Schreibwettbewerb Oktober/November 2018 Voting & Siegerehrung

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    • Schreibwettbewerb Oktober/November 2018 Voting & Siegerehrung

      Welche Geschichte hat euch am besten gefallen? 12
      1.  
        Tee für Drachen (1) 8%
      2.  
        Auf dem Pfad des Lebens (4) 33%
      3.  
        Lebensverlängernde Maßnahmen (5) 42%
      4.  
        Das Ende der Ewigkeit (2) 17%
      Einen wunderschönen, herbstlichen Montag wünsche ich :D

      Der Oktober war wettertechnisch ein guter Monat um zu schreiben und ich hoffe, das merkt man auch an den vier Geschichten, die ich heute für euch habe :D

      Um es nochmal allen ins Gedächtnis zu rufen: das Thema wurde von unserem letzten Gewinner Ralath vorgegeben und lautete:
      Lebenselixier


      Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich
      gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln.


      ACHTUNG: Beim Voten
      ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen
      einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte
      bei eurer Stimmenabgabe!

      Das Voting dauert bis 30. November 2018 um 23:59:59 Uhr.

      Viel Spass beim Lesen und Voten!

      Euer Fantasy-Geschichten Forum

      PS: Sollte etwas fehlen, oder auf andere Weise nicht stimmen, bitte mit möglichst schnell per PN Bescheid sagen!
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."

    • Tee für Drachen


      Es war einmal ein chinesischer Drache mit wunderschönen feuerroten und goldglänzenden Schuppen. Der hatte eine Drachenfrau, die ebenso schön – wenn nicht noch schöner war als er. Doch seit einiger Zeit war das kräftige Maigrün ihrer Schuppen ermattet, dass Wasserblau ihrer Augen blass und grau und ihre langen Barthaare, die sonst in der Sonne hübsch schimmerten, stumpf. Der Drache wusste, was es war, was seine Gefährtin quälte. Die geheimnisvolle Seuche, die schon so viele seiner Art dahingerafft hatte. Es hieß, gegen diese Seuche helfe nur ein vom Kaiser Chinas persönlich gebrauter Tee. Doch – oh Schreck! - China hat seit einigen Jahrhunderten keinen Kaiser mehr.
      Was sollte der Drache denn jetzt nur machen? Aber Drachen wären nicht das Symbol der Weisheit, wenn sie nicht für alles eine Lösung finden würden. Also machte sich er sich entschlossen auf den Weg, das geheime Rezept der Kaiser herauszufinden und ihn höchstpersönlich für seine Gefährtin zu brauen. Er ließ sie mit besten Wünschen und einem Kuss auf die Stirn in der gemeinsamen Höhle zurück. Sie hauchte ein leises „Viel Glück“, aber er wusste, dass sie alle Hoffnung bereits verloren und sich mit ihrem baldigen Tod abgefunden hatte.
      Also machte er sich mit Mut und Ehrgeiz für Zwei auf die Suche nach dem Rezept. Als erstes schlug er den Weg zum Palast ein, der immer noch in altem Glanz im Reich der Mitte stand. Doch dort lachte man ihn nur aus und schickte ihn fort. Tee vom Kaiser, so ein Schwachsinn. Ob er nicht wüsste, dass es die alten Kaiser nicht mehr gäbe und ob er die neuen Tage alle verschlafen hätte?
      Erzürnt machte sich der Drache auf den Weg in die Bibliothek. Der Respekt vor Drachen war auch nicht mehr der alte. Wenn er genug Zeit hätte, würde er hier und da ein Feuerchen legen, aber zum Glück der Menschen, hatte er keine Zeit. Vor der Bibliothek angekommen grüßte ihn ein freundlicher, junger Mann. Der Drache war misstrauisch. Was sollte ein Jüngling wie der ihm schon erzählen könne, was er, ein uralter Drache, nicht schon wusste?
      Doch der Junge war nett und kannte sich in seiner Bibliothek sehr gut aus. Er half dem Drachen schnell in die richtige Abteilung über chinesische Geschichte und die alten Kaiser. Als er dann auch noch von der heimtückischen Krankheit hörte, die die Frau des Drachen quälte, versorgte er den Drachen mit immer mehr Literatur und gab Tipps und Hinweise. Nach Stunden des Suchens und zähen Minuten der Ergebnislosigkeit, als sich Bücher und Pergamente schon auf den unzähligen Tischen stapelten, stießen die Beiden endlich auf eine Passage in einem verstaubte, in dickes Leder gebunden Wälzer. Sie war nicht lang. Nur der Teil eines Satzes. Eines Satzes unter tausenden: „Der Kaiser, gekrönt im Kloster auf dem höchsten Berge bei den heiligen Mönchen, (…)“
      „Wenn dir einer helfen kann, dann die Mönche!“, rief der junge Bibliothekar aus. Der Drache fand, dass es einen Versuch wert war. Also folgte er der Spur des Textes in den Himalaya, hinauf auf den Berg, der Mount Everest genannt wurde. Für einen Drachen ein Klacks. Er brauchte nichtmal eine Tagesreise hinauf. Wind und Wetter, Stürmen und Schnee trotze er wagemutig. Die Höhe konnte ihn ohnehin nicht aufhalten. Und tatsächlich. Ganz oben, auf dem höchsten Punkt des Gipfels, stand ein Kloster in Stein gehauen und von eiskaltem Wind umstürmt. Schnurstraks flog er hinein.
      Die Mönche empfingen ihn begeistert. Sie hatten seit Jahrhunderten keinen Menschen und seit Jahrtausenden keinen Drachen mehr gesehen, denn sowohl die einen als auch die anderen hatten das Kloster einfach vergessen.
      Man fragte den Drachen nach seinem Anliegen und als er es erzählte, lächelte der Mönch und erklärte: „Es geht nicht um die Rezeptur. Es geht um die Hand, die es zubereitet.“
      „Also brauche ich doch einen Kaiser?“, rief der Drache verzweifelt.
      Der Mönch nickte, hob aber beschwichtigend die Hände. Er winkte einen vielleicht zehnjährigen Jungen zu sich heran, legte ihm die Hände auf und ernannte ihn kurzerhand zum Kaiser vom China.
      Der Junge kochte dem Drachen anschließend einen Tee, den dieser vor Freude jauchzend annahm und so schnell er konnte zu seiner Gefährtin zurück flog. Er flößte ihr den Trank vorsichtig ein, denn sie war zu schwach, um selbst zu trinken. Augenblicklich kehrte die Farbe in ihre Schuppen, Barthaare und Augen zurück.
      „Ein Hoch auf den Tee! Ein Hoch auf meinen Gefährten. Er kämpfte für mich. Er trotze allen Gefahren, um mich zu retten. Nicht der Tee, sondern du bist mein Lebenselixier!“
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."

