Gruppenzwang

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    • Man könnte damit eine Menge Falafel kaufen. Die Falafel in der Gegend sollen sehr gut sein“, meinte Salem, der aus der Menschenmenge heraus plötzlich hinter den anderen stand. Er trug zwei große Beutel bei sich, in denen er den eingekauften Proviant transportierte. Ehrlich gesagt verstand Salem nicht so recht, weshalb ausgerechnet er für ihre Verpflegung sorgen sollte. Nicht, dass er es nicht tun würde. Im Laufe ihrer gemeinsamen Reise hatte sich lediglich seiner Meinung nach oft genug bewiesen, wie abweisend die Menschen auf ihn reagieren konnten. Teilweise war es ein kleiner Kampf gewesen, passende Nahrungsmittel für ihre Reise zu kaufen. Zwieback, Trockenfleisch, ein paar Äpfel … Ein paar der Händler weigerten sich ganz, mit dem großen, vermummten Mann zu reden. Andere wollten ihn offensichtlich so schnell wie möglich los werden.
      Grundsätzlich machte ihm diese Behandlung wenig aus. Nach einem vollen Centennium konnte man sich an vieles gewöhnen und die allgegenwärtige Ablehnung hatte sich zu einem Teil von Salems Dasein entwickelt. Wenn es aber um Dinge wie den Proviant der Gruppe ging, empfand es der Feuermagier als lästig.
      Wie dem auch sein mochte. Schlussendlich war er erfolgreich gewesen und nur das zählte. „Wir gehen also nach Akrabria?“ Es war eher eine Feststellung, denn eine Frage.
      Ich jedenfalls schon“, stellte Aljin klar und wedelte mit einer Karte in der Hand herum. „Die beiden anderen haben sich noch nicht entschieden.“
      Automatisch wechselte Salems Blick zu eben jenen anderen, erst zu Esme und dann zu Jack. „Nun, ich fände es furchtbar schade, auf Eure Gesellschaft verzichten zu müssen“, sagte er und sah dabei vor allem Jack an. Salem war ehrlich: Er wollte den Werwolf um sich haben. Nicht nur aus fachlichen Interesse an seinem Fluch und den Prozess seiner Verwandlung – das interessierte ihn auch an Jack. Hauptsächlich lag der Grund schlicht und ergreifend daran, dass sich Salem zu Jack hingezogen fühlte. Körperlich wie geistig.
      Salem machte sich nichts vor. Er hatte Jack mit den Frauen flirten sehen und hegte keinen Zweifel daran, dass er kein Interesse für Männer aufbrachte. Und Salems Erfahrungen nach behielten sowieso die meisten Männer, die ihr eigenes Geschlecht bevorzugten, diesen Umstand für sich. Religion, gesellschaftliche Akzeptanz und der Druck, den Familiennamen weiterzugeben, ließ ihnen oftmals keine andere Möglichkeit. Dass Jack nicht dieselbe Anziehung empfand, hieß allerdings nicht, dass Salem seine Gegenwart nicht genießen durfte.
      Aber vielleicht diskutieren wir das nicht hier auf der Straße. Es dürfte sowieso zu spät für die Weiterreise sein. Suchen wir ein Gasthaus auf und verbringen dort die Nacht. Dann könnt Ihr überlegen und Aljin und ich bereiten unseren Aufbruch vor.“

      Das Gasthaus hieß 'Zur tanzenden Witwe' und bot gerade noch genug freie Zimmer für die vier weiteren Gäste. Im Schankraum war einiges los; die eingemietet Gäste saßen gleichermaßen an den alten Holztischen, wie die Gäste die lediglich für Speis und Trank herbei gekommen waren. Salem stand am Fuße der Treppe, die zu der Etage mit den Schlafzimmern hinaufführte, und hielt nach den anderen Ausschau.
    • 'Zur tanzenden Witwe' ... Jack wusste nicht genau, ob er den Namen gut finden sollte. Vielleicht tanzte sie aber auch traurig, weil ihr Mann gestorben war. Andererseits, warum sollte eine Witwe nicht fröhlich tanzen dürfen? Vielleicht war ihr Mann ja ziemlich übel gewesen. Der volle Schankraum ließ jedenfalls darauf schließen, dass das Essen gut war.
