Das Kostbarste

    • [Kurzgeschichte]

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    • Und weiter geht's. ^^ Mit dem Teil bin ich noch nicht ganz zufrieden. Wenn ihr irgendwie Unstimmigkeiten feststellt oder Logiklücken oder eine Erklärung nicht ausreicht, dann - einfach melden. ;)
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      Der klappt den Mund zu starrt den Mann verdutzt an.
      „Eine Aufgabe ...?“, fragt er dümmlich.
      „Ganz recht“, nickt der Fremde und winkt den jungen Mann zurück an seine Seite.
      Nachdem Matthes sich wieder gesetzt hat, hört er aufmerksam und mit wachsendem Staunen zu, wie der Zauberer ihm erklärt, was er zu tun hat.
      „Du wirst dich auf eine Reise begeben“, ist das erste, was er vernimmt. Schon will er entgegnen, dass das einfach unmöglich ist wegen der Mutter, doch bevor er noch ein Wort herausbringen kann, hebt der Mann den Zeigefinger und runzelt die Stirn.
      „Nein“, meint er entschieden, „hör dir erst alles an und unterbrich mich nicht. Ich weiß genau, was du sagen willst.“
      Erst, als Matthes hastig nickt, spricht er weiter.
      „Diese Reise wird ein Jahr dauern. Du kannst aber auch eher heimkehren, das liegt bei dir. Sorge dich nicht um deine Mutter. Ingrid wird sich um sie kümmern, und es wird ihr gutgehen. Du hingegen wirst etwas für mich suchen und es mir bringen. Und zwar will ich von dir das Kostbarste, was du finden kannst. Oh …“, hier hebt der Zauberer ein wenig die Stimme, und ein belustigtes Glitzern glimmt in seinen Augen auf, als er den leicht abfälligen Ausdruck in Matthes‘ Augen bemerkt. „Glaube nicht, dass das eine leichte Aufgabe wird. Wenn du meinst, dass du jede Menge kostbare Dinge finden, sammeln und mir nach einem Jahr mir präsentieren kannst, dann irrst du.“
      Er beugt sich nach vorn und schaut dem Jungen intensiv in die Augen.
      „So funktioniert es nicht. Du darfst immer nur EINES behalten. Wenn du etwas Kostbares findest, hast du die Wahl. Entweder du behältst es und bringst es zu mir hierher zurück, oder du suchst weiter in der Hoffnung, etwas zu finden, das noch kostbarer ist. Du hast nur einen Versuch. Bringst du mir das Falsche, hast du die Truhe verwirkt.“
      Jetzt lehnt er sich wieder zurück und mustert sein Gegenüber, als müsse er prüfen, ob seine Erklärung verstanden wurde.
      „Denk daran, dass ich sie wirklich nur gegen das Kostbarste eintausche, was du finden kannst. Und ICH werde entscheiden, ob dein Mitbringsel den Tausch wert ist, denn es muss auch in meinen Augen das Kostbarste sein, kostbarer als der Inhalt der Truhe.“
      Bei diesen Worten vollführt er eine leichte Geste mit der Linken, und die Truhe ist verschwunden. Erneut öffnet Matthes den Mund, diesmal um zu protestieren, und erneut bringt ihn der erhobene Zeigefinger zum Schweigen.
      „Ich bin noch nicht fertig“, rügt der Zauberer. „Du kannst mir vertrauen, ich werde zu meinem Versprechen stehen. Hast du alles verstanden?“
      Matthes schüttelt den Kopf. „Wenn ich zurückkommen kann, wann immer ich will - woher wisst ihr dann, wenn ich wieder da bin?“
      „Ich werde es wissen, sei gewiss“, versichert der Fremde.
      „Und warum tut Ihr das für mich? Was habt Ihr mit mir zu schaffen?“
      „Das ist einfach beantwortet. Mir bedeutet diese Truhe nichts. Ich kann jedoch nicht selbst nach dem Kostbarsten suchen. Und doch will ich es besitzen. So kann man sagen, dass wir uns gegenseitig einen Gefallen tun, oder?“
      Widerwillig und immer noch skeptisch nickt der Junge.
      „Was wird Mutter sagen, wenn ich gehe?“
      „Ich habe dir schon versichert, dass ich für sie sorgen werde. Ingrid wird bei ihr sein. Sie wird dich ziehen lassen, denn sie will, dass du glücklich bist.“
      „Und wie werde ich wissen, was das Kostbarste ist?“
      „Das kann ich dir nicht sagen. Ich habe es noch nicht gefunden, obwohl ich schon viele nach ihm suchen ließ.“
      „Schon viele? Hat schon jemand etwas Kostbares gefunden für Euch und gegen die Truhe eintauschen können.“
      Jetzt lacht der Mann.
      „Nein, mein Junge.“ Einen Augenblick lächelt er noch vor sich hin, dann wird er wieder ernst. „Seit zweihundert Jahren mache ich unzufriedenen Leuten mein Angebot, doch noch niemand hat jemals etwas gegen die Truhe eintauschen können, obwohl es schon viele versucht haben.“
      „Zweihun …“, stammelt Matthes fassungslos. Seine anfängliche Euphorie, diese Truhe bald sein Eigen nennen zu können, verfliegt. „Also ist es unmöglich?“
      „Aber nein“, gibt der Fremde zurück. „Es ist im Gegenteil ganz einfach.“ Jetzt lächelt er wieder. „Also, wie ist es – willst du es versuchen?“
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Tariq ()

    • Oho! Was erblicken meine Augen da? Wundervolle Naturbeschreibungen? Durchdachte Charaktere, die sich innovativ lesen lassen? Du hast hiermit ein neues (männliches) Fangirl gewonnen Tariq, weil mir gefällt`s! :D
      Spoiler anzeigen

      Tariq schrieb:

      Der nickt, wiederum fast mechanisch,
      mechanisch hattest du bereits zuvor verwendet. Wie wäre es hier stattdessen mit "Der nickt, wiederum steif und wie von selbst"?

      Tariq schrieb:

      „Was ist schlecht daran!“, stößt Matthes hervor.
      Da halte ich ein Fragezeichen irgendwie für sinnvoler :hmm:

      Tariq schrieb:

      „Ganz recht“, nickt der Fremde und winkt den jungen Mann wieder zu sich. Nachdem Matthes sich wieder gesetzt hat,
      Das zweite würde ich glaub ich einfach rausstreichen.

      Tariq schrieb:

      Du darfst immer nur EINES behalten. Wenn du etwas Kostbares findest, hast du die Wahl. Entweder du behältst es und bringst es zu mir hierher zurück, oder du suchst weiter in der Hoffnung, etwas zu finden, das noch kostbarer ist.
      Diese Idee ist einfach nur ... *sucht nach einem Adjektiv, das nicht ganz so ordinär wie "schei*e geil"* ähm ... :doofy:

      Tariq schrieb:

      „Das ist einfach beantwortet. Mir bedeutet diese Truhe nichts. Ich kann jedoch nicht selbst nach dem Kostbarsten suchen. Und doch will ich es besitzen. So kann man sagen, dass wir uns gegenseitig einen Gefallen tun, oder?“
      Die Begründung mag ich doch mal. Ganz simpel und logisch.
      Allgemein erinnert mich deine Geschichte jetzt schon stark an ein klassiches Märchen mit modernerem Schreibstil. Einfach die Figuren selbst mit ihren Problemchen, die im Gegensatz zur sonstigen High Fantasy klein und alltäglich sind (was hier selbstredend etwas gutes ist, weil es authentisch und nicht so übertrieben wirkt) ... und allgemein der Plott! Magier, Reise ... Ey, ich finds echt supidupioberschnieke! :thumbsup:
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"
    • Ich glaube, ich hab eine Ahnung, wohin "die Reise", sprich die Story geht. Aber ich will nicht spoilern und warte geduldig ab.

      Stilistisch hab ich grad nix zu mäkeln...
      Aus aktuellem Anlass:

      Ich möchte bitte keine LIKEs mehr haben! ^^
      Wenn Dir mein Beitrag hier und anderswo gefällt, schreibs mir einfach. :danke:

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cory Thain ()

    • Wie immer zuerst - großes :danke: für euer Feedback. Bin ja echt ein bisschen verwundert, dass ihr den Teil so ohne etwas zu beanstanden geschluckt habt. Aber um so mehr freut mich das, weil ich wirklich dachte, euch komplett verwirrt zu haben mit dieser in meinen Augen etwas umständlichen Erklärung. :thumbsup:

      @Xarrot
      Spoiler anzeigen

      Das "mechanisch" hab ich hier mit Absicht zweimal gewählt an der Stelle. Ich wollte damit betonen, dass die Bewegungen wirklich gleich sind, deshalb habe ich auch noch das "fast" davor mit gedoppelt. Ich würd's deshalb gern so stehen lassen.

      Zu der Frage mit dem Ausrufezeichen:
      Das kann man als Stilmittel verwenden, wenn man einen Ausrufesatz in Form einer Frage hat. hier ist es tatsächlich so, dass Matthes sich eher mit dem Satz verteidigt als dass er wirklich eine Antwort erwartet und ihn deshalb etwas unwillig hervorstößt. Da darf ein Ausrufzeichen stehen.

      Das Doppel-"wieder" hab ich ausgebessert, da stimm ich dir zu. :patsch:

      Dankeschön für dein Lob und die interessanten Wortkreationen, in die du es verpackst! :rofl:


      @LadyK und @Cory Thain
      Bin sehr erleichtert, das zu hören. Dann kann ich ja heut Abend mit Vollgas weiterschreiben!. Danke auch an euch. :thumbsup:
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • @Etiam

      Spoiler anzeigen
      Also mich würde am Ende der Geschichte mal interessieren, ob du richtig lagst mit deiner Vermutung!! :danke: für's Vorbeischauen! ^^


