Meermädchen

  • Oh ja, das ist sehr gut geschildert - grade wie Goplea hier zusammenbricht und sich in ihre Welt fluechtet - und man nicht genau weiss, ist sie jetzt ausgerastet, oder die einzige die wirklich die richtigen Visionen hat. Das ist eine richtig schoen intensive Szene geworden.


    „Biegen wir an der Kreuzung da vorne nach rechts ab“, sage ich zu Naftare. „Laut Karte führt der Weg zu tiefergelegenen Regionen und ich hoffe, die dortigen Gewässer sind nicht verschwunden. Wir haben noch zu wenig Übungen im Nassen gemacht.“


    Penthesilea wuerde wahrscheinlich Kundschafter schicken um mindestens eine Tagesreise um das Heer herum das Gelaende zu sondieren, sicher zu gehen dass die Marschroute frei ist, Futter fuer Reitechsen etc. zu requirieren wo das moeglich ist - alles andere waere sehr leichtsinnig.


    Dass sie wie eine Wandertruppe auf die Karte schaut und dann 'gehen wir mal dalang' verkuendet passt hier meiner Meinung nach eher nicht - das heisst, eine Szene in der eine Gruppe Kundschafter Bericht erstattet waere hier vermutlich passender :)

  • Rainbow



    Thorsten


    Und hier geht es jetzt weiter:


    21.1 Die durchgedrehte Generälin


    Jetzt habe ich aber genug von solchen Verirrungen gehört.

    „Goplea“, erkläre ich scharf und mit Nachdruck. „Weder wurdest du von einer toten Königin verraten, noch hat ein altes Mosaikbild im Tempel irgendeine Bedeutung! Ob wir hier siegen, hängt von uns ab und von der Göttin. Und ich verspreche dir, wir werden siegen!“

    Goplea richtet sich auf und starrt mich mit rotgeränderten Augen an.

    „Blut strömte aus ihrem Körper, oder? Das hast du Naftare gesagt. Und das ist das Zeichen...“
    „Schweig, Goplea.“ Ich lasse sie los. „Wir sind hier auf einem Kriegszug und den beabsichtige ich zu gewinnen. Was irgendjemand von uns unterwegs für Zeichen sieht, interessiert mich nicht, ist das klar? Selbst wenn du schon bewiesen hättest, eine Seherin zu sein, würde ich dennoch mit all meinen Kräften auf einen Sieg setzen, denn das ist meine Aufgabe und meine heilige Pflicht! Es ist übrigens auch deine. Wer nicht wagt dem Tod ins Auge zu blicken, darf nicht auf einen Kriegszug ausreiten. Auf eine Generälin, die anfängt zu flennen wie ein Kind, kann ich mich nicht verlassen. Du bist beurlaubt. Ab heute bleibst du in dieser Kutsche und kommst erst wieder heraus, wenn ich es erlaube. Ich schicke dir jemanden, der dir hilft dich zu erholen.“

    Wütend drehe ich mich um und schlage die Kutschentür hinter mir zu.

    Mein Kopf pocht und brummt, als hätte mich jemand mit einem Hammer geschlagen. Verdammt! Verdammt! Goplea muss ich abhaken. Allerdings hatte sie eine zu wichtige Rolle für die kommende Schlacht – was jetzt? Muss ich die Kiemenketten ebenfalls abhaken? Oder...? Wer könnte ihre Aufgaben übernehmen?

    Ich beschließe, Gopleas Offizierinnen zu befragen. Vielleicht hat sie ihnen Pläne für den Ausbau der Ketten gegeben. Vielleicht wissen sie mehr.

    Die drei engsten Vertrauten meiner durchgeknallten Generälin sitzen in der zweiten Kutsche, die neben Gopleas herfährt. Diese öffnen glücklicherweise auf mein Klopfen und lassen mich ein. Sie sind emsig mit dem Kneten schmaler Metallfäden beschäftigt, in welche sie Salz einreiben. Ich schöpfe neue Hoffnung.

    „Sind das die Süßkiemen?“, frage ich hoffnungsvoll.

    „Auf dem Weg dahin“, erklärt Andromea, eine Panzerträgerin. „So weit wir getestet haben, können wir diese Fäden um die Kiemenketten wickeln und damit etwa eine halbe Stunde, vielleicht sogar bis zu einer Stunde, unter Wasser bleiben. Nach gewisser Zeit löst sich leider das Salz auf und man muss auftauchen. Goplea ist dabei, eine erweiterte Version zu entwickeln, bei der das nicht mehr passiert.“

    Ich blicke von einer zur anderen. Die drei Getreuen scheinen keine Ahnung zu haben, dass Goplea keinesfalls mehr damit beschäftigt ist, irgendwas zu entwickeln.

    „Eine halbe Stunde“, wiederhole ich und spüre, wie meine Eingeweide zu Eis gefrieren. Vergebens versuche ich mich an einen Feldzug zu erinnern, bei welchem wir sämtliche Kämpfe in einer halben Stunde siegreich für uns entschieden haben.

    Wir werden alle sterben, höre ich Gopleas kieksende Stimme in meinem Hinterkopf jammern. Natürlich zwinge ich das ungehörige Geflenne in mir nieder – aber es ist doch sonnenklar, dass ich hohe Verluste unter meinen eigenen Leuten haben werde, wenn wir eine Schlacht mit einem derartigen Handicap beginnen müssen. Es ging bis jetzt auch schon fürchterlich viel schief... Gopleas böse Omen oben drauf haben mir gerade noch gefehlt.

    „Was hat Goplea gesagt? Sie war zuletzt so seltsamer Laune“, fragt Andromea eifrig. „Wir haben schon sechshundert solcher Salzfäden gefertigt – sollen wir noch mehr davon machen oder können wir schon mit ihrer neuen Erfindung anfangen?“

    „Noch nicht. Gebt mir die sechshundert, ich will heute noch eine Übung damit machen“, fordere ich.
    Andromea schüttelt den Kopf. „Die sind nicht für Übungen gedacht. Man kann sie nur einmal benutzen, weil sich das Salz darin verbraucht. Außerdem müssen wir sie ja noch um die Kiemenketten winden.“

    Wamm. Noch so ein Schlag mit dem Hammer und ich kippe womöglich heute noch aus den Sandalen.

    „Na dann“, zwinge ich mich zu sagen, „arbeitet weiter und jetzt schneller als bisher. Wir brauchen mindestens 5000 Exemplare und sie müssen spätestens in einem halben Mond komplett fertig sein.“

    Ich hebe grüßend eine Hand und mache kehrt. Wie ich danach wieder auf mein Pferd gekommen bin, kann ich mich nicht erinnern. Noch minutenlang fühle ich mich wie durchgeprügelt. Goplea hat den Verstand verloren, wir müssen die Unterwasserschlacht innerhalb einer halben Stunde gewinnen, und wir haben nicht die Möglichkeit, das Ganze mit den ekelhaften Ketten überhaupt mal vorher zu üben. Aaaargh! Ich könne schreien!

    Hat Goplea recht? Sind wir zum Untergang verurteilt? Wir wären nicht die erste Armee, die scheitert. Aber Amazonia hat sich von den dreizehn Verlustjahren noch nicht erholt. Wir können uns keine weitere Niederlage leisten – und, ich schwöre es insgeheim mir selbst und meiner Göttin – ich werde das nicht geschehen lassen. Selbst wenn sich unterwegs die halbe Unterwelt gegen mich verschwört. Es muss einen Weg durch all diesen Schlamassel geben und ich werde ihn finden.

    Wenn wir nicht gut genug tauchen können – können wir unsere Gegner nicht einfach an Land zwingen?

    Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich den Fluss erst bemerke, als Arixes zu mir aufschließt und mich darauf aufmerksam macht.

    „Ich hörte, du wolltest eine neue Übung machen?“, fragt sie und weist auf den etwa zehn Meter breiten Wasserlauf, der von Westen her unseren Weg kreuzt und sich gemächlich in zahlreichen Windungen Richtung Osten ergießt. Zahlreiche gelb blühende Seerosen wachsen nahe dem anderen Ufer.

    „Exakt“, erkläre ich und gebe der Armee das Zeichen anzuhalten, während ich für Arixes meine Ideen ausführe. „Ich schlage übrigens eine neue Strategie vor. Nennen wir sie: Fische aus dem Wasser. Die könnten wir auch im Zielland anwenden. Deine Schwimmerinnen jagen das Meeresvolk an Land, die anderen drei Regimenter erwarten sie dort und besiegen sie. So einen Kampf sollten wir gewinnen! Und nach diesem Muster will ich die Übung machen.“

    Arixes sieht mich ein wenig von oben herab an. „Nichts für ungut, aber Wasser ist nicht dein Element. Du solltest die Schlachtpläne lieber mich machen lassen.“

    „So? Was wäre dein Vorschlag?“

    Arixes steigt vom Pferd und geht näher an das Ufer heran. Der Fluss hat nur geringe Strömung und ist relativ klar. „Hasen kannst du dem Jäger entgegentreiben, indem du sie einkreist. Aber bei Fischen geht das nicht. Sie können in alle Richtungen verschwinden, auch nach oben oder unten. Außerdem müssen wir damit rechnen, dass das Zielvolk im Selchenland uns angreifen könnte. Dann wäre es nicht klug, wenn wir nur so wenig Kriegerinnen sind und der größte Teil des Heeres an Land wartet.“

    „Es könnte sein, dass wir dazu gezwungen sein werden, darum will ich das üben“, erläutere ich knapp. „Falls wir aber doch ein großes Wasserheer auf die Beine stellen können – welchen Plan hättest du dann?“

    „Strömungen...“ Arixes grinst. „Du kennst die Riffströmungen bei uns daheim oder die Brandungsströmung bei Springflut – an sowas dürften die Bewohner eines Binnenmeeres nicht gewöhnt sein, also wären wir ihnen überlegen.“

    „Klingt gut. Aber das können wir nicht hier testen, weil wir die Strömung schlecht ändern können ohne größere Überschwemmungen zu erzeugen.“

    Naftare und Chep sind inzwischen zu uns gekommen.

    „Kämpfen wir mit den neuen Kiemenketten?“, fragt Naftare interessiert.

    „Nein, heute ohne. Sie sind noch nicht fertig.“

    Naftare dreht sich ruckartig zu mir herum.

    „Wie sollen wir Unterwasserkampf trainieren – wenn wir nicht tauchen können?“

    „Heute noch nicht“, sage ich hart. „Deine Truppe, die Gemischten und die Orkas üben auf dem Trockenen. Nur die Schwimmerinnen gehen in den Fluss, und die Neu-Kiementrägerinnen unter Niska. Sie werden sich gegenseitig aus dem Wasser heraustreiben – mit Reitechsen, mal sehen was die uns dabei nützen - und ihr attackiert sie an Land.“

    „Sehr gut“, knurrt Arixes und reibt ihre mit Schwimmhäuten versehenen Hände. „Dann können wir endlich mal härter rangehen. Es war ja schon traurig, ständig nur Anfängerübungen zu machen.“

    Naftare zieht ihren Hut tiefer ins Gesicht. Obwohl heute Wolken an Himmel hängen, scheint es ihr noch zu hell zu sein.

    „Hm“, brummt sie. „Vermutlich werden wir doch gezwungen ins Tiefe zu gehen. Also müssen wir im Wasser üben.“

    „Wo bleibt Goplea?“ Chep reibt sich die massigen Fäuste und schiebt die Halterung für ihre Harpune, die bisher griffbereit an ihrem Gürtel hing, nach hinten.

    "Sie hat noch zu arbeiten und kann deshalb nicht mitmachen“, sage ich sofort. Den wahren Stand der Dinge will ich der Armee möglichst nicht auftischen, oder wenigstens nicht jetzt. Die Kriegerinnen sollen sich auf den Kampf konzentrieren und sich nicht den Kopf über den Geisteszustand ihrer Anführerin zerbrechen. „Die Gemischte Truppe geht so lange unter Parchemea.“

    Als hätte sie jemand mit Lehm beworfen, drehen sich alle drei Generälinnen zu mir und starren mich an. Es ist noch nie vorgekommen, dass eine Generälin an einer Übung nicht teilgenommen hat oder gar durch eine Vertreterin ersetzt wurde.

    „Stimmt etwas nicht?“, fragt Arixes direkt.

    „Wir haben uns gestritten“, erwidere ich schroff und in einem Ton, der ihr gebietet nicht weiter zu fragen.

