Thorstens Gedanken zum Schreiben

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Thorstens Gedanken zum Schreiben

      Ich hatte die Idee, mal in loser Folge ein paar Gedanken zu sammeln wie ich bestimmte Szenen gestalten wuerde. Diese Gedanken sind das Destillat von 40 Jahren Lesen und ueber 25 Jahren Schreiben, 20 Jahren Rollenspiel und drueber nachdenken was ich da so mache. In der Zeit habe ich immerhin gelernt wie ich eine Geschichte schreibe die ich gerne lese - was nicht heisst dass ich weiss wie man eine objektiv 'gute' Geschichte schreibt - ich glaube nicht das so was geht.

      Wer sich fuer die Themen interessiert die mir als Leser wichtig sind, der kann hier vielleicht auch den einen oder anderen Gedanken rausziehen.

      Wer die Art wie ich schreibe kennenlernen mag (von mir ist nicht wahnsinnig viel im Forum...) - hier ist ein Auszug aus einem SciFi Buch (auf Englisch, mit einigen Passagen uebersetzt), und auf meiner Seite ist eine Fantasy-Kurzgeschichte als PDF zu finden. Wer den Stil mag kann vielleicht mit der einen oder anderen Idee hier was anfangen.

      ***

      Rolle vs. Persoenlichkeit

      In jeder Geschichte gibt es belanglose Nebenfiguren die kurz auftauchen, vielleicht sogar mit den Protagonisten interagieren und dann wieder aus der Geschichte verschwinden (Schankmaid, Wache, Hafenmeister,...). Fuer den Plot sind sie nicht wichtig - und daher werden sie oft nur in einer Rolle beschrieben. Etwa:

      Rogar betrat den Schankraum. Ein paar Wachen sassen in der Ecke und genossen ihren Feierabend mit einem Humpen Bier und einem Wuerfelspiel, und eigenartigerweise schienen sie keine Notiz davon zu nehmen dass nur zwei Tische von ihnen entfernt offenbar Vertreter der Diebesgilde mit einem finster aussehenden Matrosen ein Geschaeft einfaedelten. Rogars Augen wanderten durch den Raum - der Rest der Zechenden waren wohl Fuhrknechte - kraeftige Gesellen, aber von ihnen waren keine Schwierigkeiten zu erwarten. Er bestellte einen Eintopf und einen Krug gondrisches Dunkles an der Theke und fand einen freien Platz mit dem Ruecken zur Wand von dem aus er den Eingang im Blick hatte. Die Ankunft einer muerrischen Schankmaid unterbrach seine Gruebeleien ueber die Frage, wann das Stroh am Boden wohl zum letzten Mal gewechselt worden war.

      Alle die in dieser Szene vorkommen haben eine Rolle - die Wachen, die Diebe, die Fuhrknechte, die Schankmaid - und das bedeutet, sie sind eigentlich nur Staffage, Elemente die in die Szene gesetzt wurden um sie bildlicher zu machen.

      Man kann aber auch eine Nebenfigur in zwei oder drei Saetzen anreissen so dass sie als Person sichtbar wird (das ist wie in echt wenn ich in eine Kneipe gehe - der Wirt da spielt keine Rolle, sondern der ist eine Person, der ist mal gut gelaunt, mal schlecht,... Also vielleicht

      Rogar betrat den Schankraum und arbeitete sich zwischen Zechern und Wuerfelspielern zum Tresen vor. Seltsamerweise stand dort niemand. "Hey?", rief er, laut genug um die Gespraeche und das Lachen im Hintergrund zu uebertoenen. Ein aelterer Mann kam aus der Kueche, Roete im schweissnassen Gesicht, und wischte sich die fetttigen Haende an einer fleckigen Schuerze ab. "Chaswen!", bruellte er zornig. "Wo steckst Du, verdammit noch mal?"

      Fuer einen Moment starrte er zornig in den Raum, dann nahm sein Gesicht einen dienstbeflissenen Ausdruck an als er Rogar ansah, der sofort von einem hilflosen Lachen abgeloest wurde. "Verzeiht, Herr - ich weiss auch nicht mehr was ich mit dem Maedchen tun soll. Die Tochter meines Bruders, die Goetter seien seiner Seele gnaedig, er ist in den Erbfolgekriegen gefallen." Er atmete tief aus: "Ich hab' sie hier aufgenommen, aber sie hasst die Arbeit..." Hilflos zuckte er mit den Schultern: "Wenn ich koennte wuerde ich sie in eine Lehre schicken, aber die Zeiten sind hart, erst das rote Fieber um Mittwinter, jetzt schon die zweite Herdsteuer dieses Jahr - was soll man tun? Traeume kann man nicht Essen...." Er sah kurz verlegen auf seine Haende, dann blickte er wieder Rogar an: "Was darf ich bringen?"

      Der Krieger bestellte einen Eintopf und einen Krug gondrisches Dunkles an der Theke und fand einen freien Platz mit dem Ruecken zur Wand von dem aus er den Eingang im Blick hatte. Die Ankunft einer muerrischen Schankmaid unterbrach seine Gruebeleien ueber die Frage, wann das Stroh am Boden wohl zum letzten Mal gewechselt worden war.



      Die zweite Szene ist nicht wesentlich laenger, aber mir gefaellt sie wesentlich besser. Sie enthaelt eine kurze Geschichte in der Geschichte - von einem Mann der ein gutes Herz hat, den enttaeuschten Traeumen eines Maedchens, etwas oertliche Geschichte (einen kuerzlichen Krieg, eine Krankheit,...), beleuchtete die Sorgen der Leute vor Ort (Herdsteuer,...) - und am Ende weiss der Leser auch warum die Schankmaid wohl muerrisch ist. Das meiste dieser Geschichte in der Geschichte braucht gar nicht ausgeschrieben werden - es passiert im Kopf des Lesers - jeder kann sich vorstellen wie Chaswen und ihr Onkel am Abend streiten, oder wie sie aus dem Fenster starrt und die Zukunft die sie nie haben wird vermisst,...

      Deshalb ist es mir wichtig, auch an sich bedeutungslose Nebenfiguren zu gestalten - das verleiht einer Welt Tiefe und einer Szene Leben, es gibt die Moeglichkeit schnell noch ein bisschen was ueber die Welt zu erklaeren ohne es einen allwissenden Erzaehler machen zu lassen - und jede Szene in einer Taverne kann sich von einer anderen unterscheiden.
    • Lieber @Thorsten

      Grundsätzlich finde ich beide Versionen der Szene gelungen. Die zweite Version ist farbiger gestaltet und transportiert sehr schön die Atmosphäre. Du gibst den Protas in der zweiten Version allerdings nicht nur mehr Tiefe, du gibst auch mehr Information (Erbfolgekriege, harte Zeiten, Herdsteuer etc). Daher unterscheiden sich beide Versionen nicht nur in der Art und Weise wie du die Menschen beschreibst.
      Was ich mich frage. Wenn der ganze Roman in der Art der zweiten Version verfasst wird, lenkst du dann nicht sehr von der Haupthandlung ab? Wenn du jedem Nebencharakter eine eigene Geschichte gibst, wird das Ganze dann nicht zu lang?
      Einige Schreibratgeber sagen ja: "Alles was die Handlung nicht weiter bringt kann weg" (Dem stimme ich nicht vollständig zu und in deinem Beispiel könnte die gegebene Information ja noch wichtig werden).
      Möglicherweise reicht es, wenn man den Nebencharakteren zumindest ein wenig Individuelle Eigenschaften gibt.
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Sensenbach schrieb:

      Wenn der ganze Roman in der Art der zweiten Version verfasst wird, lenkst du dann nicht sehr von der Haupthandlung ab? Wenn du jedem Nebencharakter eine eigene Geschichte gibst, wird das Ganze dann nicht zu lang?
      Ich denke nicht, dass es darum geht, jedem eine eigene Geschichte zu geben, sondern vielmehr, anzureissen/anklingen zu lassen, dass jeder eine eigene Geschichte hat und nicht nur Staffage ist. Ähnliches passiert auch, wenn der Protagonist sich z.B. Gedanken zu einem der Anwesenden macht. Selbst wenn das, was er sich denkt, nicht zutrifft, hat man doch somit eher eine realistische Szene mit mehr Tiefe, als wenn einfach nur beschrieben wird, was er da sieht, ohne es zu reflektieren.

