Meister des Chaos I - Schwerter und Zorn

  • Hier kommt sie nun, meine erste Geschichte auf dem Forum. Die Welt, in der sie spielt, Vyr (siehe Karte) ist ein gemeinsames Projekt von mir und meinem Partner, jedoch habe ich die Geschichte, soweit sie hier präsentiert wird, selbst geschrieben. Viel Spaß! Über Meinungen und Kritik freue ich mich immer. :)


    Klappentext:


    Weltkarte:


    Alter(-nativer) Prolog:


    Prolog


    Er sollte eigentlich zufrieden sein - mit Macht, Wohlstand und Ansehen. Seine schwachen Gegner hatte er in die Knie gezwungen. Selbst die berühmten Magier der Dashor konnten sich nicht mit ihm messen. Doch noch immer hatte er das Gefühl, ein Verfolgter zu sein. Jedes Mal, wenn er in den Spiegel blickte, wurde es ihm bewusst: Noch immer war er ein Feind des Imperiums.



    ***


    1 - Besuch im Wald

    Himmelstein, Provinz des vyrtanischen Imperiums, den 291., 1292 Neues Zeitalter

    „Großmama!“
    Es kam keine Antwort aus der kleinen Steinhütte, obwohl Rauch aus dem Kamin stieg. Großmama hörte schlecht, seit er denken konnte.
    „Ich war in der Stadt, habe Fleisch gekauft. Leider nicht viel…“ Schnaufend hievte er den Korb von seinem Rücken und stellte ihn auf einen breiten, verschiedentlich nützlichen Baumstumpf.
    „Hallo?!“ Mit einem Ruck riss er die holzgerahmte Flechtentür auf und erstarrte.
    „Na, Kind? Wer bist du denn?“, fragte ein faltiges, unbekanntes Gesicht. Die Stimme des Mannes war ruhig und freundlich, doch das lenkte nicht von dem Schwert an dessen Seite ab.
    Als Taoreths Augen sich an das Halbdunkel der Stube gewöhnten, war seine Großmutter nirgends zu entdecken, jedoch erkannte er eine weitere Person, die sich lässig auf der einen Strohmatratze ausgestreckt hatte.
    Es war eine junge, hübsche Frau mit schwarzen Haaren, die ihn gereizt anblickte. Sie trug dieselbe Uniform wie der fremde Mann: Das Blau der See als Grundfarbe ihres Stofftorsos mit rot-weißen Borten, die lose über den Schultern hingen. Darunter trugen beide, wie man an Armen und Beinen sah, dichtes Kettengeflecht – eine meisterliche Arbeit, wie er als Schmiedegehilfe sofort erkannte. Auf ihrer Brust prangten Wappen des allmächtigen Isgaads: stilisierte, golden schimmernde Sonnen vor rotem Hintergrund. Diese zwei waren ganz anders, als die Stadtwachen von Himmelstein …
    „Nicht so schüchtern“, blaffte die junge Frau mit kratzender Stimme, und all ihre Schönheit war verflogen.
    „Ähm. Ich bin Tyll“, sagte er schnell. Er hatte nicht seinen wahren, dafür aber einen sehr häufig vorkommenden Namen genannt. Warum war er nur so misstrauisch? Er sollte den beiden Hütern des Gesetzes vertrauen!
    „Tyll… und weiter?“, die Stimme des Mannes war freundlich, aber seine Augen blitzten.
    „Tyll und nichts weiter. Herr, meine Eltern sind einfache Bauern ohne Titel.“
    „Und was machst du hier mitten im Wald? Die Bauernhöfe sind auf der anderen Seite des Flusses!“, mit wütender Miene stemmte sich die Frau auf die Beine und griff hinter sich nach einem Gegenstand auf dem Bett. Hervor kam ein Schwertgurt – Eine Frau mit Schwert! Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück.
    „Ich … ich liefere ihr nur das Fleisch unseres Hofs. Normalerweise liefern wir natürlich den Händlern in der Stadt, doch sie zahlt eben gut. Bitte, edle Da … Herrin! Tut mir nichts!“
    „Du riefst eben nach ‚Großmama‘, das habe ich deutlich gehört.“
    „So nenne ich sie eben – sie ist doch bestimmt fünfzig Zyklen alt! Aber nicht meine wirkliche Großmutter.“ Er versuchte diese, wie die anderen Lügen, mit glaubwürdiger Entrüstung vorzutragen.
    „Und du lieferst Fleisch vom Hof deiner Eltern? Eben noch klang es, als wärst du in der Stadt einkaufen!“
    „Verzeiht, ihr müsst euch verhört haben, Herrin. Ich sagte bloß, dass ich das Fleisch geholt habe.“
    „Hm. Wie auch immer. Die alte Frau muss reich sein, wenn sie sich diesen persönlichen Dienst leisten kann“, wachsam musterte die Frau ihn.
    „Lass gut sein, Ellea. Bestimmt wurde die alte Schachtel von den Elben mit Schätzen überhäuft … Der Primär wird es schon noch aus ihr rauskriegen.“
    Etwas an der Art, wie die Frau daraufhin lächelnd nickte, war zutiefst verstörend. Überhaupt würde Großmama niemals Geschenke von den heimtückischen Elben annehmen!
    „Ich finde immer noch, wir sollten ihn mitnehmen und prüfen lassen. Aber gut.“
    Erleichtert atmete er aus. Endlich war das Verhör vorbei und er konnte die Frage stellen, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte: „Wo ist sie denn eigentlich?“
    „Was geht dich das an, Bursche? Geh nach Hause und sei froh, dass Hernan ein weichgewaschener, alter Narr ist.“
    „Aber…“, er brauchte einen Vorwand, um weiter zu fragen, „Ich brauche doch die Bezahlung. Meine Eltern prügeln mich zu Tode, wenn ich mit leeren Händen zurückkomme.“
    „Also von uns bekommst du nichts“, blaffte die Frau, „Pech gehabt.“
    „Und von ‚Großmama‘ wirst du auch nichts mehr bekommen. Sie wurde verhaftet, weil sie im Verdacht steht, mit den Elben gemeinsame Sache zu machen.“
    „Das hätte ich niemals von ihr gedacht“, entfuhr es ihm, wobei die Überraschung echt war. Jedes Kind wusste, dass die Elben heimtückische Diener des Teufels waren und seit Jahren einen Eroberungsfeldzug gegen das Kaiserreich planten. Großmama war natürlich nicht daran beteiligt! Und doch fiel der Verdacht auf sie … Eine Verschwörung? Doch mit welchem Ziel? Sie war nur eine einfache alte Frau. Mit erstaunlichen Geldreserven, musste er sich eingestehen – hoffentlich fanden sie das Versteck nicht.
    Ein übellauniger Schmerz machte sich in seiner Brustgegend breit, als ihm bewusst wurde, dass es keine Rolle spielte, ob Großmama tatsächlich eine Verbrecherin war, denn das Verhör würde sie so oder so nicht überleben. Ob sie sie tatsächlich foltern würden? Mit Grauen dachte er an das finstere Lächeln der Schwertfrau, als der Mann angekündigt hatte, man werde es „schon noch aus ihr rauskriegen“. Bei Isgaad, sie würden sie tatsächlich foltern! Mit einem Mal schämte er sich zutiefst seiner Jahre beim Schmied, in denen er auch geholfen hatte, eben jene Folterwerkzeuge zu erschaffen, mit denen seine Großmama möglicherweise zu Tode gefoltert werden würde. Damals hatte er sich dabei nichts gedacht, und der Meister hatte es ihm ja aufgetragen.
    „Hau ab jetzt!“ Jetzt war auch alle Freundlichkeit aus der Stimme des Mannes gewichen. Er sah noch, wie die Frau den Mann lasziv anlächelte, als die Tür vor seiner Nase zugeschlagen wurde. Anstatt sich wegzudrehen, ballte er die Fäuste – das war nicht gerecht!
    „He! Wo habt ihr sie hingebracht?“
    „Verschwinde!“, riefen Mann und Frau gleichzeitig, woraufhin sie beide kicherten.
    Frustriert drehte er sich nun doch in Richtung Stadt, schulterte seinen Korb voller Pökelfleisch und stapfte davon. Als er sich sicher war, weit genug im Wald zu sein, um Notfalls davonlaufen zu können, drehte er sich um: „Das werdet ihr noch bereuen, ihr Schurken!“


