Meermädchen

  • Hey Kirisha



    LG,

    Rainbow

  • Hey Rainbow


    Nun habe ich übrigens Kapitel 17.2 auch komplett umgeschrieben, die Szene mit dem Wettkampf zwischen Penthesilea und Chep - es ist jetzt kein Wettkampf mehr, sondern eine Gefahrensituation mit Haien. Wer Lust hat, die Änderungen zu lesen, findet sie hier:


    Änderungen Kapitel 17.2


    In der Fortsetzung sind auch ein paar kleine Änderungen:


    Kapitel 19 Update


    Und hier geht es nun weiter:


    19.1 Süßwassertauchen


    Die Sonne sinkt tiefer und fängt schon an, am Horizont glühend rote Flammen zu versenken – ein letztes Aufleuchten vor der unbarmherzigen Nacht, die unseren Übungen ein Ende setzen wird. Leider haben wir nicht die Zeit, unser Training bis zu irgendeiner Art von Erfolg fortzusetzen, denn wir können hier nicht bleiben. Der Weg ist weit, wir müssen morgen aufbrechen, damit wir rechtzeitig zum Rosenfest wieder heimkommen.

    Und das Wunder geschieht noch einmal. Diesmal ist es eine Orka, die uns durch eine lange, kurvige Tauchtour mitten durchs Süße zu stehenden Ovationen hinreißt. Die Kriegerin hört auf den klangvollen Namen Zorakany, genannt Zok.

    „Das wa´ krass! Wusste echt nich´, dass ich so schwimmen kann, nä?“ So drückt sie sich aus. „Aber ich hab´ gleich gedacht, das klingt logisch, das kann ich...“

    Wirklich? Naftare und ich wechseln Blicke und versuchen, vergebens, darin eine Logik zu finden. Die schmächtigen Nachtalbinnen und meine kraftstrotzenden Orkas sind gewöhnlich wie Tag und Nacht. Es verbindet sie nichts. Oder doch? Was kann es sein?

    Während Niska und Zok sich gegenseitig umarmen und beschließen, von nun an allerbeste Freundinnen zu sein, befehle ich die Übungen fortzuführen, nur jetzt noch etwas schneller.

    Goplea, Naftare und ich zerbrechen uns den Kopf, wodurch diese Fähigkeit zustande gekommen sein mag und ob wir sie irgendwie in das gesamte Heer einpflanzen könnten! Das würde ja praktisch auf einen Schlag alle unsere Probleme lösen. Mit so einem Heer könnten wir etwas auf die Beine stellen.

    Naftare kommt auf die Idee, die beiden Siegerinnen nach ihren Familien zu befragen und es stellt sich heraus, dass die Mütter der beiden demselben Jahrgang angehören. Niskas Mutter war Dellya von Foremon, die im fünften Tragischen Kriegszug fiel, und Zoks Mutter war Joymia von Foremon.

    „Ach, wirklich?“, fragt Niska begeistert. „Lebt sie noch?“

    Keine gute Frage. Ich hätte sie am liebsten geohrfeigt. Fast alle meine Kriegerinnen haben ihre Mütter in irgendeinem dieser grausamen dreizehn „Tragischen Kriegszüge“ verloren und niemand will daran erinnert werden.

    „Nein“, erklärt Zok knapp. „Ist gefallen im elften Tragischen Kriegszug. Du weißt, der nach Djak...“

    Sie unterbricht sich, starrt mich erschrocken an und beißt sich schnell auf die Lippe. Aber zu spät. Ich weiß genau, was sie sagen wollte.

    Schwarzer Nebel senkt sich über mich.

    Djakaaza.

    Nebel, der aus wabernden Gespenstern besteht. Sie umringen mich und ich spüre ihren tödlichen Hauch. Weg! Weg von mir! Ich versuche zu rennen aber kann nicht. Mein ganzer Körper ist wie Eis.

    Heilige Göttin, welches Bild gebe ich denn ab?

    Es gibt keine Gespenster. Diese schwarzen Schatten bilde ich mir nur ein. Auch die Stimme bilde ich mir nur ein, die mich ruft. Nein, sie ruft nicht, sie fleht. Und ich MUSS zu ihr. Ich sehne mich nach ihr mit einer Macht, der ich nicht widerstehen kann. Aber widerstehen muss. Denn ich weiß doch, dass sie mich verderben will. Zu der Stimme gehören auch ein Paar Augen. Augen wie Feuer, die mich durchglühen. Die meinen ganzen Körper in Brand setzen. Am liebsten würde ich von diesen Augen ganz verbrannt werden. Ich war schon einmal nah dran ...

    Etwas sticht mich in die Haut. Au! Was ist das? Wo bin ich?

    Die Sonne strahlt mir ins Gesicht.

    Ich stehe am Ufer des Strandes, umringt von meinen Kriegerinnen. Protoe ist neben mir. Sie krallt ihre Fingernägel in meinen Arm. So hat sie mich schon früher wachgerüttelt, wenn dieser verdammte Nebel mich überkommen wollte.

    „Hast du gehört, Penthesilea? Beide Mütter sind aus dem Foremon-Jahrgang“, erklärt Protoe und starrt mich eindringlich an. „Niska und Zok haben ihr Schwimmtalent bestimmt geerbt.“

    Was für ein Jahrgang? Mir zittern die Finger so, dass ich sie in meinen Umhang klemme, in der Hoffnung, es sieht dann keiner. Niska und Zok, beide voller Euphorie über ihre unerwartete Aufwertung, stehen im seichten Uferbereich und blicken erwartungsvoll zu mir herüber.

    Der Feldzug nach Foremon. Aber das war doch kein Wasserland? Ich versuche, mich an die Tabellen von Ländernamen und die dazugehörigen Eigenschaften der Bewohner zu erinnern, die ich vor Jahren mal auswendiggelernt habe. Foremon: Ein regnerisches Gebiet, kaum Zauberer, aber sie lebten in aufwändig gebauten Häusern. Beim besten Willen kann ich mich an keine Eigenschaft erinnern, die etwas mit Wasser zu tun gehabt haben könnte.

    Der flammende Blick.

    Ich klammere mich fester an meinen Umhang. Nicht. Ich darf nicht mehr an die Dunkelheit denken. Mich nicht wieder fangen lassen.

    Irgendeine Erklärung bezüglich der neuen Wasserfähigkeiten von Niska und Zok kommt mir auf die Schnelle jedoch auch nicht.

    „Niska, Zok – ihr beide fragt die Kameradinnen, wessen Mütter noch aus Foremon stammen“, gebiete ich.

    Schon werden die Schatten länger und die Dämmerung wird uns bald von hier vertreiben. Aber ich lasse die Übungen und auch die Befragungen fortsetzen, dränge auf größere Eile. Ich brauche Antworten. Lösungen.

    „Magie“, meint Naftare, als hätte sie meine Gedanken gehört. „Niska und Zok haben einen Zauber benutzt, den wir vermutlich nicht nachmachen können, weil man das Talent dazu braucht – aber es muss andere Hexereien geben. Denkst du nicht?“

    „Keine die auf der Hand liegt“, sinniere ich und streife mit den Fingern über meinen leider so schlitzfreien Hals. „Du kannst mir glauben, dass davon alle unsere Fischerinnen träumen. Gäbe es so einen Zauber, würden wir ihn kennen. Die einzige Lösung wäre: Wir müssten einen erfinden.“

    Ich grinse schief. Ganz unmöglich ist es nicht. Allerdings hatten wir schon leichtere Aufgaben.

    Obwohl ich zur Eile antreibe und unerbittlich weiter trainieren lasse, zeigen sich leider keine weiteren spontanen Kiementalente.

    Im Gegenteil, erregt eine Schwimmerin meine Aufmerksamkeit, die von Arixes als Wächterin in die Fluten geschickt wurde und in dem widerwärtigen Süßwasser beinahe ertrinkt. Inzwischen sind meine Leute jedoch wachsam und holen sie schnell heraus. Es ist eine der Novizinnen, die noch nicht gelernt hat zu smolten. Mit Mühe unterdrücke ich einen Fluch. Was soll das heißen – nicht einmal alle meine Schwimmerinnen sind tauglich für das unwirtliche Element?

    Unsere Heilerinnen sind inzwischen routiniert im Wiederbeleben. Innerhalb weniger Augenblicke haben sie das Mädchen wieder auf den Beinen. Dieses macht ein fürchterliches Theater, bricht in Tränen aus und jammert lautstark, der ganze Kriegszug sei ein Desaster und sie will nach Hause. Ich kenne diese Versagerin sogar – es ist Malaxes, der ich die Ehre erwies, die Götterschale zu tragen.

    Da knallen bei mir alle Sicherungen durch.

    Ich marschiere zielstrebig zu ihr hin und ziehe sie am Arm zu mir heran.

    „Gleich brennen hier Zelte, wenn du nicht aufhörst so unwürdig zu jaulen“, fahre ich sie an. „Du wurdest auserwählt aus hunderten Kandidatinnen, die ebenso nach Ruhm hungern wie du, denen du den Platz weggenommen hast! Wir haben kaum den Fuß auf einen fremden Kontinent gesetzt, da fängst du an zu flennen? Du glaubst, das fühlte sich schwierig an? Hör mal zu, du kleine feige Ratte, noch ist überhaupt nichts passiert und wir sind die mächtigste Armee der Welt. In neun harten Kriegszügen hat mich nie jemand besiegt und niemand wird mich je besiegen. Hörst du? NIEMAND! Wovor hast du Angst? Dass du sterben wirst? Das ist nicht das Schlimmste, was dir passieren kann. Das Schlimmste wäre der Niedergang unserer Heimat und deshalb führen wir Kriege, damit das nie geschieht. Deshalb jagen wir nach wertvoller Beute, um Amazonia zu neuer Blüte zu bringen. Du streitest für die Zukunft unseres Landes, für deinen eigenen Ruhm und die Zukunft deiner Familie, deine Kinder. Gibt es irgendetwas, das daneben noch Bedeutung hat?“

    Malaxes duckt sich unter der Wucht meiner Worte, die sichtlich Eindruck auf sie machen.

