Gruppenzwang

  • Was nun folgte glich Atlantis, wenn die Stadt aus dem Wasser auftauchte - oder zumindest dem, wie Jack es sich vorstellte (absurderweise begann er, während der Boden unter seinen Füßen bedrohlich zu schwanken begann zu lächeln und dachte daran, dass Atlantis sicher auch mal eine Reise wert wäre). Er schüttelte den Kopf und kehrte in die Realität zurück.
    Mühsam versuchte er das Beben des Bodens auszugleichen, während sich vor ihm ein gigantiusches Gebäude aus den Dünen der Wüste erhob.

    Gelbe Kaskaden aus Staub und Sand rieselten von Türmen, Zinnen, Säulen und Simsen, die aus gelbem Sandstein bestanden. Einige Steinbrocken schossen gegegen die Schwerkraft nach oben und setzten sich an ihre angestammten Plätze in der ursprünglichen Ruine. Das obere Stockwerk eines riesigen Tempels. Die Fenster, die auftauchten waren tot und dunkel und wirkten alles andere als einladend.
    Der ganze Spuk konnte nicht länger als einige Sekunden gedauert haben, doch am Ende standen die Gruppenmitglieder den Kopf in den Nacken gelegt und mit offenen Mündern da und starrten den Tempel an, der sich soeben vollständig aus dem Sand erhoben hatte.
    Direkt vor ihnen gähnte ihnen ein wenig einladendes, schwarzes Loch entgegen. Ein Torbogen.
    Urplötzlich flammten Fackeln mit lautem Zischen nacheinander den Gang hinab und hinein in den Tempel auf. Jeweils ein kleiner Funken löste sich von den Fackeln, die Salem entzündet hatte. Sie schossen spielerisch um die Gefährten herum, als wollten sie sie begutachten. Jack folgte "seinem" Funken mit den Augen und hatte den irrationalen Eindruck nicht zu genügen. Schließlich wandte der Funke sich ab, verschmolz mit den anderen. Die Flamme verharrte kurz in der Luft. Ein Zischeln und Flüstern erfüllte die Luft, als schienen die einzenlen Funken zu beraten. Dann teilte sich die Flamme und wanderte zu Salem und Aljin - Jenen, die das magisch entzündete Feuer als am interessantesten erachtet hatte.
    Aljin betrachtete die Flamme mit etwas missgelauntem Blick und war dann trotzdem die erste, die sich aus ihrer Starre löste.
    "Na dann", meinte sie und zuckte lapidar mit den Schultern. "Wer kommt mit?"
    "Blöde Frage", knurrte Jack und gesellte sich an ihre Seite. Nach und nach folgten die anderen, bis sie in einer Reihe nebeneinander - Aljin in der Mitte - vor dem Tor standen. Alle zögerten. Niemand wollte den ersten Schritt tun. Und als hätten sie sich angesprochen traten sie alle gleichzeitig über die Schwelle des Tempels.

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Von innen war der Tempel beinahe noch beeindruckender, denn es war alles intakt. Obwohl Codrac vermutete, dass die Mauern jahrelang unter dem Wüstensand begraben gelegen haben muss, zeigten die sandfarbenen Wände und Fußböden keinerlei Beschädigungen. Zwischendurch rieselte der feine Sand aus den Ritzen der säuberlich aufgestapelten Steine und der Schein der Fackeln warf ein tanzendes Spiel aus Schatten und Licht an die Wände.

    Es gab keine Türen und so konnte Codrac einen Blick in einen angrenzenden Raum werfen. Zögerlich trat er über die Schwelle und legte den Kopf in den Nacken, um den einfachen Bogen zu betrachten.

    Codrac kam es vor, als wäre er urplötzlich in einer anderen Zeit gelandet, denn nie hatte er ein Gebäude wie dieses gesehen.

    Joska schlängelte sich an ihm vorbei und tappste die drei Stufen hinab in den Raum, zog schnüffelnd einen Kreis und kurzentschlossen folgte er seiner Hündin.

    Die Schritte, die er bald darauf hinter sich hörte, zeigten ihm, dass die Anderen ihm gefolgt waren.

    In der Mitte des Raumes erhob sich hüfthoch eine Säule, die eine steinerne Schale hielt. Darin befand sich nichts weiter außer Wüstensand. Rund herum waren Steinklötzer im Halbkreis angeordnet worden, als stellten sie Sitzmöglichkeiten dar.

