Freakshow: Episode 1

  • Erstmal: frohes neues Jahr!


    Ach herrje, was ist denn da jetzt passiert :S


    Irgendwie glaube ich, dass O'Rourke tatsächlich nichts von der Rezeptur wusste. Immerhin hat Sulley das BJ geklaut und vielleicht hat er die Seiten erst herausgerissen und dann bei O'Rourkes Sachen versteckt?


    Nun ist natürlich die Frage, welcher Wolf da diese friedliche Zusammenkunft gestört hat. Ich tippe auf Sulley ... der war ja schon immer so ein bisschen pissig auf O'Rourke :D


    Naja. Du wirst das Rätsel sicher bald auflösen :)

    Das war wieder ein cooler Part Skadi


    LG ^^


  • „O'Rourke wurde überfallen“, keuchte Moira entsetzt. Mit Sicherheit war die Banshee gerade kreidebleich um ihre Nase, aber Colin nahm, wie gewohnt, wenig Rücksicht auf ihre Befindlichkeit.

    „Ach, was du nicht sagst?!“

    „Wer, in Dreiteufelsnamen, war das?“ Hazel sprach vor allem die Männer an.

    „Keine Ahnung.“

    „Muss einer aus dem Rudel sein. Habt ihr gesehen, wie er vor Moira den Schwanz eingekniffen hat?“

    „Wieso sollte O'Rourke von seinem eigenen Mann angegriffen werden?“

    „Woher soll ich das wissen? Bin ich ihr Paartherapeut? “

    Scott setzte zu einer bissigen Erwiderung an, doch bevor sich der Hickhack zwischen den Brüdern zu ihrem üblichen Zank entwickelte, unterbrach Moira die zwei: „Sollten wir nicht besser nach O'Rourke sehen? Vielleicht ist er ernsthaft verletzt.“ Daraufhin lösten sie und Hazel sich aus dem Quartett und eilten in die Richtung, in der O'Rourke von der Nacht verschluckt worden war. Rasch sammelte Scott seine Taschenlampe auf, dann folgten Colin und er den Frauen.

    Unter einem Schutthaufen begraben, fanden sie den Alphawolf regungslos in seiner menschlichen Form auf dem Boden liegen. Ein Lager aus morschen Holzlatten und verwitterten Pflastersteinen hatte seinen Aufprall jäh gestoppt und ihn als herabfahrende Lawine verschüttet. Scott drückte Hazel die Taschenlampe in die Hand und half sodann seinem Bruder, O'Rourke freizulegen. Schutt flog rumpelnd aus dem Weg, bis sie ihn endlich Stein für Stein, Brett für Brett befreit hatten.

    Ohne zu zögern hockte sich Moira neben den Alpha, um ihn im Licht der Lampe nach Verletzungen abzusuchen. „Er hat das Bewusstsein verloren“, berichtete sie und neigte O'Rourkes Kopf behutsam zur Seite. „Und hier klebt Blut. Beim Aufprall muss er sich den Kopf aufgeschlagen habe. Mehr kann ich nicht erkennen. Es ist zu dunkel.“

    Unterdessen gab Hazel keinen Ton von sich. Auffallend schweigsam betrachtete sie den ohnmächtigen, von Staub bedeckten Mann zu ihren Füßen. „Hm…“

    „Was ist?“, fragte Scott nach. Normalerweise zeigte sich die Hexe nur wortkarg, wenn sie etwas beschäftigte. Dabei verzog sie immer auf diese spezielle Weise ihre Lippen, was Scott echt niedlich an ihr fand. Leider konnte er ihre Mimik gerade bloß vage wahrnehmen. Also kein entzückendes Lippengekräusel für ihn.

    „Ich denke nach.“

    Offensichtlich tat sie das. „Worüber?“

    Sie hob ihren Blick zu Scott und begann, ihn und die zwei anderen in ihre Überlegungen einzuweihen: „Was ist, wenn O'Rourke die Wahrheit gesagt hat und wirklich weder von meinem Bullet Journal, noch von der Rezeptur wusste?“

    „Dein Notizbuch lag bei seinen Sachen“, rief ihr Scott ins Gedächtnis. Ließ sie sich jetzt ernsthaft von seiner Unschuldstour einlullen?

    Doch Hazel gab ihm zu bedenken: „Wir nehmen an, dass es seine Sachen waren, aber sicher können wir nicht sein. Jeder, der im Bahnhof ein- und ausgeht, hätte seinen Kram dort horten können. O'Rourke war nicht selbst am Einbruch ins Tír na nÓg beteiligt. Er hatte anfangs genauso wenig wie wir eine Ahnung davon, was vor sich geht, weil Sulley damals eigenmächtig gehandelt hat.“

    „Was O'Rourke tierisch gegen die Kappe geht“, ergänzte Colin und Hazel gab ihm mit einer zustimmenden Geste Recht.

    Nun klinkte sich auch Moira ein. „Ich verstehe, worauf du hinauswillst, Hazel. Statt O'Rourke, hat sich einer seiner Männer an deinem Bullet Journal vergriffen, meinst du.“ Vorsichtig legte die Banshee O'Rourkes Haupt auf dem Untergrund ab. „Und derjenige verwendet deine Rezeptur gegen ihn.“

    Das brachte Colin zu der Schlussfolgerung „Unser großer, grauer, unbekannter Kläffer von eben.“

    „Genau. Anscheinend will jemand ganz dringend, dass O'Rourke von der Bildfläche verschwindet“, pflichtete Hazel ihm nochmals bei.

    Wie schön für die drei, dass sie so hervorragend einander verstanden! Scott kapierte nämlich keine einzige Silbe von dieser Rumheoretisiererei. Wer wusste was und wollte sich weswegen an wem vergreifen?? Da kam ja kein Freak mehr mit! Überfordert polterte Scott los: „Ist doch egal, ob O'Rourke weg ist. Tritt der Alpha ab, übernimmt eh der Beta das Rudel. Und Sulley lässt sich von niemanden dazwischen grätschen.“

    Infolgedessen schaute Hazel ihn an.

    Oh Mann. Das war doch derselbe Blick, mit dem sie ihn bereits neulich Nacht in der Küche angesehen hatte. Sagte er schon wieder bahnbrechende Dinge, ohne sich darüber im Klaren zu sein? Er wollte auch davon erfahren, wenn er etwas Schlaues von sich gab!

    „Natürlich.“ Ob der Erkenntnis teilten sich hinreißend Hazels Lippen. „Das eben, das war Sulley.“

    „Sulley?“ wiederholte Scott zweifelnd. O'Rourkes eigener Betawolf? Der Typ nahm so was wie die Rolle der rechten Hand ein. Wieso kam Hazel also ausgerechnet auf ihn? Zwischen einem Alpha und seinem Beta – da schaffte es nicht mal Wasser hindurchzufließen, so nahe standen sie sich.

    Die Hexe erklärte: „Sein Verhalten passt wie die Faust aufs Auge, Scott. Du warst selbst Zeuge, wie heftig Sulley auf O'Rourkes Entscheidungen reagiert, mit denen er unzufrieden ist. Unabhängig davon meinte auch Donnelly, dass es zwischen ihnen mächtig krachen würde.“

    „Da ist was dran, Scott“, unterstützte Colin Hazels Vermutungen. „Außer den zweien hegt niemand einen Groll gegen dich. Ihre Männer hätten dich vorhin dich einfach links liegen gelassen.“

    Hazel setzte ihr Referat fort: „Von Donnelly wissen wir, dass Sulley O'Rourke deinetwegen unter Druck setzt, was erklärt, weshalb O'Rourke aus heiterem Himmel auf eine Auseinandersetzung mit dir besteht. Und nachdem er zuletzt wieder den Rückzug vor dir angetreten ist, ist Sulley wohl sein sowieso schon mikroskopisch kurzer Geduldsfaden gerissen und er zieht die Konsequenzen. Wir haben gerade erlebt, wie diese aussehen.“

    „Aber was ist mit der Falle, in die O'Rourke uns gelockt hat?“ Zwischenzeitlich hatte Moira ein sauberes Taschentuch hervorgeholt und drückte es gegen O'Rourkes Platzwunde. Von unten schaute sie zu Hazel auf, während diese antworte:

    „Es steht nicht fest, dass er Donnelly zu uns geschickt hat. Donnelly hat selbst gesagt, keinen direkten Kontakt zu ihm zu haben und seine Anweisungen von Sulley zu bekommen. Das bietet Sulley die ideale Möglichkeit, O'Rourke zu hintergehen, ohne dass dieser oder einer seiner Leute etwas ahnt. Schließlich ist es für sie völlig normal, dass Sully Aufgaben delegiert. Sie würden es demnach vermutlich nie anzweifeln, wenn er ihnen in O'Rourkes Namen einen Auftrag erteilt. Und inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass es in Donnellys Fall so abgelaufen ist.“

    „Was für'n Drecksack, Mann“, knurrte Colin. „Als Beta sollte er O'Rourke den Rücken freihalten und ihm nicht hineinfallen.“

    Um ganz ehrlich zu sein: Scott kapierte gerade einmal die Hälfte von dem, was seine Freunde da laberten. Aber selbst das genügte ihm beileibe! Da verbrachte er echt lieber den Rest seines Lebens als einsamer Wolf, als sich mit so einem Haufen Scheiße herumschlagen zu müssen. Was für ein unnötiger Stress, Mann!