    • Auf dem Pfad des Lebens


      Atemlos stieg Adam die letzte Stufe hinauf zum Tempel, der ihm die Antwort auf seine Fragen liefern sollte. Niemand sonst konnte ihm jetzt noch helfen und er hoffte, dass er hier Gewissheit finden würde. Schon als kleiner Junge hatte er sich gefragt, was es war, das das Leben wirklich erhält.
      Keuchend stützte er sich auf seinen Wanderstab und drehte sich herum, um an den Stufen hinab zu blicken. Anfangs hatte diese Treppe ihn ausgelacht, ihn für sein Vorhaben verhöhnt und ihn förmlich angegrinst, dass er es nicht schaffen würde, diese mehrere tausend Stufen zu erklimmen.
      Doch hier stand Adam nun, lächelte und streckte den moosbefleckten Steinen die Zunge heraus.
      Ratlos legte er seinen Stab auf den Boden und setzte den Reiserucksack ab, nahm die Karte heraus, die ihn hierhergeführt hatte und faltete sie auseinander. Das vergilbte Papier zeigte trotz der Jahre, die es in den verstaubten Regalen seines Elternhauses gelegen hatte, deutlich den Weg, den er bisher gehen musste. Jetzt, da er am Ziel angekommen war, fühlte er sich befreit. Aber noch hatte er seine Antwort nicht erhalten. Der Tempel war seit Jahrhunderten eine Anlaufstelle für all jene, die unzufrieden mit sich und der Welt waren. Genau wie er selber. Seine Eltern waren bei einem Unglück gestorben, seine Frau hatte ihn eines Tages einfach verlassen und die Kinder allesamt mitgenommen. Danach hatten Trauer, Zerrissenheit und Wut über seine Gedanken geherrscht.
      Er steckte die Karte wieder weg, schulterte seinen Rucksack, nahm den Wanderstab in die Hand und setzte seinen Weg fort.
      Vor ihm lag der Tempel. Ein riesiges, imposantes Gebäude, an dem bereits die Krallen der Zeit gerissen hatten. Trotzdem war der Glanz erhalten geblieben. Von den schwungvollen Dächern hingen die verschlungenen Ranken wie ein Tränenschleier herab. Die bunte Farbe der vielen Statuen war an einigen Stellen abgebröselt und auch viele der hellen Steine, aus denen nahezu alles hier bestand, wurden von Moos und Farnen verdeckt. Einzig die riesige Tür war davon verschont verblieben.
      Adam näherte sich dem Tempel mit langsamen Schritten und blieb vor dem Ehrfurcht gebietenden Gebäude stehen. Vorsichtig legte er seine Hand auf das dunkle Holz und fühlte die Wärme, die davon ausging. Er spürte das Leben, welches noch immer hinter diesen Mauern verborgen lag und nach ihm schrie. Es wirkte fast, als würde der Tempel ihn einladen und entschlossen drückte er die Tür mit aller Kraft auf. Das Holz knarzte rebellisch, doch er achtete nicht darauf und schob sie immer weiter nach innen, bis er ungehindert hindurchgehen konnte.
      Staunend ging er einige Meter hinein und blieb dann mit offenem Mund stehen, drehte sich einmal im Kreis und ließ diesen atemberaubenden Anblick auf sich wirken.
      Der Raum, der Platz für mehrere hundert Menschen bot, war noch völlig intakt. Trotzdem gab es nur noch wenige, die dieses Gemäuer bewohnten und das alte Geheimnis hüteten.
      Über die ganze Länge hinweg hingen an den Wänden rechts und links entzündete Fackeln, die alles in einen warmen Farbton tauchten. Durch den Luftzug flackerten die Flammen unruhig, als würden sie vor Adam weglaufen wollen. Am Ende der Halle befand sich ein überdachtes Podest, eingesäumt von vier Säulen, und dort saß der Meister des Lebens auf einem riesigen, roten Kissen. Nur wenn man das Geheimnis dessen verstanden hatte, was dieser Tempel behütete, konnte man sich Meister des Lebens nennen.