      Wie immer dachte Jack, wenn er nicht über Dinge, die ihn bewegten nachdenken wollte, über den größten Mist nach.
      Sein Blick streifte Salem, der an den Treppen zu den Schlafzimmern hinauf stand und seinen Blick über die Menge streifen ließ. Es schien, als würde nach Jack Ausschau halten.
      Quatsch!, schalt sich der Werwolf in Gedanken selbst. Er suchte die ganze Gruppe. Warum sollte der Magier ausgerechnet nach ihm suchen?
      Obwohl sein Blick vorhin sehr lange an ihm haften geblieben war. „Nun, ich fände es furchtbar schade, auf Eure Gesellschaft verzichten zu müssen."
      Jack stieß einen tiefen Seufzer aus. Damit kam er auch nicht weiter. Er zwang seine Beine sich in Bewegung zu setzen und hielt auf den großgewachsenen Mann zu, der die Menge wie ein schwarzer Fels überragte.
      "Hi", stieß er wenig geistreich hervor, als er Salem erreichte. Er spürte, wie er bis zum Haaransatz errötete und führ sich verlegen mit der Hand über den Nacken. Warum zum Henker wurde er in Salems Gegenwart so verlegen. Das kennte er gar nicht.
      Bei Frauen war es immer umgekehrt gewesen. Diese wurden rot und stammelten verlegen herum und er musste eigentlich überhaupt nichts dafür tun, dass sie ihm in den nächstbesten Heuhaufen folgten. Ja, das war übertrieben, aber er war verdammt nochmal selbstsicher! Er hatte diese wunderbarer verwegene Ausstrahlung, die zugleich Abenteuer und Sicherheit versprach. Das wusste er ziemlich genau. Und das zog bei Frauen unwahrscheinlich (zumindest bei den unbedarften und behüteten Dorfmädchen). Aber Salem war undurchdringlich. Nicht auf unangenehme Art. Aber er schien schon viele Abenteuer erlebt zu haben und Schutz brauchte er ganz sicher nicht. Was hatte Jack also schon zu bieten, um Salem von seinen Vorzügen zu überzeugen???
      "Geht es dir gut? Du siehst ein wenig erhitzt aus", unterbrach Salem seine Gedanken.
      "Ich .. äh ... ja. Ich bin nur etwas müde." Jack drückte sich an dem Magier vorbei und stieg die Treppe hinauf. Er hörte, wie Salem ihm folgte. Der Flur oben war lang. links und rechts zweigten die Gästezimmer ab. Sie hatten den Luxus von Einzelzimmern. Obwohl Jack sich auch gern ein Zimmer geteilt hatte. Er spürte Salem dicht hinter sich. Die feinen Härchen an Jacks Nacken stellten sich auf. Er blieb vor seiner Zimmertür stehen und drehte sich zu Salem um, um ihm gute Nacht zu sagen. Der Gang war leer. Salems Blick traf seinen und hielt ihn fest.
      "Ach verdammt!", entfuhr es Jack leise. Dann trat er einen Schritt auf Salem zu und küsste ihn. Es fühlte sich etwas seltsam an, weil das Tuch, welches Salems Gesicht verbarg, zwischen seinen und Salems Lippen lag. Aber der Magier war so bedacht, dass niemand sah, was unter dem Tuch war, dass Jack sich nicht traute es ohne dessen Einverständnis hinunter zu ziehen.
      Ebenso schnell, wie Jack sich zum Kuss hatte verleiten lassen, unterbrach er ihn auch wieder. Er traute sich nicht Salem in die Augen zu sehen.
      Scheiße! Er hatte einen Mann geküsst. Und wusste nichtmal, ob dieser das gut fand oder nicht. Am liebsten würde er sich in Luft auflösen. Er konnte Salem nicht in die Augen sehen. Schwule Männer waren selten beliebt. Auch wenn er ja nicht schwul war ... scheinbar mochte er Beides.
      Hat die Blume einen Knick,
      war der Schmetterling zu dick.