    „Ich... ich hab auch Angst vor diesen Erzeugern“, murmelt sie schüchtern und wagt es nicht, ihre Augen zu mir zu erheben. „Ich meine, die sind dämonisch und trotzdem sollen wir Kinder von ihnen bekommen. Was, wenn ein Kind das Dämonische erbt?“

    Aha. Sie hat nur Angst vor den Kerlen! Ich dachte, es wäre schlimmer.

    „Wenn du treu unseren Regeln folgst, wird die Göttin deine Schwangerschaft segnen, und deinem Kind kann nichts geschehen.“

    „Meint Ihr?“, Malaxes blickt noch immer auf den Boden, aber ich sehe, wie ihr Gesicht tiefrot angelaufen ist. „Ehrwürdige Königin, ich habe mich immer gefragt ... bitte verzeiht mir ... warum Ihr kein zweites Kind bekamt. Neun siegreiche Feldzüge: Ihr hättet schon so viele Töchter haben können wie die Sonne. Aber Ihr nehmt nie am Rosenfest teil. Ihr fürchtet die Erzeuger ebenso wie ich, nicht wahr?“

    „Ich fürchte sie nicht, ich hasse sie“, korrigiere ich. „Aber das ist meine persönliche Angelegenheit, die ihr nicht nachmachen sollt. Wir brauchen eure Kinder und ihr sehnt euch doch selber danach, Töchter zu haben und euren Ruhm in ihnen zu vergrößern und weiter zu tragen!“

    Nun endlich wagt Malaxes zu mir aufzusehen. Noch immer flammt ihre Stirn glühend rot. „Königin ... ja, ich sehne mich nach einer Tochter ... aber wie Ihr habe ich es bisher nicht gewagt. Gut, ich war auch zu arm, um mir eine Nacht beim Rosenfest zu kaufen. Das war der Grund, warum ich mich anwerben ließ für diesen Kriegeszug. Ich dachte, hier kann ich mir ja selbst einen Erzeuger erringen. Aber nun habe ich Angst vor ihnen. Und wenn dann der Kampf noch so schwierig wird...“

    Ist das wirklich Angst, Malaxes? Oder nicht eher Ekel, oder Wut? Ich für meinen Teil bin bis zum Anschlag von diesen Typen angewidert und habe deshalb für mich beschlossen, mich niemals mit ihnen einzulassen. Zum Glück muss ich es nicht: Auf den zusätzlichen Ruhm, den mir eine magiekräftige Tochter einbringen könnte, verzichte ich gern. Und ich habe auch nicht wie viele meiner Schwestern diesen unbegreiflichen Wunsch, ja schon fast eine Besessenheit, Kinder haben zu wollen.

    „Malaxes“, erkläre ich belehrend, „deine Abscheu vor den Erzeugern verstehe ich. Aber du suchst dir ja keinen von der Straße, was in der Tat gefährlich wäre, sondern wir wählen gezielt aus und präparieren uns gut. Lass dir erklären, dass das Zeugen von Kindern dir nicht viel abverlangt. Du teilst ein Glas Rosenwein mit dem Erwählen, danach werdet ihr tanzen und wenn du wieder zu dir kommst, ist schon alles vorbei. Davor brauchst du dich nicht zu fürchten.“

    Ich sehe an den Blicken meiner Generälinnen, an dem leisen Zucken um ihre Mundwinkel und dem wissenden Grinsen in ihren Augen, dass sie zu diesem Thema noch einige Ergänzungen vornehmen könnten, es aber nicht tun, um mich nicht zu ärgern. Das ist auch besser so, denn ich merke schon, wie ich in Fahrt komme und meine Zunge anfängt bissig zu werden.

    Mich überkommt eine nervöse Unruhe wie häufig, wenn wir über das leidige Thema dieser Erzeuger debattieren und ohne dass ich will, male ich mir aus, wie es wohl wäre, noch einmal ein Baby in meinen Armen zu halten...

    Nein. Nein. Ich brauche kein neues Baby. Das würde ich gar nicht aushalten. Schon das eine Kind, das ich habe, lässt meine Nerven täglich zittern und bringt mich des Nachts um den Schlaf.

    Wie es Raven jetzt wohl geht? Als wäre es Wirklichkeit, sehe ich meine Tochter in meiner Fantasie wagemutig an den Klippen beim Wasserfall herumspringen. Eine Angst wie aus Riesenfäusten umkrallt meine Brust und nimmt mir fast die Luft zum Atmen.

    Sie wird bestimmt versuchen, wieder zu den verdammten Klippen zu kommen und was, wenn ich sie dann nicht beschützen kann?

    Der Bann. Mein Bann wird sie hindern.

    Aber jemand könnte den einfach wegnehmen. Eine der Spiritistinnen zum Beispiel.

    Wie sollte ich es ertragen, wenn Raven etwas zustößt?

    Schluss jetzt. Die Göttin liebt meine Tochter nicht, aber sie wird sie doch beschützen. Um meinetwillen.

    Die letzten Sonnenstrahlen verlöschen eben über dem Meer und lassen es dunkelblau und unergründlich werden.

    Ich klatsche in die Hände.

    „Schluss für heute! Die Übungen sind für den Anfang schon sehr vielversprechend verlaufen.“ Gute Stimmung verbreiten ist obligatorisch. Selbst im Angesicht der jämmerlichsten Übung der Weltgeschichte würde ich mich doch gezwungen sehen, das genaue Gegenteil zu verkündigen. Ich sehe das auch in unseren Geschichtsbüchern. Sie sind voller Lobeshymnen. Schwache Armeen oder vom Pech verfolgte Führerinnen scheint es nie gegeben zu haben. Denn erst wenn auch deine Worte schwächeln, hast du wirklich verloren. Deshalb schlucke ich all meinen Frust, meine Hilflosigkeit herunter und fahre großspurig fort: „Generälin Goplea wird eure Kiemenketten noch etwas erweitern, damit das Tauchen leichter wird, und wir werden mit Niska und Zok ein Verfahren entwickeln, wie ihr das Meer mithilfe von Magie erobern könnt. Ich kann euch versprechen, von diesem Feldzug werden noch eure Kinder und Kindeskinder mit Ehrfurcht reden, und im Tempel von Femiterra wird man uns ein neues Mosaikfenster widmen, damit es die Nachwelt nie vergisst!“

    Generälin Arixes kommt mit von Stolz geschwellter Brust auf mich zugewatschelt und klatscht mir auf die Schulter.

    „Wohl gesprochen, Königin. Das war eine großartige Übung. Ich kann es kaum erwarten, endlich anzukommen!“

    Das meint sie tatsächlich ernst, ich sehe es an ihren rauschhaft glänzenden Augen. Auch Chep, die Generälin der Orkas, nimmt unsere Worte für bare Münze und reißt ihr Schwert in die Luft.

    „Sieg! Sieg! Immer wieder Sieg!“, brüllt sie, worauf ihre Truppe, die daran schon gewöhnt ist, wie ein hundertfaches Echo antwortet und der „Sieg“ mir fast die Ohren zerschmettert.

    So schreiten wir den Weg zum Lager hinauf, getragen von Kriegsliedern, die sie jetzt anstimmen, und der allgemeinen Euphorie, die sich fast immer nach anstrengenden Übungen einstellt.

    Über uns ziehen Wolken am Nachthimmel auf.

    Mich überfällt das Gefühl, diese werden gleich über mir zusammenstürzen. Ganz im Gegensatz zu den heroischen Worten, mit denen ich mein Heer gefüttert habe, sieht es in meinem Inneren finster aus. Dieser Kriegszug erscheint mir immer mehr als unmögliche Aufgabe. Was hat sich die Göttin dabei gedacht? Sie will uns doch nicht ins Verderben führen? Wie sollen wir dieses Fischvolk bezwingen, wenn wir es nicht schaffen, lange genug zu tauchen? Ich muss Botinnen ausschicken, die mich über die Qualität des Wassers im Zielland aufklären.

    Und ich muss einen Ausweg parat haben, falls weder Goplea noch Niska mein Heer wassertauglich machen können.

    Vielleicht habe ich sogar einen. Sollten wir nicht im Zielland freie Magie finden? Vielleicht rettet uns das? Einen Augenblick lang sonne ich mich in der Vorstellung, ein noch unbekanntes Geschenk könnte uns dort erwarten, das einfach so alle unsere Probleme löst.

    Nur widerwillig schüttele ich diesen Wahn von mir ab. Die Möglichkeit, dass wir eine Halle voller Strahlung finden, fertig zum Benutzen nach unseren Wünschen, ist genauso wahrscheinlich wie eine Halle voller Goldklumpen, unbewacht, die vor unserer Nase vom Himmel heruntersegelt. Es wird nicht passieren. Falls es dort freie Magie gibt, erringen wir die wohl erst nach einem Sieg über dieses Meeresvolk. Sie ist also nicht die Lösung unserer Probleme, sondern die Belohnung für den Sieger. Und wie wir eigentlich siegen sollen, steht bis jetzt noch in Sternen.

    Energisch balle ich die Fäuste und schreite voran. Die Zelte unseres Lagers ragen wie spitze Schatten in die Höhe und die Dämmerung droht sie zu verschlingen. Und uns alle gleich mit.

    Nein, wir werden hier nicht untergehen. Bei der heiligen Göttin, ich werde den Sternen ihre Geheimnisse schon entreißen!









    Meine Geschichte: Meermädchen

    Einmal editiert, zuletzt von Kirisha ()

  • Hey Kirisha



    LG,

    Rainbow

  • Hey liebe Rainbow


    Und hier geht es weiter:


    20. Felsenromanze

    Murissa


    Noch immer im Schock taumelte ich von Stand zu Stand. Die meisten Händler hatten passende Hilfsmittel im Angebot, die mutige Krieger bei ihrem Kampf gegen die Dämonen unterstützen sollten, wie Fluchbanne, Dämonenschützer und auch Kraftverstärker. Es gab Stände mit Schwertern, Dolchen und Schilden. Andere boten Schmuck, Schals, Hüte oder Ketten. Amulette mit diversen Schutzfunktionen hatte fast jeder im Angebot.