    Doch Codrac musste sich eingestehen, dass er nicht die leiseste Ahnung hatte, was das hier für ein Raum sein sollte.

    Und die Schüssel?

    Joska drehte erneut eine Runde um die Steinwürfel herum und gesellte sich schließlich zu ihm, setzte sich hechelnd auf den Boden und starrte zu ihm herauf.

    Codrac wandte sich von dem Anblick der Schale ab und sah in die Gesichter seiner Gefährten.

    "Also", fragte er, "Wo genau wollen wir zuerst hin? Schätze, um dieses Ei kümmern wir uns zum Schluss?"

  • Das war eine gute Frage.
    Eine Weile sah sich Aljin im Raum um. Offenbar handelte es sich um eine Art Zeremonienraum. Was genau hier veranstaltet wurde, wollte sie so genau nicht wissen. Das war Vergangenheit und blieb es hoffentlich auch.
    Jakis Zischen erinnerte die Dschinn daran, dass sie nicht allein war und erst da merkte sie, dass ihre Begleiter sie abwartend anschauten.
    Natürlich, schoss es ihr in den Kopf, sie sind nur wegen mir hier. Kurz überlegte sie. Und einem dusseligen Phönix-Ei.
    "Irgendwo in diesem Tempel sollte es eine Bibliothek geben", murmelte sie schließlich.
    Mit diesen Worten und einem letzten Blick auf die Schale wandte sie sich ab und lief weiter in den Tempel hinein.
    Die anderen folgten ihr.
    "Woher wissen wir, dass die Bibliothek nicht noch verschüttet ist?" Jacks Stimme hallte von den Wänden zurück. Das entfernte Rieseln des Sandes tat sein Übriges, damit es Aljin eiskalt den Rücken hinablief. Darüber hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht. Und wollte sie auch nun nicht. Das durfte einfach nicht sein. Es würde bedeuten, dass die Dokumente beschädigt wären.
    "Dann war der Aufwand umsonst", grummelte Aljin genau in dem Moment, als sie an einer verschlossenen Tür vorbeikamen. Der Sand hatte daran genagt, aber der einstige Prunk war noch immer zu erkennen. In mühevoller Kleinarbeit hatte jemand Zeichen hineingearbeitet, deren Bedeutung Aljin nur schwer entziffern konnte. Mit genug Zeit und dem richtigen Werkzeug, ließ sich die Tür sicherlich wieder auf Vordermann bringen. Allerdings waren sie nicht hier, um Akrabria zu restaurieren.
    Aljin strich über das alte Holz.
    "Von euch hat nicht zufällig jemand den Schlüssel dabei?", wollte Codrac wissen.
    Aljin wog ab, ob es klug war, die Tür mit Gewalt zu öffnen. In einem Tempel, der voller Gefahren und Fallen stecken konnte, vermutlich nicht.
    "Einen Schlüssel ... " Ein Schlag mit der Faust gegen die massive Tür durchbrach ihren angefangenen Gedanken. Die Tür war der offensichtliche Weg, wenn es Fallen gab, dann direkt dahinter oder in ihrem Mechanismus.
    Ihr Blick glitt zur Wand daneben. "... brauchen wir nicht."
    Aljin fuhr mit der Hand über den Stein. Die Wände waren dick, aber der Stein leicht porös. Sicherlich würde er einer Explosion nicht standhalten. Da sie aber nicht wusste, wie stabil Akrabria nach all der Zeit unter der Wüste war, und sie die Stadt nicht sofort wieder versenken wollte - und sich gleich mit -, befahl sie lieber dem Sand aus den Steinfugen herauszuströmen und die großen Blöcke so zu lockern. Die Wand löste sich unter ihrer Magie förmlich auf und zerfiel ebenfalls zu feinem Sand.
    Nach wenigen Minuten prangte ein großes Loch neben der Tür.
    Neugierig lugte Aljin in den dunklen Raum dahinter. Es war nicht viel zu erkennen, erst als Salem eine Feuerkugel in den Raum schickte, wanderten Lichtreflexe über Unmengen an Kisten, manche davon geöffnet und mit schimmernden Schätzen gefüllt, und Fässern. Ganz im Hintergrund des weitläufigen Raumes meinte Aljin Regale mit Flaschen aber auch mit Büchern und Schriftrollen zu entdecken.
    Ihr Blick blieb an einem Draht hängen, der zwischen zwei Kisten scheinbar aus dem Nichts kam und in selbiges wider verschwand. Allein Salems Feuerball enthüllte seine Existenz, aber auch nur, wenn man genau hinsah, erkannte man, wo er sich befand. Es gab also wirklich Fallen. Oder zumindest ging Aljin davon aus, dass der Draht kein Orchester auslösen würde. Von den riesigen Sicheln genau neben der Tür einmal abgesehen. Ob die Fallen das Sandbad überlebt hatten, war jedoch schwer zu sagen.