    Ich klatsche in die Hände und befehle, Parchemea kommen zu lassen, Gopleas Stellvertreterin. Angesichts der großen Aufgabe, vorübergehend das gemischte Regiment zu führen, strahlt sie über das ganze Gesicht und versichert, sie werde ihr Bestes tun. Naftare sieht mich scharf an. Mit ihr könnte ich den kniffligen Part ausdiskutieren, sie hat einen scharfen Verstand in Kombination mit einem kühlen Kopf… aber nicht jetzt unter den Ohren aller, daher gebe ich ihr durch einen Wink zu verstehen, zunächst einfach an meiner Seite zu bleiben.

    Arixes findet den Fluss zu klein – es ist viel zu wenig Platz, um über 1000 Schwimmerinnen auch tatsächlich im Nassen trainieren zu lassen, wenn sie sich nicht kilometerweit verstreuen sollen. Darum erlaube ich ihr, die Erde aufzureißen, um einen zweiten parallelen Flusslauf zu schaffen, was unser Übungsgebiet verdoppelt.

    Gleich wird es laut um uns herum. Chep, welche nach mir die gewaltigsten magischen Kräfte von allen hat, übernimmt die Aufgabe den Erdboden aufreißen zu lassen. Sie schlägt mit ihren Händen einen Feuerstrahl, der vor unseren Augen eine Schlucht aufreißen lässt. Das gesamte Erdreich erbebt unter unseren Füßen, von überall höre ich Pferde schnauben und viele Kriegerinnen stoßen kleine erschreckte Schreie aus. Gewöhnlich würde ich bei so einer Aufgabe helfen, aber ich plane anderes und will meine Strahlung dafür aufsparen.

    „Du leitest die Übung!“, befehle ich der Schwimmergenerälin.“

    Arixes grinst mir diensteifrig zu und nickt. Sie muss abwarten, bis Chep und ihre Gehilfinnen ihre Schlucht weit genug vorangetrieben haben, dass er Verbindung zum Fluss bekommt und sich mit Wasser füllt.

    Kurz darauf springen Arixes´ Rekrutinnen in die Fluten, wo sie mit Harpunen, Speeren und Dreispitzen aufeinander losgehen. Niska und Zok stapfen auf einer Truppe mit Reitechsen los und lenken die meterhohen, sechsbeinigen Tiere ebenfalls in das Gewässer. Wie Seemonster tauchen sie bald darauf immer wieder in den Wogen auf.

    Chep und ihre Orkas sowie die gemischte Truppe kämpfen am Ufer mit Schwertern gegeneinander. Es beginnt um mich herum zu scheppern und zu klatschen wie in einem metallischen Gewitter.

  • Hey Kirisha


    mit etwas Verspätung kommt hier meine Rückmeldung zum aktuellen Teil. :)



    LG,

    Rainbow

  • Hallo liebe Rainbow ,

    danke erstmal dafür, dass du mir so treu die Stange hältst!



    Und hier geht es weiter:


    21.2 Die durchgedrehte Generälin


    Naftare steht schweigend neben mir und blickt auf das neue Flussbett vor uns, das schäumt und hohe Wellen produziert.

    „Nun erzähl mir schon, was los ist“, sagt die Nachtalbin nach einer Weile und zupft an dem Hut, der ihre Augen überschattet.

    Wir wechseln Blicke und ohne dass sie mehr sagt, ahne ich, dass sie dieselben ahnungsvollen Zweifel an unserer Meerestauglichkeit quälen wie mich. Zweifel, für die wir bis jetzt keine Lösung haben.

    „Warum bei dem verdammenswerten Bozar hast du Goplea erzählt, dass mir die Königin Evenea erschienen ist?“, knurre ich nach einer Weile.

    Naftare blickt einer Reitechse nach, die mit ihren sechs Reiterinnen aus den Fluten auftaucht. „Hast du deswegen mit ihr gestritten?“ Sie räuspert sich. „Verzeih, Penthesilea, aber das hat auch mich beschäftigt. Ich meine gelesen zu haben, diese Königin hätte ihr halbes Heer verloren. Es gab mir zu denken, warum die Göttin dir ausgerechnet in der Gestalt dieser... doch etwas zweifelhaften Person erschien. Deshalb wollte ich Goplea nach ihrer Meinung zu dem Thema befragen.“

    „Königin Evenea hat ihr halbes Heer verloren? Aber dann wäre sie nicht so berühmt geworden!“

    Naftare zuckt die Achseln. „Vielleicht irre ich mich. Ich habe hier keine Pergamente, in denen ich das nachlesen könnte.“

    Sie schweigt eine Weile. „Darf ich fragen, worüber du mit Goplea so heftig gestritten hast? Ich behalte es auch für mich.“

    Die Kriegerinnen am Ufer fechten mit einer Wildheit, die mich entzückt. Dürften wir doch nur eine ganz gewöhnliche Landschlacht schlagen! Wie einfach wäre es dann zu gewinnen!

    Soll ich Naftare die Wahrheit auftischen? Früher oder später werde ich dazu gezwungen sein – aber ich will nicht, dass die Stimmung im Heer plötzlich kippt. Und ich ahne, dass das schneller passieren kann, als mir lieb ist.

    „Sie hat ein Problem“, knurre ich.

    „Du meinst, wir haben ein Problem“, analysiert Naftare auf die ihr eigene klare Art. „Wir werden nicht tauchen können, oder? Nicht gut genug für eine Schlacht? Oder – überhaupt nicht?“

    Ich suche nach Worten.

    „Es wäre gut, wenn wir eine Alternative hätten. Hast du eine Idee?“

    Naftare lässt eine kleine Flamme über ihrem Mittelfinger aufleuchten. „Die Hohepriesterin hat uns doch versprochen, wir würden freie Magie finden, im Zielland“, raunt sie mir zu. „Vielleicht liegt unsere Lösung dort... irgendwo.“

    Ich muss lächeln. Die versprochene Magie war auch meine erste Idee. Leider bis jetzt nicht Zielführend.

    „Die Botinnen, die wir ins Selchenland geschickt haben, haben dort keine gesehen“, erinnere ich sie.

    „Weil sie danach nicht gesucht haben“, meint die Nachtalbin. „Erinnere dich, du hast sie ausgeschickt, um zu erfahren, ob das Wasser dort süß oder salzig ist. Das wissen wir jetzt... Vielleicht sollen wir neue Boten senden, die gezielt nach Strahlung suchen.“

    Ich nicke. „Machen wir. Aber bis wir eine Antwort bekommen, verlieren wir wieder einige Tage. Und wenn sie nichts finden sollten – was dann?“

    „Da sehe ich eigentlich nur eine einzige Möglichkeit. Den Teamzauber“, überlegt Naftare und führt ihre beiden Zeigefinger zusammen, die sie ineinander verschränkt, um die Natur dieses Zaubers anzudeuten. „Jeweils zwei Kriegerinnen koppeln ihre Körper aneinander. Dabei könnten sich jeweils eine Schwimmerinn und eine Landkämpferin die Kiemen teilen und sie müssten dann halt auch gemeinsam kämpfen.“

    „Damit haben wir uns vor drei Sommern in Zeltesia doch fast selbst ausgehebelt, weißt du nicht mehr?“, erinnere ich sie. „Den Zauber habe ich aus unserem Repertoire gestrichen.“

    „Ich war in Zeltesia nicht dabei“, erklärt Naftare und zuckt die Achseln. „Allerdings denke ich, wir können nicht so wählerisch sein. Wir müssen tauchen können. Wenn nicht mit Kiemenketten, dann eben mit dem Teamzauber, inklusive Nebenwirkungen. Oder hast du eine andere Idee? Und nicht erst in einem Mond. Wir brauchen die Idee jetzt.“

    Ja! Ich weiß! Mir wird bewusst, dass ich schon die ganze Zeit über entsetzlich mit den Zähnen knirsche.

    „Gut“, knurre ich, im Grunde gegen meine innere Überzeugung, aber ich muss Naftare recht geben. Ich kann meine Kriegerinnen nicht in einen Wasserkampf schicken völlig ohne Ausrüstung. Ich kann auch nicht einfach erklären, sie sollten dann eben das Wasser meiden. Das fühlt sich komplett falsch an. „Dann übernimm du den Teamzauber. Du redest mit Arixes und ihr bildet ein paar Teams, die es ausprobieren. Arixes kann ja daneben ihre eigenen Übungen weiterführen.“

    „In Ordnung“, pflichtet Naftare mir bei. „Machen wir es so. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit.“

    Habe ich wirklich keine Alternative?

    Doch. Ich habe eine.

    Den Seelensprung. Ich habe ein Lehrbuch darüber, das ich mit auf die Reise nahm. Und ich habe auch darin gelesen. Das verwünschte Buch ist voller Todeswarnungen, aber ich konnte trotzdem nicht aufhören es zu verschlingen. Zu faszinierend ist der Zauber.

    Mit dem Seelensprung könnte ich meine Seele in ein beliebiges Wesen springen lassen. Zum Beispiel in einen Fischmenschen. Ich entere dessen Seele und übernehme von ihm alle die Fähigkeiten, die ich selbst nicht habe! Noch mehr: Ich zwinge ihn mir zu gehorchen. Zwinge ihn sich und sein ganzes Heer mir zu unterwerfen. Dann wäre das Element plötzlich egal. Unsere Feinde wären meine Puppen, die ich tanzen lassen kann nach Belieben. Nebenbei würde ich unendlich lange tauchen können – sollte es dann noch notwendig sein. So wie unsere Schwimmerinnen.

    Es würde vollkommen reichen, wenn ich allein diesen Zauber lerne. Ich könnte diesen Feldzug gewinnen ohne dass wir uns auch nur die Zehen nass machen.

    Mir wird kribbelig in allen Gliedern. Das wäre eine Lösung. Eine, die mein Heer wieder in eine schlagkräftige Truppe verwandeln würde. Eine, die mir reiche Beute und Ruhm eintragen würde. Aber ehrlich gesagt geht es mir momentan wirklich nur darum zu gewinnen. Der ganze Rest kommt später.

    Ich weiß, ich wollte diesen Zauber nicht benutzen. Überhaupt nie, ich wollte nicht einmal mehr an ihn denken. Er ist noch viel gefährlicher als der Teamzauber. Könnte tödlich sein. Aber: wenn der funktioniert, wäre er wohl hundertmal effektiver und könnte alle meine Probleme lösen. Ich spüre doch innerlich, dass Naftares Teamzauber nur eine Krücke ist, die uns über unsere erschreckend gewaltige Hilflosigkeit im Wasser hinwegtäuschen soll.

    Seitdem ich das Handbuch über den Seelensprung in die Finger bekam, habe ich jede Nacht darin gelesen. Je mehr ich mich mit der Theorie beschäftigte, desto mehr Möglichkeiten malte ich mir aus, die ich mit solchen Kenntnissen hätte.

    Aber hätte ich sie wirklich?

    Erstens, ist uns Kriegerinnen die Anwendung spiritistischer Sprüche eigentlich nicht erlaubt. Zweitens würde ich das Kelachtid dazu benutzen müssen, einen speziell aufgeladenen Stab, den ich an Amazonia von den Spiritistinnen kopieren ließ – aber noch nie ausprobiert habe. Drittens wird empfohlen, eine erste Übung nur in Begleitung einer erfahrenen Spiritistin zu machen. Gerade Anfänger sind besonders gefährdet Unfälle zu erleiden.

    Diese drei Hindernisse haben mich in den vergangenen Wochen davon abgehalten, diese Idee in die Tat umzusetzen. Allerdings spüre ich, wie mich meine innere Anspannung inzwischen schon fast zersprengt. Ich kann doch nicht sehenden Auges weiter auf einen Unterwasserkampf zusteuern, für den meine Armee nicht gerüstet ist. Ich brauche eine Lösung. Und die werde ich jetzt versuchen zu ergreifen.

    „Warum rollst du so wild mit den Augen?“, fragt Naftare. „Worüber denkst du nach? Willst du die Übung mit dem Teamzauber nicht leiten?“

    „Jetzt nicht. Übernimm du die Leitung und sprich dich mit Arixes ab. Ich werde eine Runde durch die Truppen machen und mich umsehen, komme später zu dir“, sage ich zu Naftare. Einen Moment lang überlege ich, ob ich meine Pläne mit ihr teile, und ob ich ihr weiterreichende Kompetenzen übertragen muss, falls mir bei meiner ersten Übung im Seelensprung etwas passiert, das mich außer Gefecht setzt. Puh, dass ich so etwas überhaupt überlegen muss! Aber ich entscheide mich dagegen. Dieses Experiment ist notwendig, allerdings will ich Naftare nicht damit belasten. Sie hat an der Situation schon genug zu tragen.