    Sollte ich mir auch sowas kaufen? Aber gegen Dämonen könnte ich doch sowieso nie etwas ausrichten. Ich landete vor einem Stand mit Illusionszaubern. Der Händler verkaufte einen Hut, der eine Frau wie einen Mann aussehen ließ, wenn sie ihn aufsetzte. Oder einen Bärenpelz, der einen Menschen tatsächlich wie in einen Bären verwandelte. Mein Herz begann höher zu schlagen. Vielleicht hatte er noch andere? Solche, die ich gerade sehr gut gebrauchen könnte, damit ich nicht wie eine Lügnerin dastand? Vielleicht könnte ich mich retten, wenn ich wenigstens einen von Turris´ Wünschen erfüllen könnte.

    „Welche Illusionen habt Ihr denn noch?“, fragte ich hoffnungsvoll. „Ich würde gern wie ein Meermädchen aussehen.“

    Er lachte dröhnend.

    „Danach hat noch nie jemand gefragt, tut mir leid.“

    Doch ich sah schon, wie es in seinem Kopf arbeitete. Sein Blick flog über die verschiedenen Gegenstände auf seinem Verkaufstisch und er klaubte einen kleinen Spiegel heraus.

    „Damit sollte es gehen.“

    „Wie funktioniert er?“

    „Man reibt einmal an seiner Rückseite. Allerdings ist er nur zum einmaligen Gebrauch und er erzeugt eine recht simple Illusion. Deswegen ist er auch günstig. Nur zwanzig Bronzehellonen, meine Dame. Ein Sonderpreis!“

    Na klar. Ich hätte es mir denken sollen.

    „Geht es für zehn? Ach... bitte, Herr!“

    Ich konnte ihm nicht alle meine Taler geben. Einige musste ich für den Hindernisüberwinder aufsparen. Falls wir den wirklich noch brauchten. Andernfalls wäre wohl eher eine Art Dämonenverscheucher nötig – oder auch gleich ein Grabstein.

    Der Händler zog den Spiegel zurück und funkelte mich unzufrieden an.

    „Ihr seid hier nicht auf einem Bettlermarkt.“

    Da seine Ware von Hunden bewacht wurde, war Klauen leider keine Option. Mir blieb nichts anderes übrig als auf den Wunderspiegel zu verzichten. Diese ganzen Meermädchen-Fantasien kamen mir inzwischen sowieso wie Spielereien vor, die mit unserem eigentlichen Ziel nichts zu tun hatten. Vielleicht hatte Turris mich damit ablenken wollen. Damit ich nicht merkte, wie extrem gefährlich unser Unternehmen eigentlich war.


    Da war ich also auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Turris hatte zwar kaum Hellonen, deshalb konnte sich keine von uns eine wirkungsvolle Ausrüstung kaufen, er war auch kein Ritter und konnte nicht kämpfen, aber trotzdem wollte er uns gegen diese grausigen Dämonen schicken. War er verrückt? Wollte er uns alle umbringen?

    Ob ich mir ein Schutzamulett gegen die Dämonen kaufen sollte? Aber ich kannte mich damit nicht aus und würde nie ein brauchbares von einer Kopie unterscheiden können.

    Die Panik breitete sich in meinem ganzen Körper aus und in meinem Magen begann es zu grummeln. Diesmal nicht allein weil es kein Mittag gegeben hatte.

    Was bei allen Göttern hatte Turris geplant? Warum hatte er uns den Blödsinn vom Nebelmeer erzählt?

    Ich musste ihn suchen und danach fragen, bevor ich noch durchdrehte. Wo konnte er sein?
    „Dort ist sie, die elende Diebin!“, hörte ich eine keifende Stimme hinter mir. Ich wirbelte herum. Ach du Schreck – die Elgo vom Wasserstand! Leider war sie diesmal nicht allein. Zwei Marktwächter, bewaffnet wie Soldaten, stürmten nach ihrem Wink auf mich los. Ich rannte davon, jagte unter Tischen hindurch, kurvte um Stände herum, bis ich das Ende des Marktes erreichte – aber leider klebten die zwei verwünschten Büttel mir an den Fersen wie ausgehungerte Wölfe. Wohin? Wo könnte ich mich verstecken? Ich hatte schon ziemlich oft vor wütenden Händlern davonrennen müssen und war gut darin, Haken zu schlagen und mich im richtigen Moment hinter Hausecken zu verstecken. Der breite Weg vor mir führte zu einer Reihe von Gasthäusern. Jetzt war der Zugangsweg dahin jedoch mit Zeltleinen abgesperrt und von Rittern in klirrenden Rüstungen bewacht.

    Dahinter schien irgendeine Attraktion zu laufen, Volksmassen johlten und applaudierten. Selbst auf den Balkonen der Gasthäuser standen noch Leute. Hektisch suchte ich nach irgendeinem Weg. Zurück rennen konnte ich nicht, da meine Verfolger zu zweit waren und mir leicht den Weg abschneiden würden. Also hastete ich an der Leinenwand entlang, die den Weg versperrte, und zwängte mich an ihrem Ende zwischen Büschen und Bäumen hindurch. Offenbar befand ich mich nun hinter einem der Gasthäuser. Ich kam nicht schnell genug vorwärts. Zu viele Äste und Ranken versperrten mir den Weg, ich hörte meine Verfolger schnell immer näher kommen, hörte es hinter mir knacken und keuchen. Inzwischen war ich ganz nah an die Hausmauer gekommen, sah einen überstehenden Balken und hangelte mich geschickt daran hoch. Vielleicht, wenn ich Glück hatte, sahen sie nicht, dass ich inzwischen über ihren Köpfen war? Weiter und weiter kletterte ich an dem Fachwerk des Hauses entlang. Ich schaffte es, seitlich auf einem Balken zu balancieren und mich um die Hausecke herum zu schlängeln. Nun befand ich mich in etwa vier Meter Höhe über dem Erdboden, zwischen zwei nah beieinander stehenden Häusern und konnte aus meinem Winkel heraus sogar einen kleinen Ausschnitt des Platzes sehen, auf welchem die abgeschirmte Attraktion lief. Ritterkämpfe, wie es aussah. Gepanzerte Helden droschen unter dem wilden Geschrei der Menge aufeinander ein.

    Ich blinzelte nach unten. Mist. Gerettet war ich keineswegs. Die verflixten Marktwächter standen direkt unter mir und schienen darüber nachzudenken, wie sie mich herunterholen sollten. Einer zückte sein Schwert und warf es auf mich. Erschrocken wich ich aus. Es sauste wieder auf den Erdboden zurück. Ich beeilte mich, weiter nach vorne zu gelangen. Leider konnte ich nicht nach oben entkommen, denn die Dachbalken ragten zu weit nach vorn – und nach einer Weile ging es auch nicht weiter vorwärts. Nirgends ein Holzvorsprung, nicht einmal die kleinste Kerbe... und selbst mich nur an meinem Platz zu halten wurde schwer, da meine Füße immer wieder abrutschten und ich ständig versuchen musste, meine Position neu abzusichern. Zum Glück hatten meine Verfolger die Idee mit dem Schwerterwerfen inzwischen aufgegeben. Sie sahen sicherlich meine hilflose Suche nach einem festen Stand und lauerten nun einfach darauf, dass ich früher oder später von allein abstürzen und ihnen direkt vor die Füße fallen würde.

    Verzweifelt spielte ich in Gedanken die Optionen durch, die mir blieben. Genau genommen war es nur eine einzige. Ich müsste nach unten springen und auf diesen Platz rennen, auf welchem die Ritter kämpften. Aber wenn mir dahin zwei Büttel mit dem Ruf „Haltet die Diebin“ folgten, würde mich das wohl kaum retten. Was sonst konnte ich machen?

    Während ich mein geplagtes Hirn nach einer anderen, gescheiteren Lösung zerquetschte, starrte ich mit angstgepeitschten Blicken auf den Teil des Platzes, den ich aus meiner Position sehen konnte.

    Das Gasthaus auf der anderen Seite war ein riesiger Bau mit Säulen vor den Eingängen und efeuumrankten Balkonen in den oberen Stockwerken. Auf diesen standen Scharen von edlen Damen. Was für Prinzessinnen! In weiten bestickten Faltenkleidern blickten sie zu den Rittern herunter, trugen Diademe oder Hüte mit Schleifen auf den wunderschön gelockten Haaren und zwei von ihnen hielten unnötigerweise auch noch Sonnenschirme über ihre Köpfe, obwohl die Sonne nur selten unter den Wolken hervorlugte.

    Wieder rutschte ich ab, krallte mich mit den Händen an dem oberen Balken fest und tastete mit den Zehen nach einem neuen Halt. Dort, mein linker Fuß fand einen. Mit dem Rechten suchte ich wiederum vergebens. Schwer atmend linste ich nach unten, traf dort auf die unerbittlichen Blicke der Wächter.

    Auf dem Kampfplatz wurde es still.

    „Ritter Gonderol gegen Umbrich den Wilden!“, tönte es von irgendwoher.

    Applaus.

    Die herrschaftlichen Damen auf den Balkonen hörte ich etwas rufen und zwei Herren erschienen, welche zu ihnen hinaufblickten. Der Ritter lüftete grüßend seinen Helm, was von den Damen mit einem demütigen Kichern und gnadenvollen Fragen nach der Herkunft und den bisherigen Erfolgen quittiert wurde. Eine der Baronessen warf dem Helden ihr Halstuch herunter und fragte ihn, ob er auch gegen die Dämonen antreten würde.

    „Morgen um die Mittagszeit habe ich gebucht“, sagte er und verneigte sich. „Es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr zuschauen würdet.“

    Sein Gegner schien ein Mann aus dem Volk zu sein, er war ärmlich gekleidet und sein Schwert auch weniger prächtig als das des Ritter.

    Während die zahlreichen Zuschauer, die ich von meinem Platz aus nicht sah, laut skandierten: „Anfangen! Anfangen!“, ich derweil zunehmend desperat darum kämpfte, nicht von meinem luftigen Posten herunterzufallen – übertönte das alles die unsichtbare Stimme:

    „Seid gespannt auf diesen Kampf, meine Damen und Herren – und seid gespannt auf die nächsten Duelle, denn es erwarten euch noch Meister und Berserker! Seid gespannt auf den Kampf von Ritter Fanken gegen Widmund den Würger, den Kampf von Ritter Klamander gegen Bromo den Brandstifter, Ritter Fanzelker gegen Turris den Töter...“

    Meine Ohren öffneten sich wie Trompetentrichter. Hatte ich den letzten Namen richtig verstanden? War das der Turris, welcher kämpfen würde?