    • Salem fühlte sich absolut überrumpelt. Er konnte nichts denken und er konnte nichts fühlen. Ihm blieb nur übrig, Jack mit überrascht geweiteten Augen anzusehen. Sein Herz schlug ihm vor Aufregung bis zum Hals hinauf und an seinen Lippen spürte er noch die Wärme, die Jacks Atem auf seinem Tuchs hinterlassen hatte. Die flüchtige Bewegung ging hinter dem Stoff verloren, doch Salem schluckte schwer.
      Was war in den Werwolf gefahren, ihn plötzlich aus dem Nichts heraus zu küssen? Jack empfand nichts für Männer; diese Beobachtung hatte Salem oft genug gemacht. Seine Aufmerksam galt immer nur den Frauen. Ruhte in ihm trotz Allem die Neigung zu Männern? Männern wie Salem? Wieso schien ihm die Situation dann so unangenehm zu sein? Jack konnte ihm nicht einmal in die Augen sehen. Offensichtlich schämte er sich für den Kuss. Vermutlich empfand er ihn jetzt schon als großen Fehler.
      Hinter seiner Vermummung seufzte Salem schwer, dennoch lautlos. Er hatte nichts erwartet und das würde auch so bleiben. Damit, nicht in Jacks Beuteschema zu passen, konnte er sich abfinden. Womit er sich jedoch nicht abfinden wollte, war die peinliche Berührung, die Jack ganz offensichtlich empfand. Ihre Bekanntschaft sollte nicht wegen dieser nichtigen Episode auseinanderbrechen. Wenngleich sich Salem, ehrlich gesagt, ein klein wenig ausprobiert vorkam.
      Salem unternahm einen Versuch, den unbehaglichen Moment zwischen ihnen zu vertreiben. Er tat es Jack gleich und presste ihm durch den Stoff hindurch die Lippen auf den Mund. Eine Sekunde später löste er sich bereits wieder von ihm. Jack sah ihn verdutzt an, worauf Salem ihm mit einem Schulterzucken antwortete: „Du hast mich geküsst und ich habe dich geküsst. Jetzt sind wir quitt und es gibt keinen Grund, weshalb der eine gegenüber dem anderen beschämt sein sollte.“ Vergaßen sie Jacks Ausrutscher einfach. Wahrscheinlich bedeutete er sowieso nicht das geringste. Nichtsdestotrotz würde Salem einen Penny für Jacks Gedanken geben und fixierte deshalb interessiert seinen Blick.
      Ihre Bewegungen fanden gleichzeitig statt. Salem spürte Jacks Arme in derselben Sekunde seine Taille umklammern, in der er dem Werwolf besitzergreifend die Hände in den Nacken schob und ihn an sich zog. Im letzten Augenblick riss Salem sich das Tuch vom Gesicht und küsste Jack. Dieser erwiderte den Kuss; Salem versank in dem Gefühl, das Jacks Mund hinterließ. Er spürte seine warmen Lippen und die auffordernde Bewegung Jacks Zunge an seiner eigenen. Salem wollte ihm noch näher kommen und drängte sich an seinen Körper. Die Dynamik, mit der es tat, ließ Jack nach hinten und mit einem hörbaren Knall gegen seine Zimmertür taumeln. Abgelenkt voneinander merkten die beiden Männer nicht, dass die Erschütterung auf die dünnen Holzwand übersprang. Bis sie den losen Nagel eines dekorativ aufgehangenen Bildes aus der Wand trieb und es mit einem lauten Scheppern zu Boden fiel. Durch den Krach alarmiert, wurde eine der anderen Zimmertüren aufgerissen. Aufgeschreckt stoben Salem und Jack auseinander, wobei der Magier rechtzeitig seine Vermummung vor sein Gesicht ziehen konnte. In den Jahren war er gut darin geworden, seine Maskierung blitzschnell an- und abzulegen.
      Was soll der Krach?“ Aljin trat aus der Tür hinaus, im Anschluss öffnete sich auch Esmes Tür. Die Frauen musterten Salem und Jack und zwangsläufig wanderte ihre Aufmerksamkeit zu dem Bild am Fußboden. „Ist alles in Ordnung?“
      Ist es, danke der Nachfrage. Jack ist lediglich gestolpert und hat dabei das Bild heruntergerissen.“Der Feuermagier beugte sich zu besagten Bild herab, sammelte nebenbei auch den Nagel dazu auf und brachte beides wieder an seinem angestammten Platz an der Wand an.
      Gut, dass du noch wach bist, Aljin,“ lenkte Salem davon ab, was eben passiert ist. Vorrangig sich selbst. „Ich habe mir gedacht, dass es für unsere Reise nach Süden angebracht wäre, uns einen beweglichen Untersatz zu organisieren. Eventuell nimmt uns ein Händler ein Stück auf seinem Wagen mit. Was denkst du darüber?“
      Nach Außen hin wirkte Salem gewohnt gefasst.
      Nicht jedoch in seinem Inneren.
    • Aljin hob die Augenbrauen und sah noch einen Moment zwischen Jack und Salem hin und her. Sie war eine Frau und so schnell machte man ihr nichts vor.
      Ja, klar, gestolpert ..., dachte sie, sagte aber nichts zu der Situation und grinste lediglich in sich hinein. Sollten die Kerle doch machen, was sie wollten. Am Ende war es ihr gleich, Hauptsache, sie musste nicht allein reisen und das schien ihr ja nun erspart zu bleiben. Zumindest Salem hatte dem ganzen zugestimmt und da sich sowohl Jack als auch Esme noch immer in dem Wirtshaus befanden, konnte man das doch auch als stumme Zustimmung bezeichnen. Oder? Sollte sie nachfragen? So weit kam es noch! Entweder sie kamen mit, oder nicht. aber sie würde sich nicht die blöße geben und darum betteln.
      Einen letzten Blick warf sie zu Jack und Salem. Wenn der Magier mit ihr kam, stand es eigentlich außer Frage, dass auch Jack mitgehen würde. Oder?
      Nur hoffentlich veranstalten sie zukünftig, was auch immer sie veranstalten, leise... Ein wenig Schlaf hin und wieder, brauchte auch sie. Obwohl sie sowieso wachgelegen und sich ausgemalt hatte, was sie in Akrabira erwarten würde. Worauf mussten sie sich vorbereiten? Schon damals hatte niemand gewusst, was in den Tiefen der Stadt vor sich ging. Nicht umsonst lag eine Stadt mitten in der Wüste, abseits aller Oasen. Wenn es nichts zu verbergen gab.
      "Klingt nach einer guten Idee", gab sie schließlich von sich, nachdem sie von drei Seiten schon schief angeschaut wurde. In der Wüste würden sie am Ende sowieso Kamele benötigen. Oder andere Tiere, die lang ohne Wasser auskamen. Es brachte niemandem etwas, wenn sie ihre knappen Vorräte auch noch an die Tiere abgeben mussten.
      Sie gähnte gespielt und wandte sich um, um in ihrem Zimmer zu verschwinden. Mehr gab es für sie zu diesem Thema nicht zu sagen.

      Es war nicht sonderlich schwer gewesen, einen Händler zu finden, der bereit war, sie bis in die nächste Stadt mitzunehmen. Wüstenrand lag wie der Name schon sagte am Rand der Wüste und war somit der beste Ort, um sich nochmal einzudecken, ehe es dann langsam in die immer weniger besiedelten und immer weniger bewachsenen Ebenen ging. Zwar kam laut Aljins Karte noch ein kleineres Dorf, aber um Tiere zu kaufen, war eine Stadt deutlich besser, wenn auch teurer. Aber Wenn ihre Gruppe irgendwas konnte, dann billig an Sachen kommen.
      Aljin ließ die Beine vom Wagen baumeln und betrachtete die Karte auf ihren Oberschenkeln. Sie war noch nie gut darin gewesen, Entfernungen zu schätzen, aber einige Tage, wenn nicht sogar Wochen würde die Reise dauern. Hoffentlich gerieten sie in keinen Sandsturm.
      Ein Blick in die grüne Landschaft rief in ihr Sehnsucht nach der Unendlichkeit der Sandmeere hervor. Ein Flaschengeist gehörte in die Wüste und nicht in bewaldete Gebiete. Auf der anderen Seite gehörte ein Flaschengeist aber auch in seine Flasche.
      Aljin fuhr mit der Hand über den schmucklosen Körper des Gefäßes. Hoffentlich erwies sich diese dünne Spur nicht auch als Fehlschlag. Wenn sie schon nicht die Lösung ihres Problemes brachte, dann doch wenigstens einen weiteren Hinweis.
      Sie musste grinsen. Immerhin ging sie den Weg diesmal nicht allein - oder lediglich mit einer Schlange als Begleitung.


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • Jack betrachtete die grüne Umgebung und versuchte die Bäume und Wiesen und den warmen Sommerwind in sich aufzunehmen.
      Ihm war bewusst, dass er in der Wüste sehr lange eine solche Landschaft nicht mehr sehen würde und ihm graut jetzt schon vor den eintönigen Weiten der Wüste. Und um ganz ehrlich zu sein fürchtete er sich vor einem Sandsturm. Er war ein Wolf. Er gehörte in Wälder und Bergelandschaften und wenn ein kleines bisschen Schnee lag, war es auch recht.
      Aber andererseits freute er sich auch auf das Abenteuer. Seit er ein Wolf war, war er als Einzelgänger unterwegs gewesen. Allein schon aus Angst entdeckt und verraten zu werden. Aber in dieser Truppe schien er Gefährten gefunden zu haben, die alle ihr Päckchen zu tragen hatten und sich deshalb nicht darum scherten, wer oder was er war.
      Besonders freute er sich über Salems Gesellschaft. Nach ihrem Kuss am vorigen Abend konnte er zumindest davon ausgehen, dass beidseitiges Interesse bestand. Auch wenn Salem sich zuweilen ein wenig distanziert verhielt. Leider wusste Jack wirklich nicht warum. Die Vehemenz ihrer Begegnung sprach eigentlich Bände. Dennoch ... Aber egal. Noch überwog das Hochgefühl, denn es hatte sich wirklich gut angefühlt.

      Auf dem Wagen holperten sie weiter Richtung Wüstenrand. Die Reise würde etwa zwei Tage dauern.
      Sie wurden von einigen anderen Händlern begleitet, die ebenfalls Richtung Wüste unterwegs waren, um ihre Waren zu verkaufen. Insgesamt umfasste die Karawane rund zwanzig Wagen. Jack fragte sich, ob es auf der Handelsroute eigentlich Wegelagerer gab ...
      Hat die Blume einen Knick,
      war der Schmetterling zu dick.




    • Ein Schlagloch in der Straße brachte den Wagen zum Schaukeln und riss Salem auf diese Weise aus seinem Nickerchen. Die Arme hinter den Kopf verschränkt, hatte er sich von der Sonne die Nase kitzeln lassen, bis ihm die Augen zu schwer wurden, um wach zu bleiben. Ein Buch lag noch aufgeschlagen und mit den Seiten nach unten auf seiner Brust. Er hatte es beiseitegelegt, nachdem ihm durch das Schunkeln ihres Gefährts in Verbindung damit, rückwärts zu fahren, ein wenig übel geworden war.
      Wie lange sein Schläfchen dauerte, vermochte Salem nicht zu bestimmen. Ihm fiel jedoch auf, dass sich die Landschaft bereits veränderte. Von der Küstenregion durch Wälder und Wiesen, sah man immer weniger Grün und stattdessen weiteten sich karge Grasflächen aus, denen der saftiggesunde Farbton fehlte. Der Boden wirkte steiniger auf Salem. Das Rattern der Räder klang lauter, obwohl sie einen befestigten Weg benutzten.
      Der Feuermagier richtete sich auf. Neben ihm saß Aljin zwischen diversen Säcken voller Waren. Esme und Jack fuhren auf der Ladefläche eines anderen Händlers mit und Salem konnte sie daher gerade nicht sehen. „Na, ausgeschlafen?“, fragte Aljin. Salem schloss daraus, doch etwas länger gedöst haben. Bevor er jedoch etwas antworten konnte, ging ein Ruck durch den Wagen. Und er blieb stehen.
      Die ganze Karawane stoppte abrupt und als Salem neugierig den Hals reckte, erkannte er auch die Ursache ihres ungeplanten Halts: Die Straße vor ihnen war blockiert. Herbeigetragene Überreste irgendwelcher Holzkonstrukte bauten sich wie eine Barrikade auf und verhinderten jegliches weitergekommen. „Oh nein, nicht das… “, hörte Salem ihren Wagenführer ängstlich keuchen. Im nächsten Moment startete der Krawall.
      Von irgendwoher kamen Männer herbei geritten. Ihre Gesichter waren von Kopftüchern verdeckt, doch Salem konnte wettergegerbte Haut und abgenutzte Kleidung erkennen. In Windeseile kesselten sie die ganze Kolonne ein. Einer von ihnen grölte laut: „Keine Mätzchen, verstanden?! Wer meint, den Helden zu spielen, den machen wir einen Kopf kürzer! Ihr steigt jetzt alle von den Wagen herunter und macht eure Taschen leer!“ Als er ausgesprochen hatte, lehnte sich einer seiner Kameraden zu ihm herüber und flüsterte etwas. Der Brüllaffe von eben nickte verstehend und ließ noch einmal seine Stimme erklingen: „Achja, falls Ihr das nicht kapiert haben solltet: Das hier ist ein Überfall!“
    • Aljin betrachtete die komische Meute ausdruckslos. Das sollten Banditen sein? Die Wegelagerer, die ihr im Laufe ihrer Reise begegnet waren, hatten einen furchteinflössenderen Eindruck hinterlassen. Sie kannte Diebe und Banditen und war mehr als einmal mit solchen aneinander geraden. Irgendwann verlor sich der Effekt der Angst. Vor allem dann, wenn der Anführer noch Hilfestellungen brauchte als würde er nur einen Schnupperkurs machen. Furcht lösten diese Witzfiguren nur mit ihrem Gestank aus. Die Meute zog eine Note hinter sich her, die vermuten ließ, dass sie entweder in einem Kuhstall lebten, oder die Kühe in besagtem Kuhstall bereits verstorben aber noch nicht beseitigt waren.
      "Die wollen doch nicht wirklich, dass man sie ernst nimmt ...", grummelte Aljin vor sich hin. So wie die Leute dort standen, und sich der Anführer noch Sachen zuflüstern ließ, erweckte der Haufen eher den Eindruck von einfachen Bettlern. Sehr aufdringlichen Bettlern.
      Stumm beobachteten sie und Salem wie die Banditen bereits die ersten Wägen ausweideten und die Händler um ihr Hab und Gut erleichterten. Auf sehr viel Widerstand stießen sie dabei nicht.
      "Ihr solltet lieber tun, was sie sagen", meinte der Händler, der so nett gewesen war, sie auf seinem Karren mitzunehmen.
      Aljin runzelte die Stirn, sprang aber dennoch leichtfüßig vom Wagen.
      "Kommt das öfter vor?", fragte sie.
      Der Händler leerte brav seine Taschen vor sich und nickte. "Es gibt hier sehr viele Banditen. Von den Oberen kümmert sich ja auch niemand um das Problem." Er sprach leise, wohl damit man ihn nicht hören konnte.
      "Warum macht ihr die Reise dann?" Aljin verschränkte trotzig die Arme.
      "Normalerweise halten sich die Banditen von großen Kolonen fern ", antwortete eine alte Händlerin, die den Karren hinter ihnen beritt und versuchte den Zugochsen zu beruhigen. "Aber die Bande ist größer als sonst."
      "Sie passen sich an", brummte der Mann. Er beendet das Ausräumen seiner Taschen. "Größere Kolonen gleich größere Banditenbanden."
      Aljin stieß die Luft aus. Das Gespräch ermüdete sie und sie bereute es, nachgefragt zu haben.
      "Dafür haben wir keine Zeit", murmelte sie in Salems Richtung.
      Dieser antwortete ihr nicht, sondern beobachtete nur wachsam das Geschehen bei den ersten Gespannen. Dort schubsten gerade einige Banditen Frauen grob herum und lachten und grölten, als hätten sie bereits mehr als ein Fass pro Person gekippt.