    Er hatte fast gehofft, dass die Uniformierten die Verfolgung aufnehmen würden, doch stattdessen erklang aus der Hütte bloß schallendes Gelächter.




    Zu Kapitel 2

  • Hallo @Lukosamurai.


    Ich muss gestehen, deinen Prolog fand ich etwas verwirrend, aber dann doch kurz genug, um nicht mitten drin aufzugeben :D


    Die erste Szene hier fand ich dagegen umso besser. Man wird gleich in eine heikle Situation geworfen, sowas mag ich als Einstieg ganz gerne. Das Ganze wirft viele Fragen auf und man will dann schon gerne weiterlesen um herauszufinden, was da eigentlich passiert ist. Ich sag daher jetzt mal noch nicht viel zum Inhalt, weil ich erst sehen will, wohin uns das jetzt führt. Ich hoffe, dass du nebenbei auch ein paar Details deiner Welt offenbarst (eine Karte ist ja schon mal da, somit hast du dir da offenbar ein paar Gedanken gemacht; und verschiedene Rassen wurden jetzt ja auch schon genannt).
    Eine Kleinigkeit ist mir ein wenig aufgestossen:

    Es war eine junge, hübsche Frau mit schwarzen Haaren, die ihn genervt anblickte.

    Das "genervt" bricht ein wenig deinen Stil, denn das klingt so umgangssprachlich. Wie wär's mit "gereizt"?


    Ich warte jedenfalls mal auf mehr.

  • Hi Katharina .


    Danke für dein Feedback. Es freut mich, dass das 1. Kapitel zumindest etwas Neugierde weckt. ^^ Etwas mehr über die Welt erfährt man in den folgenden Kapiteln, ich werde heute noch das nächste hochladen.


    Ich muss gestehen, deinen Prolog fand ich etwas verwirrend, aber dann doch kurz genug, um nicht mitten drin aufzugeben

    Hmm, ich kann dich ehrlich gesagt gut verstehen: Ich werde den Prolog demnächst etwas überarbeiten und vermutlich etwas kürzen.

    Das "genervt" bricht ein wenig deinen Stil, denn das klingt so umgangssprachlich. Wie wär's mit "gereizt"?

    Jop, das übernehme ich!

  • Hallöchen @Lukosamurai ^^


    Zunächst empfehle ich dir, Klappentext und Karte in den Spoiler zu packen, und Prolog und Kapitel aus dem Spoiler rauszuholen.
    Ist für potentielle Leser einfacher :)


    Zum Prolog:
    Zunächst habe ich mich gefragt, um wen es da geht, wessen Gedanken wir erzählt bekommen. Mein erster Gedanke war ein Gott, dann kam aber das Wort Ork, und ich war verwundert. Aber anscheindend doch ein Gott.
    Oder sind in deiner Welt die Orks Götter? Bin mal gespannt, wie sich dein Prolog nachher auflöst :D
    Klingt jedenfalls schon spannend.


    Zum ersten Kapitel:
    Ich war etwas irritiert, wegen der Personen.
    Wir haben den Prota, der wohl zu seiner Oma kommt (oder auch dort lebt?), findet aber einen Mann vor. Plötzlich redet eine Frau. Da war ich kurz raus, weil ich nun nicht wusste, wer da ist und wie viele. Ob die Oma auch da ist...
    Letzteres hast du dann aufgeklärt, und es wurde auch klar, dass zwei "Fremde" da sind, wovon die Dame frech genug ist, sich zu betten xD
    Jetzt frag ich mich, ob sie eine grössere Fläche in der Geschichte bekommen, wenn ja ist sie mir direkt schon sowas wie sympathisch :D


    Über den Prota selbst erfahren wir noch nichts (ausser dass er Schmiedegehilfe ist)... so von seiner Art her, schätze ich ihn noch recht jung ein.


    Ich vermute, die Verhaftung seiner Oma wird sein Motiv, in die weite, gefährliche Welt hinaus zu wandern... Aber dein Prolog verspricht ja schon mal, dass da einiges auf ihn zukommt - zumal der Prolog hier kein Rückblick ist, sondern ein "vorblick" ^^


    LG,
    Ruka

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

  • Hollachen Ruka !


    Danke für dein Feedback. Es hilft mir wirklich, mich zu verbessern. :)


    Zum Prolog: Ich habe einen komplett neuen Prolog geschrieben. Wie findest du ihn im Vergleich zum alten?

    Zunächst empfehle ich dir, Klappentext und Karte in den Spoiler zu packen, und Prolog und Kapitel aus dem Spoiler rauszuholen.
    Ist für potentielle Leser einfacher

    Ich werde es so machen. :)

    Ich war etwas irritiert, wegen der Personen.

    Das werde ich mit ein paar Worten deutlicher machen. ^^

    Ich vermute, die Verhaftung seiner Oma wird sein Motiv, in die weite, gefährliche Welt hinaus zu wandern...

    Ohje... so offensichtlich? Ich schätze, das ist in Ordnung. xD

    so von seiner Art her, schätze ich ihn noch recht jung ein.

    Dann ist die Art richtig angekommen. ;)

  • Zitat von Lukosamurai

    Ich habe einen komplett neuen Prolog geschrieben. Wie findest du ihn im Vergleich zum alten?

    :hmm: du hättest ihn meiner Meinung nach gar nicht ändern müssen. Er war mysteriös, warf Fragen auf und machte neugierig... der jetzige "Prolog" ist irgendwie.... nichtssagend^^


    Zitat von Lukosamurai

    Ohje... so offensichtlich? Ich schätze, das ist in Ordnung. xD

    Nein, nur das Motiv beinahe jedes Helden xD

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

  • Nach deinem doch sehr spartanischen Prolog war ich um ehrlich zu sein kurz etwas skeptisch, was den weiteren Text angeht. Glücklicherweise bist du im weiteren Verlauf dann ja doch ausführlicher geworden. :D
    Wobei das Verhältnis Dialoge zu Beschreibung & Erzählung trotzdem recht ungleich ausffällt. Aber das stört hier gar nicht mal, da du dich in deiner Erzählweise immer dicht an der Perspektive des Jungen (ich geh mal davon aus, dass es ein kleiner Junge ist) bewegst und der die Hütte der Oma mit dem Drumherum längst kennt.

    und stellte ihn auf einen breiten Baumstumpf, der je nach Bedarf als Sitz, Unterlage zum Holzschlagen oder Abstellplatz diente.

    Die Info würde ich eher weglassen. Der Leser kann sich schon selbst denken, zu was so ein Baumstumpf an der Stelle taugen könnte und so wirkt die Info dann irgendwie überflüssig.


    Wie man sieht hab ich allgemein ziemlich wenig an dem text auszusetzen. Man erfährt ja nicht viel über die Welt oder die Charaktere, von daher kann ich da nur abwarten. :whistling:
    Allerdings würde ich vielleicht auf die vielen Leerzeilen verzichten und es stattdessen bei einfachen Absätzen belassen. Das macht den Text optisch einfach angenehmer zu lesen, find ich.


    EDIT: Whoops, ich hatte den Alternativen Prolog gar nicht gesehen :ninja:
    Ich finde den tatsächlich sogar besser, als die doch arg kurze, zweite Variante. So ein wenig Schöpfungs-Mythos mit Göttergeplänkel passt für eine Einleitung doch ganz gut. Zumal alles auf eine interessante Art und Weise verpackt ist und auch nicht zu viel verrät.

    Die Fesseln, die ihm seine Brüder und Schwestern am Anfang der Welt, deren Teil er war und die ein Teil von ihm war, auferlegt hatten, banden nicht seinen Körper, sondern seinen Geist.

    Nur den Satz würde ich nochmal umformulieren. So liest er sich arg verschachtelt und umständlich. Ein Vorschlag: "Am Anfang der Welt, deren er teilhaftig war und die zugleich ein Teil von ihm war, wurden ihm von seinen Brüdern und Schwestern fesseln auferlegt, die nicht seinen Körper sondern seinen Geist banden."
    Das ist immer noch etwas viel Kommata und Nebensatz. eventuell könnte man auch einfach zwei Sätze draus machen, aber das sei dir überlassen. :)

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Hey!

    Die Welt, in der sie spielt, Vyr (siehe Karte) ist ein gemeinsames Projekt von mir und meinem Partner,

    Da bin ich :)


    Ich finde beide Prologe recht gut, aber ich würde beide behalten und grundsätzlich zwei Bände daraus machen :huh:
    Ansonsten ist es bis hier schon ziemlich gut, nur finde ich es noch etwas ungewöhnlich, dass man dem Protagonsiten den Grund verrät:

    „Und von ‚Oma‘ wirst du auch nichts mehr bekommen. Sie wurde verhaftet, weil sie im Verdacht steht, mit den Elben gemeinsame Sache zu machen.“

    Auch von meiner Seite danke für das Feedback! Es ist uns sehr wichtig :)

  • Zu Kapitel 1




    2 - Freunde in der Stadt

    Himmelstein, den 291., 1292 Neues Zeitalter

    Es war bereits dunkel, als er das weite, zwischen zwei Ausläufern des Weltgebirges im Norden eingebettete Tal erreichte. Entlang des westlichen Randes des Trogtals, an den Gebirgsflanken, verlief ein breiter, zäh-fließender Fluss: Die Lea. Zahlreiche Flöße - schwarze Schemen vor dem Hintergrund des tiefen Wassers - trieben auf ihr bis zur Südküste. Der Großteil des hügeligen Landstrichs war mit Bauernfeldern befleckt, nur einzelne Fichten und kleine Wäldchen stachen aus dem im Wind leicht wogenden Getreidemeer hervor. Doch im hintersten Winkel des Tals lag Himmelstein.
    Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz ruhte behäbig unter dem Schatten der monumentalen Berge im Norden – Häuserreihe über Häuserreihe. Hunderte flackernde Talglampen und kleine Zierfeuer, die von den geschwungenen Kupferdächern der Häuser vielfach reflektiert wurden, grüßten das nächtliche Tal wie brennende Sterne. Aufgrund ihrer erhöhten Lage an der Bergflanke konnte man sie bei Nacht schon vom Waldrand aus erkennen.
    Der Taoreth umgebende Roggen hatte einen leichten, angenehmen Geruch, dezent gewürzt nur durch den von Ochsenschweiß und Flussmoos. Trotz des Korbes auf seinem Rücken war es für ihn kein schwerer Aufstieg, da er den Fluss entlangging, wo der Weg nur selten über Hügel führte. Es war nicht die Anstrengung, die sein Herz wild pochen ließ.
    Auf dem Weg durch den Wald hatte er sich sehr beeilt, aus Angst vor den beiden Kriegern, die ihn in der Hütte überrascht hatten und aus Sorge um seine Großmutter. Er musste etwas unternehmen! Und er wusste auch schon, wen er um Hilfe bitten würde.
    Die gepflasterte Straße wand sich leicht, dem Flussverlauf folgend. Er begegnete keiner Menschenseele, nicht einmal einer Patrouille. Trotz der Stille und Kälte der Nacht schwitzte er. Als er endlich an der langen, leicht gekrümmten Steinmauer, welche die Stadt umgab und die Tagsüber in einem fast blendenden Weiß blitzen würde, ankam, musste er nur klopfen, um durch eine kleine Tür im riesigen, hölzernen Flügel des Tores hindurchgelassen zu werden.
    „Er segne dich, Junge“, hauchte ihm der Torposten entgegen: Ein schlanker Schemen, der entspannt in einer Mauernische lehnte. Das trübe, goldene Licht einer eiförmigen Buntglaslaterne erhellte kurz das Antlitz: Es war ein älterer Mann mit eingefallenem Gesicht, ein munteres Lächeln entblößte das unvollständige Gebiss. Taoreth erzwang selbst ein Lächeln und grüßte zurück: „Isgaad mit dir.“
    In der Stadt waren nur wenige Menschen auf den Beinen: hauptsächlich kleine Gruppen von Nachtschwärmern, die laut lachend über die engen Straßen und Treppen torkelten, betrunken von importiertem Wein. Gelegentlich kam es zu kleineren Beschwerden wegen ihnen: Mal waren sie den übrigen Bewohnern zu laut, mal gab es Streit zwischen den Tavernenliebhabern – insbesondere, wenn unterschiedliche Stände aufeinandertrafen –, doch alles in allem waren sie von der Stadtwache geduldet.
    Nachdem er den schlafenden Marktplatz mit seinen zahlreichen Ebenen und mit Tüchern verpackten Ständen, die nur darauf warteten, am nächsten Morgen verschiedenste Waren darzubieten, überquert hatte und mehrere Treppen, die flankiert waren von dünnen Abwasserrinnsalen, hinaufgestiegen war, befand er sich nun in den oberen Stadtvierteln. Hier waren nur Soldaten auf den Straßen, während die nachtaktiven Bürger ihren Wein lieber in heckenumzäunten Gärten genossen.
    Schließlich blieb er vor einem Haus mit weiß getünchten Wänden stehen, welches direkt an der Bergflanke lag. Es besaß mehrere runde Türmchen und Erker, die aus dem Fels hinauszuwachsen schienen, und war mit einem besonders verwegen geschwungenen Kupferblech bedacht. Die schwere, säulengerahmte Eichentür mit gewundenen Schnitzarbeiten und kunstvollen Drachenklopfern aus Eisen ließ keinen Zweifel daran, dass hier einer der wohlhabendsten Adeligen der Stadt residierte. Es war Gwerion, sein bester Freund.


    *


    „Und was hast du dann gemacht?“ Gwerion, der natürlich noch wach gewesen war, sah ihn gespannt mit großen, schwarzen Augen an. Er trug einen ebenso schwarzen, seidenen Schlafmantel, der vom Hals bis zum Bauch geöffnet war, und hatte sich in eine mit Stoffkissen ausgelegte, geräumige Nische im Fels seines Schlafbereichs gesetzt. Er hatte eine sehr tiefe, selbst in Hektik angenehm klingende Stimme, dabei war Gwerion genauso alt wie er. Sein Körper war schlank, jedoch kräftig, und seine Körperhaltung stets selbstbewusst – trotz seines jungen Alters war Gwerion Gegenstand vieler Fantasien von Frauen aus der Oberstadt, doch soweit er wusste, hatte er sich noch nie auf eine eingelassen. Wie er selbst war der junge Adelige ohne Eltern aufgewachsen. Eine tiefe Freundschaft verband sie, seit er denken konnte, und doch fühlte er sich Gwerion gegenüber stets unterlegen. In seinem einfachen Leinenhemd, der Jutehose und in geflochtenen Sandalen fühlte er sich zudem schäbig in der luxuriösen Behausung seines Freundes.
    Allein Gwerions Eingangsraum, von dem eine kleine, steinerne Treppe hinauf zum vorhangverhangenen Durchgang ins Wohnzimmer führte, war etwas größer als sein eigenes Zuhause im Wald. Zwar besaß das Haus nur ein kleines, hohes Buntglasfenster, allerdings waren in gleich zwei kleinen Nischenkaminen auf Brusthöhe, die einen weiteren Durchgang – den zur Bibliothek – flankierten, lodernde Feuer entfacht worden. Sie tauchten den gesamten Wohnbereich in ein helles Gold.
    Jener besaß eine leicht geschwungene Grundfläche wie ein langgezogenes Hufeisen, an dessen rechtem Ende, wie Taoreth wusste, sich ein Küchen- und Essbereich befand und an dem linken, in dem sie sich befanden, ein Schlafbereich mit mehreren in den Felsnischen, die teils als Schlafstatt, Sitzgelegenheit oder Kleiderlager dienten.
    „Naja … ich bin hierher geflohen.“
    „Nicht gerade sehr ritterlich, Tao!“, schnaubte der große, dunkelhaarige Junge, „Ich hätte mir eines der Schwerter gegriffen und die Schurken getötet.“
    „Ich …“ Taoreth wollte sich verteidigen, doch Gwerion hatte Recht: Er hätte wohl mehr wagen können, um Großmama zu retten.
    „Ist schon gut, ich bin froh, dass du wie ein Feigling vor einem alten Mann und einer Frau weggelaufen bist, sonst wärst du jetzt vermutlich auch entführt worden und ich müsste euch beide retten.“ Gwerion hatte manchmal eine merkwürdige Art, seine Freundschaft auszudrücken. „Ich habe einen Verdacht, wo sie ist. Keine Sorge, wir werden sie finden und dafür sorgen, dass sie freikommt.“
    Er hatte noch nicht mal darum gebeten, doch für seinen Freund war es eine Frage der Ehre. „Danke“, brachte Taoreth leise hervor, „Ich weiß deine Hilfe zu schätzen.“
    „Ach, ich bin dankbar für etwas Abwechslung – ich langweile mich sonst nur. Ich habe bald alle Bücher aus der Bibliothek des Hauses durch und Roderic ist zu alt, um noch ein würdiger Gegner beim Fechten zu sein.“ Der Dunkelhaarige war in einen schnellen, ansteckenden Plauderton verfallen.
    „Jetzt übertreib mal nicht. Du führst ein Leben, das weit aufregender ist, als meins. Du musst nicht eine einzige Stunde im Umlauf arbeiten, kannst dich nach Belieben mit einem ehemaligen Waffenmeister des Fürsten im Schwertkampf üben und bist auf jedem der so berühmten Feste der Oberstadt willkommen. Und … meinst du das eigentlich ernst? Du hast alle Bücher deines Vaters gelesen?“
    Gwerion, der eilig zwischen den vielen Nischen mit Kleidung hin und her lief, zuckte mit den Schultern. „Naja, alle interessanten zumindest. Glaub mir, man lernt dadurch weitaus mehr, als bei den wöchentlichen Predigten der Priester. Und die Feste sind langweilig – du ahnst nicht, wie einfältig und ungebildet die adelige Gesellschaft Himmelsteins sein kann. Hmm, am besten ich nehme diese Schuhe! Es eilt immerhin: Ich werde dir gleich jemanden vorstellen, der uns helfen wird, deine Großmutter zu befreien. Die Soldaten trugen das Wappen der Kirche, sagst du? Er wird mit großem Eifer dabei sein. Gehen wir!“


    Zu Kapitel 3

  • Guten Abend,


    den ersten Teil habe ich gelesen und es gefällt mir bisher. Der Prolog ist natürlich noch recht sinnlos, und das wird sich sicher noch ändern, wenn die Geschichte weiter geht. Es sind sehr viele Absätze darin, warum hast Du dich dafür entschieden?
    Wie alt ist denn das "Kind"?
    Hast Du für die Karte Dungeon Painter Studio genommen?


    Morgen werde ich den zweiten Teil lesen :-)
    Danke dafür


    Nachtrag: Habe Deine Antwort auf Xarrot gelesen, die Frage nach den Absätzen ist damit ja schon besprochen

  • Nabend Blindseher,


    danke für das Feedback.

    den ersten Teil habe ich gelesen und es gefällt mir bisher.

    Das freut mich! :)

    Wie alt ist denn das "Kind"?

    Was würdest Du schätzen? ;)

    Hast Du für die Karte Dungeon Painter Studio genommen?

    Nein, ich habe sie mit dem Tool Inkarnate erstellt. Kann ich nur empfehlen. ^^

  • Dann also weiter.


  • Hallöchen^^
    Hab dann auch nochmal reingeschnuppert.


    Lg,
    Ruka

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

    2 Mal editiert, zuletzt von Ruka ()

  • @Katharina, @Ruka,


    danke fürs trotzdem weiterlesen erstmal. ^^"
    Das mit den vielen Wiederholungen ist eine große Schwäche von mir, die ich beim Selberlesen oft übersehe - hoffentlich ist es trotzdem bei den folgenden Kaps nicht so schlimm. Ich werde das jedenfalls schnell verbessern. :)


    "Oma" war zwar bewusst gewählt, um Taos kindlicher Gedankenwelt zu entsprechen, aber ich habe da wohl etwas übertrieben ^^". Andererseits müssen ja auch in einer mittelalterlichen Welt nicht alle wie in einem Shakespear-Werk reden. Es wird noch schlimmere solcher "Stimmungsbrüche" geben. ;)


    Es wäre wirklich gut, einiges Präzisierendes hinzuzufügen in Bezug auf
    Gerüche und Geräusche,
    Beleuchtung der Kupferdächer und
    Gwerions Behausung. :)

  • @Lukosamurai

    "Oma" war zwar bewusst gewählt, um Taos kindlicher Gedankenwelt zu entsprechen

    Das ist ja auch gar nicht schlimm. Er selbst darf sie ja so nennen (sprich: wenn er redet oder in seinen persönlichen Gedanken). Aber in der Erzählperspektive ist es eine Stolperfalle^^ Meiner Meinung nach.

    Das mit den vielen Wiederholungen ist eine große Schwäche von mir

    Keine Sorge, das Problem haben andere auch, mich eingeschlossen. Du bist damit also nicht alleine :D

    Andererseits müssen ja auch in einer mittelalterlichen Welt nicht alle wie in einem Shakespear-Werk reden.

    Nein, davon war ja auch gar nicht die Rede :)

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

  • Hallo,


    Zum Alter der Hauptperson. Es fällt mir schwer das zu schätzen. 14 bis 16?
    Zuerst dachte ich er wäre 15 oder 16, weil er dort alleine durch die Gegend läuft und es schon wie eine gewisse Stecke klang.
    Wo ich diesen Satz grade schreibe fällt mir auf, das ich Himmelstein gar nicht auf der Karte sehe?
    Gucke ich grade nur daran vorbei oder ist das auf der Karte nicht eingezeichnet.
    Sein Freund ist vom selben Alter und wohnt schon alleine. "Tao" hingegen wirkt auf mich noch nicht so selbstständig. Natürlich ist sein Freund ein Adliger, wer weiß wie viel Personal er dann hat ;-)


    Im Grunde fällt auch mir auf das "Oma" ein bisschen seltsam klingt.
    Die ständigen Absätze finde ich komisch, aber ich kann darüber hinweg lesen.
    Ich freue mich darauf, weiter zu lesen :-)
    Vielen Dank für die Geschichte soweit

  • @Katharina, @Ruka & Blindseher :



    @Blindseher


    @Katharina @Ruka

  • Hallo und guten Tag :-)


    Danke für die Antworten.


    Ich finde Tao kann gerne Oma sagen. Da passt das schon denke ich. Aber im restlichen Text kommt es mir etwas merkwürdig vor, nehme ich doch (warum auch immer) an, dass es nicht wirklich seine Oma ist...


    Lass Dir Zeit mit der Karte, es war mir nur aufgefallen

  • Zu Kapitel 2


    3 - Opfer des Eifers


    „Hör zu, Tao: Der Mann, den ich dir vorstellen möchte, ist ein sehr skrupelloser Krieger und ehemaliger Regierungsagent – etwas unberechenbar. Am besten, du überlässt mir das Reden.“
    Taoreth nickte, woraufhin Gwerion seinen Weg die grob gehauenen Stufen hinauf fortsetzte. Sie waren nun bereits seit etwa einer halben Stunde unterwegs. Die schmale, steile Treppe schmiegte sich an den Berghang, links ging es in die Tiefe und Taoreth achtete vorsichtig darauf, mit seinen Sandalen nicht zu stolpern, während Gwerion mit hoch erhobenem Kopf und selbstsicherem Gang schnell voranschritt. Taoreth schaffte es kaum, mitzuhalten. Es war tiefste Nacht und sie befanden sich noch innerhalb der Stadtmauern, aber nördlicher im Gebirge und weit über den übrigen Gebäuden. Selbst die Burg Himmelsteins, deren zahlreiche, runde Türme und mannshohe Zinnen von der Stadt aus betrachtet geradezu im Himmel zu schweben schienen, hatten sie passiert, sodass sie nun unter ihnen lag. Ein kühler Wind wehte und die relative Abgeschiedenheit, dabei auch nahe der Zivilisation, erinnerte an Taoreths Zuhause im Wald. Dort würde er auf absehbare Zeit wohl nicht mehr wohnen können …
    „Wir sind da!“, kam es von Gwerion, der sich einen für ihn ungewöhnlich einfarbigen, grauen Mantel übergeworfen hatte.
    Verwirrt sah Taoreth sich um. Vor ihm ging der steinige Pfad noch weiter, links und rechts befanden sich noch immer steile Felshänge. „Hier ist nichts!“
    Gwerion lächelte freundlich und reagierte nicht auf seinen Einwand. „Abwarten“, sagte er nur.
    Also setzte sich Taoreth auf den Wegesrand und ließ ungeduldig die Beine über den schimmernden Dächern der Stadt baumeln. Er beobachte die vielen, flackernden Lichter, welche an der Stadtmauer abrupt endeten und auf den Bauernfeldern nur noch weit gestreut auftraten, bis sie am Waldrand erloschen.
    Eine unnatürlich tiefe Stimme durchbrach die Stille: „Als ich noch jünger war, waren die Lichter schon dort zu Ende, wo jetzt die Stadtmauern ragen.“
    Erschrocken wandte Taoreth sich nach dem Fremden um, doch stand dort nach wie vor nur der lächelnde Gwerion, der ebenfalls auf die Stadt blickte.
    „Komm jetzt, Tao“, forderte dieser nonchalant, drehte sich herum und ging auf den Steilhang zu – und war verschwunden.
    Ungläubig rieb sich Taoreth die Augen, allerdings bestand kein Zweifel darüber, was gerade passiert war. Konzentriert fixierte er die Felswand, und plötzlich wirkte sie irgendwie falsch – nicht real. Ein weiterer Herzschlag verging, bis sich die Farben der Felswand wirbelnd auflösten und den Blick auf eine geöffnete Holztür freigaben. Als hätte er sie schon eben gesehen, aber bloß nicht wahrgenommen!
    Im Türrahmen standen Gwerion und ein großer, glatzköpfiger Mann. Der Fremde hatte einen üppigen, braunen Bart, der ihm bis zur Brust reichte. Viele, verwinkelte Falten auf seinem etwas speckigen Gesicht ließen ein hohes Alter vermuten. Eine besonders tiefe Falte lag über seinen eingefallenen Augen und unterstrich seinen strengen Blick. Er trug eine nachtblaue Robe, die mit unzähligen, silbernen Punkten bestickt war. Natürlich – ein Zauberer! Fast wunderte sich Taoreth schon über das Fehlen eines blauen Spitzhutes.
    „Taoreth, du stehst vor einer Illusion. Taste dich einfach hindurch!“ Gwerion grinste vergnügt und blickte in Taoreths allgemeine Richtung.
    „Er sieht uns schon.“ Der Blick des alten Mannes traf ihn durchdringend, wobei er mit seinen vielen Stirnfalten runzelte.
    „Aber – der Zauber …“, selten gab sich Gwerion die Blöße, über einen Umstand verwundert zu erscheinen, „der Zauber besteht doch noch!“
    „Komm herein, Taoreth“, forderte der Zauberer unbeirrt mit seiner dunklen Stimme. Nun lächelte Taoreth, als er durch die offene Tür zu Gwerion trat.
    Der Raum, den er betrat, war wie Gwerions Behausung in den Fels gehauen, allerdings das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit: Weder Feuer noch eine sonstige Lichtquelle erhellte ihn und er war spartanisch eingerichtet: wenige Nischen, die jedoch mit Holzläden verschlossen waren, stellten die gesamte Einrichtung dar. Über ihren Köpfen befand sich wider Erwarten auch kein Fels, der vor Wind, Schnee oder Regen schützen könnte, sondern der nackte Sternenhimmel. Ob diese Öffnung magisch getarnt war, oder konnte man sie vom Weg aus gar nicht einsehen?
    „Wie hast du das gemacht?“, bestürmte ihn Gwerion, jedoch unterbrach der Zauberer ihn.
    „Das ist offensichtlich: Taoreth ist mondaffin, wenn nicht sogar nachtaffin.“
    Taoreth war entsetzt. Er – ein Hexer?
    „Du solltest dich freuen, Taoreth. Es ist eine besonders seltene Gabe, und überaus nützlich.“ Ein schmales Lächeln stahl sich auf das Gesicht des alten Mannes. „Übrigens: mein Name ist Magenarta, Telzion Magenarta, auch wenn es nichts zur Sache tut … immerhin ist die Zeit knapp und diese Förmlichkeit des Austauschens der Namen ist angesichts der dringenden Gefahr, von der Gwerion die ganze Zeit denkt, höchst eitel, wenn nicht sogar …“
    „Telzion!“, unterbrach Gwerion den Magier scharf.
    „Entschuldigung“, murmelte der Magier. „Also – ich weiß schon Bescheid, Gwerion hat mir alles erklärt – verzeiht das Gedankenlesen, aber ich spürte, dass die Situation dringlich war, daher habe ich mich unter Abwägung aller Risiken entschlossen … Ehm. Taoreth, später kann ich dir deine Fragen beantworten, bitte rufe dir jetzt in Erinnerung, wo genau die Hütte deiner Großmutter liegt. Nein – du sollst mir nicht den Weg erklären, denke einfach an den Ort. Ja, genau so. Schließ die Augen, sonst wirst du geblendet.“
    Taoreth schloss eingeschüchtert die Augen und dachte, ohne weiter nachzufragen, intensiv an die Hütte seiner Großmutter. Das alles ging viel zu schnell. Ein grelles Licht blitzte durch seine Lider, er wollte instinktiv seine Hand schützend davorlegen, als es schon wieder dunkel war. Stockfinster. War er erblindet?
    „Öffne die Augen, du Klump!“, spottete Gwerion. Taoreth blickte auf und staunte: Sie standen vor der Strohtüre seines Zuhauses! Aus der Hütte drang aufgeregtes Geflüster:
    „Was, bei Isgaad, war das für ein Knall?“
    „Ruhe, Hernan! Das war bloß das Bett. Jetzt mach weiter!“
    „Es kam von draußen. Scheiße, das war bestimmt ein Fluchspeier.“
    Taoreth sah alarmiert zu Gwerion herüber, als das Geflüster leiser wurde, jedoch nicht aufhörte. Trotzdem schien sein dunkelhaariger Freund gelassen. Auch der Magier starrte seelenruhig auf die Hüttentüre. Für ihn stellten die Krieger wohl keine ernsthafte Bedrohung dar.
    „Für den heiligen Tempel!“, mit lautem Gebrüll stürmte die bewaffnete Frau plötzlich aus der Hütte. Sie lief unglaublich schnell, mit gesenktem Kopf, die Schwertspitze nach vorne gerichtet, genau auf die Brust des Magiers zielend. Er würde sterben! Der Magier reagierte überraschend schnell, bäumte sich kurz auf und schoss dann in die Hocke, den rechten Arm nach vorne ausgestreckt. Ein gleißend-weißer Blitz krachte mit ohrenbetäubendem Donnern aus seinen Fingerspitzen auf die Frau zu, die gleichzeitig zurückgeschleudert wurde und in Flammen aufging.
    „Du stirbst für Verbrecher“, flüsterte der alte Mann kopfschüttelnd. Hatte er sie etwa tatsächlich …
    „Halt, ich ergebe mich!“ Ein Schwert kam aus der Hütte geflogen, blitze kurz im Sternenlicht und landete dumpf vor ihren Füßen, gefolgt von einem halbnackten, älteren Mann: Hernan. „Nur, weil ein Kampf sinnlos ist, heißt das nicht, dass ich zum feigen Verräter werde. Ich werde euch nichts sagen, egal, wie sehr ihr mich foltert, Fluchspeier!“, rief er laut und entschlossen.
    „Sie sind so eifrig, diese Gotteskrieger“, flüsterte Gwerion.
    „Sag mir, wo habt ihr die Frau, die hier wohnte, versteckt?“, donnerte Telzion Magenartas Stimme.
    „Ich werde euch nichts verraten!“, wiederholte der Mann.
    „Dummkopf, das hast du bereits!“, der Magier grinste.
    „Das … Verfluchter Gedankeninvasor! Das Wissen wird euch nichts nützen, ihr …“, weiter kam der Mann nicht, denn ein weiterer Blitz ließ ihn in Flammen aufgehen.
    „Nein!“, kreischte Gwerion entsetzt, während sich Taoreth nicht bewegen konnte. „Er hatte sich ergeben, verdammt!“
    „Ruhe!“, schnaubte Telzion, „Hätte ich ihn am Leben gelassen, hätte er früher oder später dafür gesorgt, dass ihr zwei am Galgen hängt: Er kannte eure Gesichter.“
    „Dann hättest du ihm die Erinnerung nehmen sollen!“, beharrte Gwerion.
    „Dafür blieb keine Zeit. Es war das einzig richtige: Dadurch, dass der Mann sich bewusst auf Verbrecherseite stellte und somit diese Handlung im Sinne der Rettung einer Unschuldigen und der Verhinderung der Ermordung von dir und Taoreth erforderlich machte …“
    „Halt die Klappe mit deinem Magiergerede!“, zischte Gwerion.
    „Ihr Menschen!“, seufzte der Zauberer nur. War er denn selbst keiner? „Doch, Taoreth, ich bin ein Mensch – jedenfalls ist das meine Abstammung.“
    Was bedeutete das nun schon wieder? Offenbar hatte Telzion aufgehört, Taoreths Gedanken zu lesen, denn dieser erhielt keine Antwort.
    „Holt euch die Schwerter der beiden! Auch, wenn sie uns heute nicht viel nützen werden, sind es doch zwei Waffen weniger im Besitz des Tempels. Na los!“
    Gwerion stapfte missmutig zu den beiden Leichen und beraubte sie ihrer Schwerter. Eines davon drückte er in Taoreths Hand – als Schmiedegehilfe hatte er bereits einige in der Hand gehalten und erkannte sofort die gute Qualität: Knauf und Klinge der einhändigen Waffe waren perfekt ausbalanciert, die simple, dabei angemessen breite Parierstange wirkte stabil und der ledergepolsterte Griff mit ovaler Grundfläche sorgte für ein gutes Bewusstsein über Position und Lage der Schneide. Vor allem war sie scharf und nicht schartig, also noch lange brauchbar. Die Kirche Isgaads musste reich sein, wenn sie ihre Soldaten so ausrüsten konnte …
    „Ich denke, ich bin jetzt bereit für eine weitere Teleportation. Das Versteck der Templer ist im Wald verborgen - ganz in der Nähe, daher werde ich Euch mitnehmen können. In etwa zehn Herzschlägen werden wir alle – inklusive deiner Großmutter – wieder in Gwerions Gemächern sein. Schließt die Augen!“

    Zu Kapitel 4

  • Und da bin ich schon zur Stelle ;-)


    ich finde die Beschreibung des Treppenaufganges etwas schwer vorzustellen.
    Innerhalb der Stadtmauern, oberhalb der Burg. Vielleicht habe ich ein falsches Bild von der Stadt, ich kann es ja nur mit unseren menschlich-realen Städten vergleichen. Aber in den meisten Städten kommt oberhalb der Burg nichts mehr.
    Kannst Du verstehen was ich meine?


    Nischen als Mobiliar?
    Und direkt danach, über ihren Dächern?
    Den Dächern der Nischen?
    Diese Beschreibungen wirken etwas unpassend. Ich kann mir das grade nur schwer vorstellen, wie Du es aussehen lassen möchtest.


    Ansonsten finde ich es recht gut geschrieben. Die Beschreibung des Zauberers ist gut geworden denke ich, der Kampf wirkt dynamisch, auf das nötigste fokussiert. Ich bin mal gespannt ob Taoreth mal Zeit kriegt das Erlebte für sich Selbst zu verarbeiten. Und ob wir daran teil haben können ;-)


    Weiter so!