      Ruhigen Schrittes ging Adam den langen roten Teppich entlang, bis er kaum mehr einen Schritt vor dem Podest stand. Zögerlich ließ er sich auf die Knie nieder und legte den Stab neben sich. Dann beugte er sich weit nach vorne, bis seine Stirn den Boden berührte. Die Hände legte er flach neben seinen Kopf und wartete.
      Irgendwann, als für ihn eine gefühlte Ewigkeit vergangen war, hörte er die Stimme des Meisters.
      „Erhebe dich, Kind des Lebens“, sagte er zu Adam und benutzte dabei die Bezeichnung für diejenigen, die im Tempel nach Antworten suchten.
      Adam tat, wie geheißen und betrachtete sein Gegenüber. Der Meister hatte die Augen geschlossen und die weißen Haare fielen ihm wie ein Wasserfall über die Schultern bis zur Hüfte. Er trug eine rubinrote Kutte mit weiten Ärmeln, worin er seine Hände verborgen hielt. Im Schneidersitz sitzend, strahlte er eine Art ewige Ruhe aus. Dann öffnete er die Augen und bedachte Adam mit einem herzlichen Ausdruck auf seinen alt gewordenen Zügen.
      „Meister …“, begann Adam, doch der Alte hob eine Hand und sofort verstummte seine Stimme.
      „Ich weiß, weshalb du hier bist, Adam“, meinte er mit einem fast beschwörenden Unterton. Absatz? Verwundert sah Adam ihn an, doch er traute sich nicht, zu fragen.
      „Du bist auf der Suche nach dem Leben“, erklärte der Meister und ein kleines Lächeln huschte über sein faltiges Gesicht. „Das, was du zu finden glaubst, ist nicht hier.“
      „Was?“, rief Adam bestürzt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Das heißt, ich habe den weiten Weg umsonst gemacht?“
      Kopfschüttelnd kicherte der alte Meister vor sich hin und deutete auf Adams Rucksack.
      „Was hast du dort drin?“, fragte er neugierig.
      Adam runzelte verunsichert die Stirn und zog sich den Beutel etwas näher heran.
      „Es ist einfach nur unwichtiges Zeug. Dinge, die ich für die Reise benötige, werter Meister …“, begann Adam und wurde erneut vom Alten unterbrochen.
      „Für mich ist es nicht wichtig, aber für dich“, sagte dieser überzeugt und wischte Adams Einwand mit einer Handbewegung hinweg.
      Flink kramte Adam den Inhalt des Rucksacks heraus und Proviant, ein paar Wechselsachen, ein Messer und sein Wasserbeutel kamen zum Vorschein.
      „Was siehst du?“, wollte der Meister wissen, doch Adam schüttelte enttäuscht den Kopf.
      „Ich fürchte, ich weiß nicht, was Ihr meint“, flüsterte er ratlos und ließ die Schultern sinken. Stille folgte seinen Worten, bis der Meister aufstand, die zwei Stufen herabstieg und Adam eine Hand auf den Kopf legte.
      „Ich zeige es dir.“
      Und dann verschwamm das Bild vor Adams Augen. Die Halle verschwand, der alte Mann löste sich auf und die Steine der Mauern schienen einzustürzen. Doch Adam blieb ruhig sitzen und betrachtete die mittlerweile kalte und kahle Weite um sich. Lange blieb es nicht so, denn seine Umgebung verwandelte sich zu einer wunderschönen Landschaft. Plötzlich am Ufer eines Sees stehend, sah er über die Wasseroberfläche hinweg, wo sich Bäume wie mattgrüne und rotgoldene Soldaten aufreihten. Ganz weit hinten schrammten Bergspitzen den hellblauen Himmel und sahen bedrohlich, aber auch beschützend auf ihn herab.
      Dann, als er glaubte, die Ruhe würde ihn übermannen, raschelte es aus allen Winkeln des Waldes. Vögel zwitscherten, flogen aufgeregt über Adam hinweg. Nacheinander tauchten rings um den See herum zahlreiche Tiere auf und verteilten sich an den Ufern.
      Neben Adam zeigte sich das Geweih eines prächtigen Hirsches, der stolz an ihm vorbeischritt, um ebenfalls an den See heranzutreten.