  • Hm, ja - zu Penthesilea: Das Konzept, die Ideen der amazonischen Kultur und ihrer Werte gefallen mir schon ganz gut. Mein Problem ist, dass irgendwie bei mir nicht der Funke ueberspringt dass Penthesilea davon ueberzeugt ist :| Irgendwie... das kommt nicht mit der Selbstverstaendlichkeit mit der jemand sein Weltbild erklaert, sondern das ist irgendwie verhalten entschuldigend...



    Die Ausreden sind auch jedes Jahr gleich dumm. Kultur, hm?


    Sex, Sex, Sex - das ist alles was die jungen Leute im Kopf haben! - Wie geht's uns denn heute, Herr Zenturio? :D


    Wollt ihr als Sklavinnen enden, oder sterben?


    Wir naehern uns dem Hardcore-Feminismus (ich hab' das, ohne Uebertreibung, schon mal so bei einer Feministin gelesen - daher hab' ich den Vergleich warum Dein Text hier eher zu verhalten wirkt...)


    In meinem Magen beginnt es zu kribbeln. Sie kommt gefährlich nah an das Problem heran, das auch ich habe. Ach was – Problem, es ist wohl eher überbordender Hass – aber den kann ich mir leisten. Ich will mich mit diesen Typen nicht einlassen.


    Das ist so ein Beispiel - hier diagnostiziert sie bei sich selbst 'ueberbordenden Hass' - das klingt nicht so als wuerde sie hinter ihrem Verhalten stehen, sondern eher so als sieht sie es selbst kritisch.


    Du teilst ein Glas Rosenwein mit dem Erwählen, danach werdet ihr tanzen und wenn du wieder zu dir kommst, ist schon alles vorbei.

    Was mischen die denn in den Rotwein?:)


    ***


    Murissa ist unterhaltsam wie eh und je


    Aber ich kannte mich damit nicht aus und würde nie ein brauchbares von einer Kopie unterscheiden können.


    Hm, aber sie kann doch recht gut Magie spueren - das muss sie doch wissen, oder?


    „Morgen um die Mittagszeit habe ich gebucht“

    Klingt irgendwie nicht so heldenhaft und beeindruckend - er will doch vor der Dame angeben, da passt eher 'Morgen um die Mittagszeit blicke ich dem Tod ins Auge' oder so.

  • Thorsten

  • Hey Kirisha :)


  • Rainbow



    Es geht weiter:


    20.1 Felsenromanze

    "Seid gespannt auf den Kampf von Ritter Fanken gegen Widmund den Würger, den Kampf von Ritter Klamander gegen Bromo den Brandstifter, Ritter Fanzelker gegen Turris den Töter...“


    Meine Ohren öffneten sich wie Trompetentrichter. Hatte ich den letzten Namen richtig verstanden? War das der Turris, welcher kämpfen würde? Die Gedanken begannen wie ein Mückenschwarm in meinem Kopf zu wirbeln. Nein, unmöglich. Turris war ein netter Junge von der Straße, er hatte gar keine Waffen dabei und konnte nicht kämpfen. Es konnte nicht sein.


    Oder stimmte es, was Klymera behauptet hatte, dass er noch irgendwas vor uns verbarg, was uns gar nicht gefallen würde, wenn wir es wüssten? Den Gedanken verbat ich mir jedoch vehement. Nein, unmöglich, so einer war er nicht. Falls er hier kämpfen würde, dann hatten sie ihn bei seinem Eintritt wahrscheinlich dazu gezwungen und er zitterte gerade genauso um sein Leben wie ich?


    Die beiden Streiter auf dem Platz gingen aufeinander los. Ich war recht froh, dass ich aus meinem hohen Winkel nur einen Bruchteil des Gemetzels sehen konnte. Dafür hörte ich umso lauter den Jubel der Menge, der dessen Ende verkündigte.


    „Seht den Sieger, Ritter Gonderol!“


    Welch ein Applaus. Welch ein Gekreische und Gejohle. Ich hatte das Gefühl, die Druckwellen des Lärmpegels könnten schon alleine ausreichen, um mich von der Hauswand herunterzufegen. Krampfhaft hielt ich mich fest. Schon betraten die nächsten Kämpfer die Manege. Diese fingen noch an sich endlos zu beschimpfen, bevor sie endlich aufeinander losdroschen. Ich klebte derweil noch immer wie eine Fliege mit nassen Händen an der schrecklichen bröckeligen Mauer und erwartete mein baldiges Verderben... könntet ihr netten Ritter freundlicherweise etwas weniger drum herum palavern und schneller fechten, damit ich nicht herunterkrache, bevor Turris die Bühne betritt?


    Endlich hörte ich die Schwerter klirren. Ich wusste, meine Zeit lief ab. Inzwischen hatte ich ja nicht nur Probleme, meine Füße an der Hauswand unterzubringen – auch meine Finger waren schon fast taub von dem Geklammere und drohten mir den Gehorsam zu verweigern.


    Da kam mir der folgende geniale – oder auch nicht so geniale – Gedanke: Da ich hier oben ohnehin nicht mehr lange hängen konnte, würde ich versuchen, mich genau während des Kampfes von Turris in die Arena zu stürzen. Das würde seinen Gegner ablenken und mir Zeit geben zu entkommen. Oder es würde es uns allen beiden gründlich vermasseln...


    Wieder sah ich die Damen von dem Balkon gegenüber ihrem Favoriten Tücher herunterwerfen und mit den Augen klimpern. War das ein Heiratsmarkt für Adelsdamen? Wo die Ritter ihre Kraft beweisen mussten, um Herzen zu erobern? War das nicht irgendwie extrem bescheuert?


    Endlich ertönte jener Aufruf, den ich schon seit einer gefühlten Unendlichkeit erhoffte und fürchtete:


    „Ritter Fanzelker gegen Turris den Töter!“


    Jetzt. Das war das Signal für meinen Einsatz. Allerdings durchflutete mich bei dem Gedanken solche Todesangst, dass ich mich nur umso wilder festklammerte. Wieder dröhnte mir der Applaus um die Ohren.


    Jetzt! Jetzt!


    Entschlossen ließ ich los und fiel im nächsten Moment abwärts. Ein Luftzug, ein Rauschen. Hart prallte ich auf den Boden, landete auf allen Vieren, wie eine Katze. Von der Wucht schlug ich noch mit dem Kopf auf etwas Hartes. Im ersten Moment fürchtete ich, es hätte mir alle Glieder zerschlagen, doch ich schaffte es gleich wieder auf die Beine und unter den verdutzten Blicken der zwei Ordnungshüter, die vom langen Warten wohl etwas eingerostet waren, witschte ich zwischen ihnen hindurch und rannte ohne weiter nachzudenken vorwärts auf den freien Platz.


    Da standen sie bereits. Umringt von Stuhlreihen zu den Seiten, auf denen bestimmt über hundert Leute saßen, umlauerten sich direkt vor meiner Nase auf einem großen runden Platz zwei Krieger. Der mit dem Helm, der Rüstung und der glänzenden Waffe musste wohl dieser Ritter sein. Sein Gegner war ein Kerl mit Eisenpanzer um Schultern und Brust sowie einem Schild mit einem Totenkopfwappen. Obwohl ein Elgo mit langer wallender Mähne, konnte das unmöglich Turris sein.


    Gerade hatten die beiden einander mit gezückten Schwertern gegenüber gestanden, doch da ich ihnen in meiner blinden Panik fast direkt in dieselben hineingerannt wäre, fuhren sie auseinander und glotzten mich an wie ein verkokeltes Huhn.


    „Murissa!“, hörte ich den Kämpfer mit dem Totenkopfschild sagen. „Bist du verrückt geworden, was machst du hier? Geh nach hinten, setz dich auf die Bank.“


    Taumelnd, ohne zu begreifen, was hier abging, versuchte ich zu gehorchen.


    Schon schlugen die Schwerter der beiden Kämpfer aufeinander ein. Sie umtänzelten einander, sie attackierten. Und nicht der Ritter war hier der starke Mann, wie bei allen vorherigen Duellen. Der Fremde mit dem schrecklichen Wappen drängte ihn mühelos rückwärts.



    „Sie ist eine Diebin! Haltet sie!“, brüllten hinter mir die beiden Marktbüttel, die kurz darauf ebenfalls in unserem Zirkel landeten.


    Turris stellte sich ihnen entgegen. Götter im Himmel, er war es, nun erkannte ich sein energisches Kinn und seine warmen Augen, die allerdings gerade einen relativ stürmischen Ausdruck annahmen.


    „Das stimmt nicht, Turris“, verteidigte ich mich hastig, „ich hab nichts geklaut, ich bin nur aus Versehen auf ein... Gemälde... draufgetreten!“


    Turris fasste mich bei den Schultern und nahm mich an seine Seite, wobei er die beiden Wachtmänner scharf ansah.


    „Können wir die Angelegenheit mit einer Entschädigung regeln?“, fragte er geschäftsmässig.


    „Das wären insgesamt 150 Bronzehellonen“, schnarrte einer meiner Verfolger. Mir wurde schwindelig im Kopf, denn so teuer war meine Beute wohl kaum gewesen. Allerdings konnte ich das meinen Bedrängern nicht vorrechnen, ohne dass meine Schandtaten doch noch ans Tageslicht kämen. Turris ging zu einer Bank, auf welcher er seine Sachen deponiert hatte. Er klaubte aus einem Rucksack einen Beutel hinaus und bezahlte den Betrag ohne mit der Wimper zu zucken.


    „Entfernt die Ruhestörer vom Platz!“, tönte nun die laute Stimme des Aufsehers.


    Turris raunte mir zu, hier säße nur zahlendes Publikum und ich solle deshalb bei der Aussichtplattform auf ihn warten. Schon drängten mich die Türsteher aus der Manege. Ich sah noch aus den Augenwinkeln Turris mächtig mit seinem Schwert ausholen und seinen Gegner jagen.