      Aljin sah über die Schulter in die weite ebene Fläche. Sie konnten die Karawane einfach ihrem Schicksal überlassen und sich über alle Berge davon machen. Allerdings gab es keine Berge. In den Weiten waren sie leicht zu verfolgen. Und auf rennen hatte sie keine Lust. Die Fahrt auf den Wägen der Händler wäre um Vieles entspannter. Aber das setzte voraus, dass diese auch weiterfahren konnten.
      Als sie zu Jack und Esme blickte, zuckte diese nur ebenso ratlos die Schultern.
      "Taschen leeren!", brüllte ihre eine lästige Stimme ins Ohr und als sie sich umdrehte, stand ein großer hagerer Mann mit Hackennase vor ihr. Eine Nase, die man sogar unter seinem Tuch erkennen konnte.
      "Du hast wohl zu lang in der Sonne gestanden", gab Aljin kühl von sich. "Von dir lasse ich mir keine Befehle geben."
      Im ersten Moment schien der Bandit überrascht, ob dem Gegenwind, doch dann blickte Aljin direkt auf die schartige Klinge eines Säbels.
      "Ich wiederhole mich nicht noch einmal", gab er von sich. Zorn schimmerte in seinen Augen.
      "Werde ich auch nicht." Aljin versuchte die Ruhe zu bewahren. Mit ihrer Magie war sie diesen Typen weit überlegen. Allerdings waren es nicht nur zwei oder drei, sondern eine Zahl, die auf den ersten Blick kaum zu überblicken war. Konnte sie auf die Hilfe der anderen bauen, wenn sie diejenige war, die provozierte? Im Grunde gab es für die drei keine Motivation ihr zu helfen. Auf der anderen Seite gab es auch keinen vernünftigen Grund dafür, dass sie sie überhaupt begleiteten. Und es juckte sie in den Fingern herauszufinden, wie weit sie gehen konnte. Davon abgesehen, nichts in der Welt würde sie dazu bringen, diesem Intelligenzallergiker ihre Flasche zu geben.
      Die Klinge des Mannes begann gefährlich zu wackeln, dann grinste er dreckig und ebenso dreckig schimmerte auch der erbärmliche Rest seiner Kauwerkzeuge. "Du bist nicht von hier", stellte er geistreich fest. "Du bist aus der Wüste." Erkenntnis legte sich in seine verschmutzen Züge. "Du bringst sicherlich eine Menge Gold ein." Ein eindeutiger Glanz blitzte in seinen Augen auf.
      Wenn du wüsstest ...
      Aljin musterte den Mann geringschätzig, ehe sie ihm grinsend und ohne Vorwarnung gegen das Schienbein trat und anschließend das Knie in den Magen rammte. Völlig überrascht, ließ der Dieb seine Klinge fallen. Zeitgleich kam Jaki aus ihrem Ärmel und zischte den zu Boden sinkenden Mann warnend an. Stöhnend wich dieser etwas zurück und funkelte Aljin finster an.
      "Miststück."
      Immerhin bin ich es nicht, die danach riecht ... Sie musste sich beherrschen, ihm nicht vor die Füße zu brechen.
      "Du hast da was verloren", ignorierte Aljin die Beleidigung und hob den Säbel auf. Als würde sie sich von einem dieser Lumpensäcke Angst machen lassen. Dass es jedoch funktioniert hatte, hatte auch sie nicht erwartet.
      "Helden gibt es hier nicht, nein", gab sie mit einem letzten Blick auf den Mann von sich, "ich sehe nur einen Haufen maskierter Hohlköpfe." Den Teil verkündete Aljin laut genug, dass auch der vermeintliche Anführer der Banditen es hören musste. Derweil betrachtete sie die Klinge der Waffe, die deutlich bessere Tage gesehen hatte, ehe sie ihre Aufmerksamkeit bewusst auf den Anführer der Banditen lenkte. "Also geht ihr besser uns aus dem Weg und lasst uns weiterfahren, sonst seid ihr diejenigen, die den Kopf zukünftig unter dem Arm tragen." Ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. "Achja, falls das einige von euch nicht kapiert haben sollten: Der Überfall ist beendet!“
      Weglaufen wäre sicherlich weniger anstrengend gewesen ...


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • Jack beobachtete das Geschehen vom zweiten Wagen aus.
      Esme neben ihm grummelte etwas Unverständliches. Jack ging davon aus, dass die Hexe sich bereit machte ... etwas Hexisches zu tun. Für den Fall eben.
      Er bewunderte Aljin für ihre kühle Art, mit der sie ihr impulsives Handeln immer wieder zur Schau stellte. Das war neben ihrer geheimnisvollen Art und der fremdländischen Herkunft etwas, das sie ziemlich interessant machte. Nicht auf romantische Weise (da hatte er im Augenblick nur Salem im Kopf), aber er würde versuchen Aljin besser kennenzulernen.
      Im Augenblick war er einfach nur dankbar, dass sie die Initiative ergriff. Er konnte nicht wirklich mit Waffen umgehen und war nur als Wolf wirklich gefährlich. Aber er wollte sich auf keinen Fall vor einer Gruppe Händler verwandeln, die schon vor zerlumpten Banditen buckelte ... Warum hatte sich die Karawane nur keine Söldner zum Schutz angeheuert? Jack grübelte.
      "Also geht ihr besser uns aus dem Weg und lasst uns weiterfahren, sonst seid ihr diejenigen, die den Kopf zukünftig unter dem Arm tragen." Ein Grinsen stahl sich auf Aljins Gesicht, sodass Jack unwillkürlich mit grinsen musste. "Achja, falls das einige von euch nicht kapiert haben sollten: Der Überfall ist beendet!“
      Der Mann, den Aljin vermöbelt hatte, hatte sich zwar erholt, wagte aber nicht aufzustehen. Die anderen Banditen machten keine Anstalten etwas zu unternehmen. Sie warteten auf Anweisungen ihres Anführers (auch wenn dieser sichtlich überfordert war). Aber das brachte Jack auf eine Idee. Sie mussten dem Anführer Beine machen. Dann waren die anderen keine Bedrohung mehr. Besagter Anführer schien in Gedanken auch endlich zu einem Schluss gekommen zu sein, denn er rief: "Nein, ist er nicht!"
      "Wohl!", brüllte Jack zurück und sprang seiner Eingebung folgend vom Wagen.
      "Nein!" Der Kerl sprang vom Pferd.
      "Doch!"
      "Nein!" Nun stampfte er sogar mit dem Fuß auf.
      "Doch!" Jacks Stimme nahm einen bedrohlichen Unterton an. Eine Art tierisches Knurren.
      "Nein!" Der Räuber kam auf Jack zu.
      "Doch!" Jack konnte spüren, wie Aljin, Esme und Salem sich förmlich mit der Hand gegen die Stirn klatschten und auch Jack musste sich beherrschen weiterhin ernst zu bleiben und nicht in Lachen auszubrechen.
      "Nein!"
      "Doch!" Nun standen die beiden Nase an Nase und lieferten sich ein Blickduell. Und dann plötzlich, wie aus dem Nichts, ließ Jack zu, dass seine Augen sich kurz in die goldenen Augen eines Wolfes verwandelten. Der Mann zuckte zurück. Dann wurde sein Blick wieder entschlossen und er machte einen Schritt auf Jack zu. Aber da bemerkte Jack aus dem Augenwinkel er, wie Salem, Aljin und Esme neben ihn traten.
      Salem, der den mann um eineinhalb Köpfe überragte und mit seinem Tuch vor dem Gesicht für Fremde extrem gefährlich aussah. Aljin mit dem Säbel, um deren Hals sich Jaki wand und bedrohlich zischelte. Esme, der man in diesem Moment ansah, dass sie mehr als nur eine alte Frau war. Jack spürte die Einheit, die sie zu viert auf einmal bildeten. Und diese Aura schien auch der Bandit wahrzunehmen. Er machte auf dem Absatz kehrt, stieg auf sein Pferd, riss es herum und gab ihm die Sporen.
      Der Rest der Bande, den Männern in der Karawane zahlenmäßig immer noch überlegen stutze. Für einen Augenblick glaubte Jack, dass sie ihrem Anführer nicht folgen würden, aber dann sah man kollektives Schulterzucken und die Räuber zogen von dannen.
      "Das war irgendwie schräg", sagte Jack schließlich.
      Hat die Blume einen Knick,
      war der Schmetterling zu dick.