      Wie in Trance stand Adam auf und ging so weit, bis er mit den Füßen im Wasser stand. Auf die Knie sinkend, tauchte er die Hände ins kühle Nass. Er spürte, wie das Wasser durch seine Finger glitt, an seinen Händen entlang floss und seine Handgelenke umspielte. Die Hose durchnässt, genoss er die Erfrischung. Mit geschlossenen Augen lauschte er den Geräuschen des Waldes, dem sanften Wind, der seine Haut kitzelte. Er spürte die Sonne, die sein Gesicht wärmte und ihm neue Kraft gab.
      Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete er die Augen und der Anblick verschaffte ihm ein Gefühl von tiefster Zufriedenheit. Ein Gefühl, welches er lange gesucht hatte und ihm niemand geben konnte.
      Das Wasser glitzerte im Schein der Sonnenstrahlen und bei jeder noch so kleinen Wellenbewegung veränderte sich das klitzekleine Lichtspiel auf der Wasseroberfläche. Er wischte sich mit der nassen Hand durch das Gesicht und betrachtete weiter die Umgebung, die in ihren prächtigen Farben leuchtete. Selten hatte er solch ein sattgrün gesehen oder dieses stechende Rot der Bäume. Wieder tauchte Adam die Hände ins Wasser, schöpfte sich welches heraus und trank es. Es schmeckte leicht salzig und erdig, aber trotzdem fühlte er sich frischer.
      „So viele Menschen reisen jahrelang suchend umher, um dann zu erfahren, dass sie alles bereits hatten, was ihnen Leben gab.“
      Adam erschrak angesichts der plötzlichen Worte und sah hinter sich.
      Dort stand der alte Meister am Ufer, den Blick gen Horizont gerichtet. Langsam kam er näher, griff dabei an seinen Gürtel und holte einen Gegenstand hervor.
      Noch immer über die Schulter linsend, beobachtete Adam den Meister dabei, stand auf und wandte sich ihm gänzlich zu. Der alte Mann warf ihm diesen Gegenstand zu. Verwirrt stellte er fest, dass es sich um seinen Wasserbeutel handelte, den er kurz vor der Ankunft beim Tempel geleert hatte.
      „Du solltest ihn füllen“, bemerkte der Meister trocken.
      Nickend ging er erneut in die Hocke, schraubte den Deckel von der Flasche und tauchte sie in das Wasser ein.
      Da schossen ihm seltsame Bilder durch seinen Kopf, die er klar vor seinem inneren Auge sah.
      Frauen, die Wassereimer zu ihren Häusern trugen und damit kochten, Wäsche wuschen und die Pflanzen im Garten gossen. Er konnte sich gut daran erinnern, dass er immer vergessen hatte, den Kürbissen Wasser zu geben und diese dadurch immer verwelkt waren.
      Das Bild verwandelte sich und zeigte ihm einen Ausschnitt, wo er selber schwer krank war und seine Frau darauf geachtet hatte, dass er wegen seines hohen Fiebers viel trank. Auch hatte sie immer kühle Umschläge gemacht, um seine Temperatur zu senken.
      Adam sah dann Bauern, die während ihrer Arbeit immer wieder Wasser tranken und sich damit abkühlten. Kinder, die am Ufer eines Sees badeten und Fischer, die mit ihren Booten auf dem Meer hinausgerudert waren, um zu fischen.
      Die Bilder verschwanden und Adam fand sich wieder im Nassen hockend vor. In der einen Hand hielt er den geöffneten Behälter und in der anderen den Deckel. Während er den Beutel füllte und hochhob, um ihn zu schließen, betrachtete er das Wasser, welches in kleinen Rinnsalen am Flaschenhals entlang floss und hinuntertropfte.
      „Wasser“, murmelte Adam, als ihm dämmerte, worauf der Meister hinauswollte.
      „Jeder Mensch will alles haben, giert nach Macht und Reichtum“, begann der Alte, „dabei vergisst er aber, was er benötigt, um wirklich leben zu können.“
      Adam stand auf und ging aus dem Wasser, gesellte sich neben den älteren Mann und starrte mit ihm zusammen auf den Horizont.
      „Wasser“, sagte Adam wieder, diesmal mit fester Stimme, und nickte dabei.
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."