    Gleich darauf war ich vom Kampfplatz herunter und landete tatsächlich irgendwann auf dem Aussichtsplateau. Meine Gedanken wirbelten durcheinander wie aufgescheuchte Vögel. Ich hoffte sehr, diese Ritter würden sich bei ihren Duellen nicht gegenseitig umbringen. Und noch viel intensiver hoffte ich, es würde wenigstens Turris nicht erwischen. Aber... er hatte dort nicht gestanden wie ein Anfänger. Ich hatte sehr gut gesehen, wie geschickt er mit der Waffe war. Wer war Turris? Warum hatte er nicht erzählt, dass er so gut kämpfen konnte? Oder hatte er das nur Klymera verraten, denn die hatte doch irgendwas gewusst? Ob tatsächlich irgendwas mit ihm nicht in Ordnung war? Aber nein, dachte ich, es ist doch kein Verbrechen, fechten zu können. Außerdem hat er sich mir gegenüber wie ein Edelmann betragen. Erregt sah ich an mir herunter. Meine feine gelbe Tunika war von dem Herumrutschen an der Hauswand völlig verdreckt. Ich beschloss, die Spuren meiner Flucht bestmöglich zu vertuschen. Zu dem Zweck klopfte ich mich einmal gründlich aus, was aber nicht viel nützte. Also band ich das Gurtband auf, mit welchem ich die Tunika festgebunden hatte und zog sie aus, um sie auf ihre andere Seite zu drehen. Dabei fiel mein Beutel mit den Glasmurmeln auf den Boden und als ich mich bückte, rutschte mein Hemd ein wenig hoch. Sofort wehte mir der kühle Abendwind direkt auf die Haut und verursachte eine Gänsehaut. Fluchend zog ich es wieder herunter. Den Umhang drehte ich auf die andere Seite, wo er grau und unscheinbar gewebt war, zog ihn mir dann wieder an und knotete ihn mitsamt meinem Beutel fest.


    Die Sonne stand inzwischen schon tief am Himmel. Sie warf dunkelrotes Licht auf den Horizont und auf die Ebene unter mir. Auf dem Plateau hielten sich nicht mehr viele Leute auf. Ich bekam Angst, Turris könnte etwas zugestoßen sein. Vielleicht war er tot. Erstochen und von allen verlassen. Ich hätte beim Kampfplatz auf ihn warten sollen! Mich nicht wegdrängen lassen.


    Meine Unruhe nahm zu mit jedem kleinen Augenblick. Auch wenn ich mir nun in Erinnerung rief, wie überlegen er ausgesehen hatte. Wie geschickt er seinen Gegner zurückgedrängt hatte.


    Er hatte sicherlich gewonnen. Bald würde er kommen und uns dann dazu drängen, gegen die Dämonen auf dem Felsen zu kämpfen, um an den Ring zu kommen... Hilfe! Hilfe!


    Würde er das wirklich tun? Der Totenkopf auf seinem Schild... Turris der Töter, wie der Rufer von dem Kampfplatz ihn genannt hatte... war das nur ein Fantasiename oder stimmte etwas nicht mit ihm? Wollte er uns verderben? He, bleib ruhig. Er ist okay, sagte ich mir selbst, zunehmend verzweifelt. Ich würde darüber mit ihm reden. Er war doch ein vernünftiger Elgo. Also hatte er, allen Widrigkeiten zum Trotz, sicher einen vernünftigen Plan ...


    Hoffte ich.


    Ich ging zum Geländer herunter und betrachtete voller Nervosität den Dämonenfelsen. Wie vorhin sahen sie aus dieser Entfernung wie unscheinbar aus und die Dämonen wie ganz normale Menschen, die auf ihrem Gipfel herumstanden. Noch immer trieben sich Ritter bei den Schwarzen Felsen herum. Zwei von ihnen schlugen sich gerade mit Schwertern, was ich in der Dämmerung zwar nicht genau sehen, aber dafür an dem Geschepper hören konnte, das aus der Ferne zu mir herauftönte. In allen meinen Gliedern kribbelte es, als stünde ich in einem Ameisenhaufen.


    „Hey, Murissa!“


    Ich wirbelte herum. Turris schlenderte zu mir und blieb neben mir am Geländer stehen. Die untergehende Sonne strahlte seine buschige Mähne an, deren Haarspitzen dadurch wie Sonnenstrahlen leuchteten. Auch seine Schultern leuchteten, weil der Eisenschutz das Licht spiegelte. Das in Kombination mit dem blutbesprenkelten Schwert und dem schrecklichen Totenkopfschild, das er nun neben dem Geländer abstellte, ließen mein Herz wie wahnsinnig jagen. Eigentlich hatte ich mir gerade eingeredet, er sei nicht so ein Ritter, der seine Feinde zersäbelt und eine Blutspur hinter sich herzieht, sondern eher einer aus einem Gemälde, der die glänzende Rüstung und die Waffen nur trägt, weil das so verwegen aussieht. Allerdings war ich mir gerade nicht mehr so sicher, ob ich mich da nicht täuschte.


    Diese Gedanken vergass ich allerdings praktisch sofort. Denn seine Augen hingen an mir, als hätte er soeben einen Edelstein gefunden – nein, als verwechselte er mich mit einer dieser holden Balkon-Baronessen! Mich durchglühte eine rasende Wärme. Was war passiert? Hatte er einen Liebestrank erwischt? Ich sah in dem grauen umgedrehten Umhang sicher nicht wie eine Prinzessin aus?


    Doch. Ganz genau. Er verschlang mich fast mit den Augen.

  • Hey Kirisha,


    der Teil hat mir sehr gut gefallen. Musste zwischendurch mal ziemlich laut lachen. Ich glaube, es war an dieser Stelle hier:

    „Das stimmt nicht, Turris“, verteidigte ich mich hastig, „ich hab nichts geklaut, ich bin nur aus Versehen auf ein... Gemälde... draufgetreten!“

    :rofl::rofl::rofl:


    Was für eine geile Ausrede! Ich kann mir das Bild nur zu gut vorstellen, wie sie da den Kampfplatz stürmt und sich natürlich wieder in Ausflüchten verheddert, während Turris sie für mehr oder weniger verrückt halten muss. Sehr geile Szene. Sowas mag ich!

    Eigentlich hatte ich mir gerade eingeredet, er sei nicht so ein Ritter, der seine Feinde zersäbelt und eine Blutspur hinter sich herzieht, sondern eher einer aus einem Gemälde, der die glänzende Rüstung und die Waffen nur trägt, weil das so verwegen aussieht.

    Ne is klar, Murissa! Ebenfalls ein sehr amüsanter Gedankengang :thumbsup:


    Also, ich fand`s gut. Kann weitergehen :gamer:

  • Danke liebe Rainbow für deine Rückmeldung!

    Und nochmal vielen vielen Dank an euch alle für das Brainstorming bezüglich des Gesamtkonzeptes.

    Ich bin gerade dabei relativ viel zu überarbeiten. Unter anderem habe ich das Kapitel über die Herstellung der Kiemenketten stark geändert.

    Und das gesamte Kapitel 17 (die erste Übung und die Haie) habe ich komplett umgeschrieben.

    Ich glaube und hoffe, es ist jetzt viel besser.


    Wäre lieb, wenn ihr Lust hättet, euch das nochmal anzuschauen:


    Kapitel 17


    Kapitel 17.1


    Kapitel 17.2

  • Hey Kirisha


    Habe mir die Neuerungen angeschaut und muss sagen, dass es mir so bedeutend besser gefällt. Die Überarbeitung hat sich echt gelohnt, wie ich finde.


    Es klingt für mich viel logischer und gleichzeitig hast du diese Übung, die dann in einem Desaster endet, sehr dramatisch geschildert. Penthesilea kommt auf jeden Fall viel besser rüber.


    Also: Sehr cool! :thumbsup:

  • Ja, das ist wieder klasse zu lesen:D


    Falls er hier kämpfen würde, dann hatten sie ihn bei seinem Eintritt wahrscheinlich dazu gezwungen und er zitterte gerade genauso um sein Leben wie ich?


    Genau, Muru, genau so wird es sein:D


    „Können wir die Angelegenheit mit einer Entschädigung regeln?“, fragte er geschäftsmässig.

    Okay, hier habe ich ein Problem mit der Vorstellung. Turris kaempft gerade, dann taucht Murissa auf - sie brechen den Kampf fuer eine Sekunde ab. Aber dann? Alle Zuschauer, Schiedsrichter und Gegner sind okay damit dass die Buettel auf den Kampfplatz treten und Turris mal eine Pause macht um mit ihnen zu verhandeln und dann sein Geld zu holen?


    Die Szene geht fuer mich irgendwie nicht im Kopf zusammen... was machen alle anderen waehrend Turris seine Auszeit nimmt???


    Dabei fiel mein Beutel mit den Glasmurmeln auf den Boden und als ich mich bückte, rutschte mein Hemd ein wenig hoch. Sofort wehte mir der kühle Abendwind direkt auf die Haut und verursachte eine Gänsehaut. Fluchend zog ich es wieder herunter. Den Umhang drehte ich auf die andere Seite, wo er grau und unscheinbar gewebt war, zog ihn mir dann wieder an und knotete ihn mitsamt meinem Beutel fest


    Das ist irgendwie... eine recht einfache, aber doch poetische Szene. Ungewoehnlich fuer die Geschichte, aber mir gefaellt sie.

  • Also, ich melde mich mal zurück. Das letzte Brainstorming hat richtig gut getan,noch mal euch allen dafür vielen Dank! Allerdings habe ich die Dinge noch immer nicht gut sortiert und bin noch dabei zu justieren. Diese 3 Schritte, in denen ich Penthesileas Probleme schrittweise immer weiter akzentuieren bzw immer neue Aspekte bringen will, sind irgendwie zu kompliziert und ich will es klarer und gleichzeitiger dramatischer machen. Da bin ich dran und hoffe, bald auf eine Lösung zu kommen. Es fällt mir unglaublich schwer, einfach nur den Plotrahmen für 3 dämliche kleine Handlungsabläufe zu stecken. Ich habe eine Menge Ideen, aber sie ufern alle zu sehr aus und durch die Fülle ersticken sie sich gegenseitig bzw erfordern kiloweise infodump, der dann wieder Spannung erstickt. Deswegen versuche ich sie auf das Wesentliche zu reduzieren, daran brüte ich jetzt schon wieder tagelang... weiss auch nicht was daran eigentlich so schwer ist. Ich habe aber das Gefühl, ich taste mich langsam ran.


