Im Zug

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    • Hier mal was anderes von mir und ich freue mich immer über konstruktive Kritik :) Danke :)

      Im Zug

      Eigentlich gefiel es Philipp Frey nicht, im Zug rückwärts fahren zu müssen, aber beim Kauf der Platzkarten hatte man ihm nicht die Fahrtrichtung des Wagens sagen können. Nun gut, so war es eben. Vielleicht würde ihm diesmal nicht übel werden, dass er die Abteiltür aufreißen und frische Luft schnappen müsste. Andererseits, überlegte er, der Sitz ihm gegenüber war nicht belegt und so lange niemand Anspruch darauf erhob ... noch war er allein hier.
      Obwohl alle Polster gleich dunkel-hässlich waren, fühlte er sich mit einem Mal viel wohler. Entspannt streckte er die Beine aus und lehnte er den Kopf gegen seine Jacke, die an dem verschiebbaren Haken über dem Fenster aufgehängt war.
      Sein Blick ging hinaus auf den schwach gefüllten Bahnsteig. Hier in der Provinz gab es höchstens den Pendlerverkehr, an dem die Bahngesellschaft verdienen konnte, Fernreisende waren meist Urlauber. Ein Familienvater mit offenem Mantel trug zwei offensichtlich schwere Lederkoffer, hinter ihm seine Frau mit einer Reisetasche sowie zwei Jungen mit Rucksäcken. Die Schar eilte draußen an Philipp vorbei.
      Seine Augen wanderten zu seinem eigenen blauen Stoffkoffer oben in der Gepäckablage. Heute Morgen hatte er nur das Wichtigste zusammen gesucht, alles schön säuberlich in Plastiktüten eingewickelt und fast liebevoll verstaut. Das war nicht seine erste Fahrt in diesem Jahr, allerdings ging es diesmal in Richtung Norden. Er fuhr gern mit dem Zug und wenn er zurückrechnete, dann waren seine Unternehmungen in letzter Zeit häufiger geworden.
      Draußen vor seinem Fenster küsste sich ein Pärchen innig. Dem Gepäck nach zu urteilen, verreiste nur sie. Nun ja, Weltanschauung kommt von Welt anschauen und als Versicherungsmakler mit eigenem Büro konnte Philipp sich solche Reisen erlauben. Manchmal waren sie sogar notwendig. Etwa, wenn die Zentrale in der Landeshauptstadt ihre Mitarbeiter zu bestimmten Anlässen rief. Das war aber diesmal nicht der Fall, er war in eigener Sache unterwegs.
      Ein Schaffner kam hastig die Treppe zum Bahnsteig herauf, blieb stehen und schaute immer wieder den Zug entlang. Dann holte er seine Uhr hervor. Ja, tatsächlich eine dicke Eisenbahneruhr an einer goldfarbenen Kette. Er verglich sie mit der Großen über ihm und verschwand aus dem Blickfeld, er stieg weiter vorn ein.
      Das Pärchen war verschwunden und jetzt ertönte ein Pfiff und kurz darauf ruckte der Zug an.
      Glück gehabt, dachte Philipp. Bin ich wohl ...
      In diesem Moment wurde die Abteiltür aufgerissen, die vorhin so innig küssende junge Dame stand mit ihrem Rollkoffer in der Hand erwartungsvoll im Rahmen. Ihr Blick ging über die kleinen Metallnummern über den Kopflehnen der Sitze und fiel schließlich auf Philipp. Dann wieder zum Schild. Sie holte Luft und sagte gedehnt: „Entschuldigen Sie, sind Sie sicher ...?“
      Bevor sie enden konnte, war dieser aufgesprungen, dabei fiel ihm seine gerade gekaufte Tageszeitung vom Schoß. „Es tut mir sehr leid. Ich hatte nicht angenommen ... und mir leider wird immer übel vom Rückwärtsfahren ...“
      Er klaubte den „Standard-Anzeiger“ wieder auf und stand unschlüssig da. Für einen Moment überlegte sie und sagte dann schnell: „Das möchte ich natürlich nicht“, und schaute mit fragenden Augen nach seinem Sitz.
      „Oh, hier. Nummer 4, am Fenster.“ Er wies mit der Hand darauf. Es schien ihr nichts auszumachen, denn sie zuckte mit den Schultern.
      „Darf ich Ihnen helfen?“ Eifrig erbot er sich, ihren Koffer über seinen Kopf in die Ablage zu hieven. Sie ließ es geschehen, legte ihre schwarze Handtasche auf den Sitz, hing den leichten Mantel auf und nahm Philipp gegenüber Platz.
      Beide ruckelten und schwankten leicht mit den Bewegungen des Waggons, der mit mäßigem Tempo die Stadt verlassen hatte. Im gleichmäßigen Takt huschten Telefonmasten am Fenster vorbei, dahinter breiteten sich schon die Rapsfelder aus.
      Philipp hatte sich zurückgelehnt, die Zeitung geöffnet und beobachtete die Dame über den oberen Rand, während sie in ihrer Handtasche nach etwas grub.
      Er schätzte sie auf höchstens Mitte 20. Sie war schlank, nicht sehr groß, hatte blondes mittellanges Haar und trug eine helle Bluse mit kurzen Ärmeln. Dazu einen smaragdfarbenen ausgestellten Rock. Am linken Handgelenk eine Damenuhr mit rotem Lederarmband, dazu einen dünnen goldenen Ring, allerdings am Mittelfinger. Keinen Nagellack. Ihre rechte Hand kam mit einem kleinen Spiegel zum Vorschein, in dem sie kurz ihr Aussehen prüfte. An diesem Ringfinger hatte sie etwas Ausgefallenes, zwei dünne sich überkreuzende Ringschienen. Das gefiel ihm sehr und es sah auch nicht billig aus.
      Sie trug nur etwas Wimperntusche, kein offensichtliches Make-up. An ihren Ohrläppchen hingen winzig kleine stilisierte Sterne.
      Der Spiegel verschwand wieder, dafür kam ein Buch zum Vorschein. Der Einband grün wie ihr Rock und zu Philipps Erstaunen waren darauf zwei fotografierte Totenschädel zu sehen.
      „Anatomie“ stand in großen Lettern darüber. Also eine Medizinstudentin, schlussfolgerte er. Sie kramte nochmals und hatte ein Etui in der Hand. Die übergroße und dunkelrandige Nerdbrille stand ihr gut. Sie schlug eine Seite auf und begann, wie er zu lesen.
      Philipp sah, wie ihre hellbraunen Augen unter den geraden Augenbrauen und über der schmalen Nase gewissenhaft über die Zeilen gingen. Manchmal fuhr ihre Zunge leicht über ihre Unterlippe, wenn sie eine Seite wendete. Das Buch verdeckte ihren Ausschnitt, so konnte er nicht sehen, ob sie eine Kette trug. Sie hatte eine sportliche Figur, keine große Oberweite, aber mit Wohlwollen musste er zugeben, dass sie durchaus Rundungen hatte.
      Die unter dem Rock hervorschauenden Unterschenkel glänzten leicht und ihre zierlichen Fußnägel in den offenen Schuhen waren rot lackiert.
      Langsam ging sein Blick wieder nach oben und er erstarrte. Durch ihre Brillengläser funkelten ihn ihre grauen Augen an. Alle Anmut schien aus ihrem Gesicht verschwunden.Als würde sich eine Wolke vor die Sonne schieben, hatten sich ihre Gesichtszüge verhärtet.
      „Ihnen ist schon klar, dass Sie mich beobachten?“, fragte sie mit eisiger Stimme. Philipp wandt sich in seinem Polster.
      „Entschuldigung Sie ... das war nicht meine Absicht ...“, stammelte er verlegen. Er hätte sich ohrfeigen können. Seit mehr als zwei Jahrzehnten war er Versicherungsmakler, eine dutzend Mal davon Verkäufer des Jahres, seine Agentur war eine der besten des Landes und hier stotterte er wie ein Teenager.
      Sie ließ nicht von ihm ab und er hatte das Gefühl in seinem Sitz zu schrumpfen. Was hatte sie, dass er sich dieser Frau gegenüber so unbeholfen verhielt?
      Er atmete tief durch, wischte sich mit der linken Hand über das Gesicht und streckte ihr seine rechte entgegen: „Frey. Philipp Frey.“
      Sie saß unbeweglich und schien zu überlegen. Dann reichte sie ihm ihre Hand: „Stefanie ... Bergmanova“, sagte sie langsam. #
      „Meine Urgroßeltern kamen aus der Tiefe Russlands“, fügte sie fast entschuldigend hinzu.
      „Ich nehme an, Wolgadeutsche“, nahm Philipp das Gespräch auf. Sie schien überrascht und antwortete: „Ja, aber später dann Kirgistan.“
      „So eine interessante Geschichte habe ich leider nicht zu bieten“, antwortete er.
      „Meine Familie hat schon immer da gewohnt, wo ich herkomme. Bingstadt, aber wahrscheinlich haben Sie noch nie davon gehört!?“
      Stefanie taxierte ihn erneut. „Nein, da haben Sie Recht.“
      Leicht kniff er für einen Moment die Augen zusammen. Er konnte nicht einschätzen, was in ihrem Kopf vorging. Hatte sie Angst? Ihre Reaktionen hatten etwas Zurückhaltendes, fast Lauerndes.
      „Macht nichts. Wäre ich nicht von da, würde ich es wohl auch nicht kennen.“
      Mehr und mehr gewann er seine Selbstsicherheit zurück, setzte sich bequemer hin, schlug die Beine übereinander. Er wusste nicht warum, aber er fühlte sich von der Art dieser jungen Frau herausgefordert.
      „Sie studieren Medizin?“ Mit einem Kopfnicken wies er auf ihr Buch. Sie sah oberflächlich auf den Einband und antwortete: „Nein, noch nicht. Im Moment helfe ich einem Freund mit seiner ambulanten Praxis. Da ist es nützlich, wenn man wenigstens einige Grundbegriffe kennt.“ „Auf welchem Gebiet praktiziert denn Ihr Freund?“ Ungewollt hatte er die beiden letzten Worte etwas betont. „Innere Medizin. Und er ist wirklich nur ein Freund“, wies sie ihn zurecht und wunderte sich gleichzeitig, warum sie sich vor ihm rechtfertigte.
      Jetzt nur nicht den Faden abreißen lassen, dachte Philipp, als vor dem Fenster wieder ein Kleinstadtbahnhof zum Stehen kam. Seine Hoffnung wurde erfüllt und niemand neues betrat das Abteil.
      „Darf ich fragen, was Sie machen, wenn Sie nicht gerade Krankenschwester sind? Werden Sie da regelmäßig gebraucht?“
      Wieder schaute sie ihn an, als ob sie sich die Antwort gut überlegen müsste. Offensichtlich will sie nur das Nötigste preisgeben und das fand er schade, denn ein Kennenlernen wurde so ungemein schwieriger.
      „Nur ein oder zwei Mal im Monat werde ich gebraucht. Wie gesagt, ich bin eigentlich Laie auf diesem Gebiet.“
      „Aber offensichtlich talentiert“, warf er ein.
      „Wie kommen Sie darauf?“ Wieder dieser fordernde Tonfall.
      „Nun, warum sonst sollte ein Arzt sich um Ihre Mithilfe bemühen?“ Diese Antwort schien Sie zu beruhigen. „Das stimmt wohl. Ansonsten lese ich viel, mache etwas Sport, gehe mit Freunden ins Kino und so weiter.“
      Philipp lächelte sie offen an, immerhin sprach sie in ganzen Sätzen mit ihm. Offenbar nahm sie diese Geste auf. „Und was machen Sie, wenn Sie nicht im Zug sitzen und Leute ausfragen?“
      „Ich habe den spektakulären Beruf eines Versicherungsmaklers.“ Jetzt sah er, wie sie sich merklich entspannte. „Was hatten Sie gedacht?“, fragte er mit gespielter Neugier.
      „Keine Ahnung“, musste sie ehrlicherweise zugeben und betrachtete ihn zum ersten Mal genauer. Wenn man sie später nach einer Beschreibung fragen würde, wäre sie eher ratlos. Dieser Philipp Frey war ein Gesicht der Masse mit aschblondem Haar. Seine Augen waren von dunkler Farbe, vielleicht grün. Die Nase weder lang noch kurz, die Spitze etwas knubbelig. Das Gesicht mehr oval, der Kiefer weich geschnitten. Eine winzige Narbe neben seiner rechten Augenbraue, ansonsten glatte und reine Haut. Stefanie schätzte ihn nach den Krähenfüßen um die Augen auf Anfang 40. Von der Statur her weder groß noch klein, er trieb wenig Sport, hatte aber keinen Bauch. Sein grauer Anzug saß gut, war aber von der Stange. Seine hellbraunen Lederschuhe waren poliert.
      „Wie fällt das Urteil aus?“ Diese Worte holten sie aus ihren Gedanken. „Ich glaube, Sie könnten alles sein, was mit Verwaltung, Büro und Papierkram zu tun hat.“
      „Sehe ich so langweilig aus?“
      „Nein, nein“, beeilte sie sich, zu versichern. „Aber Sie machen halt nicht den Eindruck eines Handwerkers oder ...“
      „Oder Polizisten?“ Philipp sah, wie sie fast unmerklich in diesem Moment schlucken musste. „Wie kommen Sie auf Polizei?“
      „Das war nur ein Beispiel.“ Mit beiden Händen wehrte er ab. „Ich bin schon mein Leben lang bei der -S&F Assekuranz- und mit der Polizei haben wir nur bei Autounfällen oder Einbrüchen zu tun.“
      Sie schien erleichtert: „Wer möchte schon gern mit der Polizei zu tun haben.“
      Philipp war sich nicht sicher, ob ihr kleines Lächeln etwas anderes verdecken sollte.
      „Und wenn man so manche Schlagzeile heutzutage liest, möchte man auch kein Ordnungshüter sein.“ Er hatte seine Tageszeitung geöffnet und hielt ihr die Titelseite hin.
      Ihr Augen wurden hinter der Brille noch größer: „Erneut Leiche ohne Kopf und Hände aufgefunden“ sagte sie halblaut die breit gedruckte Überschrift auf. „Wie schrecklich.“ Dabei fasste sie sich an den Hals. „Was für ein Mensch tut so was?“
      „Ich würde annehmen, jemand, der nicht will, dass man den oder die Tote leicht identifizieren kann.“
      Im gleichen Augenblick war Philipp klar, das war die falsche Antwort gewesen. Stefanie schaute ihn ehrlich entrüstet an: „Wie können Sie nur so etwas Gefühlloses sagen? Ich meinte, was in einem Menschen vorgeht, dass er so eine abscheuliche Tat überhaupt begeht.“
      Sie schaute starr aus dem Fenster. Draußen wechselten sich einzelne Bauernhöfe mit Feldern und Straßen ab. Der Mais stand schon halbhoch und am Horizont setzte bereits die Dämmerung ein. Die schnell ziehenden Wolken bekamen eine helle metallische Farbe am sich verfärbenden Himmel.
      „Es tut mir leid, dass ich zuerst praktisch und nicht emotional gesprochen habe. Da ging wohl mein Beruf mit mir durch“, versuchte er sich in Schadensbegrenzung. „Natürlich ist so eine Tat für die meisten von uns nicht zu verstehen. Wahrscheinlich ist nur ein Wahnsinniger zu so etwas fähig.“
      Ohne ihn anzuschauen, sagte sie fast tonlos: „Wie sehr muss man einen Menschen hassen, um ihn zu töten? Von den anderen Dingen ganz zu schweigen.“
      „Man kann den Menschen immer nur vor den Kopf schauen.“ Insgeheim freute sich Philipp, dass sie wieder zugänglich wurde. Und sich an ihn wandte.
      „Warscheinlich ist das besser so“, antwortete sie. „Bei manchen Leuten würden wir da wohl in unvorstellbare Abgründe sehen.“
      Dazu nickte er nur. „Ich denke, jeder Mensch wird von seinen ganz eigenen Dämonen gejagt. Manche stecken das weg, andere werden davon verschlungen“, sagte er dann.
      „Ja, aber gehören da nicht zwei dazu?“
      Philipp schien im ersten Moment die Frage nicht zu verstehen. Sie bemerkte das und fuhr fort: „Etwas, das verschlingt und jemand, der sich verschlingen lässt.“
      „Nun, wenn Sie das so sehen ...“. Der Gedanke schien in kurz zu beschäftigen.
      Vor einigen Minuten und mitten zwischen Kartoffelfeldern und entfernt liegenden großen Ställen war der Zug stehen geblieben. „Der Zugführer wartet wohl auf das Signal“, sagte sie, ohne dass er gefragt hätte. In diesem Moment ruckte der Waggon wieder an, schlich einige hundert Meter, ohne wirklich Geschwindigkeit aufzunehmen und blieb diesmal an einem geschlossenen Bahnübergang stehen. Stefanie und Philipp sahen auf beiden Seiten des Zuges zwei, drei Autos, eine Handvoll Fahrradfahrer hinter den herabgelassenen Schranken warten. Vom Ende der einen Straße kam in einer Staubwolke ein großer Traktor langsam zum Ende der Schlange gerollt.
      „Das finde ich ungewöhnlich“, sagte er und schaute sie an.
      „Ich bin die Strecke noch nie gefahren“, meinte sie schulterzuckend. „Ich schon und hier haben wir noch nie gehalten.“
      Sie verzog die Mundwinkel: „Das scheint dann noch ein langer Abend zu werden.“
      Er schaute auf die Uhr und sie bemerkte: „Haben Sie denn heute noch einen Termin?“
      Seine leicht gewölbten Augenbrauen zogen sich zusammen.
      „Nein, nicht wirklich. Ich mag es bloß nicht, wenn der Zug Verspätung hat. Und Sie?“
      Stefanie holte tief Luft und tat, als müsse sie überlegen.
      „Geht mir genauso. Allerdings wäre es schön, wenn ich morgen früh halbwegs ausgeschlafen sein könnte, denn ich habe wieder Praxisdienst.“
      „Das kann ich verstehen. Man möchte keine Fehler wegen Schlaftrunkenheit begehen.“ Er meinte dies als Scherz und lächelte darüber.
      „Das nehme ich durchaus ernst“, erwiderte sie. „Ich hoffe, es ist nicht zu indiskret, aber haben Sie viel mit Ärzten zu tun?“
      „Sie meinen Kunstfehler und so? Nein, das ist nicht so unser Gebiet. Dafür gibt es andere Fachleute und auch Anwälte.“
      „Und Sie selbst?“
      „Wie ich selbst? Ich gehe einmal im Jahr zum Zahnarzt und alle paar Jahre eine Untersuchung beim Hausarzt, falls Sie das meinen.Bisher hatte der nichts zu beanstanden. Für mein Alter bin ich in erstaunlich gutem Zustand. Quasi wie ein Jahreswagen.“
      Philipp lachte dankbar, dass er so einfach darauf aufmerksam machen konnte, wie gut in Schuss er war. Er hoffte, dass sie nicht nur aus Höflichkeit fragte, denn mittlerweile war sein Interesse an ihr nur noch schwer zu bändigen.
      „Also wartet an Ihrem Ziel nur Ihr Internist auf Sie?“
      Diese Frage war stolz und konnte von ihr nicht missverstanden werden. „Das ist richtig. Ich war in letzter Zeit öfter unterwegs und deshalb ging meine Beziehung den Bach runter.“ Das klang etwas wehmütig. „Aber, so ist es eben.“
      „Das tut mir leid für Sie. Trennung sind nie einfach. Und es kommt immer darauf an, auf welche Seite man steht.“
      Ihre Augen richteten sich fragend auf ihn.
      „Nun“, fuhr er fort, „ Für den, der sich trennen will, ist die Vorbereitung eine ganz andere. Der Partner aber wird in vielen Fällen von dieser Entwicklung überrascht.“
      „Ach so“, ging sie darauf ein. „Wir waren zu unterschiedlich und haben uns auseinandergelebt. Ich wollte öfter etwas unternehmen, aber bei ihm ging die Familie und so vor. Auf Dauer hat das nicht funktioniert. Und Sie?“
      Philipp bemerkte dieses Ablenkungsmanöver: „Da gibt es nicht viel. Meine Exfrau habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Kinder hatten wir keine und alles ging auch recht schnell zu Ende.“
      In diesem Moment wurde die Abteiltür aufgerissen und der Zugschaffner in seiner blauen Uniform sprach mit fast leiernder Stimme: „Es tut mir leid, aber unser Zug endet heute hier wegen eines Schadens der Lokomotive. In Kürze werden alle Reisenden mit Bussen in die umliegenden Orte gebracht und dort stehen Unterkünfte für die Nacht bereit. Morgen früh geht es dann von dort zum nächsten Bahnhof.“
      Er wollte weiter gehen und fügte hinzu: „So wie wir die Strecke geräumt bekommen. Danke für Ihr Verständnis.“ Und riss die nächste Abteiltür auf.
      Philipp und Stefanie schauten sich zunächst ratlos an.
      Dann war er sich sicher, dass das eine Fügung war und er musste diese Gelegenheit nutzen.
      „Dann werde ich morgen früh wahrscheinlich zu spät sein“, sprach sie in Gedanken und in ihrer Handtasche wühlend.
      „Vielleicht klappt es aber auch mit einem Frühzug nach Embeden“,sagte er. „Obwohl ...“ und schaute auf seine Uhr, „ auch von hier wären es noch mindestens zwei Stunden.“
      Sie war immer noch nachdenklich und gab ihm unbewusst recht. Dadurch bemerkte sie nicht, dass er ihr Ziel erraten hatte.
      Draußen war es dunkel geworden. Im Scheinwerferlicht beobachtete Philipp einen anderen Schaffner und auch den Lokführer mit den Menschen hinter der Schranke sprechen. Es wurde in und her diskutiert, schließlich drehten die Autos und Fahrräder ab. Dann tauchten neue Lichter auf, wurden größer und hielten vor dem Zug.
      Einige mussten stehen, denn der Bus, in dem Stefanie und Philipp mitfuhren, war gut mit Menschen und Gepäck gefüllt. Der Fahrer nahm die meisten Kurven recht schnittig und hielt sich nicht an alle Geschwindigkeitsbegrenzungen. Er sah müde aus und machte gerade Überstunden.
      Draußen wurde alles Licht von dem die Straße säumenden Wald geschluckt. Büsche und Bäume wurden aus dem Dunkel gerissen und verschwanden ebenso schnell wieder. Freies Feld mit einem gerade abnehmenden Mond, der Hügel und Wiesen beschien.
      Dann wurden die Gebäude am Straßenrand zahlreicher, warm erleuchtete Fenster strahlten Heim und Ruhe aus. Mit einer recht abrupten Bremsung, die den Inhalt des Buses gut zum Verrutschen brachte, hielt man schließlich vor einem großen Gebäude mitten in diesem kleinen Ort.
      „Sooo“, rief der Fahrer nach hinten, „Endstation, meine Damunherren.“ Er öffnete die Türen.
      Nach und nach strömten an die drei Dutzend Reisende durch den verglasten Eingang des im Fachwerkstil rustikal gebauten „Zum Postillion“ Hotels. Da keine Urlaubssaison war, gab es auch keine Probleme für jeden das passende Zimmer zu finden.
      Stefanie und Philipp wohnten Tür an Tür und er hatte sofort die Gelegenheit genutzt, sie zum Abendessen einzuladen. Sein Kalkül der jungen angehenden Studentin, ging nicht sofort auf. Sie war unschlüssig und wollte zunächst telefonisch in Embeden für den kommenden Tag Bescheid geben. Philipp akzeptierte das und beide verschwanden in ihren Zimmern.
      Seinen Koffer stellte er gleich hinter der Tür und ging zum Fenster. Die Gardine beiseitegeschoben, hatte er es geöffnet und atmete tief die kühle Nachtluft ein. Etwas entfernt schlug eine Turmuhr an. Das Hotel lag offenbar am Marktplatz, denn unter ihm war eine weite Pflastersteinfläche. Im Viereck außen herum, konnte er verschiedene Geschäfte ausmachen. Direkt gegenüber war das einfach beflaggte Rathaus.
      Um diese Zeit sind hier aber schon die Bürgersteige hochgeklappt, dachte er und trat ins Zimmer zurück. Er schaute sich um.
      Die Verpackung der kleinen Schokolade auf dem Kopfkissen wies den Inhalt als Zartbitter aus, was ihn es beiseitelegen ließ.
      Das Bett war weiß bezogen, die Auslegware grau gemustert. Beim Einschalten des Lichtes im kleinen Badezimmer ging gleichzeitig und unüberhörbar ein Dunstabzug an. Philipp prüfte sein Aussehen im Spiegel. Ein kleiner Bartschatten war zu sehen. Kein Wunder, die letzte Rasur ist schon fast zwölf Stunden her, stellte er, seine Uhr prüfend fest. Egal, es würde gehen müssen.
      In diesem Moment klopfte es an die Tür. Da stand Stefanie und fast verlegen nahm seine Einladung dankend an.
      Das unten liegende Restaurant hatte noch geöffnet, man witterte ein gutes Geschäft durch diesen Zwischenfall.
      „Wo waren wir mit unserer Unterhaltung stehen geblieben?“
      Sie suchte in ihrem Gedächtnis, während er seine Frage selbst beantwortete: „Bei den Abgründen und den Dämonen“. Dabei zwinkerte er ihr verschwörerisch zu.
      „Bestimmt nicht, aber wenn es Ihr Wunsch ist. Dabei muss ich zugeben, dass Sie wahrscheinlich über die größere Lebenserfahrung bei diesem Thema verfügen.“
      Zunächst kamen die Getränke. „Ich würde aber zuerst gern dieses förmliche zwischen uns fallen lassen“, setzte er an.
      Sie ging nicht ohne weiteres darauf ein, schließlich aber prosteten sie sich zu und duzte sich von da an.
      „Unter Umständen könnte ich mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die so sehr hassen, dass sie sich selbst nicht mehr kontrollieren können“, sagte sie mit dem Abstellen des Glases.
      „Ja, das ist vorstellbar“, stimmte er sofort zu.
      „Solche Menschen fühlen sich in diesem Moment vielleicht provoziert oder nicht ernst genommen oder in eine Ecke gedrängt und dann reagieren sie so.“ Für einen Moment schaute er sich überlegend um. „Wir haben hier einen Raum voller Menschen“, und mit verschwörerischem Blick wies er einen leichten Halbkreis. „Könnte eine dieser Personen hier ein Mörder sein? Oder ein Kinderschänder? Jemand, der seine Frau oder seinen Mann verprügelt?“
      Sie folgte der Handbewegung und musterte verstohlen die anderen Gäste.
      „Also, das ältere Paar dahinten, isst schweigend. Sie haben sich nach so vielen Jahren nicht mehr viel zu sagen“, sagte sie leise und rückte näher an Philipp heran.“ Zu der Mutter mit dem kleinen Mädchen fällt mir nichts ein. Wahrscheinlich ist sie allein erziehend und hat einen Bürojob.“ Stefanie ließ den Blick schweifen.
      „Der Typ dahinten mit der Glatze beobachtet den Raum und schaut immer wieder nach links hinüber. Da stehen die beiden Buchsbäume, ich weiß nicht, was er sieht.“ Sie drehte den Kopf in die andere Richtung zu den Tischen, an denen verschiedene Paare saßen.
      „Also, die beiden Herren in den Anzügen da, sind ein Paar. So vertraut. Im Gegensatz dazu am Nebentisch, wo die blonde Frau so komisch schaut. Bei denen ist wohl der Wurm drin.“
      Genau an diesem Tisch erschien der Kellner mit dem Essen. Der Gast schaute skeptisch auf den Teller und verglich ihn mit dem seiner Partnerin. Dann hob er leicht den rechten Zeigefinger und wies hier und dorthin und verwickelte die Bedienung in ein Gespräch. Der Kellner antwortete mit gesenkter Stimme, in der Hoffnung, der Gast würde es ihm gleich tun.
      Vergeblich. Bis die Frau ihre Hand beruhigend auf den Arm des Mannes legte, einen Kompromiss fand, indem sie die Fleischportionen tauschte und man schließlich zu essen begann. An den Bewegungen des Mannes war aber zu erkennen, dass ihm das nicht wirklich gefiel.
      „Sehen Sie“, sagte Stefanie, „ Eine Kleinigkeit stimmt nicht und jemand gerät unter Stress.“
      „Für den einen ist Well Done eben wichtig, wenn er kein Blut sehen kann.“
      Sie lächelte: „Also ist der erstmal schon kein Mörder.“
      „Naja, nicht jeder Mord ist blutig ...“
      Sie stellte hier und da noch weitere Vermutungen an, bis auch ihnen das Essen serviert wurde. Bei der „Kutscherpfanne“, mit Geschnetzeltem, Pilzen und Bratkartoffeln und dem „Hacienda-Steak" mit einfachen Kartoffeln gab es noch Salat. Alles war recht schmackhaft zubereitet. Nach ein paar Bissen fragte sie dann: „Und was siehst Du so, wenn Du Dich hier umschaust?“
      Philipp hielt inne und seine Augen suchten den Raum ab. „An dem Tisch, wo es gerade Probleme gab, sehe ich eine todkranke Frau. Wahrscheinlich Krebs, beide unternehmen vielleicht zum letzten Mal etwas gemeinsam. Der Mann mit Glatze beobachtet die Bar, denn dahinter arbeitete wohl sein Ex oder jemand, der mal sein Ex werden könnte.“
      Strefanie schaute ungläubig, während er mit Genuss ein Stück Fleisch abschnitt und es in den Mund schob. Dann trank er einen Schluck Wasser.
      „Bei dem Paar, dass sich nichts zu sagen hat, ist die Frau traurig. Sie weiß, ihr Mann steht auf kleine Mädchen, er schaut immer zu dem Tisch mit der Mutter hinüber. Die Mutter wiederum wird von ihrem Ex hängengelassen, also unterhaltsmäßig, denn vor der Bestellung hat sie den Endpreis durchgerechnet. Übrigens, meine Rotweinsoße schmeckt richtig gut.“ Er schob sein Essen auf dem Teller hin und her.
      „Und die beiden Anzüge sind kein Paar, sondern Vater und Sohn. Schon die gleiche Nase und Kinnpartie hätte Dir auffallen können.“
      Damit war das Thema für ihn abgeschlossen und er konnte zu Ende essen. Sprachlos wandt Stefanie ihrem Kopf hin und her und verglich seine Aussagen, mit dem was sie sah. „Wie kannst Du Dir so sicher sein?“, fragte sie schließlich, als er sein Besteck zusammen legte und sich satt zurücklehnte.
      „Du darfst mich gern vom Gegenteil überzeugen.“
      „Ach komm, das hast Du Dir doch alles bloß ausgedacht!“
      „Beweise es!“ Zufrieden und mit überlegenem Blick schob er seine Hände in die Taschen. Sie machte ein paar klägliche Versuche und gab dann lachend auf, denn Philipp hatte immer ein Gegenargument parat. Beide hatten ihre Teller zur Mitte des Tisches geschoben und rückten noch etwas näher aneinander.
      „Wie hast Du Dir den weiteren Verlauf des Abends vorgestellt?“, fragte er recht direkt. Für einen Moment hielt sie inne und schaute auf die Uhr. Ihm fiel auf, dass sie das fast regelmäßig beim Essen getan hatte. „Erwartest Du noch jemanden?“
      „Nein, nein“, beeilte sie sich zu versichern.
      „Nun, dann würde ich vorschlagen, wir nehmen noch einen Drink auf meinem Zimmer.“
      Wieder schaute sie nach der Zeit und sagte schnell: „ Oder auf meinem.“ Philipp war für einen Moment baff, aber ein hoffnungsvolles Strahlen überzog sein Gesicht. „Worauf warten wir dann noch?“
      „Vielleicht sollten wir vorher noch die Rechnung bezahlen?“
      Sie hatte ihm ihren Zimmerschlüssel überlassen und wollte noch dem Zimmerservice Bescheid geben.
      Oben angekommen, hatte er das Fenster leicht geöffnet und die Gardinen geschlossen. Bis auf eine kleine Lampe löschte er alle Lichter und zog sein Jackett aus.
      Kurz darauf klopfte es und Stefanie hatte den Zimmerkellner im Schlepp. Die Flasche Sekt war auf dem kleinen Wagen schon geöffnet, zwei Gläser standen griffbereit. Mit einem Trinkgeld wurde der Bedienstete wieder verabschiedet und Philipp goss ein.
      Sie prosteten sich auf eine unerwartete Begegnung sowie einen hoffentlich angenehmen Abend zu. Er trank ziemlich schnell, während Stefanie nur kurz nippte. Sein Glas war leer und er bemerkte, dass sein Gehirn von seinen Hormonen übernommen wurde. Oder etwas anderem, denn plötzlich fühlten sich alle Gliedmaßen so schwer an, dass er sich hinsetzen musste.
      „Der Tag war wohl anstrengender, als ich dachte“, sagte er mit merklich schwerer Zunge. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
      Das erste, was er wahrnahm, war das Zwitschern von Vögeln. Es schien ein Menge Spatzen zu sein, die da draußen lärmten. Philipps Lider waren so schwer und er hätte so gern die Augen geöffnet. Schon allein, um zu sehen, wer ihm mit einiger Kraft sein Knie in die Seite presste.
      Er wollte sich umdrehen und stöhnte vor Schmerz auf. Da lag niemand hinter ihm und gleichzeitig fühlte sein Körper sich wie überfahren an.
      Mühsam tastete er sich ab. Sein unterer Rücken war bandagiert.
      Wie konnte das sein? Was war gestern Abend passiert? Kraftlos wandt er seinen Kopf hin und her. Das Morgenlicht drang durch die Gardinen, die sich leicht in der Brise bewegten. Vor dem Fenster war einiges an Bewegung zu hören. Stimmengewirr und das Schlagen von Autotüren. Ab und zu sprang ein Motor an, entfernte sich.
      Unglaublich langsam kamen Philipp die Erinnerungen wieder. Da war diese Frau, Stefanie. Die Zugfahrt, das Essen, Ihr Zimmer, ein Blackout. Er rief ihren Namen, aber mehr als ein halblautes und trockenes Gebrabbel kam nicht aus seinem Mund. Er war allein.
      Es kostete Kraft, die Augen offen zu halten und überhaupt zu bewegen. Im Dämmerlicht nahm er ein senkrechtes Gestell neben dem Bett wahr. Als sein Blick sich etwas klärte, erkannte er einen Tropf, dessen durchsichtiger Schlauch unter der Bettdecke verschwand. Matt ertastete seine rechte Hand die Eingangskanüle in der linken Armbeuge.
      Wieso bin ich im Krankenhaus?
      Wieder schaute er sich um und kam zu dem Schluss, dass das kein Krankenzimmer sein konnte. Er schaltete eine Lampe ein, deren Schalter er mit Mühe erreichte. Gefaltetes Papier lag auf dem Nachttisch.
      Mit einer Hand wedelte er das Blatt auseinander:
      „Es tut mir wirklich leid. So bald ich kann, werde ich eine Ambulanz verständigen. Es war alles nur ein Zufall. Stefanie“
      Langsam klärten sich seine Sinne und er deutlich nahm er wahr, wie ein Transporter oder Ähnliches unter dem Fenster hörbar bremste.
      Türen wurden aufgerissen, schlugen zu. Was waren das nur für Schmerzen? Jemand hatte zwei Kissen unter seine linke Seite geschoben, so dass seine Hüfte erhoben war.
      Wieder fühlte er nach der Bandage, als an seine Tür geklopft wurde. Er gurgelte etwas, diesmal ein „Herein!“, aber das verstand man draußen nicht richtig und es wurde nochmals geklopft.
      Philipp gab auf und endlich drehte sich der Schlüssel im Schloss.
      Mit dem Kopf über die Schulter, sah er, wie zwei junge Männer ganz in Weiß einem Zimmermädchen folgten.
      „Schön, dass Sie da sind“, murmelte Philipp. „Es geht mir gar nicht gut ....“ Dann war wieder alles schwarz.
      Als er erwachte, war es heller hinter seinen Augenlidern und dieses Mal war er sich sicher, in einem Krankenzimmer aufgewacht zu sein.
      Weiße Wände, ein hellblauer Sockel umlief den Raum. Durch das Fenster sah er den grauen Himmel, durch den der Wind schnell die Wolken trieb. Ab und zu trafen Regentropfen das Glas, aber ein Unwetter ließ noch auf sich warten.
      Der Tropf neben seinem Bett war ihm nun vertraut, die Schmerzen nicht mehr ganz so heftig.
      Noch immer war ihm die Ursache seiner Beschwerden nicht erklärlich, denn jetzt trug er eine dickere und gleichmäßigere Bandage um die Körpermitte. Vorsichtig angelte er nach dem mit Wasser gefüllten Plastikbecher auf dem Beistelltisch, denn er hatte brennenden Durst. Wie glühendes Metall rann die Flüssigkeit seine raspeltrockenen Kehle hinunter, aber er setzte nicht ab, bevor der Becher leer war.
      Dann sank er zurück und starrte an die Decke. Versuchte sich zu erinnern, die Bruchstücke zusammen zu setzen.
      Die Zugfahrt und Stefanie. Weiter kam er vorerst nicht, denn plötzlich öffnete sich die Tür und eine etwa vierzigjährige Krankenschwester steckte ihren schwarzen Pagenschnitt herein.
      „Oh, Sie sind schon wach“, sagte sie leise und trat neben sein Bett.
      „Wo bin ich?“ Das Wasser hatte geholfen, dass er sich nun besser verständlich machen konnte.
      „Es ist alles in Ordnung, Herr Frey.“
      Sie fühlte seinen Puls und kontrollierte die Pupillen. Beim Messen des Blutdrucks fragte er sie erneut und sie setzte sich zu ihm auf die Bettkante.
      „Herr Frey, Sie sind im -Sankt Elisabeth- Krankenhaus in Embede. Zum Glück wurden wir beizeiten verständigt und so geht es Ihnen den Umständen entsprechend gut.“
      Besänftigend hatte sie den Kopf schiefgelegt. Er presste ihre Hand und sagte mit gleichem Druck: „Was. ist. mit. mir. passiert?“
      Ihr Blick wurde etwas sorgenvoller und sie schien nach Worten zu suchen.
      „Herr Frey, Ihnen wurde eine Niere entfernt. Und das recht professionell.“
      Philipp war sprachlos. Sein Kopf fiel auf das Kissen zurück und sein Blick blieb zunächst stumm auf die Zimmerdecke gerichtet.
      „Aber wie geht sowas?“
      Die Schwester sah das tiefe Unverständnis in seinem Gesicht.
      „Nun, sehen Sie, Operationen aller Arten werden schon seit Menschengedenken gemacht. Je sauberer das Umfeld, desto kleiner die Möglichkeit einer Infektion oder Blutvergiftung. Ein Hotelzimmer ist immer noch steriler als eine Waldlichtung“, versuchte sie einen Scherz. Ein verächtliches Schnauben war die Antwort.
      „Der oder diejenige, die das mit Ihnen gemacht haben, sind geübt. Wahrscheinlich sprechen wir hier von der Organhandelmafia.“
      Aber warum er? War es tatsächlich nur ein Zufall gewesen, wie Stefanie geschrieben hatte? Hatte sie das allein gemacht oder hatte sie Helfer? „In ein paar Tagen sind Sie wieder auf den Beinen. Wahrscheinlich wird die Polizei vorher schon vorbei schauen und Ihnen Fragen stellen.“
      „Was soll das helfen? Meine Niere werde ich wohl nicht wiedersehen, oder?“ Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit.
      „Das leider nicht, aber außer Ihren Ausweispapieren und Ihrer Brieftasche gibt es nichts, was den Ermittlungsbehörden vorerst helfen würde. Ihr Hotelzimmer ist bei der ersten Durchsuchung leer vorgefunden worden, soweit ich weiß.“
      „Soweit Sie wissen?“, fragte er fast spitz.
      Plötzlich durchzuckte es ihn wie ein schwerer Blitzschlag.
      „Im Moment haben Sie nur die Dinge, die Sie bei Ihrer Einlieferung auf dem Leib trugen.“
      Sein Koffer! Sein Koffer war verschwunden! Warum hätte jemand sein Gepäck stehlen sollen?
      Wieder presste er die Hand die Schwester: „Kein Gepäck? Nichts?“ „Nein. Entweder Sie hatten nichts dabei oder jemand hat es gestohlen.“ Damit entzog sie ihm ihre Hand.
      Seine Gedanken rasten. Er brauchte diesen Koffer, denn ohne dessen Inhalt, war seine Sammlung unvollständig. Andererseits konnte er den Diebstahl nicht anzeigen, denn wenn der Koffer gefunden würde, wäre das sein Todesurteil. Niemand könnte verstehen, warum er sammelte, was er sammelte.
      Erst als es dunkel wurde, bemerkte er, dass er wieder allein im Zimmer war. Wie lange, war ihm nicht bewusst, denn sein ganzes Denken kreiste hypnotisch nur um einen Punkt: Der Koffer!
      Als am nächsten Morgen die Schwester gut gelaunt das Krankenzimmer öffnete, erschrak sie.
      Philipp Frey war über Nacht verschwunden.