    • Lebensverlängernde Maßnahmen


      Da gab es mal einen Kaiser. Sein Reich umfasste diverse Königreiche, eine Handvoll Stadtstaaten und sogar eine Republik und zwei Freivölker hatten sich seiner Herrschaft unterstellt. Der Kaiser war gerecht und hatte ein echtes Händchen für Diplomatie, außerdem war er unvoreingenommen und hatte seinen Abschluss in BWL als Jahresbester ganz zu Recht.
      Kurz: So einen Kaiser bekommt man nur höchst selten, wenn überhaupt jemals, und daher war es allen daran gelegen, dass er noch möglichst lange Kaiser blieb. Sogar die Opposition war dieser Meinung.
      Als der Kaiser sich dem Rentenalter von 75 Jährchen näherte, begann er sich nach einem Nachfolger umzuschauen. Leider eigneten sich weder seine Tochter Lena noch der Schwiegersohn Elodasegalriel aus dem Elfenreich, noch sein zwergischer bester Kumpel, Hallen-König Brumm-Matz Bierbart besonders für den Job. Lena hatte genug mit der Herrschaft über ihr Reich der 1000 Schuhe zu tun, Elo…dingsbums wäre zwar halbwegs kompetent gewesen, aber wer will schon einen Kaiser, bei dem man schon beim Namen vor Langweile einschläft? Sein Zwergenkumpel, der ja immerhin noch drei bis vier Jahrhunderte vor sich hatte, wäre von der Persönlichkeit wohl auch gegangen, aber was wenn nicht? Vierhundert Jahre ein Kaiser sein, den keiner mag? Das wollte der Kaiser seinem schlimmsten Feind nicht antun. Das ewige Gemecker, das stumme, vorwurfsvolle Gestarre bei Hinrichtungen, das eisige Schweigen bei Staatsbanketten und das gezwungene, unechte Lachen, wenn man einen Witz versucht. Nein, sein Nachfolger sollte schon einigermaßen in die Rolle passen.
      Mit 81 Lenzen wendete er sich daher an sein Töchterlein, ob sie mit ihrem Elfenprinz nicht mal an Nachwuchs denken könnte? Die willigte erstaunt ein, aber es war ein Gespräch von Mann zu Mann nötig, damit der Elfenprinz überhaupt wusste, was getan werden musste. Klar, bei einer Spezies, deren Mitglieder leicht vier bis sechstausend Jahre alt werden können, besteht in den ersten paar Jahrhunderten kaum eine Notwendigkeit für Aufklärung, und irgendwann fällt der Groschen dann von alleine. Aber solange konnten weder Lena noch ihr Vater warten. Natürlich konnten sie schon warten, aber in ihren Gräbern und das erschien nicht zielführend.
      Es dauerte auch gar nicht lange, da ward ein Halb-Elflein geboren und schon schnell zeigte sich: Das wird der perfekte Nachfolger. Woran man das erkannte? Ganz klar, der Kleine hatte dasselbe Muttermal am Podex, wie sein Opa. Also mehr Vorzeichen kann ja wirklich keiner verlangen!