    Rainbow


    Thorsten


    Und hier geht es jetzt mit dem Murissa-Kapitel weiter:


    20.2 Felsenromanze

    Er verschlang mich fast mit den Augen.

    „Turris!“, rief ich, rasend froh darüber ihn zu sehen. „Danke! Du hast mich aus so einem Schlamassel gerettet!“

    „Das war nichts.“ Er lächelte mich an.

    Ein 150 Scheller teures Nichts, musste ich sofort denken. Eine Welle ungeheurer Dankbarkeit überkam mich. „Das war so edel von dir! Ach, und dann dieser Kampf! Ich hatte furchtbare Angst...“

    Er lächelte. „Musstest du nicht. Ich bin ziemlich gut mit dem Schwert. Darum habe ich mich auch zu diesem Turnier überreden lassen, denn sie haben mir dafür den Eintrittspreis erlassen.“

    „Aha“, entfuhr es mir. Fast verstand ich meine eigene Stimme nicht, weil ich das Gefühl hatte, den Schlag meines Herzens wie einen Donner von der Ebene unter uns widerhallen zu hören. „Aber das Schwert, und dieser... Schild... wo hast du das denn her?“

    Turris folgte meinen angstgeweiteten Augen, die immer noch auf diesem Totenkopf klebten.

    „Das war die günstigste Ausrüstung, die zu bekommen war. Ohne Waffen hätte ich ja schlecht zu dem Kampf antreten können.“

    Noch immer musterte er mich mit glühenden Blicken und ich musste mir eingestehen, dass ihn dieser Ritterpanzer ungeheuer mächtig aussehen ließ. Vielleicht war es auch nur die Sonne, die ihn beleuchtete wie einen Engel und mir verdeutlichte, das ich in meinem ganzen Leben noch nie so einen Prinzen gesehen hatte und auch nie wieder sehen würde. Das passierte tatsächlich mir!

    Am liebsten hätte ich seine Hand genommen und wäre mit ihm durch den Sonnenuntergang geschlendert... bis in alle Ewigkeit! Aber gleichzeitig nagten an mir böse kleine Zweifel, die hartnäckig meine Eingeweide piesackten. Ich musste jetzt wissen, was er plante.

    „Hast du gehört? Wir müssen gar nicht zum Nebelmeer reiten. Unser Ring ist da unten auf den Felsen und unter den Füßen der Dämonen. Alle Leute hier sagen das.“

    Ich wies mit der Hand zu den Felsen, die von fern wie kleine unschuldige Hügel aussahen.

    Er grinste. „Alle diese Leute irren sich.“

    „Und du bist der einzige kluge Mann hier?“, fragte ich verblüfft.

    Er lachte. „Genau. Gut, dass du das endlich erkennst.“

    Hatte ich wirklich was erkannt?

    „Aber ...“ Ich war verwirrt. „Nicht dass ich scharf auf die Dämonen wäre – aber was willst du denn am Nebelmeer?“

    Er kam näher an mich heran und starrte mich noch immer an, als hätte ich mich soeben in eine blendende Schönheit verwandelt. Dabei war er derjenige, der sehr verändert aussah. Mit diesem Eisenpanzer und dem Schwert jagte er mir fast ein wenig Angst ein. „Du denkst, es wäre der falsche Weg, oder?“, raunte er mir zu. „Pass auf, ich erzähle dir etwas. Du kennst sicherlich die Geschichte des Ringes?“

    Ich zuckte die Achseln. „Ist die für uns wichtig?“

    Er lächelte. Seine Blicke glitten an mir entlang auf eine Weise, die mich zum Lodern brachte. „Nun enttäuschst du mich aber. Du kommst doch aus Aravenna und erzähltest mir selber, dass es eine Menge Legenden über euren Fürsten Silvrin gibt. Deshalb dachte ich, die kennst du alle. Nun, dies ist eine davon. Der damalige König, ein blutrünstiger Herrscher, schleppte den Aravennafürsten als Gefangenen auf diese Schwarzen Felsen, die du da unten siehst, und wollte ihn mit tausend von seinen Getreuen hinrichten lassen. Aber Silvrin hat den Spieß umgedreht. Noch während er in Fesseln hing, hat er den Ring des Königs verflucht. Daraufhin entfesselte der Ring grausige Kräfte und verwandelte den König in einen der widerlichen Dämonen, die du noch heute bewundern kannst. Auf diese Weise kamen Silvrin und seine eintausend Getreuen mit dem Leben davon.“

    „Ähm, ja, stimmt, ich erinnere mich“, bekräftigte ich. „Hab mich allerdings immer gefragt, ob der Fürst wirklich einen Fluch entfachen konnte. Könnte das nicht nur eine Zauberin?“

    „Wer weiß. Nicht umsonst ist dieser Fürst so berühmt geworden. Es ist wohl etwas Besonderes an ihm.“ Turris blickte nachdenklich zu den Felsen hinunter, aber nicht lange, dann starrte er wieder wie hypnotisiert auf mich. Und auf meine Hüfte. Ob ihn die magischen Kügelchen faszinierten, die ich geklaut hatte? Aber sie steckten in meiner Hosentasche und ich bezweifelte, dass er ihre magische Strahlung sehen konnte. „Jedenfalls geschah dieses Unglück vor vielen Jahren. Seitdem befindet sich der Königsring auf den Schwarzen Felsen und seitdem dämonisiert er jeden, der ihn oder einen der Geister berührt. Inzwischen ist es ja schon ein ganzer Club von Untoten.“

    Verwünschte Dämonen! Diese Geschichten wollte ich gar nicht hören, sondern eigentlich eine ganz andere.
    „Wozu erzählst du mir das?“, warf ich ein. „Klingt, als wäre der Ring auf ewig verloren.“

    „Genau darum erzähle ich es“, sagte er bedeutsam. „Dieser Basar, diese ganzen Amulette und magischen Schwerter – die haben hunderte Ritter schon über Jahre ausprobiert und wir wissen deshalb, dass sie nicht funktionieren.“

    „Aber du kennst einen neuen Trick?“

    "Genau.“ Er lächelte. „Was wir brauchen, ist ein Hilfsmittel, das es hier nicht gibt. Eine Art magischer Schlüssel, mit dessen Hilfe wir die Dämonen ausschalten, damit wir an den Ring herankommen. Und diesen Schlüssel gibt es hinter dem Nebelmeer. Wir müssen es nur überqueren.“

    „Deshalb willst du dorthin!“

    „Ja.“ Noch immer leuchtete die Leidenschaft in seinen Augen. „Deshalb.“

    Die untergehende Sonne warf glühend rote Strahlen auf Turris´ Gesicht und beleuchtete seine schmale Nase und die hohe Stirn. Seine wuschige Haarmähne sah aus als ob sie brannte.

    „Darf ich ...“, keuchte er plötzlich und starrte wieder auf meine Hüfte. Oder genauer auf meine rechte Seite. „Deine Fischhaut ... darf ich die mal sehen?“

    „Welche F...“, begann ich reichlich verdattert. Bis ich begriff. Genau an der Stelle, die ihn so behexte, klebten doch unter meinem Hemd die geklauten Schuppen. Vermutlich hatte er sie vorhin gesehen, als mir das Hemd hochrutschte. Und sich eingebildet, besessen wie er war, ich wäre bereits jetzt extrem meerig, womöglich nicht nur an dieser Stelle.

    Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Bei allen Göttern – so hatte ich das nicht geplant. Mit der Nummer würde ich doch nie durchkommen. Oder sollte ich mir etwa noch so dreißig weitere Klebeschuppen klauen, verfolgt werden von einem ganzen Rudel zeternder Klapperhexen, dann meine gesamte Haut bekleben und als Ganzkörperfälschung herumlaufen?

    Nein. Also wirklich nicht.

    Seine Augen umschatteten sich. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass ich vor Schreck wie gelähmt war – auch wenn er nicht wissen konnte, dass es nicht der Schreck über seine Frage war, sondern der über diese verwünschte Täuschung, von der ich mich so schnell nicht entscheiden konnte, ob ich sie enttarnen oder vielleicht doch ausnutzen sollte.

    „Tut mir leid.“ Er versuchte sein Lächeln krampfhaft aufrecht zu erhalten und sofort bereute ich, dass ich ihm nicht nachgegeben hatte.

    „Mir auch“, sagte ich sofort. Verlegen setzte ich hinzu: „Aber du wärst vielleicht enttäuscht gewesen.“ Und da ich einmal angefangen hatte, halbwegs ehrlich zu ihm zu sein, sprudelte es aus mir heraus: „Enttäuscht in jeder Beziehung, Turris. Dieses Nebelmeer, die Wassergeister, dieser mysteriöse Schlüssel ... und wenn wir es nicht schaffen? Ich meine ... Wir haben doch viel zu wenig Hellonen. Damit kann keine von uns eine vernünftige Ausrüstung besorgen. Schau wie die anderen ausgerüstet sind. Davon können wir nicht mal träumen.“

    „Es geht nicht um die Taler“, erwiderte er heftig.

    Ich musste lachen. „Oh doch! Hast du den Rummel da oben nicht gesehen? Alles dreht sich um die Taler. Du kannst hier ja praktisch nicht mal umsonst atmen.“

    Er lachte auch. „Was nützt dir hier der größte Reichtum? Den Ring bekommst du damit nicht. Um den muss man kämpfen. Auf die eine oder andere Weise.“

    „Wo du es sagst“, fuhr ich fort, weil ich gerade so in Fahrt war. „Aber wer kann gegen Dämonen kämpfen? Du bist kein berühmter Fürst und ich im Vergleich zu den anderen auch nicht gerade eine Wunderhexe...“

    Turris blickte sich um, als hätte er Angst belauscht zu werden.