      So, nächster Part. Sorry, ist wieder nicht viel länger, aber ich bemüh mich. Schließlich bin ich im Urlaub und nicht auf der Jagd. :rofl:
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      Einen Tag später ist Matthes unterwegs. Mitgenommen hat er nichts außer seinem Brotsack, den guten Wünschen von Ingrid und dem Segen der Mutter. Sein Herz ist leicht und er ist voller Zuversicht, dass er etwas ungeheuer Kostbares finden wird. Der Zauberer soll staunen! Nach zweihundert und einem Jahr bekäme die Truhe endlich einen neuen Besitzer, und seine Wünsche würden sich allesamt erfüllen. Vorbei wäre das harte, anstrengende Leben hier im Flusstal, die Knochenarbeit an der Fähre, und das ärmliche Häuschen müsste er nie wiedersehen.
      Der Fremde hat ihm nicht gesagt, wo er beginnen soll mit der Suche. Also wandert er aufs Geradewohl los, dorthin, wohin ihn seine Füße tragen.
      Da er kein Geld hat, muss er sich die Dinge, die er für kostbar erachtet, verdienen. Er erledigt dafür kleinere, ihm übertragene Aufgaben wie Reparaturen, Botengänge oder Holzhacken. Am Ende des Tages kann er dann sein gefundenes Objekt in Empfang nehmen. Da er sich geschickt anstellt beim Tauschen, wird der Wert der eingewechselten Dinge von Mal zu Mal höher. Am vierten Tag schon tauscht er einen Ring gegen eine Kette, die am Tag darauf für einen Dolch den Besitzer wechselt. Und so geht es weiter. Matthes ist aber noch lange nicht zufrieden. Das Jahr hat gerade erst begonnen, und – beflügelt von den Ergebnissen der vergangenen Tage – lenkt er seine Schritte immer weiter von seinem Zuhause weg, um noch kostbarere Dinge zu finden. Immer größer wird seine Gier, immer unzufriedener ist er mit dem, was er erhandelt.
      Irgendwann kommt der erste Tag, an der er nicht weiß, was er tun soll. Er hat eine Salbe entdeckt, die jede Krankheit heilt und will sie unbedingt haben. Doch dafür müsste er die Flamme im Topf, die niemals erlischt, hergeben. Unschlüssig, was er tun soll, fragt er den erstbesten, der ihm über den Weg läuft. Der rät ihm, die Salbe zu nehmen.
      Von da an passiert es fast jeden Tag, dass er jemanden um Rat fragen muss. Nie ist er sicher, das Kostbarste zu haben. Es ist wie ein Teufelskreis. Hat er etwas entdeckt, das er glaubt haben zu müssen, ist er bereit, jeden Preis dafür zu zahlen. Und nimmt er es endlich in Empfang, erscheint es ihm mit einem Male billig und wertlos, und er fängt von neuem an zu suchen. Die Angst, das sein kostbarster Gegenstand von dem Zauberer abgelehnt wird, ist groß. Sie beginnt sein Leben zu bestimmen. Nachts raubt sie ihm den Schlaf und tagsüber hetzt sie ihn kreuz und quer durch die Lande. Langsam glaubt er zu verstehen, was der Meister gemeint hat, als er sagte, noch niemand habe die Truhe bisher eintauschen können. Keinen Gedanken verschwendet er an die Mutter oder an Ingrid. Einzig das Kostbarste beschäftigt sein Denken und bestimmt sein Handeln, macht ihn zu einem ruhelosen Gejagten, der noch unzufriedener ist, als er vor Beginn der Reise schon war.
      Da rempelt er eines Tages auf einem Marktpatz versehentlich einen alten Mann an, und der Alte stürzt. Erst will Matthes ohne anzuhalten seinen Weg fortsetzen, denn immerfort meint er, etwas zu verpassen, wenn er nicht ohne Pause sucht. Doch dann bleibt er stehen, wendet sich um und hilft dem Gestürzten auf die Beine.
      „Ich danke dir“, meint der Alte mit brüchiger Stimme. „Ich danke dir, mein Junge. Würde es dir etwas ausmachen, mich nach Hause zu führen? Es ist nicht weit, und ich bin heute irgendwie besonders wacklig auf den Beinen.“
      „Es tut mir leid“, entgegnet Matthes hastig, nachdem er sich vergewissert hat, dass sich der Mann nicht verletzt hat bei dem Sturz. „Ich habe keine Zeit.“
      „Was treibt dich denn?“, will der nun wissen und sieht fragend zu ihm auf, weil er so gebeugt vor ihm steht.
      „Ich suche etwas“, ist die ungeduldige Antwort, „etwas Kostbares.“
      Verärgert beißt sich Matthes auf die Lippen. Warum erzählt er das dem Alten? Er sieht nicht aus, als ob er etwas Kostbares sein Eigen nennen würde, und er verschwendet wertvolle Zeit mit diesem Wortwechsel.
      „Ah, etwas Kostbares?“ Der Greis schmunzelt. „Da hätte ich etwas, was dich vielleicht interessieren könnte. Bring mich nach Hause und ich zeige es dir.“
      Jetzt ist Matthes hin und her gerissen. Soll er den Alten begleiten und damit riskieren, in der Zwischenzeit ein wertvolles Tauschobjekt zu verpassen? Oder soll er ihn stehenlassen und selbst weitersuchen?
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tariq ()

    • Tariq schrieb:

      Am Ende des Tages kann er dann sein gefundenes Objekt dann in Empfang nehmen.
      Ich würde ja vorschlagen, das zweite wegzulassen. :hmm:

      Also sehr schön wie sich die Geschichte entwickelt und auch deine Beschreibung von Matthes Suche lässt sich sehr angenehm lesen. Ich mag es, wenn der Autor einer Geschichte bei solchen Dingen nicht zu sehr ins Deatil geht und lieber das große Ganze zeigt. Allerdings hab ich nach diesem Teil ebenfalls so eine Vermutung, was es denn sein könnte, dass der Alte Mann eigentlich haben will :D
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"
    • @Tariq mir gefällt die Fortsetzung sehr gut :D ich stimme hier @Xarrot zu. Es hatte mich extrem gestört, wenn du die Suche so elendig in die Länge gezogen hättest. Ich finde, das ist das perfekte Maß :thumbsup:

      Spoiler anzeigen


      Tariq schrieb:

      Oder soll er ihn stehenlassen und selbst weitersuchen?
      Das ist die große Preisfrage! Und dann setzt du uns einfach einen Cut. Schäm dich :D

      Nein, lass dir ruhig Zeit :whistling:

      Eine kleine Vermutung habe ich auch schon, aber psst... Wir warten....
      Die Welt war voller Wunder - Man musste sie nur sehen wollen...
      -Im Tal des Falken-
    • Tariq schrieb:

      Er hat eine Salbe entdeckt, die jede Krankheit heilt
      Ha! Zurückgehen, Mutter heilen, Rest verkaufen, Magier den guten Rat geben (sehr kostbar) sich einen anderen Dummen zu suchen.
      Der Gute hat das nicht ganz zu Ende gedacht ;)

      Ja, ich weiß, das ist eine Geschichte!
      Aber das kam mir eben so spontan. :whistling:
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • @Xarrot, @LadyK, @Tom Stark
      Spoiler anzeigen
      Danke für's Vorbeischauen und euer anhaltendes Interesse. ^^

      Xarrot, ich wüsst am Ende gern, ob du richtig vermutet hast!! Würdest du es mir mitteilen?
      LadyK, das freut mich zu hören. :)
      Tom, nee, die Salbe wir ja kaum so viel Geld bringen, wie in der Truhe ist. Selbst wenn er sie verkaufen kann, sie wird irgendwann aufgebraucht sein. Wenn sie sich selbst nachfüllen würde, die Dose, jaaaaaa - dann vielleicht. Aber schön, dass du vor dem Verkauf an die Mutter gedacht hast. :D

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      So, es geht weiter. :)

      Er entschließt sich, dem Alten zu folgen, während seine Gedanken die verschiedensten Szenarien durchspielen, die nun folgen könnten. Ihr Weg führt sie aus der Stadt hinaus. Jeder Schritt, der sie vom Stadttor entfernt, lässt Matthes ungeduldiger werden. Mehrmals sieht er sich um und erwägt, zurückzugehen. Was kann der Alte ihm schon bieten?
      Endlich kommen sie an ein heruntergekommenes und windschiefes Häuschen. Mit einem Blick erfasst der junge Mann, dass diese Bleibe in einem noch wesentlichen schlechteren Zustand ist als die, in der er mit der Mutter lebt.
      Und als hätte er die Gedanken seines Begleiters geahnt, bleibt der Alte genau vor dem Zaun stehen, der aussieht, als würde der nächste Windhauch ihm den Garaus machen.
      „Komm herein“, meint er und winkt Matthes einladend zu. „Komm schon.“
      Der junge Mann muss sich tief bücken, um sich nicht den Kopf am Türbalken zu stoßen, als er vorsichtig eintritt.
      Im Haus ist es finster. Es gibt zwei Stuben, je eine rechts und links von dem winzigen Korridor. Die Türen hängen so schief in den Angeln, dass sie sich nicht schließen lassen. Und er sieht im Halbdunkel eine nicht gerade vertrauenerweckende Leiter, die wahrscheinlich auf den Dachboden führt, denn das Haus hat nur ein Stockwerk. Es ist ziemlich finster, weil der Korridor kein Fenster hat und Matthes‘ breite Schultern den Türrahmen so ausfüllen, dass kein Sonnenstrahl an ihm vorbeikommen kann. Leises Rascheln und von der Decke rieselnder Staub zeugen von unwillkommenen Mietern auf dem Dachboden - den kratzenden Füßchen nach sind es unzählige kleine Nager. Es zieht erbärmlich durch die zahlreich vorhandenen Ritzen, und trotz der warmen Jahreszeit fröstelt Matthes bei dem Gedanken, dass hier jemand lebt.
      „Komm!“
      Der Alte ist in die Stube rechts getreten. Er kramt in der Schublade eines alten Schrankes und holt eine kleine, überraschend hübsche und bunte Holzschachtel heraus.
      Geduldig wartet er, bis sich Matthes durch die ebenfalls nicht für seine Statur gemachte Tür ins Zimmer geschoben hat und nun erwartungsvoll vor ihm steht.
      „Das ist das Kostbarste, was du je sehen wirst und je gesehen hast“, meint der Alte geheimnisvoll.
      Der junge Mann beäugt das kleine Behältnis kritisch.
      „Diese Schachtel?“, fragt er zweifelnd.
      Kurz zieht der Alte die Brauen zusammen, als würde er sich über die begriffsstutzige Frage ärgern.
      „Nicht doch“, gibt er sofort zurück. „Es ist da drin.“
      Behutsam öffnet der nun den bemalten Deckel und hält Matthes die Schachtel vor die Nase, damit dieser hineinschauen kann.
      Der beugt sich ein wenig herab. Was er sieht, lässt ihn überrascht den Alten anstarren. Auf grünem Samt liegt eine Blume, nur eine einzelne Blüte.
      „Ist die echt?“, fragt er verwundert. Wenn nicht, wäre sie eine perfekte Nachbildung, gefertigt von einem unerhört talentierten Künstler.
      „Natürlich!“, kräht der Alte und strahlt ihn an.
      „Wieso verwelkt sie nicht?“
      „Weil sie eine Zauberblume ist.“ Das Strahlen verschwindet, und Matthes bemerkt nicht, wie ein leicht lauernder Ausdruck auf dem Gesicht des Alten erscheint.
      „Zauberblume? Was kann sie zaubern?“
      „Zufriedenheit.“
      Das einzelne Wort ist ganz leise gekommen, und der intensive Blick, mit dem das alte Männlein den jungen Mann mustert, hat sich noch verschärft.
      Matthes bemerkt es nicht. Er betrachtet die Blume kritisch. Fast automatisch hebt er die Hand, um sie herauszunehmen, stoppt aber und fragt höflich: „Darf ich ...?“
      Auf ein ermunterndes Kopfnicken des Alten hin ergreift er den Stiel der Blüte ganz vorsichtig und nimmt sie aus der Schachtel. Sie leuchtet in einem kräftigen Rosa, das an den Rändern der Blütenblätter in reines Weiß übergeht. Sonst ist nichts Bemerkenswertes an ihr zu entdecken.
      Verwundert legt er sie zurück.
      „Wieso denkst du, dass Zufriedenheit kostbar ist?“, fragt er den Alten.
      „Das kannst du nur beurteilen, wenn du selbst zurfrieden bist“, ist dessen Antwort. „Bist du es denn?“
      Matthes überlegt einen Augenblick. Ist er zufrieden?
      Nein. Er will das Kostbarste finden und dem Zauberer bringen. Er wird erst dann zufrieden sein, wenn diese Truhe den Besitzer gewechselt hat.
      „Viele Menschen würden ein Vermögen dafür geben, Zufriedenheit zu besitzen“, meint der Alte jetzt, und seine Stimme wird ein wenig wehmütig. „Sieh dich um“, fordert er seinen Gast auf. „Würdest du hier leben wollen?“
      Vehement schüttelt Matthes den Kopf. Niemals.
      „Ich wollte es auch nie. Doch ich habe keine Wahl. Aufgrund meiner Gebrechlichkeit bin ich nicht in der Lage, Dinge zu reparieren oder auszubessern. Mein Feld ist unbestellt, mein Garten eine unkrautüberwucherte Wüste. Um Feuerholz muss ich die Nachbarn anbetteln. Und der Weg in die Stadt zum Markt ist furchtbar beschwerlich für mich geworden. Aber seit ich sie habe“, und nun sieht er die Blume fast liebevoll an, „macht es mir nichts mehr aus. Ich bin zufrieden. Schwer vorstellbar, nicht wahr?“
      Unauffällig lässt Matthes den Blick schweifen. Man erkennt, dass der Alte sich bemüht, das baufällige Häuschen und auch das Zimmer wenigstens sauber zu halten. Durch das kleine Fenster kann er einen Blick auf den besagten Garten erhaschen. Der Alte hat nicht übertrieben.
      Grübelnd betrachtet er ihn nun. Er ist wirklich zufrieden. Man kann es spüren. Es ist kein leeres Geschwätz. Der Alte strahlt eine ruhige Gelassenheit aus.
      Ob das dem Zauberer reichen wird? Er sucht seit zweihundert Jahren nach irgendetwas, was er für kostbar erachtet. Wenn er ihm nun diese Blume bringen würde, wäre diese Suche vorbei. Die Zufriedenheit, die die rosa Blüte ihm schenken würde, wäre das Ende seiner Rastlosigkeit. Er wäre zufrieden, zufrieden mit Matthes‘ Gabe.
      Entschlossen nickt er.
      „Was kostet sie?“, fragt er den Alten schnell, bevor er wieder zaudert.
      „Sie ist unverkäuflich“, entgegnet der Alte ebenso schnell.
      „Was willst du sonst dafür haben, wenn du sie nicht verkaufst?“
      „Arbeite für mich.“
      Wieder strahlt der Alte Matthes an.
      Der glaubt sich verhört zu haben.
      „Arbeiten?“
      „Ja, arbeite für mich. Ein halbes Jahr. Du wirst reparieren, was der Reparatur bedarf. Du wirst neu bauen, was nicht repariert werden kann. Du wirst Holz hacken, mein Feld bestellen und die Ernte einbringen, meinen Garten herrichten und bepflanzen, auf den Markt gehen und einkaufen. Abends werden wir zusammensitzen und zufrieden sein mit dem Tagwerk.“
      Es ist ein hoher Preis. Ein halbes Jahr umsonst zu arbeiten kann nur bedeuten, dass diese Blume wirklich sehr kostbar ist. Doch er will sie. Er will, dass der Zauberer zufrieden ist und ihm die Truhe überlässt. Diese Blume wird es möglich machen.
      Blitzschnell rechnet Matthes nach. Die Zeit kann gerade so reichen, wenn er sich auf dem Heimweg beeilt und durch nichts mehr aufhalten lässt. Er wird nichts mehr tauschen können. Die Blume ist das letzte, was er erstehen wird.
      Der Alte sieht ihn fast fröhlich an, während er geduldig auf Matthes‘ Entscheidung wartet.
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • @Tariq Das mit der Blume finde ich wirklich schön :) (ist gar nicht mehr, wie der Fischer und seine Frau) ich bin echt gespannt, was du damit noch machst...

      Spoiler anzeigen

      Ich stelle mich bei den Vermutungen auf die Seit von @Cory Thain
      Wenn ich zum Beispiel selber etwas repariert habe, bin ich danach auch zufrieden.... Ich kann mir aber auch vorstellen, sie ein und die selbe Person sind... Wäre auch cool :whistling:
      ... Beide Varianten würden mir gefallen... Mal schauen, was du daraus machst


      LG :thumbsup:
      Die Welt war voller Wunder - Man musste sie nur sehen wollen...
      -Im Tal des Falken-
    • Hab aufgeholt :D

      Und ich glaube, sowohl Tom UND Cory haben recht :D

      weil hier alle einen spoiler haben xD

      Der alte mann ist der Magier, und Mattes wird so zufrieden sein, dass er die Truhe nicht mehr möchte xD
      Alternativ ist die Blume auch nur eine Blume. :hmm:


      Die Geschichte ist echt schön geschrieben. Man kann die ganze Zeit miträtseln und sich nie wirklich sicher, das Ende zu kenen. Bin echt gespannt, ob wir richtig liegen oder doch etwas ganz anderes kommt :D


      Genesis: Sie ist Azathoth, das amorphe Chaos in der zentralen Leere
      Josh: Meine Prophetin!
    • Tariq schrieb:

      Xarrot, ich wüsst am Ende gern, ob du richtig vermutet hast!! Würdest du es mir mitteilen?
      Mach ich natürlich! :D
      Spoiler anzeigen
      Also, tatsächlich hatte ich gar keine so konkrete Vermutung wie die anderen hier xD Allerdings bin ich auch davon ausgegangen, dass das Kostbarste kein materieller Gegenstand sein wird. Zufriedenheit war nicht so direkt das Wort, das mir in den Sinn gekommen ist. Eher etwas in der Art wie, das er lernt, die Dinge wertzuschätzen. Der Gedanke kam mir vor allem am Anfang der Reise, als zu beschrieben hast wie er durch die Gegend hetzt und sich an kaum mehr etwas erfreuen kann. Aber ist ja im Endeffekt das gleiche wie Zufriedenheit :D

      Am neuen Teil hab ich dagegen nichts zu mäkeln. Die marode Hütte des Alten hast du ganz wunderbar beschrieben und wie sich die Handlung entwickelt gefällt mir ebenfalls bestens.
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"
    • @Aztiluth @LadyK @Xarrot

      Spoiler anzeigen
      Zuerst wieder ein großes :danke: , dass ihr immer noch dabei seid und mich an euren Überlegungen teilhaben lasst, wie die Geschichte wohl ausgehen könnte. Ich freue mich sehr über euer anhaltendes Interesse!! :D Wir nähern uns nun dem vielumrätselten Ende, doch noch ist es nicht so weit. Also - noch etwas Geduld bitte. :)


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      Der sieht noch immer die Schachtel an und kaut nachdenklich auf der Unterlippe.
      „Warum willst du sie mir geben?“, fragt er unvermittelt. Wenn die Blume wirklich so kostbar ist, dann kann er nicht verstehen, wieso der Alte sich davon trennen will.
      „Ich brauche sie nicht mehr.“ Der Alte zögert keine Sekunde mit der Antwort. „Wenn die Arbeiten getan sind, die ich dir auftragen werde in diesem Zeitraum, ist es Herbst. Dann werde ich mein Haus hier verkaufen und in der Stadt bei meiner Tochter leben. Sie möchte mich schon lange bei sich haben. Und dort werde ich auch ohne die Blume zufrieden sein können. Allerdings kann ich das Haus nicht verkaufen, wenn es so aussieht wie im Augenblick.“ Er hebt bedauernd die Schultern, als müsse er Matthes um Verzeihung bitten für den maroden Zustand seines Heims.
      Und der versteht. Das ist eine einleuchtende Erklärung. Kurz muss er an seine kranke Mutter denken, doch er schiebt den im Augenblick sehr unwillkommenen Gedanken schnell beiseite.
      „Abgemacht“, meint er nun entschlossen und streckt dem Alten die Hand entgegen. „Ich arbeite ein halbes Jahr für dich und erledige die Dinge, die du mir aufträgst für Kost und Logis. An Michaelis gibst du mir die Blume und lässt mich gehen.“
      Der Alte ergreift die dargebotene Rechte mit zwei erstaunlich kräftig zupackenden Händen und schüttelt sie erfreut. „Ich danke dir. Du wirst es nicht bereuen. Was auch immer du mit dem, was du suchst, vorhast – die Blume wird diesen Zweck erfüllen. Mein Name ist Gernot.“

      Der eben erst begonnene Frühling schreitet voran und geht in den Sommer über, und der Sommer weicht dem Herbst. Matthes lebt bei Gernot und arbeitet von morgens bis abends. Wenn die Hände nach dem Feierabend ruhen, sitzt er neben Gernot auf einer neu gezimmerten Bank vor dem Haus und schnitzt oder repariert kleine Dinge. Längst hat er alles erledigt, was der Alte ihm anfangs aufgetragen hat. Das Feld ist bestellt worden, und zum Ende Juli haben Matthes und der Alte den Weizen geerntet und verkauft. Nun liegt es brach, und die schweren fetten Schollen der fruchtbaren schwarzen Erde glänzen in der Septembersonne. Frühe Äpfel reifen an dem überreich tragenden Baum im Garten. Bohnen, Zwiebeln und Karotten in den schnurgeraden Reihen der Beete und leuchtende Beeren an den Büschen neben dem Haus warten geduldig darauf, geerntet zu werden. Ein neuer, gerader Zaun zieht sich um das frisch getünchte Häuschen, an dessen Rückwand sich Feuerholz stapelt, das auf jeden Fall bis Weihnachten reichen wird. Die Leiter im Korridor, die auf den Dachboden führt, ist jetzt stabil und trittsicher. Alle Türen lassen sich wieder gut schließen, und Matthes hat sogar während des Sommers einen neuen Schornstein gemauert.

      Der September geht jetzt seinem Ende entgegen, und der Michaelistag rückt näher. Kein einziges Mal während der vergangenen Monate hat Matthes die Versuchung verspürt, weiterzureisen auf der Suche nach etwas noch Kostbarerem. Die Blume wird den Zauberer zufriedenstellen, dessen ist er sich sicher. Und die Truhe ist bereits so gut wie sein. Dann wird er für seine Mutter eine Pflegerin einstellen können. Und er selbst muss nie wieder die schwere Stake-Stange in die Hand nehmen, um das kleine Fährfloß an das andere Flussufer zu bringen. Sein Herz wird leicht bei diesen Gedanken und er kann den Tag der Abreise kaum erwarten.
      Als die letzten Früchte im Gartenbeet und an den Büschen geerntet sind und der Morgen des Michaelistages angebrochen ist, stehen sich der alte und der junge Mann nach dem letzten gemeinsamen Frühstück am Gartentor gegenüber.
      „Ich wünsche dir, dass sich deine Wünsche erfüllen, Matthes“, meint der Alte, und seine Worte haben einen derart warmen Klang, dass seinem Gast auf Zeit die Kehle ein wenig eng werden will.
      „Und ich wünsche dir einen schönen Lebensabend bei deiner Familie in der Stadt“, antwortet dieser mit rauer Stimme. „Dass du einen guten Preis für dein Häuschen erzielst und auch weiterhin so zufrieden leben kannst wie bisher, auch wenn du jetzt die Blume nicht mehr hast.“
      Sie reichen sich erneut die Hand, wie an dem Tag vor einem halben Jahr, und wieder ist der Händedruck von beiden kräftig und fest. Ein aufmunterndes Kopfnicken von Gernot, dann ergreift Matthes seinen Brotsack, in dem er die Schachtel mit der Blume sorgsam verstaut hat, und macht sich auf den Weg. Auf der Anhöhe bleibt er noch einmal stehen, schaut zurück und sieht den Alten noch immer vor dem Gartentor. Ein letztes Winken zum Abschied, dann wendet er sich fröhlich pfeifend der Stadt zu, deren Kirchtürme am Horizont schon zu sehen sind.
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • Vier Tage, nachdem er bei Gernot aufgebrochen ist, trifft Matthes auf den Fluss. Von hier aus kennt er den Weg wieder und weiß, dass er in zwei weiteren Tagen sein Tal erreichen wird.
      Sein Tal? Hat er das eben wirklich gedacht?
      Wie schon so oft während seiner relativ ereignislosen Wanderung zurück in die Heimat drehen sich seine Gedanken um das, was er dort zurückgelassen hat und um die, die auf ihn warten. Seine Mutter ...
      Der alte Gernot wird zu seiner Tochter gehen, weil diese ihn bei sich haben will. Da scheint eine ganz tiefe Liebe zwischen Tochter und Vater zu existieren, die er selbst bisher nie kennengelernt hat. Oder ist sie dagewesen und er hat sie nur nicht zulassen wollen? Ob seine Mutter ihn liebt? Seit dem Tod des Vaters hat sie nur noch ihn, den Sohn, der ihr kalt und lieblos begegnet, weil er sie für sein unbefriedigendes Leben verantwortlich macht.
      Mit einem Male verspürt er ein unangenehmes Ziehen in der Brust. Seine Hand krallt sich in sein verwaschenes Leinenhemd, direkt über seinem Herz, als er realisiert, dass das Gefühl von dort kommt. Und ein Engegefühl im Hals, das ihm zunehmend die Luft abschnürt, lässt ihn stoßweise atmen.
      Was ist das? Was passiert mit ihm ...?
      Er weiß die Antwort, als das Brennen in den Augen dazukommt. Seine Sicht verschwimmt, und ein warmer Tropfen rinnt über seine rechte Wange. Verwirrt bleibt er stehen und wischt mit den Fingern über die feuchte Spur, die er zurückgelassen hat. Tränen ...
      Er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal welche vergossen hat. Mit Sicherheit ist er noch ein kleiner Junge gewesen. Danach hat er sich nie wieder eine solche Bekundung von Schwäche erlaubt. Nicht einmal, als sein Vater gestorben ist. Eigentlich hat er mit dem Tod des Vaters auch all seine Gefühle mit diesem begraben. Sein Herz ist völlig leer gewesen seit diesem Tag. Nichts, gar nichts hat die Gelegenheit bekommen, sich darin einzunisten. Selbst dieses warme, behagliche Etwas, das er verspürt, wenn Ingrid bei ihm ist, prallt an dieser harten Schale ab.
      Nein, eigentlich ist sein Herz nicht leer. EIN Gefühl wohnt darin, so raumgreifend, dass nichts anderes Platz hat. Diese tiefe Unzufriedenheit. Dieses Gefühl, benachteiligt zu sein, das eigentliche Leben zu verpassen. Ein Gefühl, dass ihn hart und bitter macht, unfähig, seine Mutter zu lieben, unfähig, Ingrids Güte zu schätzen.
      Was sind das plötzlich für Gedanken, die ihn hier so überfallen?
      Entschlossen wischt er sich die letzte Träne ab und beschleunigt seine Schritte.

      Die letzten Strahlen der Sonne, die sie über die Wälder am Westufer sendet, begrüßen den müden Wanderer, als er zwei Tage später nach dem anstrengenden Marsch endlich im Tal ankommt, am Flussufer entlanggeht und von Ferne schon seine Hütte stehen sieht. Leichter Rauch kräuselt sich aus dem Schornstein. Jemand hat Feuer gemacht, um der abendlichen Kühle zu begegnen.
      Der Wald leuchtet noch einmal auf in den herbstlichen Farben des frühen Oktobers, bevor die Sonne verschwindet und dem wohlbekannten Nebel das Feld überlässt, der über den träge dahinfließenden Fluss herankriecht. Alles sieht genau aus wie damals, als er sein Heim verlassen hat.
      Einen Augenblick bleibt Matthes stehen. Versonnen betrachtet er das vertraute Bild, lässt es auf sich wirken und atmet unbewusst tief durch.
      Mit neuer Kraft und beflügelten Schritten nimmt er danach seinen Weg wieder auf und erreicht eine halbe Stunde später seine Hütte. Einen flüchtigen Blick nur hat er für den schiefen Zaun, der eigentlich die Tiere des Waldes von den Gemüsebeeten in Mutters kleinem Garten fernhalten soll, stattdessen aber breite Lücken aufweist.
      Kurz zögert seine Hand über der Klinke der Haustür. Was wird er vorfinden? Ob es der Mutter gut geht? Ob der Zauberer vielleicht schon da gewesen ist? Schließlich sind sie sich das erste Mal begegnet, als es Morgen gewesen ist. Was, wenn er zu spät kommt?
      Entschlossen presst er die Lippen zusammen und öffnet die Haustür. Anzuklopfen ist nicht nötig, das quietschende Gartentürchen hat sicher längst verraten, dass jemand gekommen ist.
      Als er nun im Türrahmen steht und ins Halbdunkel der Hütte schaut, verharrt er einen Moment.
      Im Schein des Feuers sieht er drei Menschen um den Tisch sitzen, und drei Gesichter wenden sich ihm zu. Auf zwei von ihnen leuchtet sofort helle Freude.
      „Matthes!“
      Ingrid springt auf, stößt den Stuhl zurück und fällt ihm mit einem Schluchzen um den Hals.
      Wie von selbst heben sich seine Arme und legen sich um ihre Mitte, während seine Hände beruhigend über ihren Rücken streichen.
      „Ich bin wieder da“, murmelt er leise.
      „Ja“, sagt seine Mutter, die ebenfalls vom Tisch aufgestanden ist, und in ihren Augen glänzen Tränen. „Du bist wieder zu Hause, mein Junge.“
      Das dritte Gesicht gehört dem Zauberer, der mit den beiden Frauen beim Abendessen sitzt. Sein Blick ruht ruhig auf dem Heimkehrer, und aus seiner Miene ist nichts ablesbar.
      Ingrid nötigt Matthes an den Tisch, an welchem - das sieht er erst jetzt - für vier Personen gedeckt ist.
      „Was ... Wusstet ihr...“, stammelt er überrascht.
      „Aber ja“, lacht sie glücklich. „Lorenz hat uns gesagt, du würdest zum Abendessen da sein. Und deshalb haben wir auf dich gewartet.“
      „Lorenz …“ Er mustert den Mann, der mit aufgestützten Armen am Tisch sitzt, verstohlen. Wie hat der wissen können, wann er eintrifft?
      „Willkommen zu Hause, Matthes“, meint dieser nun und wendet ihm jetzt ebenfalls den Blick zu. Seine grauen Augen gleiten forschend über das markante, noch immer sonnengebräunte Gesicht und über die Gestalt des jungen Mannes. „Ich sehe, das Jahr hat dir gutgetan.“
      „Ja“, gibt er einsilbig zurück, „das hat es. Was unseren Handel angeht, …“
      Lorenz hebt die Hand, und die Geste lässt Matthes innehalten.
      „Lass uns zuerst essen“, meint der Ältere. „Deine Mutter und Ingrid haben ein Festmahl bereitet. Das sollten wir würdigen.“
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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