  • So, jetzt bin ich auch wieder auf dem neuesten Stand. Die beiden letzten Abschnitte fand ich solide - Penthesilea kommt glaubhaft rueber, die Beziehung zu Naftare wird gut ausgeleuchtet, das Problem und die Sorgen die sie sich macht sind eindringlich beschrieben - so bist Du auf dem richtigen Weg um eine Heerfuehrerin zu erschaffen :)


    Hey - ich hab' nicht mal Kleinigkeiten zu meckern...8)

  • Hey Kirisha :)


    Ja, der Teil kam gut! Vor allem, wie sich die Idee mit dem Seelensprung langsam in Penthesilea manifestiert, mit allen Risiken und Verlockungen, hast du schön beschrieben. Auch Naftare kommt hier gut rüber. Ihre Idee mit diesem Teamzauber fand ich ganz interessant.


    Hier kommt noch ein bisschen Kleinkram, über den ich gestolpert bin:


    LG,

    Rainbow

  • Hallo ihr Lieben,

    ich bin froh, dass sich meine Überarbeitungen anscheinend gelohnt haben, danke!

    Augenblicklich brüte ich über der großen Schlacht ... hab da alles schon dreimal umgestellt, aber es ist immer noch ziemlicher Murks. Ich bekomme da nicht die richtige Logik rein. Ich will, dass die Amazonen an einer bestimmten Stelle gegen die richtigen Leute kämpfen sollen, aber kann das nicht richtig begründen (warum marschieren die alle ausgerechnet dort hin) und wenn ich da keine zwingende Logik von allen handelnden Parteien reinbekomme, funktioniert alles nicht. Naja ich hoffe ich bekomme den Dreh noch.


    Thorsten


    Rainbow

    HIer das nächste Kapitel (wieder Penthesilea - ich habe auch die Kapitelfolge umgestellt, die jetzt nicht mehr so ist wie ich sie gepostet habe. Deshalb folgt also noch ein Penthesilea-Kapitel)


    P23. Seelensprung

    Penthesilea



    Entschlossen steige ich wieder auf mein Pferd und bahne mir einen Weg durch Pulks von fechtenden, mit Streitäxten und Flammenschwertern auf einander einschlagenden Amazonen hindurch. Ich bin auf der Suche nach unseren Spiritistinnen. Meine ursprüngliche Idee, sie bei meiner ersten Übung mit dem Seelensprung um Hilfe zu bitten, verwerfe ich jedoch. Zu abweisend haben sie sich bis jetzt mir gegenüber verhalten und ich vertraue ihnen nicht genug. Nein – ich werde stattdessen in eine ihrer Seelen springen und mir die Erfahrung, die mir fehlt, auf diese Weise besorgen. Ich weiß auch, wie ich sie trotz des wilden Kampfgetümmels um mich herum finde – ganz schwach spüre ich ihre Gedankenstrahlung durch die Luft wirbeln.

    Aufmerksam folge ich dem feinen magischen Vibrieren, das jetzt meinen Kopf trifft und eine diffuse Unruhe erzeugt; es kommt von Norden her. Ich lenke mein Pferd durch einen Pulk von Schwert schwingenden Orkas, die sich offensichtlich durch meine Gegenwart zu immer hitzigeren Gefechten hinreißen lassen – hier und dort vergebe ich Auszeichnungen für kühne Paraden und scharfe Attacken.

    Ganz hinten an der Flussbiegung hat jemand eine Leinwand zwischen zwei Bäume gespannt und ich sehe jetzt, wenn ich die Augen schließe, deutlich einen grünen Strahl von dort kommen und bis in meinen Kopf wirbeln. Das müssen sie sein. Was tun sie da eigentlich? Energisch schwinge ich mich vom Pferd und marschiere um die Leinwand herum.

    Auf niedergetrampelten Schilfhalmen stehen sie in ihren silbergrauen Umhängen und plaudern miteinander. Ich sehe nur zwei. Vikea und Gettha. Wo ist die Dritte? Ich bahne mir einen Weg zu ihnen, woraufhin sie ihr Gespräch abbrechen und sich mir zuwenden. Das dritte Mädchen, Sirka, liegt vor ihnen am Boden und regt keine Wimper. Es sieht aus wie tot. Mir ziehen sich die Eingeweide zusammen. An den gleichmütigen Blicken ihrer Kameradinnen erkenne ich jedoch, dass sie deren Zustand für normal halten. Vermutlich ist ihre Seele gerade fortgesprungen, wofür auch ihr grellgrün leuchtendes Smaragdzepter spricht. Ich hatte mir den Anblick eines „leeren“ Körpers nicht ganz so erschreckend vorgestellt.

    „Alles in Ordnung?“, frage ich in beiläufigem Ton, so als wäre ich lediglich auf einem Kontrollgang.

    „Natürlich“, erwidert Vikea mit kühler, abweisender Miene. Sie gehört wie Sirka zum Jahrgang der Schwimmerinnen, hält sich aber von den Kriegerinnen desselben Jahrgangs fern, so wie alle Spiritistinnen, die uns als eine Art Kampfhunde betrachten, denen sie sich mit ihren geistigen Künsten weit überlegen fühlen. „Die wacht gleich wieder auf.“

    Ich folge ihren Blicken. Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, wo Bauern auf einem Feld arbeiten, strahlt plötzlich einer dieser Leute grünliche magische Energie aus. Was ist mit ihm los? Warum tanzt er auf seinem Feld? Nein, er tanzt nicht. Er torkelt. Plötzlich fällt er zu Boden, versucht wieder aufzustehen, aber etwas scheint ihn niederzudrücken.

    Sirka klaut seine Seele!, fährt es mir durch den Kopf. Jetzt erinnere ich mich auch dunkel daran, dass bereits bei früheren Feldzügen manchmal Passanten, an denen wir vorbeiritten, einfach so zusammenbrachen und starben. Damals hielt ich dieses mysteriöse Geschehen für ein böses Omen, für einen Zufall oder auch für irgendeine Seuche. Jetzt begreife ich die Zusammenhänge.

    Der Bauer bleibt am Boden liegen. Sein Körper ist unverletzt, aber ohne Seele nur eine verlorene Hülle, die dahinwelken wird. So raubt man also Seelen. Klammheimlich und ohne eine Spur. Nein, diese Art von Magie finde ich abstoßend. Aber ich habe auch nicht vor, sie auf diese Weise zu benutzen.

    „Was verschafft uns die Ehre, Königin?“, fragt mich Ghetta, und mir entgeht nicht das misstrauische Blitzen in ihren Augen. Offenen Hass wagt sie mir nicht zu zeigen, aber ich spüre ihn unterschwellig in ihr schmoren. Nein, falls ich noch zweifelte, ob ich diese Damen um Hilfe bitte – hier habe ich meine Antwort.

    „Ich habe Euch schon ein paar Tage nicht gesehen“, erkläre ich kühl. „Wollte mich nur vergewissern, dass alles läuft wie es soll.“

    Ich blicke nochmals zum anderen Ufer, wo ich Sirkas Gedankenmagie noch immer grün aufblinken sehe.

    „Keine Sorge“, brummt Vikea unwirsch und ich meine in ihren Augen lesen zu können: Bei uns läuft es besser als bei euch.

    Diese offene Feindschaft ärgert mich ungeheuer. Es ist in Amazonia nicht anders, auch im Rat gerate ich oft mit den Spiritistinnen aneinander. Wollen sie nicht begreifen, wir sehr uns das schwächt? Bei meiner Rückkehr werde ich das thematisieren. „Kümmert euch um eure Kameradin. Ich will nicht verantwortlich dafür sein, wenn sie stirbt“, erkläre ich scharf und wende mich zum Gehen.

    Gehorsam knien die Beiden bei der Bewusstlosen nieder. Auf diesen Moment habe ich gewartet. Ich halte in meiner Bewegung inne und sehe Sirka an. In ihre Seele will ich gleich springen. Sie ist von ihrem eigenen Zauber absorbiert und dürfte keine Energie haben, sich zu wehren. Auch ihre Kolleginnen erwarten sicherlich jetzt von mir keine Attacke. Konzentriert rufe ich die entsprechende Passage aus dem spiritistischen Handbuch auf, das ich in meinen Kopf transferiert habe. Die Buchstaben springen vor mir in den Himmel. Ich brauche sie nur abzulesen.


    Schritt 1. Markiere den Körper, den du besetzen willst.


    Wie das geht, habe ich schon gelesen. Ich schließe kurz die Augen, um einen Magiestrahl diesmal nicht wie üblich im Finger, sondern nur durch Gedanken zu erzeugen. Das ist ungewohnt, ich muss mich dafür sehr konzentrieren. Als ich die Augen wieder öffne, lasse ich den unsichtbaren Strahl bis auf die Stirn des leblosen Mädchens fahren, wo ich sie ganz leicht steche, ähnlich einem Mückenstich. Sofort fühle ich eine Verbindung zwischen ihr und mir entstehen, als wären wir durch ein Gummiband aneinander gebunden.

    Den Anfang habe ich gemacht. Es war leichter als ich dachte – aber mir ist klar, dass nicht das Markieren, sondern das Springen meiner Seele das Komplizierte an dieser Übung ist. Lautlos husche ich aus dem Versteck der Spiritistinnen hinaus.

    Eilig marschiere ich durch das Trainingsfeld zurück, diesmal ohne wirklich wahrzunehmen, wer wie gut kämpft. Und nun? Wie soll ich diese Hexerei beginnen? Auf keinen Fall vor den Augen meines Heeres. Sie wären schockiert, würden sie mich so leblos auf dem Boden liegen sehen. Ich sehe mich um. Auf dem breiten Pfad, den wir gekommen sind, stehen unsere Kutschen. In einer haben wir Waffen transportiert, deren Tür ist offen. Drinnen dürfte sie weitgehend leer sein. Ich rufe das spiritistische Handbuch auf, das sich wie eine Erinnerung in meinem Kopf befindet. Sofort erscheinen die Buchstaben vor meinen Augen:


    Schritt 2: Bitte zwei Gehilfinnen darum, an deiner Seite zu wachen


    Jetzt begreife ich, warum die Spiritistinnen immer alles zu Dritt machen. Brauche ich wirklich Zeugen? Aber diese Übung ganz ohne Hilfe zu beginnen, erscheint mir doch zu gewagt. Ich kann mich nur nicht entschließen, irgendwen einzuweihen. Zu groß ist mir das Risiko, ich könnte Unsicherheit erzeugen oder Schwäche zeigen, die ich nicht zeigen will. Gewöhnlich wäre Goplea meine erste Wahl gewesen – aber sie scheidet aus. Naftare ebenfalls, sie muss die Übungen überwachen. Arixes leitet das Wassertraining und wir sind uns auch zu unähnlich, was Vertraulichkeiten zwischen uns unmöglich macht. Chep fürchtet sich vor nichts und gehorcht mir blind. Aber sie wird nicht begreifen, was ich überhaupt tun will... Während ich fieberhaft nachdenke, wie ich weiter vorgehe, lasse ich meine Blicke über das eifrige Treiben der Kriegerinnen schweifen. Mitten im Gewusel sehe ich meine Halbschwester Protoe eines der Fischschwanzbänder vom Ständer klauben, das ihr als erstes ins Gras fällt . Gleich darauf beugt sie sich herunter und sucht danach. Mir wird sofort wohler zumute.

    Plötzlich weiß ich, wen ich bitten werde mir zu helfen. Protoe wird zu mir stehen, egal wie ich mich anstelle. Sie ist zwar keine großartige Zauberin... Die Kriegerinnenprüfung hat sie damals nicht bestanden und wurde nach der Akademie aus der Armee ausgemustert. Aus Mangel an überlebenden Kriegerinnen wurde sie nach den Katastrophen-Feldzügen jedoch, wie so viele andere, wieder eingezogen. Böse Zungen behaupten, meine Schwester sei eigentlich bis heute untauglich und ich hätte sie nie mitnehmen dürfen auf irgendeinen Feldzug. Aber mich interessiert nicht, was Protoe alles nicht kann. Sie ist die einzige meiner Kameradinnen, die sogar mein dunkelstes Geheimnis kennt und es doch niemals verraten wird. Ohne so eine echte Freundin könnte ich gar nicht leben. Und genau so eine Freundin will ich jetzt an meiner Seite haben.