      Thomas Ahrberg steuerte den silberfarbenen Mercedes entspannt über die Autobahn. Er hatte allen Grund dazu, denn unter Hilfe seiner Komplizin Stefanie hatte sie tatsächlich geschafft, eine brauchbare Niere zu beschaffen.
      Im Hotel angekommen hatte sie ihn wegen eines möglichen Kandidaten benachrichtigt, worauf er mit dem nötigen Equipment sich auf den schnellsten Weg gemacht hatte. Danach war alles reibungslos verlaufen. Der unfreiwillige Spender war betäubt und bereits entkleidet, als Thomas kurz nach Mitternacht eintraf.
      Ungesehen war er an der Rezeption vorbei gekommen und hatte die Treppen anstatt den Lift in den dritten Stock genommen. Mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange begrüßten sie sich, der Nachklang einer kurzen leidenschaftlichen, aber längst vergangenen Beziehung.
      Da dies nicht ihr erster gemeinsamer Einsatz war, ging die Operation relativ zügig voran und bald darauf öffnete Stefanie ihren Koffer und holte eine Plastiktansportbox heraus.
      Aus Thomas‘ Gepäck nahm sie die Eisbeutel und verstaute das Organ in einem sterilen Beutel dazwischen. Obwohl es ein Rollkoffer war, empfand sie die Last als zu schwer. Schnell huschte sie in Philipps Zimmer, während Thomas damit beschäftigt war, diesen wieder zuzunähen. Philipps Koffer war wesentlich leichter, weil auch nur halbgefüllt mit zwei gut verschlossenen Supermarkt-Einkaufstüten. So sortierte sie ihre Sachen in seinen Koffer ein und die Transportbox blieb in ihrem. Die Gewichtsverteilung machte sie zufrieden.
      Nach einem eiligen Check out, was einen verwunderten Rezeptionisten zurückließ, fuhr Thomas sie beide zügig in Richtung Westen, wo bereits ihr Auftraggeber auf die Ware wartete.
      Die Übergabe im knapp zweihundert Kilometer entfernten Wiesenthal verlief schnell und reibungslos. Sogar die Zahlung war in der Kürze der Zeit vorbereitet gewesen. Der schmale Aktenkoffer wechselte im Parkhaus der „Privat- und Tagesklinik Gurski“ die Besitzer. Wie schon einige Male zuvor, teilten sich Stefanie und Thomas ihre Anteile später unterwegs oder in einem Hotelzimmer.
      Nun saßen beide in seinem Auto und er lenkte den Wagen sicher durch die noch ruhige Innenstadt von Wiesenthal und hielt vor dem besten Hotel der Stadt. „Darf ich Dich zum schmackhaftesten Frühstück im Umkreis einladen?“, fragte er, als schon ein Hoteldiener heran stürzte und die Wagentür mit einem „Guten Morgen“ aufriss.
      Stefanie nahm die Einladung lächelnd an. Zunächst buchte Thomas ein Zimmer für sie und führte sie dann in den hohen Speisesaal, der eine lange Fensterfront zum Stadtpark hinaus hatte.
      Stefanie beobachtete ihn die ganze Zeit. Wie der große Mann mit den tiefen Geheimratsecken in seinen dunkelgetönten Haaren, weltmännisch mit den Hotelangestellten umging. Die teure Schweizer Uhr mit dem Lederarmband, die manchmal aus seiner Manschette hervorschaute. Die hellbraunen Augen, die oft etwas verzauberndes hatten, wenn Thomas es wollte. Er schien stets glattrasiert zu sein, gut vorbereitet und vor allem souverän. Sie bewunderte ihn immer noch insgeheim und er war mit diesem Gesicht aus einer Daily Soap, wirklich ein Arzt zum Verlieben. Damals, sie gerade siebzehn und er doppelt so alt, hatten sich auf dem Geburtstag der Mutter von Stefanies bester Freundin kennengelernt. Er Single, sie noch Schülerin, kurz vor dem Abitur. Sie wusste noch nichts vom Leben, aber er strahlte Dinge aus, von denen sie noch nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gibt. Sie war so schnell für ihn entflammt und erkannte erst zu spät, wie blauäugig sie eigentlich gewesen war. Aber da gab es schon keinen Weg mehr zurück, ohne eine Selbstanzeige und daraus folgendem Gefängnis.
      Nachdem sie anfangs ein paar Mal miteinander geschlafen hatten, war sie ihm völlig verfallen. Als er dann damit begann, dass er in finanziellen Schwierigkeiten stecke, erschrak sie zutiefst, denn das konnte nur heißen, er wolle sie auf den Strich schicken. Zu oft hatte sie solche Situationen schon im Fernsehen gesehen oder darüber gelesen. Sie war drauf und dran sein Haus zu verlassen, als es ihm gelang, sie zu beruhigen und er sie bat, ihm bei einer Operation zu helfen. Das war kaum weniger erschreckend und für sie kaum absehbar, auf was sie sich da einlassen würde. Allerdings kam die Bitte nicht von ungefähr, denn er hatte sie schon in der Küche beobachtet, als sie zwei Fische ausnahm, die sie sich an einem gemeinsamen Wochenende zusammen zubereiteten. Es war natürlich ungeheuer wichtig, dass sie nicht beim einem Tropfen Blut in Ohnmacht fiel.
      Bei der ersten Operation, dem Versorgen einer Schusswunde im Hinterzimmer eines japanischen Restaurants, hatte sie zittrige Hände wie noch nie. Die Angst, etwas falsch zu machen, saß sehr tief, aber Thomas konnte sie beruhigen und am Ende sogar loben.
      Im Inneren war er froh und erleichtert, dass sie einen so guten Job abgeliefert hatte und beglückwünschte sich selbst für seinen Fund. Allerdings drohte einige Zeit später alles zu zerbrechen, als Stefanie ihn mit einer anderen jungen Frau auf einer Kunstausstellung traf. Zum Glück konnte er eine Szene dort verhindern, aber am Abend danach krachte es zwischen beiden gewaltig. Sie war enttäuscht und verletzt über sein Verhalten, erkannte aber auch ihre Naivität.
      Es dauerte eine Weile, bis sie ihren Frust überwunden hatte und letztendlich siegte der Gedanke an das bis dahin recht einfach verdiente Geld in ihr. Damit allerdings musste sie, um keinen Verdacht zu erwecken, sehr vorsichtig umgehen.
      Nach dem Frühstück gingen beide auf ihr Zimmer. Stefanie war klar, dass Thomas ihr nie gehören würde, sie aber auf gelegentlichem Sex mit ihm nicht verzichten wollte. Doch zuerst teilten sie das erhaltene Geld wie immer zwei Drittel zu einem auf. Sie war damit einverstanden, schließlich hatte er die schwierigere Arbeit, aber manchmal dachte sie schon, dass ihr Anteil größer ausfallen sollte, da er die meisten Operationen nicht allein bewältigen konnte. Aber auch diesmal sagte sie nichts.
      „Wieso hast Du eigentlich zwei Koffer dabei?“, fragte er sie müde.
      Sie hatte gerade geduscht, er wartete bereits im Bett auf sie.
      Ihre Erklärung verärgerte ihn:
      „Sind wir jetzt Gepäckdiebe oder was? Jetzt hat der Typ eine Niere weniger und gar keine Unterhose mehr. Was soll das?“
      Stefanie gab zu, nicht überlegt zu haben. „So viele Klamotten sind eh nicht darin. Philipp war wohl auf dem Heimweg von irgendwo oder zu einem Termin unterwegs“, versuchte sie, Thomas zu besänftigen.
      „Und was ist das für ein komischer dunkler Fleck da an Deinem Koffer?“
      „Keine Ahnung. Irgendwo bleibt immer mal was an dem Stoffzeugs was hängen“, tat sie seine Beobachtung ab.
      „Das ist nicht von außen. Da ist irgendwas ausgelaufen“, sagte er und zeigte deutlich auf die untere Ecke des Koffers.
      „Sieht aus wie Australien ...“
      „Also von meinen Klamotten ist da nicht ausgelaufen, aber bitte, ich schaue nach.“
      Sie legte den Koffer auf den Boden, öffnete den Verschluss und schlug ihn auf. „Hier, siehst Du? Das sind meine Sache. Das kommt von einem der Beutel, die hier schon drin waren.“
      Sie griff nach einer von Philipps Plastiktüten.
      Tatsächlich, in dieser war ein winziger Riss. Entstanden, als Stefanie die Tüte beim Zumachen in den Reißverschluss eingeklemmt hatte.
      „Und was transportiert der Typ so? Sieht aus wie eine Melone. War wohl vorher auf dem Wochenmarkt gewesen ...“
      „Quatsch“, sagte Stefanie und öffnete den Klipp, der den Beutel verschloss. Sie schaute hinein, schrie auf und ließ die Tüte fallen. Rückwärts war sie an die Wand gesprungen.
      „WasistdasfüreinScheiß?“, stieß sie hervor.
      Erschrocken war Thomas hochgeschnellt.
      „Was hast Du?“, fragte er fast verständnislos. Mit fahriger Hand deutete sie nur auf den Koffer. Unsicher, was ihn erwarten würde, beugte Thomas sich über die Tüte, schaute hinein und dann auf sie.
      Vorsichtig zog er den zweiten, kleineren Beutel heraus, öffnete ihn und wurde blass.
      Tonlos sagte er dann: „ Du hast Deinem Philipp einen Kopf und zwei Hände geklaut ...“
    • Hey @Eegon2,

      ein nettes Geschichtchen :) Da es aber recht lang ist, hätte ich mir gewünscht, dass du vielleicht zwei oder drei Parts daraus machst.
      Um niemanden zu spoilern, packe ich meine Anmerkungen mal in den Spoiler:

      Spoiler anzeigen


      Zunächst muss ich sagen, dass du einen angenehmen Schreibstil hast. Es liest sich soweit alles flüssig und schön bildhaft und man kann dem Geschehen gut folgen.

      Ich hatte allerdings schon recht schnell einen gewissen Verdacht...zuerst dachte ich aber, dass SIE die gesuchte Mörderin ist...was bestimmt von dir beabsichtigt war. Dass sie ihm dann aber eine Niere entwenden würde, war eine Überraschung ^^ ...als er dann feststellte, dass sein Koffer weg war und er meinte, es sei sein Todesurteil, wenn der Koffer gefunden würde, war für mich alles klar....

      Aber das Coole an der Sache ist ja nun, dass sie zwar beide voneinander wissen, dass sie Kriminelle sind, sie sich aber nicht gegenseitig
      verpfeifen können, weil eben beide Dreck am Stecken haben. Man kann sich jetzt natürlich fragen, was moralisch verwerflicher ist...jemanden zu töten und ihm Kopf und Hände abzuhacken oder jemanden zu betäuben und ihm eine Niere zu entwenden...das eine kommt mir nur unwesentlich schlimmer vor :hmm:

      Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob es notwendig war, IHRE Beweggründe näher zu schildern und ihre Beziehung zu Thomas derart detailliert darzustellen. Das hat für mich ein bisschen die Spannung rausgenommen und auf die eine oder andere Weise IHR Verhalten nachvollziehbar gemacht. Dadurch wirkte sie irgendwie weniger kalt und berechnend.Cooler hätte ich es vielleicht gefunden, wenn sie am Ende ihrem Schicksal entkommen wäre (man kann sich ja vielleicht vorstellen, was er mit ihr vorgehabt hat) , weil sie ihm zuvorgekommen ist...das bleibt aber ja offen. Es hätte mich interessiert, ob er in Erwägung gezogen hatte, sie ebenfalls zu töten...

      Na ja,..das sind nur so ein paar Gedanken von mir.Ansonsten sehr schön! :)



      LG,
      Rainbow
    • Rainbow schrieb:

      Hey @Eegon2,

      ein nettes Geschichtchen :) Da es aber recht lang ist, hätte ich mir gewünscht, dass du vielleicht zwei oder drei Parts daraus machst.
      Um niemanden zu spoilern, packe ich meine Anmerkungen mal in den Spoiler:

      Spoiler anzeigen


      Zunächst muss ich sagen, dass du einen angenehmen Schreibstil hast. Es liest sich soweit alles flüssig und schön bildhaft und man kann dem Geschehen gut folgen.

      Ich hatte allerdings schon recht schnell einen gewissen Verdacht...zuerst dachte ich aber, dass SIE die gesuchte Mörderin ist...was bestimmt von dir beabsichtigt war. Dass sie ihm dann aber eine Niere entwenden würde, war eine Überraschung ^^ ...als er dann feststellte, dass sein Koffer weg war und er meinte, es sei sein Todesurteil, wenn der Koffer gefunden würde, war für mich alles klar....

      Aber das Coole an der Sache ist ja nun, dass sie zwar beide voneinander wissen, dass sie Kriminelle sind, sie sich aber nicht gegenseitig
      verpfeifen können, weil eben beide Dreck am Stecken haben. Man kann sich jetzt natürlich fragen, was moralisch verwerflicher ist...jemanden zu töten und ihm Kopf und Hände abzuhacken oder jemanden zu betäuben und ihm eine Niere zu entwenden...das eine kommt mir nur unwesentlich schlimmer vor :hmm:

      Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob es notwendig war, IHRE Beweggründe näher zu schildern und ihre Beziehung zu Thomas derart detailliert darzustellen. Das hat für mich ein bisschen die Spannung rausgenommen und auf die eine oder andere Weise IHR Verhalten nachvollziehbar gemacht. Dadurch wirkte sie irgendwie weniger kalt und berechnend.Cooler hätte ich es vielleicht gefunden, wenn sie am Ende ihrem Schicksal entkommen wäre (man kann sich ja vielleicht vorstellen, was er mit ihr vorgehabt hat) , weil sie ihm zuvorgekommen ist...das bleibt aber ja offen. Es hätte mich interessiert, ob er in Erwägung gezogen hatte, sie ebenfalls zu töten...

      Na ja,..das sind nur so ein paar Gedanken von mir.Ansonsten sehr schön! :)



      LG,
      Rainbow
      Danke für das ausführliche Feedback :) Den Charakter der Stefanie hätte ich vielleicht straffer charakterisieren können.
      Ich werde weiter üben ;)
    • Von mir auch noch ein Feedback ;)

      Schöne Geschichte, gerade am Anfang diese langatmige Zugfahrt fand ich irgendwie gut gelungen, man hatte doch das Gefühl, es geht jetzt irgendwie in die Ferne und da man auch noch gar nicht wusste, in welche Richtung der Text gehen würde, war das insgesamt ein sehr interessanter Abschnitt und Semantik und Pragmatik sind hier gut verschmolzen. Dadurch, dass man dann ahnt, dass halt bald was passiert, ist man die ganze Zeit über relativ gespannt und insgesamt liest sich der Text, auch dank deines guten, flüssigen Schreibstils, trotz der Länge ziemlich flott runter. Mit der relativ langen Szene im Hotelrestaurant noch, hast du dir aber so ein klein wenig den Spannungsbogen zerhauen, finde ich.
      Hier und da wirken deine Beschreibungen in den Situationen doch ein wenig zu viel des Guten, weil man sich denkt, so langsam könne die Erzählung auch mal Fahrt aufnehmen. Beispielsweise weiß ich nicht, ob es die Beschreibung des Hotelzimmers wirklich noch braucht? Hier würde ich doch eher das Erzähltempo mal ein wenig anziehen. Ein paar weitere ähnliche Stellen finden sich verstreut über den Text.
      Ansonsten gibt es vielleicht ein zwei sprachliche Holperer und Tippfehler, aber die findest du sicher selbst, wenn du mit ein wenig Abstand noch einmal rüberliest, insgesamt nichts auffälliges.

      Auflösung wird verraten
      Die Auflösung ist soweit sehr gut gelungen, ich hatte nur damit gerechnet, dass jetzt rauskommt, dass er oder sie die/der Mörder aus der Zeitung ist, aber es gab ja doch noch einen zusätzlichen Kniff. Allerdings war mir nach zwei Sätzen klar, als du von dem bandagierten Rücken geschrieben hast, klar, dass er jetzt ne Niere weniger hatte.
      Den kurzen Ausflug über Stefanies Werdegang fand ich ganz passend noch zum Abschluss. Das mit dem Koffer war dann aber auch ziemlich vorhersehbar ;)

      Insgesamt aber eine schöne, lesenswerte Kurzgeschichte, die soweit eigentlich alles richtig macht.
    • Hier, für alle die Interesse haben ist die überarbeitete Version :) Zweigeteilt ;)

      Im Zug

      Eigentlich gefiel es Philipp Frey nicht, im Zug rückwärts zu fahren, aber so war es eben. Vielleicht würde ihm diesmal nicht übel werden, dass er die Abteiltür aufreißen und frische Luft schnappen müsste. Andererseits, überlegte er, der Sitz ihm gegenüber war nicht belegt und so lange niemand Anspruch darauf erhob ... im Moment war er allein hier.
      Obwohl alle Polster gleich dunkel-hässlich waren, fühlte er sich mit einem Mal viel wohler. Entspannt streckte er die Beine aus und lehnte er den Kopf gegen seine Jacke, die an dem Haken über dem Fenster aufgehängt war.
      Sein Blick ging hinaus auf den schwach gefüllten Bahnsteig. Hier in der Provinz gab es höchstens den Pendlerverkehr, an dem die Bahngesellschaft verdienen konnte, Fernreisende waren meist Urlauber. Ein Familienvater mit offenem Mantel trug zwei schwere Lederkoffer, dabei wurde er von seiner Frau und zwei halbwüchsigen Jungen verfolgt. Der Schweiß hatte sein dünnes Haupthaar am Kopf angeklebt, im Vorbeilaufen blieben seine Augen für einen Moment an Philipp hängen.
      Es schien, als ob eine Zeitlupe einsetzte: Beide Männer nahmen sich wahr, maßen sich und für einen Augenblick durchschauerte Philipp der Gedanke des Erkennens. Das verflog aber sogleich wieder, er war sich sicher, ihm noch nie begegnet zu sein.
      Zum Glück muss ich nicht so schleppen, dachte Philipp und sein Blick fiel auf seinen Koffer in der gegenüberliegenden Ablage.
      Heute Morgen hatte er, wie immer vor einer solchen Fahrt, das Wichtigste zusammen gesucht, alles fein säuberlich in Plastiktüten eingewickelt und fast liebevoll verstaut. Er fuhr gern mit dem Zug, aber seine Unternehmungen waren in letzter Zeit häufiger geworden.
      In diesem Augenblick kam eine Gruppe Jugendliche die Treppe zum Bahnsteig hinauf gerannt.
      Krakeelend passierten sie Philipps Fenster und wieder ließ ihn ein Augenpaar frösteln. Das junge Mädchen mit dem weißblonden Pagenschnitt, wieso schaute sie so intensiv herüber? Mit den anderen suchten sie weiter vorn den Einstieg.
      Ist das nur Einbildung oder scheinen mich heute alle Leute anzustarren?
      Philipp atmete ein, zwei Mal tief durch, es war nichts passiert, niemand hatte mit dem Finger auf ihn gedeutet. Dazu gab es auch gar keinen Grund, beruhigte er sich selbst. Die bisherigen Fahrten hatte er viel gelassener bewältigt. War heute etwas anders?
      Als Versicherungsmakler mit eigenem Büro konnte er sich solche Reisen erlauben. Manchmal waren sie sogar notwendig. Etwa, wenn die Zentrale in der Landeshauptstadt ihre Mitarbeiter zu bestimmten Anlässen rief. Aber diesmal war er in eigener Sache unterwegs.
      Draußen vor seinem Fenster küsste sich jetzt ein Pärchen innig. Dem pinkfarbenen Rollkoffer nach zu urteilen, verreiste nur sie.
      Ein Schaffner kam hastig schnaufend, zwei Stufen mit einmal nehmend, die Treppe herauf. Für einen Moment blieb er stehen und schaute hektisch den Zug entlang. Dann holte er seine Uhr hervor. Eine dicke mechanische Eisenbahneruhr an einer goldfarbenen Kette. Philipp liebte solche Dinge im Zeitalter von Handys und Laptops.
      Der Schaffner verglich die Zeit mit der digitalen Bahnhofsuhr und verschwand aus dem Blickfeld, er stieg weiter hinten ein.
      Das Pärchen war ebenfalls weg, ein schriller Pfiff ertönte und kurz darauf ruckte der Zug an.
      Glück gehabt, dachte Philipp. Bin ich wohl ...
      In diesem Moment wurde die Abteiltür aufgerissen, die vorhin so intensiv küssende junge Dame stand mit ihrem Koffer in der Hand erwartungsvoll im Rahmen. Ihr Blick ging über die kleinen Metallnummern über den Kopflehnen der Sitze und fiel schließlich auf Philipp. Dann wieder zum Schild. Sie holte Luft und sagte gedehnt: „Entschuldigen Sie, sind Sie sicher ...?“
      Bevor sie enden konnte, war dieser aufgesprungen, dabei fiel ihm seine gerade gekaufte Tageszeitung vom Schoß.
      „Es tut mir sehr leid. Ich hatte nicht angenommen ... und mir leider wird immer übel vom Rückwärtsfahren ...“
      Er klaubte den „Standard-Anzeiger“ wieder auf und stand unschlüssig da, musste sie abstützen, denn der Waggon ging in eine Kurve.
      Für einen Moment überlegte sie und sagte dann schnell: „Das möchte ich natürlich nicht“, und schaute mit fragenden Augen nach seinem Sitz.
      „Oh, hier. Nummer 4, am Fenster.“ Er wies mit der Hand darauf. Es schien ihr nichts auszumachen, denn sie zuckte mit den Schultern.
      „Darf ich Ihnen helfen?“ Eifrig erbot er sich, ihren Koffer über seinen Kopf in die Ablage zu hieven. Sie ließ es geschehen, legte ihre schwarze Handtasche auf den Sitz, hing den leichten Mantel auf und nahm Philipp gegenüber Platz.
      Beide ruckelten und schwankten leicht mit den Bewegungen des Abteils, der mit langsamen Tempo die Stadt verlassen hatte. Im gleichmäßigen Takt huschten Telefonmasten am Fenster vorbei, dahinter breiteten sich schon die Rapsfelder aus.
      Philipp hatte sich zurückgelehnt, die Zeitung geöffnet und beobachtete die Dame über den oberen Rand, während sie in ihrer Handtasche nach etwas grub.
      Er schätzte sie auf Mitte 20. Schlank, nicht sehr groß, blondes mittellanges Haar und trug eine helle Bluse mit kurzen Ärmeln. Dazu einen smaragdfarbenen Rock. Am linken Handgelenk eine viereckige Damenuhr, dazu einen dünnen goldenen Ring, allerdings am Mittelfinger. Keinen Nagellack. Ihre rechte Hand kam mit einem kleinen Spiegel zum Vorschein, in dem sie kurz ihr Aussehen prüfte.
      Sie trug nur etwas Wimperntusche, kein offensichtliches Make-up. An ihren Ohrläppchen hingen winzig kleine stilisierte Sterne.
      Der Spiegel verschwand wieder, dafür kam ein Buch zum Vorschein. Der Einband grün wie ihr Rock und zu Philipps Erstaunen waren darauf zwei fotografierte Totenschädel zu sehen.
      „Anatomie“ stand in großen Lettern darüber. Also eine Medizinstudentin, schlussfolgerte er. Sie kramte nochmals und hatte ein Etui in der Hand. Die übergroße und dunkelrandige Nerdbrille stand ihrem leicht viereckigen Gesicht gut.
      Sie schlug eine Seite auf und begann, wie er zu lesen.
      Philipp sah, wie ihre hellbraunen Augen unter den geraden Augenbrauen und über der schmalen Nase gewissenhaft über die Zeilen gingen. Manchmal fuhr ihre Zunge leicht über ihre Unterlippe, wenn sie mit ihren schmalen, fast zierlichen Fingern eine Seite wendete.
      Das Buch verdeckte ihren Ausschnitt, so konnte er nicht sehen, ob sie eine Kette trug. Sie hatte eine sportliche Figur, keine große Oberweite, aber mit Wohlwollen musste er zugeben, dass sie durchaus Rundungen hatte.
      Langsam ging sein Blick wieder nach oben und er erstarrte. Durch ihre Brillengläser funkelten ihn ihre grauen Augen an. Alle Anmut schien aus ihrem Gesicht verschwunden. Als würde sich eine Wolke vor die Sonne schieben, hatten sich ihre Gesichtszüge verhärtet.
      „Ihnen ist schon klar, dass Sie mich beobachten?“, fragte sie mit eisiger Stimme. Philipp wandt sich in seinem Polster.
      „Entschuldigung Sie ... das war nicht meine Absicht ...“, stammelte er verlegen. Er hätte sich ohrfeigen können. Seit mehr als zwei Jahrzehnten war er Versicherungsmakler, eine dutzend Mal davon Verkäufer des Jahres, seine Agentur war eine der besten des Landes und hier stotterte er wie ein Teenager.
      Sie ließ nicht von ihm ab und er hatte das Gefühl in seinem Sitz zu schrumpfen. Was hatte sie, dass er sich dieser Frau gegenüber so unbeholfen verhielt?
      Er atmete tief durch, wischte sich mit der linken Hand über das Gesicht und streckte ihr seine rechte entgegen: „Frey. Philipp Frey.“
      Sie saß unbeweglich und schien zu überlegen. Dann reichte sie ihm ihre Hand: „Stefanie ... Bergmanova“, sagte sie langsam.
      „Meine Urgroßeltern kamen aus der Tiefe Russlands“, fügte sie fast entschuldigend hinzu.
      „Meine Familie hat schon immer da gewohnt, wo ich herkomme. Bingstadt, aber wahrscheinlich haben Sie noch nie davon gehört!?“
      Stefanie taxierte ihn erneut. „Nein, da haben Sie Recht.“
      Leicht kniff er für einen Moment die Augen zusammen. Er konnte nicht einschätzen, was in ihrem Kopf vorging.
      Hatte sie Angst? Ihre Reaktionen hatten etwas Zurückhaltendes, fast Lauerndes.
      „Macht nichts. Wäre ich nicht von da, würde ich es wohl auch nicht kennen.“
      Mehr und mehr gewann er seine Selbstsicherheit zurück, setzte sich bequemer hin, schlug die Beine übereinander. Er wusste nicht warum, aber er fühlte sich von der Art dieser jungen Frau herausgefordert.
      „Sie studieren Medizin?“ Mit einem Kopfnicken wies er auf ihr Buch. Sie sah oberflächlich auf den Einband und antwortete: „Nein, noch nicht. Im Moment helfe ich einem Freund mit seiner ambulanten Praxis. Da ist es nützlich, wenn man wenigstens einige Grundbegriffe kennt.“ „Auf welchem Gebiet praktiziert denn Ihr Freund?“ Ungewollt hatte er die beiden letzten Worte etwas betont. „Innere Medizin. Und er ist wirklich nur ein Freund“, wies sie ihn zurecht und wunderte sich gleichzeitig, warum sie sich vor ihm rechtfertigte.
      Jetzt nur nicht den Faden abreißen lassen, dachte Philipp, als vor dem Fenster wieder ein Kleinstadtbahnhof zum Stehen kam. Seine Hoffnung wurde erfüllt und niemand neues betrat das Abteil.
      „Darf ich fragen, was Sie machen, wenn Sie nicht gerade Krankenschwester sind? Werden Sie da regelmäßig gebraucht?“
      Leicht kniff sie die Augen zusammen, als ob sie sich die Antwort gut überlegen müsste. Offensichtlich will sie nur das Nötigste preisgeben und das fand er schade, denn ein Kennenlernen wurde so ungemein schwieriger.
      „Nur ein oder zwei Mal im Monat werde ich gebraucht. Wie gesagt, ich bin eigentlich Laie auf diesem Gebiet.“
      „Aber offensichtlich talentiert“, warf er ein.
      „Wie kommen Sie darauf?“ Wieder dieser fordernde Tonfall.
      „Nun, warum sonst sollte ein Arzt sich um Ihre Mithilfe bemühen?“ Diese Antwort schien Sie zu beruhigen. „Das stimmt wohl. Ansonsten lese ich viel, mache etwas Sport, gehe mit Freunden ins Kino und so weiter.“
      Philipp lächelte sie offen an, immerhin sprach sie in ganzen Sätzen mit ihm. Offenbar nahm sie diese Geste auf. „Und was machen Sie, wenn Sie nicht im Zug sitzen und Leute ausfragen?“
      „Ich habe den spektakulären Beruf eines Versicherungsmaklers.“ Jetzt sah er, wie sie sich merklich entspannte. „Was hatten Sie gedacht?“, fragte er mit gespielter Neugier.
      „Keine Ahnung“, musste sie ehrlicherweise zugeben und betrachtete ihn zum ersten Mal genauer. Wenn man sie später nach einer Beschreibung fragen würde, wäre sie eher ratlos. Dieser Philipp Frey war ein Gesicht der Masse mit aschblondem Haar. Seine Augen waren von dunkler Farbe, vielleicht grün. Die Nase weder lang noch kurz, die Spitze etwas knubbelig. Das Gesicht mehr oval, der Kiefer weich geschnitten. Eine winzige Narbe neben seiner rechten Augenbraue, ansonsten glatte und reine Haut. Stefanie schätzte ihn nach den Krähenfüßen um die Augen auf Anfang 40. Von der Statur her weder groß noch klein, er trieb wenig Sport, hatte aber keinen Bauch. Sein grauer Anzug saß gut, war aber von der Stange. Seine hellbraunen Lederschuhe waren poliert.
      „Wie fällt das Urteil aus?“ Diese Worte holten sie aus ihren Gedanken. „Ich glaube, Sie könnten alles sein, was mit Verwaltung, Büro und Papierkram zu tun hat.“
      „Sehe ich so langweilig aus?“
      „Nein, nein“, beeilte sie sich, zu versichern. „Aber Sie machen halt nicht den Eindruck eines Handwerkers oder ...“
      „Oder Polizisten?“ Philipp sah, wie sie fast unmerklich in diesem Moment schlucken musste. „Wie kommen Sie auf Polizei?“
      „Das war nur ein Beispiel.“ Mit beiden Händen wehrte er ab. „Ich bin schon mein Leben lang bei der -S&F Assekuranz- und mit der Polizei haben wir nur bei Autounfällen oder Einbrüchen zu tun.“
      Sie schien erleichtert: „Wer möchte schon gern mit der Polizei zu tun haben.“
      Philipp war sich nicht sicher, ob ihr kleines Lächeln etwas anderes verdecken sollte.
      „Und wenn man so manche Schlagzeile heutzutage liest, möchte man auch kein Ordnungshüter sein.“ Er hatte seine Tageszeitung geöffnet und hielt ihr die Titelseite hin.
      Ihr Augen wurden hinter der Brille noch größer: „Erneut Leiche ohne Kopf und Hände aufgefunden“ sagte sie halblaut die breit gedruckte Überschrift auf. „Wie schrecklich.“ Dabei fasste sie sich an den Hals. „Was für ein Mensch tut so was?“
      „Ich würde annehmen, jemand, der nicht will, dass man den oder die Tote leicht identifizieren kann.“
      Im gleichen Augenblick war Philipp klar, das war die falsche Antwort gewesen.
      Stefanie schaute ihn ehrlich entrüstet an: „Wie können Sie nur so etwas Gefühlloses sagen? Ich meinte, was in einem Menschen vorgeht, dass er so eine abscheuliche Tat überhaupt begeht.“
      Sie schaute starr aus dem Fenster. Draußen wechselten sich einzelne Bauernhöfe mit Feldern und Straßen ab. Der Mais stand schon halbhoch und am Horizont setzte bereits die Dämmerung ein. Die schnell ziehenden Wolken bekamen eine helle metallische Farbe am sich verfärbenden Himmel.
      „Es tut mir leid, dass ich zuerst praktisch und nicht emotional gesprochen habe. Da ging wohl mein Beruf mit mir durch“, versuchte er sich in Schadensbegrenzung. „Natürlich ist so eine Tat für die meisten von uns nicht zu verstehen. Wahrscheinlich ist nur ein Wahnsinniger zu so etwas fähig.“
      Ohne ihn anzuschauen, sagte sie fast tonlos: „Wie sehr muss man einen Menschen hassen, um ihn zu töten? Von den anderen Dingen ganz zu schweigen.“
      „Man kann den Menschen immer nur vor den Kopf schauen.“ Insgeheim freute sich Philipp, dass sie wieder zugänglich wurde. Und sich an ihn wandte.
      „Wahrscheinlich ist das besser so“, antwortete sie. „Bei manchen Leuten würden wir da wohl in unvorstellbare Abgründe sehen.“
      Dazu nickte er nur. „Ich denke, jeder Mensch wird von seinen ganz eigenen Dämonen gejagt. Manche stecken das weg, andere werden davon verschlungen“, sagte er dann.
      „Ja, aber gehören da nicht zwei dazu?“
      Philipp schien im ersten Moment die Frage nicht zu verstehen. Sie bemerkte das und fuhr fort: „Etwas, das verschlingt und jemand, der sich verschlingen lässt.“
      „Nun, wenn Sie das so sehen ...“. Der Gedanke schien in kurz zu beschäftigen.
      Vor einigen Minuten und mitten zwischen Kartoffelfeldern und entfernt liegenden großen Ställen war der Zug stehen geblieben. „Der Zugführer wartet auf das Signal“, stellte sie fest, ohne dass er gefragt hätte.
      In diesem Moment ruckte der Waggon wieder an, schlich einige hundert Meter, ohne Geschwindigkeit aufzunehmen und blieb diesmal an einem geschlossenen Bahnübergang stehen.
      Stefanie und Philipp sahen auf beiden Seiten des Zuges zwei, drei Autos, eine Handvoll Fahrradfahrer hinter den herabgelassenen Schranken warten. Vom Ende der einen Straße kam in einer Staubwolke ein großer Traktor langsam zum Ende der Schlange gerollt.
      „Das finde ich ungewöhnlich“, sagte er und schaute sie an.
      „Ich bin die Strecke noch nie gefahren“, meinte sie schulterzuckend. „Ich schon und hier haben wir noch nie gehalten.“
      Sie verzog die Mundwinkel: „Das scheint dann noch ein langer Abend zu werden.“
      Er schaute auf die Uhr und sie bemerkte: „Haben Sie denn heute noch einen Termin?“
      Seine leicht gewölbten Augenbrauen zogen sich zusammen.
      „Nein, nicht wirklich. Ich mag es bloß nicht, wenn der Zug Verspätung hat. Und Sie?“
      Stefanie holte tief Luft und tat, als müsse sie überlegen.
      „Geht mir genauso. Allerdings wäre es schön, wenn ich morgen früh halbwegs ausgeschlafen sein könnte, denn ich habe wieder Praxisdienst.“
      „Das kann ich verstehen. Man möchte keine Fehler wegen Schlaftrunkenheit begehen.“ Er meinte dies als Scherz und lächelte darüber.
      „Das nehme ich durchaus ernst“, erwiderte sie entschieden und als ob es ihr in diesem Moment einfiel, fragte sie:
      „Ich hoffe, es ist nicht zu indiskret, aber haben Sie viel mit Ärzten zu tun?“
      „Sie meinen Kunstfehler und so? Nein, das ist nicht so unser Gebiet. Dafür gibt es andere Fachleute und auch Anwälte.“
      „Und Sie selbst?“
      „Ich? Ich gehe einmal im Jahr zum Zahnarzt und alle paar Jahre eine Untersuchung beim Hausarzt, falls Sie das meinen. Bisher hatte der nichts zu beanstanden. Für mein Alter bin ich in erstaunlich gutem Zustand. Quasi wie ein Jahreswagen.“
      Philipp lachte dankbar, dass er so einfach darauf aufmerksam machen konnte, wie gut in Schuss er war. Er hoffte, dass sie nicht nur aus Höflichkeit fragte, denn mittlerweile war sein Interesse an ihr nur noch schwer zu bändigen.
      „Also wartet an Ihrem Ziel nur Ihr Internist auf Sie?“
      Diese Frage war stolz und konnte von ihr nicht missverstanden werden. „Das ist richtig. Ich war in letzter Zeit öfter unterwegs und deshalb ging meine Beziehung den Bach runter.“ Das klang etwas wehmütig. „Aber, so ist es eben.“
      Für einen Moment schwieg er.
      „Trennung sind nie einfach.“
      Ihre Augen richteten sich abwägend auf ihn, dann sagte sie:
      „Wir waren zu unterschiedlich und haben uns auseinandergelebt. Und Sie?“
      Philipp bemerkte dieses Ablenkungsmanöver: „Da gibt es nicht viel. Meine Exfrau habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Kinder hatten wir keine und alles ging auch recht schnell zu Ende.“
      In diesem Moment wurde die Abteiltür aufgerissen und der Zugschaffner in seiner blauen Uniform sprach mit fast leiernder Stimme: „Es tut mir leid, aber unser Zug endet heute hier wegen eines Schadens der Lokomotive. In Kürze werden alle Reisenden mit Bussen in die umliegenden Orte gebracht und dort stehen Unterkünfte für die Nacht bereit. Morgen früh geht es dann von dort zum nächsten Bahnhof.“
      Er wollte weiter gehen und fügte hinzu: „So wie wir die Strecke geräumt bekommen. Danke für Ihr Verständnis.“ Und riss die nächste Abteiltür auf.
      Philipp und Stefanie schauten sich zunächst ratlos an.
      In seinem Inneren tobte ein Kampf. Zum einen wollte er nicht länger als nötig in diesem Zug verbringen, andererseits war die junge Frau eine wahre Verlockung. Ihm war klar, dass eine nähere Bekanntschaft in diesem Moment ein großes Risiko darstellte, aber, wenn er Erfolg hätte, wäre der Preis umso reivoller. Über die Jahre hatte er gelernt, sich die zuvor gut taxierte Frau nochmals anzuschauen, ohne dass es wie ein Anstarren wirkte. Er war sich sicher, dass es eine Fügung gibt und er musste diese Gelegenheit nutzen.
      „Morgen früh werde ich wahrscheinlich zu spät sein“, sprach sie in Gedanken und in ihrer Handtasche wühlend.
      „Vielleicht klappt es aber auch mit einem Frühzug nach Embeden“,sagte er. „Obwohl ...“, und schaute auf seine Uhr, „ auch von hier wären es noch mindestens zwei Stunden.“
      Sie war immer noch nachdenklich und gab ihm unbewusst recht. Dadurch bemerkte sie nicht, dass er ihr Ziel erraten hatte.
      Draußen war es dunkel geworden. Im Scheinwerferlicht beobachtete Philipp einen anderen Schaffner und auch den Lokführer mit den Menschen hinter der Schranke sprechen. Es wurde in und her diskutiert, schließlich drehten die Autos und Fahrräder ab. Dann tauchten neue Lichter auf, wurden größer und hielten vor dem Zug.
      Einige mussten stehen, denn der Bus, in dem Stefanie und Philipp mitfuhren, war mit Menschen und Gepäck gefüllt. Der Fahrer nahm die meisten Kurven recht schnittig und hielt sich nicht an alle Geschwindigkeitsbegrenzungen. Er sah müde aus, denn er machte Überstunden.
      Draußen wurde alles Licht von dem die Straße säumenden Wald geschluckt, aber kurz darauf wurden die Gebäude am Straßenrand zahlreicher, warm erleuchtete Fenster strahlten Heim und Ruhe aus.
      Mit einer recht abrupten Bremsung, die den Inhalt des Busses gut zum Verrutschen brachte, hielt man vor einem großen Gebäude mitten in einem kleinen Ort.
    • „Sooo“, rief der Fahrer nach hinten, „Endstation, meine Damunherren.“
      Stefanie und Philipp wohnten Tür an Tür und er hatte sofort die Gelegenheit genutzt, sie zum Abendessen einzuladen. Sein Kalkül der jungen angehenden Studentin, ging nicht sofort auf. Sie war unschlüssig und wollte zunächst telefonisch in Embeden für den kommenden Tag Bescheid geben. Philipp akzeptierte das und beide verschwanden in ihren Zimmern.
      Seinen Koffer stellte er gleich hinter der Tür und atmete die Stille.
      Etwas entfernt schlug eine Turmuhr an.
      Die Verpackung der kleinen Schokolade auf dem Kopfkissen wies den Inhalt als Zartbitter aus, er legte sie beiseite.
      Philipp prüfte sein Aussehen im Spiegel des kleinen Bades. Ein schwacher Bartschatten war zu sehen.
      In diesem Moment klopfte es an die Tür. Da stand Stefanie und fast verlegen nahm seine Einladung dankend an.
      Das unten liegende Restaurant hatte noch geöffnet, man witterte ein gutes Geschäft durch diesen Zwischenfall.
      „Wo waren wir mit unserer Unterhaltung stehen geblieben?“
      Sie suchte in ihrem Gedächtnis, während er seine Frage selbst beantwortete: „Bei den Abgründen und den Dämonen“. Dabei zwinkerte er ihr verschwörerisch zu.
      „Bestimmt nicht, aber wenn es Ihr Wunsch ist. Dabei muss ich zugeben, dass Sie wahrscheinlich über die größere Lebenserfahrung bei diesem Thema verfügen.“
      Zunächst kamen die Getränke. „Ich würde aber zuerst gern dieses förmliche zwischen uns fallen lassen“, setzte er an.
      Sie ging nicht ohne weiteres darauf ein, schließlich aber prosteten sie sich zu und duzte sich von da an.
      „Unter Umständen könnte ich mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die so sehr hassen, dass sie sich selbst nicht mehr kontrollieren können“, sagte sie mit dem Abstellen des Glases.
      „Ja, das ist vorstellbar“, stimmte er sofort zu.
      „Solche Menschen fühlen sich in diesem Moment vielleicht provoziert oder nicht ernst genommen oder in eine Ecke gedrängt und dann reagieren sie so.“ Für einen Moment schaute er sich überlegend um. „Wir haben hier einen Raum voller Menschen“, und mit verschwörerischem Blick wies er einen leichten Halbkreis. „Könnte eine dieser Personen hier ein Mörder sein? Oder ein Kinderschänder? Jemand, der seine Frau oder seinen Mann verprügelt?“
      Sie folgte der Handbewegung und musterte verstohlen die anderen Gäste.
      „Also, das ältere Paar dahinten, isst schweigend. Sie haben sich nach so vielen Jahren nicht mehr viel zu sagen“, sagte sie leise und rückte näher an Philipp heran.“ Zu der Mutter mit dem kleinen Mädchen fällt mir nichts ein. Wahrscheinlich ist sie allein erziehend und hat einen Bürojob.“ Stefanie ließ den Blick schweifen.
      „Der Typ dahinten mit der Glatze beobachtet den Raum und schaut immer wieder nach links hinüber. Da stehen die beiden Buchsbäume, ich weiß nicht, was er sieht.“ Sie drehte den Kopf in die andere Richtung zu den Tischen, an denen verschiedene Paare saßen.
      „Also, die beiden Herren in den Anzügen da, sind ein Paar. So vertraut. Im Gegensatz dazu am Nebentisch, wo die blonde Frau so komisch schaut. Bei denen ist wohl der Wurm drin.“
      Genau an diesem Tisch erschien der Kellner mit dem Essen. Der Gast schaute skeptisch auf den Teller und verglich ihn mit dem seiner Partnerin. Dann hob er leicht den rechten Zeigefinger und wies hier und dorthin und verwickelte die Bedienung in ein Gespräch. Der Kellner antwortete mit gesenkter Stimme, in der Hoffnung, der Gast würde es ihm gleich tun.
      Vergeblich. Bis die Frau ihre Hand beruhigend auf den Arm des Mannes legte, einen Kompromiss fand, indem sie die Fleischportionen tauschte und man schließlich zu essen begann. An den Bewegungen des Mannes war aber zu erkennen, dass ihm das nicht wirklich gefiel.
      „Sehen Sie“, sagte Stefanie, „ Eine Kleinigkeit stimmt nicht und jemand gerät unter Stress.“
      „Für den einen ist Well Done eben wichtig, wenn er kein Blut sehen kann.“
      Sie lächelte: „Also ist der erstmal schon kein Mörder.“
      „Naja, nicht jeder Mord ist blutig ...“
      Sie stellte hier und da noch weitere Vermutungen an, bis auch ihnen das Essen serviert wurde. Ihr Risotto und sein Hähnchenbrustfilet waren recht schmackhaft zubereitet. Nach ein paar Bissen fragte sie dann: „Und was siehst Du so, wenn Du Dich hier umschaust?“
      Philipp hielt inne und seine Augen suchten den Raum ab. „An dem Tisch, wo es gerade Probleme gab, sehe ich eine todkranke Frau. Wahrscheinlich Krebs, beide unternehmen vielleicht zum letzten Mal etwas gemeinsam. Der Mann mit Glatze beobachtet die Bar, denn dahinter arbeitete wohl sein Ex oder jemand, der mal sein Ex werden könnte.“
      Stefanie schaute ungläubig, während er mit Genuss ein Stück Fleisch abschnitt und es in den Mund schob. Dann trank er einen Schluck Wasser.
      „Bei dem Paar, dass sich nichts zu sagen hat, ist die Frau traurig. Sie weiß, ihr Mann steht auf kleine Mädchen, er schaut immer zu dem Tisch mit der Mutter hinüber. Die Mutter wiederum wird von ihrem Ex hängengelassen, also unterhaltsmäßig, denn vor der Bestellung hat sie den Endpreis durchgerechnet.“ Er schob sein Essen auf dem Teller hin und her.
      „Und die beiden Anzüge sind kein Paar, sondern Vater und Sohn. Schon die gleiche Nase und Kinnpartie hätte Dir auffallen können.“
      Damit war das Thema für ihn abgeschlossen und er aß stumm zu Ende. Sprachlos wandt Stefanie ihrem Kopf hin und her und verglich seine Aussagen, mit dem, was sie sah. „Wie kannst Du Dir so sicher sein?“, fragte sie schließlich, als er sein Besteck zusammen legte und sich satt zurücklehnte.
      „Du darfst mich gern vom Gegenteil überzeugen.“
      „Ach komm, das hast Du Dir doch alles bloß ausgedacht!“
      „Beweise es!“ Zufrieden und mit überlegenem Blick schob er seine Hände in die Taschen. Sie machte ein paar klägliche Versuche und gab dann lachend auf, denn Philipp hatte immer ein Gegenargument parat. Beide hatten ihre Teller zur Mitte des Tisches geschoben und rückten noch etwas näher aneinander.
      „Wie hast Du Dir den weiteren Verlauf des Abends vorgestellt?“, fragte er recht direkt. Für einen Moment hielt sie inne und schaute auf die Uhr. Ihm fiel auf, dass sie das fast regelmäßig getan hatte.
      „Erwartest Du noch jemanden?“
      „Nein, nein“, beeilte sie sich, zu versichern.
      „Nun, dann würde ich vorschlagen, wir nehmen noch einen Drink auf meinem Zimmer.“
      Wieder schaute sie nach der Zeit und sagte schnell: „ Oder auf meinem.“ Philipp war für einen Moment baff, aber ein hoffnungsvolles Strahlen überzog sein Gesicht. „Worauf warten wir dann noch?“
      Sie hatte ihm ihren Zimmerschlüssel überlassen und wollte noch dem Zimmerservice Bescheid geben.
      Oben angekommen, hatte er das Fenster leicht geöffnet und die Gardinen geschlossen. Bis auf eine kleine Lampe löschte er alle Lichter und zog sein Jackett aus.
      Kurz darauf klopfte es und Stefanie hatte den Zimmerkellner im Schlepp. Die Flasche Sekt war auf dem kleinen Wagen schon geöffnet, zwei Gläser standen griffbereit. Mit einem Trinkgeld wurde der Bedienstete wieder verabschiedet und Philipp goss ein.
      Sie prosteten sich auf eine unerwartete Begegnung sowie einen hoffentlich angenehmen Abend zu. Er trank recht schnell, während Stefanie nur kurz nippte. Als das Glas leer war, bemerkte er, dass sein Gehirn von seinen Hormonen übernommen wurde. Oder etwas anderem. Plötzlich fühlten sich alle Gliedmaßen so schwer an, dass er sich hinsetzte.
      „Der Tag war anstrengender, als ich dachte“, sagte er mit merklich schwerer Zunge. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
      Das erste, was er wahrnahm, war das Zwitschern von Vögeln.
      Philipps Lider waren so schwer und er hätte so gern die Augen geöffnet. Schon allein, um zu sehen, wer ihm mit einiger Kraft sein Knie in die Seite presste.
      Er wollte sich umdrehen und stöhnte vor Schmerz auf. Da lag niemand hinter ihm und gleichzeitig fühlte sein Körper sich wie überfahren an.
      Mühsam tastete er sich ab. Sein unterer Rücken war bandagiert.
      Wie konnte das sein? Was war gestern Abend passiert? Kraftlos wandt er seinen Kopf hin und her. Das Morgenlicht drang durch die Gardinen, die sich leicht in der Brise bewegten. Vor dem Fenster war einiges an Bewegung zu hören. Stimmengewirr und das Schlagen von Autotüren. Ab und zu sprang ein Motor an, entfernte sich.
      Undendlich langsam kamen Philipp die Erinnerungen wieder. Da war diese Frau, Stefanie. Die Zugfahrt, das Essen, Ihr Zimmer, ein Blackout. Er rief ihren Namen, aber mehr als ein halblautes und trockenes Gebrabbel kam nicht aus seinem Mund. Er war allein.
      Es kostete Kraft, die Augen offen zu halten und überhaupt zu bewegen. Im Dämmerlicht nahm er ein senkrechtes Gestell neben dem Bett wahr. Als sein Blick sich etwas klärte, erkannte er einen Tropf, dessen durchsichtiger Schlauch unter der Bettdecke verschwand. Matt ertastete seine rechte Hand die Eingangskanüle in der linken Armbeuge.
      Wieso bin ich im Krankenhaus?
      Wieder schaute er sich um und kam zu dem Schluss, dass das kein Krankenzimmer sein konnte. Er schaltete eine Lampe ein, deren Schalter er mit Mühe erreichte. Gefaltetes Papier lag auf dem Nachttisch.
      Mit einer Hand wedelte er das Blatt auseinander:
      „Es tut mir wirklich leid. So bald ich kann, werde ich eine Ambulanz verständigen. Es war alles nur ein Zufall. Stefanie“
      Wieder wurden vor dem Fenster Fahrzeugtüren aufgerissen.
      Was waren das nur für Schmerzen? Jemand hatte zwei Kissen unter seine linke Seite geschoben, so dass die Hüfte erhoben war.
      Wieder fühlte er nach der Bandage, als an sdie Tür geklopft wurde. Er gurgelte etwas, diesmal ein „Herein!“, aber das verstand man draußen nicht richtig und es wurde nochmals geklopft.
      Philipp gab auf, da drehte sich der Schlüssel im Schloss.
      Mit dem Kopf über die Schulter sah er, wie zwei junge Männer in Weiß einem Zimmermädchen folgten.
      „Schön, dass Sie da sind“, murmelte Philipp. „Es geht mir gar nicht gut ....“ Dann war wieder alles schwarz.
      Als er erwachte, war es heller hinter seinen Augenlidern und dieses Mal war er sich sicher, in einem Krankenzimmer aufgewacht zu sein.
      Weiße Wände, ein hellblauer Sockel umlief den Raum. Durch das Fenster sah er den grauen Himmel, durch den der Wind schnell die Wolken trieb. Ab und zu trafen Regentropfen das Glas.
      Der Tropf neben seinem Bett war ihm nun vertraut, die Schmerzen nicht mehr ganz so heftig.
      Noch immer war ihm die Ursache seiner Beschwerden nicht erklärlich, denn jetzt trug er eine dickere und gleichmäßigere Bandage um die Körpermitte. Vorsichtig angelte er nach dem mit Wasser gefüllten Plastikbecher auf dem Beistelltisch, denn er hatte brennenden Durst. Wie glühendes Metall rann die Flüssigkeit seine raspeltrockene Kehle hinunter, aber er setzte nicht ab, bevor der Becher leer war.
      Dann sank er zurück und starrte an die Decke. Versuchte sich zu erinnern, die Bruchstücke zusammen zu setzen.
      Die Zugfahrt und Stefanie. Weiter kam er vorerst nicht, denn plötzlich öffnete sich die Tür und eine junge Krankenschwester steckte ihren Kopf herein.
      „Oh, Sie sind schon wach“, sagte sie leise und trat neben sein Bett.
      „Wo bin ich?“ Das Wasser hatte geholfen, dass er sich nun besser verständlich machen konnte.
      „Es ist alles in Ordnung, Herr Frey.“
      Sie fühlte seinen Puls und kontrollierte die Pupillen. Beim Messen des Blutdrucks fragte er sie erneut und sie setzte sich zu ihm auf die Bettkante.
      „Herr Frey, Sie sind im Krankenhaus in Embede. Zum Glück wurden wir beizeiten verständigt und so geht es Ihnen den Umständen entsprechend gut.“
      Besänftigend hatte sie den Kopf schiefgelegt. Er presste ihre Hand und sagte mit gleichem Druck: „Was. ist. mit. mir. passiert?“
      Ihr Blick wurde etwas sorgenvoller und sie schien nach Worten zu suchen.
      „Herr Frey, Ihnen wurde eine Niere entfernt. Und das recht professionell.“
      Philipp war sprachlos. Sein Kopf fiel auf das Kissen zurück und sein Blick blieb zunächst stumm auf die Zimmerdecke gerichtet.
      „Aber wie geht sowas?“
      Die Schwester sah das tiefe Unverständnis in seinem Gesicht.
      „Sehen Sie, Operationen aller Arten werden schon seit Menschengedenken gemacht. Je sauberer das Umfeld, desto kleiner die Möglichkeit einer Infektion oder Blutvergiftung. Und ein Hotelzimmer ist immer noch steriler als eine Waldlichtung“, versuchte sie einen Scherz. Ein verächtliches Schnauben war die Antwort.
      „Der oder diejenige, die das mit Ihnen gemacht haben, sind geübt. Wahrscheinlich waren hier Profis am Werk.“
      Aber warum er? War es tatsächlich nur ein Zufall gewesen, wie Stefanie geschrieben hatte? Hatte sie das allein gemacht oder hatte sie Helfer? „In ein paar Tagen sind Sie wieder auf den Beinen. Wahrscheinlich wird die Polizei vorher schon vorbei schauen und Ihnen Fragen stellen.“
      „Was soll das helfen? Meine Niere werde ich wohl nicht wiedersehen, oder?“ Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit.
      „Das leider nicht, aber außer Ihren Ausweispapieren und Ihrer Brieftasche gibt es nichts, was den Ermittlungsbehörden vorerst helfen würde. Ihr Hotelzimmer ist bei der ersten Durchsuchung leer vorgefunden worden, soweit ich weiß.“
      „Soweit Sie wissen?“, fragte er fast spitz.
      Plötzlich durchzuckte es ihn wie ein schwerer Blitzschlag.
      „Im Moment haben Sie nur die Dinge, die Sie bei Ihrer Einlieferung auf dem Leib trugen.“
      Sein Koffer! Sein Koffer war verschwunden!
      Wieder presste er die Hand die Schwester: „Nichts?“
      „Nein. Entweder Sie hatten nichts dabei oder jemand hat es gestohlen.“ Damit entzog sie ihm ihre Hand.
      Warum sollte man seinen Koffer stehlen? Der Inhalt war nur für ihn wertvoll gewesen.
      Die Gedanken rasten. Er brauchte diesen Koffer, denn ohne dessen Inhalt, war seine Sammlung unvollständig. Andererseits konnte er den Diebstahl nicht anzeigen, denn wenn der Koffer gefunden würde, wäre das sein Todesurteil. Niemand könnte verstehen, warum er sammelte, was er sammelte.
      Erst als es dunkel wurde, bemerkte er, dass er wieder allein im Zimmer war. Wie lange, war ihm nicht bewusst, denn sein ganzes Denken kreiste hypnotisch nur um einen Punkt: Der Koffer!
      Als am nächsten Morgen die Schwester gut gelaunt das Krankenzimmer öffnete, erschrak sie.
      Philipp Frey war über Nacht verschwunden.

      Thomas Ahrberg steuerte den silberfarbenen Mercedes entspannt über die Autobahn. Er hatte allen Grund dazu, denn unter Hilfe seiner Komplizin Stefanie hatte sie es tatsächlich geschafft, just in time eine brauchbare Niere zu beschaffen.
      Im Hotel angekommen hatte sie ihn wegen eines möglichen Kandidaten benachrichtigt, worauf er mit dem nötigen Equipment sich auf den schnellsten Weg gemacht hatte. Danach war alles reibungslos verlaufen. Der unfreiwillige Spender war betäubt und bereits entkleidet, als Thomas kurz nach Mitternacht eintraf.
      Mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange begrüßten sie sich, der Nachklang einer kurzen leidenschaftlichen, aber längst vergangenen Beziehung.
      Da dies nicht ihr erster gemeinsamer Einsatz war, ging die Operation relativ zügig voran und bald darauf öffnete Stefanie ihren Koffer und holte eine Plastiktransportbox heraus.
      Aus Thomas‘ Gepäck nahm sie die Eisbeutel und verstaute das Organ in einem sterilen Beutel dazwischen. Obwohl es ein Rollkoffer war, empfand sie die Last als zu schwer. Schnell huschte sie in Philipps Zimmer, während Thomas damit beschäftigt war, diesen wieder zuzunähen. Philipps Koffer war wesentlich leichter, weil auch nur halbgefüllt mit zwei gut verschlossenen Supermarkt-Einkaufstüten. So sortierte sie ihre Sachen in seinen Koffer ein und die Transportbox blieb in ihrem. Die Gewichtsverteilung machte sie zufrieden.
      Nach einem eiligen Check out, was einen verwunderten Rezeptionisten zurückließ, fuhr Thomas sie beide zügig in Richtung Westen, wo bereits ihr Auftraggeber auf die Ware wartete.
      Die Übergabe im knapp zweihundert Kilometer entfernten Wiesenthal verlief schnell und reibungslos. Sogar die Zahlung war in der Kürze der Zeit vorbereitet gewesen. Der schmale Aktenkoffer wechselten einem Parkhaus die Besitzer. Wie schon einige Male zuvor, teilten sich Stefanie und Thomas ihre Anteile später.
      Nun saßen beide in seinem Auto und er lenkte den Wagen sicher durch die noch ruhige Innenstadt und hielt vor dem besten Hotel der Stadt. „Darf ich Dich zum schmackhaftesten Frühstück im Umkreis einladen?“, fragte er, als schon ein Hoteldiener heran stürzte und die Wagentür mit einem „Guten Morgen“ aufriss.
      Stefanie nahm die Einladung lächelnd an. Zunächst buchte Thomas ein Zimmer für sie und führte sie dann in den hohen Speisesaal, der eine lange Fensterfront zum Stadtpark hinaus hatte.
      Stefanie beobachtete ihn die ganze Zeit. Wie der große Mann mit den tiefen Geheimratsecken in seinen dunkelgetönten Haaren, weltmännisch mit den Hotelangestellten umging. Die teure Schweizer Uhr mit dem Lederarmband, die manchmal aus seiner Manschette hervorschaute. Die hellbraunen Augen, die oft etwas verzauberndes hatten, wenn Thomas es wollte. Er schien stets glattrasiert zu sein, gut vorbereitet und vor allem souverän. Sie bewunderte ihn immer noch insgeheim und er war mit diesem Gesicht aus einer Daily Soap, wirklich ein Arzt zum Verlieben. Damals, sie 21 und er doppelt so alt, hatten sich auf dem Geburtstag der Mutter von Stefanies bester Freundin kennengelernt. Er Single, sie BWL-Studentin, die nichts vom Leben wusste. Er aber strahlte Dinge aus, von denen sie noch nicht einmal geahnt hatte. Schnell war sie für ihn entflammt und erkannte erst zu spät, wie blauäugig sie gewesen war. Nachdem sie anfangs ein paar Mal miteinander geschlafen hatten, war sie ihm völlig verfallen. Kurz darauf gestand er ihr, in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken.
      Sie erschrak zutiefst, denn das konnte nur heißen, er wolle sie auf den Strich schicken. Es gelang ihm, sie zu beruhigen und überredete sie, ihm bei einer Operation zu helfen. Das war für sie kaum weniger erschreckend.
      Diese Bitte kam nicht von ungefähr, denn er hatte sie schon in der Küche beobachtet, als sie zwei Fische zum Essen ausnahm. Ihm war es ungeheuer wichtig, dass sie nicht sofort in Ohnmacht fiel, wenn es blutig wurde.
      Bei der ersten Operation, dem Versorgen einer Schusswunde im Hinterzimmer eines japanischen Restaurants, hatte sie zittrige Hände wie noch nie. Die Angst, etwas falsch zu machen, saß sehr tief, aber Thomas lenkte sie geschickt und war am Ende voll des Lobes.
      Im Inneren war er erleichtert und beglückwünschte sich selbst für seinen Fund.
      Im Laufe der Zeit gewöhnte sie sich an die sporadischen Treffen mit ihm und mehr und mehr überwog die Freude an dem auf diese Weise verdienten Geld, wobei sie sehr achtsam war, nicht zu sehr damit aufzufallen.
      Nach dem Frühstück gingen beide auf ihr Zimmer. Stefanie war klar, dass Thomas ihr nie gehören würde, sie aber auf gelegentlichem Sex mit ihm nicht verzichten wollte.
      „Wieso hast Du eigentlich zwei Koffer dabei?“, fragte er sie müde, nachdem sie das Geld geteilt hatten.
      Sie kam aus der Dusche, während er im Bett auf sie wartete.
      Ihre Erklärung verärgerte ihn:
      „Sind wir Gepäckdiebe oder was? Jetzt hat der Typ eine Niere weniger und gar keine Unterhose mehr. Was soll das?“
      Stefanie gab zu, nicht überlegt zu haben. „So viele Klamotten sind eh nicht darin. Philipp war wohl auf dem Heimweg von irgendwo oder zu einem Termin unterwegs“, versuchte sie, Thomas zu besänftigen.
      „Und was ist das für ein komischer dunkler Fleck da an Deinem Koffer?“
      „Keine Ahnung. Irgendwo bleibt immer mal was an dem Stoffzeugs was hängen“, tat sie seine Beobachtung ab.
      „Das ist nicht von außen. Da ist irgendwas ausgelaufen“, sagte er und zeigte deutlich auf die untere Ecke des Koffers.
      „Sieht aus wie Australien ...“
      „Also von meinen Klamotten ist da nicht ausgelaufen, aber bitte, ich schaue nach.“
      Sie legte den Koffer auf den Boden, öffnete den Verschluss und schlug ihn auf. „Hier, siehst Du? Das sind meine Sache. Das kommt von einem der Beutel, die hier schon drin waren.“
      Sie griff nach einer von Philipps Plastiktüten.
      Tatsächlich, in dieser war ein winziger Riss. Entstanden, als Stefanie die Tüte beim Zumachen in den Reißverschluss eingeklemmt hatte.
      „Und was transportiert der Typ so? Sieht aus wie eine Melone. War wohl vorher auf dem Wochenmarkt gewesen ...“
      „Quatsch“, sagte Stefanie und öffnete den Klipp, der den Beutel verschloss. Sie schaute hinein, schrie auf und ließ die Tüte fallen. Rückwärts war sie an die Wand gesprungen.
      „WasistdasfüreinScheiß?“, stieß sie hervor.
      Erschrocken war Thomas hochgeschnellt.
      „Was hast Du?“, fragte er fast verständnislos. Mit fahriger Hand deutete sie nur auf den Koffer. Unsicher, was ihn erwarten würde, beugte Thomas sich über die Tüte, schaute hinein und dann auf sie.
      Vorsichtig zog er den zweiten, kleineren Beutel heraus, öffnete ihn und wurde blass.
      Tonlos sagte er dann: „ Du hast Deinem Philipp einen Kopf und zwei Hände geklaut ...“

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