzerin dieser Augen betrachtet den Halbzwergen in seiner Lederkleidung, die für sie überdeutlich knarzt und nach altem Schweiß sinkt. Für eine Jägerin mit ihren Sinnen, gar nicht zu verfehlen. Noch deutlicher wittert sie den Gnom. Sein Körper verströmt den verzweifelten Geruch des nahen Todes und unwillkürlich läuft der großen Katze das Wasser im Mund zusammen.
      Doch dann erinnert sie sich an die silberhaarige Zauberin. Sie hat Irkat und ihren Bruder aus dem Käfig befreit, in den man sie gesteckt hat, als man ihre Mutter getötet und ihre Haut abgezogen hat, ohne jedoch sich an ihrem Fleisch zu nähren. Für die Schattenkatze immer noch eine völlig unverständliche Untat. Wer riskiert den Kampf mit einer mächtigen Jägerin und nimmt ihr dann nur die Haut, lässt aber das gute Fleisch und die herrlichen Innereien liegen? Nur seelenlose Monster morden ohne Not. Noch weniger versteht sie bis heute, warum man sie und ihren Bruder in diesen Käfig gesteckt hat. Allerdings ist sie sich sicher, dass ihr Schicksal kein Gutes gewesen wäre.
      Kurz knurrt sie sich selbst an, innerlich, weil sie Gedanken an eine Zukunft verschwendet, die es gar nicht gibt. Seitdem diese Zauberin sie und ihren Bruder befreit und ihre Geister irgendwie größer gemacht hat, macht sie sich viele Gedanken, die zum Beispiel ihre Mutter nie gedacht hat, da ist sich Irkat sicher. Tarik, ihr kleiner Bruder, denkt noch viel mehr, aber er war auch schon immer der Klügere gewesen. Er wäre sicher der Planer im Rudel geworden, der die Beute aussucht, die Art festlegt, wie man sie am besten in die Enge treibt. Irkat wäre die gewesen, die den Todesbiss, schnell und endgültig, angebracht hätte.
      Diese Beiden dort sind keine Beute. Die Katze und ihr Bruder haben mit dem zweibeinigen Silberhaar ausgemacht, dass sie nur Vierbeiner jagen, und auch nur die, die sich nicht Gedanken über sich selbst machen können. Zentauren, zum Beispiel, oder Einhörner, sind auch keine Beute.
      Dennoch gibt es hier andere Jäger und sie haben ihre Beute bald gestellt. Zweibeinige dürfen also Zweibeinige zur Beute nehmen? Irkats Kopf wird schwer von all diesen Gedanken. Sie muss ihren klugen Bruder fragen. Oder noch besser, sie holt das weiche Rothaar mit der Stimme, die manchmal klingt wie der Gesang der Vögel.
      Irkat mag das Rothaar. Nicht so wie Tarik, aber doch genug, um sie gerne im Rudel zu haben. Darum hat sie Tarik auch zugestimmt, das Vierbein, welches die wandelnde Höhle des Rothaars zieht, nicht zur Beute zu nehmen, sondern es auch als Teil des Rudels zu betrachten.
      Unwillig schüttelt sie all diese hüpfenden Gedanken fort. Tarik und Rothaar finden, Hierherbringen!
      Klare Gedanken, klare Handlungen.
      Sie taucht tief in den Schatten ein, nutzt die gefährlichen Kurzwege durch die Schattenwelt und taucht schnell wieder in der Farbenwelt auf, ganz in der Nähe von Rothaar und Tarik. Instinktiv kennt sie den schnellsten Weg. Lange darf sie nie im Schattenland bleiben. Zu viele Feinde lauern dort. Doch die Feinde sind dumm. Können ihr nicht in die farbige Welt folgen!
      Nun hat die Katze die Witterung der drei anderen Mittglieder ihres Rudels genau in der Nase. Mit langen Sätzen jagt sie auf sie zu.