      So langsam wurde es aber eng für den großväterlichen Kaiser. Er musste durchhalten bis Klein-Kaiserlein zu einem Groß-Kaiserich herangewachsen war, also wandte er sich an sein Volk.
      »Volk! Ich bin schweinealt und schätze, bis mein Halbelfen-Enkel soweit ist, werde ich sogar froh sein können, wenn ich noch die Herrschaft über meinen Schließmuskel ausüben kann, geschweige denn Euch alle davon abzuhalten, aus kleinlichen Gründen gegenseitig mit Pfeilen, Zaubern, Säbeln und Beilen irgendwelche todfördernde Maßnahmen angedeihen zu lassen. Daher brauche ich eine lebensverlängernde Maßnahme, am besten schon gestern. Für die Dödel unter Euch, die das nicht verstanden haben: Euer Kaiser kratzt bald ab und braucht eine LongLife-Behandlung. Wer also was in der Art hat, bitte vorbeikommen und mitbringen. Herzlichen Dank schon jetzt, Love ‘n Hugs, Euer Kaiser.«

      Als Erstes stand natürlich sein bester Kumpel, der Chief of Dwarfenheim, auf der Matte.
      »Hey, Käsaro, alter Kumpan. Ich hab da für Dich DAS geheime Lebenselixier der Zwerge.« Er reichte es seinem langjährigen Freund und der nahm sogleich einen guten Schluck.
      »Mann, Junge. Das ist nur Bier!«
      »Bier? NUR BIER?! Aber echt jetzt mal, das ist nicht einfach nur Bier, das ist DAS Bier. Tiefdunkelhopfen, Spätherbsternte, vierfach gegärt. Nur Bier …, ich werd' nicht mehr!«
      Tatsächlich fühlte sich der Kaiser sogleich verjüngt, ob durch den gestiegenen Alkoholpegel im Blut oder durch anderen Einfluss ist unbekannt und völlig zweitrangig. Jedenfalls half es gegen Gicht, Übellaunigkeit und trübe Gedanken, also gegen die schlimmsten Altersbeschwerden auf einmal.
      Doch leider hielt auch das zwergische Wundermittel nicht ewig an und der enkelhafte Sprössling spross nur langsam.
      Zum Glück nahte da der Elfenkönig, immerhin der Schwiegervater der Mama und andere Opa des sprießzögerlichen Nachwuchses.
      »Werter Kaiser, edler Fürst, gerechter Herrscher und Freund der Elfen …«
      »Schon gut, rück‘ einfach raus den Trank, ok? Ich werde leider nicht jünger und hab' nicht die Zeit, die ganze langatmige Begrüßungsformel abzuwarten, klar?«
      »Aber gütiger Großmächtiger? Ich habe schon die abgekürzte Variante …«
      »Schon gut, reich rüber die Pulle.«
      Der edle jugendliche Elf reicht dem edlen greisenhaften Menschen eine Karaffe aus edelstem Elfenglas mit einer goldenen Flüssigkeit darin, die edel glitzerte.
      Begeistert nippte der Kaiser an dem süß-würzig riechenden, aber etwas zähfließenden Inhalt.
      »Hm, das ist Honig, oder? Gewürzter Honig! Nichts weiter!«
      »Nicht einfach Honig, hochverehrter …«
      »Kumpel …, fass' Dich kurz, oder ich purzel gleich als Leiche vom Thron.«
      »Der Nektar wurde von magischen Bienen von den heiligen Blumen der unsterblichen Gärten des immergrünen Reiches gesammelt.«
      »Na schön, und als Brotaufstrich ist er mit Sicherheit sehr lecker. Danke auf alle Fälle.«
      So jeden Morgen durch ein exquisites Frühstück gestärkt, schaffte es der Kaiser locker in den dreistelligen Bereich, aber eines Tages war auch der Wunderhonig alle. Und was soll ich sagen, der Nachwuchs-Cäsar war immer noch am Nachwachsen.
      Als es also aufs endgültige Ende zuging, veranstaltete der alte Kaiser einen Ball, quasi einen Abschiedsball, pumpte sich noch einmal mit allem voll, was ihm Kraft verlieh, Zucker, Koffein, Ovomaltine, Viagra …, was die Küche eben so hergab.
      Munter wie ein fescher Achtzigjähriger, ließ er noch einmal so richtig die Sau raus. Er trank, sang, tanzte und schleppte gegen Mitternacht sogar die rattenscharfe Gräfin von Undzu ab. Mit ihren Fünfundfünfzig und vier überlebten Ehemännern wusste sie, wie man auch den schlappsten Mann wieder auf Trab bringt. Und er trabte, der Kaiser, und wie.
      Er trabte sogar so sehr, dass er das Sterben aufgab und lieber die adrette Gräfin ehelichte. Ihrer Liebe entsprang ein gesunder Knabe, der sogar in akzeptabler Zeit zu einem brauchbaren jungen Mann heranwuchs. Er war sogar bereit, solange als Kaiser für den Kaiser einzuspringen, bis der designierte Nachwuchskaiser endlich sein Kaiseralter erreicht hätte.

      Tja, und nun stehen wir hier, ich halte meine Thronrede und wir gedenken meinem alten Herrn im Ruhestand. Er und Mum sind gerade auf einer Abenteuer/Erlebnis-Tour im Feen-Wunderland, senden aber herzliche Grüße. Ich hoffe, ich bin nur halb der Kaiser, der er war … und bitte, nimm‘ doch jemand meinem kleinen Neffen endlich das Zepter weg, bevor er sich daran verschluckt, er steckt doch noch alles in den Mund …
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."

    • Das Ende der Ewigkeit


      Mit einem knappen Nicken hieß er Saruna, den dicken Stoff beiseite zu reißen. Auf weitere Wächter gefasst fokussierte Yaron den Eingangsbereich ins vermutliche Heiligtum dieses verborgenen Komplexes. Saruna fragte sich, was sie noch erwarten mochte. Mit ihrem mächtigen Geliebten an ihrer Seite gab es zwar nahezu keine ernstzunehmenden Gefahren mehr, doch immerhin galt ihre Suche der Ewigen Essenz… und die Jahrzehnte hatten Saruna um einiges vorsichtiger werden lassen.
      Mit einem Ruck zog Saruna den schweren Vorhang beiseite und verharrte angespannt, während sie aufmerksam die Reaktion ihres Geliebten beobachtete. Man müsste meinen, dass vier Jahrzehnte genügen, um sich an etwas zu gewöhnen. Aber sein blanker Schädel, der das bläuliche Licht seines magischen Ringes kalt zurückwarf, bot mitsamt den rotglühenden Lichtpunkten in den Augenhöhlen noch immer einen leicht verstörenden Anblick. Auch in Bezug auf sich selbst konnte Saruna sich nur schwer damit abfinden, was sie gegen diese widernatürliche, dauerhafte Existenz eingetauscht hatte. Doch solange Yaron an ihrer Seite war, zählte nichts anderes mehr… und bald schon würde dieser Zustand zu einer fortwährenden, unveränderlichen Konstante werden. Sehr Bald.
      Yaron ließ die knochigen Hände sinken und trat rasch vor. Seine Aufregung war fast greifbar und wie so oft ließ er in seiner Erregtheit die Fingerknochen gegeneinander klacken. Selbst zwei Jahrhunderte hatten dem mächtigen Lich keine Geduld einbläuen können und nur für Saruna, sein Spiegelbild im Geiste, seine Assistentin und geliebte Gefährtin nahm er sich die Zeit für Entrückung und streblose Stunden.
      „Komm, Saruna. Hier ist es“, erklang Yarons magisch erzeugte Stimme neben ihr.
      „Es…! Ist dies - ?! Wir sind am Ziel?“, versuchte Saruna ihre plötzliche Erregung niederzuringen.
      „Dies scheint die letzte Kammer zu sein. Komm, sieh selbst“, lud er seine Geliebte ein, indem er ihr seine knochige Hand anbot. Obwohl es physikalisch unmöglich war, spürte Saruna, wie sie rot wurde, legte ihre eigenen bleichen Knochen auf seine Hand und ließ sich anmutig durch den Eingang geleiten.
      Über den achteckigen Raum herrschte ein zentrales steinernes Podest, in dessen Mitte eine unscheinbare Schale stand. An den sieben der acht Wände ragten lebensgroße Steinstatuen auf, die allesamt den gleichen alten, eine Robe tragenden Mann darstellten, welcher mit ehrfurchtgebietender Gestik auf das Mittelpodest deutete. „Ist er es? Hat er einmal so ausgesehen?“, fragte sich Saruna lautlos und rief sich die Mythen und Geschichten über den »Ewigen Lich« ins Gedächtnis, dem segensreichen Erschaffer der Ewigen Essenz. Es hatte Jahrzehnte gedauert, die verstreuten Überreste der Schriften und mündlichen Überlieferungen zusammenzutragen, sie zu studieren, sie mental zu sezieren und ihnen die echten Geheimnisse des Ewigen Lichs zu entlocken. Die Legende vom Unheiligen Elixier, der Ewigen Essenz, dem Trank des diamantenen Geistes, welcher den Geist unantastbar macht und der körperlichen Gestalt die Härte eines Diamanten verleiht, ist noch recht weit verbreitet, sowohl unter den Lebenden als auch unter den Untoten. Doch die harten Fakten wie etwa die tatsächliche letzte Wirkungsstätte des Ewigen Lichs in Erfahrung zu bringen, reichte beinahe an das Unmögliche heran. Und nichts, kein Wort, kein Schriftzeichen, kein Indiz deutete darauf hin, was aus ihm wurde und ob er überhaupt noch existierte. Lediglich der immense Schutz dieses unterirdischen, tempelartigen Komplexes wies darauf hin, dass sie hier am richtigen Ort waren. Immerhin konnte nicht jeder dahergelaufene Zauberer magische Schutzglyphen erzeugen, welche Bergkristalltrolle und giftige Portalspinnen beschworen.