    „Hör zu“, raunte er sehr leise. „Das Nebelmeer ist momentan offen. Das war es noch nie vorher. Ich habe den Durchgang auf meiner Karte markiert. Das hat meine Priesterin in ihrer Kristallkugel gesehen. Darum hat sie mich losgeschickt. Und darum hat sie mir keine große Truppe mitgegeben, damit ich unauffällig bleibe und nicht andere, mächtigere Leute als wir schneller dort sind – Leute, die diese Magie für sich selbst benützen würden. Wir brauchen keine großartigen Kräfte, wir müssen nur diesen Durchgang finden, das Meer überwinden und den Schlüssel mitnehmen. Murissa, es ist zu schaffen. Sogar für uns.“

    Mir war plötzlich wesentlich leichter ums Herz. Das klang gar nicht mehr so gigantisch und heldenhaft wie alles Vorherige. Obwohl er in seiner neuen Rüstung und mit der Waffe in seinem Gurt sogar noch kühner – und noch viel unerreichbarer aussah als vorher, als ich ihn noch für einen kleinen Froschkönig gehalten hatte.

    Als unsere Blicke jetzt aufeinandertrafen, sah ich einen neuen Ausdruck in seinen. Es war, als ob sie Funken sprühten, die zwischen uns hin und hersprangen. Oder bildete ich mir das ein? Seine Hände jedoch... er hielt sie so komisch hinter sich, dass ich mich wunderte.

    „Was versteckst du da hinter deinem Rücken?“

    Er streckte mir einen Spieß entgegen, der mit Teig umwickelt und in ein Salatblatt eingewickelt war. Sah unfassbar lecker aus. „Ich dachte, du bist immer so ausgehungert. Magst du sowas?“

    Natürlich mochte ich. Ich nahm ihm den Spieß aus der Hand und probierte. Es schmeckte himmlisch. Mich überkam der Übermut.

    „Hat dieser Spieß magische Fähigkeiten?“, fragte ich, während ich geradezu über meine Mahlzeit herfiel.

    „Kann sein, dass er dich in eine Ente verwandelt, wenn du ihn so runterschlingst“, erwiderte er und grinste. „Sag mal, hast du in deinem früheren Leben nichts zu essen bekommen?“

    „Nicht viel. Manchmal gab es nur Ameisen.“

    „Hast du wirklich Ameisen gegessen?“

    „Wenn du sonst nichts hast, würdest du das auch machen. Sie sind längst nicht so eklig wie Käfer.“

    Unter uns im Tal hörten wir immer lauter das Geschepper und Geklirr von aufeinanderschlagenden Schwertern. Doch ich war nicht bei der Sache. Ich spürte Turris‘ Wärme und genoss es unendlich, ihm nahe zu sein. Wenn das doch immer so sein könnte!

    „Also du glaubst, es wird einfach“, fasste ich unser Gespräch noch einmal zusammen. „Wir überqueren das Nebelmeer und finden dann eine Halle voller Magie, in der ein Schlüssel liegt.“

    „Oder etwas Ähnliches, genau“, bekräftigte er. „Die Aufgabe wird viel leichter als du dachtest, du wirst sehen. Manchmal muss man einen Umweg reiten, um sein Ziel zu erreichen. Wir werden allen beweisen, dass man kein berühmter Fürst oder eine legendäre Zauberin sein muss, um den wertvollsten Ring unseres Landes zu erobern.“

    Er sah sehr hübsch aus, als er das sagte, so voller Ernst und mit so viel Nachdruck und Energie. Seine Augen glänzten sanft und seine Lippen kamen meinen entgegen, sodass ich seine letzten Worte kaum noch verstand.

    „Ich kann es kaum erwarten, endlich zum Nebelmeer zu kommen. Endlich das Wasser zu sehen, und...“ Seine Augen begannen immer stärker zu funkeln, „... dich in deiner wahren Gestalt.“

    Ach du Schreck. Ein wenig hatte ich gehofft, er könnte diese dumme Meermädchen-Geschichte vielleicht einfach vergessen und mich so mögen wie ich war. Ohne magischen Schnickschnack.

    Er kam noch näher an mich heran. Dann küsste er mich.

    Die ganze Welt versank in einem Meer aus funkelnden Sternen.

    Und in seinen kräftigen, fordernden Armen, die mich fest umschlungen hielten.




  • Hey Kirisha :)


    Insgesamt ein schöner Teil! Meine Anmerkungen bzw. Gedanken beim Lesen packe ich dir mal in den Spoiler:



    LG,

    Rainbow

  • Hey Rainbow


    Ich habe mich in der letzten Zeit ziemlich intensiv mit Überarbeitungen beschäftigt. Sämtliche Penthesilea-Kapitel ab Kapitel 17 habe ich geändert. Also sogar sehr stark geändert. Ziel war vor allem, Penthesilea mehr als "gute Führerin" darzustellen und auch die Spannung zu erhöhen.


    Kapitel 19 Neufassung


    Kapitel 19.1 neu


    Das betrifft auch das Kapitel 19 und ich würde mich freuen, wenn ihr Lust hättet, das nochmal zu lesen. Im Kapitel 19.1 ist vor allem das Ende neu.

    DANKE!!!

  • He, das ist klasse geworden wie Turris sich da an Muru ranmacht:nummer1: Auch schoen langsam, mit viel Zeit fuer die Entwicklung und fuer ihre Gewissensbisse wegen der Taeuschung - das ist gut!


    Inzwischen ist es ja schon ein ganzer Club von Untoten.“

    Verwünschte Dämonen!

    Verstaendnisfrage - Untote und Daemonen sind das gleiche? Oder was anderes und Turris denkt dass es das gleiche ist?


    „Darf ich ...“, keuchte er plötzlich und starrte wieder auf meine Hüfte. Oder genauer auf meine rechte Seite. „Deine Fischhaut ... darf ich die mal sehen?“

    Hehe - das ist brilliant.

  • Thorsten

  • Hey Kirisha:)


    Wie eigentlich immer, wenn du etwas überarbeitest, muss ich sagen, dass es mir danach bedeutend besser gefällt :thumbsup:

    Die einzige Stelle, wo ich ein bisschen ins Stocken kam, war die Sache, als Malaxes halb absäuft und quasi wiederbelebt werden muss, woraufhin sie dann damit herausrückt, dass sie Angst vor den Erzeugern hat.

    Das war mir hier ein bisschen drangebastelt. Keine Ahnung-nur so ein Gefühl.

    Ich weiß, an irgendeiner Stell muss das Thema zur Sprache kommen, aber hier in dem Kontext fand ich es irgendwie unpassend. Wäre das nicht eher so ein Lagerfeuerthema? Wo man sich entspannt zurücklehnen kann und wo die Kriegrrinnen ein bisschen losgelöster sein dürfen und auch mal aus dem Nähkästchen plaudern? Hier bei der Übung und vor allem, wo die gute Malaxes eigentlich gerade beinahe hops gegangen wäre, fand ich diese Ängste ihrerseits irgendwie etwas fehlplatziert. :hmm:


    Ist aber vielleicht auch Geschmacksache.


    Ansonsten hat es mir, wie gesagt, schon sehr gut gefallen! :)

  • Hey liebe Rainbow



    Hier geht es nun weiter:


    P21. Die durchgedrehte Generälin

    Penthesilea


    Naftare und ich führen das Heer an. Die Nachtalbin lässt die aktuelle Landkarte in übersichtlichem Format über der Mähne ihres Pferdes schweben.

    Inzwischen sind wir über einen halben Mond unterwegs. Wir haben die Wüste Glimbhor durchquert, die Steppen von Tanabor, die Pinienwälder von Klent und reiten nun durch die kilometerlangen Schluchten von Umberga. Rechts und links unseres Weges erstrecken sich Klippen in den Himmel. Glücklicherweise ist der Pfad ausgetreten und auch mit unseren massigen Reitechsen und den sechs Kutschen – in vier davon haben wir Aquarien eingebaut - gut passierbar.

    Eigentlich sollte es hier auch einen Fluss geben. Aber das Tal ist ausgetrocknet. Diese Region hat nach meinen Informationen zuletzt vor ungefähr 600 Jahren ein amazonisches Heer betreten und wie ich schon befürchtete, sind unsere Karten hoffnungslos veraltet. Darauf eingezeichnete Wege sind von Wäldern überwachsen, die als „antike überdachte Brücken“ vermerkten Tal- und Flussüberquerungen gibt es nicht mehr, ganze Städte sind ausradiert. Aber da es uns vom Göttlichen Gesetz verboten ist, eines unserer Zielländer zweimal zu besuchen – denn es sollen keine Bindungen zu den dortigen Bewohnern entstehen –, sind wir gezwungen, in immer andere, neue Regionen vorzudringen. Genau aus diesem Grund wird unsere Reiseroute auch immer länger und unser Kartenmaterial hat ab einem bestimmten Punkt nur noch sehr groben Orientierungswert.

    „Biegen wir an der Kreuzung da vorne nach rechts ab“, sage ich zu Naftare. „Laut Karte führt der Weg zu tiefergelegenen Regionen und ich hoffe, die dortigen Gewässer sind nicht verschwunden. Wir haben noch zu wenig Übungen im Nassen gemacht.“

    „Was willst du üben? Die Kiemenketten sind nicht fertig“, knurrt Naftare bedenklich. „Außer unseren Schwimmerinnen kann noch immer niemand von uns eine Schlacht unter Wasser schlagen.“

    Sie hat recht. Unsere Flugbotinnen haben bereits gemeldet, dass wir im Zielland auf Süßwasser treffen werden und uns deshalb erst noch die passende Ausrüstung verschaffen müssen – „Süßkiemen“, wie Arixes sie nennt.

    Goplea hat sich in ihrem extra zu dem Zweck erbauten Kutschenlabor vergraben und will nicht gestört werden. Dabei verkündigte sie schon vor sechs Tagen, sie sei fast fertig. „Ich rede mit Goplea“, bestimme ich. „Wir müssen anfangen zu testen. Führe du das Heer in die Tiefebene hinunter und halt Ausschau nach Wasser.“

    „Wird gemacht.“ Sie schiebt ihren Augenschutz ein wenig nach oben und nickt mir aus halb zusammengekniffenen Lidern zu.


    Ich lenke mein Pferd seitlich neben den Weg und lasse die Orkas an mir vorbei reiten, die uns folgen. Alle, die mich sehen, fahren sich grüßend an ihre Hörnerhelme. Ihnen folgen Schwimmerinnen auf unseren mächtigen, sechsbeinigen Reitechsen. Danach rumpeln die Kutschen heran. Zwei davon haben wir umgebaut zu rollenden Schwimmbecken, in denen die neuen Kiemenketten getestet werden können. Zwei andere sind fahrende Arbeitszimmer mit kleineren Aquarien.