      Baerfred schließt für einen Moment die Augen. Nur ganz kurz.
      Als er sie wieder öffnet hat der Vollmond, den die Menschen und Gnome auch Selunes Rundschild, die Elfen seltsamerweise aber Sehanines gespannten Bogen nennen, irgendwie einen Satz am Himmel getan.
      Da ist er ist doch tatsächlich eingenickt, wie ein zu alter Jagdhund hinterm Ofen. »Moradim und Clangeding, das hätte ins Auge gehen können!«
      Als er sich halb aufrichtet, zuckt er zusammen und macht sich sofort wieder klein. Etwas weiter oberhalb seiner Position sieht er zwei Gestalten, die an einem großen Felsbrocken herum schieben. Erste Kiesel geben schon nach.
      »Die wollen doch nicht etwa einen Zwerg mit einem Felsen erschlagen?« Vor Empörung vergisst er jegliche Vorsicht, greift nach seiner Axt und schleudert sie mit aller Kraft.
      Ein Aufschrei und ein Körper, der den Hang hinab rollt, zeigen den erfolgreichen Treffer an.
      Der Aufschrei wird von allen Seiten ringsherum aufgenommen und bevor Baerfred weiß, wie ihm geschieht, wird er mit einem Hagel an Geschossen eingedeckt.
      Ein verhältnismäßig kleiner Stein trifft ihn an der Schulter. Trotzdem spürt der Halbzwerg sofort einen lähmenden Schmerz.
      Steinschleuder, stellt der erfahrene Bergläufer fest und geht noch tiefer in die Hocke, sitzt beinahe auf seinem Hintern.
      Weitere Steine fliegen heran und ein etwa faustgroßer Abpraller trifft Emmett an der Brust. Der Gnom hustet darauf schwach und die angeborene Nachtsicht lässt Baerfred blutige Bläschen erkennen, die mit jedem weiteren Atemstoß zwischen den Lippen des Gnoms erscheinen.
      Schnell richtet sich der Bergläufer auf, den Klappbogen im Anschlag. Gegen den Nachthimmel mit dem vollen Mond geben diverse Gestallten ganz passable Ziele ab und der Halbzwerg fackelt nicht lange.
      In einer fließenden Bewegung, die Jahrzehnte lange Übung verrät, legt er an und schießt. Treffer. Ein weiterer Schrei und die Gestalt verschwindet zwischen den Felsen. Noch ein schneller Schuss, noch ein Treffer, doch dann muss sich der Jäger wieder klein machen. Der folgende Hagel an Wurf und Schleudergeschossen ist noch heftiger. Inzwischen weiß wohl nun auch wirklich jeder seiner Feinde ganz genau, wo er sitzt.
      Obwohl ihn jeder Treffer schmerzt, legt sich Baerfred über den Körper seines Partners, um diesen abzuschirmen, auch wenn dort die Deckung deutlich schlechter ist.
      Dankbar für eine Atempause, der Dauerbeschuss hat aufgehört, sieht er eine größere und eine kleinere Gestalt zwischen den Felsen auf ihn zu schleichen.
      »Sieh an, sie schicken Späher, um zu schauen, ob wir schon tot sind. Aber noch sind wir das nicht, kleiner Pulvermischer«, informiert der Halbzwerg seinen Partner murmelnd, bewusst ignorierend, dass er von diesem schon eine Weile kein Geräusch mehr vernommen hat.
      Er richtet sich auf und brüllt den Beiden entgegen. »NOCH. NICHT. TOT.«
      Baerfred nimmt sich das Bronzerohr, welches er gleich zu Beginn der erzwungenen Rast mit einem Bumm-Pulver-Paket seines Freundes geladen hat, ganz wie er es hundert Mal beobachtet hat und nie müde geworden war zu versichern, dass ihn keine Macht der Neun Höllen dazu bringen könnte, dieses Dämonending jemals anzufassen.
      Nunja, aus den Neun Höllen kommen diese Schufte ja auch nicht, geht es ihm durch den Kopf, als er das Rohr auf die Schulter hebt, anlegt und diesen Hebel an der Seite drückt, der einen Funken erzeugt und die Ladung abfeuert. Die Entfernung ist so gering, er kann gar nicht verfehlen.
      Der harte Schlag des Rohrs gegen seinen Kopf, trifft ihn völlig unerwartet. Bei Emmett sieht das immer so leicht aus?
      Mit tiefer Befriedigung sieht er noch, wie die Explosion die beiden Schleicher von den Beinen holt, dann verliert er das Bewusstsein.


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      Karten, Bilder und Wissenswertes zur Story
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • @Tom Stark

      Spoiler anzeigen

      Eieiei, was hat sich Bearfred denn dabei gedacht?

      Tom Stark schrieb:

      Vor Empörung vergisst er jegliche Vorsicht, greift nach seiner Axt und schleudert sie mit aller Kraft.
      Wenn ich einen verletzten Kameraden beschützen muss, zieh ich doch nicht alle Aufmerksamkeit auf mich? Das konnte doch nur schiefgehen.
      Und jetzt hat's ihn auch noch ausgeknockt, das Bronzerohr mit dem Bumm-Pulver-Paket. Na gut zu wissen, dass "das weiche Rothaar mit der Stimme, die manchmal klingt wie der Gesang der Vögel" bereits auf dem Weg zu ihm ist.
      Maaaaaaann!! Was für ein böser Cliffhanger!!! :panik:


      Edit:

      Tom Stark schrieb:

      Oder noch besser, sie holt das weiche Rothaar mit der Stimme, die manchmal klingt wie der Gesang der Vögel.
      Irkat mag das Rothaar. Nicht so wie Tarik, aber doch genug, um sie gerne im Rudel zu haben. Darum hat sie Tarik auch zugestimmt, das Vierbein, welches die wandelnde Höhle des Rothaars zieht, nicht zur Beute zu nehmen, sondern es auch als Teil des Rudels zu betrachten.
      DAS ist für mich eine der schönsten Stellen in der Geschichte bisher!! :thumbsup:

      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tariq ()

    • @Tariq


      Tariq schrieb:

      Maaaaaaann!! Was für ein böser Cliffhanger!!!
      keine Sorge, heute kommt noch die Fortsetzung, bin gerade total im Flow, weil ich auch endlich weiß, wie die Geschichte auf absehbare Zeit weitergehen soll. Allerdings ist noch genug Spielraum für Wünsche - wenn also jemand etwas ganz dringend drin haben will?
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      Tom Stark
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