    Kadaver von Schlangen säumten den Boden und hier und dort meinte Aljin einen Skorpion in den Schatten verschwinden zu sehen. Darauf mussten sie ebenfalls achten.
    "Also, wie genau kommen wir jetzt weiter?", Codrac schien die Fallen auch gesehen zu haben.
    Jack zuckte die Schultern als er an Aljin vorbei in den Raum spähte.
    Probeweise ließ Aljin Sand in ihre Hand fließen und formte einen Ball daraus, dessen Dichte sie festigte, bis er nicht mehr auseinanderfiel. Dann zielte sie und warf ihn auf einen der Stolperdrähte. Kaum, dass er diesen berührte, ging ein Zischen und Rattern durch den Raum und einen Lidschlag später polterte ein sarggroßer Stein von der Decke direkt auf die Stelle, an der eben noch der Ball gelegen hatte.
    Schweigend starrte Aljin auf die Falle.
    "Tja, nun wissen wir, dass die Fallen noch funktionieren", kommentierte Jack, der als erster seine Stimme wiederfand.
    "Und wir wissen, dass der Raum etwas versteckt." Salem ließ seinen Feuerball etwas anschwellen und sein Blick streifte die Truhen, Fässer und Regale.
    "Nur wie viele von diesen Fallen gibt es?" Codrac hob die Brauen, während seine tierische Begleitung nun auch noch den Kopf durch das Loch steckte. Langsam wurde es eng.
    "Kamelscheiße", zischte Aljin.
    Sie musste in den hinteren Teil des Raumes, dorthin, wo die Bücher und Schriftrollen lagen. Unbedingt! Hoffentlich lohnte sich der Aufwand überhaupt. Was wäre, wenn sie nicht fündig wurde, weil genau die Dokumente über Flaschengeister, Wünsche und Flaschen dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen waren? Aljin schüttelte den Gedanken ab.
    "Jemand einen Einfall? Ich kann schlecht willkürlich Sandbälle in den Raum werfen."



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Jack schaute in den Raum, aber sein Blick ging ins Leere. Er hatte absolut keine Idee. Er fühlte sich, als würde ein Wüstenläufer durch seinen Kopf wehen. Sich in einen Wolf zu verwandeln brachte nichts. Alles einfach abfackeln auch nicht, schließlich wollte Aljin ja die Schriftrollen lesen. Zaubertränke brachten auch nichts und Cordrac würde wohl kaum Joska vorschicken (was sowieso überhaupt niemals nie in Frage kommen würde. Auch wenn Joska ihn mit Misstrauen beobachtete, so war sie doch ein Rudelmitglied).
    "Bleibt nur sinnlos mit Sandbällen werfen", meinte Jack frustriert und trat gegen einen am Boden liegenden Stein, der plump auf die Seite kippte. Plötzlich setze ein Knirschen und Knistern ein und alle sprangen alamiert zwei Schritte zurück. Salems Feuerball flackerte, weil der Magier sich nicht mehr auf ihn konzentrierte.
    Doch der Boden tat sich nicht wie erwartet auf. Stattdessen hatte der Stein einen anderen Mechanismus ausgelöst.
    Die Sicheln an der Tür rasteten mit einem hörbaren Klicken ein.
    "Aljin!", sagte Jack aufgeregt. "Wirf nochmal einen Ball, dort auf die Sicheln."
    Die Frau folgte seiner Bitte und siehe da: Nichts geschah. Die Sicheln waren an Ort und Stelle fixiert.
    "Hm, dann gibt es sicher noch mehr versteckte Knöpfe und Hebel, die die Fallen deaktivieren", überlegte Cordrac. Als hätte Joska seine Gedanken gelesen, begann die Hündin aufgeregt über den Boden zu schnüffeln.
    Salem holte den Feuerball wieder näher zu ihnen heran.
    "Okay", meinte der Magier. "Lasst uns logisch vorgehen: Wenn wir durch die Tür gegangen wären, was wäre unser nächster Schritt und dementsprechend wo die nächste Falle. Dort muss dann irgendwo in der Nähe die Nächste Sicherung sein ..."

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

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