    Colins Worte blieben unkommentiert im Raum stehen. Am Ende war es Moira, die die entscheidende Frage stellte und die ratlose Stille durchbrach. „Was machen wir jetzt?“

    Alsdann kläffte Colin die Banshee an: „Was wir jetzt machen? Da lauert ein unbezwingbarer Wolf auf Speed in der Nähe, der Scott den Arsch aufreißen will. Es gibt wenig, was wir diesem Steroidmonster entgegensetzen können. Alter, der Typ hat O'Rourke gegen die Wand geklatscht, wie ein rohes Hühnerei! Wie geht so was bitte??“

    „Das lag am Adrenalinausstoß durch die Amphetamine“, erklärte Hazel am Rande. „O'Rourkes Biss muss ihn bei Sulley ausgelöst haben.“

    Frustriert kräuselte Scott den Nasenrücken. Er hatte ganz genau beobachtet, wie sich O'Rourkes Reißzähne förmlich in Sulleys Fleisch hineinbohrten und dennoch sprang dieser herum, wie ein junger Welpe. Es floss ja nicht mal Blut! „Gar nix wurde da ausgelöst! Der Biss hat Sulley kein Stück gejuckt.“

    „Ja. Das ist der Sinn meiner Rezeptur, Scott. Hast du das etwa noch nicht verstanden?“

    Selbstverständlich hatte er das! „Doch!“, bellte Scott also zu seiner Verteidigung. „...Jetzt.“

    „Wie auch immer wir vorgehen, …“ Hazel kam auf das eigentliche Problem zurück. „wir sollten es schnell tun. Sulley wird kaum das Weite suchen und dich in Frieden lassen. Bestimmt schleicht er hier herum und wartet auf seine Chance, dich wie O'Rourke aus dem Hinterhalt anzufallen.“ Darauf durfte die Hexe gern Wetten abgeben. So widerwärtig, wie es nach verwandeltem Wolf stank, hielt sich Sulley irgendwo am hinteren Ende des Geländes auf. Vermutlich wahrte er nur dank Moira Abstand zu ihnen. Beziehungsweise, dank ihrer Stimme. Sollte er nur kommen! Mit jemanden wie ihm wurde Scott doch spielend fertig.

    Als hätte Hazel seine Gedanken mitangehört, nahm sie ihm umgehend den Wind aus den Segeln. „Solange Sulley unter der Wirkung meines Mittels steht, wirst du auf keinen Fall gegen ihn ankommen.“

    „Wann wird die Wirkung denn nachlassen?“, erkundigte sich Moira, worauf Hazel wenig mehr übrigblieb, als ratlos die Achseln zu heben.

    „Das lässt sich schwer voraussagen.“

    Also fragte Scott: „Gibt's kein Gegenmittel oder so?“ Eine Pille oder weiß der Geier, was man Sulley unterjubeln konnte? So machten das die Menschen doch auch, wenn während eines Feuerwerks ihre Hunde am Rad drehten.

    „Es ist als Heilmittel konzipiert. Weshalb sollte ich ein Gegenmittel zu einem Heilmittel entwickeln?“ Woher sollte Scott das denn wissen? Hazel war doch hier die Hexe, nicht er!

    Sie verfiel in grüblerisches Schweigen und wandte erst nach einem kurzen Moment ein: „Allerdings…“ Mh? „Eine der Schwachstellen in der Rezeptur liegt in der Wirkungsdauer, genauer gesagt in ihrer Unberechenbarkeit. Ich konnte nie bestimmen, woran es liegt. Aber während meiner Versuche hat das Mittel seine Wirkung verloren, sobald Veränderungen im Organismus eingetreten sind. Schon eine Hormonumstellung lässt die Einnahme hinfällig werden. Zum Beispiel in der Pubertät oder zwischen den verschiedenen Phasen des Monatszyklus bei Frauen.“

    „Und das heißt?“ Sollten sie jetzt abwarten, bis Sulley in die Wechseljahre kam oder wie?

    „Falls wir Sulley dazu bringen können, seine menschliche Form anzunehmen, verfliegt die Wirkung“, übersetzte Hazel ihr Fachgeblubber für die weniger Schlauen unter ihnen. Na, das nannte Scott doch mal eine Aussage! „Dass er das Mittel als Tier geschluckt hat, hat sich ja bereits erwiesen. Nur wird er uns kaum den Gefallen tun und sich zurückverwandeln, weil wir ihn freundlich darum bitten. Und zwingen können wir ihn schlecht dazu.“

    Ihre Worte veranlassten Scott den Blickkontakt zu seinem Bruder zu suchen. Der Ausdruck in Colins Augen ließ keinen Zweifel: Ihm ging das gleiche durch den Kopf, wie Scott. In stummer Kommunikation starrten die Wolfsrüden einander an, bis Scott schlussendlich äußerte, was sie im geschwisterlichen Einvernehmen dachten. „Doch, können wir.“

    „Wie?“, wollte Hazel wissen. Sie schien tatsächlich ahnungslos zu sein.

    „Mit Silber.“




    nächster Teil

  • „Ja. Das ist der Sinn meiner Rezeptur, Scott. Hast du das etwa noch nicht verstanden?“

    Selbstverständlich hatte er das! „Doch!“, bellte Scott also zu seiner Verteidigung. „...Jetzt.“

    :rofl:herrlich, wie Scott einfach die ganze Zeit voll auf der Leitung stand.

    Naja, zumindest konnte er am Ende noch was Sinnvolles zum Gespräch beisteuern xD


    Ich bin jetzt aber auch gespannt, was die mit O´Rourke machen, die können ihn da ja nicht liegen lassen … obwohl, Scott und Colin würde ich das zutrauen xD


    Jetzt frage ich mich auch, wenn Sulley diesen Angriff zu verantworten hat und die Brüder den Beta … besiegen (?), ob O´Rourke dann auch den Zwist mit Scott beilegen würde? Weil eine Hand wäscht die andere und so ... Das wäre doch mal was!


    Kann weiter gehen, Skadi :thumbsup:




  • „Mit Silber?“

    Scott bestätigte der Hexe, was er eben gesagt hatte. „Jap, Silber. Wenn wir es anfassen, zwingt das uns Wolfpolys dazu, unsere menschliche Form anzunehmen. Wir können dann nicht die Gestalt wechseln.“

    „Ich dachte, Silber wäre der Schwachpunkt von Werwölfen“, gestand Hazel verwirrt und entlockte Colin damit ein abschätziges Prusten.

    „Werwölfe gibt's nicht.“

    „Und worauf beruhen die Überlieferungen und alten Darstellungen?“

    „Einer von uns, während der Verwandlung.“ Gleichgültig zuckte Scotts Bruder mit den Schultern.

    Diese ehrliche, wenngleich ungewohnte Naivität fand Scott süß an Hazel. Es drängte ihn nachzufragen: „Hast du das nicht gewusst?“

    „Nein…“, gab die Hexe verblüfft zu. „Nein, tatsächlich nicht.“ Verdutzt sah Scott sie an. Bedeutete das etwa, dass er zur Abwechslung ihr etwas erklären musste, anstatt andersherum? Wann ist das zuvor schon jemals passiert? Ist es das überhaupt? Vor Stolz über diese Errungenschaft in seinem Leben schwellte Scott selbstzufrieden die Brust.

    Hazel zeigte sich überzeugt: „Das klingt jedenfalls nach einem Plan! Was habt ihr an Silber bei euch?“

    „Häh? Na, gar nix!“ Aus welchem Grund sollte Scott oder sein Bruder bitte Silber bei sich tragen? Hielt Hazel sie für die übereinandergestapelten sieben Zwerge auf dem Rückweg von ihrer Silbermine, oder was?

    „Und woher sollen wir dann auf die Schnelle Silber herbekommen? Um diese Uhrzeit hat kein Juwelier mehr geöffnet.“ Die Hexe belegte Colin und ihn mit einem strengen Blick. „Und die Idee, irgendein Schaufenster einzuschlagen, schlagt ihr euch besser aus dem Kopf.“

    Pff, ein Schaufenster einschlagen. Was dachte sie denn von ihnen? Nein, diese Methode blieb lediglich Notfallplan B. „Die Silberkette unserer Mutter“, offenbarte Scott die offensichtliche Lösung für ihr Beschaffungsproblem.

    „Ich denke, sie und dein Vater sind verreist?“

    „Sind sie. Aber Abby weiß, wo Mama ihren Schmuck hortet. Manchmal trägt sie ihn auch selbst.“

    Skeptisch schob Hazel eine Zwischenfrage ein: „Abby trägt Silberschmuck, obwohl er sie einschränkt?“

    „Bleibt ja trotzdem Schmuck“, bemerkte Colin daraufhin beiläufig. „Außerdem hat's seinen Nutzen. Gibt zum Beispiel unter den Politikern Wolfpolys. Die benutzen Silber, um während einer hitzigen Debatte die Selbstkontrolle zu behalten. Kommt nämlich eher schlecht bei den Wählern an, seinen politischen Gegner zu zerfleischen. Wörtlich gesprochen.“

    Kurzerhand holte Scott sein Smartphone hervor und wählte Abbys Nummer. Es läutete einige Male, seine Schwester nahm den Anruf jedoch nicht entgegen. Also versuchte er es stattdessen bei Kolja. Der Wählrufton erklang und dann meldete sich der Bär. Damit auch die anderen das Gespräch verfolgen konnten, aktivierte Scott die Freisprechfunktion seines Telefons.

    „Scott?“

    „Kolja! Ist Abby noch bei dir?“

    Koljas Stimme schallte blechern durch den Lautsprecher. „Ja.“

    Hervorragend! „Ich muss mit ihr reden. Hol sie mal ran!“

    Doch sein Freund lehnte ab. „Sie kann nicht.“

    Wie? Was? „Warum nicht?“ War ihr etwa etwas zugestoßen??

    „Sie spielt SingStar. Sie singt gerade.“

    … Abby tat WAS?!

    „Was?!“, stießen Scott und Colin synchron ihr absolutes Unverständnis aus. Sie standen hier echten Schwierigkeiten gegenüber und ihre Schwester beschäftigte sich mit dieser Scheiße?

    Der Bärenpoly antwortete nüchtern: „Irgendeine Boyband-Interpretation von 'The Star Of The County Down'.“

    Das…das interessierte Scott doch nicht die Bohne! Für diesen Mist fehlte ihnen die Zeit! Dann eben anders: „Kolja, trägt Abby gerade Schmuck?“

    „Sie trägt…“ Scott konnte sich bildlich vorstellen, wie sich sein Freund nach Abby umsah, während diese trällernd und tanzend durch das elterliche Wohnzimmer hüpfte. „nichts.“

    „Wie, nichts?“

    „Gar nichts.“

    Stopp.

    Stopp, stopp, stopp! Was sollte das bitte bedeuten?! Abigail befand sich in Koljas Obhut und sie war… NACKT?! Schlagartig kochte Wut in Scott hoch. Seine-… seine kleine Schwester und dieser-…! Dieser Scheißkerl! Aufgebracht schnappte Scott nach Luft, um den aufsteigenden, brodelnden Emotionen in seiner Brust mehr Raum zu geben, da entriss ihm Colin bereits das Smartphone und grölte es an, als trüge das kleine Gerät die Schuld am Leid der Welt. „Du osteuropäische Einwandererseuche nimmst gefälligst deine Pranken von meiner kleinen Schwester! Wenn du auch nur ein Auge zu viel auf sie wirfst, ziehe ich dir den Pelz über die Ohren, verarbeite ihn zu einem Teppich und lass darauf vor einem falschen Kaminfeuer billige Pornos für den US-amerikanischen Markt drehen. Hast du das kapiert? Nuckle mit deinen hässlichen Greiflippen an 'nem verfickten Honigtopf rum, du überdimensionaler Aushilfs-Winnie-The-Pooh, aber lass Abby in Frieden!“

    Auf Colins Ausbruch folgte ein Augenblick der Stille. Schließlich präzisierte Kolja seine Aussage mit gewohnter Gelassenheit. „Sie trägt keinen Schmuck, will ich sagen. Angezogen ist sie.“

    Oh. Ach so. Das beschwichtigte Scotts brüderlichen Beschützerinstinkt. „Sag Abby, sie soll Mamas Silberkette suchen“, wies er Kolja an, nachdem er sich von Colin sein Telefon zurückgeben ließ. „Wir brauchen sie wegen der Rückverwandlung. Ich erkläre ihr später alles.“ Somit beendete er den Anruf.

    Colin hielt schon mal startklar den Schlüssel seines Wagens bereit. „Ich hol die Kette bei ihr ab. Mit dem Auto bin ich am schnellsten dort.“

    „Wie lang wirst du unterwegs sein?“

    „Hin und wieder zurück?“ Er prüfte die Zeit auf seiner Armbanduhr. „Es ist fast Mitternacht, die Straßen dürften frei und die Ampeln ausgestellt sein. Etwa fünfzehn Minuten, würde ich sagen.“

    Fünfzehn Minuten. Alles klar! Solange sollte Scott es schaffen, Sulley bei der Stange zu halten. „Okay, und gib Bleifuß. Sulley wird sich nicht ewig von Moi-…“

    „Finn!“

    Ein jäher Ruck durchfuhr die Gruppe, als hinter ihnen unvermittelt eine Männerstimme losdonnerte. Kollektiv wirbelten Scott und seine Freunde aufgeschreckt zu ihrer Quelle herum.

    Und mit einmal musste die Gravitation es auf Scotts Unterkiefer abgesehen haben, denn ihm klappte die Kinnlade so tief herunter, dass Scott fast den Erdboden mit seinem Bart fegen konnte. Aus der Dunkelheit schälte sich O'Rourkes vollkommen menschlicher, ganz und gar bekleideter und keineswegs verwandelter Betawolf heraus.

    Sulley.

    Sulley??




    nächster Teil

  • Guten Abend Skadi :)


  • Danke für den Kommentar, Lady ^^





    „Was läuft hier für eine Scheiße?!“, schnauzte er cholerisch. Ja, das wüsste Scott auch gern! Eben war Sulley doch… und jetzt stand er… wann... wie?? Hoffnungslos überfordert torkelte Scotts Zeigefinger zwischen dem Beta und der Finsternis hin und her, in welcher dieser vor wenigen Minuten die Flucht ergriffen hatte. „Sulley. Du bist… hier und…“, purzelte Scott die Konsternation aus dem offenstehenden Mund. „angezogen.“ Die Kleidung saß gut; sie ließ keinerlei Vermutung zu, Sulley hätte sie nach einer Rückverwandlung in aller Eile übergezogen. Und wie schaffte er es bei bester Puste zu sein? Mann, der Typ musste binnen sehr kurzer Zeit über das ganze Gelände gejagt sein, sonst stünde er jetzt unmöglich vor ihnen!

    Dem Betawolf entglitten die Gesichtszüge. Aus ihm platzte hervor: „Natürlich bin ich angezogen, du notgeiles Schwein!“ Im nächsten Moment bahnte er sich den Weg zwischen Scott und Colin hindurch, indem er sie rabiat beiseitestieß, und kniete sich neben O'Rourke. In seinen Zügen stand die aufrichtige Sorge um den Alpha geschrieben.

    „Er hat sich den Kopf verletzt“, setzte Moira Sulley ins Bild, woraufhin er bestürzt den Blick zu ihr hob. Seine Betroffenheit schwenkte hernach in Wut um.

    „Was habt ihr ihm angetan?!“

    Zu diesem Zeitpunkt schien Hazels Geduld beinahe restlos aufgezehrt. „Schenk dir dein Schauspiel, Sulley. Wir waren anwesend, als du O'Rourke angefallen hast.“

    Aber Sulley wies den Vorwurf direkt von sich. „Bist du bescheuert? Finn ist mein Freund! Wir sind wie Brüder füreinander. Ich bin extra hergefahren um sicherzugehen, dass mit ihm alles okay ist. Warum sollte ich ihn dann anfallen?!“ Während er die Hexe harsch anpflaumte, löste er Moira ab und kümmerte sich an ihrer statt darum, dem Alphawolf das Blut von der Schläfe zu tupfen.

    „Ihr habt seinetwegen Streit“, konfrontierte Hazel ihn daher mit den Fakten und deutete dabei auf Scott. „Versuch es gar nicht erst zu leugnen.“

    Verständnislos gaffte Sulley von unten zu ihr hinauf. Es passierte nicht sofort, doch schließlich fletschte er die Zähne und blaffte los: „Natürlich streiten wir manchmal. So ist das eben, wenn man viel Zeit miteinander verbringt. Is' nich' immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber deswegen schmeiße ich doch nicht meine Freundschaft mit ihm weg! Und erst recht nicht wegen so einem Wichser wie deinem Stecher.“

    Hazel glaubte ihm kein Wort. „Wenn dem so ist, was hast du dann mit meiner Rezeptur angestellt?“

    „Häh? Was?“

    Seine Reaktion veranlasste die Hexe, nervlich strapaziert einen tiefen, deutlich hörbaren Atemzug zu nehmen. „Ich habe wirklich keine Lust mehr auf diese Spielchen. Ich rede von der Rezeptur aus meinem Notizbuch, das du während des Einbruchs ins Tír na nÓg aus der Kasse gestohlen hast.“

    „Kannst du mich endlich mal mit deinem Scheißbuch in Ruhe lassen?“, knurrte Sulley seine Replik mindestens gleichermaßen genervt. „Du gehst mir damit echt auf die Nüsse! Außerdem habe ich die Kasse nicht geknackt, du Klugscheißerin.“

    „Ach.“

    „Hab ich nicht! Hör mal zu, Schnalle! Bevor ich überhaupt daran denken konnte, hat dieser Penner Donnelly schon mit seinen Drecksgriffeln rein gelangt. Ich hab dem Hurensohn erst mal dran erinnert, wer von uns in der Rangfolge zuerst fressen darf.“

    „So so, demnach soll deiner Meinung nach Donnelly mein Buch geklaut und die Rezeptur benutzt haben, um O'Rourke fertigzumachen. Das ergibt ja sehr viel Sinn. Die Schuld auf ihn abzuschieben, das ist echt arm!“

    „Mir ist so was von scheißegal, was du denkst. Ich versteh nämlich sowieso keinen Pieps von der Grütze, die du da zusammenseierst! Labert die Alte immer solche gequirlte Kacke?“ Die letzte Frage richtete Sulley an Scott. Ehe dieser allerdings darauf antworten konnte, seiner Freundin in der Regel genauso wenig folgen zu können, wurde er von Colin abgelenkt. Misstrauisch taxierte sein Bruder die Umgebung und machte Scott auf einen bedeutsamen Umstand aufmerksam. „Scott, es stinkt hier noch.“

    Und wie es das tat. Eigentlich hätte sich die aufdringliche Fährte eines transformierten Wolfpolymorphes nach Sulleys Rückverwandlung verflüchtigen müssen, trotzdem belästigte sie Scotts Geruchssinn unaufhörlich mit der dreisten Penetranz einer vollständigen Abschlussklasse neuausgebildeter, übermotivierter Meinungsforscher aus einem Callcenter für irgendwelche Kundenumfragen. Jemand gab diese Ausdünstungen von sich und unter keinen Umständen bildete Sulley den Ausgangspunkt des Gestanks. So wenig Scott den Betawolf auch ausstehen konnte, nötigte es ihn zu der Erkenntnis: „Er war's nicht. Hier rennt noch ein Wolf herum.“

    „Ihr kauft ihm doch nicht etwa allen Ernstes ab, dass Donnelly hinter der Sache steckt?“, zweifelte Hazel an Scott und Colin, als ob der Gedanke, der Omega sei in den Angriff involviert, absurd wäre. Für sie stand fraglos Sulley als der Schuldige fest. „Donnelly hat uns immerhin geholfen. Ohne ihn hätte ich mein Bullet Journal nie zurückbekommen! Hätte er uns nicht verraten, dass es im Bahnhof-... .“ Sie verstummte. Etwas ging in ihrem Kopf vor sich, das erkannte Scott selbst im diffusen Taschenlampenlicht. Was immer es war – es löste ein Umdenken bei Hazel aus. Verdattert gab sie zu: „Er... er kommt tatsächlich in Frage.“

    Sicher kam er das. Prinzipiell tat das jeder x-Beliebige. Weil: „Du bist eine Hexe, Süße. Hexen haben keine Magie, also kann Hinz und Kunz dein Gebräu nachkochen. Auch Donnelly“, erklärte Scott der Hexe, was eine Hexe ausmachte. Im Gegenzug traf ihn ihr missbilligender Blick.

    „Ernsthaft, Scott?“

    Was denn? War doch so!

    In diesem Augenblick erwachten die Lebensgeister in O'Rourke aus ihrem unfreiwilligen Schläfchen. Oder besser gesagt: sie bemühten sich darum. Ein kraftloses Stöhnen drang aus seiner Kehle und die Augenlider flatterten schwächlich. „Er sollte ins Krankenhaus gebracht werden, damit sich jemand um seine Verletzung kümmert“, riet Moira Sulley. Der Betawolf sah daraufhin in die Runde. Er knirschte mit den Zähnen, aber um der Gesundheit seines Freundes wegen fügte er sich. Eventuell wollte er auch einfach keinen Ärger mit Scott, Colin und Moira gleichzeitig riskieren. So viel Dummheit brachte selbst sein Ego niemals zustande.

    „Ich werde eine Erklärung von dir bekommen, Fitzpatrick!“ Mit diesem Versprechen stand Sulley auf und hievte seinen Alphawolf über die Schulter. Benommen setzte O'Rourke einen mechanischen Schritt nach dem nächsten, bis die Männer schlussendlich in der Nacht verschwanden.

    Das machte zwei Wölfe weniger auf dem Gelände. Blieb nach Scotts Rechnung nur noch einer, den sie loswerden mussten. „Okay, anderer Wolf – selber Plan!“, ergriff er die Initiative. Auffordernd schlug er die Hände ineinander. „Leg dich in die Spur, Colin.“

    „Ich fahre mit. Dann kannst du den Motor laufen lassen, während ich schnell rausspringe und die Kette hole“, beschloss Moira, was Colin mit einem Nicken akzeptierte.

    „Ich werde hierbleiben, falls wir kommunizieren müssen.“ Demonstrativ zog Hazel ihr Smartphone hervor. „Schreibt mir eine Nachricht, sollte euch etwas aufhalten.“

    „Los jetzt!“, gab Scott den Befehl zum Aufbruch und sein Bruder flitzte, Moira dicht auf den Fersen, zum Auto. Scott für seinen Teil steifte seinen Rucksack von den Schultern und drückte ihn der perplexen Hazel in die Hände. „Hier, halt das mal für mich.“




    nächster Teil

  • Guten Morgen Skadi



    LG

  • Hazel


    „Was hast du vor?“, fragte Hazel, während sie Scott dabei zusah, wie er seine Schnürsenkel löste und im Anschluss erst den linken, dann den rechten Schuh von den Füßen schleuderte.

    „Was wohl? Ich knöpfe mir Donnelly vor.“

    Was? Nein! Dass das eine selten dumme Idee war, hatten sie doch die letzten Minuten hinreichen durchgekaut! Wozu düste Colin denn im Rallye-Gang durch die halbe Stadt?? „Scott, nein, bitte! Mach das nicht!“ Donnelly würde ihn auseinandernehmen!

    Aber Scott ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, egal wie sehr Hazel ihn darum bat. Er erklärte: „Moira ist weg, also wird Donnelly sowieso aus seinem Loch gekrochen kommen. Und ich habe keinen Bock drauf, wie O'Rourke als Fettfleck an der nächsten Wand zu enden.“ Nebenbei öffnete er den Reißverschluss seiner Jacke und schlüpfte aus den Ärmeln heraus, um danach das abgelegte Kleidungsstück an Hazel weiterzureichen. Beziehungsweise warf er es achtlos über den Rucksack, den sie für ihn gegen ihre Brust gepresst hielt. „Außerdem kann der Pisser sich reinpfeifen, was er will. Am Ende bleibt er ein feiger Omega ohne Eier in der Hose. Der Typ ist 'ne Niete! Dagegen hilft ihm auch keine Zauberformel.“ Derweil er redete, fasste Scott nach dem Saum seines Pullovers. Aus derselben flinken Bewegung heraus zog er ihn über den Kopf und Hazel beobachtete besorgt, wie sich Scotts Garderobe Lage um Lage vor ihrer Nase aufstapelte. „Ohne die Silberkette wirst du Donnelly keinesfalls beikommen“, wiederholte sie bereits mehrfach Gesagtes. Mittlerweile sollte selbst Scott das endlich begriffen haben!

    „Ich habe mehr drauf, als nur zuzubeißen. Und ich muss Donnelly auch bloß eine Viertelstunde hinhalten. Das schaffe ich problemlos. Keine Sorge, Süße.“ Scotts Hände wanderten zum Knopf seiner Hose hinab und pfriemelten daran herum. Kurz streifte Hazels Blick über seine nackte Brust, heftete sich hernach an seine Finger und mit einmal musste sich die Hexe bemühen, weder den Rucksack, noch das Smartphone in ihrer einen oder die Taschenlampe in der anderen Hand fallen zu lassen, als ihr die Hose freiweg ins Gesicht segelte. Unter dem Stoff verdunkelte sich Hazels Blickfeld vollständig. Sekunde mal! Was tat Scott da eigentlich gerade? Notdürftig bekam sie ein Hosenbein zu fassen und befreite sich vom unerwünschten Sichtschutz auf ihrem Schopf. Einige Locken fielen ihr aufgewirbelt vor die Augen. Und dann sah Hazel auf.

    Vor ihr baute sich aus den Schatten heraus die düstere Silhouette eines wilden Tieres auf. Reißzähne funkelten im Licht der Taschenlampe, Krallen wetzten den harten Fußboden. Ein kohlrabenschwarzer Pelz forderte die Nacht zu einem Konkurrenzkampf darum heraus, wer von ihnen die finsterste Schwärze trug und Hazels Sehvermögen ließ sie unmöglich den Sieger dieses Wettstreits bestimmen. Sie schluckte. Wo eben noch ihr Freund gestanden und mit ihr geredet hatte, lauerte ein monströser Wolf auf sie. Scotts Name löste sich schwach von Hazel Lippen. Die Ohren des Raubtiers zuckten daraufhin.

    Diese gelben Augen hatten sich vor gewisser Zeit schon einmal auf Hazel gerichtet und genau wie damals, jagte die unheimliche, fremdartige Farbe eiskalte Schauer über ihren Rücken. Der Wolf... Nein, Scott begann, die Hexe bedrohlich langsam zu umkreisen. Hazels Verstand verweigerte strickt zu verarbeiten, dass der fellbedeckte Wolfskörper demselben Mann gehörte, mit dem sie das Bett teilte. Eine unbestreitbare, absonderliche Beklommenheit beherrschte sie und drängte Hazel dazu, Scotts Rucksack fester zu umklammern.

    Plötzlich zwickte ihr etwas in den Hintern. Mit einem erschrockenen Quieken machte Hazel einen ordentlichen Satz nach vorn. Hatte Scott ihr eben in den Po gebissen?? Okay, alles klar! Unter diesem Pelzteppich steckte ihr Freund. Und zwar so was von! Von jetzt auf gleich verpuffte jedwedes Unbehagen, welches Scotts fremdartige Erscheinung bei Hazel verursachte. „Au!“, protestierte sie empört. Entweder täuschte es, oder die Lefzen des Wolfes verzogen sich zu einem Grinsen. Zu einem ziemlich gruseligen Grinsen, so wie Scott dabei die Zähne bleckte. Falls Hazel morgen früh mit einem blauen Fleck aufwachte, konnte der Mann was erleben! Sein Glück, dass sie gerade keine Hand frei hatte, sonst hätte Hazel ihm einen Klaps auf die Schnauze gegeben. Und... na ja, wenn sie sich nicht ausrenken müsste, um überhaupt so hoch zu reichen.

    Doch aus heiterem Himmel tauschte Scott seine verspielte Körpersprache gegen sichtbare Aggressionen aus. Er sträubte das Fell, legte die Ohren an, knurrte. Seine wütenden Raubtieraugen richteten sich auf einen Punkt außerhalb von Hazels eingeschränkten Sichtradius. Einen Atemzug später sprang er an der Hexe vorbei in die Unkenntlichkeit hinein, in der Donnelly auf der Lauer lag. „Sei vorsichtig!“, rief Hazel Scott noch nach. Dann verschmolzen die agilen Bewegungen seines Galopps mit der Nacht.

    Somit blieb die Hexe der Dunkelheit überlassen.

    So. Und jetzt? Unschlüssig stand Hazel da, die Arme vollbepackt mit Scotts persönlichen Sachen. Wie würde ihr nächster Schritt aussehen? Neben der Schwärze hüllte sie zusätzlich Stille ein; lediglich das ein oder andere unbestimmbare Geräusch schreckte gelegentlich Hazels Gemüt auf. Mh... konnte es klug sein, einsam und verlassen in der Gegend herumzustehen, wo sie doch so gut wie nichts sah? Vielleicht suchte sie sich besser ein Versteck, solange zwei gewaltbereite Wölfe die Gegend unsicher machten.

    Irgendwo in der Nähe heulte ein Wolf.

    „Jap, ich suche mir definitiv ein Versteck“, entschied Hazel und lenkte den Lichtstrahl der Taschenlampe suchend über das Areal hinweg.


    Hazel fand im Hohlraum eines der großen Betonrohre Unterschlupf, die unverbaut vom vormaligen Pächter des Grundstücks zurückgelassen wurden waren. Statt Kabel und Elektroleitungen, verbargen sie heute Nacht eine Hexe mitsamt Hab und Gut ihres Freundes, während dieser in Gestalt eines zu groß geratenen Wolfs seinesgleichen durch die Nacht jagte. Wie gut, dass Hazel ein Freak und derlei Affentanz Teil ihres Alltags war. Anderenfalls würde sie sich vorkommen, als säße sie in dem schlechten Roman irgendeiner gelangweilten Autorin in den späten Zwanzigern fest.

    Die harte Betonwölbung drückte unbequem gegen Hazels Steiß. Sie musste die Knie anwinkeln, um genügend Platz in ihrer Deckung zu finden. Sicherheitshalber hatte sie Scotts Taschenlampe ausgeschaltet und das Display ihres Smartphones auf die minimale Helligkeitsstufe eingestellt, damit das Lichtspektakel nicht Donnelly den Weg zu ihr wies, wie die Signallichter einer Flugzeuglandebahn. Das Telefon zeigte keine neuen Nachrichten an, weder von Colin, noch von Moira. Das bedeutete, es verlief alles nach Plan. Hoffte Hazel jedenfalls.

    Donnelly. Dass er hinter all dem stecken sollte, wollte Hazel um nichts in der Welt in den Kopf gehen. Schließlich war Donnelly... nun ja, Donnelly eben! Ein zurückhaltender, vor allem und jedem den Kopf einziehender, gutmütiger Kerl. Nur dank seiner Hilfe hatte Hazel ihr Bullet Journal, ihre berufliche Zukunft und ihren Traum zurück. Ohne ihn wäre sie keinen einzigen Schritt weit gekommen.

    Aber eben darin lag der Punkt. Alles was Scott und Hazel über O'Rourke, Sulley und das Bullet Journal wussten, hatte Donnelly ihnen verraten. Für ihn wäre es demnach ein Leichtes gewesen, sie dreist an der Nase herumzuführen. Er hätte ihnen alles Mögliche über das Wolfsrudel erzählen können, nachprüfen konnten sie es immerhin eh in keiner Weise. Und weshalb sollte Hazel auch die Darstellungen des Betawolfs anzweifeln? Was er über den Konflikt zwischen O'Rourke und Sulley berichtet hatte, deckte sich mit Hazels eigenen Beobachtungen und das genügte ihr, um auch alles Weitere für bare Münze zu nehmen.

    'Weil sich zu viel widersprochen hat', schimpfte Hazel sich stumm aus. Zu jener Zeit hatte sie sich keine großartigen Gedanken darum gemacht; im Nachhinein stießen ihr jedoch einige von Donnellys Aussagen auf. Woher wusste der Omega, wo O'Rourke das Bullet Journal aufbewahrte, wenn er doch Abstand zu den Besitztümern des Alpha zu halten hatte? Oder wie konnte er Details über dessen Streitigkeiten mit Sulley über die Rudelführung kennen, obwohl er selbst zugab, in solche Prozesse nie einbezogen zu werden? Trotzdem besaß er Kenntnis über den Verbleib des Bullet Journals, als er Hazel am Nachmittag direkt darauf angesprochen hatte. Er wollte nicht erfahren, ob sie es wiederhatte. Er wusste bereits, dass es so war. Und als ihn explizit die Vollständigkeit ihrer Notizen interessierte... . Auf diesem Weg versuchte er vermutlich abzuschätzen, wie viel Hazel von seinen Plänen ahnte.

    Würde die Hexe dadurch nicht ihr Versteck gefährden, hätte sie lautstark über ihre eigene Dummheit gewettert. Sogar Donnellys ausgeschlagener Zahn fügte sich so perfekt in das Gesamtbild ein, wie das runde Klötzchen in die kreisförmige Aussparung in einem Holzsteckspiel für Kleinkinder. Von sämtlichen Beteiligten profitierte er am meisten von der Rezeptur. Endlich konnte er sich dagegen zur Wehr setzen, von den anderen Rudelwölfen wie Dreck behandelt zu werden. Auf kurz oder lang musste ihm die Hutschnur wohl einfach hochgehen.

    Doch all das gab dennoch keine Erklärung für seine Gewaltbereitschaft gegenüber Colin und Scott. Keiner beiden gehörte zum Rudel, also was sollten die zwei ihm schon großartig angetan haben?

    Abermals checkte Hazel die Uhrzeit. Gerade sprang die Anzeige auf dem Display um eine Minute weiter. Neun Minuten geschafft. Blieben noch sechs weitere, ehe Colin mit der Silberkette zurückkehrte.

    … Halt. Was war das? Alarmiert horchte Hazel auf. Etwas Großes näherte sich mit dumpfen Schritten dem Betonrohr. Rechtzeitig deaktivierte die Hexe den Telefonbildschirm, als vier enorme Pfoten vor der Rohröffnung entlang schlichen. Scott? 'Donnelly', realisierte Hazel. Sofort hielt sie die Luft an und rührte sich nicht, um den tierischen Sinnen des Wolfs zu entgehen. Der Omega streifte dicht um Hazels Versteck herum. So dicht, dass sie die tiefen, forschenden Atemzüge hörte, mit denen Donnelly die Gegend nach Fährten absuchte. Es musste Donnelly sein, denn aus welchem Grund sollte Scott ihre Witterung aufnehmen?

    Andererseits, warum sollte Donnelly es? Übertrug er seinen Hader mit Scott etwa ebenso auf Hazel, weil sie miteinander eine Beziehung führten?

    Oh Gott. Daran lag es! Hazel roch nach Scott! Seine Duftmarke klebte an ihr; das hatten er und Colin eigens bestätigt. Davon ließ Donnelly sich anlocken. Er musste denken, Scott auf der Spur zu sein. Diese verflixten Wolfpolys mit ihrer blöden Orientierung über den Geruchssinn! Bis Donnelly sie hier drinnen aufspürte, würde es bloß eine Frage der Zeit sein. Und was passierte, wenn es soweit war? Was zum Henker sollte Hazel dann machen, alleingelassen in diesem doofen Rohr? Warten, bis Scott auftauchte? Auf keinen Fall wollte sie zwischen diese zwei Monsterwölfe geraten, sobald sie aufeinandertrafen. Dazu hing Hazel zu sehr an ihrer körperlichen Unversehrtheit.

    Eins stand fest: Sie wollte weg von hier. Dringend! Ihr Gehirn und ihr Bauchgefühl waren sich dahingehend einig und schrien Hazel förmlich an: 'Mach dass du da rauskommst, Mädchen!'

    Mit angespannt pochendem Herzen harrte Hazel auf eine günstige Gelegenheit, in der der Wolf ihr den Rücken zuwandte und schob sich behutsam und voller Obacht ans andere Ende des Rohrs, bestrebt, dabei so leise wie möglich zu sein und hastige Bewegungen zu vermeiden. Langsam. Ganz vorsichtig. Hinter ihr vernahm sie, wie Donnellys Fell am Beton entlang bürstete. Das Geräusch beunruhigte Hazel zusätzlich, verriet es doch, wie gefährlich nahe er sich ihr befand. Okay, kein Grund zur Panik! Immerhin hatte sie es schon an die entgegengesetzte Öffnung geschafft, ohne von ihm bemerkt zu werden. Wenn Hazel es jetzt noch zustande brachte, lautlos ihre Füße… .

    Da sprang Donnelly auf einmal hervor, schnappte mit gefletschten Zähnen nach ihr und scheuchte Hazel rücklings zurück in Deckung. Jedweder Schreckensschrei blieb ihr feige in der Kehle stecken, gleichartig der Hexe in ihrem Betonrohr.

    Doch abrupt hielt Donnelly inne. Aus den wölfischen Zügen verschwand die Feindseligkeit, stattdessen musterten seine hellgelben Augen Hazel verwirrt. Ehrlich darüber verwundert, sie anstelle von Scott aufgespürt zu haben, legte er den Kopf schief. Falls diese Geste beschwichtigend wirken sollte, ging der Effekt katastrophal flöten. Von unmenschlich gefärbten Iriden angestarrt zu werden, trug nämlich weiß Gott kein Stück zu Hazels Wohlbehagen bei! Sie schluckte schwer.

    Und dann preschte binnen ein und desselben Herzschlages Scott aus der Dunkelheit hervor.




    Nächster Teil

  • Guten Morgen Skadi :)


    Na, das sieht doch aus, als würde der Plan voll nach hinten losgehen :(


    Ich bin mal gespannt, wie das mit der Silberkette überhaupt funktioniert. Muss der Wolfpoly damit in Berührung kommen oder reicht es, wenn er in die Nähe der Kette kommt? Aber in dem Fall würde Scott sich ja auch zurückverwandeln. Was nicht schlimm ist, solange Donnelly sich auch wieder in einen Menschen verwandelt :D

    Und dann haben die beiden immer noch ihre Fäuste xD ... und Moira :D


    Hazel tut mir auch ein bisschen leid, wie sie da jetzt ins Gefecht gerät und rein gar nichts tun kann.


    Hoffen wir mal, dass die Kette rechtzeitig eintrifft :/


    LG :)

  • Guten Morgen und danke für den Kommentar ^^


    Zitat von LadyK

    Muss der Wolfpoly damit in Berührung kommen oder reicht es, wenn er in die Nähe der Kette kommt?

    Er muss das Silber berühren, das hat Scott zuvor schon mal erwähnt ^^ :

    Zitat von Skadi

    Scott bestätigte der Hexe, was er eben gesagt hatte. „Jap, Silber. Wenn wir es anfassen, zwingt das uns Wolfpolys dazu, unsere menschliche Form anzunehmen. Wir können dann nicht die Gestalt wechseln.“

  • Danke für's Aufklären Skadi ^^

    Das hatte ich so gar nicht mehr auf dem Schirm und ich habe auch nicht mehr zurück gescrollt :whistling:


    Naja. Dann bin ich gespannt, wie sie Donnelly das Halsband anlegen wollen. Oder bewerfen :D


    LG

  • Guten morgen ^^


    Zitat von LadyK

    Das hatte ich so gar nicht mehr auf dem Schirm und ich habe auch nicht mehr zurück gescrollt :whistling:

    Hmja, durch die zeitversetzte Veröffentlichung geraten leider einige Informationen in Vergessenheit :/ Ich befürchte auch, dass aus demselben Grund diverse Anspielungen überlesen werden. In einem gedruckten Buch würde man die letzten Teile vermutlich in einem Rutsch durchlesen. So liegt fast schon wieder ein Monat zwischen den beiden relevanten Textstellen.

  • Er fiel Donnelly von der Seite an, jagte ihn von Hazel weg und seine bis zum Anschlag angelegten Ohren sowie der warnend zur Schau gestellte Fang bezeugten seine Entschlossenheit, den Omega unter keinen Umständen in Hazels Nähe zu tolerieren. Oh Mann! Wirklich gut zu wissen, dass Scott seinen maßlosübertrieben ausgeprägten Beschützerinstinkt auch als Tier beibehielt, denn Hazel war zum ersten Mal aus tiefsten Herzen glücklich darüber, ihn zwischen sich und einer Bedrohung stehen zu sehen. Hoffentlich behielt er in Erinnerung, auf gar keinen Fall zuzubeißen!

    Mittlerweile hatten sich die Sinne der Hexe an die beschränkte Beleuchtung gewöhnt. Daher konnte sie aus ihrem Versteck heraus die Konfrontation der Wölfe schemenhaft beobachten. Frontal stürzte Scott auf Donnelly zu und … Tja, nun.

    Wie sich bewies, behielt Scott tatsächlich Recht mit seiner Einschätzung über Donnellys Wesen. Gegen O'Rourke hatte er den Vorteil des Überraschungsmoments in der Hand, aber nun zeigte sich der Omegawolf von Scotts Angriff gewohnt übertölpelt. Schon nach wenigen Minuten wurde er von Scott zu Boden gezwungen und winselte ob der schmerzhaften Verdrehungen, die sein Körper dabei erleiden musste. Ein Fluchtversuch? Keine Chance! Scott setzte sein ganzes Gewicht ein, ihn rabiat mit den Vorderpfoten festzunageln und bestrafte jede Gegenwehr mit einschüchternden Drohgebärden direkt in Donnellys Gesicht. Unweigerlich musste Hazel an die Situation im Garten denken, als Scott ihn schon einmal in die Finger bekommen hatte. 'Und jetzt unter die Pfoten.' Ihr wurde bewusst, wie sehr sie Zweitgestalt ihres Freunds hasste.

    Scotts nachtschwarzes Fell scheuerte gegen Donnellys grauen Pelz. Unbarmherzig kämpften die beiden Wölfe um die Oberhand; der eine, um sie zu gewinnen, der andere, um sie zu behalten. Irgendwie schaffte es der Omega, Scott eine Pfote vor die Schnauze zu schlagen. Dieser steckte den Hieb unbeeindruckt ein, verlagerte zugunsten der Balance jedoch seine Läufe. Das verschaffte Donnelly eine Gelegenheit, zu entkommen. Mit weit weniger Kraft als zuvor bei O'Rourke, trotzdem effektiv, warf er Scott ab und aus der Klemme befreit, rappelte sich Donnelly auf.

    Und wie es seine Natur von ihm verlangte, nahm er die Beine in die Hand. Alle vier zugleich. Hätte Donnelly Hazels Rezeptur mal lieber dafür verwendet, sich gegen die eigene Unzulänglichkeit zu immunisieren! Sofort hetzte Scott hinter ihm her. Ihre Treibjagd ließ die zwei Wölfe direkt auf ein Nebengebäude des Haupthauses zuhalten – ehemalige Garagen für LKW, mutmaßte Hazel anhand der Ausmaße, denn außer einem Höhenunterschied zwischen den aneinandergrenzenden Bauten erkannte die Hexe keinen Deut mehr als schwarz verhangene Klötze. Ungebremst hielt Donnelly auf die Fassade zu. Was zum Teufel tat er da? So lief er doch direkt in eine Sackgasse.

    Wenige Meter vor dem Bauwerk stieß sich Donnelly plötzlich mit den Hinterpfoten ab. Er machte einen Satz auf ein altes Gerüst, welches stehen gelassen sein Dasein fristete, und von dort aus auf das Dach der Garage?! Wie-...? Was-...? Die Schatten mussten mit Hazels Sehnerven ein Seilspringen veranstalten! Das waren mindestens sechs Meter, die der Omega eben einfach so überwunden hatte! Unter der Erschütterung durch den schweren Wolfskörper brach das Gerüst laut rumpelnd und scheppernd zusammen. Scott wich dem Geröll mühelos aus und wagte den Sprung nach oben. Ohne das Gerüst als Zwischenetage kam er allerdings unmöglich hoch genug. Er schaffte es lediglich, nach Donnellys Lauf zu schnappen, bevor dieser sich der Reichweite und somit auch Hazels Blick entzog. Sichtlich frustriert presste Scott die Vorderpfoten gegen die Fassade und knurrte dem Omega wütend nach. Das Bild rief in Hazel automatisch den Vergleich mit einem Hund in den Sinn, der erfolgreich eine Katze in die Äste des nächstgelegenen Baumes gescheucht hatte und jetzt darüber kläffte, ihr nicht weiter nachsetzen zu können.

    Scott fiel zurück auf seine Pfoten, hastete sodann in eine wahllose Richtung davon und schlug im Lauf einen Bogen ein, der ihn retour zu den Garagen führte. Nahm er Anlauf? Das sollte wohl ein Scherz sein. Das ging doch schief! Wie vor wenigen Augenblicken sprang Scott unmittelbar vor den Garagen ab. Niemals würde er das Dach-... Hazel klappte den Mund zu. Auf halber Strecke stemmte Scott die Hinterläufe gegen die Wand, drückte sich kraftvoll empor und schob dank des zusätzlichen Schwungs seinen ganzen vorderen Rumpf über die Oberkante zum Dach, unterdessen er unter erneuten Zuhilfenahme der hinteren Pfoten vollständig aufwärts kraxelte.

    Weg war er.

    Schon wieder.

    Weil die Wölfe ihre Fehde nunmehr auf eine höhere räumliche Ebene verlagert hatten, traute sich Hazel aus ihrem Versteck hervor und gaffte die Garagen an, auf die Scott und Donnelly mal eben so verschwunden waren. Überfordert warf sie die Hände in die Luft. Na hervorragend, dass Scotts Trick zum Überwinden von lächerlich hohen Hindernissen für ihn offensichtlich auch als Vierbeiner funktionierte. Selbstverständlich tat es das! Was auch sonst?!

    „Hazel!“, hörte die Hexe Moira nach ihr rufen. Das verwackelte Licht ihres Smartphones leuchtete der Banshee den Weg aus, den ihre Füße in aller Eile zurücklegten. Außer Luft und Leben kam sie vor Hazel zum Stehen. Überpünktlich! Besser, Hazel vergeudete keinen Gedanken daran, wie viele Verkehrsregeln Colin gebrochen hatte, um seine eigene Zeitangabe zu unterbieten.

    Vom Sprint überreizt, rasselte Moiras Lunge. „Wir haben die Kette. Wo ist Scott?“

    Als fühlte sich die Nacht zur Antwort berufen, erklang über den Köpfen der Frauen der jaulende Katzenjammer sich verbiegenden Metalls. Dann krachten irgendwelche Teile herab. Aufgeschreckt hoben Hazel und Moira ihre Aufmerksamkeit daraufhin zum Dach des Hauptgebäudes, wo sich ihnen ein beunruhigendes Schattenspiel darbot. Die Hauptdarsteller: zwei übergroße Wölfe. Jetzt mussten die Kerle endgültig den letzten Rest Verstand verloren haben. Dort oben?! Sind die irre?!

    „Wie sind die nur da hochgekommen?!“, japste Moira schockiert. Vor ihrem geistigen Auge sah sie vermutlich bereits einen der Männer stürzen und sich den Hals brechen. Eine Erklärung gab Hazel ihr nicht, doch zumindest was Scott anging, musste sie ihre Vorstellungskraft kaum bemühen. Seine Demonstration von eben hinterließ dafür keinerlei Notwendigkeit.

    Es wurde wirklich allerhöchste Zeit, einen Schlussstrich unter diese Episode zu ziehen. Also traf Hazel ihre Entscheidung. „Ich bringe die Kette zu Scott.“ Ihre bestimmende Tonlage erlaubte keine Einwände und so übergab Moira Hazel anstandslos die Silberkette von Scotts Mutter. Ein letztes Mal sah die Hexe zu den Wölfen hoch. Danach rannte sie los.


    Zur Rückseite des Gebäudes, die Feuerleiter hinauf und bis aufs Dach empor - Hazel erklomm die Sprossen, indes ihr Scotts Warnung von damals wieder und wieder gleich einem Echo durch den Schädel hallte. 'Wenn du dort runterfällst, war es das mit deinem Genick', 'Wenn du dort runterfällst, war es das mit deinem Genick', 'Wenn du dort runterfällst, war es das mit deinem Genick'. Super. Solche Sorgen fehlten ihr noch, wo sie eh schon kurz davorstand, in den Kampf zweier Monster einzugreifen. Von der Feuerleiter stieg Hazel auf das Flachdach und befand sich infolgedessen mitten im Geschehen.

    Indem Donnelly bis zum höchsten Punkt auf dem Gelände geflohen war, hatte er sich dadurch selbst jeglicher Fluchtwege beraubt und musste in die Offensive gehen. Aber seine Bisse verliefen wirkungslos ins Leere, weil Scott aufgrund seiner dubiosen Expertise in Sachen Schlägereien vor jeden einzelnen auszuweichen wusste. Auf Anhieb erfasste Hazel, was vorhin das erbärmlich hohle Jaulen von sich gegeben hatte: Etwas verdammt Schweres hatte das Geländer des Dachs drastisch nach Außen gebogen und an manchen Stellen sogar die Verankerungen aus dem Mauerwerk gerissen. Worin dieses Etwas bestand, erfuhr Hazel noch in derselben Sekunde, obwohl ihr der Anblick lieber erspart geblieben wäre.

    Scott schoss plötzlich alle Warnungen in den Wind und ging Donnelly an die Kehle. Durch den Biss aktiviert, entfalteten die Amphetamine in dessen Kreislauf auf der Stelle ihre Wirkung und der Omegawolf wehrte Scott durch einen mächtigen Tritt mit den Hinterläufen ab. Hazel musste mitansehen, wie er über das Dach hinweg schlitterte, ehe das demolierte Geländer ihn endlich auffing. Doch wegen der Wucht seines Aufschlags und seiner Masse gab die Konstruktion endgültig nach. Sie krümmte sich verheerend weiter und quietschte dabei markerschütternd. Schrauben sowie Nieten verloren den Halt, sprangen aus ihren Scharnieren. Unter Scotts Pfoten öffnete sich der Abgrund wie ein hungriger, finsterer Schlund. Beinahe blieb Hazel das Herz stehen, als ihr Freund verschluckt zu werden drohte, sich aber Gott sei Dank auf festen Grund rettete und sogleich wieder auf Donnelly losging.

    Entschlossen hielt Hazel die Silberkette bereit. Ihr blieb ein einziger Versuch, Donnelly das Schmuckstück überzuwerfen und ihn zu einer Rückverwandlung zu zwingen. Es musste gelingen! Prima, echt. Weil ausgerechnet Hazel für derartige sportliche Einlagen die richtige Person war. Hätte sie diese Aufgabe besser Colin überlassen. Oder zumindest irgendjemanden, dem nicht sämtliche Sportlehrer schriftlich bescheinigt hatten, ein hoffnungsloser Fall zu sein. Sie fühlte sich ja kein bisschen unter Leistungsdruck gestellt!

    Gerade duckte sich Donnelly unter Scott weg und senkte deswegen den Kopf auf eine für Hazel erreichbare Höhe. Jetzt oder nie! Sie rannte näher heran, holte aus und warf. Das Silber entglitt ihren Fingern, flog dem Omegawolf entgegen und... . Und verfing sich an dessen Ohr. Geschafft! Hazel hatte ihn getroffen! Gäbe es keinen ungünstigeren Zeitpunkt, hätte die Hexe übermütig ihren eigenen Erfolg gefeiert.

    Postwendend setzte die Transformation ein und innerhalb weniger Augenaufschläge stand ein menschlicher, nackter Donnelly vor Scott und Hazel, der verwirrt die eigenen Hände mit ihren fünf beweglichen Fingern beglotzte.

  • Während der Verwandlung war ihm die Silberkette über den Kopf gerutscht und um seinen Hals hängen geblieben.

    „Donnelly, was soll der Unfug?“, fuhr Hazel ihn an. Da der Omega nicht länger als Raubtier vor ihr stand, fand sie ihre große Klappe wieder. „Bist du völlig übergeschnappt, meine Rezeptur so zu missbrauchen?“

    Er kläffte wirsch: „Sei still! Ich lasse mich nicht verurteilen! Du hast keine Vorstellung wie es ist, wenn dich jeder wie Dreck behandelt und du nichts dagegen tun kannst. Seit Jahren muss ich den Fußabtreter für diese minderbemittelten Idioten aus dem Rudel spielen und ich habe es satt! Das ist so ungerecht! Jetzt erkämpfe ich mir meinen rechtmäßigen Platz!“

    Demnach lag Hazel mit ihrer Ahnung über Donnellys Motivation richtig. Auf einer empathischen Ebene konnte sie sie sogar nachvollziehen. Das blaue Auge, die aufgeplatzte Lippe... Kein fühlendes Wesen verdiente, geschweige denn vertrug eine solche Behandlung. Trotzdem: „Indem du unfaire Mittel benutzt? Das macht dich kein Stück besser!“

    „Verdammt, O'Rourke und Sulley wollten es doch so.“ Donnelly knurrte in Scotts Richtung. „Ich habe den beiden den Penner da praktisch auf dem Silbertablett serviert, um endlich meinen Wert zu beweisen. Und hat es sie beeindruckt? Nein! Weil man für diese Schwachköpfe nur was taugt, wenn man anderen die Zähne ausschlägt.“

    Silbertablett? Augenblick, worauf spielte Donnelly damit an? In Hazels Hirnwindungen ratterte es und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Der Hinterhalt am Bahnhof! Der, den Hazel so bereitwillig O'Rourke in die Schuhe geschoben hatte. „Soll das heißen, O'Rourke wusste von dir, dass wir uns im Bahnhof aufhalten?“

    „Selbstverständlich“, gab der Omega freiweg zu. „Meinen Köder habt ihr ja bereitwillig geschluckt. Ich musste nur warten, bis ihr auftaucht.“

    Und mit einem Anruf an Sulley hatte er die Falle zuschnappen lassen. Von wegen Opferrolle! Wie konnte Hazel bloß mit ihrer Einschätzung über Donnellys Charakter so danebenliegen? Fassungslos warf sie ihm vor: „Du hast uns verkauft. Und ich dachte, du wolltest mir helfen.“

    „Das wollte ich auch, ehrlich“, beteuerte er. Als ob Hazel ihm jetzt noch glauben würde! „Ich habe mich bemüht, dich aus der Sache rauszuhalten. Du solltest nicht mal in seiner Nähe sein. Aber du und Fitzpatrick, ihr zwei seid ja so verdammt unzertrennlich!“

    Bildete Hazel es sich ein, oder schwang Frustration in seiner Stimme mit? Sei es drum. Ihm zufolge ging es hierbei also niemals um Scott als Person; für Donnelly diente er lediglich als Mittel zum Zweck, um vor O'Rourke zu glänzen. Aber wenn es so war, warum griff er ihn dann an? Und Colin? „Und Scott und sein Bruder? Was haben sie dir getan?“

    „Sie sind Wölfe! Denkst du, ich begnüge mich mit diesem Sauhaufen von einem Rudel, wenn ich der Position bin, die ganze Stadt zu dominieren?“ Okay, addierten sie zur Rachsucht zusätzlich noch Größenwahn und Machtgier hinzu. Großartige Kombination! Offensichtlich hatte Donnelly das Rundschreiben verpasst, dass man Respekt in keinem Fall durch eine diktatorische Gewaltherrschaft verdiente. Sein Plan war grundlegend bescheuert! „Nachdem ich endlich Ordnung ins Rudel gebracht habe, nehme ich mir Fitzpatrick und seine Brüder vor, seinen Vater und wenn ich mit ihnen fertig bin, werde ich Abigail-... .“

    Der Satz blieb unvollendet. Indem er seine Schwester erwähnte, überschritt er für Scott eine Grenze und wütend sprang der Wolf auf Donnelly zu. „Scott, Nein!“, befahl Hazel ihm streng. Unverzüglich stoppte Scott, doch Donnellys Reflexe eines unterwürfigen Omegawolfs schlugen bereits an. Aufgescheucht hetzte er blindlings vor Scott in Deckung, gefährlich nah an das ungeschützte Ende des Dachs heran, dort, wo eben Scotts Gewicht das Geländer entschärft hatte. Erschrocken warnte Hazel ihn vor der Klippe unmittelbar zu seinen Füßen: „Pass auf, hinter dir!“

    Ihre Warnung kam zu spät.

    Ob über eine Unebenheit oder über das eigene Unvermögen – Donnelly stolperte und stieß mit den Fersen gegen den leeren Sockel des zerstörten Geländers. Sofort eilte Hazel ihm zur Hilfe, als er über die klaffende Schlucht hinweg gebeugt mit rudernden Gliedern um sein Gleichgewicht kämpfte. Ehe sie Donnelly erreichte, verlor er den Halt. Er stürzte über den Rand des Daches hinweg und knallte mit dem Oberkörper auf die verbogene Metallumzäunung. Im allerletzten Moment gelang es ihm, sich daran festzukrallen, zugleich sich unter seinen strampelnden Beinen die schwindelerregende Tiefe der Häuserkluft auftat und hungrig danach gierte, ihn mit Haut und Haar zu verschlingen.

    „Halt dich fest, ich helfe dir!“, rief Hazel ihm zu und lehnte sich weit nach vorn, um den Omega irgendwie greifen zu können. Verzweifelt brachte Donnelly seine verbleibenden Kraftreserven auf, sich hochzuziehen und nach Hazels rettenden Fingern zu fassen, bevor die Schwerkraft ihr zuvorkommen und den Omega mit ihren Klauen in eine tödliche Umarmung reißen würde. Wenige Zentimeter trennten ihre Hände voneinander. Verdammt! Hazels Arm war zu kurz! Jetzt musste Hazel wahrhaft den Verstand verloren haben, schlug ihre Vernunft Alarm. Um Donnelly zu retten, kroch die Hexe auf das Geländer. Die überstrapazierten Streben unter ihren Knien protestierten kläglich heulend gegen die Last der zwei ausgewachsenen Personen. Es fehlte doch bloß noch ein kleines Stück! Gleich hatten sie es geschafft! Gleich! Sie streckte sich Donnelly entgegen.

    Dann passiert es. Mit einem abrupten Ruck abwärts erlag das Geländer der Belastung. Entsetzt musste Hazel erkennen, wie die plötzliche Erschütterung Donnelly jeden Griffs beraubte und seinen Körper wie nichtigen, ungewollten Ballast abwarf. „Nicht!“, stieß Hazel ihre Hilflosigkeit hervor, aber der Abgrund ließ sich nicht erweichen. Schreiend stürzte Donnelly hinab. Und verstummte schlagartig.

    Hazel blieb keine Gelegenheit, Bestürzung zu empfinden. Erneut bebte das Geländer und auf einmal entzog sich ihr der Untergrund. Panisch versuchte die Hexe sich festzuhalten, griff nach etwas – irgendetwas – woran sie ihr Leben fesseln konnte. Egal woran! Jedoch fanden ihre Hände bloß illoyale Leere, ihre Finger wirkungslose Luft. Sie spürte den freien Fall einsetzen und-... .

    Der alles beendende Aufprall blieb aus. Stattdessen bohrten sich brennende Schmerzen in ihren Arm und eine feuchte Hitze umhüllte ihre Haut. Zu ihren Füßen gähnte die finstere Tiefe. Anteilslos. Desinteressiert. Verwirrt wagte Hazel es, ihren Blick ab- und auf den Ursprung ihrer Marter zuwenden.

    Gelbe Augen, schwarzer Pelz.

    Scott!

    So vorsichtig wie es seine Motorik erlaubte, hielt der Wolf Hazels Schulter mit seinem Fang gepackt. Oh Gott, er hatte sie aufgefangen! Er-… ! Am liebsten hätte Hazel an Ort und Stelle vor Erleichterung losgeheult. Hastig klammerte sich die Hexe mit ihrem verbleibenden Arm an Scott fest.

    Trotz aller Behutsamkeit schnitten Scotts scharfe Zähne ihr ins Fleisch, während er Hazel in Sicherheit hob. Tapfer ertrug sie den Biss und schließlich berührten ihre Schuhsohlen das Dach. Alsdann fühlte Hazel unter ihren Fingerspitzen nackte Haut das Fell ersetzen. Gleich darauf strichen ihr zwei Hände tröstend über den Rücken.

    „Scott“, wisperte Hazel in die Halsbeuge ihres Freunds. Er atmete abgehetzt.

    „Ja?“

    „Donnelly ist...“

    Ein Augenblick verging, ehe er ihr antwortete: „Ich weiß. Es ist vorbei.“

    „Scott?“

    „Hm?“

    So was. Jetzt bedankte Hazel sich schon wieder bei ihm, ihr aus der Patsche geholfen zu haben. Langsam sollten sie beide wirklich darauf achten, keine Gewohnheit daraus entstehen zu lassen. „Danke. Für deine Hilfe, meine ich.“

    „Nicht dafür, Süße.“ Scotts Umarmung wurde intensiver. „Nicht dafür.“



    nächster Teil

  • Bildete Hazel es sich ein, oder schwang Frustration in seiner Stimme mit? Sei es drum. Ihm zufolge ging es hierbei also niemals um Scott als Person;

    ... Hm ... Wenn sich Hazel die Frustration in seiner Stimme nicht eingebildet, dann ging es wahrscheinlich auch um Scotts Person, wenn auch nicht nur XD

    „Nicht dafür, Süße.“ Scotts Umarmung wurde intensiver. „Nicht dafür.“

    Ekelhaft! Immer diese Romantik! *schmilzt innerlich*


    Ein wenig tut Donnelly mir ja leid. Verstehen kann man ihn schon, auch wenn ihn sein Gehabe und seine Pläne nicht besser gemacht haben. Das Ende ... passt zu einem Omega, aber irgendwie hätte ich mir für ihn etwas anderes erhofft.
    Anyway ... :) Es ist vorbei :) Und ich hoffe, Hazels Schulter nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen :panik:

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Guten Morgen ^^

    ... Hm ... Wenn sich Hazel die Frustration in seiner Stimme nicht eingebildet, dann ging es wahrscheinlich auch um Scotts Person, wenn auch nicht nur XD

    Gut möglich. Für eine außenstehende, oberflächliche Bekanntschaft ist es ziemlich einfach, Scott nicht zu mögen. Ist wie mit Sulley, der ist in meinem Kopf auch ein engagiertes Organisationstalent, aber weil man davon nichts mitbekommt, bleibt er eben... naja xD Sulley halt.

    Ekelhaft! Immer diese Romantik! *schmilzt innerlich*

    Ja, ich weiß auch nicht, wieso ich immer wieder auf den Trichter komme, in eine Romantasygeschichte Romantik einzubauen. Ich sollte das Schreiben sein lassen :pflaster:


    Und ich hoffe, Hazels Schulter nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen

    Nächsten Dienstag werden wir es erfahren. Und dann war's das :panik:


    Danke für den Kommentar, Miri ^^

  • Oh je. Armer Donnelly :(

    Naja. Auch irgendwie selbst schuld, wenn der sowas macht. Als Omega muss ihm doch klar sein, dass er ganz unten steht. Selbst wenn er Scott und Co den anderen auf dem Silberteller präsentiert hat, ändert das erstmal nichts an der Rangfolge :huh:


    Den Kampf hast du übrigens sehr gut beschrieben :thumbup:


    Nun denn. Es ist vorbei und hoffentlich können die Rudel ihr Kriegsbeil endlich begraben und sich in Ruhe lassen. Ich bin gespannt, was du dir für den Abschluss dieser Episode überlegt hast :)


    LG

  • Danke für deinen Kommentar, LadyK ^^

    Den Kampf hast du übrigens sehr gut beschrieben

    Danke schön! Actionszenen gehören zu meinen Schwächen. Ich muss mich an solchen Stellen immer bemühen, vor lauter Beschreibungen, wer was tut, nicht in monotone Abhandlungen zu verfallen.


    Ich bin gespannt, was du dir für den Abschluss dieser Episode überlegt hast :)

    :panik: Bald wissen wir es!

  • Miri


    Achso ^^ Dass Donnelly für sie schwärmt, hab ich eigentlich nicht vorgesehen. Donnellys Interesse geht (ging :hmm: ) in Abbys Richtung. Ich dachte, das würde man daran merken, weil ja erwähnt wurde, dass er mal bei ihr gespannt hat und zuletzt explizite Pläne hatte, was er mit ihr anstellen wird.

    Letztendlich ist das aber auch nicht wirklich wichtig für die Handlung oder seine Motivation ^^