    Ich winke sie zu mir und ohne auf ihren fragenden Blick etwas zu sagen, gehe ich mit ihr zu der halb leergeräumten Kutsche, in der jetzt nur noch vier Kisten mit Zubehör stehen, das wir momentan nicht brauchen. Vorsichtshalber schließe ich die Tür hinter uns.
    „Was ist los?“, fragt Protoe überrascht. Ich fummele mein Smaragdzepter aus meiner Hosentasche und zeige es ihr, bevor ich es wieder hineinstecke.

    „Ich mache eine Seelenreise“, erkläre ich ihr. „Mein Körper wird dabei zurückbleiben und aussehen, als wäre ich tot. Also erschrick dich nicht darüber. Du zählst bitte bis hundert und reibst danach an diesem Zepter. Das wird meine Seele wieder holen, falls ich nicht schon früher von alleine zurückkehre. Verstehst du? Schweig aber davon vor den anderen. Das müssen sie nicht erfahren. Falls... hm, falls ich dabei sterben sollte... also, das wird nicht passieren, aber in dem unwahrscheinlichen Fall, dass es schief geht, erklärst du die Generälin Naftare zu meiner Nachfolgerin. Nicht Goplea, die ja eigentlich meine Stellvertreterin ist. Hast du das verstanden?“

    „Nein!“, ruft sie angstvoll. „Das ist wahnsinnig! Hast du den Verstand verloren? Lass d...“

    Ich halte warnend einen Finger vor den Mund.

    „Schscht, nicht so laut. Es ist wichtig und unbedingt notwendig, Protoe. Hilf mir bitte.“

  • Okay - konzeptionelles Problem zu dem Du vielleicht irgendwann was schreiben musst: Penthesilea macht jetzt den Seelensprungzauber, weil sie damit im Alleingang den Krieg zu gewinnen hofft.


    Aber - ist da vorher niemand draufgekommen? Warum machen sie sich die Muehe, eine Armee auszuheben, wenn eine Handvoll Spiritistinnen das sonst auch hinbekommen wuerde?


    Und... warum waehlt sie ihr Ziel so aus, dass sie eines ihrer eigenen Maedels nimmt?!



    „Wollte mich nur vergewissern, dass alles läuft wie es soll.“


    Zu schwach - das klingt als wuerde sie sich entschuldigen und hat den Drang sich zu erklaeren - sie ist die Anfuehrerin hier, sie kann schon darauf bestehen dass die anderen springen wenn sie pfeift.


    Bei meiner Rückkehr werde ich das thematisieren.


    Zu spaet - wenn es jetzt Rebellion gibt, dann muss sie auch jetzt damit umgehen.


    „Nein!“, ruft sie angstvoll. „Das ist wahnsinnig! Hast du den Verstand verloren? Lass d...“


    Auch das finde ich ziemlich respektlos von einer eigentlich untauglichen Soldatin gegenueber der Oberbefehlshaberin. In einer Befehlskette so was zu fragen finde ich grenzwertig. Wuerde ich vielleicht mindestens dazu schreiben dass sie nur als Halbschwester damit durchkommt oder so.


    Ansonsten spannend - schoen aufgebaut. Ob ich das mit der Liste wirklich so woertlich mit Stichpunkten machen wuerde weiss ich nicht so richtig - aber vielleicht passt das ja. Muss ich abwarten...:)

  • Hey Kirisha,


    Erst mal das Einfache-die Wiederholungen :D

    und bahne mir einen Weg durch Pulks von fechtenden, mit Streitäxten und Flammenschwertern auf einander einschlagenden Amazonen hindurch.


    Ich lenke mein Pferd durch einen Pulk von Schwert schwingenden Orkas,


    Ich bahne mir einen Weg zu ihnen,


    Meine ursprüngliche Idee, sie bei meiner ersten Übung mit dem Seelensprung um Hilfe zu bitten, verwerfe ich jedoch. Zu abweisend haben sie sich bis jetzt mir gegenüber verhalten und ich vertraue ihnen nicht genug.

    Ja, es ist schon irgendwie seltsam, dass dieses starke Volk über so tolle magische Mittel verfügt, aber offenbar aufgrund von zwischenmenschlichen Animusitäten nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen kann, um diese zu nutzen. Ich finde das Argument hier an der Stelle eher zweifelhaft. Also ich meine, dass die Spiritistinnen sich der Königin und Heerführerin gegenüber "abweisend" verhalten und sie ihnen deshalb nicht vertraut. Das wirft wieder so ein sonderbares Licht auf dieses Volk, oder nicht? :hmm: Und gleichzeitig auf den Status der Königin....ich glaube eher, sie würde die drei nicht danach fragen, weil sie es ihr garantiert ausreden würden, weil es nämlich verdammt, verdammt gefährlich ist und die Verluste im Falle einer falschen Nutzung des Zaubers fatal wären...Das wäre für mich logisch und würde die Spannung noch ein bisschen anheizen.


    Dann hatte ich ehrlich gesagt schon fast ein bisschen gehofft, Penthesilea würde in ihrer Verzweiflung versuchen, diesen Seelensprung alleine zu wagen. Aber gut. Vielleicht brauchst du das ja so für die weitere Entwicklung-das kann ich jetzt nicht beurteilen.


    Ich überlege jetzt gerade, was passieren wird, wenn sie sich diese Spiritistin schnappt, die ja am Boden liegt und laut der anderen beiden eigentlich jeden Augenblick aufwachen müsste...wird das nicht Aufsehen erregen...werden die beiden nicht in Sorge geraten? Werden sie nicht irgendwelche Kniffe anwenden, um ihre Kollegin zurückzuholen, während Penthesilea gerade an ihrer Seele herumwerkelt.

    (das waren nur so Ideen, die mir kamen...) Penthesilea macht sich dazu aber offenbar gar keine Gedanken.


    Am Ende noch eine Frage: Irgendwie war es mir bislang nicht klar, dass die auf ihrem Feldzug einfach wahllos irgendwelche Passanten überfallen und denen ihre Seelen klauen. Was ist der Sinn? Der erschließt sich mir hier in dem Moment nicht so ganz. Und dass Penthesileas es offensichtlich auch nicht weiß, verwirt mich gerade noch mehr.:rofl:


    Ich hatte bisher auch nicht so ganz auf dem Schrim, dass da Leute zugegen sind, die die Amazonen theoretisch beobachten könnten. Ein kleiner Hinweis wäre insofern vielleicht ganz gut, dass sie sich mit einer Art "Zauberglanz" tarnen, um sich den neugierigen Augen der Menschen zu entziehen. ich erinnere mich noch daran, wie sie in der letzten Bucht das Fischerboot extra außer Reichweite gezogen haben... und hier dulden sie jetzt einfach irgendwelche Feldarbeiter oder Bauern?


    Oh je... das klingt jetzt nach viel Kritik. ist es aber nicht. Sieh es einfach als ernstgemeintes Interesse meinerseits :pardon:


    Ansonsten bin ich nämlich schon sehr gespannt, wie es weitergeht...und was jetzt alles bei dem Seelensprung schiefgehen wird.... ich kann nicht glauben, dass das alles glatt läuft. Aber mal abwarten :gamer:

  • Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Abschnitt auch selber nicht zufrieden bin und deshalb versuchen werde, den anhand von dem, was ihr so angemerkt habt, nochmal durchzupflügen .


    Die dahinterliegende Intention, warum ich den Seelensprung hier einführe, ist überhaupt nicht, dass Penthesilea wirklich im Alleingang mit einem neuen Zauber ihren Krieg gewinnen soll (da soll es schon darum gehen, dass der Krieg mit der Armee geführt wird), sondern ich will den Zauber zu etwas ganz anderem benutzen, was jetzt noch keiner auf dem Schirm hat. Aber zu dem Zweck braucht sie einen Grund, warum sie das überhaupt lernt. Und es darf nicht so leicht sein, denn sonst könnte das ja jeder einfach machen.


    Thorsten


    Rainbow

  • Ich hatte zuerst die Argumentation, sie lernt den Seelenzauber, um damit ihre Tochter in Amazonia zu beschützen, aber fand das noch viel schlechter. Es sollte schon für den Krieg sein, weil das ja ihr Hauptziel ist. Vielleicht kann ich argumentieren: Sie probiert es zuerst selber und will den Zauber allgemein einführen, wenn sie ihn für gut befindet?

    Das meine ich nicht... Dass sie den Zauber ausprobiert um den Krieg zu gewinnen ist kein schlechter Twist, da geh' ich mit.


    Nur: Der Zauber ist nichts neues. Sie lernt den ja aus einem Handbuch. Also - wieso hat den vor ihr noch keine Koenigin im Krieg verwendet?


    So zum Vergleich - nach 15 Jahren Krieg hat Caesar echt Probleme mit seinem Feldzug im Norden Galliens, und seine letzte Legion sieht gegenueber den Feinden unterlegen aus. Also geht er ins Depot der Artillerie, marschiert an Katapulten und Speerschleudern vorbei bis er zu einem gut geoelten Maschinengewehr mit Munition kommt das da seit 200 Jahren lagert - und beschliesst, das gegen die Gallier einzusetzen.


    Da fragt sich auch jeder - warum jetzt erst? Und warum sind die ganzen Generaele vor ihm auf die Idee gekommen, das verstauben zu lassen?

    Das Problem ist aber, Penthesileas Problem sind nicht allein diese drei Spiritistinnen, die sie aufgedrückt bekommen hat, sondern sie hat schon seit Jahren ständig Probleme mit den Spiritistinnen insgesamt in Amazonia. Deren oberste Anführerin ist die Hohepriesterin (die habe ich bei der Verkündigungszeremonie vorgestellt, SIE hat das Zielland verkündigt) und in Amazonia hat die mehr zu sagen als Penthesilea.

    Okay - das ist gut - wuerde ich klarer rausarbeiten (vielleicht war da schon vorher was, was ich nicht im Kopf habe?) - als Thema jedenfalls sehr vielversprechend.:)

  • Thorsten


    Rainbow


  • Erstmal vielen Dank für eure lieben Rückmeldungen!

    Ich bin nicht ganz sicher, ob euch das Folgende so gefällt, habe aber momentan auch keine idee, wie ich das besser darstellen könnte. Also, hier geht es weiter:

    23.2 Seelensprung


    Ich konzentriere mich. Wie gerufen taucht das spiritistische Handbuch vor mir auf und öffnet sich. Die Buchstaben fliegen von ganz allein heraus.


    Schritt 3 Einstellen des Zepters auf den markierten Körper.

    Hört sich einfach an. Das unsichtbare Band meiner Verbindung zu der halb toten Spiritistin fühle ich noch sehr gut. Vorsichtig berühre ich das Zepter, ziehe einen kleinen grünen Strahl hinaus und lasse diesen das kleine unsichtbare Verbindungsband berühren. Es ertönt ein Sirren und ich kann spüren, wie der magische Strahl einem Blitzschlag gleich bis zu dem fremden Körper zischt. Das Zepter ist eingestellt.


    Schritt 4: Berühre das Zepter. Überwinde die Todesgrenze auf dem richtigen Weg.

    Es gibt also auch einen falschen Weg? Ich beiße auf die Zähne und unterdrücke das ungute Gefühl, das mich befallen will. Energisch setze ich mich auf eine der Kisten, lehne mich an die Wand und schließe die Augen. Gleichzeitig nehme ich das Zepter fest in die Hand. Protoes verzweifelten Protest: „He, was machst du denn eigentlich? Hör sofort auf damit!“ höre ich nur ganz schwach. Wie erwartet ist es nun dunkel um mich her. Die Todesgrenze? Was ist damit gemeint? Nach einer Weile erkenne ich das grüne Flimmern des Zepters in der Dunkelheit. Es ist weit von mir entfernt. Ich weiß, dort muss ich hin, doch ich kann nicht, denn ich befinde mich in einem abgegrenzten Raum, der mich wie eine gläserne Wand einsperrt. Diese muss ich wohl überwinden. Ich versuche an die Wand heranzukommen, was schwierig ist, denn ich bin nur eine Art körperloses Nichts und weiß nicht, wie ich mich bewegen soll. Aber mein Wille treibt mich doch voran. Endlich erreiche ich die Wand. Hindurch... Ich muss es nur denken, schon scheine ich an der Grenze zu stehen, fühle sogar etwas wie einen scharfen eiskalten Wind mich von vorne streifen, als befände ich mich noch halb in einem schützenden Haus und draußen erwartete mich ein Polarwinter.

    Aber den muss ich wohl durchstehen. Weiter! Ich dränge durch die Wand. Jetzt ist es nicht nur ein Eiswind, der mich anweht. Es ist ein grausiger Hauch, eine Hand des Todes, die sich nach mir ausstreckt und ich spüre: Vor mir liegt der Tod in seiner unendlichen, trostlosen Weite. Jetzt begreife ich, warum mir so eiskalt zumute ist, obwohl ich meinen Körper doch gar nicht mehr spüre. Es ist ein tiefes, innerliches Schaudern, das mich erfüllt.

    Aber... offenbar gehört dieses Gefühl mit zu dem Zauber. Auch das muss ich aushalten. Überwinde die Todesgrenze – auf dem richtigen Weg! Welches ist der Richtige? Angestrengt sehe ich mich um. Lausche. Nach einer Weile kann ich Geräusche ausmachen. Es hört sich wie ein Hall von grenzenlosen Klängen an, die von sehr weit her kommen, an mir vorübertönen und dann noch hinter mir lange Zeit weiter verklingen.

    Ich beginne den Kontakt zu dem schützenden Raum zu verlieren. Die Weite draussen zieht mich mehr und mehr an. Wenn ich jetzt nicht umkehre, werde ich fallen. Wohin?

    In den Zauber oder in den Tod.

    Ich erzittere und versuche mich festzuklammern. Bin ich richtig? Wie erkenne ich das?

    Unter mir fällt ein grenzenloses blauweißes Meer in eine Tiefe ohne Ende. Vielleicht ist es auch kein Meer, vielleicht sind es blaue Splitter im weißen Nichts, oder es sind nur Farbtupfer? Ich weiß es nicht. Mir zieht sich das Herz zusammen. Was soll ich denn jetzt machen? Herunterspringen – ins Nichts?

    Wo bin ich? Und wo ist die Seele, die ich suchen will?

    Dieser Ort ist mir unheimlich!

    Da entdecke ich die grüne Straße. Sie hat dieselbe Farbe wie das Smaragdzepter. Dort ist offenbar mein Ziel. Soll ich wagen, mich darauf fallen zu lassen?

    Aber ... was wird dann passieren? Wohin führt der Weg, dessen Ende ich nicht sehe? Bis in die Unendlichkeit?

    Nein, bis zu der Seele, die ich erobern will. Das muss das Band sein, das ich bei der Markierung der Spiritistin zwischen uns erzeugt habe. Es führt zu ihr.

    Ich springe.

    Und stürze in die Tiefe.

    Dies ist nicht einfach ein Herunterfallen, als ob ich von einem Felsen ins Meer springen würde. Nein, ich sause in solcher abnormer Geschwindigkeit abwärts, dass ich den weißen Raum mit den unförmigen blauen Splittern darin nur noch wie weißblaue Striche wahrnehme. Krampfhaft versuche ich mich irgendwo zu halten, aber ich befinde mich im Nichts, oder vielleicht bin ich auch einfach ein Nichts, das sich nicht mehr selbst bewegen kann, sondern von unbekannten Mächten gezogen wird.


    Schritt 5: Finde deine Flugbahn und suche den markierten Körper.

    Danke! Das Buch existiert noch! Es hilft mir diesmal nur nicht viel weiter. Wie soll ich im freien Fall, umgeben von blauweißen Lichtblitzen, irgendetwas finden? Welche Flugbahn? Ich spitze alle meine Sinne. Die lang anhaltenden Klänge sind immer noch zu hören. Es sind viele. Immer wieder tönt mal ein harter, tiefer Ton meinen Weg, dann ein leichtes Trillern. Es gibt auch Paukenschläge. Vielleicht bestehen die Flugbahnen aus Klängen? Aber wie sollte meine dann klingen?

    Wie ein Surren, natürlich. Ich habe doch den Zauber auf diese Weise gehört. Und als ich mich darauf konzentriere, wird mir auch bewusst, dass hier auch genau solch eine Geräuschbahn existiert. Kaum habe ich diese identifiziert, da wird sie auch bereits als ein dicker grüner Strahl sichtbar, der seitlich von mir in derselben Geschwindigkeit wie ich abwärts rauscht. Ich lasse mich von ihm anziehen. Kaum habe ich meine Flugbahn erkannt, da werden auch alle anderen vor mir sichtbar. Hier gibt es glänzende breite Rutschen, oder Sternenbahnen. Manche Wege türmen sich spiralförmig vor mir auf und ich höre von dort, wo sie hinführen, Glocken schlagen in betörendem Klang. Ja, ich meine Gottheiten rufen zu hören: „Besuche mein Paradies ...“

    Jetzt bloß nicht ablenken lassen. Ich bin fast da. Noch ein Stück – wenn ich doch springen könnte! Aber ich muss warten, bis die grüne Bahn mich angezogen hat. Schon bin ich gelandet und nun rutsche ich. Ein wonniges Gefühl! Sanft und geborgen geht es abwärts. Ich sehe auch bereits mein Ziel: Der markierte Körper schwebt unter mir als ein blinkender grüner Stern. Allerdings – was ist das? Stimmt etwas nicht mit meiner Flugbahn? Ein gutes Stück weiter vorn bricht sie plötzlich ab. Ein schwarzes Loch trennt sie von ihrer Fortsetzung. Wenn ich so weiter rutsche, erreiche ich nicht den Stern, sondern falle in den blinden Raum! – Oder? Werde ich vielleicht Glück haben und kann das Loch überspringen und trotzdem wieder auf der Bahn landen? Meine Gedanken beginnen zu rasen. Vielleicht kann ich. Aber komme ich dann wieder zurück? Werde ich das Loch auch überspringen, wenn ich von unten wieder hinauf muss? Es geht viel zu schnell. Schon kurve ich herunter – und da ich so etwas wie Hände oder Füße leider nicht zur Verfügung habe, verbeiße ich mich an dem untersten Ende meiner zerfaserten Flugbahn, unter und über der jetzt nur noch pechschwarzes Nichts zu sehen ist. Verwünscht ... und wo ist nun die Fortsetzung meiner Bahn? Verschwunden? Siedendheiß überkommt mich die Erkenntnis, dass ich es niemals geschafft hätte, das Loch zu überspringen. Weil es endlos ist.


    Fehler *19: Zerstörte Flugbahn. Siehe Notfallplan, Spiritistisches Handbuch Band 7

    Allmächtige Göttin. Was soll das heißen, Notfallplan? Warum stehen die Fehlermeldungen in einem anderen Buch, das ich nicht besitze?

    Über mir beginnt sich meine Flugbahn zu zersetzen, an deren äußersten Zipfel ich hänge. Sie bekommt Löcher, reißt hier und dort. Meine Zeit läuft ab, rasend schnell. Zurück, so lange es noch geht! Aber wie? Diese Rutsche ist eine Einbahnstraße, sie führt nur abwärts. Zurück müsste ich wohl eine andere Flugbahn nehmen. Keine Ahnung wie ich das anstellen sollte. Mein Handbuch schweigt. Als hätte es sich einfach zugeschlagen.

    Plötzlich zieht etwas an mir. Ich weiß nicht, was es ist. Ein extremer, unwiderstehlicher Sog wirbelt mich davon. Mich ergreift Panik: Was ist das? Was reißt mich fort und wohin bringt es mich? Die Bilder zerplatzen vor meinen Augen, alles wird schwarz. Ich spüre nur noch den Sog.

    Mit einem Ruck öffne ich die Augen. Im ersten Moment strömen so viele Farben auf mich ein, dass ich nicht gleich begreife, wo ich bin. Hunderte Empfindungen stürzen auf mich ein – Stiche an allen möglichen Stellen, ein Pochen im Kopf und solche Enge in der Brust, dass ich röchelnd nach Luft ringe. Erst jetzt erkenne ich Protoes nassen Augen über mir.

    „Penthesilea!“, schuchzt sie. „Bist du wach? Siehst du mich?“

    Ich versuche etwas zu sagen. Aber es geht nicht. Deshalb nicke ich nur mit dem Kopf. Auch der will mir fast nicht gehorchen.

    „Ich dachte du stirbst!“ Heftig wischt sie sich über die Augen. „Nun sag doch was! Ist alles okay?“

    Nicht wirklich. Ich stelle mit Schrecken fest, dass ich keine Kontrolle über meine Glieder habe. Es ist, als gehörten sie nicht mehr mir. Wahrscheinlich liegt das an dem Unfall, den ich hatte. Ich kann ja froh sein, dass ich überhaupt meinen Körper wiedergefunden habe.

    Wie kuriert man so etwas? – Vielleicht mit dem Zepter? Das ich nicht berühren kann, weil ich bewegungsunfähig bin. Ich versuche, meiner Schwester Zeichen zu machen, mit den Augen zum Zepter hin zu zeigen, aber es dauert eine Weile, bis Protoe mich versteht. Sie reibt an dem grün leuchtenden Stab und weil dieser meinen rechten Oberschenkel berührt, kommt Leben in diesen und ich beginne ihn wieder etwas zu fühlen. Als ich ihn leicht bewege, begreift Protoe, dass sie meine restlichen Muskeln vielleicht auf dieselbe Weise lösen kann. Sie bestrahlt mich überall und langsam gewinne ich die Kontrolle über mich selbst zurück. Noch etwas unbeholfen gelingt es mir schließlich sogar, mich hinzusetzen.

    „Alles okay?“, fragt Protoe ängstlich, inzwischen wohl schon zum fünften Mal.

    „Nein“, überlege ich laut. „Gib mir mal den Stab. Irgendwas hat da nicht richtig funktioniert.“

    Aufmerksam betrachte ich das kleine Zepter, das aber tadellos aussieht. Noch immer schwappt darin grünliches Wasser hin und her und der Smaragd an seinem Knauf leuchtet. Energie scheint er also noch genug zu haben.

    „Sei froh, dass du am Leben bist, und mach das nie wieder“, keucht Protoe. „Du wärst beinahe gestorben!“ Erregt springt sie auf und blickt zum Fenster der Kutsche hinaus. Ihre Züge entspannen sich. „Sieh dort! Da gehen die Spiritistinnen. Soll ich sie um Hilfe bitten?“

    „Die Spiritistinnen? Alle drei?“ Dann ist Sirka also nichts geschehen? Das muss ich mit eigenen Augen sehen. Ich stehe auf – mühsam, das linke Bein will mir nicht gehorchen – und tatsächlich, da draußen gehen die Drei, starren gerade zu meiner Kutsche herüber und gehen dann eifrig miteinander redend vorbei.

    Ich kämpfe mit mir. Soll ich die Drei danach fragen, warum mir der Zauber nicht geglückt ist? Aber dann müsste ich vor ihnen zugeben, den Seelensprung versucht und nicht geschafft zu haben. Nein, diese Schwäche will ich vor ihnen nicht zeigen und auch nicht vor den anderen. Überhaupt nichts werde ich sagen, das ist besser so. Aufmerksam sehe ich ihnen nach. Sirka geht merkwürdig. Sie zieht ein Bein nach und ich weisss genau, dass sie vorher sprang wie ein Reh. Hat sie eine Lähmung in den Knochen, so wie ich momentan?

    Hat sie etwa auch Probleme mit dem Zauber gehabt, obwohl sie ihn doch kennt? Dieselben wie ich? Das wäre seltsam. In diesem Fall sollte ich sie doch darauf ansprechen. Vielleicht liegt dem ein grösseres Problem zugrunde.

    Inzwischen wird mir allerdings klar, dass mein Zustand erbärmlich genug ist, um mein gesamtes Heer zu erschrecken und Anlass zu einer Menge Fragen zu geben, die ich nicht beantworten will. Deshalb setze ich mich wieder hin und probiere, mit Hilfe verschiedener Zepter-Massage-Übungen mein linkes Bein wieder auf Vordermann zu bringen. Es kribbelt darin und noch immer will das richtige Gefühl nicht zurückkehren.

    „Hör mal, Schwester“, sagt Protoe eindringlich und mustert mein ungehorsames Bein. „Was ist dir eigentlich passiert? Weißt, was ich denke? Du solltest solche Zauber lassen. Das kannst du nicht, denn das ist ja auch nicht unser Revier. Dieser Spiritistinnenkram geht uns nichts an. Wir sind Kriegerinnen!“

    „Protoe“, beschwöre ich sie. „Es geht darum einen Kriegszug zu gewinnen. Wir schaffen das nur, wenn ich diesen Zauber lerne. So schnell wie möglich.“

    Protoe legt mir einen Arm um die Schulter. „Du bist nur wütend, weil du nicht daran gewöhnt bist, dass dir etwas nicht gelingt. He, Schwesterlein, ist doch egal! Musst nicht alles können.“

    Misstrauisch und voller Sorge mustert sie mich. „Mit deinen Armen stimmt auch etwas nicht. Den Linken kannst du wohl auch nicht bewegen?“

    Oh doch! Natürlich kann ich und ich demonstriere es ihr gleich. Freilich sind die Finger noch steif und es fühlt sich an, als wäre der Arm eingefroren.