      „Bleib zurück!“, wies Yaron sie plötzlich an, ließ ihre Hand los und besah sich eine der Statuen und das Podest aus der Nähe. Seine Knochenfinger berührten die glatten Steinoberflächen nur beinahe, als er den gesamten Raum mit seinen magisch geschärften Sinnen durchmaß, um weitere magische Vorrichtungen aufzuspüren. Sarunas unnatürlicher Geruchssinn nahm den durchweg alten Geruch des Raumes wahr, den Staub der Jahre, den leicht verrotteten Stoff des Türvorhangs und… noch etwas. Es mochte die magische Präsenz im Zentrum des Raumes sein, der Inhalt der handbreiten Metallschale. Am Fuß einer der Statuen erkannte sie ein paar vergilbte, zerfetzte Pergamentseiten. Auch Yaron hatte sie bemerkt, schenkte ihnen jedoch bereits keine Beachtung mehr. Zu groß war die Anziehungskraft der Schale. Auch Saruna bemerkte, dass sie unwillkürlich einen Schritt vorgetreten war und zog sich zum Eingang des Raumes zurück. „Ist das die Essenz der Ewigkeit? Sind wir endlich am Ziel?“, dachte sie aufgeregt, während sich ihr Geliebter mit erhobener Hand wachsam über die Schale beugte, um den Inhalt im bläulichen Licht seines Ringes zu untersuchen.
      Aus weiter Ferne ertönte ein dumpfes Grollen, vermutlich nur eine weitere Lawine. Saruna fühlte die leichten Vibrationen in den Fußknochen, ihr Blick unbeweglich an den Schädel ihres Geliebten geheftet. Einer seiner Finger verharrte knapp oberhalb des Schalenrandes, während er konzentriert hineinstarrte.
      „Nein“, erklang Yarons Stimme plötzlich. Das Wort hallte wie ein Hammerschlag im Geiste seiner Geliebten wider. Unvermittelt schoss die Schale dem Lich entgegen und ihr Inhalt ergoss sich über seinen skelettierten Körper.
      Allein die Tatsache, dass Yaron nicht aufschrie hielt sie davon ab, sofort zu ihm zu hasten. Das Scheppern der Schale auf dem Steinboden zerriss die anhaltende Stille, während Yaron tropfend und eher unentschlossen wirkend dastand. Nichts deutete darauf hin, was die Flüssigkeit bewirkte oder woher das plötzliche Eigenleben der Schale rührte.
      Als nichts mehr geschah, entspannte sich Saruna zunächst etwas. Im Licht des magischen Rings erkannte sie die einzelnen Tropfen der Flüssigkeit, welche immer noch zu Boden fielen. Yaron wirkte wie gelähmt. Es wurden immer mehr Tropfen. Dunkle, dicke Tropfen. Gleichzeitig schienen seine Knochen dicker zu werden, zu wachsen und endlich erkannte die Lich, was gerade vor ihren Augen geschah. Aus den Tropfen wurde ein Rinnsal. Grauenerfüllt musste sie zusehen, wie ihrem Geliebten bluttriefendes Fleisch wuchs, Haut bildete sich wie Pilzbefall und breitete sich wie eine Seuche über seinen Körper aus, umspannte seinen vormals blanken Schädel, eine milchige Masse bildete sich in seinen leeren Augenhöhlen, während das rote Glühen verlosch, Haare sprossen, Ohrmuscheln bildeten sich wie unförmige Geschwüre, Sehnen und Muskeln bezwangen die knochigen Finger. Ein Gurgeln erklang, als sich innere Organe bildeten und mit der vollständigen Regeneration seiner Lunge begann Yaron endlich qualvoll zu schreien. Endlich konnte er schreien. Starr vor Angst konnte Saruna den Blick nicht von ihrem wiedergeborenen Geliebten abwenden.
      Gleichzeitig drang ein vergnügtes, heiseres Lachen an ihr Ohr und sie zwang sich nach rechts zu blicken. Das fahle Licht des Rings beleuchtete keine Statue mehr, sondern einen weiteren, in eine mattrote Robe gehüllten Untoten, welcher mit erhobener Hand dastand und Yaron mit boshafter Zufriedenheit ansah. Seine Hand zuckte, die Metallschale flog erneut durch den Raum und knallte gegen den Kopf einer Steinstatue. Sein Lachen endete abrupt und der Ewige Lich wandte sich Saruna zu.
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."