Tariqs Kurzgeschichten

Es gibt 63 Antworten in diesem Thema, welches 8.255 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Der Wanderer.

  • Liebe Tariq

    Eine sehr gelungene Geschichte, in der das nahende Unglück geschickt vorbereitet wird.


    Ich konnte sie hören. In der Stille, die meinem Schrei folgte, hatte ich ihren hören können. Weit entfernt und – tief unter mir. Ich fuhr herum und starrte auf den Boden unter meinen Füßen.

    „Dora! Komm zu mir, meine Kleine. Steig die Stufen wieder nach oben! Ich warte hier!“

    Ein Schluchzen, kaum vernehmbar, dann erneut ganz leise: „Ich kann nicht!“

    „Du kannst, mein Schatz, komm! Komm zu mir herauf!“

    „Es geht nicht. Die Tür kommt nicht näher. Ich steige schon so lange hinauf, Mama. Die Treppe hört nicht auf!“


    Dieser Absatz steigert die Anspannung, löst sich gleichzeitig auf und packt den Leser emotional.

    Wirklich gut gemacht :sekt:

  • Vielen lieben Dank, Sensenbach .

    Das ist eine Geschichte, die mich selbst ein bisschen verblüfft hat. Geschrieben in anderthalb Stunden und danach nur noch einzelne Worte verbessert. Es passiert wirklich selten, dass ich mit einem Text mal so zufrieden bin, dass er in seiner ursprünglichen Form bestehen bleibt. Wenn ich da an die "Henkersmahlzeit" denke - das war ein echter Kampf. :rofl:

    Also nochmal - herzlichen Dank für dein Lob. Und - Prost! :sekt:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Eine weitere Geschichte aus dem "Weird Tales"-Thread:


    Zoe


    „Und deshalb, bitte: Wenn Sie unsere Tochter bei sich haben, geben Sie sie uns zurück. Die Bitte kommt aus den unendlich verzweifelten Herzen ihrer Eltern. Haben Sie Mitleid, lassen Sie unsere Zoe frei. Wir vermissen sie und wollen sie wieder bei uns haben. Geben Sie uns unser Kind zurück. Bitte ...“
    Der Satz endet mit einem Schluchzen und dann bricht die Stimme. Zitternd krallen sich die Finger der weinenden Frau in ein weißes Taschentuch.
    Ihr Mann zieht sie sanft zur Seite. Weg vom Mikrofon, von den laufenden Kameras, von den neugierigen Augen der Reporter. Er legt den Arm um ihre bebenden Schultern und murmelt beruhigende Worte neben ihrem Ohr.
    An dem Platz, an dem die Frau bis eben stand, hat sich ein Kriminalbeamter aufgebaut.
    „Wir bitten die Bevölkerung dringend um Mithilfe“, verkündet er. „Die zehnjährige Zoe Gerber wird seit drei Tagen vermisst. Zuletzt hielt sie sich mittags an der Haltestelle des Schulbusses am Kirchhof auf. Wenn Sie das Mädchen später noch gesehen oder verdächtige Aktivitäten bemerkt haben, wenden Sie sich bitte umgehend an die nächste Polizeidienststelle. Die Beschreibung des Kindes ist online unter www.missedchildren_zoe.com einzusehen. Jeder kleine Hinweis ist wichtig. Helfen Sie uns, das Mädchen zu finden. Vielen Dank.“
    Der Mann tritt zurück. Murmelnd packt die Reportermeute ihr Equipment zusammen und verstaut es in den Fahrzeugen der Sender.


    „Wie oft willst du dir das noch anschauen, Monika?“
    Die Stimme, die das gesagt hat, lässt eine schlecht verhohlene Ungeduld und auch Unverständnis erkennen.
    Monika Gerber, die auf dem Sofa sitzt, drückt die Pausentaste auf der Fernbedienung und wendet sich um. „Ich weiß es nicht, Hartmut“, antwortet sie leise. „Aber heute musste ich einfach ...“ Sie hebt den Kopf und schaut ihn an. „Morgen wird -“
    „Ich weiß!“ Die zwei Worte zerschneiden das, was Monika Gerber sagen will, wie ein scharfes Schwert. Gleich darauf seufzt ihr Mann. „Ich weiß, dass Zoe morgen für tot erklärt wird. Tut mir leid, Schatz, ich wollte dich nicht anschreien.“
    Sie nickt. Wie damals auf der Pressekonferenz kneten ihre Hände ein weißes Taschentuch. „Fünfzehn Jahre und mir ist, als wäre es gestern gewesen. Ich denke jeden Tag daran. Und die Schuldgefühle schlagen dann über meinem Kopf zusammen wie eine große Woge.“
    „Hör auf, dich zu quälen. Wir waren uns doch einig, nicht mehr darüber zu sprechen. Den Tag morgen überstehen wir auch noch und dann lassen wir sie in Frieden ruhen. Also gönn auch dir endlich Frieden. Wenn es dir hilft, gehen wir morgen zusammen zur Bushaltestelle zum Gedenkstein.“
    Monika Gerber nickt.
    Das Telefon klingelt. Hartmut hebt ab, lauscht kurz und reicht den Hörer seiner Frau. „Deine Mutter“, meint er leise.
    Monika erhebt sich und geht mit dem Telefon in die Küche.
    „Hallo, Mama“, hört er noch, dann schließt sie die Tür. Er vermutet, dass seine Frau wieder weinen wird. Ihre Mutter ruft jedes Jahr am Tag von Zoes Verschwinden an und versucht zu trösten. Und natürlich weiß sie auch, was für morgen ansteht.
    Er selbst benötigt keinen Trost. Die Worte des Predigers haben ihm damals gereicht und er hat Frieden finden können. Doch Monika fühlt sich schlecht, das weiß er. Diese verdammte Pressekonferenz hat ihren Zusammenbruch zur Folge gehabt, obwohl sie vorher so stark und gefasst gewesen ist und ihre kurze Rede wirklich gut über die Bühne gebracht hat. Und sie erholt sich nicht davon. Bei den kleinsten Gelegenheiten kommen die Erinnerungen an den letzten Tag mit Zoe mit voller Wucht und werfen sie buchstäblich zu Boden. So wie heute.
    Seine Frau tritt aus der Küche, ein gequältes Lächeln auf den Lippen. „Sie hat es kurz gemacht diesmal“, meint sie entschuldigend, „wahrscheinlich, weil sie selber geweint hat.“
    Er nickt. Seine Schwiegermutter ist Monikas Fels gewesen in der Zeit nach der Pressekonferenz.
    Das Telefon klingelt erneut. Er zieht fast verärgert die Brauen zusammen. Noch jemand, der ihnen mitteilen will, wie sehr er mit ihnen fühlt? Das kann keiner. Niemand ist in der Lage, auch nur zu ahnen, was er empfindet. Und was er damals empfunden hat, in den Tagen, als Zoe noch bei ihnen gewesen ist.
    Mit einer raschen Bewegung bedeutet er Monika, sitzenzubleiben, und geht mit steifen Schritten zum Telefon.
    „Gerber“, meldet er sich knapp.
    Es rauscht in der Leitung.
    „Wer ist da?“, verlangt er zu wissen.
    „Hier ist Zoe.“
    Er fährt zusammen. „Das ist ein schlechter Scherz“, zischt er mit mühsam unterdrückter Wut in der Stimme und die Knöchel der Hand, die den Telefonhörer hält, werden weiß, so fest krampfen sich seine Finger darum. „Und ich verbitte mir diese Geschmacklosigkeit! Zeigen Sie gefälligst etwas Respekt! Unsere Tochter wird morgen für tot erklärt.“
    „Hier ist Zoe.“
    „Hören Sie auf damit!“, schreit Hartmut in den Apparat. „Unsere Tochter hieß Zoe, das ist richtig. Aber so haben wir sie nie genannt. Also: wie war Zoes Kosename?“
    Eine Weile bleibt es still am anderen Ende.
    „Hier ist Zozo.“
    Der Hörer poltert zu Boden. Mit schreckensbleichem Gesicht starrt Hartmut Gerber seine Frau an.
    „Was ist?“, fragt sie verständnislos. „Wer war das?“


    Zwei Minuten später sitzen beide im Auto. In wahnwitzigem Tempo setzt Hartmut rückwärts aus der Garageneinfahrt und lässt dann den Wagen mit kreischenden Reifen davonschießen. Die Fahrt durch die abendliche Stadt scheint kein Ende zu nehmen. Irgendwann bleiben die letzten Häuser der Vorstadt hinter ihnen zurück und das Auto verlässt ein paar Kilometer weiter die Hauptstraße.
    Sie sprechen kein Wort miteinander. Stumm starren sie durch die Frontscheibe, während Hartmut den Wagen über den halb zugewachsenen Waldweg quält. Auf einer winzigen Lichtung hält er, schaltet den Motor ab und sieht Monika kurz an, bevor er die Fahrertür öffnet und aussteigt.
    Die letzten Meter gehen sie zu Fuß. Nebeneinander, Hand in Hand, erreichen sie die Stelle, an der sie vor fünfzehn Jahren ihre Tochter getötet und begraben haben.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Oh, die Geschichte wurde nur von Dir in Deine Kurzgeschichten eingefügt...Dachte schon, ich hätte ein Dejá Vu.


    Gut ist sie, definitiv.