    „Das wird schon“, sage ich beruhigend.

    „Das sieht gar nicht gut aus“, sagt Protoe und betrachtet besorgt meinen Arm. Ihre Blicke werden bittend. „Hast du dir mal überlegt, was passiert, wenn du dabei stirbst?“

    Ich stehe auf und teste meine Beine. Das Rechte funktioniert schon wieder einwandfrei. Leider nicht das Linke.

    „Es hängt zu viel davon ab. Ich brauche das Spiritistenhandbuch Band 7“, stoße ich zwischen den Zähnen hervor. „Du hast nicht zufällig Bücher mitgenommen, Protoe?“

    „Ich?“ Sie schüttelt sich. „Auf einen Feldzug? Nein! Wieso sollte ich? Aber frag doch unsere Gelehrte Naftare. Die liest den ganzen Tag und hat womöglich die halbe Bibliothek dabei.“

    Mir entfährt ein Schnauben. „Und du glaubst, Naftare liest verbotene Schriften? Sie ist doch auch keine Spiritistin.“

    Mein letztes Wort wird übertönt von einem schrillen Geräusch, das kein Ende nimmt. Ich springe vor Schreck fast gegen die Deckenbalken der Kutsche.

    „Alarm!“, schreit Protoe auf.

  • Hey Kirisha


    Wie abgefahren! :D

    Das war echt ein krasser Trip, würde ich mal so sagen. Ich bin richtig geflasht.

    Zuerst dachte ich mir, ob das wohl alles so detailreich erklärt werden muss, wie sie das Experiment wagt...aber dann war ich ganz begeistert von der Darstellung.

    Eventuell fragt sie sich ein bisschen oft, was sie tun soll und welche Konsequenzen nun welches Verhalten haben werden...soll ich dies...oder lieber das? .... was passiert, wenn ich jenes mache? .... das häuft sich ab einer bestimmten Stelle und da könnte man eventuell noch mal schauen, ob man das eine oder andere weg lässt. Ist aber sicher auch Geschmacksache.


    An einer Stelle wurde ich etwas rausgerissen und zwar war das, als plötzlich das Buch wieder erwähnt wurde...Ich glaube, das war bei Schritt 5 mit der Flugbahn. Da dachte ich zuerst "Och nee...jetzt zerstört sie die schöne Stimmung, indem sie aus dem blöden Buch zitiert"...aber ich verstehe dein Konzept dahinter. Es hilft natürlich, während dieser gesamten Aktion einen roten Faden vorzugeben, an dem sie sich langhangelt und geil ist natürlich, als sie erfährt, dass sie im Falle eines auftretenden Fehlers ein ganz anderes Buch zu Rate ziehen soll...das sie aber gar nicht hat :rofl:Das ist so die klassiche Standartsituation, bei der man sich am liebsten die Haare raufen möchte.


    Also, an der Stelle fand ich es dann wieder gut. Ich bin, wie man vielleicht merkt noch ein bisschen hin-und hergerissen, was nun die Zitiereri aus dem Buch betrifft. Einerseits gut um Struktur vorzugeben und Humor einzubauen..andererseits auch ein bisschen stimmungstötend :hmm:


    Wie es Protoe letztlich geschafft hat, sie zurückzuholen weiß der Himmel. Ich hätte jetzt nicht gedacht, dass das durch ein bisschen Herumrütteln funktioniert-sonst wäre die ganze Aktion ja nicht derart gefährlich gewesen. Eventuell könnte man sich was anderes, Einschneidenderes überlegen...ein krasser Schmerz, der sie wieder ins Hier und Jetzt katapultiert, weil Protoe ihr keine Ahnung...versehentlich Kerzenwachs in den Ausschnitt kippt bei dem Versuch, ihr Gesicht in dem dunklen Wagen zu beleuchten....:rofl:


    Den Spruch fand ich übrigens irgendwie ziemlich gut:


    „Alles okay?“, fragt Protoe ängstlich, inzwischen wohl schon zum fünften Mal.

    „Nein“, überlege ich laut. „Gib mir mal den Stab. Irgendwas hat da nicht richtig funktioniert.“

    Die Untertreibung des Jahrhunderts, nachdem sie gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist :rofl:


    Also, mir hat`s insgesamt gefallen. :thumbsup:

  • Ah, Du schreibst Magie jetzt also zum ersten Mal weniger 'technisch' und mehr als Vision - gefaellt mir vom Prinzip her gut, und auch die Schilderung ist ziemlich stark geworden.


    Wie Rainbow schon geschrieben hatte - das ist ein ganz schoener Trip fuer Penthesilea der da geschildert wird.


    Ich hab' eigentlich nur mit dem Kontext der Szene ein paar Probleme.


    Sowas


    Fehler *19: Zerstörte Flugbahn. Siehe Notfallplan, Spiritistisches Handbuch Band 7

    laesst mich jetzt leider mehr an eine Computersimulation denken als an Magie und reisst mich da wieder aus der Stimmung. Also - mit der ganzen Szene im Kopf - irgendwie bin ich nicht so Fan dieser Stichpunkte die abgearbeitet werden, das koennte man anders loesen...


    Der andere Kommentar den ich haette waere ein logischer Einwand. Sie arbeitet ja mit einem Handbuch/Lehrbuch das offenbar dafuer da ist, um den Zauber zu lernen.


    Da ist sowas


    Überwinde die Todesgrenze auf dem richtigen Weg.


    einfach nicht foerderlich - wenn ich weiss was der richtige Weg ist, brauche ich kein Lehrbuch, das brauche ich nur um mir zu sagen was der richtige Weg ist. Sowas in ein Handbuch zu schreiben waere irgendwie kriminell gegenueber dem Leser.


    Ich hab' schon das eine oder andere gefaehrliche Ding aus Buechern gelernt - da schreiben sie aber normalerweise ganz klar - darauf muss man achten, wenn das und das passiert ist das und das das Problem und man muss dann so und so machen.


    Jetzt kann Dein Konzept von Magie ja auch beinhalten dass nicht alles ausgesprochen werden kann was einem da so begegnet, oder dass das von Person zu Person verschieden ist, aber

    Es gibt auch Paukenschläge. Vielleicht bestehen die Flugbahnen aus Klängen? Aber wie sollte meine dann klingen?

    Wie ein Surren, natürlich. Ich habe doch den Zauber auf diese Weise gehört.

    liesse sich auch vorher beschreiben als 'Du wirst bei der Vorbereitung des Zaubers eine Empfindung haben - vielleicht eine Farbe, vielleicht ein Geraeusch, vielleicht ein bestimmtes Gefuehl - das Ziel ist es, diese Empfindung nachher wiederzufinden'.


    Will sagen - ich denke Du musst in die Geschichte einen Grund einfuehren warum Penthesilea den Zauber ohne ordentliche Information durchfuehrt - im Prinzip liegt der auf der Hand, weil sie es ja irgendwie heimlich macht und sich das Material dazu gekrallt hat - aber das muesste ausgesprochen werden, dass sie vorher vielleicht noch ueberlegt ob das doof ist, jetzt so ganz ohne Mentor zu arbeiten, und ob das was sie weiss ueberhaupt ausreicht, sie koennte sogar noch einen Moment ueber den richtigen Weg ueber die Todesgrenze nachsinnieren und sich dann 'scheiss drauf' denken - da ist eigentlich viel Raum fuer das Innenleben von Penthesilea, da koennte man was richtig gutes draus machen wie sie da ueberlegt finde ich.


    Aber - wie gesagt - so gefaellt mir die Magie in der Geschichte gut:thumbup:

  • Hallo ihr Lieben, danke für eure Kommentare. Die haben mir die letzten Tage versüßt - ich hatte echt etwas Angst, dass euch dieser Teil vielleicht nicht gefällt, was aber sehr wichtig ist, weil ich mit dem Seelensprung noch einiges vorhabe.



    Es geht weiter: (erinnert ihr euch noch, wie es aufhörte?)


    24. Falsche Freunde

    Murissa


    Es kam mir vor als ob ich schwebte. Ich hatte nicht gewusst, dass ein Mann so weiche Lippen haben könnte. In Turris´ Augen spiegelte sich die untergehende Sonne, die mein Inneres in glühendes Licht tauchte. Er umfasste mich so behutsam, als könnte ich sonst zerbrechen – und meine eigenen Finger erschraken sich vor dem kalten Metall der Schutzplatte auf seinen Schultern und seiner Brust und hätten gerne mehr von ihm selbst gefunden. Aber dafür hätte ich ihm wohl über die Wange streichen müssen. Was ich mich nicht traute.

    „Murissa...“, hauchte er in mein Ohr und es kam mir vor, als tönte das Echo seiner warmen Stimme hundertfach in mir wider. Es vermischte sich mit dem Jauchzen einer Geige, die in einem der Gasthäuser von Ferne zum Tanz rief. Sie spielte eine quirlige, wirbelnde Melodie, die mich wie ein Strudel herumzureißen begann. Ich weiß gar nicht, wer von uns anfing sich im Takt zu drehen, ganz sachte, wie ein Boot, das sich vom Ufer losgerissen hat und nun von der Brandung über die Wellen getrieben wird. Es war alles eins, Turris und ich, die glühende Abendsonne und der verzauberte Klang dieser magischen Geige, die uns wie auf einen Ball ins Untermeer entführte. Ja, auf genau jenen magischen Prinzenball, von dem meine Mutter immer erzählt hatte. Immer weiter drehten wir uns, bis der ganze Ozean uns umtoste und uns in seinem Wirbel mitriss. Vor meinen Augen verschwammen alle Bilder, ich sah nichts Anderes mehr als Turris´ funkelnden Augen und unscharf hinter ihm bunte Farbflecken, die wohl aus untermeerischen Algenwäldern zu mir herüberflackerten. Mich überströmte eine überirdische Wärme, die sich anfühlte, als schwappte sie von ihm zu mir herüber, mit jeder seiner Bewegungen stärker.

    Ein scheppernder Gong unterbrach uns.

    Turris blieb plötzlich stehen. Es war, als hätte uns jemand ausgebremst aus voller Fahrt. Heftig atmend löste er seine Hände von meinen Hüften, was sich anfühlte, als zöge er alle Wärme mit hinaus, und drehte sich ruckartig zu den Gasthäusern um. Er sah aus, als wäre er aus einem Traum erwacht. Längere Zeit sagte er kein Wort, schien vielmehr mit sich selbst darum zu ringen, was er jetzt machen sollte. Seine Augen waren erschreckend dunkel geworden und ich spürte, dass irgendwas aus dem Ruder zu laufen begann.

    „Schon so spät!“ Seine Stimme klang rau. „Sie läuten gerade die letzte Marktstunde ein.“

    Immer tiefer verlegen sah er mich an und rieb sich an der Stirn. Einen Moment lang hoffte ich, er wollte mir noch etwas Vertrauliches sagen, weil er so lange zögerte. „Übrigens hat sich ein kleines Problem ergeben“, erklärte er schließlich. „Da ich vorhin einen von ihren Rittern besiegt habe, verlangen sie nun, dass ich morgen früh bei den großen Turnieren mitkämpfe, die unten in der Ebene bei den Dämonenfelsen stattfinden.“

    „Wirst du das machen?“, stammelte ich. Noch immer spürte ich den sanften Druck seiner Lippen auf meinen und verging fast vor Sehnsucht danach, er möge das bitte noch einmal wiederholen. Das aber über die Lippen zu bringen war mir absolut unmöglich.

    „Nein, das passt mir gar nicht ins Konzept“, erklärte er steif. „Deshalb habe ich mir überlegt, dass wir nicht hier übernachten, sondern heute noch weiterreiten, bei Einbruch der Dunkelheit, wenn alle anderen ruhen. Hast du schon deine Einkäufe erledigt?“

    Ich starrte auf seine lange Pferdemähne und begriff kaum seine Worte. Aufbrechen? Jetzt? Wieso konnten wir nicht einfach mit dem weitermachen, womit wir gerade begonnen hatten? Welche Einkäufe meinte er überhaupt? Ich konnte mich an keine erinnern. Das einzige, woran ich mich sehr deutlich erinnerte, waren seine funkelnden blauen Augen und die Hitze seiner Umarmung, die noch in mir nachglühte.

    Dann fiel es mir ein. Der Hindernisüberwinder.

    „Ähm ... nein, ich dachte ...“

    Sanft legte er mir einen Finger auf den Mund.

    „Du musst dich nicht entschuldigen. Machen wir es so: Du besorgst dir noch dein magisches Gerät und ich sammele die anderen und hole unsere Pferde. Wir treffen uns da drüben hinter der letzten Bude. Einverstanden?“

    „Ja“, stammelte ich. Eine gehörige Verzweiflung breitete sich in meiner Magengrube aus. Kein einziges Wort über das, was gerade passiert war. Bereute er, dass er mich geküsst hatte?

    Aber er schien sich auch nicht richtig von mir lösen zu können. Noch immer sah er mich mit flammenden Blicken an.

    „Ich hätte... das eben ... nicht tun dürfen...“, murmelte er kaum hörbar. „Ach, Murissa...“

    „Wieso nicht?“, flüsterte ich erschrocken.

    Ein schmerzhaftes Zucken flog über seine Mundwinkel. „Weil das alles zerstören kann. Und weil du einiges nicht weißt, was ich... dir jetzt auch nicht sagen kann.“

    „Doch, du kannst“, flüsterte ich schnell. „Ich merke doch, dass du kein schlechter Mensch sein kannst, und dass...“

    Eilig legte er mir einen Finger auf den Mund.

    „Still, still.“ Er blickte sich um als fürchtete er, jemand könnte uns hören. Eine Weile rang er nach Worten. Schließlich fügte er kaum hörbar hinzu:

    „Ich kann dir nicht mal was versprechen.“

    Mir schossen die Tränen in die Augen.

    „Du musst mir nichts versprechen!“

    Er schüttelte seine Mähne nach hinten und sah mich wehmütig an.

    „Das sagst du jetzt... Wir sehen uns später, hm?“

    Ich nickte eifrig.

    Schon ging er den Weg zurück und verschwand aus meinem Blickfeld.

    Ich stand da mit unruhig klopfendem Herzen. Das war viel zu schnell gegangen. Bereute er, was er gerade getan hatte? Wieso hatte er mich geküsst? Es hatte sich so wundervoll angefühlt und so richtig und ich hatte mir eingebildet, tiefes Gefühl in seinen Augen zu sehen. Inzwischen wusste ich gar nichts mehr und meine Gedanken zerfaserten sich zu einem einzigen, sehr schmerzhaftem Chaos.

    Aber immerhin hatte er mir eine Aufgabe gegeben und die musste ich erfüllen.

    Einen Hindernisüberwinder kaufen. Brauchte ich denn überhaupt noch einen, wo doch das Tor offen stand – wie er gesagt hatte? Unschlüssig schleppte ich mich zu den Buden zurück. Die ersten Händler räumten schon ihre Ware weg. Oh ja, es war tatsächlich spät, die Dämmerung warf bereits lange Schatten.

    Ach, ihr Götter. Wie schwer mir ums Herz war. Ich war überhaupt nicht imstande, mir Gedanken über irgendwelche magischen Einkäufe zu machen. Am liebsten wäre ich Turris hinterhergerannt und ihm um den Hals gefallen. Wir müssten ja gar nicht reden – er könnte mich einfach nochmal küssen... Und nicht wieder aufhören...

    Vor mir erschien ein mit uralten, schon halb zerfetzten Pelzen behangenes Rundzelt. Davor stand ein kleines Mädchen, das ebenso lumpig aussah wie ich es wahrscheinlich in dem Alter getan hatte. Ihr Hemd war grau verfärbt und eingerissen und ihre Haare zerzaust.

    „Ein Blick in die Vergangenheit, ein Blick in die Zukunft – nur zwei Bronzetaler“, piepste die Kleine müde. Diesen Satz wiederholte sie alle paar Augenblicke, ohne jemanden dabei direkt anzusehen.

    Ich blieb stehen. Die Zukunft...! Was würde sie mir bringen - Turris? Würden wir zusammen sein, oder nicht? Nur zwei Scheller, die könnte ich entbehren. Auch wenn mir klar war, dass eine echte Seherin ihr Können wohl nicht so billig verscherbeln würde.

    Langsam kramte ich zwei meiner wertvollen Bronzetaler aus der Tasche und drückte sie dem Mädchen in die Hand. Ihre Augen leuchteten auf und sie führte mich zu dem Rundzelt.

    Vor dem Eingang stand ein Pfeiler mit einer drehbaren, quadratischen Klinke, die feuerrot leuchtete.

    „Du musst dein Element wählen“, wisperte die Kleine geheimnisvoll. Vorsichtig nahm ich die Klinke in die Hand und drehte sie. Die Feuerfarbe verschwand und ich hatte plötzlich das Gefühl, einen Erdklumpen in der Hand zu haben, aus dem Gräser sprossen. Ich kurbelte noch ein Stück weiter – ah, endlich: Aus der hellblauen Klinke tropfte Wasser herab.

    Das Mädchen öffnete mir den Eingang zum Rundzelt und ich trat ein.

    Drinnen umgab mich eine riesenhafte Kuppel, die zu allen Seiten – sogar über meinem Kopf – Wasserbilder zeigten. Obwohl ich natürlich merkte, dass ich auf festem Boden durch diese Halle ging, umgab mich doch eine gut gelungene Illusion, die vermutlich einen Ozean darstellte. Unerwartet tönte plötzlich eine Stimme über meinem Kopf, die sich fast anhörte wie die meiner Mutter:

    „Zu Beginn aller Zeiten regte sich alles Leben nur im Wasser. Die gesamte Tiefebene von Tandra über Pallanthia bis nach Aravenna war ein einziger großer See, der sich mit dem Meer verband.“

    Ich sah einen Schwarm Fische, hier und dort flutschten wogende Seegräser an mir vorbei. So als ob ich gerade daran vorbeigeschwommen wäre.

    Die Stimme fuhr fort: „Dann senkte sich jedoch der Wasserspiegel und Land entstand. Die Meeresbewohner lernten, sowohl im Wasser als auch an Land zu überleben.“

    Die Bilder wechselten, für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, an die Wasseroberfläche zu tauchen und eine Insel in der Ferne zu sehen.

    „Die Zauberinnen dieses Landes bezogen ihre Kraft aus großen Muscheln, in denen Magieperlen heranwuchsen“, erzählte die Stimme weiter – und ich war plötzlich nicht mehr sicher, ob ich wirklich die Märchenerzählungen meiner Mutter hörte oder eine Fremde sprach. „Diese Muscheln gab es überall weit verstreut auf dem Meeresgrund und sie waren allen zugänglich.“

    Muscheln? Hatte Turris nicht was darüber erzählt? War das ein Zufall?

    Die Bilder um mich herum tauchten herab in immer blauere und dunklere Tiefen. Ich sah metergroße Schalen mit Rillen auf der Oberfläche, die sich öffneten und in ihrem Inneren eine herrliche samtweiße schimmernde perlmuttfarbene Murmel preisgab. Als ich hinschwimmen wollte, wurde mir leider bewusst, dass alles um mich herum nur Illusion war und ich keinesfalls schwimmen, sondern nur herumgehen konnte.

    „Doch es blieb nicht so“, berichtete die Stimme weiter. „Räuber rafften die Muscheln an sich, holten sie an Land und bauten Tempel darüber. Dadurch wurden sie Herrscher und ernannten sich zu Fürsten. Schon bald bekriegten sich die Fürsten untereinander...“

    Es knackte um mich herum, alle Geräusche erstarben und die Bilder verschwanden. Ich befand mich im Inneren eines dunklen Zeltes und in seiner anderen Ecke saß eine alte Frau mit schlohweißen Haaren an einem kleinen Tisch, der von einer Kerze schummrig erleuchtet wurde. Ich war verwirrt. Was hatte ich gesehen? Ein Märchen? Die Wahrheit? Warum zeigten mir die Bilder keine Menschwesen? Waren unsere Vorfahren diese kleinen Fische, die ich gesehen hatte – oder alles ein Schwindel? Eigentlich war mir die Antwort auf all das jedoch völlig schnurz. Ich wollte nur wissen, ob ich Turris gewonnen oder verloren hatte.

    Erregt marschierte ich auf die alte Frau zu.

    „Warum ist die Geschichte abgebrochen? Ich habe meine Zukunft noch gar nicht gesehen!“

    „Du hast Bilder für zwei Bronzetaler gesehen“, krächzte sie mühsam. „Willst du mehr, kostet es extra.“

    Ich hätte es wissen sollen.

  • Liebe Kirisha


    der Teil hat mir wieder mal sehr gut gefallen! Von der Romantik am Anfang über das jähe Ende ihrer Vertrautheit durch den Glockenschlag. Dann dieser peinliche Moment des" nicht wissen sollens", wie man sich jetzt bitteschön zu verhalten hat und Murissas Gedanken, die immer wieder zu dem Kuss zurückwandern :rofl:


    Das Ende fand ich brilliant! Es war so klar, dass Murissa ihre wenigen Groschen, die sie hat, für eine Wahrsagerin ausgeben muss und dann auch noch prompt hinters Licht geführt wird. Bin gespannt, ob sie das restliche Geld auch noch investiert. ^^ Ihre Vision bzw. diesen Illusionszauber hast du übrigens sehr schön beschrieben.


    Hier noch Kleinkram:


    LG,

    Rainbow

  • Das ist eine sehr gute Szene geworden - sowohl wie Muru da ganz verzaubert im Rausch ist als auch die Art wie ihre Gedanken immer wieder zu Turris zurueckdriften als sie spaeter ihre Besorgungen machen soll ist toll getroffen - das gefaellt mir richtig gut.:thumbsup:


    Auch die Vision spaeter gibt einen schoenen Einblick in die Welt und ist sehr stimmungsvoll.


    Turris ist schon so ein Fruechtchen - mal sehen was fuer Dreck der so am Stecken hat...


    Weiter so - das ist richtig schoen geworden!

  • Danke ihr beiden für eure Impressionen!


    Ich glaube, beim zweiten mal, hätte ich ihn reingebissen :D


    :D Hab nicht gewusst dass du so bissig sein kannst.

    Pfft, dass das zweimal kommt ist mir gar nicht aufgefallen. Werde ich natürlich ändern.



    Turris ist schon so ein Fruechtchen - mal sehen was fuer Dreck der so am Stecken hat...

    Ja da bin ich auch gespannt was du sagen wirst wenn das rauskommt.

    Da bin ich auf jeden Fall sehr froh, dass es dir gefällt!!!



    Und hier geht es weiter:


    24.1 Falsche Freunde

    „Und die Zukunft?“, fuhr ich sie an. „Das kleine Mädchen draußen hat mir auch die Zukunft versprochen. Dafür habe ich bezahlt!“

    Die Hexe verzog den Mund zu einem Grinsen und stierte mit ihren blinden Augen auf den Tisch. „Zukunft“, wiederholte sie und schien nachzudenken. „Du wirst eine Königin sein.“

    Unzufrieden fing ich an meine Hände zu ballen. Königin! Ich! – Was für ein Schnickschnack. Warum sagte sie nicht Prinzessin, wenn sie schon dick auftragen musste? Das hätte ich mir eigentlich gewünscht zu hören. Prinzessin Murissa. Das klang vielversprechend. Vielleicht würde es Turris sogar gefallen. Königin Murissa dagegen – herrje, das war einfach nur Quatsch.

    Die Alte schüttelte sich, als wäre sie kurz eingenickt und gerade wieder aufgewacht, und deklamierte, weil sie wohl vergessen hatte, dass sie mir schon etwas vorgeflunkert hatte: „Du wirst Sklavin dieser Königin sein.“

    Vermutlich war die schon ganz senil. Entweder Königin oder Sklavin, aber ich konnte nun wirklich nicht beides gleichzeitig sein.

    Erregt ging ich zu dem Tisch, hob die kleine Kerze hoch und hielt sie ihr unter die Nase.

    „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob mein ... Bekannter... ob er mich liebt.“

    Sie legte ihre knochigen Hände auf den Holztisch und fuhr darauf herum, bis ihr Zeigefinger die Kerze gefährlich nah dem Rand geschoben hatte.

    „Durchquere das Tor und dein Leben wird magisch.“

    Vielleicht hatte sie mich nicht verstanden.

    „Ich fragte, ob Turris mich liebt!“, deklamierte ich übertrieben laut, falls die Dame schwerhörig war.

    Wieder schwieg die sogenannte Seherin.

    Okay, dann noch etwas lauter und noch etwas simpler für Leute, die total debil und außerdem stocktaub sind.

    „WEN - ICH - HEIRATEN - WERDE?“

    Ihre Finger zuckten gegen die Kerze, die zu Boden fiel und verlöschte.

    „Durchquere das Tor und alles ist möglich“, krächzte sie.

    Gib auf, dachte ich verärgert. Die Alte kapierte gar nichts und erzählte nur solche Märchen, die ich selber erzählen würde, wenn ich auf einem Basar Geld verdienen wollte und keine Ware außer meiner blühenden Fantasie anzubieten hätte.

    Ruckartig öffnete sich die Zelttür und das kleine Mädchen kam herein, das mich vorhin abkassiert hatte. Sie blickte scheu zuerst zu mir, dann zu der Alten, die im Augenblick bewegungslos mit ihren pupillenlosen Augen ins Leere starrte.

    „Tante Kerby! Schlaf jetzt nicht! Du musst antworten!“

    Die Anrede rüttelte mich auf. Ich redete selbst meine Mutter niemals öffentlich mit „Mama“ an, sondern sagte „Tante“ zu ihr, aus bestimmten Gründen, über die ich nicht gerne nachdachte. Vermutlich war die Kleine so wie ich daran gewohnt, nichts Falsches zu sagen und durfte sich keinen Fehler erlauben. Sie tat mir leid und deshalb verkniff ich mir eine wütende Bemerkung, die mir auf den Lippen lag.

    „Ich kann dir sagen, wen du heiratest“, stammelte das Mädchen eifrig.

    „Brauchst du nicht“, sagte ich schnell. Die Kleine war gestresst genug. Ich beschloss, sie aufzuheitern. „Als ich noch klein war, hat mir meine Mutter erzählt, ich sollte jeden Tag zum Brunnen gehen. Irgendwann würde ich dort einen Froschkönig treffen, der für mich bestimmt wäre.“

    „Einen Froschkönig?“ Sie entspannte sich ein wenig.

    „Ja, also einen Frosch, der sich beim Hinausklettern aus dem Brunnen in einen echten Prinzen verwandelt.“ Ich zuckte die Achseln. „Eine komische Geschichte, oder?“

    „Sie meinte bestimmt einen Chyrren“, sagte die Kleine altklug.

    „Einen – was?“

    Waren die eigentlich alle beide bekloppt? Ich spürte, dass ich den Wutanfall nicht länger zurückhalten könnte, wenn ich nicht bald wieder mit einem normalen Menschen redete.

    „Ich muss gehen, hab noch was zu erledigen“, sagte ich eilig, nickte ihr zu und stürmte aus dem Zelt hinaus.

    Und da war ich nun. Umgeben von einer feindlichen Welt, in der mich alle Leute, die an mir vorbeihasteten, nur noch höhnisch anstarrten. Verwirrt und immer mehr verzweifelt bummelte ich an den folgenden Buden entlang ohne auch nur eine einzige Ware wahrzunehmen. Das dusselige Orakel hatte mich einigermaßen abgelenkt – doch nun stürmte die Erinnerung an den verzauberten Kuss mit solcher Wucht auf mich herein, dass mir Tränen in die Augen stiegen und ich beinahe angefangen hätte zu weinen. Ich spürte noch immer Turris´Hände auf meinen Hüften entlangfahren, von hinten bis den Schultern hoch, spürte noch immer, wie er mich eng an sich gedrückt hatte – war das nur ein Spaß gewesen, den er sich mit mir gemacht hatte?

    Warum sagte er hinterher, es täte ihm leid? Vielleicht hatte er schon irgendwo eine Verlobte? (Nein! Bitte nicht!) Was sollte ich jetzt machen?!

    Klar: Ich musste tun, was er wollte. Einen Hindernisüberwinder kaufen. Am besten einen sehr guten, der ihm gefiel. Energisch versuchte ich mich zu konzentrieren und mich irgendwie für das viele Gerümpel zu interessieren, das sich vor mir auf den Verkaufstischen stapelte.

    So fühlte sich das also an geküsst zu werden. Ich hatte es mir nicht mal halb so wunderbar vorgestellt.

    Schon wieder standen mir die Tränen in den Augen und verwischte sich das Bild vor mir.

    Jetzt träum nicht. Noch hast du ihn nicht verloren. Vielleicht wird alles gut. Wenn du es gut machst.

    Eine Leiter zum Überklettern von Hindernissen, nicht mal eine kleine, gab es anscheinend auf dem gesamten Basar nicht zu kaufen. Eine Lanze zum Durchbohren verwarf ich. Ein magisch glänzender Hammer, vielleicht?

    An einem Eckstand sah ich eine Hexe mit Elgohaaren, die sich auf ein magisch leuchtendes Kutschrad stützte. Auch aus ihrem Zelt strahlte und schimmerte es geheimnisvoll.

    „Ich suche ein Gerät, mit dem man magische Hindernisse überwinden kann. Mauern, oder Wände, oder so etwas“, erklärte ich und musste meine gesamte Kraft aufbieten, um mich nicht vor dem Tisch auf den Boden zu kauern und zu einem Häufchen Elend zu zerfallen.

    Die Verkäuferin musterte mich und bedachte mich mit einem zahnlosen Lächeln.

    „Gehörst du vielleicht zu der Gruppe, die das Nebelmeer überqueren will?“

    „Ja, genau! Habt Ihr solche Geräte?“

    „Weißt du, warum man das Nebelmeer nicht überwinden kann?“

    Ich prallte zurück. Gerade jetzt hatte ich überhaupt keine Lust auf weitere mysteriöse Gespräche.

    „Ich will nicht wissen, wie schwierig es ist, sondern nur ein gutes Gerät kaufen. Ihr habt wohl keine solchen, nehme ich an?“

    Sie starrte mich bohrend an. „Ihr solltet nicht versuchen, dieses Meer zu überwinden. Weil das Nebelmeer das Reich der Lebenden vom Reich der Toten trennt. Wer die Grenze überwindet, der stirbt. Und weil das so ist, ist diese Grenze für einen Lebenden unmöglich zu passieren – und Ihr solltet es auf keinen Fall versuchen!“

    Na prächtig. Nun hatte ich gerade geglaubt, Turris hätte einen klugen Plan – da lag er bereits wieder in Schutt und Asche. Oder wollte mich diese Hexe auch nur ärgern. Ich beschloss, ihre dummen Behauptungen zu ignorieren und ging weiter.

    Da entdeckte ich Klymera ganz in der Nähe. Erleichtert trabte ich auf sie zu. Sie war bereits ordentlich bepackt und verhandelte lautstark mit einem bärtigen Herrn an einem Stand voller Stangen und Stelzen. Um ihren Hals trug sie drei glänzende Amulette, schleppte eine Hellebarde mit sich herum, und in der Hand hielt sie einen prall gefüllten Rucksack.

    „Klymera!“, rief ich, froh darüber einen Rettungsanker gefunden zu haben, an den ich mich hängen konnte. Sie drehte sich zu mir um.

    „Was ist mit dir nicht in Ordnung? Wo ist deine Ausrüstung? Willst du mit nackten Händen nach dem Ring greifen?“

    Vielleicht lag es an der einbrechenden Dunkelheit, dass hier einer nach dem anderen den Verstand verlor.

    „Wieso Ring?“, fragte ich verständnislos. „Turris hat doch gesagt ...“

    „Dein verehrter Turris hat dir und uns allen ganz sicher nicht die Wahrheit gesagt“, erklärte Klymera trocken. „Jeder, der hierher kommt, will den Ring. Glaub nicht, Turris wäre eine Ausnahme. Deshalb rüsten wir uns natürlich dafür aus, um an den Ring heranzukommen. Das solltest du übrigens auch machen.“

    „Aber ich...“ Sie verwirrte mich. Und so ging das nicht. „Das ist nicht in Ordnung, Klymera. Wir sollen doch Hindernisüberwinder besorgen!“

    „Und uns freiwillig ins Reich der Toten befördern?“ Sie lachte und winkte ab. „Meine Liebe. Er denkt, er könnte uns als Dämonenfutter vorausschicken und selbst den Ring ohne Schaden an sich reißen. Darum ist es klug, wenn wir mitdenken.“

    „Was? Wieso wir?“, fragte ich, noch immer verwirrt.

    „Du und ich.“ Sie rollte mit den Augen und zeigte mit der Hand abwechselnd auf sich und auf mich. Gnädige Götter, sie hielt mich für einen Idioten. Und von Turris schien sie überhaupt keine gute Meinung zu haben. Das machte mich wütend.

    „Die Welt ist nicht so schlecht, wie du denkst!“, fauchte ich sie an. „Und Turris schon überhaupt nicht!“

    Sie warf mir einen mitleidigen Blick zu.

    „Doch, ist sie. Es gibt keine guten Menschen. Nur Leute mit Zielen und Leute, die in den Tag hineinleben. Die ersten tun alles, um ihre Ziele zu erreichen – sie machen dir schöne Augen oder treten dir in den Arsch, oder beides nach einander. Die würden zur Not auch schwarze Magie benutzen, wenn es hilft ihre Ziele zu erreichen. Und die zweite Gruppe dient ihrer Herrschaft, lässt sich überall herumschubsen und wird nie in ihrem Leben etwas erreichen. Nun rate mal, zu welcher Gruppe Turris gehört – und zu welcher du.“

    „Du lügst! Ich glaube dir kein Wort!“

    „Hör mal, Murissa. Ich wollte es dir nicht sagen, weil du ja so verschossen bist, als wäre er deine erste Liebe. Aber das wird nicht gut gehen. Lass die Finger von Turris, okay? Irgendwas stimmt ganz gewaltig mit ihm nicht.“

    Ich fuhr hoch. Wie bitte? War da etwa jemand eifersüchtig? War sie selber in ihn verliebt und ihre Geschichte mit dem fernen Liebhaber erlogen?

    „Was soll mit Turris nicht stimmen? Er ist der faszinierendste Mensch, den ich jemals traf!“

    Sie zuckte die Achseln.

    „Das mag sein. Trotzdem, ich hatte in meinem Leben schon genug mit schwarzer Magie zu tun, dass ich die auf hundert Schritt erkenne. Behalt das einfach im Hinterkopf.“

    So, so! Am liebsten hätte ich ihr vor Zorn gegen die Knie gekickt. Was hinter diesem sogenannten guten Rat steckte, hatte ich schon sehr genau verstanden.

    „Ich werde auf jeden Fall einen Hindernisüberwinder kaufen“, erklärte ich spitz, drehte ihr den Rücken zu und versuchte meine Enttäuschung über diese falsche Freundin herunterzuschlucken.

    Mühsam versuchte ich meine innere Erregung zu bändigen und ließ meine Blicke über den Stand schweifen, vor dem wir standen. Die Speere, Stangen und Spieße, die hier an einer hölzernen Mauer lagerten, erschienen mir jedoch nicht gerade als geeignete Geräte. Da wäre ein Rammbock besser gewesen, aber so etwas hatte ich noch nirgends gesehen. Klymera verhandelte lautstark um eine zusammenklappbare Stange mit einem Haken an ihrem Ende. Wahrscheinlich wollte sie damit nach dem Ring angeln.

    Ich fühlte mich wie in einer gewaltigen Zwickmühle gefangen. Wer war hier eigentlich mein Freund? Wer mein Feind? War Turris ein Verbrecher, der uns alle ins Totenreich führen wollte, vielleicht als Futter für hungrige Götter? War Klymera eine böse Hexe, die entweder mich oder Turris hintergehen wollte oder uns beide? Wem sollte ich glauben? Vielleicht einfach meinem Instinkt, der gerade innerlich in mir schrie: „Abhauen! So schnell du kannst!“

    Als ob ich jetzt noch hätte abhauen können. Jetzt, wo ich wusste, dass Turris mich liebte. Sonst hätte er mich nicht geküsst! Er war ein guter und ein kluger Anführer.

    Und Klymera war eine nette und verständnisvolle Freundin.

    Aaargh! Ich hasste es, in so einer Zwickmühle zu stecken! Ich wollte mir einfach nicht vorstellen, einer von diesen beiden könnte mich betrügen!






  • Das ist auch wieder sehr gelungen - die Prophezeihungen lassen ja interessantes ahnen.



    Auch die Szene nachher mit Klymera ist ziemlich gut - Muru kommt also eher in einen Zwiespalt.


    Und Klymera war eine nette und verständnisvolle Freundin.


    Naja, soo lange kennt sie die auch noch nicht, oder? Ein bisschen dick aufgetragen ist das schon...