    Ich reite an Gopleas Laborkutsche heran und klopfe an die Tür. Sie reagiert nicht. Das ärgert mich.

    „Goplea! Ich habe mit dir zu reden!“

    „Stör mich nicht!“, ertönt die krächzende Antwort. Ihre Stimme klingt eigenartig dumpf. Schon seit Tagen ist die Generälin schlecht gelaunt. Nicht einmal zum Essen verließ sie ihre Höhle.
    „Mach auf“, fordere ich mit Nachdruck. „Ich muss wissen, wie weit du bist mit den Süßkiemen.“

    „Weit! Jetzt lass mich in Ruhe.“

    Widersetzt sie sich neuerdings meinen Befehlen?

    Kurz entschlossen lasse ich energiegeladene Wärme in meine Hand strömen, die ich gegen die Tür der Kutsche fegen lasse und dort wie kleine Drähte in das Schloss hinein schlängele. Als wären die Strahlen winzige Verlängerungen meiner Finger, gleite ich tief hinein, bekomme den Riegel zu fassen und reiße die Tür mit Wucht auf.

    Drinnen sehe ich zunächst nichts als die beiden Aquarien mit hellblauem Wasser, in denen grüne und orangefarbene Algen wogen. Goplea muss auf dem Boden gehockt haben. Abrupt richtet sie sich auf und starrt mich an. Sie ist in einem fürchterlichen Zustand: Ihre Haare sind zerstrubbelt, ihr ledriges Eidechsengesicht blass wie ein Leinentuch, und ihre Hände klammern sich um die Bank, auf der sie eigentlich hätte sitzen sollen.

    Vor ihr steht ein Sack mit Salz. Ungeöffnet. Um diesen hatte sie mich vor sechs Tagen gebeten – steht der etwa hier, seitdem sie ihn bekam? Wo sind die Kiemenketten?

    „Goplea...“ Ich bekomme kaum einen Ton heraus. „Was ist passiert?

    „Noch... nichts“, flüstert sie, kaum verständlich. Ihre Stimme ist dünn, wie zerbrechliches Glas. Ihr Oberkörper schwankt, über ihre Stirn rinnen zwei Tropfen Schweiß. Ihre Augen heften sich riesengroß auf mich – als stünde ein Dämon direkt vor uns. Sie atmet schnell, ihre Hände tasten über ihren Körper und bleibend verkreuzt über ihrer Brust liegen, als müsste sie sich vor etwas beschützen.

    Ich fasse sie bei den Schultern und spüre, wie sie zittert. Ihr ganzer Körper bebt wie Espenlaub.

    „Hast du etwas Falsches gegessen?“, frage ich erschrocken. „Ist etwas passiert? Ist jemand hiergewesen?“

    Sie krächzt:

    „Wir werden alle sterben.“

    Das habe ich hoffentlich nicht richtig verstanden.

    „Wie bitte?“, fahre ich sie an. „Goplea, wie redest du denn? Du bist doch keine Novizin.“

    „Wir werden sterben“, wiederholt Goplea mit Grabesstimme, „und nichts, was wir tun, kann uns retten.“

    Ich mag nicht glauben, dass das wirklich passiert.

    „Sag mal, was faselst du?“, fauche ich sie an. „Warum hast du aufgehört zu arbeiten? Du solltest die verdammten Kiemenketten verbessern! Hast du überhaupt angefangen? Wie lange sitzt du hier schon... so?“

    „Rede dich nicht heraus“, wispert Goplea. „Ich weiß, dass Königin Evenea dir erschienen ist. Naftare erzählte mir davon. Gib zu, dass du sie gesehen hast!“

    „Die Göttin ist mir in der Gestalt dieser Königin erschienen, das stimmt“, fahre ich die Generälin an. „Sie war eine berühmte Heerführerin und hat unsterblichen Ruhm errungen. Den erringen auch wir – wenn du dich endlich darauf besinnst, wer du bist und deine Arbeit wieder aufnimmst!“

    Goplea schnauft, als bekäme sie nicht genug Luft.

    „Königin Evenea ist meine Schutzpatronin“, krächzt sie schließlich, kaum verständlich.

    Sie beginnt nach Atem zu schnappen wie eine Ertrinkende. So habe ich sie noch nie gesehen.

    Verwirrt und erschrocken halte ich sie mit eisernem Griff, damit sie nicht fällt.

    „Es ist alles gut. Alles in Ordnung,“ murmele ich beschwörend, noch immer schockiert darüber, die Generälin der gemischten Truppe in so einem Zustand vorzufinden. Ich muss daran denken, dass Goplea zu keinem der dreizehn Tragischen Kriegszüge eingezogen wurde – wegen Panikattacken. Sie wurde damals als kriegsuntauglich erklärt. Ich dachte, sie hätte diese Attacken nur gespielt, um sich vor dem Kämpfen zu drücken. Tatsächlich hielt ich das für ein Zeichen ihrer Schlauheit. Aber womöglich war sie tatsächlich... krank?

    Und ist es immer noch?

    Sie ist eine meiner vier Generälinnen. Ich muss mich auf sie verlassen können.

    „Weißt du, dass Königin Evenea in unserem Tempel abgebildet ist?“, flüstert Goplea. „Ihr wurde ein eigenes Mosaikfenster ganz oben in der Kuppel gewidmet. Immer bei der Zielverkündigung sehe ich zu ihrem Bild hoch, denn sie zeigt mir an, ob wir gewinnen oder verlieren werden.“

    Sie zittert immer noch abnorm. Heilige Göttin. Nie hätte ich geglaubt, dass der von mir oftmals belächelte Aberglaube meiner Generälin solche Abgründe beinhaltet. In all den Jahren, die sie mich begleitete, war sie immer stabil. Ich ging davon aus, sie hätte die Jahre ihrer Schwäche überwunden oder wie gesagt – diese nie wirklich gehabt.

    „Goplea, jetzt versuch bitte klar zu denken. Königin Evenea starb vor über 1000 Jahren. Sie gibt niemandem Zeichen.“

    „Was glaubst du, wie ich die Tragischen Kriegszüge überleben konnte? Immer wenn wir bei der Zielverkündigung im Tempel standen, sah ich zu ihrem Bild hoch. Jedes Jahr wieder ertrank die Königin in Blut. Das ganze Mosaikfenster färbte sich rot. Und ich fiel in Ohnmacht.“ Ihre Augen sind immer noch geweitet wie Tempelfenster.

    Eine Kriegerin, die in Ohnmacht fällt! Kein Wunder, dass sie aus der Armee herausgeworfen wurde. Und doch leistete sie mir in den vergangenen neun Jahren als Generälin hervorragende Dienste. Kann das denn sein? Es klingt so unplausibel. Als wäre sie nicht dieselbe Person, von der sie erzählt.

    „Was hat dich verwandelt? Woher hast du nach diesen 13 Jahren den Mut gewonnen, mit mir in den Krieg zu ziehen?

    Sie verbirgt den Kopf in den Armen.

    „Wenn du in den Tempel gingst, lächelte die Königin. Da wusste ich, du wirst siegen und wenn ich mit dir reite, siege auch ich.“

    Ich erinnere mich an unser Gespräch in Gopleas Werkstatt, daheim in Amazonia. Erzählte sie mir da nicht von günstigen Zeichen?

    „Aber hat sie dir nicht auch dieses Jahr zugelächelt, Goplea? Sonst wärest du mir wohl nicht bis hierher gefolgt?“ Heilige Göttin! Ich muss mit meiner Generälin reden wie mit einem kleinen Kind, das ist lächerlich!

    Konvulsivische Zuckungen heben und senken ihre Brust. Es sieht gespenstisch aus. Sie nickt. „Sie hat mich verraten“, wispert sie. „Diesmal zeigte sie das Blut nur dir, aber nicht mir.“

  • Hey Kirisha ,


    schön, dass du mit deiner Überarbeitung so gut voran kommst. Wie gesagt, bisher fand ich danach eigentlich so gut wie immer alles besser, als vorher ^^ Aber manchmal braucht es auch einfach ein bisschen Zeit, bis der Knoten platzt.


    Nun zu dem neuen Teil. Das hat mir insgesamt sehr gut gefallen...die Idee, dass eine ihrer Generälinnen jetzt voll am Rad dreht...diesen Zustand von ihr hast du super beschrieben. Auch, wie Penthesilea da eindringt und sie dann vorfindet...:thumbsup:


    Es gab nur zwei Stellen, wo ich mal kurz gestockt habe...das war zum einen direkt am Anfang, als Penthesilea beschließt, ihre Generälin in der Kutsche aufzusuchen. Sie reitet zuerst ganz vorne weg und dann reitet sie an den Rand, um abzuwarten, bis nach den Orkas und den Schwimmerinnen endlich die Kutschen vorbeiziehen...müsste das nicht ewig dauern? ich meine, es liest sich so, als seien die quasi eine Schulklasse beim Ausflug... aber das ist doch ein riesiges Heer, oder nicht? Hattest du nicht mal was von 9000 Kriegerinnen erzählt? :hmm: Vielleicht schmeiße ich da auch gerade wieder was durcheinander...aber ich würde da an der Stelle zumindest mal einfließen lassen, wie lange sie da so steht und alle an sich vorbeiziehen lässt... wenn sie es wirklich eilig hätte, würde sie sich wahrscheinlich auch selbst in Bewegung setzen....


    Die andere Sache war die mit den Panikattacken der Generälin. Als ich das zuerst las, dachte ich: Och nee...eine Amazone mit Panikattacken :rofl:... und dann dachte ich mir, dass das Ausmaß ihres aktuellen Zusammenbruchs eigentlich noch prägnanter rüberkäme, wenn sie vorher eine starke und verlässliche Generälin gewesen wäre, statt sie als ohnehin schon psychisch angeknackst darzustellen....im weiteren Verlauf erklärst du das aber ja dann und die Hintergründe werden deutlich, weshalb es dann eigentlich schon wieder okay ist. (Ich wollte dich trotzdem mal an meinen Gedanken beim Lesen teilhaben lassen ^^)


    Ansonsten fand ich das alles echt gut geschrieben! Kann weitergehen :gamer: