• @kijkou



    Edit:


    Zu Teil 8:


    Hat mir gut gefallen. Zack hat sich ja ein wenig beruhigt. Und May - kriegt den Schreck ihres Lebens :D


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


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  • @kijkou den Daumen hast ja schon, aber ein kleines Feedback will ich auch noch da lassen :)



    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak



  • Kapitel 3 - Teil 1




    Ein Hoffnungsschimmer
    Das Volk der weißen Todeskrähen



    Noch früh morgens in Reboscus, einem kleinen Dorf im Süden der Insel, wurde die idyllische Stille durch zwei sich streitende Männer gestört. Sie schrien sich wütend an und wurden immer lauter. Nicht weit entfernt von ihnen saß eine verschreckte junge Frau auf einer Holzbank und versuchte verzweifelt, der Diskussion der beiden zu folgen.
    »Ich sag’s dir nicht noch einmal – das Mädchen steht mir zu! Ich bin der ältere von uns beiden, vergiss das nicht!«, rief einer der zwei Männer bestimmend.
    »Nur weil du älter bist, brauchst du nicht glauben, dass du immer deinen Kopf durchsetzen kannst! Diesmal kannst du das vergessen! Trike ist schließlich in mich verliebt!«, schrie der andere und rempelte seinen Bruder provokativ an.
    »Bitte! Solan, Kanen! Hört doch auf! Ihr sollt euch nicht streiten, ihr seid doch Brüder!«, rief Trike aufgebracht. Sie stand auf und versuchte die beiden zu Vernunft zu bringen, doch die Brüder hörten der jungen Frau nicht zu.
    »Du weißt ganz genau, dass das nicht stimmt, Kanen! Sie gehört mir und wird die Mutter meiner Kinder werden!«, brüllte Solan wütend und schubste seinen Bruder nun ebenfalls.
    »Du willst Kinder?! Du kannst ja nicht einmal für dich alleine sorgen!«, schimpfte dieser zurück.
    Trike seufzte. »Hört bitte endlich auf!!«, flehte sie die beiden an.
    »Halt dich da raus!«, brüllten die beiden Männer gleichzeitig, was die junge Frau erschreckte und sich resignierend wieder auf der Bank niedersetzen ließ.
    »Seid ihr beiden Schwerenöter schon einmal auf die Idee gekommen, die junge Dame nach ihrer Meinung zu fragen!?«, vernahmen sie plötzlich eine Stimme hinter sich.
    Ein sehr großer schlanker, jung aussehender Mann, auf dessen Schulter ein kleines Murmur saß, hatte die Diskussion der beiden mitbekommen und kam nun auf sie zu. Er hatte weißes schulterlanges Haar, das ihm teils übers Gesicht hing. In seinen glänzenden silbergrauen Augen lag ein Ausdruck von Leere. Bis auf seinen langen weißen Mantel, der im Wind wehte, war er komplett in Schwarz gekleidet.
    »Kümmer’ dich um deine eigenen Angelegenheiten!«, schrie der ältere der Brüder und holte zu einem Schlag aus.
    Der Fremde fing dessen Rechte jedoch ganz locker mit seiner linken Hand ab, während er mit der anderen einen kleinen silbernen Dolch zückte und dem jüngeren Bruder bedrohlich vors Gesicht hielt, bevor dieser ebenfalls zum Angriff ansetzen konnte. »Ich möchte, dass ihr beiden euch jetzt sofort bei dieser jungen Dame entschuldigt!«, forderte der weißhaarige junge Mann mit ruhigem, aber befehlendem Ton.
    »Was bildest du dir eigentlich ein, Fremder!? Was suchst du hier in unserem Dorf? Wer bist du überhaupt?« Solan, stellte sich nun schützend zwischen ihn und seinen jüngeren Bruder.
    »Habt keine Sorge. Ich bin nur ein Vagabund auf der Durchreise und suche nach Reiseproviant. Ich habe euren Streit rein zufällig mitbekommen und war der Meinung, ihr solltet etwas respektvoller miteinander umgehen«, meinte er erklärend und steckte den Dolch wieder in die Halterung an seinem Gürtel.
    »Das hier geht dich ja wohl wirklich nichts an! Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten! Wenn du was zu essen suchst, dann geh einfach die Straße entlang, bis du zum alten Galmir kommst. Der verkauft dir bestimmt etwas!«, meinte Kanen und zeigte ihm die Richtung.
    »Danke für die überaus freundliche Auskunft. Ich werde dort mein Glück versuchen.« Der Fremde verneigte sich kurz, warf den beiden noch einen strengen Blick zu, drehte sich dann um und machte sich auf den Weg.
    Die zwei Brüder setzten sich zu Trike auf die Bank und starrten ihm fassungslos hinterher.


    Am Ende der Hauptstraße befand sich tatsächlich eine kleine Hütte mit der Aufschrift „Galmir’s Warenhaus“.
    »Hm. Das muss es sein«, murmelte der weißhaarige Mann, trat ein und blickte sich um.
    Viele verschiedene Gerüche lagen in der Luft. Es duftete nach frisch gebackenem Brot, teuren Gewürzen und einigen anderen Lebensmitteln.
    »Verzeihung – ist jemand hier? Ich würde gerne etwas kaufen!«, rief er durch den Laden.
    Eine Dame, die gerade Kräuter- und Gewürzgläser in ein großes Regal einräumte, bat ihn, einen kurzen Augenblick zu warten und verschwand im Hinterzimmer.
    »Wir haben Kundschaft?«, ertönte eine tiefe Stimme. Ein älterer Herr kam aus dem Zimmer und sah den Fremden erwartungsvoll an.
    »Zwei Dorfbewohner haben mich zu Euch geschickt. Sie haben behauptet, Ihr bietet Lebensmittel an. Würdet Ihr mir etwas Proviant verkaufen?«, fragte der Vagabund den Mann.
    »Ja, natürlich! Galmirs Ware ist die beste!«, meinte dieser stolz.
    »Gut, dann würde ich gerne etwas Brot und vielleicht ein paar Früchte kaufen«, sagte der Vagabund freundlich und lächelte.
    »Sieh dich nur um und such dir zusammen, was du benötigst. Hier in Reboscus bin ich ohnehin der einzige Händler – deshalb sind die Preise auch nicht sonderlich hoch. Soll ja schließlich keiner verhungern«, meinte der Ladenbesitzer. Er ging wieder nach hinten, drehte sich jedoch noch einmal um. »Meine Frau wird sich dann um dich kümmern und dir alles einpacken«, fügte er noch hinzu und zog sich schließlich ins Hinterzimmer zurück.
    »Danke, das ist sehr freundlich!«, sprach der Fremde, verneigte sich dankbar und begann sich umzusehen.
    Es gab allerhand Früchte, Kisten voller Gemüse, verschiedenes Getreide, Kräuter, frisches Brot, getrocknetes Fleisch und Fisch.
    Nachdem er sich alles zusammen­gesucht hatte, stellte er es auf die Theke.
    Galmirs Frau begann nun, die Sachen einzupacken. Sie blickte zu dem großgewachsenen Mann hoch und lächelte freundlich. »Ihr habt ein Murmur als Weggefährten?«, fragte sie neugierig.
    »Ja, es begleitet mich schon sehr lange«, entgegnete er und erwiderte ihr Lächeln.
    »Ich dachte immer, die wären so scheu«, meinte die Frau verwundert. Sie reichte ihm den Leinensack, in den sie die Sachen eingepackt hatte und schmunzelte abermals. »Das macht dann vier Pahl, bitte.«
    Er bezahlte, bedankte sich noch einmal höflich und verließ den Laden. Draußen folgte er der Hauptstraße, die aus dem Dorf führte.
    Reboscus lag nicht weit entfernt von der Südküste und war nicht besonders groß.


    Der Vagabund machte sich auf den Weg Richtung Norden und nach einer Weile hielt er an und sah sich um. »Hier ist es gut. Curaris, wenn du möchtest, können wir eine kleine Pause machen, dann kannst du dir auch etwas zu Fressen suchen«, sprach er fröhlich zu dem Murmur, das auf seiner Schulter hockte.
    Das kleine Tier gab ein hohes, glucksendes Geräusch von sich und hüpfte auf und ab.
    »Ist ja gut – du hast sicher schon Hunger. Ich denke, hier können wir uns kurz ausruhen«, meinte der junge Mann. Inmitten eines kleinen Hains am Rande einer großen Ebene setzte er sich auf einen Felsen, der sich im Schatten befand. Er nahm einen kleinen, noch lauwarmen Laib Brot aus dem Leinensack und begann zu essen.
    Das Murmur zwinkerte mit seinen großen Kulleraugen, schwebte hinunter ins hohe Gras und fing an, Käfer zu jagen.
    Murmurs waren runde, dunkelblau behaarte, fliegende Tierchen, die sich von Wurzeln und Insekten ernährten. Eigentlich waren sie sehr scheu, doch dieses kleine schien irgendwie eine Ausnahme darzustellen. Zumindest dem Vagabunden gegenüber war es nicht ängstlich, sondern richtig zutraulich.
    Es flitzte hin und her und fing einige Insekten direkt aus der Luft, was der junge Mann amüsiert beobachtete, während er selbst seinen Hunger stillte.
    »Ja, wen haben wir denn hier!?«, vernahm er plötzlich eine raue, sehr unfreundliche Stimme aus der Entfernung. »Männer – hier her!! Wir haben ihn gefunden!!«
    Eine Gruppe von Soldaten ging außerhalb des kleinen Hains in Stellung.
    Der Vagabund legte sein Brot behutsam auf den Leinensack. ›Soldaten aus Memoria?‹ Er stand langsam auf. »Ihr habt nach mir gesucht? Ich denke nicht, dass wir uns zuvor schon einmal begegnet sind oder uns kennen …«, meinte er mit ruhiger Stimme.
    »Nicht direkt – aber wir haben schon lange nach dir gesucht«, sagte der Kommandant der Truppe und grinste verschlagen.
    »Schon lange nach mir gesucht? Das schmeichelt mir jetzt aber. Wie kann ich euch denn helfen?«, fragte der Vagabund verwundert.
    »Du bist der letzte von diesen verfluchten Todesvögeln!«, brüllte der Kommandant und ballte triumphierend seine Hand zu einer Faust. »Und in ein paar Minuten wird es keine mehr von euch geben«, lachte er teuflisch.
    Der weißhaarige Mann legte wortlos seinen Mantel ab und platzierte ihn vorsichtig auf dem Felsen, auf dem er zuvor noch gesessen hatte. ›Ich habe mich schon gefragt, wann es wieder dazu kommen würde …‹ Der Wind erfasste sein Haar und wehte es in sein Gesicht. Er drehte sich kurz um und warf dem kleinen Murmur einen ernsten Blick zu. »Curaris, verschwinde«, wies er dieses an, welches sogleich davonsauste und wie vom Erdboden verschluckt war.
    Der Vagabund wandte sich nun mit erwartungsvoller Miene wieder den Soldaten zu. »Was ist euer Begehren?«, fragte er ungeduldig.
    »Am besten, du stellst dich freiwillig! Das erspart dir unnötige Schmerzen und Qualen. Du kannst von Glück reden, dass unser König dich lebend will!«, rief der Kommandant, zog sein Schwert und gab seinen Männern schließlich den Befehl, anzugreifen.
    Die Soldaten stürmten auf den jungen Mann zu und griffen einer nach dem anderen an.
    Dieser war jedoch sehr schnell und unglaublich wendig. Er wich allen ihren Schwerthieben ausnahmslos aus. Sogar die Schützen waren außer Stande, ihn mit ihren Pfeilen zu treffen.
    Den ersten Ansturm von Angreifern hatte er mit Leichtigkeit überwältigt und wartete den nächsten Zug seiner Gegner ab.
    Der Kommandant bedeutete seinen Männern, dass sie sich zurückziehen sollten, was diese nach einem kurzen Moment des Zögerns auch taten.
    »Du bist nicht schlecht, aber ich habe mich genauestens über euch Missgeburten informiert!«, rief der Befehlshaber und setzte ein arglistiges Grinsen auf. Er gab zwei Soldaten ein Zeichen, worauf diese einen riesigen Käfig herbeirollten.
    Der weißhaarige Mann blickte zu dem gigantischen Käfig hinüber und in seinen Augen spiegelte sich dessen Inhalt – ein Drache.
    »Damit hättest du nicht gerechnet, was!? Dieses wunderschöne Biest haben wir in der Todesschlucht von Funesta, der Heimat der Drachen, eingefangen«, erklärte der Kommandant stolz.
    Das gigantische Wesen war rötlich braun mit schwarzen Dornen auf dem Kopf und entlang der Wirbelsäule. Es hatte leuchtend grüne Augen, die gierig aufblitzten, als es den Vagabunden erspähte.
    »Männer, lasst ihn los!!«, schrie der Kommandant voller Vorfreude.
    Gehorsam öffneten sie das Gitter und der Drache schoss wie ein Blitz gen Himmel. Gleichzeitig gab der Befehlshaber jetzt auch seinen Männern die Order, erneut anzugreifen.
    Diese näherten sich dieses Mal mit Vorsicht dem jungen Mann.
    Als der Drache schon an die hundert Meter hoch in der Luft war, machte er kehrt und steuerte zielgerichtet auf den Vagabunden zu, welcher mit dem Blick starr auf das Monstrum gerichtet seinen Dolch zückte. Das mächtige Wesen riss seinen Rachen auf und spie Feuer, so heiß, dass es vermutlich jedes Gestein hätte schmelzen können.
    Das gleißende Licht des Feuers, das nun am Himmel erstrahlte, blendete die Augen des weißhaarigen jungen Mannes. Er versuchte, diese noch mit seinem linken Arm zu verdecken und so zu schützen, doch es war bereits zu spät. Er konnte fast nichts mehr erkennen. ›Verdammt … Das war mir entfallen‹, erinnerte er sich.
    Diesen Augenblick hatte der Kommandant abgewartet und die Soldaten nutzten die Gelegenheit und griffen an.
    Mit einem schmerzvollen Schrei holte der Vagabund mit seinem Dolch aus und schleuderte die ihn attackierenden Männer zurück. Einer von ihnen hatte es geschafft, ihm sein Schwert in den Rücken zu stoßen. Mit zugekniffenen Augen hob der junge Mann angestrengt und schwer atmend nun seinen linken Arm und hielt seine Hand gen Himmel gerichtet.
    ›Ihr habt es nicht anders gewollt …‹ Er riss seine Augen auf. »Jetzt – jetzt ist genug …«, murmelte er leise. Seine silberfarbenen Augen begannen entschlossen zu funkeln und plötzlich schossen Blitze aus seiner Handfläche, die in einem enormen Umkreises um ihn herum einschlugen.
    Nachdem sich der Staub, der dabei aufgewirbelt worden war, verzogen hatte, konnte man nur noch die Überreste der Soldaten erkennen. Es waren Haufen aus Asche, die der Wind sanft über den trockenen Boden der Ebene verteilte.
    Der Drache kreiste immer noch in der Luft über dem Ort des Geschehens, stieß einen Schrei aus und setzte schließlich zum nächsten Angriff an.
    Die Augen des Vagabunden waren nach wie vor beeinträchtigt und er konnte nur verschwommene Umrisse erkennen. Er musste sich also auf seine anderen Sinne verlassen.
    Als der Drache ihm gefährlich nahe kam, wirbelte er einmal herum und warf ihm seinen Dolch genau zwischen die Augen.
    Dieser stürzte ab und zog eine tiefe Furche in den Boden.
    »Das – das war ganz schön knapp …«, hauchte der junge Mann lächelnd, atmete tief durch und sank erschöpft auf seine Knie.


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    Nächster Part

  • Sehr schöner Teil, @kijkou, besonders die Kampfszene ist echt gelungen. Drecksäcke, alle auf einen, echt mal!


    So, und nun bin ich gespannt, wer den armen Mann dann dort findet und wieder aufpäppelt. Schreib schnell weiter!! :stick:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Sehr schöner Teil *applaudiert heftig * :D


    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak


  • So, der Teil ist jetzt ein wenig länger ^^;
    "Ich hoffe nur, ihr habt etwas Nachsicht mit mir..."



    Kapitel 3 - Teil 2


    Aus der Ferne hatte Jarule, der kleine Spitzel des Königs, die Geschehnisse mitangesehen, suchte aber sogleich wieder das Weite. Er musste eine Botschaft an Aquila senden, um diesen über die jüngsten Ereignisse aufzuklären. May und Zack waren nicht die Einzigen, auf die der König ein Auge hatte.
    Aquila fürchtete das Volk, dem der Vagabund angehörte. Die Todeskrähen, wie sie genannt wurden, seien längst ausgestorben, hieß es und dieser junge Mann sei der letzte noch lebende Angehörige.
    Die Todeskrähen hatten vor dreihundert Jahren während eines großen Kriegs zwischen den beiden Großmächten Ignotus’ Memoria angegriffen und fast alles vollständig zerstört. Aus diesem Grund hatte Aquila angeordnet, jeden noch übrigen Nachkommen ihres Volkes zu vernichten, damit sie nicht noch einmal in der Lage sein würden, sich gegen sein Reich zu erheben und Memoria für immer die mächtigste Stadt auf Ignotus bleiben würde.


    Unterdessen hatten May, Zack und Jiyuu den Wald durchquert und waren unterwegs Richtung Westen.
    Abrupt blieb May stehen, blickte sich um und lauschte einen kurzen Augenblick. »Habt ihr das gehört?«, fragte sie dann.
    »Was gehört?« Jiyuu drehte sich um.
    »Keine Ahnung – hat irgendwie wie eine Explosion geklungen – oder ein Feuerwerk. Hast du’s auch nicht gehört, Zack?«, hakte May nach.
    »Hm, doch, da war irgendetwas – schwer zu sagen. War wohl ziemlich weit entfernt«, entgegnete dieser desinteressiert und deutete gen Süden.
    »Lasst uns doch einfach nachsehen!«, meinte Jiyuu impulsiv und rannte los.
    »Hey! Warte!«, riefen die beiden und liefen ihm hinterher.
    Als sie an dem Ort angekommen waren, von wo aus May glaubte, das Geräusch vernommen zu haben, war nichts außer verbrannte Erde und Asche zu sehen.
    »Seht euch das an – was ist denn hier geschehen?«, fragte Jiyuu verwundert, hockte sich hinunter und berührte den Boden. »Ganz warm …«, meinte er überrascht.
    »Vermutlich ein UFO-Landeplatz«, sagte Zack überzeugt und grinste.
    »Ein was?«, fragte Jiyuu und blickte ihn verwirrt an.
    »Nichts – Zack macht nur Spaß«, meinte May. »Du hast manchmal echt nur Dummheiten im Kopf!«, tadelte sie diesen.
    »Was denn?! Würde dich so etwas noch großartig verwundern – ich meine, nach all den Dingen, die wir jetzt schon gesehen haben?«, fragte Zack sie Bestätigung suchend. »Wären Aliens da so abwegig, hm? May?«
    »Schaut mal!«, rief sie plötzlich und deutete auf etwas, das sich etwas weiter abseits von ihnen befand, und ging darauf zu. Bei genauerer Betrachtung bemerkten sie, dass es sich dabei um einen verwundeten Mann handelte, der bewusstlos im hohen Gras lag. May wollte sich ihm nähern, doch Jiyuu hielt sie zurück.
    »Sei vorsichtig! Wir wissen nicht, wer das ist«, warnte er sie. Argwöhnisch zog er sein Schwert und schritt ganz langsam und leise auf den Verwundeten zu.
    Auf einmal öffnete dieser unerwartet seine Augen, als er Jiyuu näherkommen hörte und fuhr hoch.
    »Was – was wollt ihr!? Wollt ihr auch Ärger!?«, fragte er harsch, doch dann verließ ihn seine Kraft und er sank wieder ins Gras.
    »Ist mit dir alles in Ordnung?«, fragte May und schritt, ungeachtet dessen, was Jiyuu zuvor gesagt hatte, auf ihn zu. Sie beugte sich über den Verletzten und musterte ihn.
    »Ich …«, murmelte der Mann verwirrt, dessen Haar so weiß wie Schnee war. Dann setzte er sich blitzartig auf. »Wo – wo ist er!?«, fragte er aufgewühlt.
    »Wo ist wer?«, wollte Zack wissen und sah sich verwirrt um.
    »Der Drache …« Der junge Mann blickte sich orientierungslos um.
    »Achsooo! Der Drache – ja natürlich – klar …! Warum frag’ ich überhaupt!? Darauf hätt’ ich ja wohl selbst kommen können!«, rief Zack und fasste sich mit beiden Händen fassungslos an den Kopf.
    »Hier drüben scheint etwas Großes runtergekommen zu sein«, meinte Jiyuu, der sich ein wenig umgesehen hatte und nun in der langen tiefen Furche stand, die der Drache bei seinem Sturz gezogen hatte.
    »Dann – dann ist er vermutlich noch hier irgendwo«, sagte der Mann angespannt und blickte sich abermals um. »Curaris!«, rief er dann und schien auf etwas zu warten.
    Nach kurzer Zeit tauchte plötzlich ein kleines, blau behaartes Wesen mit großen runden Augen und zur Seite abstehenden, länglichen Ohren hinter May und Zack auf.
    »Curaris, da bist du ja!«, meinte der junge Mann erfreut.
    Das kleine blaue Wesen schwebte zu ihm hinüber und sah sich seine Verletzungen genau an. Es berührte ihn mit seiner zierlichen Schnauze, schloss seine großen Augen und dann, einen kurzen Moment später war von den Verletzungen nichts mehr zu sehen.
    »Was ist das denn für ein Tierchen?«, fragte May erstaunt, nachdem sie seine unglaubliche Fähigkeit mitangesehen hatte.
    »Das ist ein kleines Murmur. Die sind normalerweise schwer zu Gesicht zu bekommen, da sie sehr scheu sind. Eine Leibspeise der Kemai – und ihr Haar kann man gut verarbeiten«, erklärte Jiyuu, während er sich wieder zu ihnen gesellte.
    »Ja, das stimmt. Aber dieses Jungtier hier ist ein ganz besonders. Es ist schon seit einigen Jahren mein treuer Freund und Weggefährte. Seine Mutter ist höchst­wahrscheinlich getötet worden, denn es war ganz alleine im Wald, als ich es gefunden habe. Curaris hilft mir immer, wenn ich verletzt bin, so wie gerade eben, nicht wahr?«, erklärte der junge Mann und kraulte das kleine Tierchen, das vergnügt gluckste.
    »Coole kleine Pelzkugel!«, rief Zack begeistert.
    »Ja, es ist echt total süß«, stimmte ihm May lächelnd zu. »Ach, übrigens – ich bin May, und die Jungs heißen Zack und Jiyuu«, stellte sie sich und die beiden anderen vor.
    »Mein Name ist Aræ Ad Tempestas«, entgegnete der junge Mann freundlich.
    »A-Area A-Ad …?«, stammelte May. »Bitte entschuldige!«, meinte sie dann bestürzt. Sie konnte seinen Namen nicht aussprechen, was ihr auch sehr peinlich war.
    »Nennt mich einfach Tempestas«, meinte der Weißhaarige erheitert und lächelte verständnisvoll.
    »Und von wo kommst du?«, fragte Jiyuu interessiert.
    »Ursprünglich stamme ich aus Aniveûs, doch ich bin lange nicht mehr dort gewesen. Ich streife durch das ganze Land und verdiene mir meine Mahlzeiten hauptsächlich mit kleinen Aufgaben oder streiche Kopfgelder ein. Eigentlich gibt es nicht wirklich einen Ort, an dem ich lange verweile …«, erklärte er, wurde aber auf einmal abgelenkt. »Nanu!?«
    Der Anhänger seines Ohrrings fing zu pulsieren an und schimmerte.
    Tempestas strich sich sein Haar hinters Ohr und tastete danach.
    »Jiyuu, schau! Ist das etwa …?«, fragte May ganz aufgeregt.
    »Ja! Tatsächlich! Er hat auch eines dieser Amulette«, meinte Jiyuu feststellend und wollte einen genaueren Blick darauf werfen, doch Tempestas wich zurück.
    »Wir wollen es uns nur ansehen«, meinte May und zeigte ihm ihren Anhänger, der ebenfalls schwach leuchtete. »Wenn es stimmt, was wir gehört haben, hast du das dritte von drei zusammengehörigen Amuletten«, erklärte sie und hockte sich zu ihm ins Gras.
    »Drei Amulette?«, fragte Tempestas interessiert und betrachtete die Adlerfeder in Mays Dekolleté etwas genauer. Sein Anhänger stellte ein Adlerauge dar, eine Art bläulicher Kristall, der in ein helles Metall eingefasst war.
    »Wo hast du deines her?«, wollte May wissen.
    »Lass mich kurz überlegen. Ja – ich glaube, ich habe es ungefähr vor fünfzig Jahren von unserem Stammesältesten bekommen«, erzählte Tempestas nachdenklich.
    »Vor fünfzig Jahren!? Sag mal, wie alt bist du eigentlich?«, fragte Zack fassungslos.
    »Ich bin jetzt zweihundertundsiebenunddreißig Jahre alt. Warum fragst du denn so erstaunt?« Tempestas schmunzelte.
    »Weil du gerade mal wie Mitte zwanzig aussiehst?! Du bist ja schon steinalt! Ach egal – ab sofort wundere ich mich über nichts mehr.« Zack setzte sich auf den Boden und seufzte resigniert.
    »Und das dritte hat …?« Tempestas sah Zack und Jiyuu abwechselnd an.
    »Ich«, entgegnete Jiyuu. »Ich hab es von meiner Mutter«, fügte er noch hinzu und legte seine Hand schützend auf seine Brust.
    »Darf ich es sehen?«, bat der weißhaarige Mann ihn neugierig.
    Jiyuu zögerte kurz und holte es dann an der Kette hervor.
    »Eine Adlerklaue – sehr schön«, bemerkte Tempestas und schmunzelte.
    Jiyuu ließ den Anhänger gleich wieder unter seinem Gewand verschwinden. »Jedenfalls haben wir riesiges Glück, dich hier getroffen zu haben. Jetzt haben wir alle drei Adleramulette beisammen und können uns auf die Suche nach diesen Armreifen machen, von denen diese seltsame Geisterfrau gesprochen hat!«, meinte er freudig und deutete ihnen, dass er wieder aufbrechen wollte.
    May, die immer noch neben Tempestas hockte, fuhr hoch. »Hey, diese Geisterfrau war meine Nachbarin und eine sehr nette Dame!«, rief sie empört und gleichzeitig traurig, weil sie nun wieder daran denken musste, dass sie tot war.
    »Moment mal …«, unterbrach Tempestas ihre Unterhaltung und erhob sich.
    May blickte ehrfürchtig zu ihm nach oben. Mit ihren nur knapp über fünf Fuß war sie noch nicht einmal mit Tempestas’ Brust auf Augenhöhe. Er schien auch mindestens einen halben Kopf größer als Zack zu sein, der sie mit seinen beinahe sechs Fuß schon weit überragte.
    Als dieser Mays erstaunten Blick bemerkte, schmunzelte er und holte seinen weißen Mantel von dem Felsen, auf dem er ihn zuvor abgelegt hatte. Er zog ihn über und wandte sich wieder den anderen zu. »Wer sagt denn eigentlich, dass ich euch mein Amulett so einfach überlasse?«
    »Nein, nein – wir wollen es dir nicht wegnehmen. Wir – wir haben eigentlich gehofft, dass du uns begleitest«, stellte May richtig und sah ihn erwartungsvoll an.
    »Euch begleiten?«, fragte Tempestas etwas erstaunt und musterte die drei abwechselnd. »Und wohin seid ihr unterwegs?«
    »Das – das wissen wir nicht so genau«, seufzte May. Sie blickte zu Zack und Jiyuu hinüber. »Uns wurde gesagt, dass wir nach den sieben Armreifen der Elemente suchen sollen, sobald die drei Amulette vereint sind«, erklärte sie weiter. »Mehr wissen wir leider auch nicht.«
    »Und wenn ihr alle gefunden habt – was dann?«, wollte Tempestas wissen, schob seinen Ärmel etwas hoch und legte einen glänzenden Reif frei, der sich an seinem linken Handgelenk befand. Dieser bestand aus einem gelblich, schimmernden Gestein und war mit einigen merkwürdigen und undefinierbaren Gravuren verziert.
    »Du – du besitzt bereits einen davon?!«, rief Jiyuu überrascht und betrachtete ihn fasziniert.
    »Nun, ich weiß nicht, ob ihr nach Armreifen wie diesem sucht, doch die Bezeichnung „Armreif der Elemente“ würde zu meinem hervorragend passen. Ich habe ihn in einer Höhle in Aniveûs gefunden. Nachdem ich ihn über meine Hand gestreift habe, hat er sich plötzlich enger zusammengezogen, sodass ich ihn nicht mehr über meine Hand bekomme. Es ist unmöglich, ihn nun wieder abzunehmen. Er ist jedoch sehr nützlich, denn er besitzt die Kraft, Blitze zu erzeugen«, erklärte Tempestas und streifte seinen Ärmel wieder nach unten.
    »Ja, das muss eindeutig einer dieser Armreifen sein! Die Anhänger schimmern genau in der gleichen Farbe dieses Reifs«, meinte Jiyuu und zeigte auf Mays Adlerfeder.
    »Ja, du hast recht. Es schimmert gelblich«, entgegnete sie überrascht.
    »Und hiervon soll es noch sechs weitere geben?«, wollte Tempestas wissen und wirkte zusehends interessierter. »Es wäre wirklich verlockend, zu erfahren, welche Wirkung man noch mit diesen Armreifen erzielen kann, wenn ihnen ein anderes Element innewohnt.«
    »Ja, aber nicht nur das – mit ihnen kann man auch angeblich einen heiligen Goldadler beschwören und mit seiner Hilfe, könnten wir bestimmt wieder nach Hause zurückkehren!«, erklärte May aufgeregt.
    »Den Schutzgott Ignotus’?« Der große Mann verschränkte seine Arme.
    »Also – kommst du nun mit uns?«, fragte Jiyuu schon ungeduldig. »Je früher wir diesen Gott um Hilfe bitten können, desto besser.«
    Tempestas überlegte. »Davon habe ich schon einmal gehört – diese Amulette und der Schutzgott Ignotus’. Nun, ich habe mein nächstes Reiseziel noch nicht beschlossen«, meinte er nachdenklich und runzelte die Stirn. »Gut, einverstanden – ich werde euch begleiten«, stimmte er schließlich zu und nickte. »Es gibt zwar nichts, wobei dieser Gott mir behilflich sein könnte …«, seufzte er. »Aber das Ganze klingt nach einer interessanten und spannenden Reise.« Er lächelte fröhlich.
    »Wunderbar! Da freue ich mich!«, rief May dankbar.
    »Ich hoffe nur, ihr habt etwas Nachsicht mit mir. Ich bin es nicht mehr gewohnt, in Gesellschaft zu reisen«, meinte er etwas unbeholfen. »Also, wo wollt ihr mit der Suche beginnen?«, fragte Tempestas entschlossen.
    »Das ist eine wirklich sehr gute Frage …«, meine Zack und blickte Jiyuu erwartungsvoll an.
    »Ich – ich hab’ keine Ahnung«, meinte dieser zögerlich.
    »Ich denke, keiner von uns hat eine Ahnung, wo genau wir hier sind oder wo wir suchen könnten«, seufzte May beschämt.
    »Ich verstehe …« Tempestas überlegte kurz. »Ich denke, wir sollten zunächst einmal mehr über die Reifen in Erfahrung bringen. Lasst uns doch nach Paludes gehen. Dort lebt ein Medium, das auch als Priester, Magier und Seher bekannt ist und man sagt, es sei allwissend. Wenn uns jemand etwas Genaueres sagen kann, dann bestimmt das Medium«, schlug er vor.
    »Das klingt nach einem guten Plan! Dann lasst uns gleich aufbrechen«, entgegnete Jiyuu enthusiastisch und ging auf ihn zu. »Ach ja – das gehört vermutlich dir.« Er hielt Tempestas den Dolch entgegen, den er zuvor bei der Absturzstelle des Drachen gefunden und aufgehoben hatte.
    »Aber der war doch – den habe ich doch vorhin … Hmm, das ist wirklich seltsam … Ich glaube nicht, dass der Drache ihn selbst …«, murmelte dieser verwirrt und etwas beunruhigt vor sich hin. Schließlich nahm er den Dolch von Jiyuu entgegen. »Ich danke dir«, sagte er freundlich und steckte ihn wieder ein. »Ich muss euch aber warnen – Paludes ist nicht ungefährlich. Es handelt sich um ein Sumpfgebiet, wo man sich sehr leicht verirren kann. Dort treibt sich auch eine Vielzahl angriffslustiger Kreaturen herum«, unterrichtete er die drei.
    »Wo genau liegt Paludes?«, fragte May ihn.
    »Paludes liegt ganz im Norden«, entgegnete dieser und deutete über die große Ebene in die Ferne.
    »Und wie lange werden wir dort hin brauchen?«, wollte Jiyuu wissen.
    »Hmm, also ich schätze, wir werden bestimmt einige Tage unterwegs sein. Hinter dieser großen Ebene von Wiesen und Feldern liegt ein Wald. Wenn wir diesen durchquert haben, kommen wir an einer Stadt vorbei. Dort sollten wir dann auf jeden Fall die Nacht verbringen und uns nach Proviant für die nächsten Tage umsehen«, erklärte er. Tempestas schien sich hervorragend auf Ignotus auszukennen, was für die anderen eine nicht nur sehr willkommene Begebenheit war, sondern ihnen auch endlich Hoffnung schenkte.
    »Yeah, jetzt haben wir einen richtigen Tourguide!«, meinte Zack vergnügt.
    »Tourguide?« Tempestas warf ihm einen verwirrten Blick zu.
    »Das kannst du dir gleich merken – den dort musst du nicht ernst nehmen«, erklärte May ihm auf Zack verweisend und kicherte.
    »Hey! Sei nicht so fies!«, beschwerte sich dieser beleidigt.
    Tempestas sah die beiden etwas ratlos an und lächelte unbeholfen.
    »Sag mal – was ist das denn für eine Stadt, die auf dem Weg nach Paludes liegt?«, fragte Jiyuu ihren neuen Weggefährten neugierig.
    »Die Stadt heißt Evalida und ist ziemlich groß. Da sie sehr zentral auf Ignotus liegt, trifft man dort viele Reisende aus dem ganzen Land an. Sie ist das Handelszentrum schlechthin und man findet dort wirklich alles«, erklärte er freundlich.
    »Kann ich mir dort auch Pfeile kaufen?«, erkundigte sich May und deutete auf ihren Bogen.
    »Aber natürlich« Tempestas lächelte.
    »Ich habe meinen Bogen bisher noch nie benutzt …«, erwähnte sie ein wenig beschämt. »Aber ich hab’ ihn auch erst seit drei Tagen. Ich muss unbedingt lernen, damit umzugehen – aber allzu schwer kann das ja nicht sein«, meinte sie optimistisch und lächelte.
    »In Evalida gibt es bestimmt auch einen Schießübungsplatz. Es gibt im West-Viertel einen ganzen Bezirk, der eigens für das Kampftraining ausgelegt worden ist. Dort befindet sich sogar eine Kampfarena, in der sich viele starke Kämpfer messen«, erzählte Tempestas.
    »Hast du dort auch schon teilgenommen?«, wollte Jiyuu wissen.
    »Ich? Aber nicht doch.« Tempestas schmunzelte. »Die meisten Teilnehmer sind unzivilisierte Schläger, die sich etwas beweisen wollen. Sicher gibt es auch wirklich starke Kandidaten, die die Kampfkünste ehren, aber wie gesagt – der Großteil will nur auf sich aufmerksam machen und Preisgelder kassieren.«
    »Lasst uns endlich mal losgehen, wir werden ja sowieso alles sehen«, meinte Zack ungeduldig. Er war schon sichtlich genervt. Alles hier war verwirrend und er machte sich auch sehr große Sorgen um Susan, seine jüngere Schwester, da sie immer noch keine Ahnung hatten, was aus all den anderen Passagieren geworden war.
    Der Stadt Memoria, die sich nahe der Stelle befand, an der sie gestrandet waren, hatten sie den Rücken gekehrt und wussten nun nicht, wo sich die anderen sonst noch aufhalten konnten.
    »Er hat recht. Lasst uns los!«, stimmte Jiyuu Zack zu und reichte diesem, der immer noch auf dem Boden saß, seine Hand, um ihm aufzuhelfen. »Tempestas, du kennst den Weg?«, fragte er dann.
    »Jawohl! Erst einmal über die Ebene und immer in Richtung Norden. Komm, Curaris!«, rief Tempestas seinem kleinen Gefährten zu.
    Das kleine Murmur, das in der Zwischenzeit Insekten gejagt hatte, ließ sich sogleich auf seiner Schulter nieder.
    »Ach, bevor ich es vergesse – um eine Sache möchte ich euch aber noch bitten«, meinte Tempestas nun sehr ernst. »Erwähnt anderen gegenüber nichts über meine Herkunft.«
    »Dass du aus Aniveûs stammst, meinst du?«, fragte Jiyuu.
    »Ja, es gibt sehr viele Gerüchte, die über mein Volk verbreitet worden sind und viele Menschen fürchten und hassen mich und meinesgleichen«, entgegnete Tempestas erklärend.
    »Wenn dir das unangenehm ist, keine Sorge – wir sagen nichts«, versicherte ihm May. »Was sind das denn für Gerüchte, die die Leute so verschrecken?«, fragte sie vorsichtig.
    »Wenn ihr einfach kein Wort darüber verliert, wird es bestimmt keine Probleme geben«, meinte er lächelnd ohne weitere Erklärungen, drehte sich um und ging voraus.
    May, Zack und Jiyuu warfen sich gegenseitig verwunderte Blicke zu, akzeptierten jedoch seine Bitte und folgten ihm.


    -----------------------------------------------------------


    Nächster Part

  • Hm, @kijkou,


    also wie immer klasse geschrieben, aber hier muss ich sagen, das ging mir ein bisschen zu schnell. Sie grübeln noch über das, ...


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Hi Tariq ^^

    Liebe Grüße, kij

  • Schöner, aber auch schneller Part. Da muss ich @Tariq recht geben... Lass Ihnen Zeit sich kennen zu lernen oder was auch immer. Aber es wirkt sehr gehetzt, wenn du sie gleich zusammenbringst. Das wirkt zu gestellt und ist weit von dem entfernt, wie deine Geschichte bisher ist. Hoffe, ich trete dir damit nicht auf die Füße X/ aber die vier werden bestimmt eine witzige Truppe abgeben :D


    Ich hoffe ja wirklich, dass jeder Armreif eine andere Kraft hat, das wäre richtig cool :thumbsup:


    Bis dahin :)

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Schöner, aber auch schneller Part. Da muss ich @Tariq recht geben... Lass Ihnen Zeit sich kennen zu lernen oder was auch immer. Aber es wirkt sehr gehetzt, wenn du sie gleich zusammenbringst. Das wirkt zu gestellt und ist weit von dem entfernt, wie deine Geschichte bisher ist. Hoffe, ich trete dir damit nicht auf die Füße X/ aber die vier werden bestimmt eine witzige Truppe abgeben :D


    Ich hoffe ja wirklich, dass jeder Armreif eine andere Kraft hat, das wäre richtig cool :thumbsup:


    Bis dahin :)

    Hm... Nur wie? XD
    Ab wo wirkt es denn gehetzt? Dass sie zusammengefunden haben, ist kein Zufall, erfährt man aber erst...
    Oder meint ihr, dass sie zu schnell gemeinsam losziehen? ?(
    ^^ Tu mir grad schwer, weil ich ja alle Spoiler im Kopf hab XD

  • Hallo @kijkou, hallo @LadyK,


    also ich meinte tatsächlich, dass sie sich für meinen Geschmack einfach zu schnell begegnen. Irgendwie fehlt mir ein bisschen mühseliger Suche nach dem Dritten. So wirkt es tatsächlich ein bisschen 'konstruiert'. Aber kann auch sein, dass ich das falsch sehe. War nur mein erster Eindruck nach dem Lesen.


    Dass sie gemeinsam losziehen, ist schon fast Pflicht, :D nachdem sich gezeigt hat, dass Tempestas schon einen Armreif hat und außerdem den dritten Anhänger.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    ___________________

  • Zitat von Tariq

    also ich meinte tatsächlich, dass sie sich für meinen Geschmack einfach zu schnell begegnen. Irgendwie fehlt mir ein bisschen mühseliger Suche nach dem Dritten. So wirkt es tatsächlich ein bisschen 'konstruiert'. Aber kann auch sein, dass ich das falsch sehe. War nur mein erster Eindruck nach dem Lesen.

    Ja, so sehe ich das auch. Denke, wenn du zwischen den Begegnungen noch etwas Zeit schaffst (müssen ja nicht ewig lange Kapitel sein), würde der Eindruck, dass es gestellt ist etwas eindämmen ;)


    Zitat von Tariq

    Dass sie gemeinsam losziehen, ist schon fast Pflicht, nachdem sich gezeigt hat, dass Tempestas schon einen Armreif hat und außerdem den dritten Anhänger.

    Die haben ja eigentlich gar keine andere Wahl gehabt :D

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


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    Die Kriegerin von Catrellak

  • Erst mal entschuldigung das ich so nachhinke. Ich gb mein bestes, hab nur viel zu tun im Moment.

    Hektisch sah er sich um und sprang dann ohne zu zögern auf ein Fass, sodass er die Menschenmenge überblicken konnte.

    Sehr reaktionsschnell der junge Mann. Ich wäre nicht so schnell auf die Idee gekommen... Ok, ich hätt auch erst zuhause gemerkt, das mein Geldbeutel fehlt.

    »Was ist hier los?! Wer ist für dieses Chaos verantwortlich?!«, wollte einer der Soldaten wissen.
    Der rothaarige junge Mann drängte sich in den Vordergrund. »Dieser Vollidiot hat uns plötzlich attackiert – und das ohne jeden Grund!«, behauptete er anklagend und zeigte auf Jiyuu.
    »Was!? Das – das stimmt doch gar nicht! Dieser Typ hat mich beklaut! Er hat sich mein Geld unter den Nagel gerissen und wollte damit abhauen!!«, verteidigte sich dieser empört.

    Tja, da steht wohl Aussage gegen Aussage. Eine klassische Patsituation in einer Seitenstrasse...

    »Wie bitte!? Karan soll ein Dieb sein? Er ist der Sohn unseres königlichen Schatzmeisters, Herr von Lorem, und ein guter Junge! Dafür verbürge ich mich!«, rief der Soldat

    Okey, vielleicht doch nicht so viel Patt wie ich dachte.

    ›Nein – nicht schon wieder. Bevor ich mich irgendwo einsperren lasse, sterbe ich lieber. Was soll ich tun?‹ Sein Herz raste und er blickte sich nervös um.

    Ich glaube hier hast du Gedanken und Dialog vermischt, kann das sein? Das letzte, dass was er fragt, passt für mich eher als eine Frage zu sich selbst, als zu den Wachen.

    Mit einem Mal kam ihm eine Idee. Er sprang auf die Theke eines Verkaufsstandes und zerschlug mit einem gezielten Schwerthieb eine der Kisten, in denen Gewehrkugeln aufbewahrt wurden. Diese kullerten auf die Straße und brachten einige der Soldaten zu Fall.

    Ich hab mir die Szene mehrmals durchgelesen. Irgendwie hat die bei mir nicht so richtig gezündet.Ich weiß auch nicht genau wieso und sehe nur einen verbesserungs Vorschlag. Da es für mich so wirkt, als ob es aus dem nichts passiert. Woher wusste er das in dieser Kiste die Kugeln sind? Das wirkt so zufällig. Steht das da drauf? War die offen?
    Ich bin ja immer ein Fan von Foreshadowings. Wenn das auch ein ganz kleiner wäre (so richtig richtig klein) Zum Beispiel er biegt gerade in die Gasse ein und stolpert erst ma proompt über ein Fass in dem Gewehrkugeln gelagert wurden (kenntlich machen das diese nicht rauskullern oder so). Schon wüsste ich, dass so ein Fass existiert und der Char wüsste es auch. Um so cooler wenn man dann später auf das Element zurück kommt. Weil man selber ja auch drauf kommen könnte. Aber das ist nur ein Weg von vielen und mein persönlicher Fetisch :P
    Da muss jeder seinen eigenen finden.
    So, reicht fürs erste. Ich bleib dran.

  • Hi Etiam!


    Freue mich, dass du auch mit dabei bist ^^

    Danke dir für deine Kommentare :)


    Liebe Grüße, kij

  • @Tariq & @LadyK
    Ich habe jetzt hier etwas eingefügt, weiß aber nicht, ob das die Situation verbessert. Ich kann nur so viel sagen, dass nachher erklärt wird, warum sie sich jetzt begegnet sind ^^



    Kapitel 3 - Teil 3


    Ein heller Klang ertönte über den Dächern Memorias, als Aquila am Fenster seiner königlichen Gemächer stand und abermals das kleine goldene Glöckchen läutete, um den winzigen Adler herbeizurufen.
    Erneut landete dieser auf seinem Finger und würgte das Silberröhrchen hervor, aus welchem schwarzer Nebel strömte, nachdem er es geöffnet hatte, und der Waldgeist wie schon am Vorabend erschien – bereit, eine neue Nachricht von Jarule zu übermitteln.
    »Werter Waldgeist, sprich!«, forderte Aquila ihn auf und wartete schon ungeduldig auf die Neuigkeiten, die ihm Jarule zukommen ließ. Er war ein wenig angespannt und schritt im Zimmer auf und ab.
    Die roten Augen des Waldgeistes blitzten auf.
    »Eure Majestät, die zwei aus der fremden Welt haben sich nun tatsächlich mit dem Unruhestifter vom Marktplatz zusammengetan, ule! Dieser Bursche hat irgendetwas mit den Kemai zu schaffen, ule – jedenfalls ist er nicht gerade gut auf sie zu sprechen, ule. Womöglich ist er ein entflohener Sklave aus einem ihrer Lager, ule.
    Aber dann plötzlich, ule – ich kann mir nicht erklären wie, ule – hat sich der Geist dieser Alten aus Süd-Memoria vor ihnen materialisiert, ule! Sie hat sie über die Amulette und den im Verborgenen schlummernden Gott in Kenntnis gesetzt, ule! Ich habe sie gerade noch aufhalten können, bevor sie in der Lage war, ihnen die wichtigsten Informationen preiszugeben, ule!«
    Der König seufzte, ließ den Waldgeist aber fortfahren.
    »Leider gibt es noch eine weitere unerfreuliche Begebenheit, ule. Der letzte Angehörige der ShiNoTori, den Ihr verfolgen habt lassen, ule – er hat den Angriff der ausgesandten königlichen Einheit bedauerlicher­weise abgewehrt, ule, und diese sogar vollständig vernichtet, ule.«
    Von diesen Worten aufgewühlt und erzürnt fegte der König mit einer schwung­vollen Handbewegung eine kleine Vase von der Anrichte, sodass diese mit voller Wucht gegen die Wand flog und in unzählige Scherben zersprang. Er war aufgebracht und schnaubte, gab dann aber dem Boten mit der Hand ein Zeichen, fortzufahren.
    »Doch zu allem Überdruss hat dieser Abschaum von Todeskrähe sich nun auch den beiden Neuankömmlingen aus der Außenwelt angeschlossen, ule! Aber nun hört, Eure Majestät, ule – es hat sich herausgestellt, dass der ShiNoTori im Besitz eines der Wegweisenden Amulette ist, ule, und dieser aufrührerische Sklave ebenfalls, ule. Mit dem einen, das das Mädchen von dem alten Weib erhalten hat, haben sie jetzt alle drei beisammen, ule! Und Ihr wisst, was das bedeutet, ule.«
    Aquila blickte hellhörig auf.
    »Sie sind jetzt unterwegs nach Evalida, ule. Ich werde die Lage weiterhin im Auge behalten und gegebenenfalls erforderliche Maßnahmen einleiten, ule. Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Eure Herrlichkeit, ule!«
    Der Waldgeist verneigte sich, nachdem er die Botschaft übermittelt hatte.
    Nachdenklich setzte sich Aquila an seinen Arbeitstisch und strich wiederholt mit dem Zeigefinger über seine rechte Augenbraue. Er räusperte sich und warf dem Waldgeist dann einen entschlossenen Blick zu.
    »Welch unerwartete Fügung des Schicksals«, sprach er amüsiert. »Die Todeskrähe besitzt also eines der Amulette, so so. Ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass dieser Kreatur ein reines Herz innewohnen soll – da muss etwas anderes dahinterstecken.« Der König lehnte sich zurück. »Nach Evalida sind sie unterwegs, sagst du? Dann lass sie zunächst einmal in Ruhe ankommen, sich umsehen und in Sicherheit wiegen – und dann …«
    Aquilas Augen begannen zu funkeln. »Dann lässt du die Bewohner wissen, wer sich in ihrer hübschen Stadt aufhält.« Er lächelte zuversichtlich. »Die Bürger Evalidas werden nicht begeistert sein, wenn sie erfahren, dass sich eine Todeskrähe bei ihnen einnistet. Ihr Weg mag die vier gemeinsam nach Evalida führen, jedoch werden sich ihre Wege dort wieder trennen.«
    Der König blickte zum Fenster hinüber und atmete tief durch.
    »Jarule, mein Guter, ich werde dir Unterstützung zukommen lassen«, sprach er und erhob sich wieder vom Arbeitstisch.
    Der Waldgeist verneigte sich erneut, als er Aquilas Worte vernommen hatte und verschwand auf dem selben Wege, wie er erschienen war.
    Nachdem Aquila die Nachricht an Jarule auf den Weg geschickt hatte, rief er die Wachen herein, die vor seinen Gemächern postiert waren und umgehend herbeieilten.
    ›Nein, für dich, mein Freund, habe ich etwas ganz anderes vorgesehen …‹, dachte er.
    Er warf den beiden Soldaten einen entschlossenen Blick zu und schmunzelte.
    »Holt mir die Ferremetu! Sofort!!«



    Kapitel 4 - Teil 1



    Willkommen in Evalida
    Die Fäden in der Hand


    Es war extrem heiß auf der großen Ebene westlich Memorias. Nicht einmal der leichteste Luftzug war zu spüren und die Sonne brannte vom Himmel herab.
    Jiyuu, Zack, May und Tempestas hatten die Ebene noch nicht vollständig überquert. Die Erde unter ihren Füßen war völlig vertrocknet und auf einigen Feldern, die nicht den Eindruck machten, als würden sie gepflegt werden, waren die Pflanzen komplett verdorrt und bereits am Verwittern.
    »Können wir eine kurze Pause machen?«, fragte May. Sie fühlte sich geschwächt und schwindlig. »Ich kann nicht mehr. Tut mir leid! Ich muss kurz verschnaufen«, gab sie beschämt zu.
    »Du bist bestimmt dehydriert – hier, trink!«, meinte Tempestas und reichte ihr einen kleinen Wasserbeutel, den er bei sich trug. »Es ist nicht mehr viel, aber du wirst dich ein wenig besser fühlen.«
    Sie nahm diesen entgegen und bedankte sich.
    »Warum latschen wir eigentlich hier in der prallen Sonne über die Felder? Warum gehen wir nicht durch den Wald dort? Da ist es doch bestimmt kühler«, fragte Zack gefrustet und zeigte auf das bewaldete Gebiet, das sich östlich von ihnen befand. »So kommen wir doch auch nach Norden, oder nicht!?«
    »Ja, das stimmt zwar, doch ich war der Meinung, dass wir auf freiem Gelände schneller vorankommen. Wir sollten auch Kämpfe, so gut es geht, vermeiden und in diesem Wald wimmelt es nur so von Drachenbären, Pituitas, Lactenwürmern und anderen diversen fleischfressenden Pflanzen«, erklärte Tempestas.
    Zack rollte mit den Augen. »Gut, ich frag’ erst gar nicht, was das für Viecher sind«, seufzte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
    »Weiter nördlich bleibt uns dann ohnehin keine andere Wahl – dort müssen wir den Wald durchqueren«, meinte Tempestas. »Sobald wir den Waldrand erreicht haben, kannst du ein wenig verschnaufen und deinen Durst stillen, May. Dort befindet sich eine kleine Quelle.« Er lächelte, blickte dann aber ernst hinauf in den Himmel. Verunsichert hielt er immer noch Ausschau nach dem Drachen, der einfach wie vom Erdboden verschluckt schien.
    »Alles in Ordnung?«, fragte May ihn und gab ihm den Wasserbeutel zurück, den sie vollständig geleert hatte.
    »Hmm, ich frage mich nur …«, entgegnete dieser nachdenklich. »Ach – ist nicht so wichtig«, fuhr er heiter fort. »Was ist eigentlich mit dir?«, wandte er sich nun an Jiyuu. »Sonderlich gesprächig scheinst du mir nicht zu sein.« Tempestas lächelte ihm zu, doch dieser versuchte seinem Blick auszuweichen.
    »Ich hab’ nicht viel zu erzählen«, meinte Jiyuu trocken.
    »Ich verstehe. Jiyuu möchte seine Geschichte lieber für sich behalten«, sprach Tempestas mit vergnügter Stimme. »Und was ist mit euch beiden? Es ist unschwer zu erkennen, dass ihr nicht von hier seid.« Seine Stimme wurde wieder etwas ernster. »Ihr kommt von sehr weit her, liege ich richtig mit dieser Annahme?«, fragte er erwartungsvoll.
    »Nun ja, alles hat mit dieser bescheuerten Abenteuer-Segeltour angefangen«, murrte Zack und seufzte dann genervt. »May, warum erzählst du nicht, was passiert ist? Wenn ich das übernehme, nimmt das kein gutes Ende«, meinte er, denn er wusste genau, dass wenn er die Geschehnisse schildern würde, würde er alles ins Lächerliche ziehen. Er hielt immer noch alles für einen verrückten Traum, aus dem er hoffentlich bald erwachen würde.
    »Ihr seid also mit einem Schiff angereist?«, fragte Tempestas fasziniert.
    May schüttelte den Kopf. »Unser Schiff ist gekentert und wir wurden hier an den Strand gespült. Wir haben keine Ahnung, wo genau wir hier sind. Ja – dass diese Insel Ignotus genannt wird, wissen wir jetzt schon, doch wir haben von einem Land oder einer Insel mit diesem Namen noch nie etwas gehört«, erklärte sie aufgebracht.
    Tempestas hörte ihr aufmerksam zu. »Hm. Die Bewohner Ignotus’ hatten seit hunderten von Jahren keinen Kontakt mehr zur Außenwelt, soweit ich weiß. Und auch damals war der Kontakt eher mäßig«, meinte er nachdenklich.
    »Aber es ist nicht nur das, dass wir noch nie etwas von dieser Insel gehört haben …«, mischte sich Zack jetzt doch ein. »Teilweise ist es so, als ob man hier noch im Mittelalter leben würde. Dann gibt es Kutschen, die von riesigen Vögeln gezogen werden – Armreifen können laut deiner Aussage Blitze erzeugen und es gibt Kreaturen hier, die es eigentlich nicht geben dürfte – also in der Realität!«, schilderte er aufgeregt.
    Tempestas konnte ihm nicht ganz folgen und sah ihn konfus an.
    »Ja, schon klar – für dich ist hier alles normal, aber wen wundert’s? Du bist ja auch nur fast zweihundertfünfzig Jahre alt«, meinte Zack ironisch.
    »Ich verstehe nicht …« Tempestas wusste nicht, wie er reagieren sollte.
    »Nimm ihn nicht ernst!«, unterbrach May die beiden. »Aber es stimmt schon – es gibt Dinge hier, die in unserer Welt nur in Fabeln oder Märchen existieren«, bestätigte sie Zack.
    Tempestas lächelte. »Ich bin mir sicher, eure Welt hat auch einiges zu bieten, was auf uns seltsam wirken würde, nicht wahr?«
    »Ja, wahrscheinlich«, lachte May und fuhr fort. »Jedenfalls – nachdem wir hier gestrandet sind, ist uns der König von Memoria begegnet und hat uns angeboten, ihn in seine Stadt zu begleiten. Er war die ganze Zeit eigentlich sehr nett – aber auch irgendwie seltsam.
    Zack und ich haben uns dann ständig beobachtet gefühlt. Wir haben nirgendwo alleine hingehen dürfen. Wir wollten unsere Freunde suchen, die auch auf dem Schiff waren, und dann einen Weg finden, wie wir wieder nach Hause kommen …« Sie seufzte kurz auf. »Dann – was ich mir immer noch nicht ganz erklären kann – hab’ ich meine Nachbarin aus Kindertagen getroffen, die mir dann die Kette mit diesem Adlerfedern-Amulett gegeben hat, und jetzt …« May verstummte. Sie wirkte traurig und umfasste den Anhänger mit ihrer Hand. Sie blickte zu Jiyuu hinüber und schmunzelte. »Irgendwann hat es dann ein riesiges Durcheinander auf dem Marktplatz gegeben, in das er verwickelt gewesen ist. Das war unser Glück, denn er hat uns dann quasi geholfen, die Stadt wieder zu verlassen«, meinte sie froh.
    Jiyuu lauschte zwar jedem Wort ihrer Unterhaltung, ging jedoch teilnahmslos weiter. Seine Gedanken drehten sich immer wieder um die Kemai und er bekam die Bilder, wie seine Freunde brutal hingerichtet worden waren, einfach nicht aus seinem Kopf.
    »Hey, ist alles in Ordnung?«, fragte May ihn, die seinen trübsinnigen Gesichtsausdruck mitbekommen hatte.
    »Huh? Ja, wieso fragst du?«, reagierte er perplex. Er war sich nicht bewusst, wie deutlich man ihm ansehen konnte, dass ihn die vergangenen Geschehnisse so beschäftigten.
    May sah ihn besorgt an. »Na ja, du – du wirkst so …«
    »Es ist nichts – okay?!«, fuhr er sie gereizt an, bereute es aber noch im gleichen Moment.
    May blieb befangen stehen, während Jiyuu sich jedoch nach kurzem Zögern wieder abwandte und schweigend weiterging.
    »Ich – ich wollte doch nur …«, murmelte sie.
    »Er hat es bestimmt nicht böse gemeint«, sagte Tempestas mit ruhiger Stimme und deutete May, sie solle weitergehen. »Ein kleiner emotionaler Ausbruch. Ich vermute, er trägt großen Schmerz mit sich herum, doch er wollte dich sicher nicht bewusst so anschreien.«
    »Schmerz?« May blickte Tempestas verwirrt an.
    »Ja, wenn mich meine Sinne nicht täuschen. Keine körperlichen Schmerzen – er leidet innerlich. Du hast es doch auch bemerkt, nicht wahr?«, fragte dieser und lächelte freundlich.
    May ging wieder weiter. »Irgendetwas beschäftigt ihn andauernd. Aber er erzählt rein gar nichts über sich«, meinte sie nachdenklich.
    »Manchen Menschen fällt es schwer, sich zu öffnen. Dränge ihn nicht. Wenn er es für richtig hält und es möchte, wird er sich uns anvertrauen«, entgegnete Tempestas optimistisch und kraulte Curaris’ Kopf.
    »Er hat immer nur von diesen Kemai gesprochen. Was genau sind diese Kemai eigentlich? Sind sie uns Menschen ähnlich?«, fragte sie ihn.
    Tempestas’ Miene verdunkelte sich. »Bis auf ihren aufrechten Gang haben diese Monster mit den Menschen keine Gemeinsamkeiten. Auf Ignotus erzählt man sich, dass sie mit ihren Klauen sogar Kasasteine, das härteste Gestein weit und breit, zu zerteilen vermögen. Sie haben eine dunkle, schuppige Haut, die einem Panzer ähnelt und in ihren farblosen, leeren Augen spiegelt sich das Nichts wider – als wären diese Wesen umherirrende Tote auf der Suche nach Erlösung.«
    May sah ihn entsetzt an. »Und wieso halten sie Menschen gefangen
    »Die Kemai zwingen eine Vielzahl ihrer Sklaven, in Minen zu schuften und ein spezielles Gestein abzubauen. Von diesem ernähren sie sich, setzten es aber auch für Handel mit den Groß­städten ein, die das Rohmaterial für die Weiterverarbeitung zu Energie­quellen benötigten«, erklärte er. »Ein menschliches Leben hat für diese Wesen keinen Wert. Es sind nur Arbeitskräfte. Sie machen sich einen Spaß daraus, mit ihren Sklaven zu spielen und sie zu quälen, sorgen aber stets dafür, dass sie arbeitsfähig bleiben.
    Es ist nicht mehr so einfach für sie, an neue Arbeits­kräfte zu kommen, da die Menschen den Wald in West-Kalatos aus gutem Grund meiden. Wenn es ein Sklave nichtsdestotrotz wagen würde, sich gegen die Kemai aufzulehnen, würden sie ihn umgehend hin richteten – sie kennen keine Gnade.«
    »Hey, dort verläuft der Wald nach Westen!«, rief Zack ihnen zu und deutete nach vorne. »Jetzt müssen wir durch, richtig?«, fragte er.
    Tempestas nickte bestätigend.
    May war erschüttert, darüber, was sie über diese Wesen erfahren hatte. Sie konnte sich so etwas Grausames gar nicht vorstellen.



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    Nächster Part

  • Hallo @kijkou :)



    LG :D

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