      Sensenbach schrieb:

      Einige Schreibratgeber sagen ja: "Alles was die Handlung nicht weiter bringt kann weg" (Dem stimme ich nicht vollständig zu und in deinem Beispiel könnte die gegebene Information ja noch wichtig werden).
      Würde ich auch nicht zustimmen. Dann kann man auch die gesamte Beschreibung der Taverne wegnehmen, denn offenbar geht der Protagonist dort nur ein Bier trinken und vielleicht trifft er jemanden, der wichtig für die Handlung ist - alle anderen braucht man da ja nicht, wenn's nur um die Handlung geht. Was die Handlung nicht weiterbringt ist, wenn jetzt noch haarklein beschrieben wird, wie der Protagonist aufs Klo geht, dort vielleicht noch ein interessantes Gespräch mit einem anderen Klobesucher führt, den er später nie wieder trifft und dessen Worte auch keinerlei Bedeutung mehr haben. Das braucht es sicher nicht. Aber wenn das Auftauchen in der Taverne an sich schon zur Handlung beiträgt, denke ich nicht, dass es schadet, Figuren, mit denen der Protagonist interagiert, wenigstens grob in zwei oder drei Sätzen anzureissen oder wenigstens anzudeuten (z.B. auch dadruch, wie sie sich ausdrücken), was das für Menschen sind.

      Ist natürlich alles auch eine Frage des Masses und der Länge der Geschichte. Wenn ich eine 1000-Seiten Geschichte vor mir habe, hoffe ich, dass nicht 1000 Seiten lang nur Handlung vorangetrieben wird, da komm ich ja ins Schwitzen! Da kann man es sich schon leisten, der Welt ein wenig mehr Tiefe zu geben und einfach mal an einem Ort zu verweilen, ohne, dass das alles immer 100% handlungsrelevant sein muss. Wenn die Story wesentlich kürzer ist, ist sie vielleicht mehr handlungsorientiert und dann ist das vielleicht weniger wichtig.
      Film-Projekt: Clíodhna - die Hexe von Gleann an Phéine
      Für alle, die sich dafür interessieren, wie wir Filme machen: Ein neuer Film entsteht (Blog)
      Geschichte: Die Schwarze Göttin
    • Sensenbach schrieb:

      Wenn der ganze Roman in der Art der zweiten Version verfasst wird, lenkst du dann nicht sehr von der Haupthandlung ab?

      Naja, in einer Geschichte wie sie mir gefaellt ist das Erforschen und Erleben der Welt ein grosser Teil der Lesefreude. Eine Frage die mich als Leser immer bewegt ist - wie waere es denn am Ort X zu leben - worueber denken die Menschen da so nach, wovon traeumen sie, was tun sie? Zu einem guten Teil wuerde ich das dann nicht als Ablenkung sondern als Bereicherung empfinden (in der ersten Version des Textes haette ich dann Dinge wie die Erbfolgekriege oder die Herdsteuer einen Erzaehler bringen lassen muessen wenn es mir wichtig ist die Welt erfahrbar zu machen).

      Dann stellt sich mir die Frage - wie sehr liegt mir daran den Leser ein bisschen mit dem Plot zu ueberraschen? Angenommen ich schreibe sehr minimalistisch, und dann beschreibe ich einen besonderen Brauch als Rogar in ein Dorf kommt - der gewiefte Leser wittert dann sofort dass ich das ja nur tue, weil der Brauch spaeter fuer den Plot einen Twist darstellen soll und sieht schon was kommt. Kann ich vermeiden indem ich die fuer dem Plot wesentliche Information neben einer Anzahl unwesentlicher Informationen verstecke (wie halt ein guter Krimi auch gemacht ist).

      Im Extremfall, wenn ich weiss dass jeder der einen Namen hat fuer den Plot wichtig ist und alles was ausgefuehrt wird irgendwann mal vorkommen wird fuehlt sich das fuer mich als Leser wie eine Theaterkulisse an - ich sehe wer eine Rolle hat, wer Statist ist, wie tief die Kulissen sind - sowas lese ich nicht gerne.

      Viele Buecher die ich gerne lese sind so, dass sie geschaetzt 5x mehr Information ueber die Welt geben als fuer den Plot noetig waere ('The Name of the Wind', 'The Lies of Locke Lamora' oder 'Anathem' kommen mir da jetzt in den Sinn) - das sind dann auch recht lange Geschichten - bei einer Kurzgeschichte wuerde ich da auch weniger Detail erwarten (und es gibt auch Geschichten die mich nur mit einer guten Handlung ueberzeugen und wenig Detail der Welt bieten).

      ***

      Natuerlich, wie Katharina sagt, ich will nicht 'Ulysses' in einer Fantasy-Welt machen wo jede Minute des Tages eines Helden erzaehlt wird - aber wenn ich mich entschiede eine Szene zu erzaehlen weil sie halt wichtig ist, dann kann ich auch die Leute mit denen der Charakter in dieser Szene interagiert als Personen anreissen. Oben sind ja auch andere Leute in der Taverne ausser dem Wirt, aber mit denen macht Rogar halt nichts, also bleiben sie blass.
    • Katharina schrieb:

      Da kann man es sich schon leisten, der Welt ein wenig mehr Tiefe zu geben und einfach mal an einem Ort zu verweilen, ohne, dass das alles immer 100% handlungsrelevant sein muss.
      Da stimme ich dir sehr zu.

      Thorsten schrieb:

      dann beschreibe ich einen besonderen Brauch als Rogar in ein Dorf kommt - der gewiefte Leser wittert dann sofort dass ich das ja nur tue, weil der Brauch spaeter fuer den Plot einen Twist darstellen soll und sieht schon was kommt. Kann ich vermeiden indem ich die fuer dem Plot wesentliche Information neben einer Anzahl unwesentlicher Informationen verstecke (wie halt ein guter Krimi auch gemacht ist).
      Das ist ein sehr guter Punkt, der mir bisher nicht so klar war.

      Thorsten schrieb:

      Viele Buecher die ich gerne lese sind so, dass sie geschaetzt 5x mehr Information ueber die Welt geben als fuer den Plot noetig waere
      Die genannten Beispiele haben im Moment Vorbildcharakter für mich. Gerade beim "Namen des Windes" finde ich die Charaktere sehr schön gezeichnet. Das ist mal ne ganz andere Liga, als viele andere Romane.

      Bei meinen High Fantasy Versuchen* schaffe ich es ganz ordentlich bei den Landschaftsbeschreibungen Stimmung zu machen. Die Dialoge bleiben nach meinem Gefühl oft zu eindimensional. In etwas so wie dein Beispiel Nummer 1. Ich werde mal versuchen einige Szenen in Beispiel Nummer zwei 2 umzuschreiben. Möglicherweise hilft das. Komplex finde ich es auch, wenn mehr als zwei Personen am Gespräch beteiligt sind. Davor drücke ich mich häufig.

      *Ich weiss übrigens auch nicht, was der Unterschied zwischen High und Low soll
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Nah am Charakter bleiben

      Man kann ja aus ganz unterschiedlichen Erzaehlperspektiven schreiben - es gibt den Ich-Erzaehler, den allwissenden Erzaehler, eine Du-Erzaehlweise bei der der Leser direkt angesprochen wird,...

      Eine meiner liebsten Erzaehlweisen (wobei ich gleich dazu sagen muss, dass ich wirklich hervorragende Buecher kenne die ein Ich-Erzaehler traegt) ist eine Er-Erzaehlperspektive die aber eingeschraenkt ist - in jeder Szene schaut sie einem (und nur einem) Charakter ueber die Schulter und kennt seine Gedanken, aber nicht die Gedanken von irgend jemandem sonst in der Szene (das ist fast sowas wie ein Ich-Erzaehler). Ich mag die Form, weil sie einen nah an einen Charakter bringt, ohne so offensichtlich auto-biographisch wie die Ich-Form zu sein.

      Dabei finde ich es aber wichtig, die Perspektive konsequent durchzuhalten. Zum Beispiel kann man mal

      In der Lagerhalle stank es nach Fisch, und nur eine einzelne Laterne versuchte vergeblich, den niedrigen, mit Faessern fast zugestellten Raum zu erhellen. Rogar sah sich um, waehrend Temes und der Kapitaen ueber das Geschaeftliche redeten. Anscheinend konnte Temes der Versuchung nicht wiederstehen, ein Geschaeft auf der Seite zu machen, und die Preisvorstellungen der beiden ueber die Weinfaesser gingen stark auseinander. Schliesslich wurde der Kapitaen aergerlich, und Rogar sah sich genoetigt einzuschreiten und Temes klar zu machen, dass der Hauptgrund des Treffens war, Rogar's Passage aus dem Hafen zu arrangieren. Von da an gingen die Verhandlungen glatter, und bald war alles zur beiderseitigen Zufriedenheit arrangiert.

      mit

      Rogar sah sich in der niedrigen Lagerhalle um waehrend Temes und der Kapitaen begannen zu feilschen. Es stank nach Fisch. Im Schein einer einzelnen Laterne betrachtete er muessig die Reihen von Faessern die den Raum fast zustellten. Was sie wohl enthielten? Mit einem halben Ohr hoerte er wie Temes seine Presivorstellungen zum besten gab, und wie die Antworten des Kapitaens immer aergerlicher wurden.

      "Verdammt, wir koennen das Geschaeft auch lassen!", knurrte der Seemann. Rogar hatte genug - mit einem schnellen Schritt packte er Temes an der Schulter, drehte den kleinen Mann zu sich und zischte ihm ins Ohr: "Du bist hier um meine Passage zu verhandeln, du kleines Wiesel - sieh zu dass dir deine Gier nicht in den Weg geraet, oder ich werde aergerlich!" Temes nickt abgehackt, und schon bald war alles zur beiderseitigen Zufriedenheit arrangiert.

      vergleichen.

      Der Unterschied im zweiten Text ist, dass er Rogar's Aufmerksamkeit folgt - er bleibt vage so lange Rogar uninteressiert an der Situation ist, aber er wird sofort detailliert und ausgefuehrt sobald Rogar Interesse an der Situation ist und aktiv teilnimmt.

      So etwas meine ich mit 'nah am Charakter bleiben', und als Erzaehlform finde ich das schoen, weil es die Szene sehr unmittelbar erlebbar macht. Der ferne Beobachter aus der ersten Szene gibt dem Leser das gleiche Wissen, aber ohne die Unmittelbarkeit von Rogar's Erleben, und ein Wechsel der Perspektive innerhalb einer Szene, wo wir etwa Rogar's und Temes' Gedanken lesen koennten, waehre schon leicht irreal, weil der Leser die Szene dann gleichzeitig durch die Augen von zwei Personen erlebt und weiss was beide denken - un das ist Wissen das wir im Alltag in unserer Erfahrung nicht haben, daher wuerde auch das Distanz schaffen.
    • Hey, @Thorsten, ein sehr schöner Beitrag! Für mich zwar nichts Neues, aber du hast die Perspektiven sehr anschaulich dargestellt, und wem das ganze Konzept noch nicht so klar ist, dem wäre dieser Post sicher eine gute Hilfe. Ich frage mich, ob sowas schon in der Schreibwerkstatt angepinnt ist. :hmm: Mit einem einzelnen Post sicher schwierig. Aber falls mal jemand so eine Frage an mich richten sollte, weiß ich schon, was ich ihm verlinke. :D
      [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

      Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
      Himmelsjäger [Neufassung]
    • Thorsten schrieb:

      Dann stellt sich mir die Frage - wie sehr liegt mir daran den Leser ein bisschen mit dem Plot zu ueberraschen? Angenommen ich schreibe sehr minimalistisch, und dann beschreibe ich einen besonderen Brauch als Rogar in ein Dorf kommt - der gewiefte Leser wittert dann sofort dass ich das ja nur tue, weil der Brauch spaeter fuer den Plot einen Twist darstellen soll und sieht schon was kommt. Kann ich vermeiden indem ich die fuer dem Plot wesentliche Information neben einer Anzahl unwesentlicher Informationen verstecke (wie halt ein guter Krimi auch gemacht ist).

      Im Extremfall, wenn ich weiss dass jeder der einen Namen hat fuer den Plot wichtig ist und alles was ausgefuehrt wird irgendwann mal vorkommen wird fuehlt sich das fuer mich als Leser wie eine Theaterkulisse an - ich sehe wer eine Rolle hat, wer Statist ist, wie tief die Kulissen sind - sowas lese ich nicht gerne.

      Genau das wäre auch mein Argument gewesen. Ich sehe das auch gerade aus den Augen eines intensiven Rollenspielers: Es gibt Meister, die nur Objekte/Gebäude/Menschen beschreiben, die für den Plot relevant sind: "Ihr betretet das gut gefüllte Schankhaus, am Tresen sitzt ein Mann mit auffälligem Hut." -> Als Spieler/Leser beschäftige ich mich automatisch nur noch mit der einen Person, der Rest ist mir egal. Daher mag ich persönlich auch die erste Szenerie mit den Gardisten und Dieben, denn in meiner Phantasie sagt es viel über die Struktur der Stadt aus (Ich denk da spontan an Ankh Morpok und seiner offiziellen Diebesgilde, gegen die die Gardisten nichts tun dürfen^^).
      Außerdem sehe ich keinen Widerspruch in beiden Versionen, nach der Schankraumbeschreibung kann es ja trotzdem das Wirtsgespräch geben - auch wenn das die längste Variante ist, aber ich liebe solche Details! (Was auf der anderen Seite dazu führen würde, dass ich als Autor geneigt wäre, die Uniform der Gardisten zu beschreiben und die mögliche Dekoration der Taverne etc. pp. - und DAS wäre dann wahrlich zu viel ;) )
    • Dfranorugh schrieb:

      Genau das wäre auch mein Argument gewesen. Ich sehe das auch gerade aus den Augen eines intensiven Rollenspielers

      Ja, da hab' ich das gelernt... Die Spieler sind irgendwann auf den Trichter gekommen zu fragen 'Wie heisst der?' - und wenn kein Name kam, haben sie daraus geschlossen dass er wohl unwichtig ist.

      Also habe ich riesige Listen von Namen gemacht... und so weiter... :D

      Dfranorugh schrieb:

      Was auf der anderen Seite dazu führen würde, dass ich als Autor geneigt wäre, die Uniform der Gardisten zu beschreiben und die mögliche Dekoration der Taverne etc. pp. - und DAS wäre dann wahrlich zu viel

      Das ist so ein bisschen das Thema des zweiten Beispiel-Posts - wenn es Rogar interessiert, wuerde ich es beschreiben, wenn nicht dann halt nicht - einfach mit seiner Aufmerksamkeit mitgehen.
    • Thorsten schrieb:

      Eine meiner liebsten Erzaehlweisen (wobei ich gleich dazu sagen muss, dass ich wirklich hervorragende Buecher kenne die ein Ich-Erzaehler traegt) ist eine Er-Erzaehlperspektive die aber eingeschraenkt ist - in jeder Szene schaut sie einem (und nur einem) Charakter ueber die Schulter und kennt seine Gedanken, aber nicht die Gedanken von irgend jemandem sonst in der Szene (das ist fast sowas wie ein Ich-Erzaehler).
      Das ist auch meine liebste Erzählweise, denn sie bietet neben dem, was du schon erwähnst, auch noch Vorteile im Spannungsbogen. Bekommt der Leser nur die eingeschränkte Perspektive eines Charakters mit, fehlen ihm Informationen, die ihm andere Charaktere vorenthalten. Oder aber er ahnt nicht, was in der Finsternis auf ihn lauert, während ein auktorialer Erzähler es vorwegnehmen könnte.
      Im Übrigen nennt man einen solchen Erzähler einen Personalen Erzähler.
      Tatsächlich wirkt es auf mich so, als würden die meisten Autoren hier im Forum auch diesen Erzählstil wählen, eben wegen der Vorteile, die du aufführst. Auch wenn mir auffällt, dass sich einige Autoren von Zeit zu Zeit damit schwer tun, die Nähe zum Charakter mehr oder minder konstant einzuhalten und nicht hier und da mal allwissende Erzählelemente einfließen zu lassen, bzw. den Gedankengang der Charaktere verlassen, um Infos von anderer Stelle einzustreuen oder aber Gedanken und Empfindungen aller Charaktere beschreiben. Meist fällt mir das dann eher negativ auf, vor allem weil es den Schreibstil bricht. Wobei man das leicht retten kann, durch die tollen Wörter "wirken", "scheinen" und Co. ;)
      Statt zu schreiben: Thorsten fand den Kuchen lecker. Macht man: Auch Thorsten schien der Kuchen zu schmecken.
      Und schwups bleibe ich näher am Charakter, weil ich aus Perspektive des Erzählers nicht sicher weiß, dass ihm der Kuchen schmeckt.
      Natürlich gibt es auch Momente, in denen man sich plötzlich vom Charakter entfernt, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Bspw:

      Karl Heinz Södenke schüttelte den Kopf und verließ Hannelore im Streit. Hätte er nur gewusst, dass dies die letzten Worte sein sollten, die er je an sie richten würde.

      Kein Personaler Erzähler könnte das wissen, aber trotzdem nehme ich den Tod Hannelores vorweg, um die Szene tragischer zu gestalten oder aber weil ich aus einem bestimmten Grund später nicht möchte, dass er überraschend kommt.
      Ansonsten hat es natürlich viel damit zu tun, wie aktuell das Erzähltempo in der Geschichte ist. Nah am Charakter zu bleiben (oder wie aus dem ersten Post: mehr über die Welt preiszugeben) wirkt denke ich oft ein wenig langatmiger, da eine indirektere Betrachtung wirkt, als würde man Informationen grob bündeln. Dadurch bekommen Passagen wie deine jeweils ersten Beispiele oft einen Übergangscharakter, der in eine andere Szene führen soll, während die zweite Variante eher wirkt wie eine relevante Szene an sich.
    • Woerter bedeuten was

      Klingt ganz offensichtlich - wie sonst koennten wir eine Geschichte schreiben die ein anderer versteht wenn Woerter nichts bedeuten wuerden?

      Rogar schwang sich auf den Tisch und sah herausfordernd in die Runde. "Auf geht's!", sagte er.

      Hat jeder ein Bild dazu im Kopf?

      Aber wenn ich jetzt sage dass in Rogar's Welt ein Tisch ein kamelartiges Reittier ist und die Runde die groeste Wueste der Welt - warum hatte das Bild der Karawane keiner im Kopf?

      'Tisch' und 'Runde' bedeuten halt schon was, ich kann als Autor nicht einfach ein Wort nehmen, mit meiner eigenen Bedeutung aufladen und erwarten dass der Leser das versteht. Selbst wenn ich vorher erklaere was 'Tisch' und 'Runde' bei mir bedeuten wird der Romen von Rogar's Zug durch die Wueste wohl anstrengend zu lesen. Wenn ich hier sowas posten wuerde, wuerde mir wahrscheinlich jemand vorschlagen, doch andere Woerter zu nehmen, oder zumindest sowas wie Tish und Rounde zu schreiben.

      Will sagen 'Bei mir bedeutet X aber Y' ist kein gutes Argument - der Autor verweigert sich eher einer fluessigen Kommunikation mit dem Leser.

      ***

      Jetzt sind Woerter ja nicht immer scharf definiert. 'Schwert' kann eine Claymore bezeichnen, ein Gladius, ein Katana, den Stabilisator eines Segelschiffs,... aber ich kann mir auf Anhieb keine Situation vorstellen in der ein Hammer als 'Schwert' bezeichnet werden koennte.

      Jedes Wort drueckt etwas wesenhaftes aus, die Definition eines Dings, und dieses Ding kann dann nicht-wesenhafte Eigenschaften haben. Ich kann ein langes Schwert haben, ein kurzes Schwert, ein krummes Holzschwert, i.e. weder Groesse noch Material sind wesenhaft - aber ich kann kein Hammer-artiges Schwert haben - die Form (eine Art Klinge) ist wesenhaft (und erklaert auch warum Segelschiffe Schwerter haben koennen).

      Erfundene Woerter sind weniger praezise definiert - ein Vampir ist eine Sagen und Literaturgestalt, da werden ganz verschiedene Themen angerissen, manche Vampire koennen sich bei Tageslicht bewegen, andere nicht, manche sind ansteckend und wer gebissen wird wird zum Vampir, manche nicht, manche hassen Knoblauch, manche fliessendes Wasser, manche Weihwasser, manche trinken Blut, andere nicht,... aber mir erscheint eines wesenhaft an Vampiren - sie rauben Energie/Lebenskraft in irgend einer Form von anderen (daher auch die Metapher vom Emotionsvampir der die Aufmerksamkeit und den guten Willen seiner Mitmenschen aufsaugt...) Aber jemand, der sich bei Vollmond in einen Wolf verwandelt ist kein Vampir.

      ***
      Es ist wichig, zwischen Klischee und Wesenhafem aka Definition zu unterscheiden. Etwas Wesenhaftes ist niemals ein Klischee - ein Klischee ist die Verwendung von einer nicht-Wesenhaften Eigenschaft als ob sie wesenhaft waere. Dass ein Riese gross ist ist Teil der Definition des Wortes - aber dass ein Riese dumm sein muss ist ein Klischee (es kommt halt in den meisten Maerchen so vor, aber es gibt keinen Grund dafuer). Ein Riese der klein ist ist kein Riese mehr, ein Riese der klug ist aber sehr wohl.

      Wer darauf aus ist, ein Klischee zu hintertreiben oder zu brechen (warum auch immer) sollte sich des Unterschiedes bewusst sein.

      ***

      Wenn wir die Bedeutung einer Wortes nicht kennen, dann assoziieren wir doch oft eine Situation, ein Milieu oder Stimmung damit. Wenn ich schreibe 'Polymerase Kettenreaktion, epigenetischer Marker, Basenpaar, Ribonukleinsaeure, CRISPR' dann sieht hoffentlich jeder ein biochemisches Labor mit einem Genetiker drin vor sich, wenn ich schreibe 'Riemann-Tensor, Ereignishorizont, Raumzeitkruemmung, Schwarzschild-Metrik, Christoffel-Symbol'' dann deutet das auf Gravitationsphysik hin.

      Und das funktioniert normalerweise, ohne die genaue Bedeutung zu kennen (ich waere jetzt ueberrascht hier viele zu treffen die wissen was die Schwarzschild-Metrik jetzt ist - aber man weiss ja nie :D ).

      Zum Problem kann das werden, wenn der Autor sein eigenes Unwissen beim Leser voraussetzt und Woerter fuer eine bestimmte Stimmung benutzt, ohne sich um ihre Bedeutung zu scheren.

      Britta stieg in die Kandare und trieb das Pferd mit einem Stups des Hackamore auf die Flanke an - ueber die Ganasche schoss der Wallach nach vorne und im gestreckten Galopp auf das Travers.

      Fuer einen Leser der nicht reitet klingt das wahrscheinlich stimmungsvoll nach einer Szene in der Reithalle, mit den richtigen Fachbegriffen angereichert - fuer einen Leser der reiten kann ist es hahnebuechener Unfug und laed eher zu einem Lachanfall ein.

      Wenn man als Autor in einer Geschichte ein Wort verwendet, dessen Bedeutung man nicht kennt um dem Leser vorzumachen dass der Text plausibel in einem bestimmten Milieu angesiedelt ist, dann ist das im Endeffekt ein Bluff - wirkungsvoll so lange der Leser auch die genaue Bedeutung nder Begriffe die verwendet werden icht kennt, aber der Autor steht nackt da wenn der Leser sie kennt.

      Das wirkt dann so:

      Rogar laechelte grimmig - die Soldaten hielten sich fuer schlauer als er. Vorsichtig spaehte er ueber den Felsen. Weniger als eine Achtelmeile und nicht mal gut hinter den Bueschen versteckt. Er griff nach seiner Axt, hob sein Schwert und liess fliegen - und schon einen Moment spaeter brach einer der Maenner toedlich getroffen zusammen. Die anderen huschten hastig tiefer in Deckung.

      Nicht so toll, wenn der Autor nicht weiss was ein Schwert ist und einfach mal irgendwelche mittelalterlichen Waffen fuer die Stimmung reinschreibt...

      Will sagen - es ist immer gut wenigstens ungefaehr zu wissen wovon man schreibt und ein Milieu mal zu recherchieren - das gilt auch fuer Fantasy. Je spezieller die Bedeutung eines Wortes ist, desto geringer das Risiko dass der Leser es kennt und desto verzeihlicher - nicht genau zu wissen was der Riemann-Tensor ist ist weniger problematisch als ueber Reiten zu schreiben und eine Kandare nicht zu kennen.

      Und bevor man anfaengt Woerter fuer die eigene Welt umzudefinieren, kann man auch gut welche erfinden - wie es z.B. Tolkien mit Mithril gemacht hat - die koennen dann auch schon mal verbreiteter werden.
    • Kampfszenen

      Frueher oder spaeter kommen viele Geschichten an den Punkt wo es zu einer Auseinandersetzung mit der Waffe kommt - und der Schwierigkeit, dass der Autor oft wenig Einblick hat, wie ein Schwertkampf eigentlich ablaeuft.

      Der meiner Meinung nach groesste Fehler ist es, den normalen Erzaehlstil und das Erzaehltempo einfach beizubehalten. Etwa:

      Die drei Maenner kamen langsam auf Rogar zu, der sein Bastardschwert fest im Griff hielt und den ersten fixierte. Dieser hob ploetzlich sein Schwert und ging zum Angriff ueber. Sein Kettenhemd, das wohl schon mehr als einmal geflickt worden war, allerdings von einem Schmied der sein Handwerk nicht so richtig verstand, rasselte bedrohlich als er sich bewegte - aber nicht so bedrohlich wie die lange, schartige Klinge die fuer einen Moment in der hellen Mittagssonne aufblitzte. Rogar blinzelte gegen das ploetzliche Licht, das in seine Augen fiel, und taenzelte fast zu spaet zur Seite bevor er seine eigene Klinge in einem langen Bogen hochriss und die beiden Waffen mit einem hellen, vibrierenden Klirren aufeinandertrafen. Die beiden anderen, der eine ein aelterer Kerl in dessen Bart sich schon das erste Grau mischte, der andere, seinen ungeschickten Bewegungen nach zu urteilen ein Jungspund dem man grade mal ein Kurzschwert in die Hand gedrueckt hatte und der keine Ausbildung hatte die der Rede wert waere, bewegten sich vorsichtig zu beiden Seiten weg um in Rogars Ruecken zu kommen, aber er wusste dass er noch genug Raum nach hinten hatte und sie noch eine Weile vor sich halten konnte wenn er sich geschickt anstellte und sie nicht uebermaessig gut taktisch agierten.

      ***

      Ich kenne Kaempfe mit der Klinge aus mehreren Jahren Sportfechten aus eigener Anschauung, und ich habe mir ein bisschen an Literatur zum Renaissance-Schwertfechten und zum japanischen Fechten angeschaut - der Tenor ist in etwa der selbe.

      Ein Grossteil der Ausbildung und des Trainings dient dazu, dem Schwertkaempfer das Denken abzugewoehnen. Denken ist zu langsam - alle Bewegungen muessen im Training so lange wiederholt werden bis sie fest im Bewegungsgedaechtnis sind und schon als Reflex abgerufen werden koennen. Wenn ich einen Angriff sehe und mir ueberlege wie ich den kontere, dann bin ich tot bevor sich meine Hand bewegt. Statt dessen sehe ich den Angriff und das Muster der Parade und des Konters laeuft schon - erst im Nachhinein registriere ich eigentlich bewusst was ich da gemacht habe.

      Die japanische Philosophie geht sogar so weit dass der ideale Kaempfer vollkommen den Gedanken dass er getroffen werden koennte oder sterben koennte unterdruecken koennen muss - der muss eins mit der Waffe und der Situation werden - nur so ist er schnell genug.

      Ein echter Kampf mit der Klinge ist eine Abfolge von schnellen Bildern die kurz aufblitzen, gefolgt von kurzen Phasen wo man sich belauert und mehr zum Denken kommt - einen Angriff bereitet man vor indem man die Bewegung schon visualisiert und sie dann einfach ablaufen laesst.

      Was oft unterschaetzt wird - Beinarbeit. Ein wesentlicher Teil eines Kampfes ist es, den Abstand zum Gegner zu bestimmen. Wenn ich jemandem zum ersten Mal zeige wie Fechten geht, dann lasse ich ihn mich mal probehalber angreifen (mit Sicherheitsweste und Maske natuerlich) - und hebe meine Klinge gar nicht, sondern weiche einfach nur zurueck. Funktioniert wunderbar - wer nicht gelernt hat schnell waehrend eines Angriffs die Distanz zu verkuerzen hat nie die noetige Reichweite um einen Treffer zu setzen. Deshalb ist gut die Haelfte einer Trainingseinheit Sprotfechten der Beinarbeit gewidmet.

      Was oft ueberschaetzt wird - die Ausdauer der Kaempfer. Selbst ein 500 g Florett, so schnell wie es geht in Angriffe und Paraden gefuehrt, dabei schnelle Angriffs- und Abwehrbewegungen - das bringt einen schnell ausser Atem, selbst wenn man gut im Training ist. Ein ernster Fechtkampf ist ein bisschen wie ein 100 m Sprint - maximal Energie in kurzer Zeit raushauen um so schnell wie moeglich zu sein.

      (Guy Windsor, der Autor eines Trainingshandbuchs fuer mittelalterliches Fechten, unterscheidet zwischen 'street situation' - den anderen kampfunfaehig machen, egal wie - 'duel' - einem Kampf nach bestimmten Regeln und 'academic fencing' - Uebungskampf um Techniken gegeneinander auszuprobieren ohne das Ziel, dem anderen zu schaden- und nur der letztere ist etwas was laenger dauert, primaer weil beide das so wollen).

      ***

      Auf den oberen Text bezogen - Rogar als erfahrener Kaempfer wuerde nie die Zeit haben ueber Dinge wie die Kompetenz des Schmiedes zu sinnieren der ein Kettenhemd geflickt hat. Die Szene laeuft in Wirklichkeit schnell ab - ein Angriff und eine Parade sind Dinge die in Sekunden passieren, mit einer leichten Waffe wie einem Florett in Sekundenbruchteilen - lange Beschreibungen mit vielen Adjektiven oder lange Saetze, gern auch mit geschachtelten Relativsaetzen halten die Szene auf und unterbrechen die Dramatik. Die ganze Perspektive wirkt nicht wie ueber die Schulter von Rogar geschaut, weil Rogar all diese Beobachtungen weder machen kann, noch in diesem Tempo erlebt. Statt dessen kann man auf kurze Saetze und Satzfetzen umsteigen um Rogar's Erleben im Text zu untermalen - und mehr auf Rogar's Empfinden eingehen als die Szene von aussen zu beschreiben. Chaos und ein unvollstaendiges Bild sind Teil der Beschreibung - erst hinterher kann der Leser mehr erfahren.

      Die drei Maenner kamen langsam auf Rogar zu, der sein Bastardschwert fest im Griff hielt und den ersten fixierte. Fuer einen Moment krampfte sich sein Magen zusammen - fuer manche Dinge war man nie bereit, egal wie oft man sie schon getan hatte... Und dann war keine Zeit mehr fuer irgend etwas. Ein helles Aufblitzen einer Klinge in der Sonne. Verdammt! Sein Koerper warf sich schon instinktiv zur Seite, seine Fuesse tanzten ueber den sandigen Boden. Helles, singendes Klirren als die Schwerter sich trafen, der schmerzhafte Ruck in seinem Handgelenk. Ein schneller Konter, den Schwung nutzend. Erneut trafen die Waffen aufeinander. Der andere prallte zurueck - Raum fuer einen Moment. Ein hektischer Blick links und rechts - wo waren die anderen? Der eine - Graubart - schlich sich nach vorne. Verdammt, wo war der andere? Keine Zeit - er riss die Klinge zu einem hastigen Angriff hoch und legte seine ganze Kraft in einen Hieb auf den Kopf des anderen - wenn er es jetzt nicht schnell zu Ende bringen konnte...

      Diese Szene fuehlt sich jetzt fuer mich so an, wie sich echte Kaempfe fuer mich angefuehlt haben.
    • Thorsten schrieb:

      Die japanische Philosophie geht sogar so weit dass der ideale Kaempfer vollkommen den Gedanken dass er getroffen werden koennte oder sterben koennte unterdruecken koennen muss - der muss eins mit der Waffe und der Situation werden - nur so ist er schnell genug.
      Die Japaner üben ja auch auch diesen ersten Angriff extrem exzessiv, da liegt mehr oder weniger alles in diesem ersten Schlag. Alles oder nichts (das beruht wohl auch auf der Situation der Samurai, die, wenn sie verloren haben, auch Land, Burg und Familie verloren.)
      Danach gehen japanische Kämpfer wieder auseinander und beginnen von Vorne. Wohl auch eine Grund weshalb Katanas keine zweite Klinge oder Parrierstange haben.

      Der europäische Schwertkampf ist da tendenziell weniger suizidal und der eigentlich Kampf geht nach dem ersten Angriff (sofern beide gut genug sind das sie das überleben) erst richtig los. Kein dümmliches Klinge auf Klinge hauen sondern ein schon fast absurdes Spektrum an Techniken und Möglichkeiten um Gegnerische Angriffe abzuwehren und gleichzeitig anzugreifen. Da ein gutes Schwert keine Wuchtwaffe ist (was schlicht keinen Sinn machen würde) sondern meist relativ leicht, ist das eine sehr, sehr schnelle Sache und natürlich kann man nur die Techniken einsetzen die man entsprechend lange geübt hat. Klassische Hollywood-Paraden gibt es in der Form normalerweise nicht, da man immer versucht nicht nur den Angriff abzuwehren sondern auch gleichzeitig eine Bedrohung aufbaut um dem Gegner die Offensive zu nehmen und ihn dazu zwingt auf diese Bedrohung zu reagieren.
      Und ja, eine durchschnittlicher Kampf ist wohl nach 10 sec ( abzüglich dem anfänglichen Belauern und Austesten) vorbei.

      Beinarbeit ist ein guter Punkt! Sowohl beim modernen Sportfechten als auch bei der japanischen Schule ist das ja eher "direkt", während der Europäische Schwertkampf da auch stark darauf baut, aus der Linie zu treten und Angriff des Gegner von der Seite aus zu "brechen", was natürlich auch nur klappt wenn man sehr trittsicher und schnell ist, gleichzeitig aber auch immer einen sicheren Stand hat.

      Bei mehreren Gegner natürlich noch mehr als in einer Duellsituation. Leider gibt es fast ausschließlich historische Fechtbücher zur Duellsituationen, zu "street situation" kenne ich tatsächlich nur (Renaissance) Fechtbücher zu Zweihändern die das behandeln.
      Zu Schlachten gibt es so gut wie gar nichts, aber da waren Schwerter auch nie wirklich relevant...
    • Der Teufel liegt im Detail (wo auch sonst?)

      Ich bin ein Leser, der Details in einer Geschichte eigentlich gut leiden kann.

      Ausser... wenn sie grade stoeren.

      Daher an dieser Stelle mal ein paar Reflektionen darueber wann ein Detail eine Geschichte bereichert und da sein sollte, und wann es das eher nicht tut. Die generelle Regel ist so einfach, dass sie nutzlos ist:

      Details sind dann gut, wenn sie den Leser interessieren.

      Jetzt sind Leser halt verschieden - der eine freut sich daran dass die Mechanik eines Katapults beschrieben wird, der andere findet das bloed, der eine weiss es zu schaetzen dass der Autor offenbar Ahnung vom Segeln hat und auch Fachbegriffe richtig verwenden kann, dem anderen ist das zu viel Segelblabla. Daher sollte man vielleicht damit anfangen sich klar zu machen - fuer wen ist die Geschichte eigentlich?

      Es ist voellig legitim eine Geschichte primaer fuer eine Zielgruppe zu schreiben die sich fuer Segeln interessiert, oder Astronomie, oder keltische Sagen - das ermoeglicht es dann fuer diese Gruppe besonders viele Anspielungen und Details reinzubringen - die dann im Extremfall andere Leser eher hindern. Aber ganz allgemein gibt's schon ein paar Prinzipien wann Details gut sind und wann nicht.

      ***

      Bakeshwar am Rand der Grossen Wueste war als eine der schoensten Staedte des Landes bekannt. Rogar erreichte sie am Abend, muede nach der langen Karawanentour, aber er hatte keine Probleme die Taverne zu finden in der er Fekesh finden sollte.

      Jo - da wird der Leser angefuettert mit der Vorfreude auf eine ganz besondere Stadt - und dann kommt nichts. Fuer Leser die so ticken wie ich - ganz schlecht. Ich mag eigentlich immer so viel Beschreibung dass ich mir vorstellen kann was der Charakter grade sieht. Sie reisten fuenf Tage durch Tamarin. - geht gar nicht, ich mag wissen wie sieht's da aus, ist Tamarin feucht, trocken, bewaldet, dicht besiedelt? In einer Stadt mag ich wissen - wie schauen die Haeuser aus - Lehmhuetten, Fachwerk, Stein, ein-oder zweistoeckig? Strassen gepflastert oder nicht? Wenn ich kein Bild von der Umgebung habe, ist die Geschichte nichts fuer mich - so viel Details dass ich sehe durch was fuer eine Welt sich der Charakter bewegt, das muss sein.

      Das ist manchmal schwer als Autor zu realisieren dass da was fehlt - weil der Autor selber hat ja beim Schreiben das Bild im Kopf und sieht es auch jedesmal wenn er den Text liest - aber das heisst leider nicht dass es alles da steht, der Leser kann ja nur das sehen was auch im Text ist.

      ***

      Mit einem Krachen landete die Axt in Rogar's Schild, und er strauchelte unter der Wucht des Angriffs und wich zurueck. Die harte Mittagssonne liess den Helm seines Gegers blendend aufgleissen, aber der sanfte Westwind strich kuehl ueber seine scheweissnasse Stirn. Nach dem Regen der letzten Tage war das Wetter schon seit dem fruehen Morgen aufgeklart - vom Imbriameer her waren grosse Wolkentuerme ueber die Kueste gesegelt, aber sie hatten ihre Last an den Haengen der Unara-Berge abgelegt, und hinter dem Hindernis zog nun ein sanfter Zephyr ueber das Land, bewegte die Wedel der Palmen und strich durch die Mandelbaeume, brachte den Geruch von Zitronen mit sich.

      Man merkt schon, Details sind schoen, aber nicht wenn man grade auf was anderes wartet, zum Beispiel darauf dass eine Actionszene weitergeht. In schnellen Szenen in denen viel Handlung passiert haben lange Beschreibungen mit vielen Adjektiven normalerweise nichts zu suchen - da muss auch die Sprache schneller werden und die Saetze kuerzer, sonst wird der Fluss der Szene zerrissen.

      ***

      Rogar trat aus der Tuer. Er hob dazu seinen Fuss ueber die Tuerschwelle und trat auf eine Steinplatte. Forsch setzte er auch den anderen Fuss voran, bis er nach zwei Schritten den Rand der Strasse erreichte. Hier musste er seinen Fuss tiefer setzen, und dann den anderen nachziehen, bis er mit schnellen Schritten durch den Schlamm gehen konnte der jedes Mal an seinen Fuessen zog.

      Hier wird der Leser unterfordert - von vielen Dingen kennen wie die Mechanik - wir wissen aus Erfahrung wie es ist zu laufen, zu essen, zu schlafen, mit jemand anderem das Bett zu teilen (wenn der Leser alt genug ist jedenfalls :) ), zu atmen, zu singen - bei Dingen die der Leser schon aus eigener Erfahrung kennt langweilen zu viele Details schnell (oder wer will wirklich Rogar's Weg Schritt fuer Schritt lesen?)

      Statt dessen ist das erzaehlenswerte nur das besondere - dass die Strasse schlammig ist kann kurz erzaehnt werden, wenn Rogar stolpert ist das vielleicht einen Satz wert - aber wie ein Mensch geht, das kann sich jeder Leser auch ohne Details gut vorstellen.

      ***

      "Der Lambert-Code liefert kein Target." - "Verdammt - ja, die Residuen sind ja auch alle viel zu gross - wir haben nur Daten vom Radar." - "Wir brauchen ein externes Target." - "Wenn die Ku-Antenna zurueck auf COMM schalten verlieren wir die letzten Daten die wir haben." - "Die naechste Gelegenheit fuer SGLS ist in 20 Minuten - das ist zu spaet. Die Antenne muss ins TDRS Network, oder wir verpassen das Zeitfenster."

      Bla bla.

      Ueberraschenderweise ist das kein Technobabble, sondern eine Konversation die ein echtes Problem beschreibt dass sich in der Endphase eines Rendezvous des Space Shuttle mit der ISS im Cockpit so abspielen koennte - mit herrlich vielen Details wie ein Shuttle funktioniert.

      Das Problem ist - das begreift keiner. Der Leser wird ueberfordert, ihm felt der Kontext um die Details zu verstehen - und dann tragen sie nichts bei. Wenn, dann muss der ganze Kontext in der Geschichte aufgebaut werden so dass der Leser eine Chance hat beim Lesen was neues zu lernen und vielleicht auch ausser unterhalten zu werden das eine oder andere Nugget an Wissen mitnimmt.

      ***

      Eines der Dinge die ich sehr an guten Geschichten schaetze ist, wenn sie es schaffen mir ein Aha-Erlebnis zu verschaffen - eine neue Einsicht, ein neuer Gedanke - sei es eine gut erfundene Gesellschaft, eine schraege Umgangsform - oder dass sie mir tatsaechlich vermitteln wie das Segeln so funktioniert, oder das Reiten - das ich eine Ahnung bekomme das Magier in dieser Welt so studieren. Und dafuer lohnt es sich, in Details und Weltenbau zu investieren - und wenn der Autor das schafft, den Kontext zu erklaeren so dass ich ein neues Detail schaetzen kann - das finde ich grossartig.
    • Der Leser und seine Vorurteile

      Rogar bog hastig in die Seitengasse, drueckte sich an den halb-vermoderten Stuetzbalken eines Schuppens und schob seine Hand unter den Umgang, tastete nach seinem Doch. Die Schritte kamen naeher, platschten in der Pfuetze - und da bogen sie auch schon um die Ecke, zwei Maenner in grauen Wolltuniken, kurze Schwerter in der Hand.

      Kurze Pause zum Nachdenken:

      Wer hat die drei Verfolger als Elben vor sich gesehen? Wer als Zwerge? Wer als Echsenmenschen? Vogelmenschen? Pixies? Centauren? Orks oder Goblins? Trolle? Und wer als Menschen?

      Es wurde ja eigentlich nie gesagt dass es Menschen sind...

      Vermutlich (mit der moeglichen Ausnahme von @kijkou, deren Wahrnehmung dieses kleinen Experiments mich persoenlich interessieren wuerde) haben die meisten hier weisse Menschen europaeischen Typs vor ihrem inneren Auge gesehen.

      ***

      Ist der Leser ein Rassist, weil er automatisch von Menschen ausgeht und sich nicht vorstellt dass da Elben kommen? Hegt er vielleicht verborgene Vorurteile gegenueber Zwergen?

      Vermutlich eher nicht. Wir sind halt gewohnt mit Informationen effizient umzugehen. Wenn etwa eine Freundin erzaehlt wie sie neulich in der Stadt war und sagt "Ich hab' da einen Mann gesehen, der war richtig schraeg angezogen..." - dann ist es wahrscheinlch dass dieser Mann weiss war. Dass er ein Elb war ist... eher unwahrscheinlich. Wenn sie erzaehlt "Neulich war ich in Tokyo, da hab' ich einen Mann gesehen..." - und schwupps, wird der erste Eindruck des Manns im Kopf zu einem Asiaten, weil es die wahrscheinlichste Situation ist dass sie in Tokyo einen Japaner gesehen hat. Wuerde sie sagen "Ich war im Urlaub in Sansibar, da habe ich einen Mann gesehen..." - dann wird die Haut des Mannes in der Vorstellung dunkler, weil der Kontext nahelegt dass sie da einen Afrikaner getroffen hat.

      Wenn der Kontext gesetzt ist, dann nutzt die Vorstellungskraft das aus und springt zu einem passenden Bild - ansonsten springt sie zu dem was wir eben aus dem Alltag so am haeufigsten treffen.

      Und das gilt auch beim Fantasy-Lesen - nur dass der Kontext da in aller Regel noch viel staerker gesetzt werden muss weil ein Platz wie Tokyo halt im Kopf viel eher verankert ist als die Stadt in der Geschichte die wir grade lesen und von der wir jetzt zum ersten Mal hoeren.

      Rogar bog hastig in die Seitengasse, drueckte sich an den halb-vermoderten Stuetzbalken eines Schuppens und schob seine Hand unter den Umgang, tastete nach seinem Doch. Er hasste diese Zwergenstadt und ihre kurzen Einwohner... Die Schritte kamen naeher, platschten in der Pfuetze - und da bogen sie auch schon um die Ecke, zwei gedrungene, baertige Maenner in grauen Wolltuniken, kurze Schwerter in der Hand.

      Jetzt denkt man vielleicht schon eher an Zwerge weil der Kontext mit ein paar Worten extra so gesetzt ist, auch wenn von Maennern die Rede ist.

      Das diabolische an dieser Sache mit den Vorstellungen und ihrem automatischen Sprung zu dem was wir schon kennen ist, dass es dem Autor nicht auffaelt. Nie. Der Autor hat ja die Vorstellung seiner Welt schon bevor er schreibt, er hat mit der Welt schon Wochen und Monate verbracht, sie ist fest in seiner Vorstellung verankert - er weiss dass die Maenner die um die Ecke kommen Zwerge sind - und deshalb sieht er immer die richtigen Bilder vor sich. Egal was im Text steht.

      Der Leser hingegen hat (grade am Anfang einer Geschichte) noch eine viel weniger gefestigte Vorstellung der Welt, er muss erst an den Punkt kommen dass er die richtigen Bilder vor sich sieht, und deshalb braucht er Hilfe. Wenn er unterschiedliche Rassen vor seinem inneren Auge sehen soll, braucht er nicht nur am Anfang eine klare Beschreibung wie die aussehen, sondern auch immer wieder Hinweise im Text um das 'verrutschen' zum Bekannten zu vermeiden - denn wir neigen dazu, Vorstellungen die anstrengend aufrechtzuerhalten sind (weil sie eben anders sind als was wir so kennen) zu vergessen - und das Lesen ist anstrengend und unschoen wenn man sich schon mal ein Bild von drei Menschen-Maennern macht, dann aber zwei Seiten spaeter realisiert dass die eigentlich Elben waren, sich korrigigiert und das staendig passiert.

      (Eine schoene visuelle Illustration des Themas kommt im Film 'The Gamers II' wo einer der Rollenspieler eine Frau spielt. Wann immer er durch ein Ereignis daran erinnert wird ist der Charakter im Film tatsaechlich als Frau zu sehen - aber er vergisst seine Rolle gerne, und da ist dann im Film ein Mann im gleichen Kostuem zu sehen. )

      Auch wenn es unelegant ist, ist es vielleicht manchmal sogar vorzuziehen den Begriff 'Mann' primaer fuer Menschen zu verwenden und dann einfach zu schreiben dass zwei Zwerge um die Ecke kamen. Die Zwerge wuerden sich selber vermutlich auch als 'Mann' oder 'Frau' sehen, genauso wie wir uns nicht als 'Mensch' oder 'Menschin' sehen wuerden - daher ist es unelegant - aber wenn dem Leser nur unter Muehen klar ist von wem jetzt in der Geschichte die Rede ist, ist ja auch nichts gewonnen.

      So funktioniert's sicher:

      Die Schritte kamen naeher, platschten in der Pfuetze - und da bogen sie auch schon um die Ecke, zwei gedrungene, baertige Zwerge in grauen Wolltuniken, kurze Schwerter in der Hand.

      Fazit: Menschen sind so verdrahtet, dass sie sich andere Rassen (oder allgemein ungewoehnliche Settings wie eine gruene Sonne etc.) nur schwer auf Dauer vorstellen und tendieren dazu, geistig zu verrutschen und wieder zu dem zu kommen was sie kennen. Der Autor kann das Problem nicht selber in seinen Texten sehen. Um das Verrutschen zu vermeiden, braucht der Leser immer wieder kleine Hinweise um den Kontext richtig zu setzen in dem er sich seine Bilder macht. Wenn die Hinweise fehen, wird die Geschichte unangenehm zu lesen.
    • @Thorsten also Tatsächlich hab ich mir beim ersten Mal Lesen und mit dem Namen Rogar (frag mich nicht, warum) einen Menschen-Mann mit eher dunkler Haut (vielleicht ost-europäisch) mit langem zu einem Zopf zusammengebundenen schwarzen Haar vorgestellt :D Bei Wolltuniken und Schwertern dann aber wieder Weiße ...

      Wirklich interessantes Thema, das du da ansprichst :hmm:
      Ich frage mich beim Schreiben auch immer, ob man sich das beim Lesen auch so vorstellt, wie ich das vor meinem inneren Auge sehe. Dann neige ich oft dazu, mit Beschreibungen zu übertreiben :D

      Bei Elben und Zwergen zum Beispiel kann man sich schon ein Bild machen, aber bei neu erfundenen Rassen wird das dann nochmal eine Stufe schwieriger.
      Aber ja, ich denke, dass sich viele Leser ohne gegebenen Kontext eher das vorstellen, von dem sie umgeben sind. Weiße stellen sich vermutlich eher Weiße vor, Schwarze Schwarze usw. ... Bei Fantasy hängt es dann wirklich sehr vom Kontext ab. Szenario im Wald - da sind die handelnden Wesen vielleicht eher Elben oder Goblins, in Höhlen Zwerge ...
    • @kijkou

      Ja, ich hatte mich gefragt ob Du vielleicht als erstes Asiaten vor Dir siehst wenn Du sowas liest - aber anscheinend nicht.

      (Rogar stelle ich mir uebrigens aehnlich vor wie Du, ich hab' den Namen und die Art von dem was er tut so gewaehlt dass er an einen Barbaren wie Conan erinnert der sich als Soeldner durchschlaegt...)
    • @Thorsten

      Nein, ausnahmsweise keine Asiaten ^^

      Wow, dann hast du ein großartiges Talent, Namen passend zu wählen :D
      Aber das wirft jetzt wieder den Gedanken bei mir auf, dass wir auch Vorurteile haben, was Namen betrifft. Jeder stellt sich unter einem "Karl" etwas anderes vor. Kennt man einen oder mehrere Karls und stellt man sich diesen Karl dann so ähnlich vor?
      Ich hab jetzt zB. entweder meinen Großvater im Kopf, oder aber auch ein Lama mit Hut, wenn man Karl mit "C" schreibt :rofl: